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Mad life Teil 32

Kapitel 32: Love is in the air

"Bequem genug?", fragt Patrick, nachdem er Mark auf sein ausziehbares Schlafsofa verfrachtet hat. Der gähnt einmal herzhaft und nickt schwerfällig mit dem Kopf. Ihm ist es ehrlich gesagt scheiß egal wie unbequem es auch ist. Hauptsache er kann endlich die Augen zu machen und schlafen.

"Brauchst du noch ein Kissen?", hakt Patrick weiter nach, dem es nicht gerade passt, dass Mark schon kurz vorm Einnicken ist. Eigentlich hat er sich ja erhofft, dass er mit dem brünetten Jungen noch ein bisschen 'reden' kann. Aber was macht der Idiot? Gähnt nur, breitet sich auf dem Sofa aus und schließt die Augen, klasse.

"Ist gut so", nuschelt Mark und dreht sich ein wenig schwerfällig zu Patrick um, der maulend und ein bisschen enttäuscht auf seinem großen Futonbett sitzt, da Mark ja seine Einladung, die Nacht bei ihm mit im Bett zu schlafen abgelehnt hat.

>Von wegen Platz wegnehmen<, denkt Patrick angepisst und zieht einen Schmollmund. Ja, ok. Er hat Ricki versprochen sich zu benehmen, aber es bestand ja trotz allem noch die Hoffnung, dass Mark sich trotzdem freiwillig zu ihm legt, aber so betrunken scheint der gute Junge doch noch nicht zu sein, wirklich ärgerlich.

"Immer so aufdringlich...", murmelt Mark müde und blinzelt zu Patrick hinüber, der ein wenig überrumpelt aus seinen Gedanken aufschreckt und Mark mit großen Augen anstarrt. Aufdringlich? Wer? Er etwa?

"Wie... wieso?", stottert der Rotschopf verwirrt.

Mark gähnt in das große grüne Kissen unter sich und versucht die Augen offen zu behalten. "Weil Lukas einem immer so nahe kommt", erwidert Mark murrend und wenn er nicht so müde wäre, dann hätte er jetzt vielleicht sogar Patricks erleichtertes Aufatmen gehört.

"Ja... vor Lukas nimm dich in acht", warnt er Mark und angelt sich eine Zigarette aus seinem Nachttisch. Auf den Schreck braucht er erst einmal Nikotin. Er hat ja erst geglaubt, Mark meint ihn und ist genervt davon, aber Gott sei dank, ist dem doch nicht so.

>Obwohl, verübeln könnte ich es ihm nicht<, denkt Patrick und grinst schelmisch, als er sich die Zigarette anzündet.

"Ist das Dungeon ne Disco für Schwule?", fragt Mark und stützt seinen immer schwerer werdenden Kopf in seiner Handfläche ab.

"Nee. Das Dungeon ist nicht direkt eine Disco, sondern eher ein Club für durchgeknallte Freaks wie uns. Da gibt's natürlich auch ne Tanzfläche, aber auch mehrere Tische, ne Bar und ne Spielerecke", klärt Patrick ihn auf und ist froh, dass sie jetzt erst einmal vom Thema aufdringlich weg sind.

"Also besteht auch die Chance mal auf weibliche Lebewesen zu stoßen...", stellt Mark erleichtert fest. Nicht, dass er etwas dagegen hat mit Kerlen durch die Gegend zu ziehen, aber wenn davon alle eine gewisse Neigung haben, fühlt er sich schon etwas verloren, da ja selbst Alexander ihn im Kreis der Heten allein gelassen hat.

"Gute Nacht. Ich bin müde" sagt Patrick schnell, drückt seine Zigarette aus, die noch nicht einmal bis zur Hälfte aufgeraucht ist und imitiert ein lautes Gähnen. Ohne noch einmal auf den anderen Jungen zu blicken, dreht er sich in seinem Bett um und kuschelt sich in sein Kissen.

>Weibliche Lebewesen<, denkt er frustriert und seufzt in sich hinein.

"Nacht", hört er Mark hinter sich und wenige Minuten später dringt ein gleichmäßiges Atmen an sein Ohr, das ihm sagt, dass der brünette Junge eingeschlafen ist.

*~*~*~*~*

Keuchend, verschwitzt und mit geschlossenen Augen liegt Alexander auf dem großen Ehebett und hat Mühe sein rasendes Herz wieder zu beruhigen. Sein Gesicht ist knallrot und ein leichter Zitteranfall hat seinen Körper erfasst.

Ricki sieht fasziniert in das emotionsgeladene Gesicht seines Halbbruders und zieht langsam die Hand wieder aus dessen Shorts. Mit leicht geröteten Wangen greift er nach einer Packung Tempos und wischt sich seine, mit weißer Flüssigkeit beschmierte Hand sauber. Schweigend lässt er das zerknüllte Tempo auf den Boden fallen und dreht sich wieder zu Alexander um, der sich langsam wieder gefangen hat.

Noch immer rot im Gesicht, starrt er an sich herab und hat Mühe damit, jetzt nicht zu Ricki zu schauen. Ihm ist das alles ja so was von peinlich. Nicht nur, das sein Körper ihm gegenüber Hochverrat begeht, nein! Er hat regelrecht nach der Berührung des anderen Jungen geschrieen.

>Scheiße, scheiße, scheiße<, jammert Alexander in Gedanken und wird augenblicklich noch röter im Gesicht. Wenn das so weiter geht, dann wird er wirklich in anderen Regionen an Blutverlust sterben.

Das plötzliche Auftauchen von Rickis Hand an seiner Wange lässt ihn allerdings erschrocken zusammenzucken. Beschämt schielt er zu dem kleine Grufti hoch, der neben ihm hockt und ihn mit einem undefinierbaren Blick betrachtet.

Schweigend sehen die beiden sich an, wobei ein gewisser Blondschopf am liebsten im Erdboden versinken möchte, da er sich so hat gehen lassen. Immerhin war das eben sein allererster 'körperlicher Kontakt' und wenn es auch nur Rickis Hand gewesen ist.

Dem Blick seines Halbbruders aber nach zu urteilen, könnte man meinen, dass für ihn Weihnachten und Geburtstag auf einen Tag gefallen ist, so wie er ihn jetzt angrinst mit seinem schelmischen Blick.

"Geht's dir jetzt besser?", fragt Ricki und unterdrückt ein Glucksen, da Alexander ihn mit einem Blick ansieht, der Katja in Punkto Entsetzen alle Ehre gemacht hätte. Aber anstelle darauf zu antworten, holt Alexander einmal tief Luft und schließt für einige Sekunden seine Augen.

Ricki seufzt resigniert, legt sich wieder hin und reibt seine Wange an die seines Halbbruders. "Kein Grund sich zu schämen", meint er tröstend und kuschelt sich näher an den warmen Körper neben sich.

Alexander schielt verstohlen zu Ricki, der sich mit geschlossenen Augen und einem unheimlich glücklichen Lächeln an ihn drückt. >Verrückter Kerl<, denkt Alexander und stöhnt innerlich auf.

Dass Ricki so ruhig bleiben kann, obwohl er ja wohl am besten weiß, was er vor wenigen Minuten noch mit seiner Hand gemacht hat, ist ihm wirklich ein Rätsel. >Du bist zu verklemmt<, schimpft Alexander mit sich selbst und schielt wieder in Rickis Gesicht.

"Danke", murmelt er schließlich leise und räuspert sich kurz darauf, da Ricki prompt die Augen aufreißt und ihn mit einem eindeutigen Schlafzimmerblick anstarrt.

"Wie sagt man? Wie du mir so ich dir?", meint Ricki grinsend und drückt Alexander einen Kuss auf die Wange. Der hätte sich aufgrund der Aussage beinahe an seiner eigenen Zunge verschluckt.

Was soll er denn jetzt davon halten? Will Ricki damit andeuten, dass er das gleiche jetzt bei ihm...

"Hör auf zu grübeln", seufzt Ricki und sieht Alexander entschuldigend an. Bis der soweit ist, und selbiges bei ihm macht, dauert es wohl noch etwas, aber im Prinzip kann er ja froh sein, dass sein Halbbruder schon so weit ist, und ihn im wahrsten Sinne des Wortes in seine Unterhose lässt.

"Gute Nacht", murmelt Ricki und gähnt gegen Alexanders Halsbeuge. Der atmet ein wenig erleichtert auf und legt seinen Arm um den blassen Körper.

"Nacht..."

*~*~*~*~*

"Und du bist sicher, dass wir einfach so abhauen können?", fragt Alexander und sieht skeptisch zu Ricki, der nun leise die Haustür hinter ihnen schließt.

"Hab doch nen Liebesbrief geschrieben und gesagt, dass wir kurz weg sind", wehrt er lächelnd ab und rückt seinen langen Lederrock zurecht, der bei Alexander wieder einmal die Erinnerungen an ihren seltsamen Kleidertausch hervorruft.

Während Ricki mal wieder aussieht wie aus der Gruft entstiegen, läuft er in normalen hellen Jeans und einem Shirt im Armeestil neben ihm her. Ein kurzer Blick auf seine Armbanduhr verrät ihm, dass es gerade mal halb neun ist, also für seine Verhältnisse noch früh, wenn man auch noch berücksichtigt, dass er die Nacht davor so gut wie kein Auge zugekriegt hat.
 
"Und wohin gehen wir?", kommt es von Alexander, der nun hinter Ricki die Straße überquert.

"Zum Friedhof", entgegnet dieser knapp und geht weiter. Alexander will gerade fragen, ob er ihn verarschen will, kann sich aber im letzten Moment noch bremsen.

>Zum Friedhof...<, denkt er mitfühlend, da ihm jetzt erst klar wird, dass sie sich ja in Rickis Heimatstadt befinden und dort selbstredend auch das Grab seiner Mutter ist. Wie kann er nur so dämlich sein und das vergessen, schließlich hatten sie erst ein Gespräch bezüglich seiner Mutter.

Reflexartig greift er nach Rickis Hand, woraufhin der kleine Grufti ein wenig erstaunt zu dem Blondschopf aufblickt. Vorsichtig fährt Alexander mit seinem Daumen über Rickis Handrücken und versucht nicht allzu bekümmert dreinzublicken. Immerhin hat Ricki ja gesagt, dass er es hasst, wenn Außenstehende etwas von Mitleid heucheln, obwohl sie sich gar nicht in seine Lage hineinversetzten können.

"Muss vorher noch zum Blumenladen", sagt er mehr zu sich selbst als zu Alexander, der nur schweigend nickt und sich darauf konzentriert jetzt nichts Falsches zu sagen. Das letzte Mal, als er auf einem Friedhof war, ist schon knapp vier Jahre her. Damals ist nämlich sein Opa gestorben.

"Da kommt die Bahn", ruft Ricki plötzlich aus und läuft los, Alexanders Hand dabei nicht loslassend. Schnell hechten die beiden über die Straße und steigen in die S-Bahn ein, die gerade wieder abfahren will.

"Such du mal nen freien Platz." Mit diesen Worten lässt Ricki Alexanders Hand los und zieht sein Portemonnaie aus seinem kleinen Rucksack, um ein Tagesticket für sich und seinen Halbbruder zu ziehen.

Alexander quetscht sich derweil an mehreren Erwachsenen vorbei, die teilweise mit Aktenkoffern und Einkaufstüten beladen im Gang stehen. Da ist er mal wieder froh, dass er noch zur Schule geht und Ferien hat. Bei dem schönen Wetter zu arbeiten grenzt doch an Quälerei.

Weiter hinten findet er einen Viersitzer in dem nur ein schon etwas älterer Mann sitzt und Zeitung liest. Seufzend lässt er sich gegenüber von ihm auf die Sitzbank nieder und hält Ausschau nach Ricki, der gerade versucht sich an einer Frau mit Kinderwagen vorbeizudrängen.

"Man, diese Dinger gehören verboten", meint er genervt und lässt sich neben Alexander nieder, der nur sacht lächelt. Ohne überhaupt daran zu denken, was andere hier davon halten, greift er wieder nach Rickis Hand und hält sie fest.

Der wirft ihm nun einen skeptischen Blick zu und fragt sich, ob Alexander immer noch betrunken ist, oder ob er es endlich eingesehen hat, dass es hier keinen Arsch interessiert, ob sie beide nun Händchen halten oder nicht.

Zufrieden dreinblickend, lehnt er sich an dem Blondschopf an, der nun neugierig aus dem Fenster der S-Bahn guckt. Also eines steht fest, Wolfsburg ist im Gegensatz zu dieser Stadt ein regelrechtes Kaffdorf.

*~*~*~*~*

"So, und weiter", ruft Ricki, als er mit einem Dutzend Sonnenblumen aus dem Blumenladen kommt. Alexander nickt kurz und hält Ricki seine Hand entgegen, die dieser augenblicklich ergreift.

Sein Blick verweilt auf den großen, gelben Blumen, bevor er sich wieder auf sein Umfeld konzentriert. "Sind ihre Lieblingsblumen", sagt er plötzlich und bleibt vor einer Ampel stehen. Alexander beißt nun verzweifelt auf seine Unterlippe, da er nicht weiß, ob er jetzt einfach normal mit ihm weiter reden kann, oder besser still ist.

>Ich weiß noch nicht einmal, welches die Lieblingsblumen meiner Mutter sind<, schießt es ihm durch den Kopf und blickt hinauf in den Himmel, der immer noch wolkenfrei und strahlendblau ist.

"Willst du mitkommen, oder vor dem Tor warten?", fragt Ricki Alexander und reißt ihn somit aus seinen Gedanken. Der blickt unruhig zu ihm hinab, bevor er ein halbwegs ehrliches Lächeln aufsetzt.

"Wenn du nichts dagegen hast, komme ich mit", meint er daraufhin und sieht zu seiner Erleichterung, dass Ricki mit dieser Aussage zufrieden ist. Immerhin hätte es ja auch sein können, dass er das nur höflichkeitshalber gefragt hat, aber in Wirklichkeit lieber ein wenig allein an dem Grab seiner Mutter gestanden hätte.

"Ok." Weiter kommt er nicht, da nun ein lautes Klackergeräusch ertönt, das sie darauf aufmerksam macht, dass die Ampel jetzt grün ist und sie über die Straße können. Mit schnellen Schritten kommen sie an der anderen Seite an und gehen auf ein großes graues Tor zu.

"Ist gleich hinter dem Park", klärt Ricki Alexander auf, während er versucht sich eine Zigarette aus seinem Rucksack zu holen.

"Soll ich halten?", fragt Alexander und hat kurz darauf den großen Blumenstrauß in den Händen, während Ricki sich mit einem dankbaren Blick eine Zigarette anzündet. Immerhin hat er soviel Anstand und raucht nicht auf dem Friedhof.

Nachdem sie gute fünfzehn Minuten durch den extrem großen Park gewandert sind, kommen sie an einem angrenzenden schon etwas rostigen Gatter an. Mit leisem Quietschen drückt Ricki das Tor auf und nimmt Alexander die Blumen wieder ab.

Der sieht sich ein wenig unwohl auf dem von Bäumen bewachsenen Friedhof um. Die meisten Gräber liegen im Schatten dar und nur vereinzelt sind ein paar sonnige Plätze zu sehen.

Ricki geht zielstrebig in Richtung eines alten, mit Moos überwachsenen Brunnen und sieht sich kurz nach Alexander um, der sich nun die verschiedenen Grabsteine genauer ansieht. Was manche sich aber auch einfallen lassen. Also er persönlich würde ja nicht gerade einen Grabstein mit einem eingravierten Fisch wollen, aber wahrscheinlich hat dieser Mensch früher gerne geangelt.

Kopfschüttelnd geht er weiter und folgt Ricki der gerade hinter einer langen Hecke verschwunden ist. Schnell macht er, dass er hinterher kommt, denn bei dem Gedanken, Ricki auf diesem riesigen Friedhof aus den Augen zu verlieren, behagt ihm nicht sonderlich.

Mit eiligen Schritten geht er an der Hecke vorbei und sieht Ricki ein paar Meter vor sich, wo er gerade vor einem mit Blumen bewachsenen Grab steht und dort die Sonnenblumen in eine Vase stellt. Ein feuchter Glanz bildet sich in Alexanders Augen, wie er seinen Halbbruder dort knien sieht. Ein Anblick, der ihm regelrecht die Kehle zuschnürt.

*~*~*~*~*

Sichtlich erleichtert lässt Alexander den Friedhof hinter sich. Wenn er noch ein paar Minuten länger dort neben Ricki gestanden hätte, dann hätte er sich nicht länger zurückhalten können. Die Tatsache, dass er mit diesem vor dem Grab seiner Mutter gestanden hat und Ricki angefangen hat mit ihr zu reden, hat ihn regelrecht aus der Bahn geworfen. Er hat nicht gewusst, was er hätte tun sollen, wenn Ricki angefangen hätte zu weinen. Aber Gott sei dank, scheint Ricki seine Gefühle besser im Griff zu haben als er, da er selbst Mühe hatte sich nicht gehen zu lassen.

"Wollen wir so sozial sein und Brötchen holen?" unterbricht Ricki die entstandene Stille und sieht Alexander lächelnd an. Der zuckt nur mit den Schultern und starrt weiterhin auf den Boden. Er hat sich schon lange nicht mehr so unwohl in seiner Haut gefühlt.

"Du sollst aufhören zu grübeln", ermahnt Ricki ihn mit ernster Stimme und umklammert Alexanders Kinn, womit dieser nun gezwungen ist ihn anzusehen.

"Tut mir leid", gibt dieser leise zurück und atmet einmal tief durch.

"Du brauchst dir meinetwegen keinen Kopf zu machen... ich komm schon damit klar, ok", fährt Ricki seufzend fort und geht weiter. Alexander blickt ihm verständnislos hinterher. Er versteht nicht, wie Ricki es schafft so ruhig zu bleiben, aber nachfragen will er lieber nicht, schließlich geht ihn das wirklich nichts an. Er kann nur froh sein, dass Ricki jetzt nicht heulend zu seinen Füßen sitzt, so wie er eigentlich gedacht hat, sondern ganz normal weitergeht, als wäre das etwas Alltägliches, dass er seine verstorbene Mutter auf dem Friedhof besucht und ihr mal so eben seinen Freund vorstellt.

>Starke Persönlichkeit...<, denkt Alexander und läuft hinter Ricki her, der nun schon etwas ungeduldig an einer Parkbank stehen geblieben ist und mit verschränkten Armen zu ihm hinüber starrt.

"Ok, holen wir Brötchen", keucht Alexander, der nun neben dem schwarzen Wuschelkopf zum Stehen kommt. Ricki lächelt zufrieden und hakt sich bei seinem Halbbruder ein, der nun die ganzen deprimierenden Gedanken beiseite schiebt. Nein, jetzt mit Weltuntergangsmiene herumzulaufen bringt auch nichts, zumal er sich ja auch freut, dass Ricki den ganzen Vorfall schon so gut verarbeitet hat.

Gegen zehn Uhr kommen sie schließlich beim Bäcker an, wo sich zu ihrem Leidwesen bereits eine gehörige Menschenmasse versammelt hat. Ricki stöhnt genervt und zieht die Tür zum Bäckerladen auf.

"Reicht ja, wenn sich einer ins Getümmel stürzt", sagt er murrend und lässt Alexander draußen zurück, der nur grinsend den Kopf schüttelt und seinen Blick über die verschiedenen Geschäfte wandern lässt.
 
Summend geht er ein Stück weiter und betrachtet die aufgemotzten Schaufenster, bevor er vor einem stehen bleibt, in dem mehrere Skulpturen und dunkle Kleidung ausgestellt sind. Er tritt ein wenig näher an das Schaufenster und wirft einen flüchtigen Blick in den Laden, wo ihm gleich auffällt, dass dort hauptsächlich Leute wie Ricki herumlaufen, was das Optische anbelangt.

>Gruftiladen<, denkt er bei sich und blickt zögernd auf die Türklinke. Nach kurzem hin und her ringt er sich doch dazu durch den Laden zu betreten, da er, ehrlich gesagt schon etwas neugierig ist, da es bei ihm zu Hause in der Gegend kein solches Geschäft gibt.

Kaum hat er die Tür geöffnet, dringt laute Musik an sein Ohr, die sehr verdächtig nach Rickis Musik klingt. Vorsichtig schließt er die Tür hinter sich und geht weiter. Der schwarz bekleidete Mann hinter dem Verkaufstresen sieht ihn ein wenig verdutzt an, bevor er sich wieder seiner Arbeit widmet.

Alexanders Blick wandert über diverse Totenschädel und Drachenskulpturen, die anscheinend als Aschenbecher oder Räucherstäbchenhalter dienen sollen. Einen Gang weiter hängen mehrere Mäntel, Kutten und Umhänge an einem Kleiderständer und direkt daneben steht eine Schaufensterfigur, die einen weißschwarzen Schottenrock und ein mit Haltern versetztes Shirt anhat.

Alexander sieht die Figur schweigend an, bevor er weiter geht und vor einer großen Glasvitrine stehen bleibt.

*~*~*~*~*

Fluchend steht Ricki mit einer Tüte Brötchen vor dem Bäckerladen und sieht sich nach Alexander um, der allen Anschein nach wie vom Erdboden verschluckt ist. "Lässt man ihn mal fünf Minuten alleine...", murrt Ricki und blickt frustriert auf sein Handy, da er kein Geld mehr drauf hat um Alexander anzurufen.

Das ist doch wirklich klasse, da macht er sich die Mühe und prügelt sich mit ein paar Rentnern um die letzten Brötchen, wobei er selbstredend im Nachteil gewesen ist, da diese ihn ja mit ihren Stricknadeln und Krückstöcken attackieren konnten. Und was ist der Dank für seine Mühe? Er kommt raus, erschöpft und um Luft ringend und Alexander ist nicht da.

Als ihm aber besagter Vermisster kurz darauf gegen die Schulter tippt, entweicht ihm ein kurzer Schrei. Mit großen Augen dreht er sich um, und blickt direkt in Alexanders Gesicht, das keinerlei Reue zu zeigen scheint.

"Bist du denn total übergeschnappt? Kannst doch nicht einfach abhauen ohne was zu sagen!", ruft Ricki empört aus und sieht Alexander vorwurfsvoll an. Immerhin kennt dieser sich hier nicht aus, und wer weiß, vielleicht kommen plötzlich ein paar Typen und verschleppen ihn und er selbst wird wahnsinnig vor Sorge.

"Sorry", entgegnet Alexander grinsend und greift nach Rickis freier Hand.

"Ach, und jetzt wieder Händchen halten wol-" Ricki bricht den Satz ab, als er spürt, wie etwas Kaltes über seinen Mittelfinger gestülpt wird. Mit großen blauen Augen blickt er auf seine Hand, deren Mittelfinger nun ein circa ein Zentimeter breiter, mit einem eingravierten Kreuz verzierter Silberring ziert.

"Na Gott sei dank passt der. Bin jetzt nach meinem Durchmesser gegangen", lacht Alexander, als er Rickis verblüfften Gesichtsaudruck sieht, als er den Ring genauer betrachtet. Hat er jetzt Halluzinationen, oder hat Alexander ihm da jetzt wirklich einen Ring aufgesteckt?

"Bilde dir nichts drauf ein...", sagt der Blondschopf plötzlich und holt ihn augenblicklich von Wolke Sieben runter. Irritiert sieht Ricki sein Gegenüber an, der ihm nun mit raus gestreckter Zunge seine Hand präsentiert, an deren Mittelfinger der gleiche Ring zu sehen ist.

>Partnerlook?!<, schreit Ricki in Gedanken auf, und will Alexander jetzt am liebsten packen, über die Schulter schmeißen und mit ihm wieder in das Schlafzimmer von Patricks Eltern verschwinden.

"... zwei waren billiger als einer", beendet Alexander seinen Satz und weicht in weiser Voraussicht einen Schritt zurück, da Ricki so aussieht, als wenn er jetzt am liebsten über ihn herfallen würde.

"Altes Ekel", lacht Ricki laut auf und umklammert Alexanders Hand, der nur unschuldig lächelt. Na, jetzt hat er es wenigstens geschafft, dass Ricki wieder glücklich ist, denn so wirklich abgenommen, hat er ihm seine Gelassenheit vorhin nicht. 

 

wird fortgesetzt