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Mad life Teil 11 bis 15

Kapitel 11: 2 Wochen, 14 Tage, 336 Stunden...


Nervös läuft Katja durch die Wohnung um wirklich sicher zu gehen, dass sie in ihrer Hektik nicht doch etwas vergessen hat, was sie auf ihrer Kreuzfahrt wahrscheinlich noch gebrauchen wird.

Während Alexander seinem Vater hilft, das Gepäck im Auto zu verstauen, hockt Ricki vor der Haustür und beobachtet das Treiben, was sich ihm bietet. Auf den Gedanken mal mit anzupacken kommt er selbstredend nicht, denn schließlich ist ein armer, geplagter Grufti wie er schon genug damit beschäftigt, sich die umherirrenden Insekten vom Leibe zu halten, was weiß Gott keine leichte Aufgabe ist. Alexanders ständiges Genörgel und sein lautes Rumgezeter überhört er dabei gekonnt.

"Wie wäre es, wenn euer Hochwohlgeboren mal seinen faulen Arsch bewegen würde?" keift Alexander säuerlich, welcher gerade alle Mühe hat einen großen Koffer in den schon recht überfüllten Kofferraum zu verfrachten.

"Ich will dir ja nicht die Arbeit wegnehmen", flötet Ricki mit übertrieben freundlicher Stimme und wirft Alexander grinsend eine Kusshand zu. Dieser läuft daraufhin prompt purpurrot an, zeigt dem Perversen vom Dienst seine Kehrseite und flucht leise vor sich hin.

Der Vater der beiden Streithähne schmunzelt sacht und verstaut eine Kühltasche auf den Rücksitzen. In solchen Auseinandersetzungen zwischen Jugendlichen ist es immer am Besten, wenn man(n) sich nicht einmischt.

"Frederic! Weißt du wo ich meinen Hut gelassen habe? Du weißt schon, den mit dem roten Band." Vollkommen aufgelöst steht Katja plötzlich im Türrahmen und hätte beinahe Ricki über den Haufen gerannt, da dieser ja direkt davor sitzt.

Aber haben wir nicht alle unsere kleinen Problemchen? Der eine macht alle hier Anwesenden verrückt wegen einem bekloppten Hut, während andere sich den Allerwertesten aufreißen um ein paar Dutzend Koffer zu verstauen, oder wie eben in Rickis Falle, einfach nur unschuldig auf der Treppe rumlümmeln und von einer Sekunde zur nächsten nen Herzkasper kriegen, da so mir nichts dir nichts die erste Person die Tür wie von Sinnen aufreißt und ihre ohrenbetäubende Quietschstimme erklingen lässt. Schrecklich.

*~*~*~*~*

"Und dass du mir abends immer die Haustür abschließt Alexander."

"Ja Mum."

"Und vergiss nicht, regelmäßig nach der Post zu gucken und das Geschirr gehört in den Geschirrspüler und nicht auf den Küchentisch."

"Ja."

"Und dass du mir niemanden die Tür aufmachst den du nicht kennst. Heutzutage kann man ja nicht vorsichtig genug sein."

"Ich weiß, Mum."

"Und vergiss nicht, dir nach dem Essen immer die Zähne zu putzen."

"Mum!"

"Entschuldige, nur es ist doch das erste Mal, dass ich ohne meinen kleinen Jungen vereise."

Während Alexander gequält die Augen verdreht, steht Ricki grinsend an der Wand und hat alle Mühe damit, sich den aufsteigenden Lachanfall zu verkneifen. Na wunderbar. Was kommt als nächstes? Wahrscheinlich erinnert sie den armen Jungen noch daran, dass man jedes Mal die Spülung betätigen soll, nachdem man auf der Toilette gewesen ist. Zuzutrauen wäre es dieser Schreckensmutter auf alle Fälle.

"Und bitte esst nicht jeden Tag Pizza und so was. Das ist auf Dauer nicht gesund", ermahnt Katja die Beiden, welche nur synchron mit dem Kopf nicken. Am Besten immer brav 'Ja' und 'Amen' sagen, das funktioniert immer.

"Katja, wir müssen nun wirklich los, sonst kommen wir noch zu spät." Ein wenig gelangweilt guckt Frederic auf seine Armbanduhr welche bereits halb elf anzeigt.

"Schon gut, schon gut. Also passt auf euch auf. Und wenn irgendetwas sein sollte, dann ruft sofort auf meinem Handy an, verstanden?"

"Ja Mum."

>Ja, ganz bestimmt werde ich das.< denkt Ricki ironisch und seufzt resigniert. Diese Frau ist wirklich eine Gefahr für jeden halbwegs normalen Jugendlichen. Na Gott sei dank wird er dieses Subjekt für die nächsten Tage nicht zu Gesicht bekommen, was soviel heißt, dass sich seine Ohren erstmal wieder erholen können.

*~*~*~*~*

"Freiheit!"

Erschrocken zuckt Ricki zusammen, als Alexander die Haustür hinter ihnen zuschmeißt und grinsend die Hüfte schwingt. Ricki blinzelt ein wenig bedeppert, als der Blonde an ihm vorbeiläuft und sich einmal im Kreis dreht.

Also entweder ist dieser nun total durchgeknallt, oder aber es sind neue Bazillen unterwegs die eine vorübergehende Störung der Gehirnfunktion hervorrufen.

"Mann, endlich Ruhe." Alexander lächelt breit und legt den Kopf schief, als er Ricki betrachtet, welcher trotz seiner schwarzen Tracht wirklich niedlich aussieht, wenn er guckt wie ein kleines Kind, das nicht versteht was gerade abläuft.

"Soll ich den Notarzt rufen? Kriegt deine Birne nicht genügend Sauerstoff, oder was ist los?", fragt Ricki und grinst schief, als Alexander ihm daraufhin den Vogel zeigt.

"Hey, das ist das erste Mal, dass ich für so nen langen Zeitraum das Haus für mich habe. Das ist ein Grund zu feiern, ok?", versucht dieser sich zu verteidigen und stiefelt in die Küche.

"Na schön, aber du vergisst da eine Kleinigkeit", Meint Ricki verschwörerisch und schlendert hinter seinem Halbbruder her.

"Hm?" fragt Alexander und dreht sich zu Ricki um, welcher ihn mit einem breiten Grinsen betrachtet.

"Du bist alleine... mit mir!"

"Danke... jetzt hab ich noch nen Grund mich zu erschießen", gibt Alexander spitz zurück und lässt den nun schmollende Ricki links liegen und beschäftigt sich lieber mit dem Inhalt seiner Orangensaftflasche.

"Und was plant mein kleiner Junge die nächsten Tage?" fragt Ricki süßlich und mit einer Katja-Like-Stimme, welche Alexander zum Lachen bringt und den Orangensaft aus dessen Nase tröpfeln lässt.

"Igitt." Sich die Hand unter die Nase haltend, sprintet Alexander zur Spüle und wäscht sich die Hände, welche nun schon ein bisschen verklebt sind.

"Jaja. Trinken will gekonnt sein, ne?" meint Ricki unschuldig und lässt sich auf einem der Stühle nieder.

"Witzig", murmelt Alexander und greift nach der Küchenrolle um sich die Nase zu putzen. Orangensaft und Fruchtfleisch in der Nase sind nicht besonders angenehm, das ist wahr.

"Ich hätte da mal ne Frage...", beginnt Ricki plötzlich und trommelt mit seinen Fingerkuppen auf der Tischplatte herum. Die letzten drei Tage, in denen sich sein Erzeuger und dessen ganz persönlicher Alien um die Urlaubsvorbereitungen gekümmert haben, hat er des Öfteren darüber nachgegrübelt, wie er diese zwei Wochen der Freiheit am Besten nutzen könnte.

Und letzte Nacht ist bei ihm tatsächlich der Funke gesprungen. Nun stellt sich eben nur noch das Problem seinen Mitinsassen davon zu überzeugen, dass es zum Wohle aller hier Anwesenden wäre, wenn er ihm diesen kleinen Wunsch gewährt.

"Wenn du mir schon so kommst, dann brütest du was aus. Langsam kenne ich dich und dein krankes Hirn", nuschelt Alexander und schnieft noch einmal, bevor er das Tuch im Mülleimer verschwinden lässt.

"Nun ja... ich wollte fragen, ob du etwas dagegen einzuwenden hast, wenn ich einen Freund hierher hole? Jetzt wo ich hier festsitze, habe ich ja keine große Gelegenheit ihn noch zu sehen", meint Ricki drucksend und blickt mit unschuldiger Miene zu Alexander, der ein wenig skeptisch eine Augenbraue hebt.

"Ist das dieser Freak von dem du mir erzählt hast? Dieser Punkknutscher?", fragt Alexander ein wenig bedröppelt, woraufhin Ricki leise auflacht.

"1:0 für seine Hoheit. Und? Ja oder ja?"
 
"Na meinetwegen. Sofern hier keine Messen abgehalten werden, das Haus nicht abgefackelt wird oder sonstige Sachen passieren, für die mich mein Vater erschießt hast du meinen Segen." Seufzend lehnt Alexander sich gegen die Spüle und betrachtet Ricki, welcher wirklich den Anschein macht, dass er mit dieser Antwort gut leben kann.

"Weißt du, manchmal könnt ich dich echt knutschen Brüderchen", erwidert Ricki grinsend und zwinkert Alexander zu, welcher daraufhin gleich wieder das Gesicht verzieht.

"Wenn du mir weiter so kommst, dann trete ich dich", murmelt dieser und verschränkt die Arme vor der Brust.

>Warum zum Teufel ist mir das so peinlich? Herr Gott noch mal du wirst doch sonst auch nicht so schnell rot, du Depp.< ermahnt er sich selbst in Gedanken.

"Ich steh auf Schläge", sagt Ricki plötzlich und reißt sein Gegenüber aus dessen Gedanken.

Irritiert starrt Alexander zu dem schwarzen Etwas hinüber, welches ihn wieder mit diesem zweideutigen Funkeln in den Augen betrachtet. Na das werden dann wohl ein paar turbulente Tage.

*~*~*~*~*

Nervös läuft Ricki in seinem Zimmer auf und ab, sein Telefon dicht ans Ohr gepresst und einer Kippe im Mundwinkel hängend.

"Na los komm schon... geh ans Telefon du Penner."

Kaum die letzten Worte gesagt, ertönt am anderen Ende der Leitung ein leises Knacken, bevor eine verschlafene Stimme ein unfreundliches 'Was'n?' in den Hörer grummelt.

"Patty? Na endlich. Ich dachte schon du wärst verreckt", ruft Ricki erfreut aus und lässt sich auf sein Sofa plumpsen.

Ein resigniertes Gähnen dringt an sein Ohr und leise Schmatzgeräusche sind zu vernehmen. Na schön zu wissen, dass sein Sündenbruder seine alten Gewohnheiten in den letzten Tagen, in denen er von zu Hause weg ist, noch beibehalten hat.

"Du hast Nerven du Schlumpf. Zu nachtschlafender Zeit hier durchzuklingeln", murmelt Patrick am anderen Ende, woraufhin Ricki einen kurzen Blick auf seine Uhr wirft, welche gerade mal 16.30 Uhr anzeigt.

"Verzeih mir Schnuggl, aber ich hab ein Anliegen."

"Ach nee. Das ist ja mal was ganz neues. Na schön... wo du mich eh geweckt hast."

Anscheinend scheint sein bester Freund wirklich ein bisschen neben der Spur zu hängen, oder aber er hat mal wieder zuviel gekifft.

"Hast du die nächsten Tage irgend etwas weltbewegendes vor oder kann ich dich entführen?" fragt Ricki und lacht leise, als er ein sachtes Glucksen aus dem Hörer vernimmt.

"Wohin willst mich entführen Honey? Zu dir in dein neues Gefängnis?"

"Treffer versenkt, euer Gnaden. Mein Alter und dessen Hausfrauchen haben sich für zwei Wochen verabschiedet und daher habe ich sturmfrei."

"Hm... ich weiß nicht... so ein kleines, prüdes Kaffdorf voll gestopft mit verklemmten Dörflern..."

"Patty... zwing mich nicht dir Gewalt anzutun", sagt Ricki drohend und drückt den kleinen Glimmstängel im Aschenbecher aus.

Dass es tatsächlich so gut tut, mit seinem besten Freund zu reden hätte er nicht gedacht. Schon komisch, aber man merkt erst wie sehr einem etwas fehlt, wenn man es nicht mehr hat. Aber nun soll diese Pappnase bloß nicht anfangen rumzubocken, jetzt wo er sogar Alexanders Zuspruch hat, welcher gerade mit seinem komischen Kumpel Mark in seinem Zimmer hockt und sich die Ohren mit VIVA verseucht.

"Andererseits... ich als überzeugter Hobbysadist würde schon gerne die Gummizelle sehen, in die sie dich gesteckt haben." Ricki sieht förmlich Patricks breites Grinsen, welches dieser immer aufsetzt, wenn er das Wort Sadist in einem Satz verwendet hat.

"Also, kommst du?"

"Ja... muss nur mal gucken, ob ich meinen Alten ein bisschen Geld ablabern kann... also richte dich darauf ein, dass ich im nächsten Zug sitze und zu dir komme."

"Aaah... Moment mal, da fällt mir ein... ich weiß ja gar nicht, wo hier die nächste Stadt ist die einen Bahnhof hat." Gedanklich schlägt Ricki sich schon mit der Handfläche an den Kopf. Na soviel Dämlichkeit auf einmal kann doch wirklich kein Mensch alleine ausstrahlen.

Das Wichtigste hat er doch tatsächlich vergessen, und zwar Alexander zu fragen wo die nächste Stadt ist und vor allem wie man von HIER nach DA kommt.

"Du Patty, kleinen Augenblick mal", sagt Ricki schnell, läuft in Richtung Zimmertür, reißt diese rücksichtslos auf und atmet einmal tief durch, bevor er sich den grausigen Klängen von VIVA nähert.

Aber ein Mann ist kein Mann, wenn er nicht auch ab und zu einige Opfer bringen würde, auch wenn diese möglicherweise längere, psychische Schäden bei ihm auslösen könnten.

Mutig drückt er die Türklinke hinunter und steckt seinen Kopf in den hellen Raum. Auf dem Bett hocken Alexander und Mark, welcher sichtlich erfreut zu sein scheint Ricki zu sehen.

"Kannst du dieses 'Geräusch', das du Musik nennst mal etwas leiser machen? Ich muss was wissen!", schreit Ricki in den Raum und hofft gegen diesen Technoscheiß anzukommen, welcher sich ihm hartnäckig entgegenstellt.

Großzügig greift Alexander nach seiner Fernbedienung und macht den Ton aus. "Was?", fragt er ein wenig mürrisch.

"Wo ist hier die nächstgelegene Stadt in der es einen Bahnhof gibt?", fragt Ricki direkt heraus und wippt ein wenig ungeduldig von einem Fuß auf den anderen. Schließlich hat er immer noch Patrick in der Leitung, der bestimmt nach dieser Aktion auch einen Gehörsturz hatte, da dieser genau so gut auf Chartmusik zu sprechen ist wie er.

"Die nächstgelegene Stadt wäre Wolfsburg... so 20 Minuten von hier mit dem Bus", entgegnet Alexander, welcher sich gerade vorkommt wie einer dieser Quizkandidaten, die so mir nichts dir nichts mit irgendwelchen belanglosen Fragen zugebombt werden.

"Haste gehört, Patty?", schreit Ricki in den Hörer, da Alexander nach seiner Aussage bereits wieder den Ton seines Fernsehers angemacht hat.

Na das hat man(n) ja auch gerne. Aber man(n) weiß schon, wann er unerwünscht ist. Eilends verlässt Ricki die Todeszone und verflüchtigt sich wieder in sein Zimmer, wo er sich gleich eine neue Zigarette aus seiner Schachtel zieht.

"Wenn du mir noch mal so ins Ohr brüllst, dann bewerfe ich dich solange mit Wattebauschen bis du blutest mein Lieber", flucht Patrick säuerlich in den Hörer, was Ricki wiederum zum Lachen bringt.

Wenn Patrick erst einmal hier ist, dann werden diese zwei Wochen wirklich chaotisch... aber wie sagt man doch so schön? Ein bisschen Spaß muss sein...



Kapitel 12: ES kommt !


>Warum?<

Warum zum Teufel hat er sich wieder mal zu etwas breitschlagen lassen, wozu er eigentlich keine Lust hat? Genau diese Frage stellt sich Alexander nun schon zum hundertsten Male seit er mit Ricki in den Bus gestiegen ist, welcher sie beide in die Stadt fährt.

Nicht nur, dass er aufgrund seines gestrigen Besuchs nicht vor halb zwei im Bett war und heute Morgen um kurz nach sieben von einem gewissen, heute mit einem schwarzen Lederrock und Netzshirt bekleideten Grufti geweckt wurde, nein!

Nun darf er auch noch die ganze Busfahrt über hinter einem Kerl sitzen, der mindestens das doppelte seines Optimalgewichts auf die Waage bringt und einen Geruch verströmt, der sogar die Kakteen seiner Mutter eingehen lassen würde, da der Bus restlos überfüllt ist und er gezwungen ist hier zu sitzen.

Aber man(n) beschwert sich ja nicht, nein, natürlich nicht. Angewidert starrt Alexander in den verschwitzten Nacken dieser Erscheinung und rümpft angeekelt die Nase.

Nein, so stellt man(n) sich keinen Freitagmorgen vor. Und dass, wo er noch nicht einmal gefrühstückt hat, da ja eine gewisse Person, die zufälligerweise den Namen Ricki trägt ihn in aller Herrgottsfrühe aus dem Haus gescheucht hat, aus Angst, sein komischer Kumpel müsse alleine am Bahnsteig stehen und warten, bis ihn wer von diesem schlimmen Ort abholt.

Alexander seufzt resigniert und wedelt ein wenig mit der flachen Hand vor seinem Gesicht herum. Als ob diese Hitze nicht schon schlimm genug wäre, aber im Bus herrschen eh ganz andere Bedingungen als im Freien. Hier drinnen weht kein kühles Lüftchen, nein, hier zieht sich nur dieser abnormale Schweißgeruch wie eine dichte Nebelschicht durch die Sitzbänke, welcher das Atmen noch schwerer macht als es ohnehin schon ist.

"Glaub mir, Patty wird dir gefallen", sagt Ricki plötzlich und grinst Alexander breit an. Dieser verzieht nur gequält das Gesicht und atmet einmal tief durch den Mund ein.

>Ganz ruhig Alex... du musst nur durch den Mund atmen und an Rosen denken... nur nicht ohnmächtig werden.< macht er sich in Gedanken Mut und linst nochmals auf den Hinterkopf des Mannes, der sich zu allem Überfluss auch noch strecken muss, sodass nun der Geruch der unter seinen Armen hervorströmt sich ungehindert entfalten kann.

Oh happy Day!

"Ich habe gehört, dass sie die Preise für Deos erhöht haben... Also brauchen sich die Politiker nicht zu wundern, wenn eine Vielzahl der Leute sich nicht mehr einsprüht und somit die Lebenserwartung aller rapide sinkt, da die Luftverschmutzung durch erhöhte Schweißabsonderung noch schlimmer geworden ist. So schnell kann es zur Unterbevölkerung kommen... schrecklich", ruft Ricki mit einem gespielt tragischen Unterton aus, woraufhin sich Alexander nur schwer beherrschen kann, jetzt nicht laut loszuprusten.

Vielleicht ist es gar nicht mal so schlecht seinen kleinen Freak dabei zu haben... schließlich spricht dieser die Dinge aus, die ihm selbst auf der Zunge liegen, sich aber doch nicht zu sagen getraut.

Der Mann vor ihnen räuspert sich laut und rutscht ein wenig nervös in seiner Sitzbank hin und her. Na, was war denn das? Hat sich da etwa jemand angesprochen gefühlt? Ts, also so was.

"Naja... Wasser gibbet es heute auch nicht mehr umsonst", fügt Alexander wenig später hinzu, was Ricki ein breites Grinsen entlockt.

Gott sei dank steigt aber der Grund dieser äußert intelligenten Unterhaltung an der nächsten Haltestelle aus, weshalb zwei bestimmte Personen im Bus erleichtert aufatmen.

"So was gehört doch verboten", stöhnt Alexander genervt auf und fächelt noch ein wenig in der Luft herum.

"Tja... schade, dass Patty nicht hier ist. Der hätte weiß Gott schlimmere Sachen hören lassen als wir hier...", entgegnet Ricki schelmisch und kratzt sich am Hinterkopf.

"So wie du von dem Kerl sprichst, scheint der ja noch durchgeknallter zu sein als du", meint Alexander und gähnt einmal herzhaft. Nein, so wenig Schlaf ist wirklich nicht gesund... und wenn dieser Halbschlafzustand auch noch unterstrichen wird von seinem regelmäßigen Magenknurren ist eh alles im Arsch.

"Patty ist mein Schnuggl. Wir kennen uns schon ne halbe Ewigkeit. Irgendwie haben wir nach ner gewissen Zeit den Titel 'Chaotenduo' an unserer Schule erhalten..." Mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen lehnt Ricki sich in seiner Sitzbank zurück.

"Schnuggl?" fragt Alexander ein wenig verdutzt.

"Oooch, keine Bange. Du brauchst nicht eifersüchtig sein. Dich habsch doch genauso lieb", fiept Ricki und setzt einen Hundeblick auf, der sogar dem von Alexanders Mutter alle Ehre macht, wenn diese seinen Vater mal wieder davon überzeugen will, dass sie unbedingt ein neues Paar Schuhe braucht.

"Warum... machst du das immer?" Beschämt wendet Alexander sich von Ricki ab und starrt aus dem Fenster. Schon wieder... schon wieder wird er leicht rot im Gesicht, aber was kann denn bitte schön er dafür? Bevor dieser schwarzhaarige Junge aufgetaucht ist, hat noch nie ein Kerl 'so' mit ihm gesprochen.

>Der macht mich noch mal wahnsinnig.< Seufzend schließt Alexander die Augen und döst ein wenig vor sich hin. Am Besten ignoriert er das nun schmollende Subjekt neben sich und widmet sich wieder dem Gedanken Numero Uno - SCHLAFEN!

"Sag mal Lexi... wir müssen doch noch Wolfsburg, ne?", fragt Ricki nach einiger Zeit und tippt Alexander ungeduldig auf die Schulter.

"Hm?" nuschelt dieser und linst murrend in Richtung Finger, welcher immer noch ununterbrochen gegen seine Schulter piekst. Na hallo? Zufälligerweise tut das weh, aber macht ja nix. Mit ihm kann man(n) es ja machen.

"Ich glaube wir sind hier falsch..." meint Ricki zögernd und deutet auf die kleine Lichtanzeige, die über dem Busfahrer hängt und die Namen der Haltestellen verkündet.

Alexander wirft einen kurzen Blick auf diese, bevor er ein lautes 'Scheiße' von sich gibt, sich an Ricki vorbeizwängt, und wie ein Besessener auf den HALT-Knopf drückt.

"Nein, sags mir nicht, lass mich raten... wir sind hier falsch", schlussfolgert Ricki und legt die Stirn in Falten.

"Nicht direkt...wir sind schon in Wolfsburg... nur wir sind schon wieder am Ortsausgang..." entgegnet Alexander drucksend und hustet gespielt.

"Und das heißt?"

"Naja... das heißt, dass wir quer durch die Stadt zurück latschen können."

"Und was heißt quer durch die Stadt?", fragt Ricki mit zuckendem Augenlid und leicht zusammengepressten Lippen.

"Öhm... bis zum Bahnhof schätze ich so... 20 bis 30 Minuten." Alexander lächelt verlegen und schallt sich in Gedanken selbst einen Hornochsen. Na da hat er ja mal wieder fein hingekriegt. Wenn sie nicht soviel Glück haben und einen Bus erwischen, der zufälligerweise genau jetzt zum Bahnhof fährt, dann müssen sie wohl doch ihre Füße deren ursprünglicher Bestimmung zukommen lassen, nämlich laufen.

*~*~*~*~*

"Ich sagte doch, ich bin nur kurz eingedöst."

"Eingedöst... ach, so nennt man das heute", meint Ricki leicht schmollend und hämmert ungeduldig gegen den Fußgängerknopf an der Ampel, welche sich anscheinend vorgenommen hat, für den Rest des Tages Grün zu machen für die vorbeifahrenden Autos.

"Hey, hättest du mich nicht so früh geweckt, wäre das nicht passiert", versucht Alexander sich zu verteidigen und stemmt die Hände in die Hüften. Na was soll er denn noch machen? Um Verzeihung betteln?

"Pff... und Patty steht da aufm Bahnhof rum", murmelt Ricki und seiner Miene nach zu urteilen scheint er sichtlich besorgt zu sein.

"Nun mach mal halblang... ich meine, der wird ja nicht gleich krepieren wenn er mal ein paar Minuten alleine am Bahnsteig steht. Da brauchst du dir keine Sorgen um den zu machen."

"Ich sorge mich doch nicht um Patty."

"Häh?"

"Naja, ich sorge mich eher um die anderen Leute am Bahnhof, die nun seine Laune, aufgrund unseres Zuspätkommens aushalten müssen", entgegnet Ricki mit einem breiten Grinsen.

Alexander steht derweil ein wenig bedeppert dreinblickend neben ihm und fragt sich zu was er da seine Zustimmung gegeben hat. Vielleicht war diese ganze Sache doch keine so gute Idee.
 
*~*~*~*~*

Ok, er hat zwar mit vielem gerechnet, aber nicht DAMIT.

Ein wenig ungläubig steht Alexander ein bis zwei Meter von Ricki entfernt, welcher gerade einem Jungen um den Hals fällt, der orange-rötliche Haare hat, deren Spitzen unter einem schwarzen Hut hervorlugen. Er trägt ein schwarzes Shirt mit dem Aufdruck SOZIALSCHMAROTZER, der einem in schrillen Neonorange direkt ins Auge springt. Eine durchlöcherte, dunkelblaue Jeans zeigt mehr von seinen Beinen, als sie eigentlich verdeckt und mehrere Ledergürtel mit Stacheln hängen um seine Hüfte. Die Augenbrauen sind an den Enden ein wenig wegrasiert und so wie er das von seiner Position aus beurteilen kann, hat dieser Junge auch noch einen Zweitagebart.

Alexander fühlt sich ein wenig unwohl in seiner Haut, als er von dem Fremden gemustert wird und kurz darauf ein breites, zweideutiges Grinsen erntet. Also eines ist sicher, die kommenden zwei Wochen werden wohl nicht spurlos an ihm vorüberziehen.

"So... Lexi, das ist Patty. Patty - Lexi", sagt Ricki plötzlich und deutet auf Alexander, der nun ein wenig beleidigt seine Wangen aufbläst.

"Es heißt immer noch Alexander", knurrt er verärgert und schleudert einige Todesblicke in Richtung Ricki, den das anscheinend nicht sonderlich zu jucken scheint.

"Ach ES! Ich dachte du wärst ein er", meint Patrick lächelnd und legt den Kopf schief. Zugegeben, so wie er die Sache sieht, hat Ricki es in Punkto Bruder gar nicht mal so schlecht getroffen, wenn er das mal am Äußeren abschätzt.

Alexanders Augenbraue zuckt verdächtig und er holt schon einmal tief Luft um sich in dieser Diskussion mal 'lauthals' zu äußern, als ein erneutes Magenknurren ihm einen Strich durch die Rechnung macht.

"Hunger?", fragt Patrick wissend und wirft einen kurzen Blick auf Ricki, der ein wenig skeptisch die zwei Koffer und die Reisetasche beäugt, die sein bester Freund da mit sich angeschleppt hat.

"Kunststück, wenn man mitten in der Nacht von diesem Wahnsinnigen aus dem Bett gescheucht wird", murmelt Alexander und streicht sich verzweifelt über seinen nun schon lautstark protestierenden Bauch.

"Ein Leidensgenossen. Na Gott sei Dank." Noch ehe Alexander begreift, was sein Gegenüber eigentlich vorhat, hat dieser ihn schon in den Arm genommen und knuddelt ihn mal aufs Heftigste durch.

"So, Ricki Schatz. Zwei notorische Langschläfer im Haus. Das heißt, dass wir in der Überzahl sind und du dich zu fügen hast", sagt Patrick grinsend und wuschelt Alexander durch die Haare, welcher immer noch wie gelähmt dasteht und gerade innerlich verarbeitet, dass er gerade in aller Öffentlichkeit von einem Kerl angeknufft wurde.

"Pff. Als ob das ein Hindernis wäre. Und grabbel ihn nicht an, das mag er nicht", erwidert Ricki gleichgültig und deutet mit einer knappen Kopfbewegung auf Alexander, der zwischen dem Drang zu Schreien und dem Drang in Ohnmacht zu fallen hin und herschwankt.

"Net? Also kann ich meine Pläne von nem flotten Dreier gleich wieder vergessen oder wie?" Schniefend wischt Patrick sich über die Augen und seufzt resigniert.

Alexander, nun so rot wie Patricks Haare, dreht sich auf dem Absatz um und geht mit schnellen Schritten in Richtung Ausgang. Ok, die Tatsache, dass Ricki ein sehr ungewöhnlicher Mensch ist, hat er akzeptiert, aber dass dieser Patrick bei weitem noch einige Schrauben mehr locker hat, muss er in der Tat einräumen.

"Hey! Wo willst du denn nun hin?", ruft Ricki ihm nach und sieht ein wenig beunruhigt auf seinen Halbbruder. Vielleicht hätte er ihn doch etwas ausführlicher über Patricks loses Mundwerk und dessen Neigungen unterrichten sollen.

"Wenn du nichts dagegen hast, dann gehe ich jetzt frühstücken", schreit Alexander zurück und latscht in Richtung Bäcker.

Ricki sieht Alexander bedröppelt hinterher, bevor er sich wieder Patrick zuwendet, welcher nun grinsend neben ihm steht und sich seinen Hut zurrecht rückt.

"Also.... Wollen wir auch was reinschieben?", fragt Ricki ein wenig einfallslos, woraufhin Patrick leise auflacht.

"Schwein", entgegnet Patrick daraufhin und schnappt sich seine beiden Koffer.

"An was du schon wieder denkst", ruft Ricki gespielt empört aus und schmeißt sich Patricks Reisetasche über die Schulter.

"An das Gleiche wie du würde ich sagen", meint Patrick wissend und legt einen Zahn zu um sein neuestes Opfer alias Alexander zuzutexten, welcher sich gerade in Stückchen von einem Käsebrötchen in den Mund stopft.

>An das Gleiche wie ich...< Nachdenklich trabt Ricki hinter Patrick her, welcher nun bei Alexander angekommen ist und versucht, etwas von dessen Brötchen abzuzwacken. So wie es scheint, braucht er sich wohl keine Sorgen darum zu machen, dass sein bester Freund und sein Bruder miteinander auskommen werden.



Kapitel 13: Freitag der 13.


Er hätte es wissen müssen. Eine andere Erklärung gibt es für dieses Desaster schon gar nicht mehr. Zum wiederholten Male blickt Alexander auf den Kalender, der in der Küche hängt und ihn in großen, schwarzen Lettern anzeigt, dass heute Freitag der 13. ist.

Na, da braucht man(n) sich auch nicht zu wundern, dass heute alles schief gelaufen ist. Angefangen mit der Weckaktion des Problems Bruder, hinüber zu dem versäumten Frühstück, gefolgt von der 'zauberhaften' Bekanntschaft im Bus und der Entdeckung neuer Körpergerüche, bis hin zu dem Augenblick, in dem sich ein rotes, durchgeknalltes Etwas auf ihn gestürzt hat, ihn in aller Öffentlichkeit durchgeknuddelt und zum Schluss auch noch ganz hinterhältig etwas von SEINEM Brötchen abgezwackt hat.

Seufzend rührt Alexander die Nudeln um, welche in einem großen Metalltopf herumschwimmen und ignoriert das laute Kreischen aus der oberen Etage, welches noch von lautem Heavy Metal unterstützt wird.

Hätte er sich ja eigentlich denken können, dass die Pflichten der Küchenarbeit an ihm hängen bleiben. Aber andererseits ist diese Einteilung auf Dauer auch besser, denn schließlich weiß er nicht, was er bei Rickis Geschmacksorientierung vorgesetzt bekommt. Wenn er nur daran zurückdenkt, als der kleine Grufti sich kalte Eier mit Ketschup und Maggie zusammengepanscht hat. Wäääh. Nicht seine Abteilung.

>Soße oder keine Soße, das ist hier die Frage.< Stöhnend dreht er die Herdplatte kleiner und latscht hinüber zur Treppe. Je näher er dieser kommt, desto lauter wird die Musik, welche für seinen Geschmack wirklich schon zur Psychomucke gehört. Was singen die da? 'Die sich nicht zum Herrn bekennen, die sollen verbrennen', oder wie?

Kopfschüttelnd schleppt sich Alexander die Treppe hinauf, um mal eben seine weltbewegende Frage der Soße betreffend verlauten zu lassen.

Schwungvoll stößt er die Tür zum Katastrophengebiet auf und bleibt erst einmal verdattert im Rahmen stehen. Also langsam fragt er sich wirklich, ob er es hier mit zwei gestörten Freaks zu tun hat, oder aber mit zwei zurückgebliebenen Kleinkindern, da sich ein rotes und ein schwarzes Etwas gerade auf dem Bett tummeln und sich gegenseitig mit zwei Sofakissen verprügeln.

"Hoi, Lexi! Was macht das Futter?", fragt Ricki grinsend, wird aber kurz darauf von einem gezielten Schlag Patricks niedergestreckt, der sich daraufhin lachend auf Rickis Rücken nieder lässt und diesen somit außer Gefecht setzt.

"Es steht 3:1 für mich", ruft Patrick grinsend und wippt ein bisschen auf Ricki herum, der nun mit dem Gesicht in die Matratze gedrückt wird und nur noch ein unverständliches 'Hmpf' hervorbringt.

Alexander räuspert sich kurz, ignoriert die schändliche Bemerkung, in diesem Falle Rickis speziellen Spitznamen ihn betreffend, und stellt erst einmal die Musik aus.

"Geht es auch ein bisschen leiser? Ich habe keinen Bock mich mit den Nachbarn rumzuplagen, wegen Ruhestörung", beginnt er leicht gefrustet und blickt die zwei Bettmisshandler mahnend an.

Patrick rollt sich von Ricki runter, kniet sich hin und salutiert. Ricki lacht leise, bevor er sich halbwegs aufrichtet und zu Alexander hinüber guckt.

"Zu Befehl Kommandant."

Alexander verdreht die Augen und versucht wie schon so oft, den ihm gegenüber mangelnden Respekt zu ignorieren. Hat doch eh keinen Sinn, die Beiden umzuerziehen. Alexander seufzt resigniert und fährt sich einmal mit der Hand durch die Haare.

"Also, der Grund meines Kommens ist der, dass ich-"

"Dass du unbedingt zwei Männer von Welt sehen wolltest", unterbricht Ricki ihn grinsend.

"Wo sind die zwei denn versteckt?", entgegnet Alexander und blickt sich suchend im Raum um.

"Ok, 1:0 für dein Brüderchen, Ricki", meint Patrick lachend und blickt Alexander interessiert an. Dieser fühlt sich unter diesen durchdringenden Blicken mal wieder vollkommen nackt und wippt ein wenig nervös von einem Fuß auf den anderen.

"Ich wollte nur fragen, ob ich Soße dazu machen soll oder nicht", sagt er nun schon etwas ungeduldig und sieht die beiden Freaks auffordernd an.

"Was meinst du?", fragt Ricki an Patrick gewand, welcher gerade so tut, als wenn er über eine wahrhaft schwere Frage nachdenken muss.

"Hm... ok, einmal gemixte Ratte dazu", kommt es schließlich von dem Rothaarigen, woraufhin Alexander irritiert eine Augenbraue hebt und vom Gesichtsausdruck her einer Flasche Bluna alle Ehre macht.

"Wie?", fragt er vorsichtig nach und hofft innerlich, dass er sich jetzt verhört hat.

"Na, einmal Ratte gemixt. Oder für Deinesgleichen auch Tomatensoße genannt," klärt Ricki seinen Bruder auf, welcher anscheinend ernsthaft angenommen hat, dass Patrick seine Aussage ernst gemeint hat.

>Ist ja drollig<, denkt Ricki und grinst unbewusst breit, weshalb er von Patrick unsanft in die Seite gepufft wird.

"Schon wieder an Schweinskram gedacht?", sagt Patrick, und es klingt mehr wie eine Feststellung, als wie eine Frage.

"Häh?", bedröppelt guckt Ricki seinen besten Freund an, welcher schon wieder dieses 'Ich-weiß-was-du-letzten-Sommer-getan-hast' - Grinsen aufgesetzt hat.

"Also einmal Tomatensoße. Sags doch gleich", mault Alexander ungehalten und schüttelt nur verständnislos den Kopf. Wäre ja auch ein Wunder gewesen, wenn er mal eine normale Antwort erhalten würde.

"Sag mal Lexi... während du hier oben bist, was machen denn dann die Nudeln?" fragt Ricki aus heiterem Himmel.

Schweigend starren sich die beiden an, bevor Alexander die Augen weit aufreißt und im Schnellsprint die Treppe hinunterpoltert, um sogleich den bereits überkochenden Topf mit zwei Lappen von der Platte zu ziehen.

Na wunderbar. Warum hat er den Herd nicht ausgemacht? Nein, schlau wie man(n) ist, hat er ihn ja nur runtergedreht und auf Stufe 6 weiterlaufen lassen. Und dass nun die Hälfte der Platte mit angetrockneten Wasserflecken besudelt ist, macht die ganze Sache auch nicht viel besser.

Ganz klasse, jetzt kann er nachher auch noch den Herd sauber machen. Reflexartig wandert sein Blick wieder hinüber zum Kalender, wo er wieder an der 13 hängen bleibt.

>Sei verflucht.< Während er in Gedanken den Kalender in kleine Stücke zerfriemelt und diese anschließend verbrennt, gießt er die nun fertigen Nudeln ab. Na wenigstens sind diese nicht zu weich geworden, sonst hätte er jetzt einfach mal vor lauter 'Freude' geschrieen.

*~*~*~*~*

Nachdenklich stochert Alexander in seinen Nudeln herum. Das hat ihm gerade noch gefehlt. Noch keine 24 Stunden außer Haus, schon kommt der erste Kontrollanruf seiner Mutter. Yeah, und dass, wo er gerade dabei war die Soße umzurühren, bevor diese anfängt zu klumpen. Am besten zieht er den Stecker vom Telefon raus.

Ricki und Patrick stopfen derweil schon ihre zweite Portion in sich hinein, weshalb ihre Münder auch von einem dicken, roten Strich umrahmt werden. Vor allem Patrick, welcher noch mehr herumschmaddert als Ricki, entwickelt immer mehr Ähnlichkeiten zu einem Zirkusclown.

Ein kurzer Blick auf die Uhr lässt Alexander allerdings erleichtert aufatmen. Noch eine halbe Stunde, dann kommt Mark endlich. Dann hat er wenigstens etwas Unterstützung im Kampf gegen das 'Chaotenduo', welches anscheinend noch nicht einmal in der Lage ist, seine Pasta auf dem Teller zu behalten, da hin und wieder, die ein oder andere Nudel fluchartig von ihren Tellern flutscht und eine schöne, rote Tomatenspur auf dem ehemals sauberen Küchentisch zurücklässt.
 
"Warum guckst du dauernd auf die Uhr?", fragt Ricki neugierig und blickt Alexander mit großen Augen an, während ihm gerade ein kleines Rinnsal Soße am Mundwinkel hinunterläuft.

"Mark kommt gleich vorbei", antwortest Alexander knapp und schiebt sich ein paar Nudeln in den Mund.

"Wer ist Mark?", kommt es sogleich von Patrick, der sich gerade ein wenig unsittlich den Mund an seinem Unterarm sauber wischt. Soviel also zum Thema Tischmanieren.

"Aahh, das ist der komische Kumpel von ihm", meint Ricki und grinst frech, als Alexander ihn daraufhin giftig anfunkelt. Mark und komisch? Na gegen den guten Patrick ist sogar Mark ein Waisenknabe.

"Pff. Kann dir doch egal sein, wer von meinen Freunden hierher kommt... Zumal bleiben wir eh nicht lange hier", fügt Alexander leise hinzu und nippt an seinem Glas mit Eistee.

"Wieso? Wo willste denn hin?"

"Curiosity killed the cat" entgegnet Alexander auf Rickis Frage, der daraufhin beleidigt die Wangen aufbläst. Was soll denn das nun wieder heißen? Dass er neugierig ist? Pah!

"Eine Runde Mitleid für Ricki", sagt Patrick schniefend und klopft mit der Faust drei Mal auf die Tischplatte.

"Alle gemein zu mir. Net schön." Einen Heulkrampf imitierend wendet Ricki sich von den beiden ab und schlägt die Hände vor das Gesicht. Wenn schon dramatisch, dann aber auch richtig.

Alexander massiert sich derweil die Schläfen und fragt sich, wie er diese zwei Wochen ohne Kopfschmerztabletten überstehen soll. Vielleicht sollte er sich noch ne Monatspackung Aspirin besorgen, bevor das Wochenende über ihn hereinbricht.

"Mark und ich fahren ins Freibad. Bei dem Wetter kriegt man ja sonst ne Macke," kommt es schließlich von Alexander, welcher wirklich nicht scharf darauf ist, diese künstlichen Heulkrämpfe weiterhin zu ertragen.

"Hier gibt's ein Schwimmbad?", ruft Patrick erfreut aus und klatscht einmal in die Hände.

"Hm? Willst du auch schwimmen?", fragt Ricki ein wenig zögernd und mustert seinen angeblichen Freund skeptisch. Im Freibad in der glühenden Hitze zu hocken, zudem auch noch das laute Geschrei einiger Kinderplagen um sich herum und übergewichtige 40-Jährige in viel zu engen Badeanzügen zu beobachten ist nun wirklich nicht so ganz seine Welt. Und dann hat er selbst ja noch sein ganz spezielles 'kleines' Problemchen, welches er besser nicht in Alexanders Nähe verkünden sollte, da dieser ihn dann wahrscheinlich auslachen wird.

"Klar. Ne Badehose hab ich auch irgendwo in meinem Koffer vergraben. Ist ja kein Problem wenn wir mitkommen, oder?", labert Patrick weiter auf Alexander ein, Ricki neben sich ignorierend, welcher trotz seiner blassen Hautfarbe noch einige Nuancen weißer wird.

"Naja... Marks Mutter fährt uns hin... dürfte vom Platz er schon passen", meint Alexander zögernd. Einerseits befürchtet er ja, dass er am Ende des Tages Freibadverbot bekommt, da er für das Verhalten gewisser Personen bestimmt verantwortlich gemacht wird, andererseits ist es besser die beiden mitzunehmen, als heute Abend nach Hause zu kommen und das Haus in Schutt und Asche vorzufinden.

"Muss das wirklich sein Patty?", nörgelt Ricki und zupft seinem besten Freund am Shirt, der nur bejahend mit dem Kopf nickt.

"Ok dann sammelt aber eure Sachen zusammen. Wir wollen schon noch einigermaßen nen guten Platz kriegen. Um die Mittagszeit ist es noch nicht ganz so voll."

"Kein Prob", sagt Patrick lächelnd und zerrt Ricki mit sich fort in Richtung Treppe, da dieser freiwillig nicht so schnell aufgestanden wäre.

>Komisch, was stellt der sich denn so an?< Fragend blickt Alexander den Beiden nach, bevor er sich stöhnend daran macht den Küchentisch zu säubern, das Geschirr zu verstauen und den Herd zu reinigen.

*~*~*~*~*

"Was macht er denn so lange?" Ungeduldig steht Alexander mit Patrick vor der Haustür, beide bewaffnet mit Schwimmsachen und Patrick mit ausreichend Zigaretten, von welchen er bereits eine im Mundwinkel hängen hat.

"Versucht sich zu drücken, der Feigling", entgegnet Patrick seufzend und lehnt sich gegen die Hauswand.

"Das wollte ich vorhin schon fragen. Warum stellt er sich denn so an mit in ein Freibad zu kommen? Hat er Angst, dass ihm wer zu nahe kommt?", fragt Alexander und kann sich ein kleines Grinsen nicht verkneifen.

"Nee, das nicht. Um ehrlich zu sein hat er ein kleines Wasserproblem... aber sag ihm nicht, dass ich dir das gesagt habe."

"Was meinst du mit Wasserproblem? Er hat ja auch hier im Whirlpool gesessen", meint Alexander daraufhin und hebt fragend eine Augenbraue.

Patricks Augen werden groß und nehmen einen feuchten Glanz an. "Ihr habt einen Whirlpool!", ruft er in einer für ihn extrem hohen Stimme aus, und sieht sich hibbelig um.

"Ähm ja... hinten im Garten, aber was ist mit Wasserproblem gemeint?" hakt Alexander weiter nach, seinen Spruch von wegen 'Neugier tötete die Katze', dabei völlig beiseite schiebend.

"Ricki kann nicht schwimmen. Aber sprich ihn bloß nicht drauf an. Schämt sich eh schon genug der Kleine", sagt Patrick und nimmt einen tiefen Zug von seiner Kippe.

"Er kann nicht schwimmen? Sowas gibt's heute noch?" Amüsiert betrachtet Alexander Patrick, welcher nur mit dem Kopf nickt und ein wenig Asche auf den Boden schnipst.

"Hat in der Grundschule immer den Schwimmkurs geschwänzt. Und dann ist er mal in der 5. Klasse auf nem Ausflug in nen Tümpel gefallen und wäre fast ertrunken. Seitdem ist er bezüglich Wasseransammlungen die tiefer sind als einen Meter ziemlich skeptisch. Hab schon zig Versuche gestartet ihn das Schwimmen beizubringen, aber er hat ja keine Lust." Seufzend rückt Patrick sich seine Schirmmütze im Armeestil zurecht und wirft die abgebrannte Zigarette über den Gartenzaun, was Alexander mit einem verächtlichen Schnauben quittiert.

"Er wäre wirklich fast ertrunken?", wiederholt er ein wenig besorgt und lässt seinen Blick über die Einfahrt wandern.

"Naja, nicht wirklich. Ich meine der Tümpel war gerade mal ein bisschen was über einen Meter tief. Theoretisch hätte er sich nur hinstellen müssen, aber blond wie er war, hat er ja nur panisch rumgezappelt und hat Stein im Wasser gespielt", fügt Patrick seiner vorherigen Aussage hinzu und legt den Kopf schief.

"Also hat er sich umsonst Angst gemacht?"

"Sozusagen. Hinterher haben alle gelacht, da ja jeder von uns nur bis zum Hals im Wasser gestanden hätte. Aber Ricki dachte echt er säuft da ab. Das Beste war ja, dass unsere damalige Lehrerin vor Schreck in den Tümpel gejumpt ist... und dass, wo sie nicht gerade die leichteste war. Der arme Ricki ist dann erst noch mal von einer riesengroßen Welle untergespült worden, bevor die Alte ihn rausgefischt hat." Ein leises Glucksen geht von Patrick aus, als er sich an dieses Theater von damals zurückerinnert.

"Na, den kriegen wir schon ins Wasser. Und wenn ich persönlich dafür sorgen muss", ruft Alexander entschlossen aus und stampft zur Untermalung seiner Aussage nochmals kräftig mit dem Fuß auf.

"Wofür wirst du sorgen?", kommt es plötzlich von Ricki, welcher soeben die Haustür geöffnet hat und mit einem 'Das-Leben-ist-schlecht' - Blick nach draußen tapst.

"Du kannst zwar alles essen, musst aber nicht alles wissen", antwortet Patrick anstelle von Alexander. Dieser wäre auch gar nicht mehr zum antworten gekommen, da plötzlich hinter ihnen lautes Hupen zu vernehmen ist und Mark seinen Kopf aus dem roten Skoda seiner Mutter steckt.

>Na dann auf in den Kampf<, feuert Ricki sich an und latscht hinter Patrick und Alexander her, welche zu seinem Missvergnügen etwas wissen, was sie ihm nicht sagen wollen. Schweinebande. Also Pfui!
 


Kapitel 14: Badespaß?


"Klingel kurz durch, wenn ich euch wieder abholen soll", sagt Marks Mutter, bevor sie den Motor startet und versucht, vom Parkplatz des Freibades zu kommen. Mark nickt nur knapp und verdreht innerlich die Augen.

Das war ja mal wieder so klar gewesen. Erst sagt sie es ihm beim Frühstück, dann noch bevor sie losgefahren sind, ebenso auf der Hinfahrt zu Alexander und nun sagt sie es schon zum vierten Mal. Ja hallo? An Alzheimer leidet er noch nicht und Gehirnkaries hat er auch nicht, dass sie ihm alles zig Mal sagen muss. Mütter, schrecklich!

"Dann wollen wir mal." Mit einem breiten Grinsen schwingt Mark sich seinen Rucksack über die Schulter und sieht die anderen Drei erwartungsvoll an. Patrick grinst ebenso breit zurück und lässt seinen Blick über Mark wandern, der mit einer Jeansmütze und einer Sonnenbrille vor ihm steht. Na, das dürfte doch recht interessant werden.

"Ok... habt ihr das Geld klein?", fragt Alexander der gerade in seiner Geldbörse herumkramt und verzweifelt nach ein paar Münzen sucht.

"Jep." Mark hält ihm seine 3,50 Euro entgegen, während Ricki und Patrick sich mit großen Augen ansehen.

"Ich wusste doch, dass wir was vergessen haben", meint Ricki und kratzt sich ein wenig verlegen am Hinterkopf. Das ist ja mal wieder klasse. Besser hätte es ja gar nicht für ihn laufen können. Geld vergessen - Sorgen vergessen.

>Danke Gott<, denkt Ricki erleichtert und versucht so betroffen wie nur möglich zu wirken.

"Ist ja kein Weltuntergang. Legen wir das halt aus, ne?", sagt Mark, der von Alexander mit einem kräftigen Nicken unterstützt wird.

"Na wunderbar. Damit wäre das geklärt", flötet Patrick und hackt sich mal eben spontan bei Mark ein, der ein bisschen verdutzt unter seinem Hut hervor guckt.

Ricki scheint dem Ganzen allerdings nicht sonderlich viel abzugewinnen, da er ungewollt gequält das Gesicht verzieht.

"Ok... Mark, dann gib mir dein Kleingeld, dann bezahle ich", meint Alexander, der wie immer das Geld nicht passend dabei hat. Ist schon beschissen, wenn man(n) nur ein paar zerknautschte Scheine mit sich rum schleppt, anstelle von ein paar schönen Klimpermünzen.

*~*~*~*~*

Rickis Auge zuckt verräterisch, als er seinen Blick über die Wiese rund um das Freibad wandern lässt. Das Armageddon steht bevor! Überall kreischende Kinder, üppige Mittevierzigjährige in viel zu knappen Bikinis und Familienväter, die höchst wahrscheinlich auch noch nichts von menschlicher Würde gehört haben und sich in den engsten und kürzesten Badeslips präsentieren, deren Farbkombination schon unter der Grenze des schlechten Geschmacks liegt.

>Das ist ein Alptraum.< Ricki schluckt hart und folgt nur widerwillig den anderen Dreien, die sich soeben auf einem großen Stück Rasen breit machen, um dort ihre Handtücher auszulegen.

"Hey Schatz! Nun steh da nicht rum wie bestellt und nicht abgeholt!", ruft Patrick ihm zu und klopft lächelnd auf den noch freien Platz zwischen sich und Alexander. Na herrlich, wenigstens einen Platz im Schatten hätten die Deppen ja suchen können, aber nein, bei seinem Glück darf er nun den Rest des Tages in der glühenden Sonne hocken, wird voraussichtlich heute Abend aussehen wie ein Krebs und morgen früh kann er sich dann die verbrannte Haut vom Rücken pulen. Yeah!

Stöhnend tapst Ricki zu Patrick und lässt seinen Rucksack unsanft auf den Boden fallen. Ok, der Tag ist gelaufen. Was bitte schön soll ein armes Schwein wie er denn hier machen? Zusehen, wie ihn kleine Rotznasen mit ihren scheiß Wasserpistolen anspritzen? Beobachten, wie ein paar hirnverbrannte Solariumfutzis sich auf den Sprungbrettern zum Affen machen? Vielleicht kommt auch noch so eine faltige alte Schachtel zu ihm und bittet ihn, ihr den Rücken einzucremen.

Bei diesem Gedanken wird dem kleinen Grufti abrupt schlecht, weshalb er auch angewidert das Gesicht verzieht. Danke, jetzt ist er wirklich bedient. Scheiß Vorstellungsvermögen!

Seufzend breitet Ricki sein 'schwarzes' Handtuch auf dem Rasen aus. Dabei entgeht ihm allerdings auch nicht Alexanders Ausziehaktion. Der ist nämlich gerade dabei, sich aus seinem Shirt und seiner Hose zu befreien, was er, für Rickis Empfinden viel zu langsam macht.

Rickis Augen werden leicht glasig, als sein Halbbruder nur noch in einer dunkelblauen Shorts vor ihm steht und in seinem Rucksack nach der Sonnenmilch kramt.

"Wo starrst du wieder hin?", vernimmt er plötzlich Patricks Stimme, die extrem nahe an seinem Ohr ist, sodass er schon den warmen Atem spüren kann. Erschrocken zuckt Ricki zusammen und dreht sich irritiert zu seinem besten Freund um, der ihn nachdenklich mustert, bekleidet mit einer dunkelgrauen Shorts.

"Bist du noch ganz sauber? Ich krieg hier fast nen Herzkasper", ruft Ricki empört aus und versucht die leichte Schamröte, die sich aufgrund der Ertappung über seine Wangen gezogen, hat zu verdrängen.

"So, wer kommt mit?", fragt Mark plötzlich, der nun in einer Armeestyle-Shorts auf dem Rasen steht und auf das Becken deutet. Alexander springt sofort auf, nachdem er die Sonnencremeflasche zugeschraubt hat.

"Ich... bleibe erst mal hier", sagt Ricki schnell und zieht die Beine an. Oh oh, jetzt wird's kompliziert. Auf jeden Fall darf er sich nichts anmerken lassen.

Patrick wirft Ricki einen wissenden Blick zu, bevor er sich seufzend erhebt und mit Mark und Alexander zum Wasser trottet. Seiner Erfahrung nach würde noch nicht einmal ein Schwarm Mücken Ricki ins Wasser treiben. Aber so wie er Alexander vorhin verstanden hat, plant der irgendetwas. Die Frage ist nur, was?

Alexander wirft noch einen kurzen Blick auf Ricki, bevor er nichts Böses ahnend von Mark am Arm gepackt und ins Becken geschleudert wird, dass das Wasser nur so spritzt.

Hustend taucht Alexander wieder auf und wischt sich das Chlorwasser aus den Augen. Na herzlichen Dank auch. Kameradenschwein!

"Alte Sau!", schimpft Alexander und krallt sich an Marks Bein fest, wodurch dieser ins Stolpern gerät und einen schrägen Abflug in die Fluten macht. Patrick lacht laut auf und nimmt Anlauf, um mit einer Arschbombe unterzugehen.

*~*~*~*~*

Ricki beobachtet die Drei und seufzt leise. So wie das aussieht, scheint Schwimmen noch brutaler zu sein, als er es bisher gedacht hat. Aber kein Wunder, wann war er auch das letzte Mal in einem Freibad? Vor zehn Jahren etwa.

>Was soll ich überhaupt hier?< Gelangweilt lässt er sich nach hinten fallen, was wiederum dazu führt, dass er genau in die Sonne guckt und gequält die Augen zusammenkneift. Na ganz toll. Das hat ihm gerade noch zu seinem Glück gefehlt.

Halb erblindet tastet er auf Marks Handtuch herum, bis er etwas in den Fingern hat, was sich so anfühlt wie eine Sonnenbrille. Na, Alexanders Kumpel wird ja wohl nichts dagegen haben, wenn er sich diese mal eben ausleiht.

Erleichtert, da wieder fähig zu sehen, verschränkt Ricki die Arme hinter dem Kopf und beginnt damit, vor sich hinzudösen. Vielleicht lässt man ihn für den Rest des Tages in Ruhe, wenn er so tut, als sei er eingepennt.

Aber so wie er seinen besten Freund einschätzt, würde dieser ihn mal eben mit einem Liter eiskalten Chlorwasser zurück ins Leben holen.

*~*~*~*~*

"Ich geh mal springen. Also seht zu und lernt", sagt Mark grinsend und schwimmt in Richtung Sprungturm. Patrick grinst breit, während Alexander seinem Kumpel nur den Vogel zeigt. Pff, er und von Mark lernen. Wer von ihnen Beiden hat denn als erster den Sprung vom Fünf-Meter-Brett in der siebten Klasse gemacht?

"Ich bezweifle, dass du ihn ins Wasser bekommst", kommt es plötzlich von Patrick, der weiterhin Mark beobachtet, wie er die Leiter hinaufklettert.
 
Alexander wendet sich verdutzt zu dem Rothaarigen um und sieht ihn fragend an. "Wie? Ach so... Ricki!", ruft er aus und schlägt sich gedanklich mit der Hand vor den Kopf. Das hat er ja schon wieder total verpeilt. Er wollte sich ja was überlegen, wie er seinen Hausfreak ins Becken bekommt.

"Lange Leitung." Patrick grinst frech und blickt hinauf zum Fünf-Meter-Brett auf dem Mark nun steht und wartet, dass der Muskelprotz vor ihm langsam mal aus dem Arsch kommt und hinunter springt. Er ist nämlich nicht gerade scharf darauf, diesem noch einen Hilfetritt zu verpassen.

"Wenn ich ihn packe und ins Becken schmeiße... glaubst du, dass er dann sauer wird?", fragt Alexander und paddelt ein wenig zur Seite, um nicht in der Sprungbahn zu treiben.

"Ähm... nun ja, ich glaube wenn du das machst, dann hast du die längste Zeit etwas zwischen den Beinen gehabt", entgegnet Patrick trocken und kann sich ein belustigtes Glucksen nicht verkneifen. Na der kommt vielleicht auf Ideen.

"Ok... war nicht so gut. Na.. ich glaube jetzt will er", lenkt Alexander schnell vom Thema ab, indem er auf Mark deutet, der sich gerade auf dem Sprungbrett in Pose stellt.

"Sollen wir ne Runde Cheerleadern?", meint Patrick plötzlich, woraufhin Alexander anfängt zu kichern. Alleine schon die Vorstellung mit nem Minirock und rosa Puscheln herumzuhüpfen.

>Komischer Kerl<, geht es ihm durch den Kopf.

*~*~*~*~*

Missmutig beobachtet Ricki, wie Mark Anlauf nimmt und mit einer schnellen Drehung ins Wasser eintaucht. Ok, die ganze Zeit nur blöd rum zu liegen und in den Himmel zu gucken, ist auf Dauer schon langweilig. Aber den anderen zuzugucken, wie sie sich amüsieren, während er hier sitzt und Maulaffen feil hält, ist natürlich weniger schön.

>Hätte ich ja gleich zu Hause bleiben können<, denkt Ricki verstimmt und starrt die Drei mit einem ganz bösen Blick an, in der Hoffnung, dass diese dadurch gewaltig Krämpfe im Unterleib bekommen, oder wenigstens Kopfschmerzen.

"Scheiße hier...", flucht Ricki leise und robbt quer über die Handtücher auf die tragbare Kühlbox zu, die Mark mitgenommen hat. Aber es ist ja auch kein Wunder, dass man(n) bei dieser Hitze ne trockene Kehle bekommt.

Zufrieden angelt sich Ricki eine kühle Dose Cola heraus und stülpt den Deckel wieder auf die Kiste. Auch gut, sollen die sich ruhig gegenseitig ersäufen, so kann er wenigstens die Vorräte leer trinken.

"Na wen haben wir denn da? Wenn das nicht unsere Prinzessin ist", vernimmt er plötzlich eine Stimme hinter sich und dreht sich Böses ahnend um. Das Erste, was er erblickt, ist eine dunkelgrüne Badehose und Solarium-gebräunte Beine mit einer beachtlichen Anzahl von Haaren.

"Hey Freak. Was suchst du denn hier?", sagt jemand anders, der direkt neben dem behaarten Paar Beine steht. Ricki hebt seinen Kopf und blickt genau in Aarons Gesicht, der ihn mit einem arroganten Lächeln betrachtet. Neben ihm stehen noch drei weitere Jungen, die sich nun ringsum aufgebaut haben.

"Tja.. immer wenn ich denke, es kann nicht schlimmer kommen, sehe ich deine Scheißvisage", entgegnet Ricki trocken und streckt Aaron die Zunge entgegen. Das hat ihm gerade noch gefehlt. Ausgerechnet Mr. Oberarsch des Jahrhunderts muss ihm in der nassen Hölle über den Weg laufen. Herzlichen Dank auch, Gott.

"Du solltest nicht so große Töne spucken... es könnte sonst nämlich passieren, dass wir dann eine Runde Gruftiversenken spielen." Aaron grinst breit, als er in Rickis immer blasser werdendes Gesicht starrt.

"Warum verzieht ihr euch nicht einfach und lasst mich in Ruhe... und nur zur Info, ich bin nicht alleine hier", sagt Ricki und versucht so gelassen wie nur möglich zu wirken. Innerlich aber tobt regelrechte Panik. Was soll er denn machen, wenn diese Typen ihn wirklich ins Becken schmeißen?

"Oh... Alex wird schon nichts dagegen haben, wenn wir sein Haustier ein bisschen waschen, oder Jungs?", wendet sich Aaron an die anderen Drei, die daraufhin nur schelmisch grinsen, bevor sie auf Ricki zugehen und ihn an Armen und Beinen packen.

"Hey! Lass das! Hört auf!" Panisch beginnt Ricki zu zappeln und sich zu winden. Ok, nun ist endgültig Schluss mit seiner Selbstbeherrschung. Sein Herz schlägt mittlerweile mit doppelter Geschwindigkeit und seine Augen weiten sich, als die vier Jungen mit ihm auf das Becken zu laufen.

"Jetzt lernst du mal tauchen", sagt ein blonder Junge direkt neben Aaron, der daraufhin laut auflacht.

"Lasst los! Nein!"

*~*~*~*~*

"Was machen die denn da mit Ricki?", fragt Mark plötzlich und deutet auf den Beckenrand an der anderen Seite.

Alexander und Patrick drehen sich irritiert um, und sehen gerade noch, wie Ricki laut schreiend von vier Jungen ins Wasser geschmissen wird.

"Scheiße!", schreit Patrick entsetzt auf, zieht sich aus dem Becken und läuft am Rand entlang. Alexander, der erst gar nicht realisiert hat, was da passiert ist, fühlt Panik in sich aufsteigen und schwimmt ebenfalls ans Ufer.

"Hey! Was ist denn los?" Leicht bedröppelt starrt Mark den beiden nach, wie sie am Becken entlang laufen. Also irgendetwas hat er doch hier verpasst.

Ricki zappelt derweil wild umher, geht unter und taucht kurz darauf wieder auf, um panisch mit den Armen um sich zu schlagen. Das Becken ist an dieser Stelle gute 2,30 Meter tief, weshalb er auch keinen Boden unter den Füßen spürt.

Kaum ist Patrick an der Stelle angekommen, springt er zu Ricki ins Wasser um diesen herauszufischen, bevor er noch ein weiteres Trauma erleidet.

Hilflos klammert sich Ricki an seinem Freund fest, der alle Mühe hat, den kleinen Goth zu beruhigen, da dieser unregelmäßig schnell atmet, beinahe schon so, als stünde er kurz vorm Hyperventilieren.

"Was wird denn das?", fragt Aaron, der bis zum jetzigen Zeitpunkt lachend zugesehen hat, wie Ricki versucht hat, sich über Wasser zu halten.

"Sag mal bist du denn total bekloppt!", schreit Alexander, der soeben auch bei der Gruppe angekommen ist, und Aaron brutal am Arm packt. Der sieht ihn nur verständnislos an und legt sein typisches Grinsen auf.

"Was regst du dich denn jetzt so auf? Ich wollt ihn nur für dich baden, damit er dir keine Flöhe ins Haus schleppt", verteidigt er sich und sieht grinsend zu, wie Patrick Ricki aus dem Wasser hievt und dieser anfängt zu husten und zu röcheln.

"Pass bloß auf, was du sagst! Er hätte ertrinken können, geht das überhaupt in deinen Schädel rein, du Vollidiot!" Alexander verfestigt seinen Griff um Aarons Arm, bevor er ihm einen Schlag in den Magen versetzt und ihn unsanft ins Becken schleudert.

Noch nie in seinem Leben ist er so stock sauer gewesen wie im jetzigen Augenblick. Besorgt sieht er zu Ricki, der immer noch neben Patrick kauert und versucht, seinen Atem wieder zu normalisieren.

Seine Augen sind gerötet vom Chlorwasser und seine Kehle brennt. Wenn er jetzt nicht in aller Öffentlichkeit gewesen wäre, dann hätte er am liebsten angefangen zu heulen. Schon lange hat er sich nicht mehr so elend gefühlt.

"Geht's wieder?", fragt Patrick besorgt und streichelt Ricki über den Rücken. Der nickt nur sacht und versucht, sich aufzurichten. Sein Blick wandert zum Becken, in dem Aaron nun fluchend treibt und ihn wütend anfunkelt.

*~*~*~*~*

"Willst du was essen?", fragt Alexander und sieht Ricki mitleidig an. Der schüttelt nur den Kopf und starrt weiter auf seine Füße. Diese ganze Sache ist ihm ja so furchtbar peinlich. Am liebsten würde er sich in Luft auflösen.

"Einmal Arschloch... immer Arschloch...", flüstert Ricki und räuspert sich leise. Sein Hals kratzt immer noch ein wenig von dem Chlorwasser.

"Ich verstehe auch nicht, was er damit bezwecken wollte", entgegnet Alexander wütend und zupft einige Grashalme aus der Erde. Es ist das erste Mal gewesen, dass er jemanden geschlagen hat... und er bereut es nicht einmal.

"Hm...", ist das Einzige, was Ricki darauf antwortet. Patrick und Mark haben sich vor gut zehn Minuten verzogen, um sich eine Fuhre Pommes rein zuschieben, daher ist es ihm auch unangenehm, jetzt mit Alexander allein zu sein, da er ja nicht weiß, was dieser nun von ihm denkt.

"Du brauchst dich nicht dafür zu schämen, dass du nicht schwimmen kannst...", fährt Alexander fort und streicht sich durch die klammen Haare.

"War wohl nicht zu übersehen..."

"Nein... aber um ehrlich zu sein, hat Patrick mir das schon vor unserer Haustür erzählt."

"Klasse..." Verstimmt umklammert Ricki seine Beine und wippt ein wenig hin und her. Das hätte er sich ja eigentlich denken können, so eine Tratschtante wie Patrick manchmal sein konnte.

"Sieh es doch mal so. Wenn er mir das nicht gesagt hätte, dann hätte ich Aaron heute nicht eine verpasst." Alexander versucht zu lächeln, was allerdings bei einem eher kläglichen Versuch bleibt.
 
"Hat mich ohnehin gewundert... warum du das gemacht hast."

"Na hör mal. Ich seh doch nicht einfach zu, wie so einer meinen großen Bruder fertig macht", entgegnet Alexander empört und stößt Ricki in die Seite, woraufhin dieser sachte lächelt.

"Ich sagte doch... ich bin mir nicht sicher ob ich einen Bruder möchte...", flüstert Ricki leise und versucht dieses unbekannte Kribbeln in seinem Bauch, welches ihm leichte Übelkeit beschert, zu ignorieren.

>Brüder... warum wird mir nur so schlecht, wenn er dieses Wort sagt?<

"Tut mir leid, dass wir dich mit hierher geschleppt haben", sagt Alexander plötzlich und rückt näher an Ricki heran, um ihn einen Arm um die Schulter zu legen.

>Irgendwie ist es schon ein komisches Gefühl, einen anderen Jungen so anzufassen.< Schweigend betrachtet Alexander das Wasser, das die Sonnenstrahlen leicht reflektiert und sieht dabei nicht, dass sich leichte Röte über Rickis Wangen gezogen hat.



Kapitel 15: Go away!


Schweigend starrt Ricki aus dem Fenster des dunkelblauen Skodas und versucht, den sorgevollen Blick seines Bruders zu ignorieren. Das hat ihm gerade noch gefehlt, dass er nun auch noch als nicht schwimmender Waschlappen da steht. Und wer ist Schuld an diesem ganzen Desaster?

Sein ach so herzallerliebster 'bester' Freund, das Kameradenschwein. Wenn er sich nicht so elend fühlen würde, dann hätte er Patrick getreten, auch wenn das angesichts der 'Rettungsaktion' nicht gerade sehr nett gewesen wäre.

>Fuck it<, flucht Ricki im Stillen und beißt frustriert auf seine Lippe, die aufgrund dieser Behandlung schon ganz dick angeschwollen ist.

Während Marks Mutter sich auf den Verkehr konzentriert und dabei ihren Sprössling mit allen erdenklichen Fragen löchert, unter anderem auch mit der, warum sie schon so früh wieder abgeholt werden wollten, macht Gefragter eher den Eindruck, als würde er seiner Mutter am liebsten den Mund zukleben.

Mark verdreht genervt die Augen und beschränkt die Ausführlichkeit seiner Antworten auf 'Ja Mum' und 'Nein Mum'. Das haselnussbraune Augenpaar, das er im Rückspiegel erkennen kann, und das zu einem gewissen Rotschopf gehört, betrachtet ihn aufmerksam, was ihn dann doch ein klein wenig nervös macht.

Schon komisch, aber irgendwie hat dieser Patrick einen Narren an ihm gefressen. Das ist ihm in dem Moment aufgefallen, als dieser ihm die Majo von den Pommes geklaut hat, während seine eigenen im Ketschup vor sich hin vegetiert sind.

Finster dreinblickend rutscht Ricki auf seinem Sitzplatz hin und her. Er fühlt sich unwohl, das ist schwer zu übersehen. Am liebsten würde er sich jetzt in ein irgendein dunkles Loch zurückziehen und für den Rest des Jahres dort bleiben.

>Scheiße.<

*~*~*~*~*

Unruhig wälzt Ricki sich in seinem Bett herum. Es kann doch wohl nicht angehen, dass dieses Erlebnis ihn dermaßen aus der Bahn geworfen hat. Wie alt ist er? Vier, fünf? Seufzend fährt er sich mit der Hand durch die zerzausten Haare und dreht seinen Kopf in Richtung Sofa.

Während er hier leidet und verzweifelt versucht endlich einzuschlafen, liegt Patrick seit gut einer Stunde schnarchend auf seinem Sofa und pennt. Toller Freund, wirklich. Lässt ihn in dieser schweren Stunde auch noch alleine.

Grummelnd schält Ricki sich aus der Bettdecke, greift nach seiner Packung Zigaretten, die er in weiser Voraussicht auf seinem Nachttisch platziert hat und schlendert in Richtung Zimmertür.

Auf dem Balkon zu rauchen wäre wohl keine so gute Idee, da bestimmt ein paar fiese Mücken die Gelegenheit nutzen würden, um so in sein 'momentan' insektenfreies Zimmer zu gelangen. Auf diese Gefahr, will er sich lieber nicht einlassen.

Mit der linken Hand krallt er sich sein Feuerzeug vom Schreibtisch und zieht leise die Tür auf. Schließlich will er seine Hoheit ja nicht in seinem Schnarchkonzert unterbrechen. Kopfschüttelnd schließt er die Zimmertür hinter sich und blickt sich auf dem dunklen Flur um.

Jetzt fehlt nur noch, dass er in seiner Blindheit auch noch die Treppe hinunter fällt. Aber vielleicht hat er ja auch soviel Glück, und bricht sich dabei das Genick... so wäre seinem Leiden wenigstens ein Ende gesetzt.

In Gedanken mehrere Möglichkeiten des Selbstmordes durchgehend tapst er die Treppe hinunter. Leises Stimmengeschwafel ist zu hören, das höchstwahrscheinlich aus dem Wohnzimmer stammt.

>Hat der Depp etwa den Fernseher angelassen?<, geht es Ricki durch den Kopf. Nachdem der Ausflug ins Schwimmbad ja ein ziemlicher Reinfall, im wahrsten Sinne des Wortes, gewesen ist, haben sie sich allesamt ins Wohnzimmer verzogen und alle drei Teile von 'Herr der Ringe' angesehen. Kein Wunder, dass er hinter Kopfschmerzen hatte. Geschlagene neun Stunden vor der Glotze zu sitzen ist anscheinend doch nicht so ganz gesund.

>Erst rauchen<, denkt Ricki schließlich und öffnet leise die Haustür. Den Fernseher kann er später immer noch ausmachen, das Wichtigste im Moment ist es, dass seine Sucht bezüglich Nikotins besänftigt wird. Schon schlimm, aber er hat heute nur sage und schreibe vier Zigaretten geraucht, was für seine Verhältnisse nicht gerade viel war. Aber wenn er da an Patrick denkt, der meistens eine ganze Schachtel pro Tag wegpafft, dann liegt seine tägliche Dosis von sechs bis zehn Ziggis ja noch ziemlich niedrig.

Vorsichtig lehnt er die Tür hinter sich an und setzt sich auf die Treppenstufen. Mit einer flinken Handbewegung schnipst er sich gewünschtes Objekt aus der Packung und entzündet es kurz darauf.

Ein zufriedenes Lächeln ziert seine Lippen, als der Rauch seine Lungen füllt und er legt seufzend den Kopf in den Nacken. Das hat er jetzt gebraucht. Vielleicht kann er dann nachher besser schlafen, wenn er seine 'Gute-Nacht'- Zigarette geraucht hat.

Schweigend betrachtet er den wolkenfreien Himmel, der übersät ist von silbernen, kleinen Sternen die hin und wieder sacht funkeln. Der Sichelmond steht weiter abseits über den Baumkronen des nahe anliegenden Waldgebietes und wirft ein mysteriöses Licht auf die Umgebung.

Gerade in dem Moment kommt ihn das Lied 'Carpe Noctem' aus dem Musical 'Tanz der Vampire' in den Sinn, weshalb er auch damit beginnt, leise vor sich hinzusummen.

"Dies irae. Kyrie. Libera me. Domine... Dies irae. Kyrie. Requiem da. Domine..." Während er leise vor sich hin singt, bemerkt er nicht, wie im Hausflur das Licht angemacht wird und ein dunkler Schatten auf die Haustür zukommt.

Alexander drückt die Haustür langsam auf und starrt ein wenig erstaunt auf die nur mit Boxershorts bekleidete Figur, die singend auf der Treppe hockt und sich mit einer Zigarette das Gehirn vernebelt.

"Noch wach?", fragt er schließlich, woraufhin Ricki verstummt und sich überrumpelt umdreht. Also hat der 'Depp' den Fernseher doch nicht aus versehen laufen lassen, sondern sich das schlechte Nachtprogramm rein gezogen.

"Piep nächstes Mal, bevor du sprichst. Ich kriegt sonst wirklich noch nen Herzkasper", grummelt Ricki ihn an und dreht den Kopf wieder weg. Das hat ihm gerade noch gefehlt. Nun ist er schon wieder mit seinem Stiefbruder alleine, und bei seinem Glück wird er wahrscheinlich auch noch auf ein gewisses Thema zu sprechen kommen.

Alexander seufzt resigniert, bevor er das Licht im Flur wieder ausknipst, sich seinen Hausschlüssel in die Hose steckt und ebenfalls nach draußen kommt. Die Tür zieht er dabei hinter sich zu, schließlich ist er nicht scharf darauf, dass irgendein Viehzeug durch den schmalen Türschlitz ins Haus gelangt.

"Ich kann mir vorstellen, dass du gewaltig angepisst bist... aber deswegen brauchst du mich jetzt nicht so blöd anmachen", meint Alexander vorwurfsvoll und lässt sich neben Ricki auf der Stufe nieder, wobei er versucht den Rauch so unauffällig wie nur möglich von sich wegzufächeln.

"Tut mir leid Psycho-Junior, aber ich hab null Bock jetzt mit dir zu reden", erwidert Ricki angesäuert und nimmt einen weiteren tiefen Zug von seiner Zigarette. Nein, heute ist er wirklich nicht in Stimmung mit Psychodoktors Sohnemann über seine Probleme zu sprechen. Ist es denn zuviel verlangt, wenn man(n) mal ein paar Minuten für sich alleine sein will? Nun, in diesem Haushalt anscheinend ja.

"Was hast du da für ein Lied gesungen?", fragt Alexander und ignoriert dabei Rickis verächtliches Schnauben.

"Nun tu mal nicht so, als würde es dich interessieren. Ich sagte doch, ich hab keine Lust zu labern. Also verzieh dich und lass mich alleine", zischt Ricki nun schon ziemlich wütend. Ja sag mal, merkt der Junge die Einschläge noch? Wie deutlich soll er ihm denn noch zeigen, dass er momentan keinen Wert auf seine Gesellschaft legt?

"Wenn du deinen Frust immer in dich rein frisst, wird's auch nicht besser... zumal ich nicht so tue, als wenn es mich interessiert. Wenn es mich nicht interessieren würde, dann hätte ich gar nicht erst gefragt", verteidigt sich Alexander und versucht trotz der unhöflichen Aufforderung sich zu verdünnisieren, gelassen zu wirken.
 
Dass seinem Hausgrufti etwas auf der Seele liegt, ist ja wohl schlecht zu übersehen. Aber so stur wie der nun einmal ist, dürfte es nicht so einfach werden, den Grund zu erfahren, weshalb er nie versucht hat, schwimmen zu lernen.

"Oh... hast du wieder heimlich Papis Akten gelesen, oder guckst du zu viele Lebensberatungsshows in der Glotze?" Nun hat er es geschafft. Jetzt ist Ricki in Streitlaune, um nicht zu sagen in Prügellaune. Am liebsten würde er jetzt zu diesem Aaron fahren und ihm mal gehörig die Fresse polieren. Aber da man(n) ja dessen Haus nicht kennt, kann er ihm auch schlecht die Visage verschandeln.

"Du brauchst gar nicht so rum zu giften. Ich habe dir schließlich nichts getan. Ich wollte nur mit dir reden... und fragen, warum du nicht mal versuchen willst, schwimmen zu lernen."

"Herr Gott noch mal, geht es nicht in deinen Schädel rein? Ich habe keine Lust mit dir darüber zu sprechen! Warum müsst ihr mich alle damit nerven?", schreit Ricki nun schon ziemlich laut und schmeißt seinen Kippenstummel rücksichtslos in die Einfahrt.

Was in Gottes Namen hat er denn verbrochen, dass ihn alle Leute damit nerven, endlich schwimmen zu lernen? So toll ist das Wasser nun auch wieder nicht. Und überhaupt, warum sollte er ausgerechnet Alexander über sein 'Problem' aufklären? Der wird ihn wahrscheinlich nur auslachen, immerhin war der Grund für sein Schwänzen der damaligen Schwimmstunden schon ziemlich peinlich.

Wortlos erhebt Alexander sich und macht Anstalten wieder ins Haus zu gehen. Schön, er bemüht sich um ein besseres Verhältnis zu seinem Bruder, aber wenn der nun mal gern die Zicke spielt, dann soll er das mal schön ohne ihn machen.

"Ich hab mich geschämt...", sagt Ricki plötzlich, woraufhin sich Alexander wieder zu ihm umdreht. Unruhig kaut Ricki auf seiner Unterlippe herum und fummelt nervös an den Bändern seiner Shorts. Ok, nun hat er die Wahl. Entweder er ringt sich dazu durch und erzählt Alexander alles, damit dieser endlich Ruhe gibt, oder er belässt es bei seiner bisherigen Aussage.

"Wofür?", fragt Alexander verständnislos und setzt sich wieder auf die Treppe. Er kann sich jetzt nicht wirklich eine Vorstellung davon machen, wofür sich der kleine Freak geschämt haben soll.

"Wir hatten... in der 3. und 4. Klasse Schwimmunterricht... Nun ja, ich hab halt jedes Mal geschwänzt, weil... mir mein Aussehen peinlich war", beginnt Ricki zögernd und wippt ein wenig vor und zurück.

Das ist das erste Mal, dass er mit einem Außenstehenden über seine Kindheit spricht, und ganz angenehm ist ihm diese Sache auch nicht. Alexander wartet geduldig ab, bis Ricki fort fährt.

"Um es kurz zu sagen... ich war in diesem Alter ein wenig übergewichtig", platzt es aus Ricki heraus und leichte Schamröte legt sich über seine Wangen. Ok, nun können alle Anwesenden mit dem Finger auf ihn zeigen und ihn auslachen.

Alexander hebt skeptisch eine Augenbraue und lässt seinen Blick über den Körper des anderen Jungen gleiten, der auf ihn eher den Eindruck macht, als wenn er nicht ein Gramm Fett auf den Knochen hat.

"Du... also ehrlich gesagt, kann ich mir das schlecht vorstellen, dass du mal übergewichtig warst...", meint Alexander zögernd, weshalb ihn Ricki ein wenig verunsichert anguckt. Was soll das jetzt? Glaubt er etwa, dass er ihm jetzt eine Lüge auftischt oder was?

"Ich war nicht dick... aber ich hatte schon einige Pfunde zuviel auf den Hüften. Und kleine Kinder sind diesbezüglich ziemlich grausam."

"Du wurdest gehänselt und bist deshalb nicht mitgegangen?", fragt Alexander wissend und blickt ein wenig besorgt zu Ricki, der nur knapp mit dem Kopf nickt. Oh ja, kleine Kinder können sehr grausam sein. Die meisten wissen schließlich nicht, was sie mit einigen Worten bei anderen anrichten können.

"Es ist nicht schön, wenn man als 'Pummelchen', oder 'Fetti' bezeichnet wird. Mir war es peinlich, mich in Badehose vor den anderen zu zeigen, und daher habe ich geschwänzt. In der 6. Klasse habe ich dann mein Normalgewicht gehabt... war eben noch der übrig gebliebene Babyspeck in der Grundschule... aber so was bleibt nun einmal im Kopf hängen. Immer ausgelacht zu werden ist nicht schön gewesen... der Einzige der nicht gelacht hat, war Patrick", fährt Ricki leise fort und sieht traurig auf die kalten Steinstufen.

Diese Kindheitserinnerungen sind wirklich nicht schön. Am liebsten würde er seine Erinnerungen aus der Grundschulzeit für immer aus seinem Gedächtnis verdrängen, aber bekanntlich sind es ja immer die schlimmen Erlebnisse, die einem am längsten in Erinnerung bleiben.

"Ich kann mir vorstellen, dass das schlimm gewesen sein muss. Wir hatten bei uns in der Klasse auch einige, die ein bisschen rundlicher waren. Schon komisch, aber sobald man ein wenig von dem 'normalen' abweicht, wird man diskriminiert."

"Das kannst du laut sagen. Das Schlimmste war ja, dass einer aus meiner Klasse... so ein großer Schlägertyp mich damals immer in die Mülltonne auf dem Schulhof verfrachtet hat", meint Ricki verbissen und atmet einmal tief durch. Das war damals wirklich der Horror gewesen. Am liebsten wäre er nicht mehr zur Schule gekommen.

"In die Mülltonne? Hat denn da kein Lehrer aufgepasst?", entfährt es Alexander, der nun sichtlich schockiert zu sein scheint. Ok, an seiner Grundschule gab es auch öfter mal Auseinandersetzungen, aber dass jemand in die Mülltonne gestopft wurde, ist ihm noch nicht zu Ohren gekommen. Aber wahrscheinlich gibt es einen Unterschied zwischen Schulen in der Stadt und solchen kleinen Dorfschulen wie hier.

"Lehrer... die waren doch alle im Büro und haben gepafft... Und? Nun zufrieden?", fragt Ricki und seufzt ein wenig erleichtert auf. Nun ist es raus, und wenn er ehrlich ist, dann sind diese kleinen Gespräche mit seinem Stiefbruder gar nicht mal so schlecht. Auch wenn er das nie im Leben laut zugeben würde, aber der blonde Junge hat schon eine Art an sich, die wirklich niedlich ist.

"Ja, jetzt schon", entgegnet Alexander grinsend und setzt sich eine Stufe über Ricki, um diesen dann von hinten zu umarmen, weshalb der kleine Grufti auch ein wenig überrascht dreinblickt, als er plötzlich mit dem Hinterkopf gegen Alexanders Oberkörper liegt, und der ihn mit beiden Armen umschlingt.

"Was... machst du?", entfährt es Ricki, dessen Stimme nur noch ein leises Flüstern ist. Das ist nicht gut, nein, das ist sogar sehr schlecht. Was soll er denn jetzt von dieser Geste halten? Warum macht er das mit ihm? Wieder durchströmt ein angenehmes Kribbeln seinen Magen und er weiß nicht, ob er dem nachgeben, oder besser Freiraum zwischen sie bringen soll, bevor diese Situation eskaliert.

"Solche Typen wie du müssen in gewissen Situation einfach mal geknuddelt werden", sagt Alexander und grinst breit. Irgendwie kommt er sich ja schon komisch vor, wie er hier draußen sitzt und einen anderen Jungen von hinten umarmt, und dann auch noch Worte wie 'knuddeln' verwendet. Andererseits ist es kein unangenehmes Gefühl, Ricki zu umarmen... wenn er es genau bedenkt, so gefällt ihm diese Nähe zu dem schwarzhaarigen Jungen, was ihn dann doch ein wenig irritiert.

>Was denkst du denn da für einen Mist?<, schallt er sich selbst in Gedanken und blickt ein wenig verwirrt auf den schwarzen Wuschelkopf, der es anscheinend auch vorzieht zu schweigen.

Rickis Herzschlag ist in der Zwischenzeit mindestens auf 180 hochgeschnellt. Eine regelrechte Hitzewelle bricht über ihn herein, was nicht nur mit den sommerlichen Temperaturen zusammen hängt. Er spürt Alexanders warmen Atem an seinem Ohr, wodurch sich eine leichte Gänsehaut auf seinen Armen bildet.

In seiner Shorts zuckt es verdächtig und er zieht scharf die Luft ein, als ihm dämmert, was da gerade in seinem Körper vorgeht. Die ganzen letzten Tage schon verspürt er ein angenehmes Kribbeln in sich, wenn er seinem Bruder zu nahe kommt, und nun wird ihm allmählich bewusst, warum.

>Verdammte Scheiße...< Ein kurzes Zucken geht durch seinen Körper und leichte Panik breitet sich in ihm aus. Das geht doch nicht... er kann doch nicht allen Ernstes...

Als Alexander dann auch noch das Kinn auf seiner Schulter abstützt und er den warmen Körper hinter sich immer intensiver spürt, setzt Rickis Verstand aus. Mit einer schnellen Bewegung dreht er sich etwas zur Seite und ehe Alexander überhaupt reagieren kann, spürt er auch schon Rickis Lippen, die sich zitternd auf seine pressen.