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Die sieben Tods?nden Neid

Sünde II: Neid

Es ist Mittwochnachmittag. Auf einem großen Sofa im Zebralook sitzt ein junger Mann mit dunkelblauen Haaren und betrachtet geistesabwesend die Tasse in seiner rechten Hand. Finster dreinblickend trommelt er mit den Fingerspitzen auf seinem Knie herum und versucht krampfhaft den Trubel um sich herum zu ignorieren.

Was zum Teufel noch mal macht er falsch? Warum wird er in letzter Zeit ständig von Tobias übersehen? Nur weil da plötzlich ein neues männliches Model ihrem Team beigetreten ist, ist das noch lange kein Grund ihn links liegen zu lassen.

Und überhaupt, er sieht schließlich viel besser aus, als dieses dürre brünette Gerippe namens Pascal. Alleine schon bei dem Gedanken an diesen Namen stellen sich seine Nackenhärchen auf.

Missmutig stellt er seine Tasse auf dem sichtlich teuren Glastisch ab und erhebt sich. In gut einer halben Stunde hat er sein Shooting und vielleicht ist es besser, noch einmal in die Maske zu gehen. Die Tatsache, dass er in den letzten zwei Stunden fast ein Dutzend Mal dort gewesen ist, tut ja nichts zur Sache.

Der lange schwarzdurchsichtige Mantel den er über einem engen Netzshirt trägt schwingt hin und her, als er die vier Stufen zur Garderobe hoch läuft. Eine Tür weiter findet er bereits den ihm wohlbekannten Retter in der Not.

Ein Mann mit pinkfarbenen Haaren und neongrünen Klamotten ist gerade dabei einen der riesigen Spiegel abzuwischen, als er ihn erblickt.

"Och nein Sascha. Nicht schon wieder", ruft der Mann stöhnend aus und lässt sich auf einen der Stühle plumpsen.

"Soll ich jetzt davon ausgehen, dass du nicht erfreut bist mich zu sehen Conny?", fragt Sascha grinsend und schlendert mit einem aufreizenden Hüftschwung in den Raum.

Connys Blick verweilt einige Sekunden auf der Lendengegend des jungen Mannes, bevor er sich mit leicht geröteten Wangen von dem Stuhl erhebt und übertrieben laut seufzt.

"Ihr Fotomodels bringt mich noch mal ins Grab", ruft er mitleidig aus und beobachtet Sascha, wie er gerade vor einem der riesigen Wandspiegel posiert.

"Dann solltest du dir nen anderen Beruf suchen... aber ich sage dir, etwas fehlt... ich fühle mich so...", beginnt Sascha und fuchtelt hibbelig mit seinen Händen in der Luft herum. Unzufrieden betrachtet er sein Erscheinungsbild und rümpft missmutig die Nase.

Also eines steht fest, ihm steht dieser Fummel besser als Pascal. Aber warum wird dieser Mistkerl trotzdem als erstes drangenommen? Ist Tobias etwa immer noch beleidigt, da er ihm letztens gesagt hat, dass seine Bilder null Emotionen rüber bringen?

"Dieser blöde Penner", flucht Sascha und lässt sich wie ein Sack Mehl auf den nächst besten Stuhl nieder.

"Hach Schatz. Jetzt fang nicht schon wieder mit deinem Pascalwahn an", seufzt Conny mürrisch und greift sich seine Schminkutensilien. Schön, wenn Sascha es so will, dann bearbeitet er sein Gesicht eben noch einmal. Hey, was beschwert er sich, immerhin hat er ihn innerhalb der letzten zwei Stunden nur ganze neun Mal umschminken müssen.

"Was heißt hier Wahn? Ich verstehe ohnehin nicht, was dieser Milchbubi hier verloren hat! Sieh dir den doch mal an", zischt Sascha angepisst und starrt durch die großen Scheiben, die ihm einen direkten Blick auf sein Hassobjekt Numero Uno gewähren, dass sich gerade auf Tobias Anweisungen anzüglich auf einigen Blättern räkelt.

"Also in letzter Zeit bist du wirklich ziemlich zickig mein Lieber", erwidert Conny neutral und beginnt mit einem kleinen Pinsel an Saschas Augen herumzuwerkeln. Es ist doch immer wieder das gleiche Theater mit ihm. Die Platte kennt er bereits in und auswendig.

"Von wegen zickig. Mir stinkt es nur, dass Tobias mich behandelt wie Luft", faucht der blauhaarige Junge ungehalten und hat alle Mühe damit, jetzt nicht aufzuspringen, als er mit ansieht, wie Tobias es tatsächlich wagt, jetzt an Pascals Oberteil herumzufingern.

"Beruhig dich bitte, sonst kriegst du noch Mimikfalten Schatz. Und das ist bestimmt das letzte was du heute noch gebrauchen kannst", ermahnt Conny ihn und konzentriert sich wieder auf seine Arbeit.

Also wenn er so weiter macht, dann sieht Sascha bald aus wie eine Puppe. Seine Zungenspitze berührt vor Eifer beinahe seine Nasenspitze, als er den Pinsel beiseite legt und in seinem Koffer nach einem anderen Eyeliner sucht.

"Mir doch egal... mir reicht es eh schon wieder. Ich hab langsam keinen Bock mehr... Können wir nicht nen neuen Fotografen suchen?", murmelt Sascha wütend und kaut auf seiner Unterlippe herum weshalb er auch wenige Sekunden später einen entsetzten Schrei von Conny hört.

"Ja bist du denn verrückt! Lass bloß die Zähne von seinem Mund", jammert Conny, der beim letzten Mal schon froh gewesen ist, dass er Saschas Lippen so perfekt betont gekriegt hat.

"Sorry", nuschelt Sascha kleinlaut und beobachtet nun stumm das Geschehen vor sich. Wenn er es nicht besser wüsste, dann...

"Sag mir, dass ich einen Knick in der Optik habe", wispert er angespannt und deutet mit seiner linken Hand in Richtung Bühne, wo Pascal gerade äußerst eindeutige Bewegungen mit seiner Hüfte macht und Tobias daraufhin breit grinst.

Conny wirft einen kurzen Blick durch die Glasscheiben, bevor er sich wieder den Lippen seines Opfers zuwendet.

"Nein, hast du nicht. Was ist denn schon dabei, wenn die beiden sich gut verstehen?", fragt Conny verständnislos, kann sich aber ein sachtes Schmunzeln nicht verkneifen, als Sascha anfängt leise vor sich hinzufluchen.

>Gut verstehen? Pff, das, was da unten abläuft ist doch eindeutig sexistisch!<, denkt Sascha angepisst und fummelt an den Ärmeln seines Mantels herum.

Dieser blonde Mistkerl mit seinem dämlichen Pferdeschwanz und seinem Dreitagebart, auch besser bekannt als Tobias, wagt es tatsächlich vor seinen Augen mit dem Gerippe zu flirten. Ok, er bezweifelt, dass Tobias bewusst ist, dass er ihn gerade beobachtet, aber wenn er wirklich etwas für ihn übrig hat, dann sollte er wenigstens so tun als wüsste er es.

"Also so wie ich das sehe, bist du neidisch auf Pascal", meint Conny plötzlich und betrachtet zufrieden die nun wieder bemalten Lippen von Sascha.

Der funkelt Conny nun mordlustig an und zieht einen Schmollmund. Neidisch? Er? Auf Pascal? Na sicher doch.

"Auf was soll ICH den neidisch sein, hm?", entgegnet Sascha abfällig und kräuselt die Stirn, als Conny ihn wissend anlächelt.

"Nun ja... da taucht ein zwei Jahre jüngerer Mann auf, der augenblicklich Tobias Aufmerksamkeit auf sich zieht und dich von deiner Position verdrängt. Neidisch, eifersüchtig, nenn es wie du willst", sagt Conny seufzend und klopft Sascha aufmunternd auf die Schulter.

Der steht bereits kurz vor der Explosion. Das Schlimmste an der ganzen Sache ist ja noch, dass der pinkhaarige Freak damit sogar Recht hat. Kaum taucht Frischfleisch im Team auf, schon wird man abgeschoben.

>Aber nicht mit mir<, denkt Sascha verstimmt und erhebt sich von dem Stuhl. Seine Augen wandern zu einem der Spiegel und er betrachtet kritisch sein Äußeres. Also alles was recht ist, aber Conny versteht sein Handwerk.

"Zufrieden?", fragt der Schrecken in Neongrün und stemmt die Hände in die Hüfte.

"Ja... ich denke schon", meint Sascha daraufhin und dreht sich einmal um die eigene Achse.

"Das will ich dir auch geraten haben. Wenn du noch einmal heute hier ankommst, dann verpasse ich dir einen Look à la Marilyn Manson", sagt Conny warnend und schwingt zur Untermalung seiner Drohung einen dunkelblauen Lippenstift herum.

"Ok, schon kapiert", entgegnet Sascha abwehrend und macht, dass er hier weg kommt. Wenn Conny eine Drohung ausspricht, dann heißt es vorsichtig sein.

Langsam geht er die paar Stufen hinunter und bleibt unten an der Treppe stehen. Düster dreinblickend beobachtet er Pascal, der, wie es scheint, nun fertig ist und die Bühne verlässt.

Der brünette Mann sieht zu Sascha hinüber und lächelt schelmisch. Na jetzt schlägt es aber 13! Jetzt macht sich der Knilch auch noch lustig über ihn. Sichtlich angepisst und mit einer enormen Wut im Bauch stapft Sascha hinüber zu Tobias, der gerade dabei ist, Anweisungen für die neue Deko zu geben.
 
"Es dauert noch ein paar Minuten", murmelt Tobias als er Saschas Anwesenheit spürt und deutet einigen Bühnenarbeitern an, dass sie den Kunstschnee weiter in der Mitte verteilen sollen.

"Was soll eigentlich diese Winteratmosphäre? Wir haben Hochsommer", meint Sascha mürrisch und verschränkt die Arme vor der Brust. Eigentlich hat er bis jetzt immer gerne für die kälteren Jahreszeiten positioniert, aber heute stinkt ihm sogar das.

"Weil wir nun mal einen Kalender machen und es da auch Jahreszeiten gibt, wo Schnee liegt", entgegnet Tobias genervt und beobachtet skeptisch, wie seine Gehilfen mit den ganzen Dekosachen umgehen.

"Ich habe gesagt mehr in die Mitte! Und schafft mir endlich das Gestrüpp da weg", ruft er verärgert aus und massiert sich die Schläfen. Es ist doch wirklich nicht zu fassen, wie oft muss er es denn noch sagen?

Vielleicht sollte er das nächste Mal alles selbst erledigen. >Meine Nerven<, denkt er selbstmitleidig und fährt sich durch die langen Ponyfransen.

"Verzeihung Hochwürden. Ich spreche Sie nie wieder an", zischt Sascha verstimmt und entfernt sich von Tobias um nun die Bühne genauer in Augenschein zu nehmen. Natürlich weiß er, dass sie gerade Kalenderaufnahmen machen, aber muss er ihm dann gleich so blöde antworten?

Verdattert blickt Tobias Sascha nach und hebt fragend eine Augenbraue. Seit wann siezt er ihn denn? "Hast du was?", fragt er irritiert und erhält daraufhin einen bitterbösen Blick des blauhaarigen Jungen.

Ob er was hat? Nein, wie kommt er nur darauf?! "Denken war noch nie Eure Stärke Hochwürden, also lassen wir es", antwortet Sascha lächelnd und streckt dem Fotografen aufmüpfig seine Zunge entgegen.

"Charmant wie eh und je. Na klasse. Darf ich vielleicht auch einmal den Grund für deine scheiß Laune erfahren, die du die letzten Wochen ständig an mir auslässt?!", schreit Tobias ihm gefrustet nach.

"Guck mal in den Spiegel", entgegnet Sascha kühl und zeigt dem blonden Mann weiterhin seine Rückfront. Immerhin kann Tobias froh sein, dass er ihn überhaupt noch mit seinem Arsch anguckt.

"Oh, hat Madame wieder ihre Tage?", fragt Tobias spöttisch, woraufhin Sascha sich mit hochrotem Kopf umdreht. Ok, noch ein falsches Wort und er macht gleich etwas sehr hässliches.

"Ich behalte meine Kommentare bei mir", sagt Sascha nach einigen Sekunden des Zögerns. Beinahe wäre ihm wirklich etwas rausgerutscht, was wirklich bei weitem unter seinem Niveau liegt.

Kopfschüttelnd konzentriert sich Tobias wieder auf das Wesentliche, nämlich die immer noch nicht perfekt aussehende Bühne. Also eines steht fest, wenn das weiter so lange dauert, dann schafft er heute wirklich nur die Bilder für Oktober und November.

Trotz allem kann er es nicht vermeiden, dass seine Gedanken ständig abdriften und an einem gewissen blauhaarigen Jungen hängen bleiben, der weiterhin mit eisigem Blick vor sich hin starrt.

Wieder einmal bestätigt sich seine Meinung, dass Sascha wirklich perfekt geeignet ist für die kalten Jahreszeiten. Blasse Haut und dazu diese dunkelblauen Haare...

>Wie ein Eisprinz<, geht es Tobias durch den Kopf und er greift reflexartig zu seiner Kamera und drückt ab.

Das Blitzlicht lässt Sascha erschrocken zusammenfahren und er dreht sich irritiert um. Was war denn das jetzt? Wieder ein kleiner Blitz der ihn unvorbereitet erwischt.

"Sag mal, was machst du da?", fragt er verständnislos und stemmt die Hände in die Hüfte. Wenn der Kerl allen ernstes denkt, er kann sich nun auch noch über ihn lustig machen, dann fliegen aber gleich die Fetzen.

"Ich halte deine Rückfront für die nächste Generation fest", entgegnet Tobias grinsend und lacht kurz darauf laut auf, als Sascha aufgrund dieser Bemerkung skeptisch eine Augenbraue hebt.

"Langsam zweifle ich an deinem Verstand", murmelt er seufzend und wirft einen kurzen Blick auf die Bühnenarbeiter, die anscheinend endlich fertig geworden sind und nun das Feld räumen.

"Dann sind wir ja schon zwei. Und nun, darf ich bitten?", meint Tobias daraufhin und deutet Sascha mit einer knappen Geste an, sich auf die Bühne zu begeben. Der stöhnt nur leicht genervt, bemüht sich aber trotzdem einigermaßen neutral zu gucken. Immerhin kann er ja auf den Fotos kein Gesicht wie Sieben Tage Regenwetter ziehen.

"Warum...", beginnt er plötzlich, bricht aber den Satz ab. Seine eisblauen Augen ruhen auf dem blonden Mann, der ihn nun fragend mustert.

"Was warum?", entgegnet Tobias und sieht Sascha mit großen Augen an.

"Warum hast du dich die letzten Wochen nur mit Pascal beschäftigt?", fährt Sascha zögernd fort und versucht den aufsteigenden Schrei in seiner Kehle zu unterdrücken. Diese Frage bereitet ihm schon seit langem schlaflose Nächte.

"Das ist nicht dein Ernst. Sag mir nicht, dass du deshalb so angepisst bist", bricht es aus Tobias heraus und er hat alle Mühe den aufsteigenden Lachanfall zu unterdrücken.

"Das ist nicht komisch", verteidigt sich der Blauhaarige und zieht einen Schmollmund.

"Neidisch gewesen?"

"Pff." Beleidigt blickt Sascha gen Boden. Neidisch. Warum sagen alle, dass er neidisch ist? Er kann diesen Pascal halt nicht ab und fertig.

"Pascal positioniert für die Sommer und Herbstmonate. Wie soll ich denn mit dir arbeiten, wenn du für die Wintermonate eingesetzt wirst?", fragt Tobias lächelnd und betrachtet das Gesicht des anderen Jungen, der nun sichtlich rot geworden ist.

"Deshalb...?", wispert Sascha und würde jetzt am liebsten vor Scham im Erboden versinken. Das kann doch wohl alles nicht wahr sein. Deswegen macht er sich die letzten Wochen so einen Kopf?

Das plötzliche Lachen von Tobias reißt ihn aus seinen Gedanken und er sieht zu seinem Missfallen, dass dieser lachend auf dem Boden kniet und immer wieder den Kopf schüttelt. Reflexartig bückt Sascha sich und hebt etwas von dem Kunstschnee auf.

Zielstrebig geht er auf Tobias zu und kniet sich schließlich zu ihm hinunter. "Bastard", flüstert Sascha und pustet dem Fotografen den Kunstschnee ins Gesicht.

"Zicke", entgegnet Tobias und haucht Sascha einen Kuss auf den Mund.

Hinter sich hören sie plötzlich einen lauten Schrei, weshalb sie auch erschrocken auseinander fahren.

"Du hast schon wieder deine Lippen versaut!", schreit Conny entrüstet und sieht aus, als wenn er jeden Moment einen Heulkrampf kriegen würde. Das ist einfach nicht fair.