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Mad life Teil 16 bis 19

Kapitel 16: Life is just cruel


Für einige Sekunden setzt Alexanders Herzschlag aus. Wie versteinert sitzt er auf der Treppe und starrt mit weit aufgerissenen Augen in Rickis Gesicht, der seine Augen geschlossen hat und weiterhin mit zitternden Lippen seinen Mund verschließt.

Wie in Zeitlupe beobachtet er die Bewegungen seines Halbbruders, der sich langsam wieder von ihm löst und ihn mit verklärtem Blick ansieht. Rickis Atem geht stockend und ein dünner Schweißfilm hat sich auf seiner Stirn gebildet.

Schweigend blickt er Alexander an, der weiterhin regungslos auf der Stufe sitzt und anscheinend gerade verarbeitet, was da gerade zwischen ihnen passiert ist.

Ein Junge hat ihn soeben aus heiterem Himmel geküsst! Und das Schlimmste an der ganzen Sache ist schließlich die Tatsache, dass es sich bei diesem Jungen um seinen Halbbruder handelt!

Unruhig wandert Rickis Blick über das Gesicht des anderen. In Gedanken schallt er sich bereits selbst einen Narren, so gedankenlos gehandelt zu haben. Was ist da überhaupt in seinem Kopf vorgegangen, sich einfach umzudrehen und Alexander zu küssen?

>Scheiße, Scheiße, Scheiße!<

Ein leises Lachen reißt ihn aus seinen Gedanken und er starrt verwirrt in Alexanders Gesicht, der ihn nun mit dunklen Augen betrachtet und ein kaltes Lächeln auf den Lippen hat.

"Und... fandest du das witzig?", fragt Alexander grinsend, wobei der Sarkasmus in seiner Stimme nicht zu überhören ist.

Ricki sieht Alexander verständnislos an und fragt sich, warum er ihn jetzt auslacht? Er hat ja mit vielem gerechnet, mit Schlägen, Wutausbrüchen oder sonstigem. Aber dass sein Gegenüber ihn auslacht, schmeißt ihn nun völlig aus der Bahn.

"Deine zweideutigen Sprüche... ok, damit kann ich leben. Aber DAS finde ich nicht mehr komisch!" Mit jedem Wort ist Alexanders Stimme lauter geworden und die letzten hat er regelrecht in die Nacht hinaus geschrieen.

Ricki zuckt merkbar zusammen. Da ist er also. Der von ihm bereits erwartete Wutausbruch. >Komm schon... schlag zu<, denkt er bei sich und wendet den Blick ab.

"Du magst vielleicht einen eigenwilligen Humor haben... aber ich warne dich... treib es nicht zu weit. Darunter verstehe ich keinen Spaß mehr", fährt Alexander fort, und seine Stimme klingt beunruhigend gelassen.

Innerlich aber tobt ein regelrechter Sturm, der seine Gefühle durcheinander wirbeln lässt, dass ihm dabei ganz schwindelig wird. Keuchend fährt er sich mit einer Hand durch die Haare und versucht sein Herz zu beruhigen, das anscheinend versucht, aus seinem Brustkorb auszubrechen.

Warum zum Teufel tut er das? Die zweideutigen Sprüche und Blicke, die er ihm des Öfteren zugeworfen hat, haben ihn ja schon ein wenig aus der Bahn geworfen, aber das geht nun wirklich zu weit. Immerhin sind sie Halbbrüder, das ist moralisch gesehen eines der größten Tabus überhaupt.

>Ich glaube mir wird schlecht...< Leichenblass erhebt Alexander sich und atmet erst einmal tief durch. Vor seinen Augen beginnt allmählich alles zu verschwimmen. Ein schmerzhaftes Stechen durchflutet seinen Magen und ein feuchter Glanz bildet sich in seinen Augen... Tränen?

Hastig dreht er sich um und fummelt nervös in seiner Hosentasche nach dem Schlüssel. Er muss hier weg. Das war zuviel für seine Nerven. Unruhig steckt er den Schlüssel in das Schloss und drückt energisch den Türgriff nach unten.

Seinen Hausschlüssel lässt er draußen im Schloss stecken, bevor er die Tür hinter sich zuschmeißt und benommen die Treppe hinauf zu seinem Zimmer läuft.

Ihm ist schlecht. Ein eigenartiges Kribbeln breitet sich langsam in ihm aus... ein angenehmes Kribbeln, das wiederum auch gleichzeitig das Verlangen in ihm aufsteigen lässt, sich zu übergeben.

Schweigend starrt Ricki auf die Haustür und am liebsten würde er jetzt laut aufschreien und seinen Kopf gegen die Hauswand schlagen.

Was in Gottes Namen hat er nur gemacht? Das geht doch nicht... immerhin sind sie miteinander verwandt... und doch. Tief in sich weiß er bereits, was da gerade in ihm vorgegangen ist.

>Das ist unfair...< Langsam steht er von der Treppe auf und gerät erst einmal ein wenig ins Schwanken, da sich seine Beine anfühlen als seien sie aus Gummi.

Taumelnd hält er sich an der Tür fest und versucht seinen Puls zu beruhigen. Das hat ihm gerade noch gefehlt, dass jetzt auch noch sein Kreislauf anfängt zu spinnen.

Zitternd lehnt er sich mit dem Rücken gegen die Haustür und fummelt nervös eine weitere Zigarette aus seiner Packung. Was gäbe er jetzt für eine Flasche Baccardi. Am liebsten würde er sich jetzt so dermaßen einen hinter die Binde kippen, dass er morgen einen totalen Filmriss hat und das alles aus seinem Gedächtnis gelöscht wird.

>Das ist ungerecht... verdammt...< Wieder nimmt er einen Zug von seiner Zigarette und wippt dabei ein wenig hin und her. Er muss sich beruhigen, sonst läuft er wirklich auf die Gefahr hin, einen Nervenzusammenbruch zu erleiden. Ein Wort hallt allerdings ununterbrochen in seinem Kopf wieder... Brüder...

>Brüder...<

"Das ist nicht fair..."

*~*~*~*~*

Leise schließt er die Zimmertür hinter sich und torkelt sichtlich angeschlagen zu seinem Bett hinüber. Kraftlos lässt er sich auf die Matratze fallen und umschling sogleich sein Kopfkissen.

Hinter sich hört er immer noch Patricks regelmäßiges Schnarchen und dankt innerlich Gott dafür, dass sein bester Freund von diesem ganzen Desaster nichts mitbekommen hat.

So wie er Patrick kennt, hätte er bestimmt gesagt, dass er auf das moralische scheißen und einfach seinem inneren Drang nachgeben soll. Aber das ist leichter gesagt als getan, schließlich ist er sich selbst nicht so ganz sicher, was eigentlich in ihm vorgeht.

Hilflos kuschelt Ricki sich tiefer in sein Kissen und versucht verzweifelt einzuschlafen. Vielleicht hat er ja soviel Glück und das alles war nichts weiter als ein ganz böser Alptraum...

Aber so wie er die Sache sieht, wird Alexander ihn von nun an mehr hassen als alles andere. Warum hat er sich nicht unter Kontrolle gehabt, warum? Normalerweise ist es doch immer Patrick gewesen, der mal eben einen wildfremden Jungen aus einer Laune heraus geküsst hat und nicht er.

>Bitte lass mich nie wieder aufwachen<, betet er innerlich und kramt auf dem Nachttisch nach seinem Discman. Hoffentlich vertreibt ein wenig Subway seine negativen Gedanken. Schwermütig steckt er sich die Stöpsel in die Ohren und dreht die Musik auf volle Lautstärke.

*~*~*~*~*

Mit leicht geröteten Augen starrt Alexander an die dunkle Zimmerdecke und versucht verzweifelt, die in ihm aufsteigenden Gedanken bezüglich seines Bruders zu ignorieren. Aber das ist leichter gesagt als getan, da jeder seiner Gedankengänge nach wenigen Sekunden an einem gewissen Grufti hängen bleibt.

~ Ich bin mir gar nicht sicher, ob ich überhaupt einen Bruder will ~

Ein verbittertes Lächeln huscht über Alexanders Gesicht, als er an ihr erstes Gespräch zurück denkt, wo der kleine Freak sich das erste Mal ihm gegenüber ein wenig geöffnet hat.

>Langsam wird mir klar, warum er immer sagte, dass er keinen Bruder will<, denkt Alexander frustriert und beißt sich auf die Unterlippe, um nicht wieder einen leisen Schluchzer aus seiner Kehle entkommen zu lassen.

Warum nimmt ihn das alles überhaupt so mit? Jetzt liegt er hier und heult wie ein kleines Kind. Wahrscheinlich macht er sich hier unnötig einen Kopf. Das alles war bestimmt nur wieder einer von Rickis dummen Scherzen, die er ohnehin ständig mit ihm treibt.
 
Allerdings hat er angenommen, dass Rickis Scherze nur aus Zweideutigkeiten bestehen... dass er tatsächlich soweit geht und ihn küsst, damit hat er nie im Leben gerechnet.

"Mistkerl...", flüstert Alexander leise und rollt sich auf seinem Bett zusammen. Reflexartig wandert seine linke Hand zu seinem Mund und fährt langsam die Konturen seiner Lippen nach. Ihm ist so, als wenn er noch immer die Wärme von Rickis Lippen fühlen kann... das leichte Zittern, das sie erfasst hatte.

Ob das wirklich nur ein verdammt schlechter Scherz von dem kleinen Grufti gewesen ist? So, wie es sich für ihn angefühlt hat, war das alles andere als 'nur' ein Scherz.

>Das kann doch alles nicht wahr sein<, stöhnend vergräbt Alexander sein Gesicht im Kopfkissen und versucht zu schlafen.

Die Frage ist nur, wie soll er sich morgen früh Ricki gegenüber verhalten? Soll er so tun, als wenn das alles nicht passiert ist, oder soll er ihn eiskalt ignorieren so wie zu Anfang seines Auftauchens?

*~*~*~*~*

Mit großen Augen starrt Patrick zu Ricki, dann zu Alexander und dann wieder zu Ricki. Also irgendetwas hat er doch verpasst, oder warum sehen die beiden aus wie sieben Tage Regenwetter?

Er räuspert sich einmal gespielt laut und wird daraufhin von beiden verständnislos angesehen. Ok... sein Verdacht, etwas verpasst zu haben, bestätigt sich immer mehr. Also entweder wird er auf der Stelle aufgeklärt, oder aber er setzt sich gleich in die Ecke und malträtiert die Wand, indem er sie mit seinem Buttermesser anstochert.

"Also... was ist los?", fragt Patrick direkt heraus, dem das Schweigen am Frühstückstisch gewaltig auf den Zeiger geht.

Was soll denn das werden wenn es fertig ist? Da kommt er schon extra angefahren und dann darf er sich auch noch diese beiden Stimmungstöter antun, nach herzlichen Dank auch.

"Nichts", sagt Alexander.

"Was soll schon sein?", fügt Ricki monoton hinzu und stochert in seinem Müsli herum, das nun schon eher aussieht wie Haferschleim, da es schon ziemlich aufgeweicht ist.

Verdattert starrt Patrick die beiden an und kratzt sich gedanklich am Hinterkopf. Also so eine Sauerei. So etwas nennt man Meuterei! Na das kann ja ein schöner Tag werden, wenn die beiden sich weiterhin so anschweigen. Da muss doch etwas vorgefallen sein, was er nicht mitgekriegt hat.

Und dass die angespannte Stimmung zwischen Ricki und Alexander nur etwas mit dem gestrigen Vorfall im Freibad zu tun hat, bezweifelt er stark. Immerhin ist das doch kein Grund, dass sie beiden sich ständig nervöse Blicke zuwerfen und noch nicht mehr als drei bis vier Sätze miteinander gewechselt haben.

"Nun kommt schon. Was soll denn diese muffige Stimmung? Ich denke, wir wollten heute Mittag grillen?", mault Patrick verstimmt und stupst Ricki an, der daraufhin nur knapp nickt.

"Müssen vorher noch einige Sachen einkaufen...", nuschelt Alexander beiläufig und kaut gelangweilt auf seinem Toast herum. Also wenn sie beide sich weiterhin so daneben benehmen, können sie sich ja gleich ein Schild um den Hals hängen mit der Aufschrift 'Ich bin schuld'.

"Ricki. Nun sag mir nicht, dass du noch beleidigt bist wegen gestern. Lach mal wieder. Die Sonne scheint, die Vögel singen-"

"Ein schöner Tag sich umzubringen", endet Ricki Patricks angefangene Lobeshymne über den angeblich so 'schönen' Tag.

"Also irgendwie komme ich mir hier gewaltig verarscht vor. Was habt ihr denn?" Leicht angesäuert verschränkt Patrick die Arme vor der Brust und sieht die beiden anderen Anwesenden mit einem strengen Blick an.

"Nichts... ich hab nur zu lange ferngesehen und hab Kopfschmerzen...", meint Alexander schließlich und hofft, dass der Rotschopf ihm diese äußert 'ausgefallen' Lüge abkauft.

"Und ich hab gestern zuviel geraucht", fügt Ricki hinzu und legt den Löffel beiseite. Nein, also dieses Müsli wird er wohl nicht mehr essen. Das kann er ja schon beinahe mit einem Strohalm aufsaugen, so aufgeweicht wie das bereits ist.

Patrick hingegen hebt nur skeptisch eine Augenbraue und wirft noch einmal einen ungläubigen Blick durch die Runde, als es plötzlich an der Tür klingelt.

"Wer kommt denn jetzt?", fragt er wenig geistreich und sieht Alexander an, der immer noch mit leicht geröteten Augen auf sein Toastbrot starrt.

"Mark... der wollte mit einkaufen", sagt Alexander abwesend, woraufhin Patrick sogleich vom Stuhl aufspringt.

"Ok, ich mach auf!", ruft er noch, bevor er aus der Küche in Richtung Haustür flitzt. Ricki und Alexander blicken ihm ein wenig bedröppelt hinterher, bevor sie sich wieder ihrem mehr oder minder misshandelten Frühstück widmen.

Alexander wirft Ricki einen verstohlenen Blick zu und fragt sich, was der andere wohl gerade denkt. Als Ricki dann plötzlich aufsieht, blickt er sogleich zur Seite.

>Nun reiß dich mal zusammen.< Missmutig zerbröselt Alexander seinen Toast und versucht, sich wieder einigermaßen zu beruhigen. Dass er nicht einmal mehr den Blick seines Bruders ertragen kann, ist nun wirklich ziemlich daneben.

>Da hast du es. Er verabscheut dich<, denkt Ricki deprimiert und schiebt seine Schüssel Müsli von sich weg. Also Hunger hat er nun nicht mehr.

"Was ist denn nun?" hört man plötzlich Marks Stimme, die bereits ziemlich ungeduldig klingt. Das ist ja mal wieder so was von typisch. Da heißt es, "sei um zehn Uhr bei mir, wir wollen einkaufen". Und was ist nun? Er kommt bereits eine Viertelstunde zu spät und nun darf er trotzdem noch warten.

"Ist ja gut!", ruft Alexander leicht genervt zurück und erhebt sich. Vielleicht kriegt er seinen Kopf wieder frei, wenn er an die frische Luft kommt. Am Besten sollte er die ganze Sache verdrängen.

Ricki blickt dem Blonden seufzend nach, bevor er sich ebenfalls erhebt und hinter ihm hertrottet. Ihm ist jetzt jede Ablenkung recht.

>Ok... benimm ich ganz normal<, ermahnt er sich selbst, bevor er mit einem gekünstelten Grinsen aus der Küche tritt und nach seinen Boots sucht, die er gestern irgendwo hin gekickt hat.



Kapitel 17: Von Vegetariern, Insekten und anderen Landplagen


Gelangweilt tapst Ricki hinter Alexander und Mark her, die nun bestimmt schon zum hundertsten Male die Einkaufsliste durchgehen und seltsamerweise jedes Mal einen neuen Punkt finden, den sie noch ergänzen müssen.

Patrick hingegen hat sich bei ihm eingehakt, scheint aber mit seinen Gedanken ein wenig abgedriftet zu sein, da er ständig auf die Rückfront eines gewissen Igelkopfes starrt, der, wie sollte es anders sein, wieder eine Sonnenbrille auf der Nase hat.

Ricki seufzt resigniert und lässt seinen Blick über die Landschaft wandern. Der Weg zum Supermarkt, in diesem Falle Aldi, ist mal wieder ein halber Weltmarsch, da irgendein Trottel gedacht hat, dass er den Laden am anderen Ende des Dorfes platzieren muss.

Die Sonne sticht auch wieder erbarmungslos auf ihn ein und er kann sich jetzt schon vorstellen, wie er heute Abend aussehen wird, wenn sie den ganzen Tag im Garten verbringen werden.

Bei der Vorstellung gruselt es Ricki dann doch. Immerhin ist es ja schon selbstverständlich, dass, wenn der Grill erst einmal an ist, auch ein paar ungebetene Gäste, sprich Insekten auftauchen werden.

>Ob es bei Aldi Insektenspray gibt?<, fragt Ricki sich und legt die Stirn in Falten. Allein schon der Gedanke an eine Wespe oder sonstige Viecher lässt ihm einen kalten Schauer den Rücken hinablaufen.

Stöhnend richtet er seinen Blick wieder nach vorne, wobei sich ein leicht sehnsüchtiger Schimmer in seinen Augen ausbreitet, als er Alexanders blonden Schopf von hinten sieht.

"Alles klar?", vernimmt er plötzlich Patricks Stimme und sieht seinen Freund ein wenig überrumpelt an.

"Hm?", fragt Ricki wenig geistreich und blickt Patrick mit großen blauen Augen an. Der hingegen kräuselt daraufhin die Stirn und wirft seinem Freund einen vielsagenden Blick zu.

"Du kannst mir sagen, was du willst, aber eure Argumente von wegen zuviel geraucht und zuviel ferngesehen nehme ich euch nicht ab."

"Mensch, geht das schon wieder los. Ich sagte doch, es ist nichts. Ende der Durchsage", murmelt Ricki sichtlich angepisst und starrt säuerlich auf den unebenen Sandweg. Warum muss sein bester Freund nur so eine notorische Nervensäge sein?

"Natürlich... und warum guckst du Alexander an, als würdest du ihm am liebsten die Kleider vom Leib reißen?", entgegnet Patrick scheinheilig und grinst breit, als Ricki abrupt stehen bleibt und ihn mit geröteten Wangen und einem 'Was-bist-du-und-was-willst-du'- Blick anstarrt.

"Was?!", entfährt es dem kleinen Grufti in einem ungewöhnlich hohem Ton. Entsetzt sieht er Patrick an, der sein bekanntes 'Ich-wusste-es'- Grinsen aufgesetzt hat.

"Ja was. Ist doch so. Das sieht doch ein Blinder mit nem Krückstock, so wie du ihn dauernd anstarrst", meint Patrick ungerührt und knufft Ricki in die Seite.

Der allerdings kann darüber jetzt keinesfalls lachen, eher im Gegenteil. Innerlich zieht sich ihm alles ruckartig zusammen und in seinem Kopf läuten bereits die Alarmglocken. Wenn Patrick das weiter erzählt, dann ist er erledigt, und da er die große Klappe seines Freundes nur zu gut kennt...

"Du... bist ekelhaft...", flüstert Ricki und versucht sich seine Nervosität nicht weiter anmerken zu lassen. Auf keinen Fall darf er zulassen, dass der Rotschopf weiterhin diesem Verdacht folgt.

"Häh? Was hab ich denn jetzt wieder gesagt?", entfährt es Patrick, der aufgrund der Bezeichnung 'ekelhaft', ein wenig bedröppelt dreinblickt.

"Falls es dir noch nicht aufgefallen ist, er ist mein Bruder und-"

"Halbbruder."

"Herr Gott, ist doch gleich. Wir sind trotzdem verwandt... wir haben den gleichen Vater! Weißt du überhaupt, was du mir da vorwirfst?", ruft Ricki entrüstet auf und klopft sich gedanklich selbst auf die Schulter, da er seiner Meinung nach ziemlich entsetzt rüber gekommen ist.

"Ich... also-"

"Ja nix also. Patrick, nichts gegen deine Fantasien, aber ich denke garantiert nicht 'so' über meinen Halbbruder, kapiert?"

Ein wenig verlegen kratzt sich Patrick am Hinterkopf und schließlich muss er sich selbst eingestehen, dass es schon ziemlich verquer war, das anzunehmen. Aber immerhin ist es auch ne eigenartige Situation, schließlich hat Ricki erst seit knapp drei Wochen einen Bruder und er selbst hat es anscheinend noch nicht so ganz realisiert, dass Ricki und Alexander miteinander verwandt sind.

"Sorry... ist eben nur ein wenig seltsam wie ihr miteinander umgeht. Immerhin kenne ich ihn auch erst seit gestern und ich muss auch erst mal in meinem Kopf reinkriegen, dass ihr verwandt seid", druckst Patrick kleinlaut herum und sieht Ricki mit großen Augen an. Der seufzt daraufhin nur und fährt sich mit einer Hand durch die zerwuselte Mähne.

"Schon klar... ich glaube, ich hab mich auch noch nicht so ganz an den Gedanken gewöhnt", entgegnet er stöhnend und lächelt schief.

"Hmhm... ok, ich frage nicht mehr und du bist nicht mehr böse auf mich", sagt Patrick versöhnlich und nimmt Ricki in den Arm, um ihn mal freundschaftlich durchzuflauschen. Dieser fängt daraufhin leise an zu lachen.

"Ist gut, aber zerquetsch mich nicht", bringt Ricki grinsend hervor und versucht weiter zu gehen, was allerdings nicht ganz so einfach ist, da sich Patrick nun von hinten an ihn klammert und sich wie ein Sack Mehl hinterher schleifen lässt.

*~*~*~*~*

"Was macht ihr denn da?", ruft Mark plötzlich und sieht die zwei Gestalten ungläubig an, die gerade um die Ecke getaumelt kommen. Anfangs haben er und Alexander gar nicht bemerkt, dass die beiden Freaks stehen geblieben sind, erst als sie schon fast bei den Parkplätzen angekommen sind, ist ihnen die seltsame Stille aufgefallen.

"Wir begatten uns, sieht man doch!", schreit Patrick zurück, der mittlerweile von Ricki huckepack getragen wird und zur Demonstration noch ein wenig auf und abrutscht.

"Ja sonst geht's dir gut da oben!?", mosert Ricki und lässt Patrick los, der dadurch wieder auf dem Boden der Tatsachen landet und sich wieder wie eine Klette bei Ricki einhakt.

Alexander und Mark sehen die beiden verdattert an und hoffen, dass das jetzt nicht zu viele Leute mit angehört haben, schließlich ist heute Samstag und daher laufen auch alle wie die Bekloppten zum Einkaufen, da sie ja von der Zeit von Sonntag auf Montag verhungern könnten.

"Das sind ein paar Originale", meint Mark grinsend und sieht Alexander an, der nur knapp nickt. Sein Blick haftet weiterhin auf Ricki, der Gott sei dank nichts davon mitbekommt, da er gerade versucht, seinen bereits blau gequetschten Arm aus Patricks Klammergriff zu befreien.

*~*~*~*~*

Entsetzt starren die Vier auf die Kasse, vor der sich mindestens ein Dutzend Menschen tummeln mit voll gestopften Einkaufswägen und den obligatorischen schreienden Kleinkindern, die sich darüber beklagen, dass sie mal wieder keine Süßigkeiten bekommen haben.

"Oh man." Stöhnend schiebt Alexander den Wagen durch die Tür und fragt sich, ob sie es überhaupt bis zum Mittag schaffen, hier wieder heraus zu kommen.

"Hm... am besten stellt sich einer von uns jetzt schon an", meint Ricki, der mit Patrick gerade synchron mit dem linken Auge zuckt. Das ist ja schlimmer als in einem Supermarkt in der Stadt.

"Die könnten aber auch mal ne zweite Kasse aufmachen die Pansen", flucht Mark angesäuert und latscht durch den ersten Gang in Richtung Toastbrot. Frust schieben bringt jetzt auch nichts, da heißt es Augen zu und durch.

"Was willst du eigentlich essen?", fragt Ricki Patrick, der sich nun suchend in dem überfüllten Gang umsieht.

"Wie, was will er essen?", kommt es nun von Alexander, der Mühe hat mit seinem Wagen an den ganzen Leuten vorbei zu kommen, die sich mal wieder unnötig breit machen müssen.
 
"Ich habe zur Zeit meine vegetarische Phase, wenn's nicht stört. Ich mach mir auf jeden Fall nen Salat, also sag an, wo es hier Gemüse gibt", entgegnet Patrick grinsend.

Alexander sieht ihn ein wenig entgeistert an, deutet dann aber auf die Mitte des Ganges, von der aus ein weiterer Nebengang wegführt. "Da vorne rein und immer geradeaus... sofern die nicht schon wieder umgeräumt haben...", fügt er nachdenklich hinzu.

"Alles klar. Also, man findet sich!", ruft Patrick lauter als nötig und zwängt sich rücksichtslos an ein paar anderen Käufern vorbei, die ihm säuerliche Blicke hinterher werfen. Tja, selbst schuld, wenn man seinen Alabasterarsch so weit ausstreckt, dass er den halben Gang ausfüllt.

"Er ist Vegetarier?", fragt Alexander Ricki, der ihn dann doch ein wenig verdutzt ansieht. Hat er jetzt schon Hallus, oder hat Alexander ihn jetzt von sich aus angesprochen?

"Ähm, ja. Seit knapp zwei Monaten hat er seine vegetarische Phase, aber das gibt sich wieder. Patty hat des Öfteren so was. Vorher hat er sich einige Zeit geweigert Milchprodukte zu sich zu nehmen, davor hat er einige Wochen lang nur Obst gegessen... ist ganz normal bei ihm", meint Ricki gelassen und versucht die leichte Nervosität, die sich langsam in ihm ausbreitet zu verdrängen.

"Der ist wirklich ein komischer Kauz...", entgegnet Alexander grinsend und manövriert seinen Wagen weiter, in der Hoffnung, nicht doch jemandem in die Hacken zu fahren. Ricki trottet nachdenklich hinter ihm her und kann dabei nicht verhindern, dass seine Augen nun an der tiefer gelegenen Rückfront von Alexander hängen bleiben, sowie vorhin Patricks Augen an Mark.

>Nun reiß dich doch zusammen!<, ermahnt er sich selbst und holt einmal tief Luft. Er kann und darf sich nicht noch einmal so eine Aktion wie letzte Nacht erlauben, oder er hat endgütig bei Alexander verschissen, was er ehrlich gesagt nicht riskieren möchte.

Kurz darauf taucht bereits Mark wieder auf, der mehrere Soßenflaschen zusammengerafft und es auch noch irgendwie geschafft hat, sich zwei Packungen Toastbrot mit unter die Arme zu klemmen.

"Wagen her, schnell!", ruft er hibbelig und lässt die Ware vorsichtig hinein plumpsen. "Das wäre geschafft."

"Sag mal... warten konntest du nicht, oder? Und was sollen wir mit soviel Soße?", fragt Alexander ungläubig und grabscht in den Wagen um sich nacheinander die verschiedenen Flaschen anzugucken.

"Hey, wir brauchen immerhin ein wenig Auswahl. Außerdem, was übrig bleibt wird ja nicht schlecht. Und im Sommer wird eh öfter der Grill angeschmissen, also nösel nicht rum." Mit einem 'Ich-sag-das-also-machen-wir-das'- Blick dreht Mark sich auf dem Absatz um und macht sich auf die Suche nach der Kühltruhe.

"Baka...", murmelt Alexander und schiebt seufzend seinen Wagen weiter.

"Wie? Was hast du gesagt?", fragt Ricki irritiert und hebt eine Augenbraue. Was um Himmels Willen ist denn nun wieder ein Baka? Hört sich für ihn an wie einer der Grünzeugkataloge von Melanie.

"Vergiss es. Ist japanisch und bedeutet soviel wie Idiot...", nuschelt Alexander und wird leicht rot im Gesicht. Na herrlich, nun hat er sich schon wieder verplappert. Dass Mark weiß, dass er nen kleinen Tick bezüglich Japan hat, unter anderem auch deshalb, da er seit gut drei Jahren Mangas sammelt, heißt das noch lange nicht, dass er auch Ricki davon in Kenntnis setzen muss. Der wird ihn aller Wahrscheinlichkeit nach sowieso auslachen, von wegen Kinderkram und so.

"Seit wann schimpfst du auf japanisch?", stochert Ricki weiter nach, froh darüber, dass die angestaute Kälte zwischen ihnen beiden langsam wieder abtaut. Vielleicht hat er sogar soviel Glück und Alexander vergisst die ganze Sache wieder.

>Von was träumst du eigentlich nachts? Das vergisst man doch nicht so einfach< Seufzend kaut Ricki seine Unterlippe an, die unter dieser Behandlung nicht das erste Mal angefangen hat zu bluten.

"Nicht so wichtig... halt lieber Ausschau nach Getränken", lenkt Alexander vom Thema ab und biegt um die nächste Ecke in den zweiten Gang.

"Ich will Smirnoff!", sagt Ricki und läuft hinter Alexander her, der nun sichtlich genervt die Augen rollt.

"Wir wollen uns nicht die Hucke voll saufen mit diesen Alkopops. Guck du mal lieber, ob du hier so ne Literflaschen Cola und so findest. Außerdem ist Smirnoff zu teuer. Das Zeug kann man sich auch selber zusammen mixen", meint Alexander bestimmend und bleibt vor einem Regal mit Stangenbrot stehen. Ob sie davon auch eines mitnehmen sollten?

"Aber selber mixen schmeckt nicht so wie das Original", murrt Ricki ungehalten und klammert sich am Ende des Wagens fest, um Alexander einen flehenden Blick zuzuwerfen, der diesen hoffentlich erweichen kann.

"Meine Güte... dann nimm dir ein Sechserpack mit", resigniert Alexander schließlich und stöhnt leise. Was redet er überhaupt groß? Es hört ja ohnehin keiner auf ihn.

Als er dann auch noch Patrick auf sich zulaufen sieht, der neben zwei Köpfen Eisbergsalat und drei Salatgurken noch ein Bündel Paprika, ein Bund Mohrrüben und ein Netz voll Tomaten mit anschleppt, fällt er wirklich vom Glauben ab.

"So... das dürfte reichen", murmelt er in Gedanken und verfrachtet seine Beute in den Einkaufswagen, Alexanders entsetzten Gesichtsausdruck dabei geflissentlich ignorierend.

"Wir wollen nur grillen... keine Woche in der Wildnis kampieren. Und wer soll das alles essen?", entgegnet Alexander ungläubig und starrt auf das ganze Grünzeug, das Patrick mit angeschleppt hat. Wann sollen sie denn das alles essen?

"Ach, ich krieg das schon weg", winkt Patrick lachend ab und sieht sich suchend nach Mark um, den er schließlich an der Fleischtheke vorfindet. Nun gut, auf in den Kampf. Ohne ein weiteres Wort dreht Patrick sich um und versucht, sich den Weg freizumachen.

"Wer soll denn das alles essen?", wiederholt Alexander leise und zieht ein wenig hilflos sein Portemonnaie aus der Tasche, als er Ricki erblickt, der mit einem Sechserpack Smirnoff und einem Mischkasten Cola, Sprite und Fanta zurückkommt.

Unsanft verfrachtet er die Flaschen auf den unteren Metallrost des Wagens und grinst zufrieden. Alexander hingegen steht derweil kurz vor einem Herzkasper, da er gedanklich gerade zusammenrechnet, wie weit sie mit ihrem Geld auskommen... und was noch wichtiger ist, wie wollen sie das alles zu ihm nach Hause kriegen ohne Auto? Immerhin gehen sie gute fünfzehn Minuten bis hierher.

>Das kann doch alles nicht wahr sein.< Sichtlich schockiert betrachtet Alexander den nun schon ziemlich vollen Einkaufswagen und fragt sich, wie viel Fleisch beziehungsweise Wurst Mark noch mit anschleppen wird.

*~*~*~*~*

"Fünfzig Euro. Wir haben gerade fast fünfzig Euro ausgegeben...", murmelt Alexander und rafft eine paar der Plastiktüten auf. Während Mark und Patrick sich freiwillig dazu bereit erklärt haben, den Getränkekasten zu schleppen, dürfen er und Ricki sich nun mit den übrig gebliebenen Tüten abmühen, die auch ein beachtliches Gewicht haben.

"Na wenigstens werden wir satt", meint Mark grinsend und wird von Patrick mit einem kräftigen Nicken unterstützt. Na, dann sind ja fast alle glücklich.

"Wer stellt sich eigentlich an den Grill? Ich hab davon null Ahnung", sagt Ricki plötzlich und sieht die anderen Drei auffordernd an. Also zu ihm brauchen sie nicht kommen... Bei seinem Geschick, werden sie wohl am Ende alle an einer trockenen Scheibe Toast herumkauen, weil das Fleisch sowie die Bratwürstchen total verkohlt sind.

"Das mach ich schon... ihr habt doch nen Elektrogrill, oder Alex?", fragt Mark an seinen besten Freund gewandt, der dazu nur ein knappes 'Jep' verlauten lässt.

"Man... was für'n Luxus hier. Whirlpool, Elektrogrill, eine riesige Terrasse, Balkons, ein elendgroßes Grundstück, ein Teich... da kann man ja richtig neidisch werden", murmelt Patrick ehrfürchtig und blickt zu Ricki und Alexander, die ihn ein wenig bedröppelt anstarren.

"Naja... Dad verdient halt recht gut...", entgegnet Alexander und grinst breit. Ja, wenn er an ihr Haus denkt, so muss er schon sagen, dass er richtig Glück gehabt hat.

"Was mich mehr interessiert, ist die Frage, ob wir im Haus irgendwo Insektenschutz haben... Bei der ersten Wespe bin ich nämlich im Haus verschwunden", fügt Ricki gequält hinzu und schüttelt sich demonstrativ, damit man ihm seinen Ekel noch besser ansieht.

"Du feiges Küggi", foppt Patrick ihn, weshalb er auch wenig später die rote Zunge des kleinen Gruftis zu sehen bekommt, die ihn frech anzulächeln scheint.

Angeheitert latschen die Vier über den übervollen Parkplatz, als Ricki plötzlich abrupt stehen bleibt und die Augen zu schmalen Schlitzen verengt. Wie angewurzelt bleibt er neben der Einfahrt zum Supermarkt stehen und beobachtet einen braunhaarigen Jungen, der gerade aus einem silbernen Mercedes steigt und in Richtung Eingangstür geht.
 
"Komm jetzt nicht auf den Trichter dich zu prügeln", ermahnt Alexander seinen Halbbruder, da er das gefährliche Funkeln in seinen Augen mehr als nur beunruhigend findet. Hoffentlich dreht sein Hausfreak nicht durch, denn er bezweifelt, dass er bei einer Auseinandersetzung mit Aaron große Chancen hat.

"Gehört IHM dieses Auto?", fragt Ricki beängstigend ruhig und starrt wie gebannt auf den Wagen, der einige Meter abseits von ihnen steht.

"Jop. Der Kerl hat echt Schwein. Aber seine Eltern verdienen ja auch ne ganze Menge... obwohl ich es schon übertrieben finde, seinem Kind zum 18. Geburtstag gleich einen Mercedes zu kaufen...", sagt Mark und blickt ein wenig neidisch zu Aarons Auto hinüber. Tja, er kann leider erst in einigen Monaten seinen Führerschein machen.

"Ich frage mich, wie diese Pappnase überhaupt fähig gewesen ist, einen Führerschein zu machen", meint Patrick säuerlich. Die Tatsache, dass er Aaron nicht sonderlich gut abkann nach der Aktion, die er sich gestern mit seinem besten Freund geliefert hat, liegt wohl auf der Hand.

"Wie dem auch sei... ich glaube, ich muss mich mal für gestern revanchieren", murmelt Ricki leise, stellt seine Tüten auf dem Boden ab und beginnt in ihnen herum zu kramen.

"Mach bloß keinen Ärger. Aaron kann ziemlich unangenehm werden... und ich bezweifle, dass er seit gestern gut auf mich zu sprechen ist", versucht Alexander auf Ricki einzureden, der sich trotz allem nicht von der Besorgnis seines Halbbruders einschüchtern lässt.

Ein paar Sekunden später zieht er eine Flasche Schaschliksoße aus einer der Tüten hervor und grinst breit. Oh ja, das dürfte eine schöne Sauerei werden. Pfeifend erhebt er sich wieder vom Boden und geht gemächlich hinüber zu Aarons Auto.

Mark und Alexander blicken ihm verdutzt nach, immer noch ohne jegliche Idee, was der kleine Grufti nun wieder vor hat. Aber nach dem Grinsen zu urteilen dürfte es nicht sehr schön werden.

Ricki blickt sich kurz um, ob es irgendjemanden gibt, der ihn beobachtet, bevor er langsam den Deckel von der Soßenflasche abschraubt und summend den Inhalt auf den Scheiben und der Motorhaube verteilt und anschließend mit einem zerfledderten Stofftaschentuch verwischt.

Während Alexander und Mark mit offenen Mündern da stehen und Patrick in einen lauten Lachkrampf ausgebrochen ist, verwendet Ricki den Rest der Soße dafür, das Lenkrad und den Schalthebel einzuschmieren.

"Na, wenn das keine Kunst ist", sagt er zu sich selbst und grinst zufrieden, als er die Flasche hinter das Auto an den Bordstein stellt, sein Stofftaschentuch unachtsam auf den Boden fallen lässt und sich mit unschuldigem Blick zum der Rest der Gruppe zurück begibt.

Er kann wirklich von Glück sagen, dass der Parkplatz, abgesehen von ihm und den anderen Dreien so gut wie leer ist. Keine Zeugen, keine Probleme.

"Ok, kann weiter gehen", meint er grinsend und fällt kurz darauf in Patricks Gelächter mit ein, der nun schon Mühe hat, den Getränkekasten richtig fest zu halten. Mark hingegen kann sich ein leichtes Glucksen nun auch nicht mehr verkneifen, während Alexander mit hochrotem Kopf macht, dass er hier wegkommt.

Nicht auszudenken, wenn Aaron das spitz kriegt. Er hat ja schon Schwein gehabt, dass dieser ihm gestern nach der 'kostenlosen' Flugstunde in Ruhe gelassen hat, was wohl eher damit zusammen hing, dass zu viele Leute in der Nähe waren.

>Womit habe ich das nur verdient?<, fragt er sich im Stillen und versucht, die drei lachenden Objekte hinter sich zu ignorieren.

*~*~*~*~*

"Und du bist sicher, dass wir ihn in der Küche alleine mit den Messern lassen sollen?", fragt Alexander Ricki, der daraufhin leise auflacht. Irgendwie ist es richtig befreiend, dass sie sich wieder einigermaßen normal unterhalten können, auch wenn er ständig wieder an letzte Nacht zurückdenken muss.

>Darüber kannst du dir später Gedanken machen, du Trottel<, schallt er sich selbst in Gedanken und versucht verzweifelt, den überdimensionalen Sonnenschirm im Boden zu versenken, was schwierig ist, da er das extra dafür angefertigte Loch ständig verfehlt. Der knallgelbe Schirm schränkt sein Sichtfeld nämlich doch erheblich ein.

"Ja, mach dir da mal keine Gedanken. Nur lass ihn nie alleine mit einem Bunsenbrenner. Patty kokelt gerne Gardinen und Tische an", meint Ricki gleichgültig und blickt belustigt in Alexanders verdutztes Gesicht. Es ist doch immer wieder schön, wenn man andere Leute so gut auf die Schippe nehmen kann.

"Ich hol mal die Stühle aus der Garage", meint Alexander schließlich und lässt Ricki mit dem riesigen Schirm alleine, der größer ist als er selbst. Na herzlichen Dank auch.

"Also das Kabel reicht!", ruft Mark ihm nach, der soeben den Grill an das Verlängerungskabel angestöpselt hat. Schließlich hat er keinen Bock, sich in der Garage hinzustellen und dort zu grillen, während der Rest hier schön im Garten liegt und sich nen faulen Lenz macht.

"Ok!", schreit Alexander zurück, bevor er in der Garage verschwindet und versucht, die dort vergrabenen Stühle freizuschaufeln. Alles was recht ist, aber in Punkto Ordnung ist es bei der Garage wirklich ziemlich mager.

"Blöder Schirm...", flucht Ricki leise, nachdem er das riesige Teil endlich im Loch versenkt hat und sich den Schweiß von der Stirn wischt. Ok, er hat seinen Sold an Arbeit geleistet. Den Rest des Tages können ihn alle mal.

Schweigend lässt er seinen Blick durch den Garten wandern. Der laue Wind fährt durch die kleinen Bäume, leises Blätterrauschen ist zu vernehmen und die Sonne spiegelt sich im Teich wieder. Eine richtig entspannende Atmosphäre.

Ricki gähnt einmal herzhaft und streckt sich. Kein Wunder, dass er müde ist. Immerhin hat er die letzte Nacht alles andere als gut geschlafen. Mark hat währenddessen damit begonnen sich seiner Schuhe und Socken zu entledigen und krempelt sich schließlich noch die Hose bis zu den Knien hoch.

Sein recht zerfleddertes Shirt zieht er sich etwas ungeschickt über den Kopf und lässt es unachtsam auf den Rasen fallen. Immerhin soll es heute bis an die 32 Grad heiß werden und er schwitzt jetzt schon wie eine Sau.

>Wenn Patty hier wäre, würde er bestimmt Nasenbluten kriegen<, denkt Ricki grinsend und beobachtet Mark neugierig. Im Gegensatz zu ihm sieht er selbst wieder einmal aus wie eine Wasserleiche, was wahrscheinlich daran liegt, dass er sich immer im Schatten aufhält, da er sonst krebsrot anlaufen würde.

Hinter sich hört er plötzlich lautes Poltern und wenig später kommt Alexander mit zwei Liegestühlen zurück, die er unachtsam hinter sich herschleift, da sie zum Tragen doch ein wenig zu unhandlich sind.

"So... kannst die beiden schon mal aufbauen. Ich hol die anderen", sagt er an Ricki gewandt und latscht zurück zur Garage.

"Hey Alex! Kannst du mir ne Badeshorts leihen? Ich zerfließe hier!", brüllt Mark seinem besten Freund nach, der trotz der Entfernung sichtlich zusammenzuckt. Marks lautes Organ in allen Ehren, aber tut das Not ihn so zu erschrecken?

"Ja, ich hol eine mit raus", entgegnet Alexander und verschwindet wieder.

Ein lautes Knarren ist zu hören und kurz darauf schwingt die Terrassentür auf und Patrick springt heraus, in den Händen eine große Schüssel voll Salat und mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen.

"Ich bin fertig!", schreit er einmal quer über das gesamte Grundstück. Alexander hingegen hofft nur, dass nicht irgendeiner der Nachbarn auf die Idee kommt, wegen Ruhestörung zur Mittagszeit die Polizei zu rufen. Schließlich gibt es heutzutage genug komische Menschen.

Seufzend rafft er die letzten beiden Liegestühle auf und schleppt sie ins Freie. Ächzend zerrt er sie über den Rasen und lässt sie vor den anderen beiden fallen, die Ricki noch nicht aufgestellt hat, was ihn dann doch ein wenig wurmt.

"Ich hol jetzt die Shorts...", sagt Alexander und wirft Ricki einen drohenden Blick zu, der wohl soviel zu bedeuten hat wie 'Wenn ich wieder komme, sind die Stühle aufgebaut'.

Eilends läuft Alexanders durch die Terrassentür ins Haus und lässt einen nun sichtlich angepissten Ricki, dem natürlich klar ist, was Alexander mit dem Blick gemeint hat, zurück. Schön, also weiter schuften. Mit ihm kann man es ja machen.

Stöhnend hebt Ricki einen der Stühle hoch und versucht, diesen irgendwie auseinanderzuklappen, was doch nicht ganz so einfach ist, da sich der vermaledeite Stuhl vorgenommen hat, nicht nachzugeben.

"Holt einer von euch den Tisch mit aus der Garage? Alleine ist das ein wenig schwer", fragt Mark plötzlich und kommt zu den beiden rüber. Patrick drückt Ricki augenblicklich seine Salatschüssel in die Hand, nachdem der froh ist, den ersten Stuhl endlich entfaltet zu haben, und verschwindet mit Mark in Richtung Garage.
 

Vollkommen überrumpelt starrt Ricki auf das Grünzeug in seiner Hand und fragt sich, ob er irgendwo ein Schild mit der Aufschrift 'Bimbo' hängen hat, dass ihn hier alle als Haussklaven und Schüsselhalter benutzen.

Murrend stellt er die Schüssel auf dem ersten Stuhl ab und macht sich daran, an den andern dreien herumzuwerkeln. Gott sei dank steht hinter ihm der Sonnenschirm und schützt ihn somit vor den tödlichen Strahlen, die seine natürliche Blässe gefährden. Nicht auszudenken wie er sonst nachher aussehen würde.

*~*~*~*~*

"Wer hat ein Herz und holt mir eine Cola?", fragt Mark und versucht, so traurig wie nur möglich zu gucken. Es ist schon eine Schande. Er darf hier in der brütenden Hitze vor einem noch heißeren Grill stehen und ist kurz davor zu verdursten, während die anderen unschuldig in ihren Liegestühlen sitzen und versuchen Alexander beizubringen, wie man Skat spielt.

"Ich geh schon", sagt Patrick hilfsbereit und erhebt sich großzügig von seinem Stuhl. Der große Strohhut, den er trägt, verrutscht dabei ein wenig und hängt nun eher schief auf seinem Kopf. Die Getränke haben sie vorerst in dem kleinen Kühlschrank in der Garage gelassen, da diese sonst bestimmt nach wenigen Minuten lauwarm gewesen wären.

"Wie viele Hüte hat er eigentlich?", fragt Alexander, der schon ziemlich erstaunt ist, da er den Rotschopf schon mit drei verschiedenen Kopfbedeckungen gesehen hat.

"Pfff... zu viele, wenn du mich fragst. Aber Patty hatte schon immer einen Huttick. Ich glaube zur Zeit hat er so... zwanzig bis dreißig Hüte...", entgegnet Ricki nachdenklich und sieht seinem besten Freund nach, der gerade in der Garage verschwindet.

"Was?" Mit großen Augen sieht Alexander Ricki an, der daraufhin wieder breit grinst.

"Naja... die einen sammeln Flaschen, andere Briefmarken... tja, und Patty sammelt eben Hüte."

"Hm... Mark ist auch ein wenig eigenartig in der Hinsicht. Der sammelt Smirnoffdeckel. Also schmeiß deine nicht weg... der würde sogar die Mülltonne durchwühlen...", meint Alexander lächelnd und blickt hinüber zu Mark, der aufgrund der Nennung seines Namens fragend zu den beiden hinüber blickt.

"Was ist?", fragt er irritiert und dreht reflexartig ein paar der Würstchen um.

"Nix. Ich sagte nur, dass er die Deckel von den Smirnoffs nicht wegschmeißen soll."

"Nee! Bloß nicht. Immer her damit", ruft Mark entsetzt aus. Wegwerfen, so eine Verschwendung. Die schönen Deckel!

"So... bitte schön. Dafür darfst du mir ein Toastbrot grillen", ruft Patrick plötzlich und hüpft auf Mark zu, der bei diesem Anblick anfängt zu lachen. Also dieser Kerl hat wirklich einen Schaden, aber das macht ihn wiederum interessant.

"Ok, her damit", meint er großzügig und nimmt Patrick die Colaflasche ab. Der lächelt daraufhin breit und fummelt einen Toast aus der Packung.

"Ist das wieder eine Liebe unter den Menschen!", flötet Ricki süßlich, woraufhin Patrick ein wenig rötlich anläuft. Oh ha, da hat ihn wohl jemand erwischt. So ein Mist aber auch. Ricki die Zunge rausstreckend wedelt er mit dem Toast vor Marks Augen herum, der wegen Rickis Aussage ein wenig verwirrt dreinblickt.

"Alter Spielverderber", murrt Patrick, als er sich wieder auf seinem Stuhl nieder lässt und seine Karten vom Tisch aufsammelt.

Alexander blickt zwischen den beiden hin und her, und fragt sich, was genau Ricki mit dieser Aussage gemeint hat. Ok, Patrick ist extrem auf Mark fixiert, das hat er gestern im Schwimmbad schon gemerkt, aber der wird ja wohl nicht ernsthaft versuchen wollen, seinen besten Freund anzugraben... oder?

>Wenn man bedenkt, dass er beim Nachsitzen aus einer Laune heraus einen Punk geküsst hat...< Neugierig starrt Alexander Patrick an, der Ricki gerade beschuldigt, während seiner Abwesenheit in seine Karten gespickt zu haben.

*~*~*~*~*

"Mahlzeit", sagen Ricki und Mark synchron und verteilen erst einmal eine großzügige Portion Ketschup und Barbecuesoße auf ihren Tellern. Alexander schüttelt nur seufzend den Kopf und fragt sich, wie zwei Menschen nur so ketschupgeil sein können?

Patrick hingegen kaut murrend auf einem Salatblatt herum und wenn man genau hinhört, kann man sogar Worte wie 'Barbaren' und 'Tierschänder' heraus hören. Die Tatsache, dass er vor ein paar Wochen selbst noch Fleisch gegessen hat, ist ja jetzt nicht von Bedeutung.

"Hat doch recht gut geklappt", sagt Alexander zwischen zwei Bissen und sieht rüber zu Mark, der, wie sollte es anders sein, zwischen ihm und Patrick sitzt.

Mark nickt nur bestätigend und räuspert sich leise. "Ich bin ja so gut", rühmt er sich selber, woraufhin alle anderen leise auflachen. Na, ein Kunststück war es ja nicht gerade. Immerhin musste er ja nicht mit Kohle und anderem Zeugs arbeiten, sondern lediglich den Stecker reinstecken.

"Ob Aaron schon ahnt, wer seinen Wagen verschönert hat?", fragt Alexander plötzlich und blickt in die Runde.

"Und wenn schon. Der soll mir nur zu nahe kommen", entgegnet Ricki grummelnd und tunkt seinen Toast in die Ketschup-Barbecue-Pampe. Seinetwegen kann dieser Penner ruhig hier auftauchen.

"Na ja... wenn der rausfindet, dass du das warst, rammt er dich unangespitzt in den Boden. Also mit Aaron sollte man es sich besser nicht verscherzen", meint Mark und sieht Alexander ernst an, der betrübt auf seinen Teller guckt.

Oh ja, ihm wird wahrscheinlich auch noch was blühen, für den Schlag in den Magen, den er Aaron zugefügt hat.

"Wenn der Kerl so ein Arschloch ist, warum gebt ihr euch mit dem ab?", fragt Patrick verständnislos und nippt an seiner Fanta. Also irgendwie ist das schon eigenartig.

"Tja... Dörflergemeinde. Wir waren zusammen im Kindergarten, Grundschule und so weiter. Bei uns ist das eben noch so ne alte Gruppensache von früher... und bis jetzt haben wir ja noch nicht wirklich Stress mit ihm gehabt", entgegnet Mark seufzend und lehnt sich in seinem Stuhl zurück.

"Nur, er kann eben nicht gut mit solchen... nun ja, durch geknallten Typen wie euch. Punks, Gothics, Freaks... mit den Gruppen kommt er eben nicht gut klar", fährt Alexander fort und sieht Ricki deprimiert an.

"Ist ja wundervoll. Soll ich vielleicht zum Friseur gehen, mir die Haare blond färben und mich anschließend ein paar Stunden ins Solarium hauen, damit ich später schön bei New Yorker einkaufen gehen kann? Der hat doch nen Schaden der Kerl. Was geht es den Penner an, wie ich rumlaufe und was ich für Vorlieben habe?", ruft Ricki empört aus und verzieht das Gesicht.

"Eben. Kann dem doch am Arsch vorbei gehen. Und ich glaube, wenn Mr. Oberwichtig bei uns an der Schule wäre, würde er sich garantiert nicht so aufspielen. Da besteht der Großteil der Schülerschaft aus Gruftis, Punks und Freaks", fügt Patrick Rickis Aussage hinzu und stellt sein Glas ab.

"Ok... Themenwechsel. Ich habe keine Lust, mir wegen Aaron die Laune verderben zu lassen", sagt Mark plötzlich, greift nach Patricks Salatschüssel und klatscht sich einen großen Haufen auf den Teller.

"Eben. Den sehen wir noch früh genug wieder", meint Alexander und stochert auf sein Toastbrot ein. Bei dem Stichwort Aaron wird im gleich wieder ganz flau im Magen. Automatisch sieht er wieder das gestrige Geschehnis vor sich und das damit verbundene Gespräch von letzter Nacht.

In Gedanken versunken merkt er nicht, wie sich ein leichter Rotschimmer auf seine Wangen legt. Ein Puckern geht durch seine Unterlippe und er hat das Gefühl, als sei sie betäubt.

"Ist dir warm, oder hast du schon nen Sonnenbrand?", fragt Mark plötzlich und reißt Alexander so aus seinen Gedanken. Der zuckt erkennbar zusammen und starrt ein wenig verdattert durch die Runde.

"Äh... ja, doch...", peinlich berührt schält Alexander sich aus seinem Tanktop und sitzt nun wie Mark nur noch in Badeshorts herum. Sein Gesicht ist trotz allem noch einige Nuancen dunkler geworden, weshalb er auch beschämt krampfhaft aus seinen Teller starrt.

>Klasse. Lass diese Gedanken doch endlich mal beiseite<, schimpft er mit sich selbst und kaut auf einem Stück Fleisch herum.

Ricki rutscht derweil ein wenig unruhig auf seinem Stuhl hin und her. Musste das denn jetzt sein, dass Alexander sich auch noch mit nacktem Oberkörper präsentiert? Er spürt regelrecht, wie sein Puls anfängt zu rasen und sein Herz hart gegen seinen Brustkorb hämmert.

Erschrocken springt Ricki auf und lässt aus versehen seine Gabel auf den Teller fallen. Das hat ihm gerade noch gefehlt. "Ich... bin mal... auf der Toilette...", bringt er stammelnd hervor und läuft hastig in Richtung Haus.

Ein wenig verdutzt blicken die drei ihm nach, bevor sie sich wieder ihrem Essen und dem neuen Thema zuwenden, das Patrick soeben in die Runde geworfen hat, nämlich 'Seltsame Sammelleidenschaften'.
 
*~*~*~*~*

Keuchend schlägt Ricki die Badezimmertür zu und lehnt sich schwer atmend dagegen. Was ist denn nur wieder in ihm vorgegangen, dass er so eine Panik bekommen hat?

>Das gleiche Gefühl... das gleiche Gefühl wie letzte Nacht...< Mit zittriger Hand streicht er sich ein paar Strähnen aus dem Gesicht und atmet einmal tief durch. Das kann nicht sein, warum passiert es schon wieder?

Alexander hat ihn weder berührt noch sonst was. Und es war auch nicht das erste Mal, dass er ihn mit nacktem Oberkörper gesehen hat. >Das ist doch krank!<

Taumelnd tapst Ricki zum Waschbecken und dreht den Wasserhahn auf. Er braucht jetzt auf jeden Fall eine Abkühlung. So kann er jedenfalls nicht wieder raus gehen. Seine Nerven liegen fürs erste blank.

"Reiß dich zusammen... das war nichts, das ist nichts...", redet er auf sich selbst ein und betrachtet sein Spiegelbild. Ein paar schwarze Rinnsale laufen von seinen Augen hinab über seine Wangen. Na ganz klasse, jetzt hat er sich auch noch die Wimperntusche abgewaschen, was kommt als nächstes.

Stöhnend greift er nach seinem Handtuch und wischt sich die Farbe aus dem Gesicht. Deprimierend ist es schon, jetzt sieht er erst recht aus wie eine Wasserleiche mit dem verschmierten Lidschatten und Maskara.

Schweigend betrachtet er sein Gesicht, das auf ihn plötzlich vollkommen fremd wirkt. Ein leichter Rotschimmer liegt auf seinen blassen Wangen und die ersten Anzeichen von Augenringen sind zu erkennen.

"Man siehst du scheiße aus...", schimpft er und wendet den Blick ab. Nicht, dass ihm am Ende noch was hoch kommt. Sein Blick wandert aus dem Badezimmerfenster, von dem aus er direkt in den Garten sehen kann.

Über irgendetwas scheinen sich die drei glänzend zu amüsieren, da Patrick bereits wieder halbwegs unter dem Tisch liegt. Seine Augen bleiben an Alexander haften und der Anblick seines Lächelns löst abermals ein kribbelndes Gefühl in seinem Magen aus, das sich erschreckender Weise auch in seinem Unterleib ausbreitet.

Keuchend blickt Ricki an sich herab und starrt mit großen Augen auf die nun wachsende Beule in seinem Schritt. Eilends dreht er sich vom Fenster weg und kneift die Augen zusammen. Das kann nur ein schlechter Traum sein. Das passiert nicht, da regt sich nichts...

>Warum tust du mir das an?<



Kapitel 18: Feelings

Schwer atmend steht er gegen die kühle Fliesenwand des Badezimmers gelehnt und starrt keuchend auf die milchig weiße Flüssigkeit, die langsam von seinen Fingern tropft. Zitternd tapst er hinüber zum Waschbecken und dreht vorsichtig den Wasserhahn auf.

Dass seine schwarze Hose und seine Shorts noch immer in seinen Kniekehlen hängen, stört ihn dabei nicht im Geringsten. Wortlos betrachtet er den feinen Wasserstrahl, wie er die letzten verräterischen Spuren an seinen Händen hinwegspült.

Langsam lässt er seinen Kopf gegen den Spiegel sinken und schließt die Augen. Was hat er da gemacht? Was um alles in der Welt ist nur in ihn gefahren? Er hat sich gerade seines 'Problems' entledigt und hat dabei an seinen Halbbruder gedacht!

"Spinnst du?", murmelt er leise und stellt den Wasserhahn ab. Voller Abscheu betrachtet er sein Spiegelbild, das ihn ebenso abwertend anstarrt wie er es.

"Du blödes Arschloch...", flüstert er und sieht beschämt an sich herab. Hastig bückt er sich und zieht seine Shorts und seine Hose hoch.

Suchend lässt er seinen Blick über den Boden und die Wände gleiten, ob nicht doch irgendwo ein paar Spuren von seinem unmoralischen Handeln zurückgeblieben sind. >Du bist reif für die Klapsmühle mein Freund<, denkt er bitter lächelnd und wirft noch einen letzten Blick in den Spiegel, bevor er das Badezimmer verlässt.

Er sieht kurz auf seine Uhr, die ihm sagt, dass er bereits seit guten 20 Minuten im Bad gewesen ist. Wenn er Glück hat, dann hat Patrick noch keine Vermisstenanzeige aufgegeben. Unruhig steigt er die Treppe hinunter und steht ein wenig unschlüssig vor der Haustür.

Ob man ihm ansieht, was er gerade vor wenigen Minuten getan hat? Mit zitternder Hand drückt er die Haustür auf und wird sogleich von der grellen Sonne geblendet. Fluchend hält er sich eine Hand vor die Augen und tapst zurück in Richtung Garten.

Hoffentlich stellt jetzt keiner irgendwelche blöden Fragen, aufgrund seiner langen Abwesenheit. Er spürt, wie sein Herz anfängt schneller zu schlagen, als er Alexander erblickt, der gerade grinsend mit Patricks Strohhut auf dem Kopf in seinem Liegestuhl sitzt.

"Es lebt!", schreit Patrick als er Ricki erblickt und hämmert mit seiner Gabel gegen sein Glas. Ricki bringt ein gequältes Lächeln zustande und reibt sich unbewusst die Handflächen an seiner Hüfte ab. Es fühlt sich so an, als wenn seine Hände immer noch befleckt wären.

"Was hast du solange getrieben, wir dachten schon du wärst verreckt", sagt Patrick vorwurfsvoll und betrachtet seinen besten Freund mit großen Augen.

"Nichts...", entgegnet Ricki knapp und lässt sich auf seinen Stuhl plumpsen.

"Geht es dir gut?", kommt es plötzlich von Alexander, der den kleinen Grufti mit besorgtem Blick mustert. In Rickis Kopf gehen derweil die Alarmglocken los und seine Haut wird noch blasser, als sie es ohnehin schon ist.

"W... Wieso, was soll sein?" Unruhig fummelt er an seinen Lederarmbändern herum und am liebsten würde er jetzt aufspringen und sich in seinem Zimmer einschließen. Warum zum Teufel passiert ihm das?

"Sorry, aber du sieht echt beschissen aus...", meint Alexander und grinst schief. Die dunklen Augenringe und der verschmierte Lidschatten werfen nicht gerade ein positives Licht auf Rickis wasserleichenweiße Haut.

"Danke... und ich dachte ich sollte öfter mal was neues ausprobieren", kontert Ricki und sieht Alexander giftig an. In ihm beruhigt sich der aufsteigende Gefühlssturm wieder und Erleichterung macht sich in seinem Körper breit.

"Also Schnuffel, bei allem Respekt, aber du siehst aus, als hättest du eben ein Grab geschändet", fügt Patrick lachend hinzu, woraufhin Ricki einen Schmollmund zieht.

>Einfach mitspielen... benimm dich ganz natürlich...<

"Ein Grab nicht, aber Alexanders Unterwäscheschublade", entgegnet Ricki scheinheilig und sieht mir Genugtuung, dass Alexander wieder eine gesunde Röte im Gesicht annimmt. Recht geschieht ihm, warum soll nur er unter der jetzigen Situation leiden?

"Idiot", murmelt Alexander und greift mit hochrotem Kopf nach seinem Glas mit Cola. Es sind nicht allein die Worte, die ihn aus der Fassung gebracht haben, vielmehr ist es sie Tatsache, dass er Ricki sogar zutrauen würde, dass dieser seine Schubladen durchwühlt. Nachdem was letzte Nacht vorgefallen ist, würde ihn das nicht mehr großartig überraschen.

*~*~*~*~*

Wütend starrt er dem Rotschopf auch bekannt als Patrick nach, der gerade wie ein Dackel hinter Mark herläuft und noch einmal mit einem breiten Grinsen winkt, bevor die Beiden hinter der nächsten Straßenecke verschwinden.

Es ist doch wirklich nicht zu fassen. Was fällt diesem Bastard überhaupt ein, ihn ausgerechnet heute alleine zu lassen? Noch schlimmer, alleine mit Alexander! Grummelnd schließt Ricki die Haustür hinter sich und bleibt schweigend im Flur stehen.

Gothika... warum zum Teufel will er diesen Film ausgerechnet HEUTE sehen, und dass, wo sie beide den ohnehin mindestens ein dutzend Mal gesehen haben? Und warum ist Alexander nicht mitgegangen? Immerhin war es der Vorschlag von seinem Kumpel gewesen, sich den Film bei ihm anzusehen.

Sichtlich angepisst schlurft Ricki in Richtung Küche, wo Alexander gerade dabei ist, die dreckigen Teller im Geschirrspüler zu verstauen.

"Warum bist du nicht mit?", fragt er plötzlich, woraufhin Ricki fragend eine Augenbraue hebt? Hat der Kerl Augen auf dem Rücken, oder woher weiß er, dass er hinter ihm steht?

"Ich kennen den Film bereits auswendig... und warum bist du nicht mit?", entgegnet Ricki missmutig. Ihm passt es ganz und gar nicht, dass sie jetzt beide alleine sind. Am liebsten wäre er jetzt nämlich allein im Haus, um seinen Kopf wieder frei zu kriegen. Aber wie soll man(n) das bitteschön anstellen, wenn der Grund seiner Kopfschmerzen gerade mit seiner Rückfront vor ihm herumtänzelt?

"Ich mag solche Filme nicht. Das einzige was ich mir antue ist Herr der Ringe... und da hab ich schon manchmal weggucken müssen...", murmelt Alexander beschämt und schmeißt die Tür des Geschirrspülers zu.

"Du hast Angst? Nee... das ist nicht dein ernst...", ein breites Grinsen schleicht sich auf Rickis Gesicht als sein Gegenüber wieder leicht rot im Gesicht wird. Also das belustigt ihn dann doch, dass Alexander tatsächlich bei Herr der Ringe weggeguckt hat.

"Und? Problem damit? Ich kann so ne Metzel- und 'Schieß-mich-tot' -Filme eben nicht leiden. Genau wie solche Psychoscheiße, die Mark ständig mit anschleppt. Herr der Ringe hab ich nur gesehen, weil ich wissen wollte, wie sie das verfilmt haben", verteidigt er sich und lehnt sich gegen die Spüle.

"Also bleibst du lieber bei Walt Disney, hm?", stochert Ricki weiter nach. Langsam kommt das Arschloch in ihm hoch. Wenn er schon mit seinem Halbbruder hier rumhockt, dann kann er sich wenigstens soweit ablenken, dass er nicht mehr an seine Tat von heute Mittag denken muss, auch auf die Gefahr hin, den anderen zu verärgern.

"Sag mal, wo liegt dein Problem?", fährt Alexander ihn wütend an und haut mit seiner Faust auf die Geschirrablage. Das kann doch wohl alles nicht wahr sein, was bildet sich dieser Kerl überhaupt ein? Seit heute Mittag benimmt er sich wieder so eigenartig, und dass, wo er gedacht hat, dass sich die Spannung zwischen ihnen wieder gelegt hat. Tja, falsch gedacht.

"Mein Problem? Wie kommst du darauf, dass ICH ein Problem habe?", schreit Ricki sauer und knallt mit voller Wucht die Küchentür hinter sich zu, bevor er mit schnellen Schritten die Treppe hoch läuft.

Alexander starrt erst ein wenig verdattert auf die Tür, bevor er wutentbrannt auf diese zugeht und sie wieder aufreißt. "Knall gefälligst nicht mit den Türen!" brüllt er Ricki nach, der aufgrund von Alexanders Ausbruch ein wenig erschrocken zusammenzuckt, bevor er trotzig gegen seine Zimmertür tritt und diese somit laut knallend ins Schloss fliegt.

Gereizt latscht Ricki auf seinen Balkon und fummelt sich eine Kippe aus seiner Zigarettenschachtel hervor. Im Hintergrund hört er, wie jemand laut polternd die Stufen hinaufläuft und kurz darauf seine Zimmertür aufreißt.

"Sag mal hast du sie noch alle? Drehst du nun völlig am Rad!", schreit Alexander entrüstet und läuft auf Ricki zu, der reflexartig ein paar Schritte zurückgeht, bis er mit dem Rücken am Geländer steht.

"Von anklopfen hast du wohl auch noch nichts gehört, was? Hat dir deine tolle Mutter nicht ein bisschen Anstand beibringen können?" fährt er ihn daraufhin säuerlich an

So schnell, wie Alexanders Faust auf sein Gesicht zuschnellt, kann der Schwarzhaarigen gar nicht mehr reagieren. Das einzige was er mitbekommt, ist, dass sich ein stechender Schmerz in seinem Gesicht ausbreitet und seine linke Wange anfängt zu puckern. Die Zigarette in seinem Mund fällt zu Boden und bleibt zu seinen Füßen liegen.

Mit weit aufgerissenen Augen starrt Ricki nach unten und tastet vorsichtig mit seiner Hand über seine schmerzende Wange.

"Warum machst du das? Was habe ich dir denn getan, dass du wieder anfängst so herum zubocken? Ich dachte, dass du deine scheiß Einstellung die du zu Anfang hattest endlich abgelegt hättest!" Keuchend sieht Alexander Ricki an, der weiterhin stur gen Boden blickt und sich nicht bewegt.

Schon wieder... bereits zum zweiten Mal ist ihm die Hand ausgerutscht, und dass, wo er Gewalt ohnehin verabscheut. Noch nie hat ihn jemand so zur Weißglut gebracht, dass er so brutal darauf reagiert.

"Verpiss dich...", flüstert Ricki leise, bevor er ausholt und Alexander einen Stoß versetzt, sodass dieser ins Taumeln gerät und auf dem Boden landet. Mit schmerzverzerrtem Gesicht versucht er sich wieder aufzurichten, wird aber gewaltsam von Ricki zurück auf den Fußboden gedrückt, da dieser nun wie eine Katze über ihm kniet und ihn bitter lächelnd mustert.

"Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr ich dich dafür hasse...", wispert Ricki Alexander ins Ohr, woraufhin diesem ein kalter Schauer über den Rücken läuft und sich seine Nackenhärchen aufstellen.

Sein Herz hämmert im schnellen Rhythmus gegen seinen Brustkorb und der warme Atem an seinem Ohr, verursacht eine Gänsehaut auf seinen Armen. Was passiert hier? Warum hat er das Gefühl, als wenn er kurz davor ist den Verstand zu verlieren? Schon wieder spürt er dieses Verlangen in sich brodeln, dass ihn die Kontrolle über sich selbst verlieren lässt.

"Wofür hasst du mich?", vernimmt er plötzlich Alexanders Stimme, die trotz der Situation ungewöhnlich ruhig klingt, beinahe einfühlsam. Schweigend blickt Ricki in sein Gesicht, bevor er sich wieder zu seinem Halbbruder hinunterbeugt, soweit, dass sich ihre Nasenspitzen berühren.

"Das du mein Bruder bist...", sagt Ricki leise und kann dabei nicht verhindern, dass vereinzelt einige Tränen an seinen Wangen hinunter laufen. Warum ist das Leben so ungerecht? Was hat er denn getan, dass alles immer schief laufen muss?

"Ich will nicht mit dir verwandt sein...", fährt er zitternd fort und lässt sich auf den warmen Körper unter sich sinken. Ein unangenehmer Druck breitet sich in seinem Brustkorb aus und er hat das Gefühl, als wenn er kurz davor stünde sich zu übergeben. Eine kalte Hand legt sich um seine Kehle und drückt sie regelrecht zusammen.

Er fühlt sich elend und in Gedanken wünscht er sich schon, dass sich die Erde vor ihm auftut um ihn zu verschlucken. Ricki zuckt erkennbar zusammen, als er spürt, wie sich zwei Arme um seinen Rücken legen und zögernd beginnen diesen auf und ab zu streicheln.

Langsam beruhigt sich Ricki wieder und der unangenehme Druck in seinem Innersten weicht allmählich dem nun stärker werdenden Kribbeln, das sich nun in ihm ausbreitet. Seufzend drückt er sein Gesicht in Alexanders Halsbeuge und schließt die Augen.

Wenn es nach ihm ginge, so könnten sie bis ans Ende der Zeit so liegen bleiben. Einfach nur schweigend und eng aneinandergekuschelt auf dem Boden liegen und nichts mehr machen...

Mit abwesendem Blick starrt Alexander an die helle Zimmerdecke und ignoriert dabei den harten Boden unter sich. Seine Gedanken beginnen schon wieder abzudriften und sich selbstständig zu machen.

Was macht er hier? Ist es einfach nur Mitleid oder Sympathie zu seinem Halbbruder die ihn dazu veranlasst, diesen zu trösten, obwohl er ihn noch vor kurzem am liebsten erwürgt hätte? Oder ist es etwas vollkommen anderes, was gerade dabei ist, sich in seinem Körper auszubreiten?

Nach einigen Minuten beginnt Ricki sich wieder zu regen und richtet sich ein wenig unbeholfen auf, sodass er Alexander wieder ins Gesicht sehen kann. Der ist noch immer ein wenig abwesend und nimmt nur am Rande wahr, dass sich sein kleiner Hausfreak wieder einigermaßen beruhigt hat.

Reflexartig wandert Rickis Hand zu Alexanders Gesicht und streicht dort zaghaft über dessen Wangen, die augenblicklich wieder eine rötliche Färbung annehmen. Schweigend blicken sie sich in die Augen, bevor Ricki sich abermals hinabbeugt und nach kurzem Zögern seine Lippen auf Alexanders legt.

Dieser verkrampft sich daraufhin, weshalb sich Ricki ein wenig enttäuscht zurückzieht. Was hat er denn gedacht, dass Alexander ihn nun mit offenen Armen Zugang zu sich gewährt?

"Das geht nicht..."

"Wahrscheinlich... aber mittlerweile ist es mir egal", erwidert Ricki und rollt sich von dem Blonden runter. Er bringt seinen Körper in eine sitzende Haltung und blickt auf Alexander hinunter, der noch immer ein wenig unschlüssig auf dem harten Parkettboden liegt.

"Ist dir klar... was du machst?", fragt Alexander leise und seine Stimme klingt ein wenig vorwurfsvoll. Warum in Gottes Namen muss dieser Junge sein Leben so durcheinander bringen? Und warum spürt er, dass sein eigener Körper gar nicht mal so abgeneigt gegen Rickis Berührungen ist?

"Klarer als du denkst... aber wenn du weißt wie ich meine Gefühle abstellen kann, dann sag es mir... ich weiß es nämlich nicht...", meint Ricki trotzig und umschlingt seine Beine mit den Armen.

Nein, so einfach dürfte es nicht werden, dieses Gefühl in seinem Inneren wieder abzustellen. Ihm ist bewusst, was er dadurch für Schwierigkeiten herauf beschwört, aber eines ist ihm nach diesem Vorfall klar, noch nie hat er sich so sehr zu einem anderen Menschen hingezogen gefühlt, noch nicht einmal zu Patrick.

"Was du mir damit antust, weißt du anscheinend nicht... seit du hier bist, gerät mein ganzes Leben aus den Fugen. Du bringst alles vollkommen durcheinander, aber dass ist dir wahrscheinlich auch schon egal", sagt Alexander leicht verbittert und richtet sich auf. Sein Rücken schmerzt ein wenig und seine Lippen brennen als wenn jemand ein Feuer in ihnen entzündet hat

"Nein... mag sein, dass ich einiges durcheinander gebracht habe... aber ist es schlimm für dich?" Auffordernd sieht Ricki Alexander an, der ihn ein wenig verdattert betrachtet.

>Ob es schlimm ist, dass er mein Leben durcheinander gebracht hat...< Etwas unschlüssig starrt Alexander auf den Boden. Ist es wirklich schlimm, dass Ricki in seinem Leben aufgetaucht ist, und dort alles durcheinander bringt?

"Eigentlich... nicht", entgegnet Alexander schließlich und lächelt sacht. Nein, eher im Gegenteil. Ihm würde wahrscheinlich etwas im Leben fehlen, wenn er diesem schwarzhaarigen Wirrkopf nie begegnet wäre.



Kapitel 19: I'm sorry

Schweigend starrt Ricki Alexander an, der ihn mit leicht geröteten Wangen anlächelt. Hat er sich da gerade verhört, oder hat sein Gegenüber tatsächlich damit angedeutet, dass er froh darüber ist, dass er in seinem Leben aufgetaucht ist?

"Du... hast also nicht vor, mich jetzt zu schlagen?", fragt Ricki vorsichtig, da er das jetzt breiter werdende Grinsen des blonden Jungen ein wenig unheimlich findet.

Alexander lacht laut auf und streicht sich ein paar vorwitzige Haarsträhnen aus seinem Gesicht. "Ich glaube, die eine Ohrfeige reicht... außer du magst es, von mir geschlagen zu werden...", fügt Alexander nachdenklich hinzu und räuspert sich leise, als er sich der Zweideutigkeit seiner Aussage bewusst wird.

>Dieser Bastard macht mich wahnsinnig<, denkt er bitter und schüttelt seufzend den Kopf. Irgendwie muss er wohl doch erst einmal verarbeiten, was Ricki ihm da andeutungsweise eröffnet hat.

Immerhin geht es hier schon um ein heikles Thema und er hat nichts Besseres zu tun, als jetzt zweideutig-sarkastische Sprüche abzulassen, ganz toll Alexander, wirklich.

"Nee, lass mal. Für dein harmloses Erscheinungsbild hast du nen ziemlichen Schlag drauf...", murmelt Ricki und streicht reflexartig über seine nun mittlerweile rote Wange. Ein unangenehmes Puckern geht von ihr aus und er beißt sich mit schmerzverzerrtem Gesicht auf seine Unterlippe. Davon wird er wohl noch länger etwas haben.

"Tut mir leid... aber du hast mich wirklich wütend gemacht", entschuldigt sich Alexander und sieht reuevoll zu dem schwarzhaarigen Etwas, das sich nun seufzend zurück auf den Boden sinken lässt und an die Decke starrt.

"Schon ok... ich glaube das war mal nötig. Wahrscheinlich hätte ich mich sonst noch länger damit herumgequält... so habe ich wenigstens ausgepackt...", sagt Ricki seufzend und sieht hinauf zu Alexander, der noch immer neben ihm auf dem Boden sitzt.

"Dann... also, das war also letzte Nacht kein dummer Scherz von dir?", fragt Alexander ein wenig nervös und stützt das Kinn auf seinen angewinkelten Knien ab. Eigentlich hat er innerlich bereits gewusst, dass das kein Scherz gewesen ist, aber wahrscheinlich wollte er diesen Vorfall einfach nur nicht ernst nehmen.

"Hey, nur weil Patty mein bester Freund ist und diesbezüglich ne kleine Macke hat, heißt das noch lange nicht, dass ich mal eben aus einer Laune heraus einen Jungen küsse", meint Ricki empört und verzieht schmollend das Gesicht.

Na das ist ja ganz klasse, da hat man(n) ihn letztens nicht einmal für ernst genommen, wirklich klasse.

"Ok... war auch eine dumme Frage...", räumt Alexander ein und starrt aus der offenen Balkontür. >Für einen Scherz hatte sich dieser Kuss auch viel zu emotional angefühlt...<

"Du... weißt jetzt was ich... für dich fühle...", beginnt Ricki zögernd und spielt mit seiner Kreuzkette herum. Auf einmal ist ihm ganz flau im Magen. Noch nie zuvor hat er großartig mit jemandem über seine Gefühle gesprochen und ein bisschen mulmig ist ihm jetzt auch, dass gerade mit Alexander zu machen.

"Ich... denke schon", entgegnet Alexander heiser. Sein Hals fühlt sich plötzlich so rau und ausgetrocknet an, dass sich seine Stimme ganz kratzig anhört.

"Und wie... steht es mit dir?", fährt Ricki vorsichtig fort, innerlich schon darauf gefasst, dass sein Halbbruder dieses Gefühl nicht erwidert.

>Von was träumst du eigentlich nachts?<, schallt er sich selbst in Gedanken und stöhnt resigniert. Nein, er kann wirklich nicht annehmen, dass er soviel Glück haben wird und Alexander das gleiche für ihn empfindet, das wäre zu einfach.

"Ich... mag dich... aber nicht so, also... das ist jetzt alles ein bisschen zuviel für mich... was in den letzten 24 Stunden alles vorgefallen ist...", stottert Alexander unruhig und wippt ein wenig hin und her. Eigentlich hat er mit dieser Frage gerechnet, aber wirklich darauf vorbereitet ist er nicht gewesen.

Was soll er denn jetzt dazu sagen? >Warum muss mir so was passieren?< Unruhig lässt er seinen Blick durch das Zimmer wandern und versucht den Blickkontakt mit Ricki zu vermeiden. Er spürt regelrecht dessen Augenpaar auf sich ruhen, aber er hat angst davor ihn jetzt anzusehen.

"Ist in Ordnung... ehrlich gesagt, habe ich auch nicht damit gerechnet", flüstert Ricki leise und die Enttäuschung in seiner Stimme ist nicht zu überhören. Warum sollte er auch einmal Glück im Leben haben, immerhin weiß er bereits seit der Grundschule, dass es Gottes Lebensziel geworden ist, ihn fertig zu machen, egal in welcher Hinsicht.

"Ich..." Alexander hält inne, als er den feuchten Glanz in Rickis Augen sieht. Da ist er ja in etwas hineingeraten, wie soll er denn jetzt mit dieser Situation umgehen, ohne den anderen mit seinem Handeln zu verletzen?

>Verdammte Scheiße!< Ein hämmernder Schmerz durchzuckt seinen Kopf und er hat das Gefühl, als wenn er kurz davor steht auseinander zu platzen.

Alexander zieht ein wenig erschrocken die Luft ein, als Ricki sich aufrichtet und ihn von hinten umarmt.

"Tut mir leid...", wispert Alexander leise und schließt die Augen. Er spürt, wie Ricki den Kopf auf seine Schulter legt und sich wie ein kleines Kind an ihn klammert.

"Mir auch...", vernimmt er Rickis Stimme an seinem Ohr. Innerlich zieht sich alles in ihm zusammen und er hat das Gefühl wahnsinnig zu werden. In seinem Kopf schwirren so viele Gedanken und Widersprüche umher und dann das Gefühl von Rickis warmen Körper hinter sich rufen ein Gefühl der Übelkeit in ihm hervor.

Es tut weh... Das Gefühl hin und her gerissen zu sein von dem Gedanken, dass es nicht in Ordnung ist, was hier passiert und dem Gefühl, die Berührungen des anderen zu erwidern.

"Warum sagst du nichts?", fragt Ricki schließlich, dem der sonderliche Zustand seines Halbbruders nicht entgangen ist, immerhin sitzt er völlig verkrampft und abwesend auf dem Boden und starrt wie schon des Öfteren ins Leere.

"Ich weiß langsam selbst nicht mehr was ich denken soll...", murmelt Alexander und atmet einmal tief durch. Bis vor ein paar Wochen lief in seinem Leben alles perfekt. Keine Familienprobleme, alles im Einklang im Freundeskreis und dann noch seine Schwärmerei für Marie...

... und nun? Sein Familienleben ist komplett durcheinander seit Ricki aufgetaucht ist, seinetwegen hat er nun auch noch Stress mit Aaron und...

"Das war mein erster Kuss letzte Nacht...", sagt Alexander beschämt und dreht seinen Kopf etwas nach links um Ricki so besser sehen zu können, der noch immer mit dem Kopf auf seiner Schulter liegt.

Ein wenig ungläubig sieht Ricki Alexander in die Augen, bevor er die Umarmung löst und auf allen Vieren um ihn herum krabbelt und sich gegenüber von ihm auf den Boden sinken lässt.

"Bitte?", fragt er irritiert und sieht ein wenig verdutzt in das nun knallrote Gesicht von Alexander. Das kann doch wohl nur ein schlechter Witz sein!

"Hast schon richtig gehört...", nuschelt Alexander und presst peinlich berührt die Lippen zusammen. Sogar sein Liebesleben hat er durcheinander gebracht. Er hat sich eigentlich gedacht, dass er mit Marie seinen ersten Kuss erleben würde, aber dass kann er jetzt wohl auch vergessen.

"Du bist siebzehn Jahre alt und bist noch unberührt?!" ruft Ricki laut aus und kann sich ein leises Kichern nicht verkneifen. Na da hat er sich ja in etwas verguckt.

>Teufels Brut und die heilige Jungfrau.< Bei dem Gedanken muss Ricki laut auflachen. Sie beide sind wirklich zwei Gegensätze wie sie im Buche stehen.

"Ich würde es noch lauter schreien, dann wissen es bald alle!", keift Alexander gefrustet und zieht einen Schmollmund. Ok, es ist schon ungewöhnlich als Junge in diesem Alter null Erfahrung in irgendeiner Hinsicht zu haben, aber deswegen muss man ihn ja nicht gleich auslachen.

"Ich hab dir also deinen ersten Kuss gestohlen, wie süß", flötet Ricki grinsend. Die Vorstellung als erster die weichen Lippen des blonden Jungen geschändet zu haben muntert ihn gleich wieder auf. Vielleicht besteht ja doch noch Hoffnung, dass er sein Gegenüber bekehren kann, wenn der noch keinerlei Erfahrung mit Frauen sowie mit Männern hat.

>Na Gott sei dank weiß Patty das noch nicht.< Alleine schon bei der Vorstellung, wie der Rothaarige reagieren würde, wenn er das wüsste, lässt Ricki breit grinsen.

"Na wenigstens einer, der sich darüber freut...", sagt Alexander angepisst und erhebt sich. Sein Rücken schmerzt und er muss sich erst einmal strecken. Wahrscheinlich war es doch keine so gute Idee gewesenliegen zu bleiben, die Quittung dafür hat er ja jetzt.

"Und was nun? Ich meine... bleibt das unter uns?", fragt Ricki zögernd und bemüht sich ebenfalls vom Boden aufzustehen. Ein kurzer Blick auf die Uhr verrät ihm, dass sie beide bereits seit fast einer Stunde hier sind.

"Auf jeden Fall. Nicht auszudenken was passiert, wenn da jemand was von mitkriegt", ruft Alexander schon beinahe panisch aus. Wenn er nur an die Reaktionen seiner Eltern und Freunde denkt, wenn diese erfahren, dass sein Halbbruder ein Auge auf ihn geworfen hat, läuft es ihm eiskalt den Rücken hinunter.

Betrübt starrt Ricki auf den Boden. Hätte er sich ja denken können, dass Alexander das sagen würde. Andererseits ist es ja auch nachzuvollziehen, schließlich handelt es sich hier schon um eine verzwickte Angelegenheit und er bezweifelt stark, dass ihr Umfeld darauf sonderlich positiv reagiert.

"Ist klar... aber wie ich schon sagte... so einfach kann ich das Gefühl nicht abstellen...", meint Ricki leise und sieht Alexander trotzig an. Ok, seinetwegen wird das ihr Geheimnis bleiben, aber er kann nicht von ihm verlangen, seine Gefühle zu untergraben und so zu tun, als wenn nichts wäre.

"Das verlange ich ja auch nicht, nur... ich will nicht, dass du das in der Öffentlichkeit machst", entgegnet Alexander verzweifelt. Wie soll er Ricki nur klar machen, dass das so nicht geht?

"Und wenn wir alleine sind?" Auffordernd sieht Ricki sein Gegenüber an. Alexander scheint innerlich mit sich selbst zu ringen, jetzt nicht wieder etwas zu sagen, was dem anderen weh tut.

"Ich... möchte nicht, dass du mich küsst... das geht einfach nicht, verstehst du? Damit machst du die ganze Sache nur noch komplizierter und vielleicht legt sich das alles wieder und du-"

"Ach! Denkst du vielleicht, dass das nur eine Phase ist und ich spätestens nächste Woche wieder jemand vollkommen anderes im Kopf habe?!", unterbricht Ricki ihn schroff und funkelt Alexander wütend an.

Was denkt er eigentlich von ihm? Er hat noch nie in seinem Leben für einen anderen Menschen so viel empfunden und nun darf er sich von diesem auch noch anhören, dass das wahrscheinlich nur eine pubertäre Phase ist und er ohnehin bald wieder das Interesse an ihm verliert!

"Nein... ich dachte nur-"

"Du dachtest? Du dachtest! Vielleicht ist es dir immer noch nicht ganz klar Alexander, aber ich liebe dich, verdammt noch mal! Also werte das nicht als eine vorübergehende Schwärmerei ab!"

Mit großen Augen sieht Alexander zu Ricki hinüber, der sichtlich verletzt zu sein scheint. Aber was ihn mehr beunruhigt, ist, dass sein Herz angefangen hat schneller zu schlagen, als dieser gesagt hat, dass er ihn liebt.

"Ich..." Das plötzliche Klingeln des Telefons rettet ihn aus dieser unangenehmen Lage. Mit einem letzten verunsicherten Blick auf Ricki dreht Alexander sich um und rennt die Treppe hinunter.

*~*~*~*~*

Seufzend legt er den Hörer zurück auf die Ablage. Das ist typisch seine Mutter. Kaum zwei-drei Tage aus dem Haus, schon ruft sie an und nöselt ihm die Ohren voll. Ganz klasse, dass hat er heute noch gebraucht.

"Was wollt sie denn?", fragt Ricki, der mittlerweile das Wohnzimmer betreten hat, wo Alexander missmutig in einem der Sessel sitzt.

"Das übliche. Ob wir alleine zurecht kommen, wie ich den Geschirrspüler anzustellen habe, dass ich die Tür abschließen soll und den ganzen anderen Quatsch, den sie bereits auf ihrer Liste vermerkt hat."

Ein sachtes Grinsen ziert Rickis Gesicht und er lässt sich kopfschüttelnd auf das Sofa plumpsen. Also alles was recht ist, aber diese Frau ist wirklich übertrieben besorgt.

"Und was jetzt?", fragt Ricki, nachdem er sich der Länge nach auf dem Sofa breit gemacht hat und eines der Kissen zerknautscht.

"Keine Ahnung. Patrick scheint sich wohl recht wohl bei Mark zu fühlen...", meint Alexander nachdenklich und sieht zu Ricki hinüber, der sich ein leises Glucksen nicht verkneifen kann.

"Wohl fühlen ist genau das richtige Wort... der kommt bestimmt erst am späten Abend zurück... wenn überhaupt..."

"Wie, wenn überhaupt?" Ein wenig irritiert sieht Alexander Ricki an, der scheinheilig lächelt.

"Du kennst Patty nicht so gut wie ich... wart's ab, spätestens morgen wissen wir mehr", entgegnet Ricki grinsend und angelt mit der rechten Hand nach der Fernsehzeitung.

"Mir schwant übles...", seufzt Alexander und lässt sich gegen die Rückenlehne sinken. Wer weiß, was dieser durchgeknallte Freak mit seinem besten Freund anstellt.

"Was wäre, wenn wir nicht verwandt wären?", kommt es plötzlich von Ricki, der nun die Zeitung wieder beiseite legt und zu Alexander hinüber sieht.

"Ich weiß es nicht... könnten wir das Thema erstmal auf sich beruhen lassen? Mir geht's schon beschissen genug...", antwortet Alexander stöhnend und massiert sich die Schläfen. Die ganze Angelegenheit überfordert ihn doch mehr als gedacht. Woher soll er wissen, was er darüber denken würde, wenn Ricki nicht sein Halbbruder wäre?

"Ach... und du denkst mir geht es besser?", murmelt Ricki und erhebt sich wieder vom Sofa. Langsam tapst er auf den Sessel zu und lässt sich vor Alexanders Beinen auf den Boden sinken.

"Nein..." Ein wenig nervös blickt Alexander in Rickis saphirblaue Augen, bevor er ihm zögernd durch die Haare streicht. Wortlos fummelt er an dessen Hinterkopf herum, bis er das schwarze Lederband, das Rickis Haare zusammenhält, gelöst hat und es vorsichtig hinunterzieht. Die langen schwarzen Strähnen fallen Ricki nun ein wenig wirr ins Gesicht und bewirken, dass er femininer aussieht als vorher.

"Du machst es mir verdammt schwer, mich zurückzuhalten...", murmelt Ricki und bettet seinen Kopf auf Alexanders Beinen, der nun damit begonnen hat mit Rickis Haaren zu spielen.

"Tut mir leid... aber..."

"Aber?"

"Irgendwie... mag ich deine Nähe...", wispert Alexander leise und sieht auf den schwarzen Wuschelkopf auf seinen Beinen, der nun zufrieden lächelnd die Augen schließt.