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Romeo und ... Julian? Teil 10 bis 12

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- Wie eine Stadt ohne Schutzwall, so ist ein Mann ohne Selbstbeherrschung. -
Unbekannt
 
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Kapitel X – Regengüsse 
 
Marcus Ray Taileen stand vor der großen Fensterfront in seinem Zimmer im Erdgeschoss und starrte hinaus in den Regen. Seine Stirn hatte er gegen die Scheibe sinken lassen, mit den Händen stützte er sich an dem dunklen Holzrahmen ab. Er mochte es, den herabfallenden Wassermassen zuzusehen, doch heute konnte nicht mal das seine miserable Laune aufbessern.
 
Was sollte er nur machen?
 
Chris war so unglücklich und er konnte rein gar nichts für ihn tun. Zum Glück war der Kleine vorhin relativ schnell eingeschlafen, sonst würde er jetzt vermutlich immer noch neben ihm sitzen und versuchen, ihn zu trösten, auch wenn er kaum Erfolg damit gehabt hatte. Wenn das so weiter ging, machte ihn diese Hilflosigkeit noch vollkommen wahnsinnig! Wieso zur Hölle wich Julians Bruder seinem eigenen so verbissen aus? Chris war doch sehr freundlich zu ihm gewesen und laut seinen Eltern hatten sie sich prima verstanden. Warum dann plötzlich dieser Widerwille, diese regelrechte Gegenwehr, um ihn nicht zum Freund zu haben? Er kapierte das nicht.
 
Wütend betrachtete er die hinabstürzenden Regentropfen.
 
Wollte Jan Chris einfach zappeln lassen oder hatte er tatsächlich kein Interesse an einer platonischen Beziehung? Julian hatte ihm gesagt, Jan zu einer Freundschaft zu bewegen sei schwierig, aber was sollte Chris denn noch tun?
 
Betteln?
 
Jedem, der das von dem Schwarzhaarigen verlangte, würde er persönlich den Schädel einschlagen!
 
Marcus seufzte tief und zwang sich selbst zur Ruhe.
 
Er fühlte sich körperlich matt und erschöpft, irgendwie kraftlos, gleichzeitig war er innerlich vollkommen aufgewühlt. Diesmal hatte er sich schön selbst reingeritten, denn auch wenn er seinem Bruder versprochen hatte, Jan dazu zu bringen, ihn erneut zu besuchen, er hatte keine Ahnung, wie er das anstellen sollte – zumindest, wenn er darauf bedacht war, keine Gewalt anzuwenden. 
Sicher, er könnte sich diesen Rotzbengel einfach schnappen und zu Chris ins Zimmer zerren, aber erstens war er sich gar nicht so sicher, ob das überhaupt klappen würde, denn der Kleine schien doch erstaunlich kräftig zu sein, und zweitens hatte er mit solchen Methoden keine großen Erfolgschancen, jedenfalls nicht, wenn er wollte, dass Jan danach auch freiwillig blieb...
 
Er musste einfach mit ihm reden. Anders ging es wohl nicht.
 
Seine Miene verfinsterte sich.
 
- Oh Mann, ich kann mir schon genau vorstellen, wie das vonstatten gehen wird. -, dachte er und ließ sich langsam mit der Schulter gegen die Scheibe sinken. - Ich laufe bei ihm auf, er sagt mir, dass ich ein Arschloch bin und schon ist die Sache gelaufen. Tolle Idee, Marcus! -
 
Genervt raufte er sich die Haare.
 
- Argh, er kann mich halt nicht leiden! Was soll ich denn machen? -
 
Er fand ihn selbst ja auch nicht gerade sympathisch. Obwohl er zugeben musste, dass es ihn schon ziemlich beeindruckt hatte, was er für seinen Bruder zu tun bereit gewesen war – schließlich hatte er ihn gar nicht gekannt. Dennoch war Jan ohne zu zögern zu Chris geeilt, hatte ihn auf seinen Rücken gehievt, den Jungen nach Hause getragen und lange auf ihn Acht gegeben. Das hätte er ja wirklich nicht tun müssen, er war von niemandem dazu gezwungen worden... 
Er runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf.
 
Jetzt fing er auch schon an, diesen Kerl ganz in Ordnung zu finden.
 
- So ein blöder Mist! -
 
Er verschränkte die Arme vor der Brust und seufzte erneut. Warum ärgerte er sich darüber? Er konnte ja nicht einmal genau sagen, was ihn an Jan so störte. Im Gegenteil: Wenn er jetzt in Ruhe darüber nachdachte, kam er sogar zu der Erkenntnis, dass ihn eigentlich GAR NICHTS an dem Jungen störte, aber vielleicht war es gerade das, was ihn nervte.
 
Wahrscheinlich war der Blondschopf ihm gar nicht unsympathisch, sondern sie hatten einfach nur einen saumäßig schlechten Start gehabt. Anders konnte er sich dieses ganze Gefühlschaos im Moment nicht erklären. Na ja, wenn er sich nun zurückerinnerte und der Wahrheit die Ehre erwies, war dieser miserable Anlauf auch noch seine Schuld gewesen, so, wie er ihn angeblufft hatte, aber er schob den Gedanken rasch beiseite. Ganz so einsichtig wollte er dann heute doch nicht sein. War ja nicht Weihnachten...
 
Er strich sich eine seiner dunklen Haarsträhnen aus der Stirn und hob den Blick gen Himmel. Der Regenguss hatte ein wenig nachgelassen, stellenweise brach sogar schon wieder die Sonne durch die dicken Wolken. Wirklich erstaunlich, wie die Natur es schaffte, angenehm warme Lichtstrahlen zur Erde zu schicken wenn sie im selben Moment den Boden mit Wasser tränkte. Aber wenn man den Forschern Glauben durfte, waren solche Schauspiele ja nicht einmal besonders ungewöhnlich, wenn Marcus sie auch noch nicht oft beobachtet hatte. Dennoch: Zweifellos ein hübscher Anblick.
 
- Fehlt nur noch der krönende Regenbogen. -
 
Bei dieser Überlegung musste er glatt schmunzeln. Offenbar war er schon zu lange mit Julian bekannt – so langsam nahm er dessen romantische Art zu denken an. Er sah ihn förmlich vor sich, wie er plötzlich zwischen den Büschen auftauchte und sich erst einmal auf seinen Knien abstützen musste, völlig außer Atem, weil er den ganzen Weg bis zu ihm gerannt war. Das Sonnenlicht fiel auf seine kornfarbenen Haare und ließ die nassen Strähnen in einem schillernden Goldton glänzen, das Wasser daraus lief über sein Gesicht und seinen Hals, verschwand in der schon völlig durchgeweichten Kleidung. Das weiße, langärmlige Hemd, das er trug, klebte regelrecht an seinem Oberkörper, ebenso wie die Hose an seinen Beinen, ließen deutlich die wohlgeformte Figur erkennen. Obwohl es erst Anfang Herbst war, hatten die Temperaturen schon einen deutlichen Sturz hinter sich gehabt, weshalb die ganze Gestalt leicht zitterte. Die Brust des Jungen hob und senkte sich unregelmäßig, und die zarten Spitzen pressten sich ob der Kälte hart gegen den nassen Stoff, ließen den dunklen Vorhof darunter erkennen, der geradewegs dazu einlud, das Hemd aufzureißen, es von den schmalen Schultern zu zerren und dem Jungen zu zeigen, dass man auch aus anderen Gründen als Kälte erzittern und erbeben konnte... 
Marcus schluckte schwer und schüttelte abermals den Kopf. Himmel, jetzt ging seine Fantasie aber eindeutig zu weit! Er bekam ja regelrecht eine Beule in der Jeans, so real kam ihm das Ganze vor.
 
Er zuckte erschrocken zusammen, als sein Hirngespinst plötzlich zwei Schritte auf ihn zumachte und mit den Fäusten gegen die Scheibe schlug.
 
„Hör auf, mich so unsittlich anzustarren!“, rief es mit hochrotem Kopf und schlang die Arme um seinen Oberkörper. „Lass mich lieber rein, es ist saukalt hier draußen!“ Marcus blinzelte verwirrt, dann entriegelte er rasch die Glastür, die von seinem Zimmer aus hinaus in den Garten führte. Er konnte gar nicht so schnell zur Seite treten, als auch schon ein völlig durchnässter und frierender Julian in den Raum sprang und hastig die Tür wieder hinter sich zudrückte. Bibbernd schüttelte er das Wasser aus seinen Haaren, bevor er den Braunhaarigen mit klappernden Zähnen vorwurfsvoll anschaute.
 
„Ju...Julian?“, fragte Marcus verwirrt und konnte es noch immer nicht ganz glauben. „Bist du es?“ Der Junge warf ihm einen vielsagenden Blick zu und rieb sich die unterkühlten Finger warm.
 
„Nein, ich bin Michael Jackson und habe es endlich geschafft, auch meine Haare zu bleichen, du Held! Ja, verdammt, warum hast du nicht früher aufgemacht?“ Der Engländer zuckte die Schultern.
 
„Ich dachte, ich würde tagträumen“, erwiderte er wahrheitsgemäß und grinste dann breit. „Konnte ja nicht ahnen, dass ich so etwas Aufregendes tatsächlich live und in Natura erleben würde. Passiert schließlich nicht alle Tage.“ Sein Gegenüber starrte ihn ob seiner Worte einen Moment lang verblüfft an, dann errötete der Junge tief und wandte sich verlegen ab.
 
„Hör auf“, bat er. „Was soll denn an mir schon so wahnsinnig aufregend sein?“ - Oh, mir fallen da auf Anhieb diverse Dinge ein, glaub mir -, dachte Marcus und betrachtete schmunzelnd noch einmal den schlanken Körper des Anderen, doch er behielt seine Gedanken vorerst lieber für sich. Im Moment interessierte ihn viel mehr, was der Blondschopf überhaupt bei ihm wollte, denn normalerweise hatte Julian die angenehme Gewohnheit, sich vor jedem Besuch stets telefonisch anzukündigen. Dass er einfach so aus dem Nichts auftauchte, war schon recht ungewöhnlich...
 
„Na ja“, antwortete der Braunhaarige deshalb gedehnt. „Was du hier tust, zum Beispiel. Kommst ja nicht oft so mir nichts dir nichts bei strömendem Regen zu unserem Haus und weichst meinen Teppich auf...“ Julian hob kurz den Blick, dann sah er beschämt zu Boden. Es war jetzt deutlich zu erkennen, dass er irgendetwas auf dem Herzen hatte, doch er schien sich schwer damit zu tun, es seinem Freund zu verraten.
 
Marcus zog eine Braue hoch. Also hatte er Recht gehabt...
 
Lächelnd strich er dem Jungen über die linke Wange und schob eine seiner nassen Strähnen hinter dessen Ohr.
 
„Na komm schon“, meinte er aufmunternd. „Du bist extra den ganzen Weg hierher gerannt, um es gleich jemandem zu sagen. Wenn du es in dich hineinfrisst, wird es nur schlimmer...“ Julian nickte zögernd, aber so ganz schien er noch nicht überzeugt. Er kämpfte mit sich selbst, während er die ganze Zeit versuchte, seine rechte Hand hinter seinem Rücken zu verstecken. Er schnappte erschrocken nach Luft, als der Größere sie irgendwann ergriff und sanft an seine Lippen zog, einen zärtlichen Kuss auf die kühle Haut hauchte.
 
„Hast du etwas mit deiner Hand gemacht?“, fragte er leise und sah Julian tief in die blaugrünen Augen. „Ist es das?“ Der Blonde schluckte schwer und wollte seinem Blick ausweichen, doch Marcus ließ es nicht zu. Er legte seine freie Hand unter dessen Kinn und zwang ihn sacht aber bestimmt, ihn anzuschauen.
 
„Du hast jemanden geschlagen, nicht wahr?“, mutmaßte er und war selbst überrascht, wie heftig der Andere auf seine Worte hin zusammenzuckte. Offenbar hatte er voll ins Schwarze getroffen. 
„Jemanden, den ich kenne?“, forschte er weiter und erhielt daraufhin abermals ein Nicken. Er überlegte, wer das wohl gewesen sein könnte, und plötzlich ging ihm ein regelrechter Kronleuchter auf. 
„Ich werd verrückt!“, rief er voller Erstaunen. „Du hast Jan eine reingehauen?!“ Im nächsten Moment hätte er sich am liebsten selbst geohrfeigt, als er Julian heftig erzittern sah. Ein Ruck ging durch den schmalen Jungen, und auf einmal liefen Tränen über seine blassen Wangen.
 
„Ich wollte es gar nicht“, schluchzte dieser. „Und es tut mir so leid. Aber ich war so wütend auf ihn weil er solch ein sturer, dickköpfiger Esel ist, da hatte ich mich plötzlich nicht mehr unter Kontrolle und dann... es ist eben einfach passiert!“ Er bedeckte sein Gesicht mit den Händen, um sich nicht völlig vor Marcus zu blamieren, doch dieser dachte gar nicht daran, die Situation lächerlich zu finden. Viel mehr war er einfach nur vollkommen baff. Er hatte Julian bisher immer nur als einen über alle maßen freundlichen, ruhigen Charakter kennen gelernt und konnte sich gar nicht vorstellen, dass sein blonder Mitschüler in der Lage war, jemandem auch nur ansatzweise weh zu tun, besonders nicht Jan. Der Gedanke, dass die beiden Brüder sich irgendwann einmal gegenseitig verprügeln würden, war ungefähr so absurd wie die Prognosen der Marktforscher, dass es bald einen wirtschaftlichen Aufschwung gäbe oder die Regierung mal einen vernünftigen Beschluss fassen würde.
 
Also...
 
„...warum?“ Julian wischte sich die Tränen aus den Augen und bemühte sich, seine Fassung wiederzuerlangen, scheiterte aber beinahe an seinem eigenen Schamgefühl.
 
„Ich...na weil...“ Er holte tief Luft und straffte seine Schultern. „Weil es mich genervt hat, dass er sich und Chris mit seiner verbohrten Haltung unglücklich macht. Und dich auch...“, fügte er noch hinzu, das Gesicht leicht gerötet. 
Marcus starrte ihn verblüfft an, doch dann musste er lächeln.
 
„Wirklich?“ Er strich dem Blondschopf sanft über das Haar und war auf einmal unheimlich erleichtert. „Du kleiner Dummkopf... komm her!“ Julian stieß einen überraschten Laut aus, als der Dunkelhaarige unerwartet die kräftigen Arme um seine schmale Taille und seinen Oberkörper legte und ihn an sich zog. Er spürte die Wärme des Anderen an seiner Brust, die großen Hände auf seinem Rücken und schloss erleichtert die Augen. Plötzlich war er einfach nur noch froh, dass er sich seinem Freund anvertraut hatte. Es würde sicher alles wieder ins Lot kommen, daran hatte er jetzt gar keine Zweifel mehr.
 
Beruhigt ließ er seinen Kopf gegen eine von Marcus Schultern sinken und atmete tief den herrlich maskulinen Duft ein, den dieser verströmte, schlang seine Finger in das schwarze Seidenhemd, welches der junge Mann vor ihm trug. Der Stoff fühlte sich wunderbar weich an und schmeichelte seinen Fingerkuppen, und mit einem Male fühlte er sich an ihr erstes Zusammentreffen erinnert, als der Engländer ihn auch so sanft im Arm gehalten und sich um ihn gekümmert hatte. Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor, seit sie sich begegnet waren, obwohl ihr Crash erst knapp drei Wochen her war.
 
Schon damals hatte er dieses Gefühl der Geborgenheit genossen, das er in der Nähe des Dunkelhaarigen verspürte, doch diesmal war zusätzlich noch etwas anderes dabei, etwas, das er nicht so recht beschreiben konnte. Eine Art innere Sehnsucht, die ihn erfüllte, auch wenn er nicht so recht wusste, wonach es ihn überhaupt verlangte...
 
Er atmete hörbar ein, als er plötzlich Marcus‘ Hände auf seinem Po fühlte, die frech über diesen hinwegstrichen und ihn schließlich fest umfassten. 
„Wa-was machst du denn da?“, stammelte Julian und grub beinahe erschrocken seine Finger in das weiche Hemd. Der Engländer lachte leise. „Na, was schon?“, fragte er keck und lächelte schelmisch. „Ich nutze schamlos die Situation aus.“ Der Blondschopf hatte keine Zeit, etwas zu erwidern, er keuchte nur unterdrückt, als der Andere seine Finger in das Fleisch seiner Kehrseite drückte und stieß einen Laut des Wohlgefallens aus, während der Größere den Kopf zu ihm herabsenkte und begann, Nacken und Hals seines Freundes mit zarten Küssen zu bedecken. Ein Schauer jagte Julians Rücken hinab, und noch ehe der völlig überrumpelte Junge richtig begriffen hatte, was überhaupt mit ihm geschah, spürte er Marcus‘ Lippen, die sich warm und besitzergreifend auf seine legten. 
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Julians Augen weiteten sich in ungläubigem Erstaunen, als der Dunkelhaarige begann, sanft seinen Mund zu liebkosen. Er wollte sich wehren, den jungen Mann von sich wegstoßen, doch genau wie beim ersten Mal brachte er es einfach nicht fertig, diese verwirrenden Empfindungen niederzukämpfen, die der Engländer in ihm auslöste und die ihn daran hinderten, sich gegen einen solchen ‚Überfall‘ von ihm zu verteidigen. Er spürte den Atem des Anderen auf seiner Wange, nahm einen leichten Geruch von Minze darin wahr und musste zugeben, dass er das zusammen mit der Umarmung ziemlich angenehm fand. Der Rhythmus seines Herzschlages beschleunigte sich, und sein Puls pochte bereits jetzt spürbar in seinen Adern. 
Marcus‘ Zunge strich währenddessen sacht über seine Unterlippe, verwöhnte das nachgiebige Fleisch, neckte es zärtlich. Er sog es zwischen seine Zähne und knabberte spielerisch daran, zwickte ihn aber nie so fest, dass es dem Blonden weh tat. Als dieser seine Lippen ganz unbewusst für ihn öffnete, ließ er seine Zungenspitze vorsichtig in dessen Mundhöhle gleiten, und er genoss es, dass der Junge diesmal nicht mehr vor ihm zurückschreckte. Er schlang die Finger seiner Rechten in das kornfarbene Haar und erforschte neugierig dieses für ihn noch recht unbekannte Gebiet hinter Julians Lippen, wollte jeden Zentimeter davon kosten. Dabei hielt er mit der anderen Hand weiter dessen Kehrseite fest, und schlussendlich konnte er der Versuchung einfach nicht mehr widerstehen. 
Julian stöhnte auf, als der Dunkelhaarige anfing, seinen Po langsam zu kneten und schließlich zu massieren. Sein Gesicht glühte vor Scham, doch noch immer machte er keine Anstalten, den Anderen von sich zu schieben oder sich auf sonst eine Art gegen ihn zu wehren. Er konnte – wollte! – es gar nicht. 
In seinem Kopf drehte sich alles von den unzähligen Empfindungen, die durch ihn hindurchrasten und seine Knie drohten nachzugeben. Er klammerte sich an Marcus‘ Schultern und konnte nichts weiter tun, als es zuzulassen, dass der Braunhaarige die Rechte wieder aus seinen Haaren löste und statt dessen sein Hemd damit aufknöpfte, den nassen Stoff von seiner Brust und über seine linke Schulter zerrte. Der junge Mann drehte sich mit ihm herum und ließ Julian einige Schritte nach hinten machen, bis dieser unerwartet gegen etwas Hartes stieß und kurz darauf mit dem Rücken auf Marcus‘ großem Bett landete. Er gab ein überraschtes Keuchen von sich, und plötzlich war sein Mund wieder frei. 
Er blickte zu seinem Gegenüber auf und holte leise Luft, als der Dunkelhaarige kurzerhand über die Bettkante hinweg stieg und sich breitbeinig über ihn kniete, ihn mit seiner Hüfte in die weiche Matratze drückte. Er kannte diesen Ausdruck in den mandelfarbenen Augen, dieses Brennen, das ihn innerlich zu verzehren drohte und ihm unweigerlich das Blut in den Kopf schießen ließ, in den Kopf und zu seiner unendlichen Scham auch in andere Bereiche seines Körpers.
 
Marcus grinste wissend und betrachtete vollkommen ungerührt von Julians peinlicher Berührtheit die deutliche Ausbeulung in dessen Hose.
 
„Ah“, machte er und zwinkerte ihm verschwörerisch zu. „Wie ich sehe, hat meine Wirkung auf dich doch nicht nachgelassen.“ Der Blondschopf schaute ihn verwirrt an und hob fragend die Brauen.
 
„Wie meinst du das ‚doch nicht nachgelassen‘?“ Der Engländer zuckte die Schultern und lächelte ihn ein wenig verlegen an.
 
„Na ja, nachdem ich dich in der Schule zweimal geküsst hatte, bist du mir in den folgenden Tagen ständig ausgewichen und hast mich gar nicht mehr richtig an dich herangelassen. Ich hatte schon befürchtet, mich geirrt zu haben – dass dir meine Annäherungen doch nicht gefallen haben, und ich dich damit vergrault habe.“ Julian schüttelte langsam den Kopf.
 
„Nein, das hast du nicht...“ Das Lächeln des Anderen wurde etwas sicherer.
 
„Danke.“ Er kratzte sich am Hinterkopf und pustete sich einige der dunklen Haarsträhnen aus der Stirn. „Ich muss zugeben, ich hätte es gut verstehen können. Ich weiß ja selbst nicht genau, warum ich so heftig auf dich reagiert habe und es immer noch tue. Ich kann mich einfach nicht beherrschen, wenn du mir so nahe bist – es ist fast wie ein Zwang, dabei ist es eigentlich... verboten.“ Eine kurze Zeit der Stille entstand zwischen ihnen.
 
„Ich meine, wir sind beide Männer...“ Er ließ seine Hand sinken und sah ihn zweifelnd an. „Weißt du, was ich sagen will?“ Diesmal nickte der Blonde zögernd. „Ja, ich glaube schon.“ Er dachte einem Moment lang nach.
 
„Männer gehören halt nicht zusammen, die Natur hat sie für die Frauen gemacht.“ Er stützte sich mit den Ellenbogen auf der Matratze ab und stemmte sich ein Stückchen hoch, um seinem Freund besser in die Augen schauen zu können.
 
„Aber um ehrlich zu sein, ist mir das ziemlich egal.“ Marcus verschluckte sich heftig wegen dieser ruhigen Aussage und musste kraftvoll husten. Verblüfft starrte er sein Gegenüber an, das noch immer vollkommen ernst und absolut ungerührt seine schillernden Iriden betrachtete und nicht mal im Ansatz danach aussah, als seien seine Worte ein Scherz gewesen.
 
Er konnte es gar nicht fassen.
 
„Es... ist dir egal?“ Julian nickte wieder.
 
„Klar“, gab er zurück. „Dir etwa nicht?“ Marcus blinzelte ob dieser unerwarteten Frage.
 
„Na ja...öhm...“ Er überlegte kurz. Sicher, er hatte sich schon des Öfteren gefragt, ob es ‚richtig‘ war, jemanden vom gleichen Geschlecht zu begehren, denn auch, wenn er es am Anfang nicht hatte wahr haben wollen, seine Fantasien diesbezüglich sprachen einfach Bände. Und ihm war durchaus klar, dass homosexuelle Beziehungen von der Gesellschaft zwar geduldet, aber vielerorts immer noch verpönt oder gar unerwünscht waren – auch wenn er nicht der Ansicht war, dass man nach drei Wochen bei ihnen beiden schon von einer schwulen Neigung sprechen konnte. Sie fühlten sich eben einfach zueinander hingezogen, was war schon falsch daran? 
Aber störte es ihn wirklich, dass sie inzwischen drauf und dran waren, eines der großen Tabus ihrer heutigen Zeit zu brechen? Dass sogar er es war, der hierbei die Initiative ergriffen, das alles angeregt hatte? Machte es ihm tatsächlich etwas aus, sich einfach den eigenen Gefühlen hinzugeben, ohne daran zu denken, dass sie anatomisch nicht für einander bestimmt waren oder es einigen Leuten nicht gefallen würde?
 
Wenn er ehrlich war, glaubte er das nicht. Er hatte sich bisher noch nie an Vorurteilen oder der Meinung anderer gestört, also warum jetzt? Wieso damit anfangen, wenn man einen so wundervollen Menschen unter sich liegen hatte, der sich ebenfalls nichts daraus zu machen schien, dass sie eben nicht zu einander ‚passten‘? 
Julians Hand auf seiner Wange riss ihn aus seinen Gedanken.
 
„Marcus... ich kann mir vorstellen, worüber du jetzt nachdenkst, und glaub mir, ich habe genau die gleichen Überlegungen gemacht.“ Er lächelte scheu und senkte schüchtern den Blick. „Aber ich merke doch selbst, wie sehr du mich erregst und wie sehr ich mich danach sehne, dass du... na ja...“ Er suchte verlegen nach Worten, dann atmete er einmal tief durch. „Dass du mehr mit mir machst, als mich nur zu streicheln und zu küssen.“ Marcus blinzelte leicht, anschließend nickte er, zum Zeichen, dass Julian weiterreden sollte. Dessen Wangen färbten sich in einem zarten Rot.
 
„Ich meine, Anfangs war es irgendwie ein seltsames Gefühl: Wir kannten uns noch nicht mal eine Stunde, da hattest du mich schon das erste Mal geküsst. Ich war noch nie zuvor von einem Mann geküsst worden und vielleicht hat es mich ein bisschen erschreckt, wie sehr es mir gefiel. Ich war schlichtweg verwirrt.“ Er griff nach einem Zipfel seines Hemdes und drehte ihn nervös zwischen den Fingerkuppen.
 
„Aber als du mich dann in der Turnhalle wieder geküsst und sogar gestreichelt hast, da war es mir ab einem bestimmten Zeitpunkt plötzlich völlig egal, ob du ein Mann warst oder nicht. Ich habe es einfach genossen und ich wollte nicht, dass du aufhörst...“ Er ließ den Stoff los und sah ihm wieder in die Augen.
 
„Ich wollte dir vertrauen, mich dir überlassen... ich hatte einfach das Gefühl, dass es richtig wäre...“ Marcus schluckte schwer. Er wusste, was Julian ihm damit sagen wollte, denn ihm war es ganz genauso ergangen.
 
Doch der Blondschopf sprach schon weiter.
 
„Ich habe oft darüber nachgegrübelt in den letzten Tagen und ich musste immer wieder feststellen, wie attraktiv und anziehend ich dich finde. Die Tatsache, dass wir das gleiche Geschlecht haben, hat mich immer weniger gestört. Na ja, und gerade im Garten – du hast mich so seltsam angeschaut. Mir ist ganz komisch geworden und in meinem Bauch fing alles an zu kribbeln. Es war so aufregend. Du hast mich angestarrt als wäre ich...“ Die Röte auf seinem Gesicht vertiefte sich noch. „Als wäre ich das schönste Geschöpf, das du jemals gesehen hast. Das hat mein Herz unendlich viel schneller schlagen lassen.“ 
Er machte eine kurze Pause, doch auf einmal musste er grinsen. „Auch wenn ich fast schon befürchtet hatte, dass dir gleich der Sabber aus dem Mund läuft.“ Marcus lachte schallend und zog ihn sanft in seine Arme.
 
„Das wäre er auch fast, so verboten hinreißend wie du aussahst“, antwortete er und zwinkerte dem Jungen zu. „Und wenn du nicht aufpasst und dir etwas Trockenes anziehst, könnte es passieren, dass ich doch noch meine Beherrschung verliere...“ Julian blickte ihn überrascht an, dann schoss ihm das Blut in den Kopf.
 
„Das meinst du nicht ernst, oder?“, fragte er mit glühenden Wangen und starrte verlegen auf die Bettdecke, aber der Engländer zuckte nur die Schultern. 
„Warum denn nicht?“, gab er zurück, und ehe der Blondschopf sich versah, spürte er erneut die Lippen des Anderen in seinem Nacken, wie sie behutsam die warme Haut liebkosten, sacht darüber hinwegstrichen. Julian erschauerte ungewollt und schlang seine Finger in das dunkle Haar an seinem Gesicht. 
„Aber wenn jemand in dein Zimmer kommt...“, flüsterte er leise und unterdrücke ein Keuchen, als er Marcus‘ Hände auf seiner Brust spürte, die mit geschickten Bewegungen auch die letzten Knöpfe seines eh schon halb geöffneten Hemdes lösten, es über den Rippenbogen zur Seite schoben. 
„Dann schmeißen wir ihn einfach wieder raus“, war die prompte Erwiderung, gleich gefolgt von einigen neugierigen Fingerkuppen, die zärtlich anfingen, Julians Oberkörper zu erkunden. Dieser seufzte tief und ließ sich wieder zurück auf die Matratze sinken. Gegen solche Argumente war er machtlos. 
Die Lippen des Engländers senkten sich auf seine entblößte Schulter, bedeckten sie mit kleinen Küssen. Sie wanderten über die Linie des schmalen Brustbeines hinab zur Halsbeuge, wo sie sich leicht öffneten, um neue Regionen zu liebkosen, eine feuchte Spur auf der Haut zu hinterlassen, die sich so wunderbar weich und seidig unter ihnen anfühlte. Der blonde Junge zitterte leicht, denn noch immer klebte die nasse Kleidung an seinem Körper, aber Marcus hatte sowieso vorgehabt, dies zu ändern, und so legte er seinen Mund auf Julians, während er ihn leicht zu sich hochzog und dessen Hemd über seine Arme streifte, es dann einfach in den Raum warf. Mit einem lauten Klatschen landete der Stoff auf dem Fußboden, wo er unbeachtet liegen blieb.
 
Marcus löste sich von seinem Mitschüler und schaute ihn eine Weile lang an, betrachtete seine schlanke Figur, die Brust, den flachen Bauch. Es stimmte, Julian war nicht übermäßig muskulös, dennoch hatte er ihn schon damals in der Turnhalle unheimlich anziehend gefunden, mit diesem vom Sommer noch zart gebräunten Hautton und der athletischen Gestalt, der schmalen Taille. Es passte einfach zu den langen, kornfarbenen Haaren, seinen schillernden Iriden und den sinnlichen, vollen Lippen, eben zu allem an ihm.
 
Gott, fast kam er sich wie in einem Liebesroman vor, aber wenn dies bedeutete, dass er jetzt die alles entscheidende Szene mit Julian vor sich hatte, wäre er im Grunde sogar gern bereit gewesen, sich zu einer Buchfigur machen zu lassen.
 
Der Blondschopf unterdessen wusste nicht wohin mit seinen Armen und seinen Augen. Am liebsten hätte er sich bedeckt, denn Marcus‘ brennender Blick trieb ihm das Blut in die Wangen, doch er konnte weder seine Hände über der Brust verschränken noch die Augen von denen des Anderen abwenden, denn die beiden funkelnden Bernsteine zogen ihn völlig in ihren Bann. Unerwartet fühlte er Marcus‘ Hände auf seiner Hüfte, die über die Seiten hinauf zu seinen Rippen strichen und diese zu streicheln begannen, jede einzelne von ihnen nachzeichneten. Die Finger des Dunkelhaarigen wanderten über seinen Brustansatz, verharrten dort, bevor ihre Kuppen sanft über die empfindlichen Spitzen glitten. 
Julian holte tief Luft und schloss hilflos seine Augen, als Marcus‘ Lippen ihren Vorgängern folgten, sich behutsam um seine rechte Brustwarze schlossen, daran saugten. Er spürte die Zunge seines Gegenübers, wie sie über seinen Vorhof fuhr, spürte die Wärme auf seiner Haut, die ihn abermals erzittern ließ, während der junge Mann ihn noch immer auf der anderen Seite streichelte, mit dem Daumen über den harten Nippel rieb, seine Hand dann wieder abwärts bewegte. Zärtlich schoben sich seine Fingerkuppen über die flache Bauchdecke, entlockten dem Blonden zusammen mit den neckenden Zungenbewegungen ein unterdrücktes Aufstöhnen. Fast automatisch wölbte dieser sich dem Anderen entgegen, genoss die Hitze, die ihn durchströmte. 
Julian löste seine Hand aus Marcus‘ Haar und liebkoste statt dessen mit den Fingerspitzen seinen Nacken, die harte Muskulatur des Rückens unter dem seidenen Hemd. Er zeichnete die kräftigen Schulterblätter nach und war überrascht, einen Laut des Wohlgefallens von dem Engländer zu hören. 
- Schon bei dieser kleinen Zärtlichkeit? -
 
Er lächelte. Es musste wirklich hart für seinen Freund gewesen sein, ihn so lange nicht anzurühren, wenn er sich so offensichtlich danach gesehnt hatte. Fast war er ein bisschen stolz auf ihn.
 
Im nächsten Moment stöhnte er überrascht auf, als sich Marcus‘ Finger plötzlich fest um die deutliche Erhebung in seiner Hose schlossen und diese rhythmisch zu massieren begannen. Er keuchte unterdrückt und klammerte sich an die breiten Schultern, während die Hand des Dunkelhaarigen fordernd über seine Erregung rieb, sie durch den Stoff weiter reizte. Seine Wangen glühten vor Scham, doch es fühlte sich einfach zu gut an, um sich gegen das zu wehren, was der Engländer mit ihm tat. 
Dessen Lippen lösten sich von seiner Brust und senkten sich erneut auf seine eigenen, küssten sie mit leichtem Druck, lockten den Blonden, sie zu öffnen. Dieser tat es nur allzu bereitwillig und spürte kurz darauf die feuchte Zunge des jungen Mannes in seine Mundhöhle gleiten, wie sie ihn in Besitz nahm, zu einem wilden Spiel herausforderte, das ihm glatt den Atem raubte. Er krallte seine Finger in die Haut des Anderen und drängte sich an ihn, fühlte die harte Männlichkeit seines Freundes an seinem Oberschenkel. Dieser ließ jetzt von Julians Unterleib ab, zerrte statt dessen seinen Gürtel von der schlanken Hüfte und warf ihn zu dem bereits am Boden liegenden Hemd.
 
„Nein... nicht aufhören“, bat Julian an seinen Lippen und griff nach der Hand des Engländers, um sie wieder zwischen seine Schenkel zu dirigieren, doch der lachte nur leise und gab ihm einen raschen Kuss auf die Wange. 
„Keine Angst, mein Unersättlicher“, raunte er an Julians Ohr und biss ihn spielerisch in den Hals. „Ich verschaffe mir nur etwas mehr Freiraum...“ Er löste den Knopf der völlig durchgeweichten Jeans und beobachtete mit Interesse, wie die Brust des Anderen anfing, sich schneller zu heben und zu senken, der Junge abermals leicht zu zittern begann vor Aufregung. Sein Kopf war hochrot, als Marcus geradezu quälend langsam den schmalen Reisverschluss hinabzog, die Hose schließlich über seine Hüfte und hinunter auf die Oberschenkel schob. Gleichzeitig klopfte sein Herz so laut, dass er glaubte, selbst der Dunkelhaarige müsse es noch hören können.
 
Dieser lächelte warm.
 
„Nervös?“ Julian nickte stumm. Und wie nervös er war! So sehr, dass ihm richtig schwindelig wurde, als er mit bebenden Fingern die Verschlüsse an Marcus‘ Hemd löste und dieses vorsichtig beiseite raffte, zaghaft die Hände auf den erhitzten Brustkorb legte. Er fühlte sich hart an, unnachgiebig, aber auch nur das passte zu dem jungen Mann über ihm, denn eines hatte er in den drei Wochen mit ihm zusammen gelernt, Marcus war niemand, der bei irgendetwas lange fackelte. Das Bild eines jämmerlich winselnden Christian – einem Mitschüler von Marcus und ihm – stahl sich in seine Gedanken, der vor dem Größeren auf den Knien herumrutschte und regelrecht darum bettelte, dass dieser ihm nicht die Faust ins Gesicht schlagen möge – nicht noch einmal. Es war ein absolut lächerlicher Anblick gewesen, ausgerechnet dieses Großmaul so im Schulhofsdreck zu sehen, aber obwohl er es sich selbst eingebrockt hatte mit seinen Bemerkungen über Marcus‘ angeblich „erschleimte“ gute Note im Mündlichen, war er für Julian fast schon wieder bedauernswert gewesen. Marcus‘ Schlag hatte ihn eben einfach unvorbereitet getroffen. Wer konnte denn auch ahnen, dass der ‚Typ mit dem Ohrring‘ so schnell seine Fäuste fliegen ließ? 
Er atmete leise ein, als er den heftig pochenden Herzschlag unter seinen Fingerkuppen fühlte. Offenbar war er nicht der einzige, den hier die Aufregung gepackt hatte und ein Blick in die Augen des Anderen verstärkte diesen Eindruck noch.
 
„Du ebenfalls“, stellte er deshalb lächelnd fest und kicherte, als Marcus ihn sanft in die Seite zwickte. 
„Du brauchst es mir ja nicht auch noch unter die Nase zu reiben“, tadelte dieser ihn, musste aber auch schmunzeln. „Wo ich mir doch so viel Mühe gebe, es vor dir zu verbergen...“ Er stieß einen überraschten Laut aus, als der Blonde auf diese Worte hin plötzlich die Arme um seinen Nacken schlang und ihn mit seinem Gewicht zu sich herunterzog. Der Junge vergrub das Gesicht zwischen seinem Hals und seiner Schulter und schüttelte langsam den Kopf.
 
„Nein, das will ich nicht“, flüsterte er und jagte dem Dunkelhaarigen damit einen Schauer über den Rücken. „Du sollst nichts vor mir verbergen, das musst du nicht! Ich möchte alles von dir wissen...“, fügte er noch leise hinzu und kuschelte sich dann an ihn. 
Marcus blinzelte verwirrt. Er wusste nicht so recht darauf zu reagieren, nichts anderes, als seine Arme um Julians Körper zu schlingen und ihn festzuhalten. So etwas hatte noch nie jemand zu ihm gesagt, und selbst wenn, er konnte sich nicht vorstellen, dass er es geglaubt hätte. Aber aus Julians Mund klangen diese Worte so aufrichtig und ernst gemeint, dass es selbst ihm die Sprache verschlug.
 
Was sollte er denn jetzt sagen?
 
„Julian, ich...“ Verzweifelt suchte er nach den richtigen Worten. „Ich kann mich nicht so leicht gehen lassen.“ Er lächelte verlegen und strich dem Blonden über das helle Haar. „Ich bin einfach zu sehr Macho, verstehst du?“ Julian hob den Blick und schaute ihn fragend an. Nein, offenbar verstand er nicht...
 
„Na ja“, machte Marcus und kratzte sich am Kopf. „Du weißt schon – dieses typische Männergehabe halt: Harter Kerl, null Gefühle und so. Das ganze Zeug aus den Actionfilmen halt.“ Ein leises, belustigtes Glucksen erklang.
 
„Na dann guck doch einfach ein bisschen weniger Fernsehen, Bruderherz!“ Marcus nickte zustimmend.
 
„Ja, vielleicht sollte ich das wirklich mal in Betracht...“ Er stutzte.
 
„Hey!“ Entgeistert fuhr er herum und starrte seinen jüngeren Bruder an, der im Schneidersitz vor seinem Bett hockte und treuherzig zu ihm hoch sah.
 
„Was machst DU denn hier?“ Julian lugte an ihm vorbei und schnappte heftig nach Luft, als er Chris erkannte. Er griff nach seiner Hose und zog sie hastig über seine Beine, doch der Jüngere winkte gelassen ab.
 
„Na euch zuhören natürlich. Wusste ja vorher gar nicht, dass dein Freund überhaupt da ist. Oh, und falls du nackig bist und dich zudecken willst, Julian, das kannst du dir sparen“, erklärte er großzügig mit der Hand wedelnd und lächelte dann lieb. „Ich bin eh blind.“ Julian klimperte mit den Wimpern und blickte ihn ungläubig an.
 
„Du bist... was?“ „Blind“, antwortete Marcus und setzte sich auf. „Wusstest du das denn nicht?“ Sein blonder Mitschüler schüttelte mit großen Augen den Kopf. „Nein, das höre ich heute zum ersten Mal“, gab er zu und wandte sich wieder an den Schwarzhaarigen. „Warum hast du das denn nicht früher gesagt?“ Chris legte den Kopf schief und zog eine kleine Schnute.
 
„Weil ich gerne normal behandelt werden möchte und nicht wie eine zerbrechliche Porzellanpuppe, die man nicht anfassen und mit der man nicht sprechen darf, weil sie irgendwie anders ist und plötzlich kaputt gehen könnte.“ Marcus langte über den Bettrand und zog dem Kleinen das linke Ohr lang.
 
„Das erklärt aber noch immer nicht, warum du dich heimlich in mein Zimmer schleichst und deinen Bruder und seinen Freund bei ihren Verabredungen belauschst!“ Chris quietschte laut und versuchte, sich an der Hand des Älteren festzuhalten, viel brachte ihm das aber auch nicht.
 
„Aua, ich kann doch nichts dafür, wenn ihr mich nicht hört! Ihr habt so komische Geräusche gemacht und da wollte ich nur mal nachforschen, was das sein könnte. Woher sollte ich denn wissen, dass du dem Julian seine Hose wegnehmen und nicht dabei gestört werden willst?“ Marcus starrte ihn verwirrt an, während Julian herzhaft zu grölen begann.
 
„Seine Hose wegnehmen? Wie kommst du denn auf DIE Idee? “, wollte der Braunhaarige wissen, aber sein Bruder zuckte nur völlig ungerührt seine Schultern. 
„Na ja, du hast doch seinen Reisverschluss aufgezogen, oder nicht? Und da hat er ganz aufgeregt zu atmen angefangen, also dachte ich, du willst ihm die Hose wegnehmen.“ Julian brach in Tränen aus vor Lachen, doch Marcus konnte nur vollkommen baff blinzeln.
 
„Oh Mann“, seufzte er und raufte sich die Haare. „Chris, du bist echt die Härte...“ 

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- Wenn du nicht sagen kannst, wie du fühlst, sag einfach, was du denkst -
Unbekannt

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Kapitel XI – Ein Tässchen Schokolade

Jan-Hendrik Grohs stand mit in den Hosentaschen vergrabenen Händen auf dem Gehweg und betrachtete gedankenverloren das riesige Haus vor ihm. Es war ein freundlich gestaltetes, einladendes Gebäude, mit einem großzügigen Garten, hohen Fenstern und einem etwas verträumten, altmodischen Charme. Efeuranken wanden sich an den Außenwänden hinauf, und die verblühenden Stauden und Ziergewächse hüllten es in einen beständigen Schleier rötlichbrauner und honigfarbener Blätter, auch wenn dieser durch den heftigen Regen heute ein wenig 'tief hing'.
 
Sein erster Besuch hier lag jetzt schon einige Wochen zurück, trotzdem konnte er sich noch gut daran erinnern: Als er das Grundstück das letzte Mal betreten hatte, war seine schöne, in sich zurückgezogene Welt darauf zusammengebrochen. Bei einem Lächeln zerfallen. Wie ein Kartenhaus im Wind.
 
Sie hatte einfach keine Chance gehabt gegen diese strahlend blauen Augen und die weichen, schwarzen Haare, diesen ungewöhnlichen Jungen, dessen Lachen noch immer glockenhell in seinen Ohren lag.
 
Verzweifelt ballte er die Fäuste.
 
Den er in der letzten Zeit ohne mit der Wimper zu zucken und völlig kaltherzig ignoriert hatte, dem er offenbar wehtat, obwohl er es gar nicht wollte - den er nur vor sich selbst zu schützen bedacht war. Noch immer pochte unter der Haut seiner Wange ein leichter Schmerz von dem Schlag, den sein Bruder ihm dafür verpasst hatte, und auch wenn er sehr von dessen Reaktion überrascht gewesen war, so hatte er doch jetzt erstrecht das Gefühl, dass er im Grunde eine härtere Tracht Prügel verdient hatte für die Traurigkeit, die Chris wegen ihm durchmachen musste.
 
Dabei war es gar nicht seine Absicht gewesen, ihn durch Distanz zu verletzen. Im Gegenteil! Eigentlich hatte er sich sogar danach gesehnt, sich noch einmal mit dem Gleichaltrigen zu unterhalten, in seine leicht verschleierten Augen zu schauen. Der verträumte Blick, das glückliche Lächeln, die fröhliche Stimme - es mochte wahr sein, dass Jan das alles nur einen einzigen Tag lang erlebt hatte, dennoch fehlte es ihm.
 
Er konnte doch nichts dafür, dass er einfach nicht mehr in der Lage war, jemandem zu vertrauen...
 
Mit einem Seufzen schloss der Blondschopf die Augen. Es war wirklich hoffnungslos mit ihm! Warum machte er sich etwas vor? Auch wenn er seit besagtem Tag stets versucht hatte, einen großen Bogen um die Wohngegend von Chris Taileen zu machen, unbewusst war er dennoch immer wieder hierher zurückgekehrt. Fast täglich bog er in diese Straße, und jedes Mal hatte er bisher wie jetzt vor dem dunklen Gartentor gestanden und war nach langem Zögern schließlich doch wieder gegangen. Einen Abend hatte er es sogar bis zur Tür geschafft, aber vor der Klingel war er noch umgekehrt.
 
- Gott, wie jämmerlich! -
 
Vermutlich gab er damit genau das Bild ab, das André ihm einst von sich selbst gezeichnet hatte: Er war ein Weichei, ein Dummkopf und Taugenichts und obendrein auch noch ein Feigling. Zu zögerlich, zu unentschlossen... 'zartfühlend', wie der Andere es genannt hatte - gleich, nachdem seine schweren Stiefel ein paar Mal schmerzhaft in Jans "zartfühlender" Magenkuhle gelandet waren. Der verzog die Mundwinkel. Er konnte sich sogar jetzt noch an den Geschmack von Galle und Blut erinnern, der daraufhin seine Mundhöhle ausgefüllt hatte.
 
Absolut widerlich, aber vermutlich eine dieser Erfahrungen, die man im Leben einfach machen musste, um zu wissen, wie gut es einem ohne Prellungen, Blutergüsse und aufgeplatzte Lippen ging... und ohne eine gebrochene Rippe!
 
Der Teufel allein wusste, wie er es damals von der alten Brücke draußen vor der Stadt zurück und bis ins Krankenhaus geschafft hatte, denn geholfen hatte ihm keiner, so wahr nicht!
 
Er schüttelte den Kopf und hob den Blick erneut zu dem geräumigen Bauwerk vor sich. Es war nicht der richtige Zeitpunkt, über vergangene Demütigungen nachzudenken. Heute hatte er etwas vor, etwas Wichtiges, und er beabsichtigte nicht, es wieder zu versieben. Diesmal würde er klingeln, und wenn ihm dabei die Hand abfiel! Er brauchte Klarheit - über sich, über Chris und vor allem darüber, wie es weitergehen sollte.
 
Erneut seufzte der Junge.
 
Er wünschte nur, er wäre tatsächlich so entschlossen, wie er sich selbst einzureden versuchte. Sicher, er hatte sich nicht mit seinem Bruder gestritten und die angenehme Wärme daheim hinter sich gelassen, um eine Weile hier im Regen zu stehen und sich anschließend wieder aus dem Staub zu machen. Aber so richtig dazu durchringen, den ersten Schritt in Richtung Haustür zu machen, konnte er sich auch noch nicht. Irgendwie war ihm, als stünde eine unsichtbare Mauer im Weg, die es ihm schlicht unmöglich machte, sich auch nur einen einzigen Schritt näher an sein Ziel heranzubewegen.
 
Er zuckte erschrocken zusammen, als hinter ihm lautstark eine Autohupe losging. Verwundert drehte er sich um und schaute erstaunt in das Gesicht von Vanessa Taileen, die mit ihrem alten Mercedes am Straßenrand gehalten hatte und ihn jetzt durch die geöffnete Beifahrertür - fast schon zärtlich - anlächelte.
 
"Na", fragte sie sanft. "Was tust du denn hier?"
 
Jan sah kurz zum Haus zurück und wandte sich dann in die Richtung, aus der er gekommen war.
 
"Nichts", gab er gespielt beiläufig zurück. "Nur ein wenig spazieren gehen."
 
Vanessa schmunzelte amüsiert.
 
"Du traust dich wohl nicht, zu klingeln?"
 
Auf seinen entgeisterten Blick hin lachte sie schallend.
 
"Voll ins Schwarze getroffen, was?"
 
Sie versetzte der Tür auf seiner Seite einen Stoß, sodass diese weiter aufschwang und machte eine einladende Kopfbewegung.
 
"Komm, steig ein! Wir fahren in die Stadt. Es gibt da ein tolles neues Café an der katholischen Kirche. Ich gebe dir ein Stück Kuchen aus."
 
Als er sich nicht rührte, lächelte sie wieder.
 
"Na los doch - ich verspreche dir auch, dass ich nicht im Kaffeerausch über dich herfallen werde."
 
Sie zwinkerte ihm verschwörerisch zu, und irgendwie musste Jan ob dessen grinsen. Sie versuchte, ihn zu beruhigen, dabei hatte er im Grunde nicht die geringsten Bedenken, zu ihr in den Wagen zu steigen. Warum sollte er? Auch wenn das arrogant sein mochte, so war die zierliche, zugegeben sehr attraktive Frau doch alles andere als eine Gefahr für ihn. Bei Chris zum Beispiel gestaltete sich die Sache da schon ein wenig schwieriger...
 
Er runzelte die Stirn ob dieser Idee und legte nachdenklich den Kopf zur Seite. Wie war er denn darauf jetzt gerade gekommen? Obwohl Chris nicht unbedingt ein Waschlappen zu sein schien, wirklich gefährlich werden konnte er ihm vermutlich trotzdem nicht. Jan traute sich jedenfalls durchaus zu, ihn im Ernstfall ohne größere Probleme abwehren zu können.
 
Er zog eine Augenbraue hoch.
 
Oder hatte er den Gedanken am Ende unbewusst in eine ganz andere Richtung gemeint?
 
"Hey!"
 
Frau Taileens etwas ungeduldige Stimme riss ihn unvermittelt aus seinen Überlegungen.
 
"Willst du nun mit oder nicht? Ich lade schließlich nicht alle Tage jüngere Männer zu einem Pläuschchen bei einer Tasse Tee ein..."
 
Jan verzog die Mundwinkel, doch dann stieg er in den Wagen und warf die Tür hinter sich zu. Den zusammengeklappten, nassen Schirm positionierte er vor sich im Fußraum.
 
"Sagen Sie so etwas nicht", bat er zerknirscht und machte es sich bequem. "Ich komme mir vor wie ein kleiner Rotzbengel, wenn Sie so reden..."
 
Vanessa lachte wieder, und erneut musste er feststellen, was für ein angenehmes Geräusch das war. Erinnerte ihn an jemand anderen aus der Familie...
 
"Na ja, dazu sage ich jetzt besser nichts", antwortete sie und grinste leicht, dann setzte sie den Blinker und lenkte den Wagen erneut auf die Straße.
 
Fast im selben Moment zuckte Jan wie vom Blitz getroffen zusammen. Als lauere hinter ihm eine unbekannte Gefahr, fuhr er herum und starrte zum Gehweg zurück. Ein Mann in dunkler, unauffälliger Kleidung hatte vor dem Haus der Taileens Halt gemacht und betrachtete es abschätzend, sich mit einer Hand bedächtig das Kinn reibend. Er hatte keinen Regenschirm dabei, zu Jans Verwunderung aber trotz des schlechten Wetters eine Sonnenbrille auf. Der junge Blondschopf konnte ihn nicht mehr genau erkennen, da Vanessa bereits in die nächste Seitenstraße einbog, aber er hätte schwören können, dass er ihn vor einiger Zeit schon einmal an seiner Schule gesehen hatte. An dem Morgen, als er mit Marcus in der großen Halle so heftig aneinander geraten war. Draußen, in der Nähe von Tobias...
 
Er verengte die Augen zu schmalen Schlitzen.
 
Irrte er sich, oder grinste der Typ?
 
Bevor er sich vergewissern konnte, waren sie mit dem Wagen hinter der Hausecke verschwunden. Vanessa warf ihm einen kurzen Blick zu.
 
"Was hast du?", fragte sie. "Ist irgendetwas nicht in Ordnung?"
 
Jan ließ sich langsam zurück in seinen Sitz rutschen und schüttelte zögernd den Kopf.
 
"Nein...", meinte er und schnallte sich endlich an. "Alles okay..."
 
Die Frau neben ihm nickte zufrieden.
 
"Na dann: Auf zu dem neuen Café!"
 
Sie kicherte mädchenhaft und strahlte über das ganze Gesicht.
 
"Wow, ich muss zugeben, dass ich ein bisschen aufgeregt bin - ich hatte schon seit Jahren kein Date mehr! Da fühlt man sich wieder richtig jung!"
 
Sie schaltete einen Gang hoch und beschleunigte das Tempo. Offenbar hatte sie es jetzt tatsächlich ziemlich eilig. Dass Jan bei dem Wort 'Date' tiefrot angelaufen war, bekam sie gar nicht mit.
 
~~o0@0o~~
 
Etwa zwanzig Minuten später saß er bereits mit der Sportärztin an einem etwas abgelegenen Ecktisch des Cafés und wartete auf seinen Stachelbeerkuchen. Vanessa hatte ihnen beiden eine große Tasse heiße Schokolade mit Sahne bestellt und ihm einfach frech seinen Keks dazu
geklaut, aber im Grunde machte ihm das nichts aus, denn er hatte eh keinen richtigen Appetit. Er fühlte sich irgendwie seltsam, mit der brünetten Frau in der Gaststätte zu sitzen und sich von ihr einladen zu lassen, auch wenn sie ihm immer wieder versichert hatte, dass er sich nicht dafür zu schämen brauchte. Sie beabsichtigte schließlich nur, sich mit ihm unterhalten und solange die Beiden wussten, wie ihre Beziehung zueinander war - nämlich nicht vorhanden - konnten die anderen Leute doch davon halten was sie wollten. Trotzdem war ihm ein wenig flau ihm Magen. Er wusste, dass das vollkommen albern war, aber er kam sich irgendwie... käuflich vor.
 
Wie ein Strichjunge.
 
Ein leises Seufzen entrang sich seinen Lippen. Jan konnte sich sehr gut vorstellen, was einige der Gäste von ihnen denken mochten.
 
Mit einer fast Fremden den Nachmittag zu verbringen - seine Mutter würde ihm den Kopf abreißen!
 
Zögernd blickte er sich um. Das Café war zu dieser Zeit recht gut besucht, und die Leute, die hier ihr Kännchen austranken, wirkten entspannt und zufrieden. Eine angenehm ausgeglichene Atmosphäre lag in der Luft, die von der leisen, langsamen Musik im Hintergrund noch zusätzlich unterstrichen wurde. Der gesamte Innenraum war in warmen Gelbtönen gehalten, die immer wieder durchbrochen wurden von einem herbstlichen Weinrot, das im Moment gut zur Jahreszeit passte. Unzählige Pflanzen waren überall aufgestellt worden, dennoch wirkte die Gaststätte mit ihren schmalen Tischen und den bequemen, altmodischen Stühlen nicht überladen. Die beiden weiblichen Bedienungen waren adrett gekleidet, der Boden sauber und gewienert.
 
Ein abendlich gedämmtes Licht lag über allem.
 
Jan musste wirklich zugeben, hier konnte man es eine Weile aushalten.
 
"Also", begann Frau Taileen und legte den kleinen Löffel beiseite, mit dem sie bis eben noch in ihrem Getränk gerührt hatte. "Jetzt mal ehrlich: Du wolltest doch nicht wirklich nur spazieren gehen, als ich dich vor unserem Haus aufgelesen habe, oder?"
 
Jan senkte den Blick und starrte auf die lackierte Tischplatte.
 
"Nein", gab er zu. "Eigentlich nicht..."
 
Vanessa nickte langsam.
 
"Dachte ich es mir doch." Sie schob den Daumen in den Henkel ihrer Tasse und hob diese an ihre Lippen. "Ich habe mich schon länger gefragt, wann du dich endlich mal dazu durchringst, nicht nur bei uns herumzustehen, sondern auch einmal zur Tür zu gehen."
 
Sie lächelte sanft, als der Blondschopf sie daraufhin nur verständnislos anstarrte.
 
"Also Jan...", tadelte sie ihn freundlich und stellte ihre Schokolade zurück auf den Tisch. "Mein jüngster Sohn ist doch nicht der Einzige, der in unserem Haus lebt. Glaubst du, ich sehe dich nicht, wie du bald jeden Tag vor dem dunklen Gartentor stehst und mit dir kämpfst, ob du nicht klingeln solltest?"
 
Der Blonde spürte, wie ihm die Röte ins Gesicht schoss, doch die Frau sprach bereits weiter.
 
"Ich habe sicher nichts dagegen, einen so gutaussehenden kleinen Kerl wie dich bei uns herumlungern zu haben, aber manchmal musste ich mich schon arg beherrschen, um nicht einfach rauszustapfen und dich an der Kapuze ins Haus zu zerren, wenn du doch wieder gegangen bist!"
 
Sie schnaubte einmal ärgerlich und warf in einer schwungvollen Bewegung ihre lange Lockenpracht zurück über die Schultern.
 
"Als wenn es nicht schon schlimm genug wäre, meinen eigenen Bengel so traurig zu sehen! Hast du schon mal in den Spiegel geschaut? Immer, wenn du bei uns bist, wirkst du schrecklich unglücklich... Warum nur gibst du euch keine Chance?"
 
Sie blickte ihn an, als erwarte sie eine Rechtfertigung, doch Jan wusste nicht, was er zu diesen 'Vorwürfen' sagen sollte. War es wirklich so offensichtlich, dass er hin- und hergerissen war zwischen seiner Zuneigung und seinem Misstrauen, der Aufrechterhaltung seines unterkühlten Auftretens? Auch Julian hatte ihm gesagt, dass er in der letzten Zeit einen besorgniserregenden Eindruck erweckte, aber sein Bruder machte sich eh immer einen viel zu großen Kopf um die Dinge und so hatte er ihn nicht ganz ernst genommen.
 
Es stimmte schon - wohl fühlte er sich nicht dabei, jedes Mal zu gehen, ohne den Anderen überhaupt gesehen zu haben. Aber war es so schlimm, dass selbst eher unbeteiligte Dritte ihm seine deprimierte Stimmung so deutlich ansahen?
 
"Jan?"
 
Vanessas ernste Stimme riss ihn aus seinen Gedanken.
 
"Ähm... ja?", fragte er zögernd und erwartete bereits ein Donnerwetter, doch die Frau blieb ruhig.
 
"Könntest du dir vorstellen, mich jetzt zu küssen?"
 
Jan verschluckte sich an der Trinkschokolade, von der er soeben probiert hatte und hustete heftig.
 
"Was?!"
 
Er starrte sein Gegenüber ungläubig an, Frau Taileen jedoch ließ sich nicht beirren.
 
"Antworte", forderte sie. "Ja oder nein?"
 
Er blinzelte ein paar Mal verwirrt und stellte schließlich seine Tasse wieder auf den dafür vorgesehenen Unterteller. Was sollte diese bescheuerte Frage? Ob er sie küssen könnte? Jetzt? Einfach so? Er glaubte nicht, dass...
 
Der Blondschopf runzelte die Stirn. Na ja... wenn er genauer darüber nachdachte, war sie ja durchaus eine attraktive, interessante Frau. Er betrachtete sie etwas näher. Sie hatte ein hübsches Gesicht: Fein geschnittene, schmale Züge, hohe Wangenknochen, große, bernsteinfarbene Augen. Um die vollen Lippen konnte man ein paar Lachfältchen erkennen, doch sie störten ihr Erscheinungsbild keineswegs, sondern verliehen ihm im Gegenteil einen besonderen Charme, Charakter eben. Ihre langen Haare waren gut gepflegt und glänzten seidig im Schein der gedämmten Lampen, die dunklen Locken fielen bis weit über ihre Schultern herab. Sie trug ein modisches, graues Kostüm mit einer weißen Bluse darunter, dessen Schnitt ihre gute Figur betonte, besonders die langen, schwarzbestrumpften Beine.
Obwohl sie mit ihrem umwerfenden Aussehen und der herrlich offenen Art eigentlich der Traum eines jeden Mannes sein musste, war er bisher noch nie auf die Idee gekommen, sich auch nur ansatzweise irgendwelche komischen Szenen mit ihr vorzustellen. Warum auch? Sie
war sowieso schon vergeben und ganz nebenbei auch eine Spur zu alt für ihn.
 
Er musste aber zugeben, dass er an die 'komische Szene' mit Chris im Esszimmer der Taileens da schon häufiger gedacht hatte.
 
Wieder stieg ihm das Blut in den Kopf.
 
"Nein", antwortete er schließlich und ließ sich gegen die Lehne seines Stuhls sinken. "Ich glaube nicht, dass ich das machen würde."
 
Vanessa schmunzelte leicht und lehnte sich auf ihren Unterarm, während sie ihn weiter aufmerksam beobachtete.
 
"Und wie steht es mit Marcus?"
 
Sie zuckte erschrocken zusammen, als Jans Fäuste direkt vor ihrem Körper auf die Tischplatte knallten.
 
"Niemals!!!", rief er aufgebracht und funkelte sie wütend an. "Eher würde ich einem Kamel den Arsch ablecken als DEN zu küssen!"
 
Einige Gäste wandten sich empört von ihnen ab, doch Vanessa lachte nur schallend.
 
"Du liebe Güte", keuchte sie und wischte sich verstohlen eine kleine Träne aus dem linken Augenwinkel. "So was habe ich ja noch nie gehört! Du kannst ihn wirklich nicht besonders gut leiden, was?"
 
Jan zog seine Hände zurück und starrte wütend auf das Stück Kuchen, das eine sichtbar peinlich berührte Bedienung in diesem Moment vor ihm abstellte.
 
"Ich hasse ihn!", schnaubte er. "Seit wir uns das erste Mal gesehen haben, führt er sich wie ein A..." Er beherrschte sich im letzten Moment, bevor er wieder dieses schmutzige Wort in den Mund nahm. "...wie ein Idiot auf!"
 
Frau Taileen lächelte nachsichtig und gab der Bedienung das Geld, bevor sie sich wieder an ihren hitzköpfigen Begleiter wandte.
 
"Ich verstehe, dass er dir nicht sympathisch ist", sagte sie und ihr Lächeln vertiefte sich noch, als sie seine Überraschung ob dieser Äußerung sah. "Marcus ist manchmal ein bisschen schwierig. Er hat sich nie besonders viel Mühe gegeben, mit jedermann gut Freund zu sein und wenn er mal wieder mit seinem blöden Machogehabe anfängt, würde ich ihm am liebsten die Ohren lang ziehen."
 
Sie nahm einen ausgiebigen Schluck von ihrer Schokolade und leckte sich anschließend wie ein kleines Mädchen grinsend über die Lippen.
 
"Aber du kannst mir ruhig glauben, wenn ich dir sage, dass man auch eine Menge Spaß mit ihm haben kann. Außerdem", fügte sie hinzu und griff nach ihrer Kuchengabel. "Ist er ein sehr ehrlicher, zuverlässiger Mensch und überaus liebevoll. Ich bin sicher, dass ihr euch im Grunde sogar ganz gut verstehen würdet."
 
Sie zwinkerte ihm zu.
 
"Ich denke, ihr seid euch ziemlich ähnlich."
 
Jan knurrte leise, sparte sich aber eine Antwort. Er fand überhaupt nicht, dass sie sich ähnlich waren, doch jetzt mit der Frau darüber zu diskutieren, würde ihm am Ende vielleicht noch zeigen, dass sie womöglich doch mehr gemeinsam hatten, als ihm lieb war, also verzichtete er darauf. Stattdessen widmete er sich ebenfalls seinem Anteil Stachelbeerbaiser.
 
"Hm, kann sein..."
 
Frau Taileen lächelte wieder und sah dem blonden Jungen dabei zu, wie er sich missmutig das erste Stück Kuchen in den Mund stopfte.
 
"Ich bin vollkommen davon überzeugt." Sie senkte den Blick auf ihren eigenen Teller und versuchte, bei ihrem nächsten Satz möglichst beiläufig zu klingen.
 
"Und...", machte sie gedehnt. "Was wäre, wenn du Chris küssen könntest?"
 
Jan hielt mitten in der Bewegung inne und sah sie über seine Gabel hinweg an. Sie bemühte sich, seinen undeutbaren Blick zu erwidern, auch wenn es ihr zu ihrem eigenen Erstaunen schwer fiel, den klaren, durchdringenden Augen des Anderen Stand zu halten. Schließlich senkte er die Hand auf den Tisch und lehnte sich erneut gegen seinen Stuhl.
 
"War es das, was Sie mir die ganze Zeit klar machen wollten?", fragte er und es war deutlich herauszuhören, dass er sich über sie geärgert hatte. "Dass ich bei Ihnen und Marcus nein sagen würde, bei Chris aber nicht?"
 
Vanessa seufzte tief. Ihr Mann hatte sie immer davor gewarnt, sich in anderer Leute Angelegenheiten zu mischen, leider konnte sie es einfach nicht lassen. Diesmal war sie es offenbar falsch angegangen.
 
"Ja, um ehrlich zu sein, war genau das meine Absicht", gab sie offen zu und schaute ihn weiter an. "Deinem Tonfall entnehme ich, dass du darüber nicht gerade erfreut bist?"
 
Die Antwort kam prompt.
 
"Ich finde es link!"
 
Frau Taileen schnappte nach Luft und beugte sich wütend über den Tisch.
 
"Also hör mal!", beschwerte sie sich. "Ist es dann nicht genauso link, meinen Sohn drei Wochen lang wie auf heißen Kohlen sitzen und auf dich warten zu lassen, ohne Nachricht von dir und ohne zu wissen, was er falsch gemacht hat?"
 
Jan starrte sie überrascht an.
 
"Falsch gemacht? Aber es liegt doch nicht an ihm!"
 
"Und?", fiel sie dem Jungen ins Wort. "Weiß er das vielleicht? Hast du ihm das gesagt? Nein - du stehst nur jeden Tag vor unserer Haustür und läufst vor dir selbst davon, aber an Chris denkst du dabei keine Minute!"
 
"Das ist nicht wahr!"
 
Jan ballte die Fäuste und blickte auf seinen Teller.
 
"Das stimmt nicht", wiederholte er und hatte sichtlich Mühe, sich zu beherrschen. "Glauben Sie vielleicht, ich WILL ihm weh tun? Genau das Gegenteil ist der Fall! Alles was ich will ist, dass er einen Freund findet, auf den er sich auch verlassen kann. Denken Sie nicht, es fiele mir leicht, ihm aus dem Weg zu gehen!"
 
"Aber warum tust du es dann?" Vanessa war nahe der Verzweiflung. Was musste dieser Junge nur durchgemacht haben, dass er sich wie ein Wahnsinniger dagegen wehrte, mit Chris eine Freundschaft einzugehen?
 
"Weil es für uns beide besser ist! Chris kommt aus einer heilen Familie, er hat einen gutmütigen Vater und eine liebevolle Mutter, die sich um ihn sorgen und sich um ihn kümmern. Alles, was meine Eltern mir je gegeben haben, war das Ende ihres Ledergürtels auf meinem Körper."
 
Vanessa holte erschrocken Luft, doch Jan fuhr bereits fort.
 
"Er würde das nicht verstehen! Solche Menschen kennt er doch gar nicht! Und ich? Was habe ich ihm schon zu bieten? Meine Schulnoten sind unterer Durchschnitt, meine Launen unerträglich und außerdem bin ich ein Feigling! Das haben Sie ja wohl selbst gerade festgestellt, nicht wahr? Ein Feigling und ein Egoist..."
 
Seine letzten Worte hatten immer bitterer geklungen, und Frau Taileen fragte sich, ob er selbst dieser Ansicht war oder ob er es sich nur schon sehr lange Zeit so einredete.
 
"Sie haben ja keine Ahnung von meinem Leben. Ich will keine Freunde und ich will auch kein Mitleid. Ich brauche das nicht! Ich will einfach nur in Ruhe gelassen werden, sonst nichts..."
 
Auch wenn Vanessa in diesem Moment wusste, dass sie damit vielleicht endgültig alles zerstörte, was sie bisher bei dem Jungen erreicht hatte, sie konnte einfach nicht mehr anders. Ohne ein weiteres Wort ging sie vor dem Blondschopf in die Knie und zog ihn zärtlich in ihre Arme. Jan schnappte nach Atem und wollte sie von sich schieben, doch sie hielt ihn weiter fest, sodass er seine Gegenwehr schließlich aufgab und sich die Nähe widerspruchslos gefallen ließ.
 
"Was bist du nur für ein verbittertes kleines Kerlchen, dass du dich so von der Außenwelt abschottest...", flüsterte sie und strich ihm sanft über das weiche Haar, die irritierten Blicke der anderen Gäste vollständig ignorierend. Fast hätte sie ihn nicht verstanden, als er leise fragte: "...sind Sie schon mal gegen ihren Willen irgendwo... berührt worden?"
 
Vanessa löste sich von ihm und blickte ihn traurig an. Sie konnte kaum noch sprechen, so einen großen Kloß hatte sie im Hals. Ihre Stimme war nicht mehr als ein Hauch.
 
Langsam schüttelte sie den Kopf. "Nein..."
 
Jan betrachtete den Spitzenbesatz ihrer Bluse und schaute ihr dann direkt in die Augen.
 
"Ich habe noch nie mit jemandem darüber gesprochen", gestand er zögernd. "Wollen Sie die Geschichte hören?"
 
Frau Taileen nickte zustimmend.
 
"Gerne, Jan, aber lass uns dafür lieber woanders hingehen."
 
Sie nahm den nun etwas verstört wirkenden Jungen bei den Händen und führte ihn mit sich nach draußen. Dann setzen sie sich in den Wagen und fuhren los, auch wenn Vanessa noch nicht wusste, wohin sie sich und den Blondschopf bringen sollte. Sie konnte noch gar nicht fassen, was sie bis eben schon gehört hatte, aber ihr war auch klar, dass es gerade mal die Spitze des Eisberges gewesen sein musste.
 
Und sie wusste, sie würde Recht behalten, als Jan zu erzählen begann.


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- Ein Mann, mit dem du ein Verhältnis hast, spricht dir gegenüber lobend von einer Frau, die er früher gekannt hat.
Sein Erlebnis gehört zwar der Vergangenheit an, aber es ist dadurch für dich nicht weniger unangenehm und peinlich. – Sei Shônagon (zweite Hälfte des 10. Jahrhunderts),
Hofdame der japanischen Kaiserin, entlehnt aus ihrem "Kopfkissenbuch"

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Kapitel XII
 
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Intermezzo I: Eine alte Geschichte

Erklärung: Die "//" am Anfang und Ende des Textes kennzeichnen in diesem Fall, dass es sich um die Vergangenheit handelt, also um Ereignisse, die vor dem Zeitpunkt der eigentlichen Handlung dieser Story abgelaufen sind.


//Jan-Henning Grohs stand mit hochgezogenen Augenbrauen und zusammengepressten Lippen vor der Kochnische seiner Arbeitsgruppe und wusste nicht so recht, was er jetzt mit sich anfangen sollte. Wie jeden Dienstagnachmittag hatten die Schüler seiner Altersstufe bei einem der dafür ausgebildeten Lehrer Unterricht in Haushaltskunde, aber dass es ihn dabei ausgerechnet in die Schulküche verschlug, war wirklich ungerecht. Es gab so viele Möglichkeiten, diese Stunden hinter sich zu bringen, und wenn es mit den verdammten Näharbeiten gewesen wäre, bei denen er sich immer so schrecklich lächerlich vorkam. Aber er und kochen?
Seine Lehrerin musste suizidgefährdet sein...
Sicher, der Blondschopf hielt nicht zum ersten Mal in seinem Leben ein Küchenmesser in der Hand, aber mehr als ein paar Dutzend Anwendungen hatte er damit auch nicht gerade hinter sich, und entsprechend ,gut' waren seine Fähigkeiten bei Gemüseschnippeln und Co.. Wenn er sich morgens während des Broteschmierens nicht schon die Finger absäbelte, war er eigentlich immer ganz zufrieden, und obwohl er nie geglaubt hätte, dass er das mal sagen würde: Er beneidete fast ein bisschen die armen Schweine, welche die Sauerei, die er und die anderen hier hinterlassen würden, nach dem Essen wieder aufräumen ,durften'...
Jan seufzte tief. Er zog seine Mundwinkel nach unten und betrachtete misstrauisch das grüne Etwas, welches auf dem kleinen Plastikbrettchen vor seinem Körper brav auf die Hinrichtung wartete.
Wenn er doch wenigstens hätte sicher sein können, dass es überhaupt Gemüse war, was er da schneiden sollte: Feste, grüne Schale, eine Ei ähnliche Form und ein feiner, merkwürdig fremd anmutender Geruch. Etwas Ähnliches hatte er noch nicht einmal im Supermarkt gesehen, woher sollte er also wissen, wie er den verfluchten Kram zubereiten musste? Sollte man das Teil nun vierteln oder würfeln? Oder klein hacken? Es in Streifen zu schneiden wäre auch noch eine Variante gewesen. Und ob man die dicke Schale dran ließ oder nicht, hatte ihm auch kein Mensch gesagt. Vielleicht musste man dieses Ding ja auch erstmal über 'ne Reibe ziehen?
"Blödes Teil", murmelte er leise. Er stupste es kurz mit der Messerspitze an.
Warum blieben solche Arbeiten nur immer an ihm hängen?
"Hey, Jan!"
Die Stimme eines Mitschülers aus seiner Parallelklasse riss ihn aus den Gedanken.
"Trödel nicht so mit der Avocado rum, verdammt! Fang endlich an - ich will nicht erst morgen essen."
Jan blinzelte leicht und spürte, wie er ein wenig rot wurde. Dann schnaubte er kurz.
"Ist ja gut", gab er zurück und fasste die Klinge in seiner Hand etwas fester. "Kümmere du dich lieber um das Fleisch."
Der Junge nickte zustimmend, und schon war er wieder zum Kühlschrank verschwunden. Jan runzelte die Stirn. Abermals heftete sich sein Blick auf das Gemüse. Also schön - wenn sie wollten, dass er dieses Biest hier bezwang, dann würde er es tun, aber es sollte sich hinterher bloß keiner bei ihm beschweren, wenn er es gründlich verbockte!
Er zuckte erschrocken zusammen, als von irgendwoher unerwartet eine dicke Zwiebel auf seine Arbeitsplatte geflogen kam. Mit einem lauten ,Donk' traf sie sein Brettchen und stürzte anschließend auf den Küchenboden, wo sie kreiselnd davon kullerte. Verwirrt schaute er ihr einen Moment lang nach und sah sich dann um.
Im Arbeitsbereich für die Schüler gab es vier gleichgroße Kochnischen und dahinter einen Abschnitt, der ausschließlich dem Lehrer vorbehalten war. Jede dieser Nischen gehörte einer bestimmten Gruppe, die aus allen Anwesenden vor dem Unterricht immer wieder neu per Los zusammengewürfelt wurde. In seiner eigenen Gemeinschaft waren heute nur vier Schüler, die anderen zählten jeweils fünf. Unter der Masse dieser Leute, die alle damit beschäftigt schienen, ihre jeweiligen Gerichte vorzubereiten, musste einer der ,Spaßvogel' sein, der ihn eben mit dieser Zwiebel beworfen hatte. Nur welcher?
Suchend glitt Jans Blick über die zahlreichen Gesichter. Keiner der anderen Jungen zeigte so richtig Interesse an ihm. Nicht mal die Schüler aus seiner eigenen Klasse hatten den ,Flugangriff' bemerkt. Schließlich entdeckte er einen hoch gewachsenen Mitschüler, der doch zu ihm herüber sah.
Ein völlig Unbekannter, wie er sofort feststellte.
Der Fremde hatte halblange, tiefschwarze Wuschelhaare, die ihm in wilden Strähnen bis weit über die Stirn fielen und wie ein dämmeriger Schatten das markante Gesicht umrahmten. Seine Augen waren von einem nächtlichen Blau und damit fast so dunkel wie die Mähne auf seinem Kopf, aber sie hatten etwas überraschend Warmes, Unergründliches, das sich leicht in den schimmernden Iriden spiegelte, während diese abschätzend Jans Gestalt erkundeten.
Außerdem lächelte der Junge leicht. Er trug keine auffällige Kleidung, dennoch schien er sich mit seinem lässig aufgeknöpften Hemd, dem Shirt, das er darunter anhatte und der einfachen Jeans an seinem Unterkörper irgendwie von den anderen Schülern abzuheben. Seine breite Schulterpartie konnte leicht darüber hinwegtäuschen, dass er genauso wie Jan erst fünfzehn Jahre alt sein musste, ebenso der gut ausgeprägte Brustkorb. Da er die Ärmel bis zu den Ellenbogen hochgekrempelt hatte, war es dem Blondschopf auch möglich, die kräftigen Unterarme zu begutachten, und sie ließen ihn keinen Moment daran zweifeln, dass in den dazugehörigen Oberarmen ebenfalls eine nicht zu verachtende Stärke steckte.

Hätte er es nicht besser gewusst, Jan hätte ihn glatt für einen Volljährigen gehalten.

Aber wer zum Henker war der Kerl? Er hatte ihn an seiner Schule noch nie zuvor gesehen, obwohl er - zumindest aus seinem Jahrgang - eigentlich fast alle Schüler kannte. War er kürzlich erst neu an ihre Schule gekommen oder hatte er ihn vorher nur einfach nicht bemerkt? Aber das konnte er sich gar nicht vorstellen. Der Typ hatte ja fast schon Modelqualitäten, und der sollte total in der Menge untergegangen sein? Nein, er wäre ihm sicher längst aufgefallen.
Jan errötete leicht. Ein bisschen schämte er sich dafür, dass er einen anderen Mitschüler als so überaus attraktiv empfand, noch dazu einen Kerl. Aber es war nun mal so: Wie man es auch drehte und wendete, der liebe Gott hatte diesem Jungen ein verdammt gutes Aussehen für sein Alter geschenkt - oder ihn mehrfach an der neunten Klasse scheitern lassen, das war natürlich auch noch eine Möglichkeit... Vielleicht war er doch schon achtzehn?
Jan wusste, dass er sein Gegenüber anstarrte, aber irgendwie konnte er nicht anders. Die vollen Lippen des Fremden waren noch immer zu einem freundlichen Lächeln verzogen, auch wenn inzwischen ein Anflug von Belustigung auf ihnen lag. Er legte die große Zwiebel, die er wohl schon für einen zweiten Wurf in die Hand genommen hatte, beiseite und hielt stattdessen etwas Anderes hoch. Jan sog erstaunt die Luft ein.
Eine Avocado!
Der Blondschopf blinzelte verwirrt. Er senkte den Blick kurz hinab auf sein Brettchen und hob ihn dann wieder, um den Jungen fragend anzublicken. Dieser grinste amüsiert, nahm ein Messer in die Hand und fing schließlich an, die tiefgrüne Frucht in lange, schmale Scheiben zu schneiden. Jan schien er dabei völlig zu ignorieren, aber obwohl man ihm deutlich anmerkte, dass er sehr geübt mit der Klinge war, ließ er sich Zeit und teilte die Avocado ganz entspannt und sehr sorgfältig Spalte für Spalte auf. Als er damit fertig war, schob er sein Brett an die Seite seiner Kochnische, wo der Blonde es besonders gut sehen konnte. Dann wandte er sich ab und widmete sich einer anderen Tätigkeit.
Jan starrte ihm verblüfft hinterher. Was war denn das gerade? Hatte der Typ ihm eben einen Schnellkurs im Avocado-Schneiden gegeben?
Noch einmal betrachtete er die bereits zur Verarbeitung fertige Frucht. Tja, es sah ganz danach aus...
Er schaute auf sein eigenes Brettchen herab, und plötzlich musste er lächeln.
"Na gut, du grünes Ei", meinte er und setzte sein Messer an die dunkle Schale. "Mach dich auf dein Ende gefasst - ab jetzt gibt es keine Gnade mehr!"
Ein zweiter Mitschüler stieß ihn freundschaftlich in die Rippen. "Was faselst du denn da?", murrte er. "Wir anderen sind schon halb am Essen und du hast noch nicht mal den ersten Schnitt gemacht. Alles was recht ist, Jan, aber beim Kochen bist du wirklich eine Niete."
Dieser streckte ihm die Zunge heraus und drehte sich von ihm weg.
"Und wenn schon", antwortete er und grinste über das ganze Gesicht. "Wenigstens kann ich jetzt Avocado schneiden."

 ~~o0@0o~~

Nach dem Unterricht hockte Jan noch in der Pausenhalle und wartete auf seinen großen Bruder. Dieser hätte eigentlich zur selben Zeit Schulschluss haben sollen wie er, aber aus irgendeinem Grund war Julian bisher noch nicht aufgetaucht. Schon eine Viertelstunde saß der Blonde nun auf der kalten Bank und harrte dort aus, doch allmählich fragte er sich, ob der Ältere ihre Verabredung nicht vielleicht vergessen hatte und schon mit jemand anderem vorgegangen war. Er hing sowieso immer mit seinem Kopf in den Wolken, gewundert hätte es Jan also nicht. Auch wenn es ihm dadurch natürlich nicht minder missfiel.
Was flatterte bei seinem Bruder nur immer in der Birne herum, dass er ständig ihre Treffen verschwitzte? Diesem Kerl war wirklich nicht mehr zu helfen.
Jan seufzte leise und zog ein Knie an seine Brust, bevor er gelangweilt sein Kinn darauf abstützte. Wenn er doch wenigstens nicht allein hätte warten müssen. Sein bester Kumpel Mark war heute zum Geburtstag bei seinen Großeltern geladen und hatte leider ablehnen müssen, noch ein bisschen bei ihm zu bleiben - auch wenn er ihm mehrfach versichert hatte, dass er lieber drei Stunden in der Pausenhalle saß als auch nur zwei Minuten mit all den Kaffeetanten am Tisch. Dennoch half das Jan im Moment nur mäßig weiter, denn der Gedanke an einem Freund neben sich war eben nicht so gut, wie wirklich einen Klassenkameraden zum Reden zu haben.
Er musste kurz an den Neuling denken und schüttelte seinen Kopf. Nein, der war mit Sicherheit nicht mehr hier. Nach der Kochstunde hatte er es dermaßen eilig gehabt, aus dem stickigen Raum heraus zu kommen, dass es Jan nicht einmal möglich gewesen war, sich vernünftig bei ihm zu bedanken. Er hatte ihm zwar hinterher gerufen, dass seine Lektion sehr hilfreich gewesen war, aber er glaubte nicht, dass der Andere das noch gehört hatte.
Wo er wohl so unheimlich schnell hingelaufen war? Jan wusste nicht einen Ort auf dem Schulgelände, für den es sich lohnen würde, sich mit dem dorthin kommen zu beeilen. Alles war irgendwie öde und trist. Ein einziger, hässlicher Betonklotz. Und ob man nun an der einen grauen Ecke davon stand oder an einer anderen, das machte eigentlich keinen besonders großen Unterschied.
Aber ihm konnte das ja auch egal sein. Tatsache war, dass er sich immer noch langweilte, und allmählich hatte er genug davon. Wenn Julian jetzt doch noch kam, musste er eben allein nach Hause gehen, basta. Jan war schließlich kein Hund, der brav Platz machte und tapfer liegen blieb, auch wenn man ihn eine ganze Woche auf sich warten ließ. Ihm knurrte schon seit geraumer Weile der Magen, und langsam aber sicher nahm das Hungergefühl wirklich überhand. Also schnappte er sich seine braune Ledertasche und stand schließlich auf.
Er wollte sich gerade zum Gehen wenden, als ihm siedend heiß etwas einfiel. Abrupt drehte er sich um und suchte die Bank hinter sich mit Blicken ab, doch außer ihm war nichts darauf gewesen. Nur eine leere Sitzfläche.
"Shit!", fluchte er leise und warf sich seine Tasche über die Schulter, bevor er eilig zum Treppenhaus rannte. Immer zwei Stufen auf einmal nehmend, hastete er in den dritten Stock und anschließend über die schier endlos langen Flure. Er riss die Tür zu seinem Klassenzimmer auf und lief sofort zu seinem Platz, aber wie es schien, kam er schon zu spät. Er hatte seinen Anorak noch holen wollen, aber statt der Jacke lag nur ein kleiner, verschmierter Zettel auf seinem Stuhl. Der Junge hob ihn auf und las sich schwer atmend die eilig dahingeklierte Notiz durch.
,Trantüten wie du finden ihre Sachen auf dem Schulhof wieder', stand dort in kleinen, unleserlichen Lettern, und darunter: ,Wenn sie sie finden.'
Der Blondschopf blickte aus dem Fenster nach draußen. Es hatte inzwischen zu regnen begonnen, und die Autos, die auf den Straßen vorüber fuhren, spritzten mit ihren Reifen Schlamm und Wasser auf den Gehweg. Zahllose rot und braun gefärbte Blätter wirbelten vor den Scheiben herum, und der Wind heulte schauerlich, während er scharf um das Gebäude fegte. Von den Gängen her drang ein kalter Luftzug an seine Haut, und in der Ferne grollte es leise. Ein heftiger Blitz zuckte über die tiefgraue Wolkendecke.
Jans Mine verfinsterte sich. Er zerknüllte das Papier in seiner Hand und steckte es sich in den Mund, bevor er es in einem Stück herunter schluckte und sich wieder auf den Weg in die Pausenhalle machte.
,Bastarde', dachte er nur und griff nach seiner Tasche. ,Ich werde nicht nur meine Sachen, sondern auch euch ausfindig machen, verlasst euch drauf! Und dann schicke ich auch so eine Nachricht an eure Verwandten: Ihren Sohn finden sie auf dem Schulhof wieder - und zwischen den Fahrradständern, den Sportgeräten und, falls sie auch den Kopf haben wollen, in einem der Müllcontainer!'
Er raufte sich seine Haare und verwuschelte sie so total, aber im Moment war ihm das herzlich schnuppe. Wie sollte er bei diesem Mistwetter - und auf dem riesigen Gelände! - nur einen dunkelgrünen Anorak aufspüren? Mitten im Herbst! Das war doch praktisch unmöglich!

Düstere Farben hatten ja quasi Merkmalsstatus in dieser Jahreszeit, und zwischen den dichten, braunen Sträuchern brauchte er gar nicht zu suchen anfangen. Das Ding konnte überall sein. Und seine Mutter würde ihn umbringen, wenn er ohne es nach Hause kam. Sie hatte ihm das Kleidungsstück vor knapp drei Wochen erst gekauft, und so wie er seine Eltern einschätzte, ließen sie ihn eher den ganzen Winter durch ,Jackenlos' herumlaufen, als Geld für eine zweite auszugeben. Schön, sie mussten sparen, das sah er auch ein. Jan verspürte aber genauso wenig Lust dazu, sich von Oktober bis Mai den Hintern abzufrieren, also schwang er selbigen wohl lieber langsam mal nach draußen.
Es half ja alles nichts: Er konnte nicht nach Hause gehen, bevor er das Ding gefunden hatte. Punkt.

"Na großartig." Er stapfte durch die Pausenhalle und dort in Richtung Ausgang. "Soviel dann zum Thema Hunger. So ein Mist!"
Er stolperte erschrocken zurück, als plötzlich die Tür vor ihm aufgerissen wurde und ein großer, schwarzhaariger Schüler hindurch gerannt kam, haarscharf an Jans Körper vorbei sprintete. Bevor dieser überhaupt wusste, wie ihm so richtig geschah, wurde er auch schon von dem Anderen herumgerissen und sofort als Schutzschild missbraucht.
"Gib mir Deckung", rief der Fremde grinsend, während er sich haltsuchend an Jan festklammerte. "Mein Bruder will mich umbringen!"
Der Blonde blinzelte verwirrt. Er brauchte eine ganze Weile, ehe er begriff, dass es der Junge aus dem Kochunterricht war. "Wie bitte? Was ist los?", fragte er verwirrt, etwas überfordert von der unerwarteten Wendung der Ereignisse.
Da schwang die Tür aber schon ein zweites Mal auf und ein weiterer Junge, bereits mehr Mann als Jugendlicher, warf sich schwungvoll hindurch. Er stolperte nach vorn, sah das ,Objekt' seiner Jagd in greifbarer Nähe und langte nach dem Geländer der Treppe, an deren oberem Ende Jan und sein ,Schützling' standen. Er setzte den linken Fuß auf die erste Stufe und blickte zu ihnen hoch, das Gesicht rot vor Zorn.
"Du kleine Filslaus", knurrte er und fuhr sich über das Kinn. "Gib mir sofort mein Sandwich zurück, oder ich mache dich kalt!"
"Siehst du?", meinte der Jüngere der beiden und warf seinem Bruder amüsierte Blicke zu. "Ich hab's dir ja gesagt: Übelste Morddrohungen."
Der Neuankömmling knirschte mit den Zähnen.
"Ich warne dich, André - ich habe seit heute Morgen nichts mehr gegessen und ich kann sehr unleidlich werden, wenn ich richtig Kohldampf habe. Also gib mein Essen wieder her, das ist gesünder für uns beide!"
Jan las aus dem ärgerlichen Minenspiel des Älteren und seiner angespannten Haltung, dass er seine Worte durchaus ernst meinte, André jedoch schien wenig davon beeindruckt zu sein. Er schüttelte seinen Kopf und wedelte mit seiner Beute in der Luft herum. "Nein", gab er zurück und streckte seine Zunge heraus. "Du hast gesagt, du holst mich ab, und trotzdem musste ich fast dreißig Minuten in diesem Scheißladen auf dich warten. Wenn du nicht pünktlich kommen kannst, bist du selber Schuld. Es ist nur fair, wenn du als Ausgleich auch ein wenig leidest." Dann hob er das Sandwich und biss kräftig hinein.
Jan konnte gar nicht so schnell nach Luft schnappen, wie der Größere die Stufen hinauf geschossen kam. Mit zwei Schritten war er am Treppenabsatz, während eines weiteren versuchte er, seinen Bruder am Hemdkragen zu packen. Dieser hatte jedoch aufgepasst und schubste stattdessen den Blonden nach vorne, sodass er gegen den Anderen prallte und ihn einige wertvolle Sekunden lang aufhielt.
André fuhr herum und rannte durch die lange Halle, dicht gefolgt von seinem mehr als wütenden Familienmitglied. Noch immer schwenkte er lachend das belegte Brot in seiner Hand, doch seinem Bruder schien endgültig der Geduldsfaden gerissen zu sein. Als André sich schon wieder auf dem Rückweg befand, griff er in seine Hosentasche und zog eine gefüllte Coladose daraus hervor. Dann holte er aus und schmiss sie dem Jüngeren hinterher.

Jan registrierte noch, dass André dem Wurfgeschoss durch eine Drehung seines Oberkörpers auswich. Was er zu spät erkannte war, dass er selbst sich genau in der Linie von dessen Flugbahn befand. Ein dumpfes Geräusch ertönte, und direkt darauf ein heftiger Schmerzenslaut, der sich ohne seinen Willen von Jans vollen Lippen gelöst hatte. Dieser spürte, dass irgendetwas ihn aus dem Gleichgewicht riss, aber er konnte nicht mehr rechtzeitig reagieren: Mit einem Aufstöhnen taumelte er zur Seite, bevor er in die Knie brach und einfach nach vorne kippte.

Er schlug auf dem harten Boden auf und blieb benommen darauf liegen. Dann wurde ihm schwarz vor Augen, und plötzlich schien alles still...

~~o0@0o~~

Als Jan erwachte, war es bereits dunkel draußen, und er lag in seinem eigenen, schmalen Bett. Jemand hatte ihm ein kühles Tuch auf die Stirn gelegt und ihn bis zu den Schultern in eine weiche Decke gehüllt - Julian, wie er annahm, denn seine Eltern würden ihn nicht mal im Sterben liegend so warm umsorgen. Mit einem leisen Stöhnen und einem scharfen Ziehen in den Schläfen setzte er sich auf und nahm dabei den Stoff von seinem Kopf, den er achtlos auf seinen Nachttisch warf. Er blickte sich um und runzelte verwirrt seine Stirn. Seine letzte Erinnerung zeigte ihm die Fußbodenfliesen der Pausenhalle. Wie um alles in der Welt war er bewusstlos nach Hause gekommen?
In dem Moment ging die Tür auf und sein Bruder kam herein. Auf einem schmalen Tablett trug er ein paar Sandwiches und Orangenbrause vor sich her.

"Ah, du bist aufgewacht", sagte er und wirkte sichtlich erleichtert. "Ich dachte schon, du würdest bis morgen früh durchschlafen." Er reichte ihm das Getränk und setzte sich zu ihm auf die Bettkante. "Hier, ich habe dir eine kleine Stärkung mitgebracht." Mit einem mitleidigen Lächeln betrachtete er das Gesicht des Anderen. "Eine ganz schöne Delle hast du da auf deiner Stirn", meinte er. "Tut es sehr weh?"

Jan befühlte seinen Schädel und zuckte zusammen, als er die große Beule dabei berührte. Dass eine einfache Coladose ihn so leicht außer Gefecht setzen konnte, war ihm maßlos peinlich, und ein wenig wunderte es ihn auch. Solche Schmerzen wegen eines bisschen Aluminiums... Dennoch schüttelte er den Kopf. "Nein, es geht", murmelte er. Dann blickte er dem Älteren in die Augen. "Was ist denn noch passiert?"

Julian nahm sich eines von den belegen Broten und drückte seinem Bruder ein zweites in die Hand. "Na ja", meinte er gedehnt, bevor er herzhaft in sein Essen biss. "Ich schätze, du bist bei einer Rauferei K.O. gegangen. Jedenfalls war es das, was mir die beiden Typen erzählt haben, die vorhin mit dir im Arm vor unserer Haustür standen." Er kratzte sich am Kinn. "Ich war ehrlich überrascht. Das ist das erste Mal, dass du eine Schlägerei verloren hast..."

Jan errötete leicht. "Ich hab mich nicht geschlagen", protestierte er. "Die beiden Blödis hatten den Stress miteinander. Ich war nur zufälliger Beobachter."

Julian grinste amüsiert. "Dafür hast du aber ein mächtiges Horn davon getragen", frotzelte er und wurde dann wieder ernst. "Unsere Mutter glaubt jedenfalls, dass man sie morgen zum Schulleiter zitieren wird. Sie ist tierisch sauer auf dich. Und deine Jacke ist auch verschwunden. Hast du sie in der Schule vergessen?"

Jan verdrehte die Augen. "Ich hab nichts getan, verdammt, also warum sollte man sie in die Schule bestellen?" Er kaute einen Moment lang auf seinem Sandwich herum. "Und die Jacke haben irgendwelche Klappsköppe heute Nachmittag vor mir versteckt. Ich wollte sie eigentlich gerade suchen gehen, als das mit der Dose passierte. Aber wahrscheinlich kann ich das bis morgen eh vergessen", fügte er mürrisch hinzu. "Bei dem Wind draußen ist das Ding wahrscheinlich schon auf halbem Weg nach Mexiko..."

Julian nickte langsam. "Könnte sein..." Eine Weile lang betrachtete er einfach schweigend Jans Profil. Dann legte er sein Brot beiseite und erhob sich. "Ich werde mit ihr reden und versuchen, es ihr schonend beizubringen", erklärte er. "Aber wenn du Pech hast, musst du den Rest des Jahres eine deiner alten Jacken tragen."

"Pech?", fragte Jan und lachte spöttisch auf. "Wenn ich nicht ohne herumlaufen muss, kann ich doch wahrscheinlich noch von Glück reden." Er lächelte seinen Bruder dankbar an. "Aber es ist nett, dass du mir den Henkersmarsch ersparst."

Julian schmunzelte leicht und winkte lässig ab. "Na ja, ich bin immerhin der Ältere von uns beiden und habe mit unserer Mutter mehr Erfahrung als du", meinte er. "Wenn sie rumschreit und dir keine zweite kauft, nimmst du einfach meine neue Jacke. Mir passt auch noch die vom letzten Jahr." Anschließend drehte er sich um und verließ Jans Zimmer.

Dieser schaute ihm lange nach. Die restliche Verwandtschaft hin oder her - mit Julian hatte er einen echten Glücksgriff getan, das wurde ihm in diesem Augenblick wieder deutlich bewusst. Auch, wenn er hoffnungslos romantisch und mit seinen Gedanken immer woanders war. Wenn es um den brüderlichen Zusammenhalt ging, konnte ihm niemand etwas vormachen.

Irgendwie ein beruhigendes Gefühl. Vielleicht waren große Brüder doch nicht so übel. Obwohl man ja das Taschengeld mit ihnen teilen musste...

Als Jan die lauten Stimmen seiner Eltern aus dem Wohnzimmer hörte, verwarf er seine Gedanken und begann hastig, die übrigen Sandwiches herunter zu schlingen. Wenn er richtig tippte, hatte Julian sein ,Geständnis' schon begonnen, und das konnte nur dazu führen, dass bald eine Furie von Mutter in seinem Zimmer stehen würde. Sicher hatte sie das dringende Bedürfnis, ihn erst anzuschreien und ihm dann das Tablett wegzureißen, um ihn ein, zwei Mal damit zu schlagen. Wer wusste, wann es danach für Jan das nächste Mal etwas zu essen geben würde?

~~o0@0o~~

Am nächsten Morgen herrschte noch immer schlechte Stimmung in der Wohnung der Grohs, weshalb Jan sich dafür entschied, etwas früher als sonst das Haus zu verlassen und statt des Busses die eigenen Füße zu benutzen, um rechtzeitig zur Schule zu kommen. Die frische Luft tat ihm gut - vor allem lenkte sie ihn von seinem knurrenden Magen ab, denn wie erwartet hatte es an diesem Tag keinerlei Frühstück für ihn gegeben - aber weil seine Mutter sich außerdem tatsächlich geweigert hatte, ihm auch nur irgendeine Jacke zur Verfügung zu stellen, musste er schon ziemlich zügig gehen, damit ihm die Kälte nicht in alle Knochen kroch.

Er beneidete die Kids, die nur um acht zu Hause sein mussten oder nicht rauchen und trinken durften. Wenn das sein einziges Problem daheim gewesen wäre, er hätte Gott gedankt und sich freudig in sein Schicksal ergeben. Aber das... zum Kotzen.

Warum hatten seine Eltern ihn überhaupt erst gezeugt, fragte er sich missmutig, doch er verspürte keine große Lust, sich auch noch einen ,heißen Kopf' zu machen, indem er über Dinge nachdachte, die doch keine logische Erklärung hatten. Er war nämlich schon genug damit beschäftigt, sein eiliges Schritttempo zu halten.

Als es zur ersten Pause läutete, war Jan der einzige, der sich nicht auf die kurze Unterbrechung des langweiligen Unterrichtsstoffes freute. Zitternd stand er mit in den Hosentaschen vergrabenen Händen auf dem Schulhof und hoffte inständig, die zwanzig Minuten mögen möglichst rasch vorübergehen. Ein kalter Wind blies über den nackten Beton und wirbelte seine Haare hoch, fuhr in die Beine seiner Jeanshose und unter den Pullover, doch das war nicht seine einzige Sorge. Alle Zähne klapperten in seinem Mund, und als ein paar Schüler aus der Unterstufe an ihm vorbeigingen, brachen sie in lautes Gekicher aus. Er presste die Lippen aufeinander und biss sich auf die Zunge. Wenn er sich nicht zusammenriss, würde er noch zum Gespött der ganzen Schule!

Plötzlich fasste ihn jemand von der Seite an der Schulter. Jan drehte verwundert den Kopf herum und wich mit einem Keuchen zwei Schritte zurück, als er voller Überraschung in die Gesichter der beiden Streithähne vom Vortag blickte. Er hatte nicht erwartet, sie so schnell wieder zu sehen, vor allem aber nicht mit einem solchen Ausdruck auf den Minen: Sowohl André als auch sein Bruder schauten ziemlich betreten drein.

"Es tut uns sehr leid", sagte der Ältere nun und stieß seinen Bruder in die Seite. "Es war nicht unsere Absicht, dich zu verletzen. Wir bitten vielmals um Verzeihung."

André nickte zwar, schnaubte aber auch leise. "Wieso denn ,wir'?", fragte er murrend. "Du hast ihm doch die Dose an die Rübe gedonnert! Au!" Er zuckte zusammen und krümmte sich tief, als der Andere ihn im Nacken packte und eine Armlänge weit nach unten drückte. "Ja, ich weiß, du bedauerst es zutiefst", presste sein Bruder mit einem gezwungenen Lächeln hervor und ,tunkte' ihn in ein imaginäres Wasserfass. "Dein Mitschüler ist wirklich gerührt von deiner Anteilnahme, aber wir wollen es mal nicht gleich übertreiben."

"Was soll das?", schimpfte André und versuchte, nach dem Größeren zu treten. "Lass mich sofort los!" Bevor die Situation abermals eskalieren konnte, ging Jan schnell dazwischen. "Es ist absolut okay", beteuerte er und löste die Finger des Älteren vorsichtig von Andrés Hals. "Mir ist nichts Ernstes passiert und zur Schule gehen kann ich ja auch noch. Kein Grund, sich zu streiten."
"Mit dem Hornochsen fange ich doch keine Streitereien an", erwiderte der junge Mann nun und drehte sich um. "Das lohnt sich nämlich nicht." Sein kleiner Bruder streckte ihm die Zunge heraus, während der Andere langsam davon schlenderte. Dann wandte er sich an Jan.

"Hör nicht auf ihn", meinte er grinsend. "Mit mir kann man sich ganz wunderbar zoffen. Also falls du mal Bedarf hast..." Er machte eine ausladende Handbewegung.

Jan musste lachen. "Nein danke, im Moment nicht", wehrte er ab. "Ich habe schon genug Stress zu Hause, da muss ich nicht auch noch in der Schule welchen anfangen."

"Wirklich?" André warf ihm einen mitleidigen Blick zu. "Wegen deiner Jacke, hm? Deine Mutter hat gestern schon so herum geschrieen. Ich war richtig geschockt. Bei uns daheim herrscht ein ganz anderer Ton als bei euch."

"Tja", machte Jan und hob seine Schultern. "Ich glaube, in fast jeder Familie herrscht ein anderer Ton als bei uns. Aber was soll's. Nett, dass ihr mich nach Hause gebracht habt."

Doch der Schwarzhaarige schüttelte nur den Kopf. "Das war ja wohl das Mindeste!" Er schmunzelte leicht und rieb sich dann den Nacken. "Aber es sah schon echt urig aus, wie du auf einmal so zusammengeklappt bist. Wie 'ne heiße Kartoffel, die irgendwem vom Grill fällt."

Jan verzog das Gesicht. "Was für ein schmeichelhafter Vergleich", murrte er und wollte schon zu einer weiteren Aussage ansetzen, holte dann aber lediglich überrascht Luft, als er plötzlich zwei kräftige Arme um sich spürte. Bevor er reagieren konnte, fühlte er schon Andrés harten Körper an seinem. Ein wenig rot und reichlich verwirrt blickte er in dessen dunkle Augen.

"W-was machst du denn da?", fragte Jan leise und blickte über die Schultern des Schwarzhaarigen hinweg auf den Schulhof. Niemand schien sein Tun bemerkt zu haben.

"Na, was wohl?", meinte André und hüllte ihn in die beiden offenen Seiten seiner Jacke, bevor er ihn noch enger an sich zog und sacht an seine Brust drückte. "Dir ist doch kalt, oder? Deshalb teile ich meinen Anorak mit dir." Er beugte sich herab und berührte mit den Lippen zart Jans rechtes Ohr. "Oder reicht dir auch nur meine Körperwärme?"

Noch ehe Jan so richtig klar wurde, was er tat, hatte er André einen Kinnhaken verpasst, der diesen rückwärts auf die Betonplatten schickte. Es geschah so schnell und unvermittelt, dass es ihn selbst wohl am meisten überraschte. Er wusste, dass André seine Worte nicht so gemeint haben konnte, wie der Blonde sie aufgefasst hatte. Aber plötzlich war ihm so heftig das Blut in den Kopf geschossen, dass irgendetwas bei ihm ausgesetzt haben musste.

Fassungslos starrte er auf den umgekippten Körper.

"Mann", fluchte André und setzte sich mit einem Stöhnen wieder auf. "Respekt vor deiner Rechten, aber wofür zum Teufel war die?" Stöhnend rieb er sich den Kiefer.

"I-ich... keine Ahnung", stammelte Jan und suchte verzweifelt nach einer Erklärung. Warum hatte er ihn nur geschlagen? War er noch ganz dicht? Der Junge hatte ihm helfen wollen. Völlig unerwartet war irgendetwas in seinem Inneren äußerst heftig auf Andrés Berührung angesprungen. Als hätte es nur darauf gewartet, etwas derart Unbefangenes, Sinnliches zu erleben. Aber was?

Jan wusste es nicht.

"Es... es tut mir leid", jammerte er und schämte sich fürchterlich. Dabei war es doch nur ein einfacher Kontakt gewesen. So wie sein Bruder gestern beim Tuchauflegen mit seiner Stirn in Kontakt gekommen sein musste. Wieso war er gleich so ausgeflippt?

"Ist schon gut", gab der Schwarzhaarige zurück und rappelte sich schließlich hoch. "Ich schätze mal, du wolltest einen Ausgleich." Als Jan ihn bloß verständnislos anblickte, zeigte er auf dessen Beule. "Na für gestern. Dein Kopf..."

"Ach so", machte der Blondschopf und schüttelte eben selbigen. "Nein, nein, das ist es nicht. Es war nur... ich..." Wieder fehlten ihm die Worte. Allmählich begann ihn das zu verunsichern.

"War es die Berührung?"

Erstaunt hob er seinen Blick. "Ja...", antwortete er zögernd. "Sie hat mich... erschreckt."

André lächelte seltsam. "Ist das so?" Er machte einen verwirrend zufriedenen Gesichtsausdruck. "Gut, ich werde es mir merken", versprach er. "Aber falls ich dich bei einem unserer zukünftigen Treffen doch noch mal anfassen sollte, hau mir nicht gleich wieder eine runter, okay?"

Jan nickte brav, hob dann aber fragend seine Augenbrauen. "Unserer zukünftigen Treffen?"

"Jepp!"

André klopfte sich den Schmutz von der Hose. "Habe gerade beschlossen, dass wir Freunde werden. Ich bin neu an der Schule und in meiner Klasse gefällt mir niemand. Also, hast du Lust?"

Lust? Was für eine seltsame Frage, ob jemand ,Lust' auf eine Freundschaft hatte. Fast so, als würde man gleich ein Eis essen gehen oder mit der Person ins Kino wollen.

"Ähm... klar, warum nicht?", gab Jan dennoch zurück und wunderte sich selbst darüber. Ein neuer Freund war immer gut, oder etwa nicht?

"Schön. Dann schlage ich als erstes vor, dass wir uns von irgendwoher deine Jacke besorgen. Also: Wo hast du sie liegen gelassen?" 
 
~~o0@0o~~

Obwohl Jan sich vorgenommen hatte, außer mit seinem Bruder zu niemandem über den Vorfall mit seinem Anorak zu sprechen - petzen war so ein hässlicher Charakterzug - waren ihm bei André die Worte nur so aus dem Mund gesprudelt, sodass sein neuer Kumpel über alles informiert war. Jan hatte ihn zwar gebeten, kein großes Aufhebens um die Sache zu machen und sich nicht darum zu kümmern, doch er war sich nicht sicher, ob der Dunkelhaarige sich das auch wirklich zu Herzen nahm. In der wenigen Zeit der drei weiteren Pausen, die er mit ihm verbracht hatte, war er schnell zu dem Schluss gekommen, dass dieser Junge ein ,Mann der Tat' zu sein schien. Seinem Gesichtsausdruck nach zu Urteilen hätte er ohne mit der Wimper zu zucken alle Angehörigen ihrer Schule notfalls auch verprügelt, bis irgendeiner mit der Wahrheit herausgerückt war.

Aber obwohl der Blonde selbst nicht übel Lust hatte, den verantwortlichen Idioten einmal gehörig den Marsch zu blasen, hielt er das für nicht besonders Erfolg versprechend und nur bedingt für klug. Sogar wenn sie ihnen sagen würden, wo sie das Kleidungsstück ursprünglich mal versteckt hatten - inzwischen konnte es überall auf dem Gelände sein, oder auch schon außerhalb. Das hatte also wenig bis gar keinen Sinn.

So hatte André sich dann Jans Wunsch gemäß lediglich darauf beschränkt, ihn ein Stück weit zu begleiten und ihm dabei seine eigene Jacke geliehen, damit er nicht ganz so fror.

Es war ungewohnt für Jan, so viel aufrichtige Anteilnahme zu bekommen, aber irgendwie genoss er das. Wenn es ihm auch ein wenig seltsam erschien, so bei einem fast fremden Jungen...

Am diesem Abend, zwei Tage später, hatte er gerade den Abwasch erledigt und sich in sein Zimmer zurückgezogen, als seine Gedanken unerwartet wieder zu der Berührung von Andrés Lippen zurückkehrten, die er an besagtem Vormittag erfahren hatte. Er fragte sich noch immer, was ihn wohl zu dieser heftigen Reaktion darauf bewogen haben mochte, erinnerte sich aber auch an das kurze, angenehme Kribbeln, das der warme Mund bei ihm ausgelöst hatte. Ein bisschen wie ein schneller, elektrischer Schlag. Und irgendwie... aufregend. Ob das in seinem Alter jedem so ging? Vielleicht handelte es sich mal wieder um so eine typische Pubertätsangelegenheit?

Wäre nicht das erste Mal, dass er grundlos Nasenbluten bekam. Was war er nur für eine Lachnummer?

In diesem Moment klingelte es an der Tür. Jan war noch ganz in seine Grübeleien versunken, deshalb bemerkte er es zunächst nicht einmal. Er dachte darüber nach, warum André an den beiden darauf folgenden Tagen nicht in die Schule gekommen war. Hatte er ihn mit irgendetwas beleidigt? Oder war sein Schlag am Ende doch heftiger gewesen, als er selbst geglaubt hatte? Vielleicht war er ja ernsthaft verletzt...

Es klingelte ein zweites Mal, und diesmal bekam der Blondschopf es mit. Da er zurzeit allein zu Hause war, konnte er nicht darauf vertrauen, dass jemand anderes die Tür öffnen würde, also stand er auf und ging vom Wohnzimmer in den Flur. Als er den Gast jedoch herein bitten wollte, blieb ihm fast die Spucke im Halse stecken.

"André!", keuchte er und betrachtete mit weit aufgerissenen Augen den völlig verdreckten und bis auf die Unterwäsche aufgeweichten Jungen. "Was zum Teufel machst du denn hier?"

Statt zu antworten, drückte der Dunkelhaarige ihm einfach eine große Tüte in die Hand. Er keuchte leise, weil er den Weg bis zu ihrer Wohnung durch den Regen gerannt zu sein schien. "Hier", sagte er schließlich. "Das hab ich extra für dich ausgebuddelt."

Jan runzelte seine Stirn. Für ihn ausgebuddelt? Was konnte er damit meinen? Er traute seinen Augen nicht, als er in der Stofftasche seinen neuen, dunkelgrünen Anorak entdeckte.

"Was... aber... wo hast du den her?", fragte er verblüfft. André grinste schief und lehnte sich an den Türrahmen. "Vom Schulhof natürlich, woher sonst?" Er machte eine wegwerfende Handbewegung. "Tagsüber hab ich das Gelände um die Lehranstalt abgesucht und abends die Pauke selbst. Hat auf der Baustelle bei der Turnhalle herumgelegen. Klasse, was? Und ist nicht mal kaputt."

Jan war sprachlos. "Ja aber... das hättest du doch nicht machen brauchen!", rief er und musste sich festhalten bei dem Gedanken, dass dieser gutaussehende Junge vor ihm stundenlang im Dreck herumkroch, nur um eine blöde Jacke für ihn zu finden.

"Hätte ich nicht?", erwiderte André ungeführt und blickte ihn skeptisch an. "Du willst mir wohl erzählen, ich sollte dich lieber den ganzen Winter durch nur im dünnen Pulli über die Straßen rennen lassen? Nee, nee, nee, mein Lieber... so ein Scheißkerl bin ich nicht."

Jan starrte ihn noch immer verwundert an. "Also... einen Jungen wie dich habe ich noch nie erlebt", gestand er schließlich und schüttelte leicht den Kopf. "Wir kennen uns doch noch kaum. Wieso hast du das gemacht?"

André schmunzelte wieder und schaute ihm ins Gesicht. "Vielleicht, weil ich mir erhofft hatte, dich als Dankeschön ein bisschen näher kennen lernen zu dürfen?", antwortete er und umfasste sanft Jans Kinn. Dieser schluckte leicht, als Andrés Lippen sich den seinen näherten. "Und warum gerade ich?", fragte er leise, kurz bevor sich ihre Münder berührten.

"Weil du mir gefällst..."

Als Andrés Lippen sich zum Kuss auf die seinen legten, dachte Jan nicht eine Sekunde daran, vor dem Größeren zurückzuweichen. Vielleicht hatte ihn damals erschreckt, dass er sich schon vom ersten Moment an diesen warmen, zärtlichen Mund an einer anderen Stelle als auf seinem Ohr gewünscht hatte, auch wenn das völlig irrational und unlogisch war. Dass er schon zu dem Zeitpunkt, als er das erste Mal in diese herrlich blauen Iriden gesehen hatte, ihrem Besitzer verfallen war, ohne es selbst überhaupt zu merken. Wie sonst sollte er sich erklären, dass er sich so vertrauensvoll gegen ihn sinken ließ? Dass er es genoss, wie der Andere seine Finger in das blonde Haar schlang, seinen Kopf zurück bog und ihn in einen tiefen, hungrigen Kuss zwang? Dass er keuchte, als sich ihre Hüften berührten und er sich einfach nur noch fallen lassen wollte?

Nein. Es gab keine andere Erklärung: Er hatte sich einfach in diesen Unbekannten verliebt, ob er es nun wollte oder nicht. Und trotzdem es sein erster Kuss mit einem Mann war, ahnte er schon in diesem kurzen Augenblick, dass es nicht der letzte sein sollte.//

 
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Fortsetzung folgt