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Mad life Teil 24 bis 27

Kapitel 24: Night


~ Vielleicht ist es dir immer noch nicht ganz klar Alexander, aber ich liebe dich, verdammt noch mal! Also werte das nicht als eine vorübergehende Schwärmerei ab! ~

Unruhig wälzt Alexander sich in seinem Bett herum. Es ist doch einfach nicht zu fassen, warum zum Teufel geistert ihm dieser eine Satz seit guten zwei Stunden im Kopf herum? Immer wieder hört er Rickis Worte in seinen Gedanken widerhallen.

Stöhnend öffnet er seine Augen und richtet sich in seinem Bett auf. >Vorübergehende Schwärmerei...< Unruhig fährt er sich mit einer Hand durch die Haare und versucht sein aufgewühltes Inneres wieder zu beruhigen.

Warum kehren jetzt die ganzen Erinnerungen an diesen Abend zurück? Ob es vielleicht daran liegt, dass Patrick heute Vormittag abgereist ist und er nun wieder allein mit Ricki ist? Vorsichtig tastet Alexander auf dem Nachttisch nach seinem Funkuhrwecker und drückt auf den Lichtknopf.

Die neongrünen Zahlen verraten ihm, dass es bereits nach ein Uhr ist und er immer noch nicht fähig ist zu schlafen. Irgendetwas hält ihn wach. Ob es nun sein schlechtes Gewissen wegen Montag ist, als er Ricki so angemacht hat, oder ob es damit zusammen hängt, dass er, sobald er die Augen schließt immer und immer wieder die Szene vor Augen hat, wie sein Halbbruder weinend über ihm kniet und sich an ihn drückt, kann er nicht sagen.

"Verdammte Scheiße", flüstert er und schwingt seine Beine über die Bettkante. Also eines steht fest, solange er sein Problem nicht beseitigt hat, wird er nicht mehr zum schlafen kommen.

Er tastet mit seinen Füßen auf dem Boden herum, bis er seine Hausschuhe spürt und schnell hineinschlüpft. Langsam erhebt er sich von seinem Bett und geht in Richtung Zimmertür. Vielleicht sollte er noch einmal mit Ricki reden. Immerhin war er vorhin ziemlich niedergeschlagen, als Patrick mit Knödel abgefahren ist.

>Und was, wenn er nicht mehr wach ist<, schießt es Alexander durch den Kopf und bleibt auf dem dunklen Flur stehen. Einige Minuten verweilt er hier regungslos und starrt auf die weiße Tür, die ihn jetzt noch von seinem Halbbruder trennt.

"Feigling", schimpft er mit sich selbst und atmet einmal tief durch. Zaghaft klopft er gegen Rickis Tür, aber niemand antwortet ihm. Wahrscheinlich bestätigt sich sein Verdacht, und der kleine Grufti schläft bereits.

Trotzdem, etwas hindert ihn daran, jetzt in sein Zimmer zurückzukehren. Vorsichtig drückt er die Klinke hinunter und späht in den dunklen Raum. Sachtes Mondlicht fällt durch die Scheiben herein und zu seinem Erstaunen ist das Bett leer. Kein Ricki.

Verwirrt betritt Alexander den Raum und blickt sich um. Automatisch wandert sein Blick hinüber zum Balkon, dessen Tür weit offen steht und wo er auf dem Boden die Umrisse einer liegenden Person erkennt.

Ein kleiner, orangefarbener Funke ist im Dunkeln zu erkennen, und dem Geruch nach zu urteilen, scheint Ricki mal wieder zu rauchen. Alexander seufzt leise und geht langsam auf den Balkon zu.

Vor der Tür bleibt er stehen und räuspert sich. Ricki liegt mit abwesendem Blick gen Himmel auf dem Boden, eine Kippe im Mundwinkel hängend und seinen tragbaren CD-Player neben sich.

Leise Musik ertönt aus den Boxen und Alexander bleibt schweigend stehen und lauscht den Klängen. "Engel weinen heimlich... von Black Heaven", wispert Ricki und sieht hinauf zu Alexander, der überrascht auf ihn hinunter blickt. Also ist er doch nicht ganz abgedriftet mit seinen Gedanken.

"Darf ich mich setzen?", fragt er vorsichtig, da ihm die verbitterte Stimmung des Schwarzhaarigen ein wenig irritiert. Ricki nickt nur sacht und rutscht ein Stück weiter an die Wand.

Langsam lässt sich Alexander auf den Boden sinken und lehnt sich gegen die großen Glasscheiben. Irgendwie ist es seltsam. Jetzt sitzt er hier mitten in der Nacht auf dem Balkon, hört diese sonderbare Musik und schweigt.

*Die Sehnsucht meiner Worte ist Tausend Träume schwer*
*Ich gedenke einer Liebe doch erinnere mich nicht mehr*
*Das kalte Licht der Sterne mit Trauer mich erfüllt*
*Die Engel weinen heimlich, die von Dunkelheit umhüllt*

>Bei dieser Musik wird man ja richtig melancholisch<, geht es Alexander durch den Kopf und seine Augen verweilen auf Ricki, der weiterhin schweigsam in den Nachthimmel starrt. Durch das blasse Mondlicht wirkt er irgendwie traurig.

"Geht es dir nicht gut?", fragt Alexander schließlich, dem diese angespannte Stille langsam aber sicher nervös macht.

"Ist das eine Frage oder ne Feststellung?", entgegnet Ricki leise und drückt seine Zigarette an der Wand aus. Was soll denn diese Frage, wie soll er sich schon fühlen. Immerhin ist heute sein bester Freund weggefahren und sein Haustier ist auch weg. Das ist schließlich genug Grund, dass es ihm elend geht, immerhin fühlt er sich seit langem mal wieder richtig einsam und alleingelassen.

"Er fehlt dir, hm?", fährt Alexander nach einer kurzen Pause fort und sieht Ricki wissen an. Den Eindruck den er in den letzten Tagen gewonnen hat, bestätigt seine Meinung, dass Ricki und Patrick schon beinahe ein brüderliches Verhältnis haben, so wie sie miteinander umgehen.

>Ein innigeres Verhältnis als zu mir<, denkt er traurig und erschreckt selbst ein wenig bei diesem Gedanken. Was soll er denn davon halten? Bedrückt es ihn etwa, dass Rickis Verhältnis zu Patrick intensiver ist als zu ihm?

"Wir sind zusammen aufgewachsen und er war damals mein einziger Freund, als alle anderen auf mir herumgehackt haben. Ist doch nur natürlich, dass er mir fehlt", sagt Ricki leise und schnipt sich eine weitere Kippe aus der Schachtel.

Dabei hat er anfangs gedacht, dass er sich hier leichter einleben kann, wenn Patrick hier ist. Dass er sich aber nach dessen Abreise noch schlechter als zuvor fühlt, hätte er nicht gedacht. Er hat Heimweh. Er vermisst seine alte Wohnung, seine alte Stadt, seine Freunde und sogar den alten Vermieter, der ihm des Öfteren mit einer Anzeige gedroht hat, da er seine Musik immer zu laut aufgedreht hat.

"Du kannst ja jederzeit hinfahren... Mum und Dad haben bestimmt nichts dagegen", versucht Alexander ihn aufzumuntern, scheitert dabei aber kläglich, da ihn Ricki nun betrübt mustert. Seine dunkelblauen Augen spiegeln regelrecht seine innere Traurigkeit wieder, sodass Alexander erst einmal schlucken muss.

"Und was habe ich davon? Ich muss trotzdem immer wieder hierher zurück... wenn die Ferien vorbei sind und die Schule weitergeht, wird es noch beschissener", murmelt Ricki und nimmt einen tiefen Zug von seiner Zigarette.

Bei dem Gedanken an eine neue Schule zu kommen und dort täglich auf solche Individuen wie Aaron oder Marie zu treffen, wird ihm gleich wieder schlecht. Eines ist klar, er bezweifelt, dass er großartig Anschluss hier finden wird.

"Seit wann redest du denn so pessimistisch...", fragt Alexander bekümmert und erkennt den sonst so frechen, mit Zweideutigkeiten um sich schmeißenden Giftzwerg gar nicht mehr wieder.

"Wenn es dich stört, dann kannst du gerne gehen. Zwingt dich keiner mir Gesellschaft zu leisten", wispert Ricki und wendet seine Aufmerksamkeit wieder dem Himmel zu, der überzogen ist von silbernen Sternen. Irgendwie macht ihn dieser Anblick traurig.
 
"Ich will dich aber so nicht alleine lassen", sagt Alexander ernst und ein leichter Anflug von Sorge breitet sich in seinem Gesicht aus. Er hat das Gefühl, dass etwas Schlimmes passieren wird wenn er Ricki jetzt alleine lässt.

"So? Angst dass ich vom Balkon springe oder mir die Pulsadern aufschneide?", entgegnet Ricki daraufhin und grinst sarkastisch.

"Hör auf so eine Scheiße zu labern", ruft Alexander entsetzt auf und greift reflexartig nach Rickis Hand. Der sieht überrascht zu dem Blonden hinauf und allem Anschein nach denkt dieser wirklich, dass er auf irgendwelche dummen Gedanken kommt.

"Du machst dir Sorgen...", fragt Ricki skeptisch und starrt weiterhin auf Alexanders Hand, die seine eigene weiterhin umklammert.

"Natürlich mach ich mir Sorgen du Arschloch. Wenn du dich selbst sehen könntest, würdest du dir auch Sorgen machen", meint Alexander vorwurfsvoll und versucht sein immer schneller schlagendes Herz zu beruhigen.

"Tut mir leid... aber... hast du dich schon mal so richtig einsam gefühlt?", murmelt Ricki trotzig und verschränkt seine Finger mit Alexanders.

"Sich einsam fühlen und einsam sein ist ein Unterschied", erwidert Alexander seufzend und beginnt, mit seinem Daumen über Rickis Handrücken zu streichen.

"Mag sein... aber es ist trotzdem ein beschissenes Gefühl... wen hab ich denn schon großartig?" Verbittert blickt er auf seine Kippe, die schon wieder bis zum Filter abgebrannt ist.

"Dad... Mum... und mit Mark verstehst du dich doch auch gut... mich...", bei jedem Wort ist er etwas leiser geworden, bis er schließlich schweigt. Ein angenehmes Kribbeln breitet sich in ihm aus und seine Hand beginnt zu puckern.

"Tut mir leid wegen Montag... das war scheiße", fügt Alexander hinzu, nachdem Ricki auf seine vorherige Aussage nichts erwidert hat.

"Manchmal habe ich das Gefühl, dass du mit mir spielst... das eine Mal stößt du mich von dir weg und dann... bist du so wie jetzt... das tut weh", flüstert Ricki und lächelt bitter. Sein Halbbruder hat ja keine Ahnung, was er mit manchen Gesten bei ihm für Gefühlswellen auslöst, die immer größer und größer werden und ihn zu ertränken drohen.

"Das... mache ich nicht mit Absicht. Es ist nur... diese ganze Situation macht mich nervös. Ich weiß einfach nicht, wie ich damit umgehen soll", entgegnet Alexander verzweifelt. In seinem Kopf wirbeln tausende von Gedanken durcheinander und ihm wird leicht schwindelig. Das alles überfordert ihn einfach, immerhin gehört es nicht zu seinem Alltag, dass ein Junge ihm eröffnet, dass er in ihn verliebt ist... und das er selbst so eigenartig darauf reagiert.

"Wovor hast du eigentlich Angst?"

Alexander sieht ihn verdattert an. Was soll denn diese Frage jetzt? Unschlüssig blickt er Ricki an, der sich nun langsam aufrichtet und sich ebenfalls hinsetzt, Alexanders Hand dabei nicht loslassend.

"Hast du Angst vor dem, was andere von uns denken können und wie sie darauf reagieren... oder hast du Angst vor deinen eigenen Gefühlen?", fährt Ricki ernst fort und brennt mit seinen Augen regelrecht Löcher in sein Gegenüber.

"Ich...", beginnt Alexander, bricht seinen Satz aber ab und versucht dem Blick seines Halbbruders stand zu halten. Wovor hat er eigentlich Angst? Ist es die Reaktion seines Umfeldes, seiner Eltern und Bekannten? Hat er Angst davor, dass sie ihn verachten oder verstoßen?

"Was fühlst du?", bohrt Ricki weiter nach und verfestigt seinen Griff um die Hand des Blondschopfes.

Nervosität breitet sich in Alexander aus und er hat das Gefühl als wenn er von allerlei widersprüchlichen Gedanken und Gefühlen überrollt wird. Ein unangenehmer Druck breitet sich in ihm aus und in seinem Kopf hört er wieder diesen einen Satz widerhallen.

~ Vielleicht ist es dir immer noch nicht ganz klar Alexander, aber ich liebe dich, verdammt noch mal! Also werte das nicht als eine vorübergehende Schwärmerei ab! ~

Immer wieder und wieder erklingen diese Worte und fressen sich regelrecht in ihn hinein. Ihm wird ganz flau im Magen, da das Kribbeln immer intensiver wird, als wenn Millionen von kleinen Schmetterlingen in ihm herumflattern würden.

~ Was fühlst du? ~

>Ich weiß es nicht...<

~ Was fühlst du? ~

Ricki beobachtet Alexander, der immer verstörter wirkt und sichtbar nervös zu sein scheint. Sein stechender Blick wird langsam weicher und er seufzt resigniert auf. Hilflos blickt Alexander ihn an, unfähig auf diese Frage zu antworten.

"Was quält dich so?", wispert Ricki und streichelt mit seiner anderen Hand über Alexanders Wange. Dieser hat das Gefühl, dass sein Gesicht in Flammen stünde und ein intensiver Rotschimmer legt sich über seine Wangen.

Er mag diese Berührungen... Es ist nichts, was er als abstoßend oder ekelhaft empfindet, eher im Gegenteil.

Vorsichtig beugt Ricki sich vor und gibt seinem Halbbruder einen sachten Kuss auf die Lippen. Er dauert nur wenige Sekunden, doch das hat schon gereicht, dass etwas in Alexanders Kopf klick gemacht hat. Seine Lippen prickeln und er hört sein Blut in den Ohren rauschen.

Langsam zieht Ricki sich zurück und als wenn es eine Art Reflex wäre, beugt sich Alexander vor und küsst den Schwarzhaarigen zurück. Seine Lippen zittern und er streift den Mund des anderen Jungen anfangs nur zaghaft, bevor er etwas mehr Druck mit seinen Lippen ausübt.

Rickis Körper versteift sich. Wie zu einer Salzsäule erstarrt blickt er Alexander an, dessen Gesicht sich nur noch wenige Zentimeter von seinem befinden. Er hat ihn geküsst. Nicht umgekehrt.

"Ich-", beginnt Alexander beschämt und wird nun rot bis zu den Ohrenspitzen, als er von Ricki zum Schweigen gebracht wird, indem er ihn abermals küsst, nicht mehr zaghaft wie zuvor, sondern schon etwas intensiver.

Seine linke Hand wandert zu Alexanders Nacken und zieht ihn näher zu sich heran. Auch wenn er hinterher dafür von ihm zusammengeschlagen wird, aber dass er ihn eben geküsst hat, war für ihn ein Zeichen dafür, dass seine Gefühle nicht einseitig sind.

Nach einigen Sekunden des Zögerns schließt Alexander ebenfalls seine Augen und erwidert den Kuss zitternd. Sein letztes bisschen Verstand hat sich abgeschaltet und langsam aber sicher zerbricht seine anfängliche Hemmschwelle.

Langsam tastet sich seine Hand vor zu Rickis Schulter und umklammert sie zögernd. Er spürt die Zunge des anderen, wie sie über seine Unterlippe streicht, bevor sie sich voneinander lösen um Luft zu holen.

"Du machst mich wahnsinnig", flüstert Ricki und stupst mit seiner Nase gegen Alexanders. Der sieht ihn mit geröteten Wangen an und lächelt sacht. Irgendwie ist es ein komisches Gefühl Ricki zu küssen, aber keinesfalls ein schlechtes. Es ist ungewohnt und die Tatsache, dass er ja noch keinerlei Erfahrung hat, macht das Ganze auch nicht einfacher.

"Dito", murmelt Alexander daraufhin. Ihre Hände sind immer noch ineinander verschränkt... beinahe wie bei einem Pärchen.

Ricki lacht leise auf, bevor er sich nach hinten fallen lässt und Alexander bestimmend mit sich hinunterzieht. Der liegt nun mit seinem Kopf in Rickis Halsbeuge und blickt ein wenig überrascht drein.

Zwei warme Arme schlingen sich um seinen Rücken und drücken ihn näher an den Körper unter sich. Er spürt Rickis Herz schlagen, dass anscheinend noch wilder gegen dessen Brustkorb hämmert als sein eigenes.

Langsam entspannt Alexander sich und atmet einmal tief durch. Nun hat er es getan, er hat seine innere Grenze überschritten und hat sich auf etwas eingelassen, was viele Menschen als moralisches Tabu bezeichnen. Er baut eine intime Beziehung zu seinem Halbbruder auf.

"Versprichst du mir was?", fragt Ricki plötzlich und beginnt damit Alexanders Nacken zu kraulen.

"Hm?", nuschelt er benebelt und konzentriert sich auf das angenehme Gefühl von Rickis Fingern in seinem Nacken.

"Wenn das nur ein Traum sein sollte, weck mich nicht auf", murmelt Ricki und küsst Alexander auf die Stirn. Der lächelt breit und dreht sich herum, bevor er sich mit den Armen abstützt, um seinem Halbbruder besser ins Gesicht zu gucken.

"Wovor hast du Angst? Dass ich morgen früh weg bin?", erwidert Alexander grinsend und zupft an Rickis langen Ponyfransen herum.

"Allerdings. Daher lasse ich dich heute auch nicht mehr weg", meint Ricki besitzergreifend. Wer weiß, wann sich ihm so eine Gelegenheit wieder bietet, dass Alexander so entgegenkommend und offen ihm gegenüber ist.

"Ich bin aber nicht scharf darauf auf dem Balkon zu übernachten", wispert Alexander und zwängt seine Hand unter Rickis Kopf, um dort das Haarband zu lösen. Der grinst daraufhin breit und hebt seinen Kopf etwas an.
 
"Was hast du eigentlich ständig mit meinen Haaren?", fragt er schließlich und blickt Alexander amüsiert an, der nun zufrieden das Haarband in der Hand hält und es beiseite legt.

"Sag ich nicht...", beginnt Alexander und lächelt frech, als er noch etwas hinzufügt. "Ich kann dir ja mal zwei Zöpfe flechten."

"Du altes Ekel", ruft Ricki gespielt beleidigt aus und versucht Alexander in die Wange zu kneifen. Dass dieser aber versucht ihm in die Finger zu beißen, überrascht ihn dann doch.

>Da taut aber jemand gewaltig auf<, schießt es Ricki durch den Kopf. Na ihm kann es nur recht sein.

Alexander unterdrückt ein Gähnen und allmählich werden seine Lider schwerer. Jetzt beginnt die Müdigkeit ihn einzuholen, aber ist auch kein Wunder, schließlich ist es mitten in der Nacht.

"Bleibst du heute Nacht bei mir?", fragt Ricki zögernd und blickt Alexander erwartungsvoll an. Der räuspert sich leise und er fühlt, wie er nervöser wird. Ok, küssen und kuscheln scheint ihm nichts auszumachen, aber der Gedanke mit Ricki in einem Bett zu liegen erscheint ihm doch ein wenig zu früh.

"Also..."

"Ich fass dich schon nicht an... oder denkst du ich will mein Glück mit Füßen treten?!", unterbricht Ricki ihn und sieht ihn bettelnd an. Er kann sich schon zurückhalten, das ist kein Problem. Es wird zwar nicht leicht, aber er würde ihn niemals ohne Erlaubnis anfassen.

"Versprochen? Ich... bin mir da nicht so sicher, ob das nicht etwas zu schnell geht...", meint er zögernd und rollt sich von Ricki hinunter.

"Ich bin artig", entgegnet Ricki ernst und gibt dem Blondschopf einen Kuss auf die Wange. "Versprochen."

"Ok...", seufzt Alexander resigniert. Wenn es wirklich mit ihnen funktionieren soll, dann muss er dem anderen schon soviel Vertrauen entgegen bringen, sonst wird das nichts. Ricki lächelt zufrieden und erhebt sich vom Boden. Mit einer schnellen Bewegung drückt er den CD-Player aus und streckt Alexander die Hand entgegen.

Nach einigen Sekunden des Zögerns ergreift er diese und lässt sich von Ricki hochziehen. Händchen haltend verschwinden sie in Rickis Zimmer. Leicht skeptisch starrt Alexander auf das Bett, bevor er auch die letzte Barriere in sich überwindet und sich mit klopfendem Herzen von Ricki unter die Decke ziehen lässt.

Noch nie in seinem Leben war er einem Menschen so nahe. Er hat zwar schon öfter mal bei Mark übernachtet, aber da hat er auf dem Sofa gepennt und nicht mit ihm zusammen in einem Bett.

Angespannt liegt Alexander auf dem Bett und zuckt kurz zusammen, als Ricki sich regelrecht an ihn klammert und seinen schwarzen Wuschelkopf auf Alexanders Oberkörper platziert. "Nacht", murmelt er und kuschelt sich näher an seinen Halbbruder heran.

"Nacht...", nuschelt Alexander und umarmt Ricki zaghaft. Es ist schon ein eigenartiges Gefühl einem anderen Jungen so nahe zu sein, aber einerseits fühlt es sich auch nicht verkehrt an. Ungewohnt ja, aber irgendwie richtig.

Langsam entspannt Alexander sich wieder und schließt gähnend die Augen. Morgen früh wird es wohl so einiges zu bereden geben, aber jetzt ist nicht der richtige Moment um darüber nachzudenken.

~ Was fühlst du? ~

>...Zuneigung...< 


 
Kapitel 25: Memory


Alexander gähnt herzhaft, bevor er sich leise murmelnd näher an das warme Objekt neben sich kuschelt. Warmer Atem streift seinen Hals und einige Härchen kitzeln ihn am Kinn.

Alexanders Augenlider öffnen sich langsam. Noch ein wenig dösig blickt er an sich hinab und sieht direkt in Rickis Gesicht. Der kleine Grufti scheint noch zu schlafen, aber sein Gesichtsausdruck zeigt, dass er sich ziemlich wohl zu fühlen scheint.

Für einen kurzen Augenblick setzt Alexanders Herzschlag aus, als er spürt, dass sein Halbbruder sich anscheinend so positioniert hat, dass sein Oberschenkel gefährlich sanft gegen seinen Schritt drückt.

Mit klopfendem Herzen schließt Alexander die Augen wieder und atmet einmal tief durch. Also war das alles kein Traum. Das, was letzte Nacht zwischen ihnen passiert ist, war tatsächlich real.

>Oh man< Stöhnend öffnet er seine Augen und wirft abermals einen Blick auf Ricki. Dass er mal derjenige ist, der von ihnen als erster wach ist, kam auch noch nicht vor. Schweigend betrachtet er den kleinen Grufti, bevor er vorsichtig seinen linken Arm hebt und ihm einige schwarze Strähnen aus dem Gesicht streicht.

Irgendwie ist das schon eine komische Situation. Ok, es ist nicht das erste Mal, das er neben Ricki erwacht, aber das letzte Mal hatte er auch ein Black Out und wusste auch nicht mehr, wie sie im Bett gelandet sind. Dieses Mal weiß er sehr genau, wie er hier gelandet ist...

Ein sachtes Grinsen schleicht sich auf Alexanders Gesicht, als er ein paar der Haarsträhnen nimmt und spielerisch daran herumzupft. Ein gequältes Murmeln dringt an seine Ohren, und kurz darauf öffnet Ricki die Augen.

Reflexartig hebt er seinen Arm und versucht den Störenfried zu treffen, der es wagt ihn so zu ärgern. Noch ein wenig verpeilt blickt er hinauf zu Alexander der ihn breit angrinst. Für einige Sekunden starrt Ricki ihn verständnislos an, bevor ihn die Erleuchtung wie ein Schlag trifft. Mit großen Augen starrt er Alexander an, der nun anfängt zu lachen.

"Morgen", sagt er grinsend und wuschelt Ricki durch die schon recht zerzottelte Mähne. Der wird daraufhin leicht rot im Gesicht. Also eines steht fest, dieses Mal scheint er keine Halluzinationen zu haben.

>Er ist noch da<, schießt es ihm durch den Kopf und augenblicklich verspürt er wieder dieses angenehme Kribbeln in seinem Magen, dass ihn fast wahnsinnig macht. Er ist nicht gegangen, er ist tatsächlich bei ihm geblieben und lacht ihn jetzt an.

"Morgen", erwidert er schließlich und lächelt breit. Ungeduldig strampelt er die Decke zurecht und krabbelt ein Stückchen weiter hoch, um Alexander einen 'Guten-Morgen'- Kuss zu geben.

Der zuckt ein wenig überrumpelt zusammen, bevor er leicht zögernd den Kuss erwidert. Daran muss er sich wirklich erst gewöhnen. Immerhin ist das seine erste 'Beziehung' und so ganz normal ist ihr Verhältnis nicht gerade.

"Frühstücken... oder im Bett bleiben?", fragt Ricki plötzlich und grinst verschwörerisch. Alexander schluckt hart und er muss sich erst einmal laut räuspern. Das kann doch wohl nicht sein. Gerade mal zwei Minuten wach und schon kommt die erste Zweideutigkeit.

>Da hab ich mir ja was eingebrockt<, denkt er seufzend und wirft einen Blick auf den Funkuhrwecker. Es ist gerade mal kurz nach halb neun. Für seine Verhältnisse noch ziemlich früh, wenn man bedenkt, wann er letzte Nacht ins Bett gekommen ist.

"Wie wäre es, wenn du im Bett bleibst und ich das Frühstück mache?", entgegnet er schließlich, woraufhin Ricki schmollend das Gesicht verzieht. Um ehrlich zu sein, hat er persönlich mit einer anderen Antwort gerechnet, aber na schön.

"Na gut...", gibt er seufzend zurück und rollt sich von Alexander runter, der nun ein wenig verdutzt auf den schwarzhaarigen Jungen neben sich blickt. Was hat er denn nun schon wieder falsch gemacht? Entweder hat er mal wieder nicht mitgekriegt, was Ricki mit seiner Frage eigentlich wollte, oder aber, der andere leidet unter gewaltigen Stimmungsschwankungen, da er von einer Sekunde auf die nächste gleich so frustriert wird.

"Guck nicht so reuevoll", sagt Ricki schließlich und versucht sich sein Lachen zu verkneifen. Irgendwie ist es ja niedlich, wie leicht er Alexander ein schlechtes Gewissen machen kann. "Also, ich nehm ne Portion Rühreier mit Ketschup und Maggi und nen Kakao... ein Toast mit Marmelade wäre auch nicht schlecht", fügt Ricki nachdenklich hinzu.

"Aber essen kannst du alleine, oder?", fragt Alexander daraufhin und stöhnt missmutig auf. Das hat er jetzt von seiner Freundlichkeit. Seufzend schält er sich aus der Bettdecke und streckt sich erst einmal. Sein rechter Arm fühlt sich irgendwie so schlapp an. Wahrscheinlich liegt es daran, dass Ricki die letzte Nacht darauf gelegen hat.

"Wenn es dir lieber ist, kannst du mich auch füttern", entgegnet der kleine Grufti grinsend, und erhält dafür einen mahnenden Blick von Alexander und seinen gestreckten Mittelfinger. Schön, dann halt nicht, aber versuchen kann man es ja.

Schlurfend begibt Alexander sich zur Tür. Gähnend drückt er die Klinke hinunter und verlässt den Raum. Ricki blickt ihm lächelnd nach, bevor er anfängt zu lachen, sein Kissen umarmt und sich einmal hin und herrollt.

Das kann alles nicht wahr sein. Er muss noch träumen. Glucksend drückt er sein Gesicht in das weiche Kissen und atmet einmal tief durch. Er hört sein Blut in den Ohren rauschen und er fühlt sein Herz wild gegen seinen Brustkorb hämmern.

Das Piepsen seines Handys reißt ihn aus seinen Gedanken und er richtet sich in seinem Bett auf. Wer um alles in der Welt wagt es ihn jetzt zu stören? Grummelnd erhebt er sich und tapst hinüber zu seinem Sofa, auf dem er sein Handy gestern Nachmittag liegengelassen hat.

Ein breites Grinsen schleicht sich auf sein Gesicht, als er auf dem Display das Symbol für die Kurzmitteilungen sieht und kurz darauf die Nachricht liest, die hundertprozentig von Patrick stammt.

Ob er Marks Nummer hat? Wie kommt der Depp denn darauf? Mit dem Handy in der Hand stürmt Ricki aus seinem Zimmer und läuft die Treppe hinunter. Auf dem Flur hört er bereits leise Musik, die eindeutig aus der Küche kommt.

Zielstrebig läuft er auf sie zu und stößt die Tür auf. Am Herd steht Alexander und rührt in einer Pfanne herum, während aus dem Radio gerade die neuesten Verkehrsnachrichten angesagt werden.
 
Verdutzt starrt der blonde Junge ihn an. Was ist denn nun wieder kaputt? Er dachte, dass Ricki im Bett bleiben wollte.

"Wie lautet Marks Handynummer?", fragt Ricki direkt und legt den Kopf schief.

"Häh? Wieso?" Mit einem verwirrten Gesichtsausdruck mustert Alexander sein Gegenüber. Was zum Teufel will Ricki denn jetzt mit Marks Nummer? Hat er wieder was nicht mitgekriegt?

"Patty will ihn mal anfunken", entgegnet Ricki grinsend und deutet auf sein Handy. Alexander hebt skeptisch eine Augenbraue, bevor er die Nummer seines besten Freundes preisgibt. Na, der wird sich auch wundern. Nachdem, was dieser Verrückte gestern mit ihm gemacht hat, wird Mark wahrscheinlich einen Herzinfarkt kriegen, wenn er plötzlich Patricks lautes Organ zu hören kriegt.

"Ok... so... und ab", murmelt Ricki, während er auf die Tasten einhämmert. Er sieht jetzt schon das Leuchten in Patricks Augen, nachdem dieser die Nummer vor Augen hat.

"Wenn du schon unten bist, kannst du ja mal den Kakao machen", meint Alexander plötzlich und stellt die Herdplatte aus.

Ricki seufzt resigniert und kramt im Kühlschrank nach der Milch. Sein Blick wandert daraufhin auf eine Schüssel, in der außer der Eierschale noch eine gehörige Portion Eiweiß herumschwimmt.

"Sag mal, was pulst du da eigentlich immer an den Eiern herum. Die kann man doch am Pfannenrand aufschlagen und dann hat sich die Sache", sagt er verständnislos, woraufhin Alexander ihn entsetzt anguckt.

"Denkst du etwa, ich will die Schnirkel mitessen?", entgegnet er mit einem sichtbaren Ekel im Gesicht.

"Die was?", fragt Ricki irritiert und betrachtet seinen Halbbruder skeptisch. Was ist denn nun wieder ein Schnirkel?

"Na... diese weißen langen glibberigen Dinger im Ei... wir sagend dazu immer Schnirkel", murmelt er stöhnend und verteilt die Eier auf zwei bereitstehende Teller.

"Du hast doch nen Schaden." Ricki grinst breit und schüttet kopfschüttelnd etwas Kakaopulver in zwei Gläser. Man lernt doch immer wieder was dazu.

"Wenn du die Dinger mitessen willst, dann bitte, aber ich bin nicht scharf darauf am frühen Morgen zu brechen", grummelt Alexander und platziert die Teller auf dem Tisch. Die Toasts sind inzwischen im Toaster hochgeschnellt und werden kurz darauf aus ihm herausgeholt.

"Wie kann man nur so pingelig sein?", fragt der Schwarzhaarige lachend und fischt sich den Ketschup sowie das Maggi aus dem Kühlschrank.

"Nicht jeder ist so ein Müllschlucker wie du", entgegnet Alexander beleidigt und beobachtet skeptisch, wie Ricki sich kichernd eine gehörige Portion Ketschup und Maggi auf seine Eier kloppt. Na dann Mahlzeit.

"Wie kann man nur so was essen? Ich meine Ketschup ok, aber mit Maggi?" Zweifelnd nippt Alexander an seinem Kakao und beobachtet Ricki, der sich schulternzuckend etwas von der gelb-rot-braunen Pampe in den Mund schiebt.

"Gewohnheitssache. Mum hat das auch immer so gegessen", sagt er mit vollem Mund und bricht sich den Toast in der Mitte durch. Was denn? Nur Erdbeermarmelade? Was ist denn das für ein Zustand!

"Du... redest nicht oft... über sie", bemerkt Alexander zögernd. Das letzte was er will, ist, dass Ricki sich schlecht fühlt, aber wenn er so darüber nachdenkt, so hat sein kleiner Hausfreak so gut wie noch nie etwas über sein altes Leben oder seine Mutter erzählt.

Ricki sieht ihn ein wenig bekümmert an, bevor er sich eine Ecke seines Toasts zwischen die Zähne schiebt. Nachdenklich kaut er darauf herum und schluckt es hinunter.

"Es interessiert doch eh keinen", murmelt er schließlich und schlürft etwas von seinem Kakao. Warum sollte er über seine Vergangenheit reden? Niemand hier hat seine Mutter gekannt, also hat es sie auch nicht zu interessieren, was zwischen ihnen war.

"Dad hat doch schon einmal versucht mit dir darüber zu reden-", beginnt Alexander, verstummt aber, als er Rickis wütenden Blick bemerkt. Das war wahrscheinlich nicht so schlau gewesen. Vielleicht hätte er das Thema doch nicht anschneiden sollen.

"Pff... das einzige was ich mir anhören durfte waren Dinge, die meine Mutter als Lügnerin dargestellt haben und auf so einen Scheiß habe ich keinen Bock", gibt er in einem ruhigen Ton zurück und sieht Alexander ernst an.

Na wunderbar. Nun ist seine Stimmung im Keller. Da hat er sich die letzten zweieinhalb Monate bemüht, den Vorfall so gut es geht zu verarbeiten und nun muss Alexander wieder damit anfangen.

"Tut mir leid... wenn dir das unangenehm ist, dann belassen wir es dabei", versucht Alexander ihn zu beruhigen, dem es schon wieder leid tut, dass er überhaupt angefangen hat zu fragen.

"Es ist mir nicht unangenehm... nur ich habe mir zu Hause schon ständig das ganze Mitleidsgesäusel der anderen Leute anhören dürfen und mir steht es bis hier oben", murmelt er angesäuert und lehnt sich in seinem Stuhl zurück.

"Sorry", entgegnet Alexander kleinlaut. Er stellt es sich schon schrecklich vor, wenn jemand der einem nahe gestanden hat, plötzlich stirbt und auf einmal alle einen auf Mitleid machen und einen bedauern.

"Kannst ja nichts dafür", seufzt Ricki und lächelt sacht. Alexander kann immerhin am wenigsten etwas dafür, der einzige der etwas für diese scheiß Lage kann, ist der angetrunkene LKW-Fahrer, der damals das Auto seiner Mutter erwischt hat.

"Hmhm... aber wenn du reden willst...", fährt er zögernd fort und sieht Ricki unruhig an.

"Hey, mach dir keinen Kopf. Mir geht's gut...", beruhigt Ricki seinen Halbbruder, der ihn trotzdem ungläubig betrachtet. "Glaub mir... Ich hab mich zur genüge bei Patty ausgesprochen und ausgeheult... Mum sagte auch immer, man soll noch vorne gucken", fügt er leise hinzu und nimmt einen weiteren Schluck von seinem Kakao.

Schweigend starrt Alexander Ricki an. Er kann sagen was er will, aber für ihn sieht es so aus, als wenn der kleine Grufti diese Erinnerungen verdrängt und alles in sich hineinfrisst. Wie von Geisterhand gesteuert steht Alexander auf und umarmt Ricki von hinten. Der sieht ihn ein wenig überrumpelt an, bevor er die Augen schließt und sich nach hinten lehnt.

"Willst du mal ein Bild von ihr sehen?", fragt Ricki plötzlich und dreht seinen Kopf etwas zur Seite. Alexander nickt vorsichtig, bevor er Ricki aus der Umarmung entlässt und dieser die Küche verlässt.

Laute Schritte sind auf der Treppe zu hören, dann ist es für einige Sekunden still, bevor abermals lautes Poltern zu hören ist. In einer Hand hält Ricki sein Portemonnaie und zieht aus einem Fach ein kleines Bild heraus als er die Küche wieder betritt.

"Da...", sagt Ricki lächelnd und deutet auf eine junge Frau mit kastanienbraunen Haaren und dunkelblauen Augen die frech in die Kamera grinst. Schweigend betrachtet Alexander das Bild und die Ähnlichkeit die diese Frau mit Ricki hat ist schon verblüffend. Der Gesichtsausdruck der entsteht wenn Ricki grinst, ähnelt dem der Frau extrem.

"Das war vor einem Jahr, das ist das aktuellste Bild von ihr das ich habe", murmelt Ricki leise und starrt ein wenig betrübt auf das Bild. Soviel also zu seinem Plan keinen Erinnerungen nachzuhängen.

"Danke", sagt Alexander plötzlich und lächelt Ricki an. Der sieht verwirrt auf und legt den Kopf schief.

"Wofür?"

"Das du mir das gezeigt hast", entgegnet Alexander und gibt Ricki einen Kuss auf die Wange. Verdattert blickt Ricki in Alexanders Gesicht, bevor er resigniert aufseufzt und das Bild wieder in seinem Portemonnaie verschwinden lässt.

"Ist schon ok... das Leben geht weiter", wispert Ricki und atmet einmal tief durch. Es ist ein eigenartiges Gefühl plötzlich wieder mit jemandem darüber zu sprechen. Eigentlich hat er die ganze Zeit versucht mit dem Thema abzuschließen.

"Aber nicht in seinem gewohnten Gang", meint Alexander bekümmert und sieht Ricki mitleidig an. Dass dieser ihn daraufhin breit angrinst verwirrt ihn dann aber doch. Ricki hebt seine Hand und tippt Alexander an die Stirn.

"Du solltest Psychodoktor werden", meint er lächelnd und zwickt Alexander in die Wange. Der schnauft beleidigt und sieht Ricki missmutig an. Na toll, er macht sich Sorgen, versucht mit ihm über seine Probleme zu reden und nun wird er wieder verarscht.

"Altes Ekel", stöhnt Alexander und fährt sich durch die Haare. Naja, vielleicht sollte er es erst einmal dabei belassen. Wenn sein Halbbruder mit ihm reden will, wird er schon von selbst kommen. Ihn zu einem Gespräch zu zwingen bringt eh nichts.

Schweigend nehmen sie wieder auf ihren Stühlen platz. Ein wenig gedankenverloren rührt Ricki in seinem Kakao rum. Langsam breitet sich wieder diese unangenehme Stille aus und er seufzt leise.

Wahrscheinlich wäre es doch besser gewesen, wenn Alexander das Thema nicht angeschnitten hätte, irgendwie fühlt er sich jetzt seltsam. >Lenk dich ab<, ermahnt er sich in Gedanken und wirft einen kurzen Blick auf seinen Halbbruder, dem dieses Schweigen anscheinend auch nicht gerade angenehm ist.
 
Lustlos kaut Alexander auf seinem Toast herum und versucht den Blickkontakt mit Ricki zu vermeiden. Hoffentlich ist er nicht doch böse auf ihn, dass er ihn auf seine Mutter angesprochen hat.

Rickis Handy piepst plötzlich laut auf und durchbricht die entstandene Stille. Hibbelig greift Ricki sich das kleine Objekt und drückt auf den Tasten herum. Sein Lächeln wandelt sich langsam zu einem breiten Grinsen und am Ende lacht er leise auf.

"Rate mal, wen Patty überredet hat, ihn besuchen zu kommen", flötet Ricki schließlich und wackelt zweideutig mit den Augenbrauen.

"Nee!", entfährt es Alexander und er sieht Ricki ungläubig an. Der verarscht ihn doch nur wieder. Er kann sich überhaupt nicht vorstellen, dass Mark es tatsächlich in Erwägung zieht, Patrick zu besuchen, nachdem dieser ihn gestern so überrumpelt hat.

"Wir sollen auch mitkommen. Patty sagt in zwei Wochen hat er für drei Tage sturmfrei", sagt Ricki belustigt, dem der Gesichtsausdruck seines Halbbruders gewaltig amüsiert. Es ist einfach zu niedlich, wenn Alexander mal wieder guckt wie jemand, der eine Palette Bluna auf ex gesoffen hat.

"Ahja... ok, sofern ich Mark am Ende nicht einweisen lassen muss", erwidert Alexander grinsend. Der Gedanke mal für ein paar Tage aus diesem Nest herauszukommen klingt gar nicht mal so schlecht. 


 
Kapitel 26: Traute Zweisamkeit


Laute Motorgeräusche reißen Ricki aus seinem wohlverdienten Schlaf. Murrend reibt er sich mit dem Handrücken über die Augen und blinzelt verschlafen durch sein Zimmer. Gähnend streckt er sich und richtet sich mühsam in seinem Bett auf.

Seufzend starrt er auf die Matratze die ihm heute so groß und vor allem leer erscheint. Aber wahrscheinlich liegt es daran, dass Alexander es vorgezogen hat, die letzte Nacht alleine in seinem eigenen Zimmer zu verbringen. Da half gestern weder bitten noch betteln, der Blondschopf blieb eisern.

Kein Wunder, dass ein gewisser Grufti daraufhin eher bescheiden geschlafen hat. Schließlich hat er niemand gehabt, den er mal liebevoll anflauschen konnte. Nun gut, man kann eben nicht alles haben und so wie er das ganze sieht, hat Alexander sich so entschieden, weil er ihn wieder zu sehr bedrängt hat.

Obwohl, was ist schlimm daran, wenn man beim Fernsehgucken ein bisschen näher herangerutscht kommt und einige harmlose Zweideutigkeiten in das Ohr seines Geliebten flüstert?

Schweigend sitzt Ricki auf seiner Decke und legt die Stirn in Falten. Gestern war ohnehin ein eigenartiger Tag. Eine seltsame Spannung lag in der Luft. Ob das mit ihrem gestrigen Gespräch zu tun hatte? Seltsamerweise hat er diese Nacht keinen Alptraum bezüglich seiner Mutter gehabt. Sonst war es immer so, dass er miserabel geschlafen hat, wenn jemand ihn auf dieses Thema angesprochen hat. Umso mehr verwundert es ihn, dass es diese Nacht nicht der Fall war.

Stöhnend schwingt er die Beine über die Bettkante und erhebt. >Nicht dran denken<, ermahnt er sich selbst und verlässt sein Zimmer. Unschlüssig steht er auf dem Flur und starrt auf die geschlossene Tür, die ihn von seinem Halbbruder trennt.

Auf Zehenspitzen schleicht er auf die Tür zu und drückt vorsichtig die Klinke hinunter. Ricki hält den Atem an, als er durch den offenen Spalt in den abgedunkelten Raum späht. Alexander liegt schlafend und in seine Decke gewickelt auf dem Bett und umarmt sein Kissen.

Ein sachtes Lächeln schleicht sich auf Rickis Gesicht. Nein, es wäre wirklich unmenschlich ihn jetzt zu wecken. Schon seltsam, vor einigen Wochen hätte er nicht einmal im Traum daran gedacht, den anderen Jungen in Ruhe weiterschlafen zu lassen.

"Du wirst wirklich noch zum Weichei", schimpft er mit sich selbst und zieht die Tür leise zu. Kopfschüttelnd latscht er die Treppe hinunter und macht sich auf den Weg zur Küche. Er kann ja im Prinzip mal so sozial sein, und Frühstück machen.

Summend öffnet Ricki den Kühlschrank. Ok, was isst Alexander gerne? Ratlos lässt er seinen Blick über die verschiedenen Lebensmittel wandern. Oh man, wie erbärmlich. Jetzt wohnt er schon ein paar Wochen hier und weiß noch nicht einmal, was Alexander immer zum Frühstück isst.

"Schande über dein Haupt", ruft er missmutig und verpasst sich selbst eine Kopfnuss. Wie hat Alexander ihn letztens bei Aldi genannt? Baka oder so ähnlich, auf jeden Fall klang es für ihn wie ein Katalog wo man Grünzeug bestellen kann.

Seufzend holt er ein paar Esswaren heraus und stellt sie auf einem Tablett ab. Gut, wenn nicht so, dann eben anders. Jetzt kann Alexander sich selbst rauspicken was er essen will... und er wird sich dann gleich mal einprägen was der Blondschopf sich auf seinen Toast packt. So schwer ist das ja nun nicht.

*~*~*~*~*

Irritiert hebt Alexander eine Augenbraue. Also irgendwie scheint es heute Morgen bei ihm zu spuken. Er hätte schwören können, dass vorhin seine Zimmertür geöffnet wurde. Und nun hört er so ein eigenartiges plumpes Geräusch und leises Fluchen vor seiner Tür.

Neugierig schält er sich aus seiner Decke und geht auf die Tür zu. Mit einem kräftigen Ruck reißt er diese auf und erstarrt. Mit großen Augen betrachtet er Ricki, der mit einem beladenen Tablett in den Händen auf einem Bein balanciert.

"Was... tust du da?", fragt Alexander verdutzt und betrachtet den kleinen Grufti, der sich mit leicht geröteten Wangen an ihm vorbeidrängt und das Tablett auf Alexanders Schreibtisch abstellt.

Was er da tut? Er hat gerade versucht mit seinem Bein die Türklinke hinunterzudrücken, damit er das Tablett nicht extra absetzten muss. Doch wenn er genauer darüber nachdenkt, hätte er besser daran getan das Tablett auf dem Boden zu platzieren. Aber hinterher ist man ja bekanntlich immer schlauer.

"Hab Frühstück gemacht", entgegnet Ricki knappt und grinst breit. Alexander sieht ihn skeptisch an, bevor er auf den Schwarzhaarigen zugeht und ihm die Hand an die Stirn hält. Überrumpelt starrt Ricki Alexander an, der ihn durchdringend mustert.

"Kein Fieber", murmelt dieser und wirft einen Blick auf das Tablett. Ricki bläst empört seine Wangen auf und stemmt die Hände in die Hüfte. Was bitte schön soll er denn davon halten? Sein Gegenüber tut ja geradezu so, als wenn er auf den Kopf gefallen wäre, da er Frühstück gemacht hat.

"So dankst du es mir, gut zu wissen", sagt Ricki leicht beleidigt. Alexander grinst breit, bevor er an Rickis Hinterkopf packt und ihm sein Haarband herauszieht. Sichtlich verdattert sieht Ricki seinen Halbbruder an, bevor er ihn am Nachtshirt packt.

"Sag mal, das macht dir wohl Spaß", meint er gespielt wütend und zupft an Alexanders Hemd herum. Der zuckt nur mit den Schultern und lässt das Band auf seinen Schreibtisch fallen. Ohne auf Rickis Frage zu antworten fährt er mit seinen Fingern durch die langen pechschwarzen Strähnen.

"Irgendwie siehst du aus wie Lucifer...", murmelt Alexander und betrachtet Ricki interessiert. Für einige Sekunden starrt Ricki Alexander verständnislos an, bevor sich ein breites Grinsen auf sein Gesicht schleicht.

"Bitte? Ich sehe aus wie Lucifer? Bisst du sicher, dass du kein Fieber hast?", fragt er lachend und tatscht Alexander an die Stirn. Also langsam wird ihm der Blonde unheimlich. Was fängt er denn nun mit Lucifer an?

"Nein, ich meine, wenn du die Haare offen hast siehst du aus wie Lucifer aus Angel Sanctuary", erwidert Alexander stöhnend und geht hinüber zu seinem Schrank. Ricki steht weiterhin verwirrt da und fragt sich, ob Alexander wirklich schon wach ist. Was labert der Kerl da?

Als der Blondschopf allerdings seine Schranktüren öffnet und dutzende von Mangas zum Vorschein kommen, kriegt Ricki wirklich große Augen. Himmel Herr Gott, hat der Junge einen Buchladen geplündert?

Nach einigen Sekunden des Suchens zieht Alexander ein türkisschwarzes Buch hervor und beginnt darin zu blättern. Kurz darauf grinst er zufrieden und hält Ricki den aufgeschlagenen Manga unter die Nase, während er mit seinem Zeigefinger auf einen schwarzhaarigen Mann deutet.

"Der da. Ich finde du siehst beinahe so aus wie der", sagt Alexander lächelnd und übergibt Ricki den Manga, der skeptisch den dunklen Mann betrachtet. Also wenn Lucifer so aussieht, dann würde er freiwillig die Hölle vorziehen. Aber ob er dem Typen ähnlich sieht, kann er nicht beurteilen.

"Sag mir nicht, dass du mir ständig mein Band klaust, weil ich angeblich Ähnlichkeit mit dem Kerl da habe", entgegnet Ricki beunruhigt und fällt beinahe aus allen Wolken, als sich auf Alexanders Gesicht ein leichter Rotschimmer bildet und er scheinheilig auf den Boden guckt.
 
"Nun ja... ich find den Kerl gut...", druckst Alexander herum und imitiert einen Hustenanfall. Augenzuckend legt Ricki das Buch beiseite und straft Alexander mit einem angesäuerten Blick. Na vielen Dank auch, jetzt vergleicht er ihn schon mit einer Comicfigur, wie aufbauend

"Hey, das ist als Kompliment gedacht. Eigentlich müsstest du dich doch freuen, wenn ich dich mit dem Höllenfürsten vergleiche", fügt Alexander entschuldigend hinzu und kratzt sich verlegen am Hinterkopf.

"Soso, sollte ich. Aber lass mich eines klären, ich bin ein Gothic und kein Satanist", murmelt Ricki verstimmt und verschränkt die Arme vor der Brust. Das hat ihm gerade noch gefehlt, dass Alexander auch einer von der Sorte ist, die denken, dass man ein Satanist ist, nur weil man schwarze Kreuze und schwarze Klamotten trägt.

"Weiß ich doch. Jetzt sei nicht gleich eingeschnappt, das war doch nur eine Feststellung", seufzt Alexander und lässt sich auf seinen Drehstuhl sinken. Das letzte was er will, ist Streit mit Ricki, denn den hat er in den letzten Tagen schon zur genüge gehabt.

"Knie nieder und entschuldige dich bei deinem Fürsten", erwidert Ricki mit belegter Stimme und deutet auf den Boden. Alexander lächelt sacht und tippt sich an die Stirn.

"Dann eben nicht. Ich hab Hunger." Ricki stöhnt resigniert, krallt sich das Tablett und lässt sich damit auf Alexanders Ledersessel plumpsen. Vorsichtig schiebt er ein paar Hefte zur Seite und stellt das Tablett ab. Im Schneidersitz macht er es sich bequem und deutet auf den anderen freien Sessel.

*~*~*~*~*

"Müssen die schon so früh wiederkommen?", fragt Ricki missmutig und rührt in seinem Eistee herum. Wer hätte gedacht, dass zwei Wochen so schnell vorbeigehen und sein Erzeuger in ein paar Tagen wieder hier eintrudeln wird.

"Hast du gedacht, sie bleiben ewig weg?", entgegnet Alexander leise und nippt an dem orangegelben Getränk. Die Tatsache, dass seine Eltern bald wieder kommen, beunruhigt ihn enorm.

Immerhin müssen sie dann aufpassen, wie sie sich in ihrer Gegenwart verhalten. Er bezweifelt nämlich, dass seine Mutter einem Herzinfarkt entgehen wird, wenn er ihr eröffnet, dass er dabei ist, eine Beziehung mit seinem Halbbruder zu führen. Von seinem Vater mal ganz abgesehen, der wird, soviel Toleranz er auch hat, sie beide in eine Sitzung stecken.

"Scheißdreck", wispert Alexander und stellt sein Glas ab. Darüber hat er sich noch gar keine großen Gedanken gemacht. Das ist... einfach so passiert. Und nun hat er den Salat. Er bezweifelt, dass Ricki es fertig bringt, sich soweit zurückzuhalten. So, wie er die Sache sieht, ist es seinem Halbbruder so ziemlich egal, was andere darüber denken, aber ihm ist das nicht so ganz egal.

Wenn davon auch nur die kleinste Kleinigkeit an die Öffentlichkeit gerät, sind sie in wenigen Stunden das Dorfgespräch Numero Uno. Das ist wahrhaftig der Nachteil, wenn man in so einem kleinen Kaffdorf lebt. Jeder kennt jeden, und wenn einer aus der Gemeinde 'Dreck am Stecken' hat, dann wird man behandelt wie ein Außenseiter.

Gerade das, was sich zwischen ihm und Ricki aufgebaut hat, wäre für diese Klatschgeier ein gefundenes Fressen. Er könnte sich nicht mehr auf der Straße blicken lassen, ohne verachtend angestarrt zu werden. Alle würden über sie reden und was in der Schule ablaufen würde, daran will er lieber gar nicht erst denken.

"Geht es dir gut? Du bist ganz blass", vernimmt er plötzlich Rickis Stimme, die ihn aus seinen Gedanken reißt. Ertappt blickt er zu seinem Halbbruder hinüber und langsam steigen gewisse Zweifel in ihm auf. Hat er das richtige getan? Vielleicht war das Ganze einfach nur eine Kurzschlussreaktion, denn immerhin herrschte eine seltsame Stimmung auf dem Balkon, als er und Ricki sich erheblich näher gekommen sind.

"Ich frage mich... ob das gut gehen wird", sagt Alexander leise und weicht Rickis Blick aus. Nein, für ihn ist klar, auf Dauer kann das einfach nicht gut gehen. Früher oder später wird die ganze Sache auffliegen, und dann sind sie beide gewaltig am Arsch.

"Du solltest aufhören zu grübeln. Du wirkst dann immer so abwesend...", meint Ricki besorgt und richtet sich in seinem Liegestuhl auf. Gleich muss er in den Schatten umsiedeln. Noch ein paar Minuten länger in dieser brütenden Hitze und er kann sich nachher wieder häuten.

"Wenn du dir keine Gedanken darüber machst, muss ja wenigstens ich darüber nachdenken", erwidert Alexander launisch und wirft Ricki einen vorwurfsvollen Blick zu. Wie kann er nur so leichtfertig damit umgehen? Immerhin haben sie beide ein ernstzunehmendes Problem.

"Ich mache mir Gedanken, aber du grübelst einfach zuviel. Das ist ungesund und du machst dich damit nur selbst verrückt." Ächzend schiebt Ricki seinen Liegestuhl um den Tisch herum auf Alexanders Seite und lässt sich gut einen Meter von ihm entfernt im Schatten nieder.

"Die Geheimnistuerei macht mich verrückt, nicht das Grübeln." Seufzend leert Alexander sein Glas in einem Zug aus und wischt sich die Mundwinkel trocken. Er war noch nie besonders gut im Lügen.

Als er mit Dreizehn mal eine Zigarette probiert hat, wollte er das vor seiner Mutter verheimlichen, aber nach ein paar Stunden hat ihn das schlechte Gewissen sosehr geplagt, dass er ihr alles erzählt hat.

Er ist kein Mensch, der etwas verheimlichen kann, von dem er weiß, dass seine Eltern nicht sehr erfreut darüber sein werden. In dieser Hinsicht haben die beiden wirklich ganze Arbeit in ihrer Erziehung geleistet. Aber eines steht fest, wenn es nicht die Angst ist erwischt zu werden, so wird es diese Geheimnistuerei sein, die ihn wahnsinnig machen wird. Sein Gewissen plagt ihn ja jetzt schon, er möchte ja nicht wissen, was passiert wenn seine Eltern wieder zu Hause sind.

"Du machst dir das Leben zu schwer. Was denkst du wird passieren? Ich bezweifle, dass sie dich rausschmeißen werden", versucht Ricki ihn zu beruhigen, streckt seinen Arm nach Alexander aus und beginnt wild in der Luft herumzufuchteln.

"Das nicht... aber sie werden bestimmt keine Lobeshymne auf uns verfassen", seufzt Alexander resigniert und streckt seinen Arm ebenfalls aus. Lächelnd umklammert Ricki seine Hand und fährt mit dem Daumen über Alexanders Handrücken.

"Wenn dich wer blöd anmacht, kriegt er nen Tritt von mir."

"Das ist nicht komisch. Hast du schon mal daran gedacht, wie wir das in der Öffentlichkeit machen? Da kannst du nicht einfach mal so meine Hand halten wie jetzt", grummelt Alexander frustriert und lässt seinen Blick durch den Garten wandern.

Es ärgert ihn, dass Ricki sich der Ernsthaftigkeit der Lage nicht bewusst ist. Was stellt er sich denn vor, dass er morgens zum Frühstück herunter kommen, ihn vor seinen Eltern einen Kuss auf die Wange geben und dann seelenruhig sein Müsli essen kann?

"Ich nehme diese Sache sehr wohl ernst, aber im Gegensatz zu dir, versuche ich optimistisch zu denken, anstatt mir auszumalen, was alles für schreckliche Dinge passieren können. Meine Herrn, wir sind ja nicht mehr im Mittelalter und verbrannt werden schon lange keine Leute mehr, also reiß sich mal zusammen", fährt Ricki ihn ungehalten an und umklammert Alexanders Hand fester.

Wenn er sich von Anfang an einredet, dass die ganze Sache tragisch enden wird, dann ist eh alles zum Scheitern verurteilt. Ein bisschen mehr Vertrauen kann er ihm ja wohl entgegenbringen, dass er sich in der Öffentlichkeit soweit zurückhalten kann.

"Ich glaube mir wird schlecht", stöhnt Alexander gequält und fährt sich mit der linken Hand durch die Haare. Langsam kriegt er wirklich Kopfschmerzen. Nicht nur, dass sein Gewissen ihn plagt, nein, jetzt fängt auch noch Ricki an ihm Vorwürfe zu machen.

"Dann geh dich auskotzen und komm dann wieder", entgegnet Ricki leise, erhebt sich von seinem Stuhl und krabbelt auf Alexanders Schoß, wobei er seine Hand keinen Augenblick loslässt.

Schweigend lehnt er seine Stirn an Alexanders Schulter und stöhnt leise auf. "Mache ich dich krank?", fragt er leise und schließt die Augen.

"Nein... ich glaube ich mache mich selbst krank", flüstert Alexander und umarmt den kleineren Jungen vorsichtig. Schon seltsam, er könnte schwören, dass er Schritte auf der Einfahrt hört. Wahrscheinlich hat er schon Halluzinationen von seinem ständigen Gegrübel.

>Mach dich nicht selbst verrückt...<, ermahnt er sich gedanklich und umarmt Ricki fester. Der lächelt zufrieden und richtet sich auf, damit er Alexander besser ins Gesicht gucken kann. Langsam umfasst er mit seinen Händen das Gesicht des Blondschopfes und beugt sich weiter zu ihm vor.

"Alex?", durchbricht plötzlich eine Stimme die entstandene Stille und erschrocken fahren die beiden auseinander. Wie zur Salzsäule erstarrt blickt Alexander in Richtung Garage, an deren Wand ein braunhaariger Junge steht und sie beide mit einem undefinierbaren Blick betrachtet. Dann hat er sich diese Schritte doch nicht eingebildet.
 
Entsetzt starren Ricki und Alexander zu dem Jungen hinüber, der nicht so recht weiß, was er jetzt machen soll. Er hat die beiden gerade in einer ziemlich eindeutigen Pose ertappt, die ihn extrem verwirrt. Unfähig etwas zu sagen, dreht er sich um und geht.

"Mark! Warte!", schreit Alexander verzweifelt, springt von seinem Stuhl auf und läuft hinter seinem besten Freund her. 


 
Kapitel 27: Ein offenes Geheimnis?


Nervös kaut Alexander auf seinem Strohhalm herum. Was soll er denn jetzt nur machen, oder besser gesagt, wie soll er Mark die ganze Angelegenheit erklären, ohne dass sein bester Freund wieder vom Grundstück stürmt?

>Erde, tu dich auf und verschluck mich<, geht es Alexander durch den Kopf und er wirft einen hilflosen Blick zu Ricki, der ebenfalls schweigend in einem Ledersessel sitzt und mit Mark ein regelrechtes Blickduell begonnen hat.

Alexander ist ja schon froh, dass er Mark noch eingeholt und ihn soweit gebracht hat, dass er sich dazu bereit erklärte mit ins Haus zu kommen. Aber nun? Jetzt sitzen sie drei schweigend im Wohnzimmer und wie es scheint, traut sich keiner so recht den Anfang zu machen.

Alexander seufzt resigniert und fährt sich durch die Haare. Ok, jetzt heißt es tief durchatmen und vor allem Ruhe bewahren. Der erste Satz ist bestimmt einer der wichtigsten, daher heißt es jetzt gut nachdenken, bevor er Mark über gewisse Dinge in Kenntnis setzt. Ein dicker Kloß hat sich in seinem Hals gebildet und seine Kehle fühlt sich unnatürlich rau an, wobei er an sein armes Herz erst gar nicht denken will, denn das hat in den letzten Tagen bestimmt schon des Öfteren vor einem Infarkt gestanden.

>Ok... du musst ihm langsam erklären was los ist... bloß nicht voreilig sein<, feuert sich Alexander in Gedanken an und atmet einmal tief durch. Jetzt gibt es kein zurück mehr. Wie er es sich bereits gedacht hat, früher oder später wäre die ganze Sache ohnehin aufgeflogen.

"Wir sind zusammen", sagt Ricki plötzlich und durchbricht somit die unangenehme Stille. Alexander beißt sich vor Schreck auf die Zunge und sieht seinen Halbbruder entsetzt an. Also das nennt man 'mit der Tür ins Haus fallen'. Ganz klasse, muss dieser Freak es ihm ausgerechnet so direkt sagen?

Alexander räuspert sich und flucht leise vor sich hin, da er merkt, dass er inzwischen purpurrot im Gesicht geworden ist. Jetzt ist wieder einer der Momente in denen er Ricki am die Gurgel springen könnte. >Soviel Einfühlungsvermögen wie ein Rhinozeros, typisch.<

Mark blickt zwischen den beiden mit unveränderter Miene hin und her und schließt die Augen. Warum er ausgerechnet jetzt Kopfschmerzen kriegen muss, weiß er selbst nicht, aber in den letzten Tagen ist ohnehin eine ganze Menge durcheinander gegangen.

"Weißt du... Mark... ich...", beginnt Alexander stotternd und würde sich jetzt am liebsten unter dem Sofa zusammenrollen. Was soll er denn jetzt machen? Er ist von Rickis direkter Aussage regelrecht überrumpelt worden.

"Irgendwie... wars offensichtlich", unterbricht Mark ihn und sieht zu seinem besten Freund herüber, der ihn nun sprachlos anstarrt. Ein gequältes Stöhnen entweicht Marks Kehle und er trommelt nervös mit seinen Fingern auf seinem Knie herum.

"Wie?", bringt Alexander heiser hervor und versucht seinen Herz zu beruhigen. Hat man ihnen etwa angesehen, dass sich da etwas zwischen ihnen entwickelt hat? Bei der Vorstellung, dass das eventuell noch anderen Leuten aufgefallen ist, wird ihm ganz schlecht. Ein flaues Gefühl zieht sich durch seinen Magen, dass eine leichte Übelkeit hervorruft.

"Also hattest du schon länger eine Ahnung?", fragt Ricki Mark ernst und mustert dabei Alexander besorgt. So wie der Jüngere aussieht, scheint es ihm nicht sehr gut zu gehen. Trotz seiner Naturbräune sieht er etwas blass um die Nase aus.

"Dass ihr... nein... Nur, dass euer Verhältnis nicht gerade ein normales Bruder-zu-Bruder-Verhältnis ist", murmelt Mark leise und man sieht ihm an, dass er sich nicht gerade wohl in seiner Haut fühlt.

"Wir sind Halbbrüder", wirft Alexander nun ein, der langsam Panik in sich aufsteigen spürt. Dass so eine Konfrontation so Nerven aufreibend ist, hätte er nie gedacht.

"Aber trotz allem Blutsverwandte", entgegnet Mark um einiges lauter. Wieder breitet sich ein unangenehmes Schweigen im Raum aus, nur das unregelmäßige Ein- und Ausatmen der drei Jungen ist zu hören.

"Hast du was gegen Homosexuelle?", erwidert Ricki, und seine Stimme übertönt sogar Marks noch um einiges.

"Nein!" Mittlerweile hat sich nun auch auf dem Gesicht des brünetten Jungen ein rötlicher Schimmer gebildet.

"Jetzt hört auf hier herumzubrüllen!", schreit Alexander aufgebracht und springt von seinem Sessel auf. So kommen sie doch auch nicht weiter. Er hat wirklich keine Lust, dass Mark und Ricki jetzt anfangen sich in die Flicken zu kriegen. Streit ist das letzte, was er gebrauchen kann.

"Ich habe nichts gegen Homosexuelle...", wiederholt Mark in normaler Lautstärke und wirft Ricki einen drohenden Blick zu. Der Kerl soll ihm bloß nicht unterstellen, dass er nicht tolerant ist, denn das lässt er nicht auf sich sitzen. Schließlich hat er die letzten Tage durchgehend mit ihm und seinem durchgeknallten Kumpel Patrick verbracht, ohne irgendeine Abneigung zu verspüren.

"Hätte mich auch gewundert... auf Patty hast du ja nicht gerade abgeneigt reagiert", stichelt Ricki und ein breites Grinsen schleicht sich auf sein Gesicht, als Marks Ohrenspitzen Rot anlaufen.

"Das ist ein ganz anderes Thema Ricki", unterbricht Alexander den Grufti, der sich daraufhin leicht beleidigt in seinem Sessel zurücklehnt.

"Mark, weißt du... das ganze hier lässt sich schwer erklären", fährt Alexander unruhig fort und macht dabei wirre Bewegungen mit seinen Händen. Das alles ist ihm ja so was von unangenehm. Wer weiß, was sein bester Freund jetzt von ihm denkt. Er bezweifelt zwar, dass er es durchs Dorf posaunen wird, aber trotzdem hat er Angst davor, wie er mit der Tatsache umgeht, dass er dabei ist, mit Ricki eine Beziehung aufzubauen. Er selbst kommt ja noch nicht so wirklich damit klar und ist noch unsicher, aber ein Außenstehender, der diesen Werdevorgang nicht nachvollziehen kann, hat bestimmt noch größere Probleme damit zurecht zukommen.

"Ich weiß nicht, was du da noch groß erklären willst", mischt Ricki sich nun ein und sieht Alexander verständnislos an. Er hat doch bereits die Karten auf den Tisch gelegt, also warum zum Teufel druckst der Blondschopf immer noch so drum herum?

"Kannst du nicht einmal im Leben dein scheiß Gleichgültigkeitsgelaber abstellen?!", fährt Alexander ihn an und wirft Ricki einen bösen Blick zu. Gleich schmeißt er ihn wirklich raus. Er versucht hier gerade verzweifelt seinem besten Freund seine Beweggründe zu erklären damit dieser vielleicht ein wenig nachvollziehen kann, was ihn dazu bewegt hat mir Ricki etwas anzufangen, und nun muss besagter Grufti wieder mit seiner 'Mir-egal-was-andere-von-mir-denken'- Einstellung kommen, wirklich große klasse.

"Entschuldige, dass ich atme!", keift Ricki sichtlich angepisst und verlässt fluchend das Wohnzimmer. Also das muss er sich nicht antun. Her Gott, dieses blöde Rumgelabere ist doch zum kotzen. Er versteht einfach nicht, warum Alexander sich so anstellt. Schämt er sich etwa dafür, oder was?

Lautes Poltern ist auf der Treppe zu vernehmen und kurz darauf knallt eine Tür geräuschvoll ins Schloss. Alexander seufzt resigniert und massiert sich die Schläfen. Genau das wollte er verhindern. >Verdammte Scheiße!<

"Ich dreh bald am Rad", murmelt er leise und schließt die Augen. Warum muss im Leben nur alles so kompliziert sein? Er hätte es auch einfacher haben können. Er hätte Ricki von Anfang an auf Distanz lassen und ihn erst gar nicht so nahe an sich heranlassen sollen. Warum hat er nicht einfach mal Marie angelabert, warum nicht? Wenn er mit ihr zusammen wäre, dann würde keiner irgendwelche falschen Vorurteile ihm gegenüber haben. Alles hätte so einfach sein können, aber nein, was macht er? Lässt zu, dass sich eine innige Beziehung zu Ricki aufbaut. Tja, jetzt hat er den Salat.

"Du scheinst wirklich verliebt zu sein", sagt Mark plötzlich und er steht vom Sofa auf und hockt sich vor Alexanders Sessel hin. Der sieht ihn daraufhin perplex an. Den seltsamen Blick seines besten Freundes kann er nicht so wirklich deuten.
 
"Was?", fragt er irritiert und blickt zu Mark hinunter, der nun sachte lächelt.

"Ich will dir sicher nichts kaputt machen, immerhin bist du mein bester Freund... aber... was ihr macht, ist trotzdem gewöhnungsbedürftig", meint er neutral und setzt sich auf den Parkettboden.

"Was denkst du wie es mir geht...? Ich habe noch nie so viele Widersprüche in meinem Kopf gehabt. Ich weiß selbst nicht, wie ich damit umgehen soll... das alles ist... irgendwie seltsam und ungewohnt", entgegnet Alexander stöhnend und allmählich macht sich Erleichterung in ihm breit. Das Mark nach diesem unangenehmen Zwischenfall nicht das Haus verlassen hat, ist schon einmal viel Wert.

"Kann ich mir vorstellen... weißt du, ich wäre vorhin am liebsten im Boden versunken, als ich euch da gesehen habe. Das war mir so peinlich", bringt Mark beschämt hervor und räuspert sich leise.

Wenn er daran zurückdenkt, als er Ricki und Alexander auf dem Liegestuhl gesehen hat, wird ihm wieder ganz komisch. Jemanden in so einer eindeutigen Position zu ertappen ist schließlich nicht nur für die Erwischten peinlich und unangenehm.

"Es war ja auch eigentlich nicht geplant, dass du uns siehst... eigentlich sollte es niemand sehen." Alexander richtet sich im Sessel auf und setzt sich nun im Schneidersitz hin.

"Das hab ich gemerkt. Nach euren Gesichtsausdrücken zu urteilen... Wie lange geht das eigentlich schon?" Neugierig blickt Mark den Blondschopf an, der nun sichtlich überrascht eine Augenbraue hebt.

"Du willst mir doch wohl jetzt nicht sagen, dass du die ganze Geschichte hören willst?", fragt Alexander ungläubig.

"Hey, du sagtest, du willst mir das alles erklären, damit ich es besser nachvollziehen kann. Bitte, ich höre zu", entgegnet Mark bestimmend und sieht Alexander erwartungsvoll an. Es ist nicht so, dass er ein Problem mit Homosexuellen hat, oder damit, dass sein bester Freund etwas mit seinem Halbbruder hat, aber wenn man so was zum ersten Mal selbst miterlebt, ist man natürlich anfangs skeptisch und auch durcheinander. Wer wäre das nicht, schließlich haben die beiden trotz allem den selben Vater.

*~*~*~*~*

Etwas nervös steht Alexander vor Rickis Zimmertür, durch die lautes Trommeln und Geigenkreischen nach außen hervor dringt. >Jetzt schmoll er wieder<, schießt es Alexander durch den Kopf, bevor er den Arm hebt und kräftig mit seiner Faust gegen die Tür klopft. Obwohl, er bezweifelt, dass Ricki ihn bei dieser Lautstärke hören wird.

Nach einigen Sekunden wird es ihm zu bunt, weshalb er auch entschlossen die Türklinke hinunter drückt und Rickis Zimmer betritt. Der liegt singend auf seinem Sofa und wirft in regelmäßigen Abständen einen schwarz angemalten Tennisball gegen die Decke.

In Alexanders Ohren klingeln bereits die Glocken, da die Musik nun viel lauter als zuvor ist. >Dagegen ist ja eine Disco noch harmlos.< Er fragt sich, wie Ricki bei dieser Lautstärke es geschafft hat, noch keinen Tinnitus zu kriegen.

Aus dem CD-Player dringt noch immer lautes Geigenspiel, unterstützt von Schlagzeug, Gitarre und wenn er das richtig heraus hört, einem Dudelsack. Seufzend schließt er die Tür hinter sich und geht auf Ricki zu, der ihn entweder nicht gehört hat, oder aber ihn gekonnt ignoriert.

"Mark ist wieder weg", sagt Alexander laut, um gegen die Musik anzukommen. Wenn er nur wüsste, wo dieser Wahnsinnige die Fernbedienung versteckt hat.

"Tze", ist Rickis einziges Kommentar, bevor er den Tennisball murrend in Richtung Tür schmeißt und Alexander schmollend ansieht. Seine Wut ist schon längst wieder verraucht, aber trotz allem ist und bleibt er ein sturer Dickkopf. Reflexartig greift er zur Fernbedienung und mit einem Knopfdruck verstummt die Musik.

"Er sagt es niemanden", fügt Alexander hinzu und lässt sich neben Rickis Kopf auf dem Sofa nieder. Der weicht seinem Blick aus und starrt missmutig aus der offenen Balkontür.

"Und weiter?", entgegnet Ricki gespielt gelangweilt und zieht an einem seiner Lederarmbänder herum. Ok, es freut ihn, dass die beiden sich anscheinend soweit ausgesprochen haben, aber wenn Alexanders einziges Problem die Meinung der anderen ist, dann findet er das wirklich bedauernswert.

"Nun sei nicht immer gleich mit dem Arsch rum", sagt Alexander vorwurfsvoll und zupft an Rickis langen Ponyfransen. Da denkt er, dass Ricki sich auch darüber freut, dass Mark für sie beide soviel Verständnis entgegen bringt und sie nicht verrät, und dann so was.

"Du bist doch derjenige der mich so blöd angemacht hat", mault Ricki ihn an und richtet sich auf. Wunderbar, jetzt ist er mal wieder der Buhmann, dabei war es Alexander, der ihn vorhin angeschnauzt hat.

"Herr Gott, ich habe nur versucht Mark schonend zu erklären, was sich zwischen uns abspielt, und da kommst du und tust so, als wenn das alles etwas vollkommen Normales ist, dass zwei Brüder-"

"Halbbrüder! Und ich habe dir schon mehrmals gesagt, ich möchte keinen Bruder und ehrlich gesagt habe ich dich nie als Bruder angesehen. Wir sind zwei fremde Kerle, die zufälligerweise blutsverwandt sind und im selben Haus leben, mehr nicht", unterbricht Ricki ihn und sieht ihn betroffen an.

"Ich kann nicht behaupten, dass du mir fremd bist, obwohl du mich trotzdem immer wieder überrumpelst mit irgendwelchen geisteskranken Aktionen", seufzt Alexander und lehnt sich gegen die Rückenlehne des Sofas.

Ricki schmunzelt und krabbelt auf seinen Halbbruder zu, bevor er seinen Kopf in dessen Schoß legt und sich streckt. "Was hat er dazu gesagt?", fragt Ricki nun interessiert und sieht zu Alexander auf, der ihm nun wieder zaghaft durch die langen Haare fährt.

"Auf einmal willst du es doch wissen." Ein breites Grinsen schleicht sich auf Alexanders Lippen, als Ricki ihm die Zunge rausstreckt und ihm seine Faust entgegenhält, von der allerdings der Zeige- und der kleine Finger abgespreizt sind.

"Lucifer hat ein Recht darauf", raunt Ricki düster und entlockt dem Blondschopf somit ein leises Lachen.

"Soso... nun ja, er muss sich dass alles noch mal gründlich durch den Kopf gehen lassen... er war schon ziemlich 'geschockt', als er uns erwischt hat."

"War nicht zu übersehen", stimmt Ricki zu und zieht seine Knie an.

"Auf jeden Fall will er uns nichts kaputt machen. Er sagt, wir müssen wissen was wir tun, aber wir sollten schon aufpassen, dass nicht doch ein paar falsche Leute was davon mitbekommen. Wie dem auch sei, er akzeptiert es, aber er muss sich erstmal an die Tatsache gewöhnen", endet Alexander seinen Vortrag und sieht auf den schwarzhaarigen Jungen hinab, der nun sichtlich zufrieden grinst.

"Sind wahrscheinlich doch nicht alle bekloppt in deinem Freundeskreis", meint er daraufhin und macht, dass er von Alexanders Schoß herunter kommt, da dieser entrüstet nach einem Kissen greift um ihm damit eins überzuziehen.

"Du bist ein altes Ekel", ruft Alexander lachend und schmeißt das Kissen nach Ricki, der davon an der Wade getroffen wird.

"Und du bist scharf, wenn du so 'brutal' wirst", flötet Ricki süßlich und hebt das Kissen vom Boden auf. Nicht, dass das arme Ding noch festklebt und die nächsten Wochen einsam vor sich hinvegetieren muss.

"Laber nicht immer so einen Mist", sagt Alexander beschämt und merkt, wie die Röte sich bis hinauf zu seinen Ohrenspitzen zieht. Er war schon immer jemand, der auf solche Sprüche eigenartig reagiert hat, aber so was auch noch von Mr. Zweideutigkeit zu hören, ist noch um einiges schlimmer.

"Schon gut, schon gut. Dein Blut soll sich ja nicht ständig in höheren Gebieten sammeln", entschuldigt Ricki sich und lächelt scheinheilig. Ja, er kann es einfach nicht lassen, zur Strafe für vorhin muss er seinen Halbbruder ein bisschen foppen.

"Arschloch", murmelt Alexander und blickt peinlich berührt gen Boden. Ihm ist so, als stünde sein Gesicht in Flammen. Da ist er froh, dass er mit Mark reinen Tisch gemacht hat und hat gehofft, dass er nun ein wenig Ruhe hat, und nun darf er sich Rickis zweideutige, wenn auch verstecke Schweinerein anhören.

"Lass mich raten", beginnt Ricki und krabbelt auf allen Vieren auf das Sofa zu, um dort seinen Kopf auf die Kante zu legen. Mit großen blauen Augen sieht er zu Alexander hinauf und schnieft leise. "Ich darf heute Nacht wieder alleine schlafen, hm?"

"Das wagst du auch noch zu fragen?", stöhnt Alexander und versucht das Zupfen an seinem Ärmel zu ignorieren. Manchmal wird er einfach nicht schlau aus Ricki. Von Zeit zu Zeit hat dieser wirklich enorme Stimmungsschwankungen und dann weiß er nicht, ob er nun einen jungen, selbstbewussten Gothic vor sich hat, oder ein kleines, bettelndes Kind.

>Da hast du dir wirklich was eingebrockt Alex.<