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Romeo und ... Julian? Teil 4 bis 6

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- Es gibt auf der Welt genau drei Dinge, von denen man niemals vorher wissen wird, wie sie enden: Liebe, Revolution und Karriere. -
Spruchweisheit

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Kapitel IV – …findet mal einen Freund 
 
Terence Frederick Taileen saß in seinem Arbeitszimmer am Schreibtisch und zerstocherte gelangweilt mit seinem Kugelschreiber einen von Jokers ausrangierten Gummiknochen. Er hatte einen Arm auf die Tischplatte gestützt und lehnte mit seinem Kinn in der angewinkelten Handfläche, während er ohne große Anstrengung immer wieder das hässliche, blassrosa Gebilde durchstach, dem noch immer der unangenehme Geruch schleimigen Hundesabbers anhaftete.
 
Das Einzige, was ihn daran hinderte, vor Eintönigkeit alle paar Minuten herzhaft zu gähnen, war vermutlich die Tatsache, dass er vollkommen ausgeschlafen und nicht mehr im Geringsten müde war. Obwohl seine Frau und er am Vorabend noch lange über ihre Zukunftspläne in der für sie neuen Stadt diskutiert hatten und beide erst spät ins Bett gekommen waren, hatte er beim Aufstehen kaum Probleme gehabt und war kurz vor der Badezimmertür schon putzmunter gewesen.
 
Einfach grässlich…  Normalerweise neigte er nicht dazu, ein Frühaufsteher zu sein und besonders heute hätte er eigentlich einen Grund, sich wieder ins Bett zu legen und die nächsten Stunden einfach zu verschlafen, gut gebrauchen können.
 
Er langweilte sich noch zu Tode!
 
Terence legte Kugelschreiber und Gummiknochen beiseite und streckte sich ausgiebig, wobei er das laut vernehmliche Knacken in seinem Genick kurzerhand ignorierte. Schließlich erhob er sich und ließ seine Augen durch das Zimmer schweifen. Es war ein großer, weiß gestrichener Raum, ausgerüstet mit allerlei Geräten zur Untersuchung und Behandlung von kranken Tieren, von einfachen Spritzen bis hin zu aufwendigem Operationsbesteck, das er – zum Glück – jedoch in seiner bisherigen Laufbahn als Tierarzt nur selten benötigt hatte. 
Er seufzte schwer und ließ die Hände in den beiden Taschen seines ausladenden weißen Kittels verschwinden. Die neue Praxis hatte seine Familie ein halbes Vermögen gekostet, dafür war sie aber auch gefüllt mit den modernsten Anlagen und optimal vorbereitet für die medizinische Versorgung von Notfällen, hatte ein großes Wartezimmer und sogar einen eigenen Empfangsraum, der früher noch aus dem Hausflur des alten Familienanwesens bestanden hatte. Sie waren extra hierher gezogen, weil sie das Haus, in dem sie die Praxis errichtet hatten, so günstig zu erwerben in der Lage gewesen waren – und weil seine Frau hier sofort eine Stelle als Sportärztin gefunden hatte. 
Ja, und er musste zugeben, sie hatten sich wirklich ein kleines Schmuckstück eingerichtet. Sein Blick verfinsterte sich. Trotzdem war noch kein einziger Tierbesitzer zu ihm gekommen, um einen Patienten untersuchen zu lassen. Das war wirklich mehr als frustrierend...
 
Ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass seit seinem letzten noch weniger Zeit vergangen war, als er eh schon befürchtet hatte und ließ seine Miene noch etwas mürrischer werden, als sie schon war. Das laute Klopfen von der Zimmertür lenkte seine Aufmerksamkeit jedoch vorerst von der unbefriedigenden Acht auf dem Zifferblatt ab.
 
Abermals leise seufzend wandte er sich um.
 
„Herein bitte!“  Eine kleine, etwas untersetzte Dame betrat den Raum und schenkte dem jungen Mann beim Anblick seines finsteren Gesichtsausdruckes ein freundliches Lächeln.
 
„Ach herrje!“, machte sie und stellte das rundliche Tablett, das sie mitgebracht hatte, auf ein kleines Tischchen nahe der Fensterfront. „Sie ziehen ja einen Flunsch von hier bis England, Mr. Taileen.“  Dieser gab ein unwilliges Grunzen von sich und blies dabei eine seiner nachtschwarzen Haarsträhnen aus seiner Stirn.
 
„Ich habe ja auch jeden Grund dazu, Mrs. Harris!“, antwortete er wütend. „Seit zwei Wochen wohnen wir schon hier und haben in dieser Zeit jede Menge Flugblätter verteilt und Tonnen davon an Bäumen aufgehängt, sogar in der Zeitung inseriert. Aber noch kein einziges Tier saß bei mir auf dem Tisch, um untersucht zu werden!“ Er nahm seine Hände aus den Kitteltaschen und verschränkte die Arme vor der Brust. „Da hat doch leibhaftig der Teufel seine Finger im Spiel…“  Mrs. Harris sog scharf die Luft ein.
 
„Aber Mr. Taileen!”, rief sie empört und zeichnete hastig ein Kreuz über ihrem Oberkörper. „So etwas sagt man doch nicht!”  - Wenn man es auch so meint, schon… - dachte er finster, hütete sich aber, seine Gedanken laut auszusprechen. 
Mrs. Harris nahm eine kleine, rote Teekanne von dem Tablett und goss etwas von der dampfenden Flüssigkeit in eine der zwei Tassen, die sich darauf befanden. Ein herrlicher Duft nach frischer Minze erfüllte den Raum und beruhigte sofort Terences Nerven.
 
„Außerdem“, fuhr die schon etwas ältere Frau fort. „Wollen sie doch wohl nicht behaupten, dass sie sich neuerdings darüber freuen, kranke Tiere in ihrer Praxis zu haben, oder?“  Terence nahm ihr vorsichtig die Tasse ab, die sie ihm reichte und gab aus dem Zuckertopf, den sie außerdem mitgebracht hatte, ein paar Stücke Kandis in den heißen Tee.
 
„Nein, natürlich nicht!“, erwiderte er ein wenig zerknirscht. „Ich liebe Tiere – das wissen Sie doch. Und ich wünsche ihnen nur das Beste. Aber um bei der Wahrheit zu bleiben, würde sich ein bisschen Geld in unserer Kasse sicher äußerst beruhigend auf die Nerven unserer Bank auswirken, die immerhin den Kredit für diese Praxis gestellt hat.“  Er trank kurz einen Schluck Pfefferminztee und genoss das Gefühl der sich langsam in seinem Magen ausbreitenden Wärme.
 
„Na ja, das stimmt schon…“  Mrs. Harris griff nun nach ihrer eigenen Tasse und wog sie bedächtig in der Hand.
 
„Aber wissen Sie, Mr. Taileen, mit den Menschen ist das eben so eine Sache. Sie sind im Grunde auch nur ‚Gewohnheitstiere’. Und wenn sie erst mal einen Arzt gefunden haben, den sie für qualifiziert halten, warum sollten sie dann zu einem anderen wechseln? Sicher sind Sie ganz ohne Zweifel einer der Besten auf ihrem Gebiet, aber Sie müssen sich schon ein wenig gedulden.“  Sie lächelte wieder und schlürfte behutsam den feinen Milchfilm von der Oberfläche ihres Getränkes. Sie liebte es einfach, ihren Tee mit einem Schuss Milch zu trinken. Terences rechte Augenbraue zuckte leicht. So wie seine Frau sich gerne einen ordentlichen Schluck Rum dazugoss, diese kleine Schnapsdrossel. Nein, um ehrlich zu sein goss sie sich eher Tee in den Rum als umgekehrt…  „Geben Sie den Leuten die Zeit, sich an Sie heranzutasten.“  Die Frau lachte gurgelnd und wandte sich wieder dem Durchgang zum Empfangsraum – ihrem Arbeitsplatz – zu. 
„Außerdem haben wir gerade mal seit einer halben Stunde geöffnet. Was erwarten Sie?“  Mit diesen Worten verschwand sie nach draußen und zog die schwere Eichentür hinter sich ins Schloss. Terence sah ihr einen Moment lang nach und seufzte dann resigniert – zum dritten Mal in den letzten zehn Minuten. Er wusste, dass Mrs. Harris Recht hatte. Heute war der erste Tag, an dem seine Praxis überhaupt besucht werden konnte und so viele Tierbesitzer gab es hier wahrscheinlich nun auch wieder nicht, als dass sie ihm gleich die Wände einrennen würden. Soweit er wusste, hatte er nur einen einzigen Konkurrenten, und der residierte am anderen Ende der Stadt. Die Leute, die in der Nähe wohnten, würden sich schon noch früh genug dazu entscheiden, einmal „den Neuen“ auszuprobieren, da war er sich sicher. 
Er würde bis dahin einfach der englischen Tradition folgen und in Ruhe seinen Tee genießen, wie es sich für einen geborenen Engländer eben auch gehörte. Genau. Das würde er machen.
 
Mit neuem Mut und einem weiteren Brocken Kandiszucker in der Tasse durchschritt er – jetzt schon besser gelaunt – das Behandlungszimmer und stellte sich ans Fenster, um durch die Gardienen etwas hinaus in den Morgen zu spähen. 
Mrs. Harris war wirklich ein Hausengel. Mit ihrem heiteren und freundlichen Wesen schaffte sie es irgendwie immer, ihn selbst in den trübsinnigsten Stimmungen wieder aufzuheitern. Sie hatte schon für seinen verstorbenen Vater gearbeitet und die Familie begleitet, als diese aus London zuerst aufs Land und dann nach Deutschland gezogen war. Sie selbst hatte außer ihrer Tochter keine Angehörigen mehr, doch Marie-Ann lebte schon seit Jahren mit ihrem Mann in Amerika und pflegte kaum noch Kontakt zu ihrer Mutter. Mrs. Harris litt sehr darunter, daher hatte Terence beschlossen, sie trotz ihres fortgeschrittenen Alters weiter bei sich als Sprechstundenhilfe zu beschäftigen und ihr sogar eine eigene kleine Wohnung im Haus der Familie eingerichtet, in die sie sich zurückziehen konnte, wenn ihr Chris’ und Jokers Spieltrieb zu viel wurde. Meistens jedoch verbrachte sie die Zeit mit ihm und seiner Frau zusammen in der Wohnung der Taileens und machte sich nützlich. 
Vanessa – seine Gemahlin – hatte ihr schon mehrmals gesagt, dass sie das nicht zu tun brauchte, doch scheinbar machte sie es gern. Sie bereitete das Essen für seine beiden Söhne zu, hängte die frische Wäsche auf oder saugte Staub, wenn Vanessa noch auf der Arbeit war. 
Wirklich, er mochte die alte Dame. Außerdem kochte sie fantastischen Tee…  Ein in der Nähe bellender Hund brachte ihn auf andere Gedanken und ließ ihn den Kopf schütteln.
 
- Man sollte jemanden nicht nur mögen, weil er gut kochen kann! -
 
Er wollte sich gerade von dem Anblick der im schwachen Sonnenlicht auf dem Rasen glitzernden Tautropfen abwenden, als ein am Haus vorbeigehender Junge ihn erstaunt innehalten ließ.
 
Er war ungefähr durchschnittlich gebaut, etwas zu groß für das Alter, das er haben musste und hatte kurze, wild wachsende blonde Haare, die ihm vom Wind aus der Stirn geweht wurden. Seine Kleidung bestand aus einer ausgewaschenen Jeanshose, dreckigweißen Turnschuhen und einem hellen Anorak. Aber was Terence an dem Jungen mit den zwei Schultaschen wirklich interessierte, war nicht etwa dessen Aussehen, sondern viel mehr das, was er auf dem Rücken trug: Seinen jüngsten Sohn!
 
Ein erschrockener Aufschrei löste sich draußen vor der Tür aus Mrs. Harris’ Kehle, als Terence die Tasse aus der Hand rutschte und mit einem lauten Klirren auf dem Fliesenboden zerschellte. Noch bevor die einzelnen Porzellansplitter sich über diesen verteilen konnten, war Herr Taileen schon auf dem Absatz herumgefahren und auf dem Weg zum Flur. Im Laufschritt durchquerte er Behandlungs- und Empfangsraum, übersprang die drei Stufen hinunter zum Windfang und riss mit einer einzigen, kraftvollen Bewegung die Haustür auf. 
„CHRIS!“  ~~o0@0o~~
 
Jan ächzte gequält, als ihm das Bein des fremden Jungen aus der Hand rutschte und sich dessen rechter Hacken wuchtig in seinen Oberschenkel bohrte. Er fluchte leise und hielt einen Moment inne, um seine Lungen wieder mit Luft zu füllen, dann griff er über seine Schulter. An der Kapuze zerrte er das schmächtige Kerlchen wieder halbwegs gerade auf seinen Rücken, packte den Schwarzhaarigen fester und trottete weiter.
 
Heute war offenbar nicht sein Tag. Stress in der Schule, den Bus verpasst, als Anhalter den totalen Idioten erwischt und jetzt diese kleine Schnarchnase auf dem Buckel – einfach großartig…  Er hatte Anfangs wirklich geglaubt, sich verhört zu haben, aber der Junge war tatsächlich nicht etwa ohnmächtig, wie er zunächst gedacht hatte, nein, er pennte ganz einfach!
 
War das zu fassen?
 
Mitten auf dem Gehweg. Und noch dazu bei der morgendlichen Kälte!
 
Er schnorchelte ihm sogar ins Ohr und als sie vorhin an einer Bäckerei vorbeigegangen waren, hatte er irgendetwas von ‚Nutellatoast’ gefaselt und ihn ins Ohrläppchen gebissen! 
Jan hätte ihn beinahe fallen gelassen vor Schreck und Schmerz, so kräftig hatte dieser verfluchte Minikannibale seine Zähne in das weiche Fleisch gegraben. Und als wenn das noch nicht genug gewesen wäre, sabberte er ihm schon seit geraumer Zeit auf die Jacke…  - Großartig! -
 
Der Blondschopf seufzte entnervt.
 
Da hatte er sich wirklich jemanden angelacht! Eigentlich hatte er ihn ja beim Hausarzt seiner Familie abliefern und dann wieder zur Schule gehen wollen, aber nachdem er festgestellt hatte, dass dem Jungen gar nichts fehlte, war das überflüssig gewesen. Deshalb hatte er sich entschlossen, ihn zu sich nach Hause zu bringen und dort in seiner Tasche nach einem Ausweis oder ähnlichem zu suchen, um die Eltern des Fremden zu benachrichtigen.
 
Aber der Weg dorthin war ziemlich weit von der Stelle entfernt, wo er ihn gefunden hatte und so langsam ging ihm die Puste aus.
 
Er begann allmählich echt zu bedauern, dass er immer den Sportunterricht geschwänzt hatte. Gerade das Ausdauertraining war ihm stets zuwider gewesen, aber jetzt hätte es sich ohne Zweifel bezahlt gemacht. Vorhin hatte er ja noch den Eindruck gehabt, der Kleine wäre leicht, aber inzwischen hatte sich diese Ansicht geändert: Entweder hatte der Typ Steine im Bauch oder einen faszinierend schweren Knochenbau – der wog ja mindestens eine halbe Tonne! 
Jan runzelte die Stirn und blieb irritiert stehen, als etwas kleines, hartes beim Laufen immer wieder gegen sein linkes Bein schlug. Er sah an sich herab und entdeckte überrascht ein Paar Kopfhörer, das an dünnen schwarzen Kabeln im Wind baumelte. Er verfolgte das Gespann mit den Augen zurück und erkannte, dass es aus der Jackentasche der kleinen Schlafmütze heraushing, die noch immer auf seinem Rücken pennte. Offenbar hatte er vorm Einnicken noch irgendwelche Lieder gehört.
 
Er wusste nicht warum, aber plötzlich interessierte es ihn, was so ein seltsamer Junge wie dieser wohl für Musik hörte. Er angelte sich also vorsichtig mit einer Hand die Stöpsel und steckte sie sich einen davon – so gut es eben in seiner Position ging – ins Ohr. Um an den Discman in der Tasche des Kleinen heranzukommen, musste er sich zwar fast den Arm brechen, schließlich hatte er es aber geschafft und ertastete mit den Fingerkuppen den „Play“-Knopf, während er langsam weiterging. 
Als die ersten Töne des Liedes erklangen, weiteten sich seine Augen in ungläubigem Erstaunen…   
„Our sun is set, our day is done, I'm left here wondering
Is this the end, my final words to you?
Day turned to night and now you're gone, I'm left here pondering
Can this be true, are we really through?

You were the wind beneath my wings, taught me how to fly
With you I lived among the kings, how could this ever die?

So I say farewell, I'm yours forever,
and I always will be

We were one, we were all, we were the only
Future full of hope, nothing could stand in our way
But dreams can change, visions fall, I feel so lonely
I would walk through fire for just one more day

You were the angel of my life, taught me to be free
Now I'm a stranger in your eyes, walls are closing in on me

So I say farewell, I'm yours forever
And I always will be
Missing you, in my heart you are The One
And you always will be

When I turn to the east, I see no dawn,
but after darkness comes the light
When I turn to the west, the silent night hides all
Where is the light that shines so bright?

So I say farewell, I'm yours forever
And I always will be
Missing you, in my heart you are The One
And you always will be

Nah-nah-na ... and you always will be
Nah-nah-na ... and you always will be
And you always will be
my Little One you are
And you always will be…”  
 
Das Lied kannte er – sehr gut sogar! Es stammte von einer Metal-Gruppe, von der er selbst mehrere CDs besaß, nämlich Hammerfall. Aber so ein Knirps und Metal?! Jan lächelte spöttisch. Das waren ja nahezu weltbilderschütternde Erkenntnisse. Er hatte bisher immer geglaubt, solche Teddybären stünden eher auf das Sandmännchen und die Anfangsmelodie von Sailor Moon…  Aber Metal??
 
Welche Gruppen er wohl noch mochte? Just for Fun spielte Jan die restlichen Lieder auf der CD auch noch an und war gar nicht verwundert, Stücke von Interpreten wie Blind Guardian, Stormwitch, Rhapsody, Gamma Ray und sogar Manowar zu hören, wobei ihm letztere ein schallendes Lachen entlockten.
 
Erschrocken blieb er stehen und schlug sich hastig die Hand vor den Mund. Er wartete einen Moment mit angehaltenem Atem, ob er den Kleinen mit seinem Ausbruch geweckt hatte, schien aber Glück gehabt zu haben – der Junge schlief friedlich weiter, ohne auch nur mit einer einzigen Wimper zu zucken. 
Jan ließ abermals stirnrunzelnd den Arm sinken und schüttelte langsam den Kopf. Was sollte das denn werden – Winterschlaf? 
Doch dann musste er wieder grinsen.
 
- Oh Mann, wenn die Jungs von Manowar wüssten, dass so ein verweichlichter Milchquark auf sie steht, würden sie sich bestimmt erhängen. Wo sie sich doch selbst die ‚Kings of Heavy Metal’ nennen und total auf harte Kerle machen… - 
Er löste den Stecker aus seinem Ohr und verstaute die Kopfhörer wieder in der schlabberigen Jackentasche des Anderen. Dann pustete er dem Schwarzhaarigen belustigt eine der dunklen Strähnen aus der Stirn und schmunzelte versonnen.
 
Seine Stimme klang fast bedauernd, als er leise zu dem Schlafenden sprach.
 
„Weißt du was, Schnarchzwerg? Wenn ich nicht so extrem gegen enge Freundschaften wäre, könntest du glatt interessant sein…“  Dann stutzte er. Waren diese Worte gerade tatsächlich aus SEINEM Mund gekommen?
 
Nein, das konnte er unmöglich ernst gemeint haben!
 
So etwas würde er sich nicht noch einmal antun. Keine falschen Freunde mehr, keine Intrigen, kein Verrat! Er hatte genug davon, anderer Leute Spielball zu sein und er war niemand, der aus seinen Fehlern nicht lernte. Eine solche Bindung kam für ihn nicht mehr in Frage. Aus, Basta, Schluss! Da war er alleine besser dran, obwohl er ja nicht leugnen konnte, dass er zumindest einen recht guten Kumpel hatte – auch wenn er stets darauf bedacht war, diesen nicht näher an sich heran zu lassen. 
Eine Welle schmerzhafter Erinnerungen überkam ihn, als er sich das Bild seines damals besten Freundes in Gedanken rief, der ihn so grausam hintergangen hatte. Ein gutaussehender Junge mit schwarzem Haar und blauen Augen, einem muskulösen Körperbau, beliebt bei allen Klassenkameraden...
 
Wütend schüttelte er es ab.
 
- Das ist ewig her, du Idiot, und du trauerst ihm immer noch nach! Er war ein Arschloch – ein Arschloch! Merk dir das endlich! - 
Trotzdem konnte er den bitteren Nachgeschmack in seinem Mund nicht ganz verdrängen, der plötzlich aufkam, als irgendetwas in seiner Brust sich zusammenzuziehen begann.
 
Verächtlich spuckte er auf den Bürgersteig und bog in eine weitere Seitenstraße ein.
 
- Elendes Weichei! -
 
Ein helles Winseln riss Jan schließlich aus seinen Gedanken. Erstaunt sah er sich um und entdeckte hinter sich einen großen, schwarzbraunen Schäferhund, der keine zehn Meter entfernt an der Straßenecke stand und ihn aufmerksam beobachtete.
 
Jan zog eine Augenbraue hoch und blieb stehen. Hatte der Köter da gerade IHN gemeint? Er verzog die Mundwinkel. So ein Quatsch! Er kannte das Tier ja gar nicht. Langsam drehte er sich um und ging einen Schritt weiter, als das Winseln erneut erklang. Überrascht blieb er abermals stehen und wandte sich diesmal ganz dem Tier zu.
 
„Was willst du denn?“, fragte er und kam sich dabei reichlich albern vor, denn er glaubte nicht, dass der Hund ihm eine zufriedenstellende Antwort geben würde. Also versuchte er es anders. 
„Hör mal, ich hab nichts zu fressen für dich, okay? Außerdem muss ich mich beeilen: Es ist nicht gerade kuschelig und das Sabberlätzchen hier wird sich noch erkälten, wenn ich mir so lange Zeit lasse, verstehst du?“  Zu seiner Verwunderung schien der Hund tatsächlich zu verstehen, denn er bellte einmal laut und setzte sich dann klaglos auf die Hinterläufe, fast so, als wolle er sein Einverständnis bekunden.
 
Jan lächelte schief.
 
„Herzlichen Dank auch…“  Dann drehte er sich – zum hundertsten Male, wie es ihm vorkam – um und stapfte die Straße hinunter. Wirklich weit kam er allerdings auch diesmal nicht…  Er war gerade auf Höhe der neuen Tierarztpraxis angelangt, die keine drei Straßen von seiner eigenen Wohnung entfernt aufgemacht hatte, als ein ohrenbetäubender Knall ertönte, der Jan erschrocken zusammenzucken ließ. Ein Mann in einem weißen Kittel brüllte irgendeinen Namen und stürmte den Kieselsteinweg hinunter auf ihn zu. Er riss Jan förmlich den fremden Jungen von den Schultern und überhäufte ihn sofort mit Fragen und Anschuldigungen, die so wirr waren, dass der Blondschopf kein einziges Wort davon verstand. Dazu kam noch das aufgeregte Gebell des Hundes, der sich jetzt auch in die ‚Unterhaltung’ einzumischen begann und das dermaßen laut war, dass Jan meinte, ihm müsse gleich das Trommelfell platzen. Als dann schlussendlich auch noch eine alte Oma auf die Straße gerannt kam und anfing, auf ihn einzureden, gab er es endgültig auf, den Kern der Situation begreifen zu wollen. 
Es war eben einfach nicht sein Tag… Eine halbe Stunde später saß Jan auf der Couch im Wohnzimmer der Familie Taileen und wartete nervös auf die Rückkehr des Hausherren. Verlegen starrte er in die irdene Teetasse, die vor ihm auf dem Tisch stand und beobachtete den heißen Wasserdampf, der daraus aufstieg, während sich ein weißes Zuckerstück in der Flüssigkeit auflöste. Er hatte den Kopf leicht eingezogen, die Beine eng nebeneinander gestellt und versuchte, sich so klein wie möglich zu machen, um bloß nicht unangenehm aufzufallen.
 
Er hatte noch nie in seinem Leben ein so riesiges Zimmer gesehen, geschweige denn mittendrin herumgesessen, und er fühlte sich zwischen all dem eleganten Mobiliar und den vornehmen Spitzendeckchen irgendwie unheimlich fehl am Platz. Der Raum allein musste schon mindestens so groß sein wie die Wohnung seiner Eltern und war von oben bis unten vollgestopft mit teuer aussehenden Möbeln aus dunklem Holz, schweren Teppichen, die von den Wänden hingen, aufwendigen Ölbildern sowie diversen kostbaren Einrichtungsgegenständen, wie Vasen, Kerzenhaltern und dergleichen, die auf Tischen, Bücherregalen, Kommoden, einem Sekretär und anderen Ablagemöglichkeiten standen und für jemanden wie ihn absolut unbezahlbar aussahen.
 
Allein um die ganzen Sachen in Gedanken aufzuzählen, musste er schon zweimal Luft holen!
 
Wenn er irgendetwas von dem Zeug kaputt machte, würden ihm seine Eltern den Hals umdrehen – und ihm obendrein wahrscheinlich für den Rest seines Lebens kein Taschengeld mehr zahlen…  Ein leises Seufzen entrang sich seinen Lippen, und er fragte sich bestimmt schon zum tausendsten Mal in den letzten dreißig Minuten, wie er nur in solch eine Situation hatte geraten können.
 
Der Mann in dem weißen Kittel, der ihn so ‚grob begrüßt’ hatte, war offenbar der Vater des Jungen, den er von der Straße aufgelesen hatte. Auch der Hund gehörte zu dem kleinen Kerl, und offenbar hatte er seinem Herrchen nützlich sein wollen und war deshalb nach Hause gelaufen, um Hilfe zu holen, auch wenn dem Schwarzhaarigen allem Anschein nach ja gar nichts fehlte. Deshalb hatte er ihn auch angewinselt: Er musste besorgt gewesen sein. Die dicke Knutschkugel – Jan verbesserte sich in Gedanken hastig – die ältere Dame war wohl auch Teil des Hausstandes und so etwas wie eine Angestellte, die Empfangsdame um genau zu sein, und noch dazu eine Freundin der Familie. 
- Einer Familie mit viel Geld… – wie er für sich feststellte, während er sich weiter in dem Raum umsah. Wirklich – Arzt zu werden schien sich heutzutage noch richtig zu lohnen. Vielleicht hätte er doch nicht auf eine Karriere als Profifußballer hinarbeiten sollen…  „So, da bin ich wieder!“  Jan hob den Kopf, als Herr Taileen eintrat und unterdrückte den Impuls, ihm sofort zu beteuern, dass er nichts angefasst hatte. Der Mann schien das auch so zu wissen, denn er lächelte warm, als er die verkrampfte Haltung seines Gastes bemerkte.
 
„Du kannst dich ruhig entspannen.“, sagte er deshalb freundlich. „Meine beiden Söhne toben hier regelmäßig mit dem Hund durch und da geht auch nur wenig zu Bruch. Dein Atem wird also kaum irgendetwas Teures umwerfen…“  So ironisch das auch geklungen hatte, Jan war sich gar nicht so sicher, ob es wirklich der Wahrheit entsprach. Er war noch nie in einem Haus mit mehr als zehn Räumen gewesen, und normalerweise waren diese dann auch nicht so teuer eingerichtet. Die meisten Buchrücken konnte er gar nicht entziffern, weil sie in fremdartigen Sprachen geschrieben waren, die Vasen hatten einen verschnörkelten, ausländischen Stil, die Teppiche schienen handgewebt und so weiter – es war einfach der Wahnsinn! In seinem Zimmer zu Hause standen genau vier Möbelstücke: Sein Bett, ein Schreibtisch, ein Schreibtischstuhl und ein Nachtschrank. Das war’s. Mehr besaß er nicht und würde er wohl auch nie besitzen, jedenfalls nicht in der Zweizimmerwohnung seiner Eltern. Den Kleiderschrank musste er sich mit seinem Bruder teilen. Sie hatten halt nicht die Mittel, um einen zweiten zu kaufen. 
Jan errötete tief.
 
Auf einmal schämte er sich dafür, so wenig Geld zu besitzen. Im Vergleich zu diesen Leuten war er ein armer Schlucker. Er hatte hier überhaupt nichts verloren…  „Was ist los?“  Jan zuckte erschrocken zusammen, als er die Stimme Herrn Taileens so nah an seinem Ohr vernahm und merkte erst jetzt, dass der Mann sich zu ihm gesetzt hatte und ihn neugierig beobachtete. Die Farbe in seinem Gesicht verdunkelte sich noch, und er wandte sich hastig ab, um es dem Erwachsenen nicht zu zeigen.
 
„Oh, schon gut…“, antwortete er stockend und grub die Hände in seinen Pulli. „Es ist nichts.“ Er musste dringend hier raus! 
„Tatsächlich?“  Herr Taileen lehnte sich entspannt zurück und nahm einen vorsichtigen Schluck aus seiner Teetasse. Er behielt das heiße Getränk einen Moment lang in seinem Mund, dann ließ er den aromatischen Trunk mit geschlossenen Augen durch seine Kehle laufen.
 
„Du wirkst so nervös.“  Jan warf ihm einen vielsagenden Blick zu und blies sich mürrisch eine seiner blonden Strähnen aus der Stirn.
 
„Teh! Sie wären auch nervös, wenn sie zum ersten Mal in Ihrem Leben in einem Raum sitzen würden, der kostbarer aussieht als manch anderer Leute Haus!“  Herr Taileen zog die Brauen hoch und sah ihn einen Atemzug lang verdutzt an – dann brach er in schallendes Gelächter aus. Jan blinzelte irritiert. 
„Was ist denn so lustig?“  Der Mann stellte seine Tasse auf den Tisch und klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter.
 
„Nichts, mein Junge, gar nichts!“, gab er amüsiert zurück. „Du gefällst mir einfach.“  Er stand auf und ging hinüber zu einem kleinen Abstelltischchen, auf dem neben einer Lampe, diversen Schmucktiegelchen und einer Flasche mit einer schimmernden, goldenen Flüssigkeit auch noch eine große Vase stand, die er jetzt davon herunternahm. Dann kam er zu dem völlig verwirrten Jungen zurück und hielt ihm grinsend den Boden des Machwerks unter die Nase.
 
„Hier – lies es mir vor!“  Jan schaute ihn zweifelnd an und zögerte einen Moment, doch dann beugte er sich zu dem Stück herunter und betrachtete es. Er musste seine Augen zu Schlitzen verengen, um die winzige Schrift überhaupt entziffern zu können, doch dann erkannte er, was dort stand.
 
„Made - in – Tai - wan…“ las er laut und stutzte im selben Augenblick. 
„Eine Imitation?“  Der Ältere nickte und stellte die Vase zurück auf den Tisch.
 
„Ganz genau – eine einfache Nachbildung, wie die meisten Dinge, die du hier bewundern kannst. Lediglich die Teppiche sind ‚echt’. Erbstücke meiner Frau, die sie als Mitgift in die Ehe gebracht hat.“  Er zwinkerte dem Blondschopf zu, dann setzte er sich wieder neben ihn.
 
„Na, fühlst du dich jetzt besser?“  Jan nickte ernst.
 
„VIEL besser.“  Er grinste breit.
 
„Aber bestimmt nicht so gut wie Ihr Hund…“  Herr Taileen legte die Stirn in Falten, dann bückte er sich unter den Tisch und entdeckte zu seinem Erstaunen Joker, der sich – zu Jans Füßen liegend – von diesem den Hinterkopf kraulen ließ. Er hatte die Schnauze auf die Vorderpfoten gelegt und hielt die Augen geschlossen, während er zufrieden mit dem Schwanz wedelte und langsam aber sicher wegzudösen schien. 
„Nun sieh sich einer das an!“, meinte der Mann kopfschüttelnd und richtete sich wieder auf. „Das nenne ich mal ein Hundeleben!“  Jan wuschelte dem Tier noch einmal über das Fell, dann griff er nach seinem Getränk und nahm ebenfalls einen großen Schluck.
 
„Ja“, seufzte er. „Der hat’s gut. Ich muss gleich wieder in die Schule zu meinem Mathedrachen – die Frau kann einem echt den letzten Nerv rauben!“  Herr Taileen nickte langsam und bedachte seinen Gast mit einem undeutbaren Blick.
 
„Gehst du nicht gern zur Schule?“  Jan schüttelte den Kopf.
 
„Doch, aber man kann ja nicht jeden Lehrer mögen, oder?“  „Warum warst du heute Morgen nicht dort?“  Der Junge sah sein Gegenüber verwundert an, dann stellte er die Tasse hin und beugte sich über den Tisch.
 
„Mann, was sind Sie – Schuldetektiv? Ich habe heute zwei Freistunden, weil mein Pauker krank ist. Wenn Sie mir das nicht glauben, gucken Sie halt auf den Vertretungsplan, aber fragen Sie nicht so dumm!“  Er machte eine wegwerfende Handbewegung und steckte sich ein Stück Zucker in den Mund.
 
„Wenn Sie Schwänzer suchen, sind Sie bei mir falsch – zumindest heute.“  Das erheiterte Lachen seines Gastgebers ließ ihn die Süßigkeit hastig herunterschlucken.
 
„Du nimmst wirklich kein Blatt vor den Mund, was?“  Herr Taileen schmunzelte abermals und schaute ihn wohlwollend an.
 
„Es tut mir ehrlich leid, dass ich dich vorhin so angebrüllt habe, aber ich hatte einfach schreckliche Angst um meinen Sohn. Er wirkte so blass und leblos auf deinem Rücken und einen Moment lang habe ich geglaubt, du könntest ihm etwas angetan haben. Er ist doch unser Sorgenkind…“  Er gab einen Schuss Milch in sein Getränk und rührte mit einem kleinen Löffel in der Tasse herum. Seine Miene wirkte jetzt betrübt.
 
„Dabei warst du derjenige, der ihm geholfen und ihn zurück nach Hause getragen hat. Ganz allein. Das ist mir wirklich sehr peinlich.“  Jan wurde ob des bedauernden Tonfalls nun plötzlich wieder verlegen.
 
„Oh, das ist doch okay“, beteuerte er. „Ich kann es verstehen. Deshalb müssen Sie sich nicht bei jemandem wie mir entschuldigen…“  Der Mann schien von dieser Antwort überrascht.
 
„Warum sollte ich nicht? Bin ich etwas Besseres als du?“  Jan schluckte schwer und schaute zu Boden.
 
„Ich… ich weiß nicht…“  Herr Taileen stützte den Kopf auf seinen Ellenbogen und lächelte den Blonden an. Je länger er sich mit dem Jungen unterhielt, desto besser konnte er ihn leiden. Obwohl er aussah wie ein Straßengangster und auch dementsprechend redete, war er nicht nur hilfsbereit, sondern auch überaus ehrlich. Eine Eigenschaft, die er bei einem Menschen sehr zu schätzen wusste.
 
„Weißt du, dass der Hund dich mag?“  Jan sah ob der unvermittelten Frage etwas verstört aus.
 
„Mich mag?“ Er warf dem Tier einen unsicheren Blick zu. „Ja, kann sein…“  Herr Taileen nickte zustimmend.
 
„Normalerweise lässt er niemanden an Chris heran – selbst uns verweist er manchmal mit einem Knurren auf unsere Plätze, wenn sein Schützling schläft oder krank ist. Obwohl wir seine Familie sind. Von dir lässt er sich sogar kraulen.“  Der Junge kratzte sich am Kinn und zuckte dann die Schultern.
 
„Wahrscheinlich kein gutes Gespür für schlechte Menschen…“  Der Mann lächelte wissend und griff wieder nach seinem Tee.
 
„Da irrst du dich“, antwortete er ruhig. „Sein Instinkt für Gefahren ist ausgezeichnet.“  Er trankt den Rest des Gebräus trotz der Hitze in einem Zug und stellte das Geschirr dann beiseite.
 
„Deshalb möchte ich dich um einen Gefallen bitten.“  Jan fuhr leicht zusammen und musterte den Anderen mit einem misstrauischen Blick. So etwas hatte er sich bei der ganzen Fragerei fast schon gedacht…  „Und was für einen?“, hakte er vorsichtig nach, während er noch ein Stück Zucker nahm und es sich zwischen die Lippen steckte. 
„Ich möchte, dass du Chris’ Freund wirst.“  Ein lautes „Blopp“ ertönte, als das Zuckerstück aus Jans Mund in die Teetasse fiel und sofort darin versank. Mit geweiteten Augen starrte er sein Gegenüber an und konnte nicht ganz fassen, was er da gerade gehört hatte. 
Er?
 
Sein Freund?
 
„Niemals!“  Herr Taileen machte einen verwirrten Eindruck.
 
„Warum denn nicht?“  „Es geht nicht!“  Jan griff nach seiner Schultasche und stand hastig auf. Dabei ignorierte er den großen Schäferhund, der ihn fragend ansah und mit einem Hecheln bat, ihm doch wieder den Kopf zu kraulen, und wandte sich ab.
 
„Vielen Dank für den Tee, aber ich glaube, es ist besser, wenn ich jetzt gehe.“  Er machte einen Schritt nach vorne und stoppte in der Bewegung, als die warmen Finger des Mannes sein Handgelenk umschlossen und ihn festhielten.
 
„Nun warte doch mal!“  Der Blondschopf stieß einen überraschten Laut aus, als der Andere ihn unerwartet zurückzog und wieder auf die Couch beförderte.
 
„Warum willst du denn gleich weglaufen?“  Der Junge stopfte seine Tasche unter die Jacke und verschränkte missmutig die Arme vor der Brust.
 
„Ich habe meine Gründe“, erwiderte er knapp. 
„Und welche Gründe sind das?“  „Das geht Sie nichts an!“  Terence war ehrlich erstaunt über diesen plötzlichen Sinneswandel. Der Blonde schien ja richtig zornig. Mochte er Chris nicht?
 
„Aber was wäre denn so schlimm daran, eine Freundschaft mit ihm zu beginnen?“  Jan seufzte tief und sah jetzt eher verzweifelt als verärgert aus.
 
„Nichts! Sie verstehen das nicht: Ich KANN nicht sein Freund sein. Ich bin nicht für so was geeignet.“  Herr Taileen war da gänzlich anderer Meinung, aber er sah auch ein, dass er den Jungen auf diese Weise nicht überzeugen konnte. Nein, er hatte eine bessere Idee…  „Na gut“, lenkte er scheinbar ein. „Aber dann pass wenigstens auf ihn auf, bis er wieder wach ist.“  Der Jüngere schien einen Moment lang zu überlegen, doch dann nickte er zögernd.
 
„Also schön. Aber dann komme ich zu spät zur Schule…“  Der Mann winkte ab und stand schließlich auf.
 
„Mach dir darum keine Sorgen – ich schreibe dir eine Entschuldigung.“ Er grinste breit und deutete auf Jans Gesicht. „Mit dem angeknabberten Ohr da kann ich dich doch unmöglich in den Unterricht entlassen, oder?“  Jan strich zaghaft über die beiden Pflaster, die ihm die ältere Dame über die Wunde geklebt hatte und musste dann schmunzeln.
 
„Wie sie meinen, Doc.“  Her Taileen lachte schallend und ging hinüber zur Tür.
 
„Komm, ich zeige dir, wo sein Zimmer ist. Wenn du auf ihn Acht gibst, kann ich wenigstens zurück in meine Praxis.“  Er schnaubte leise und verzog entnervt die Mundwinkel.
 
„Nicht, dass da irgendjemand auf mich warten würde…“  Jan grinste und folgte dem Arzt durch den Raum.
 
„Keine Sorge, Herr Taileen. Die Kundschaft kommt schon noch.“  Der Mann lächelte und schob den Jungen durch die Tür.
 
- Genauso wie deine Sympathie für Chris, hoffe ich… - , fügte er im Stillen hinzu und ließ Joker zwischen seinen Beinen hindurch nach draußen. Er würde es einfach seinem Sohn selbst überlassen, diesen frechen Bengel für sich zu gewinnen. Er kannte keinen, der es bisher geschafft hatte, dem Charme des kleinen Schlawiners zu entgehen, und falls Jan der Erste sein sollte, fände er das zwar schade, aber dann würde er es auch akzeptieren können. 
Bis dahin allerdings hatte er noch einige Möglichkeiten, eine Abneigung zwischen den Beiden zu unterbinden, und er würde sie alle nutzen, so wahr er das Handwerk eines Arztes gelernt hatte. Und Jan zu Chris in sein Schlafzimmer zu stecken, war nur eine davon, wenn auch eine sehr vielversprechende… 

 

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- Aufrichtige Gefühle tragen immer ein Element von Unbewusstem in sich. -
Tschingis Ajtmatow (*1928), kirgisischer Veterinärmediziner, Erzähler und Schriftsteller

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Kapitel V – Verwirrspiel der Gefühle 
 
Julian hockte auf seinem Stuhl im Klassenzimmer der 13a und starrte geistesabwesend aus dem Fenster. Er hatte die Beine übereinander geschlagen und lehnte auf seinem linken Unterarm, während er mit den Augen scheinbar das Treiben einiger Vögel auf den wenigen Flecken Grün des Schulhofes beobachtete. Ein leichter Wind fuhr vom geöffneten Fenster her durch sein blondes Haar und ließ es in langen Wellen über seinen Rücken streifen, doch er bemerkte das nicht einmal. Seine Gedanken hingen an anderen Dingen, sein Blick führte ins Leere.
 
Ihm ging einfach nicht mehr aus dem Kopf, was am Morgen in dem kleinen Krankenzimmer passiert war...
 
Wie hatte er sich nur danach sehnen können, von einem MANN geküsst zu werden? Und noch viel schlimmer – wie war er nur auf die Idee gekommen, es dann auch noch zuzulassen? 
Ein heißer Schauer lief seinen Rücken hinunter, als er an das prickelnd warme Gefühl dachte, das Marcus‘ Lippen in ihm ausgelöst hatten. Diese eigenartige Aufregung, die sich in seinem Körper ausgebreitet hatte, die Zartheit der Berührung, die wohlige Intimität – all das war zweifellos sehr verwirrend für ihn gewesen, aber gleichzeitig auch seltsam vertraut, so als hätte der junge Mann ihn nicht zum ersten, sondern schon zum hundertsten Male auf diese Weise liebkost. 
Überhaupt kam ihm der Braunhaarige gar nicht wie ein Fremder vor. Schon seit ihrer ersten Begegnung war ihm eher, als hätte ein alter Bekannter seinen Weg gekreuzt.
 
- Wirklich merkwürdig... -
 
Obwohl er zugeben musste, dass er die Reaktion von Marcus‘ Mutter auf die ganze Szenerie noch viel merkwürdiger fand: Erst hatte sie ihn angeguckt, als würde sie ihn gleich erwürgen wollen, doch plötzlich war sie ihm lachend um den Hals gefallen und hatte nur noch davon geredet, wie gut er und Marcus sich ergänzen würden und dass er sicher einen guten Einfluss auf den ‚Rotzbengel‘ haben würde... 
- Was sie damit wohl gemeint hat? -
 
Ein leiser Seufzer entrang sich seiner Kehle, und er versuchte, sich wenigstens wieder halbwegs aufmerksam dem Unterricht zu widmen. Herr Ballmeier hatte eh schon ein kritisches Auge auf ihn geworfen, weil er so oft vor sich hinträumte, und er wollte den alternden Englischlehrer nicht noch unnötig herausfordern. Aber irgendwie schien es ihm heute besonders schwer zu fallen, sich auf die Schottenrevolte und das britische Regime zu konzentrieren.
 
Er sah zwar, dass sich die Lippen des Mannes bewegten, und auch, dass er etwas an die Tafel schrieb, aber Julians Wahrnehmung wurde immer wieder von jemand anderem abgelenkt, der dem Lehrer mit seinem Platz in der zweiten Reihe zwar sehr nahe saß, aber eben nicht das eigentliche Ziel von Julians Interesse hätte sein sollen: Marcus.
 
Es war wirklich ein großer Zufall gewesen, dass Marcus nicht nur in seine Klasse gekommen war, sondern – zumindest im Moment – auch im gleichen Kurs saß wie er. Eigentlich hätte er ja bei Julians bestem Freund Tobias sitzen sollen, der sein Abitur genau wie Marcus unter anderem in Englisch machte, aber der Lehrer war überraschend krank geworden. Angeblich eine Grippe, die er sich bei seiner Frau, der Mathelehrerin von Julians Bruder, eingefangen hatte. Marcus musste deshalb die beiden Freistunden, die er dadurch erhalten hatte, woanders abgleichen. Immerhin war es sein erster Tag, und der Direktor hatte es wohl für eine bessere Idee gehalten, ihn einfach IRGENDWO hin zustecken, als ihn wieder nach Hause zu schicken. Machte schließlich keinen guten Eindruck. 
Julian grinste.
 
- Armes Schwein. -
 
Aber dass sie ihn ausgerechnet in einen Nebenkurs verfrachtet hatten... Schwachsinn! Julian machte sein Abitur in Deutsch, Französisch und Religion, daher hatte er Englisch nur als Nebenfach belegt, für Marcus hingegen war es das Hauptprüfungsfach – was ja auch nahe lag, denn wie er bei seiner Vorstellung vor der Klasse erzählt hatte, war er gebbürtiger Engländer. Außerdem besuchte er noch die Kurse für Physik und Mathematik. Ein echtes Rechengenie... 
Wieder seufzte Julian. Mit so einem Schlauberger konnte er nicht mithalten. Wenn man ehrlich war, nutzte er den alltäglichen Unterricht eher dazu, sich Kurzgeschichten und Gedichte auszudenken als dem tatsächlichen Stoff zu folgen, und seine mündlichen Noten fielen dementsprechend eher mager aus. Zudem hasste er Wissenschaftsfächer wie Physik, Chemie oder auch Mathematik wie die Pest und konnte sich gerade mal mit Biologie halbwegs anfreunden. Ihn interessierten eher Bereiche wie Musik, Religion (was ja auch eines seiner Prüfungsfächer war), Geschichte und Kunst, aber wie sagten seine Eltern so schön: Mit solchen Vorlieben verdiente man später kein Geld. Also hatte er sich schweren Herzens auf Kosten des Geschichtskurses für Französisch entschieden, um sich nach seinem Schulabgang und einem eventuellen Studium um eine Stelle mit Auslandsaufenthalt bewerben zu können.
 
Aber Spaß machte ihm das nicht gerade. Eher im Gegenteil, doch was hatte er denn schon großartig für eine Wahl? Er war eben sehr autoritär erzogen worden, und wenn seine Eltern es so wollten, musste er sich fügen. Egal, wie er selbst dazu stand.
 
- Eigentlich ziemlich armselig... -
 
Er rümpfte die Nase und wischte den Gedanken damit beiseite. Was grübelte er noch darüber nach? Es hatte keinen Sinn, über längst beschlossene Dinge zu heulen – er musste sich jetzt damit abfinden und Schluss. 
Wieder wanderte sein Blick zu seinem neuen Freund, und wieder stellte er fest, wie überaus gutaussehend dieser war. Er hatte einen muskulösen Körperbau, glänzendes, sehr weich anmutendes Haar und ein markantes Gesicht. Sein schwarzes Hemd spannte sich gefährlich eng um seine breiten Schultern, und die Hose, die er trug, betonte seine schmale Hüfte und den festen Po. Eigentlich hätte Julian glatt neidisch werden können, denn zu Marcus‘ attraktivem Äußeren kamen ja offenbar noch diverse andere Qualitäten, vor allem auf dem Gebiet der ‚Naturwissenschaften‘. 
Der Blonde errötete tief, als er merkte, wie überaus zweideutig dieser Gedanke gewesen war. Oh ja, küssen konnte er, das musste man dem smarten Skateboarder schon lassen.
 
Und der Blondschopf hätte nicht seine Hand dafür ins Feuer gelegt, dass er nicht auch noch viel mehr angenehme Dinge mit einem tun konnte, außer die eigenen Lippen zu verwöhnen...
 
Julian schüttelte heftig den Kopf, als seine Phantasie ihm eine sehr pikante Szene von ihm und dem Engländer auf einem gewissen Krankenbett vorzeichnete und starrte mit glühenden Wangen in sein Übungsheft. Allmählich hatte er wohl wirklich den Verstand verloren! Sich vorzustellen wie er und dieser Neue nackt...
 
Nein! Darüber dachte er lieber nicht mehr nach.
 
Ein anderer Junge kicherte neben ihm und grinste ihn breit an – wahrscheinlich nur, weil Julians Kopf auf einmal eine hochrote Färbung angenommen hatte, doch der Blonde konnte sich nicht ganz des Gefühls erwehren, bei etwas Verbotenem ertappt worden zu sein. 
Beschämt senkte er den Blick. Diese Schulsaison fing ja gut an...
 
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- Mein Arsch tut weh... -
 
Das war wohl der so ziemlich einzige ‚vernünftige‘ Gedanke, der in der letzten Dreiviertelstunde Marcus Ray Taileens Hirn passiert hatte. Sein Sitzfleisch schmerzte sogar jetzt – eine ganze Schulstunde nach diesen „Verbrechen“ – noch immer von den beiden Tritten, die ihm seine Mutter am heutigen Tage Liebevollerweise verpasst hatte, und wäre diese unangenehme Ablenkung nicht gewesen, er hätte wohl nur noch blonde Haare, volle, halb geöffnete Lippen und türkisfarbene Augen vor sich gesehen. 
Es war einfach zum Verrücktwerden – ihm ging dieser Julian nicht mehr aus dem Kopf! 
Seit er ihn auf dem Krankenbett geküsst hatte, drehten sich seine Gedanken im Kreis, und den Mittelpunkt bildeten tausend wirre Gefühle, die immer dann in alle Richtungen auseinander stoben, wenn er mal versuchte, eines von ihnen zu packen, um es besser zu verstehen: Scham, Begehren, Unsicherheit und Wärme waren nur einige davon. Und er wurde noch ganz kirre im Kopf, wenn das so weiter ging!
 
Welcher Teufel hatte ihn bloß geritten, dass er sich dazu hatte hinreißen lassen, einen seiner Mitschüler abzuknutschen? Er musste vollkommen wahnsinnig geworden sein! Einen MANN! So etwas Abartiges schaute er sich nicht einmal im Fernsehen an, und jetzt war er selbst drauf und dran gewesen, einen Kerl flach zu legen – mitten in der Schule! Im Krankenzimmer! 
Die schlechteste Vorabendsoap hatte nicht solchen Mist zu bieten...
 
Er hätte sich selbst dafür ohrfeigen können, aber jetzt war es eh zu spät und wenn er ehrlich zu sich wahr, konnte er nicht mal unbedingt behaupten, dass er seine Tat bereute. Der Mund des Anderen hatte sich zweifellos gut angefühlt, weich und nachgiebig und überaus einladend. Und auch sein Geruch, das Gefühl seines Haares auf der Haut und die Nähe seines Körpers waren nicht unangenehm gewesen.
 
Trotzdem...
 
Er war N.I.C.H.T schwul! Und er würde es weiterhin nicht sein, auch nicht für Julian!
 
Allein, dass er darüber nachdachte, war schon mehr als lachhaft. Er und ein Kerl – so ein Quatsch! An seinem letzten Gymnasium hatte ihn die Hälfte der Schüler (nämlich der männliche Teil) für einen Macho gehalten und die andere für einen anbetungswürdigen Gott. 
Verdammt, ihm heftete der Ruf eines Weiberhelden an, wie kam er dann nur dazu, einen JUNGEN zu küssen?
 
Es war wirklich zum Verzweifeln.
 
- Der blonde Rotzbengel von heute Morgen hat wohl doch Recht: Ich sollte mich dringend mal untersuchen lassen. -
 
Mit einem tiefen Seufzer ließ er sich zurück gegen die Lehne seines Stuhles sinken. Auch wenn es ihm nicht besonders passte, geküsst hatte er ihn auf jeden Fall und das ließ sich auch mit Wut nicht mehr ungeschehen machen. Also musste er wohl versuchen, aus der ganzen Situation das Beste zu machen.
 
Die Frage war nur, wie er das anstellen sollte.
 
Er hatte bisher noch nicht wieder die Gelegenheit gehabt, mit dem Blondschopf zu sprechen, obwohl er gerne gewusst hätte, wie dieser über die ganze Sache dachte. Er hatte sich nicht gerade gewehrt, als Marcus‘ Lippen die seinen berührt hatten, und als der Lehrer ihn vorhin aufgefordert hatte, sich der Klasse vorzustellen und Marcus Julian dabei angesehen hatte, war dieser zwar leicht rot geworden, seinem Blick aber keine Sekunde lang ausgewichen. 
Aber was bedeutete das für den blonden Jungen? War es ihm einfach peinlich, oder hatte er den Kuss als genauso angenehm empfunden wie Marcus und war einfach in Erinnerung an das wohlige Gefühl erneut errötet?
 
Der Engländer hatte wohl keine Wahl: Er musste ihn in der Pause fragen. Diese Sache bedurfte seiner Meinung nach dringender Klärung – er hatte keine Lust, gleich am ersten Tag als ‚Schwuli‘ abgestempelt zu werden, denn auf einer reinen Jungenschule machte das im Allgemeinen keinen besonders guten Eindruck... 
Einen Moment lang überdachte er nochmals die Gefühle, die ihn durchflutet hatten, als sein Mund den des Anderen liebkost hatte, doch er verwarf seine Überlegungen wieder. Auch wenn er es in dem Moment gewollt und unbestreitbar genossen hatte, das hieß noch lange nicht, dass er auf Julian stand.
 
Marcus zögerte.
 
... Oder doch?
 
Etwas unsicher drehte er den Kopf zur Seite und warf einen Blick über seine Schulter zurück zu dem Platz, der seinem neuen Freund gehörte. Zu seiner Überraschung hatte dieser den Kopf eingezogen und starrte mit glühendem Gesicht verbissen in sein Übungsheft, das zwar aufgeschlagen auf seinem Tisch lag, aber nicht mal die Seite zeigte, auf der die Klasse eigentlich gerade arbeitete. Ein Mitschüler neben ihm grinste von einem Ohr bis zum anderen und feixte mit seinem Tischnachbarn, der daraufhin ebenfalls eine ziemlich dümmliche Miene aufsetzte.
 
Marcus runzelte die Stirn.
 
Was war denn an einem hochroten Jungen so wahnsinnig witzig, das es solcher Aufmerksamkeit bedurfte?
 
Eine ungute Vorahnung beschlich ihn. Hatte Julian etwa davon erzählt, was ‚der Neue‘ im Krankenzimmer mit ihm angestellt hatte? Obwohl ihn das verwunderte, erschien Marcus der Gedanke sofort abwegig. Auch, wenn er ihn bisher gar nicht kannte, so schätze er Julian eigentlich nicht ein. Er hatte von Anfang an auf ihn einen sehr vertrauenswürdigen Eindruck gemacht und er glaubte nicht, dass der ruhige, verträumte Junge ein Plappermaul war, zumal er dann ja auch hätte zugeben müssen, dass er sich den Kuss nur allzu willig hatte gefallen lassen. 
Marcus wandte sich wieder dem Lehrer zu und klappte sein Notizbuch auf.
 
Er würde sich einfach mit dem Blondschopf darüber unterhalten, und wenn er feststellte, dass er sich in ihm getäuscht hatte – nun, dann wusste er wenigstens, dass er an seiner Menschenkenntnis noch um Einiges feilen musste... 

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Tobias Hagen lehnte mit dem Rücken am Eingangsportal seiner Schule und blickte nachdenklich auf den Pausenhof. Seit einer knappen Stunde stand er nun schon hier und wartete auf seinen besten Freund, Julian-Henning Grohs, doch er musste ihn entweder verpasst haben oder der junge Mann war ihm irgendwie durch die Lappen gegangen.
 
Seine erste Unterrichtsstunde in Englisch war nun schon fast vorüber, und wenn der Blondschopf nicht verpennt hatte oder krank war, würde er sicher schon bei Herrn Ballmeier im Unterricht sitzen.
 
„So ein Mist!“  Tobias fluchte herzhaft und kramte in seiner Jackentasche nach der Schachtel Zigaretten, die er sich am Abend zuvor noch mit seinem Kumpel am Kiosk gekauft hatte, bevor er zum Fußballtraining gegangen war. Wenn er schlechte Laune hatte, half ihm rauchen immer am Besten. Also steckte er sich einen der zahlreichen Glimmstängel in den Mund und zündete ihn mit seinem kleinen Plastikfeuerzeug an.
 
Einen tiefen Zug nehmend, sah er sich wieder um und fluchte abermals, als ihm das sinnlose Warten allmählich auf die Nerven zu gehen begann.
 
Wo steckte der Bengel bloß? Dabei hatten sie sich gestern extra noch für den heutigen Morgen verabredet, um einige Details ihrer gemeinsamen Projektarbeit in Französisch zu besprechen. Schließlich war der Abgabetermin schon Ende der Woche, und in den Ferien hatten beide herzlich wenig für besagte Schulaufgabe getan.
 
Aber ließ sich Julian blicken? Nein, selbstverständlich nicht!
 
Heutzutage war wirklich auf niemanden mehr Verlass...
 
Tobias hätte zu gern gewusst, wo der Blonde sich rumtrieb.
 
Wahrscheinlich hatte er heute einen der Seiteneingänge benutzt, auch wenn Tobias sich beim besten Willen nicht erklären konnte, warum er das getan haben sollte. Man konnte normalerweise schon fast seine Uhr danach stellen, wann Julian durch den Haupteingang trottete, denn obwohl er zu Hause zu unterschiedlichen Zeiten aufbrach, kam er immer fünf Minuten vor Schulbeginn hier an.
 
„Nur heute natürlich nicht! Diese kleine Pappnase!“  Mit einem Seufzer stieß sich der schlanke Schüler von dem Holz in seinem Rücken ab und fuhr sich durch die weißblonden Haare. Es hatte keinen Sinn mehr, hier noch länger herumzulungern, also konnte er genauso gut etwas frühstücken gehen. Er hoffte nur, dass er in seinem Lieblingslokal noch einen freien Tisch bekam – bei dem Glück, das er heute Morgen zu haben schien, wäre er nicht verwundert gewesen, das kleine Restaurant völlig überfüllt und hoffnungslos ausgebucht vorzufinden. 
So ein Scheißtag!
 
Erst hatte er verschlafen, weil er ja eigentlich erst zur dritten Stunde hätte kommen müssen und ganz vergessen hatte, dass er sich vor Unterrichtsbeginn noch mit Julian hatte treffen wollen, und dann war dieser nicht mal aufgekreuzt, sondern hatte ihn eiskalt versetzt. Und als wenn diese Schweinerei nicht schon genug gewesen wäre, hatte ihn dessen jüngerer Bruder auch noch fast über den Haufen gerannt, sich nicht mal dafür entschuldigt sondern nur irgendetwas von „den Bus noch erwischen“ gefaselt und auf seine Frage, was denn mit Julian los wäre, lediglich mit einem desillusionierenden „Was interessiert’s mich?“ geantwortet. 
Was für ein Informationsgehalt!
 
- Elende Mistkröte! -
 
Er fragte sich wirklich manchmal, was mit diesem Typen loswar. Egal, wie freundlich man Jan auch begegnete, man erhielt immer nur patzige Sprüche, sarkastische Randbemerkungen oder einen abwertenden Blick als Antwort. Gerade so, als WOLLE dieser kleine Hosenscheißer gar nicht nett und zuvorkommend behandelt werden. Brauchte er denn überhaupt keine Freunde?
 
Laut Julian hatte er nur einen einzigen Kumpel, und selbst den hielt er wohl konsequent auf Abstand. Echt ein seltsamer Kerl...
 
Aber was machte er sich darum Gedanken? Wenn man es genauer betrachtete, hatte er nie so richtig etwas mit Jan zu tun gehabt, schon als Kind nicht, obwohl er sich erinnern konnte, dass ihm der Bengel damals irgendwie lieber gewesen war. Nicht so abweisend und unterkühlt. Aber seit einem guten Jahr etwa... oh je! Kaum auszuhalten diese miese Laune!
 
Was ihn wohl so verändert haben mochte?
 
Tobias schüttelte den Kopf.
 
Nichts, das ihn etwas anging.
 
In etwas besserer Stimmung als zuvor, aber noch nicht wirklich lustvoll, stiefelte der junge Mann den Weg zum Schultor hinunter und überlegte schon mal, was er sich in „Carmens Stadtcafé“ am besten bestellen sollte, als plötzlich jemand seinen Ärmel packte und ihn grob hinter einen der Bäume am Rande des Schulhofes zog. Ein kräftiger Arm legte sich um seine Schultern und hielt ihn unnachgiebig fest, drückte ihn an einen breiten Brustkorb. Tobias konnte gerade noch einen erschrockenen Laut von sich geben, da presste auch schon jemand die Hand auf seinen Mund und ließ ihn damit verstummen. 
Eine kratzige, raue Männerstimme drang warnend an sein Ohr, als er versuchte, sich aus der Umklammerung zu befreien.
 
„Keinen Mucks, Kleiner, oder ich breche dir den Hals, kapiert?“  Tobias‘ Augen weiteten sich in ungläubigem Erstaunen. Was sollte denn DAS jetzt werden? Hatte jemand versäumt, ihm zu sagen, dass an der Schule ein schlechter Vorabendkrimi gedreht wurde? 
Dennoch nickte er zum Zeichen, dass er verstanden hatte, und die Finger auf seinen Lippen verschwanden. Keuchend jappste er nach Luft.
 
„Mann!“, schimpfte er und spuckte wütend den Rest seiner Zigarette aus. „Sind sie irre, oder was?“  Er verschluckte sich beinahe, als ihm wieder der Mund zugehalten wurde.
 
„Du bist wohl schwer von Begriff, was?“, knurrte der Unbekannte hinter ihm und quetschte mit seinen Armen fast den letzten Rest Luft aus Tobias‘ Lungen. „Ich sagte dir doch, dass du still sein sollst!“  Diesmal begriff der Junge den Ernst der Lage sofort. Was auch immer dieser Typ von ihm wollte, er machte keine Witzchen damit und zumindest im Moment hielt Tobias es für besser, sich den Wünschen des Mannes zu fügen. Also nickte er wieder und gab auch seine Gegenwehr vorerst auf.
 
Sein ‚Gesprächspartner‘ zog abermals die Hand zurück und verringerte die Spannung in den Armen etwas, sodass der Jüngere einen tiefen Atemzug nehmen konnte und erleichtert seine Lungen mit Sauerstoff füllte. 
„Also“, begann der Mann und Tobias hatte den Eindruck, dass er ein wenig nervös klang. „Ich werde dir ein paar Fragen stellen, und wenn du klug bist, beantwortest du sie schnell und der Wahrheit entsprechend, sonst werde ich verdammt ungemütlich, klar?“  Tobias schnaubte verächtlich.
 
„Ich habe wohl keine Wahl, oder?“  Ein heiseres Lachen erklang.
 
„Da hast du Recht. An eure Schule muss heute ein neuer Schüler gekommen sein – wann war er am Tor?“  Der Junge runzelte die Stirn.
 
„Ein Neuer? Keine Ahnung, ich kenne doch nicht jeden, der hier zur Schule geht – ouch!“  Der Mann bog ihm den linken Arm auf den Rücken und hielt diesen schmerzhaft fest.
 
„Ich warne dich, Junge, treib keine Spielchen mit mir! Du stehst hier schon seit einer Ewigkeit, das weiß ich genau. Du musst ihn also gesehen haben. Antworte!“  Tobias wand sich in dem harten Griff und versuchte vergeblich, sich zu befreien.
 
„Aber ich lüge nicht! Ja, okay, da war so ein Typ mit braunen Haaren, kurz vor Unterrichtsbeginn, der mir nicht vertraut vorkam. Aber was weiß ich, wen Sie meinen?!“  Der Fremde zog ihn enger an sich und schüttelte ihn kräftig.
 
„Das ist er! Wann war er hier? Um wie viel Uhr?“  „Kurz vor acht, das sagte ich doch!“, keuchte der Blondschopf und war nahe am Verzweifeln. Was wollte dieser Kerl denn von ihm? Wenn er so weiter machte, brach er ihm noch das Handgelenk! 
„Und wo ist er jetzt?“  Tobias rollte mit den Augäpfeln.
 
„Sie können vielleicht Fragen stellen! Wenn er nicht in der Pausenhalle ist, wird er wohl im Unterricht bei irgendeinem seiner Lehrer sein.“  Wieder schüttelte ihn der Mann und trieb Tobias damit die Tränen in die Augen, als es in seinem Arm gefährlich laut knackte.
 
„Wer ist das? Bei wem hat er seine erste Doppelstunde? Los, rede!“  „Ich weiß es doch nicht, verdammt! Sie haben selbst gesagt, dass er neu ist, wahrscheinlich haben sie ihn in einen der Leistungskurse gesteckt! Und jetzt lassen Sie mich los, Sie brechen mir ja alle Knochen!“  Zu seiner grenzenlosen Überraschung tat sein Peiniger tatsächlich, wie ihm geheißen war.
 
Ein Ruck ging durch den Körper des Jungen, dann war er plötzlich frei. Durch die Wucht des Stoßes, den ihm der Mann gegeben haben musste, verlor Tobias jedoch das Gleichgewicht und kippte mit wild rudernden Armen nach vorne. Ein Schmerzenslaut entrang sich seiner Kehle, als er hart auf dem steinigen Pausenhof aufschlug, und der metallische Geschmack von Blut füllte gleich drauf seine Mundhöhle.
 
Nach Luft ringend drehte sich der Schüler auf den Rücken und wischte sich mit dem Handrücken die rote Flüssigkeit von seiner Unterlippe, bedeckte seinen Mund, um nicht den aufgewirbelten Dreck einzuatmen.
 
„Arschloch!“, hustete er und wollte dem Fremden einen wütenden Blick hinterherwerfen, doch der Mann war längst verschwunden. 
- So ein Wahnsinniger! - schoss es ihm durch den Kopf. - Hatte der keine Mutter, die ihm ein wenig Erziehung einprügeln konnte?! -
 
Er schüttelte den Staub aus seinen Haaren und setzte sich vorsichtig auf.
 
„Offenbar nicht... Ouch!“  Ein scharfer Schmerz durchzog sein linkes Handgelenk und ließ ihn missmutig das Gesicht verziehen. Was auch immer der Typ gewollte hatte, Tobias war ein Fall fürs Krankenzimmer.
 
„Und das, obwohl ich gerade ein Eiersandwich essen gehen wollte... So ein Scheißtag!“  Mühsam rappelte er sich auf und stapfte zurück zum Schulgebäude. Das Gesicht des Mannes hatte er vielleicht nicht gesehen, aber die Stimme würde er sich merken! Darauf konnte sich dieser Mistkerl verlassen... 
 

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- Das Leben aller Menschen, denen wir begegnen und die wir kennen, ist in unser eigenes Schicksal verwoben. -
Thomas Merton (1915–1968), römisch katholischer Mönch, Dichter und Schriftsteller

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Kapitel VI – Die etwas andere Art der Bekanntmachung
 
Jan saß mit übereinander gekreuzten Beinen auf dem weichen Kissen eines großen Korbsessels in Chris‘ Zimmer und schaute durch das geöffnete Fenster hinaus in den Garten. Ein frischer Wind wehte immer wieder hinein und ließ seine blonden Haare seicht hin- und herschwingen, brachte den Duft reifer Herbstfrüchte mit sich und mischte ihn mit dem schweren Aroma welkender Blütenblätter. Weil es so warm war, hatte der Junge seine Schuhe ausgezogen und neben die Tür gestellt, seine Jacke lag irgendwo vor ihm auf dem Boden. Der leichte Pullover, den er trug, flatterte zeitweise, wenn eine etwas stärkere Brise aufkam, doch er bemerkte es eigentlich kaum.  
Mehrere Minuten versuchte er jetzt schon, sich auszurechnen, wie viele Gärtner man wohl brauchte, um solch ein riesiges Gelände zu bewirtschaften, aber bei all den unzähligen Bäumen, den verschiedenen Staudenarten und dem Meer verblühender Blumen kam er einfach nicht zu einem Ergebnis, das ihm auch nur annähernd plausibel erschien.
 
Sein Großvater hatte mal einen Hof besessen, mit einigen Nutztieren und daher auch Weideflächen, aber Jan hätte nicht schwören mögen, dass dieser Garten nicht sogar noch größer war als die Wiesen seines Opas. Für jemanden wie ihn war der Anblick einfach überwältigend.
 
Es musste eine Menge Geld gekostet haben, ein so großes Grundstück zu erwerben, was den Jungen daran zweifeln ließ, dass wirklich alle Gegenstände im Wohnzimmer der Familie Taileen Imitationen waren. Eine derartige Summe konnte er sich in Münzen kaum vorstellen, aber er hätte Einiges geopfert, wenn er als Kind in einem solchen Garten hätte spielen können.
 
Was es dort alles zu entdecken gab!
 
Die große Trauerweide mit ihren langen Ästen bot im Sommer romantischen Schutz vor der brennenden Sonne, das Beet mit den vielfarbigen Fingerhutstauden wirkte von Weitem wie ein Feld klingender Glöckchen, und die gefächerten Blätter der Seerosen, die auf dem endlos erscheinenden Teich schwammen, sahen fast so aus, als könnte man auf ihnen laufen.
 
Wirklich, er beneidete jedes Kind, das in solch einer Umgebung aufwachsen durfte. Allein die hölzerne Brücke, die über diesen regelrechten Mini-See führte, lud mit ihren aufwendig verzierten Balken schon zu einem ausgedehnten Spaziergang ein, und Jan überlegte einen Moment ernsthaft, ob er Herrn Taileen nicht einfach fragen sollte, ob er ein wenig in der Anlage umherlaufen durfte.
 
Aber dann erschien ihm der Gedanke albern. Warum sollte der Arzt ihm erlauben, durch seinen Garten zu watscheln? Er würde wahrscheinlich eh nur die schönen Blüten platt trampeln und den feinen, englischen Rasen zertreten. Schließlich kam er aus einer ‚armen‘ Familie und kannte eigentlich kaum mehr als den städtischen Bolzplatz, und auf dem wuchs nicht mal mehr Unkraut...  
Andererseits – wenn er tatsächlich Chris‘ Freund werden würde, durfte er bestimmt auch mal mit ihm im Garten sitzen. Bei einer kleinen Grillparty oder so.  
Er legte den Kopf schief und zog eine Augenbraue hoch.
 
Ob reiche Leute Grillparties feierten?
 
Mit einem Seufzen wandte er sich ab.
 
Was dachte er darüber nach? Er würde niemals mit Chris Freundschaft schließen, dafür war er zu tief verletzt worden. Er hatte sich selbst verboten, sich noch einmal jemandem dermaßen auszuliefern, und wenn er hübsche Blumen sehen wollte, konnte er ja auch in den botanischen Garten in der Innenstadt gehen.
 
Obwohl es auf eine gewisse Weise schade war, dass er dem Kleinen nicht näherkommen würde. Sie schienen eine Menge gemeinsam zu haben, zumindest was den Musikgeschmack betraf, und wenn er so über ihn nachdachte, fand er den Schwarzhaarigen auch irgendwie niedlich.
 
Jan runzelte die Stirn und grinste schief.
 
„Niedlich...“, murmelte er und verzog in gespieltem Leid das Gesicht.  
„Alter Homo!“  
Er drehte den Kopf herum und warf dem Schlafenden einen prüfenden Blick zu.
 
Seit einer halben Stunde wartete er nun schon darauf, dass der Junge die Augen öffnete, doch der schien tief und fest zu schlummern und würde wohl auch sobald nicht aufwachen. Jan hingegen war putzmunter und allmählich begann er sich zu langweilen. Er hoffte nur, dass Herr Taileen sein Versprechen wahr machte und ihn wirklich in der Schule entschuldigte, sonst konnte er sich schon mal auf einen riesigen Haufen Ärger gefasst machen. Aber das würde sich ja spätestens dann herausstellen, wenn sein Vater ihn zu Hause schon mit dem Ledergürtel in der Hand empfing. Jetzt brauchte er irgendeine Beschäftigung.
 
Suchend sah er sich in dem Raum um.
 
Das ganze Zimmer war in einem freundlichen Gelbton gestrichen und vermittelte einen willkommenheißenden Eindruck. Auch die Möbelstücke waren aus hellem Holz und vertieften das Gefühl von Geborgenheit, das man hier gewann. Direkt neben dem Eingang stand ein großer Kleiderschrank, dessen Schubladen und Türen geöffnet waren und die so den Blick auf einen Wust von Klamotten freigaben, dessen Großteil gar nicht Chris zu gehören schien: Die Pullover wirkten viel zu weit, die Hosen waren für den Jungen nahezu überlang, und die Socken hatten ein solches Volumen, dass sie dem Kleinen als Handschuhe bis zu den Ellenbogen gereicht hätten.
 
Auf den Regalen in Jans Rücken bogen sich die Bretter unter dem Gewicht hunderter Bücher, die statt eines Titels alle seltsame Punktmarkierungen auf den Einbänden aufwiesen. Zwischen diesen saßen immer wieder vereinzelt Kuscheltiere, hauptsächlich Stoffhunde, aber auch zwei Teddybären und eine graue Plüschmaus mit riesigen Ohren waren dabei. Überhaupt fanden sich in dem Raum unheimlich viele Schmusetiere, die in Ecken hockten, auf der Kommode lagen und ringsherum um das große Himmelbett verteilt waren, in dem der Schwarzhaarige lag. Wirklich ein sehr verträumtes Zimmer...
 
- Na ja - schoss es ihm durch den Kopf. - Das passt wohl zu ihm. -
 
Lange Bahnen eines fast durchsichtigen Stoffes hingen von den Bettpfosten herab und bewegten sich in dem lauen Luftzug, der durch das Fenster hereinwehte, warfen tanzende Schatten auf die Daunendecke. Das Bett stand direkt an der Wand und ragte mit dem Fußende in den Raum hinein, sodass der Hauptteil des Zimmers von dem Möbelstück allein eingenommen wurde.
 
Etwas zaghaft streckte Jan die Hand aus und ließ einen Teil des feinen Gewebes sacht durch seine Finger gleiten. Ein angenehmes Gefühl, wie er feststellte.
 
- Diese Vorhänge lassen sich im Sommer bestimmt zuziehen, damit man vor dem ganzen Ungeziefer geschützt ist. -
 
Er dachte an sein Zimmer in der Wohnung seiner Eltern. Da wimmelte es an den heißen Tagen gerade zu vor Stechmücken und anderem Viehzeugs, aber im Gegensatz zu seinem Bruder hatte er sich fast schon an die kleinen Plagegeister gewöhnt. Er konnte sie ja eh nicht verscheuchen, und wenn er alles totschlug, was von April bis Oktober um ihn herumschwirrte, hatte er eine MENGE zu tun. Bei Julian sah die Situation etwas anders aus, weil er eine Allergie gegen Mückenstiche hatte. Manchmal war er geradezu vollgepflastert mit Eisbeuteln, weil die roten Schwellungen nicht nur unangenehm aussahen, sondern auch ziemlich schmerzten.
 
Jan grinste.
 
Wäre der Ältere nicht sein Bruder gewesen, er hätte ja fast Mitleid für ihn empfinden können. So allerdings...
 
Ein leises Seufzen riss ihn aus seinen Gedanken.
 
Jan lenkte seine Aufmerksamkeit wieder auf sein ‚Exgepäckstück‘ und errötete leicht, als er Chris näher musterte. Der Junge hatte sich auf die Seite gedreht und ihm damit das Gesicht zugewandt. Er hielt die Augen noch immer geschlossen, schien aber nicht mehr im Tiefschlaf zu liegen. Die schwarzen, sehr weich anmutenden Haarsträhnen hingen ihm wild in die Stirn und verdeckten zum Teil die sanft geschwungenen Augenbrauen.  
Chris hatte sehr hochliegende Wangenknochen und dadurch recht zerbrechlich wirkende Züge. Sein Kiefer war zwar - wenn man es genau betrachtete - etwas kantig, das Kinn jedoch eher schmal und nicht so kräftig wie das seines Vaters. Er hatte eine seidig wirkende, zart gebräunte Haut, was darauf schließen ließ, dass er sich gern im Freien aufhielt. Seine Lippen waren leicht geöffnet und wenn Jan sich besonders darauf konzentrierte, konnte er den Anderen sogar atmen hören. Das dünne Sweatshirt, dass Chris trug, war ihm beim Umdrehen über den Rippenbogen gerutscht und entblößte seinen flachen Bauch, der sich beim Luftholen immer wieder leicht hob und senkte. Zu Jans Erstaunen war der Junge längst nicht so dürr, wie ihn die schlabberige Kleidung erscheinen ließ, sondern machte sogar einen recht sportlichen Eindruck.
 
Trotzdem sah er einfach nur niedlich aus, wie er so dalag, halb in dem hochgerutschten Shirt versunken, die Beine angezogen und den Körper wie ein Kleinkind zusammengerollt. Fast ein bisschen schutzbedürftig...
 
Jan errötete noch mehr und wandte hastig den Blick ab. Was gaffte er den Jungen denn so an? ‚Schutzbedürftig‘, ‚niedlich‘ – so ein Quatsch! Er hatte wohl zu viel Zeit mit Julian verbracht. Solche romantisch-bekloppten Gedanken waren normalerweise eher dessen Stärke und nicht seine. Außerdem gehörte es sich nicht für einen Kerl, einen anderen Kerl so anzustarren. Er war doch nicht schwul!  
- Du tust ja geradeso, als hätte eine scharfe Brünette eben vor dir die Beine gespreizt! -
 
Er fluchte leise.
 
„Idiot!“  
Dann zuckte der Blondschopf erschrocken zusammen, als etwas kleines, zierliches plötzlich nach seiner Hand griff und diese festhielt. Erstaunt hob er den Blick und starrte direkt in ein Paar wunderschöner, eisblauer Iriden, die ihn aus dem schmalen Gesicht des Anderen verträumt ansahen.
 
Völlig überrascht von der Tatsache, dass der Junge plötzlich sein volles Bewusstsein zurück hatte, konnte er kaum mehr, als schwer zu schlucken.
 
„Wa-was...wann…?“, stammelte er und brach dann ab.  
Er wollte fragen, wie lange der Schwarzhaarige schon wach war, doch dessen Zeigefinger auf seinen Lippen ließ ihn verstummen. Ein Lächeln zierte die Züge seines Gegenübers, und die freundliche Wärme in seinen Augen sagte in diesem Moment mehr über sein Wesen aus, als tausend Worte es jemals vermocht hätten.
 
Er legte die Hand an Jans Wange und sah diesen ernst an.
 
„Du bist kein Idiot...“  


~~o0@0o~~
 
Vanessa Taileen ließ die Haustür hinter sich ins Schloss fallen und lehnte sich erschöpft gegen den dunklen Holzrahmen. Ihre Handtasche rutschte über ihren Arm zu Boden und die weißen Stöckelschuhe flogen durch einen äußerst uneleganten Schwung ihrer Füße quer durch den Flur in irgendeine Ecke nahe dem Schuhschrank.
 
Entnervt pustete sie sich eine der dunklen Haarsträhnen aus der Stirn und verzog die Lippen zu einem kleinen Schmollmund.
 
„So ein alter Quacksalber!“  
Sie hätte nicht gedacht, dass das Einstellungsgespräch mit dem Direktor des Manfred-Bander-Gymnasiums derart ermüdend verlaufen würde. Der ergrauende Mann war äußerst redselig, dabei aber schrecklich ungeschickt mit Worten und den Großteil der Zeit in verwirrende Widersprüche verstrickt. Außerdem verlor er ständig den Faden und erzählte die Hälfte von Allem doppelt und dreifach, sodass die junge Frau schon nach wenigen Minuten mehr als genug von der Unterredung gehabt hatte. Leider war es ihr nicht möglich gewesen, dem Gespräch früher zu entfliehen, denn immerhin ging es dabei um ihre zukünftige Arbeitsstelle.
 
Ein schelmisches Lächeln huschte über ihre Gesichtszüge.
 
Eine sehr ungewöhnliche Arbeitsstelle, wie sie sich eingestehen musste: Sportärztin an einer Jungenschule – das versprach interessant zu werden.  
Sie stutzte kurz und kicherte dann.
 
Oh ja, richtig – es WAR sogar schon interessant geworden. Und zwar mehr, als sie es sich zunächst erhofft hatte. Wenn sie noch vor einer Woche in Grübeleien über ihren neuen Job versunken war, hatte sie eher an gutaussehende Fußballspieler mit verletzten Knöcheln gedacht, die dringend ein bisschen aufopferungsvoller Pflege bedurften, die sie ihnen natürlich gerne zu geben bereit war. Dass sie aber statt dessen ihren Sohn dabei erwischen würde, wie er auf dem Krankenbett einen anderen Jungen küsste, hätte sie sich niemals träumen lassen.  
Sie seufzte leise.
 
Wo sie gleichgeschlechtliche Beziehungen doch so romantisch fand...
 
Allerdings musste sie zugeben, dass sie extrem überrascht gewesen war, gerade Marcus in einer solchen Situation vorzufinden. Wenn sie so darüber nachdachte, wäre ihr Weltbild mit Chris an dessen Stelle wohl leichter fertig geworden. Von ihrem Jüngsten erwartete sie zwar nicht unbedingt, dass er den ersten Schritt bei solch einem ‚Vorfall‘ machte, aber sie hatte schon immer den Eindruck gehabt, dass der kleine Kerl sowohl beim anderen wie auch beim eigenen Geschlecht nahezu gleich gut ankam.  
Marcus hingegen war schon immer ein Aufreißer gewesen, mit viel Wirkung bei den Frauen, egal ob in seiner eigenen oder einer anderen Altersklasse und deshalb oft im Clinch mit seinen ‚Artgenossen‘. Er war nicht nur sehr charmant und zuvorkommend, sondern auch überaus höflich und behandelte weibliche Mitmenschen immer mit dieser ganz besonderen Art von Aufmerksamkeit, die eigentlich jeder Frau gefiel. Zudem hatte er ein attraktives Äußeres und eine angenehm dunkle Stimme, die selbst ihr manchmal leichte Schauer über den Rücken jagte.  
Vanessa runzelte die Stirn.
 
Trotzdem hatte er noch nie eine feste Freundin gehabt...
 
Sie fragte sich, warum. Marcus war oft mit Mädchen nach Hause gekommen, die ihm gefallen hatten und die er auch ausführte, aber sie hatte ihn noch nie sagen hören, dass er sich tatsächlich in eines von ihnen verliebt hatte. Diese war hübsch, jene besonders freundlich, eine andere wiederum so angenehm ruhig. Aber Liebe? Nein, die war bisher noch nie im Spiel gewesen.
 
Ein breites Grinsen legte sich auf ihre vollen Lippen.
 
Nun, vielleicht kannte sie den Grund ja jetzt. Denn Julian war zwar ein niedliches Kerlchen, aber definitiv KEINE Frau. Trotzdem hatte Marcus ihn schon nach gerade mal einer halben Stunde Bekanntschaft geküsst, und das nicht gerade leidenschaftslos, wie sie ja selbst hatte feststellen können.
 
Ihre Wangen überzogen sich mit einer leichten Röte. Sie fühlte sich fast ein bisschen wie ein Spanner, denn sie hatte die Szene ja nicht gerade mit dem Einverständnis der Beiden beobachtet. Doch dann verwarf sie den Gedanken. Schließlich war sie nur zufällig ins Zimmer gekommen und keineswegs mit der Absicht, ihren Sohn bei seinem kleinen Stelldichein mit seinem neuen Freund zu bespitzeln.
 
Sie stieß sich von dem Rahmen in ihrem Rücken ab und zog sich zufrieden die helle Jacke aus. Jedenfalls war sie schon sehr gespannt, wie sich die Beziehung der Jungen weiter entwickeln würde.
 
Ein Enkelkind zu haben war zwar ganz nett, aber das Glück ihres Sohnes hatte absoluten Vorrang.
 
Vanessa wollte gerade das Kleidungsstück auf einen der Bügel an der Garderobe hängen, als ihr plötzlich die Schultasche ihres Jüngsten auffiel. Irritiert beugte sie sich zu ihr herab und stellte fest, dass neben dieser noch eine weitere Tasche stand, beide ordentlich an die Wand zur Küche gelehnt.
 
Was hatte denn das zu bedeuten? War Chris heute Morgen nicht zur Schule gegangen? Das wäre ja mal ganz was Neues – Chris und schwänzen. Dabei hatte er sich doch so auf den Unterricht gefreut?! Sie hörte ein Geräusch aus Richtung seines Zimmers und hob fragend eine Augenbraue.  
„Na warte, Bürschchen...“, murmelte sie und krempelte schon mal ihre Ärmel hoch, während sie den Flur hinunter schritt.  
„Besuch hast du also auch noch mitgebracht, du Schlawiner? – Euch beiden werde ich mal die Hammelbeine lang ziehen...“
 
Chris war unterdessen an die Kante seines Bettes gerutscht und hatte auch die zweite Hand gehoben, um das Gesicht des Fremden zu befühlen, der sich mit ihm in seinem Zimmer befand.
 
Er war von der Stimme des Jungen aufgewacht, als dieser etwas vor sich hingemurmelt hatte und näher gerückt, um mehr von ihm aufschnappen zu können, aber als der Fremde plötzlich über sich selbst geflucht hatte, war Chris auf einmal ängstlich geworden. Wie aus einem Reflex heraus hatte er nach vorn gegriffen und die Finger des Jungen erwischt, sie festgehalten, um ihn daran zu hindern, vielleicht wegzugehen und ihn alleine zurückzulassen. Er hatte bei dem Gedanken an diese Möglichkeit einen solch starken Eindruck von Verlust empfunden, dass er das auf jeden Fall hatte verhindern wollen. Doch auf das Gefühl, was ihn auf diese Berührung hin durchflutet hatte, war er nicht vorbereitet gewesen.
 
Eine seltsame Wärme hatte sich in ihm ausgebreitet und die Empfindung von Geborgenheit - wie bei einem engen Freund oder Verwandten. Er hatte sich schlagartig wohl gefühlt, so als wäre er in der Nähe dieses Menschen immer in Sicherheit, egal was auch passierte. Als könne er jederzeit auf ihn zählen.
 
Und das hatte ihn lächeln lassen.
 
Und er lächelte wieder, während er die Züge des Anderen mit seinen Fingerkuppen erkundete, sich mit der Miene des Fremden vertraut machte, der ihm so unheimlich bekannt vorkam.
 
Dieser Junge war kein Idiot – er war... gutaussehend.  
Er hatte sehr weiches Haar, das Chris‘ Handrücken kitzelte und sich ein wenig strubbelig anfühlte, während er den Jungen abtastete. Seine Stirn war glatt und ebenmäßig und wies keine Unreinheiten auf, die Nase verlief vollkommen gerade. Er hatte etwas tieferliegende Wangenknochen als es bei ihm selbst der Fall war, und auch seine Kieferpartie wirkte wesentlich kräftiger, als Chris es zunächst erwartet hatte, dafür waren die Wimpern erstaunlich lang und unheimlich nachgiebig. Seine Haut fühlte sich warm und geschmeidig an, war dabei aber nicht so zart wie die vieler anderer Menschen, die der Schwarzhaarige kannte, was ihn zu der Vermutung veranlasste, dass sich der Junge genauso gern im Freien aufhielt wie er.  
Chris hatte zwar keine Ahnung, wie alt seine ‚Entdeckung‘ war, doch er konnte schon jetzt mit Sicherheit sagen, dass der Andere als Erwachsener mal ein sehr maskulines Äußeres haben würde. Ein echter Frauenschwarm... wie sein Bruder vielleicht. Wenn er sich nur entsprechend zurecht machte.  
Chris ertastete etwas zaghaft die kleine Einbuchtung unterhalb des fremden Mundes, und als sein Daumen sanft über die vollen Lippen strich, hörte er, wie sein Gegenüber scharf einatmete. Er hielt einen Moment inne, abwartend, ob sein Gast ihn daran hindern würde, sein Gesicht weiter zu erkunden, doch der Junge blieb still, regte sich nicht.
 
Chris wertete das als Erlaubnis.
 
Also wanderte er tiefer, ließ seine Hände über den schlanken Hals gleiten, fuhr mit den Fingern durch das weiche Haar im Nacken des Fremden und kraulte es ein wenig, das angenehme Gefühl genießend, welches diese Geste in ihm auslöste. Auch der Andere erschauerte leicht – offenbar mochte er es, auf diese Weise berührt zu werden.  
Der Schwarzhaarige spürte die Schultermuskulatur des Jungen unter seinen Fingerkuppen und errötete leicht, als er seine Hände weiter über dessen Oberkörper schob. Der Stoff des Pullovers, der diesen bedeckte, war ein bisschen kratzig und störte ihn. Auf einmal wollte er mehr von diesem unbekannten Körper fühlen, ihn besser kennen lernen, um sich ein ganz genaues Bild von ihm machen zu können. Er wollte intensiver dessen Hitze in sich aufnehmen, wollte die Berührung… intimer.  
Chris ließ langsam seine Arme auf die Oberschenkel des Fremden sinken und versuchte, diesem ungefähr in die Augen zu sehen. Er schob seine Hände unter den Pullover des Anderen und hörte ihn erneut nach Luft schnappen, aber wieder wehrte er sich nicht. Statt ihn von sich wegzuschieben und die ‚Untersuchung’ damit zu beenden, ließ er sich nach kurzem Zögern widerstandslos von Chris den Pullover über den Kopf ziehen und saß jetzt im T-Shirt vor ihm.  
Chris haderte einen Moment mit sich, weil er fürchtete, für die erste Begegnung allmählich zu weit zugehen, doch dann nahm er all seinen Mut zusammen. Marcus ließ sich auch so von ihm anfassen, wenn er sich ein Bild von seinem Bruder wünschte, also zog er den raschelnden Stoff aus der Hose des Jungen.
 
Als seine Fingerkuppen unter dem Shirt die nackte Brust des Fremden berührten, jagte ein angenehmer Schauer durch seinen Körper. Die Haut war warm und straff und Chris konnte deutlich die Konturen des Brustkorbes erfühlen, fuhr sie mit den Händen entlang. Er streichelte behutsam das Schlüsselbein des Anderen und wanderte mit den Fingern langsam hinab in Richtung Rippenbogen, hielt jedoch auf Höhe der Brustwarzen zunächst inne, um diese vorsichtig zu ertasten.
 
Schön fühlten sie sich an, weich und samtig und er konnte den Jungen schwer schlucken hören, als er anfing, sie ein wenig genauer zu erkunden, zu umkreisen. Der Vorhof war etwas kleiner als der seines Bruders, aber er schätzte den Fremden auch jünger ein, von daher hatte das nichts zu bedeuten. Eine Gänsehaut breitete sich langsam auf dem Körper des Anderen aus - er konnte sie am Handballen spüren, wie sich die feinen Härchen aufstellten, während der Junge abermals erschauerte.
 
„Chris… was…tust du?“  
Der Fremde schien verwirrt, doch Chris freute sich.
 
„Du kennst meinen Namen?“  
Er hörte, wie der Fremde nickte.
 
„Ja, dein Vater hat ihn mir gesagt“, antwortete er und der Schwarzhaarige stellte erst jetzt richtig fest, was für eine angenehme Stimme sein Gegenüber hatte.  
„Ist Joker auch da?“, fragte Chris und ließ seine Linke langsam über die Bauchdecke des Anderen gleiten, erfühlte deren Muskulatur. Seine Rechte lag noch immer auf der Brust des Jungen, über dessen Herz, und der Blinde konnte deutlich spüren, wie sich der Schlagrhythmus allmählich beschleunigte.  
„Er…“ Wieder schluckte der Andere. „Er liegt draußen… vor der Tür.“  
Er klang ein bisschen heiser und das irritierte den Schwarzhaarigen. Als seine Fingerspitzen zart über den Bauchnabel des Fremden weiter abwärts fuhren, spannte dieser sich ein wenig an, und schließlich nahm er sanft Chris’ Hand und hielt sie fest.  
„Ich glaube, du weißt vorläufig genug von mir“, flüsterte er und legte die Hand des Kleineren zurück in dessen Schoß.  
Auch, wenn der Junge es nicht sehen konnte, Jan glühte förmlich vor Scham. Noch nie hatte ihn jemand so berührt, und wenn der Blondschopf ehrlich war, hatte er sich eine solche Situation – im Fall, dass sie tatsächlich eintrat – immer mit einer Frau vorgestellt. Von einem fremden Kerl dermaßen ‚erkundet’ zu werden, war mehr als irritierend, aber längst nicht so sehr wie die Tatsache, dass er es sich auch noch so lange hatte gefallen lassen.  
Dieser neugierige, verträumte Blick des Anderen hatte ihn vollkommen in seinen Bann gezogen. Die eisblauen Iriden, die gleichsam leer und ebenso voller Leben schienen, der leichte Schleier, der über ihnen lag und der den Eindruck erweckte, als würden sie in weite Ferne schauen - er hatte sich einfach nicht davon abwenden können. Auch hatten sich die Fingerkuppen des Jungen auf seiner Haut nicht unbedingt unangenehm angefühlt oder den Eindruck erweckt, Chris wolle ihn mit diesen Berührungen ‚anmachen’. Nein, es war viel mehr ein intimes Kennenlernen gewesen. Viel genauer und aussagekräftiger, als man es mit Blicken oder Worten vermochte, wie um ein Bild zusammenzufügen.  
Ein Bild von ihm.
 
Jan war sich nicht sicher, wie dieses Bild jetzt aussah. Der Schwarzhaarige hatte ihn die ganze Zeit genau im Auge behalten, aber er hatte nie versucht, ihm etwas mit seinen Blicken zu sagen, nur gelächelt und getastet. Ihm dabei ein verwirrendes Gefühl von Vertrautheit und Wärme vermittelt. Zuneigung.
 
Trotzdem kam er sich plötzlich unheimlich… billig vor. Er schämte sich, dass er sich von einem Jungen so hatte anfassen lassen, noch dazu von einem, den er kaum kannte. Obwohl ihm der Gedanke bei Chris komischerweise nicht so viel ausmachte wie zum Beispiel die Vorstellung, dieser bekloppte Braunhaarige aus der Schule hätte es gemacht.  
Seine Miene verfinsterte sich.
 
Dem wäre ordentlich der Arsch auf Grundeis gegangen, wenn er auch nur ANSTALTEN gemacht hätte, irgendwo seine Griffel bei ihm hinzupacken! Diese perverse Sau!
 
„Wie heißt du?“  
Die leise Frage riss Jan unerwartet aus seinen Gedanken. Er wandte Chris wieder das Gesicht zu und betrachtete nachdenklich dessen Züge.
 
„Jan“, antwortete er wahrheitsgemäß. „Jan-Hendrik Grohs.“  
„Jan-Hendrik…“, wiederholte der Andere und lächelte erneut. „Das ist ein schöner Name.“  
Jan zog eine Augenbraue hoch.
 
„Findest du? Ich würde eher sagen, man gewöhnt sich daran…“  
Chris kicherte und griff nach seiner Hand.
 
„Du bist lustig. Ich kenne dich. Dein Geruch kommt mir vertraut vor – du hast mich nach Hause getragen, nicht wahr?“  
Jan nickte.
 
„Du warst wach?“  
Der Junge schüttelte den Kopf.
 
„Nur zwischendurch einmal. Ich war etwas erschrocken, weil ich keinen Boden mehr unter den Füßen gespürte habe, aber deine Wärme und dein Geruch haben mich wieder beruhigt.“  
Plötzlich strahlte er.
 
„Du riechst nach Geborgenheit.“  
Jan starrte den Anderen einen Moment lang ungläubig an, dann spürte er, wie ihm das Blut in den Kopf schoss und wandte sich hastig ab.
 
„Quatsch!“, schimpfte er und schob die schlanken Finger von sich. „Ich rieche doch nicht nach Geborgenheit! Eine Tracht Prügel kannst du haben, aber fühl dich bloß nicht in Sicherheit bei mir!“  
Chris lachte glucksend und schüttelte fröhlich den Kopf.
 
„Tue ich aber!“  
Jan gab einen erschrockenen Laut von sich, als der Junge auf einmal vom Bett hüpfte und abermals lachend in seinen Armen landete. Er kuschelte sich an ihn und hielt ihn besitzergreifend fest.
 
„Du fühlst dich lieb an“, flüsterte er und ließ Jans Herzschlag damit einen Takt lang aussetzen. „Bitte… ich möchte, dass du mein Freund wirst.“  
Jan öffnete den Mund, völlig überrascht und im Willen, wie immer heftig zu protestieren, doch die auffliegende Zimmertür kam ihm dazwischen. Eine überaus attraktive Frau mit lockigen braunen Haaren stürmte ins Zimmer und warf einen wütenden Blick in den Raum, der Jan glatt den Atem verschlug, als er ihn traf. Sie machte einen Schritt nach vorne, während hinter ihr die Tür geräuschvoll ins Schloss fiel, und setzte offenbar zu einem wahren Donnerwetter an, doch dann stoppte sie plötzlich und gaffte die beiden Jungen mit offenem Mund an.
 
Sie hob eine Hand und deutete verwirrt auf das Gewühl aus Armen und Beinen in dem großen Sessel, brachte aber kaum ein vernünftiges Wort zustande.
 
„Aber…was…wer…mit dir?“  
Chris gluckste abermals und schmiegte sich enger an Jan.
 
„Hallo Mama!“, rief er gut gelaunt und ignorierte das Chaos einfach, das er offenbar im Gehirn seiner Mutter verbreitete. „Das ist mein neuer Freund. Er heißt Jan – toll, oder?“  
Jan lächelte schief und versuchte krampfhaft die äußerst pikante Vorstellung dessen zu vertreiben, was die junge Frau bei diesem Anblick wohl von ihnen denken mochte.
 
„Hi!“  
Chris’ Mutter zog einen Mundwinkel hoch und bewegte die Finger zu einem leichten Winken.  
„Hi…“  
Sie schien total perplex zu sein. Ein bisschen guckte sie so, als hätte sie etwas Ähnliches heute schon einmal gesehen, und Jan hoffte inständig, dass es nichts mit gleichgeschlechtlichen Beziehungen zu tun hatte, denn dann würde sie ihn jetzt garantiert für schwul halten.
 
Doch dann lächelte sie plötzlich.
 
„Jan…“, murmelte sie und schaute ihn erst jetzt richtig an. „Schön, dich kennen zu lernen.“  
Jan nickte zaghaft.
 
„Gleichfalls…“  
Ob das allerdings wirklich so schön war, musste sich in der nächsten Zeit wohl erst noch herausstellen. Im Moment war er sich dessen nämlich gar nicht so sicher.
 
Ohne es zu wollen, hatte er jetzt einen Freund, und wie er die Sache gerade einschätzte, auch noch einen, dessen Mutter ihn für homosexuell hielt.
 
Ein resigniertes Seufzen entrang sich seinen Lippen, als Joker sich an der Frau vorbeiquetschte und winselnd um einige Streicheleinheiten bat. Offenbar hatte er da noch Einiges aufzuklären.
 
Die Frage war nur, wie er das halbwegs glaubwürdig anstellen sollte, so mit dem kleinen Kerl im Arm?
 
Irgendwie schien heute alles schief zu laufen.
 
- Es ist einfach nicht mein Tag… -