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Romeo und ... Julian? Teil 7 bis 9

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- Ahnungslosigkeit ist eine gute Waffe. -
Nathalie Sarraute (1901-2000), französische Schriftstellerin des Nouveau Roman

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Kapitel VII – Sport ist Mord?
 
‚...und da Christian heute krank ist, schlage ich einfach vor, dass unser Neuer Julian beim Aufräumen der Halle hilft.‘  
Der Blondschopf verdrehte die Augen und fegte schwungvoll einen Rest Dreck aus der geöffneten Tür der Sporthalle.
 
„Schlage ich einfach vor, dass unser Neuer Julian beim Aufräumen hilft“, äffte er seinen Lehrer nach und schnaubte verächtlich. „Danke, Herr Hachmeister, eine wirklich großartige Idee!“  
Er lehnte sich auf den splittrigen Besenstiel und seufzte schwer. Hätte er sich doch bloß nicht die letzte Woche vor den Ferien noch für den heutigen Putzdienst eingetragen. Jeder aus dem Sportkurs musste irgendwann mal die Halle sauber machen nachdem der Unterricht vorbei war, von daher wäre es im Grunde egal gewesen, wann er an die Reihe kam, aber gerade dieser Tag schien eine wirklich schlechte Wahl gewesen zu sein. Dabei hatte ihm Christian versichert, dass er sich vorgenommen hatte, in diesem Schuljahr nicht so oft seine Kurse zu schwänzen und garantiert da sein würde, um ihm beim Aufräumen zu helfen.
 
- Teh, so gut kann man sich also auf ihn verlassen! -
 
Doch dass ausgerechnet Marcus derjenige sein würde, den er statt dessen als Partner aufgedrückt bekam, war schon mehr als ärgerlich. Nicht, dass er den Dunkelhaarigen nicht mochte oder partout nicht mit ihm zusammen arbeiten wollte, nein, er wusste nur nicht, wie er sich ihm gegenüber verhalten sollte. Er hatte mehrmals versucht, in den Pausen mit ihm zu reden, über das Krankenzimmer und den Kuss, aber Marcus war ständig von einer regelrechten Traube aus Schülern umringt gewesen, die alle neugierig waren, was der Fremde aus England denn so zu erzählen hatte. Außerdem waren da ja auch noch Julians eigene Freunde, die ihm alle von ihren Reisen in die Türkei und sonst wohin erzählt hatten, Verabredungen klar machen wollten oder einfach den letzten Klatsch und Tratsch bei ihm breittraten, wie es halt nach ein/ zwei Wochen Ferien so üblich war.
 
Und eigentlich genoss er das ja auch immer, aber dadurch hatte er eben keine Chance gehabt, den Anderen mal alleine abzupassen.
 
Jetzt, wo sie zusammen die Halle putzten, wäre es ihm ein Leichtes gewesen, einfach hinzugehen und die Sache klar zu stellen, doch nun traute er sich plötzlich nicht mehr.
 
Außerdem kam noch hinzu, dass ihm gar nicht so recht klar war, was er überhaupt sagen sollte. Hatte ihm der Kuss nun gefallen oder war er einfach nur überrumpelt gewesen?
 
Eigentlich tendierte sein Gefühl ja zu Ersterem, aber das konnte er ihm doch unmöglich sagen! Sollte ihn der Neue denn gleich für schwul halten?
 
Es war schlichtweg zum verrückt werden! Warum mussten sie auch den gleichen Sportkurs haben? Hätte der Größere statt Volleyball nicht lieber Leichtathletik oder so was in der Richtung wählen können? Irgendetwas Ausgefallenes wie Bodenturnen oder Trampolinspringen, oder von ihm aus auch Fußball, was ja nun das genaue Gegenteil davon war. Etwas, wo er nicht in Julians Nähe kam halt.
 
Der verzog die Mundwinkel, während er darüber nachdachte.
 
Nein, das passte alles nicht zu ihm. Als gestreckter Turner am Barren oder mit den Keulen auf einer riesigen Matte herumspringend konnte er sich Marcus nun wirklich nicht vorstellen. Und für Fußball schien er ihm irgendwie zu intelligent. Nichts gegen Fußballspieler, aber zweiundzwanzig Leute, die sich um den gleichen Ball kloppten, mussten doch irgendwo so einen gewissen Schaden haben, oder?
 
Abermals seufzend wandte er sich wieder dem Laminat und seiner Säuberung zu.
 
Darüber nachzugrübeln brachte ihn jetzt auch nicht weiter – Marcus hatte seinen Kurs gewählt und daran ließ sich nichts mehr ändern. Punkt.  
Er hielt beim Fegen einen Moment inne und drehte sich dann zögernd um.
 
Die Halle war leer.
 
Julian runzelte die Stirn. War Marcus mit seinem Part vom Aufräumen denn schon fertig?
 
Der Blondschopf lehnte den Besen behutsam gegen die Wand neben dem Ausgang und schloss diesen dann vorsorglich ab, damit der Wind von draußen nicht wieder Blätter und anderen Schmutz hineinwehte, den er dann wegkehren durfte. So sperrte er zwar auch den angenehmen Sonnenschein aus, der durch die große Tür in die Halle gefallen war und beim Fegen seine Haut gewärmt hatte, doch das nahm er lieber in Kauf als noch eine Stunde Arbeit zu haben. Das Wetter konnte er auch genießen, wenn sie mit dem verfluchten Putzen endlich fertig waren.
 
Er ging langsam die Sitzplätze an den Tribünen entlang und sah sich suchend um. Wo konnte sein neuer Klassenkamerad denn nur sein? Er war sich ganz sicher, dass er ihn eben noch das Volleyballnetz hatte abnehmen sehen.
 
Julian schlug sich mit der flachen Hand vor den Kopf und schlenderte hinüber zu den Geräteräumen. Natürlich - wenn Marcus das Spielfeld abbaute, war er sicher gerade dabei, besagtes Netz wieder aufzurollen und dieses und die dazu gehörigen Stangen an ihren angestammten Platz zu hängen.
 
- Kein Wunder, dass ich ihn dann nicht sehen kann. -
 
Und tatsächlich fand er den Engländer in einem der kleinen Nebenräume der Turnhalle, dem hintersten um genau zu sein, wie er gerade die letzten Volleybälle in einem der dafür vorgesehenen Körbe verstaute.
 
Julian blieb stehen und beobachtete fasziniert die kraftvollen, geschmeidigen Bewegungen des Jungen. Obwohl die Bälle nicht schwer waren und Marcus‘ T-Shirt ziemlich locker saß, konnte er deutlich die zahlreichen Muskeln erkennen, die sich bei jeder Streckung darunter spannten und dem Dunkelhaarigen in ihrer Ausprägung irgendwie etwas raubtierhaftes verliehen. So agil und wendig... Fast auch ein bisschen unnahbar.  
Der Blondschopf schluckte leise.
 
Selbst in schlabberiger Trainingshose und Turnschuhen wirkte Marcus noch unheimlich attraktiv. Irgendwie elegant und maskulin, und Julian konnte sich gut vorstellen, dass selbst ein löchriger Kartoffelsack dieser Ausstrahlung keinen Abbruch tun würde.
 
Manche Menschen hatten einfach eine Aura, die durch absolut nichts zu zerstören war, und Marcus gehörte definitiv dazu, da konnte man sagen was man wollte. Der athletische Körperbau, das charismatische Äußere und die geradezu natürliche Freundlichkeit, mit der er jedem begegnete – zusammen machte ihn das alles einfach unheimlich sympathisch.  
Julian spürte, wie ihm die Röte in die Wangen stieg.
 
Und wenn man nicht aufpasste, war man dieser Sympathie schneller verfallen, als man „Omas Stockbett“ sagen konnte.  
Die Farbe in seinem Gesicht verdunkelte sich noch.
 
„Omas Stockbett“, murmelte er hastig und schlug sich erschrocken die Hände vor den Mund, als Marcus beim Klang seiner Stimme überrascht zusammenzuckte und sich mit fragendem Blick zu ihm umdrehte.  
„Oh“, machte er und wirkte ein wenig erleichtert. „Du bist es nur.“  
Julian ließ seine Hände sinken und verzog die Lippen zu einem leichten Schmollmund.
 
„Was heißt hier ‚nur‘?“, schnappte er und wunderte sich selbst über seine heftige Reaktion auf diese Aussage.  
Doch Marcus grinste lediglich.
 
„Passt dir was daran nicht?“  
Der Junge überlegte einen Augenblick und stellte zu seinem Erstaunen fest, dass es ihm tatsächlich nicht passte, ‚nur‘ er zu sein. Dabei war das absolut lächerlich. Was hatte er denn von dem jungen Mann erwartet? Dass er sofort in Jubelschreie ausbrach, wenn Mister Hochwohlgeboren sich mal dazu herabließ, ein paar Worte mit ihm zu wechseln? Schwachsinn!  
„Nein, nein“, meinte er deshalb abwinkend und setzte sich auf einen Kasten nahe der Turngeräte. „Ist schon okay, wenn du dich nicht freust.“  
Marcus hob eine Augenbraue und lehnte sich lässig gegen den hölzernen Barren in seinem Rücken.
 
„Ich habe nicht gesagt, dass es mich nicht freut“, antwortete er ruhig und beobachtete aufmerksam des Anderen Mimik. Der zuckte scheinbar ungerührt die Schultern.  
„Du hast aber auch nicht gerade durchscheinen lassen, dass es dir gefällt.“  
Julian hätte sich am liebsten geohrfeigt. Was brabbelte er denn da? Hatte er den Verstand verloren? Allmählich schien Marcus sich das auch zu fragen, denn er rieb sich das Kinn und musterte ihn nachdenklich.
 
„Was hast du dir denn vorgestellt?“, fragte er und runzelte die Stirn, als Julian abermals leicht errötete. „Soll ich dir um den Hals fallen?“  
Der Blondschopf schüttelte den Kopf.
 
„Nein, natürlich nicht“, gab er schüchtern zurück und drehte sich weg. „Hör einfach nicht hin...“  
Marcus hob nun auch die andere Augenbraue und setzte sich schließlich zu ihm.
 
„Ist alles in Ordnung mit dir?“  
Seine Stimme klang wirklich besorgt, und das brachte den Blonden erstrecht in Verlegenheit. Er hatte ja nicht mal selber eine Ahnung, was auf einmal mit ihm los war, und wie er dieses plötzliche Rumzicken seinem neuen Freund erklären sollte, wusste er schon gleich gar nicht.
 
Er merkte nur wieder äußerst deutlich, wie ihn Marcus‘ Nähe nervös werden ließ. Wie sich die feinen Härchen auf seinem Unterarm aufstellten und der Magen anfing zu rebellieren, sich dehnte und zusammenzog und so ein seltsames Gefühl von Leere in ihm hinterließ, das es fast schon schmerzte…  
Julian zögerte, den Gedanken zu Ende zu führen.
 
…als könne man einem Menschen zwar Nahe kommen, aber ihn irgendwie nicht erreichen, und dass er dies mit Marcus in Verbindung brachte, verwirrte ihn. Der Junge saß doch direkt neben ihm, sogar recht eng. Zumindest so sehr, dass Julian seine Körperwärme fühlen konnte, und dennoch war dem Blondschopf irgendwie komisch zumute, so als würde ihm etwas Wichtiges fehlen.  
„Merkwürdig...“ flüsterte er.  
Marcus warf ihm einen langen Blick zu.
 
„Was ist merkwürdig?“  
Der Andere schreckte leicht zusammen und sah ihn fragend an.
 
„Wie bitte?“  
Der Dunkelhaarige stützte sich mit der Rechten neben Julians Gesicht ab und beugte sich weit über ihn.
 
„Was so merkwürdig ist, wollte ich wissen“, wiederholte er gedehnt und pustete dem Jungen eine der blonden Haarsträhnen aus der Stirn. „Du bist ja vollkommen weggetreten...“  
Julian blinzelte irritiert und schnaubte dann.
 
„Bin ich gar nicht!“, verteidigte er sich und rückte wie zur Bestätigung ein Stück von Marcus ab, um nicht gänzlich dessen angenehmen Geruch und Hitze ausgesetzt zu sein. Der lachte nur leise.  
„Nein, gewiss nicht“, höhnte er und machte eine wegwerfende Handbewegung. „Deshalb starrst du auch in Nichts und murmelst die ganze Zeit so komisches Zeugs vor dich hin.“  
Julian zuckte unmerklich zusammen. Marcus‘ Spott verletzte ihn, und auch wenn er nicht wusste warum, er fühlte sich irgendwie ungerecht behandelt. Der Andere schien den Umschwung in seiner Stimmung bemerkt zu haben, denn er lächelte entschuldigend und strich ihm zärtlich durchs Haar.  
„Tut mir leid, Kurzer“, beteuerte er zerknirscht. „So war es nicht gemeint...“  
Der Blonde schaute ihn einen Moment lang verblüfft an, aber dann grinste er vielsagend.
 
„Soo ‚kurz’ bin ich gar nicht“, meinte er frech und musste schallend anfangen zu lachen, als er Marcus‘ dümmlichen Gesichtsausdruck sah. Mit einer derart zweideutigen Anspielung hatte der Engländer offenbar nicht gerechnet, denn er wirkte mehr als verwirrt. Doch plötzlich packte er ihn an den Handgelenken und drückte Julian mit dem Rücken auf den Kasten, ließ diesen überrascht nach Luft schnappen.  
„Wa-was machst du?“, stammelte er und starrte sein Gegenüber etwas erschrocken an.  
„Reden kann jeder“, war die amüsierte Antwort. „Ich will Beweise sehen.“  
Julian sog hörbar den Atem ein.
 
„Du machst Witze!“  
Doch Marcus schien alles andere als Scherze mit ihm zu treiben. Er bog die Arme des Blonden über dessen Kopf und hielt sie dort mit einer Hand fest, während er mit der anderen grinsend Julians T-Shirt aus der Sporthose zog. Dieser zappelte wild und versuchte, sich aus dem Griff des Anderen zu befreien, scheiterte aber kläglich – Marcus war wesentlich stärker als er.  
„Bitte“, rief der Blondschopf und wand sich unter seinem Gegenüber. „Hör auf mit dem Quatsch! Ich finde das nicht lustig!“  
Marcus hob den Kopf und schaute ihm ernst in die Augen.
 
„Ich auch nicht“, antwortete er und ließ damit abermals die Röte in Julians Wangen steigen. Was hatte er denn mit ihm vor? Wollte er ihn tatsächlich ausziehen? Das konnte er doch nicht machen!  
Andererseits, wer sollte ihn daran hindern? Julian vielleicht? Der war viel zu schwach, um sich wirklich effektiv gegen den Engländer wehren zu können.
 
Er öffnete mit geweiteten Augen die Lippen, als der Dunkelhaarige sich zu ihm herabbeugte, doch er kam nicht mehr zu seinem Protest, denn Marcus‘ Mund verschloss den seinen, bevor er etwas sagen konnte.  
Ein prickelnder Schauer jagte sofort durch seinen Körper, und er fühlte sich an die wohltuende Hitze zurückerinnert, die ihn durchströmt hatte, als er am Morgen schon einmal mit dem Anderen in einem Kuss versunken war. Marcus‘ Lippen lagen warm und weich auf seinen und nur mit leichtem Druck, dennoch hatte Julian keine Chance, sich dem jungen Mann zu entziehen. Marcus‘ Körper presste seinen auf den harten Untergrund und ließ ihn deutlich die vielen Muskeln spüren, die er vorhin noch so angetan bewundert hatte, seinen Beine waren zwischen denen des Anderen eingeklemmt. Die Zunge des Dunkelhaarigen glitt über seine Unterlippe, neckte zart die empfindlichen Winkel und schob sich schließlich zwischen seinen Zähnen hindurch tief in seine Mundhöhle.
Der Blondschopf stöhnte unterdrückt auf, als die feuchte Spitze seine eigene berührte und begann, diese zärtlich zu umkreisen, während sich der Unterleib des Engländers schwer auf seine Hüfte legte. Sanft schlangen sich Marcus‘ Finger in sein Haar, strichen über seinen Nacken und den schlanken Hals, wanderten suchend über seine Brust und hinab zur Bauchdecke, wo sie sich nach kurzem Zögern unter sein T-Shirt schoben. Er fühlte, wie die kräftigen Hände seine warme Haut liebkosten, etwas unsicher zunächst, doch dann immer forscher werdend, neugieriger, bis er kaum noch wusste, wo oben und unten war.  
In Julians Kopf drehte sich alles. Marcus hielt noch immer seine Hände fest, machte ihn wehrlos, obwohl der Blonde sich nicht mal sicher war, ob er sich wirklich gewehrt hätte, selbst wenn es ihm möglich gewesen wäre. Er keuchte leise, als die Fingerkuppen des Dunkelhaarigen den samtigen Vorhof seiner Brustwarzen erreichten, diese streichelten, bis sie sich hart gegen seinen reibenden Daumen pressten. Er löste sich von Julians Lippen und küsste zärtlich dessen tief gerötete Wangen, zeichnete mit der Zunge eine feuchte Spur über seinen Kiefer und das Kinn hinab zu seiner Schlagader.
 
„Marcus...“  
Julians Stimme war kaum mehr als ein heiseres Flüstern.
 
„Was... was machst du mit mir?“  
Der Größere hob den Blick und sah ihm verlangend in die Augen.
 
„Frag mich nicht...“, antwortete er und verschloss den Mund des Blonden mit einem erneuten Kuss.  
- Ich weiß es selber nicht... -
 
Er entließ die Handgelenke des Anderen aus seiner Umklammerung und griff nach dem weißen Shirt, das dieser trug, zog es ihm behutsam über den Kopf und warf es zu Boden. Julian errötete abermals, doch als er sich das Kleidungsstück wieder hinnehmen wollte, hielt der Dunkelhaarige ihn zurück.
 
„Nein warte“, bat er leise und verschlug dem Blonden mit seinem nächsten Satz fast die Sprache. „Dein Körper ist nichts, was du bedecken müsstest...“  
Julian starrte ihn überrascht an und wusste nicht, was er sagen sollte. Er hatte längst nicht die Statur seines Gegenübers und sich selbst nie für besonders attraktiv gehalten, doch der Blick des jungen Mannes sagte ihm deutlich, dass Marcus das anders sah. Seine Augen glitten bewundernd über Julians Körper und nahmen jede Kleinigkeit davon in sich auf, fuhren den schmalen Rippenbogen entlang, betrachteten ausgiebig seine Bauchdecke, und schließlich mit einem leichten Schmunzeln seine Hüfte.
 
Der Blondschopf hätte sterben mögen vor Scham und bedeckte hastig das deutliche Anzeichen dafür, dass ihm die Liebkosungen des Anderen mehr als gefallen hatten.
 
Doch Marcus grinste nur.
 
„Was versuchst du, zu verstecken? Mir geht es doch genauso.“  
Julian wandte den Blick ab und versuchte krampfhaft, nicht auf Marcus‘ Unterleib zu stieren. Er machte sich schon wieder über ihn lustig! Wenn der Engländer glaubte, er würde jetzt begeistert die Beule in seiner Hose anglotzen, hatte er sich aber geschnitten! Das war nichts, was ihn auch nur im Entferntesten interessierte!  
Das leise Lachen seines Gegenübers riss ihn aus seinen Gedanken. Er schnappte hörbar nach Luft, als der junge Mann sein Kinn umfasste und den Blondschopf damit zwang, ihn wieder anzuschauen.
 
„Nun sei doch nicht gleich eingeschnappt“, hauchte der Größere und lächelte ihn freundlich an. „Ich kann doch nichts dafür, dass du mich so erregst.“  
Julian schluckte lautstark.
 
„I-ich war es aber nicht, der mit dieser... K-Küsserei angefangen hat...“, stammelte er und versuchte, sich nicht gleich in dem brennenden Blick dieser bernsteinfarbenen Augen zu verlieren. Dieser Typ machte ihn noch ganz wahnsinnig!  
Marcus nickte langsam.
 
„Das stimmt allerdings“, meinte er nachdenklich und legte die Stirn in Falten.  
Dann schmunzelte er wieder.
 
„Aber du warst auch nicht unbedingt dabei, dich vehement dagegen zu wehren.“  
Der Blonde wollte etwas erwidern, doch dann stutzte er, als ihm auffiel, dass Marcus genauso antwortete, wie er es vorhin bei ihm getan hatte. Etwas verärgert riss er sich los.
 
„Hör auf, mich zu verspotten!“  
Energisch schob er den Anderen von sich herunter und griff nach seinem T-Shirt.
 
„Wenn du dich über mich lustig machen willst, kann ich dich wohl nicht davon abhalten, aber du brauchst es nicht auf DIESE Weise zu tun.“  
Marcus packte seinen Arm und sah ihm ernst ins Gesicht.
 
„Ich mache mich nicht über dich lustig“, knurrte er. „Und wenn ich es wollte, würde ich sicher nicht dafür über dich herfallen. So einer bin ich nicht.“  
Julian war mitten in der Bewegung erstarrt und schaute sein Gegenüber verblüfft an. Der Dunkelhaarige wirkte richtig zornig. War er zu weit gegangen?
 
Er ließ die Hand sinken und sah beschämt zu Boden.
 
„Es tut mir leid...“, flüsterte er. „Ich wollte dich nicht beleidigen...“  
Er seufzte leise und blies sich eine der kornfarbenen Haarsträhnen aus der Stirn.
 
„Ich bin nur so verwirrt“, gab er zu und traute sich nicht, Marcus‘ Blick zu begegnen. „Ich kenne dich noch gar nicht und habe mich trotzdem schon zweimal von dir küssen lassen. Das ist mir vorher noch nie passiert. Ich dachte immer, solche Dinge bräuchten Zeit... Und außerdem bist du ein... ein...“  
„Ein Mann?“  
Julian nickte scheu.
 
„Ja...“  
Marcus lächelte heimlich und gratulierte sich selbst zu seinem ausgezeichneten Geschmack. Dass er schwul war, wollte er noch nicht wahr haben, denn was war schon ein Kuss oder auch zwei oder drei? Mädchen knutschten schließlich auch zu jeder möglichen Gelegenheit miteinander herum. Aber Julian war mit seiner schüchternen, offenherzigen Art auf alle Fälle jemand, den er gerne zu seinem Freund haben wollte, und er hatte soeben beschlossen, dass er diesen Vorsatz auch in einen Tatbestand umwandeln würde, und wenn er sich dafür die Hose zunähen ließ, um nicht auf dumme Gedanken zu kommen.
 
„Mach dir keine Sorgen“, meinte er deshalb freundlich und klopfte ihm auf die Schulter. „Ich werde keinem davon erzählen und ich halte dich auch nicht für ein ‚leichtes Mädchen‘...“  
Julian blinzelte verwirrt, doch dann musste er lachen.
 
„Na, dass ich kein Mädchen bin, solltest du vorhin ja auch sehr deutlich gesehen haben, oder?“  
Jetzt prustete auch Marcus los.
 
„Ja, das kann man wohl sagen!“  
Die Beiden grölten vor Belustigung, doch plötzlich zuckten sie erschrocken zusammen. Irgendjemand hämmerte von Außen gegen die Turnhallentür und wollte offenbar hinein.
 
„Julian?“, rief eine recht tiefe Jungenstimme und ließ leichte Irritation daraus erkennen.  
„Julian! Bist du da drin?“  
Dieser fluchte unterdrückt und zog sich hastig sein T-Shirt wieder über.
 
„Verdammt - Tobi! Den habe ich ja total vergessen!“  
Marcus warf dem Halleneingang einen fragenden Blick zu und drehte sich dann zu seinem Freund.
 
„Wer ist das?“  
Der Blondschopf legte ihm einen Zeigefinger auf den Mund und schüttelte den Kopf zum Zeichen, dass er ruhig sein sollte.
 
„Sag ich dir später. Komm“, flüsterte er. „Wir schleichen uns durch den Eingang für die Gastmannschaften raus. Wenn ich Tobias jetzt erst erklären muss, warum ich heute Morgen unsere Verabredung geschwänzt habe, dann sitzen wir nächsten Donnerstag noch hier drin. Er ist bestimmt sauer...“  
Der Dunkelhaarige löste die Hand von seinen Lippen und bemühte sich, möglichst leise zu sprechen.
 
„Was ist mit unseren Sachen?“  
„Holen wir das nächste Mal ab – ich hab doch noch den Schlüssel.“  
„Musst du den nicht wieder abgeben?“  
Julian schüttelte den Kopf.
 
„Es ist ein Ersatzschlüssel für den Putzdienst. Ich gebe ihn normalerweise den beiden Schülern, die nach mir mit dem Aufräumen dran sind, aber es ist sicher okay, wenn wir ihn noch ein bisschen länger behalten.“  
Marcus zuckte die Schultern.
 
„Wie du meinst...“  
Die Beiden erhoben sich langsam und schlichen vorsichtig über die Tribüne nach draußen.
 
„Puh“ machte Julian und wischte sich den imaginären Schweiß von der Stirn. „Das ist ja gerade noch einmal gut gegangen...“  
„Da würde ich nicht drauf wetten, du Rotzlöffel!“  
Der Blondschopf jappste erschrocken nach Luft, als jemand sein Ohr packte und es kräftig in die Länge zog.
 
„Du hast mich angeflunkert!“  
Julian ruderte in der Luft mit den Armen herum und gab einen schmerzhaften Laut von sich, doch die Hand ließ nicht locker. Marcus traute kaum seinen Augen.
 
„Mum!“, rief er und schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn. „Was tust DU denn hier?“  
Seine Mutter versetzte ihm eine Kopfnuss, die der Engländer mit einem lauten „Ouch!“ quittierte, und schaute ihn böse an.  
„Zu dir komme ich später noch, du frecher Bengel!“, schnaubte sie. „Warum hast du mir nicht gesagt, dass du nach dem Unterricht noch Putzdienst hast? Ich stehe seit einer halben Stunde vor der Turnhalle und warte darauf, dass du endlich herauskommst!“  
„Das konnte ich doch vorher nicht wissen!“, verteidigte sich ihr Sohn und verzog mitleidig die Miene, während er seinen wankenden Freund betrachtete. „Außerdem: Seit wann kommst du extra mit dem Wagen, um mich von der Schule abzuholen?“  
Die Frau warf ihre Locken über die Schultern zurück und setzte einen Schmollmund auf.
 
„Ich wollte halt mal liebevoll sein, tut mir ja leid, dass dir das nicht in den Kram passt.“  
„Es passt mir tatsächlich nicht in den Kram – und jetzt lass den armen Jungen los, du reißt ihm ja noch das Ohr ab!“  
Frau Taileen gab den Blondschopf aus ihrem Griff frei und beobachtete grinsend, wie ihr Sohn sich besorgt erkundete, ob mit seinem neuen Freund auch alles in Ordnung sei. Ja, ja, zwischen den Beiden lief es wirklich vorzüglich...
 
„Verrückte alte Hexe!“, schimpfte der Größere. „Was willst du überhaupt von ihm?“  
Sie legte die Stirn in Falten und pustete sich eine der dunklen Strähnen aus dem Gesicht.
 
„Sei nicht so frech“, befahl sie ruhig und maß ihn mit einem mürrischen Blick. „Ich bin immer noch deine Mutter. Und ich wollte mich nur erkundigen, warum er mich heute Morgen angeschwindelt hat.“  
Julian machte einen mehr als verwirrten Eindruck.
 
„Angeschwindelt?“  
Sie nickte energisch und strich nachlässig eine Falte aus ihrem jetzt dunkelblauen Kostüm.
 
„Du hast gesagt, du hättest bei Herrn Junghans Unterricht, dabei warst du bei Herrn Ballmeier im Englischkurs. Ich habe dich beim falschen Lehrer entschuldigt.“  
Julian errötete leicht und senkte beschämt den Blick.
 
„Oh, das tut mir leid. Ich hatte vergessen, dass die Stunden für den Englisch- und den Religionskurs getauscht wurden.“  
Er kratzte sich verlegen am Kinn.
 
„Daran habe ich gar nicht mehr gedacht. Sorry...“  
Die Frau warf ihm einen langen Blick zu, dann packte sie ihn plötzlich und drückte ihn fest an ihre Brüste.
 
„Ooooh, du bist so süß, wenn du verlegen wirst“, rief sie und strahlte über das ganze Gesicht. „Ich glaube, ich behalte dich für Zuhause!“  
„Hey!“  
Marcus riss ihr den Jungen aus den Armen und stellte sich schützend vor ihn.
 
„Mach dich nicht lächerlich, Weib! Das ist doch kein Kuscheltier!“  
„Na und?“  
Frau Taileen schien gänzlich unbeeindruckt.
 
„Er ist trotzdem süß.“  
Sie zwinkerte Julian verräterisch zu und ließ ihn damit abermals rot anlaufen. Dann drehte sie sich um.
 
„Und jetzt kommt, ihr Zwei! Ich habe schon was Gutes zu Futtern aufgesetzt. Wenn wir uns nicht beeilen, haben es Chris und sein neuer Freund alleine aufgegessen.“  
Sie verzog das Gesicht und schüttelte heftig die Schultern.
 
„Außerdem kann man deinen Vater nicht unbeaufsichtigt in die Küche lassen. Hoffentlich hat er nicht schon alles versaut...“  
Marcus holte überrascht Luft.
 
„Chris‘ Freund?“  
Er konnte es gar nicht glauben.
 
„Chris hat schon einen neuen Freund?“  
Die Frau nickte begeistert.
 
„Ja – ein total süßer Typ. So raubeinig und widerborstig. Total zum Knuddeln!“  
Marcus verdrehte die Augen.
 
Na das konnte ja heute alles noch heiter werden...
 
„Du wirst ihn sicher mögen, mein Schatz.“ Sie schob die Beiden vor sich her zum Auto. „Und nun Abmarsch!“

  

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- Bei jeder Streitfrage gibt es zwei Standpunkte: Den eigenen und den falschen. -
Channing Pollock

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Kapitel VIII – Ich mag dich
  
„Chris! Stopf dich doch nicht so voll!“  
Herr Taileen schüttelte missbilligend den Kopf und zog mit spitzen Fingern die zweite Hähnchenkeule aus dem Mund seines Sohnes. Der wollte es verhindern, indem er seine Zähne tiefer in seine fettige Beute grub, doch er hatte noch die Hälfte seiner ersten Portion im Mund und schaffte es lediglich, einen dicken Brocken weiches Fleisch abzureißen, der kurz vor seinem Kinn in der Luft baumelte und schließlich mit einem unappetitlichen „Platsch!“ in Chris‘ Kartoffelbrei landete. Terence legte das angebissene Stück an den Rand der Servierplatte zurück und zog die Stirn kraus.  
„Also wirklich, Junge! Deine Manieren sind grässlich. Wie kann man nur so schlank sein, wenn man gleichzeitig dermaßen verfressen ist?“  
Er warf Jan einen fragenden Blick zu, der nicht einmal versuchte, sich das breite Grinsen zu verkneifen und seufzte auf dessen Schulterzucken hin resigniert.
 
„Auf diese Frage wird wohl kein Arzt der Welt jemals eine zufriedenstellende Antwort finden...“  
Chris schluckte einmal und kicherte dann.
 
„Jedenfalls kein Tierarzt“, rief er fröhlich und wischte sich mit der Serviette die Lippen sauber, bevor er Joker heimlich unter dem Tisch etwas von seinem Essen zusteckte.  
Terence nickte bedächtig und lächelte dann.
 
„Da hast du wohl recht“, antwortete er. „Auch, wenn das ganz schön frech war...“  
Jan beobachtete unterdessen fasziniert, wie sich sein neuer Freund völlig unbeeindruckt eine weitere Kelle Kartoffelbrei auf den Teller schaufelte – die vierte, wenn er sich nicht verzählt hatte. Wirklich enorm, was der Kleine alles verdrücken konnte. Solche Portionen schafften Julian und er nicht mal zusammen, und der schmale Junge mit den trüben Iriden verputze sie ganz allein! Wenn Frau Taileen nicht vorsorglich eine doppelte Familienportion gekocht hätte, wäre für Chris‘ Bruder wohl nichts mehr übrig geblieben.  
Jan goss sich etwas Mineralwasser ein und legte nachdenklich den Kopf schief.
 
Ach ja, sein Bruder...der würde ja auch bald hier sein. Hoffentlich war er nicht so ein Arschloch wie der Kerl aus seiner Schule, das hätte ihm ja zu dem ganzen Chaos, in dem er eh schon steckte, gerade noch gefehlt.
 
Wie hieß er doch gleich?
 
Marcus?
 
Ein ungewöhnlicher Name für einen Engländer. Normalerweise hießen die doch eher Charles oder Thomas oder Henry oder weiß-der-Teufel-wie. Jedenfalls nannten sich die Leute im Fernsehen immer so. In seiner Klasse waren auch zwei Leute, die Markus hießen, allerdings konnte er von denen keinen leiden. Musste wohl am Charakter liegen.
 
Nun, ihm war es eigentlich egal. So wie der Kleine von seinem Bruder schwärmte, musste der jedenfalls ein toller Typ sein, und Jan war wirklich neugierig, wie er wohl aussah. Chris hatte ihm erzählt, er würde regelmäßig Sport treiben und hätte einen genauso tollen Oberkörper wie der Blonde selbst, was ihn ein wenig hatte erröten lassen. Die paar Bauchmuskeln...
 
Aber ob sie sich auch ähnlich sahen und der Andere auch so schöne schwarze Haare hatte wie Chris und diese blauen, sanften Augen? Das wusste er nicht.
 
Er runzelte die Stirn und stellte wütend sein Wasser zur Seite.
 
Jetzt fing er tatsächlich schon wieder mit diesem komischen Zeug an. ‚Schöne Haare‘, ‚sanfte Augen‘... was für ein Quatsch! Diese romantische Scheiße begann allmählich echt, ihm mächtig auf die Nerven zu gehen. Seit heute Morgen dachte er unentwegt über Männer nach, und das auch noch in einer Form, wie es sonst gerade mal bei Frauen tat – hübsch, schutzbedürftig, zart. Demnächst band er sich rosa Schleifchen ins Haar und stolzierte in Tüll zur Schule!  
- Schwuler Idiot! -


Die Stimme des Arztes riss ihn aus seinen Gedanken.
 
„Hast du keinen Hunger mehr, Jan?“ Herr Taileen deutete auf den reich gedeckten Tisch und machte eine einladende Handbewegung. „Wir haben noch Massen an Fleisch übrig.“  
Der hob die Hand und wehrte dankend ab.
 
„Oh, ist schon okay, meine Mutter sagt immer, ich wäre ein schlechter Esser.“  
Terence betrachtete den winzigen Klecks Kartoffelbrei auf Jans Teller und den kleinen Knochen mit Hähnchenfleisch, der fast unangetastet daneben lag.
 
„Tja“, machte er und kratzte sich an der rechten Augenbraue. „Ich würde sagen, da hat sie Recht...“  
Chris langte vorsichtig über den Tisch und angelte nach Jans Teller.
 
„Das macht nichts“, meinte er großspurig und zog das Geschirr schließlich an sich. „Ich kann noch was vertragen.“  
Der Blonde gluckste unterdrückt, während Herr Taileen dem Jungen eine Kopfnuss gab und versuchte, ihm den fremden Teller wieder zu entreißen.
 
„Du frecher Bengel kannst ihm doch nicht einfach den Teller wegnehmen“, schimpfte er. Chris rieb sich mit der einen Hand den Hinterkopf und steckte sich mit der anderen einen Löffel von Jans Kartoffelbrei in den Mund.  
„Er hat schisch nisch beschwert“, nuschelte er und erntete dafür gleich noch einen Klaps auf den Schädel.  
„Also du bist wirklich unmöglich.“  
Jan grinste leicht belustigt und wandte sich dann leise seufzend ab.
 
Was sollte er nur machen?
 
Sein ganzes Leben schien mit einem einzigen Tag durcheinander geraten zu sein. Er dachte auf einmal nur noch an Kerle, legte sich mit Typen an, die doppelt so breite Oberarme hatten wie er und mir nichts dir nichts war plötzlich wieder ein Freund in sein Leben getreten, ohne, dass er etwas dagegen hatte tun können. Dabei war gerade das etwas, was er niemals wieder hatte haben wollten – einen Freund. Einen Menschen, dem man sich anvertraute, den man schätzte und achtete, für den man sich zusammenschlagen ließ, nur, um schlussendlich bitterlich von ihm enttäuscht zu werden, verlassen – verraten.  
Eine Welle schmerzhafter Erinnerungen brach unerwartet über ihn herein und ließ ihn gepeinigt die Augen schließen. Oh ja, er wusste, wie man sich fühlte, wenn einen der beste Freund im Stich gelassen hatte, wie jämmerlich, wie leer und benutzt.
 
Und er würde das nicht noch einmal mit sich machen lassen, nie wieder, selbst wenn er dafür den Rest seines Lebens allein verbringen musste, das hatte er sich damals bei seinem Blute geschworen. Doch schon jetzt begann seine Entschlossenheit zu bröckeln, nach nur wenigen Stunden mit diesem fremden Jungen! Seine schöne, fest verzementierte Mauer aus Feindseeligkeit, übler Laune und Kälte brach einfach ins Nichts zusammen, weil sie von Chris schlichtweg ignoriert und umgangen wurde, er ihn verwirrte mit seiner neugierigen, offenen Art und Jan hasste diesen Gedanken. Er hasste seine Schwäche, dieses Herz eines Weicheis, das dort in seiner Brust schlug und ihn immer wieder hoffen, immer wieder schwanken ließ, wenn jemand versuchte, seinem Inneren näher zu kommen. Das er jedes Mal wieder erst mühsam bezwingen musste, indem er sich noch mal und noch mal diesen Dezembertag ins Gedächtnis rief, die Schmerzen, die Demütigungen - die Schande, die ihm bereitet worden war.
 
Er hasste sich so sehr dafür, dass er sich am liebsten hier und jetzt in Luft aufgelöst hätte, einfach aus dem Leben verschwunden wäre, das so hässlich zu ihm gewesen war und das es ihm so schwer machte, es weiter zu ertragen. Seine Eltern waren eine Katastrophe, lieblos und mehr als übereifrig, wenn es darum ging, ihre Kinder mit der Knute zu erziehen, seine Schule ödete ihn an, seine Klassenkameraden waren ein einziger Haufen egoistischer Volltrottel, und er selbst konnte nicht verwirklichen, was er tief in seinem Inneren für sich und seine Umgebung empfand, seine Pläne, seine Träume, seine Hoffnungen...
 
Eine einzige Enttäuschung, und er war der Mittelpunkt. Chris schien begeistert, dass er Jan trotz seiner Gegenwehr zu seinem Freund hatte machen können, doch der Blondschopf glaubte nicht daran, dass jemand wie er ihm wirklich etwas zu bieten hatte, das den Schwarzhaarigen lange halten konnte. Ein armseliger Versager, wie sein damals bester Freund ihn genannt hatte, ein Schwächling würde kaum ausreichen, einen derart lebhaften Jungen zu binden, nein, dieser Illusion gab er sich gar nicht erst hin. Chris würde sich von ihm zurückziehen und schließlich abwenden, genau, wie es André getan hatte, aber diesmal war er wenigstens darauf vorbereitet, von daher sollte er sich wohl nicht beschweren.
 
Ein bisschen Lachen und ein bisschen Wärme hatte wohl sogar er sich verdient, und er würde beides genießen, solange er noch die Möglichkeit dazu hatte. Dann wusste er wenigstens wieder, was er so schmerzlich vermisste, wenn er Nachts schweißgebadet aus seinen Alpträumen erwachte und ganz allein war, in seinem Zimmer, in der Dunkelheit...
 
Ein zaghaftes Zupfen an seinem linken Ärmel ließ ihn die Augen wieder öffnen und etwas verwirrt in die blassblauen Iriden seines schwarzhaarigen Gegenübers blicken.
 
„Hm? Was ist?“, fragte Jan.  
Er bemerkte erst jetzt, dass Herr Taileen gegangen war. Auch Joker hatte sich davongeschlichen. Chris und er saßen allein in dem großen Raum.
 
„Du bist so still geworden“, flüsterte dieser und schaute ihn besorgt an, während er noch immer seine Finger in den Pullover des Anderen grub. „Denkst du an etwas Schlimmes?“  
Der Blonde sah ihn überrascht an und wandte sich dann beschämt ab. Gott, war das peinlich! Wie hatte er sich nur in der Gegenwart eines Anderen dermaßen gehen lassen können? Es musste wahrlich ein lachhafter Anblick gewesen sein, wie er da auf dem Stuhl hockte, die Haltung total verkrampft, die Lider geschlossen, die Hände zu Fäusten geballt, während um ihn herum alles in Ruhe am Essen war. Doch Chris schien das gar nichts auszumachen, im Gegenteil, voller Sorge nahm er Jans Hand und führte sie an seine Wange, schmiegte sein Gesicht in die Handfläche des Blonden.
 
„Du bist so schön warm...“, murmelte Chris an seiner Haut und lächelte versonnen, aber er klang betrübt. „Ich möchte nicht, dass dir etwas Kummer bereitet. Du bist doch mein Freund...“  
Jans Augen weiteten sich verblüfft. Er zog seine Hand zurück und rückte etwas von dem Kleineren ab.
 
„Ich glaube immer noch, dass du das nicht wirklich willst“, antwortete er barsch und versuchte, sich seine Unsicherheit nicht anmerken zu lassen. Doch Chris schüttelte ernst den Kopf.  
„Du kennst mich noch nicht gut genug, um das beurteilen zu können.“  
Jan blies sich eine der hellen Strähnen aus der Stirn.
 
„Ach nein?“  
„Nein!“  
„Und DU kennst MICH nicht gut genug, um mit Sicherheit behaupten zu können, du würdest mich mögen!“  
Die beiden funkelten einander eine Sekunde lang an, dann schlug Chris die Fäuste auf den Tisch und stand wütend auf.
 
„Na schön! Dann sag es mir!“  
Jan blinzelte irritiert ob des Umschwungs und warf seinem neuen Freund einen fragenden Blick zu.
 
„Was soll ich sagen?“  
Chris stemmte die Hände in die Hüften und lehnte sich zu ihm vor, um seiner Entschlossenheit noch mehr Ausdruck zu verleihen.
 
„Wie ich dir beweisen kann, dass ich dich eben wirklich gern hab, und nicht nur darüber rede!“  
Der Blonde sah zu ihm hoch und hob ratlos die Schultern.
 
„Keine Ahnung, wie man so was beweist. Ich will ja auch gar nicht, dass du das tust!“  
Er schnappte überrascht nach Luft, als der Schwarzhaarige unerwartet nach seinen Schultern griff und sich einfach breitbeinig auf seinen Schoß setzte, sein Gesicht in die zierlichen Hände nahm. Verwirrt starrte er in Chris‘ trübe Iriden.  
„W-Was soll...?“  
Er verstummte, als sich der schlanke Zeigefinger des Jungen auf seinen Mund legte.
 
„Aber ICH will es“, flüsterte dieser und beugte sich langsam zu ihm herab. „Und ich weiß auch schon, wie...“  
Jans Augen weiteten sich, als er plötzlich die vollen Lippen des Anderen auf seinen eigenen spürte, den leichten Druck, der von ihnen ausging. Sie waren warm und weich und schmeckten ein wenig nach dem Orangensaft, den der Dunkelhaarige zuvor getrunken hatte, süß und fruchtig. Er gab einen erstickten Laut von sich und wollte den Engländer von seinen Beinen herunterschieben, doch der schlang die Finger in sein kurzes Haar und hielt sich so an ihm fest.
 
Er presste seinen Oberkörper an den des Zehntklässlers, um noch besser verhindern zu können, dass dieser ihn von sich trennte und rutschte dabei näher an ihn, drückte seine Lenden an Jans. Dieser verschluckte sich fast und atmete überrascht ein, wusste nicht ganz, wie er darauf reagieren sollte. Er legte seine Hände an Chris‘ Hüften und fühlte zu seiner Verwunderung dessen warme Haut, die unter dem hochgerutschten Pullover hervorlugte und sich samtig an seine Fingerkuppen schmiegte, ihn irgendwie wohlig erschauern ließ. Der Schwarzhaarige seufzte leise an seinen Lippen und ergriff mit der Linken Jans rechte Hand, schob diese unter den Stoff und über seinen flachen Bauch, ließ sich von ihm streicheln. Er genoss das Gefühl der kräftigen Gliedmaßen, die ihn berührten, führte Jan immer weiter über seinen Rippenbogen und hinauf zur Brust. Der Blonde hatte keine Ahnung, warum sie das taten, aber irgendwann begannen seine Finger von sich aus, über die schmalen Linien zu wandern, den schlanken Oberkörper zu erkunden und schließlich erwiderte er auch den Kuss, presste seinen Mund auf Chris‘.  
Beinahe wie ausgehungert nahm er die Lippen des Anderen in Besitz, liebkoste und neckte sie, fuhr mit der Zunge über die weichen Konturen und entlockte ihrem Besitzer damit ein leises Aufstöhnen. Zärtlich sog er die untere der beiden Mundpartien in seinen eigenen, leckte sacht über das empfindliche Fleisch und ließ Chris erwartungsvoll erzittern, sich enger an ihn drängen. Jans Arme schlossen sich um den Rücken des Jungen und gaben ihm Halt, während er sich weiter vorwagte, seine Zungenspitze sanft aber bestimmt zwischen den Zähnen des Schwarzhaarigen hindurchschob. Er war sich nicht sicher, ob Chris‘ oder sein eigenes überraschtes Aufstöhnen erklang, als sich seine und die Zunge des Anderen berührten, aber das Gefühl, dass ihn daraufhin durchströmte, war schlichtweg atemberaubend. Er verwöhnte seine neue Entdeckung voller Hingabe, lockte den Engländer zur Erwiderung und keuchte, als dieser auf sein Spiel einging.  
Obwohl es ihm gefiel, hatte Jan allmählich das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren. Er spürte Chris‘ Erregung an seiner und war kaum noch in der Lage, sein Stöhnen zu unterdrücken, so deutlich fühlte er die Reibung, die Hitze dieses fremden Körpers. Nur mühsam konnte er sich zurückhalten, nicht vollends über sein Gegenüber herzufallen, und als ihm bewusst wurde, wie nahe er tatsächlich daran war, riss er sich erschrocken von ihm los.  
Nach Luft ringend starrten die Beiden einander an, selbst überrascht von der heftigen Reaktion auf den jeweils Anderen. Chris‘ Wangen waren von einer tiefen Röte überzogen und glühten regelrecht, und auch Jan konnte das Pochen unter seiner Haut fühlen. Was zum Teufel war denn mit ihm los gewesen?  
„Hui...“, machte der Dunkelhaarige und löste seine zitternden Finger aus Jans Haar. „Du hast mich aber wirklich SEHR gern...“  
Die Farbe im Gesicht des Blonden verdunkelte sich noch und er wandte beschämt den Blick ab.
 
„Tut mir leid“, gab er zerknirscht zurück und ließ langsam seine Hände sinken. „Ich weiß auch nicht, warum ich... ich meine...ach verdammt!“  
Doch Chris lächelte nur und schmiegte sein Kinn in die Beuge an Jans Hals.
 
„Das macht doch nichts“, antwortete er leise und spielte versonnen mit einer der hellen Haarsträhnen. Seine Stimme klang zufrieden. „Es hat mir gefallen, was du getan hast...“  
Jan unterdessen war nahe am Verzweifeln. Ihm hatte es auch gefallen und verflucht noch mal, sogar mehr, als er sich selbst eingestehen wollte. Was war nur los mit ihm? So naiv, wie der Schwarzhaarige war, hatte er sich bei dem Kuss vermutlich gar nichts Ernsthaftes gedacht, wollte ihm nur auf eine ihm bekannte Art Zuneigung zeigen, so wie Kinder sie ihrer Mutter mit einem Kuss vermittelten. Er wusste nicht wann, aber bei ihm musste irgendwo gehörig eine große Sicherung durchgeknallt sein, so wie er sich aufgeführt hatte und Gott, er war zeitweise sogar zu weitaus mehr bereit gewesen, als ihn einfach nur wild zu küssen!
 
So langsam machte sich die Befürchtung in ihm breit, dass Frau Taileen mit ihrer Vermutung, er wäre ein Homosexueller, vielleicht doch gar nicht mal so falsch lag. Und diese Sorge vertiefte sich noch, als Chris plötzlich wie von der Biene gestochen aufsprang und er sich beherrschen musste, ihn nicht daran zu hindern.
 
„Hast du das gehört?“  
Der schmale Engländer klang ganz aufgeregt.
 
„Das war das Auto meiner Mutter! Komm!“  
Er nahm Jan bei den Händen und zog ihn von seinem Stuhl.
 
„Ich stelle dir meinen Bruder vor!“ Er strahlte. „Ihr werdet euch prima vertragen.“  
Jan verdrehte innerlich die Augen.
 
- Oh ja, wahrscheinlich muss mich jemand ins Krankenhaus TRAGEN, wenn er endlich mit mir fertig ist -, dachte er mürrisch und verzog seine Mundwinkel. - MIR würde es nämlich auch nicht gefallen, wenn irgend so ein dahergelaufener Straßenköter meinen kleinen Bruder anschwult... -
 
Chris zog heftig an seinem Ärmel.
 
„Nun komm doch endlich! Sonst ist die Überraschung hin!“  
Jan lächelte gequält.
 
„Ist ja gut, du kleine Nervkröte, du musst mir ja nicht gleich die Klamotten vom Leib reißen.“  
Mit einem Seufzen auf den Lippen folgte er dem Schwarzhaarigen in den Flur. Er konnte jetzt schon riechen, dass es gleich ein riesengroßes Desaster geben würde. Sein ganzes Leben war ein einziges Drama gewesen, warum sollte dann gerade heute irgendetwas daran gut laufen?
 
Wenn er zu diesem Zeitpunkt schon gewusst hätte, wie Recht er mit dieser Ahnung behalten sollte, wäre er einfach mit seiner Tasche aus der Hintertür verschwunden und nie mehr zurückgekehrt. Es war eben einfach nicht sein Tag...

„So, da wären wir – alles aussteigen!“  
Julian starrte verblüfft aus dem Autofenster heraus an Marcus‘ Mutter vorbei und betrachtete voller Unglauben das riesengroße Haus, vor dem sie soeben den Wagen gehalten hatte.  
„DAS ist es?“, fragte er und traute noch immer seinen Augen nicht. „HIER wohnst du?“  
Marcus grinste breit ob dieses Erstaunens und schwang lässig seine langen Beine aus dem alten Mercedes.
 
„Jupp“, antwortete er belustigt und reichte seinem blonden Freund die rechte Hand. „Und jetzt klapp den Mund wieder zu, es zieht.“  
Julian warf dem jungen Engländer einen strafenden Blick zu und stieg aus, ohne die ihm angebotene Hilfe in Anspruch zu nehmen. Es war einfach der Wahnsinn! Ein so großes Haus hatte er noch nie zuvor gesehen, ach, was redete er, das war kein Haus, sondern eine richtige Villa! Ein riesiges Grundstück mitten in der Stadt, und soweit er das beurteilen konnte, sah man – wenn man so direkt davor stand – noch längst nicht alles davon. Und in diese Megahütte sollte er reingehen?  
„Der Hammer...“  
Marcus und seine Mutter lachten schallend und feixten miteinander, doch Julian war das im Moment egal. Er war mehr als beeindruckt, und er sah keinen Grund, diese Tatsache zu verstecken. Hoffentlich verlief er sich da drinnen nicht...
 
„Na komm schon, Blondie“, meinte der Dunkelhaarige und wischte sich verstohlen eine der Lachtränen aus dem linken Augenwinkel. „Wenn wir noch länger hier draußen herumstehen, kriegen wir noch Plattfüße. Du wist begeistert sein, wie es drinnen aussieht, also schwing die knackigen Backen!“  
Der Angesprochene spürte, wie ihm die Röte ins Gesicht schoss und bedachte Marcus mit einem wütenden Funkeln seiner grünen Augen, doch der ignorierte das geflissentlich und schlenderte pfeifend den breiten Kieselsteinweg hinunter. Seine Mutter sah ihm kopfschüttelnd hinterher und stemmte eine ihrer schmalen Hände in die Hüften.
 
„So ein Pascha...“  
Plötzlich grinste sie.
 
„Oh Juuuuliaaaan“, flötete die schlanke Frau und riss den überrumpelten Jungen in ihre Arme. „Hör nicht auf mein kleines, muffliges Schnuffelschnäuzchen! Du kannst ruhig noch etwas mit mir hier draußen stehen bleiben und kuscheln, wird dir sicher nicht schaden.“  
Julian jappste erschrockenen nach Luft, als sie sein Gesicht in ihre großen, weichen Brüste drückte und gab einen erstickten Laut von sich, der ursprünglich mal ein Protest hatte werden sollen, bevor ihm Vanessas voluminöser Vorbau sprichwörtlich den Atem raubte. Sofort war Marcus wieder an seiner Seite.
 
„Hey, lass den Quatsch!“, knurrte er und nahm seiner Mutter ihr neues ‚Kuscheltier‘ weg, indem er ‚es‘ einfach an seinen Oberkörper zog. „Ich hab dir schon mal gesagt: Er ist kein Spielzeug!“  
Frau Taileen lächelte unschuldig und stolzierte völlig unbeeindruckt an ihm vorbei.
 
„Das weiß ich“, gab sie zurück. „Und wenn dir das auch klar ist, solltest du mit diesem blöden Männergehabe aufhören. Das kann einem nämlich ziemlich auf die Nerven gehen...“  
Marcus pustete sich eine der dunklen Strähnen aus der Stirn und sah ihr murrend hinterher.
 
„Was meinst du mit Männergehabe? Das kannst du doch gar nicht beurteilen als Frau!“  
Die Antwort kam prompt.
 
„Ich meine, dass du ein Macho bist!“  
Julian kicherte leise und fing sich dafür eine schmerzhafte Kopfnuss ein.
 
„Hey, das ist nicht witzig!“  
Doch der Blonde grinste nur.
 
„Auch wenn es dir nicht gefällt: Wo sie Recht hat, hat sie Recht.“  
Marcus raufte sich seufzend die braunen Haare und ließ in gespielter Betoffenheit seine breiten Schultern hängen.
 
„Also das finde ich jetzt echt fies von dir“, maulte er. „Du könntest mich als ‚Artgenosse‘ ruhig ein wenig mehr unterstützen.“  
Julian lächelte sanft und gab seinem überraschten Gegenüber einen schnellen Kuss auf die Wange.
 
„War nicht so gemeint...“, murmelte er verlegen und wandte sich dann errötend ab. Marcus war verblüfft, er wollte etwas sagen, ihm danken, mehr von diesen vollen Lippen in Anspruch nehmen, doch ein freudiger Aufschrei von der Tür her machte ihm einen Strich durch die noch nicht erstellte Rechnung und ließ sowohl ihn als auch Julian zusammenzucken.  
„Marcus!“  
Dieser konnte sich gerade noch herumdrehen und die Arme ausbreiten, bevor ihm auch schon ein fröhlicher, schwarzhaariger Gummiball hineinhüpfte.
 
„Da bist du ja wieder!“  
Marcus lachte amüsiert und wuschelte seinem jüngeren Bruder einmal kräftig durch die Haare. Gott allein wusste, wie der kleine Kerl ihn trotz seiner Blindheit immer geradezu punktgenau anspringen konnte, aber irgendwie war es eine seiner niedlichen Seiten.
 
„Na, du Nervzwerg, wie war dein erster Schultag?“  
Chris gluckste vergnügt und kuschelte seine Wange tiefer in den warmen Pullover an seinem Gesicht.
 
„Keine Ahnung“, kicherte er. „Ich war ja nicht da.“  
Marcus runzelte irritiert die Stirn und warf Julian einen fragenden Blick zu, der nur verständnislos die Schultern zucken konnte. Dann wandte er sich wieder an Chris.
 
„Was soll das heißen, du warst nicht da?“  
„Das heißt, dass er die Schule heute nicht besucht hat, Arschloch. Ist das zu hoch für dich?“  
Marcus hörte Julian auf diese barschen Worte hin erschrocken nach Luft schnappen und hob eine der dunklen Brauen, bevor er sich umdrehte und seine Augen auf die Tür richtete – um sich heftig zu verschlucken.  
„WAS?!“, würgte er gepresst hervor und starrte ungläubig auf die schlanke Gestalt, die mit verschränkten Armen und übereinander geschlagenen Beinen vor ihm im Türrahmen lehnte.  
„Was machst DU denn hier?“  
Jan stieß sich lässig von dem Holz in seinem Rücken ab und trat die beiden Stufen hinunter, um über den Steinweg auf ihn zuzugehen.
 
„Wenn ich gewusst hätte, dass du auch hier wohnst, sicher gar nichts mehr, aber das konnte ich vorher ja nicht ahnen, sonst hätte ich mich längst vom Acker gemacht.“  
Marcus knurrte tief.
 
„Jetzt sag bloß, DU bist der neue Freund meines Bruders, von dem meine Mutter die ganze Zeit geredet hat?“  
Chris schwank den Kopf von einer in die andere Richtung und legte nachdenklich die Stirn in Falten, bevor er langsam nickte.
 
„Ihr kennt euch schon?“  
Jan lachte trocken auf.
 
„Also ‚kennen‘ würde ich das nicht unbedingt nennen. Wir sind uns schon begegnet, sagen wir es lieber so.“  
Auch Frau Taileen schien nun mehr als verwirrt.
 
„Aber... ich dachte, ihr wüsstet gar nichts voneinander?“  
„Taten wir auch nicht“, knurrte Marcus nun und krempelte sich langsam die Ärmel hoch. „Jedenfalls nicht den Namen. Aber es ist gut, dass du hier bist, halbe Portion, du kriegst nämlich noch eine Abreibung von mir.“  
Jan schob sich einige der wilden Haarsträhnen aus der Stirn und lächelte spöttisch.
 
„Nur zu, du aufgeblasener Lackaffe! Für dich habe ich gerade noch Zeit...“  
Bevor die Situation eskalieren konnte, drängte sich Julian hastig dazwischen.
 
„Warte“, bat er und legte Marcus beschwichtigend eine Hand auf die Brust, noch ehe dieser etwas erwidern konnte. „Ich weiß zwar nicht, was los ist, aber lass mich das mit ihm klären.“  
Der Dunkelhaarige sah ihn irritiert an, kam jedoch nicht mehr zu seiner Frage, da der Blondschopf sich schon den anderen, ebenfalls blonden Jungen geschnappt und mit sich beiseite gezogen hatte.
 
„Jan“, zischte Julian und schaute seinen Bruder eindringlich an. „Was soll der Zirkus? Was treibst du hier?“  
Dieser riss sich von ihm los und klopfte sich den imaginären Staub vom Pulli.
 
„Das Selbe könnte ich dich fragen, B-r-u-d-e-r-h-e-r-z.“  
Er warf dem älteren Engländer einen vernichtenden Blick zu und ließ seine Hände provokativ in seinen Hosentaschen verschwinden.
 
„Wo zur Hölle hast du diesen verdammten Wichser aufgetrieben?“  
Julian schnaubte ärgerlich und zwang sich selbst, die Ruhe zu bewahren.
 
„Marcus ist kein Wichser“, antwortete er knapp und wurde leicht rot, als er daran dachte, wie sehr ihn der Dunkelhaarige erst vor Kurzem erregt hatte. Nein, an Selbstbefriedigung schien er definitiv kein Interesse zu haben...  
„Ist er doch und er hat noch nicht mal Manieren.“  
„DU hast auch keine Manieren, ihn gleich so anzufahren“, knurrte er. „Was ist denn nur passiert? Woher kennst du ihn überhaupt?“  
Jan zuckte die Schultern.
 
„Er hat mich in der Schule dumm angemacht, weil er wie ein Irrer das Krankenzimmer gesucht hat.“  
Plötzlich stutzte er.
 
„Was ist denn mit deinem Fuß passiert?“  
Julian seufzte und fuhr sich mit der Hand über das erhitzte Gesicht. Was für ein Chaos!
 
„Das ist der Grund, warum er unbedingt zur Krankenstation wollte...“  
Er umfasste Jans Schultern und blickte diesen eindringlich an.
 
„Jan, bitte – er hat sich gut um mich gekümmert. Leg dich nicht mit ihm an, was auch immer zwischen euch passiert ist, okay?“  
Dieser murrte leise und schaute verstohlen zu Chris, der in den Armen seiner Mutter lag und sich von dieser zufrieden den schwarzen Haarschopf kraulen ließ, auch, wenn er leicht besorgt aussah. Irgendwie tat er ihm leid. Er hatte sich so sehr auf ihr erstes Treffen gefreut, weil er geglaubt hatte, er und Marcus würden sich gut vertragen, doch jetzt schien alles geplatzt zu sein.
 
Er atmete resigniert aus und nickte schließlich.
 
„Okay, ich werde mich zusammenreißen...“  
Julian lächelte. Sein Bruder mochte zwar eine kleine Stinkmorchel sein, aber wenn man ihn ordentlich behandelte, konnte man gut mit ihm reden.
 
„Danke, Jan“, meinte er deshalb ehrlich. „Du hast was gut bei mir.“  
Er wusste ganz genau, wie sehr es seinem kleinem Bruder missfiel, irgendwem nachzugeben, besonders wenn es jemand war, mit dem er sich gerade erst angelegt hatte, deshalb rechnete er ihm seinen Rückzieher wirklich hoch an.
 
„Ja, ja, hör schon auf zu heulen“, knurrte dieser und wischte Julians Hände von seinem Oberkörper. „Du bereitest deinem neuen Lover noch Schande.“  
Julian verschluckte sich heftig und begann unkontrolliert zu husten, doch sein Bruder hatte sich bereits wieder umgedreht und schlenderte zurück zu seinem eigenen neuen Freund.
 
„Tut mir leid, Kleiner, dass ich dir deine schöne Überraschung verdorben habe. Ich glaube, ich gehe jetzt besser nach Hause.“  
Chris griff nach seinem Arm und hielt ihn zögerlich fest.
 
„Bleib doch noch“, bat er leise. „Wir haben uns so gut verstanden...“  
Doch Jan schüttelte nur den Kopf.
 
„Sorry, aber dein toller Lieblingsbruder und ich können nicht so miteinander.“  
Ohne ein weiteres Wort verschwand er im Haus und kam wenig später mit seiner Schultasche auf dem Rücken und der Jacke über der Schulter wieder heraus.
 
„Schlaf nicht wieder auf der Straße ein...“, meinte er lächelnd und fuhr dem Anderen noch einmal durch die schwarzen Haare, wich der Begegnung mit seinen traurigen Augen aus. „Bis dann, Kleiner...“  
Er bemerkte nicht Marcus‘ nachdenklichen Blick auf seinem Rücken, als er durch das schmale Vorgartentor auf die Straße trat. Bereits nach wenigen Metern bog er um eine Hausecke und war verschwunden.  
„Woher kennst du den Typen?“, fragte Marcus, als sich Julian wieder zu ihnen gesellt hatte und bedachte den Blondschopf mit einem prüfenden Blick.  
Julian seufzte.
 
„Kennen ist gut. Er heißt Jan. Jan-Hendrik, und er ist zufällig mein kleiner Bruder.“  
Marcus starrte ihn einen Moment lang überrascht an, bevor ihm buchstäblich der Unterkiefer herunterklappte.
 
„Dein...B-Bruder?“, stammelte er und konnte es gar nicht glauben. Diese Mistkröte sollte mit seinem... mit Julian verwandt sein? Das war doch wohl ein schlechter Scherz!  
„Im Ernst?“  
Julian nickte.
 
„Klar, er ist drei Jahre jünger als ich und hat bei uns zu Hause das Zimmer direkt neben meinem. Ist dir nicht aufgefallen, wie ähnlich wir uns sehen?“  
Marcus schüttelte nur stumm den Kopf. Was für ein Albtraum!
 
„Na, so ein Mist aber auch, was?“, stichelte Frau Taileen und boxte ihren Ältesten grinsend in die Seite. „Mit deinem zukünftigen Schwager hast du es dir aber ordentlich versaut.“  
Die beiden Jungen wurden fast synchron rot im Gesicht.
 
„Was ist ein Schwahga?“, wollte Chris wissen und wurde dafür von seiner Mutter mit einem liebevollen Kuss bedacht.  
„Julian wird mal dein Schwager“, flötete sie und zog ihn gutgelaunt mit sich ins Haus. „Und wenn du es richtig machst, wird Jan auch Marcus‘ Schwager, und dann können sie sich jeden Tag sehen und streiten.“  
Ihr helles Lachen brachte Marcus‘ Blut fast zum Überkochen.  
„Das ist NICHT witzig, du alte Hexe!“  
„Nahein, aber eine Tatsache!“  
Mit diesem Worten verschwand sie in dem dunklen Flur und warf die Tür hinter sich ins Schloss. Marcus grummelte genervt. Hier schuldeten ihm einige Leute eine laaaange Erklärung... 
 


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- Spüren, dass jedes Wort überflüssig ist und doch plappern wie ein Wasserfall: Das ist Unsicherheit. -
Kristiane Allert-Wybranietz (*1955), deutsche Dichterin und Lyrikerin

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Kapitel IX – Warum nicht? 

Es regnete. Chris konnte es nicht sehen, aber er hörte, wie die unzähligen feinen Wassertropfen nach ihrem Sturz aus den Wolken auf die Fensterscheibe trafen, laut, prasselnd, unablässig. Mit ihrem gleichmäßigen Klang hinterließen sie in ihm den Wunsch, sich zu jemand Vertrautem zu begeben, Nähe zu spüren, denn Regen machte ihn immer ein wenig betrübt. Zudem donnerte und krachte es die ganze Zeit von dem heftigen Gewitter, das im Moment am Himmel tobte, und wieder einmal bereute er, dass ihm auch der Anblick der grellen Blitze auf ewig verwährt bleiben würde. Er konnte sich noch gut daran erinnern, wie er als Kind oft so am Fenster gestanden hatte wie jetzt, aufgeblieben war, um Nachts die hellen Lichter zu beobachten, die immer wieder überraschend am Horizont aufgeleuchtet hatten und kurz darauf ins Nichts verschwunden waren.
Er seufzte leise.
Aber seit er sein Augenlicht verloren hatte, konnte er nur noch auf das tiefe Grollen lauschen, die dumpfen Klänge, die über ihn hinwegzogen, wenn solche Unwetter herrschten.
Immerhin, es war nicht so, dass ihm das nicht gefiel. Die Dunkelheit um ihn herum ließ ihn Geräusche und andere Sinneseindrücke wie Düfte oder den Wind auf seiner Haut viel intensiver wahrnehmen, zeichnete ein völlig neues, einzigartiges Bild in seinem Kopf, von seiner Umgebung, den Menschen, dem Wetter – allem eben. Doch neuerdings vermisste er seine Sehfähigkeit, schmerzte der Verlust ihn tief in seiner Seele, denn er hatte etwas gefunden, von dem es ihm nicht reichte, zu berühren, zu lauschen, zu riechen oder – eine leichte Röte überzog seine Wangen – zu schmecken.Er wollte es sehen, sein weiches, kornfarbenes Haar, sein ebenmäßiges Gesicht, das scheinbar seltene Lächeln, wollte IHN sehen. Er sehnte sich so sehr danach, dass er kaum noch an etwas Anderes denken konnte, doch er wusste, dass das niemals möglich sein würde, es sei denn, er ließe sich operieren.
Ein Schauer jagte seinen Rücken hinab. Aber das wiederum war schrecklich riskant...
Er seufzte abermals und legte die rechte Hand über seine Brust. Sein Herz tat weh. Es pochte wild, wann immer er an ihn dachte, und zog sich zusammen, wenn ihm bewusst wurde, dass der „blonde Straßengangster", wie sein Vater ihn schalkhaft nannte, offenbar nicht die gleiche Sympathie für ihn empfand, wie Chris es tat, denn warum sonst hatte er sich jetzt seit nunmehr drei Wochen nicht bei ihm blicken lassen? Er wollte ihn treffen, verdammt, aber er hatte nicht mal seine Adresse und Marcus, der mit Jans Bruder befreundet war, wollte er nicht danach fragen, denn der Gedanke, der Blondschopf könnte nur aus ‚Mitleid` bei ihm auftauchen oder es gar ablehnen, ihn zu sehen, machte ihn furchtbar unglücklich.Er ließ seine Stirn gegen das kalte Glas sinken und schloss verzweifelt die Augen.
„Ach Jan", murmelte er leise. „Warum willst du nicht mein Freund sein...?"„Chris!"Der Schwarzhaarige zuckte erschrocken zusammen, als hinter ihm seine Zimmertür mit einem lauten Knall gegen die Wand flog, weil sein Bruder sie mal wieder viel zu schwungvoll aufgestoßen hatte und quietschte überrascht, bevor Marcus ihn bei den Schultern ergriff und in einen scherzhaften Schwitzkasten nahm.
„Hey!", machte er und wuschelte dem Blinden zärtlich durchs Haar. „Wo bleibst du denn? Ich dachte, wir wollten einen Spaziergang machen? Du magst doch das Pfützenspringen so gern..."Chris lächelte traurig und zog seinen Kopf aus dem Arm des Anderen.
„Danke Marcus", antwortete er. „Aber eigentlich habe ich gar keine Lust, heute rauszugehen. Du kannst ja Joker mitnehmen, wenn du willst..."Sein Bruder hob eine Augenbraue und ließ sich neben ihm in einen der weichen Sessel fallen.
„Was ist los? Bist du schlecht drauf?"Der Jüngere nickte langsam.
„Hm, irgendwie schon", gab er zu und warf sich lustlos auf sein Bett, streckte Arme und Beine von sich. Eigentlich war er mehr als das. Seine Laune hatte inzwischen den absoluten Tiefpunkt erreicht...„Wieso das?" Marcus blies sich eine der braunen Strähnen aus der Stirn und musterte ihn abschätzend. „Der Regen hat dir doch sonst immer so gut gefallen." Er grinste. „Sag bloß, du bist deprimiert wegen diesem blonden Mistkerl?"Chris hob den Kopf und warf ihm einen todbringenden Blick zu.
„Er ist kein Mistkerl", murrte er und drehte sich auf die andere Seite. „Und ich habe keine Lust, schon wieder mit dir darüber zu diskutieren."Marcus schmunzelte und machte eine abwehrende Handbewegung.
„Nur keine Aufregung, du kleine Stinkmorchel, ich habe gar nicht vor, dich vom Gegenteil zu überzeugen." Er lächelte und schob seinen Lieblingsverwandten ein Stück zur Seite, während er sich neben ihn legte. „Klappt ja sowieso nicht – ich fange mir bloß wieder eine ein."Chris gluckste vergnügt und kicherte, als der Braunhaarige anfing, ihn an der Hüfte zu kitzeln.
„Nicht, hör auf!", quiekte er und strampelte mit den Beinen. „Oder ich beiße dich!"Marcus lachte schallend.
„Das würdest du nicht wagen! – Au!"Im nächsten Moment hing eine Reihe kleiner, weißer Zähne an seinem Oberarm.
„Hey!", rief er und versuchte, seinen Bruder wieder abzuschütteln. „Lass los, du Kannibale, oder ich hole unsere Mutter als Verstärkung!"Doch Chris grinste nur.
„Die würde eh mir helfen", erklärte er feixend. „Weil sie mich viel lieber hat als dich!"Der Braunhaarige verzog das Gesicht.
„Das war hart..."Die Beiden lachten, dann ließ Chris sich erneut auf sein Bett sinken.
„Ach Marcus", seufzte er. „Warum kommt er mich nicht besuchen? Ich würde ihn so gerne wiedersehen, aber ich habe irgendwie Angst, dass er mich nicht mehr mögen könnte oder dass ich vielleicht etwas falsch gemacht hab. Dabei lief es am Anfang doch so gut zwischen uns..."Er wischte sich mit dem viel zu weiten Ärmel seines aus Marcus` Schrank geräuberten Pullovers über die feuchten Augen und kuschelte sich tiefer in sein Kissen.
„Er war so nett zu mir – wieso lässt er mich jetzt allein?"Marcus warf ihm einen langen Blick zu und streichelte dann sanft seine blasse Wange.
„Ich weiß es nicht, Chris", antwortete er bedauernd. „Ich weiß es wirklich nicht..."Der Kleinere schluchzte unterdrückt, und zum ersten Mal bereute es Marcus, nicht netter zu dem blonden Großmaul gewesen zu sein. Es mochte stimmen, dass zumindest er und dieser Jan sich nicht sonderlich gut verstanden, aber nach allem, was sein Bruder und seine Eltern ihm erzählt hatten, war er mit Chris sehr behutsam und freundlich umgegangen, auch wenn der Braunhaarige sich das bei dieser Rotznase gar nicht so richtig vorstellen konnte. Er hatte sich um ihn gekümmert, ihn sogar nach Hause getragen, war bei ihm geblieben, um auf ihn Acht zugeben und hatte selbst Joker für sich gewinnen können, der bei der Gesellschaft seines Schützlings normalerweise mehr als pingelig war. Aber nach ihrem Streit, während dem auch Julian da gewesen war, hatte er sich nicht mehr bei Chris blicken lassen, und auch sein älterer Bruder konnte nicht sagen, weshalb er so verbissen Abstand hielt.
Es war wirklich zum aus der Haut fahren! So langsam machte sich das Gefühl in ihm breit, dass ER Schuld daran hatte, dass dieser kleine Pseudogangster nicht mehr auftauchte. Vielleicht war er doch ein bisschen zu grob gewesen...
Er zog den inzwischen vom Weinen zitternden Körper neben sich in seine Arme und wiegte ihn zärtlich.
„Mach dir keine Sorgen, Chris", hauchte er. „Du bist viel zu niedlich, um lange ignoriert zu werden. Der taucht schon wieder hier auf..."Der Schwarzhaarige schniefte tapfer und wischte sich abermals die Tränen aus dem Gesicht.
„Bist du dir da auch wirklich sicher?", fragte er zaghaft.Marcus nickte.
„Oh ja", antwortete er. - Und wenn ich ihn persönlich herzerren muss... -

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Jan lag mit ausgestreckten Beinen auf der Wohnzimmercouch und starrte gedankenverloren in den grauen Himmel. Seit Stunden schon goss es wie aus Kübeln, und wenn er die Wetterlage richtig einschätzte und das Barometer nicht log, würde sich das zumindest in der nächsten Zeit auch nicht signifikant ändern. Der Regen prasselte so laut gegen die Scheibe, dass er sich zwischendurch schon leise Musik angestellt hatte, um von dem dumpfen Getrommel nicht vollkommen verrückt gemacht zu werden, aber auch die war ihm bald zu nervig geworden, sodass er sie schließlich wieder ausgeschaltet hatte.
- Was für ein Scheißwetter -, dachte er missgelaunt. - Und ich habe natürlich nichts besseres zu tun als hier herumzuliegen und mich zu langweilen... -
Er warf der großen Standuhr gegenüber einen Blick zu, dann wandte er diesen wieder gen Himmel.
- Mann, und selbst für einen Sonntag kriecht die Zeit heute besonders lahm... -
Jan seufzte schwer und ließ den rechten Arm von dem alten Sofa baumeln. Dafür, dass es schon vier Uhr nachmittags war, kam ihm der Tag noch erschreckend lang vor. Seine Schlafgewohnheiten ließen es nicht zu, dass er vor neun ins Bett ging, und bis dahin hatte er nicht den blassesten Schimmer, was er mit sich anfangen sollte – außer vielleicht, sein Zimmer aufzuräumen, aber SO langweilig war ihm dann doch nicht.Zudem hatte er keine Lust, bei seinen Eltern den Eindruck zu erwecken, er wolle ihnen eine Freude damit bereiten oder sich gar längerfristig bessern – nur ein Genie beherrschte das Chaos, und in seinem fühlte er sich mehr als wohl.Obgleich er Besuch da doch lieber nicht empfangen sollte – beim Anblick dieser enormen Unordnung würde selbst ein durchfegender Wirbelsturm die Krise kriegen...Er lächelte.
- Ein Wirbelsturm... -
Das erinnerte ihn prompt an Chris. Der Kleine war wirklich ziemlich lebhaft. Seine Gedanken schweiften oft zu dem schwarzhaarigen Jungen ab, das musste er zugeben, dennoch: Er konnte und wollte sich keine Freundschaft erlauben, dafür hatte er sich beim letzten Mal einfach zu viele Knochen gebrochen, und zwar buchstäblich. Das durfte er sich auf keinen Fall ein zweites Mal antun, und er würde es auch nicht, basta! Einmal an einem ‚Freund‘ zu zerbrechen reichte wirklich für den Rest seines Lebens...Er verzog das Gesicht. Aber irgendwie kam es ihm auch unfair vor, die Annäherungsversuche des Anderen so harsch und unerbittlich abzublocken. Immerhin war er sogar vom Vater des Jungen um eine Freundschaft gebeten worden, und wenn Chris selbst ebenfalls schlechte Erfahrungen in diesem Bereich gemacht hatte, war er vielleicht genau der Richtige, es noch einmal zu versuchen, jemandem eine zweite Chance zu geben. Und nett war er ja schon irgendwie...
Jan schüttelte heftig den Kopf.
- Nein, nein, nein, hör auf mit diesem Quatsch! Du willst keine zweite Chance vergeben, denk nicht ständig darüber nach! -
Wütend setzte er sich auf und schnappte sich die angefangene Chipstüte vom Wohnzimmertisch. Eine ganze Hand voll von dem fettigen Inhalt parat, begab er sich hinüber zum Fernseher und schaltete das Programm durch. Zum Glück hatte er eine Kostverwertung, mit der er sich Frustessen zu jeder Tages- und Nachtzeit erlauben konnte, sonst sähe er vermutlich längst aus wie eine unförmige Kartoffel, so viel, wie er in den vergangenen Tagen beim Gedanken an Chris in sich hineingestopft hatte.
Dieser blinde Bengel ging ihm einfach nicht mehr aus dem Kopf. Richtig grässlich!
Er sah kurz auf, als er das Geräusch der Haustür vernahm und wandte sich wieder einer der unzähligen Quizshows zu, nachdem er festgestellt hatte, dass nur sein Bruder nach Hause gekommen war und – zum Glück – nicht seine Eltern. Wenn sie ihn zu dieser Stunde schon vor dem Fernseher erwischten, würden sie garantiert einen riesigen Aufstand machen. Er verdrehte die Augen. Wo man sich um diese Zeit doch so toll aufs Lernen konzentrieren konnte und er ja UNBEDINGT an seinen Noten arbeiten musste...- Kotz! -
„Hi" Julian warf seine nasse Jacke über die Heizung und setzte sich zu ihm. „Und, läuft etwas Gutes?"Jan maß ihn mit einem abschätzenden Blick, dann zuckte er die Schultern.
„Es ist Sonntag, Alter – du glaubst doch nicht ernsthaft, dass es was Genießbares in der Glotze gibt?"Julian grinste breit und warf ihm eine unangebrochene Schachtel Zigaretten hin.
„Na, dann wird dich das hier bestimmt freuen – war die letzte, die sie am Kiosk hatten."Jan schaute überrascht zunächst die Glimmstängel, dann seinen Bruder an.
„Wie komme ich denn zu der Ehre?", fragte er und griff nach der Packung seiner Lieblingsmarke. „Hast du im Lotto gewonnen oder haben unsere Erzeuger ohne mein Wissen das Taschengeld erhöht?"Der ältere Blondschopf lachte.
„Du weißt genau, das weder das Eine noch das Andere jemals geschehen wird", gab er zurück und lehnte sich entspannt gegen die weiche Lehne in seinem Rücken. „Nein, ich wollte dich einfach nur ein bisschen aufheitern."Jan hob eine Augenbraue und sah ihn misstrauisch an.
„Aufheitern? Wieso das?"Julian schüttelte den Kopf und schlug die Beine übereinander.
„Weil du unglücklich bist, deshalb."Jan lachte humorlos auf und zog dann ein Feuerzeug aus seiner Hosentasche. Er wusste genau, dass seine Mutter ihn umbringen würde, wenn er hier in der Wohnung rauchte, denn das durften nur die Eltern, aber er hatte plötzlich das dringende Bedürfnis, seinen Nikotinhaushalt wieder aufzufrischen.
„Red keinen Mist!" Er zündete sich die letzte seiner Selbstgedrehten an und blies den grauen Rauch in die Luft, griff nach seinem Wasserglas. „Mir ist nur langweilig, das ist alles."Julian strich sich bedächtig eine seiner hellen Strähnen aus der Stirn und nickte dann spöttisch.
„Verstehe", meinte er trocken. „Schon seit drei Wochen..."Jan verschluckte sich an seinem Getränk und musste kräftig husten.
„Was geht DICH das an?", fluchte er und warf wütend seine Zigarette in den Aschenbecher. „Wenn du nichts zu tun hast, geh deinen smarten Lover nerven, der freut sich, wenn er was zu fummeln hat!"Julian holte tief Luft und errötete heftig. Es war an ihrer Schule allgemein geläufig, dass er und Marcus inzwischen Freunde waren, aber dass der dunkelhaarige Engländer ihn geküsst und in der Turnhalle auch gestreichelt hatte, war noch keinem bekannt, außer vielleicht seiner Mutter. Julian wusste, dass er sich auf Jan verlassen konnte, wenn er es ihm erzählte, doch er hatte sich bisher irgendwie noch nicht getraut, obgleich der hitzköpfige Junge sich offenbar ja sowieso schon seinen eigenen Teil zu ihnen dachte.
Nach den Ferien stand immer eine Menge Unterrichtsstoff auf dem Plan, und er hatte kaum Zeit gehabt, sich seitdem mit Marcus zu treffen, doch wann immer sie zusammengekommen waren, hatte etwas knisterndes, elektrisierendes in der Luft gelegen, das er nicht beschreiben konnte. Sie hatten sich nicht noch einmal geküsst und waren auch sonst ‚auf Abstand` geblieben, doch Julian hatte irgendwie das Gefühl, dass das nicht mehr lange so bleiben würde. Er kannte Marcus` Wirkung auf ihn langsam gut genug, um sagen zu können, dass er sicher schwach werden würde, sobald der Engländer auch nur den Hauch eines Annäherungsversuches machte, und irgendwie verunsicherte ihn das.....War er am Ende etwa doch homosexuell?
Verdammt, Marcus sah aber auch gut aus! Und nicht nur das: Er roch gut, er fühlte sich gut an und – der Teufel sollte ihn holen – er schmeckte auch gut, mehr als das! Und er war immer freundlich und nachsichtig mit ihm, besonders, wenn Julian eine seiner romantischen Launen hatte, mit denen der junge Mann selbst eigentlich nicht viel anfangen konnte. Wenn der Blondschopf sich den Sonnenuntergang anschauen wollte oder die Vögel, die am Fenster vorbeizogen, wenn er verträumt seinen Gedanken nachhing oder leise Musik auflegte, weil er so gern Klassik hörte.Er seufzte leise. All das ließ Marcus ihm durchgehen, und was bekam er als Dank? Einen hochroten Kopf, sobald er Julian Komplimente machte und dieser wie immer nicht wusste, wie er sonst reagieren sollte. Wenn man es genauer betrachtete, war es fast schon erstaunlich, dass der Engländer sich noch mit ihm abgab. Selbst eine Nonne würde sich angesichts dieses Mannes nicht so zieren!
- Aaaah, ich bin so schrecklich verwirrt! Marcus ist doch gar nicht schwul, oder? Und ich auch nicht! Warum machen wir uns dann gegenseitig so nervös? -
Jan stieß ihm kräftig seinen Ellenbogen in die Rippen und riss ihn damit aus seinen Gedanken.
„Ey, Tomatenbirne, zieh endlich Leine!", maulte er. „Du nervst mich mit deiner Anwesenheit!"Julian blinzelte und erhob sich schließlich.
„Na schön, Dickschädel", antwortete er. „Wie du meinst! Aber ich kann dir jetzt schon sagen, dass sich Marcus nicht mehr viel länger tatenlos ansehen wird, wie du seinen Bruder unglücklich machst..."Jan schnaubte verächtlich und griff wieder nach der Zigarettenschachtel.
„Teh, vor dem habe ich keine Angst, das brauchst du gar nicht glauben."Er zuckte überrascht zusammen, als die Hand seines Bruders mit einem lauten Knall auf seiner Wange landete.
„Das tue ich auch nicht, du Idiot!", schrie dieser wütend. „Ich habe geglaubt, dass dir Chris vielleicht etwas bedeuten würde und du nicht möchtest, dass er wegen dir verbohrtem Volltrottel traurig ist. Wie ich sehe, war das ein Irrtum!"Die Wohnungstür flog krachend ins Schloss, dann war Jan wieder allein im Raum. Völlig perplex starrte er dem Älteren hinterher.
„Was... was war das denn eben?", flüsterte er und berührte mit den Fingerkuppen zaghaft die schmerzende Haut in seinem Gesicht. Sie fühlte sich heiß an und pochte unablässig.- Hat Julian mich gerade geschlagen? -
Er konnte es noch immer gar nicht fassen. SEIN Bruder Julian holte zu einer Ohrfeige aus? Und ER war es auch noch, der sie verpasst bekam? Das hatte es ja noch nie gegeben! Selbst als Jan dem Blondschopf bei einer Kabbelei mit zwei anderen Kindern einmal aus Versehen die Nase gebrochen hatte, war dieser nicht auf die Idee gekommen, sich an ihm zu rächen oder überhaupt in irgendeiner Weise gegen den Jüngeren vorzugehen. Dazu war er einfach nicht der Typ, zu ruhig und beherrscht.
Jan ließ die Zigarettenschachtel sinken und schaute hinaus in den Regen.
Machte er Chris wirklich traurig? War er unglücklich wegen ihm?
Warum?
Was war so Besonderes an ihm, dass der Schwarzhaarige es einfach nicht aufgeben wollte, ihn doch noch zu seinem Freund zu machen? Er war großkotzig, unverschämt, hitzköpfig und zudem auch noch chronisch schlecht gelaunt, also was faszinierte Chris so? Was ließ ihn die Hände nach ihm ausstrecken und neugierig seinen Körper streicheln, was fühlte er, wenn sich ihre Lippen berührten? Hitze? Sehnsucht? So wie er?
Jan errötete leicht und wandte sich ab.
Und warum konnte er selbst diese strahlend blauen Augen nicht vergessen, die ihn sogar in seinen Träumen noch verfolgten, genauso wie das weiche, schwarze Haar, dieses warme Lächeln?
Er hatte keine Wahl mehr, er MUSSTE es herausfinden! Und wenn Chris ihn jetzt nicht mehr sehen wollte, dann war das immer noch besser, als ewig diese nagende Ungewissheit zu ertragen, mit den eigenen Gefühlen nicht mehr im Reinen zu sein, denn das hielt er auf die Dauer einfach nicht mehr aus!
Ob es ihm gefiel oder nicht, Chris Taileen war längst Bestandteil seines Lebens geworden und er konnte ihn nicht ewig ignorieren.
Jan erhob sich und griff nach seiner Jacke. Er wusste nicht mehr genau, wo er nach dem letzten Schauer seinen Regenschirm hingeworfen hatte, also nahm er einfach Julians mit – der würde so bald eh nicht wieder nach Hause kommen, wie er ihn kannte, und wenn er sich nicht ganz stark verrechnete, hatte er wohl sogar gute Chancen, ihn jetzt zu treffen, wenn er zum Haus der Taileens ging.Er seufzte schwer.
- Na ja, was soll's? Mache ich mich halt vor meinem Bruder zum Horst... -
Die Zigaretten ließ er auf dem Tisch zurück. Er konnte sich nicht vorstellen, dass Chris es mochte, wenn er nach Kippen roch, sobald sie sich trafen. Leise schloss er die Tür hinter sich. Er hatte irgendwie das Gefühl, das dies einer seiner schwersten Wege werden würde...