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Christmas

Original [NC-14]

[yaoi]

Inhalt:
Ein kleiner Weihnachtsmuffel wird von seinem besten Freund auf ne Berghütte verschleppt, wo er gezwungen ist mit ihm, seinen Freund und dessen Kumpel Weihnachten zu verbringen. Was in den paar Tagen passiert und ob sich seine Meinung ändert... tja, wers wissen will kanns lesen.

Bemerkungen:
Eine kleine Weihnachtsgeschichte von mir. ^^
Mal in der Ich-Perspektive geschrieben. >.> 
Spiegelt meine Ansicht von Weihnachten wieder.


 

~ Christmas ~
 
21. Dezember


Eigentlich mag ich den Winter. Ich liebe diese kalte Jahreszeit und im Prinzip freue ich mich das ganze Jahr darauf, wenn es endlich anfängt kälter zu werden und man nicht mehr auf die Gefahr hinläuft einen Sonnenstich zu kriegen, von irgendwelchen Insekten belästigt und von halbnackten Weibern auf der Straße kichernd angemacht zu werden. Das sind nur einige der vielen Gründe, warum ich zum Beispiel Frühling und Sommer nicht abkann, obwohl ich ja im April Geburtstag habe.

Es gibt eigentlich nur eine unbedeutende Kleinigkeit, die mir die Freude am Winter immer wieder versaut. Ich nenne es Geldmacherei, andere nennen es schlichtweg Weihnachten. Mag sein, dass ich mit meiner Meinung schon so ziemlich alleine da stehe, wenn ich mit meinem Mitbewohner durch die überfüllte Stadt latsche und ich im Gegensatz zu ihm am liebsten eine Bombe in die übertrieben kitschig geschmückten Schaufenster der Geschäfte schmeißen möchte.

Alleine schon bei dem Anblick von diesen bunten Lichterketten, Pappweihnachtsmännern und lockigen Engeln in Nachthemden wird mir schlecht. Ich weiß nicht, ob das jemand nachvollziehen kann, dass man plötzlich so ein kratziges Gefühl im Hals bekommt und sich am liebsten in aller Öffentlichkeit mal so richtig auskotzen will.

Der Sinn von Weihnachten ist es heutzutage eh nur, möglichst viele unnütze Geschenke zu kaufen und seinen Vorgarten so mit Lichtern zu versauen, dass sie die Gärten aller anderen Nachbarhäuser übertreffen.

Wie dem auch sei, um es kurz zu sagen: Ich hasse Weihnachten!

Also warum in Gottes Namen habe ich mich dann von meinem besten Freund und Mitbewohner Jan dazu breitschlagen lassen, mit ihm nach Österreich zu fahren, um dort in der Holzhütte seines Stechers Weihnachten zu verbringen?

Der Gedanke an eine einsame Blockhütte auf einem Berg, in vollkommener Abgeschiedenheit, fern weg von beleuchteten Vorgärten, geschmückten Schaufenstern und nervigen kleinen Kindern, die mit ihren Liederzetteln durch die Gegend laufen, an der Tür klingeln und nicht wieder verschwinden, bevor sie einem mit Jingle Bells das Trommelfell ruiniert haben, ist eigentlich ganz nach meinem Geschmack... aber dass ich mich dort mit solchen Weihnachtsfanatikern wie Jan und Steffan auseinandersetzen muss hemmt meine Vorfreude.

Nicht, dass ich was gegen die beiden habe, Jan ist seit der Grundschule mein bester Freund und Steffan ist abgesehen von seinem Feiertagstick auch ganz in Ordnung. Aber wenn die beiden von mir erwarten, dass ich irgendwelchen weihnachtlichen Quatsch mitmache, dann haben sie sich getäuscht.

Daher hab ich in weiser Voraussicht meinen Laptop mitgenommen. Ich kann nur hoffen, dass es dort oben auch Strom gibt, sonst bin ich wirklich ziemlich aufgeschmissen.

Wo ich gerade von aufgeschmissen rede, langsam aber sicher frieren mir die Hände ab. War wahrscheinlich doch nicht so ratsam ohne Handschuhe auf Wandertour zu gehen. Mein Rücken tut auch schon weh, was wohl daran liegt, dass mir meine Reisetasche von Meter zu Meter schwerer vorkommt. Dabei habe ich doch kaum was mitgenommen.

Ächzend stapfe ich hinter Jan her, der gerade stehen bleibt und sein Handy aus der Jackentasche fummelt. Seine kurzen blonden, mit orangefarbigen Strähnen versetzten Haare stehen mal wieder von seinem Kopf ab wie bei einer Diestel.

Keuchend hieve ich mich und meine Tasche weiter den Berg hinauf... und sacke ein. Danke schön. Irgendwer scheint es wirklich gut mit mir zu meinen. Nicht, dass ich was dagegen habe bis zu den Knien im Schnee zu versinken, auf keinen Fall. Nasse Socken haben doch auch was Gutes an sich, oder?

Fluchend stapfe ich weiter und werde erst einmal grinsend gemustert, als ich Jan eingeholt habe. Na, dass der sich mal wieder einen Keks freut ist kaum zu übersehen.

"Hab gerade Steffan angerufen. Der macht uns schon mal nen warmen Kakao", sagt er lächelnd und geht weiter.

Neidisch blicke ich Jan hinterher. Der hat es wirklich gut. Eine 1,90 Meter große Blondine wie er versinkt nicht so schnell wie ich mit meinen schmächtigen 1,71 Metern. Seufzend versuche ich mit ihm Schritt zu halten, was bei meinen kurzen Beinen nicht ganz so einfach ist.

Langsam aber sicher werden meine Zehen kalt. Scheiß nasse Socken! Scheiß Turnschuhe! Nächstes Mal ziehe ich meine dicken Boots an, dann kann mich der Schnee mal. Von weitem sind schon die Umrisse eines Blockhauses zu sehen und ich atme erleichtert aus. Dem Himmel sei dank.

Wenn ich erstmal in der warmen Hütte bin, dann mache ich drei Kreuze. Meine Nase sieht bestimmt auch schon aus wie eine Tomate und auf meine Hände will ich lieber gar nicht erst gucken, die sind bestimmt schon blau gefroren... wenn ich Glück habe, dann brechen mir die Finger nicht ab, da ich so langsam aber sicher das Gefühl in ihnen verliere.

"Da! Wir sind da!", schreit Jan laut und prescht los, während ich ihm bedeppert nachsehe. Wie kann man nur so viel Energie haben und mit einer zentnerschweren Reisetasche bei 20 Zentimeter hohem Schnee einen Berg hoch laufen? Also irgendetwas mache ich definitiv falsch. Aber Maulen nützt auch nichts, in meinem Falle heißt es jetzt Zähne zusammenbeißen und weiter. Ich bin ja auch gleich oben... noch ein paar Meter.

Halleluja! Die Anhöhe ist geschafft. Mit letzter Kraft steure ich auf die, zugegeben ziemlich große und auch ziemlich teuer aussehende Hütte zu. Anscheinend gibt es da sogar zwei Etagen. Ein großer Balkon zieht sich auf zwei Seiten der Hütte entlang und ich muss schon sagen, ein bisschen neidisch kann man da schon werden.

Aber Steffans Eltern verdienen als Anwälte halt nicht schlecht und da sie eh jeden Sommer hier oben Urlaub machen, ist es vielleicht sogar verständlich, dass sie sich gleich eine eigene Holzhütte gekauft haben.

Ein großer brünetter Junge kommt gerade aus der Hütte und winkt uns zu. Jan, peinlich wie er manchmal ist, schmeißt sogleich seine Tasche auf den Boden und läuft auf Steffan zu, um diesem schwungvoll um den Hals zu fallen.

Ok... ganz ruhig Kim. Du wirst es überleben mit zwei verliebten Weihnachtsfetischisten hier oben ein paar Tage zu verbringen. Kennt jemand den Ausdruck 'Drittes Rad am Wagen'? Seufzend greife ich den Halter von Jans Reisetasche und schleife sie mühsam hinter mir her. Wenn sie weiter im Schnee liegt, dann weicht sie wahrscheinlich noch durch.

"Das ist echt traumhaft hier", ruft Jan entzückt aus und dreht sich einmal um sich selbst. Ich behalte meine Kommentare angesichts dieser Handlung besser bei mir. Wie kann man nur ständig so gut gelaunt sein? Da stimmt doch was nicht.

"Ah! Wie ich sehe hast du den Giftzwerg überreden können", meint Steffan grinsend und mustert mich belustigt. Sein Grinsen quittiere ich mit meinem gerade gewachsenen Mittelfinger und einem übertrieben beleidigten "Tze."

"Entweder macht ihr die Tür zu, oder ihr kommt rein! Es zieht!", ertönt eine Stimme aus der Hütte und ich hebe fragend eine Augenbraue. Irritiert sehe ich Jan an, der mit Steffan einen wissenden Blick wechselt. Moment, was habe ich nun schon wieder verpasst?

"Dann kommt mal rein", sagt Steffan schließlich, nimmt mir Jans Tasche ab und stolziert zurück ins Innere der Hütte. Jan und ich folgen schweigend und mit einem nicht gerade sehr eleganten Tritt lasse ich die Tür ins Schloss knallen.

Erschöpft lasse ich meine Tasche auf den Boden plumpsen und reibe meine Hände aneinander. Eines steht fest: Nie wieder gehe ich ohne Handschuhe los! Zitternd schlüpfe ich aus meinem langen schwarzen Wollmantel und ziehe mir die Mütze vom Kopf. Sogleich kommen meine feuerroten Haare zum Vorschein, die mal wieder wie wild in alle Himmelsrichtungen abstehen. Aber ich kann ja auch nichts dafür, dass ich den Wuschelkopf von meiner Mutter geerbt habe.

Von innen sieht dieser Schuppen sogar noch teurer aus als von außen. Parkettboden, etliche Teppiche die auf dem Boden verteilt sind, schöne, alte Möbel...

Langsam taue ich wieder auf. Rücksichtslos trete ich mit meinem rechten Fuß auf den Hacken meines linken Schuhs und schlüpfe aus diesem heraus. Selbes Ritual wiederhole ich mit dem rechten Schuh, und wenn meine Mutter das sehen würde, hätte sie wieder mal eine ihrer Anfälle bekommen, von wegen man macht die Schuhe auf und so weiter.

Neugierig folge ich Jan in den angrenzenden Raum, der sich als Wohnzimmer entpuppt. Ein großes Ecksofa und ein Ledersessel stehen um einen großen Tisch vor einem Kamin, in dem sogar ein Feuer brennt. Ich liebe Kaminfeuer, dass muss gesagt sein. Wenn ich nicht mit Jan in einer Mietwohnung leben würde, dann hätte ich auch schon einen Kamin einbauen lassen.
 
Auf dem Sofa sitzt ein schwarzhaariger Junge und stopft sich gerade ein Stück Lebkuchen in den Mund. Gut, jetzt weiß ich, wer da vorhin so geschrieen hat, aber wer zum Teufel ist der Typ?

"Oliver kennst du ja noch, oder?", fragt Steffan an Jan gewand, der nur lächelnd nickt und zu dem mir fremden Jungen rüber geht und ihn sogleich umarmt. Nun bin ich mir sicher, ich habe etwas verpasst. Woher kennt Jan den? Und was noch wichtiger ist, was hat der hier zu suchen?

"Oliver, darf ich vorstellen, Giftzwerg. Giftzwerg. Oliver", stellt Steffan uns vor und erntet von mir einen meiner patentierten Todesblicke. Also wenn er mich noch einmal Giftzwerg nennt, dann trete ich ihm mit meinem zwergenhaften Fuß in seinen Solarium gebräunten Arsch!

"Jetzt sei lieb. Es ist Weihnachten", ermahnt Jan ihn und lässt sich neben Oliver auf das Sofa sinken, der nur schelmisch grinst.

Seufzend gehe ich auf den Kamin zu und lasse mich erleichtert vor diesem auf dem Boden nieder. Sogleich halte ich meine halb erfrorenen Hände vor die angenehme Wärmequelle und stöhne zufrieden auf. Was auch passiert, derjenige der versucht mich von hier zu vertreiben, der wird gebissen.

"Ich hole den Kakao", sagt Steffan und begibt sich in Richtung Küche. Sogleich springt Jan auf und folgt im summend, woraufhin ich nur verständnislos den Kopf schütteln kann. Na gut, gönnen wir den beiden ihr Glück. Sofern man mich mit lieblichem Gesäusel in Frieden lässt, ist ja alles in Ordnung.

"Giftzwerg also... und offiziell?", fragt Oliver, der seinen Kopf nun auf der Sofalehne platziert und mich neugierig mustert.

"Offiziell Kim", entgegne ich neutral und reibe meine Hände weiter aneinander. Leises Knistern ertönt aus dem Feuer und die angenehme, mollige Wärme breitet sich auch langsam in meinem kalten Körper aus.

Das leise Glucken hinter mit ignoriere ich gekonnt. Ist ja immerhin nicht das erste Mal, dass jemand aufgrund meines Namens anfängt zu lachen. Aber Kim ist sowohl ein Mädchen als auch ein Jungenname! Also sollte dieser schwarzhaarige Knilch einen blöden Spruch ablassen, sehe ich mich gezwungen ihn mit einem Holzscheit zu bewerfen, die fein säuberlich neben dem Kamin aufgestapelt sind.

"Ich glaube ich belasse es bei Giftzwerg", meint er in einem ironischen Ton, woraufhin ich mich verstimmt umdrehe. Ok, ich mag den Kerl nicht. Welcher Bekloppte hat den hier eingeladen? Besagter Bekloppter kommt gerade mit einem Tablett voller Tassen zurück, gefolgt von Jan, der eine große Metallkanne voll Kakao trägt.

Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen, mich mit hierher schleppen zu lassen. Ich glaube ich hätte dem ganzen Weihnachtsmist besser entgehen können, wenn ich mich in meinem Zimmer eingebunkert und mich über die Feiertage hinweg mit Chips, Cola und meiner DVD-Sammlung am Leben erhalten hätte. Aber hinterher ist man ja bekanntlich immer schlauer.

"Oli und ich dachten, dass wir morgen Snowboarden gehen", sagt Steffan und tunkt einen Lebkuchen in seinen Kakao. Jan sieht man an, dass er von diesem Vorschlag vollauf begeistert ist, während sich meine Freude in Grenzen hält.

Snowboarden? Ich kann ja noch nicht einmal für fünf Sekunden auf einem Skateboard stehen ohne mir was zu brechen.

"Aber ich habe noch nie auf so einem Teil gestanden", meint Jan und kuschelt sich näher an Steffan, der ihn grinsend mit dem Zeigefinger gegen die Stirn tippt.

"Bringe ich dir schon bei", wispert er, und beugt sich zu Jan vor.

Oh, darauf habe ich gewartet. Die Knutscherei geht los. Stöhnend drehe ich dem Rest der Insassen den Rücken zu und beschäftige mich wieder mit dem Kamin. Die Tasse in meiner Hand ist angenehm warm und ich schließe für einen kurzen Moment die Augen. Ob es hier einen Schlafsack gibt? Dann würde ich nämlich vor dem Kamin pennen.

"Dann kann Oli Kim helfen", vernehme ich Jans Stimme, die mich wieder aus meinen Gedanken reißt. Bitte was? Habe ich mich verhört, oder erwartet er tatsächlich, dass ich mich auf eines dieser mörderischen Dinger stelle und mich auch noch von diesem Blödmann Oliver unterrichten lasse?

"Auszeit! Das könnt ihr vergessen. Nur über meine Leiche stelle ich mich auf ein Snowboard!", entgegne ich bestimmend und nippe an meinem Kakao.

"Wieso?", jammert Jan betrübt und setzt sich hinter mir auf den Boden, um mich kurz darauf mit beiden Armen zu umschlingen und durchzuknuddeln.

"Weil ich am Leben hänge", bringe ich grinsend hervor und lasse ihn gewähren. Wenn Jan wieder seine Kuschelphasen hat, hat es eh keinen Sinn davonzulaufen. Er kriegt einen sowieso immer.

"Kannst dich ja auf einen Schlitten setzen und hinter uns herrodeln", meint Steffan grinsend, woraufhin ich ihm nur frech die Zunge entgegenstrecke.

Schlitten fahren, ja sicher doch. Wenn man einmal im Altern von zehn Jahren gerodelt ist und hinter sich jemanden sitzen hatte der gut das Doppelte von einem wiegt, der Schlitten umkippt, derjenige auf einen rauf fällt und man dadurch mit voller Wucht gegen einen Stein gedrückt wird und einem somit das Kinn aufgeschlagen wird, hat man genug vom Rodeln beziehungsweise Schlitten fahren.

"Ach, bevor ich es vergesse, du musst dir mit Oli ein Zimmer teilen. Wir haben nur zwei Schlafzimmer", meint Steffan beiläufig und beißt von seinem Lebkuchen ab. Allmählich wird mir der Sinn seiner Worte bewusst. Ich soll mir mit dem ein Zimmer teilen? Nichts ist, da penne ich lieber auf dem Sofa.

"Was für ein Schuppen ist denn das, dass es hier nur zwei Schlafzimmer gibt?", frage ich muffig und ernte einen bösen Blick von Steffan.

"Das eine ist das Schlafzimmer das meine Eltern immer nehmen, und das andere ist mein Zimmer. In beiden sind Doppelbetten also beschwer dich nicht, sonst wirst du draußen angebunden", entgegnet er grinsend und deutet zur Untermalung seiner Aussage auf die Tür.

"Verzichte." Nun gut, wenn es nicht anders geht... Ein Doppelbett?!

"Moment! Warum kann ich mir nicht mit Jan ein Zimmer teilen?", frage ich verzweifelt, wobei mir erst hinterher bewusst wird, wie blöd diese Frage eigentlich ist. Jan und Steffan sind zusammen, da ist es ja klar, dass die beiden sich ein Bett teilen werden.

"Oli beißt dich schon nicht", kichert Jan und wuschelt mir durch die Haare.

"Aber ich ihn", murmele ich resigniert und schiele so unauffällig wie möglich zu Oliver hinüber, der nun anfängt zu lachen.

"Macht nichts. Bin ja gegen Tollwut geimpft", sagt er grinsend und wirft mir einen zweideutigen Blick zu.

Ok, man gebe mir einen Strick und zeige mir den Weg zum Dachboden. Die können mich doch nicht über Nacht mit dem Typen alleine in einem Raum, noch dazu in einem Bett lassen! Das ist Tierquälerei! Ich bestehe auf meine Rechte!



22. Dezember


Vorsichtig öffne ich meine Augen. Mein Blick fällt direkt auf das Fenster und zu meiner Freude schneit es dicke weiße Flocken. Manchmal könnte ich stundenlang am Fenster sitzen und dem Schneetreiben zusehen. Nur in den letzten Jahren gab es bei uns leider kaum Schnee. Vielleicht war es doch nicht so schlecht mit hierher zu kommen. Wenigstens kommt hier ein bisschen winterliche Stimmung auf.

Zufrieden strecke ich mich und drehe mich mit einem Gähnen im Bett herum. Die Decke hat sich um mich geschlungen und ich erinnere wohl stark an eine dicke voll gefressene Raupe, aber Hauptsache es ist warm. Das ich aber plötzlich in das Gesicht eines gewissen Olivers gucke, der zu meinem Glück noch schläft, lässt mich doch etwas erschrecken.

Ja hallo? Ist das Bett etwa nicht groß genug? Muss der Typ noch auf meine Seite rüber gekrochen kommen? So nahe wie der hinter mir gelegen hat, kam mir das gar nicht vor. Skeptisch mustere ich sein Gesicht, wobei ich zugeben muss, dass er im schlafenden Zustand direkt erträglich, beinahe nett aussieht.

Ein schelmisches Grinsen schleicht sich auf meine Lippen und ich greife langsam mit meinen Fingern an seine Nase und drücke sie ihm zu. Leises Brummen ist zu hören und kurz darauf beginnen seine Augenlider zu flackern. Ja, man muss ein Schwein sein in dieser Welt.

"Morgen!", schreie ich so laut ich es um diese Uhrzeit hinbekommen, woraufhin Geweckter erschrocken und sichtlich angepisst von mir wegrollt und anfängt leise zu fluchen. Jetzt geht es mir besser. Das war die Strafe für gestern. Hat er nun davon. Zufrieden mit mir und der Welt schäle ich mich aus der warmen Bettdecke und begebe mich in Richtung Balkon, wo ich erst einmal mit Schwung die Tür aufreiße.

Sogleich schlägt mir die kalte Luft entgegen und einige Schneeflocken schwirren in das Schlafzimmer.

"Sag mal spinnst du?", ruft Oliver angesäuert aus, und schmeißt eines der Kopfkissen nach mir, wobei ich von Glück sagen kann, dass er nicht gerade ein guter Schütze ist, und das Kissen somit nur gegen meinen Nachtschrank knallt.
 
"Tollwut", entgegne ich grinsend und schließe die Balkontür wieder. Auf Dauer ist es doch ein wenig kalt nur mit Shorts und einem Hemd bekleidet vor der offenen Tür zu stehen. Summend schlüpfe ich in meine Hausschuhe und verlasse den Raum, den immer noch schimpfenden Oliver alleine zurücklassend.

Denkt nicht, dass ich gemein bin, eigentlich bin ich ein sehr umgänglicher Mensch. Aber man sollte es wirklich nicht riskieren mich zu provozieren. Vergnügt poltere ich die Holztreppe hinunter und finde, wie sollte es auch anders sein, niemanden vor. Irgendwie ist es schon beschissen, der einzige Frühaufsteher in diesem Verein zu sein.

Suchend blicke ich mich in der Küche um, bis meine Augen schließlich an einer Kaffeemaschine kleben bleiben. Ich könnte ja mal so sozial sein und ne Ladung Kaffee aufsetzen. Ich bin ja nicht so.

*~*~*~*~*

Es leben die Boots! Ohne meine schönen, hohen, schwarzen Monsterschuhe mit den silbernen Schnallen, wäre ich wohl wieder mit nassen Socken gestraft gewesen, aber ich bin ja nicht so blöd, und begehe denselben Fehler zwei Mal. Ebenso habe ich Jan ein paar seiner Handschuhe abgezogen auch wenn sie nicht wirklich zu meinem Outfit passen, da sie neonorange mit gelben Punkten sind, während ich mit einer schwarzen Mütze, schwarzem Wollmantel und einer dunkelgrauen Hose bekleidet bin. Aber man soll nehmen was man kriegt.

Oliver scheint noch immer sauer zu sein, da er mich schon seit geraumer Zeit so eigenartig anstarrt. Ich kann nur hoffen, dass er mir meine Weckaktion nicht zu krumm nimmt, schließlich muss ich die nächsten Nächte noch mit ihm verbringen. Vielleicht sollte ich mich mal entschuldigen, um des lieben Friedens Willen.

"Hey...", beginne ich und drehe mich zu ihm um, verstumme aber augenblicklich, da mich ein Schneeball, der aus heiterem Himmel auftaucht, direkt ins Gesicht trifft. Ein erstickender Schrei entfährt meiner Kehle und ich höre rings um mich herum lautes Gelächter.

Na herzlichen Dank auch. Das hab ich nun davon. Fluchend wische ich mir den kalten Schnee aus dem Gesicht, der schon angefangen hat auf meiner erhitzen Haut zu schmelzen und mir nun den Hals hinunter läuft.

Ich blinzle vorsichtig und spüre eine Hand auf meiner Schulter. Sichtlich angepisst blicke ich auf und starre in Olivers grünes Augenpaar, das mich frech anfunkelt. Ein breites Grinsen ziert sein Gesicht und er versetzt mir beim Vorbeigehen einen Klaps auf den Allerwertesten.

"Denk daran, wenn du morgen wieder mit dem Gedanken spielst mich zu wecken", meint er anzüglich und gesellt sich zu Steffan und Jan, die sich aufgrund dieser Handlung ein Lachen kaum noch verkneifen können.

Ok, würde ich jetzt noch Schnee im Gesicht haben, dann wäre dieser jetzt regelrecht verdampft. Meine Wangen glühen, das merke ich und ich möchte ja nicht wissen, wie rot ich geworden bin. Dieser verdammte Penner. Was fällt dem überhaupt ein mich anzugrapschen?! Anscheinend hängt er nicht sehr am Leben, wenn er sich solche Aktionen leistet.

Beschämt und gefrustet drehe ich mich um und schreite erhobenen Hauptes an den drei Grinsebacken vorbei. Pff, Arschlecken. Aber eines steht fest, Jan braucht heute nicht mehr zum kuscheln ankommen. Seinen besten Freund auszulachen. Wirklich klasse.

"Kim, jetzt warte mal!"

Aha, jetzt auf einmal soll ich warten. Man, nicht das ich keinen Spaß verstehe, aber wenn ich schon einmal mit dem Gedanken spiele mich bei jemandem zu entschuldigen, was wirklich äußerst selten ist, und dieser jemand einem dann unvorbereitet eine Ladung Schnee ins Gesicht knallt und einen dann auch noch anpackt, dann war es das mit den guten Vorsätzen.

Vielleicht bin ich auch einfach nur zu empfindlich, aber ich habe nun einmal von Natur aus ein hitziges Gemüt. Jan taucht neben mir auf und hakt sich lächelnd bei mir ein. Was soll denn das jetzt werden? Versucht er wieder seine bekannte 'Nimm-das-nicht-so-ernst-wir-haben-dich-alle-lieb'- Masche? Na, aber dieses Mal zieht diese Nummer nicht bei mir.

Da soll sich doch der schwarzhaarige Mistkerl hinter mir erst einmal entschuldigen, dann sehen wir weiter.

"Das war doch nur Spaß", redet er auf mich ein und drückt mir einen versöhnlichen Kuss auf die Wange.

Missmutig schiele ich zu Jan hoch, der nun wieder dieses naive, unschuldige Kinderlächeln aufgesetzt hat. Ich seufze resigniert und lasse meinen Blick über die Landschaft schweifen. Spaß, tze. Das heute Morgen war auch nur Spaß.

*~*~*~*~*

"Nun komm schon!", ruft Jan murrend und zupft an meinem Ärmel.

"Nein!"

"Jetzt sei kein Spielverderber. Ich kanns doch auch nicht", mault Jan und stemmt die Hände in die Hüfte.

Sag mal, was ist an einem Nein so falsch zu verstehen? Ich kann, ich will und ich werde keinesfalls auf eines dieser selbstmörderischen Snowboards steigen. Das können sie gleich vergessen. Ich habe von Anfang an gesagt, dass ich bei solchem Quatsch nicht mitmache.

Zumal habe ich mehr davon, wenn ich heute Nachmittag schön an dieser Skihütte auf dem Balkon sitzen bleibe, meinen Kaffee schlürfe und mich damit vergnüge, unfähigen Skifahren dabei zuzusehen, wie sie sich auf die Fresse legen. Das nenne ich Unterhaltung, vor allem wenn man zusehen kann, wie sich mal wer anders zum Deppen macht.

"Nun lass ihn doch", meint Steffan genervt und hüpft schon von einem Bein auf das andere. Tja, schon scheiße, wenn man so ein ungeduldiger Mensch ist.

"Aber ich kann ihn hier doch nicht alleine lassen", sagt Jan empört und wuschelt mir durch die Haare. Langsam habe ich das Gefühl, das es irgendetwas an meinen Haaren gibt, das Leute wie Jan dazu anregt, einfach durch die hindurchzuwuscheln und sie noch mehr zu zerzausen.

Ich sollte wirklich mal die Probe aufs Exempel machen, und meine Haare ne Woche nicht waschen. Wenn sich Viehzeug in ihnen einnistet und man sich mit dem Fettgehalt ein Brot beschmieren kann, wird wahrscheinlich keiner mehr das Verlangen verspüren sie anzufassen.

"Ich bin ein großer Junge. Aufs Klo kann ich auch alleine, also sieh zu dass du weg kommst", entgegne ich grinsend und schubse Jan ein Stück von mir weg. Herr Gott, er muss doch jetzt nicht meinetwegen den ganzen Tag hier rumhocken, wo ich ihm doch ansehe, dass er schon darauf brennt, auf eines dieser Snowboards zu steigen.

Seufzend lässt Jan die Schultern hängen, bevor er sich mit einem unzufriedenen 'Na gut' und einer letzen Umarmung von mir verabschiedet.

Erleichtert blicke ich den Dreien nach. Habe ich schon erwähnt, dass Oliver mit diesem Taucherbrillenverschnitt im Gesicht zum Schreien aussieht? Schade, dass ich meine Kamera nicht mit habe. Das ist wirklich ein Bild für die Götter.

Grinsend steige ich die Treppe der Skihütte hinauf und lasse mich auf einem freien Stuhl, nahe am Geländer nieder. Um mich herum sitzen vereinzelt ein paar Ehepaare mit Kindern, andere junge Leute, die sich mit einer Tasse Kakao aufwärmen wollen und auch einige Senioren, die in ihren Skianzügen wirklich zu drollig aussehen.

Eine Kaugummi kauende Blondine mit weißen Ohrenschützern kommt auf mich zu und sieht mich lächelnd an. Innerlich verdrehe ich bereits die Augen und wünsche mir, dass ich doch mitgegangen wäre. Da sitzt man noch keine fünf Minuten, und schon kommt das erste weibliche Schreckensobjekt und klimpert einen mit ihren langen Wimpern an. Ob sie es mir übel nehmen würde, wenn ich mir jetzt den Fingern in den Hals stecke, da sie sich mit den Worten 'Kann ich mich setzen', einfach auf den mir gegenüberliegenden Stuhl plumpsen lässt, ohne überhaupt eine Antwort abzuwarten.

Bitte, setzt dich nur. Macht mir ja so was von überhaupt nichts aus. Blöde Nuss.

"Klar", sagte ich knapp und wende meine Aufmerksamkeit wieder der Landschaft zu. Eigentlich wollte ich sie ja mit einem bissigen Kommentar vergraulen, aber ganz alleine hier rumzuhocken, sieht bestimmt auch ein wenig dämlich aus. Ok, solange sie ihre Backen hält und mich nicht zutextet kann sie bleiben.

"Machst du hier Urlaub?", fragt sie mich plötzlich und ich unterdrücke das laute Stöhnen, das kurz davor ist meiner Kehle zu entweichen. Na wunderbar. Jetzt kommt also das altbekannte Spiel 'Wie heißt du? Wie alt bist du? Wo kommst du her?'. Kennlernspiele habe ich in der Grundschule schon gehasst.

"So ungefähr", entgegne ich mit wenig Begeisterung. Ich werfe ihr einen kurzen Blick zu und ihre braunen Augen sehen mich erwartungsvoll an. Was denn? Erwartet sie jetzt etwas von mir?

"Und selbst?", frage ich schließlich, mir vollkommen bewusst, dass ich diese Frage in den nächsten Sekunden bereuen werde.

"Ja, mit meiner Clique. Wir wollten über die Feiertage mal woanders hin", beginnt sich strahlend und ich seufze leise. Habe ich es doch gewusst. Jetzt geht's los. Die Mitteilungsbegeisterung des weiblichen Geschlechts in allen Ehren, aber tut es Not, dass sie ausgerechnet mich zulabern muss?

Mich interessiert es wirklich nicht, dass sie gestern in Zillertal shoppen war und sich dort einen Baumwollschal gekauft hat, den sie mir gerade stolz präsentiert. Ebenso wenig wollte ich wissen, dass sie sie Sonja heißt. Ist ja schön für sie, aber muss sie es gleich jedem auf die Nase binden?
 
"Wie heißt du eigentlich?", endet sie ihren 'kurzen' Vortrag und sieht mich lächelnd an. Wusste ich es doch. Die Standardfrage von allen schlechten Anmachen.

"Kim... und ich muss jetzt los", füge ich schnell hinzu und erhebe mich eilends.

Ihr enttäuschter Blick spricht Bände. Tja, tut mir leid, aber ich bin nicht in Stimmung für eine Konversation. Schnell poltere ich die Stufen hinunter und mache, dass ich von der Skihütte weg komme.

Gut, wo lang sind Jan und die anderen noch mal? Vielleicht hat Gott mal soviel Gnade mit mir und gibt mir ein Zeichen. Erwartungsvoll blicke in gen Himmel, aus dem aber weiterhin nur kleine Schneeflocken auf den bedeckten Boden nieder rieseln.

Mein Atem steht in einer weißen Wolke vor meinem Gesicht und meine Nase fühlt sich schon wieder an wie abgestorben. Dabei wollte ich doch noch einen Kaffee trinken. Aber alleine gehe ich bestimmt nicht dahin zurück, ich bin ja nicht bekloppt.

Seufzend stapfe ich durch den Schnee und gehe einfach mal auf gut Glück auf ein paar entfernt stehende Tannen zu, deren Zweige unter der Last des Schnees leicht nach unten gedrückt werden.

Der Himmel ist blaugrau und die Sonne lässt die weiße Landschaft aufleuchten. Die Strahlen werden vom Schnee reflektiert und ein wenig blendet es mich nun doch, so schön es auch aussieht. Nun weiß ich, warum Oliver vorhin so eine belämmerte Brille aufgehabt hat.

Davon habe ich schon immer geträumt. Alleine in der Weltgeschichte umhergeistern, sich am Ende verlaufen und bitter erfrieren. Bibbernd stecke ich meine Hände in die Manteltaschen und stolpere einen kleinen Hang hinunter.

Hinter mir sind tiefe Furchen im Schnee zu sehen und so wie es scheint, ist vor mir noch keiner hier lang gelaufen, sonst wären hier mehr Spuren. Klasse, ich bin hier doch bestimmt falsch.

Frustriert drehe ich mich um. Die Hütte ist nur noch ein kleiner brauner Punkt der aus der weißen Landschaft hervorsticht. Was denn, bin ich tatsächlich schon so weit gegangen? Ich staune ja direkt über mich selbst.

Schweigend blicke ich mich um. Weiter unten sind einige Skifahrer zu sehen, auch wenn sie eher an kleine, bunte Flecken erinnern die verzweifelt versuchen den Bäumen auszuweichen. Was gäbe ich jetzt dafür mit anzusehen, wie einer von denen in voller Fahrt gegen eine Tanne knallt. Nein, ich bin nicht gemein, aber wie jeder andere brauche ich auch meine tägliche Lachdosis.

Summend stapfe ich weiter, ziehe eine Hand aus meinen Taschen und fahre mit ihr durch die Zweige einer kleinen Tanne. Kleine Schneekristalle sinken zu Boden und werden vom Wind ein Stück weiter davongetragen.

Ich glaube ich bleibe ein bisschen hier stehen. Die Aussicht ist auf jeden Fall traumhaft, auch wenn ich dieses Wort wahrscheinlich nie laut aussprechen würde.

Hinter mir ist ein leises Schlittergeräusch zu hören, das von Sekunde zu Sekunde lauter wird. Erstaunt drehe ich mich um und kann gerade noch panisch zur Seite springen, bevor mich ein verrückter Snowboarder über den Haufen fährt.

Unelegant lande ich im Schnee und habe heute nun schon zum zweiten Mal das Gesicht voller Schnee. Wenn das dein Zeichen war Gott, dann hilf mir in Zukunft nicht mehr, denn wie ich zu meinem Entsetzen feststellen muss, handelt es sich bei diesem Geisteskranken um keinen anderen als Oliver.

"Was war denn das gerade?", fragt er lachend und schiebt sich die Brille hoch, sodass seine Haare noch weiter nach oben stehen.

Wütend funkle ich ihn an, innerlich mit mir selbst ringend, ihm jetzt nicht an die Gurgel zu springen.

"Das war eine reine Selbstschutzmaßnahme!", keife ich ihn an und versuche aufzustehen. Langsam wird mein Hosenboden doch etwas kalt, und das letzte was ich heute noch gebrauchen kann ist ein verkühlter Unterleib.

"Ich hätte schon rechtzeitig gebremst", verteidigt er sich und sieht mich belustigt an.

"Sicher doch", murmle ich genervt und klopfe mir den Schnee vom Mantel. Wunderbar, eben noch hatte ich sogar richtig gute Laune, aber nein, irgendwer scheint mir die ja wieder mal nicht zu gönnen, und schickt diesen Teufel auf seinem Brett zu mir hinunter.

"Jetzt komm. Frieden", sagt er versöhnlich und streckt mir seine Hand entgegen. Skeptisch starre ich auf seine schwarzen Lederhandschuhe, bevor sich ein sachtes Grinsen auf meine Lippen schleicht und ich seine Hand ergreife. Nein, ich nehme dieses Friedensangebot auf keinen Fall an, das hätte er wohl gerne. Die Ergreifung seiner Hand dient ausschließlich dazu, ihn mit all meiner Kraft zu mir zu ziehen und in den Schnee zu schmeißen.

Sein überraschter Schrei hallt über die Landschaft hinweg und im nächsten Augenblick liegt er, wie ich vor einigen Minuten, im Schnee und reibt sich das Gesicht sauber. Verdattert und sichtlich überrascht schielt er zu mir hinauf.

Ich lächle siegessicher, bevor ich mich erbarme und ihm mitsamt Snowboard aufhelfe. "Frieden", sage ich grinsend und kneife ihm in die Wange, bis sie leicht rot anläuft. Auf sein Niveau mit dem Arschklaps lasse ich mich vorerst nicht hinunter... Was heißt hier eigentlich vorerst? Habe ich zuviel Schnee geschluckt oder friert mein Gehirn ein?

"Frieden", murmelt er leise und mustert mein Gesicht, Habe ich nen Keks an der Backe oder was starrt er mich jetzt so an? Ohoh... schon wieder dieses Grinsen... er wird doch nicht-

"Aah!!!"

Mit einem lauten Kampfesschrei stürzt er auf mich und reißt mich auf den Boden. Ein dumpfes Geräusch ertönt, als wir beide abermals im Schnee landen, wobei ich soviel Glück habe und auf ihm lande.

Überrumpelt starre ich ihn an und schon wieder funkeln seine Augen mich so durchdringend an. Das ist doch dieses 'Ich-ziehe-dich-mit-meinen-Blicken-aus'- Funkeln. Ein warmer Schauer läuft mir über den Rücken und ich merke, wie mir die Röte ins Gesicht schießt.

Hastig rolle ich mich von ihm hinunter, das leise Kichern hinter mir ignoriere ich dabei gekonnt. Kim, hallo?! Du wirst nächstes Jahr 22, also benimm dich nicht wie ein pubertierender Jugendlicher!

"Wie wäre es mit nem Kaffee?", durchbricht Oliver die entstandene Stille. Das einzige was ich jetzt noch zustande bringe, ist ein knappes Nicken. Alles ist mir recht, sofern ich wohin komme, wo ich nicht mit ihm alleine bin. Dieser Typ macht mich noch wahnsinnig.

Wie ein dummer Dackel trotte ich neben ihm her. Es beginnt bereits zu dämmern und die Sonne wirft ein rötliches Licht auf den weißen Schnee. Das ist auch eine Sache, die ich am Winter mag. Diese frühen Sonnenuntergänge und die klaren Nächte.

"Morgen würde ich gerne nicht vor neun geweckt werden", sagt er lächelnd und dreht sich zu mir um.

"Mal sehen was sich machen lässt", entgegne ich so bissig wie ich es unter der jetzigen Situation hinbekomme. Ich kann wirklich von Glück sagen, dass meine Stimme nicht das wiedergibt, was sich gerade in meinem Innersten abspielt. Nicht auszudenken was der Kerl dann von mir hält. Aber was interessiert es mich überhaupt, was der von mir denkt?

Die Skihütte ist nun in unmittelbarer Nähe und ich kann in der Dämmerung auch schon jemanden mit einer orangefarbigen Jacke winken sehen. Jan steht mit einem dampfenden Becher unten an der Treppe und scheint schon auf uns zu warten.

Ich versuche einfach mal mir nichts anmerken zu lassen. Immerhin ist ja nichts passiert...



23. Dezember


Leises Vogelgezwitscher dringt durch die geschlossenen Fenster und langsam kehre ich wieder ins Reich der Lebenden zurück. Ich hätte gestern Abend doch nicht soviel Caipirinha trinken sollen. Aber was kann ich dafür, wenn dieses Zeug so nach Brause schmeckt und ich mir davon sechs Sektgläser auf nüchternden Magen reinkippe?

Na schön, ich hätte auf die Prozentzahl gucken können, aber ich glaube mir war gestern einfach danach, diesen grausigen Tag mit Alkohol runterzuspülen. Alleine schon die Sache mit Oliver. Wenn ich schon daran denke wird mir wieder ganz komisch.

Naja, so habe ich wenigstens den Alleinunterhalter gespielt. Ich vertrage nämlich erschreckend wenig und nach dem vierten Glas habe ich schon die ganze Zeit dümmlich grinsend auf dem Sofa gehockt. Was nach dem fünften und sechsten Glas gelaufen ist, will ich lieber so schnell wie möglich vergessen, da ich lauthals die Lieder von Jans Weihnachts-CD mitgeträllert habe. Also kein Wunder, dass sich alle über mich amüsiert haben.

Eines steht fest, heute ist mir nicht danach früh aufzustehen. Brummend drehe ich mich auf der weichen Matratze um und kuschle mich an die große Wärmequelle an meinem Rücken. Aber warum spüre ich warmen Atem in meinem Nacken? Und wo zum Teufel kommt plötzlich der dritte Arm her? Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich aufgrund des Alkohols mutiert bin.

Vorsichtig öffne ich meine Augen und versuche meinen Körper herumzudrehen. Ächzend gelingt mir diese sportliche Leistung sogar und wenige Sekunden später blicke ich in ein grünes Augenpaar, das mich regelrecht auszulachen scheint.
 
"Morgen", flötet Oliver und grinst breit. Oh weh, schon wieder... warum zum Henker muss ich bei jeder Kleinigkeit rot anlaufen?! Das ist ja so peinlich. Wer weiß, was dieser Knilch sich darauf einbildet.

Fluchend rücke ich von ihm weg und richte mich angeschlagen im Bett auf. Schön, der Tag fängt ja schon mal richtig bescheiden an. Möchte ja nicht wissen, was diese Wahnsinnigen heute noch mit mir vorhaben.

Stöhnend massiere ich mir die Schläfen und fahre mir mit einer Hand durch die zerzauste Mähne. Wahrscheinlich habe ich wieder diesen 'Ich-fasse-gerne-in-Steckdosen'- Look drauf. Die Matratze knarrt leise und kurz darauf tippt mir jemand auf die Schulter.

Verstimmt drehe ich mich um, und blicke abermals in dieses funkelnde Augenpaar. Herr Gott noch mal, starr mich nicht so an. Das macht mich nervös. Ich glaube ich klebe ihm demnächst die Augen zu. Es ist doch wirklich nicht mehr feierlich, dass mich dieses intensive, schimmernde Blattgrün so aus der Fassung bringt... Oh man, ich bin wirklich reif für die Insel. Was betrachte ich eigentlich seine Augen so interessiert? Kim, guck woanders hin. Aus! Weg! Lass das!

"Aspirin?", fragt Oliver mich und bringt mich nun vollkommen aus dem Konzept. Aspirin? Häh? Was soll ich denn jetzt davon halten. Mein naiver Gesichtsausdruck spricht anscheinend Bände, da er wieder anfängt zu lachen und mir gegen die Stirn tippt.

"Hast du Kopfschmerzen? Brauchst du ne Aspirin?", wiederholt er seine Frage und langsam dämmert mir, was er eigentlich von mir will. Kopfschmerzen? Nee, bestimmt nicht, nur ein flaues Gefühl im Magen, wovon ich allerdings nicht sagen kann, ob es vom Hunger oder von etwas anderem kommt.

Schweigend schüttle ich den Kopf und versuche seinem Blick stand zu halten. Er mustert mich noch einige Sekunden, bevor er sich schultern zuckend von der anderen Seite des Bettes rollt und in Richtung Tür tapst. Ganz wach scheint er wohl doch nicht zu sein.

*~*~*~*~*

Ok, was tue ich hier? Warum um alles in der Welt habe ich mich dazu überreden lassen, mit diesen drei Chaoten auf den Weihnachtsmarkt zu gehen? Zillertal ist von der Hütte gute 30 Minuten zu Fuß entfernt, also schon wieder eine sportliche Höchstleistung für jemanden, der schon Muskelkater kriegt, wenn er Treppen steigen darf.

Und wie nicht anders erwartet, ist hier alles voller kleiner Kinder, die wie die Bekloppten schreiend durch die Gegend laufen und sich mit Zuckeräpfeln Karies einfangen, lautes Gebimmel und Geratter von den zig Karussells die an jeder Ecke verteilt sind, und mehrere Idioten die mit ihren Weihnachtsmannkostümen und falschen Bärten durch die Gegend laufen.

Der Gipfel der Quälerei sind ja noch die nervigen alten Weihnachtslieder die durch mehrere Lautsprecher über den ganzen Markt hinweghallen. Wen wundert es dann noch, dass ich mit einer Weltuntergangsmiene hinter Jan und Steffan herlatsche, die sich grinsend jeden Stand angucken müssen.

Fehlt nur noch, dass einer versucht mir eine von diesen blinkenden Nikolausmützen anzudrehen, aber dann laufe ich wirklich Amok! Stöhnend zwänge ich mich an ein paar Erwachsenen vorbei, die mit einem Becher Glühwein um einen Stand stehen und schon rote Wangen bekommen haben.

Naserümpfend weiche ich mehreren Kindern aus, die sich gegenseitig mit Schneebällen beschmeißen und mache einen großen, einen wirklich großen Bogen um einen alten Mann im Weihnachtsmannkostüm, der gerade Glocken schwingend in meine Richtung gelaufen kommt.

Das ist schrecklich. Wie konnte ich nur so dämlich sein, und mich mit hierher schleppen lassen? Ich hasse diese Weihnachtsmärkte. Es gibt kaum etwas Schlimmeres. Immerhin haben meine Eltern mich jedes Jahr mit auf einen von diesen Stimmungstötern geschleppt, wobei es ihnen völlig gleich war, ob ich nun noch elf Jahre bin, oder aber schon Siebzehn. An dieser Stelle noch mal ein großes Danke an den Vermieter, der mich und Jan mit Kusshand aufgenommen hat. So konnte ich mir dieses ätzende Ritual die letzten Jahre vom Leibe halten... aber nun?

Ja, aber nun... nun scheine ich plötzlich alleine zu sein. Hallo? Geht's noch? Was fällt diesen Pennern ein, einfach so mir nichts dir nichts aus meinem Blickfeld zu verschwinden? Die können mich doch nicht alleine unter diesen Verrückten lassen?

Genervt blicke ich mich um, kann aber unter den ganzen Leuten, keinen blonden Diestelkopf ausmachen. Na so ein Ärger. Herzlichen dank auch. Was mache ich denn jetzt? Mein Handy liegt in der Hütte, da ich den Akku erst aufladen muss und einen Schlüssel habe ich auch nicht, was heißt, dass ich nicht zurückgehen und mich vor den Kamin legen kann.

Fluchend gehe ich weiter, ignoriere das laute Gedudel eines Karussells, vor dem sich mehrere Dutzend Kinder scharen und mache, dass ich aus dem Trubel herauskomme.

Ächzend schlängle ich mich an ein paar älteren Herren vorbei, die Zigarre rauchend vor einem Porzellanstand stehen. Bäh, igitt. Ich hasse ja schon Zigarettenqualm, aber Zigarre stinkt noch schlimmer. Wenn meine Nase das richtig deutet, dann ist hier auch noch wer, der Pfeife raucht.

Eilends lasse ich diese Luftverpester hinter mir zurück und komme langsam aus diesem Menschenauflauf, der sich wie ein glibberiger Schleimstrom durch den Markt zieht heraus. So, und nun? Gibt es hier in der Nähe einen Waffenladen, damit ich mich erschießen kann?

Das kann doch alles nicht wahr sein. Vor mir die leeren Straßen und hinter mir das weihnachtliche Höllenfeuer. Wunderbar, und kein Jan und kein Steffan zu sehen. Sogar Oliver wäre mir jetzt recht, Hauptsache ich bin nicht alleine hier.

Seufzend lasse ich mich auf einer verschneiten Bank nieder und ziehe meinen Schal höher. Ok Kim, du bist gerade alleine im Nirgendwo, hast kein Handy und keinen Schlüssel. Was machst du jetzt?

Genervt fahre ich mit meinem Fuß durch den puderigen Schnee und ziehe tiefe Furchen hinein. Vereinzelt rieseln kleine Flocken auf mich nieder und ich betrachte die großen beleuchteten Fenster der Häuser, die bereits mit Raureif überzogen sind.

"Da bist du", höre ich eine Stimme hinter mir und drehe mich erstaunt um. Ach, wer auch sonst. Hat dieser Typ einen eingebauten Kim-Radar, dass es immer er ist, der mich aufspürt? Skeptisch hebe ich eine Augenbraue, als er sich neben mir nieder lässt.

"Sag bloß, es ist euch aufgefallen, dass ich weg bin?", gebe ich angesäuert zurück. Oliver sieht mich verständnislos an, bevor er aus seinem Rucksack eine kleine Tüte hervorkramt und sie mir entgegenhält.

"Mir ist nur aufgefallen dass ich plötzlich alleine war", meint er seufzend und grinst schief.

"Na dann, willkommen in Club der Verlassenen", entgegne ich ironisch und mustere die Tüte, aus der zugegeben ein angenehmer Geruch empor steigt. Auf gut Glück greife ich einfach mal rein. Es wird ja wohl nichts drin sein, dass mir die Finger wegätzen wird. Aha, ne Mandel. Ok, ich mag Nüsse... das könnte man jetzt wieder zweideutig betrachten. Jetzt ist Schluss du Depp!

"Tja, wollen wir sie suchen gehen, oder warten wir hier?", fragt er mich und steckt sich ne Mandel in den Mund. Ich sehe ihn an, als wenn er mich gerade gefragt hat, ob ich flauschige Häschenshorts trage. Zurück? Sie suchen gehen?

"Bestimmt nicht. Da gehe ich nicht mehr freiwillig rein", sage ich entsetzt und klaue ihm noch eine Mandel. Die Dinger machen süchtig, so ein Ärger.

"Mag sein, dass es mir nur so vorkommt, aber kann es sein, dass du was gegen Weihnachten hast?", hakt er weiter nach und betrachtet mich neugierig.

Reflexartig beginne ich zu klatschen und wenn ich jetzt nicht noch etwas von der Mandel im Mund hätte, dann hätte ich sogar gepfiffen.

"Mensch, Blitzmerker", bringe ich kauend hervor und klopfe ihm auf die Schulter. Man, der Junge ist ja richtig fix. Dabei murre ich ja erst seit zwei Tagen rum, dass mir dieser ganze Trubel gegen den Strich geht.

"Aber irgend etwas muss es doch geben, was du an Weihnachten magst", sagt er verständnislos und legt die Stirn in Falten. Oh weh, wieder einer von der Sorte, die sich nicht vorstellen können, dass es auch normale Leute gibt, die diese ganze Geldhamsterei die mit Weihnachten verbunden ist durchschaut haben.

"Ich mag es einfach nicht. Früher hat es vielleicht noch irgendwie Sinn ergeben, aber in den letzten Jahren ist es doch wirklich nur noch reine Geldausgeberei für irgendwelchen Schwachsinn, den eh keiner braucht. Zumal, langsam glaube ich, dass sich irgendein paar gestresste Eltern damals das mit dem Weihnachtsmann ausgedacht haben, damit sie ihre nervigen Kinder soweit unter Kontrolle haben, von wegen, wenn du böse bist, kriegst du nichts geschenkt und so weiter." Mein ernster Blick scheint ihn doch ein wenig erstaunt zu haben. Bitte, es ist meine Meinung und dabei bleibt es auch.

"Mag sein... aber irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, dass es nichts gibt, was du in Verbindung mit Weihnachten magst", versucht er es weiter und ich verdrehe genervt die Augen. Manche kapieren es einfach nicht, auch wenn sie es schriftlich kriegen. Ok, um des lieben Friedens Willen und in der Hoffnung, dass er aufhört mich zu löchern, denke ich mal drüber nach.
 
"Ich mag den Winter, wenn es schneit... die kalte Jahreszeit ist mir ohnehin lieber als der Sommer und so...", beginne ich und ernte ein breites Lächeln. Was freut er sich denn jetzt wieder? Verdattert blicke ich ihn an. Also irgendwie ist der Kerl schon seltsam.

"Ich mag den Winter auch lieber als den Sommer. Da kann man sich wenigstens so anziehen, dass einem weder zu warm noch zu kalt ist. Im Sommer ist das scheiße, denn wenn dir warm ist kannst du nicht einfach mal so nackt über die Straße laufen", meint er grinsend und sogar ich muss bei diesem Gedanken leicht lächeln... Oliver, der im Sommer nackt über die Straße-

Moment mal, Stopp! Was denkst du schon wieder? Pfui Kim! Böser Junge!

"Ah ja, und Mon Chéri. Die Dinger gibt es auch nur zum Winter", füge ich seufzend hinzu. Ja, doch ich gebe es zu. Ich liebe diese Dinger. Auch wenn ich nach einer Packung schon leicht angeheitert bin.

"Soso, dann müsstest du doch eigentlich mehr vertragen, als das was du gestern-" Er bricht den Satz ab und sieht mich belustigt an. Ja, ganz toll, Rot lässt grüßen. Scheiße verdammt. So oft wie in den letzten Tagen habe ich mich schon lange nicht mehr blamiert.

"Gesunde Durchblutung", sagt er knapp und grinst anzüglich. Waah! Schon wieder. Kann der Kerl mich nicht anders angucken? Muss der mich so hibbelig machen?! Ein Kribbeln durchflutet meinen Magen und ich greife abermals in seine Tüte und stopfe mir eine Ladung Mandeln in den Mund. Ruhig Kim, nicht aufregen. Immer nur an das eine denken. Kauen, schlucken, kauen, schlucken...

*~*~*~*~*

Eigentlich ist dieser Anblick geradezu perfekt. Die Sonne geht langsam unter und lässt den Schnee und den zugefrorenen See in einem Feuerorange aufleuchten, klare feine Eiskristalle fallen herab und am dunklen Himmel sind bereits die ersten blassen Sterne zu erkennen.

Ja, es ist geradezu perfekt... wenn da nicht ein paar geisteskranke Personen wären, die mich nun dazu zwingen wollen Schlittschuh zu laufen. Und das auch noch auf einem See! Was bitte schön mache ich denn, wenn das Eis unter mir bricht? Dieses Loch ist so winzig, wahrscheinlich findet man das noch nicht einmal auf einer Landkarte. Wie soll man mich dann finden, wenn ich einbreche?

Überhaupt habe ich in meinem ganzen Leben erst einen Versuch gestartet Schlittschuh zu laufen... geendet hat das ganze damals mit einem verstauchten Fuß, also kann man sich ja denken, wie ich über diese Freizeitaktivität denke.

Nur leider habe ich Jan vorher versprochen, dass ich mich heute nicht quer stelle wie gestern beim Snowboarden. Hätte ich gewusst, dass diese Deppen vorhaben Schlittschuh zu laufen, dann wäre ich gestern doch eher auf eines dieser mörderischen Bretter gestiegen.

Bekümmert starre ich auf die Schlittschuhe an meinen Füßen, die man sich an einem kleinen Stand leihen konnte und betrachte die vereinzelten Pärchen, wie sie Hand in Hand über das zugefrorene Wasser gleiten.

Mein einziger Trost ist der, dass Oliver anscheinend auch nicht sonderlich begeistert über die Entscheidung ist, da er, genauso wie ich, noch immer auf einer Bank sitzt und anscheinend auf ein Wunder wartet.

"Gehst du nicht?", frage ich und grinse ihn frech an. Der getretene Hundeblick den er mir zuwirft ist aber auch wirklich niedlich. Da könnte ich ja beinahe Mitleid bekommen. Na was solls, jetzt gibt es kein zurück, zumal ich es auch nicht einsehe, drei Euro Leihgebühr zu zahlen, wenn ich dann nicht einmal aufs Eis gehe.

"Ich verspreche dir auch, dass ich dich auffange", füge ich hilfsbereit hinzu, woraufhin er mir lächelnd die Zunge entgegenstreckt.

"Sicherlich, damit wir beide auf die Fresse fliegen", murmelt er stöhnend und erhebt sich vorsichtig. Dann mögen die Spiele beginnen. Langsam stolpere ich in Richtung Eisfläche und werfe einen skeptischen Blick auf den spiegelartigen Grund.

"Wo bleibt ihr denn?", ruft Jan lachend und dreht eine Pirouette.

"Alter Angeber!", schreie ich ihm nach, aber ich bezweifle, dass er mich gehört hat, da er gerade versucht Steffan zu fangen, der ihm soeben seine Mütze geklaut hat. Seufzend blicke ich den beiden nach. Die Kreise die sie ziehen, sind ja schon beinahe elegant.

Gut, dann wollen wir denen mal zeigen, was unelegant bedeutet. Ich schlucke kurz und setzte meinen ersten Fuß auf die rutschige Fläche. Ok... so weit so gut. Jetzt nur nicht das Gleichgewicht verlieren. Langsam ziehe ich meinen zweiten Fuß nach und breite reflexartig meine Arme aus.

Ich bezweifle zwar, dass es mir was bringt, wenn ich bei einem eventuellen Fall mit den Armen rudere, aber wenn ich mich schon blamiere, dann aber richtig. Zögernd rutsche ich einen Meter weiter auf das Eis und drehe mich zu Oliver um, der mich wieder mit diesem Hundeblick anstarrt. Ach Gottchen, jetzt bräuchte ich ne Kamera. Warum zum Teufel habe ich dieses verfluchte Gerät immer dann nicht dabei, wenn es wirklich etwas gibt, das sich zu knipsen lohnt.

"Duhu traust dich nicht", flöte ich grinsend und versuche so unbekümmert wie nur möglich drein zugucken und gerade zu stehen. Schon wieder lacht er. Dieses Lachen tönt regelrecht in meinem Kopf wieder. Argh, das ist ja schlimmer als jeder Ohrwurm. Muss der Typ so ein angenehmes Lachen haben?

Oha, jetzt geht's los. "Der Meister persönlich betritt das Eis. Und... Er gerät ins Schwanken... Aah, beinahe wäre er gefallen, aber er hat sich im letzten Moment gehalten. Man bestaune die elegante Rudertechnik der Arme...", sage ich grinsend und tue so, als wenn ich ein Mikrofon in meiner Hand halte. Oliver scheint meine kleine Ansage noch mehr aus dem Konzept zu bringen, da er anscheinend nicht weiß, ob er jetzt böse auf mich sein soll, oder weiter lachen soll.

"Du fieses Stück!", ruft er mir entgegen und versucht auf mich zuzuschlittern. Ok Kim, was tust du jetzt? Der Junge kriegt langsam richtig fahrt drauf, also sieh zu, dass du hier wegkommst.

Hastig drehe ich mich um... was sich allerdings als Fehler herausstellt, da ich nicht damit gerechnet habe, dass ich soviel Schwung draufhabe. Kläglich lande ich auf dem Hosenboden, die Beine von mir gestreckt und mit einem verdatterten Gesichtsausdruck. Klasse, schlimmer geht's wirklich nicht mehr.

Das Schlittergeräusch hinter mir beunruhigt mich... was zum-

"Aah!" Mit einem ebenso uneleganten Flug fällt Oliver über mich drüber und landet unsanft auf seinem Bauch. Aua, das hat wehgetan. Aber mein Rücken fühlt sich jetzt auch nicht viel besser an.

Aber etwas Gutes hat es doch, nun bin ich wenigstens nicht der einzige Versager, der auf dem Eis liegt. Ein lautes Lachen entweicht meiner Kehle, als ich zusehe, wie Oliver versucht sich auf allen Vieren aufzurichten, aber am Ende wieder auf die Eisfläche plumpst. Fluchend dreht er sich zu mir um.

"Das ist nicht komisch", flucht er mürrisch, kann sich aber ein breites Grinsen doch nicht mehr verkneifen. Naja, wenigstens nimmt er es gelassen. Nun aber zum wesentlichen Problem. Kim, du sitzt noch immer auf dem kalten Eis und deine Hose ist bestimmt auch gleich durchgeweicht. Ächzend versuche ich mich umzudrehen, damit ich mit den Knien auf dem See hocke und stütze mich auf dem Boden ab.

Schön... und jetzt? Ich weiß genau, wenn ich mich jetzt bewege, habe ich ein Problem. Kann mir vielleicht mal wer verraten, warum ich hier bin?

Stöhnend versuche ich mich aufzurichten, aber bei jeder Bewegung rutschen meine Beine weiter auseinander. Eisgymnastik, das hat doch was. Sieht bestimmt gut aus, wie ich da breitbeinig auf allen Vieren stehe und versuche nicht wieder wegzurutschen. Wenn das so weiter geht, dann schaffe ich heute noch einen Spagat... und das wird sicherlich scheiße wehtun.

Neben mir huscht ein anderes Objekt vorbei, das anscheinend den Dreh raus hat, wie man auf einem zugefrorenen See zu krabbeln hat. Ein schwarzer Stachelkopf lächelt mich triumphierend an, bevor er sich vom Eis auf den Schnee zieht.

Neidisch betrachte ich Oliver, der nun zwei bis drei Meter von mir entfernt auf dem sicheren Schnee sitzt. Auf den Gedanken mir zu helfen kommt er natürlich nicht. Ich seufze resigniert und versuche mich mit eigener Kraft hier wegzubringen. Wie eine Robbe krauche ich auf den Schnee zu, da ich soeben wieder auf dem Bauch gelandet bin.

Auf den letzten Meter streckt mir Oliver seine Hand entgegen und zieht mich ans rettende Ufer. Keuchend und sichtlich erledigt lasse ich mich neben ihm in den Schnee plumpsen und starre gefrustet auf die Schlittschuhe.

"Weiche teuflische Brut", murmle ich und schlüpfe aus diesen verräterischen Dingern. Oliver tut es mir gleich und ein paar Minuten später sitzen wir bibbernd, aber mit einem Becher Glühwein auf einer Bank und beobachten Jan und Steffan, die Gott sei dank nichts von unserem Synchronfallen mitbekommen haben.

Nicht auszudenken, was ich mir dann die nächsten Tage wieder anhören dürfte...



24. Dezember


Kartoffelsalat und Würstchen, das traditionelle deutsche Weihnachtsessen. Eigentlich hängt mir das Zeug zum Halse raus, aber Jan macht immer so nen guten Salat. Wen wundert es dann noch, dass ein verfressenes Objekt wie ich, sich freiwillig dazu bereit erklärt hat, die Kartoffeln klein zuschneiden?
 
Aus dem Radio tönen, wie sollte es anders sein, Weihnachtslieder und ich weiß nicht, ob es nur mir so geht, aber wenn ich noch eine gecoverte Version von Last Christmas höre, springe ich aus dem Fenster.

"Ich gucke mal, wie weit Steffan und Oli mit dem Baum sind", sagt Jan plötzlich und legt das Messer beiseite. Bei dem Gedanken an einen kitschig geschmückten Baum wird mir wieder ganz anders. Aber immerhin wurde ich 3:1 überstimmt. Also musste ich mich gestern Abend dazu bereit erklären den Baum, den Steffan und Oliver vor ein paar Tagen gekauft haben, mit ins Wohnzimmer zu hieven.

Das ich mich dabei ständig an den Nadeln gepiekst habe, scheint keinen sonderlich interessiert zu haben.

Seufzend hacke ich weiter auf die gekochten Kartoffeln ein. Langsam sollte ich mich wirklich beeilen, da wir in knapp vier Stunden Abendbrot essen wollen. Andererseits, wenn ich jetzt schneller schneide, laufe ich auf die Gefahr hin, mir die Finger abzusäbeln.

"Machst du das auch richtig?", ertönt eine Stimme dicht an meinem Ohr und ein warmer Schauer läuft mir über den Rücken. Das ist nicht gut, ich ahne schlimmes. Als sich dann auch noch zwei Arme um meine Taille schlingen, ist es für mich gelaufen.

Mit feuerrotem Gesicht und schnellem Herzschlag stehe ich vor der Kartoffelschüssel und spüre Olivers warmen Atem in meinem Nacken.

"Ich habe ein Messer und ich werde es auch benutzen", bringe ich mit dem letzten bisschen Selbstbeherrschung über die Lippen und drehe meinen Kopf zur Seite. Seine grünen Augen lachen mich an, aber dem Himmel sei dank, lässt er von mir ab. Erleichtert atme ich aus. Nicht auszudenken was passiert wäre, wenn der mich länger so umarmt hätte. In meiner Lendengegend hat nämlich etwas verdächtig angefangen zu zucken.

"Der Baum ist fertig", sagt er grinsend und setzt sich auf den Küchentisch. Misstrauisch schiele ich zu ihm hinüber, bevor ich meine Aufmerksamkeit wieder auf die Kartoffeln lenke. Wenn ich nicht langsam mal Gas gebe, dann wird Jan nur wieder sauer.

"Und?", frage ich gelangweilt und kratze die kleinen Stücke in eine große Schüssel.

"Nichts...", entgegnet er leise und mustert mich durchdringend. Also langsam habe ich das Gefühl, dass der Kerl etwas von mir will. Was muss er mich immer so anstarren?! Das macht mich nervös.

"Gut", erwidere ich kurz und malträtiere die letzte Kartoffel. Einfach ignorieren, dass hast du doch die letzten Tage auch ganz gut hingekriegt. Seufzend lege ich das Brett beiseite und blicke zufrieden auf den großen Kartoffelstückchenberg, den ich ganz alleine erschaffen habe. Ich bin was kochen anbelangt wirklich nicht gerade talentiert, daher ist es für mich schon ein Wunder, dass ich das alles ohne Verletzungen überstanden habe.

"Bist du sauer?", fragt Oliver mich und sieht mich leicht bekümmert an. Meine Herrn, jetzt nicht auch noch diese Nummer. Warum sollte ich sauer sein?!

"Ich kann es halt nicht ab, wenn man mich ununterbrochen anstarrt wie eine Erscheinung, sich von hinten an mich heranschleicht und mich antatscht", entgegne ich säuerlich und funkle ihn missmutig an.

Kim, sag mal bist du total übergeschnappt!? Was sollte denn das jetzt? Oh, wunderbar, du hast es mal wieder geschafft jemanden den Tag zu versauen. Schweigend verlässt Oliver die Küche und lässt mich alleine zurück.

"Verdammter Idiot", schimpfe ich mit mir selbst und könnte mir, wenn ich nicht so ungelenkig wäre, in den Arsch treten. Warum muss auch immer mein Temperament mit mir durchgehen? Und überhaupt, im Prinzip hat es mich ja auch nicht gestört.

Jetzt ist er bestimmt sauer auf mich. "Du riesigengroßes Mondkalb", murmle ich, und bemerke dabei nicht, dass Jan plötzlich neben mir steht. Überrascht blicke ich ihn an.

"Mondkalb? Wer?", fragt er interessiert und betrachtet mich neugierig. Na klasse, ertappt. Abwehrend schüttle ich den Kopf und deute auf die Kartoffeln.

"Niemand. Da, bin fertig", sage ich knapp und stelle zu meiner Erleichterung fest, dass er sich damit zufrieden gibt. Da hab ich ja mehr Glück als Verstand gehabt, denn Jan ist notorisch neugierig, und er lässt einen solange nicht in Ruhe, bis er weiß, was los ist.

"Oliver sah gerade ziemlich traurig aus", meint er beiläufig und kippt die Kartoffeln in die große Tupperschüssel, wo bereits die anderen Zutaten drin sind. Mir ist, als falle ich gerade aus allen Wolken und schlage mit voller Wucht auf dem Erdboden aus.

Musste das jetzt sein? Hätte er sich diese Bemerkung nicht schenken können? Jetzt habe ich wieder ein schlechtes Gewissen.

"Vielleicht hat er sich am Baum gestochen", versuche ich Jan zu beruhigen.

"Oli mag dich", sagt er ernst und sieht mich wieder mit diesem Blick an, bei dem sich in mir alles verkrampft. Was soll ich denn jetzt machen? Nur weil ich ein bisschen genervt bin, ist das noch lange kein Grund mich anzustarren, wie den größten Sünder aller Zeiten.

"Man, ihr geht mir auf den Keks", fluche ich ungehalten, drehe Jan meinen Rücken zu und verlasse die Küche. Man, man, man. Jetzt bin ich wieder der Buhmann, wirklich toll. Da sage ich einmal was falsches, und schon muss der Kerl einen auf Mitleid machen. Dabei hat er am Anfang auf mich den Eindruck des größten Machoarsches der Welt gemacht. Arrogant, selbstgefällig, egoistisch...

Rede ich jetzt eigentlich von Oliver oder von mir? Schweigend lehne ich mich an den Türrahmen und betrachte den großen Baum, der mich in rot-gold anfunkelt. Steffan ist gerade damit beschäftigt das Kabel der Lichterketten zu entwirren, da anscheinend die Länge doch nicht bis zur Steckdose ausreicht und er nun gezwungen ist, die Knoten am Ende zu entwirren.

"Wo ist denn Oliver?", frage ich automatisch, da der schwarzhaarige Typ irgendwie in diesem Bild fehlt.

"Holz hacken", sagt Steffan knapp und flucht laut, als er anstelle eines Knotens nun zwei Knoten zu entwirren hat. Tja, wer keine Arbeit hat, der macht sich welche.

Ich seufze resigniert und schleppe mich zur Haustür. Ich verstehe immer noch nicht, was mich jetzt dazu veranlasst diesen Kerl aufzusuchen. Aber wahrscheinlich ist Jan daran schuld, da er es immer wieder schafft, mir mit wenigen, kurzen Sätzen ein schlechtes Gewissen zu bereiten.

Eilends schlüpfe ich in meinen Mantel und verlasse die Hütte. Ein kalter Wind schlägt mir ins Gesicht und ich stecke meine Hände sogleich in meine Taschen. Handschuhe habe ich in der Eile mal wieder vergessen.

Suchend blicke ich mich um und vernehme auf der anderen Seite der Hütte laute Axtgeräusche. Schwer atmend stapfe ich durch den Schnee um die Hütte herum und komme schließlich am Holzschuppen an, wo jemand gerade seinen vorhandenen Frust an unschuldigen Holzstumpfen auslässt.

Schweigsam beobachte ich ihn eine Weile. Ich frage mich wirklich, wie jemand soviel Kraft haben kann, diese dicken Brocken zu zerteilen. Ich würde mit meiner schmächtigen Gestalt noch nicht einmal die Axt anheben können.

"Machst du das auch richtig?", frage ich schließlich, woraufhin Oliver sich erschrocken umdreht. Hat wohl nicht damit gerechnet, dass ich ihm hinterher latsche. Er sieht mich kurz an, bevor er ohne mir zu antworten die kleinen Holzscheite aufsammelt und in Richtung Haustür schleppt.

Ok, er ist sauer, das sieht man. Stöhnend bücke ich mich und sammle die vereinzelten Scheite auf, die ihm auf seinem Weg hinuntergefallen sind. Ich kann nur hoffen, dass er mich heute Nacht nicht vor die Tür setzt.

*~*~*~*~*

Kennt jemand den Ausdruck: Fressen wie eine siebenköpfige Raupe? Wenn nicht, dann muss er nur einmal mich angucken. Das ist auch eines der Dinge, die ich an Weihnachten hasse. Diese unnötige Fresserei. Und dann muss Jan natürlich noch Schokopudding machen, wo er genau weiß, dass ich mich da ohnehin nie beherrschen kann.

Auf jeden Fall sitze ich jetzt mit einem schönen Kugelbauch auf dem Sofa und starre geistesabwesend ins Feuer. Zum Glück gibt mein schwarzer Rollkragenpulli nach, sonst hätte ich ein Problem.

Steffan hat sich, man höre und staune, sogar freiwillig dazu bereit erklärt, mit Jan das Geschirr zu spülen. Aber das ist ja wohl auch das mindeste, immerhin habe ich meinen Teil schon dazu beigetragen, indem ich beim Kochen geholfen habe.

Oliver sitzt in dem schwarzen Ledersessel und blättert lustlos in einem dicken Buch. Den ganzen Abend schon, versucht er krampfhaft meinen Blick zu meiden. Dabei ist mir längst aufgefallen, dass er bei jeder Gelegenheit zu mir herüberschielt.

Aber eines steht fest, dieses Schweigen macht mich wahnsinnig. Ok, es tut mir leid, ich war mal wieder zu biestig. Kann er jetzt bitte aufhören, mich so wehleidig und verletzt anzugucken. Da, schon wieder. Sobald ich hingucke, blickt er stur woanders hin.

Also, jetzt reicht es wirklich. Fest entschlossen rolle ich mich vom Sofa herunter, in der Hoffnung, mich aufgrund meiner Fressaktion nicht doch noch zu übergeben und krabble auf allen Vieren auf ihn zu.
 
Aha, war das ein Lächeln... nee, ich glaube nicht. Oder er versucht es sich zu verkneifen. Schön, setzten wir eben noch eins drauf. Flüchtig lasse ich meinen Blick über den Tisch wandern und finde sogar das Objekt meiner Suche. Jans Wunderkerzen.

Ja, jetzt mal alle lachen, ein rothaariger Zwerg krabbelt nun mit einer Wunderkerze auf den Kamin zu und hält das graue Stäbchen hinein, das wenige Sekunden später Funken sprüht.

Mit der Wunderkerze in der einen Hand krauche ich auf Oliver zu, der nun endgültig sein Buch beiseite gelegt hat und mich ungläubig anstarrt. Na kein Wunder, der muss ja auch denken, dass ich einen an der Klatsche habe. Aber eines kann ich sagen, so was mache ich kein zweites Mal.

Wie ein Hund lege ich meinen Kopf auf seine Knie und blicke reumütig zu ihm hinauf, die Wunderkerze über mich schwingend.

"Ich bitte um Vergebung", jammere ich und versuche dabei Jan zu imitieren, der mit dieser Tonlage immer das kriegt was er will. Hoffen wir mal, dass ich das wenigstens halb so gut hinbekomme.

Grinsend nimmt Oliver mir die Wunderkerze aus der Hand und steckt sie ihn den großen Blumentopf aus der eine kleine Palme wächst. Er seufzt resigniert und wuschelt mir kurz darauf durch die Haare.

"Einem Giftzwerg wie dir kann man eh nicht lange böse sein", meint er gönnerhaft, und eines steht fest: Wenn ich mir jetzt nicht einen Keks freuen würde, dass er nicht mehr sauer auf mich ist, dann würde ich ihm jetzt in den Arsch treten. Ich hasse es wie die Pest, wenn man mich Giftzwerg nennt, aber heute sei es ihm gewährt.

"Na, ausgesprochen?", ertönt Steffans Stimme, der zufrieden dreinblickend mit einem Handtuch im Türrahmen steht und uns beide wissend mustert.

Wie von der Tarantel gestochen nehme ich meinen Kopf von Olivers Schoß und rutsche erst einmal einen halben Meter von ihm weg. Mist, schon wieder ertappt. Langsam reicht es wirklich.

"Du hast manchmal echt ein beschissenes Timing", murrt Oliver, dem anscheinend das plötzliche Auftauchen des brünetten Jungen auch nicht gerade passt. Na ja, shit happens. Wäre ja mal ein Wunder gewesen, wenn mal nichts dazwischen kommen würde.

"So Mädels. Dann machen wir jetzt Bescherung", ruft Jan hibbelig aus und lässt sich mit Schwung auf das Sofa fallen.

Bescherung? Och nein, bloß das nicht.

*~*~*~*~*

Toll, das ist mal wieder ein Schuss in den Ofen gewesen. Ich habe vorher ja nicht gewusst, dass Oliver hier ist, daher habe ich auch nur für Jan und Steffan was besorgt. Das wurmt mich jetzt. Mein einziger Trost ist der, dass Oliver vorher anscheinend auch nicht gewusst hat, dass ich mitkomme.

Nun gut, eigentlich hatte ich ja auch nicht vor mit hierher zu kommen. Ich habe mich wie immer von Jan bequatschen lassen. In diesem Gebiet ist er wirklich Weltmeister. Man kann noch so sehr dagegen sein, er schafft es doch immer wieder.

Seufzend kuschle ich mich tiefer in mein Kissen. Man war das peinlich. Ich und Oliver gucken uns beschämt an, da wir nichts füreinander hatten. Normalerweise bin ich eh gegen dieses blödsinnige hin- und hergeschenke, aber mit leeren Händen dazustehen ist auch blöd.

Ich frage mich nur, wo Oliver jetzt schon wieder steckt. Es ist spät und ich will pennen, aber wie mir scheint, ist er nicht gewillt, meinem stummen Bitten nachzugeben. Ok, ich gebe ihm noch fünf Minuten, dann verbarrikadiere ich die Tür und er kann auf dem Sofa schlafen.

Die Zimmertür knarrt leise und ich höre dumpfe Schritte auf dem Boden. Na endlich, wurde aber auch Zeit. Jetzt soll er aber auch machen, dass er ins Bett kommt, sonst muss ich nachhelfen.

Häh? Was geht denn jetzt? Wo kommt jetzt dieses weihnachtliche Gedudel her? Ja sag mal, will der Kerl mich verarschen, was soll denn das jetzt? Aha, jetzt weiß ich woher dieses nervige Geräusch kommt. Das ist doch diese ätzende Spieluhr, die mich vorhin schon fast in den Wahnsinn getrieben hat.

Er soll bloß zusehen, dass er das Ding abstellt, sonst gibt es wirklich noch Tote. Murrend ziehe ich mir die Decke über den Kopf und versuche dieses Gedudel zu ignorieren. Die Matratze hinter mir wird leicht hinuntergedrückt und die Musik erscheint mir jetzt auch viel lauter.

Oh nein, das wagt er nicht, er sitzt jetzt nicht auf der Matratze und hält diese dämliche Spieluhr in meine Nähe. Gleich vergesse ich mich... gleich... Na klasse, danke schön. Jetzt habe ich einen Ohrwurm. Verdammter Mistkerl, das habe ich nun davon.

Ich kann gar nicht verstehen, wie ich vorhin noch ein schlechtes Gewissen ihm gegenüber gehabt habe. Wahrscheinlich haben mir die Kartoffeldämpfe das Gehirn vernebelt. Fluchend rolle ich mich unter der Decke zusammen und stecke mir die Finger in die Ohren.

Lalalala, ich höre nichts. Denk nur nicht, dass du mich damit provozieren kannst... Nein, das wagt er nicht. Das wird er nicht-

Er hat es gemacht. Dieses Ekelpaket hat doch tatsächlich die Dreistigkeit mir die Bettdecke wegzuziehen. Sichtlich angepisst setze ich mir kerzengerade im Bett auf und drehe mich säuerlich zu ihm um, fest entschlossen ihm jetzt mal meine Meinung zu geigen, ohne Rücksicht auf Verluste...

Ok, vergessen sind die Vorsätze, das einzige was ich jetzt noch fertig bringe ist lauthals loszulachen. Ich glaube es ja nicht, der Kerl hat doch tatsächlich noch einen größeren Schaden als ich.

Mir steigen bereits die Tränen in die Augen, da Oliver mit einer dieser bescheuerten blinkenden Weihnachtsmannmützen vor mir sitzt, mit nichts weiter als einer Short bekleidet und schwängt dabei dieses kitschige Rentier, aus der diese grauenhafte Musik ertönt. Die Krönung des Ganzen ist ja, dass er sich mit einem Filzer oder Edding Mon Chéri auf den Bauch geschrieben hat. Und von der goldenen Schleife um seinen Hals will ich erst gar nicht reden.

"Du... bist doch verrückt", bringe ich lachend hervor und wische mir mit dem Handrücken über die Augen. So einen Weihnachtsmann hätten meine Eltern mir mal vorsetzen sollen, anstelle von meinem übergewichtigen Onkel. Vielleicht hätte ich dann keine so große Abneigung gegen Weihnachten.

"Du sagst du magst Mon Chéri", verteidigt er sich grinsend. Ich frage mich wirklich, wer von uns beiden röter im Gesicht ist. Ich vom Lachen oder er, weil er sich auch ein wenig bescheuert vorkommt.

"Tu ich auch... darf ich dich jetzt auspacken, oder soll ich dich fürs nächste Jahr aufheben?", frage ich lächelnd, woraufhin er entsetzt den Kopf schüttelt. Wahrscheinlich ist er nicht scharf darauf, das kommende Jahr in diesem Outfit herumzulaufen. Obwohl, mich persönlich würde es nicht stören.

Grinsend knote ich ihm die Schleife ab und lasse sie auf den Nachttisch fallen. Als nächstes ist die Spieluhr dran. Mit einer schnellen Bewegung drücke ich auf den kleinen schwarzen Knopf und augenblicklich verstummt das Gedudel. Na Gott sei dank. Ich war schon kurz vorm Schreien.

Mal sehen... was kommt als nächstes?

"Ein Teil darfst du noch entwenden", sagt er plötzlich und grinst mich frech an. Höh, ein Teil? Verdutzt lasse ich meinen Blick über ihn gleiten. Waah! Das ist nicht sein Ernst.

"Das ist gemein", maule ich und verziehe das Gesicht. So was fieses, entweder ziehe ich ihm diese dämliche Mütze vom Kopf und habe dann bezüglich der Shorts das nachsehen, oder aber ich entwende ihm seine Shorts, was für mich zwar vorteilhaft ist, wobei ich dann aber die ganze Zeit diesen blinkenden Stimmungstöter ansehen muss.

Mein Schmollmund scheint ihm wohl zu gefallen, da er großzügig den blinkenden Stofffetzen entfernt und in die nächste Ecke schleudert. Sichtlich zufrieden krabble ich auf ihn zu und lege den Kopf schief.

"Vom Umtausch ausgeschlossen", meint er lächelnd, woraufhin ich wieder breit grinse. Also, da müsste ich ja wirklich einen an der Klatsche haben, wenn ich dieses 'Geschenk' wieder umtauschen gehe.

"Nicht nötig", murmle ich leise und ziehe ihn zu mir auf die Matratze. Die Frage, woher er diese blöde Mütze hat, spare ich mir für morgen auf. Jetzt ist es wirklich an der Zeit, dass mir mal jemand den Sinn von Weihnachten bis ins kleinste Detail erläutert...