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Die sieben Tods?nden Zorn

Sünde IV: Zorn


Es ist Freitagabend. Ein blonder Junge steht vor einem großen Badezimmerspiegel und betrachtet verbittert sein Erscheinungsbild. Sein Blick wandert über seine weiße Haut, die sich von seiner dunklen Kleidung abhebt, und seine zerzausten Haare, die ihm wirr ins Gesicht fallen... im Prinzip sieht er aus wie ein ganz normaler Durchschnittstyp und wenn man ihm auf der Straße begegnen würde, dann wäre wahrscheinlich nichts an ihm, was auch nur irgendein Interesse erweckt.

Aber neben den blonden Haaren und der weißen Haut, gibt es noch andere äußerliche Merkmale, die ihn doch individuell aussehen lassen. Angefangen von den blauen Flecken an seinen Armen bis hin zu der mit Schorf verkrusteten Lippe und dem blauen Auge. Viele würden aufgrund dieses Anblickes bestimmt erschrecken. Doch da er in diesem Zustand nicht vor die Tür geht, bleibt es seinem Umfeld verborgen, was sich Tag für Tag in der kleinen Wohnung abspielt.

Seufzend stellt Kevin den Wasserhahn an und lässt das kühle Nass über seine Hände laufen. Er fühlt sich leer, ausgenutzt und müde. Es sind nicht die Wunden an seinem Körper, vielmehr ist er das seelische Leiden, dass ihm Tag für Tag das Leben schwerer macht.

Seine grünen Augen blicken trüb in den Spiegel. Der Anblick seiner Selbst jagt ihm einen kalten Schauer über den Rücken. So schlimm sah er schon lange nicht mehr aus und das hat schon was zu heißen.

Kevin schluckt hart und beugt seinen Kopf über das Waschbecken. Mit den Händen verteilt er vorsichtig das kalte Wasser auf seinem Gesicht und zieht dabei scharf die Luft ein, als seine Finger über den blauen Fleck an seinem Auge fahren.

Ein unangenehmer, dennoch bekannter Schmerz durchflutet ihn und er stellt keuchend den Wasserhahn aus. Zitternd greift er nach einem Handtuch und wischt sich vorsichtig das Gesicht trocken.

Er wirft noch einen letzten Blick in den Spiegel und eine leichte Gänsehaut bildet sich auf seinen Armen. Wenn er es nicht besser wüsste, dann würde er sagen, dass er in das Gesicht eines Toten blickt.

Dunkle Ringe untermalen seine Augen und lassen den blauen Fleck noch abschreckender wirken und seine Unterlippe ist im Vergleich zu sonst fast doppelt so dick. Es schmerzt ihn sogar, wenn er versucht aus einem Glas zu trinken, sodass er sich seit gestern notdürftig mit Strohalmen Flüssigkeit zuführen musste.

Reflexartig drückt er den Lichtschalter aus und verlässt das Badezimmer. Geistesabwesend geht er in Richtung Küche und knipst dort das Licht an. Der Geruch von Zigarettenqualm liegt in der Luft, der ihm sogleich die Kehle zuschnürt.

Seufzend öffnet er den Kühlschrank und angelt sich einen Kühlakku aus dem Eisfach. Er kann nur hoffen, dass sein Gesicht bis Montag wieder ansehbar aussieht, da sonst wieder unangenehme Fragen von seinen Arbeitskollegen kommen werden.

Er kann also wirklich von Glück sagen, dass er diese Woche frei genommen hat. Wahrscheinlich waren es seine inneren Alarmglocken, die vorausgesehen haben, dass Steven diese Woche wieder handgreiflich wird.

Wie ein kleines Häufchen Elend lässt sich Kevin auf den Küchenstuhl plumpsen und hält den Akku vorsichtig gegen sein geschundenes Auge. Sein Blick wandert zur Wanduhr, die bereits halb Zwölf anzeigt. Es kann also nicht mehr allzu lange dauern, bis Steven nach Hause kommt.

Nicht, dass er bis um diese Uhrzeit arbeiten muss, aber sein Freund hat es zur Gewohnheit werden lassen, nach der Arbeit noch für ein paar Stunden in die nahe anliegende Kneipe zu gehen und sich, wie fast jeden Abend zu betrinken.

Es ist nicht das Alkoholproblem seines Freundes, dass ihn beängstigt, es sind vielmehr seine Launen, die er dann immer bekommt. Meistens wird er aggressiv und lässt seinen angestauten Frust an ihm ab... genauso wie gestern.

Hilflos schließt Kevin seine Augen und konzentriert sich auf das gleichmäßige Ticken der Uhr. Er will nicht daran denken, was passierte, als er gestern, wie schon so oft den Wohnungsschlüssel im Schloss gehört hat und kurz darauf Steven polternd in den Flur gestolpert ist.

Bei dem Gedanken schnürt es ihm augenblicklich die Kehle zu. Er kann ihn wieder riechen, den Geruch des Alkohols, der sich in der gesamten Wohnung ausgebreitet hat. Eine Mischung aus Bier und Whiskey, die ihn jedes Mal den Atem nimmt.

In seinem Kopf hört er wieder Stevens lautes Organ, das nach ihm geschrieen hat. Immer und immer wieder hat er seinen Namen durch die ganze Wohnung gebrüllt, bis er endlich zu ihm gekommen ist. Danach lief alles so ab wie jedes Mal, nachdem sein Freund sich betrunken hat.

Erst musste er ihm aus seinen Klamotten helfen, da er selbst meistens nicht mehr in der Lage ist sich die Schuhe auszuziehen. Danach darf er sich wieder wüste Beschimpfungen anhören, was er doch für ein Dreckstück ist, und dass er hinter seinem Rücken ja mit jedem Kerl herumhuren würde.

Kevin versuchte schon gar nicht mehr dem zu widersprechen, da er sogleich eine Geknallt gekriegt hätte, wenn er auch nur ansatzweise etwas daraufhin erwiderte. Aber das Unvermeidliche lässt sich eben nicht verhindern. Nur wenige Minuten später, nachdem er dachte, dass Steven sich abgeregt hat, ist er wieder auf ihn losgegangen.

Er kann doch nichts dafür, dass er sich einfach davor ekelt mit seinem Freund zu schlafen, wenn dieser sternhagelvoll ist und ihn wenige Minuten zuvor noch als männliche Hure bezeichnet hätte. So ist es eben wieder passiert, er hat wieder brutal auf ihn eingeschlagen.

Mittlerweile hat er aufgehört sich dagegen zu wehren, da er mit seinen gerade mal 1.70 Metern nicht viel gegen einen Riesen wie Steven ausrichten kann. Meistens geht es dann auch schneller vorbei, wenn er einfach den Mund hält und die Schläge über sich ergehen lässt.

Keuchend reißt Kevin seine Augen auf. Sein Herz hämmert wie wild gegen seinen Brustkorb und sein Atem geht schnell. Nein, er darf bloß nicht daran denken, sonst wird ihm nur wieder flau im Magen.

"Es ist alles in Ordnung...", murmelt er und fährt sich durch die Haare. Leise wiederholt er diese Worte wie eine Beschwörungsformel, und so seltsam es auch klingt, aber er fühlt sich gleich ein wenig wohler in seiner Haut.

Das laute Schrillen der Türklingel lässt ihn dann allerdings hochschrecken. Eilends erhebt er sich und begibt sich auf den Flur. Wieder ertönt das laute Klingelgeräusch und wenig später hämmert jemand wie wahnsinnig gegen die Haustür.

Wie gebannt starrt Kevin auf das dunkle Holz, wobei er gedanklich schon die Tür brechen sieht. Er atmet einmal tief durch, bevor er vorsichtig auf die Haustür zugeht und durch den Spion guckt.

Augenblicklich spannt sich sein gesamter Körper an. Also hat ihn sein Gefühl doch nicht getäuscht. Steven steht wankend davor und stützt sich mit Mühe am Rahmen ab. Schwer atmend öffnet Kevin die Tür und weicht sogleich ein paar Schritte zurück.

Steven sieht ihn mit verklärtem Blick an. Seine Augen sind glasig und leicht gerötet und von ihm geht ein beißender Alkoholgeruch aus, der Kevin abermals den Atem verschlägt. Steven mustert ihn schnaufend und stolpert ungeschickt in die Wohnung. Seine Jacke schleift er halbwegs hinter sich her und seine Krawatte hängt auch nur noch locker um seinen Hals.

"Wo... wars du?", bringt er gepresst hervor und knallt die Tür hinter sich zu. Kevin zuckt verängstigt zusammen. Was meint er damit, wo er war? Er was zu Hause, so wie immer. Nicht einmal im Traum würde er auf den Gedanken kommen sich draußen herum zutreiben, da er ja weiß, was ihm dann blüht.

"In der Küche...", entgegnet Kevin leise und seine Stimme klingt nur noch wie ein heiseres Flüstern. Steven mustert ihn missbilligend, bevor er ihn grob zur Seite drängt und in Richtung Badezimmer torkelt.

Nach einigen Sekunden sind laute Würgegeräusche zu vernehmen, gefolgt von lautem Fluchen und Zetern. Unruhig geht Kevin zum Badezimmer und bleibt im Türrahmen stehen. Vor der Toilette kniet Steven und übergibt sich zum wiederholten Male.

Auf den weißen Fliesen sind ebenfalls Spuren von Kotze zu sehen und der Geruch von Erbrochenen steigt Kevin in die Nase. Übelkeit breitet sich in seinem Magen aus und er hat das Gefühl, als wenn er jeden Moment in Ohnmacht fällt.
 
In ihm baut sich ein unangenehmer Druck auf. Der Alkoholgeruch, verbunden mit dem Geruch des Erbrochenen lassen ihn angewidert zurückschrecken. Ihm ist speiübel. Er kann das nicht länger ertragen.

Dieser Geruch, der sich im ganzen Raum ausbreitet und ihn zu ersticken droht...

Die Stimme seines Freundes, die seinen Namen schreit...

Das laute Würgegeräusch, das durch die Wohnung hallt...

Der Anblick, des brünetten Mannes, wie er betrunken über der Toilette hängt und sich wieder und wieder übergibt...

All das ruft einen immensen Ekel ihn ihm hervor. Er erträgt das nicht mehr länger. Dieser alltägliche Horrorablauf bringt ihn nahezu an den Rand der Verzweiflung. Wut steigt in ihm auf. Eine Welle aus Zorn, Hass und Verzweiflung bricht über ihm zusammen und ertränkt ihn.

Innerlich total aufgewühlt, nimmt er anfangs gar nicht wahr, dass sein Freund sich bereits vom Boden erhoben hat und auf ihn zutaumelt. Kevin hält die Luft an. Er kann diesen Geruch nicht länger ertragen.

"Nu steh da nich so rum...", raunt Steven und stützt sich am Waschbecken an. Sein Körper wankt sacht hin und her, und allem Anschein nach, hat er große Mühe sich auf den Beinen zu halten.

"Ich gehe jetzt", wispert Kevin leise und dreht sich mit klopfendem Herzen um. Er muss hier raus. Raus aus dieser Wohnung, weg von diesem Mann, der ihn die ganzen Monate hinweg so mies behandelt hat.

Eine große Hand greift nach seinem Arm und umklammert ihn eisern. Stevens schwermütiges Keuchen hallt in seinem Kopf wieder und leichte Panik breitet sich in ihm aus. Es wird wieder passieren. Vor seinem inneren Auge sieht er bereits eine Faust auf sich zuschnellen, die wieder auf ihn einschlagen wird und ihn innerlich zerreißt.

Dann geht alles ganz schnell. Wie erwartet, holt Steven aus, sackt aber im nächsten Augenblick mit einem schmerzverzerrten Schrei zu Boden. Wimmernd krümmt er sich auf den kalten Fliesen, bevor er sich wieder übergibt.

Es war nur ein Tritt... ein schneller präziser Tritt in die Lendengegend. Keuchend blickt Kevin auf Steven herab. Er hat es getan, zum ersten Mal in seinem Leben hat er sich zur Wehr gesetzt. Zufrieden dreinblickend dreht er sich um und schlüpft in seine Schuhe.

Nein, er wird dieses Mal nicht das Erbrochene aufwischen und er wird sich auch nicht mehr beschimpfen und verprügeln lassen. Es hat endgültig die Schnauze voll davon hier eingesperrt zu sein.

Kevin greift nach seinem Hausschlüssel und drückt die Klinke hinunter. Er wirft noch einen letzten Blick über seine Schulter, wo er Steven noch immer zusammengekrümmt auf dem Boden hocken sieht, und zieht dann die Tür hinter sich zu.

Eilends läuft er die Treppen hinunter, bis er in der untersten Etage angelangt ist. Lächelnd öffnet er die große Glastür und verlässt den großen Wohnblock. Ein kalter Wind schlägt ihm ins Gesicht und verwischt die Tränen, die langsam über seine Wangen rinnen.

Er fühlt sich frei, ausgeglichen und glücklich. Ein Lächeln schleicht sich über seine Lippen, als er anfängt zu laufen, um noch die Straßenbahn zu erwischen, die ihn von hier wegbringt. Manchmal tut es wirklich gut, wenn man seiner Wut und seinem Zorn freien Lauf lässt.