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Mad life Teil 28 bis 31

Kapitel 28: Zurück zum Alltag

Lustlos stochert Ricki auf seine Fischstäbchen ein. Es war ja offensichtlich, dass sein Erzeuger und dessen blondgelockter Schatten früher oder später von ihrer Kreuzfahrt zurückkommen würden, aber dass dieser Tag so schnell kommt, daran hat er nicht gedacht.

Die letzten paar Tage, nachdem Patrick wieder nach Hause gefahren ist und Alexander Mark mit in ihr 'kleines' Geheimnis eingeweiht hat, sind viel zu schnell vorbeigegangen. Tja, und nun sind der Hausherr und Anhang gestern Vormittag wieder gekommen.

Ricki seufzt frustriert und kippt sich noch eine Kelle Dillsoße über seinen Kartoffelbrei. Abgesehen davon, dass seine Fischstäbchen gerade kläglich auf seinem Teller ertrinken und er kaum etwas gegessen hat, scheint es, dass der Rest der Anwesenden wieder in den normalen Familienalltag zurückgekehrt ist.

Nun ja, wenn er ganz großes Glück hat, entgeht er nachher dem langweiligen Vortrag, von wegen, wie schön es doch gewesen ist und was sie ja alles verpasst hätten. Ihm hat es ja gestern schon gereicht, dass er sich die ganzen Fotos angucken musste, auf denen immer das gleiche Motiv verewigt wurde, nämlich Wasser, Sonne und ein verliebt dreinblickendes Ehepaar.

Ehrlich gesagt, er war nicht sonderlich scharf darauf, Katja im Badeanzug, mit einem Sonnenhut und einem Mixdrink an der Reling zu sehen. Gott bewahre, was diese Tratschtante heute noch alles von sich gibt, um ihn noch mehr in die Langeweile zu treiben.

"Frederic, würdest du nachher den Kuchen holen, dann bereite ich draußen alles vor", fragt Katja strahlend und zerkleinert eines der Fischstäbchen. Der schwarzhaarige Mann nickt resigniert und nimmt einen Schluck von seinem Eistee.

"Was willst du denn vorbereiten?" fragt Alexander und sieht seine Mutter irritiert an.

"Nachher kommt deine Oma vorbei", entgegnet sie beiläufig, erhebt sich vom Stuhl und holt eine neue Packung Eistee aus dem Kühlschrank.

Alexander verzieht missmutig das Gesicht und schielt nervös zu Ricki hinüber, der ihm einen verständnislosen Blick zuwirft. Was ist denn nun wieder, schämt Alexander sich etwa seiner Oma ihm gegenüber?

"Kommt er auch mit?", fährt Alexander mürrisch fort und schiebt seinen Teller zur Seite. Sein Vater wirft ihm einen verständnisvollen Blick zu, bevor er sich mit einem lauten Räuspern erhebt.

"Ja natürlich. Karl-Heinz gehört immerhin mit zur Familie", meint Katja neutral und beginnt damit die Teller abzuräumen. Ihr Blick bleibt an Rickis noch fast vollem Teller hängen, weshalb sie ihn auch ein wenig besorgt betrachtet.

"Hast du keinen Hunger?"

"Nicht wirklich", gibt er murrend zurück und legt seine Gabel beiseite. Irgendwie ist es schon komisch, seit die beiden Erwachsenen wieder hier sind, fühlt er sich unwohl, obwohl es bestimmt auch zum größten Teil daran liegt, dass Alexander sich seitdem mehr von ihm distanziert, was ihn schon ziemlich betroffen macht.

"Na schön. Ihr kommt dann um drei Uhr runter zum Kaffeetrinken, ok?", sagt sie an Alexander und Ricki gewand, bevor sie damit beginnt, die Teller in die Spülmaschine einzuräumen.

"Ja Mum", entgegnet Alexander knapp und erhebt sich. Ricki folgt ihm augenblicklich und lässt den Grund seiner schlechten Laune hinter sich. Bloß raus hier, bevor ihm die Luft zum Atmen ausgeht.

"Scheiße", flucht Alexander als er die Treppe hinaufläuft. Das hat ihm gerade noch gefehlt, dass der Lebensgefährte seiner Oma mitkommt. Alleine schon bei dem Klang seines Namens wird ihm schlecht.

"Was denn?", fragt Ricki neugierig und folgt Alexander in sein Zimmer. Der lässt sich seufzend auf seinen Sessel plumpsen und verschränkt die Arme vor der Brust. Er kann sich jetzt schon vorstellen was passiert, wenn Karl-Heinz auf Ricki trifft. Dann wird garantiert die Erde beben.

"Es passt mir nicht, dass der Arsch mitkommt!", sagt Alexander wütend und tritt gegen seinen Tisch. Ricki sieht ihn überrascht an und lässt sich mit fragendem Blick auf dem Schreibtischstuhl seines Halbbruders nieder. Also eines steht fest, so wie der Blondschopf dreinblickt, kann das nur heißen, dass er diesen Karl-Heinz nicht sonderlich gut abkann.

"Meinst du Heinz-Ketschup?", fragt Ricki wissend und entlockt Alexander ein kleines Lächeln. Der legt den Kopf schief und blickt zu Ricki hinüber, der in einer dunkelgrauen Trainingshose und einem ausgeleierten schwarzen Shirt vor ihm sitzt, also für seine Verhältnisse erschreckend unauffällig.

"Glaub mir, du wirst ihn hassen. Der Kerl ist so was von ätzend. Seit guten sechs Jahren lebt der mit meiner Oma zusammen... das ist auch der Grund, dass ich sie seitdem nicht mehr besuchen war", murmelt Alexander und schwingt seine Beine über die Armlehne.

"Ach, ich hatte mit einer Menge von alten Leuten in meiner alten Wohnung zu tun, die sind harmlos", erwidert Ricki grinsend und dreht sich mit dem Schreibtischstuhl im Kreis.

"Warts ab, wirst schon noch merken wovon ich rede. Der Typ denkt so wie einer vor der Kriegszeit", sagt Alexander seufzend und fährt sich durch die Haare. Ihm reicht es ja schon, wenn er diesen Kerl auf Familienfeiern ertragen muss, aber dass er ihm jetzt auch noch einen seiner Ferientage versauen muss, hätte echt nicht sein müssen.

"Hey, wenn er mich anpöbelt beiße ich", meint der Schwarzhaarige grinsend und rollt mit dem Stuhl auf den Sessel zu.

"Meinetwegen kannst du den Typen auch abknallen."

"Du scheinst den wirklich nicht gerade zu mögen", stellt Ricki erstaunt fest. Dass Alexander solche Gedanken anderen Leuten gegenüber hegt ist ihm neu.

"Na ist doch wahr. Als ist Zwölf war, hat der Penner mir mal einen Schlag auf den Hinterkopf gegeben, nur weil ich meiner Oma beim Kartenspielen was vorgesagt habe! Also bitte, der Kerl hat doch einen an der Waffel!", schreit Alexander aufgebracht und in seinem Gesicht breitet sich regelrecht sie Zornesröte aus.

"Er hat was?! Dich geschlagen!", ruft Ricki entsetzt aus und sieht sein Gegenüber mit großen Augen an.

"Naja, hat zwar nicht sehr wehgetan, aber ich habe noch nie von irgendjemanden auch nur einen Klaps gekriegt als ich klein war, nicht mal von meinen Eltern. Und da kommt der Arsch und meint, beim Spielen macht man so was nicht. Und das ist ja auch nicht alles, egal was auch ist, er lässt immer den Klugscheißer raushängen. Unterhalte ich mich mit meiner Oma über ein Thema labert er immer dazwischen, tut so, als wäre ich zu blöd zum geradeaus gucken und so was." Angesäuert verzieht Alexander das Gesicht und zupft an einem Kissen herum.

"Und deine Oma sagt da nichts zu?", fragt Ricki ungläubig, der seinen Halbbruder ein wenig skeptisch mustert.

"Sie meint, ich soll das nicht so ernst nehmen, da er das ja nicht so meint", entgegnet Alexander mit einem ironischen Lächeln und tippt sich dabei an die Stirn.

"Na klasse. Was hast du denn für ne nette Verwandtschaft?", fragt Ricki entsetzt und schüttelt nur verständnislos den Kopf. So etwas hat es bei ihm früher nicht gegeben.
 
"Meine Oma ist ja soweit völlig ok, ich kann nur ihren Macker nicht ausstehen. Der Höhepunkt war ja kurz vor meinem siebzehnten Geburtstag. Da hat er mal wieder eine seiner superwitzigen Geschichten erzählt, über die ohnehin kein Arsch lachen kann. Auf jeden Fall, hatte meine Kusine da Geburtstag und wir waren eben dort zum Kaffeetrinken. Tja, und da ich ne gute Woche nach ihr Geburtstag habe, kamen wir eben auch darauf zu sprechen. Meine Tante meinte dann auch, dass ich dann ja nächstes Jahr schon 18 werde und so. Wie dem auch sei, rate mal was der Typ daraufhin gesagt hat", endet Alexander seinen Vortrag und sieht Ricki auffordernd an. Der zuckt allerdings nur ratlos mit den Schultern.

"Keine Ahnung."

"Er sagte zu mir, dann muss ich ja bald 'Sie Arschloch' zu dir sagen."

Ricki sieht Alexander mit großen Augen an und räuspert sich leise. "Das... ist ein Witz, ne?" Dem Gesichtsausdruck seines Halbbruders nach, scheint dieser das nicht als Scherz gesagt zu haben.

"Glaub mir, darüber mache ich keine Witze. Ich für meinen Teil habe dann meine Gabel auf den Tisch geknallt und bin abgehauen. Das muss ich mir nicht antun. Und ehe ich da etwas ablasse was unter meinem Niveau liegt, gehe ich lieber", meint er kühl und starrt düster auf den Boden.

"Ist der irgendwie unters Auto gekommen, oder was soll das? Hat denn da keiner was zu gesagt?"

"Pff, sind doch alle zu feige. Keiner aus der Familie kann den großartig leiden, aber es versuchen immer alle mit ihm auszukommen... meiner Oma zu liebe. Aber ich hab trotzdem meine Grenzen. Die größte Unverfrorenheit war ja, als zwei Tage später ein Umschlag bei uns im Briefkasten lag, mit einem Entschuldigungsschreiben an mich und 100 Euro", sagt der Blondschopf und lächelt abfällig.

"Der besticht dich?", entgegnet Ricki verständnislos und fragt sich, was das für ein komischer Kerl ist, der da nachher aufkreuzen wird.

"Hat anscheinend ein schlechtes Gewissen gehabt. Meinte, das war ja alles nicht so gemeint und so. Der Sack kann mich mal gepflegt am Arsch lecken. Auf jeden Fall hat er seitdem erstrecht bei mir verschissen und wenn ich daran denke, dass der nachher hier ist, kommt mir die Galle hoch", murmelt Alexander verzweifelt und kaut auf seiner Unterlippe herum. Er weiß jetzt schon, dass er keinen Bissen herunterbekommt ohne dass ihm schlecht wird.

"Also... wenn der bei dir schon so abgeht, dann möchte ich wirklich mal wissen was er zu mir sagt", meint Ricki und legt die Stirn in Falten. Alexander ist für ihn einer der vernünftigsten und friedfertigsten Menschen die er kennt, und da wagt es so ein seniler alter Sack so mit ihm zu reden? Na, der wird sich noch umgucken, mit ihm wird er das nicht ungestraft machen.

"Da kannst du Gift drauf nehmen. Gegen solche wie dich hat er ohnehin ne Abneigung. Homosexuelle, Punks, Gothics, kurz jeder der nicht in seine Weltanschauung passt, ist für ihn ein Grund zum niedermachen. Das wird noch was", seufzt Alexander verzweifelt und massiert sich die Schläfen. In letzter Zeit hat er wirklich ständig Kopfschmerzen, es ist wirklich nicht mehr feierlich.

"Schön, dann werde ich mich eben extra für unseren lieben Heinz-Ketschup in Schale schmeißen", sagt Ricki und grinst verschwörerisch. >Der Typ wird sich noch umgucken.<

*~*~*~*~*

Alexander betrachtet Ricki mit einem immer breiter werdenden Grinsen. Alles was recht ist, der kleine Grufti weiß wirklich, wie man Personen wie Karl-Heinz provozieren kann, und mit diesem Outfit wird er garantiert einen bleibenden Eindruck bei diesem hinterlassen.

"Na, gut so, oder sollte ich noch ein Nietenarmband umlegen?", fragt Ricki lächelnd und dreht sich einmal im Kreis, wobei sein knielanger, schwarzer Rock heftig mitschwingt.

Passend zum Rock trägt er rot-schwarz geringelte Kniestrümpfe die in ein paar schwarzen Doc Martens verschwinden. Zwei breite Nietengürtel hängen um seiner Taille und seine Arme werden ebenfalls von Nietenbändern geziert. Um den Hals trägt er sein Glöckchenlederband, wobei die kleinen silbernen Glocken bei jeder Bewegung leise Bimmeln. Sein Oberkörper wird von einem schwarzen Netzshirt verdeckt, wodurch sein Brustwarzenpiercing unter dem dünnen Stoff hervorblinkt.

Also vom Ganzen her, sieht er schon aus wie ein junger Stricher, da seine Lippen und Augen wieder mit schwarzer Schminke zugekleistert sind und er somit um einiges femininer aussieht.

"Lass mal, das reicht dicke aus", meint Alexander lachend und mustert Ricki weiter. Ok, er gibt es zu, langsam findet er sogar Gefallen an den individuellen Klamotten seines Halbbruders, wobei sie Ricki viel besser stehen als ihm. Einmal hat er ja bereits das Vergnügen gehabt, in Rickis Sachen herumzulaufen, und das reicht ihm auch vorerst.

"Na gut... Schon komisch, in solchen Sachen gehe ich immer zur Schule und da ist so was ganz normal", murmelt Ricki und legt den Kopf schief. Er fragt sich, ob es an seiner neuen Schule wenigstens ein paar Leute gibt, die ähnlich wie er herumlaufen, sonst wird er sich wirklich vorkommen wie ein Mensch auf dem Planeten der Affen.

"Ich begreife immer noch nicht, wie man als Mann so gut in einem Rock aussehen kann", flüstert Alexander leise und wird kurz darauf rot wie eine Tomate. >Nein, das hast du jetzt nicht laut gesagt!<

"Ein Kompliment von dir?", ruft Ricki überrascht und macht sich eine gedankliche Notiz, dass er diesen Tag rot im Kalender markiert. Der Blondschopf ist aber manchmal auch zu drollig, erst einen auf schüchtern machen und dann mit so was kommen.

"Bilde dir nichts darauf ein", sagt Alexander schnell und fuchtelt mit seinen Händen herum. So wie er Ricki kennt, dreht der doch nur wieder durch, oder wie er es immer so schön sagt, 'sich nen Keks an die Backe freuen'.

"Zu spät", entgegnet Ricki grinsend, geht auf Alexander zu und nimmt ihn in den Arm. Der sieht ein wenig verdutzt drein, erwidert aber die Umarmung, wobei er aber durchgehend seine Zimmertür im Auge behält, falls doch plötzlich ein Elternteil unangekündigt in den Raum stürmt.

"Vergiss nicht, was du mir versprochen hast", wispert Alexander und lehnt seinen Kopf gegen Rickis. Der seufzt leise und nickt sacht.

"Keine Andeutungen in der Öffentlichkeit, schon kapiert."

*~*~*~*~*

Mit abwertendem Blick betrachtet Karl-Heinz Ricki. Der alte, grauhaarige leicht übergewichtige Mann scheint nicht sonderlich begeistert über das Auftreten des jungen Gothics zu sein, sehr zum Vergnügen von Ricki, der seine Blicke immer mit einem breiten Grinsen quittiert.

"Und richtig braun bist du geworden. Wir könnten auch mal wieder vereisen", meint Alexanders Oma zu Katja, die nun die Fotos von ihrem Urlaub herumreicht.

"Ja, aber ich hätte die beiden Jungen nicht alleine zurückgelassen. Vor allem du könntest ein wenig Farbe vertragen", meint Karl-Heinz daraufhin und sieht Ricki herablassen an. Der ignoriert die Worte gekonnt und nippt an seinem Eistee.

"Nun, es ist ja bei jedem Menschen verschieden. Manche sind von Natur aus eben etwas blasser", meint Frederic neutral und gießt sich etwas Kaffee nach.

"Mag sein, aber guck dir den Jungen doch mal an. Der sieht ja aus, als wäre er schon halb tot. Das ist unnatürlich", erwidert Karl-Heinz skeptisch und schiebt sich etwas Kuchen in den Mund.

Rickis Augenlid zuckt verräterisch und er wirft einen kurzen Blick auf Alexander, der auch ziemlich angepisst dreinblickt. Langsam kann er wirklich nachvollziehen, warum er diesen Kerl nicht abkann.

"In manchen Kreisen ist es aber normal blass zu sein", sagt Ricki und lächelt ironisch.

"Sicherlich. So wie die ganzen Satanisten im Fernsehen, die nachts auf den Friedhof gehen und kleine Kinder umbringen", entgegnet Karl-Heinz und lächelt süffisant.

"Also ich bevorzuge Katzen", meint Ricki und nimmt einen weiteren Schluck von seinem Eistee. Alexander muss sich jetzt verkneifen laut aufzulachen, da er den entsetzten Gesichtsausdruck von dem Lebensgefährten seiner Oma einfach nur noch zum schreien findet. Das hat gesessen.

Für einige Sekunden herrscht ein seltsames Schweigen, bevor Katja sich leise räuspert und verlegen lächelt. "Er hat schon einen etwas eigensinnigen Humor", meint sie entschuldigend und überspielt ihre Unsicherheit, indem sie zur Kaffeekanne greift und allen eifrig nachschenkt.

Während Ricki und Alexander sich triumphierende Blicke zuwerfen, hat Karl-Heinz es sich vorgenommen, die beiden Jugendlichen den Rest des Nachmittages zu ignorieren, immerhin hat er auch noch seine Würde, und hat somit besseres zu tun, als sich mit 'unwissenden' Kindern herumzuärgern.

 

Kapitel 29: Reisevorbereitungen

"Und?", fragt Ricki hibbelig und stochert weiterhin mit seinem Zeigefinger gegen Alexanders Rücken. Der Blondschopf schnaubt genervt und versucht das lästige Objekt hinter sich zu ignorieren. Herr Gott, ist es denn mal zuviel verlangt, dass Ricki sich ruhig verhält, während er im Internet nach einer günstigen Zugverbindung sucht?

"Wenn ich morgen nen blauen Fleck habe, kommst du nicht mit", droht Alexander und gibt eine andere Uhrzeit ein. Das aber auch ständig Verbindungen angezeigt werden, wo man noch mindestens ein Mal umsteigen muss ist doch wirklich gemein.

"Ich freu mich halt", verteidigt Ricki sich und ein breites Grinsen zieht sich über sein Gesicht, als er an Patricks Aufschrei denkt, wenn er ihn nachher anruft und ihm sagt, dass sie in ein paar Tagen zu ihm kommen.

Erstaunt war er auch, dass der gnädige Hausherr es ihnen ohne zu zögern gestattet hat. Um ehrlich zu sein, hat er sich vorher schon diverse Kommentarpunkte überlegt, die er bei einer eventuellen Ablehnung unterbreiten könnte, aber das war zu seinem Verblüffen gar nicht nötig gewesen.

"Wie teuer wird das Ganze denn ungefähr?", fragt Mark plötzlich und richtet sich auf Alexanders Sofa auf. Er versteht immer noch nicht so ganz, welcher Teufel ihn geritten hat, dass er diesem wahnsinnigen Rotschopf vor einer Woche seine Zustimmung gegeben hat.

>Du lässt dich einfach zu schnell bequatschen<, schimpft Mark mit sich selbst und seufzt resigniert. Andererseits ist es auch einmal eine Abwechslung aus diesem tristen Kaff herauszukommen und wenn er ehrlich ist, dann ist er sogar ein wenig nervös, wenn er daran denkt, dass er Patrick wieder gegenüber stehen wird. Schließlich haben sie sich ja nicht gerade 'normal' verabschiedet.

"Hm... mit der normalen Bahn würde das für hin und zurück für jeden um die 78 Euro kosten, allerdings müssen wir dann mindestens ein Mal umsteigen und fahren länger. Mit dem ICE würde es nur etwas über zwei Stunden dauern ohne umsteigen, kostet dafür aber auch für hin und zurück 106 Euro", meint Alexander und stöhnt verzweifelt auf.

Mit dem ICE würden sie gute 90 Minuten schneller da sein als mit der normalen Bahn, da sie auch nicht umsteigen müssten, aber dafür ist es auch ne ganze Ecke teurer.

"Ich bin für den ICE", sagt Ricki gleich, woraufhin Mark und Alexander ihn verständnislos ansehen.

"106 Euro ist nicht wenig... und wir brauchen ja auch noch Geld wenn wir da sind", entgegnet Mark und erhebt sich vom Sofa. Alexander lehnt sich in seinem Schreibtischstuhl zurück und nimmt die Hände von der Tastatur.

"Aber ich hab keine Lust dreieinhalb Stunden im Zug zu sitzen. Und was machen wir, wenn wir den Anschlusszug verpassen?", wirft Ricki ein und verschränkt die Arme vor der Brust.

"Ihr macht mich nervös, wenn ihr so hinter mir steht und rummosert", mault Alexander und dreht sich mit seinem Stuhl herum.

"Also ich für meinen Teil fahre nicht mit dem ICE. Ist mir zu teuer", sagt Mark und lässt sich auf die Fensterbank plumpsen. Wenn er mit dem ICE fahren würde, dann wäre ja sein Taschengeld für gute zwei Monate flöten.

"Ich bin auch für die normale Bahn", meint Alexander und sieht Ricki erwartungsvoll an. Der wirft den beiden einen mürrischen Blick zu, bevor er resigniert aufseufzt und sich durch die Haare fährt.

"Na schön, wenn's denn sein muss. Aber dann fahren wir auch schon früh morgens los. Ich will nicht erst nach dem Mittag ankommen", erwidert er bestimmend.

Mark nickt und deutet mit dem Zeigefinger auf den Bildschirm, wo ein Zug um 6.13 Uhr fahren würde. "Dann sollten wir den nehmen. Da müssen wir auch nur einmal umsteigen. Der um kurz nach sieben hat zwei Stationen wo wir umsteigen müssen."

"Gut, dann reservier mal", sagt der Schwarzhaarige zu Alexander und klopft ihm auf die Schulter. Der sieht Ricki und Mark mit großen Augen an. Wollen die ihn verarschen? Um 6.13 Uhr? Da ist er ja noch mitten im Koma!

"Und wann schlafe ich?", fragt er frustriert und klickt mit der Maus auf die entsprechende Zugverbindung.

"Kannst dich im Zug ja in meinen Schoß legen", wispert Ricki und umarmt seinen Halbbruder von hinten. Der versteift sich abrupt und sieht ein wenig nervös zu Mark hinüber. Es wird wohl doch noch ein wenig dauern, bis er sich daran gewöhnt hat, dass sie sich vor dem brünetten Jungen nicht mehr zurückhalten müssen.

"Hey, ich fall schon nicht in Ohnmacht", entgegnet Mark und lächelt sacht. Ein komisches Gefühl ist es schon, seinen besten Freund und dessen Halbbruder bei solchen Tätigkeiten zuzugucken. Aber er wird sich wohl daran gewöhnen müssen, zumal die beiden sich ja von Anfang an nie wirklich wie Brüder verhalten haben. >Du wirst dich schon an den Gedanken gewöhnen.<

"Also steht's jetzt fest! Wir fahren Donnerstag um 6.13 Uhr zu Patty, ne?", sagt Ricki mit einem breiten Lächeln auf den Lippen und stürmt aus dem Zimmer.

"Wo willst du denn jetzt hin?", ruft Alexander ihm verständnislos nach. Das einzige was er noch hört, bevor Ricki seine Zimmertür hinter sich zuknallt sind die Worte 'Patty' und 'Telefon'.

"Da machste was mit", murmelt der Blondschopf seufzend und schreibt die Uhrzeit und die Bahnverbindung auf einen Zettel, damit er die Tickets per Telefon vorbestellen kann. So ganz geheuer sind ihm diese Onlinereservierungen doch nicht, da ruft er lieber persönlich an.

Mark starrt derweil schweigend auf den flimmernden Monitor, bevor er sich von der Fensterbank erhebt und damit beginnt unruhig durch das Zimmer seines besten Freundes zu tigern.

"Und wir... also die Eltern von ihm sind nicht da?", fragt Mark leise und umkreist Alexanders Fernsehtisch. Der hebt skeptisch eine Augenbraue, da ihm das seltsame Verhalten seines Freundes doch ein wenig spanisch vorkommt.

"Nein... soweit wie ich Ricki verstanden habe, fahren die Mittwochabend weg und kommen Sonntagmorgen wieder. Warum?", entgegnet er und dreht sich mit seinem Stuhl weiter in Marks Richtung.

"Nur so... nicht so wichtig...", wehrt Mark gespielt gelassen ab und räuspert sich leise.

"Du warst nie ein guter Lügner", stellt Alexander grinsend fest und greift nach seiner Coladose, aus der bestimmt schon die ganze Kohlensäure entwichen ist, da sie schon seit gut einer Stunde offen steht.

"Ok! Wenn du es unbedingt wissen willst, mir ist nicht so ganz wohl bei dem Gedanken... also... nee, das ist jetzt auch nicht so richtig, viel mehr...", stottert Mark und fährt sich durch seine kurzen Stachelhaare, wobei ihm beinahe seine Sonnebrille heruntergefallen wäre. "Ich bin nervös", sagt er schließlich und lässt sich nach hinten auf das Sofa fallen.

"Darauf wäre ich von alleine nie gekommen", meint Alexander ironisch und grinst frech. Langsam sollte er wirklich aufpassen, Rickis Macken färben schon auf ihn ab.

"Pff. Hast du überhaupt ne Ahnung wie man sich fühlt, wenn dich plötzlich ohne Vorwarnung ein Junge... küsst..." Mark bricht den Satz ab und sieht mit leicht geröteten Wangen zu Alexander hinüber der nun ein wenig mürrisch dreinblickt.
 
"Nein, woher sollte ICH wissen, wie es sich anfühlt, wenn man von einem vollkommen durchgeknallten Verrückten auf diese Art und Weise überrumpelt wird?", erwidert er mit aufsteigender Schamesröte. Was denkt Mark sich eigentlich, was Ricki ständig gemacht hat? Dagegen war Patricks kleiner Abschiedskuss ja nun wirklich harmlos. Immerhin durfte sein bester Freund sich nicht Tag und Nacht noch mit diversen Zweideutigkeiten und Anspielungen herumärgern.

"Ist gut, ich hab eben nicht daran gedacht... aber meine Herrn, dass war trotzdem meine erste... andere... Erfahrung sag ich mal", verteidigt der brünette Junge sich und verschränkt die Arme vor der Brust. Ja, er hat für einen Moment nicht daran gedacht, dass Alexander das gleiche ja mit Ricki auch durchmacht, aber trotzdem.

"Was soll ich denn sagen? Bei mir war es die allererste Erfahrung überhaupt", seufzt der blonde Junge und verzieht missmutig das Gesicht, als er einen Schluck von seiner Cola nimmt. Tja, wie er es sich schon gedacht hatte, die Kohlensäure ist bereits von dannen gezogen.

"Alex..."

"Hm?"

"Du passt auf mich auf und ich passe auf dich auf, ok?", fragt Mark grinsend, woraufhin beide anfangen zu lachen.

"Ob wir uns gegen diese zwei Freaks überhaupt durchsetzen können?", meint Alexander nachdenklich und rollt mit seinem Schreibtischstuhl durch sein Zimmer.

"Müssen wir! Nichts gegen Patrick, aber ich glaube wenn wir in seinem Haus übernachten, muss ich schon nachts mit nem Elektroschocker ins Bett gehen." Bei dem Gedanken daran muss Mark leicht grinsen, aber zuzutrauen wäre es diesem Irren alle mal, dass er sich in sein Schlafgemach verirrt.

"Wie hat er dich eigentlich dazu gebracht mitzufahren?" Diese Frage liegt Alexander schon seit längerem auf der Zunge und mittlerweile ist er erstrecht neugierig, wie der Rotschopf es geschafft hat, seinen besten Freund nach seinem spektakulären Abgang dazu zu überreden.

"Frag mich nicht... aber eines kann ich dir sagen. Der Junge versteht es jemanden zuzutexten. Vielleicht war es auch Gehirnwäsche, bei dem weiß man nie", entgegnet Mark seufzend und legt den Kopf schief.

>Oder aber du bist selbst schon ganz begierig darauf ihn wieder zu sehen.< Augenblicklich schießt Mark die Röte sind Gesicht, aufgrund seiner eigenen Gedanken. Alexander sieht ihn ein wenig verdutzt an, da sich die Gesichtsfarbe seines Gegenübers schneller verändert als bei einem Chamäleon.

"Alles ok?"

"Nein, ich glaube es ist schon seit längerem nicht mehr alles ok..."

*~*~*~*~*

Die folgenden Tage vergingen wie im Flug. Hier und da gab es zwar einige Kabbeleien bezüglich der Reisevorbereitungen, abgesehen davon, dass Ricki am Ende seiner Packorgie einen Koffer und eine große Reisetasche sowie einen Rucksack voll gestopft hatte. Nach einigem hin und her und ein paar weniger netten Kommentaren von Alexander hat er murrend seine Klamotten soweit ausrangiert, bis er am Ende nun doch mit einer Reisetasche und seinem Rucksack ausgekommen ist.

Abgesehen davon sind die Tage recht ruhig verlaufen, wenn man mal Rickis ständiges Rumgenörgel außen vor lässt, da er immer wieder lauthals 'Immer noch nicht Donnerstag' gestöhnt hat. Am Ende hat Alexander ihn einfach absichtlich ignoriert und aus seinem Zimmer verbannt, da half weder bitten noch jammern, aber irgendwann bluten selbst ihm die Ohren. Tja, selbst Schuld, was führt der kleine Grufti sich auch auf wie ein pubertierender Groupie?

Am Donnerstagmorgen ertönen laute Piepgeräusche im ganzen Haus. Während im Elternzimmer langsam die Lichter angehen und Alexander sichtlich angepisst mit schläfrigen Blick auf den blinkenden Display seines Funkweckers guckt, der gerade mal 4.45 Uhr anzeigt, ist Ricki bereits damit beschäftigt pfeifend durch den Flur zu wandern und sich vorzubereiten.

>Wie kann man nur um diese Uhrzeit so munter sein?<, schießt es Alexander durch den Kopf und er presst sein Gesicht tiefer in das weiche Kissen. Das ist ein Alptraum. Es will jetzt nicht aufstehen, das widerspricht jeglichen Lexi-Schutzgesetzen, nachzulesen unter § 5 - Absatz 3, 'Einzuhaltende Schlafzeiten und die Folgen bei Missachtung'.

"Aufstehen", vernimmt er plötzlich ein Flüstern an seinem Ohr und er grummelt leise. Ein wenig abwesend dreht er sich in seinem Bett herum und starrt in Rickis Gesicht, das aufgrund der Dunkelheit in seinem Zimmer richtig gespenstig wirkt.

"Geh weg", mault Alexander und zieht sich die dünne Decke über den Kopf. Rickis Augenbraue hebt sich reflexartig, bevor er damit beginnt gegen die Schulter seines Halbbruders zu pieksen, um diesen wach zu bekommen. Er kann doch im Zug weiterpennen, wo liegt da sein Problem?

"Alexander, aufstehen. Ihr wollt doch nicht den Zug verpassen", vernimmt er nun auch noch die Stimme seines Vaters die genauso munter klingt wie die von Ricki. Das sind doch keine Menschen mehr. Wie kann man zu dieser grausigen Uhrzeit nur so heiter klingen?

Nach guten fünf Minuten hat der Blondschopf es doch noch geschafft sich mühsam aus seinem Bett zu erheben. Er schwankt ein wenig unsicher, bevor er schlurfend und noch leicht angeschlagen sein Zimmer verlässt und auf den beleuchteten Flur tritt. Fluchend blinzelt er in das helle Licht und verflucht Ricki und Mark jetzt schon dafür, dass die es wirklich wagen ihn um diese Uhrzeit in einen Zug schleppen zu wollen.

Aber schön, jetzt ist es auch zu spät. Gähnend tapst er ins Badezimmer wo Ricki bereits vor dem Spiegel steht und in seinem Gesicht herumpinselt. Kopfschüttelnd und sich den Schlaf aus den Äuglein reibend drängt Alexander sich an das Waschbecken und dreht den Wasserhahn an. Vielleicht wird er etwas munterer, wenn er sich eine Ladung Eiswasser ins Gesicht schleudert.

*~*~*~*~*

"Und vergesst bloß nicht euch zu melden", sagt Katja und unterdrückt ein Gähnen. Im Gegensatz zu ihrem Mann ist sie auch nicht gerade eine Frühaufsteherin.

"Ja Mum", sagt Alexander und unterdrückt den Drang jetzt genervt mit den Augen zu rollen. Nicht nur, dass er nicht ausschlafen konnte, nein, jetzt fängt seine Mutter wieder an herumzuglucken. Meine Herrn, er ist doch kein kleines Kind mehr.

"Dann viel Spaß euch Dreien", sagt Frederic lächelnd und deutet den drei Jugendlichen an sich in den Zug zu begeben, da dieser in wenigen Minuten abfahren wird.

"Werden wir haben", rufen die Drei wie aus einem Munde, hängen sich ihre Reisetaschen über die Schulter und steigen in den rot-schwarzen Zug ein. Mark geht voran und drängt sich an einem älteren Pärchen vorbei, dass nicht so wirklich weiß, wohin sie mit ihren ganzen Koffern sollen.

"Gehen wir ins Raucherabteil?", fragt Mark und dreht sich zu Ricki und Alexander um. Während der Schwarzhaarige gleichgültig mit den Schultern zuckt, verzieht ein gewisser blonder Junge gequält das Gesicht.

"Also ich bestimmt nicht. Geht ihr mal, aber ich bleibe hier", meint er bestimmend und lässt seine Reisetasche auf den Boden sinken. Das Abteil ist abgesehen von drei weiteren Fahrgästen vollkommen leer, aber wen wundert es, schließlich ist nicht jeder so verrückt um diese Uhrzeit aus dem Haus zu gehen.

"Nee, dann bleib ich auch hier", entgegnet Ricki schnell und verfrachtet seine Reisetasche auf einen Zweisitzer hinter dem nun in Beschlag genommenen Viersitzer.

"Na gut. Aber ich werde dann manchmal zum rauchen verschwinden", fügt Mark hinzu und stellt seine Tasche ebenfalls auf dem Zweisitzer ab. Es wird sich wohl kaum jemand beschweren, da ja noch genügend Sitze frei sind. Zumal würde es in dem Viersitzer ein wenig eng werden, wenn sie auch noch ihr Gepäck zwischen den Füßen stehen haben.

"Ok, ich dann auch." Mit diesen Worten lässt Ricki sich auf die Bank neben Alexander plumpsen, der nun im Halbschlaf aus dem Fenster starrt und mühsam seine Hand hebt. Lautes Pfeifen ertönt und die Zugtüren schlagen laut zu. Am Gleis stehen Katja und Frederic und winken den Dreien zu, bevor er Zug sich in Bewegung setzt und den Bahnhof verlässt.

"Nacht", murmelt Alexander und lehnt seinen Kopf gegen die Rückenlehne. Wenn er nicht riskieren will die nächsten Tage mit Augenringen herumzulaufen, sollte er jetzt noch ein wenig schlafen. Immerhin ist es erst kurz nach 6 Uhr, also für seine Verhältnisse noch nachtschlafende Zeit.

"Auch gut. Ich geh eine rauchen", sagt Mark grinsend und erhebt sich, nachdem er seine Zigarettenpackung inklusive Feuerzeug aus seinem Rucksack geborgen hat. Summend verlässt er das Nichtraucherabteil und lässt die beiden Halbbrüder alleine zurück.

"So müde?", fragt Ricki leise und streicht Alexander durch die Haare. Der murmelt etwas Unverständliches und linst mit einem halboffenen Auge zu Ricki hinüber.

"Hmm... hast du Patrick eigentlich schon aufgeklärt?", brabbelt er und gähnt leise. Also diese Sitze sind ja so derbe unbequem, das ist ja nicht mehr feierlich. Wahrscheinlich hätte er besser daran getan ein kleines Kissen mitzunehmen, da die Fensterscheibe nicht gerade sehr weich ist.
 
"Na was denkst du denn. Der wäre doch total beleidigt, wenn ich es ihm erst heute sagen würde", entgegnet Ricki grinsend und versucht seinen Arm hinter Alexanders Rücken zu schieben. Dieser lehnt sich reflexartig nach vorne und lässt sich von dem blassen Arm zur Seite ziehen, der sich nun um seinen Rücken gelegt hat.

"Man sieht uns", murmelt er verschlafen, lässt seinen Kopf aber trotzdem auf die Schulter des jungen Gothics sinken und schließt die Augen.

"Pff, die sitzen doch alle am anderen Ende des Abteils. Und überhaupt, wenn wir erstmal in der Stadt sind brauchen wir uns eh nicht zurückzuhalten. Kennt uns ja keiner", meint Ricki lächelnd. Wenn er genau darüber nachdenkt, dann wird ihm erst jetzt so wirklich bewusst, dass sie sich in der Öffentlichkeit nicht zurückhalten brauchen.

"Rück mal", wispert Alexander und rutscht unruhig auf der Sitzbank herum. Dieses Thema will er jetzt wirklich nicht anschneiden, dafür ist er viel zu müde.

Ricki rutscht ein wenig irritiert von Alexander weg, der sich nun auf den Rücken legt, seinen Kopf auf Rickis Schoß platziert und seine Beine anzieht. Es ist zwar nicht gerade die bequemste Haltung, aber besser als vorher auf jeden Fall. Ein wenig verdutzt blickt der Schwarzhaarige auf den blonden Jungen hinunter, der nun herzhaft gähnt und sich mit dem Handrücken über die Augen fährt.

"Weck mich wenn es hell wird", nuschelt er leise und schließt die Augen. Ricki seufzt resigniert, hebt seine Beine an und legt sie auf die gegenüberliegenden Bank. Nun gut, dann lässt er Alexander jetzt vorerst in Ruhe. Er hat ja auch nichts davon, wenn dieser nachher durchhängt, weil er zuwenig geschlafen hat. Aber er kann nur hoffen, dass sein Halbbruder wach wird, bevor die Sucht ihn heimsucht. Wenn er nämlich nicht seine tägliche Dosis Nikotin zu sich nimmt, wird er mürrisch.

*~*~*~*~*

Alexander blinzelt zaghaft, bevor er sich gähnend streckt und sich näher an den warmen Untergrund unter seinem Kopf drängt. Leise Musikgeräusche dringen an seine Ohren und er rümpft verwirrt die Nase. Was riecht hier denn so lecker? Hat hier jemand eine Dose Ananas aufgemacht? Hinter sich hört er Marks Stimme, und allem Anschein nach, scheint sein bester Freund über irgendetwas zu lachen.

"Lexi, bitte beweg deinen Kopf nicht weiter", vernimmt er Rickis Stimme, die leicht angeschlagen klingt. Ok, nun reicht es, jetzt sieht er sich doch gezwungen die Augen ganz zu öffnen.

Das erste was er erblickt, ist ein Bauchnabel der unter einem halbdurchsichtigen schwarzen Shirt hervorlugt. Sein Blick wandert weiter nach oben, wo er letzten Endes an Rickis Gesicht hängen bleibt, das eine gesunde rote Farbe angenommen hat.

"Alex, ich glaube es passiert gleich ein Unglück, wenn du nicht aufstehst", kichert Mark und richtet seine Sonnenbrille. Irritiert stützt Alexander sich ab und zieht sich mühsam hoch. Seine Beine fühlen sich leicht betäubt ab, was wohl zum größten Teil daran liegt, dass er sie die ganze Zeit angewinkelt hatte.

"Hm?", brummelt er noch leicht verschlafen und streckt seine Arme in die Luft. Die Sonne scheint grell in das Abteil, was wohl erklärt, warum Mark bereits seine Sonnenbrille aufgesetzt hat.

"Ich bin mal eben rauchen", sagt Ricki knapp und erhebt sich eilends. Vorsichtig legt er seinen Discman auf die Bank und verschwindet mit wehendem Umhang in Richtung Raucherabteil.

"Das ihm mit dem Teil nicht warm wird", meint Alexander und kratzt sich am Hinterkopf. Seine Haare sind bestimmt auch komplett platt gedrückt. Mark grinst breit und schüttelt nur den Kopf.

"Ich glaube warm ist ihm wegen etwas anderem", meint der brünette Junge scheinheilig und nippt an seiner Pepsi.

"Wieso?" Verständnislos betrachtet Alexander sein Gegenüber. Er scheint etwas verpasst zu haben, da er mal wieder der einzige ist, der nicht weiß was nun schon wieder passiert ist.

"Sagen wir mal so, dein Kopf lag schon ziemlich... genau platziert."

"Häh?"

"Die Zigarette danach", fügt Mark lachend hinzu, woraufhin Alexander wieder rot im Gesicht wird. Kopf plus Rickis Schoß gleich Problem.

>Scheiße<, flucht er gedanklich und räuspert sich laut. Ok, er steht noch ein wenig auf dem Schlauch, aber nach einem Blick auf seine Armbanduhr die gerade mal halb Acht anzeigt ist das ja auch kein Wunder. Sie haben ja noch nicht einmal die Hälfte der Strecke hinter sich.

"Der Kontrolleur war schon da. Ich musste mich mal an deinem Rucksack vergreifen", sagt Mark um vom Thema abzulenken und wedelt mit ihren Fahrtickets.

"Ah... gut...", entgegnet Alexander knapp und fährt sich durch die zerzausten Haare.

Nach einigen Minuten kommt Ricki wieder und zieht eine gewaltige Raucherfahne hinter sich her. Das hat er jetzt gebraucht, nachdem seine Männlichkeit ihn beinahe auf so grausame Weise verraten hätte.

"So, wie wärs mit was zu essen?", fragt er um gar nicht erst wieder auf diese Situation zu sprechen zu kommen.

"In zwanzig Minuten müssen wir umsteigen. Der Anschlusszug fährt knapp 25 Minuten später. Können uns ja am Bahnhof was vom Bäcker holen", meint Alexander und überfliegt seinen Zettel mit der Fahrtroute. Wenn es keine Verzögerungen oder so gibt, dann müssten sie theoretisch gegen halb Elf da sein.


 
Kapitel 30: Ganz normale Leute


Unruhig rutscht Ricki auf der Sitzbank hin und her. Nur noch ein paar Minuten und endlich ist er wieder in seiner Heimatstadt. Er ist ja mal gespannt, was Patrick nun schon wieder vorhat, da er vor gut einer Stunde eine SMS mit dem Inhalt 'Das Empfangskomitee erwartet euch' gekriegt hat. Und so wie er Patrick kennt, dürfen er und die anderen zwei sich auf etwas gefasst machen.

"Ist es eigentlich weit vom Bahnhof bis nach Patrick?" fragt Alexander und zerknüllt die kleine Papiertüte in der bis vor wenigen Minuten noch ein Rest seines Brötchens gewesen war.

"Nö, nicht wirklich. Gute 25 Minuten mit der S-Bahn", entgegnet Ricki abwesend und kramt in seinem Rucksack nach dem kleinen Etui in dem er seine Schminkutensilien verstaut hat. Mark und Alexander werfen sich einen kurzen Blick zu, als Ricki versucht, sich die Augenlider nachzuschminken, ohne durch das Zuggeruckel abzurutschen.

"Also, mit dem Umhang und dem Zeug im Gesicht siehst du aus wie ein Vampir", stellt Mark kopfschüttelnd fest und grinst breit, als Ricki ihm sein Beißerchen präsentiert.

"Hey, der Umhang war teuer. Und glaub mir, ihr werdet nen Kulturschock erleiden, dagegen bin ich noch harmlos", wehrt Ricki grinsend ab und bricht kurz darauf in schallendes Gelächter aus, als er die beunruhigten Gesichter seiner Reisebegleitung sieht.

"Was machen wir eigentlich wenn wir da sind?", kommt es von Alexander, dem jetzt erst klar wird, dass sie ja noch gar keinen Plan haben, was sie dort die nächsten drei Tage machen sollen.

"Warts ab. Uns fällt schon was ein", meint Ricki knapp und wackelt mit den Augenbrauen, woraufhin Alexander nur beleidigt die Wangen aufbläst und Mark sich mit Mühe und Not einen Lachanfall verkneifen kann.

>Irgendwie hab ich ein ungutes Gefühl bei der Sache<, schießt es dem Blondschopf durch den Kopf, den Rickis eindeutig zweideutige Geste mal wieder völlig aus der Bahn geworfen hat.

"Aber erstmal bringen wir euer Zeug weg", fügt Ricki bestimmend hinzu und kann nur schwer einen lauten Aufschrei unterdrücken, als er bereits das große blaue Schild mit der Aufschrift 'Hauptbahnhof' erblickt.

"10.23 Uhr. Man, direkt pünktlich", sagt Mark erstaunt, da er bis jetzt nie sonderlich gute Erfahrungen mit der Bahn gemacht hat, was heißt, er kam eigentlich immer später an als geplant.

"Fick die Henne, wir sind da!", schreit Ricki das ganze Abteil zusammen, springt von seiner Bank auf und beginnt damit, seine Reisetasche und seinen Rucksack zurechtzustellen. Die Tatsache, dass die anderen Fahrgäste ihn leicht verdutzt und teilweise auch verärgert anstarren, ignoriert er dabei völlig.

"Nun hetz nicht. Solange der Zug nicht steht kommst du eh nicht raus", bringt Alexander grinsend hervor und erhebt sich ebenfalls. Irgendwie ist es schon seltsam Ricki so aufgekratzt zu sehen.

Gut zwei Minuten später kommt der Zug zum stehen und die Türen werden geöffnet. Alexander, Mark und Ricki quetschen sich an ein paar anderen Fahrgästen vorbei und atmen erleichtert aus, als sie endlich aus dem stickigen Zug heraus sind. Während Mark und Alexander ihre Taschen vom Gleis wegtragen, stellt Ricki sich auf eine voll gesprayte Bank und hält Ausschau nach einem auffälligen Hut, der einem noch auffälligeren Rotschopf gehören müsste.

"Was machst du denn da?", fragt Alexander verständnislos, da es schon ein wenig seltsam aussieht, wie Ricki mit wehendem Umhang auf einer Bank steht und von einem Bein aufs andere hüpft.

"Aber stubenrein ist er, oder?", meint Mark grinsend, woraufhin Alexander ihm den Vogel zeigt und den Ellbogen in die Seite rammt.

"Ricki!", hallt ein lauter Schrei über das Gleis hinweg, woraufhin alle drei sich wissend umdrehen.

Aus der Menge taucht plötzlich ein rothaariger Junge auf, mit einem schwarzen Piratenhut, kniehohen Boots, ausgefranster Jeans und einem neongrünen Netztop.

"Patty!", brüllt Ricki zurück, hüpft von der Bank und kann sich gerade noch halten, bevor sein bester Freund ihn anspringt und umarmt.

"Scheiße, das wurde auch zeit. Wir hocken schon gut ne halbe Stunde hier herum", sagt Patrick lachend und löst sich wieder von Ricki. Der sieht ihn mit hochgezogener Augenbraue an, erhält aber keine Antwort.

Patrick dreht sich mit einem wissenden Grinsen zu Alexander und Mark um, bevor er beiden nacheinander um den Hals fällt, wobei sein Grinsen noch breiter wird, als er den verdächtigen roten Schimmer auf Mark Wangen entdeckt.

"Schön, dass ihr mitgekommen seid", flötet er und klatscht einmal in die Hände.

"Und wo ist das Empfangskomitee? Keine Parade, nix?", unterbricht Ricki seinen besten Freund, der ihn nun irritiert betrachtet.

"Parade? Nee... nur nen Riesen mit ner Bommel", erwidert Patrick scheinheilig, woraufhin Rickis Augen größer werden und er erschrocken aufschreit, als sich zwei starke Arme um seine Hüfte legen und ihn ein Stück in die Luft heben.

"Seid mir gegrüßt, meine schwarze Königin", hört er eine tiefe Stimme hinter sich und augenblicklich zucken die Mundwinkel des kleinen Gruftis nach oben. Die Arme lassen ihn wieder runter und Ricki dreht sich freudestrahlend um.

Hinter ihm steht ein circa 1.90 m großer Junge, dessen Haare bis unter die Schulterblätter gehen und mit neongrünen Strähnchen versetzt sind, allerdings nur auf der rechten Seite, da seine linke Kopfhälfte kahl rasiert ist. Er trägt einen langen, schwarzen Netzmantel und darunter ein dunkelgrünes Hemd und eine schwarze Hose. Seine Augen sind ebenfalls mit grüner Schminke umrahmt und lassen sein blasses Gesicht noch unheimlicher erscheinen.

"Sven, mein Katerchen", raunt Ricki und fällt dem viel größeren Jungen um den Hals. Alexander und Mark blicken ehrfürchtig zu dem Jungen, der schon einen extrem gruseligen Eindruck erweckt.

"Meow", schnurrt der Riese und wuschelt Ricki durch die Haare.

"Ach, und ich werde mal wieder ignoriert, hm?", ertönt eine Stimme hinter Sven. Ricki löst sich von dem größeren Gothic und blickt erstaunt und mit glänzenden Augen auf einen weiteren Jungen, der nun in seinem Blickfeld auftaucht.

Seine Haare sind etwa drei Zentimeter lang und stehen in kleinen, silberweißen Stacheln von seinem Kopf ab. Er trägt einen schwarz-roten Schottenrock und ein eng anliegendes, schwarzes Tanktop. Seine Beine verschwinden in ein paar Doc Martens, an deren Schnürsenkeln rote Bommeln angebracht sind. Was vor allem an ihm auffällt, sind seine weinroten Kontaktlinsen, die ihn auch nicht gerade harmlos wirken lassen. Nur im Gegensatz zu dem anderen, ist er nur an die 1.75 m groß.
 
"Lukas, hab dich nicht gesehen", entschuldigt Ricki sich kleinlaut, woraufhin alle anderen anfangen zu lachen. Der Weißhaarige grinst frech und umarmt Ricki ebenfalls.

Mark und Alexander beobachten die Begrüßungsszene schweigend. Langsam verstehen sie, was Ricki meinte, als er sagte ~ Und glaub mir, ihr werdet nen Kulturschock erleiden, dagegen bin ich noch harmlos.~

*~*~*~*~*

"So, da wären wir", sagt Patrick lächelnd und deutet auf ein Reihenhaus. Pfeifend schlendert er auf die mittlere Haustür zu und schließ auf. Alexander, Mark und Ricki hieven ihre Reisetaschen in den Flur und lassen sie mit einem erleichterten Seufzen auf den Boden sinken. Von der Haltestelle aus bis zu Patricks Zuhause sind es noch mal gute zehn Minuten zu Fuß gewesen und bei dieser Hitze auch noch eine schwere Tasche zu schleppen ist wahrhaftig eine Strafe.

Lautes Hundegebell ist aus dem oberen Stockwerk zu hören und kurz darauf sieht man einen ausgewachsenen Husky die Treppe hinunterlaufen, der sich mit Gekläffe vor der Gruppe präsentiert.

"Na du altes Stinktier", sagt Patrick grinsend und krault dem Husky den Kopf. Der wedelt hechelnd mit dem Schwanz und bellt aufgedreht, bevor er sich an seinem Besitzer vorbeiquetscht und Ricki anspringt.

"Ja, ich hab dich auch vermisst Taco", bringt Ricki lachend hervor, der nun alle Mühe hat den Husky davon abzuhalten ihn abzuschlecken.

"Notgeiler Bock. Kaum sieht er dich dreht er durch", stöhnt Patrick verzweifelt und geht die Treppe hinauf. "Also, einer pennt bei mir und zwei gehen in das Schlafzimmer meiner Alten", fügt er nachdenklich hinzu und winkt den Rest der Gruppe nach oben.

Alexander schielt unauffällig zu Ricki, der ihm ebenfalls einen fragenden Blick zuwirft. Wie machen sie das jetzt? Er kann Mark ja nicht mit Patrick alleine in einem Zimmer lassen, dass würde dieser ihm übel nehmen, andererseits wäre Ricki wohl auch nicht gerade erfreut darüber, wenn er ihm eröffnet, dass er sich weigert mit ihm ein Bett zu teilen.

>Fuck<, flucht der Blondschopf innerlich und will gerade seine Tasche hochheben, als Lukas ihm zuvor kommt und sich das Gepäckstück über die Schulter schmeißt. Alexander sieht ihn verdattert nach, als er mit seiner Tasche ins obere Stockwerk verschwindet. Sieht er etwa so schwächlich aus, dass er sich nun schon von einem kleineren Jungen sein Zeug tragen lassen muss?

Ricki sieht Lukas ebenfalls ein wenig verwirrt nach und wirft einen Blick auf seinen Halbbruder, der nur mit den Schultern zuckt und dem weißhaarigen Jungen folgt. Ok, wenn er sich plagen will, ihm kann es recht sein.

"Seit wann macht Lukas einen auf sozial?", fragt Ricki Sven, der nun Rickis Tasche nimmt und sie ebenfalls nach oben trägt.

"Wer weiß schon, was in seinem Kifferhirn vorgeht", erwidert Sven grinsend und lässt Ricki mit Mark und Taco unten zurück.

"Ähm... gehst du zu Patrick ins Zimmer?", fragt Mark den kleinen Grufti, der ein wenig abwesend zu sein scheint.

"Hm?" Ricki sieht den brünetten Jungen fragend an, bevor es bei ihm klick macht. Nun gut, er kann verstehen, dass Mark nicht unbedingt mit Patrick alleine in einem Zimmer übernachten will, und er kennt seinen besten Freund und dessen aufdringliche Art ja auch nur zu gut, aber er will auch nicht gerade darauf verzichten, wieder hemmungslos mit Alexander zu kuscheln, da dieser ihn seit seine Eltern wieder zurück sind, nicht mehr in die Nähe seines Bettes gelassen hat.

"Kommt ihr nun, oder ist es so schön im Flur?", schreit Patrick nach unten, woraufhin die beiden verneinend die Treppe hinaufpoltern.

*~*~*~*~*

"Heute Abend gehen wir dann zu mir", sagt Sven und nimmt einen tiefen Zug von seiner Zigarillo. Die sechs Jungen sitzen nun in dem kleinen Garten hinter dem Reihenhaus, der durch einen Drahtzaun in drei noch kleine Hintergärten unterteilt wird.

Alexander verzieht das Gesicht und versucht so wenig wie möglich von dem Rauch zu inhalieren. Langsam kommt er sich etwas bekloppt vor, da er der einzige zu sein scheint, der nicht von Nikotin abhängig ist.

"Können wir dann wieder umsonst Bowlen?", fragt Ricki und streichelt über den Kopf eines kleinen, schwarzen Kaninchens. Zu seiner Erleichterung hat Knödel es ziemlich gut bei seinem besten Freund, aber wen wundert es, immerhin hat er hier noch ein paar Meerschweinchen als Gesellschaft und da Patricks Mutter auch Tierarzthelferin ist, weiß sie ohnehin wie sie mit ihm umzugehen hat.

"Na was denkst du. Hab meinem gnädigen Herrn schon gesagt, dass er uns zwei Bahnen reservieren soll", entgegnet Sven grinsend und reicht seine Zigarillo an Lukas weiter, der im Gras liegt und hin und wieder einige Büschel ausreißt.

"Ihr habt ne Bowlingbahn?", platzt es aus Mark heraus, dessen Lieblingsspiel neben Billard nämlich Bowling ist.

"Ja, sieh dir das verwöhnte Balg doch an", erwidert Lukas lachend und kriegt prompt einen Dämpfer von Sven, der ihm nun empört die Zunge entgegenstreckt.

"Wichser", brummt der Riese und wird Sekunden später von Lukas am Mantel gepackt und hinuntergezogen wo er ihn in einen innigen Zungenkuss verwickelt.

Alexander und Mark sehen die beiden mit großen Augen an, wohingegen Patrick und Ricki nur grinsend die Köpfe schütteln. "Nicht, dass hier Missverständnisse aufkommen, die beiden sind nicht zusammen", klärt Ricki die beiden Dörfler auf.

"Nee, sie schlafen nur gelegentlich im selben Bett", fügt Patrick scheinheilig hinzu und lacht laut auf, als sich auf Alexanders Gesicht ein intensiver rötlicher Ton legt und Mark sich verlegen räuspert. Ok, soviel zu der Offenheit Stadtlebender Gruftis.

"Und du bist derjenige der meiner Königin den Kopf verdreht hat?", fragt Sven Alexander, der ihn nun sichtlich überrumpelt anstarrt.

"Sei bloß lieb zu ihm", mault Ricki Sven an und klammert sich an Alexander der nun überhaupt nicht weiß, wie er sich jetzt verhalten soll. Das geht ihm alles viel zu schnell. Die merkwürdigen Fragen und dann Rickis Verhalten darauf. Zudem, woher weiß der Kerl etwas davon?

"Aber ihr seit Geschwister, ne?", meint Lukas und richtet sich auf.

"Halbgeschwister", rufen Ricki und Alexander wie aus einem Munde. Lukas lächelt breit und wackelt mit seiner Hand, wobei etwas Asche auf den Rasen fällt.

"Sakrileg", entgegnet er knapp und grinst frech.

"Wie?", fragt Alexander etwas durcheinander, der nicht so wirklich weiß, was er von dieser Aussage halten soll. Also irgendwie ist dieser Lukas seltsam.

"Musst du nicht verstehen", wehrt Patrick neutral ab und erhebt sich ächzend. "Will wer was süffen?", fährt er fort und bleibt vor der offenen Küchentür stehen.

"Mezzo", schreit Sven ihm zu und da keiner etwas hinzufügt, verschwindet Patrick im inneren des Reihenhauses. Hoffentlich kann er noch genügend saubere Gläser auftreiben, sonst müssen sie alle aus der Flasche trinken.

"Na, dich bring ich mal besser zurück in den Käfig", sagt Ricki nun zu Knödel und schnappt sich das kleine schwarze Fellknäuel, dass bereits einen Meter von ihm weggehoppelt ist, da er ihn bei der Klammeraktion aus den Augen gelassen hat. Behutsam trägt er das Kaninchen zum anderen Ende des Gartens wo ein großer Holzkasten mit Gitterdraht steht, wo bereits Patricks Meerschweinchen drin liegen und dösen. Aber wenigstens stehen sie im Schatten, bei der Hitze würden sie wohl sonst einen an der Klatsche kriegen.

"Wie ist es eigentlich in nem Kaff zu leben?", fragt Lukas in die Runde und gibt Sven seine Zigarillo zurück, der diese verstimmt betrachtet, da sie nicht mehr als nur noch ein winziger Stummel ist.

>Schmarotzer<, denkt der seufzend und drückt den Nikotinspender in der Erde aus. Und was sagt uns das? Gebe niemals einem kiffenden Gothic wie Lukas etwas zu rauchen, ohne damit zu rechnen nichts zurück zu bekommen.

"Schon etwas lahm. Und die meisten Leute kannst du echt auf den Mond schießen", gibt Ricki murrend zurück, wodurch er sich leicht empörte Blicke von Mark und Alexander einfängt.

"So schlimm sind wir auch nicht", erwidert Mark mürrisch und zündet sich eine neue Zigarette an. Lukas schmachtende Blicke entgehen ihm dabei nicht völlig, weshalb er ihm auch seine Schachtel entgegen hält.

"Oh weh. Na jetzt wirst du ihn nicht mehr los", lacht Sven und betrachtet Lukas' Mittelfinger, den er ihm nun gerade entgegenstreckt, während er sich mit der anderen Hand an Marks Zigaretten bedient.

"Ist ja nicht jeder so geizig wie du", flötet der Weißhaarige und krabbelt hinüber zu Mark, der sich nun ein wenig belagert vorkommt. Schließlich sitzt Patrick auf der anderen Seite von ihm, und hat ihm auch des Öfteren undefinierbare Blicke zugeworfen. Tja, wenn man vom Teufel spricht, denn soeben taucht Patrick wieder auf mit drei Flaschen Mezzomix und sechs ineinander gestapelten Gläsern.
 
"Da." Mit dieser knappen Aussage lässt er sich wieder neben Mark plumpsen und wirft einen verwunderten Blick auf Lukas, den er doch auf einem vollkommen anderen Platz in Erinnerung hatte. Seufzend stellt er die Gläser auf und schenkt allen reichlich ein.

"Wie wärs mal mit Musik?", fragt Sven und sieht Patrick flehend an, der sich an die Stirn tippt und auf die Tür deutet.

"Ich war eben drin. Steht in meinem Zimmer", entgegnet der Rotschopf und nippt von seinem Glas. Also so was, ist er etwa der Bimbo von dieser faulen Bagage?

"Ok, ich geh ja schon", stöhnt Sven gequält und richtet sich mühsam auf. Sich bei dieser Hitze auch noch sportlich zu betätigen, in diesem Falle zum zweiten Mal die Treppe zu Patricks Zimmer hinaufzulaufen ist wirklich ungesund.

"Hunger", sagt Alexander plötzlich und zieht die gesamte Aufmerksamkeit auf sich. Na hallo, immerhin ist er mitten in der Nacht aufgestanden und hat den ganzen Tag nur von einem mickrigen Käsebrötchen gelebt, was erwarten die denn?

"Pizza", fügt Ricki lechzend hinzu.

"Telefon", kommt es von Lukas, der Mark anstupst. Der wendet sich nun Patrick zu, der ihn mit zuckendem Augenlid mustert.

"Patrick?", jammert Mark und sieht sein Gegenüber wehleidig an.

"Boa! Könnt ihr auch vollständige Sätze sprechen?", flucht er grinsend und quält sich noch mal vom Boden auf und trottet in Richtung Küchentür um den Pizzadienst anzurufen. Ok, er hat im Prinzip selbst schuld, was muss er auch den Gastgeber spielen.

Der Rest der Gruppe bricht in lautes Gelächter aus und wird tatkräftig von Taco unterstützt, da der Husky nun auch noch anfängt lautstark zu kläffen. Und die Moral von der Geschicht? Schmarotzer hat man, oder nicht. 

 
Kapitel 31: Pumpen, Lexi! Pumpen!


"Hey Mister! Da sind wir!", schreit Sven und geht direkt auf den Tresen der Bar zu. Hinter dieser steht ein schon etwas älterer Mann, der komplett kahl rasiert ist und gerade dem Barkeeper einige Anweisungen gibt. Verwundert sieht er auf und blickt direkt in das grinsende Gesicht seines Sprösslings, der sich gegenüber von ihm aufbaut und zu ihm hinunter blickt. Schon deprimierend, wenn der eigene Sohn gut einen Kopf größer ist als man selbst.

"Das Mister kannst du dir sparen. Sag mir lieber wo die Packung Zigarillos geblieben ist, die ich heute Morgen gekauft habe", entgegnet sein Vater leicht verstimmt und blickt hinauf zu Sven, der nun einen Hustenanfall vortäuscht.

"Mum?", fragt Sven und versucht gelassen zu wirken.

"Als ob deine Mutter rauchen würde. Bahn 9 und 10", seufzt Svens Vater und deutet mit seinem Daumen in Richtung Bowlingbahn, bevor er sich wieder dem eigentlichen Problem zuwendet, nämlich besagten Barkeeper, der mal wieder Mist gebaut hat.

"Hier lang", sagt Sven und macht, dass er so schnell wie möglich aus der Schussrichtung kommt, bevor sein Vater es sich anders überlegt und ihn noch mal zurückbeordert.

"Du beklaust deinem Alten immer noch? Schäm dich", meint Ricki grinsend und knufft Sven in die Seite, der nun unschuldig pfeifend die Treppe zur Bowlingbahn hinterpoltert.

"Na, wenn er es auch immer so einladend auf dem Küchentisch liegen lässt. Ich bin auch nur ein armer Suchti", verteidigt sich Sven und läuft an den anderen Bahnen vorbei. Jetzt versteht er allmählich, warum sein gnädiger Herr ihnen die hintersten zwei Bahnen gegeben hat. Wahrscheinlich hat er Angst, dass er die Leute vom Seniorenverein erschreckt, so wie er wieder herumläuft. Aber auch gut, so haben sie wenigstens vier freie Bahnen dazwischen und somit ihre Ruhe.

"Können die alten Säcke nicht früher kommen? Was suchen die um diese Uhrzeit hier?", fragt Lukas missbilligend und wirft einer alten Frau einen giftigen Blick zu, die daraufhin leicht zusammenzuckt. Ja, Jungen mit weinroten Augen sind auch nicht gerade etwas Alltägliches.

"Weil sie keine Lust haben zu Bowlen, wenn hier alles voller Kinder ist", entgegnet Sven gelassen, obwohl er es auch seltsam findet, dass diese alten Tattergreise um halb Elf noch hier sind. Tja, das kommt davon, wenn man gewisse Medikamente an hilflosen alten Leuten testet.

"Und das gehört alles euch?", fragt Alexander Sven, und sieht sich immer noch neugierig um. Also, dass nennt er wirklich mal ein großes Center. Zehn Bowlingbahnen, mindestens zwanzig Kegelbahnen, dazu ein Restaurant und noch ne Ecke mit Spielautomaten.

"Jep, wir wohnen direkt gegenüber. Ist schon praktisch, wenn man immer umsonst spielen kann", grinst Sven breit und drückt auf der Schaltfläche herum, damit ein neues Spiel gestartet werden kann.

Mark und Alexander nicken stumm und fragen sich, wie jemand soviel Geld haben kann, dass alles zu finanzieren.

"Wie Lukas schon sagt. Verwöhntes Balg", flöte Patrick, woraufhin er sich einen Rüffel von Sven einfängt, der es nicht abkann, wenn jemand denkt, er sein ein verwöhntes Kind, dass sich alles von dem geehrten Herrn Vater in den Arsch stecken lässt.

"Bilden wir Dreiergruppen", sagt Ricki und ignoriert Patricks lautes Geschrei lächelnd, da Sven ihn gerade in die Luft hebt und damit beginnt, seine flache Hand auf dessen Hinterteil sausen zu lassen.

"Ok, du bist Ehrengast, also such dir zwei aus", meint Lukas und lässt sich auf eine der Sitzbänke plumpsen. Ihm ist es im Prinzip egal, solange er gewinnt.

"Öhm..." Ricki lässt seinen Blick durch die Runde schweifen. Das ist doch gemein, wie soll er sich denn hierbei entscheiden, ohne einem vor den Kopf zu stoßen?

"Na mach schon. Nimm irgendwen, ist doch schnups", ruft Patrick von Svens Schulter herunter und versucht sich krampfhaft von ihm zu befreien. Dass Sven mit seiner Größte eindeutig im Vorteil ist, erleichtert das Unternehmen nicht sonderlich.

"Ok, ich nehme Lexi und Sven", sagt Ricki leise und fängt sich einen bösen Blick von Alexander ein.

"Lexi?", fragt Lukas und hebt eine Augenbraue.

"Er da", lacht Ricki und versucht sich in Sicherheit zu bringen, da Alexanders Augenlid schon verräterisch anfängt zu zucken.

"Ich sagte dir schon mehrmals, dass ich diesen Namen hasse", grummelt er missmutig und verschränkt die Arme vor der Brust. Da denkt er, dass Ricki sich jetzt zurückhält, aber Pustekuchen!

"Lexi. Heißt so nicht das gelbe Vieh aus 'Hallo Spencer?'", fragt Sven und lässt Patrick wieder auf den Boden.

"Jetzt wissen wir alle, was du in deiner Freizeit guckst", kichert Lukas und kreuzt die Zeigefinger in Richtung Sven. Der tippt sich nur gegen die Stirn und wirft sich elegant die Haare zurück über die Schulter. Mit einem beleidigten "Pff", geht er zu Ricki der sich ein lautes Lachen nur schwer verkneifen kann.

"Die machen wir fertig, oder?", wendet Lukas sich nun an Patrick und Mark, die heftig mit dem Kopf nicken.

"Und was ist der Einsatz?", fragt Mark, wobei er diese Frage jetzt schon bereut, als er das zweideutige Grinsen auf Lukas Gesicht erblickt.

"Die Verlierer sehen zu, wie sich die Gewinner hemmungslos paaren", raunt er lüstern und wackelt mit den Augenbrauen.

"Alte Sau", ruft Ricki gespielt empört aus.

"Ignoriert ihn. Er hat einen Überschuss an Hormonen und hat keine Möglichkeit sich zu entladen", meint Sven gelassen und fummelt an den Knöpfen der zweiten Schaltfläche herum. Dass Mark und Alexander nun um die Wette erröten, entgeht ihm dabei komplett.

"Ihr Dörfler seit echt drollig", kichert Lukas und geht kopfschüttelnd hinüber zur Schuhablage um sich dort seiner Größe entsprechend, Bowlingschuhe zu holen. Der Abend dürfte recht interessant werden.

*~*~*~*~*

Lautes Poltern ist zu hören, und kurz darauf fliegen die letzten drei Figuren um. Mark grinst breit und verbeugt sich vor seiner applaudierenden Gruppe, während Alexander seinen Freund neidisch betrachtet. Das ist doch wohl unverschämt. Gleich beim ersten Durchgang haut der Kerl alle um.

>Beschiss<, denkt er und starrt auf die Kugel in seiner Hand. Nun, wie soll er es sagen, er ist nicht gerade ein Profi im Bowling und dass er jetzt von fünf Augenpaaren angestarrt wird erleichtert das Ganze nicht wirklich.

"Los Lexi. Hau sie um", ruft Lukas und grinst übers ganze Gesicht.

>Augen zu und durch<, feuert Alexander sich in Gedanken an, holt Schwung und lässt die Kugel versehentlich nach hinten fallen. Erschrocken dreht er sich um, als er Rickis und Svens lautes Geschrei hinter sich hört.

Die Kugel ist nicht gerade sanft gegen die Sitzbank gerumst, und wenn die beiden ihre Beine nicht hochgezogen hätten, dann wären die Knie jetzt angematscht. Mit hochrotem Kopf und eine Entschuldigung nuschelnd holt Alexander sich seine Kugel wieder und versucht das laute Gelächter der anderen Gruppe zu ignorieren.
 
"Alex, die Bahn ist geradeaus", prustet Mark und versucht einen Schluck von seiner Cola zu nehmen, was aufgrund des Lachanfalls nicht gerade einfach ist.

"Wär ich von alleine nie drauf gekommen", murmelt der Blondschopf beschämt und versucht es erneut. Mit lautem Poltern landet die Kugel auf der Bahn und eiert ein wenig hin und her, bevor sie in die linke Furche fällt und an den Figuren vorbeikullert.

"Pumpe", ruft Lukas und klatscht in die Hände.

"Alex, mehr in die Mitte", meint Ricki hilfsbereit und fängt sich einen wütenden Blick seines Halbbruders ein.

Alexander holt tief Luft, greift sich eine neue Kugel und holt erneut aus. Abermals eiert die Kugel auf der Bahn herum, bevor sie immer weiter nach rechts rollt und die äußerste Figur erwischt.

Hinter sich hört er lautes Klatschen, weshalb er sich verständnislos umdreht. "Keine Verletzten und keine Pumpe. Respekt", grölt Lukas, woraufhin Alexander rötlich anläuft und sich fluchend neben Ricki und Sven auf der Bank nieder lässt.

"War doch der erste Durchgang, also mach dir keinen Kopf", meint Sven und klopft ihm auf die Schulter.

"Schon klar", murmelt Alexander und beobachtet Ricki, der sich nun eine Kugel krallt und mit einem eleganten Hüftschwung auf die Bahn zutänzelt. Nur im Gegensatz zu ihm, trifft er, und zwar gleich sieben.

"Ätsch", ruft Ricki gehässig, da Lukas eben nur sechs Figuren umgehauen hat. Der wirft ihm einen überheblichen Blick zu streckt ihm die Zunge entgegen.

"Kleinkinder", seufzt Patrick auf und sucht wenig später Schutz hinter Mark, da Lukas und Ricki ihn mit einem patentierten Deathglare anstarren. Der brünette Junge fühlt sich nicht gerade wohl in seiner Haut, immerhin hat er Patrick jetzt hinter sich und einen weißen Stachelkopf alias Lukas vor sich.

>Hilfe.<

Die nächsten Durchgänge verlaufen ähnlich, während Mark, Lukas und Sven sich selbst im Abräumen übertreffen wollen, versuchen Patrick und Ricki weiterhin ihren Stand mit sieben bis acht Figuren zu halten. Und Alexander? Nun, der versucht verzweifelt seinen Durchschnitt von maximal drei Figuren zu halten, wobei er aber regelmäßig daneben wirft.

"Na los doch Lexi. Pumpen! Pumpen!", schreit Lukas erheitert und nippt an seinem Baccardi, während er mit seiner linken Hand eindeutige Pumpbewegungen ausführt.

Alexander, dauerrot und leise fluchend, dreht sich um und lässt Lukas eines grausamen Todes sterben, allerdings nur gedanklich, denn er würde es wohl nie wagen, diesem Freak zu nahe zu kommen ohne bleibende Schäden davonzutragen.

>Blöde Kugeln<, schimpft er frustriert und blickt die Bowlingkugeln gereizt an. Ist doch selbstverständlich, wenn alles nicht mehr geht, sind immer die Kugeln schuld. Oder zweifelt jemand daran?

*~*~*~*~*

Vier Flaschen Baccardi und mehrere Saure Äpfel später, schafft keiner der Jungen es, die Kugel so zu werfen, dass sie mehr als fünf Figuren umschmeißt, was natürlich Glück für Alexander ist, da er nun nicht mehr ganz so erbärmlich dabei aussieht.

Patrick wirft einen Blick auf seine Uhr die bereits halb Eins anzeigt und er erhebt sich schwankend. "Wir sollten langsam los, sonst müssen wir ne Stunde auf die nächste S-Bahn warten", murmelt er und versucht den aufsteigenden Kicheranfall zu unterdrücken, da Mark gerade wie ein Abhängiger den letzten Rest aus der Baccardiflasche hinunterschluckt.

"Ok, aber morgen gehen wir ins Dungeon", sagt Lukas bestimmend und lehnt sich an Mark, der gerade in seine Schuhe geschlüpft ist und die Bowlingschuhe beiseite gestellt hat.

"Dungeon?", fragt Alexander und blinzelt verwirrt. Sein Blick ist leicht verschleiert und er spürt jetzt schon die Auswirkungen des Alkohols. Was das letzte Mal passiert ist, als er und Ricki beide einen sitzen hatten, daran will er jetzt lieber nicht denken.

"Ne Disco. Allerdings mit Musik, die man hören kann ohne nen bleibenden Schaden zurückzubehalten", grinst Sven und sammelt die Flaschen zusammen. Bei ihm schlägt der Alkohol nicht so sehr an, aber das liegt wahrscheinlich auch daran, dass er am Wochenende regelmäßig einen kippt.

"Aha", sagen Alexander und Mark im Chor und Alexander hakt sich bei Ricki ein, da ihm ein bisschen schwindelig wird. Nein, es ist definitiv nicht gut so hastig auszustehen, wenn man einen in der Krone hat.

"Gut, dann sehen wir uns morgen", grinst Ricki und versucht Lukas und Sven zum Abschied noch mal zu umarmen, was nicht ganz so einfach ist, da er ja noch immer seinen Halbbruder am linken Arm hängen hat.

"Und sauber bleiben", ruft Lukas den Vieren nach, die sich jetzt die Treppe hinaufquälen.

"Das rate ich euch auch", ruft Patrick lachend zurück und rennt gegen einen Spielautomaten. Und was sagt uns das? Weniger reden und mehr auf den Weg achten.

"Tollpatsch", kichert Mark und zieht seine Sonnenbrille aus seiner Hosentasche, die er ein wenig ungeschickt in seinem Gesicht platziert.

"Wer schläft jetzt wo?", fragt Ricki ungeduldig und umklammert Alexanders Arm fester, da er doch schon ziemlich hin und hertorkelt. Na, solange er noch einigermaßen klar denken kann, geht's ja noch.

"Mir egal", sagt Mark und gähnt herzhaft. Die Hauptsache für ihn ist, dass er schnellstmöglich in ein Bett kommt. Schließlich ist er schon seit früh morgens auf den Beinen und der fehlende Schlaf macht sich langsam aber sicher bei ihm bemerkbar.

"Ok, dann schläft Alex bei mir", sagt Ricki schnell, bevor Mark sich seiner Aussage bewusst wird und er es sich doch noch anders überlegt. Patrick wirft Ricki einen dankbaren Blick zu und legt seinen Arm um Marks Schulter.

"Dann kommst du zu mir", entgegnet er bestimmend und grinst breit, als er in Marks verklärtes Gesicht blickt. Ok, der gute Junge hat eindeutig auch ein wenig zuviel getrunken, aber immerhin scheint er dadurch etwas lockerer geworden zu sein.

"Ist das unsre Bahn?", murmelt Alexander und deutet mit seinem Finger in Richtung Haltestelle. Patrick und Ricki starren auf die S-Bahn die soeben einfährt und nehmen die Beine in die Hand um diese noch zu erreichen. Alexander und Mark werden rücksichtslos hinterher geschleift, auch wenn es ein wenig komisch aussieht, wie zwei Freaks wie Ricki und Patrick zwei harmlos aussehende Dörfler quer über die Straße zerren und dabei auch noch aufpassen müssen, dass sie nicht ins Taumeln geraten und einen Freiflug gen Boden gewinnen.

*~*~*~*~*

Erschöpft lässt Alexander sich auf das riesige Ehebett plumpsen, dass Patrick vorher noch mit dunkelroter Bettwäsche ausgestattet hat, da er der Meinung ist, dass die geblümte gelbe Bettwäsche seiner Eltern ein regelrechter Stimmungstöter gewesen wäre.

"Und... wars so schlimm?", fragt Ricki grinsend und pellt sich aus seinen Klamotten, bis er nur noch in Short im Schlafzimmer steht und Alexander betrachtet, der ihm nun gekonnt den Mittelfinger zeigt.

"Hamiblamiert", nuschelt er ins Kissen.

"Was?" fragt Ricki verständnislos, der ehrlich gesagt kein Wort von Alexanders Gebrabbel verstanden hat.

"Hab mich blamiert", wiederholt der Blondschopf seufzend und richtet sich gequält im Bett auf. Ungeschickt zieht er sich sein Shirt über den Kopf und versucht sich aus seiner Jeans zu befreien.

"Meine Güte, ist doch egal. War doch nur ein Spiel. Und Lukas darfst du nicht so ernst nehmen, der ist so", versucht Ricki Alexander aufzubauen, der aber nur ein verächtliches Schnauben vernehmen lässt.

"Ob wir Mark drüben lassen können?", sagt er mehr zu sich selbst als zu Ricki und kickt nun seine Hose auf den Boden.

"Hey, ich hab Patty gesagt, er soll es nicht übertreiben", beruhigt der kleine Grufti seinen Halbbruder, der nur mit dem Kopf nickt und sich nach hinten fallen lässt. Er ist müde, und eines steht fest, sollte es jemand wagen, ihn morgen vor dem Mittagessen zu wecken, dann gibt es Tote.

"So müde?", lacht Ricki auf und krabbelt zu Alexander ins Bett. Der murmelt irgendetwas von 'Unbequemer Zug', 'Zuviel Alkohol' und 'ausschlafen'. Ricki seufzt resigniert und breitet sich auf der rechten Seite aus. Zudecken braucht er sich weiß Gott nicht, dazu ist es viel zu heißt. Das Fenster haben sie ja schon aufgemacht, aber die stickige Nachtluft trägt auch nicht gerade zu einem besseren Wohlbefinden bei.

"Sven ist nett... aber Lukas geht mir auf den Keks", murmelt Alexander und dreht sich zu Ricki um. Der sieht ihn mit großen blauen Augen an und seufzt resigniert.

"Man gewöhnt sich dran. Er meint es nicht böse, es ist einfach seine Art", meint er daraufhin und streckt seine Hand nach Alexanders Gesicht aus. Der schließt schläfrig seine Augen und konzentriert sich auf die warme Hand an seiner Wange.
 
"Hmhm... aber wenn er noch einmal Lexi sagt, dann trete ich ihn", grummelt Alexander und vernimmt ein angenehmes Lachen, dass von Ricki ausgeht. Vorsichtig öffnet er die Augen und sieht in das blasse Gesicht seines Gegenübers.

"Krieg ich dann auch nen Tritt?", will der kleine Goth wissen und lächelt anzüglich,

"Du wirst ausgesondert, heißt, du schläfst vor der Tür", entgegnet Alexander grinsend, woraufhin Ricki beleidigt seine Wangen aufbläst und sich von Alexander wegrollt. Na herzlichen dank, er wurde die letzten Tage schon zur genüge aus Alexanders Zimmer verbannt, da will er wenigstens hier zusammen mit ihm liegen.

"Schmoll nicht", murmelt Alexander und krabbelt auf Ricki zu, der nun mit dem Rücken zu ihm liegt.

"Mich nervt es, ok?! Seit die wieder da sind, tust du geradezu so, als hätte ich die Pest", mault Ricki und starrt frustriert an die Schlafzimmerwand. Er hört Alexander hinter sich seufzen und kurz darauf spürt er einen Arm, der sich um ihn legt.

"Was denkst du, wie sie reagieren würden, wenn ich Händchen haltend mit dir in die Küche geschlendert komme?", fragt Alexander leise.

"Ist trotzdem kein Grund mich ständig auf Distanz zu halten", erwidert Ricki missmutig und dreht sich zu seinem Halbbruder um. Ihre Nasenspitzen reiben aneinander und er spürt den warmen Atem seines Gegenübers in seinem Gesicht.

"Tut mir leid", wispert Alexander und sieht Ricki reuevoll an. Es ist ja nicht so, als wenn er Ricki mit Absicht von sich wegstößt, aber er hat einfach nur Panik davor, dass plötzlich einer seiner Eltern vor ihm steht und sie beide in einer eindeutigen Situation erwischen.

"Hier weiß keiner etwas davon, also brauchst du dich nicht zurückzuhalten", meint Ricki vorwurfsvoll, da ihm aufgefallen ist, dass Alexander, trotz der Tatsache, dass sie hier niemand kennt, sich trotzdem von ihm fernhält.

"Aber deine Freunde wissen es."

"Und? Haben sie uns deshalb wie Missgeburten behandelt?", fragt Ricki ernst und sieht Alexander durchdringend an. Der stöhnt resigniert auf und lächelt sacht.

"Nein", sagt er schließlich und sieht Ricki entschuldigend an. Schon seltsam, aber abgesehen von ein oder zwei Anspielungen, hat keiner sie beide dafür verurteilt oder als pervers bezeichnet. Wenn es bei ihnen im Dorf nur genau so einfach wäre, dass es keinen kümmert, was andere Leute machen, dann hätte er auch kein so großes Problem damit, es in der Öffentlichkeit zu zeigen. Aber die Realität sieht leider Gottes ganz anders aus.

"Was grübelst du schon wieder?", reißt Rickis Stimme ihn aus seinen Gedanken und er blinzelt irritiert.

"Hör auf damit", flüstert der schwarzhaarige Wuschelkopf bestimmend und kuschelt sich näher an ihn heran.

"Du klebst", meint Alexander und grinst leicht, als Ricki ihm die Zunge rausstreckt.

"Ach, und du schwitzt nicht, oder wie?", verteidigt der Grufti sich empört und beißt Alexander in die Schulter.

"Wenn du dich weiter so an mich drängst, dann bestimmt", keucht Alexander überrascht auf, als er Rickis Zähne an seiner Haut spürt.

"Stoß mich weg, wenn es dich stört", raunt Ricki in seiner neu entdeckten Lucifer-Stimmlage und positioniert sich wie eine Katze über seinem Halbbruder.

"Nicht jetzt", entgegnet Alexander leise und greift mit seinen Händen in Rickis Nacken um dort das Lederband zu lösen. Ricki muss aufgrund dieser Handlung leise auflachen und schüttelt den Kopf, sodass ihm seine schwarzen Haare ins Gesicht fallen.

"Du bist doch besessen." Ricki sieht lächelnd zu dem Blondschopf hinunter, bevor er sich nach unten beugt und dessen Mund mit seinem verschließt. Ein erstickendes Keuchen geht von Alexander aus, bevor er die Augen schließt und den Kuss erwidert.

Rickis Zunge stupst gegen seine verschlossenen Lippen, und bittet verzweifelt um Einlass. Ein wenig zögernd öffnet Alexander seinen Mund einen Spalt und lässt Ricki gewähren. Augenblicklich schießt ihm das Blut ins Gesicht und seine Wangen brennen, als stünden sie in Flammen.

Vorsichtig streicht Rickis Hand über Alexanders Brustkorb, während er den Kuss weiter vertieft. Ein heißes, angenehmes Kribbeln durchflutet seine Fingerspitzen, als sie über die entblößte Haut fahren und ein warmer Schauer läuft ihm über den Rücken. Keuchend lösen sie sich voneinander und starren sich mit geröteten Wangen an.

"Zu schnell?", fragt Ricki mit belegter Stimme und hat Mühe seinen Körper unter Kontrolle zu halten, da dieser schon das zweite Mal Hochverraten begehen will.

"Ist schon ok...", sagt Alexander noch ein wenig außer Atem und zieht Ricki zu sich hinunter um ihn in einen erneuten Kuss zu verwickeln. Der blickt erst ein wenig überrascht drein, bevor er die Augen schließt und sich seinem inneren Drang hingibt. Wer weiß, wann er wieder einmal die Gelegenheit hat, dass Alexander ihm gegenüber so offen ist.

Noch ein wenig unbeholfen, lässt Alexander seine Hände an Rickis Seiten entlang gleiten und drückt ihn näher an sich heran. In seinem Kopf hört er ein lautes Pochen und eine Hitzewelle bricht über ihm zusammen und droht sein letztes bisschen Verstand zu ertränken.

Der schmale, heiße Körper über ihm macht ihn schier wahnsinnig. Hinzu kommt noch, dass Ricki seine Hände auf Wanderschaft geschickt hat und nun an jeder Körperstelle wo sie vorbeikommen, ein Brennen hervorrufen, dass ihm ganz schwindelig wird.

Plötzlich reißt Alexander seine Augen auf und unterbricht den Kuss. Ricki sieht ihn ein wenig bekümmert an, als er das geschockte Gesicht seines Halbbruders erblickt. Ist es ihm jetzt doch zu schnell gegangen?

>Was...<, schießt es Ricki durch den Kopf, als er etwas verdächtig Hartes gegen seine Schenkel drücken spürt. Seine Augen suchen Alexanders Gesicht, das nun einen neuen Höhepunkt auf der Errötungsskala erreicht hat.

>Scheiße!<, schreit Alexander in Gedanken auf und wünscht sich jetzt ein großes Loch im Boden herbei, in das er sich verkriechen kann. Das kann doch nicht wahr sein, dass er so wenig Kontrolle über sich hat.

Ricki rollt sich von ihm runter und blickt halb belustigt und halb lüstern in Alexanders Schritt, wo sich bereits ein Zelt in dessen Shorts aufgestellt hat.