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Die sieben Tods?nden V?llerei

Sünde III: Völlerei


Es ist Mitte Dezember. Feine, kleine Schneeflocken fallen aus der grauen Wolkendecke und hüllen die Landschaft in einen weißen Mantel ein. Ein eisiger Wind fegt über die überfüllten Straßen hinweg und reißt kleine Eiskristalle von den kargen, mit Schnee bedeckten Bäumen.

In einem großen Doppelbett liegt unter einer dunkelblauen Bettdecke ein junger Mann mit rotblonden Haaren und hinter ihm ein anderer mit knallorangefarbenen Haaren. Der Funkuhrwecker zeigt bereits halb neun an, weshalb auch wenige Sekunden später ein lautes Piepgeräusch ertönt.

Unter der Decke beginnt es sich zu regen und der rotblonde Junge steckt murrend einen Arm unter der warmen Decke hervor, um den Grund dieses nervtötenden Geräusches zum Schweigen zu bringen.

Gähnend reibt er sich den Schlaf aus den Augen und versucht sich umzudrehen, was nicht ganz so einfach ist, da ein gewisser Jemand sich in der Nacht wie eine Klette an ihn gekrallt hat und immer noch im Land der Träume schwebt.

"Hey... Schlafmütze", flüstert er leise und stupst das schlafende Objekt mit seiner Nase an. Leises Murmeln ist zu vernehmen und kurz darauf blinzeln ihn zwei verschlafene kornblumenblaue Augen an.

"Ich muss mich langsam fertig machen Moritz", wispert er dem Stachelkopf ins Ohr und drückt ihm einen dicken Schmatz auf die Wange.

"Bleib hier Flo... ", jammert Geweckter daraufhin und krallt sich an dem Arm seines Freundes fest. Es ist doch einfach nur noch ne Sauerei, dass dieser jetzt mit zwei von seinen Freunden auf den Weihnachtsmarkt geht und er hier alleine versauern kann.

"Du weiß, dass ich versprochen habe mitzugehen... ich bleibe auch nicht lange, ok?", sagt Florian entschuldigend und gibt seinem Freund noch einen Kuss auf die Stirn, bevor er sich aus dessen Umklammerung befreit und das Bett verlässt. Die Tatsache, dass er keine Shorts trägt, kümmert ihn in diesem Moment nicht wirklich.

"Schäm dich... mich einfach so alleine verreckten zu lassen", wimmert Moritz und zieht sich die Decke über den Kopf. Das Leben ist doch so was von ungerecht. Warum in Gottes Namen muss er ausgerechnet dann ne Erkältung kriegen wenn sie auf den Weihnachtsmarkt wollen?

"Jetzt mach mir hier kein schlechtes Gewissen", entgegnet Florian seufzend und fischt sich eine saubere Shorts aus dem Kleiderschrank.

"Fuck you", ruft Moritz beleidigt aus und drückt sein Gesicht in das weiche Kissen. Ok, er sieht ein, dass er nicht mit kann, immerhin hat er immer noch leichten Husten, Kopfschmerzen und eine Nase, die jeder Christbaumkugel alle Ehre macht.

"Kleine Kröte", sagt Florian grinsend, knöpft sich seine Jeans zu und setzt sich auf die Bettkante. Vorsichtig hebt er die Decke an und lugt hinunter. Wenig später präsentiert sich ein ihm gerade gestreckter Mittelfinger.

"Ich bring dir was mit, versprochen. Und heute Mittag koche ich dann was du willst, hm?", versucht er den beleidigten Stachelkopf zu beruhigen, ergreift die ihm hingestreckte Hand und haucht dieser einen kleinen Kuss auf den Rücken.

"Ich will ein Drei-Gänge-Menü", brummt Moritz und wirft seinem Freund einen ernsten Blick zu.

"Ich sehe, was sich machen lässt. Soll ich Vincent und Leon was ausrichten?", fragt Florian, bevor er sich wieder vom Bett erhebt und einen dicken Pulli aus dem Schrank zieht.

"Vinc soll für mich eine mitrauchen... und Leon soll nen Glühwein für mich trinken", meint Moritz und richtet sich im Bett auf.

"Ich werds ausrichten", sagt sein Gegenüber grinsend und verlässt das Schlafzimmer. Moritz lässt sich daraufhin wieder auf die Matratze sinken und rollt sich in der Decke ein. Seine linke Hand wandert zum Nachttisch und tastet nach dem Nasenspray. Schon scheiße, wenn man versucht seinen Freund zu verführen und dabei die ganze Zeit den Schnodder hochziehen musste. Kein Wunder, dass da letzte Nacht nichts mehr von Florians Seite gekommen ist.

>Scheiß Erkältung<, bemitleidet er sich selbst in Gedanken und vergewaltigt seine Nase mit der Sprühflasche.

Ein paar Minuten später geht die Schlafzimmertür abermals auf und Florian kommt mit einem Tablett beladen herein.

"So... ich hab dir nen Tee gemacht und ein Brötchen. Und wehe du nimmst deinen Saft nicht", ermahnt er Moritz, der bei dem Wort 'Saft' augenblicklich das Gesicht verzieht. Igitt, schon bei der Vorstellung an dieses bittere Dreckszeug wird ihm schlecht.

"Also dann... ich bin zum Mittag wieder da", murmelt Florian und gibt den Häufchen Elend, auch bekannt als Moritz, einen Kuss auf die Wange, bevor er ihm durch die Haare fährt und kurz darauf das Schlafzimmer verlässt.

"Tschüss", nuschelt der Stachelkopf und blickt seinem Freund nach. Ok... er hat jetzt noch gute drei Stunden bis zum Mittag. Frage ist, was soll jemand wie er bis dahin machen? Im Bett liegen bleiben reizt ihn ja nicht sonderlich.

"So Boring", summt er leise und grabscht nach dem Brötchen, das er wenige Sekunden später heißhungrig verzehrt. Also alles was recht ist, aber keine Krankheit der Welt schafft es, ihm den Appetit zu verderben.

Einige Brötchenkrümel fallen ins Bett, weshalb er sich auch fluchend aus der Decke strampelt. Na klasse, dass hat er ja mal wieder toll hingekriegt. Florian macht ihm die Hölle heißt, wenn er heute Nacht beim Kuscheln auf ein paar honigbeschmierte Brötchenkrümel trifft.

Seufzend schiebt Moritz sich den letzen Rest seines Frühstücks in den Mund und kippt die Tasse Tee hinterher. Sein Blick wandert zu der Plastikflasche mit Hustensaft und augenblicklich stellen sich seine Nackenhärchen auf.

Ohne die Flasche auch nur anzufassen, schlüpft er in seine Hausschuhe und zwängt sich in seinen Bademantel.

Das Beste, was Mann tun kann, wenn er krank ist, ist die Glotze einzuschalten und den Kühlschrank zu plündern. Nach einigen Überlegungen, greift er nach seiner überdimensionalen Stoffmaus und verlässt das Schlafzimmer.

Pfeifend schlendert Moritz in die Küche und späht in den Kühlschrank. Nach einigen Sekunden des Grübelns wirft er die Tür angepisst zu. Na wunderbar, Florian und sein Gesundheitstick.

Über die Hälfte des Inhaltes besteht aus Jogurt, Obst und Gemüse. Und er armes Schwein darf natürlich zusehen, was er macht, wenn er mal Hunger auf ein dickes Wurstbrot hat, klasse.

Gelangweilt schaltet er das Radio an und stöhnt kurz darauf genervt auf. Schon wieder eines dieser bescheuerten nachgesungenen Weihnachtslieder, ätzend. Und überhaupt, Weihnachtsstimmung ist beim ihm zur Zeit eh nicht angesagt.

Auch wenn draußen schöne dicke Flocken vom Himmel fallen, die Scheiben leicht beschlagen sind und bei den Nachbarn bereits im Wohnzimmer der große, protzige Baum zu sehen ist, kann er nicht behaupten, dass er großartig in Stimmung ist.

"Hunger", ruft er säuerlich aus und lässt sich missmutig auf einen der Stühle plumpsen. Einerseits könnte er sich jetzt auch eine Pizza in den Ofen schieben, aber andererseits wird Florian dann gewaltig sauer sein, wenn er am frühen Morgen Pizza in sich hinein stopft. Sein Glück nur, dass er essen kann was er will, wann er will und wieviel er will ohne zuzunehmen.

Im Radio liest gerade einer dieser 'Ich-bin-ja-so-cool' - Moderatoren ein paar Nachrichten vor, die ohnehin kein Schwein interessieren und im Hintergrund ist leises Glöckchengebimmel zu hören.

Aber plötzlich weiten sich seine Augen. Was hat der Typ da gerade gesabbelt? Auf jeden Fall hat es etwas mit Keksen zu tun. >Kekse...<, geht es Moritz durch den Kopf und ein breites Grinsen schleicht sich auf seine Lippen.

Warum eigentlich nicht, wenn er schon untätig hier festsitzt und nicht auf den Weihnachtsmarkt kann, dann verschafft er sich eben selbst Stimmung, sprich er backt jetzt mal ein paar Bleche Kekse.

Summend holt er eines von Florians Backbüchern aus dem Schrank und blättert dieses neugierig durch. Seine Aufmerksamkeit zieht schließlich ein großes Bild von Schokokeksen auf sich.

Na also, da hat er ja seinen Favoriten. Er überfliegt kurz die Zutaten und beginnt dann diese zusammenzusuchen. So schwer dürfte es ja wohl nicht sein, ein paar lumpige Kekse zu backen. Dosensuppen und Pizza kriegt er ja auch selbstständig hin.
 
Er setzt seine Stoffmaus auf dem Stuhl ab und versucht dabei das nun nervige Lied das gerade abgespielt wird zu überhören.

"Selbst ist der Mann", murmelt er vor sich hin und holt aus einer der unteren Schubladen eine große Schüssel und eine Waage heraus. Fest entschlossen krempelt Moritz sich die Ärmel seines Bademantels hoch und macht sich ans Werk.

~ Drei Stunden später ~

Stöhnend liegt er auf dem großen Sofa im Wohnzimmer, die Plüschmaus in seinem Arm und eine Wärmflasche auf seinem Bauch. Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen, gleich alle Kekse aufzuessen.

Die Quittung dafür hat er ja jetzt, sein Magen schmerzt und ihm ist übel. Na, wen wundert es, schließlich hat er die vier Bleche mit Schokokeksen innerhalb von knapp zwei Stunden vernichtet.

Und dabei wollte er doch ein paar für Florian aufheben, so ein Mist. Aber was soll er machen, wenn diese verfluchten Backwaren so lecker schmecken?!

"Oh man", stöhnt er gequält auf und streichelt sich über seinen randalierenden Bauch. Und das kurz vor dem Mittagessen, wie soll er den in diesem Zustand sein Drei-Gänge-Menü schaffen?

>Das gute Essen<, denkt er leidig und schließt die Augen. Schon seit Jahren hat er keine solch schlimmen Bauchschmerzen mehr gehabt. Wahrscheinlich hat seine Mutter doch recht gehabt, als sie damals immer gesagt hat, dass zu viele warme Kekse ungesund sind.

Moritz hört, wie die Wohnungstür aufgeschlossen wird und wenig später dumpfe Schritte auf dem Flur. Oh oh, na hoffentlich ist der Keksgeruch schon aus der Küche gezogen, nicht umsonst hat er das Fenster geöffnet.

"Moritz?", hört er die Stimme seines Freundes und er sammelt seine letzten Kraftreserven um ihm zu antworten. Essen strengt an, aber holla.

"Hier", krächzt er und zieht sich die Decke bis zur Nasenspitze. Wenige Sekunden später blickt ein rotblonder Schopf durch die Wohnzimmertür und lächelt breit.

"Und wie geht's meinem kranken Schatz?", fragt Florian und umarmt das leidende Objekt auf dem Sofa.

"Ging schon besser", sagt Moritz und versucht jetzt nicht zusammenzuzucken, da sein Magen gerade gefährlich gebrummt hat.

"Hunger? Keine Sorge, ich mach gleich was. Vinc und Leon wünschen gute Besserung und nächsten Samstag sollen wir zum Essen kommen", fährt Florian fort und streichelt dem Stachelkopf über die Wange.

"Ok...", erwidert Moritz leise und umarmt seine Maus fester.

"Geht es dir schlechter? Du hast schon lange nicht mehr mit deinem Stoffvieh gekuschelt", meint sein Gegenüber besorgt. Also irgendetwas stimmt doch nicht.

"Nee... schon ok", versucht Moritz seinen Freund zu beruhigen und grinst gespielt breit.

"Na hoffen wirs... ach ja, ich habe dir was mitgebracht, das wird dich bestimmt aufmuntern", ruft der rotblonde Junge aus und verlässt das Wohnzimmer.

Sofort richtet Moritz sich auf dem Sofa auf und er kann nicht leugnen, dass er sich schon fragt, was sein Schatz ihm da mitgebracht hat. Kurz darauf kommt Florian zurück mit einer großen, roten Tüte.

"Ich weiß doch wie verfressen du bist", meint er grinsend und überreicht dem Orangehaarigen die Tüte. Erwartungsvoll nimmt Moritz sie entgegen und knotet das goldene Band auf, das sie verschließt.

Kaum hat er einen Blick hineingeworfen, würde er am liebsten anfangen zu heulen.

"Kekse...", flüstert er heiser und augenblicklich schmerzt sein Bauch noch mehr als zuvor.

"Aber teil sie dir ein, sonst kriegst du Bauchschmerzen", ermahnt Florian ihn und drückt ihm einen Kuss auf die Stirn, bevor er sich erhebt und in Richtung Küche verschwindet.

"Ich mach dann Mittag", ruft er seinem Freund zu, der immer noch wie eine Salzsäule auf die Kekse starrt.

"Gott, warum hasst du mich?", jammert er leise und lässt sich zurück auf das Sofa sinken.