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Mad life - Special 1

Inhalt: Eines von Rickis traurigen Kindheitserlebnissen, in diesem Falle die Verfrachtung in den Müll.


 Special 1: Garbage


Es ist Mitte November. Kleine weiße Schneeflocken fallen auf die Erde nieder und ein unangenehmer kalter Wind fegt über das Schulgelände hinweg. Auf dem großen Hof tummeln sich Kinder von sechs bis zehn Jahren und spielen mit dem feinen Puderschnee, der sich wie eine Decke über den Schulhof gelegt hat.

Ein kleiner Junge, eingepackt in eine dicke dunkelgrüne Jacke und mit einer roten Bommelmütze auf dem Kopf blickt sich suchend auf dem Gelände um. Seine straßenköterblonden Haare hängen ihm in dünnen Strähnen ins Gesicht und sein Atem steht in einer kleinen weißen Wolke vor seinem Mund.

Sein Blick bleibt schließlich an einem der Müllcontainer hängen, die in der hintersten Ecke des Schulhofes stehen. Eilends läuft er auf die Container zu, wobei er immer wieder ein paar andere Kinder unsanft anrempelt.

Vor dem Container angekommen, bleibt er erst einmal stehen und verschnauft. Seine Nase und seine Wangen sind gerötet und ein leichtes Zittern hat seinen kleinen Körper erfasst.

Der Junge schluckt einmal fest, bevor er sich nervös umsieht und sich auf die Zehenspitzen stellt. Gerade so kann er mit seinen Händen den Deckel des Containers berühren und beginnt dann energisch dagegen zu hämmern.

"Ricki?", ruft er laut und hämmert weiter gegen das kalte Blech. Aus dem Inneren des Containers ist leises Wimmern zu hören, woraufhin der Junge sich erschrocken zurückzieht.

Also hat er mit seiner Vermutung richtig gelegen. Schon wieder hat Steven seinen besten Freund in den Müllcontainer verfrachtet.

"Komm da raus!", schreit er verzweifelt und tritt mit seinem Fuß gegen die Außenwände.

Ein quietschendes Geräusch ist zu vernehmen und mit einem Ruck wird der Deckel des Containers angehoben. Ein großes blaues Augenpaar blickt auf den blonden Jungen herab und die verdächtige Röte in ihnen ist kaum zu übersehen.

"Ich helf dir", sagt der blonde Junge und hält Ricki die Hand hin. Dieser schnieft einmal kräftig und schüttelt trotzig den Kopf. Mühsam schwingt er sein rechtes Bein über die Kante und zieht sich ächzend aus dem Müllcontainer heraus.

Unsanft landet der schwarzhaarige Junge auf dem Boden und wischt sich mit seinem Jackenärmel über das dreckige Gesicht. Seine Hose sowie seine Jacke sind vollkommen verschmutzt und seine Haare zerzaust. Sein leicht rundliches Gesicht ist verheult und ein heftiger Zitteranfall hat seinen Körper erfasst.

"Warum sagst du es nicht deiner Mama?", fragt der blonde Junge und hockt sich mit vorwurfsvollem Blick neben das kleine Häufchen Elend.

"Nein... lass mich in Ruhe Patty", schluchzt Ricki und rappelt sich vom Boden auf. Kleine Schneereste kleben nun an seinem Hosenboden und getrocknete Spuren von Tränen und Schnodder zieren sein Gesicht.

Patrick kramt in seiner Jackentasche herum und holt schließlich ein zerknülltes Tempo hervor. "Da... sonst lachen wieder alle", meint er besorgt und blickt Ricki auffordernd an. Dieser greift mit zitternder Hand nach dem Taschentuch, bevor er abermals anfängt zu wimmern und erneut Tränen über sein Gesicht laufen.

"Steven ist ... ist immer so... gemein...", schluchzt er und wischt sich mit den Handflächen über die Augen.

"Nicht weinen...", sagt Patrick leise und nimmt den kleineren Jungen in den Arm. Ricki drückt sich sofort näher an seinen besten Freund heran und umklammert seine Schultern.

"Nächstes Mal verhaue ich Steven, ok?", fragt Patrick und schlägt Ricki ein paar Mal kräftig auf den Rücken.

"Der ist... doch viel größer als du...", schnieft Ricki leise und schnaubt in das Tempo. Langsam beruhigt er sich wieder und er sieht sich ein bisschen beschämt auf dem Schulhof um. Gott sei dank scheint keines der anderen Kinder sie beide beobachtet zu haben, was wohl zum größten Teil daran liegt, dass es nicht sehr ratsam ist, sich in der Nähe der Müllcontainer aufzuhalten, wenn man nicht gerade versessen darauf ist, in einem zu landen.

"Pah! Ich halte ihn fest und du haust ihn... du kannst dir das nicht immer von dem gefallen lassen", entgegnet Patrick energisch und stampft mit seinen Schneeboots auf dem Boden auf.

Na dass wollen wir doch einmal sehen. Dieser Steven soll es noch einmal wagen, seinen Freund in den Müllcontainer zu verfrachten, dann kriegt er aber gewaltig Ärger mit ihm.

"Ich will nach Hause...", wispert Ricki und lässt das Taschentuch zur Erde fallen. Am liebsten würde er nicht mehr zur Schule gehen. Seit dem ersten Schultag hacken alle auf ihn herum, nur weil er ein klein wenig mehr auf der Hüfte hat als die anderen in seiner Klasse.

Er kann doch nichts dafür, dass er so aussieht, seine Mutter meint immer nur, dass das Babyspeck wäre und der von alleine weggehen würde. Zudem meint sie immer, dass sie es niedlich findet, dass er so ein kleiner Wonneproppen ist. Würde sie aber wissen, dass er regelmäßig gehänselt und herumgestoßen wird von seinen Mitschülern, würde sie wahrscheinlich anders denken.

"Wieso?" Fragend blickt Patrick Ricki an, der nun verbittert seinen Blick über den Schulhof gleiten lässt und mit dem Fuß auf dem Boden herum scharrt.

"Weil alle gemein zu mir sind..."

"Ich auch?"

Mit großen Augen sieht Ricki Patrick an, der nun ein wenig traurig dreinblickt. Die rote Mütze rutscht ihm etwas tiefer ins Gesicht, sodass man die Augen gerade noch so sehen kann. Ein großer Schmollmund ziert sein Gesicht und er hüpft unruhig von einem Fuß auf den anderen.

"Nein...", sagt Ricki schließlich und ein sachtes Lächeln schleicht sich über sein Gesicht. Patrick grinst daraufhin breit und hakt sich bei Ricki ein.

"Kommst du mit aufs Klo? Du bist schmutzig." Ohne eine Antwort abzuwarten, schleift Patrick den verdatterten Ricki hinter sich her und verschwindet mit ihm im Inneren des Schulgebäudes.