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Mad life Teil 20 bis 23

Kapitel 20: Knödel


Gähnend streckt er sich und blinzelt zaghaft bevor er langsam seine Augenlider hebt. Die hellen Sonnenstrahlen scheinen ihm wie schon des Öfteren mitten ins Gesicht, weshalb er auch fluchend die Decke über sich zieht.

Murrend tastet er auf dem Nachtschrank nach seinem Wecker und zieht ihn zu sich unter die Decke. Ein kurzer Druck auf den Knopf und ein neonblaues Licht erhellt die Ziffern die ihm verraten, dass es bereits halb neun durch ist.

Seufzend schält Ricki sich aus seiner Bettdecke und linst hinüber zu Patrick, der leise schnarchend auf seinem Sofa liegt und kurz davor ist einen Abflug gen Boden zu machen. Na, so wie er seinen besten Freund einschätzt, wird der nicht vor dem Mittagessen wach, immerhin kam er gestern erst gegen 23 Uhr von Mark wieder und hat sich anschließend auf die Terrasse verzogen um dort eine ganze Schachtel Zigaretten zu konsumieren. Seltsam war sein Verhalten schon, aber wenn Ricki eines gelernt hat, dann, dass man Patrick besser nicht anquatschen sollte, wenn dieser so schweigsam ist.

Ricki gähnt noch einmal herzhaft und schwingt seine Beine über die Bettkante. Ein wenig dösig erhebt er sich und tapst leicht taumelnd auf die Zimmertür zu. Ok, liegen bleiben will er nicht, schließlich kann er ohnehin nicht wieder einschlafen, wenn er erst einmal wach ist.

Vorsichtig schließt er die Tür hinter sich und torkelt hinüber in Richtung Badezimmer. Schwungvoll reißt er die Tür auf und stellt erst einmal den Wasserhahn an. Die eiskalte Flüssigkeit läuft über seine Hände und verursacht, dass sich eine leichte Gänsehaut auf seinen Armen bildet.

Eilig schleudert er sich zwei Handfuhren Eiswasser ins Gesicht und trocknet es hinterher in seinem Shirt ab.

Ein Blick in den Spiegel riskiert er besser nicht, immerhin sah er gestern schon beschissen aus, und nach dieser Nacht, die er zum größten Teil wieder schlaflos verbracht hat, wird sich sein Erscheinungsbild kaum verbessert haben.

Stöhnend greift er nach seiner Hose und seinem Tanktop, die er gestern rücksichtslos über den Handtuchhalter geschmissen hat, und schlüpft ein wenig tollpatschig hinein.

Alexander scheint auch noch zu schlafen, da seine Zimmertür noch geschlossen ist und von unten noch keine verdächtigen Geräusche zu vernehmen sind.

Schlurfend verlässt Ricki das Badezimmer und bleibt schließlich ein wenig unschlüssig vor Alexanders Zimmertür stehen. Sollte er ihn wecken?

>Ich glaube kaum, dass er erfreut darüber sein wird, von mir wach geküsst zu werden<, denkt Ricki seufzend und geht polternd die Treppe hinunter. Nein, nachdem sie sich gestern einigermaßen ausgesprochen haben, will er besser nichts überstürzen.

Nachdenklich bleibt er auf der letzten Stufe stehen und starrt geistesabwesend auf die Haustür. Er bezweifelt, dass innerhalb der nächsten 30 Minuten einer von den beiden Langschläfern ihre Höhle verlassen wird.

Ok, wenn er eh nichts Besseres zu tun hat, dann kann er auch mal eben schnell ins Dorf latschen und sich eine Schachtel Kippen besorgen. Die zwei Restziggis die er noch hat, werden ihm wohl kaum über den Sonntag hinweg helfen.

Gott sei dank hat er so ein gutes Gedächtnis, sonst wüsste er nämlich nicht, wo er hier Zigaretten bekommt. Da sie ja gestern einkaufen waren und ihm auf dem Rückweg ein Automat angelacht hat, weiß er wohin er muss, um seine Sucht weiter zu fördern.

Summend geht er zur Kommode wo zwischen mehreren Jacken auch sein schwarzer Mantel à la Matrix hängt. Ricki wühlt ein wenig in den Taschen herum, bevor er zufrieden grinsend sein Portemonnaie heraus zieht.

Schön, sollen die anderen ruhig pennen, er geht jetzt erst einmal vor die Tür. Eilends schlüpft er in seine Boots und wuschelt noch einmal kurz durch seine zerzauste Haarmähne. Mit dem Portemonnaie in der linken und dem Hausschlüssel sowie seiner Zigarettenschachtel in der rechten Hosentasche, verlässt Ricki das Haus und zieht die Tür leise hinter sich zu.

Ein angenehm lauer Wind fährt ihm durch die Haare und er atmet erst einmal tief durch. Vor sich sieht er wieder den nahe angrenzenden Wald und auf den Feldwegen eine Leute, die mit ihren Hunden Gassi gehen.

Ricki gähnt einmal herzhaft und fummelt an seiner Rückfront herum, bis er sich eine Zigarette und sein Feuerzeug aus der Schachtel gepult hat und sie sich zwischen die Lippen steckt.

Ein paar Sekunden später, steigt feiner Rauch auf und er nimmt erst einmal einen tiefen Zug. Nikotingeruch steigt ihm in die Nase und er fühlt sich gleich viel wacher als bis vor kurzem.

Gemächlich schlendert er die Einfahrt hinunter und geht quert über die Straße in Richtung Fußweg. Das ist wirklich einer der wenigen Vorteile des Sonntages. Keine bescheuerten Autofahrer, die trotz dem Schild Zone 30 mit gut 60 Sachen die Straßen entlang preschen und hilflose Gruftis überfahren.

Aber seltsam ist es schon, dass ihm noch kein Mensch entgegen gekommen ist. Es kann ja wohl nicht angehen, dass er der einzige Frühaufsteher in diesem Verein hier ist. Nachdenklich schnipst Ricki etwas Asche auf den Boden und kommt langsam am Ende des Neubaugebietes an.

>Alexander hasst rauchen...<, schießt es ihm durch den Kopf und er bleibt erst einmal stehen. Mit ernstem Blick starrt er auf den Glimmstängel in seiner Hand und legt die Stirn in Falten. Vielleicht sollte er...

"Nein..." Grinsend geht er weiter und verwirft seinen Gedanken wieder. Bei aller Liebe, aber dass kann er nicht so einfach bleiben lassen.

Pfeifend biegt er in die nächste Seitenstraße ab in der sich hauptsächlich alte, baufällige Häuser und Bauernhöfe befinden. Tierlaute dringen an sein Ohr und Stimmengfeschwirr ist zu vernehmen.

Ok, er ist also doch nicht der einzige Frühaufsteher in diesem Kaff. Neugierig wirft er ein paar Blicke in die riesigen Einfahrten und grinst breit, als er eine schon etwas ältere Dame mit Kopftuch und Gummistiefeln den Hof entlanglaufen sieht.

Gerade will er weiter gehen, als sein Blick auf einem gelben Schild hängen bleibt. Mit großen Augen liest er die Aufschrift und zieht zögernd sein Portemonnaie aus der Hosentasche.

Seine Hoffnung schwindet, als er das letzte bisschen Klimpergeld erblickt. Na ganz klasse, jetzt würden ihm genau 1,30 Euro fehlen, damit er sich auch noch seine Zigaretten kaufen kann.

"Mist...", flucht Ricki leise und dreht sich seufzend um. Nein, Zigaretten sind jetzt wichtiger...

Nach einigen Metern bleibt er wieder stehen und geht schließlich zurück zu der Einfahrt. Abermals liest er das Schild durch und ringt innerlich mit sich selbst um eine Entscheidung. >Zigaretten oder keine Zigaretten?<

"Scheiß drauf", murmelt er und betritt ein wenig nervös den fremden Hof. Augenblicklich hört er auch schon Hundegebell, was ihn dann doch ein wenig erschrocken zusammen fahren lässt.

Als er dann aber nur einen kleinen Schäferhund auf sich zutrotten sieht, atmet er erleichtert aus. Na Himmel sei dank kein Monsterhund der ihn umreißt und heißhungrig an seinem Arm oder Bein herumkaut.

"Kann ich dir helfen?", vernimmt er plötzlich die Stimme der Bäuerin die mit einem Eimer auf ihn zukommt.

"Ähm ja... ich habe das Schild gelesen und wollte fragen ob ich..." beginnt Ricki zögernd, bricht seinen Satz aber ab, als der kleine Hund zu seinen Füßen anfängt an seinem Bein hochzuspringen.
 
"Ah, verstehe. Dann komm mal mit", sagt die Frau freundlich und schnipst kurz mit den Fingern. Augenblicklich rennt der Schäferhund zu ihr herüber und läuft nun Schwanz wedelnd neben ihr her.

*~*~*~*~*

"Der taucht schon wieder auf... spätestens wenn die Bullen hier anrufen, wissen wir wo er ist", meint Patrick gähnend und nippt an seiner Tasse mit schwarzem Tee. Alexander hingegen lässt sich unruhig auf dem Sofa nieder und greift nach seinem Glas O-Saft.

"Wenigstens einen Zettel hätte er hinterlassen können", murmelt Alexander stöhnend und wirft einen kurzen Blick auf die Wanduhr, die bereits elf Uhr anzeigt. Wo um Himmels Willen treibt sich diese wandelnde Katastrophe nur herum?

"Ist nicht seine Art... er kommt und geht wie es ihm passt...", entgegnet Patrick auf Alexanders Gemurmel und greift nach der Fernbedienung. Kurz darauf geht der Bildschirm an und Patrick beginnt gelangweilt hin und her zu zappen.

"Was habt ihr eigentlich gestern so lange gemacht? Ich meine, ihr habt doch wohl nicht von 16 bis 23 Uhr DVDs geguckt, oder?", fragt Alexander neugierig und sieht zu Patrick hinüber, der plötzlich sichtlich angepisst auf die Mattscheibe starrt.

"Doch... 'nur' DVDs geguckt...", nuschelt er leise und man sieht ihm an, dass er darüber nicht gerade sehr erfreut zu sein scheint.

"Klingt nicht gerade begeistert", meint Alexander und nimmt einen Schluck von seinem Saft. Patrick sagt daraufhin nichts weiter. Anscheinend ist da gestern etwas vorgefallen, was ihn schon ziemlich stinkig gemacht hat.

"Da kam so ein blöder Typ namens Timo an...", entfährt es Patrick plötzlich und er verfrachtet die Fernbedienung wieder auf den Stubentisch. Missmutig verschränkt er die Arme vor der Brust und starrt beleidigt auf den Boden.

"Timo? Aha, und was ist daran so schlimm? So bekloppt wie der immer tut ist er auch nicht", sagt Alexander verständnislos und fängt sich dadurch einen bitterbösen Blick von Patrick ein. Oh ha, da scheint aber jemand ganz gewaltig unzufrieden zu sein.

"Aber MICH hat er gestört... und dann musste ich mir auch noch alle Teile von Alien ansehen", flucht Patrick säuerlich und leert seine Tasse in einem Zug.

"Du hättest doch nicht bleiben müssen, oder haben sie dich ans Sofa gefesselt?", fragt Alexander grinsend und sieht Patrick ein wenig belustigt an. Wenn ihn Timos Anwesenheit gestört hat und er die Filme nicht sehen wollte, warum ist er dann nicht gegangen? Muss er das jetzt verstehen?

"Man! Du schnallst es nicht, dass ich lieber mit Mark alleine gewesen wäre, oder?", erwidert Patrick kopfschüttelnd und lacht spöttisch. Oh man, dieser Junge ist entweder ziemlich naiv, oder er will ihn ärgern.

"Ricki hat mir schon so einiges erzählt... über deine 'Macken'..." Ein wenig beschämt starrt Alexander auf den Fernseher und versucht die aufsteigende Röte in seinem Gesicht zu verdrängen.

Ok, Ricki hatte da gestern so einiges erwähnt, aber der Gedanke, dass dieser durchgeknallte Freak wirklich etwas von seinem besten Freund will, bereitet ihm schon leichtes Kopfzerbrechen.

"Wie dem auch sei... Fakt ist, dass ich so einfach nicht aufgebe", ruft Patrick selbstbewusst aus und haut mit seiner Faust auf die Sofalehne. Alexander will gerade etwas erwidern, als er hört, wie jemand die Haustür aufschließt.

"Na endlich." Fest entschlossen Ricki jetzt mal gehörig zusammen zu scheißen, aufgrund seines Verschwindens ohne eine Nachricht zu hinterlassen, erhebt Alexander sich vom Sofa und verlässt das Wohnzimmer.

Patrick starrt ihm ein wenig verdattert nach, bevor er sacht schmunzelnd den Fernseher ausstellt und dem Blondschopf folgt. Na das will er nicht verpassen, denn so wie Alexander vorhin durch das Haus gewuselt ist und nach Ricki gesucht hat, dürfte dieser nun gewaltig was zu hören kriegen.

"Wo-" Alexander bricht den Satz ab und starrt mit großen Augen auf Ricki, der gerade auf dem Boden hockt und aus einem offenen Karton ein kleines, schwarzes Fellknäuel hervorholt und es auf den Arm nimmt.

"Guck mal... hab ich gekauft", sagt Ricki gelassen und blickt lächelnd auf das kleine schwarze Zwergkaninchen, dass mit großen, schwarzen Knopfaugen zu ihm hinauf sieht. Die langen Schlappohren hängen an seinem Kopf hinunter und ein kleiner weißer Fleck ziert seine Nase.

"Ist ja niedlich!", ruft Patrick quietschend aus und zwängt sich an Alexander vorbei, der immer noch wie eine Salzsäule im Türrahmen steht und erst einmal realisieren muss, was Ricki da gekauft hat.

"Du... hast es gekauft?", wiederholt Alexander leise und sieht Ricki ungläubig an. Irgendetwas stimmt an diesem Bild nicht. Der kleine Grufti und ein Zwergkaninchen?!

"Ich habe Ihn gekauft, jep. Das ist Knödel, sag hallo!" antwortet Ricki lächelnd und hält Alexander die schwarze Fellkugel entgegen. Knödel schnuppert sogleich drauf los und zuckt mit dem rechten Fuß hin und her.

"Du hast ihn aber nicht für irgendwelche Rituale gekauft, oder?", fragt Alexander grinsend und nimmt Ricki das Kaninchen ab, der nun beleidigt eine Schnute zieht.

"Und wo willst du ihn lassen?", mischt sich nun Patrick ein, der sich nun neben Alexander stellt und Knödel über die Schlappohren streicht.

"Na in meinem Zimmer du Nulpe."

"Auf dem Boden oder wie? Der braucht einen Käfig, sonst frisst er alle Kabel an...", entgegnet Alexander und gibt Ricki das Kaninchen zurück, der es sofort in den Arm nimmt und über den Kopf streichelt.

"Dann fahren wir morgen in die Stadt und kaufen einen. Ich bring Knödel nicht zurück. Ich wollte schon immer ein Kaninchen!"

"Keiner sagt, dass du es-"

"IHN! Knödel ist kein ES sondern ein ER", sagt Ricki bestimmend und latscht mitsamt Knödel in die Küche.

"Ist ja gut. Schön, fahren wir morgen in die Stadt und holen einen Käfig", seufzt Alexander resigniert und folgt Ricki in die Küche, wo dieser nun Knödel auf der Spüle abgestellt hat und nun im Kühlschrank nach etwas Essbarem sucht.

"Wir können ihn ja etwas im Garten laufen lassen...", murmelt Patrick und geht zu Knödel hinüber, der nun neugierig den Wasserhahn betrachtet.

"Wir müssen nur aufpassen, dass er nicht wegläuft... ich bezweifle, dass unser Zaun ein Hindernis ist", meint Alexander nachdenklich und sieht skeptisch auf Ricki, der nun einen Apfel aus dem Kühlschrank holt und Knödel diesen vor die Nase hält.

"Iss."

Ohne den Apfel eines Blickes zu würdigen, mustert Knödel weiterhin den Wasserhahn und hoppelt auf ihn zu.

Panisch hebt Alexander ihn hoch, bevor er im Waschbecken landet. "Also... frei rumlaufen lassen, können wir ihn im Haus nicht. Der braucht nur die Treppe runter zu fallen oder ein Kabel anzunagen, schon kann er einen weg haben."

Ricki nickt einsichtig und legt den Apfel beiseite. Stöhnend nimmt er Alexander Knödel ab und sieht ihn mahnend an.

"Das Waschbecken ist tabu, kapisch?" Als Antwort beginnt das Kaninchen nun, an Rickis Shirt herumzuknabbern und reißt ein kleines Loch in den schwarzen Stoff.

"Ich glaube du schmeckst ihm besser als der Apfel", sagt Patrick lachend und auch Alexander grinst breit, als Ricki auf sein malträtiertes Shirt guckt und wieder einen Schmollmund zieht. Na da hat er sich ja ein Biest zugelegt.

"Idioten...", nuschelt Ricki beleidigt und tapst mit hoch erhoben Hauptes in Richtung Terrasse. Sollen die Beiden doch lachen, aber er muss sich das nicht antun.

 

Kapitel 21: Junge Männer und das Geheimnis des Shoppings


Geistesabwesend starrt Ricki aus den verschmierten Busscheiben. Während Alexander und Patrick gerade eine neue olympische Disziplin, nämlich das Synchrongähnen erfinden, und Mark damit beschäftigt ist, Ausschau nach diversen Polos zu halten, macht er sich hauptsächlich darüber Gedanken, ob es wirklich so ratsam gewesen ist, Knödel in der Wäschekammer zu lassen.

Naja, immerhin gibt es dort keine Kabel an die er heran kommen kann, wenigstens ein kleiner Trost. Ricki seufzt resigniert und lässt seinen Blick durch den noch fast leeren Bus schweifen. Kein Wunder, schließlich ist es gerade mal halb neun und die meisten Jugendlichen pennen eh noch, während die arbeitsgeilen Erwachsenen längst in ihren Büros sind.

"Man... ich bin müde", nöselt Patrick und reibt sich die Äuglein mit seinen Handballen. Schon wieder hat man, in diesem Falle Ricki, ihn mal wieder zu nachtschlafender Zeit aus seinen Träumen gerissen. Das Leben ist schlecht.

"Laber nicht. Kannst doch in der Stadt nen Kaffee trinken", meint Ricki verständnislos. Also wirklich, nur weil Sommerferien sind, heißt es noch lange nicht, dass man bis zum Mittag durchpennen muss.

"Bääh... Kaffee. Wenn du willst, dass ich verreck, dann mach nur weiter so", entgegnet Patrick murrend und kuschelt sich so gut es geht, näher an die gepolsterte Sitzbank.

"Wenn wir schon mal in Wolfsburg sind, dann können wir ja noch mal kurz in die City gehen...", meint Alexander plötzlich und sieht den Rest der Chaosgruppe fragend an.

"Na, denkst du etwa, ich komme nur mit, damit wir nen Käfig besorgen?!", sagt Mark grinsend und tippt Alexander gegen die Stirn.

"Oh ja, einkaufen. Gibt's hier irgendwo nen Hutladen?", mischt sich Patrick ein und seine Augen leuchten regelrecht vor Erwartung. Von der anfänglichen Müdigkeit ist jetzt nichts mehr zu sehen.

"Ich bezweifle, dass es einen Hut gibt, den du noch nicht hast", entgegnet Ricki lachend, woraufhin Patrick beleidigt eine Schnute zieht.

"Dann holen wir den Käfig als letztes. Ich habe nämlich keine Lust das Teil mit durch die Geschäfte zu schleppen", murmelt Alexander und gähnt einmal herzhaft. Wie kann man nur so früh am morgen schon so munter sein?

"Was? Und wo sollen wir Ricki einsperren, wenn er anfängt zu beißen?!", ruft Patrick entsetzt aus und fängt sich wenig später einen Rippenstoß von Ricki ein.

Mark und Alexander grinsen breit bei der Vorstellung, Ricki in einen Käfig zu sperren und durch die Stadt zu schleppen... aber wer weiß? Vorsicht ist besser als Nachsicht.

"Ihr habt doch alle zuviel VIVA und MTV geguckt", sagt Ricki beleidigt und zieht einen Schmollmund. Mal wieder typisch, alle hacken sie auf dem armen, kleinen, wehrlosen Grufti herum, das ist ja wieder so klar gewesen.

"Das hat mich jetzt getroffen", schnieft Patrick und hält sich die Hände vors Gesicht. Er und Chartmusik? Alleine schon bei dem Gedanken knackt es in seinem Trommelfell.

"Und ein gewisser Jemand sollte aufpassen, dass wir nicht wieder die Haltestelle verpassen...", entgegnet Ricki spitz und funkelt dabei Alexander an, der sich nun pfeifend von dem kleinen Goth abwendet. Was denn, meinte er etwa ihn? Unmöglich...

*~*~*~*~*

Augen zuckend läuft Ricki neben Alexander her und bildet somit das Schlusslicht hinter Patrick und Mark. Anscheinend ist es nicht nur in seiner Stadt so, sondern auch hier, dass einem diese 'Ich-bin-perfekt'- Menschen entgegen kommen.

Rickis Blick wandert zu den Geschäften auf der linken Seite und er schüttelt nur angewidert den Kopf.

"Was denn?", fragt Alexander, dem das komische Verhalten seines Hausfreaks ein wenig irritiert.

"Na, guck dir das doch mal an. Orsay, Pimkie... alles Läden für magersüchtige Barbie- und Mary Sue-Verschnitte, ätzend", grummelt Ricki missmutig und ein kalter Schauer läuft ihm über den Rücken, als er die vielen quietschrosa und pinkfarbenen Kleidungsstücke im Schaufenster erblickt.

"Übertreibst du nicht etwas?", meint Alexander seufzend und betrachtet die Schaufensterpuppe, die seiner Meinung nach aber auch ein bisschen zuviel mit pink und rosa bekleidet ist.

"Tse... mal ganz ehrlich, in solchen Läden gibt es nur etwas für Anwärterinnen der Wahl zur Miss 'Bohnenstange'. Ich finde solche Geschäfte diskriminieren!"

"Wieso diskriminieren? Weil du die Farben nicht magst?"

"Quatsch... obwohl das auch ein Punkt von meiner Liste wäre, aber ich meine das allgemein. Ich meine... da gibt es doch wirklich nur Klamotten für Leute die eine einwandfreie Figur haben. Wenn man mal etwas größer ist, oder ein wenig mehr auf der Hüfte hat, ist man in solchen Läden schon mal ganz falsch. Da gibt es nämlich nur Kindergrößen... es ist sowieso bescheuert nur Klamotten für dünne Leute zu machen, wenn doch eh so gut wie die Hälfte der Bevölkerung keine perfekte Figur hat. Ich finde es diskriminierend, wenn man in ein Geschäft geht und da ab Größe 40 nichts mehr findet", meint Ricki gefrustet und verzieht das Gesicht, als wieder so ein paar blondierte Möchtegernbarbies das Geschäft betreten.

Patrick und Mark sind derweil unweit von den beiden stehen geblieben und sehen sich fragend an. Was haben die zwei denn nun schon wieder zu bequatschen?

"Du solltest wirklich mal in eine Talkshow gehen... aber ok, stimmt schon, wenn man etwas mehr drauf hat, ist es schon schwer in solchen Läden was zu finden...", entgegnet Alexander und wirft einen Blick durch das Schaufenster.

"Sag ich ja... deswegen, solche Läden wo man hauptsächlich pink und rosa zu sehen bekommt, ist nur etwas für dünne Leute und das ist meiner Meinung nach Diskriminierung. Es ist ja wohl nicht zuviel verlangt, die Klamotten auch in anderen Größe als 36 und 38 herzustellen...", sagt Ricki seufzend und geht weiter.

"Das es nur 36 und 38 in solchen Läden gibt ist jetzt aber auch etwas übertrieben..." Alexander bricht seinen Satz ab, als er aus der Drogerie vor sich eine Gruppe von Mädchen kommen sieht, die ihm nicht gerade sehr unbekannt sind.

Ein blondes Mädchen, bekleidet mit einem Rock und einem Top sieht zu den vieren hinüber und winkt dann lächelnd.

"Hey, was macht ihr denn hier?", fragt Marie fröhlich und kommt auf die Jungs zu, gefolgt von zwei ihrer Freundinnen.

Während Alexander und Mark sich ihr lächelnd zuwenden, verziehen Ricki und Patrick genervt die Gesichter.

>Blöde Tusse<, schießt es Ricki durch den Kopf und er spürt wie sein Blut anfängt zu kochen, als dieses Etwas auch noch anfängt Alexander und Mark in ein Gespräch zu verwickeln.

"Was'n das für eine?", fragt Patrick missmutig und sieht Ricki auffordernd an. Dieser kaut derweil wieder auf seiner Unterlippe herum und wünscht einer gewissen Anwesenden einen hässlichen Hautausschlag.

Was fällt dieser aufgetakelten Ziege überhaupt ein, Alexander anzuflirten? Und was noch schlimmer ist, was fällt diesem Mistkerl ein, auch noch mitzumachen?!

"Gehen wir weiter... oder es gibt Tote", wispert Ricki kühl, hakt sich bei Patrick ein und schleift diesen ohne eine Antwort abzuwarten hinter sich her.
 
Mark und Alexander blicken ein wenig erstaunt auf, als die beiden Freaks an ihnen vorbeirauschen, ihnen noch böse Blicke zuwerfen und im Eiltempo die Passage entlanglaufen.

"Du... gehst mit dem einkaufen?", fragt Marie, die Alexanders Blick gefolgt ist und nun Rickis Rückfront zu sehen bekommt, die wieder von seinem langen schwarzen Lederrock verdeckt wird, dessen Seiten mit silbernen Ringen zusammengehalten werden.

"Wieso?", entgegnet Alexander ein wenig überrumpelt und sieht Marie an, die ein wenig spöttisch eine Augenbraue hebt. Die beiden Mädchen hinter ihr fangen an zu kichern und werfen Ricki und Patrick abwertende Blicke zu. Die beiden haben sich weiter abseits auf einer verdreckten Bank niedergelassen und rauchen.

"Nichts... ich meine ja nur, mir wäre es ja peinlich mit so was gesehen zu werden", meint Marie gleichgültig und lächelt süßlich.

"Tja meine Damen, so leid es uns tut, aber wir müssen weiter", mischt sich nun Mark ein, dem der Verlauf des Gesprächs nicht gerade zu passen scheint. Besitzergreifend packt er Alexander am Arm und zerrt ihn ein wenig unsanft hinter sich her.

Dieser bringt gerade noch ein knappes 'Tschüss' über die Lippen, bevor sie sich von der Mädchengruppe entfernt haben.

"Was sollte denn das jetzt?" Alexander befreit sich aus Marks Griff und sieht seinen besten Freund verständnislos an. Hat er was verpasst, oder warum hat er es so eilig weiter zu gehen.

"Sorry, aber ich hab echt null Bock mir Maries Lästereien anzuhören... oder wolltest du ihr da gerade noch zustimmen?", entgegnet Mark seufzend und sieht Alexander an, der nun schweigend auf den Boden starrt.

Wollte er ihr etwa zustimmen? Ist es ihm peinlich, mit Ricki gesehen zu werden? >Arschloch<, schimpft er mit sich selbst und fährt sich mit der Hand durch die Haare.

"Nein, wollte ich nicht..."

"Nichts gegen deine Schwärmerei, aber wegen der würde ich nicht so tun, als wenn ich etwas gegen Gothics habe, nur damit sie in ihrer Meinung bestätigt wird", meint Mark ernst und geht weiter.

>Schwärmerei...<

"Fuck it...", wispert Alexander und folgt Mark, der nun bei Ricki und Patrick an der Bank angelangt ist und von einem gewissen Rotschopf beinahe eifersüchtig gemustert wird.

"Na, fertig mit dem Balzverhalten?", fragt Patrick murrend und funkelt Mark an, der mit seinem jetzigen Gesichtsausdruck einer Flasche Bluna alle Ehre macht.

"Häh?", entgegnet er nicht gerade geistreich und kratzt sich am Hinterkopf. Also irgendwie ist ihm das Verhalten der beiden Gruftis schon ein Rätsel.

"Weiter?", kommt es schließlich von Alexander, der nun auch bei der Gruppe angekommen ist und Ricki ein wenig nervös betrachtet. Oh ja, wenn Blicke töten könnten.

*~*~*~*~*

Das ist ja mal wieder typisch. Sobald Mark einen Laden sieht in dem es DVDs gibt, ist alles gelaufen. Ihn dann wieder aus dem Geschäft raus zu bekommen ist dann alles andere als ein Kinderspiel.

Seufzend fährt Alexander die Rolltreppe hoch und gelangt in die obere Abteilung des Kaufhauses. Naja, Mark wird schon auf die beiden Gruftis aufpassen, so kann er wenigstens in Ruhe in den nächsten Buchladen 'Thalia' gehen ohne dem nervigen Geschrei ausgesetzt zu sein.

Zielstrebig steuert Alexander auf den großen Laden zu und läuft an einigen Bücherregalen vorbei. Eigentlich ist es ihm nur recht, dass sie heute in die Stadt gefahren sind, so kann er sich wenigstens wieder mit neuen Mangas eindecken.

Suchend blickt er sich um und bleibt schließlich vor einem riesigen Regal stehen, von dem aus ihm die schrillen Covers der Bücher schon entgegenstrahlen.

Mag sein, dass es ein wenig komisch aussieht, wenn ein Junge in seinem Alter zwischen den kleinen Pokemon fanatischen Kindern steht und in den Comicheften herumblättert, aber ihm geht das Gelaber der Leute in der Hinsicht eh am Arsch vorbei.

Ein rot-schwarzes Cover lenkt schließlich seinen Blick auf sich, und er zieht das kleine Buch vorsichtig aus dem Regal. Seine Augen weiten sich und seine Mundwinkel zucken leicht nach oben. Nur schade, dass der Manga eingeschweißt ist. Wahrscheinlich ist der Inhalt nicht gerade etwas für kleine Kinder.

>Mist<, flucht Alexander in Gedanken und betrachtet das Cover. Na so eine verdammte Scheiße, jetzt kann er noch nicht einmal einen Blick rein werfen.

"Hellsing...", vernimmt er plötzlich eine Stimme an seinem Ohr und er dreht sich erschrocken um. Hinter ihm steht Ricki und sieht Alexander mit hochgezogener Augenbraue an.

"Musst du dich immer so anschleichen?", entfährt es Alexander und er stöhnt genervt auf. Na herrlich, soviel also zu seiner angeblichen Ruhe. Herzkasper lässt grüßen.

Gerade will er seiner Aussage noch etwas hinzufügen als Ricki ihm das Buch entwendet und es betrachtet. "Ein wunderbarer Mond heute Nacht... Da kriegt man Lust auf ein Schlückchen Blut...", liest Ricki auf der Rückseite und ein breites Grinsen schleicht sich auf sein Gesicht.

Alexander, nun schon wieder rot wie eine Tomate funkelt Ricki säuerlich an. "Was suchst du hier?", fragt Alexander leise und nimmt Ricki den Manga wieder ab.

"Ich suche neue Opfer... aber mal im Ernst du überrascht mich", meint Ricki grinsend und sieht in Alexanders verdutztes Gesicht. Wer hätte gedacht, dass sein Halbbruder etwas für Vampircomics über hat?!

"Sag bloß", nuschelt Alexander und versucht sich wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren, nämlich auf die Suche nach neuem Lesestoff.

Ricki beobachtet Alexander ein wenig belustigt, bevor sein Blick auf einem schwarz-türkisfarbenen Manga hängen bleibt. Neugierig bückt er sich und zieht das Buch aus einer der unteren Reihen heraus.

"Model?", murmelt er und betrachtet den weißblonden Kerl auf dem Cover, der aussieht, als wäre er gerade aus einem Sarg gestiegen.

"Da geht's auch um Vampire...", meint Alexander plötzlich und sieht Ricki belustigt an.

"Aha... wie auch immer, der Typ sieht scharf aus für ne Zeichenfigur", meint Ricki lachend und zieht somit die Aufmerksamkeit einiger Leute auf sich. Alexander schlägt sich gedanklich mit der Hand vor die Stirn und hofft, dass keiner auf die Idee kommt, dass er zu diesem lauten Objekt namens Ricki gehört.

"Geht's noch lauter?", fragt Alexander murrend und zieht ein paar weitere Bücher aus dem Regal. Mittlerweile hält er bereits gute neun Mangas im Arm, weshalb Ricki ihn auch verdattert ansieht.

"Die.. willst du alle mitnehmen?", fragt er ungläubig und rechnet im Kopf nach, was für ein kleines Vermögen sein Halbbruder auf den Armen trägt.

"Naja... sind alles fortlaufende Serien... zumal kanns dir egal sein, was ich mit meinem Geld mache", entgegnet Alexander gefrustet und begibt sich in Richtung Kasse.

"Kann es auch. Aber ich nehme den hier mit", sagt Ricki und schwängt das kleine Büchlein in der Hand.

"Den hab ich schon zu Hause. Kannst den dann lesen", ruft Alexander ihm zu und stellt sich an der Kasse an.

Zögernd stellt Ricki den Manga wieder zurück ins Regal und zwängt sich durch zur Kasse. "Sag mal... wie viele von den Dingern hast du eigentlich?", fragt er grinsend und sieht Alexander belustigt an.

"Öh... über 250 Stück auf jeden Fall", antwortet dieser gelassen und ignoriert dabei Rickis immer größer werdende Augen und den nun offenen Mund. Ok, nun weiß Ricki es mit Sicherheit, selbst Alexander scheint einen Schaden zu haben.



Kapitel 22: Kleider machen Leute


Mark betrachtet immer noch kopfschüttelnd die große Plastiktüte voller Bücher, die Alexander zufrieden mit sich herum schleppt. Da heißt es, er ist DVD süchtig, aber ein gewisser Jemand gibt mindestens das Doppelte im Monat für Bücher aus, aber das ist natürlich vollkommen normal, oder was?

"Wohin jetzt?", fragt Patrick und blickt sich in dem riesigen Kaufhaus um. Zu seinem Leidwesen hat er immer noch keinen Laden gefunden, der irgendwelche ausgefallenen Hüte hat.

"New Yorker?", fragt Mark daraufhin und wird von Ricki augenblicklich missmutig gemustert. Was hat er denn jetzt schon wieder falsch gemacht?

"In der Jungenabteilung gibt es glaube ich kein Pink", meint Alexander daraufhin und klopft Ricki aufmunternd auf die Schulter, da ihm dessen frustrierter Gesichtsausdruck keineswegs entgangen ist.

"Wenns sein muss", stöhnt Ricki resigniert und begibt sich in das feindliche Gebiet der Sunnyboys.

"Du wirst schon nicht dran krepieren", sagt Patrick grinsend, der im Gegensatz zu Ricki nicht gänzlich abgeneigt ist, gegen derartige Geschäfte.

"Pff", entgegnet der kleine Grufti daraufhin und trottet langsam hinter Alexander und Mark her, die gerade den Laden betreten.

Kaum hat Ricki den Raum betreten, spürt er, wie sich mehrere Augenpaare auf ihn richten.

>Ja hallo? Noch nie einen Kerl mit Lederrock gesehen?< Grummelnd zwängt er sich an einem Kleiderständer vorbei, der intelligenterweise direkt im Weg steht, sodass wirklich nur noch gerade soviel Platz ist, um sich daran vorbeizuquetschen.

"Waaah. Ich komme gleich wieder", sagt Patrick plötzlich und verschwindet in die entgegen gesetzte Ecke. Grund seines Ausbruchs: Eine Jeansmütze.

"Was meinst du?", fragt Alexander plötzlich und reißt Ricki aus seinen Gedanken. Der dreht sich irritiert um und erblickt ein ärmelloses weißes Shirt mit dunkelblauer Aufschrift. Ricki hebt skeptisch eine Augenbraue und betrachtet Alexander, der diesen Stofffetzen noch immer vor sich hält.

"Also... ich glaube du musst eine Nummer Größer nehmen", meint Ricki schließlich, dem gleich aufgefallen ist, dass dieses Shirt gewaltig knapp an seinem Halbbruder sitzen würde... andererseits, gegen knapp sitzen ist ja im Prinzip auch nichts einzuwenden.

"Doch nicht für mich. Für dich", erwidert Alexander grinsend und muss kurz auflachen, als sein Gegenüber daraufhin ein Gesicht zieht, als wenn man ihm gerade eröffnet hat, dass er von nun an jeden Sonntag in die Kirche gehen darf.

"Das ist nicht dein Ernst", ruft Ricki entsetzt aus und kreuzt die Zeigefinger vor sich. Weiß! Um Himmels Willen, wie soll er denn damit aussehen?

"Warum denn nicht? Oder soll ich es noch mal in Dunkelblau raussuchen?", fragt Alexander eifrig und hat sich schon fast wieder umgedreht, als Ricki ihn an der Schulter packt.

"Woh! Moment mal. ICH werde HIER garantiert nichts anziehen", wispert Ricki drohend und schenkt Alexander einen seiner patentierten Todesblicke, der diesen gekonnt ignoriert und Ricki nur unschuldig anlächelt.

Mit großen Augen und einem dümmlichen 'Häh'- Ausdruck im Gesicht, lässt Ricki das Opfer seiner Blicke los und fragt sich, ob er hier überhaupt noch von jemandem ernst genommen wird.

Während Mark sich nun zu Patrick gesellt hat und ihm nun seine Meinung bezüglich der Jeansmütze kundtun muss, kramt Alexander weiter in dem Kleiderständer herum und zieht kurz darauf das gleiche Shirt in Dunkelblau mit weißer Schrift heraus.

"Na komm, ich möchte dich mal in Normalsterblichen-Klamotten sehen", nervt Alexander Ricki, der langsam wirklich das Gefühl bekommt, dass kein Arsch ihm auch nur im Entferntesten zuhört. Hat er nicht vor wenigen Sekunden gesagt, dass ER hier NICHTS anziehen wird?!

"Nein..."

"Bitte."

"Nein!"

"Nur einmal... für mich, hm?", jammert Alexander und sieht Ricki mit großen Augen an. Der schluckt daraufhin hart und fühlt, wie sein Puls anfängt zu rasen. Hat er da eben richtig gehört? Das, was Alexander da gerade gesagt hat, klang ja schon beinahe wie bei einem alten Pärchen. Leichte Röte zieht sich auf seine Wangen und er reißt seinem Halbbruder das Shirt leise fluchend aus der Hand und verschwindet in Richtung Umkleide.

>Verdammte Scheiße, muss der Bastard mich so angucken?<, flucht Ricki in Gedanken und schält sich aus seinem ausgefransten Netztop. Also eines steht fest, er wird zu weich. Er lässt diesen blonden Knilch zuviel durchgehend.

"Ricki an Gehirn", murmelt er vor sich hin und entfaltet das blaue Shirt. Wahrscheinlich hat sich sein letztes bisschen Verstand für heute verabschiedet, als Alexander ihn so lieb gefragt beziehungsweise angebettelt hat.

Warum zum Teufel muss dieser Mistkerl nur so verdammt gut betteln können? Und warum ist er so bescheuert und springt auch noch darauf an?!

"Hier", hört er eine Stimme vor der Kabine und wenige Sekunden später schlüpft ein Arm an einer Seite des Vorhanges herein, der eine weiße Hose hält.

"Vergiss es", ruft Ricki entsetzt, greift aber trotzdem nach der Hose und betrachtet sie misstrauisch. Wer weiß, welche Individuen schon ihre Baziellen darauf gelassen hinterlassen haben, die ihn beim Hautkontakt sofort befallen und in ein chartmusikhörendes, solariumbesuchendes Monster verwandeln.

"Nun stell dich nicht so an. Sieht bestimmt gut aus. Wenn es dir passt, nehmen wir es gleich mit", sagt Alexander bestimmend und lehnt sich mit dem Rücken gegen die Kabinenwand.

"Träum weiter, nie im Leben werde ich das Zeug in der Öffentlichkeit-" Ricki bricht den Satz ab und legt die Stirn in Falten. Ja, eigentlich wäre das ja nur gerecht. Alexander ist zwar ein bisschen größer als er, aber sie haben bestimmt so ziemlich die gleiche Größe was Klamotten betrifft.

"Alles in Ordnung?", fragt Alexander plötzlich und steckt den Kopf in die Kabine, wo Ricki noch immer mit freiem Oberkörper steht und grübelnd in den Spiegel starrt.

"Wie wäre es mit einem Kompromiss?" Fragend wendet sich Ricki Alexander zu, der daraufhin irritiert eine Augenbraue hebt.

*~*~*~*~*

"Hast du eine Ahnung wo die beiden abgeblieben sind?", fragt Mark nun schon zum x-ten Mal und sieht sich suchend in dem Laden um. So groß ist es hier ja nun auch wieder nicht, dass sie Alexander und Ricki verlieren können.

"Ich funk ihn mal an", sagt Patrick schließlich und will gerade sein Handy aus seinem Rucksack ziehen, als ihm plötzlich jemand auf die Schulter tippt.

Erschrocken dreht er sich um und blickt genau in Rickis Gesicht, der ihn frech angrinst. Aber irgendetwas stimmt an diesem Bild nicht. Patricks Kinnlade ist kurz davor runterzuklappen, als er Ricki in weißer Hose und einem blauen Shirt erblickt.

"Tada!", sagt Ricki gespielt fröhlich und stellt sich in Pose. Mark hat mindestens genau so große Augen wie Patrick bekommen. Na das ist aber wirklich eine Veränderung. Sogar die Schminke ist weg.

"Ok, was hast du mit Ricki gemacht du Alien?", fragt Patrick lachend und mustert seinen besten Freund der nun von einem Fuß auf den anderen wippt. Es ist schon eine Schande, da steht man geschlagene zwanzig Minuten vor dem Spiegel um sich zurecht zu machen und nun hat er alles mit einem Taschentuch entfernen müssen.
 
"Frag besser mal, was Lexi mit mir gemacht hat", murmelt Ricki und legt den Kopf schief. Eigentlich müsste sein Halbbruder auch langsam mal fertig mit umziehen sein. Na, auf diesen Anblick freut er sich jetzt schon.

"Wie hat er dich denn dazu gekriegt?", kommt es nun von Mark, der sich ein breites Grinsen nicht mehr verkneifen kann. So wird also aus einem Grufti ein stinknormaler Durchschnittstyp.

"Das frage ich mich auch", entgegnet er seufzend und fährt sich durch die langen Ponyfransen.

"Wo sind deine Sachen?" unterbricht Patrick ihn und sieht sich suchend um. Er wird ja wohl nicht seinen scharfen Rock verjubelt haben.

"Wirst du gleich sehen, ich für meinen Teil werde den Rest des Tages so rumlaufen", meint Ricki seufzend und zieht aus seiner Hosentasche einen Kassenbon.

"Du hast es gekauft?", ruft Patrick ungläubig. Also langsam kommt er wirklich vom Glauben ab.

"Quatsch. Alex hats bezahlt... ich muss doch erst zur Bank, solange legt er-" Ricki hält inne und starrt mit großen Augen hinüber zu Alexander der sich langsam aus einer der Umkleidekabinen wagt.

Die Tatsache, dass er nun mit Rickis Netztop und dessem Lederrock bekleidet zum Vorschein kommt, lässt Mark laut auflachen. Das ist doch nicht zu fassen. Ok, wo ist die versteckte Kamera?

Mit geröteten Wangen kommt Alexander auf die kleine Gruppe zu und hat anfangs ein wenig Mühe mit Rickis Boots zu laufen, da dieser ja nun seine Turnschuhe an hat. Der Lederrock geht ihm nur bis zu den Fußknöcheln, wohingegen er bei Ricki auf der Erde geschliffen hat. Das Shirt endet über seinem Bauchnabel, dass dem eigentlichen Besitzer bis gut fünf Zentimeter unter den Nabel gereicht hat.

"Wow", ruft Patrick begeistert aus und betrachtet Alexander mir großen Augen. Also das ist ja mal eine schöne Entwicklung. Der Fummel steht ihm ja direkt.

"Zufrieden?", nuschelt Alexander, woraufhin Ricki schweigend mit dem Kopf nickt. Eigentlich hat er ja nicht damit gerechnet, dass sein Halbbruder da tatsächlich mitspielt, aber so wird die ganze Sache doch gleich viel interessanter.

Wenn er sich schon in der Öffentlichkeit mit diesen Klamotten sehen lassen muss, dann kann Alexander ja auch mal sein Aussehen verändern und sich genauso unwohl fühlen. Und zudem sieht der Blondschopf richtig scharf in den Klamotten aus.

>Mund zu, du sabberst<, ruft Ricki sich selbst zur Ordnung und räuspert sich laut. Vielleicht sollte er Alexander öfter mal ein paar seiner Kleidungsstücke aufschwatzen.

"Also meine Dame, wohin als nächstes?", fragt Mark Alexander, der seinem angeblich besten Freund böse anfunkelt.

"Noch ein Wort und ich tret dich", erwidert Alexander drohend.

"Ich bezweifle, dass du in dem Outfit dein Bein hoch genug kriegst", meint Mark lachend und verlässt den Laden gefolgt von Patrick, der weiterhin immer wieder zweideutige Blicke zu Alexander wirft.

"Kein Problem, die Ringe kann man aufmachen", sagt Ricki grinsend und knufft Alexander in die Seite der ihm daraufhin nur die Zunge entgegenstreckt.

"Untersteh dich", wispert er und versucht mit der Zentnerlast an seinen Füßen mit den anderen Schritt zu halten. Wie schafft Ricki es nur, über einen längeren Zeitraum mit diesen Monsterschuhen zu laufen?

"Du siehst richtig lecker aus", flüstert Ricki Alexander zu, der sofort wieder errötet und den Grufti warnend ansieht.

"Ich denke, wir haben darüber gesprochen? Du unterlässt das in der Öffentlichkeit", zischt Alexander mahnend und sieht sich nervös um, ob nicht doch jemand etwas mitgekriegt hat. Dieser eine Satz bereitet ihm ein leichtes Kribbeln im Bauch, was ihn noch nervöser werden lässt.

"Schon klar...", wispert Ricki leise und sieht betroffen zu Boden. Das tat weh. Warum nur löst ein einzelner Satz so ein beschissenes Gefühl in ihm aus? Es ist so, als wenn Alexander ihm gerade mit voller Absicht einen Schlag in den Magen versetzt hat.

Ein unangenehmes Stechen durchzuckt sein Herz und er muss erst einmal tief durchatmen. >Reiß dich verdammt noch mal zusammen<, redet Ricki auf sich selbst ein und versucht sich nichts weiter anmerken zu lassen.

Ihn hat es wirklich schlimm erwischt. Wahrscheinlich ist diese Art von Verliebtheit schon zu einem regelrechten Wahn ausgewachsen.

"Ich will ein Eis", vernimmt er plötzlich Patricks Stimme und realisiert erst jetzt, dass sie das Kaufhaus bereits verlassen haben.

"Ein paar Meter weiter ist ein Eisladen", sagt Alexander und fummelt in seinem Rucksack nach dem Portemonnaie. Ein Eis kann er jetzt auch gebrauchen, vielleicht kühlt ihn das ein wenig ab.

*~*~*~*~*

Nachdenklich leckt Ricki über sein Waldmeistereis und beobachtet die Leute, wie sie des Öfteren seltsame Blicke auf Alexander werfen, der sich dadurch nicht gerade sonderlich wohl in seiner Haut fühlt. Wie konnte er sich nur zu diesem Kompromiss überreden lassen?

Die Vier sitzen nämlich gerade an dem großen Brunnen vor der Eisdiele und sind somit im direkten Blickfeld ihrer Mitmenschen.

"So lässt es sich aushalten", murmelt Patrick zufrieden und beißt ein Stück von seiner Waffel ab. Wenn er in einem gut ist, dann im Eis-Schnell-Essen.

"Hm. Wohin gehst danach?", fragt Mark und leckt sich die Hand sauber, da sein Eis schon an den Seiten anfängt zu schmelzen und an der Waffel hinunter läuft.

Alexander zuckt mit den Schultern und schielt zu Ricki, der weiterhin schweigsam vor sich hinstarrt. Hat er vorhin etwa zu aggressiv reagiert? So allmählich kriegt er nämlich doch ein schlechtes Gewissen.

>Was musst du auch immer so austicken?<, schallt er sich selbst und seufzt leise.

"Wie wäre es mit Saturn?", wirft Mark in die Runde, dem langsam klar wird, dass er wohl vor morgen früh keine Antwort auf seine Frage erhalten wird. Warum muss eigentlich immer er sagen wo es langgehen soll?

"Genehmigt", rufen Alexander und Patrick aus einem Munde und sehen sich daraufhin grinsend an. Schon wieder synchron, das wird ja immer besser.

"Aber vergesst Knödels Käfig nicht", meint Ricki plötzlich und erhebt sich von dem Brunnen. Immerhin war das ja der Hauptgrund, weshalb sie erst in die Stadt gefahren sind.



Kapitel 23: Ein Unglück kommt selten allein


Grinsend kniet Ricki vor dem großen, grauen Käfig, in dem eine schwarze Fellkugel gerade damit beschäftigt ist eine Möhre zu verzehren. Als sie gestern in der Tierhandlung waren, ist ihm dieses Monstrum von Käfig sofort ins Auge gestochen.

Alexander hat ihm zwar den Vogel gezeigt und Patrick meinte, dass man ihn im Notfall selbst in den Käfig sperren könnte, aber das hat ihn trotzdem nicht davon abgehalten eben diesen Käfig zu kaufen. Schön, er ist gigantisch groß sodass mindestens drei Hasen drin Platz hätten und ok, er ist extrem teuer gewesen, aber immerhin verdient sein Knödel nur das Beste.

"Hey...", wispert Ricki und tippt mit den Fingerspitzen gegen die Gitterstäbe, woraufhin Knödel neugierig den Kopf hebt. Wahrscheinlich denkt er, dass die schwarze Gestalt, die ihm die Möhre gegeben hat noch etwas für ihn hat.

"Nachher geht's in den Garten, ne?", sagt Ricki grinsend, als das Zwergkaninchen auf seinen Finger zugehoppelt kommt und daran herumschnuppert.

Hinter ihm geht plötzlich seine Zimmertür auf und ein nasser Patrick betritt nur mit einem Handtuch bekleidet den Raum. Seine roten Haare kleben platt an seinem Kopf und er verteilt auf seinem Weg hier und da ein paar kleine Pfützen.

"Alex schreit", meint Ricki grinsend und sieht Patrick wissend an, der nur irritiert eine Augenbraue hebt, sich das Handtuch von der Hüfte schlingt und sich damit die Haare trocken rubbelt.

Dass er nun splitterfasernackt vor seinem besten Freund posiert, scheint ihn nicht wirklich zu stören. Ricki räuspert sich nur kurz und steht vom Boden auf, nachdem er Knödel noch einmal kurz über die Nase gestreichelt hat.

"Das trocknet", entgegnet Patrick unbekümmert und fischt sich eine neue Shorts aus seiner Reisetasche.

"Mir kanns egal sein. Ich werde nicht in der Luft zerfetzt", flötet Ricki süßlich und verpasst Patrick einen Klaps auf den Hintern.

"Meow", schnurrt dieser und kurz darauf brechen beide in lautes Gelächter aus. Kopfschüttelnd schlüpft Patrick in seine zerfledderte Jeans und zieht sich ein ausgeleiertes Shirt über.

"Also, es ist Dienstagnachmittag. Was hat der gnädige Herr für einen Vorschlag zu machen?", fragt Ricki und lässt sich auf sein Sofa plumpsen. Kaum zu glauben, dass sein bester Freund schon ganze fünf Tage hier ist.

"Mir einerlei... wann fahren Donnerstag eigentlich die Züge?", murmelt Patrick leise und lässt sich auf den Boden sinken. Ricki sieht ihn ein wenig missmutig an, bevor sich bei ihm ein schlimmer Verdacht breit macht.

"Du willst schon zurück?" Bekümmert sieht er Patrick an, der sich ein wenig verlegen am Hinterkopf kratzt.

"Nun ja, ich habs versprochen. Meine Oma wird Freitag 80 und ich hab meiner Alten versprechen müssen, am Donnerstag bei den Vorbereitungen zu helfen", entschuldigt sich der Rotschopf und stöhnt genervt auf.

Warum muss eigentlich immer er hinhalten wenn eine Feierlichkeit vorzubereiten ist? Seine Cousins und Cousinen müssen es ja immerhin auch nicht.

"Na toll. Das heißt also, wir haben nur noch heute und morgen?", schreit Ricki angepisst und tritt wütend gegen seinen Tisch. Er will nicht, dass Patrick schon wieder abreist. Die Ferien dauern immerhin noch gute drei Wochen. Er weiß jetzt schon, dass ihm etwas fehlen wird.

"Ich kann ja auch nichts dran ändern", versucht Patrick Ricki zu beruhigen und krabbelt zu ihm auf das Sofa.

"Das ist doch scheiße", flucht der Schwarzhaarige verzweifelt und kaut auf seiner Unterlippe herum. Wenn Patrick erst einmal wieder weg ist, dann ist er wieder ganz alleine. Ok, Alexander ist noch da und mit Mark versteht er sich auch, aber Patrick ist trotzdem sein bester Freund und es tut verdammt weh, dass dieser ihm so plötzlich eröffnet, dass er Donnerstag wieder nach Hause muss.

"Sorry... wenn ich noch genug Geld hätte, würde ich nach der Feier noch mal herkommen, aber ich bin abgebrannt", seufzt Patrick und legt einen Arm um Ricki, der weiterhin böse auf den Boden starrt.

"Schon ok... vielleicht komme ich mal vorbei", sagt Ricki leise und stöhnt resigniert auf. Wenn er sich jetzt noch darüber aufregt bringt ihm das auch nichts. Und überhaupt, es war ja von Anfang an klar, dass Patrick nicht bis zum Ende der Ferien bleiben kann.

"Genau... und bring die Chaoten gleich mal mit", entgegnet Patrick grinsend und entlockt Ricki ein sachtes Lächeln.

Ein zögerndes Klopfen ist plötzlich zu vernehmen und wenig später wird die Zimmertür geöffnet. Alexander blickt ein wenig nervös in den Raum und sieht zu seiner Erleichterung, dass die beiden seelenruhig auf dem Sofa sitzen.

"Was war denn das eben für ein Geschrei?", fragt er vorsichtig. Patrick lacht kurz auf und deutet auf Ricki, der nun schmollend den Mund verzieht. Na toll, jetzt wird er wieder alleine als Krawallmacher abgestempelt, dabei ist ein gewisser jemand ja schuld daran gewesen, dass er ein bisschen lauter geworden ist.

>Schlimmer kann es echt nicht mehr werden<, denkt er frustriert und wirft einen Blick zu Knödels Käfig, wo sich ein gewisses Zwergkaninchen gerade zum pennen langgelegt hat.

*~*~*~*~*

"Ja Mum... Reg dich nicht auf... Ja, ist ok... Machen wir... Bis dann." Mit ernstem Blick legt Alexander das Telefon beiseite und sieht Ricki ein wenig bekümmert an. Das wird jetzt garantiert nicht einfach, ihm das zu erklären.

"Sie war nicht begeistert, hm?", fragt Ricki wissend und sieht Alexander erwartungsvoll an. Der schüttelt nur den Kopf und fährt sich durch die Haare. Dabei hat er sich eigentlich nichts dabei gedacht, als er seiner Mutter erzählt hat, dass sie nun ein neues Haustier haben. Aber dass sie daraufhin so hysterisch reagiert, hat ihn schon ein wenig erschreckt.

"Hey, wenn sie Angst vor Knödel hat ist das doch kein Problem. Der bleibt eh in meinem Zimmer oder im Garten", fährt Ricki fort, dem das Schweigen seines Halbbruders extrem nervös macht.

Patrick sitzt ruhig neben ihm und wartet, dass Alexander endlich etwas sagt. Der Miene des Blonden nach zu urteilen, scheint es schon etwas Schlechtes zu sein.

"Mum hat ne Kleintierallergie... sie kriegt Ausschlag und muss ständig niesen, wenn sie nur in der Nähe eines Hasen ist...", beginnt Alexander zögernd und blickt hinüber zu Ricki, der trotz seiner natürlichen Blässe noch einige Nuancen weißer geworden ist.

"Wir können Knödel nicht behalten?", fragt Ricki leise und in ihm zieht sich alles zusammen.

"Nein, können wir nicht. Mum würde sonst nen Anfall kriegen. Wir sollen ihn wegschaffen, bevor sie aus dem Urlaub zurück-" Alexander bricht den Satz ab, als Ricki plötzlich vom Sofa aufspringt und türenknallend das Wohnzimmer verlässt.

Mit entsetzten Gesichtern starren Patrick und Alexander auf die Tür. Also mit so einem Gefühlsausbruch hat keiner von beiden gerechnet.

"Am besten lassen wir ihn in Ruhe", meint Patrick schließlich und seufzt leise.

"Wahrscheinlich... hätte ich gewusst, dass Mum ne Allergie hat, dann hätten wir ihn gleich am Sonntag zurückgebracht", murmelt Alexander und starrt trüb auf das Telefon.

"Man kann nicht alles wissen. Er wird's schon verkraften... erst mal muss er sich beruhigen."
 
"Hmhm... die Frage ist nur, wohin wir jetzt mit dem Kaninchen sollen."

*~*~*~*~*

Zitternd sitzt er auf dem Balkon und krault dem kleinen Fellknäuel auf seinem Arm den Kopf. Das ist nicht fair. Warum zum Teufel muss dieses blöde Weib eine Allergie gegen Kleintiere haben?

Traurig starrt Ricki auf Knödel, der sich neugierig umblickt und ab und zu anfängt an Rickis Fingern zu knabbern, wenn sie gerade mal in der Nähe seiner Zähne waren.

Schon als kleines Kind wollte er immer ein Kaninchen haben, nur da sie in einer Mietswohnung lebten und der Vermieter keine Tiere wollte, konnte er es also damals vergessen.

Jetzt hat er endlich ein Kaninchen und dann muss er es nach ein paar Tagen wieder weggeben, weil die verehrte Dame ja sonst einen Ausschlag bekommt.

"Soll sie sich doch meinetwegen ins Grab niesen", flucht Ricki wütend und drückt Knödel näher an sich heran. Ihm ist es ja so was von egal, ob diese blondgelockte Schreckensfrau an Knödels Anwesenheit leidet oder nicht.

"Ich will dich nicht weggeben", murmelt Ricki und streichelt über die schwarzen Schlappohren des Kaninchens. Das letzte Mal als er sich so elend gefühlt hat, war, als Alexander ihn geschlagen hat.

Warum verschwindet alles, was ihm wichtig ist? Erst muss Patrick wieder zurück, nun muss er sein Haustier weggeben und zudem hat er auch noch Liebeskummer. Kurz, am liebsten würde er jetzt vom Balkon springen.

>Das ist so ungerecht!< Die ersten Tränen bahnen sich ihren Weg an seinen Wangen hinunter und er muss sich erst einmal mit dem Arm über das Gesicht wischen. Das ist ja peinlich. Seit er hier wohnt, neigt er immer häufiger zu solchen Gefühlsausbrüchen. Langsam ist es wirklich nicht mehr feierlich, wie er mit ansehen muss, wie er immer mehr verweichlicht.

"Schluss damit... reiß dich zusammen", ermahnt er sich selbst, schnieft noch einmal und erhebt sich mitsamt Knödel vom Boden. Nein, wenn er jetzt hier rumheult, wird seine Lage auch nicht besser.

"Also Kleiner, versuchen wir dich mal bei jemandem unterzubringen", murmelt Ricki an Knödel gewandt und verlässt sein Zimmer.

Laut polternd läuft er die Treppe hinunter und begibt sich in Richtung Wohnzimmer, wo Patrick und Alexander sich gerade ablenken, indem sie über ein paar übertrieben bescheuerte Talkshowgäste lästern.

"Patty", ruft Ricki aus, bevor er überhaupt das Wohnzimmer betreten hat. Mit schnellen Schritten marschiert er in den großen Raum und baut sich drohend vor Patrick auf.

Der sieht ein wenig bedröppelt zu dem kleinen Grufti auf, der aufgrund des Kaninchens in seinen Armen nicht so bedrohlich wirkt, wie er es anscheinend vorhatte. Alexander hat derweil den Ton ausgestellt und sieht fragend zu den beiden hinüber. Was kommt wohl jetzt?

"Nimmst du ihn mit?", fragt Ricki schließlich, und hält Patrick Knödel entgegen. Der braucht erst einmal einige Sekunden um zu verstehen, was sein bester Freund da von ihm verlangt. Schweigend betrachtet er das Kaninchen, bevor er resigniert seufzt.

"Why not? Meine Meersäue freuen sich", meint Patrick schließlich und grinst breit, als Ricki sichtlich erleichtert ausatmet. Bevor er Knödel in einem Tierheim oder sonst wo hinbringt, geht es ihm besser bei dem Gedanken, dass Patrick auf ihn acht gibt. Und immerhin kann er ihn ja besuchen kommen.

"Ich möchte eure Freude ja nicht trüben, aber darf man überhaupt Tiere im Zug transportieren?", wirft Alexander in die Runde, woraufhin Ricki ihn missmutig ansieht.

"Das ist kein Problem. Ich ruf zu Hause an, das sie mich mit dem Auto holen sollen", entgegnet Patrick gelassen und nimmt Knödel auf den Arm.

"Deine Mutter dreht am Rad", kommt es von Ricki der sich neben Patrick auf das Sofa sinken lässt. Der winkt nur abwertend und betrachtet das Kaninchen auf seinem Schoß.

"Lass mal. Ich sage einfach, ich hab nicht genug Geld für die Rückfahrt. Da ich ja sowieso mit helfen muss, ist sie ohnehin gezwungen zu kommen", erwidert Patrick lächelnd und wird kurz darauf von Ricki umarmt.

"Du bist echt ein Schatz."

"Ich weiß."

*~*~*~*~*

Der nächste Tag verlief verhältnismäßig ruhig ab. Die meiste Zeit haben sie in Marks Kellerzimmer verbracht, da dort einer der wenigen Orte ist, wo noch angenehme Temperaturen herrschten.

Abgesehen von einigen Missgeschicken beim Billard wo eine Kugel äußerst ungünstig geflogen ist und ein gewisser jemand jetzt einen schönen Bluterguss am Arm hat und sich fragt, wie er in diesem Zustand die Fahrt nach Hause überleben soll, ist nichts außergewöhnliches passiert.

Patrick konnte seine Mutter davon überzeugen ihn abzuholen, auch wenn er sich Bemerkungen wie 'unverschämtes Balg' und 'Du bringst mich noch ins Grab' anhören durfte. Über die Neuigkeit mit Knödel schien sie allerdings sehr erfreut zu sein, was wahrscheinlich daran liegt, dass seine Mutter Tierarzthelferin ist und sie neben drei Meerschweinchen noch einen Hund, mehrere Fische und einen Wellensittich haben.

Ricki hat sich abends noch intensiv mit Knödel beschäftigt und hatte alle Mühe ihn nach einem kurzen Moment der Unachtsamkeit wieder einzufangen. Erst nach Mitternacht sind dann alle erledigt in ihre Betten beziehungsweise aufs Sofa gesunken.

Während Patrick natürlich wieder am Schnarchen ist, liegt Ricki die halbe Nacht wach. Kein Wunder, immerhin ist er innerlich total aufgewühlt, da es morgen 'Auf Wiedersehen' heißt. Verbittert kuschelt er sich in sein Kissen und versucht doch noch etwas Schlaf zu bekommen.

*~*~*~*~*

"Nun trödle nicht so herum. Beweg deinen faulen Arsch", zetert Patricks Mutter und lehnt ungeduldig an der Autotür. Es ist doch nicht zu fassen. Da fährt sie in aller Herr Gottes Frühe los um ihren missratenen Sohn abzuholen, und der Knilch hat noch nicht einmal seine Sachen fertig gepackt.

Alexander und Mark stehen ein paar Meter von der schwarzhaarigen Frau entfernt, da sie den Eindruck erweckt, dass sie dem nächsten der ihr zu Nahe kommt den Kopf abreißt. Patrick bemüht sich ächzend seine Koffer aus dem Haus zu hieven, während Ricki den Käfig mit Knödel trägt.

"Ricki, gib her, ich nehm dir das ab", ruft Patricks Mutter sofort aus und läuft lächelnd auf ihn zu. Mit glänzenden Augen betrachtet sie Knödel, der sich aufgrund der Schleppaktion ängstlich in sein Haus verzogen hat und nur mit dem Kopf heraus guckt.

"Der ist ja wirklich niedlich", ruft die schon etwas ältere Frau aus und trägt den Käfig zum Auto, wo sie ihn vorsichtig auf den Rücksitz stellt.

"Ich bräuchte auch etwas Hilfe", ruft Patrick angesäuert und schleppt sich mit seinem Koffer und seiner Reisetasche ab. Das ist mal wieder typisch, seine Mutter stehts freundlich zu jedem, nur er darf zusehen wie er zurechtkommt.

"Du sei mal schön ruhig. Hättest deinen Unrat schon längst gepackt haben können", entgegnet sie schnippisch und stemmt die Arme in die Hüfte. Alexander und Mark können sich ein breites Grinsen nicht mehr verkneifen.

"Und du passt gut auf Knödel auf, ne Moni?", fragt Ricki an Patricks Mutter gewandt, die sofort mit dem Kopf nickt.

"Mach dir mal keine Sorgen Schatz. Bei uns ist er schon gut aufgehoben", meint sie beruhigend und klopft Ricki kräftig auf die Schulter.

Patrick verfrachtet derweil ächzend sein Gepäck im Kofferraum und schmeißt die Luke zu. Schön, noch mehr körperliche Arbeit und er legt sich auf der Stelle auf die Straße und krepiert.

"Dann rein mit dir. Und vielen Dank, dass ihr diesen Schmarotzer ertragen habt", sagt Moni grinsend und blickt dabei Alexander und Mark an.

"So schlimm war es nicht", kommt es von Alexander der grinsend zu Patrick hinüber blickt, da dieser entrüstet die Wangen aufbläst.

"Eigentlich war er recht pflegeleicht", fügt Mark hinzu, woraufhin Patricks Mutter sachte lächelt.

"Na dann ist gut. So, nun beeil dich und dann geht's los. Wir haben noch viel vor heute", ruft Moni verschwörerisch aus und setzt sich in den Wagen. Patrick wimmert gespielt und geht hinüber zu Ricki.

"Also dann... und wehe du kommst nicht vorbei", sagt Patrick drohend und umarmt sein Gegenüber der ihm nur ein 'Bestimmt' ins Ohr flüstert.

Nach einigen Sekunden lässt Patrick Ricki los und begibt sich zu Alexander, der auch erst einmal freundschaftlich umarmt und durchgeknuddelt wird, weshalb er auch wieder leicht rot anläuft. Wahrscheinlich liegt es an der Szene, dass diese Freaks so 'kontaktfreudig' sind.

"Und pass mir gut auf meinen Schatz auf", murmelt Patrick Alexander ins Ohr und grinst ihn dann frech an. Der ist sich nicht so ganz sicher, ob er diese Aussage jetzt richtig gedeutet hat, nickt aber trotzdem.
 
"Also, machs gut", sagt Mark und hält Patrick seine Hand hin. Der starrt einige Sekunden darauf, bevor sein innerer Schweinehund zum Vorschein kommt.

"Machs besser", erwidert Patrick und ehe sich Mark versieht, drückt ihm der Rotschopf einen dicken Kuss auf den Mund. Alexanders Augen werden größer und Ricki hat alle Mühe sich das Lachen zu verkneifen. Na das wurde aber auch Zeit. Er dachte schon, dass Patrick krank sei, da er noch nichts unternommen hat.

Mit großen Augen und knallrotem Gesicht starrt Mark Patrick an, der ihm noch grinsend zuzwinkert und zu seiner Mutter ins Auto steigt. Kaum sitzt er drin, startet sie den Motor und fährt langsam um die Kurve, bevor sie ein paar Mal kräftig auf die Hupe drückt und hinter der nächsten Häuserreihe verschwindet.

"Weg ist er", murmelt Ricki und seufzt leise. Langsam dreht er sich um und erblickt Alexander, der gerade versucht Mark anzusprechen, da er noch immer wie angewurzelt da steht und sich fragt, was da gerade passiert ist.