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Romeo und ... Julian? Teil 1 bis 3

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- Liebe ist der Versuch der Natur, den Verstand aus dem Weg zu räumen. -
Thomas Niederreuther (*1909), dt. Aphoristiker u. Schriftsteller
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Kapitel I – Schicksalhafte Begegnung?
  
Beep! ...Beep! ...Beep! ...Beebeep! ...Beebeep! ...Beebeep! – Klick!  
Julian seufzte leise und zog mit einem mürrischen Laut den ausgestreckten Arm wieder unter die Daunendecke. Er drehte sich auf die andere Seite – weg von dem störenden Wecker und einer Uhrzeit, die ihm sagte, dass er aufstehen müsse, wollte er nicht den ersten Schultag nach den Herbstferien verpassen – und kuschelte sich tiefer in sein flaumiges Kissen.  
Er hatte noch keine Lust, sich von dem warmen Bett zu trennen und sich der Kälte der Wohnung auszusetzen. Allein wenn er nur daran dachte, liefen unangenehme Schauer über seinen Körper.
 
Obwohl er sich am vorigen Abend früh schlafen gelegt hatte, war er noch immer müde. Die verlockende Trägheit griff erneut nach seinen Gliedern und ließ ihn langsam aber sicher zurück in die schwarzbunte Welt zwischen Traum und Wirklichkeit gleiten. Nur dämmrig nahm er seine Umgebung war, hielt seine Augen geschlossen. Sein Atem beruhigte sich, seine Haltung war entspannt. Er wusste, wenn er seiner Schläfrigkeit jetzt nachgab, würde er eine Menge Ärger damit heraufbeschwören, aber um der Wahrheit die Ehre zu erweisen, hatte das im Moment nur äußerst geringen moralischen Einfluss auf ihn. Davon abgesehen trug die wohlige Temperatur des Bettdecks, das ihn umhüllte, auch nicht gerade dazu bei, in ihm den Wunsch nach morgendlicher Ertüchtigung zu wecken. Im Gegenteil.
 
Eine einzelne Strähne seines langen, blonden Haares kitzelte ihn am Ohr. Mit einem erneuten Murren wischte er sie beiseite.
 
Er wollte noch nicht wieder zur Schule, in die dreizehnte Klasse.
 
Er wollte nur eines: Einfach wieder einschlummern...
 
„Julian!“  
Das heftige Klopfen seiner Mutter an der Zimmertür und ihr scharfer Tonfall ließen ihn erschrocken zusammenfahren. Ihre Stimme klang durch das Holz sehr gedämpft, trotzdem empfand der junge Mann sie in diesem Augenblick als geradezu unerträglich laut.
 
„Steh auf, Julian! Du musst zur Schule!“  
Noch einmal dieses grässliche Klopfen, diesmal energischer.
 
„Julian! Hörst du nicht? Julian!!“  
Dieser knurrte missmutig und schob die Decke ein Stück weit von sich.
 
„Ich weiß es doch, verdammt!“, rief er genervt in den Raum. „Ich komme gleich...“  
Einen Moment wurde es still vor seinem Zimmer, dann hörte er, wie sich die Frau mit raschen Schritten entfernte und irgendwo in der Wohnung verschwand – wahrscheinlich um Frühstück zu machen. Wie jeden Morgen.  
Julian seufzte abermals und drehte sich wieder auf seinen Rücken. Was für eine grauenhafte Art, den Tag zu beginnen. Aber anscheinend half es ja nichts. Er musste sich wohl doch erheben, auch wenn er mit Sicherheit zu allem anderen Lust hatte außer aufzustehen.
 
Mit einem unwilligen Brummen schlug er seine Decke zurück und setzte sich auf. Sofort überzog eine Gänsehaut seinen schmalen Körper und ließ ihn frösteln. Er erschauerte und war versucht, sich wieder in die gerade verlassene Wärme zu hüllen, doch er besann sich eines Besseren. Wenn er das jetzt tat, hatte er in spätestens fünf Minuten eine wilde Furie auf dem Hals, darauf konnte er wetten – und gut verzichten!  
Er zerrte sein weißes T-Shirt, das ihm während der Nacht fast bis zur Brust hochgerutscht war, wieder hinab über seinen flachen Bauch, schwang die langen Beine aus dem Bett und stemmte sich schließlich hoch.
 
Er streckte sich ausgiebig und bog dabei kräftig das Kreuz durch.
 
„Aah!“, machte er gedehnt. „Schule explodier, ich hab keine Lust...“  
Der Junge ließ die Arme sinken, kratzte sich im Nacken und taperte schwankend hinüber zu den beiden Fenstern an der Ostseite des Raumes, deren Rollläden das Zimmer im Moment noch in fast gänzliche Dunkelheit tauchten. Vorsichtig, um nicht gegen seinen Schreibtisch zu stoßen, näherte er sich selbigem, griff darüber hinweg und tastete an der Wand nach den beiden Bändern zum Hochziehen der Jalousien. Er erwischte sie mit den Fingerkuppen, packte sie und zog sie mit einem kräftigen Ruck nach unten.
 
Warmer Sonnenschein drang durch die Zwischenräume der Rollladenglieder und erfüllte den Raum mit einem freundlichen, milden Licht. Julians Haut begann leicht zu prickeln und die feinen Härchen auf seinen Unterarmen stellten sich bei dem erneuten Schauer auf, der ihm diesmal wohlig über den Rücken lief. Bei dem Anblick, der sich ihm dort draußen bot, wurde seine Laune fast schlagartig besser.
 
Ein wirklich wundervoller Sonnenaufgang kündigte den neuen Tag an. Er zog die Jalousien vollständig auf, öffnete das rechte Fenster und sog tief die frische Morgenluft in seine Lungen. Der gesamte Himmel war überzogen von einem Farbenspiel aus hellem Blau und zartem Rosa, das durchzogen von blassweißen Wolkenfetzen einen atemberaubenden Kontrast zu den dunkelgrünen Kiefern des kleinen Wäldchens bildete, das hinter dem Hochhaus, in dem er wohnte, an die Stadt anschloss. Unter ihm breitete sich parallel dazu ein wahres Meer aus Rot, Braun und Gold aus, dessen Bestandteile seicht von den unzähligen Laubbäumen rieselten, die ihrerseits das Wäldchen säumten.
 
Honigfarbene Blätter glitten vom Wind getragen durch die Luft und erinnerten in ihrer Vielzahl an einen zarten Schleier, den jemand über die Welt ausgebreitet hatte, um sie ein bisschen zu verschönern. Letzte Blüten in sattem Weinrot schmückten die welkenden Hecken unterhalb seines Fensters, und am Rande des kleinen Trampelpfades, der in zahlreichen Kurven Spaziergänger zu einem kurzen Ausflug in die Natur einlud, warf ein reich behängter Haselnussbaum großzügig seine reifen Früchte ab.
 
Das fließende Wasser des nicht allzu weit entfernten Bachlaufes untermalte die ganze Szene mit einem beständigen Plätschern.
 
Julian seufzte sehnsüchtig und stützte sich mit seinem Unterarm auf dem Fensterbrett ab. Es war die reinste Verschwendung, in die Schule zu gehen, wenn man zu Hause etwas so Wunderschönes genießen konnte wie diesen Ausblick. Mit einem Lächeln auf den vollen Lippen schloss er halb seine Augen und versuchte sich vorzustellen, wie sich dieser bunte, taubenetzte Laubteppich wohl unter seinen nackten Füßen anfühlen mochte. Ein schwacher, angenehm warmer Wind spielte mit seinem Haar und ließ die langen, kornfarbenen Strähnen in ausladenden Wellen bis weit über seine Schulterblätter fallen. Ein blonder Einzelgänger hatte sich aus der Pracht gelöst und tanzte keck vor seiner Nasenspitze im Licht der Sonne. Schillernde Farbreflexe brachen sich auf seiner Oberfläche und verliehen dem Haar einen flammenden, goldenen Farbton.
 
Wenn er doch nur die Zeit gehabt hätte, diesen Moment länger zu genießen. Ein solcher Augenblick war einfach Balsam für seine Seele.
 
Er wurde jäh aus seinen Gedanken gerissen, als der Hausschuh seiner Mutter mit einem lauten Knallen seine Zimmertür traf.
 
„Julian!! Beweg deinen Hintern aus dem Bett – aber zackig!“  
Julian rollte mit den Augen, löste sich von dem schönen Anblick, den er aus dem dritten Stock des Hauses hatte, und wandte sich wieder seinem Zimmer zu.
 
„Er IST bereits draußen...“, gab er jetzt wieder mürrisch zurück und stapfte hinüber zu seinem Kleiderschrank, begann missmutig darin herumzuwühlen.  
„Gut“, hörte er es von draußen. „In fünf Minuten will ich ihn am Frühstückstisch sehen!“

 
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Marcus Ray Taileen stand vor dem großen Wandspiegel im Flur und zupfte ärgerlich sein schwarzes Hemd zurecht. Natürlich saß das blöde Ding am ersten Tag in seiner neuen Schule IRGENDWIE, aber mit Sicherheit nicht so, wie er es wollte. Es spannte sich seiner Meinung nach viel zu sehr um seine breiten Schultern, der Kragen wirkte ihm zu lässig und außerdem betonte es nahezu unübersehbar seine auffallend gut ausgeprägte Bauchmuskulatur.
 
Entnervt versuchte er, sie etwas mehr zu kaschieren.
 
Eigentlich war sein Aussehen nichts, was ihn in seiner vorigen Klasse gestört hätte – oder ihm überhaupt in irgendeiner Weise unangenehm war – aber er wollte nicht gleich am Anfang schon als Angeber oder Aufschneider abgestempelt werden, nur weil er auf seinen Körper achtete. Auch wenn er sich selbst eingestehen musste, dass ihm eine gewisse Arroganz bezüglich seines Aussehens wohl kaum abzuschlagen war. Trotzdem... sie waren erst vor zwei Wochen aus Neumund in diese Stadt gezogen, und er hatte noch keine Möglichkeit gehabt, weitreichendere Kontakte zu knüpfen, also musste er ja nicht unbedingt negativ auffallen.  
Er zog eine seiner dunklen Augenbrauen hoch und betrachtete sich kritisch im Spiegel.
 
Marcus – geborener Engländer und erst mit sechs Jahren mit seiner Familie nach Deutschland gezogen – war ein circa 1, 90 Meter großer Neunzehnjähriger mit mandelbraunem Haar und ebensolchen Augen. Er hatte einen schlanken, muskulösen Körperbau und eine vom Sommer noch leicht gebräunte Haut. Seine Gesichtszüge waren kräftig und charismatisch, der Blick fest und selbstbewusst.  
Er trug neben dem schwarzen Hemd noch eine dunkelblaue Jeans mit einem ebenfalls schwarzen Ledergürtel und Turnschuhe von gleicher Farbe. Ein schlichter Silberring zierte sein linkes Ohrläppchen und ließ ihn ein wenig rebellisch aussehen.
 
Aber wenn man seine Mutter fragte, passte das wohl ganz gut zu ihm, wie er sich grinsend erinnerte. Seinem Vater war ob seines neuen Schmucks fast die Kinnlade heruntergeklappt – dessen Frau hingegen hatte ihrem Sohn nur schulterzuckend ihren Glückwunsch ausgesprochen, jetzt sei er endlich als das zu erkennen, was er war: Ein Raufbold.  
Marcus zog einen Schmollmund.
 
Dabei war er in letzter Zeit in nur eine einzige, WINZIG kleine Schlägerei verwickelt gewesen.
 
Dass Eltern auch immer gleich um alles so einen riesigen Aufstand machen mussten...
 
„Hast du deine Sachen schon gepackt?“  
Marcus zuckte etwas überrascht zusammen und drehte sich langsam um. Sein jüngerer Bruder Chris stand in der Tür zur Küche und grinste ihn schief an. Obwohl er schon lange vor Marcus aufgestanden war, trug er noch immer seine Hausschlappen und seinen viel zu weiten Schlafanzug – ein „Beutestück“, das er sich aus Marcus‘ Schrank geräubert hatte. Seine übervolle Lieblingstasse hing schief in seinen zierlichen Händen und pladderte haufenweise heiße Milch mit Honig auf den neuen Teppich im Flur.  
Die fast nachtschwarzen Haare waren völlig zerzaust und standen wild in alle Himmelsrichtungen ab, die großen blauen Augen wirkten wie immer etwas verklärt, während er den Kopf leicht schief gelegt hatte, um jede Reaktion seines älteren Bruders auch genau mitzubekommen.
 
Ein warmes Lächeln legte sich auf Marcus‘ Lippen.  
Man konnte sagen was man wollte: So sah er einfach herzerweichend süß aus.
 
„Ja, Kleiner“, antwortete er und ließ endlich von seinem Hemd ab. „Ich bin fast fertig.“  
Er ging zu dem schmalen Jungen hinüber und zog ihn sanft in seine Arme. Der Jüngere quiekte vergnügt, als er ihm liebevoll durch den wilden Wust auf seinem Kopf wuschelte.
 
„Und du? Alles klar bei dir?“  
Chris nickte eifrig.
 
„Mhmh, ich freue mich schon.“ plapperte er los. „In meiner alten Klasse waren nur ganz wenige Schüler, aber hier werde ich viele neue Freunde finden, denen es genauso geht wie mir, und dann werde ich auch nicht mehr so einsam und alleine sein, weil sich alle von mir fernhalten, denn die haben ja das gleiche Problem wie ich und keine Angst vor einem Kontakt mit mir.“  
Ein Strahlen lag auf seinem freundlichen Gesicht und seine trüben Iriden* bekamen einen richtig begeisterten Glanz, doch Marcus konnte seine Freude – auch wenn er sie verstand – nicht richtig teilen.  
Chris war drei Jahre jünger als er, fast zwei Köpfe kleiner und hatte als Fünfjähriger bei einem Unfall sein Augenlicht verloren. Auf dem Weg zum Kindergarten mit seinem damals besten Freund Stefan waren direkt neben den Beiden zwei vollbesetzte Fahrzeuge stirnseitig zusammengestoßen. Den Insassen war außer einigen Schrammen und leichten Schnitten nichts passiert, bei einem der Autos hatte die Wucht des Aufpralls jedoch die Frontscheibe zertrümmert. Die feinen Glassplitter hatten Chris‘ vor Schreck weit aufgerissene Augen getroffen und dort die empfindliche Netzhaut so schwer beschädigt, dass der Junge davon erblindet war.  
Doch als wäre dies nicht schon genug Strafe für das kleine Würmchen gewesen, hatten seine Freunde nach seiner Rückkehr aus dem Krankenhaus begonnen, sich von ihm abzuwenden, ihn zu meiden oder – was ihm besonders zu schaffen gemacht hatte – sogar zu hänseln wegen seiner mangelnden Sehfähigkeit.  
Marcus war klar, dass er es ihnen nicht übel nehmen durfte. Sie waren Kinder gewesen und hatten einfach nicht gewusst, wie sie damit umgehen sollten, dass ihr Spielkamerad plötzlich nicht mehr in der Lage war, sie zu erkennen. Trotzdem konnte er kaum vergessen, wie sehr sein Bruder darunter gelitten, wie oft er heimlich in seinem Zimmer geweint hatte. Besonders der Verlust seiner Freundschaft zu Stefan war für ihn ein echter Härtetest gewesen.
 
Marcus wünschte sich nichts sehnlicher, als dass der Junge Recht behielt und in seiner neuen Klasse auf der Blindenschule wirklich neue Freunde fand, doch ihm war aus Erfahrung ebenso klar, dass dies nicht so einfach werden würde, wie Chris es sich vorstellte und sicher verdient hatte. Seine Leidensgenossen waren oft verzweifelt und orientierungslos, hatten nichts im Leben, woran sie sich festhalten konnten und wurden in ihrer eigenen Enttäuschung häufig geradezu bösartig anderen gegenüber. Marcus‘ letzte Schlägerei war aus genau dem Grunde ausgebrochen, dass er seinen jüngeren Bruder vor einem älteren Mitschüler hatte verteidigen wollen.  
Er seufzte leise. Hoffentlich würde das an der neuen Schule nicht nötig sein. Seine Mutter war zwar froh, dass er sich um den „Kleinen“, wie er ihn immer nannte, sorgte, einen Sohn mit einem Eintrag ins Vorstrafenregister wollte sie jedoch auch nicht haben...  
Er lächelte spöttisch.
 
- Durchaus verständlich... -
 
Ein zaghaftes Zupfen an seinem Ärmel riss ihn aus seinen Gedanken.
 
Sein Bruder hatte die schlanken Finger in sein Hemd gegraben und sah ihn fragend an, auch wenn Marcus wusste, dass sein etwas zögerlicher Blick natürlich durch ihn hindurch ging...
 
„Bist du... böse auf mich?“  
Marcus zog abermals eine Braue hoch und stemmte eine Hand in die Hüfte.
 
„Warum sollte ich?“, erkundigte er sich grinsend und knuffte Chris in die Seite, sodass dieser sich lachend krümmte und damit auch den Rest seiner Milch in einem weiten Bogen großzügig über den Teppich verschüttete.  
Marcus nahm ihm die löwenkopfförmige Tasse aus der Hand.
 
„Aber Mum wird stinkig werden, wenn sie die riesige Pfütze auf ihrem neuen Läufer sieht...“  
Chris schüttelte feixend den Kopf.
 
„Ich bin doch ihr Liebling“, krähte er vorlaut, gab seinem Bruder erstaunlich punktgenau einen Kuss auf die Mitte von dessen linker Wange und verschwand wieder in der Küche, um sich über seinen vierten – dick mit Nutella bestrichenen – Toast herzumachen.  
Marcus schnaubte verächtlich und folgte ihm bis zum Geschirrspüler.
 
„Frecher Bengel!“, knurrte er, was Chris nur mit einem vergnügten Glucksen quittierte, während er die Haselnusscreme beim Abbeißen quer über sein Gesicht verteilte.  
Marcus ließ die leere Milchtasse mit Wasser voll laufen, damit der Rest Honig am Boden nicht antrocknete, kippte die schmierige Flüssigkeit in den Ausguss und stellte das Behältnis in die Spülmaschine.
 
„Na ja“, seufzte er. „Ich wünsche dir jedenfalls viel Spaß heute.“  
Er legte rasch seine Lippen auf die Stirn des Jüngeren und schnappte sich seine Schultasche von seinem Platz am Frühstückstisch.
 
„Denk daran, dass Papa heute erst später aufsteht!“  
Chris nickte artig.
 
„Ich werde ganz leise sein, wenn ich gehe – wie ein Mäuschen...“  
Er rümpfte die Nase gleich einem Nagetier und formte seine Handflächen an den Schläfen zu spitzen Ohren.
 
Marcus grinste breit.
 
„Von mir aus“, gab er zurück und zog seine geschmeidige Lederjacke über die breiten Schultern. „Und vergiss nicht, Joker zu füttern, bevor du abhaust!“  
Chris wischte sich mit dem Handrücken einen Klecks Nutella von der Wange und schüttelte den Kopf.
 
„Werde ich nicht, er ist doch mein Freund.“  
Marcus antwortete nicht.
 
- Der einzige Freund, auf den du dich wirklich verlassen kannst... - schoss es ihm durch den Kopf.
 
Joker war Chris‘ Blindenhund und ein wirklich wundervolles Tier: Ein reinrassiger Schäferhund mit weichem, schwarzbraunem Fell, großen, dunklen Augen und von einer so tiefen Zuneigung zu seinem Bruder erfüllt, dass er den Jungen keine Sekunde aus den Augen ließ, sobald dieser aus dem Hause trat.  
Einen so verlässlichen Gefährten hatte Marcus bisher selten gesehen. Man musste allerdings wissen, dass Chris den Hund auch entsprechend behandelte – er schmuste mit ihm, spielte oft stundenlang mit dem Tier und kümmerte sich auch um seinen ‚Liebling‘, wenn er krank war.  
Die Beiden waren ein absolut unzertrennliches Pärchen...
 
Marcus lächelte und wandte sich ab.
 
„Grüß Mama, wenn sie aus dem Bad kommt – ich muss los.“  
Sein Bruder winkte ihm nach.
 
„Viel Spaß! Und fall nicht hin!“  
Der Ältere griff im Vorbeigehen nach seinen Skateboard, das er bereits am Abend zuvor im Flur abgestellt hatte und klemmte es sich unter den rechten Arm.
 
„Nein, nein, ich bin vorsichtig. Bis dann!“  
Mit einem lauten Knallen fiel die Haustür hinter ihm ins Schloss.

Julian trottete zwischen den parkenden Autos entlang und versuchte eher halbherzig, deren Seitenspiegeln auszuweichen. Ständig blieb seine nachlässig über die Schulter geworfene Tasche an einem von ihnen hängen, zog ihn mit sich nach innen oder bog ihn weiter nach außen, je nachdem, in welche Richtung die Wagen standen.
 
Als es einmal laut vernehmlich knackte, während er an einem der Fahrzeuge vorbeiging, blieb er kurz stehen, um nachzuschauen, ob er etwas ernsthaft beschädigt hatte, konnte aber nichts feststellen. Wahrscheinlich war er nur auf einen weiteren Ast unter der dicken Laubschicht getreten, die seit neuestem fortwährend den weiten Betonplatz vor seinem Wohnblock bedeckte.
 
Eigentlich war es ja eine der Aufgaben des Hausmeisters, die welken Blätter zusammenzufegen und auf den örtlichen Kompost zu bringen. Aber wann immer man Herrn Bergmann darauf ansprach, bekam man nur zu hören, dass er für so etwas längst zu alt wäre und man sich gefälligst selbst darum kümmern sollte.
 
Ein, wie er fand, wirklich unfreundlicher Mann – und gerade mal 51 Jahre, also noch nicht mal im Frührentenalter...  
- Unverschämter Typ... -
 
Julian quetschte sich zwischen zwei Lieferwagen hindurch und blieb schließlich vor der leicht geschwungenen Steintreppe stehen, die vom Parkplatz zur Straße und damit hinunter zu seinem Schulweg führte.
 
Ein tiefes Seufzen entrang sich seiner Kehle.
 
Er HASSTE Montage. Und ganz besonders hatten es ihm die nach den Ferien angetan...
 
So früh aufstehen...
 
Er stopfte seine zu Fäusten geballten Hände in seine Jackentaschen und hob den Blick gen Himmel.
 
Das zarte Rosa des Tagesanbruchs war einem morgendlich blassen Blau gewichen, die Wolkendecke hatte sich etwas verdichtet. Dort, wo sie durch Luftverwirbelungen und warme Strömungen aufgerissen wurde, drangen goldene Sonnenstrahlen bis zur Erde hindurch und warfen ein heiteres Fleckenmuster aus Licht und Schatten auf die Stadt und die sie umgebenden Wälder.
 
So wie es aussah, musste man wohl am Nachmittag mit heftigen Regenfällen rechnen...
 
Julian fluchte leise.
 
Und er hatte natürlich seinen Schirm zu Hause gelassen. Wie sollte es auch anders sein?
 
Mit einem tiefen Seufzen stieg er langsam die unebenen Treppenstufen hinunter. Auf der anderen Straßenseite, in noch einiger Entfernung, ließ sich ein Skateboardfahrer gemächlich die leicht abschüssige Fahrbahn hinunterrollen.
 
- Eigentlich keine schlechte Idee -, dachte er und beneidete den jungen Mann insgeheim ein bisschen. - So spart man Zeit und Anstrengung... -
 
Er betrachtete den Boarder etwas genauer. Er musste ungefähr in seinem Alter sein, kurze braune Haare, vom Wind leicht zerzaust, gute Figur, eigentlich nicht wie der typische Skater gekleidet, so mit enger Jeans und Lederjacke – wahrscheinlich eher ein Gelegenheitsfahrer und nicht einer dieser merkwürdig durchgeknallten Hip-Hopper, die ihre Hosen meterweit hinter sich herschleiften und so unglaublich cool waren, dass sie beim Gehen fast festfroren.  
Julian hatte nie verstanden, was eigentlich das Problem dieser Leute war...
 
Aber er teilte ja auch nicht ihre Leidenschaft für diese neumodische Art von Musik. Eigentlich hatte er überhaupt keinen besonderen Bezug zu irgendwelchen Gruppen oder bestimmten Sängern, er mochte mehr die klassische Form musikalischer Unterhaltung – instrumentale Stücke, besonders von Geigen oder Violinen gespielt, fanden seine Zuneigung leichter als schnelle Beats und dumpfes Bassdröhnen. Obwohl er auch gerne einmal Modernes wie die CDs von Vanessa Mae hörte.  
Er hob den Blick, um sich nach dem gutaussehenden Skateboarder in der dunklen Jacke umzuschauen, der Junge war jedoch verschwunden.
 
Irritiert runzelte er die Stirn.
 
War der Andere so schnell vorbeigefahren, dass er es in seine Gedanken versunken gar nicht mitbekommen hatte?
 
Julian setzte den Fuß auf die nächste Treppenstufe und wollte das andere Bein hinterher ziehen. Er blieb jedoch mit der Spitze seines Turnschuhs an einer Erhebung des vorangegangenen Steinquaders hängen und geriet so ins Stolpern. Er rutschte bei dem Versuch, sein Gleichgewicht zu halten, an den feuchten, laubbedeckten Stufen ab und verfehlte mit der hastig ausgestreckten Hand nur Zentimeter das verrostete Geländer. Einen erschrockenen Schrei auf den Lippen, kippte er wild mit den Armen rudernd nach vorne.
 
Noch während des Falls sah er aus den Augenwinkeln etwas Dunkles aufblitzen, dann krachte irgendwas großes, hartes in seine linke Seite und riss ihn wuchtig mit sich herum. Ein lautes Scheppern ertönte hinter ihm, er schwankte kurz und schlug schließlich mit einem halb überraschten, halb schmerzhaften Laut auf dem kalten Straßenbelag auf.
 
Ein lautes Stöhnen entrang sich seiner Kehle, als er die harte Erde traf.
 
Einen Moment lang drehte sich alles in seinem Kopf und vor seinen Augen flimmerten bunte Kreisel und Lichtpunkte. Er ächzte leise und schloss gepeinigt die Lider, doch vor dem nun schwarzen Hintergrund war das verwirrende Treiben erstrecht gut zu erkennen.
 
Warme Luft streifte sein Ohrläppchen und seinen Hals und ließ ihn wohlig erschauern, auch wenn er sich nicht ganz erklären konnte, woher die Wärme kam.
 
Auch sein Körper war plötzlich nicht mehr der Kälte des Herbstmorgens ausgesetzt, sondern von etwas irritierend Hitzigem bedeckt – nur in seinem Rücken spürte er noch den kühlen Boden, auf dem er lag.  
Langsam wieder klarer werdend, registrierte sein Bewusstsein nun auch das schwere Gewicht, das auf ihm ruhte. Er runzelte abermals die Stirn, nicht verstehend, was eigentlich los war. Eine angenehm dunkle, leicht rauh klingende Stimme holte ihn endgültig zurück in die Wirklichkeit.
 
„Oohh...Mann! Scheiße!“  
Julian riss die Augen auf, als er erkannte, dass er mit einem Passanten zusammengestoßen sein musste.
 
Die Schwere auf seiner Brust ließ etwas nach, als dieser sich von ihm hochstemmte, heftig den Kopf schüttelte und ihn dann besorgt ansah.
 
„Ist dir etwas passiert?“  
Überrascht starrte Julian den Jungen über sich an. Es war niemand anderes als der Skateboarder, den er noch kurz zuvor beobachtet hatte. Er musste die Straßenseite gewechselt haben, als Julian in Gedanken gewesen war, und hatte ihn bei dessen Sturz seitwärts gerammt.
 
Die kurzen, braunen Haare hingen ihm wild in das gut geschnittene Gesicht, die dunklen Augen zeigten Trübsal.
 
„Es tut mir leid, dass ich dich über den Haufen gefahren habe“, entschuldigte er sich zerknirscht. „Ich habe nicht gesehen, dass du da...“ Der Junge deutete auf den Treppenabsatz. „...so schnell herausgestürmt gekommen bist...“  
Julian folgte seinem ausgestreckten Arm schweigend mit dem Blick und betrachtete die unebenen Stufen. Ein recht abgenutzt wirkendes, schwarzblaues Skateboard lag verkehrt herum mit sich noch immer drehenden Rollen vor den Steinquadern im Dreck und schien – zumindest vor der nächsten größeren Reparatur – erst einmal unbrauchbar zu sein: Eines der Räder musste die Grundstücksmauer so getroffen haben, dass die Achse gebrochen war und sich somit nicht mehr zum Fahren eignete.  
Das Board war kaputt.
 
Sofort bekam Julian ein schlechtes Gewissen. Und das nur, weil er nicht aufgepasst hatte...
 
„Hey!“  
Der jetzt etwas gereizte Tonfall seines Gegenübers ließ ihn sich diesem wieder zuwenden. Der Junge hatte den Kopf leicht schief gelegt und maß ihn nun mit einem etwas abschätzenden Blick.
 
„Kannst du nicht sprechen oder hast du einen Schock?“  
Julian überlegte, was wohl besser wäre, kam jedoch nicht mehr zu einer Antwort. Der Junge rollte sich geschickt von ihm herunter und ging neben dem schlanken Körper in die Knie, reichte Julian die Hände und lächelte ihn freundlich an.
 
„Egal, erst mal solltest du von der kalten Straße aufstehen – du holst dir sonst noch eine Krankheit. Komm, ich helfe dir...“  
Der Blonde sah einen Moment lang auf die ihm entgegen gestreckten Gliedmaßen. Es waren große, kräftige Hände mit deutlich sichtbaren Sehnen, die darauf hindeuteten, dass ihr Besitzer regelmäßig Sport trieb. Er wusste nicht warum, aber plötzlich war es ihm peinlich, sich von dem Fremden aufhelfen zu lassen.
 
„Danke, geht schon...“, murmelte er und setzte sich langsam auf. Der Andere schien nicht überzeugt, zog jedoch seine Hände zurück und stand auf, ohne ihm zu helfen.  
„Bist du sicher?“  
Julian nickte stumm, während er seine Knie anzog und sich hochstemmte. Er schwankte leicht und trat einen Schritt zurück, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren, als er unerwartet einen starken Schmerz im rechten Fuß verspürte und mit einem unterdrückten Aufstöhnen nach vorne kippte. Er brach abermals halb in die Knie, zwei muskulöse Arme hinderten ihn jedoch daran, erneut zu Boden zu gehen.
 
Einen Moment lang klammerte er sich in das nachgiebige Leder der schwarzen Jacke und wartete nach Luft schnappend darauf, dass der Schmerz nachließ, dann sank er mit einem befreiten Laut gegen die breite Brust des Anderen, als das heftige Stechen endlich einem erträglicheren Pochen wich.
 
Erleichtert atmete er auf.
 
- Puh... Linderung tut gut... -
 
Er spürte, wie sich seine Wangen mit einer tiefen Röte überzogen. Der dunkelhaarige Junge kniete jetzt vor ihm und hielt ihn noch immer sanft in seinen Armen, während er ihn sacht aber bestimmt an seinen muskulösen Oberkörper drückte, um ihn zu stützen. Julian konnte deutlich den gleichmäßigen Herzschlag hören, der in dumpfen Klängen gegen den Brustkorb des Anderen hämmerte.
 
Der Fremde war angenehm warm und wirkte auf Julian merkwürdig vertraut, irgendwie... bekannt.
 
Er hob zögernd den Blick und schaute den Anderen fragend an. In den mandelbraunen, goldgesprenkelten Augen des Jungen war Sorge zu erkennen, jedoch keine Anzeichen von Wut oder Ablehnung, weil er einen Mann im Arm hielt.
 
Julian schluckte schwer und starrte ihn an.
 
Noch immer hingen seinem Gegenüber die Haare ins Gesicht, verdeckten fast vollständig dessen leicht geschwungene Augenbrauen, während sich auf ihnen in schillernden Reflexen das Sonnenlicht brach. Eine kleine, hauchfeine Narbe durchzog die linke der beiden Brauen und hinterließ einen kaum erkennbaren, weißen Strich auf der sonst gut gebräunten Haut. Unter seinen Fingerkuppen, die nun auf der Bauchdecke des Anderen lagen, konnte Julian den seidig weichen Stoff des Hemdes fühlen, das dieser trug und gegen das sich spürbar seine kräftige Muskulatur presste. Ein leichtes Schmunzeln umspielte jetzt die vollen Lippen und drückte sich auch in den Iriden des Jungen aus, die vor Belustigung schelmisch funkelten.
 
„Na...“, fragte er fast zärtlich und legte abermals den Kopf schief. „Was starrst du mich so an?“  
Er beugte sich zu dem Blondschopf herab und hauchte ihm seicht seinen heißen Atem ins Ohr.
 
„Gefalle ich dir...?“  
Julian schnappte heftig nach Luft und fühlte, wie ihm abermals das Blut in die Wangen schoss. Der Mund des Anderen berührte sacht sein Ohrläppchen und ließ ihn ungewollt erschauern. Eine Gänsehaut breitete sich auf seinem Körper aus.
 
„N-nein...“, stammelte er verwirrt. „Also... ich meine... ich wollte sagen...“  
Der Zeigefinger des Jungen auf seinem Mund brachte ihn zum Schweigen.
 
„Du wolltest mir sicher gerade deinen Namen sagen, oder?“  
Julian schüttelte den Kopf, antwortete aber artig mit: „Julian-Henning Grohs.“  
Dabei rutschte der Finger seines Gegenübers leicht zwischen seine Lippen und berührte die Spitze seiner Zunge, die eine feuchte Spur auf dem schlanken Glied hinterließ. Der blonde Junge schluckte schwer.
 
Der Blick des Dunkelhaarigen hatte etwas feuriges, hungerndes bekommen und schien ihn förmlich zu verschlingen, wie er dort in seinen Armen hing und sich an ihn klammerte. Sein Herz begann plötzlich wild zu klopfen, sein Pulsschlag beschleunigte sich zu einem unkontrollierten Rasen.
 
Der Fremde beugte sich langsam weiter zu ihm herunter und berührte jetzt beinahe mit der Stirn die des Blonden. Julian konnte seinen stockenden Atem hören, spürte, wie er sich mit seinem eigenen vermischte, zart seine Haut streifte, seine Wimpern.
 
Seine Kehle fühlte sich auf einmal wie ausgetrocknet an, und er bekam keinen Laut hervor, als sich die leicht geöffneten Lippen des Anderen kaum merklich seinem Mund näherten.
 
Er zuckte erschrocken zusammen, als eine kratzige Frauenstimme plötzlich die angespannte Stille zwischen ihnen zerriss.
 
„Ist alles in Ordnung mit euch?“  
Sein Gegenüber seufzte leise.
 
Der Junge warf ihm noch einen kurzen Blick zu – hatte Julian darin so etwas wie Bedauern gesehen? – dann wandte er sich von ihm ab und lächelnd der alten Dame zu, die ihre Hand auf seine Schulter gelegt hatte und ihn besorgt musterte.  
„Ja, vielen Dank, mir ist nichts passiert und mein Freund hier ist nur leicht verletzt.“  
Die Alte nickte zufrieden und stellte ihre Tasche neben dem Fremden ab.
 
„Wartet hier!“, befahl sie scharf und sah beide eindringlich an. „Ich rufe einen Arzt für euch...“  
Dann drehte sie sich um und watschelte zur nächstgelegenen Telefonzelle. Julian starrte ihr mit geweiteten Augen nach. Er war viel zu verwirrt, um auf irgendeine andere Art zu reagieren. Ihm ging immer nur ein Gedanke durch den Kopf:
 
- Ich hätte beinahe einen Mann geküsst... -
 
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*Da ich das ständig gefragt werde, nur noch mal zur Erklärung: „Iriden“ ist die Mehrzahl von „Iris“, also dem farbigen Kreis im Auge des Menschen, der die Pupille umschließt. Ich weiß, es klingt nicht wirklich ähnlich, ist aber tatsächlich so (ich war auch überrascht, als ich es das erste Mal im Lexikon nachgeschlagen habe).

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- Adamsapfel: Der Bissen, der ihm im Halse stecken blieb, als er merkte, was gespielt wurde. -
Robert Lembke (1913 - 1989), deutscher Journalist und Fernsehmoderator 

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Kapitel II – Schulanfang mit Turbulenzen
  
Julian hockte neben seinem neuen ‚Freund‘ auf der Rückbank des alten, silbergrauen Mercedes von dessen Mutter und hörte sich mit einer Mischung aus peinlicher Berührtheit und schlichter Belustigung die Schimpftiraden an, die diese auf ihren Sohn losließ.  
„Du bist ein richtiger Trottel, manchmal!“ fluchte sie und fuchtelte unentwegt mit dem Zeigefinger in der Luft herum, um ihrem Ausbruch mehr Wirkung zu verleihen.  
„Ich habe dir schon hunderttausend Mal gesagt: Du sollst nicht mit dem Skateboard zur Schule fahren! Wenn du keine Lust zum Laufen hast, dann nimm gefälligst den Bus oder leih dir von deinem Vater das Fahrrad, aber roller nicht immer mit diesem grässlichen Ding durch die Gegend! Du siehst doch, wie gefährlich das ist. Aber du hörst ja nie auf mich! Und wahrscheinlich nur, weil ich eine Frau bin, du sexistischer Mistkerl, gib es ruhig zu!“  
„Mum!“  
Marcus – so der Name der armen Seele, der diese wütenden Worte galten – errötete tief ob dieses harschen Vorwurfs.  
„Sag doch nicht so was, wenn wir jemanden im Auto sitzen haben...“  
Er warf Julian einen unsicheren Blick zu, doch der tat so, als hätte er nichts gehört.
 
„Papperlapapp!“, fuhr seine Mutter fort. „Red dich nicht raus, ich weiß genau, was du denkst. Es steht dir förmlich auf die Stirn geschrieben: ‚Meine Mutter hat doch keine Ahnung, das ist nämlich alles gar nicht gefährlich‘...“  
Marcus rollte genervt mit den Augen und stützte sich lässig mit seinem Unterarm auf dem rechten Oberschenkel ab.
 
„Aber es IST ja auch nicht gefährlich.“, gab er ruhig zurück. „Ich habe nur nicht aufgepasst...“  
„Da siehst du es!“, unterbrach sie ihn. „Nicht aufgepasst – HA!“  
Die brünette Frau auf dem Fahrersitz warf mit einem gekonnten Schwung ihre langen, lockigen Haare über die Schultern zurück und bedachte ihn durch den Rückspiegel mit einem missbilligenden Blick.
 
„Ich könnte mich auch nicht mit ‚ich hab nicht aufgepasst‘ rausreden, wenn ich gleich mit einem Lastwagen zusammenstoßen würde, weil ich sonst wo hingeguckt habe, anstatt auf die Straße zu schauen.“  
Marcus legte den Kopf schief und schmunzelte.
 
„Du meinst, so wie du es jetzt tust, während du mich im Rückspiegel mit Blicken zu erdolchen versuchst?“  
Seine Mutter runzelte die Stirn, dann richtete sie ihre Augen wieder auf die Fahrbahn.
 
„Wie dem auch sei – jedenfalls kann das auch zu einem Unfall führen...“  
Ihr Sohn nickte zustimmend.
 
„Also ist Auto und Bus fahren auch gefährlich“, stellte er trocken fest und musste sich sichtlich das Lachen verkneifen, als seine Mutter daraufhin empört die Wangen aufblähte und einen niedlichen Schmollmund zog.  
„Unverschämter Rotzbengel!“, schimpfte sie und fuchtelte wieder mit ihrem Arm herum. Marcus grinste nur. Für ihn war die Diskussion damit beendet.  
Julian kicherte verhalten und fing sich dafür ebenfalls einen strafenden Blick ein, aber das machte ihm nichts aus. Er wusste, dass Frau Taileen es nicht böse meinte. Marcus‘ Mutter war die neue Sportärztin an Julians Schule und diesem sofort sympathisch gewesen. Sie hatte ein heiteres, freundliches Wesen und erst im Auto angefangen, ihren Sohn mit tadelnden Worten zu bedenken.  
Sie war eine schlanke, erstaunlich jung wirkende Frau von etwa 1, 70 Meter Größe, mit den gleichen, schillernden Augen wie Marcus und einem überaus warmen Lächeln. Ihre Kleidung entsprach nicht unbedingt der einer Ärztin, war sie doch eher von Gelb und Grün bestimmt als von Weiß, dennoch machte sie irgendwie einen professionellen Eindruck auf ihn.
 
Frau Taileen war zufällig mit ihrem Wagen an ihnen vorbeigefahren, als die alte Dame gerade einen Krankenwagen hatte rufen wollen und war sofort auf die Bremse getreten, um sich nach den Beiden zu erkundigen – und sie dann gleich mit zum Behandlungszimmer des Schulgebäudes zu nehmen. Zuvor hatte sie sich kurz Julians Verletzung – wohl eine leichte Verstauchung – angesehen und diese mit einer Mullbinde aus ihrer Arzttasche vorsorglich verbunden, sodass er in seinen Turnschuhen mehr Halt hatte. Dennoch hatte Marcus darauf bestanden, ihn zu stützen, als er zum Auto gehumpelt war.  
Julians Wangen überzogen sich mit einer leichten Röte, als er an das Gefühl des warmen Körpers des Anderen an seinem eigenen dachte. Marcus hatte wirklich eine äußerst angenehme Statur: Breite Schultern, kräftige Oberarme und -schenkel, eine stahlharte Bauchdecke.
 
Normaler Weise neigte er nicht dazu, einen Jungen als gutaussehend zu empfinden, doch bei Marcus war es einfach so – hätte er etwas anderes behauptet, es wäre eine glatte Lüge gewesen.  
Er seufzte leise und ließ sich tiefer in den weichen Sitz sinken. Er wusste gar nicht, was heute mit ihm los war. Irgendwie schien er nicht ganz auf der Höhe zu sein. Und dann dieser Beinahe-Kuss...
 
„Fühlst du dich nicht gut?“  
Er zuckte kaum merklich zusammen und wandte den Kopf herum. Marcus hatte sich jetzt leicht zu ihm vorgebeugt und musterte besorgt sein etwas blasses Gesicht.
 
Julian schüttelte den Kopf und lächelte dankbar. Irgendwie tat es gut, wenn sich jemand um einen Gedanken machte. Wenn er da an zu Hause dachte... oh Gott! Seinen Eltern würde nicht mal im Traum einfallen, sich nach seinem Befinden zu erkundigen – dafür war er ihnen gar nicht wichtig genug. Ob er seine Hausaufgaben erledigt oder das Geschirr abgewaschen hatte, ja, so etwas war interessant, aber doch nicht, ob es ihm gut ging! Wer wollte das wissen? Lediglich sein jüngerer Bruder war ab und an mal für ein freundliches Wort ihm gegenüber zu begeistern. Auch wenn er ein verbohrter Miesepeter war und einen schrecklichen Hang zum Sarkasmus hatte.  
Wirklich: Manchmal hätte er sich lieber von einem Hund die Zähne ins Bein graben lassen als sich den beißenden Bemerkungen seines Bruders auszusetzen. Dabei war die kleine Nervensäge gerade mal sechzehn....
 
- Schrecklich! -
 
„Nein, nein“, antwortete er und brachte seine Beine hinter dem für ihn ein bisschen weit zurückgeschobenen Beifahrersitz in eine etwas bequemere Lage.  
„Alles in Ordnung.“  
Das entsprach der Wahrheit, und diesmal schien ihm Marcus auch sofort zu glauben. Er ließ sich wieder gegen die breite Lehne in seinem Rücken sinken und nickte zufrieden.
 
„Gut. Es ist mir nämlich schon peinlich genug, dass ich dich überhaupt umgehauen habe, ich möchte nicht, dass dir bei dem Fahrstil meiner Mutter jetzt auch noch schlecht wird...“  
Er grinste ihn breit an, als die Frau hinter dem Steuer deutlich hörbar nach Luft schnappte, doch bevor sie ihn erneut tadeln konnte, fuhr er fort: „Wo wolltest du eigentlich so schnell hin?“  
Julian runzelte irritiert die Stirn, nicht ganz begreifend, was sein Gegenüber meinte, doch dann dämmerte es ihm plötzlich wieder.
 
„Oh...“, machte er und spürte, wie er abermals rot wurde. „Ich hatte es gar nicht so eilig...“  
Marcus hob fragend eine Augenbraue, und die Farbe in Julians Gesicht verdunkelte sich noch ein wenig.
 
„Ähm.... also eigentlich...“ Der Blondschopf hakte verlegen die Finger ineinander und starrte konzentriert auf seine Knie. „Eigentlich... hab ich ja nur nicht aufgepasst und bin die Treppenstufen heruntergefallen....“  
Marcus starrte ihn einen Moment lang verblüfft an, dann legte er den Kopf in den Nacken und begann schallend zu lachen. Julian blinzelte verwirrt und kratzte sich nachdenklich am Ohr.
 
„Was ist denn daran so witzig?“  
„Nichts!“, johlte Marcus und bedeckte in gekrümmter Haltung seinen Bauch mit beiden Händen. „Treppensteigen ist also auch gefährlich, ha, ha, ha, ha, ha!“  
Mit einem Ruck kam das Auto zum Stehen.
 
Marcus‘ Mutter schnallte sich von ihrem Sitz ab und trat mit dem Fuß gegen die Fahrertür, sodass diese in weitem Bogen aufflog. Sie zog sich am Rahmen aus dem Wagen, raffte ihren langen Rock und griff mit der anderen Hand nach der linken Hintertür. Noch ehe der völlig überrumpelte Marcus irgendetwas dagegen unternehmen konnte, hatte sie ihn am Kragen seiner dunklen Lederjacke gepackt, seinen Gurt gelöst und ihn aus dem Fahrzeug gezerrt.  
Sie versetzte ihm einen kräftigen Tritt in den Hintern, den er mit einem lauten „Ouch!“ quittierte und der ihn erneut auf die Straße schickte und stampfte heftig mit dem Fuß auf. Empört drehte sich ihr Sohn zu ihr um und funkelte sie wütend an.  
„Was sollte DAS denn jetzt?“  
„D.U L.Ä.U.F.S.T!“  
Marcus öffnete den Mund, um zu protestieren, doch seine Mutter war bereits wieder dabei, sich ins Auto zu setzen.
 
„A-aber....HEY!“ Hastig rappelte er sich auf und klopfte sich nachlässig den Dreck von der Jeanshose. „Was soll das heißen, ich laufe?!“  
Frau Taileen langte nach dem Türgriff und lächelte ihn süß an.
 
„Du hast circa 10 Minuten, es herauszufinden – dann beginnt die erste Stunde.“  
Mit einem lauten Knallen zog sie die Tür zu. Sie drehte den Schlüssel im Zündschloss herum, der Wagen startete und die Räder begannen zu rollen. Julian hatte es glatt die Sprache verschlagen. Er konnte nichts anderes tun, als verdattert durch das Rückfenster zu beobachten, wie sie sich allmählich von einem mindestens genauso verdatterten Marcus entfernten.
 
Alles was er noch mitbekam, war dessen letzter, zorniger Aufschrei:
 
„ALTE HEXE!!“  

~~o0@0o~~
 
Keine fünf Minuten später saß Julian bereits im Krankenzimmer des Manfred-Bander-Gymnasiums, seiner Schule. Er hockte auf einer der drei großen Liegen neben seiner Tasche und hatte sich von Frau Taileen vorsichtig die Schuhe ausziehen lassen. Es war ihm ein bisschen peinlich, da er das auch gut selbst hätte machen können, doch die Sportärztin war von seinen Einwänden reichlich unbeeindruckt gewesen und hatte sofort begonnen, die gemusterten Bänder aufzuschnüren.
 
Nachdem sie die Turnschuhe beiseite gelegt und ihre Hände von dem Straßenstaub gereinigt hatte, der daran hängen geblieben war, hatte sie ihm auch noch behutsam die weißen Socken von den Füßen gestreift und war nun dabei, das verletzte der beiden Gliedmaßen eingehender zu untersuchen.
 
Während sie seinen Knöchel abtastete und immer wieder die Schwellung des selbigen mit dem linken – gesunden – Gelenk verglich, grummelte sie die ganze Zeit etwas von „unverschämter Bengel“, „Ohren lang ziehen“ und „Taschengeldkürzung“ vor sich hin.  
Julian rutschte ein Stück von ihr ab und lächelte schief.
 
„Sie sind ganz schön wütend auf Marcus, oder?“, fragte er zaghaft und konnte sich nicht des Gefühl erwehren, dass er daran eine gewisse Mitschuld trug. Immerhin hatte er ihrem Sohn den ganzen Ärger ja erst eingebrockt...  
Die Frau hob den Blick und sah ihn einen Moment irritiert an, doch dann lachte sie herzhaft und winkte heftig ab.
 
„Ach Unsinn, Julian!“, antwortete sie. „Ich bin gar nicht böse.“  
Sie zwinkerte ihm verschwörerisch zu und grinste schelmisch.
 
„Ich brauche nur ab und zu jemanden, über den ich mich aufregen kann und mein Sohn ist da genau die richtige Adresse.“  
Sie beugte sich über einen kleinen Kasten, den sie neben diversen anderen Dingen auf den Boden gestellt hatte und fingerte aus dem dahinter ruhenden Korb einen neuen Verband hervor.
 
„Glaub mir: Wenn ich sauer auf ihn wäre, dann würde ich mit ganz anderen Ausdrücken auf ihn schimpfen...“  
Sie lächelte freundlich und griff nach der Schere, um den Plastikverschluss der kleinen Packung in ihrer Hand zu lösen. Sie trennte die Schweißnaht auf, nahm den Inhalt heraus und begann, die Binde vorsichtig abzurollen. Julian war beeindruckt, mit welchem Geschick und welcher Routine sie dabei vorging – wahrscheinlich hatte sie das schon hunderte von Malen gemacht, wie jeder andere Arzt auch, trotzdem erschien es ihm in ihrem Falle irgendwie außergewöhnlich.  
„Was mich ärgert“, fuhr sie fort, während sie die Mullbinde um seinen Fuß wickelte und dabei konzentriert ihre Arbeit beobachtete. „Ist, dass in diesem Misthaufen nicht ein einziger Arzt oder wenigstens ein paar gut ausgebildete Schwestern anzutreffen sind. Das hier ist ein Krankenzimmer und kein Selbstbedienungsladen – wer soll denn so die Patienten versorgen?“  
Julian runzelte die Stirn und legte den Kopf schief. Die Frau hatte Recht. In dem gesamten Trakt hatten sie kaum Schüler angetroffen, von den Lehrern ganz zu schweigen. Die Gänge schienen nahezu leergefegt. Auch in diesem Raum war niemand gewesen. Sie hatten mehrmals nach jemandem gerufen, doch es war keine Antwort zurückgekommen.
 
- Merkwürdig... - dachte er. - Habe ich irgendwas verpasst? Veranstaltungen in der Aula waren doch gar nicht geplant... -
 
„Na ja, was soll’s“, unterbrach ihn Frau Taileen bei seinen Überlegungen und machte den Verband mit einem doppelt behakten Verschluss fest. „Du hattest ja gleich eine Ärztin dabei, da wollen wir uns mal nicht beschweren, gell?“  
Sie legte Schere und Plastikverpackung auf einen kleinen Tisch neben der Liege, erhob sich schwungvoll und klopfte ihm mütterlich auf den rechten Oberschenkel.
 
„Keine Sorge, so eine leichte Verstauchung verheilt schnell.“ Sie grinste breit. „In ein paar Tagen kannst du schon wieder unbesorgt die Treppen herunterfallen...“  
Julian verzog das Gesicht und lächelte leicht gequält.
 
„Nett, dass sie das sagen...“  
Frau Taileen stemmte eine Hand in ihre Hüfte und lachte schallend.
 
„Nett, dass du das so siehst“, erwiderte sie feixend und stellte die Sachen, die sie nicht benötigt hatte, zurück an ihren Platz. Anschließend strich sie sich eine der langen, tiefbraunen Strähnen aus der Stirn und sah ihn fragend an.  
„Bei welchem Lehrer hast du denn in der ersten Stunde Unterricht?“  
Der junge Mann überlegte einen Moment.
 
„Herrn Junghans, glaube ich...“  
Einen Augenblick schien die Frau überrascht, doch dann grinste sie wieder.
 
„Was für ein Zufall“, gab sie – für Julian einen Tick ZU unbeteiligt – zurück und hakte ganz beiläufig nach: „Ist er etwa dein Klassenlehrer?“  
Der Blondschopf runzelte misstrauisch die Stirn und verschränkte die Arme vor der Brust.
 
„Jaaaa...“, antwortete er gedehnt und sah sie lauernd an. „REIN zufällig ist er das...“  
„Na wunderbar!“  
Frau Taileen klatschte begeistert in die Hände und strahlte den etwas verwirrten Jungen an.
 
„Wo der sitzt, weiß ich.“ Sie schnappte sich ihre Handtasche von dem einzigen Stuhl, den es in dem Raum gab und lief zur Tür. „Warte hier – ich sage ihm nur schnell Bescheid, dass du dich zur ersten Stunde etwas verspäten wirst.“ Sie zwinkerte ihm abermals zu. „Damit du keinen Ärger bekommst.“  
Noch bevor er irgendetwas einwenden konnte, war sie auch schon auf den Flur verschwunden.

Marcus ließ seinen Dauersprint kurz vor dem Schultor ausklingen und lehnte sich schwer atmend gegen die breiten Stützpfosten. Sein Puls raste und sein Herz klopfte so heftig, dass ihm bald die Brust platzten musste, aber er hatte es dennoch geschafft: Eine Minute vor halb acht – genau vor der ersten Unterrichtsstunde.  
„Puh...“ Erschöpft rang er nach Luft. „Knapp!“  
Er richtete sich auf und wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn. Es erschien ihm fast schon wie ein Wunder, dass er das hässliche Betongebäude noch rechtzeitig erreicht hatte, dennoch stand er genau davor und es hatte noch nicht einmal zum Unterrichtsbeginn geläutet.
 
Marcus war richtig beeindruckt von sich selbst: Er musste doch schneller zu Fuß sein, als er bisher immer angenommen hatte.
 
„Diese alte Hexe!“, fluchte er wütend und trat kräftig gegen die Schulmauer. „Mich einfach rauszuschmeißen – das wird sie noch bereuen!“  
Er fuhr sich mit den schlanken Fingern durch die kurzen, dunklen Haare und sah sich suchend um. Der Wagen seiner Mutter parkte direkt vor dem Gehweg – im Halteverbot, wie er kopfschüttelnd feststellte – und schien auch noch nicht allzu lange dort zu stehen, denn der Dampf des erhitzten Motors quoll noch immer gut sichtbar unter der rostigen Motorhaube hervor. Von der Frau und Julian jedoch war weit und breit nichts zu entdecken.  
Marcus kratzte sich am Kinn und wandte seine Aufmerksamkeit dem breit angelegten Schulhof zu. Wahrscheinlich waren sie schon im Gebäude und längst nicht mehr hier draußen anzutreffen. Schließlich hatte der blonde Junge ja auch eine Verletzung...
 
Ein heißer Schauer jagte seinen Rücken hinab, als er an den Zusammenstoß dachte.
 
Ihm war schon vor dem ‚Unglück‘ aufgefallen, dass der Andere ihn unentwegt beobachtet hatte. Seine neugierigen Blicke waren Marcus gefolgt, während dieser sich auf seinem Board die Straße hinunter hatte rollen lassen. Er wusste nicht genau warum, aber als ihm klar geworden war, dass der Junge ein gewisses Interesse an ihm zu haben schien, hatte er kurzerhand die Straßenseite gewechselt und beschlossen, ihn einfach mal anzusprechen. Seiner Ansicht nach war es die ideale Gelegenheit gewesen, erste freundschaftliche Kontakte zu knüpfen, wofür er bisher kaum die Zeit gefunden hatte. Noch dazu, wo sie doch offenbar im gleichen Alter waren.  
Dass dieses Vorhaben damit enden würde, dass er Julian beinahe geküsst hätte, konnte ja vorher keiner ahnen...
 
Es verwirrte ihn total, dass er sich fast zu einem solchen Unternehmen hatte hinreißen lassen. Was für eine schwachsinnige Idee, einen Mann zu küssen! Er stand überhaupt nicht auf Männer! Noch dazu auf welche, die er überhaupt nicht kannte. Ihm gefielen hübsche, zart gebaute Blondinen mit einer zierlichen Hüfte, üppigen Lippen und schlanken Beinen. Frauen mit einem gewissen Hauch von Befangenheit, die aber nicht so schüchtern waren, dass sie sich jeder Art von Annäherung sofort bitterlich erwehrten.
 
Irritiert runzelte er plötzlich die Stirn.
 
Julian hatte sich ebenfalls nicht gewehrt. Er war scheinbar nur total verblüfft gewesen, versucht, ihn an dem Kuss zu hindern, hatte er jedoch nicht.
 
- Seltsam... -
 
Was Marcus jedoch noch weniger verstand war, warum er ihn überhaupt hatte küssen WOLLEN. Julian sah gut aus für einen Mann, zugegeben. Groß, ein hübsches Gesicht, nicht zu mager. Aber so umwerfend, dass man ihm auch als Kerl nicht widerstehen konnte, war er doch auch wieder nicht – oder?  
Ihn beschlichen leichte Zweifel.
 
Wenn er näher darüber nachdachte, hatte sein „Perfect-Woman-Of-The-World“-Bild eigentlich eine ziemliche Ähnlichkeit mit Julian - fast schon erschreckende Ähnlichkeit, sobald man es genauer betrachtete: Der Junge war nicht nur kleiner als Marcus, er hatte auch das von ihm so geliebte, kornfarbene Haar, das ihm bis weit über die Schulterblätter auf den Rücken fiel und in langen, goldenen Strähnen sanft sein schmales Gesicht umrahmte. Dieses war fein geschnitten und wies nicht wie bei ihm kantige und harte Züge auf, sondern wirkte im Vergleich wesentlich zarter und viel weicher geformt. Die Augen waren von einem leicht grünstichigen Blau, sodass sie wie schillernde Türkise wirkten, die Lippen voll und einladend. Außerdem hatte er eine schlanke, fast feingliedrige Statur und eine angenehm wohlklingende Stimme.  
Marcus grinste. Besonders, wenn er verwirrt war, sah er einfach zum Anbeißen aus...
 
Der Dunkelhaarige runzelte die Stirn und schüttelte den Gedanken hastig ab.
 
- Reiß dich zusammen, du Idiot! Er ist ein Mann, ein MANN! -
 
Er schnaubte ärgerlich und lief das kurze Stück Plattenweg bis zu den Stufen der Eingangstreppe entlang. Er hatte wirklich keine Zeit, sich um irgendwelche Übereinstimmungen von Traumbildern und Wirklichkeit zu kümmern! Er musste schnellstens seine Mutter finden, damit er sie vor Beginn der ersten Stunde wenigstens noch fragen konnte, wie es Julian ging.
 
Ein weißblonder Schüler in seinem Alter stand neben dem Portal, das ins Innere des Gebäudes führte und sah sich suchend nach jemandem um. Einen Moment lang befürchtete Marcus, er könnte vom Direktor geschickt worden sein, um „den Neuen“ zu begrüßen und in sein Büro zu geleiten, da er sich eigentlich noch vor Unterrichtsantritt dort hatte melden sollen, doch der Junge schenkte ihm nur einen kurzen Blick und ließ seine grünen Augen dann weiter über den Schulhof schweifen.  
Erleichtert hastete Marcus an ihm vorbei die Stufen hinauf und musste in der Pausenhalle erst einmal stehen bleiben, damit sich seine Pupillen an die veränderten Lichtverhältnisse gewöhnen konnten. Zu diesem Zeitpunkt läutete auch die Schulglocke.
 
Mit erhobenen Brauen warf er einen Blick auf die Uhr an seinem Handgelenk.
 
„Zwei Minuten zu spät“, murmelte er leise und schüttelte missbilligend den Kopf. „Die sollten das Ding mal nachstellen lassen...“  
Er schnappte sich einen jüngeren Schüler, der rasch an ihm vorbeispurten wollte, und hielt ihn am Ärmel seiner Jacke fest.
 
„Hey du“, fragte er ihn. „Wo geht´s hier zum Krankenzimmer?“  
Der Junge sah ihn kurz verwundert an, dann riss er sich energisch von ihm los und zog den hellen Anorak wieder auf seine Schulter.
 
„Erschreck mich doch nicht so!“, antwortete er maulend und klemmte sich seine Tasche fester unter den Arm. „Neu hier, oder was?“  
Marcus rollte mit den Augen.
 
„Das Krankenzimmer, Kleiner, und zwar flott – ich hab´s eilig!“  
Der Schüler musterte ihn einmal von oben bis unten und nickte dann zustimmend.
 
„Na, das glaube ich dir – wenn ich so aussehen täte wie du, würde ich mich auch schnell behandeln lassen...“  
Der Braunhaarige biss sich auf die Unterlippe und konnte nur mühsam den Impuls unterdrücken, sein Gegenüber zu Hackfleisch zu verarbeiten.
 
„Hör mal, du halbe Portion“, knurrte er. „Wenn du nicht gleich eine vernünftige Auskunft gibst, dann...“  
Der Junge streckte den Arm aus und deutete den Gang zu seiner Linken hinunter.
 
„Reg dich ab, Alter! Da geht´s lang.“  
Marcus lächelte süß.
 
„Danke schön“, stieß er gepresst hervor, dann drehte er sich um und rannte in die angegebene Richtung. Er ignorierte das ihm hinterhergerufene „Arschloch!“ so gut es ging und kämpfte geradeso den Drang nieder, umzukehren und dem Dreikäsehoch zu zeigen, WAS für ein Arschloch er wirklich sein konnte.  
Statt dessen beschloss er grimmig, das auf die nächste Gelegenheit zu verschieben und beeilte sich, möglichst zügig sein Ziel zu erreichen. Ärger würde er sowieso bekommen, aber er musste ihn ja am ersten Tag nicht noch zusätzlich durch Trödelei heraufbeschwören...
 
~~o0@0o~~
 
Julian hockte auf seiner Liege im Behandlungsraum und sah durch das geöffnete Fenster nach draußen auf den Sportplatz. Eine Gruppe Zehntklässler drehte auf Anleitung ihres Lehrers eine Runde über die dahinterliegende Rasenfläche, um sich für den anschließenden Unterricht aufzuwärmen. Der Rest der Klasse war damit beschäftigt, den Platz für das Training vorzubereiten und feuerte die sich abhetzenden Mitschüler lautstark an. Ihre Rufe schallten über die Anlage und wurden vom Wind bis zu ihm herübergetragen. Er konnte zwar nur einzelne Wortfetzen verstehen, aber er legte sowieso keinen Wert darauf, zu erfahren, ob nun Kevin oder Manuel schneller laufen sollte oder doch eher Michael...
 
Diese Namen sagten ihm eh nichts.
 
Er seufzte leise und strich sich eine der blonden Strähnen aus der Stirn. Seit über zehn Minuten wartete er jetzt schon auf die Rückkehr der Schulärztin, doch die schien keine Eile damit zu haben und allmählich wurde ihm langweilig.
 
Er richtete seinen Blick auf den runzligen Stamm einer alten Eiche, die direkt neben dem Fenster in die Höhe wuchs und an ihrem knorrigen Ende stolz ihre noch immer grüne Krone zur Schau stellte. Die halbrunden Blätter waren im Gegensatz zum Behang der übrigen Pflanzen auf dem Gelände noch zahlreich vorhanden und von einem satten Farbton, der sich deutlich von den rostroten und zartgelben Pigmenten des feuchten Herbstlaubes abhob. Die weit verzweigten Äste warfen durch die Sonnenstrahlen tanzende Schatten auf die Erde und musterten diese in Braun und Gold, ließen ein faszinierendes Spiel von Helligkeit und Dunkelheit darauf entstehen.
 
Ein leichter Windstoß fuhr durch das Blätterdach und versetzte seine vielen Einzelteile in ein geheimnisvolles Rauschen, das Julian ein bisschen an den Wellengang des Meeres erinnerte. Glitzernde Tautropfen perlten von den Blättern herab und fielen als schillernde Lichtkegel zu Boden. Der Luftzug wirbelte einige bereits von anderen Bäumen abgeworfene Blätter und leichte Früchte auf und jagte diese auf dem Schulhof vor sich her, die Eiche jedoch gab nichts von ihrer Pracht dem wilden Spiel preis – völlig ungerührt hielt sie ihre üppigen Gaben weiterhin fest.  
Julian nickte beeindruckt.
 
- Ganz schön trotzig. - dachte er nicht ohne eine gewisse Spur von Anerkennung und schmunzelte. Ihm gefiel, wie hartnäckig das Gewächs dem kommenden Winter die Stirn bot. Übertroffen wurde es darin wohl nur von den vereinzelt den Platz säumenden Tannen, die ihre Nadeln ja selbst bei eisiger Kälte nicht abwarfen und deren dick mit Schnee verhangene Zweige ihn auch im November schon immer in eine sehr weihnachtliche Stimmung zu versetzen vermochten.
 
Er legte den Kopf schief und betrachtete ein leeres Vogelnest, das zwischen den Ästen der Eiche hing und wohl schon seit Langem ungenutzt war. Irgendwie erinnerte es ihn im Zusammenhang mit den Feiertagen an sein eigenes Heim. Dort fühlte er sich auch immer verlassen und allein, selbst wenn seine gesamte Familie zu Hause war. Liebe und Zuneigung, das waren dort fast schon Fremdwörter, auch zu solch festlichen Anlässen wie der Geburt Jesu Christi. In der kleinen Mietwohnung ging es seit jeher äußerst nüchtern zu: Die Kinder wurden auf Abstand gehalten und sollten nicht an den Eltern hängen, die wiederum kaum Zeit für die Bedürfnisse ihrer Söhne hatten. Und kein Interesse. Wochenendausflüge, Besuche von Freizeitparks oder gar Fußballspielen – so etwas hatte es bei ihnen nie gegeben.  
Wieder seufzte er leise. Wenigstens bekam er regelmäßige Mahlzeiten und hatte einen warmen Schlafplatz. Das war immerhin mehr, als manch anderer zu bieten hatte, also sollte er sich wohl nicht beschweren...
 
Er zuckte erschrocken zusammen, als plötzlich ein paar schlanke Finger durch sein weiches Haar strichen und dieses über sein Ohr nach hinten kämmten. Erstaunt drehte er sich um und war nicht wenig überrascht, direkt in Marcus’ lächelndes Gesicht zu sehen.  
„Na, du Romantiker“, begrüßte dieser ihn sanft und folgte mit den Augen der Blickrichtung, in die Julian zuvor geschaut hatte. „Die alte Eiche gefällt dir wohl?“  
Der Blondschopf starrte ihn einen Moment verblüfft an, dann wurde er leicht rot und wandte sich verlegen ab.
 
„Woher willst du wissen, dass ich romantisch bin?“, wich er der Frage seines Freundes aus und betrachtete scheinbar unglaublich interessiert seine Zehenspitzen.  
Marcus zuckte die Schultern.
 
„Du sahst so verträumt aus – MICH juckt so ein Ding nicht die Bohne...“  
Julian warf ihm einen strafenden Blick zu und verschränkte die Arme vor der Brust. „Baum“, sagte er und deutete mit einer Kopfbewegung nach draußen. „So was nennt sich ‚Baum’...“  
Marcus’ Antwort bestand aus einem breiten Grinsen.  
„Tatsächlich?“, fragte er unschuldig und zwinkerte ihm zu. „Davon musst du mir bei Gelegenheit unbedingt einmal mehr erzählen.“  
Julian murrte leise und ließ die Arme sinken.
 
„Du machst dich lustig über mich“, stellte er vorwurfsvoll fest und wollte Marcus‘ Finger aus seinem Haar lösen, doch der entzog sie seinem Zugriff. Überrascht schaute Julian den Jungen an. Marcus‘ Mimik war jetzt vollkommen ernst.  
„Ich mache mich nicht lustig“, widersprach er und sah dem Blonden dabei fest in die Augen. Erst jetzt viel diesem auf, wie nahe der Andere ihm eigentlich war: Marcus stand direkt vor der Liege und hatte sich weit zu ihm heruntergebeugt, um dem sowieso schon kleineren Mitschüler auch im Sitzen noch direkt ins Gesicht sehen zu können. Seine Haare fielen ihm dadurch wild in die Stirn und warfen verwirrende Schatten auf seine gebräunte Haut. Die haselnussfarbenen Iriden waren durchzogen von goldgelben Sprenkeln, die seinen Augen eine ungeheuer faszinierende Ausstrahlung verliehen und facettenreich das Sonnenlicht brachen, das auf sie fiel. Sein Mund war leicht geöffnet, seine Hand lag noch immer in Julians Nacken und verhinderte so, dass dieser vor ihm zurückweichen konnte. Er spürte Marcus‘ Atem auf seiner Wange und nahm beim Luftholen dessen Geruch nach maskuliner Seife wahr, erschauerte ob dessen tief.  
Der Blondschopf schluckte schwer und erwiderte den eindringlichen Blick etwas hilflos.
 
„Ich...weißt du...“  
Er befeuchtete sich nervös mit der Zungenspitze die Lippen und suchte verzweifelt nach einer Entgegnung. Was sollte er jetzt sagen? Diese fast schon intime Nähe verunsicherte ihn total. Sein Herz begann schneller zu schlagen, sein Puls pochte fühlbar in seinen Adern. Er war so aufgewühlt, dass er nicht einmal daran dachte, sich Marcus zu entziehen, als dieser sein Knie neben Julians Körper auf die Liege setzte und ihn sanft nach hinten drückte, dazu zwang, sich auf den Rücken zu legen.
 
Seine langen, kornfarbenen Haare rutschten über seine Schultern auf den weichen Untergrund hinab und streiften dabei seicht Marcus Handrücken, auf dem sich dadurch eine leichte Gänsehaut bildete. Er spürte den muskulösen Oberschenkel des Anderen an seiner Hüfte, den leichten Druck, die angenehme Wärme.
 
Marcus‘ kräftiger Oberkörper hing nur Millimeter über seinem eigenen in der Luft. Julian konnte sich noch gut an das Gefühl des breiten Brustkorbes unter seinen Fingerkuppen erinnern, als der Braunhaarige ihn in seinen Armen gehalten und sanft an sich gedrückt hatte. Überhaupt strahlte der junge Mann eine verwirrende Kombination von Stärke und Einfühlungsvermögen aus.  
Ein heißer Schauer jagte seinen Nacken hinunter, als der Dunkelhaarige ihn zart an der Schläfe berührte, sacht die Konturen seines Wangenknochens nachzeichnete, mit den schlanken Fingern seinen Kiefer entlang fuhr. Sein Daumen strich langsam über Julians Kinn, verharrte einen Moment in der kleinen Beuge unterhalb von dessen Mund, bevor er nach kurzem Zögern über die samtig weichen Lippen glitt.
 
Der Blonde wagte nicht zu atmen, war nicht mal fähig, überhaupt zu reagieren.
 
Seine Brust bebte, seine Augen waren geweitet, während er den Anderen anstarrte und mit zitternden Gliedmaßen auf dessen nächste Handlung wartete.
 
Dieser schluckte schwer und sah ihn mit einer Mischung aus offenem Verlangen und mühsam unterdrückter Leidenschaft an.
 
„Julian...“, raunte er und ließ den Jungen damit erneut erschauern. „Stoß mich weg, oder ich nehme mir etwas, das du mir vielleicht nicht geben willst...“  
Seine Stimme klang belegt, beinahe rauchig und versetzte den Blondschopf in einen Zustand merkwürdiger Aufregung. Sie hatte einen fast schon flehenden Unterton, doch Julian war sich nicht sicher, ob Marcus ihn wirklich um einen Rückzieher bat – oder eher um das Unterlassen des Selbigen.  
Er hob zaghaft die Hand und legte sie auf die Schulter seines Mitschülers, spürte dessen harte Muskulatur und gleich darauf, wie ihm die Röte ins Gesicht stieg. Er musste zugeben, dass ihm diese Berührung nicht gerade unangenehm war. Im Gegenteil...
 
„Du hast... einen schönen Körper...“, flüsterte er deshalb und wich im selben Moment verlegen Marcus‘ Blick aus, der ihn überrascht anschaute. Die Farbe in Julians Gesicht verdunkelte sich dadurch noch.  
Jetzt musste er allmählich völlig den Verstand verloren haben. Was redete er denn da? War er wahnsinnig geworden? Er kannte Marcus nicht mal eine Stunde und sprach mit ihm, als wären es Jahre!
 
Er schnappte hörbar nach Luft, als der Dunkelhaarige plötzlich seine Hand ergriff und sie an seinen Mund zog, diesen sacht auf ihre Innenfläche drückte. Julian sah auf und öffnete die Lippen, um etwas zu sagen, doch er kam nicht mehr dazu, denn unerwartet beugte Marcus sich vor und verschloss sie mit einem zarten Kuss.
 
Julians Augen weiteten sich in ungläubigem Erstaunen, als er den Mund des Anderen auf seinem eigenen spürte. Es war ein prickelndes, wohliges Gefühl, wie er es noch nie zuvor erlebt hatte. Marcus‘ Lippen waren warm und weich und lagen nur ganz seicht auf denen des Blonden, schienen sie eher zu streifen denn wirklich zu besitzen. Der Braunhaarige umfing den Mund des Kleineren zart mit seinem und liebkoste ihn vorsichtig, zwang sich selbst zur Beherrschung, um ihn nicht zu verschrecken. Behutsam sog er die nachgiebige Unterlippe in seine Mundhöhle, leckte mit der Zunge darüber, verwöhnte das rosige Fleisch.  
Schlanke Finger gruben sich in sein schwarzes Hemd und zogen ihn nach unten, drückten seinen Brustkorb auf den schmalen Oberkörper. Er konnte einfach nicht glauben, dass er tatsächlich einen Mann küsste, aber zu seiner grenzenlosen Verwunderung konnte er etwas ganz anderes noch viel weniger: Aufhören.
 
Er neckte Julians Mundwinkel mit der Zungenspitze, zeichnete eine feuchte Spur über dessen Lippen, presste sich an ihn. Der Blonde stöhnte leise und gewährte ihm damit ungewollt Einlass in seine Mundhöhle, die der junge Mann sofort begierig zu erforschen begann. Er schlang seine Finger in die goldenen Haarsträhnen und hielt sie fest, wollte um keinen Preis der Welt zulassen, dass der Andere diesen Kuss jetzt unterbrach. Doch der dachte gar nicht daran, seufzte nur leise und zuckte leicht zusammen, als Marcus‘ Zungenspitze seine eigene berührte. Er versuchte verstört, dem Eindringling auszuweichen, doch die geschickten Liebkosungen des Dunkelhaarigen brachten ihn bald zur Aufgabe dieses Unterfangens, ließen ihn sich ganz diesem neuen, verwirrenden Spiel hingeben.  
Marcus‘ Hüfte lag schwer auf seiner, drückte ihn tief in die weiche Matratze. In Julians Kopf drehte sich alles, sein Blut rauschte in seinen Ohren. Er konnte sein Herz so heftig gegen seine Rippen donnern hören, dass er glaubte, diese müssten bald zerspringen.  
Was geschah nur mit ihm?
 
Erst das laute Knallen der Zimmertür ließ beide erschrocken auseinanderfahren. Mit hochrotem Kopf und schwer atmend starrten sie auf Marcus‘ Mutter, die mit einem breiten Grinsen am Türrahmen lehnte und sie interessiert musterte.  
„Oh“, machte sie und hob abwinkend die rechte Hand. „Lasst euch von mir nicht stören, ich stehe auf romantische Stelldichein.“  
Julian wäre am Liebsten gestorben vor Scham.
 
„Was machst DU denn noch hier?“, fragte Marcus und schien noch immer völlig überrumpelt von ihrer Anwesenheit.  
„Na was schon?“, entgegnete die Frau ungerührt und stieß sich von dem kühlen Holz in ihrem Rücken ab. „Ich gucke nach meinem Patienten, aber wie es aussieht, ist das ja überflüssig.“  
Sie durchquerte den Raum und blieb mit in die Hüfte gestemmten Fäusten vor ihrem Sohn stehen. Julian bewunderte Marcus dafür, dass er unter ihrem scharfen Blick nicht sofort einen Meter kleiner wurde.
 
„Was mich im Moment ganz brennend interessiert ist vielmehr, was DU noch hier machst, du kleine Mistkröte...“, knurrte sie und kniff ihn kräftig ins Ohr. Marcus verzog schmerzhaft das Gesicht und folgte ihrem sich nach unten bewegenden Arm mit dem Kopf.  
„Aaaaauuuuu...“ stieß er klagend hervor. „Lass das doch!“  
Aber seine Mutter blieb hartnäckig.
 
„Nichts da!“  
Sie boxte ihn in die Seite und hielt ihn weiter fest.
 
„Du hättest längst beim Direktor und in deiner ersten Unterrichtsstunde sein sollen, du Schwänzer! Was treibst du hier im Krankenzimmer?“  
Marcus ruderte wild mit den Armen in der Luft herum und versuchte, wenigstens halbwegs sein Gleichgewicht zu halten.
 
„Ich wollte doch nur nach Julian fragen und mich erkundigen, wie es ihm geht“, gab er gepresst zurück und musste einen Schritt nach vorne treten, um nicht umzufallen. Frau Taileen lachte spöttisch auf.  
„Ja, das sehe ich“, meinte sie kühl und drehte sich um. Sie verstärkte ihren ‚Griff‘, zerrte ihn mit sich zum Ausgang und ließ ihn schließlich los.  
„Sieh zu, dass du in deine Klasse kommst – und zwar flott!“  
Mit einem kräftigen Tritt in den Hintern beförderte sie ihn nach draußen und schlug die Tür hinter ihm zu. Dann drehte sie sich langsam um und sah Julian finster an. Dieser schluckte schwer. Er hatte plötzlich ein ganz ungutes Gefühl... 



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- Was man als Blindheit des Schicksals bezeichnet, ist in Wirklichkeit bloß die Kurzsichtigkeit des Menschen. -
William Faulkner (1897-1962), amerik. Romanschriftsteller, Essayist u. Lyriker

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Kapitel III – Auch ein blindes Huhn...  
 
Chris schlenderte auf dem Weg zur Blindenschule gemächlich die Straße hinunter und bewegte sich dabei genau im Rhythmus zu der Musik aus seinem Discman. Er hatte die Lautstärke voll aufgedreht und ließ sich ganz und gar von den melodischen Klängen aus den beiden Kopfhörern mitreißen.
 
Er brauchte keine Angst zu haben, dass ihm etwas passierte, wenn er jetzt zusätzlich zu seiner mangelnden Sehfähigkeit auch noch nichts mehr hören konnte. Joker kannte die Strecke und wusste genau, an welchen Stellen er besonders auf seinen Schützling Acht geben musste, damit diesem nichts zustieß. Und Chris vertraute dem Tier buchstäblich blind. Er blieb stehen, wenn die Hundeleine durchzuhängen begann, Joker also auch angehalten hatte, lief etwas schneller, wenn der Hund es tat und ließ sich auch was die Richtung betraf einfach von seinem Freund leiten.
 
Er schnippte mit dem Finger die Schläge des Drummers nach und sang aus vollem Halse mit, wann immer der Bandleader ein Stück Text zum Besten gab. Dass ihn die wenigen Leute, die um diese Zeit schon unterwegs waren, vermutlich anstarrten, als hätte er nicht mehr alle Tassen im Schrank, störte ihn nicht. Er konnte ja eh nicht sehen, wenn sie sich peinlich berührt abwandten, warum sich also darum kümmern? Das Leben war so viel leichter und schöner, wenn es einem einfach egal war, was der Rest der Welt über einen dachte.
 
„Mister Sandman, I'm so alone
Don't have nobody to call my own
Please turn on your magic beam
Mister Sandman, bring me a dream...“  
Er bog um eine Ecke, ging in Gedanken kurz den Weg durch, den er inzwischen zurück gelegt haben musste und begann im Kopf die Schritte mitzuzählen, die er ab jetzt machte.
 
- Eins... Zwei... Drei... Vier... Fünf... Sechs.... Sieben. -
 
Dann blieb er stehen, stellte seinen Discman aus, drehte sich nach rechts und hob die Hand zum Gruß, um freundlich lächelnd durch die große Fensterscheibe zu winken, die er dort zu finden wusste. Nach kurzer Zeit ließ er den Arm wieder sinken, wandte sich der Straße zu und wartete.
 
Es dauerte nicht lange, da hörte er die klingelnden Glocken einer Ladentür und kurz darauf wurde ihm auch schon kräftig auf die Schulter geklopft.
 
„Guten Morgen, mein Junge!“ begrüßte ihn eine laute, grobe Männerstimme. „Na, drehst du wieder deine morgendliche Runde?“  
Chris lachte vergnügt und schüttelte wild den Kopf.
 
„Nein, Herr Saadthoff! Heute ist doch Schulanfang!“  
Der bullige Mann stutzte irritiert und stimmte dann in sein Lachen mit ein.
 
„Richtig, du hast es mir ja gestern erst erzählt, ich verkalkter alter Dummkopf! Na, dann will ich dich auch nicht lange aufhalten.“ Er wuschelte dem Jüngeren einmal kräftig durch die Haare und streichelte Jokers weiches Fell, was dieser mit einem begeisterten Hecheln kommentierte.  
„Wartet hier – ich bin gleich wieder da...“  
Chris nickte eifrig und blieb artig dort stehen, wo er war. Er liebte es, dass sein Schulweg ausgerechnet diese Straße entlang führte. Herr Saadthoff war Besitzer eines kleinen Lebensmittelladens und ein – wie Chris fand – überaus freundlicher Mann. Wann immer der Junge mit Joker an seinem Geschäft vorbeiging, kam er nach draußen gelaufen und schenkte ihnen etwas: Joker meistens ein Würstchen und ihm einige Süßigkeiten. Und das schon vom ersten Tag an. Chris hatte keine Ahnung, warum er das tat. Auf seine Frage nach dem Grund hatte der bullige Mann nur geantwortet, er sähe es gern, wenn Mensch und Tier sich so gut verstünden wie er und sein Blindenhund.  
Dabei war es für Chris ganz selbstverständlich, dass er mit Joker gut zurechtkam. Immerhin war er sein Freund. Das hatte er auch dem Verkäufer gesagt, doch der war daraufhin nur in lautes Lachen ausgebrochen und schien ihn seitdem noch mehr zu mögen.
 
Chris strich sich eine seiner schwarzen Haarsträhnen aus der Stirn und zuckte schließlich die Schultern.
 
Im Grunde war es ihm auch egal, weshalb er etwas geschenkt bekam. Herr und Frau Saadthoff führten ihren Laden noch im alten Stil, zumindest hatte ihm das sein Bruder erzählt, als er mal mit ihm hierher gegangen war – mit großer Holztheke, einer uralten Kasse, Waagen, die man noch mit Gegengewichten bedienen musste und einigem anderen Zeug, von dem Chris nicht einmal gewusst hatte, dass es noch existierte – und stellten viele der angebotenen Artikel selbst her: Unter anderem auch die Zuckerware, die der Mann ihm immer zusteckte, und die schmeckte wirklich unvergleichlich lecker.  
Chris‘ Bauch begann bei dem Gedanken an das klebrige Zeug ungeduldig zu rumoren. Auch Joker schien noch hungrig zu sein, denn er lief aufgeregt vor dem Schaufenster hin und her.  
Der Junge schmunzelte und ließ seine schlanken Finger über den Rücken des Hundes gleiten.
 
„Hast du auch noch Appetit auf was Leckeres?“  
Das Tier bellte zweimal und der Schwarzhaarige nickte zustimmend.
 
„Ich auch.“  
Die kleinen Glocken klingelten erneut und Herr Saadthoff kam aus dem Laden zurück. Er zog die Tür hinter sich zu und wandte sich dann an seine beiden Lieblingskunden.
 
„So, ihr Zwei...“ Er beugte sich zu Joker herab und hielt dem Hund ein großes Stück Fleisch hin, welches dieser ihm mit Begeisterung aus der Hand riss.  
„Das ist für dich“, lachte er und streichelte das Tier erneut. „Damit du auch einen Ansporn hast, dein Herrchen mal wieder bei mir vorbeizuführen.“  
Er zwinkerte dem Hund zu, während der bereits gierig seine Beute verschlang und drehte sich dann zu Chris herum, um dessen fröhliches Gesicht zu betrachten. Ein Lächeln breitete sich bei diesem Anblick auf seinen Lippen aus.
 
„Und das hier...“ Er nahm sanft die schmale Hand des blinden Jungen und drückte ein kleines Säckchen hinein. „...ist für unseren gemeinsamen Freund.“  
Chris hielt den Beutel fest und runzelte verwirrt die Stirn. Er legte den Kopf schief und hob sein Geschenk ein Stück hoch, fast so, als wolle er es näher betrachten. Er drehte es ein paar mal und wog es bedächtig ab.
 
„Das ist warm...“, sagte er leise und sah den Mann fragend an.  
Der grinste breit.
 
„Na, das will ich wohl meinen“, antwortete er und wischte sich die Hände an seiner schon leicht schmuddeligen Schürze ab. „Immerhin kommen sie gerade erst frisch aus dem Ofen...“  
Das Stirnrunzeln des Jungen vertiefte sich noch etwas.
 
- Frisch aus dem Ofen...? -
 
Plötzlich erhellte sich seine Miene und er begann aufgeregt, die schmalen Bänder aufzuschnüren.
 
„Sind das etwa...? Könnte es sein, dass....? Ich meine...? Vielleicht... Kekse?“  
Herr Saadthoff brüllte vor Lachen und klopfte dem Schwarzhaarigen abermals auf die Schultern.
 
„Was denn sonst, mein Junge?“  
Chris machte einen Freudensprung und fiel ihm um den Hals.
 
„Juchhu!!“  
Er drückte den völlig überraschten Ladenbesitzer kräftig und stopfte das Säckchen dann rasch in seine Schultasche.
 
„Danke, Herr Saadthoff, ich werde sie mir auch gut einteilen.“  
Der Mann kratzte sich verwirrt am Kopf und grinste dann wieder.
 
„In Ordnung, Chris, aber mach KLEINE Portionen draus – warme Backwaren weiten den Magen und das gibt Bauchschmerzen.“  
Chris hatte bereits die ersten Kekse aus dem Beutel gefingert und ließ sie eilig in seinem Mund verschwinden.
 
„Isch bebongt“, gab er nuschelnd zurück und straffte Jokers Hundeleine. „Jetscht musch isch aber losch, schonscht komm isch schu schpät.“  
Er gab dem etwas irritierten Verkäufer noch einen letzten Wink, dann stellte er seinen Discman wieder an und ließ sich von Joker weiter zur Schule führen.
 
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Ein paar Minuten später und nur drei Straßen weiter hatte er bereits die Hälfte der Kekse aufgegessen. Allerdings musste er nun auch feststellen, dass er tatsächlich gut daran getan hätte, sie nicht ganz so schnell hinunterzuschlingen: Sein Magen grummelte lautstark, rumpelte und blubberte unentwegt. Ein starker Schmerz durchzog sein Verdauungsorgan und ließ ihn gepeinigt das Gesicht verziehen. Der Junge blieb stehen und hielt sich den Bauch.
 
„Uhh...“, machte er. „Vielleicht hätte ich lieber vier statt nur zwei kleine Portionen daraus machen sollen...“  
Er stellte seinen Discman ab und steckte ihn zurück in die Schultasche. Vorsichtig lehnte er sich an die Hauswand in seinem Rücken und versuchte, möglichst entspannt Luft zu holen, doch das Atmen gelang ihm nur stoßweise. Joker setzte sich auf seine Hinterläufe und fiepte ihn besorgt an.
 
„Keine Sorge, Joker“, versicherte er dem Hund gepresst. „Mir geht es gleich wieder besser...“  
Zu seinem Verdruss klang er nicht einmal selbst davon überzeugt, und auch sein Begleiter murrte ihn nur protestierend an. Ein scharfer Stich in der Magengegend ließ ihn heftig zusammenzucken. Mit einem Aufstöhnen krümmte er sich zusammen und sank in die Knie. Der Hund bellte aufgeregt und zog heftig an der Leine.
 
„Nein, Joker!“ Chris hielt das Tier mühevoll zurück. „Marcus ist nicht zu Hause! Er hat Schule, so wie ich – du kannst ihn nicht holen...“  
Doch Joker ließ sich nicht beirren. Er sprang immer wieder vor, um sich von der ihn zurückhaltenden Kraft zu lösen und stemmte sich mit aller Macht gegen die Hundleine, sodass Chris beinahe umfiel, während der Hund weiterhin wild bellte. Irgendwann hatte der Junge keine Kraft mehr in den Armen und musste das Lederband loslassen, um nicht von dem Tier quer über die Straße geschleift zu werden. Sofort preschte der Hund los.
 
„Joker!“ Chris streckte die Finger aus und versuchte, seinen Begleiter noch zu fassen zu bekommen, doch er griff erwartungsgemäß ins Leere.  
„Komm sofort zurück, Joker!“  
Aber der Hund war längst um die nächste Ecke verschwunden und außerhalb seiner Hörweite. Chris seufzte tief und ließ entmutigt die Hand sinken. Etwas unbeholfen setzte er sich auf und tastete vorsichtig nach der nahen Wand, um sich erneut dagegen zu lehnen.
 
Was für eine Pleite, den ersten Schultag so zu beginnen. Sein Bauch wurde von Krämpfen geschüttelt, sein Vertrauter gehorchte ihm nicht mehr und Marcus war nicht da, um ihm zu helfen.
 
- Großartig... -
 
Er schalt sich im Stillen selbst einen Narren, dass er sich so sehr von anderen abhängig machte. Aber so paradox es auch schien, der Wunsch, nicht sofort als Blinder erkannt zu werden, war noch immer stärker als sein Bedürfnis nach Ungebundenheit, weshalb er auf Armbinde und Stock möglichst verzichtete und sich lieber mit seinem Hund unter die Sehenden mischte. Seine trüben Iriden fielen kaum jemandem auf, sodass er sich auch die für Blinde offenbar als typisch geltende Sonnenbrille sparte und nur selten trotzdem als ein solcher erkannt wurde.
 
Er schloss die Augen und fuhr sich mit den schlanken Fingern durch das dunkle Haar. Was sinnte er darüber nach? Im Moment war es eh egal. Ihm blieb wohl nichts Anderes übrig, als auf Joker zu warten. Wenn er jetzt aufstand und einfach auf gut Glück loslief, war die Gefahr zu groß, dass ihm etwas passierte – noch dazu, wenn seine Konzentration immer wieder von seinem rebellierenden Magen vom eigentlichen Geschehen um ihn herum abgelenkt wurde...  
Er dachte an seinen Bruder.
 
Als er noch klein gewesen war, hatte er immer geglaubt, Marcus wäre immer für ihn da, egal, wann er ihn brauchte. Wie ein Schutzengel, der über einen wachte und sein Schwert zog, wenn ihm jemand etwas Böses tun wollte. Heute wusste er es besser. Auch wenn er sich sehr gut auf seinen Bruder verlassen konnte, er gehörte nun mal nicht ihm allein. Verwirrender Weise hatte er Chris trotzdem mehr als einmal aus Situationen ‚gerettet‘, in denen der Junge überhaupt nicht auf sein Eingreifen vorbereitet gewesen war.  
Sei es, weil Marcus eigentlich in der Schule hätte sein müssen oder die beiden Brüder – als sie sich an der Haustür getrennt hatten – in total unterschiedliche Richtungen gegangen waren: Hatte Chris in Schwierigkeiten gesteckt, war er da gewesen.  
Der Schwarzhaarige seufzte leise und ließ seinen Hinterkopf gegen den kalten Stein sinken. Er glaubte nicht, dass er diesmal wieder solches Glück haben würde. Er mochte zwar naiv sein, aber er war längst nicht so dumm und kindlich, wie er immer vorgab und Marcus befand zur Zeit weit weg von ihm, fast am anderen Ende des Viertels.
 
Sicher, nur wenig von seinem Verhalten war gespielt, da machte er sich nichts vor. Er war ungeschickt, viel zu leichtgläubig und mit Sicherheit nicht der Typ Mensch, der mit 16 Jahren schon alleine lebensfähig war, aber auch Chris wurde älter und erwachsener und tief in seinem Innern hatte er das Kindsein und all seine Träume, die damit zusammenhingen, längst aufgegeben.
 
- Wie auch immer -, dachte er. - Jetzt ist erst einmal wichtiger, dass ich möglichst wenig auffalle, bis Joker zurückkommt. Wenn mich jemand findet und womöglich noch ins Krankenhaus bringt, bekommt das arme Tier einen Kollaps, weil ich nicht mehr hier bin... -
 
Er rutschte ein wenig hin und her, um es bequemer zu haben, zog die Knie an seinen Oberkörper und schlang die Arme um seine Beine. Er legte das Kinn in die Kuhle zwischen beiden Gelenken und versuchte nochmals, ruhig und entspannt zu atmen.
 
Es gelang ihm schon besser als zuvor, dennoch war das Gefühl in seinem Magen alles andere als angenehm.
Warum musste er nur immer so ein Pech haben? Es war doch wirklich zum Heulen...
 
Dennoch verbot er sich die Tränen und lenkte seine Konzentration statt dessen lieber weiterhin auf das Luftholen. Sein Körper entspannte sich, der Schmerz ließ etwas nach. Die allgegenwärtige Dunkelheit half ihm dabei, sich nicht weiter zu verkrampfen, vernebelte seinen gemarterten Geist.
 
Dämmrig nur nahm er seine Umgebung noch wahr: Den kühlen Windhauch, der seine Wangen streichelte und sanft seine Kleidung umwehte, das seichte Rauschen der Blätter in den Baumkronen.
 
Fast kam er sich vor, wie ein Darsteller in einem Antarktisfilm – bloß nicht einschlafen...
Jan-Hendrik Grohs stapfte mit energischen Schritten über den Schulhof des Manfred-Bander-Gymnasiums und kochte vor Wut. Seine sonst eher sommerlich gebräunte Haut hatte im Gesicht eine tiefrote Färbung angenommen, die vollen Lippen waren im Zorn hart aufeinander gepresst, die leicht geschwungenen Augenbrauen über den grauen Iriden ärgerlich zusammengezogen.
 
Er hatte die schlanken Hände zu Fäusten geballt und fluchte, was sein Wortschatz hergab – in allen ihm bekannten Sprachen, von Englisch bis Latein.  
„Dieser arrogante Mistkerl!“  
Entrüstet kickte er mit der Spitze seines Turnschuhs einen größeren Kieselstein beiseite.
 
„Wenn der sich noch mal so aufspielt, kann er schon mal Zahnersatz bei der Krankenkasse beantragen. DIE Visage merke ich mir!"  
Er scharrte mit dem Fuß noch einige weitere Steine vor sich her, sodass sich eine große Staubwolke bildete und trat dann gegen die Schulmauer, als er das große Tor am Rande des Platzes passierte, um zur Bushaltestelle zu gelangen. Allein der Gedanke an den braunhaarigen Typen ließ ihn nahezu überschäumen.
 
„Bringt mich fast zu Fall, der Idiot, weil er keinen Plan von nichts hat und droht einem auch noch, wenn man nicht sofort vor ihm zu Kreuze kriecht! Dieses Arschloch!“  
Jan zog seinen hellen Anorak fester um seine Schultern und strich sich nachlässig einige der blonden Haarsträhnen aus der Stirn, um besser den Fahrplan erkennen zu können, vor dem er jetzt Halt gemacht hatte. Natürlich war der letzte Bus gerade vor ein paar Minuten wieder abgedüst, und der nächste würde nicht vor Ablauf einer Dreiviertelstunde ankommen, um ihn mitzunehmen.
 
Abermals fluchte er.
 
Das war alles die Schuld von diesem neuen Schüler, sofern er denn überhaupt neu war und ihn nicht nur verscheißert hatte – was er sich bei dem Charakter gut vorstellen konnte! Jan war sowieso schon spät dran gewesen, aber er hätte den Bus eigentlich noch erwischen sollen. Wenn er nicht aufgehalten worden wäre...  
Er atmete tief durch und fingerte in seiner Jackentasche nach der Schachtel Zigaretten, die er sich vor Schulbeginn noch schnell gekauft hatte. Er war bisher nicht dazu gekommen, sich einen Zug zu gönnen und spürte gerade jetzt, wie ihn der Nikotinmangel nervös werden ließ. Aber das war ja auch kein Wunder, wenn man sich am frühen Morgen schon so ärgern musste!
 
Er zog die Packung mit der Linken hervor, riss die dünne Plastikhülle ab und suchte mit der anderen Hand in seiner Jeanshose nach dem Feuerzeug. Er streifte das kühle Metall der Verkleidung mit den Fingerkuppen, ergriff es und holte es behutsam aus der Tasche. Das Rädchen des Kleinods war schon leicht beschädigt, deshalb musste er immer etwas vorsichtiger damit sein, dennoch schien es ihm zum Wegschmeißen zu schade. Auch wenn er seine Eltern zum Kotzen fand, es war immerhin ein Geschenk seines Vaters gewesen.
 
Außerdem: Billiger als umsonst konnte man ein Feuerzeug nicht bekommen...
 
Jan nahm eine der Zigaretten aus der Schachtel und hielt sie sich kurz unter die Nasenspitze, um sich an dem feinen Duft zu erfreuen, bevor er sie sich anzündete. Er steckte sich den Filter zwischen die Lippen und schloss die Augen, um das, was folgen sollte, auch richtig genießen zu können: Tief atmete er den grauen Nebel ein und erschauerte ob des wohligen Gefühls, das ihn gleich darauf durchströmte.
 
„Ahh“, machte er und blies den stark riechenden Dunst damit in den wolkenverhangenen Himmel. „Es geht doch nichts über Nikotin am Morgen.“  
Er streckte sich einmal kräftig durch und ließ dann seine Rechte in der schmalen Jackentasche verschwinden. Man konnte sagen, was man wollte: Auch wenn es eine Sucht war, Rauchen beruhigte ungemein die Nerven.
 
Jan steckte die angebrochene Packung samt Feuerzeug wieder ein und sah sich um.
 
Was sollte er jetzt machen? Zum nach Hause laufen war er zu faul. Schließlich konnte er nichts dafür, dass seine Lehrerin unerwartet krank geworden war und die Schule für ihn deshalb erst zur dritten Stunde begann, weil sich so kurzfristig keine Vertretung hatte finden lassen. Andererseits – wenn er jetzt eine Ewigkeit auf den nächsten Bus wartete, konnte er vor der Wohnung seiner Eltern gleich über die Straße gehen und in den nächsten zurück zur Schule einsteigen, weil er ansonsten zu spät kommen würde.  
Was für ein Scheißtag! Heute lief aber auch nichts so, wie er es wollte!
 
Wieder verärgert raufte er sich die kurzen Haare und überlegte, wie er am Besten in die Armgard-Straße und damit noch zu einer Mütze voll Schlaf kommen konnte, als plötzlich ein Auto neben ihm hielt und die Beifahrertür aufschwang.
 
Irritiert runzelte Jan die Stirn und beugte sich herunter, um dem Fahrer des Wagens – ein rotes Golf Cabrio mit geschlossenem Verdeck – ins Gesicht sehen zu können. Es war ein junger Mann, ungefähr im Alter seines Bruders. Schwarze, lockige Haare, unauffälliges Gesicht, schlaksiger Körperbau. Ein Durchschnittstyp.  
„Na“, fragte dieser und schaute ihn mit einer Mischung aus Mitleid und Belustigung an. „Bus verpasst?“  
Jan verzog die Mundwinkel. Was für eine bescheuerte Frage!
 
- Nein, du Superhirn, - dachte er und verdrehte innerlich die Augen. - Ich warte auf das nächste Flugzeug nach TakaTuka-Land... -
 
„Ja, sieht ganz so aus“, antwortete er dennoch halbwegs freundlich und zog wieder an seiner Zigarette. „Was ist, kannst du mich mitnehmen?“  
Der Fahrer schien etwas überrascht ob dieser direkten Art, nickte aber und räumte seine Tasche vom Beifahrersitz, damit Jan dort Platz nehmen konnte. Was dieser auch mit einigem Schwung tat, während er fast gleichzeitig die Tür hinter sich zufallen ließ.
 
„Danke, Mann.“  
Der Ältere grinste breit und lenkte den Wagen wieder auf die Straße.
 
„Du bist ja drauf“, sagte er und trat so kräftig auf das Gaspedal, dass der Junge beinahe seinen Glimmstängel verschluckt hätte.  
- Himmel! – schoss es ihm durch den Kopf. - Und du bist garantiert nicht legal an deinen Führerschein gekommen! -  
„Wo willst du denn überhaupt hin? Ich hoffe, nicht in die Innenstadt...“  
Jan schüttelte den Kopf und blies eine Wolke grauverschleierten Nebels durch die Nasenlöcher ins Wageninnere.
 
„Nein“, antwortete er. „Ich wohne in der Armgard-Straße.“  
Wieder setzte der Andere ein Grinsen auf.
 
„Schule schwänzen, was? Sind deine Eltern nicht zu Hause?“  
Jan biss die Zähne aufeinander und unterdrückte nur mühsam den Impuls, den Mann anzuknurren. Was hatte ihn das so brennend zu interessieren? Der Schwarzhaarige schien gemerkt zu haben, dass ihm seine Fragerei auf den Wecker fiel.
 
„Schon gut, schon gut“, meinte er deshalb rasch. „Es geht mich ja auch nichts an. Zur Armgard-Straße kann ich dich bringen, ich muss allerdings einen kleinen Umweg machen, wenn dich das nicht stört. Dauert auch nicht lange. Fünf Minuten, höchstens.“  
Es störte ihn zwar gewaltig, aber Jan nickte trotzdem. Was sollte er schon anderes tun? Hätte er widersprochen, wäre vermutlich gleich wieder Aussteigen angesagt gewesen. Und die kurze Zeitspanne würde er wohl mit diesem Trottel überleben, auch wenn er daran zweifelte, dass für den Fahrer das Selbe galt, wenn er weiterhin so intelligente Nachforschungen anstellte...
 
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Zu seinem großen Glück – oder dem von Johann (so der Name des jungen Mannes) – verschonte dieser ihn ab jenem Punkt weitestgehend mit seinen Nervereien und beschränkte sich größtenteils auf die Erledigung seiner Wege, wegen derer er sich heute Morgen ins Auto geschwungen hatte.  
Jan betrachtete unterdessen gelangweilt die Umgebung, während er eine zweite Zigarette rauchte. Er hatte nicht gefragt, ob er in Johanns Wagen eine qualmen durfte, aber da sich der Mann nicht darüber beschwert hatte, ging er einfach frech von einer Einwilligung aus.
 
‚Dreistigkeit siegt‘, sagte sein bester Kumpel immer, und auch, wenn es Jan ganz gehörig ankotzte, er schien tatsächlich Recht damit zu haben.  
Aber so war das eben heutzutage. Alle nahmen sich einfach das, was sie wollten, sogar die Kleinen.
 
Jan runzelte die Stirn.
 
Es war wirklich wahr: Nicht mal mehr auf die Jugend konnte man spucken.
 
- Was für eine beschissene Welt... -
 
Johann nahm wieder auf dem Fahrersitz Platz und schnallte sich an.
 
„So“, verkündete er. „Ich habe wohl erst einmal alles soweit erledigt, was ich schaffen wollte. Wenn du möchtest, kann ich dich jetzt in die Armgard-Straße fahren.“  
Er sah Jan fragend an und lächelte dabei etwas schief. Dieser nickte nur kurz. Was sollte er denn sonst wollen? Einen schnellen Fick vielleicht? Vollidiot!
 
„Na dann – weiter geht´s!“  
Der Zündschlüssel drehte sich im Schloss, das Cabrio rollte wieder an. Der Blondschopf war kurz davor, erleichtert aufzuatmen. Er hasste Gesellschaft, besonders die von so redseligen Menschen wie Johann, doch er beherrschte sich auch dieses Mal und blickte einfach weiterhin aus dem Fenster.
 
Gleich hatte er es überstanden und war endlich in der Lage, sich in die Stille seines Zimmers zurückzuziehen. Wenn Jan ehrlich war, konnte er es kaum noch erwarten, kraftvoll die Tür hinter sich zuzuschlagen und wie immer seine Mutter dabei zu ignorieren, die ob des ‚unerträglichen Krachs‘ auf ihn schimpfte.  
Ein leicht spöttisches Schmunzeln stahl sich auf seine Lippen.
 
Er war ja so ein böses Kind...
 
Auf einmal musste er grinsen.
 
Gott, und er liebte es!
 
„Was ist so lustig?“, wollte Johann neugierig wissen und riss ihn somit aus seinen Gedanken.  
Jan blinzelte wegen der Störung verwirrt und winkte dann nachlässig ab. „Oh“, machte er. „Nichts Besonderes. Fahr einfach!“  
Der junge Mann brummelte noch irgendetwas in Richtung ‚unfreundlich‘, ließ es jedoch dabei bewenden und lenkte sein Automobil weiter durch die Stadt. Wahrscheinlich würde er nach ihm nie wieder einen Jugendlichen mitnehmen, überlegte Jan, doch im Grunde konnte ihm das ja egal sein.  
Genauso egal wie die Landschaft, die draußen vorbeizog. Ein einziges Grau-in-Grau. Die Außenbezirke der Stadt waren – wie fast alle Neubaugebiete in größeren Wohnorten – nicht nur überaus einfallslos gestaltet, sondern auch noch dermaßen hässlich, dass er sich wirklich wunderte, warum überhaupt Leute dort einzogen. Mit dem Mietshaus in der Armgard-Straße hatte seine Familie da noch echtes Glück gehabt: Das großzügige Waldstück, welches dort an die Stadt grenzte, schaffte erfrischende Abwechslung zu der Eintönigkeit der Betonbauten, die überall dicht bei einander standen.  
Hier war es ja nicht anders: Ein Wohnhaus, ein beengtes Geschäft, wieder ein Wohnhaus, eine schmale Hofeinfahrt, eine kleine Seitenstraße...
 
Plötzlich stutzte er und packte Johann kräftig am Arm.
 
„Halt an!“ schrie er und prallte unsanft gegen den Gurt, als der Wagen mit einem Ruck zum Stehen kam. Hastig löste er die Schnalle aus dem Verschluss und schnappte sich seine Tasche.  
„Hey! Verdammt!“ Johann fluchte. „Was ist denn los?“  
Jan hatte keine Zeit zum Antworten, er war bereits durch die geöffnete Beifahrertür nach draußen gesprungen und hielt an dieser nur kurz inne.
 
„Tut mir leid, Mann“, keuchte er. „Und danke fürs Mitnehmen!“  
Er knallte die Tür zu und spurtete das Stück Weg zurück, das er soeben noch im Auto gefahren war. Er konnte kaum glauben, was er gerade gesehen hatte. Das musste doch ein Irrtum sein?!
 
Doch es war keiner. Als Jan bereits nach Atem ringend um die nächste Ecke bog, erblickte er genau das, was er durch das Fenster des Cabrios zu sehen geglaubt hatte: Einen dunkelhaarigen Jungen, der mit angezogenen Beinen scheinbar bewusstlos an der Hauswand in seinem Rücken lehnte.
 
Jan starrte ihn einen Moment lang an, dann ließ er seine Tasche fallen und ging eilig vor dem Anderen in die Knie. Er fühlte den Puls des Fremden und stellte erleichtert fest, dass er ruhig und normal schlug. Auch Fieber schien der Junge keines zu haben, wie Jan ertasten konnte, lediglich seine Haut war etwas kühl, der Atem leicht unregelmäßig, doch verletzt war er wohl ebenfalls nicht.
 
Der Blonde seufzte. Was für ein Glück - es war wohl nichts Ernstes passiert. So, wie der Kleinere dasaß, konnte man fast meinen, er würde schlafen.
 
Jan runzelte abermals die Stirn, verwarf den Gedanken jedoch. Lächerlich! Niemand, der halbwegs bei klarem Verstand war, schlief mitten auf der Straße! Noch dazu, bei den Temperaturen.
 
Aber was sollte er jetzt mit ihm machen?
 
Er rüttelte ihn vorsichtig an der Schulter, bekam jedoch keine Reaktion. Ob es wohl besser war, ihn ins Krankenhaus zu bringen?
 
Er betrachtete den Schwarzhaarigen eingehend und konnte sich nicht ganz entscheiden. Die kurzen Strähnen hingen dem Jungen völlig zerzaust in die Stirn, bedeckten teilweise fast vollständig die geschlossenen Augenlider. Der feingliedrige Körper war in dicke Kleidung eingepackt, trotzdem zitterte er leicht. Das blasse Gesicht wirkte sanft, fast verletzlich, und war äußerst fein geschnitten: Hohe Wangenknochen, schmaler Kiefer, leicht geschwungene Augenbrauen, volle Lippen.
 
Ein hübsches Kerlchen, das ließ sich nicht leugnen.
 
Jan sah sich einen Moment zögernd um, konnte jedoch niemanden in seiner Nähe entdecken. Er atmete tief ein. Dann ging er vor dem Jungen in die Hocke und lud sich diesen vorsichtig auf seinen Rücken, hängte die Arme des Dunkelhaarigen über seine Schultern und stemmte sich hoch.
 
Er sammelte etwas mühselig seine Tasche und die des Fremden ein und machte sich auf den Weg. Er hatte einen Entschluss gefasst, und wenn er ihn umsetzen wollte, musste er sich beeilen...