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Mad life Teil 6 bis 10

Kapitel 6: Das Verhalten pubertärer Jungendlicher im Vollrausch


Nein! Nein, nein und nochmals nein! Das können sie nicht von ihm verlangen. Das grenzt ja schon beinahe an seelischer Vergewaltigung! Nur über seine Leiche wird er mit zu dieser Party gehen. Lebend werden sie ihn nicht kriegen.

Wütend schlägt Ricki mit der Faust auf den Tisch und funkelt mordlustig durch die Runde. Katja, welche ein wenig besorgt von ihrer Modezeitschrift aufblickt, wirft ihrem Sprössling einen vielsagenden Blick zu, woraufhin dieser nur abwehrend den Kopf schüttelt.

Mehr als diesen Freak zu fragen, ob er mitkommt, kann er ja schließlich auch nicht. Und da Waffen in diesem Hause ja ganz oben auf der Verbotsliste stehen, hat er auch keine Möglichkeit Mr. 'Ihr-könnt-mich-alle-mal' auf andere Art und Weise zu 'überzeugen' ihn zu begleiten.

"Aber es würde dir sicherlich gut tun, wenn du Kontakte knüpfst. Alexander freut sich bestimmt auch, wenn er dich seinen Freunden vorstellen kann", meint die blonde Frau und lächelt den schwarzhaarigen Jungen mit solch einer positiven Ausstrahlung an, dass diesem beinahe sein Vanilleeis wieder hochkommt.

Alexander wirft seinem Halbbruder einen spöttischen Blick zu und lehnt sich in seinem Stuhl zurück. Oh ja, und wie er sich darauf freut, seinen Freunden dieses 'Exemplar' der menschlichen Rasse präsentieren zu dürfen.

"Ich habe aber keinen Bock, mir den Abend von einer Horde chartverseuchter, solariumabhängiger Baywatchfans ruinieren zu lassen!", ruft der Schwarzhaarige empört aus und funkelt den blonden Jungen säuerlich an.

Dieser starrt ihn mit einer Mischung aus Entsetzen, Empörung und Belustigung an. So denkt er also über ihn?! 1. Hasst er Baywatch, 2. ist er noch nie im Solarium gewesen und 3. kann er ja schließlich auch nichts dafür, dass dieser Psycho einen schlechten Musikgeschmack hat.

"Mach doch was du willst. Mum freut sich bestimmt auch, wenn du ihr bei ihrem Damenabend Gesellschaft leistest", meint der Blonde gleichgültig und erhebt sich von seinem Stuhl. Der geschockte Ausdruck in Rickis Gesicht lässt ihn daraufhin breit grinsen.

Ok... nun sieht die ganze Sache schon wieder anders aus. Entweder mit zu dieser Party gehen und ein weiteres Trauma in seinem Leben erleiden oder zu Hause bleiben und damit rechnen, dass noch weitere Katja-Klone umherschwirren und ihn mit ihrem schrillen Gekreische in die nächste Anstalt bringen werden.

Wortlos erhebt sich Ricki von seinem Stuhl und lässt Katja mit ihrer Zeitschrift alleine. Diese starrt den beiden Jugendlichen ein wenig skeptisch hinterher, bevor sie sich schulternzuckend wieder den neuesten Sommerkleidern widmet, welche mit ihren quietschgrellen Farben vortrefflich in ihre Sammlung passen würden.

Frustriert stapft Ricki die Treppe hinter seinem herzallerliebsten Bruder hinauf, wobei ihm ein Blick auf dessen Rückfront nicht erspart bleibt. Grinsend legt er den Kopf schief und betrachtet das Auf- und Abwippen von dessen Gesäß.

"So... damit wir uns recht verstehen. Du ziehst gefälligst ein paar normale Klamotten an. Habe nämlich keine Lust mich vor meinen Freunden deinetwegen zu blamieren wenn du in deinem Draculakostüm durch die Walachei hüpfst", sagt Alexander plötzlich und dreht sich mit einem gebieterischen Blick um, welcher keine Widerworte zu dulden scheint.

Ricki streckt ihm daraufhin nur frech die Zunge raus und verschwindet in seinem grellorangefarbenen Herrschaftsgebiet, wobei er allerdings laut die Tür ins Schloss knallen lässt. Na das werden wir ja noch sehen, wer sich hier für wen schämen muss. Und wenn er genau darüber nachdenkt, so ist diese Party doch die perfekte Gelegenheit, diesen blonden Schönling mal gehörig über den Tisch zu ziehen.

Grinsend kramt er in seinem Kleiderschrank umher, zieht eine schwarze Hose nach der anderen hervor und wirft sie missvergnügt auf sein Bett. Nein, also das ist definitiv nicht auffällig genug.

Sein Blick wandert über seine kleine Sammlung von Röcken, welche zwar nur aus 4 Stück besteht, dafür aber mehr aussagt als alle anderen Kleidungsstücke in seinem Sortiment. Ein leises Glucksen dringt aus seiner Kehle, als er einen knielangen schwarz-orange karierten Rock hervorholt, welchen er letztes Jahr von Patrick bekommen hat.

Na, damit wird er bestimmt einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Ob positiv oder negativ, tut in diesem Falle nichts zur Sache. Und überhaupt ist es in seinen Kreisen nichts Besonderes gewesen, wenn mal ein Junge mit einem Rock durch die Gegend marschiert ist. Aber hier ist er ja auch nicht in der Großstadt, sondern in einem winzigen Dorf am Arsch der Welt, wo anscheinend keiner Sinn für neuere Mode hat. Aber ihm soll es Recht sein. Heute heißt es auf jeden Fall - AUFFALLEN!

Mit einem verschwörerischen Grinsen und mit allerlei Klamotten beladen schleicht sich besagter Zottelkopf ins Badezimmer und schließt die Tür hinter sich. It's show time...

*~*~*~*~*

Unruhig läuft Alexander den Flur auf und ab. Also wenn Mr. Unpünktlich nicht in den nächsten 30 Sekunden hier unten erscheint, dann wird er persönlich die Badezimmertür eintreten und ihn an seinen langen Zottelhaaren nach draußen schleifen. Soweit kommt es noch, dass er wegen dem zu spät beim See erscheint.

"Himmel Herr Gott noch mal! Beweg deinen Arsch!", brüllt er blonde Junge ungeduldig, woraufhin er die mahnenden Stimme seines Vaters aus dem Wohnzimmer hört, welcher sich durch die Überschreitung der Hauslautstärke mal wieder ziemlich gestört fühlt.

Stöhnend verdreht Alexander die Augen und wirft erneut einen Blick auf die Uhr. Warum nur muss er sich immer wieder von seinen Mitmenschen breitschlagen lassen? Niemand kümmert sich darum wie er über diese Sache denkt! Erst seine Mutter, dann sein bester Freund und vorhin sogar noch sein Vater, der darauf hingewiesen hat, dass er sich um das neue Familienmitglied kümmern soll. Ganz klasse. Und das, wo Marie doch heute Abend auch da sein wird.

Im oberen Stockwerk knarrt eine Tür und kurz darauf sind laute Schritte auf der Treppe zu vernehmen. Erleichtert blickt Alexander auf und erstarrt wenige Sekunden später. DAS ist doch jetzt nicht wahr. DAS tut er ihm nicht an.

Vor ihm steht Ricki mit kniehohen, schwarzen Boots, einem kurzen schwarz-orange karierten Rock und einem schwarzen, durchsichtigen Hemd, welches ihm gerade mal bis zum Bauchnabel geht. Ein silberner Ring blitzt unter dem Hemd hervor und um seine Hüfte hängen zwei lange, schwarze Gürtel mit Nieten dran. Seine Haare sind offen und fallen ihm seitlich ins Gesicht und die Augen und Lippen sind mit schwarzer Schminke von dem blassen Gesicht hervorgehoben.

"Dann mal los", meint er übertrieben fröhlich und hüpft von der Treppe, dass der Rock nur so schwingt. Alexander steht mit halboffenem Mund da, und versucht dieses Anblick erst mal für sich zu verarbeiten.

"Was... ist das?!", fragt er schockiert und blickt in das freche Grinsen, welches sich auf Rickis Gesicht schleicht. "Sag mal soll das ein Scherz sein? Bist du ne Drag Queen oder was?"

"Uuuuh. Jetzt hat er mich enttarnt", Ruft Ricki gespielt erschrocken aus und schlägt sich die Hände vor das Gesicht. Dieses Spielchen beginnt ihm langsam Spaß zu machen. Der andere sieht aber auch zu komisch aus, wenn er sich aufregt.

"So nehme ich dich nicht mit! MUM!"

*~*~*~*~*

Verraten! Verraten von den eigenen Eltern. Na herzlichen Dank auch. Anstatt unterstützt zu werden fallen sie ihm in den Rücken. Von wegen individueller Modestil. Das ist doch ne regelrechte Todsünde. Aber dafür haben die Beiden für den Rest der Woche bei ihm verschissen.

Schwitzend strampelt er den kleinen Hügel hoch und kann sich ein lautes Keuchen dabei nicht verkneifen. Unter all den Demütigungen des heutigen Tages darf er jetzt auch noch Chauffeur spielen und dieses Bruderexemplar, welches auf seinem Gepäckträger sitzt, durch die Gegend fahren. Und das ihm Wald, wo auf Gras eh schon schlecht trampeln ist und zu allem Überfluss auch noch den Hügel rauf.

"Nun streng dich mal ein bisschen an. Hop, hop, hop!", ruft Ricki amüsiert aus und klatscht dabei eifrig in die Hände. Mit einem Ruck bremst Alexander sein Bike, wobei sie beide beinahe umkippen, da es jetzt schon recht steil bergab geht. Mit funkelnden Augen dreht er sich um und knurrt den schwarzhaarigen Jungen verstimmt an.
 
"RUNTER!", brüllt er verärgert und deutet mit dem Zeigefinger auf den Boden. Ricki zeigt ihm daraufhin nur den Vogel, wuschelt ihm rachsüchtig durch die gestylten Haare und schwingt sich vom Bike.

Alexander, mit den Nerven nun total am Ende, versucht fluchend seine Haare zu richten, während ein gewisser Zerstörer mit schnellen Schritten den Hügel hinaufsteigt, wobei der Rock ziemlich gefährlich hin- und herfliegt.

"Ich bring ihn heute noch um...", flüstert Alexander mürrisch und tritt in die Pedale, um bloß vor diesem Freak beim See anzukommen und seine Freunde schon mal auf den bevorstehenden Schock vorzubereiten.

*~*~*~*~*

Genau so hat er sich seinen letzten Tag auf Erden immer vorgestellt. Da sitzt er nun auf einem großen, kalten Steinbrocken, muss sich auch noch seine Ohren mit irgendwelcher Hip-Hop Musik ruinieren lassen und zur Krönung des Ganzen hält er eine schon recht pisswarme Flasche Bier in den Händen, an welcher er abwesend herumnuckelt.

Das sind doch alles Verrückte. Wo man auch hinsieht, erblickt man aufgetakelte Weiber mit 10 Pfund Schminke im Gesicht, 20-Meter-Absätzen, mit denen sie noch nicht mal geradeaus gehen können und solchen kurzen Miniröcken, dass man denen schon regelrecht bis zur Gebärmutter hochsehen kann, wenn man nur aus dem richtigen Winkel guckt. Schrecklich.

Und die ganzen Kerle hier sind auch nicht gerade augenschonender. Allesamt braun wie Nutella, mehrere Tuben Gel in den kurzen Stoppelhaaren und einheitliche Jeanshosen sowie Hemden und Shirts.

>Irgendwo muss doch hier ein Nest dieser Aliens sein.< Unruhig blickt Ricki sich um und hofft, dass hinter dem nächsten Busch nicht eines dieser Exemplare auftaucht um ihn einer Gehirnwäsche zu unterziehen.

Stöhnend lässt er seine Flasche in der Hand kreisen und wippt gelangweilt auf seinem Stein hin und her. Was diese Irren für Tanzen beziehungsweise Musik halten ist wirklich erbärmlich. Wie wäre es denn mal mit ner schönen Runde Subway to Sally oder Schandmaul? Ist das denn zuviel verlangt?

Und das frustrierendste an der ganzen Sache ist ja immer noch die Reaktion dieser durchgeknallten Meute gewesen. Keiner schien über seinen Anblick geschockt gewesen zu sein. Eher im Gegenteil. Die ganzen Modetussen haben ihn angestarrt als ob sie ihn gleich ausfragen wollten, woher er diese Schuhe und diesen Rock hat. Und die Blicke mancher Kerle waren ihm auch nicht ganz geheuer. Wirklich verrückt.

Aber solange man ihn jetzt in Ruhe lässt, wird er den Abend wohl ohne weitere seelische Störungen überstehen. Er setzt die Flasche an seinen Mund und leert diese in einem Zug aus. Schön, wenn er noch einige Stunden hier rumhocken muss, dann will er aber auch so wenig wie möglich davon mitbekommen.

Folglich heißt es für ihn jetzt - Saufen bis der Schädel platzt!

*~*~*~*~*

Dümmlich grinsend hockt Ricki auf dem Boden und wiegt sich sacht von einer Seite auf die andere. Ja, es ist doch immer wieder erstaunlich was man(n) innerhalb von 2 Stunden alles in sich reinkippen kann ohne davon zu kotzen.

Seine Kippe hängt recht locker in seinem Mundwinkel und ab und zu fällt etwas von der Asche auf das feuchte Gras. In der Mitte der Lichtung wurde bereits ein Feuer entfacht und während die Musik, welche sich trotz des hohen Alkoholkonsums noch immer ohrenzerfetzend anhört, im Hintergrund laut widerhallt, sitzen die meisten der Anwesenden schon recht breit vor dem kleinen Lagerfeuer und gackern wild durcheinander. Einige von ihnen scheinen regelrecht zusammen gewachsen zu sein, da sie es anscheinend nicht mehr von alleine gebacken kriegen ihre Zungen zu entknoten.

Ricki schüttelt grinsend den Kopf und trinkt den letzten Rest seines Biers, bevor er die Flasche achtlos auf den Boden fallen lässt. In der letzten halben Stunde haben doch tatsächlich zwei Kerle und 3 Weiber versucht bei ihm zu landen. Wirklich erschreckend, aber anscheinend sind die Kerle schon zu besoffen um zu erkennen ob er nun ein Mann oder ne Frau ist.

Aber auch egal. Nach einigen mehr oder minder gezielten Tritten gegen das Schienbein haben sich diese nervigen Subjekte wieder verzogen. Und die eingebildeten Tussen brauchte er nur einige Male unfreundlich anknurren und einige seiner 'schmeichelhaften' Komplimente ablassen, wie zum Beispiel die nette Frage, ob sie bei der Altkleidersammlung arbeitet, da sie sich traut mit solchen Klamotten durch die Gegend zu wackeln.

Gähnend streckt er sich und versucht ein wenig klarer im Kopf zu werden. Wie spät ist es eigentlich? Und wann hat er das letzte Mal seinen holden Bruder gesehen? Vor ner guten Stunde hat er mit so nem braunhaarigen Mädchen, welche eine Vorliebe für pinkfarben Oberteile mit kindischen Schriftzügen hat, getanzt und ihn dabei die ganze Zeit mit verklärten Blick angestarrt. Ohne Zweifel. Der war noch besoffener als er selbst.

Taumelnd erhebt Ricki sich und torkelt in Richtung See. Bei den ganzen knutschenden Pärchen die sich gegenseitig abschlabbern wird ihm richtig schlecht. Oder es liegt einfach nur daran, dass er seit heute Mittag nichts mehr gegessen, dafür aber enorme Liter an Alkohol konsumiert hat.

Stolpernd bahnt er sich seinen Weg an einigen kleinen Sträuchern vorbei, fällt dabei auch noch fast über einem schlafenden, rothaarigen Jungen, welcher anscheinend auch nicht gewusst hat, wann es genug ist und wann nicht.

In Schlangenlinien schlurft der schwarzhaarige Junge zum Wasser und lässt sich etwas ungeschickt auf den Boden plumpsen. Der Himmel ist sternenklar und der Halbmond spiegelt sich in dem dunklen Wasser wieder.

Im Gras ist das Zirpen der Grillen zu vernehmen, während ein angenehmer kühler Wind durch seine Haare fährt und mit den einzelnen Strähnen spielt. Abwesend fährt Ricki mit seiner linken Hand durch das kühle, klare Wasser und löst somit kleine Welle aus.

Auch wenn er es ungern zugibt, aber diese Stelle hier gefällt ihm. In der Stadt hat es nicht viele Grünflächen gegeben, einen Wald und einen See schon gar nicht. Schläfrig lässt er sich nach hinten fallen und schließt seine Augen. Großer Fehler. Langsam beginnt sich alles in seinem Kopf zu drehen und ihm wird etwas schwindelig.

Fluchend richtet er sich wieder auf und hält sich die Hand an die Stirn. Das wird morgen früh einen schönen Kater geben. Verflucht sei der Mensch, der das Bier erfunden hat, und verflucht sei der Verkäufer, der diesen Leuten da hinten das Bier verkauft hat.

Grummelnd setzt er sich im Schneidersitz hin und massiert sich die Schläfen. Diese Phase des Betrunkenseins hasst er noch am meisten. Die Fröhlichkeitsphase ist vorbei und nun kommt die 'Ich-fühle-mich-beschissen'-Phase.

Ein leises Platschgeräusch reißt ihn aus seinen Gedanken und er dreht den Kopf irritiert von einer Seite zur anderen. Wer hat den Mut, ihn in diesem Zustand zu ärgern? Hinter sich vernimmt er schlurfende Schritte und kurz darauf lässt sich jemand neben ihm ins Gras fallen, in einer Hand eine Flasche Bier und in der anderen eine unangezündete Zigarette.

"Scheiße...", nuschelt dieser jemand und nuckelt an seiner halbvollen Flasche Bier herum. Ricki verengt die Augen und erkennt schließlich seinen vollkommen dichten Halbbruder, welcher, soweit er es beurteilen kann, noch beschissener aussieht als er selbst. Na, das ist doch gleich wieder ein Aufbau für sein eigenes Ego.

"Ich dachte du rauscht nisch", meint Ricki grinsend und knufft den Blonden in die Seite. Dieser quietscht daraufhin erschrocken auf und lässt die Bierflasche ins Wasser fallen. Alexander blickt mit glasigem Blick neben sich und starrt den anderen Jungen ein wenig dümmlich an.

"Du bis das", lallt er dann und starrt ein wenig irritiert auf die Zigarette in seiner Hand. Wo hat er die noch mal her? Scheiß Kurzzeitgedächtnis. Der Blonde nuschelt einige unverständliche Worte vor sich hin und beginnt damit die Zigarette auseinander zu zupfen.

"Bissu doof! Gib des her!", ruft Ricki entsetzt auf und reißt diesem Nikotinvergewaltiger die letzten Reste der Kippe aus der Hand. Bei diesem Anblick blutet ihm gleich das Herz. Wie kann man nur so grausam sein.

"Alles.... alles Mist... kannse doch alle vergessen", mault Alexander weiter und kippt ein wenig zur Seite, woraufhin er halbwegs in Rickis Schoß liegt, welcher den blonden Wuschelkopf verklärt betrachtet.

"Lieschte bequem häh?", brüllt er ihm ins Ohr, woraufhin der andere ruckartig zusammen zuckt. Quengelnd reibt er sich sein geschändetes Ohr und zupft an Rickis Kette herum, welche über seinem Gesicht baumelt und ich somit ein wenig aus dem Konzept bringt.

"Keina versted misch... un die blöden Weiber auch net", antwortet er mit belegter Stimme und dreht seinem Kopf in Rickis Schoß hin und her, woraufhin der schwarzhaarige Junge ein wenig überrascht aufkeucht. Was auch immer dieses Kopfreiben in seinem unteren Körperbereich anrichtet, es ist auf jeden Fall nichts Gutes.

"Leeeeeexi. Was masu denn da?", fragt Ricki ein wenig durcheinander und beugt sich mit dem Kopf zu seinem Halbbruder hinab. Dieser scheint mit den Gedanken nicht wirklich anwesend zu sein, da er leise vor sich hinsummt. Soviel also zum Thema: Jugendliche und Alkohol.
 
"Du soll nisch Lexi sagn." Schmollend guckt der Blondschopf den anderen Jungen an, dessen Gesicht nur einen Atemzug von seinem entfernt ist. Leichte Röte zieht sich über Alexanders Wangen und sein Kopf fühlt sich nun noch heißer an als vorher.

"Ich faaahr jes nach Hause", Meint er plötzlich und versucht sich aufzurichten, was sich als schwieriger erweist als gedacht. Ricki, zum ersten Mal einer Meinung mit dem Blonden quält sich auch vom Boden hoch und torkelt mit diesem zurück zur Lichtung, wo er den Rest der Gruppe immer noch in der selben Position vorfindet wie vorhin.

Die einzige Frage, die sich in sein Gedächtnis schleicht ist die, wie es Alexander schaffen will, in seinem Zustand noch mit dem Bike zu fahren. Aber falls es wirklich dazu kommt, und sich besagter Blonder auf die Fresse legt, so hat er doch immerhin was zu lachen... und das Zelt, welches sich unter seinem Rock abzeichnet wird hoffentlich auf dem Nachhauseweg auch verschwinden. Aber eines ist sicher - nie wieder auf nüchternen Magen eine solche Menge Bier.



Kapitel 7: Good morning Sunshine

Leises Vogelgezwitscher dringt an sein Ohr und sachtes Blätterrauschen durchbricht die angenehme Stille, welche sich um ihn gelegt hat. Brummelnd kuschelt Ricki sich tiefer in die Bettdecke hinein und rückt automatisch näher an das warme Etwas neben sich heran.

Ein zufriedener Seufzer entweicht seiner Kehle und ein seliges Lächeln umspielt seine Lippen, als er seine rechte Gesichtshälfte gegen diese ihm unbekannte, aber dennoch angenehm anfühlende Wärmequelle drückt.

Einige Haarsträhnen kitzeln ihn vorwitzig an der Nase, woraufhin er diese gequält rümpft. Warmer Atem streift seine Wange und an seinem Ohr hört er einen ruhigen, gleichmäßigen Herzschlag. Der Arm in seinem Rücken legt sich etwas fester um ihn, und wenig später vernimmt er leises Gemurmel.

Moment mal - Gemurmel? Herzschlag? Warmer Atem? Arm im Rücken? Irgend etwas stimmt hier doch nicht. Wo zum Teufel befindet er sich hier?! Missmutig versucht er seine Augen einen Spalt zu öffnen, kneift diese aber kurz darauf wieder zusammen, da einige böse Sonnenstrahlen tatsächlich die Frechheit haben ihm jetzt ins Gesicht zu scheinen. Na vielen Dank auch.

Schön, wenn er eben die Augen nicht aufkriegt, muss er halt die Hände auf Wanderschaft schicken, ganz einfach. Vorsichtig tastet er mit seinen Fingerspitzen auf dem warmen Objekt herum, spürt eine leichte Gänsehaut und ein paar Zentimeter weiter erhascht er einen kleinen, weichen Hügel, welcher wahrscheinlich eine Brustwarze ist.

Neugierig stupst er dagegen, woraufhin besagtes Objekt wollig aufseufzt. Ok, nun reicht es. Wer auch immer das ist, es ist auf keinen Fall eine Frau. Immer noch ein wenig weggetreten startet Ricki einen zweiten Versuch die Lider zu öffnen und hat sogar soviel Erfolg, dass er dumpfe Umrisse einer Gardine erkennen kann, welche ein wenig hin- und herschwingt, da der Wind durch das halb geöffnete Zimmerfenster weht. Aber die Tapete ist Dunkelblau.

Blau - kein Orange, was soviel heißt, dass er sich auf KEINEN Fall in SEINEM Zimmer befindet. Ein wenig ungeschickt dreht er seinen Kopf, sodass er ein wenig nach oben sehen kann, um zu erkennen, mit wem er hier das 'Vergnügen' hat.

>Ok, da hätten wir einen Hals, ein Kinn, einen Mund, welcher ein wenig geöffnet ist, mit ein wenig Speichel im Mundwinkel...< Einige Minuten bleibt der schwarzhaarige Junge an den Lippen hängen und fährt mit den Augen die Konturen nach. Ein schöner Mund, da gibt es nichts zu meckern.

>Mal weiter sehen... eine kleine Stupsnase, geschlossene Augen mit dichten Wimpern, blonde Haarsträhnen und -<

Entsetzt reißt Ricki die Augen auf und starrt völlig entgeistert in Alexanders Gesicht, welcher trotz dieser Inspektion, die ja ohnehin nur mit Blicken durchgeführt wurde, immer noch ruhig schlummert.

>Das kann doch nicht....< In seinem Kopf wirbeln unzählige Gedanken umher, und nur um nochmals sicher zu gehen, dass das hier kein dummer Traum ist, kneift er abermals die Augen zusammen, um nach dem Öffnen wieder in das friedliche Gesicht seines Halbbruders zu starren.

Besagter Blondschopf nuschelt einige unverständliche Sachen vor sich hin und kuschelt sich reflexartig enger an Ricki, welcher daraufhin wie zur Salzsäule erstarrt liegen bleibt und versucht, diese Situation zu verarbeiten.

Was auch immer gestern Abend, soweit er sich daran noch erinnern kann, vorgefallen ist... DAS HIER ist definitiv nicht gut.

>Obwohl... wenn er die Klappe hält und so ruhig daliegt ist er ja beinahe erträglich...< Ein sachtes Grinsen umspielt die Lippen des Schwarzhaarigen, bevor er sich wieder etwas aufrichtet und dem brabbelnden Subjekt mit Daumen und Zeigefinger die Nase zudrückt.

Ein leises Zischen geht von Alexander aus und kurz darauf beginnt er sich zu regen. Naserümpfend und leise quengelnd reibt er sich mit dem Handballen über die verschlafenen Augen und linst vorsichtig in Richtung Zimmerdecke.

Was war denn nun los? Wer wagt es ihn aus seinem Dornröschenschlaf zu wecken? Und das, wo er doch gerade so schön gelegen hat und es so bequem war. Allmählich schärft sich seine Sicht. Er lässt seinen Blick über das Bett wandern und bleibt schließlich an einem dunkelblauen Augenpaar hängen, welches ihn amüsiert betrachtet.

Mit einem Blick wie ein Auto stiert der Blonde seinen Bettgefährten an, bevor sich langsam ein Licht in seinem noch vernebelten Gehirn einschaltet und er realisiert mit WEM er anscheinend letzte Nacht die Matratze geteilt hat.

Mit weit aufgerissenen Augen und einem erstickendem Schrei richtet er sich in seinem Bett auf, die Haare, welche nun nicht mehr mit Gel zurückgehalten werden, fallen ihm in langen Strähnen ins Gesicht und enden an seinem Kinn.

"Good morning Sunshine", flötet Ricki süßlich und klimpert gespielt mit den Wimpern. Verdattert und anscheinend noch nicht gänzlich wieder im Reich der Lebenden angekommen glotzt Alexander das schwarze Etwas neben sich entsetzt an.

Das erste, zu was er dann in der Lage ist, ist mit Schwung die Bettdecke von sich zu reißen um zu prüfen wie VIEL noch passiert ist. Zu seiner seelischen Beruhigung trägt er noch immer seine Shorts, und ein gewisser Morgenschreck liegt zwar mit nacktem Oberkörper, aber immerhin auch mit einer schwarzen Shorts bekleidet neben ihm.

Erleichtert atmet Alexander aus und streicht sich durch die zerzauste Haarmasse. Eines ist klar: Nie wieder wird er sich von Mark einen selbstgemixten Drink andrehen lassen.

"Was machst du hier?", krächzt er leise und muss zu seiner Überraschung feststellen, dass er ziemlich heiser ist. Na super, besser hätte es wirklich nicht kommen können. Jetzt kann er diesen Plagegeist nicht mal in einer ordentlichen Lautstärke anschnauzen. Was hat er denn nur verbrochen, dass immer ihm so etwas passiert?

"Ich sehe, der gnädige Herr ist wieder nüchtern", meint Ricki daraufhin und grinst anzüglich, woraufhin besagtem Herrn eine gesunde Röte ins Gesicht schießt. Der schwarzhaarige Junge lacht daraufhin leise auf und lässt sich zurück in die Matratze sinken.

"Was hast du in meinem Bett verloren?", fragt Alexander weiter, und versucht die Scham in seinem Gesicht zu überspielen, indem er wütend auf den Bettschmarotzer hinabstarrt. Dieser zuckt daraufhin mit den Schultern und zupft desinteressiert an der Bettdecke herum.

Gute Frage - Nächste Frage. Wenn er nur selber wüsste, was er im Bett seiner Majestät zu suchen hat. Aber trotz dieser äußert verrückten Situation muss er insgeheim schon zugeben, dass er noch nie so gut geschlafen und sich beim Aufwachen noch nie so wohl gefühlt hat wie eben.

>Verrückt.< Nachdenklich legt Ricki die Stirn in Falten und versucht verzweifelt, sich die gestrigen Erlebnisse nochmals ins Gedächtnis zu rufen.

Alexander ist zum See gekommen... er hat ihn zugelabert... dann sind sie nach irgend einer Zeit nach Hause aufgebrochen... vollkommen dichter Blondschopf hat zudem noch einige Bekanntschaften mit Sträuchern und letzen Endes mit einer Böschung gemacht, in welcher wahrscheinlich immer noch sein - nach dieser Aktion ziemlich lädiertes - Bike liegt und vor sich hin rostet, wenn nicht bald jemand kommt und es den Fängen des Waldes entreißt. Auf jeden Fall sind sie dann irgendwie zu Fuß weiter und dann...

"Und dann...", murmelt Ricki leise und verflucht sich innerlich dafür, dass er ausgerechnet danach einen Filmriss erleiden musste. Schöner Scheiß.

"Zum letzten Mal... was tust du hier?", keift Alexander seinen Bruder an, kriegt aber anstatt der gewünschten Lautstärke nur ein kratziges Flüstern zustande. Ricki blickt ihn einige Sekunden lang nachdenklich an, bevor wieder der Schweinehund in ihm erwacht und er zweideutig vor sich hinlächelt.

"Na was wohl, Lexi. Mich von dir vögeln lassen, was sonst." So schnell wie daraufhin eines der Kissen in seinem Gesicht landet, kann der schwarzhaarige Junge gar nicht schalten. Überrumpelt geht er wieder zurück in die Waagerechte, bevor er laut auflacht und besagtes Flugobjekt auf selbigem Wege zurück an seinen Besitzer schickt, welcher nun mit hochrotem Kopf und glühenden Wangen auf ihn herab blickt.
 
"Du bist abartig", krächzt der Blonde säuerlich und schält sich ungeschickt aus dem Bettlacken, welches sich heimtückisch um seine Beine geschlungen hat.

"Oooooch", ruft Ricki daraufhin aus und schnieft gespielt, während er einen traurigen Hundeblick aufsetzt um seinen heißgeliebten Bruder noch mehr in Verlegenheit zu bringen. Die Tatsache, dass sich bei dessem nackten Oberkörper ein kribbelndes Gefühl in seinem Magen ausbreitet, beunruhigt den Schwarzhaarigen allerdings ein wenig.

"Ich gehe duschen... und wenn ich wieder komme, dann bist du weg!", piepst Alexander so laut es in seinem Zustand möglich ist, stapft gebieterisch zur Tür hinüber und lässt diese beim Verlassen des Zimmers laut hinter sich ins Schloss knallen.

Soviel also zu dem 'Good morning'...

*~*~*~*~*

Schweigend stochert Ricki in seinem Apfelkuchen herum, wodurch er sich einen etwas irritierten Blick von Katja einfängt, welche am anderen Ende des Tisches sitzt und in einer Modezeitschrift blättert.

Er hat wirklich nichts dagegen, auf der Terrasse zu sitzen und Kuchen zu essen, aber dass da immer noch vier wesentliche Dinge sind, die ihn bei dieser eigentlich doch recht friedlichen Aktivität stören, interessiert mal wieder niemanden.

1.: muss er wieder mal die Gesellschaft dieses Hausfrauenverschnittes ertragen.

2.: ist der Lärm, welchen sein Erzeuger mit dem Rasenmäher verursacht, ziemlich nervenstrapazierend.

3.: können es ein paar dämliche Wespen anscheinend auch nicht lassen, an SEINEM Apfelkuchen herumzuschnüffeln und ihn drohend anzubrummeln, wenn er mit dem Tischset nach ihnen schlägt.

Und 4. hat sich sein Lieblingsquälobjekt seit der morgendlichen Weckaktion von ihm ferngehalten, was er persönlich noch am frustrierendsten findet.

Alles in allem kann er wirklich sagen, dass dieser Samstag mehr als nur beschissen verläuft. Seufzend greift er nach der Flasche mit Sprühsahne und verteilt einen weiteren großen Berg auf seinem Teller.

"Habt ihr euch gestern gut amüsiert?", fragt Katja plötzlich, woraufhin Ricki bei dem unerwarteten Geräusch ihrer Quietschstimme leicht zusammenzuckt. Musste das sein? Muss sie ihn ausgerechnet jetzt ansprechen, wo er eh schon ziemlich angepisst ist? Schön, sie soll ihre Antwort bekommen.

"Tja... wo denn bitte schön? Am See, in der Böschung oder im Bett meines herzallerliebsten Bruders?", fragt Ricki süßlich und wackelt zweideutig mit den Augenbrauen. Die blondgelockte Frau sieht ihn ein wenig verdattert an, bevor sie sich wieder ihrer Zeitschrift zuwendet und so tut, als wenn sie die Frage des schwarzhaarigen Jungen nicht gehört hat.

>Meine Damen und Herren, es steht 1:0 für die schwarze Gefahr!< Sich gedanklich selbst auf die Schulter klopfend lehnt Ricki sich in seinem Liegestuhl zurück und lässt seinen Blick über den riesigen Garten wandern.

Ein kleiner Teich ist in der Mitte angelegt, an welchem eine - für ihn äußerst kitschig aussehende - Sitzbank steht. Mehrere Rosenbüsche stehen auf der grünen Fläche verteilt und quälen ihn mit ihren knallrosa Blüten zusätzlich.

Hinter einer der Hausecken steht zudem noch eine kleine Haussauna und neben dieser ein Whirlpool, welcher gleich einen Pluspunkt in der Bewertung dieses Gefängnisses erbracht hat.

"Ricki", vernimmt er hinter sich eine ihm bekannte, aber immer noch leicht kratzige Stimme. Ein wenig überrascht, da von Alexander angesprochen, dreht Ricki seinen Kopf zur Seite und sieht noch das breite Grinsen im Gesicht des Blonden, bevor dieser den Wasserschlauch in seiner Hand auf ihn richtet und ihm eine Ladung eiskalten Brunnenwassers zukommen lässt.

Mit einem spitzen Schrei springt Ricki auf und sucht Schutz hinter seinem Liegestuhl. Na, das hat er ja gerne. Feindliche Attentate aus dem Hinterhalt. So ne feige Nuss. Als sein Blick dann auch noch auf seinen Apfelkuchen hängen bleibt, der nun nicht mehr zerstochert aussieht, sondern viel mehr den Anschein macht, als wolle er gerade seinen Freischwimmer machen, ist es mit seiner Friedfertigkeit am Ende.

"Na warte, du blonde Ratte!", ruft Ricki entrüstet aus und läuft auf das lachende Objekt, auch bekannt als Alexander zu, welcher grinsend versucht sich den aufgebrachten Hausfreak mittels Schlauch vom Leibe zu halten.

"Komm doch her wenn du was willst", meint der Blonde unbeeindruckt und fuchtelt mit dem Wasserschlauch herum, wobei er die Klamotten seines Opfers bereits komplett durchnässt hat und dieses leicht fröstelnd vor ihm steht und versucht, den letzten Abstand zwischen ihnen zu überwinden.

"Ich sage dir, dafür wirst du heute Nacht ne doppelte Runde einlegen müssen!", entgegnet Ricki atemlos und sieht mit Genugtuung, dass die Wangen des blonden Jungen schon wieder eine beachtlich gesunde Farbe angenommen haben.

Aber gut zu wissen, dass sein lieber Bruder so auf Zweideutigkeiten anspringt. Und zumal... wer ist hier eigentlich der Perverse? Derjenige der Andeutungen macht, oder derjenige, der gewisse Sätze als Zweideutigkeit auffasst?



Kapitel 8: Black and White 
 
Gelangweilt liegt Ricki auf seinem Sofa und starrt ausdruckslos an die helle Zimmerdecke. Draußen dämmert es bereits, und ein angenehm kühler Wind fährt durch sein Zimmer und spielt mit den Vorhängen. Ein lautes Gähnen entweicht seiner Kehle und er starrt missmutig auf seinen Wecker.

21.03 Uhr und nebenan herrscht noch immer diese ohrenbetäubende Lautstärke von Mädchengegacker, Chartmusik und Gelächter einiger männlicher Anwesenden. So stellt man sich seinen Samstagabend doch vor: Die Eltern haben am Nachmittag verkündet, dass sie bis Sonntag bei Bekannten sind - was Ricki persönlich nur recht sein kann, da er dieser Vogelscheuche von Katja schon zugetraut hat, dass diese ihn am frühen Morgen in die Kirche schleppen würde. Weniger berauschend ist es dann natürlich, dass ein gewisser, blonder - nun wieder normal sprechender - Bruder einige seiner komischen Freunde eingeladen hat, welche - so wie es sich anhört - im Nebenzimmer alles auseinander nehmen.

Aber wie soll ein anständiger Mensch wie er auch wissen, was solche Ausgeburten der menschlichen Rasse an einem sturmfreien Samstag treiben. Und um ehrlich zu sein geht ihm deren Machen und Tun eh sonst wo vorbei.

>Man, man, man. Wenn ich noch einmal Eminem höre, laufe ich Amok.< Grummelnd wälzt Ricki sich auf seinem Sofa hin und her und versucht weiterhin verzweifelt, diese nervigen Geräusche zu ignorieren.

Als aber plötzlich, vollkommen unerwartet seine Zimmertür aufgerissen wird und ein blöde drein grinsender Kerl mit braunen, kurzen Haaren und einer Flasche Smirnoff in der Hand hereingeplatzt kommt, ist es mit seiner Selbstbeherrschung am Ende.

Sollen sie ihre Partys feiern - er wird es schon ertragen.

Sollen sie seinetwegen diese gehirnverseuchende Musik hören - er wird sich zusammenreißen.

Aber niemals - niemals sollten sie es wagen, einfach unangemeldet und unaufgefordert SEIN Zimmer zu betreten, ohne dafür gehörig eine rein zu kriegen.

Seine Nerven sind eh schon zur Genüge strapaziert, da kann er einen besoffenen Sunnyboy, der blöde Sprüche klopft, nicht auch noch gebrauchen. Verstimmt betrachtet er den anderen Jungen, welcher gut einen Kopf größer ist als er selbst und ihn selbstgefällig angrinst.

"Heute ohne Rock, Prinzessin?" fragt er scheinheilig lächelnd und betrachtet Ricki spöttisch, welcher säuerlich die Lippen zusammenkneift und diesen braunhaarigen Oberarsch mit eisigen Blicken regelrecht erdolcht.

>Was regst du dich auf? Kann dir doch egal sein, was diese Pansenfresse von dir hält.< Einige Male tief durchatmend lehnt Ricki sich zurück, verschränkt die Arme hinter dem Nacken und starrt den anderen Jungen geringschätzig an.

"Aaron, was machst du denn hier?", fragt eine kleine, mit Make-Up zugekleisterte Blondine und stützt sich am Türrahmen ab. Ihre himmelblauen Augen blicken sich neugierig im Zimmer um und bleiben schließlich an Ricki kleben, welcher nun kurz davor ist zu schreien.

Was ist das hier, häh? Ist sein Zimmer ein Museum und er die Hauptattraktion? Vielleicht sollte er wirklich bei Gelegenheit Eintritt verlangen, bezahlt machen würde es sich auf alle Fälle.

"Nichts... ich habe nur Alex kleine Stiefschwester gesucht", gibt der Braunhaarige gelassen zurück und grinst Ricki breit an. Dieser ballt wütend seine Fäuste und versucht dem Drang zu widerstehen, diesem Mr. 'Ich-bin-ja-so-cool' jetzt die Visage blutig zu schlagen.

Warum können die sich nicht einfach verpissen und ihn zufrieden lassen? Soviel verlangt ist das ja wohl nicht.

"Hm... ohne Schminke und ohne diesen Rock kann man wirklich erkennen, dass du ein Kerl bist", meint das blonde Mädchen lächelnd und der ironische Unterton in ihrer Stimme lässt Ricki sacht auflachen.

"Herzlichen Dank auch. Das selbe würde ich dir auch sagen, wenn du deine Maske mal mit nem Spachtel abkratzen würdest", meint Ricki daraufhin und funkelt das Mädchen streitlustig an. Diese kreuzt die Arme vor der Brust und pustet sich eine Strähne aus dem Gesicht.

"Hey, hast du ein Problem, Grufti?", fragt Aaron drohend und baut sich in voller Statur im Zimmer auf. Stöhnend fährt Ricki sich durch die Haare und erhebt sich ebenfalls von seinem Sofa.

Schön, wenn dieser Muskelprotz eben eine auf die Fresse will, dann bitte. >So groß wie sie sind, so dämlich sind sie auch<, denkt Ricki abwertend und rümpft die Nase, als er den kräftigen Oberkörper des Jungen begutachtet. Dagegen wirkt er selbst wie eine Trauergestalt - wie ein kleiner Käfer der gleich zerquetscht wird - aber das hält ihn trotzdem nicht von einer netten Konversation mit diesem sympathischen, jungen Herrn ab.

"Hey Marie. Sag Alex mal, er soll schon mal nen Bestatter kommen lassen. Seine kleine Schwester macht jetzt mal nen Abstecher nach Hause", meint der braunhaarige Junge spöttisch und ein breites Grinsen ziert seine Lippen, als er Rickis schmächtige Gestalt betrachtet.

"Das ihr Kerle euch immer kloppen müsst. Man ihr seit ätzend", meint die Blondine seufzend und trippelt auf ihren Pumps davon. Eine Tür wird geöffnet und die Musik, welche eh schon so trommelfellzerreißend gewesen ist, dröhnt gleich noch ne ganze Ecke lauter durch das Haus.

"Na... gehst du nachts immer auf den Friedhof und opferst deinem Meister kleine Kinder?", fragt Aaron amüsiert und stemmt die Hände in die Seiten. Wie er solche Gruftitypen doch verabscheut. Schon schlimm genug, dass an ihrer Schule so viele herumlaufen, aber jetzt auch noch so ein Exemplar in ihrem Dorf, nee, das musste ja nun wirklich nicht sein. Seine Schonzeit hat dieser Freak bereits gehabt, als er ihn am Freitag in Frieden gelassen hat.

"Nein... eigentlich habe ich mich auf solche Machoarschlöcher wie dich spezialisiert. Und wie es der Zufall will, fehlt mir für mein heutiges Ritual noch ein Fleischopfer", gibt Ricki kühl zurück und blickt dem anderen Jungen tief in die Augen.

Dessen Grinsen gefriert regelrecht auf seinen Lippen, erscheint nun mehr künstlich als normal. Das kann doch wohl nicht wahr sein. Er ist größer und stärker als er und trotzdem wagt diese kleine Made es, ihn blöde anzuquatschen.

"Alex's Vater hat keine solche Vollmeise, also hast du anscheinend diese Psychomacke von deiner Mutter geerbt was? War die genau so angefressen im Kopf wie du?", flüstert Aaron leise, krallt sich mit den Händen in seinen Haaren fest und blickt gestört durch die Gegend, wobei er nach einigen Sekunden laut auflacht. Ricki findet dieses Spiel anscheinend nicht so lustig, da plötzlich wie aus heiterem Himmel eine Faust in dem Gesicht des braunhaarigen Jungen landet und diesem regelrecht die Nase platt drückt.

Aaron - nun fertig mit Lachen - steht mit großen Augen und blutender Nase vor Ricki, welchem das letzte bisschen Farbe aus dem Gesicht gewichen ist und er somit aussieht wie eine Puppe, künstlich und leer.

In seinen dunkelblauen Augen tobt derweil ein regelrechter Gefühlssturm, welcher sein Blut zum Kochen bringt. Soll er ihn meinetwegen beleidigen, aber wehe ihm, wenn er schlecht über seine Mutter spricht.

"Was ist denn hier los?", ertönt plötzlich Alexanders Stimme, welcher ein wenig verdattert das Zimmer betritt, gefolgt von Marie und einigen anderen. Sein Blick wandert von Ricki zu Aaron und dann auf den Boden, wo einige Tropfen Blut verteilt sind.

"Hey Alex. Ich an deiner Stelle würde ja nachts kein Auge zukriegen, wenn ich mit so einem Psycho unter einem Dach leben müsste", meint Aaron schließlich und wischt sich mit dem Handrücken das Blut vom Gesicht. Alexanders Blick wandert zu Ricki, welcher wirklich ziemlich verstört aussieht.

Ohne ein weiteres Wort zu sagen, und bevor ihn noch irgend wer blöde kommt, zwängt Ricki sich an den anderen Jungendlichen vorbei, hastet dir Treppe hinunter, öffnet die Haustür und schlägt diese laut hinter sich zu.

*~*~*~*~*

Schweigend starrt er auf die kleinen Wellen, welche von der Mitte des Teiches aus an den Rand schwappen und pustet den Rauch aus seiner Nase. Der Glimmstängel in seiner Hand leuchtet im Dunkeln wie ein kleines Glühwürmchen, während um ihn herum nur Dunkelheit herrscht.
 
Wie spät es genau ist, weiß er selber nicht, Tatsache ist aber, dass vor nicht allzu langer Zeit bereits einige der Störenfriede das Haus verlassen haben. Ihm soll es recht sein, je eher diese Penner abziehen, desto eher kann er wieder hinein ins Haus.

Stöhnend drückt er seine Zigarette an der Bank aus und wirft sie unachtsam auf den Rasen, wo bereits mehrere Stummel herumliegen. Das er es tatsächlich geschafft hat, binnen weniger Stunden eine ganze Schachtel Zigaretten zu konsumieren, ist wirklich ein neuer Rekord, selbst für seine Verhältnisse.

Nur zu dumm, dass er jetzt nur noch eine einzelne Ziggi hat, und morgen zudem auch noch Sonntag ist, wo nicht einmal die Geschäfte offen haben. Und in diesem Kaff gibt es bestimmt keine Automaten.

Frust schiebend lässt Ricki seine letzte Kippe in einer Hosentasche verschwinden, setzt sich seitlich auf die Bank und lässt sich nach hinten fallen, wobei er sein rechtes Bein über die Rückenlehne schwingt.

Im Gras hört man einige Grillen zirpen, während in der Nähe des Teiches leises Gesummel von Mücken zu hören ist, welche sich zu seinem Leidwesen bereits an seinen Armen reichlich gütlich getan haben. So wie es sich anfühlt, und so wie seine Arme jucken, hat er mindestens ein Dutzend Stiche abbekommen.

>Scheiß verdammte Mistmücken.< Murrend fuchtelt er mit seinem Feuerzeug in der Luft herum, in der Hoffnung einen dieser Blutsauger zu erwischen und diesem die kleinen, vermaledeiten Flügel abzufackeln.

Hinter sich hört er schlurfende Schritte und es gehört wahrlich nicht viel Fantasie dazu, um zu wissen, wer sich zu ihm hinunter bequemt um ihn gehörig zuzutexten, von wegen du hast mich vor meinen Freunden blamiert und so weiter.

Ricki richtet seinen Blick starr auf den Teich, in welchem sich einige Sterne widerspiegeln und versucht angestrengt, nicht auf die dunkle Person zu blicken, welche nun um die Bank herum geht und sich letzten Endes auf den Boden sinken lässt.

Alexander zupft einige Grashalme aus der Erde und lehnt seinen Kopf gegen die Sitzfläche der Bank. Leises Blätterrauschen durchbricht die entstandene Stille und ein warmer Wind weht über das Grundstück hinweg.

"Warum?", fragt er in einem festen Ton und reißt weiter kleine Grasbüschel aus. Ein verächtliches Schnauben dringt an Alexanders Ohr und er hebt den Blick und starrt in Rickis Gesicht, welcher alle Mühe hat sich ein Grinsen zu verkneifen.

"Weil er ein Arschloch ist, welches schon lange eine aufs Maul verdient hat", gibt der schwarzhaarige Junge gelassen zurück und verschränkt die Arme hinter dem Kopf, um bequemer liegen zu können.

Alexander hebt skeptisch eine Augenbraue und schüttelt kurz darauf nur seufzend den Kopf. Na, mit so einer Antwort hat er ja von Anfang an gerechnet. Hat er tatsächlich erwartet, dass man sich mit diesem Freak vernünftig unterhalten kann?

>Freak...< Unbewusst steigen ihm die morgendlichen Erlebnisse wieder in den Kopf und leichte Röte zieht sich über sein Gesicht.

"Sind alle deine Freunde so charmant?", fragt Ricki plötzlich und wendet sich dem blonden Jungen zu, welcher ein wenig überrascht aufblickt, da er aus seinen Gedanken gerissen wurde.

"Aaron ist ok. Wenn du dich mit ihm anlegst ist das dein Problem. Ich wollte nur wissen was dich geritten hat, diesem Riesen eine reinzuhauen", meint Alexander daraufhin und kann sich ein sachtes Schmunzeln nicht verkneifen.

Niemand aus seinem Freundeskreis würde sich freiwillig mit Aaron anlegen. Der Kerl ist schließlich nicht umsonst alle 2 Tage im Fitnessstudio. Umso überraschter war er vorhin auch, als er Aaron mit blutiger Nase gesehen hat.

"Es kann dir egal sein, ok?! Lass mich einfach zufrieden!", fährt Ricki ihn wütend an und richtet sich auf. Eine Weile starren sich die beiden Jungen schweigend an, bevor Alexander sich vom Boden erhebt und sich den Sand vom Hosenboden klopft.

"Schön. Dann schmoll halt. Und du hast recht, es kann mir wirklich egal sein!" Mit diesen Worten dreht Alexander sich um und marschiert zurück zum Haus. Damit hätte er ja rechnen können. Da will er mal mit dem Kerl reden und was kriegt man(n) dafür zu hören? Aber bitte schön. Er reißt sich nicht um ein gutes Verhältnis mit diesem Bruderverschnitt.

"Er hat meine Mum beleidigt! Dieser verdammte Hurensohn! Das wolltest du doch hören, oder nicht!?" schreit Ricki ihm nach.

*~*~*~*~*

2.37 Uhr. Leise schließt Ricki die Haustür hinter sich und tastet an der Wand nach dem Lichtschalter. Wenige Sekunden später wird der Flur von weißem Licht erhellt und er kneift gequält seine Augen zusammen. Nein, es ist wirklich nicht gut, wenn man die ganze Zeit im Dunkeln gehockt hat und dann so plötzlich wieder im Licht steht.

Langsam schärft sich seine Sicht und als er dann den blonden Jungen erblickt, welcher ein wenig schläfrig auf der Treppe hockt, weiß er nicht, ob er jetzt lachen oder dankbar sein soll. Gähnend erhebt Alexander sich und streckt sich einige Male bevor er dösig auf Ricki hinabblickt, welcher sich gerade aus seinen Schuhen zwängt.

"Du bist ne Nervensäge", meint der schwarzhaarige Junge grinsend und blickt neutral zu Alexander hoch, der daraufhin nur skeptische eine Augenbraue hebt.

"Ach ja. Das sagt ausgerechnet ne sture Zicke wie du", gibt dieser daraufhin zurück und lächelt sacht. Ricki schlüpft kopfschüttelnd in seine Hausschuhe und umklammert mit der linken Hand das Treppengeländer.

"Und was erwartest du jetzt?", fragt er schließlich und steigt einige Stufen hinauf, bis er fast auf gleicher Höhe mit seinem Halbbruder steht. Dieser starrt ihn mit großen, grünen Augen an und deutet mit einer knappen Kopfbewegung nach oben.

"Nichts. Aber vielleicht willst du ja reden", entgegnet er und sieht Ricki erwartungsvoll an. Dieser betrachtet den anderen Jungen ein wenig skeptisch, während wieder dieses unbekannte Kribbeln durch seinen Magen schießt und ihn schier wahnsinnig macht.

"Warum... sollte ich mit dir reden wollen?" Rickis Stimme bebt ein wenig und er versucht krampfhaft, weiterhin seinen kühlen Unterton beizubehalten. Leider Gottes bröckelt sein Widerstand zunehmendst, als sich ein - für ihn beängstigendes - Lächeln auf Alexanders Gesicht ausbreitet.

"Weil du niemanden hast mit dem du reden kannst... oder willst."



Kapitel 9: Talk to me 
 
Angespannt sitzt Ricki auf seinem Bett, während Alexander es sich auf dem Sofa bequem gemacht hat. Na wunderbar. Da hat er sich ja auf was eingelassen. Ein psychologisches Gespräch mit Seelenklempner Junior, und das mitten in der Nacht.
 
Was Ricki allerdings am meisten aus dem Konzept bringt ist die Tatsache, dass er selbst gar nicht so abgeneigt auf Alexanders Angebot reagiert hat. Wahrscheinlich hat er doch ein, zwei Zigaretten zu viel konsumiert, ansonsten würde sein Verstand jetzt nicht auf Durchzug schalten.
 
Schweigend betrachtet Alexander den schwarzhaarigen Jungen, welcher abwesend auf den Fußboden starrt und mit sich selbst im Unreinen zu sein scheint. Geduldig wartet er ab, bis sein Gegenüber anfängt zu erzählen.
 
Ein sachtes Grinsen huscht über sein Gesicht, als er daran denkt, dass sein Vater solche Gespräche Tag täglich führt. Wahrscheinlich schlägt er selbst doch mehr nach seinem alten Herrn als er gedacht hatte. Aber eigenartig ist es schon. Warum interessiert es ihn, was der andere für Sorgen hat?
 
>Blut ist dicker als Wasser.< Das ihm ausgerechnet jetzt dieser Spruch in den Sinn kommt, ist wirklich schon wahre Ironie. Die Beine zum Schneidersitz verschränkend macht es sich der Blonde bequem, krallt sich eines der Sofakissen und wirft Ricki daraufhin einen auffordernden Blick zu.
 
Der schwarzhaarigen Junge schluckt und fährt sich mit der Hand durch die leicht zerzausten Haare. Ob er das wirklich machen sollte? Ob es wirklich ratsam ist, diesem Jungen etwas aus seiner Vergangenheit zu erzählen? Er kommt aus der Stadt, er weiß, was in den Köpfen mancher Leute vorgeht.
 
Erst wollen sie alles über dich wissen, wollen dich davon überzeugen, dass sie dir nur helfen wollen, und was passiert dann? Man wird regelrecht ins kalte Wasser gestoßen. Meistens ist es doch so, dass andere ihr Wissen über einen Menschen nur ausnutzen. >Aber warum zum Teufel kann ich mir das bei ihm nicht vorstellen?<
 
Seufzend lehnt Ricki sich gegen die kalte Wand und sein dunkelblaues Augenpaar bleibt in Alexanders Gesicht hängen. Dieser sieht ihn immer noch erwartungsvoll an, während seine Finger doch etwas ungeduldig an dem Kissenbezug herumzupfen.
 
„Was willst du von mir hören?“, fragt er schließlich, da er diese unangenehme Stille nicht länger erträgt. Was denkt der andere Junge überhaupt, wie das jetzt ablaufen soll? Soll er jetzt damit anfangen, dass er als 3-Jähriger mal von einem Hund gebissen wurde und nun Panikattacken kriegt, wenn er so eine vierbeinige Lebensform sieht? Er kann doch wohl schlecht bei Adam und Eva anfangen. 
„Hm... warum versuchst du dich unbeliebt zu machen?“, fragt Alexander daraufhin und faltet die Hände über dem Kissen zusammen. Diese Frage brennt ihn schon seit dem ersten Tag auf der Zunge. Erst diese Zigarettenaktion im Wohnzimmer, dann diese Schockaktion die er bei seinem Vater versuchen wollte – welche aber keine Wirkung gezeigt hat –, dann dieses übertriebene Outfit, als er ihn mit zur Party genommen hat. Das alles muss doch wohl einen Grund haben. 
„Ich will nicht hier sein. Ich wollte nie hier her, ok?“, faucht Ricki den anderen an, welcher unter dem plötzlich lauten Tonfall leicht zusammenzuckt. Ohoh, da scheint aber jemand gewaltig angepisst zu sein. Schön, die Nacht ist noch jung. 
„Weil du wütend auf Dad bist, oder weshalb?“, hakt der Blonde weiter nach, woraufhin Ricki nur schnaufend den Kopf schüttelt. Dies ist natürlich einer der Gründe, aber da gibt es noch eine ganze Menge anderer. 
„Nicht nur... Herr Gott, ich meine ich habe nichts mehr, verstehst du? Kannst du dir überhaupt vorstellen wie es ist, wenn du aus der Stadt, in der du geboren wurdest und 17 Jahre lang gelebt hast, wegziehen musst? Meine Freunde habe ich zurückgelassen, mein Zuhause... ich komme mir vor wie einer, der gerade durch so ein Dimensionsloch gesaugt wurde und nun... ohne irgend etwas in einer vollkommen neuen Umgebung ist. Kannst du dir überhaupt eine Vorstellung machen, wie es ist, wenn du deinen besten Freund, den du seit der Grundschule kennst, zurücklassen musst? Ich bin jetzt über 4 Autostunden von meinen Freunden weg, und in diesem Kaff leben nur.... solche...“ Ricki muss erst einmal hart schlucken und versuchen sich zu beruhigen. Nein, das war nicht gut, definitiv nicht. So mit allem herausplatzen ist ja nun gar nicht seine Art. 
„Ich kann mir schon vorstellen wie das ist... bei dem Gedanken von hier wegzumüssen, wird mir auch ganz anders. Aber das ist doch kein Grund, deinen Frust an uns hier auszulassen“, meint Alexander ein wenig bekümmert, woraufhin Ricki ihn mordlustig anfunkelt. 
„Frust auslassen? Frust auslassen? Ich kann dir ja mal sagen was Frust ist! Frust ist, wenn du dein ganzes Leben ohne Vater aufgewachsen bist und deine Mutter jeden Monat einen anderen Mann mit nach Hause gebracht hat. Das ist Frust, verstehst du?“, fährt Ricki den blonden Jungen aufgebracht an. 
Wie er diese Zeit doch gehasst hat. Ständig neue Männergesichter – an die meisten Namen kann er sich schon gar nicht mehr erinnern. Seine Mutter meinte, sie müsse doch einen guten Vater für ihn finden, und daher muss sie die Männer erst näher kennen lernen. Aber was für ein Kennen lernen ist es denn bitte schön, wenn jeder dieser Kerle binnen 4 Wochen abgeschoben wurden, damit der nächste einziehen kann. 
„Immer gab es Streit. Ständig hat sie sich mit diesen Typen gezofft. Ich wollte keinen Vater mehr haben. Mir hing das alles zum Halse raus. Diese ganzen schmierigen Machoarschlöcher, die eh nur mit dem unteren Teil ihres Körpers gedacht haben, haben mich angewidert. Mum hat doch mehrmals im Monat nen totalen Nervenzusammenbruch gehabt. Und wer durfte dann immer die Schulter hinhalten, damit sie sich ausheulen konnte? Wenn man mit ansehen muss, wie die eigene Mutter sich selbst das Leben so schwer macht, geht man innerlich kaputt... Ich habe dann angefangen jeden Kerl zu vergraulen, den sie mitgebracht hat – mit Erfolg, muss ich dazu sagen... das war... alles nur noch zum Kotzen...“ Ricki muss einmal tief Luft holen, um den aufsteigenden Kloß in seinem Hals zu verdrängen. Dass diese Erinnerungen ihm noch so sehr zusetzen hat er nicht gedacht. Frustriert kaut er auf seiner Unterlippe herum, wobei er nicht bemerkt, wie Alexander ihn leicht traurig anstarrt.
 
Ok, dieser Freak hat einen an der Klatsche, aber nach dem, was er bis jetzt gehört hat, wundert ihn das nicht mehr. Wenn er sich vorstellt, ohne Vater aufwachsen zu müssen, dann hätte er wahrscheinlich auch nen Komplex gekriegt.
 
„Schon komisch... irgendwie ist es richtig befreiend, das mal laut aussprechen zu können“, meint Ricki plötzlich und schmunzelt sacht, als er in Alexanders verdattertes Gesicht blickt. Der Blonde legt den Kopf ein wenig schief, woraufhin Ricki leise auflachen muss. 
Ok, vielleicht war es doch keine so schlechte Idee mit dem Sunnyboy ein Gespräch anzufangen. Sich mal alles von der Seele zu labern, ist anscheinend doch hilfreicher als er gedacht hat.
 
„Und aus diesem Grund hasst du Dad? Weil er nicht da war?“, fragt Alexander weiter und erhält ein sachtes Nicken von seinem Halbbruder. 
„Nicht nur das... ich meine, wenn er nicht weggegangen wäre, dann hätte Mum nie diese ganzen Kerle mit gebracht... und sie hätte auch keine Depressionen bekommen. Aber nun komme ich hier her und da sagt er mir, dass er nichts von meiner Existenz gewusst hat, während meiner Mutter mir immer gesagt hat, dass er sie verlassen hat, nachdem die ihm gesagt hat, dass sie schwanger sei. Ich weiß langsam überhaupt nicht mehr, was ich noch glauben soll“, fährt Ricki fort und fummelt ein wenig nervös an seinen Lederbändern herum. 
„Dad hat bestimmt nicht gewusst, dass es dich gibt. Ich meine... er ist nicht der Typ Mensch, der einfach eine schwangere Frau sitzen lässt. Kann ich mir persönlich nicht vorstellen... aber immerhin kann ich jetzt langsam nachvollziehen, warum du Aaron eine drauf gegeben hast“, entgegnet Alexander daraufhin. 
Ricki grinst breit und reibt sich unbewusst über die Faust. „Ja hallo. Ich meine, ich bin es gewohnt, wenn andere blöde Kommentare ablassen wenn sie mich sehen, aber hey, nicht über meine Mutter. Zumal... jeder kann ja wohl so herumlaufen wie es ihm passt. Aber die Gesellschaft von heute kann man eh das Klo runterspülen. Wenn du dich heutzutage nicht in das vorgestrickte Muster mit einfädelst, wirst du gleich als Abnormalität abgestuft. Perfektes Beispiel ist ja dein ach so charmanter Freund Aaron“, schnaubt Ricki säuerlich und legt sich so hin, dass er mit dem Bauch auf der Matratze liegt und den Kopf auf den Handflächen abstützt. 
„Ok, Aaron ist manchmal schon ziemlich ausfallend, das gebe ich zu. Mich hat er ne Zeit lang auch aufgezogen, aber das gibt sich nach ner gewissen Zeit.“ Alexander streicht sich einige vorwitzige Strähnen aus dem Gesicht, welche sich bereits lösen, da sein Gel anscheinend nicht mehr so hält, wie es laut Beschreibung eigentlich sollte. 
„Pff... ich meine, wie kannst du nur mit solchen Typen abhängen? Ich meine, da bist sogar du noch ein erträglicher Mensch gegen.“ Angewidert schüttelt Ricki sich, als er wieder Aarons Visage vor seinem inneren Auge sieht, welche ihn angrinst. Na wääh. Jetzt kann er die Nacht bestimmt nicht ohne Alpträume überstehen. 
„Oha... täuschen mich meine Ohren oder war das gerade ein verstecktes Kompliment an mich?“, stichelt Alexander daraufhin, wobei Ricki leicht rötlich im Gesicht wird und ihm angesichts des Durcheinanders in seinem Kopf einfach mal gekonnt den Mittelfinger zeigt. 
„Bilde dir bloß nichts drauf ein. Aber im Gegensatz zu Mr. Oberarsch des Jahrhunderts bist du schon erträglich... erträglich und nicht mehr. Und diese blonde Schnepfe auf ihren Meterabsätzen. Gott, der hätte ich am liebsten auch die Haare abgefackelt... oder jedes einzeln mit ner Pinzette rausgezogen.“ 
Alexander blickt Ricki erstaunt an, bevor er ein wenig verärgert die Arme verschränkt und den Mund zu einer Schnute verzieht. „Nichts gegen Marie“, meint er leise, wobei Ricki ein wenig fragend eine Augenbraue hebt. 
„Aahhh.... oh nein. Sag mir nicht, dass du auf diese Modepuppe abfährst?“ Die Zeigefinger zu einem Kreuz formend, erhebt Ricki sich von seinem Bett und begibt sich hinüber zum Sofa, wo bereits ein – ihm die Zunge rausstreckender – Blondschopf sitzt und drohend das Kissen schwingt. 
„Jedem das seine, ok?“, meint Alexander und zieht Ricki eins mit dem Kissen über, was Geschlagener gleich mit einigen Pieksern in die Seiten des blonden Jungen quittiert. 
Ein unangenehmes Stechen durchzuckt Rickis Oberkörper, als sich ein Bild von Alexander und dieser Tusse in seinem Kopf breit macht. Das kann doch wohl nur ein schlechter Witz sein. Da hat er aber was besseres verdient als die naive, blondgefärbte Zippe.
 
>Was regst du dich eigentlich so darüber auf. Kann dir doch egal sein< schallt er sich selbst in Gedanken und atmet einmal tief durch. Nun bloß nicht sentimental werden. >Junge, du lässt dich langsam gehen. Disziplin!<
 
„Hattest du eigentlich ne Freundin in deiner Stadt?“, fragt Alexander plötzlich, und leichte Neugierde funkelt in seinen smaragdgrünen Augen auf. Ricki sieht ihn ein wenig verwirrt an, bevor er in lautes Gelächter ausbricht. 
„Ich? Ich und ne Freundin? Mach dich nicht lächerlich. Was soll ich denn mit so was? Keine Zeit für so nen Beziehungsquatsch gehabt. Zumal nerven diese Weiber eh dauernd. Zerren einen mit zum Shoppen, gackern die ganze Zeit blöde herum... nee, danke. Kein Bedarf“, wehrt Ricki mit fuchtelnden Händen ab, wodurch sein Gegenüber breit grinsen muss. 
„Aha... also noch Jungfrau der Herr?“, meint der Blonde daraufhin und lächelt wissend. 
„Willst du es ändern?“, erwidert Ricki und grinst anzüglich. Alexander, wieder rot wie ne Tomate zieht seinem Halbbruder abermals eins mit dem Kissen über, welcher nun lachend halbwegs auf dem Sofa, halbwegs auf dem Boden liegt. 
„Du bist so ein altes Ekel, weißt du das?“, faucht Alexander den Schwarzhaarigen peinlich berührt an und umklammert das Kissen fester. Nicht, dass dieser Perverse noch auf dumme Ideen kommt. 
„Hey, keine Panik. Ihr aus dem Dorf seit schon komisch. Sei du mal froh, dass du meinen Kumpel Patrick nicht kennst. Der ist nämlich noch dreister als ich.“ Grinsend betrachtet Ricki, wie sich Alexanders Gesicht wieder normalisiert, dieser aber trotzdem leicht bedröppelt dreinblickt. 
„Weißt du... der hat es sogar mal gebracht beim Nachsitzen aufzustehen und einfach aus einer Laune heraus so nem komischen Punk nen Zungenkuss zu geben. Ich sag dir, das war ne Orgie. Wenn der Lehrer nicht dazwischen gegangen wäre, dann hätte dieser giftgrün Igelpunk ihn plattgewalzt. Aber wie der geguckt hat, als Patty einfach so aufgestanden ist, zu ihm rüber gelatscht kam und ihm mal so eben die Zunge in den Hals gesteckt hat.“ Ricki bricht wieder in Gelächter aus, als er an diese unvergessliche Szene aus der 9. Klasse zurückdenken muss. Ja, das waren noch Zeiten. 
„Und mit so was vertreibst du deine Freizeit?“, fragt Alexander leicht ungläubig, kann sich aber ein sachtes Schmunzeln bei dieser Vorstellung nicht verkneifen. Wenn das jemand an seiner Schule getan hätte ... oh weh, das wäre wirklich ein Skandal geworden. 
„Ja, Patty war schon ein Original. Nur ständig zugekifft, aber sonst der beste Freund den ich je hatte... na ja, jetzt habe ich keinen mehr...“ Mit jedem Wort wird Rickis Stimme leiser, bis er nur noch seufzend auf seine Füße starrt. Langsam breitet sich das Heimweh immer weiter in ihm aus. Das hat ihm gerade noch gefehlt. Ganz klasse. 
„Hey, niemand hat gesagt, dass du hier keine Freunde finden kannst. Mark zum Beispiel hat sich ja vorhin nen Ast gefreut, als er Aaron mit blutiger Fresse gesehen hat. Der findet dich komisch“, versucht Alexander es nun auf eine andere Art. Dass sein Gegenüber jetzt vollkommen allein hier festsitzt wird ihm erst jetzt so richtig bewusst. Nachgedacht hat er darüber noch nicht sonderlich viel. 
Ihn hat es eigentlich nur gestört, dass da plötzlich so ein Kerl auftaucht und sich mit in seine Familie reindrängt. Aber nun wird ihm langsam bewusst, dass Ricki sich das alles ja nicht ausgesucht hat.
 
„Und ne Familie hast du jetzt auch.... du musst eben ein bisschen weniger ’dick’ auftragen... und versuch Dad mal ne Chance zu geben. Der versucht sich ja zu bemühen.“ Ricki blickt aufgrund dieser Aussage ein wenig skeptisch auf. 
Familie? Kann er das hier seine Familie nennen? Diesen ihm vollkommen wildfremden Mann, welcher ihm allerdings recht ähnlich sieht, diese schrille Hausfrau, die immer alle mit ihrem Optimismus überfahren muss... und einen Halbbruder...
 
„Ich bin mir gar nicht sicher, ob ich überhaupt einen Bruder will“, meint Ricki plötzlich und sieht Alexander herausfordernd an. Dieser verzieht allerdings keine Miene, sondern lächelt nur scheinheilig. 
„Das bin ich mir auch nicht... aber wie wäre es mit einem Freund?“, fragt er den Schwarzhaarigen, welcher nun leicht amüsiert lächelt und sich hinten gegen die Sofalehne fallen lässt. 
„Ein Freund ist nie verkehrt. Kann man immer gebrauchen, wenn man einen Sündenbock braucht“, erwidert er grinsend, und hat wenig später wieder das Kissen im Gesicht, gefolgt von den Worten: „Altes Ekel“. 


Kapitel 10: Brüder?

Gähnend streckt Ricki sich und linst noch ein wenig schläfrig durch sein Zimmer. Ein kurzer Blick auf seinen Wecker verrät ihm, dass es bereits halb 10 durch ist und er noch keine Guten-Morgen-Zigarette geraucht hat.

Brummelnd schält er sich aus seiner Bettdecke, welche sich heimtückisch um seine Beine geschlungen hat und tapst hinaus auf den Flur. Komisch, irgendwie ist es verdammt still. Schleppend begibt Ricki sich in Richtung Badezimmer und verrichtet erst einmal seine allmorgendliche Katzenwäsche, bevor er sich weiter über die beunruhigende Stille im Haus aufregt.

>Erzeuger und Vogelscheuche kommen erst gegen Abend... Brüderchen ist...< ein schelmisches Grinsen schleicht sich auf Rickis Lippen, bevor er leise zu Alexanders Zimmer hinüber schleicht und vorsichtig den Türgriff hinabdrückt.

Zu seiner Enttäuschung befindet sich aber sein geplantes Morgenschreckopfer nicht in seinem Bett, was ihn dann doch ein klein wenig beunruhigt. Nach ihrem gestrigen Gespräch hat Alexander sich irgendwann gegen halb 4 in sein Zimmer begeben und es ist doch wirklich unmenschlich, dass der Blondschopf bereits auf den Beinen zu sein scheint.

>Der Typ ist doch nicht normal...< seufzend tapst Ricki die Treppe hinunter und steuert zielsicher auf die Küche zu.

Leer. Kein Alexander den er ein bisschen quälen kann. Die Welt kann manchmal aber auch so was von schlecht sein.

Merkwürdigerweise steht allerdings die Terrassentür halb offen, was einen leichten Hoffnungsschimmer in Rickis Gesicht erwachen lässt. Vielleicht kommt er ja doch noch dazu, an einem gewissen Jemand seinen Frust bezüglich seines Nikotinvorrates auszulassen, da ihm vor wenigen Minuten eingefallen ist, dass er ja bis auf eine Ziggi alles gestern verpafft hat.

Pfeifend begibt er sich auf die Terrasse und blickt sich suchend nach Alexander um. Wieder nichts. Ja sag mal, will ihn heute irgendwer verarschen? Und das auf einen Sonntag, dass kann doch wohl nicht angehen.

Ein gleichmäßiges, blubberndes Geräusch reißt ihn aus seinen Gedanken und er blickt sich ein wenig irritiert um. Was war denn das? Sind die Mücken letzte Nacht mutiert und haben es auf ihn abgesehen?

Unsicher latscht er die Terrasse entlang, biegt um die Hausecke und bleibt mit großen Augen stehen. Vor sich erblickt er den Whirlpool in welchem es sich ein gewisser Sunnyboy mit Sonnenbrille auf der Nase und einer Cola in der linken Hand bequem gemacht hat.

"Morgen." Ruft Alexander und grinst breit, als er in Rickis schockiertes Gesicht blickt. Schade das er seine Kamera nicht mit hat, das wäre jetzt ein schönes Foto fürs Familienalbum wie der kleine Hauspsychopath mit offenem Mund dasteht und glotzt wie ein Fisch.

"Sag mal... du lebst nicht schlecht..." meint Ricki, nachdem er sich wieder gefangen hat. Nicht, dass es so schockierend ist, jemanden in einem Whirlpool zu sehen, nein, vielmehr ist es die Tatsache, dass dieser Jemand mit nacktem, gebräunten Oberkörper dort drinnen hockt.

Ricki schluckt sacht und schüttelt verwirrt den Kopf. Was waren denn das gerade für Gedanken? >Ganz ruhig Junge... kein Grund die Fassung zu verlieren. Du leidest nur unter Entzug... das gibt sich wieder.<

"Willste auch mit rein?" fragt Alexander plötzlich und schiebt die Sonnebrille soweit hoch, sodass sie auf seinem Kopf thront. Zögernd betrachtet Ricki seinen Stiefbruder welcher ihn mit großen, grünen Augen betrachtet.

>Oh man... Junge mach die Augen zu oder guck woanders hin.< Ricki versucht Alexanders Blick zu meiden, während er sein zerknautschtes Nachtshirt abstreift und auf einem Liegestuhl fallen lässt.

"Platz da oder Beine ab." Ruft Ricki aus, bevor er Anlauf nimmt und in den Whirlpool jumpt. Alexander, welcher gerade noch rechtzeitig seine Beine anziehen konnte, schreit überrascht auf und reibt sich die Augen.

"Wäh. Du bist ne Sau!" Murrend stellt er seine Cola auf einer Ablage ab und funkelt Ricki säuerlich an. Na das ist ja mal wieder so was von typisch. Zum Dank für seinen sozialen Einsatz wird er mal wieder misshandelt, in diesem Falle eben durch ein paar ordentliche Spritzer Chlorwasser in die Augen.

"Stell dich nicht so an. Ist nur Wasser." Meint Ricki beiläufig und grinst frech als er auf Alexander zukrabbelt, an ihm vorbeilangt und sich an der Cola gütlich tut. Wenn schon kein Nikotin, dann wenigstens Koffein.

"Tut das weh?" fragt Alexander plötzlich und deutet auf Rickis Brustwarze an welcher ein kleiner, silberner Ring baumelt. Dieser schnallt erst gar nicht, was der andere Junge von ihm will und hebt nur fragend eine Augenbraue.

"Hm?"

"Na das da." Wiederholt Alexander und zieht mit seinen Fingern sacht an dem Silberring. Ricki blickt an sich herab, wobei er versucht ein leises Aufstöhnen zu unterdrücken und schüttelt wenig später den Kopf.

"Nö... eher im Gegenteil." Fügt er verschwörerisch hinzu und wackelt zweideutig mit den Augenbrauen. Das sich daraufhin wieder eine gesunde Färbung in Alexanders Gesicht breit macht ist regelrechtes Balsam für seine arme, geplagte Seele.

So muss das sein. Der Blonde ist aber auch zu niedlich wenn er mal wieder rot im Gesicht wird. Ricki grinst abwesend und wackelt mit der Coladose herum. Eigentlich ist so ein Leben gar nicht mal so schlecht. Abgesehen von ein paar Kleinigkeiten, aber im Großen und Ganzen...

So unauffällig wie möglich, lässt er seine Augen über den Torso seines Gegenübers schweifen, welcher gerade damit beschäftigt ist seine Brille irgendwie sauber zu bekommen, was sich als recht schwer erweißt, da er selbst bis auf die Knochen nass ist.

"Waah! Fick die Henne." Ruft er verstimmt auf und knallt die Sonnenbrille auf die Ablage. Dann eben nicht. Die wird schon sehen was sie davon hat.

"Was gibt's zum Mittag?" fragt Ricki um ein Gesprächsthema anzufangen, und um sich vor allem von dem nackten Oberkörper seines Stiefbruders abzulenken. >Himmel Herr Gott, nun ist aber Schluss.< ermahnt er sich selbst und kneift sicherheitshalber die Augen für einen kurzen Moment zu.

"Was der Kühlschrank hergibt. Aber ich glaube wir haben noch irgendwo ne Pizza herumfliegen." Meint Alexander daraufhin und gähnt einmal herzhaft. So ganz wach ist er trotz allem noch nicht.

"Müde?" fragt Ricki, wobei seine Frage mehr wie eine Feststellung klingt.

"Nee, ich tu nur so." antwortet Alexander spitz und streckt dem leicht verdutzten Schwarzhaarigen die Zunge raus. Ricki grinst daraufhin breit und streckt seinem 'Bruder' ebenfalls seine Zunge entgegen.

"Geht es nur mir so, oder entwickeln wir uns langsam zurück?" fragt Alexander plötzlich, nachdem sie sich für einen längeren Zeitraum gegenseitig die Zungen präsentieren. Ricki lacht laut auf und versucht unschuldig zu gucken.

"Find ich nicht. Aber wenigstens benimmst du dich nicht mehr wie Mr. 'Seht-mich-an-ich-bin-es'."

"Wann habe ich mich denn so benommen?" fragt Alexander entrüstet und funkelt Ricki verärgert an.

"Vielleicht nicht so extrem... aber als wir uns das erste Mal gesehen haben, warst du schon ziemlich arrogant. Als ob du was Besseres wärst als ich."
 
Alexander verdreht die Augen und stöhnt laut auf. "Ja meine Güte. Ich war eben nicht sehr begeistert, dass sich da plötzlich ein Fremder mit in meine Familie hineindrängt. Zumal... bei deinem Anblick habe ich mich auch gefragt, aus welcher Gruft du ausgebrochen bist."

"Ok, ok... lassen wir das. Keinen Bock darüber zu labern." Wehrt Ricki leicht genervt ab und beobachtet das blubbernde Wasser um sich herum. Alexander schweigt ebenfalls und lässt seinen Blick über das Grundstück schweifen.

*~*~*~*~*

Murrend kaut Ricki auf seinem Stück Pizza herum und betrachtet gelangweilt den Fernseher welcher mal wieder den größten Schund aller erdenklichen Spielfilme zum Besten gibt. Kurz - das Programm ist wie immer scheiße. Und für so was zahlt man heutzutage auch noch.

Alexander hingegen zapped alle 10 Sekunden weiter, weshalb auch keiner der beiden großartig was von der Handlung der Filme mitbekommt.

"Laaaangweilig." Stöhnt Ricki genervt auf und schiebt sich den letzten Happen Pizza in den Mund. Alexander runzelt leicht die Stirn und schmeißt seinem Stiefbruder die Fernbedienung zu.

Während er es sich auf dem großen Sofa bequem gemacht hat, lümmelt sein kleiner Hausgrufti auf dem Sessel herum und tritt des Öfteren gefrustet gegen eine der Schranktüren.

"Bitte, dann such du doch ein Programm." Meint Alexander muffig und nimmt einen großen Schluck von seinem Eistee. Gequält greift Ricki die Fernbedinung, wobei es bei ihm schon beinahe so aussieht, als ob er gerade eine sportliche Höchstleistung vollbringen müsste.

Seufzend schaltet er weiter, wobei er gleich einen entsetzten Schrei von sich gibt, als er zum Unglück seiner Ohren ausgerechnet MTV erwischt.

"Waaah! Weiche Satan!" ruft er entsetzt aus und schaltet geschwind weiter, bevor die Stimme von Britney Spears seine letzten noch lebenden Gehörzellen auslöscht.

"Manchmal denke ich echt bei dir ist ne Schraube locker." Meint Alexander schmunzelnd und nimmt einen weiteren Schluck Eistee zu sich, welchen er aber wenige Sekunden später im hohen Bogen auf den Tisch nieder regnen lässt.

"Oha. Sexfilme um halb 2 am Nachmittag. Kein Wunder das die Jungend verkommt." Meint Ricki und grinst breit, als er auf dem Bildschirm gerade zwei Affen bei der Paarung sieht.

"Man... Mum bringt mich um, wenn hier alles klebt." Flucht Alexander und hastet hinüber in die Küche um einen feuchten Lappen zu holen. Kaum wieder zurück im Wohnzimmer wird er von oben bis unten von seinem herzallerliebsten Bruder gemustert.

"Sag mal... das mit den Bienen und den Blümchen hat man dir schon erklärt, oder?" fragt dieser und blickt den Blondschopf mit großen Augen an. Das dieser schon den Tisch vollrotzt, nur weil er ein paar Schimpansen bei der Paarung gesehen hat ist nun wirklich schon recht merkwürdig.

Als Antwort präsentiert Alexander diesem mal eben seinen gerade gewachsenen Mittelfinger und wischt murrend den Tee vom Tisch. "Herr Gott, ich war nur ein bisschen überrumpelt. Zumal sehe ich nicht jeden Tag das Geschlechtsteil eines Affen. Aber so wie ich dich einschätze kennst du so was bestimmt im Überfluss."

"Na hör mal. Ich gehe jeden Samstag in den Zoo um mich dort aufzugeilen." Entgegnet Ricki sarkastisch und setzt eine ernste Miene auf.

"Du bist echt ein Freak." Meint Alexander lachend und verfrachtet den Lappen wieder dahin wo er hingehört.

"Wenn du schon wieder in der Küche bist, dann bring mal ein Eis mit." Ruft Ricki ihm nach und lehnt sich im Sessel zurück.

"Bin ich dein Bimbo oder was?" vernimmt er die entrüstete Stimme seines Bruders, welcher wenig später mit zwei Capri-Orangen-Eis am Stiel zurückkommt.

"Gib. Gib." Mit fuchtelnden Händen versucht Ricki das ihm hingehaltene Eis zu erreichen, aber wozu hat man(n) ein Kameradenschwein zum Bruder? Dieser ist selbstredend nicht gewillt dem kleinen Grufti so ohne weiteres das Eis zu überlassen.

"Sag bitte."

"Bitte gibs her, sonst trete ich dir dankend in den Arsch." Flötet Ricki süßlich, wodurch ihm Alexander mit zuckender Augenbraue das Eis gegen den Kopf schmeißt.

"Na herzlichen Dank auch." Murrt Ricki verstimmt und reibt sich die nicht vorhandene Beule. Na wenigstens hat er sein Eis, also heißt es glücklich sein und lecken, bevor die Kostbarkeit schmilzt und einen hässlichen Fleck auf seiner Hose hinterlässt.

"Man... schade das die heute schon wieder kommen." Nuschelt Ricki plötzlich und starrt ein wenig angepisst auf die Mattscheibe. Ok, versuchen sich in die Familie einzufügen muss er schon irgend wann versuchen, aber momentan gefällt ihm die Situation besser, mit seinem Stiefbruder allein zu sein... aus welchem Grunde nur, kann er sich selbst nicht so ganz erklären.

"Nicht für lange..." sagt Alexander daraufhin und lutscht an seinem Eis herum.

"Hm?"

"Mum und Dad haben schon im Februar ne Kreuzfahrt gebucht. Das du aus heiterem Himmel auftauchst konnte zu dem Zeitpunkt ja noch keiner ahnen."

"Du meinst... die fahren in den Urlaub?"

Alexander nickt daraufhin und schleckt sich den Mundwinkel sauber. "Hmhm. 2 Wochen schippern die herum. Ich konnte mich dieses Jahr Gott sei dank soweit durchsetzen, das ich mal alleine zu Hause bleiben kann. Mum ist wenn es um Familienurlaub geht immer sehr verbohrt."

"Fahrt ihr öfter in den Urlaub?" fragt Ricki und sieht ein bisschen neidisch zu Alexander, welcher wieder bejahend mit dem Kopf nickt. Er selbst war erst einmal im Urlaub, und das war noch nicht einmal richtiger Urlaub, sondern ein 2 Wochen-Tripp nach Schweden mit der Konfirmationsgruppe. Morgens bis abends beten und irgendwelche Sachen besichtigen. Nicht gerade etwas, was er zum Vergnügen mitgemacht hat.

"Wir fahren jedes Jahr im Sommer. Nur ich habe dieses Mal einfach keine Lust. Mum und Dad fahren mit ein paar Freunden zusammen. So ein Erwachsenenshitkram. Da hab ich keine Lust mit herumzulungern. Und 2 Wochen auf nem Schiff muss ich auch nicht haben." Fährt Alexander fort und beißt ein Stück von seinem Eis ab.

"Sind das die, wo die übers Wochenende eben sind?"

"Genau die. Mir solls recht sein. Hab ich zwei Wochen meine Ruhe... mehr oder weniger." Fügt Alexander nachdenklich hinzu und betrachtet Ricki, welcher schelmisch grinst.

"Dann sind wir also 2 Wochen alleine?"

"Scheint so, warum?" fragt Alexander ein wenig skeptisch und blickt etwas beunruhigt in Rickis Gesicht, welches ihn durchdringend betrachtet.

"Nur so... mir sind da nur so ein paar Dinge eingefallen." Gibt dieser scheinheilig zurück und leckt seine Finger sauber, da an diesen schon ein wenig geschmolzenes Eis hinabläuft.

"Du hältst mir hier keine Rituale ab." sagt Alexander und blickt Ricki warnend an. Dieser seufzt resigniert und legt den abgeschleckten Eisstil auf den Tisch.

"Na schön... wenn du willst, dann unterlasse ich für diese 2 Wochen meine Waschrituale, aber dafür lässt du Mr. Oberarsch nicht ins Haus." Erwidert er schmollend, kann sich aber ein sachtes Grinsen nicht verkneifen, als sich sein Stiefbruder mit der Handfläche vor den Kopf schlägt.

"Du bist bekloppt."

"Muss wohl in der Familie liegen." Meint Ricki ungerührt und wippt auf dem Sessel hin und her.

"Scheint so..." entgegnet Alexander nach einem kurzen Augenblick des Schweigens. Vielleicht wird es gar nicht mal so schlecht mit Ricki alleine zu bleiben. Nach dem gestrigen Gespräch muss er sogar sagen, dass er eine gewisse Sympathie zu dem schwarzhaarigen Jungen entwickelt hat.

"Soooo. Nun hol mal ne Flache Prosecco und lass uns auf die zukünftige Freiheit anstoßen!" meint Ricki plötzlich und klatscht auffordernd in die Hände.

"Du bist echt nicht mehr normal." Grinsend greift Alexander nach einem der Sofakissen und schleudert dieses in Richtung des anderen. Eines steht auf jeden Fall schon mal fest: Langweilig werden die kommenden Wochen bestimmt nicht werden.