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Nachtgeburt Teil 1 bis 4

Krähenfraß

Dumpfe Schritte sind auf dem feuchten Waldboden zu vernehmen. Zwischen den Stämmen der riesigen Bäume hört man es unheilvoll knacken und leises Blätterrascheln durchbricht die tödliche Stille des dunklen, vom Nebel verhüllten Waldgebietes. Ein panisches Keuchen ist zu hören und in den dichten Nebelschwaden kann man schwach die Silhouette eines Jungen erkennen.

Leises Flügelschlagen ist in der Morgendämmerung zu hören und in den morschen Ästen der Bäume lassen sich nach und nach mehrere Krähen nieder, die mit ihren pechschwarzen Augen das Geschehen unter sich verfolgen.

Unruhig sieht sich der junge Mann um. Blut tropft von der Klinge des Messers, das er zitternd in seiner Hand hält. Ein dünner Schweißfilm hat sich auf seiner Stirn gebildet und seine zerrissene Kleidung klebt ihm eng am Körper.

Sein Atem geht schwer und ein Zitteranfall hat seinen gesamten Körper erfasst. In seinen Augen spiegelt sich Angst wieder, als er unweit von sich entfernt ein bedrohliches Schnauben wahrnimmt.

Unruhig umklammert er das Messer fester. Er kann nicht mehr weiter davonlaufen. Seine Beine wollen einfach nicht mehr. Schon zu lange befindet er sich auf der Flucht vor ihnen. Eine Flucht ohne Ausweg, denn sie werden nicht müde so wie er. Wo er sich auch versteckt, sie werden ihn finden. Sie können seine Angst riechen. Sie können hören, wie das Blut in seinen Adern anfängt zu pulsieren.

Er hätte besser daran getan, den Worten seiner Mutter zu gehorchen, denn nun ist es zu spät. Wer sich einmal während der Dunkelheit in den Krähenwald begibt, kommt nie wieder heraus. Sobald die Sonne untergeht, erwachen sie und sie werden jeden jagen, der es gewagt hat, sich trotz aller Warnungen in den Wald hineinzubegeben.

Über sich hört er ihr Gekrächze. Wie ein Todesgesang hallt es durch den Wald, denn sie wissen, dass es wieder einmal soweit ist. Es wird nicht mehr lange dauern, bis der Mensch für seine Schandtat büßen wird. Sie hören sie bereits kommen.

Große Schatten sind im Nebel zu erkennen und hungriges Knurren dringt an seine Ohren. Im Unterholz knackt und raschelt es bedrohlich und mehrere gelbe Augenpaare sind im Dunkeln zu erkennen.

Die Augen des jungen Mannes weiten sich und in dem Moment, als riesige schwarze Kreaturen aus dem Dickicht hervorschnellen, setzt sein Herzschlag aus. Das Messer entgleitet seiner Hand und ein angstverzerrter Schrei durchbricht die Stille. Das laute Gekreische der Krähen ist im gesamten Wald zu vernehmen, als sich die Kreaturen auf den Menschen stürzen, ihre langen Krallen in ihn schlagen und ihn unter lautem Gebrüll zerfetzen.

Es beginnt zu dämmern und die ersten roten Strahlen der Morgensonne werfen ihr schwaches Licht auf die Landschaft. Der Nebel beginnt sich allmählich zu lichten und so schnell wie sie aufgetaucht sind, so verschwinden die Kreaturen auch wieder.

Der Waldboden ist vom Blut durchtränkt, woraufhin die Krähen sich in Scharen auf die Erde hinabstürzen, um die letzten Fleischbrocken aufzusammeln, die noch zu finden sind. Nach und nach hauen sie ihre Spitzen Schnäbel in die bluttriefenden Brocken, bevor sie sich wieder in die Lüfte erheben und sie zu ihrem Nest tragen.

Im Schein der Morgensonne blitzt die befleckte Klinge des Messers auf. Der einzige Hinweis darauf, dass vor wenigen Minuten ein Schlachtfest an dieser Stelle stattgefunden hat. Vereinzelt zieren kleine Stofffetzen den Boden und die dunklen, roten Flecken sickern immer tiefer in den feuchten Boden.

Über den Wipfel des Waldes hört man das gleichmäßige Flügelschlagen der Krähen, die langsam in der Ferne verschwinden.

*~*~*~*~*

Erschrocken öffnet er die Augen und richtet sich stocksteif in seinem Bett auf. Sein Herz hämmert wie wild gegen seinen Brustkorb und er hat das Gefühl zu ersticken. Schon wieder dieser seltsame Traum. Stöhnend fährt er sich mit der Hand durch die Haare und wirft einen kurzen Blick auf seinen Wecker, der bereits halb zehn anzeigt.

Durch die dunklen Vorhänge dringt mattes Licht in den sonst so dunklen Raum und leises Vogelgezwitscher ist vor dem geöffneten Fenster zu vernehmen. Seufzend strampelt er seine Bettdecke zur Seite und schwingt die Beine über die Bettkante.

Missmutig massiert er sich die Schläfen. In seinem Kopf hört er wieder so ein dumpfes Pochen, das ihm des Öfteren höllische Kopfschmerzen bereitet. Fluchend blickt er sich auf dem Parkettboden um, ob er irgendwo seine Hausschuhe erblicken kann.

An seiner Zimmertür ist ein dumpfes Klopfgeräusch zu hören und wenig später wird die Klinke hinunter gedrückt. Eine braunhaarige Frau steckt ihren Kopf in den noch abgedunkelten Raum und seufzt resigniert, als sie ihren Sprössling bereits wach vorfindet.

"Ich gehe mal eben einkaufen Matthias. Brötchen sind in der Küche und bleib nicht wieder den ganzen Vormittag im Bett liegen", sagt sie mahnend und zieht die Tür wieder zu.

Grummelnd wirft Matthias einen bösen Blick in Richtung Tür, bevor er sich träge von seinem Bett erhebt. Schlafen kann er nach diesem Traum ohnehin nicht mehr. Gähnend reißt er die dunkelblauen Vorhänge auf und kneift Sekunden später die Augen zusammen. Warum muss es im Sommer auch nur immer so verdammt hell sein?

Er blinzelt vorsichtig und langsam beginnen seine Augen sich an die plötzliche Helligkeit in dem Raum zu gewöhnen. Noch ein wenig schläfrig lässt er seinen Blick aus dem Fenster gleiten. Gegenüber ist einer der Nachbarn damit beschäftigt seine Hecke zu bewässern und auf dem Bürgersteig malen ein paar kleine Kinder mit Straßenkreide Bilder auf den Boden.

Hin und wieder fährt ein Auto vorbei und nicht weit entfernt hört man das laute Gekläffe eines Hundes. Gelangweilt wendet sich Matthias von dem Fenster ab. Es ist doch jeden Tag der gleiche Anblick.

Vielleicht liegt es aber auch nur daran, dass seit guten zwei Wochen die Sommerferien angefangen haben und er somit mehr auf alles achtet, was sich vor seinem Fenster abspielt.

Bahrfuß verlässt er sein Zimmer und poltert die Treppe hinunter. Sein Glück, dass seine Mutter außer Haus ist, sonst hätte er sich wieder eine Predigt anhören dürfen, von wegen Fußabdrücke auf dem frisch gewischten Boden und so weiter.

Lustlos öffnet er die Tüte mit den Brötchen und sogleich steigt ihm der angenehme Geruch des noch leicht warmen Backwerkes in die Nase. Summend zwackt er sich ein Stückchen von dem Brötchen ab und schiebt es sich in den Mund.

Seine kinnlangen dunkelbraunen Haare fallen ihm wirr ins Gesicht, weshalb er auch versucht einige Strähnen wegzupusten. Mit vollem Mund ist das allerdings leichter gesagt als getan. Mit dem trockenen Brötchen in der Hand lässt er sich auf einem der Stühle nieder und zufällig fällt sein Blick auf einen dunkelblauen Buchrücken.

"Verdammt", entfährt es ihm und er greift nach dem dicken Buch. Das hätte er bereits vor fünf Tagen wieder in der Bibliothek abgeben müssen. Hoffentlich kriegt er nicht wieder von der Bibliothekarin eine reingewürgt sowie beim letzten Mal.

Nun gut, dann hat er wenigstens etwas zu tun. Gleich nach dem Frühstück wird er sich auf sein Bike schwingen und das Buch zurückbringen. Wenn er schon mal wieder in der Bibliothek ist, dann kann er sich ja im Prinzip gleich wieder neu eindecken. Da sein einziger wirklicher Freund mit seiner Familie in den Urlaub gefahren und er nun allein in dieser langweiligen Kleinstadt zurückgeblieben ist, muss er sich ja irgendwie beschäftigen.

*~*~*~*~*

Matthias verfrachtet seinen Discman in seinem Rucksack und dreht die Musik auf volle Lautstärke. Vorsichtig versucht er sein Fahrrad aus der Garage zu schieben, ohne dabei den Lack des Autos zu zerkratzen. Sein Vater hat beim letzten Mal schon einen regelrechten Aufstand gemacht und das hat ihm schon gereicht.

Mit dem Buch im Rucksack, schwingt Matthias sich auf sein Bike und fährt vom Grundstück. Einige Passanten sehen ihn verständnislos an, was wohl zum größten Teil daran liegt, dass er in einem schwarzen Hemd das mindestens zwei Nummern zu groß und einer zerrissenen dunkelblauen Jeans auf der Straße entlangfährt und dabei in voller Lautstärke die neueste CD von Korn hört.
 
Ohne groß auf seine Umgebung zu achten, biegt er an der Kreuzung nach links ab und steuert auf den kleinen Park zu, der direkt vor der Bibliothek endet. Ein lauer Wind wirbelt seine Haare auf und lässt sein Hemd wild hin und hertanzen.

Vor der Treppe zur Bibliothek tritt Matthias in die Bremsen und bleibt wenige Zentimeter vor der ersten Stufe stehen. Summend steigt er ab und stellt sein Bike an der Wand ab. Während er die Treppe hoch läuft, zieht er sich die Stöpsel aus den Ohren und schaltet seinen Discman aus.

Bei der Lautstärke hätte ihn Frau Walson sowieso wieder rausgeschmissen. Die alte Dame nimmt ihren Beruf manchmal schon zu ernst, was ja nicht unbedingt was schlechtes sein muss, aber das ein oder andere Mal wäre er ihr schon gerne an die Kehle gesprungen.

Langsam öffnet Matthias die große Tür und betritt die Bibliothek. Das erste was er sieht, ist die alte Frau Walson, die mal wieder in einem dicken Wälzer versunken ist und in regelmäßigen Abständen ihre Brille zurechtrückt. Mit ihren dicken Gläsern sieht sie schon etwas eigenartig aus, aber es verleiht ihr auf eine gewisse Art und Weise auch Charakter.

>Ruhe bewahren und durchatmen<, feuert er sich in Gedanken an und zieht das Buch aus seinem Rucksack. Er kann nur hoffen, dass er nicht wieder ärger bekommt. In den letzten Wochen scheinen es sich die meisten Leute zum Ziel gemacht zu haben, ihn mit irgendwelchen Predigten und blöden Kommentaren den Tag zu versauen.

Angefangen von seinen Eltern, hinüber zu den spießigen Nachbarn, bis hin zu seinem Feind Numero Uno, auch bekannt als Andreas. Wenn er schon an seinen Mitschüler denkt, der ihn seit geraumer Zeit ständig auf dem Kieker, stellen sich seine Nackenhärchen auf. Na Gott sei dank hat er nun für die nächsten paar Wochen ruhe vor diesem Quälgeist.

Die Bibliothekarin blickt von ihrem Buch auf und beäugt Matthias durch ihre dicken Brillengläser. Ein leises Seufzen entweicht ihrer Kehle, als sie das blaue Buch in seiner Hand sieht.

*~*~*~*~*

Behutsam stellt Matthias das Buch zurück in das entsprechende Regal. Heute hat er wirklich mal wieder unverschämtes Glück gehabt. Er ist mit einer Verwarnung davon gekommen, was wohl hauptsächlich daran liegt, dass die alte Frau Walson es bereits gewohnt von ihm ist, dass er die Bücher nie pünktlich zurückbringt.

Neugierig lässt er seinen Blick über die verschiedenen Buchrücken wandern, aber entweder kennt er sie bereits, oder der Titel spricht ihn einfach nicht an. Geistesabwesend schlendert er durch den Gang und biegt nach rechts ab in den nächsten.

Nach und nach zieht er ein Buch nach dem anderen heraus, liest sich auf der Rückseite die Kurzbeschreibung durch und stellt sie stöhnend wieder an ihren Platz zurück. Langsam hat er das Gefühl, dass in dieser Bibliothek immer die gleichen alten Schinken zu finden sind. Und die wirklich einigermaßen interessanten Bücher hat er bereits gelesen.

Matthias biegt in den nächsten Gang, und auf dem großen braunen Holzschild steht in weißen Buchstaben Mystery. Vielleicht findet er ja hier etwas Geeignetes. Andererseits reichen ihm diese eigenartigen Träume in letzter Zeit aus. Frustriert dreht er sich um und will wieder zurückgehen, als hinter ihm ein dumpfes Plumpsgeräusch ertönt.

Verwirrt dreht er sich um und zu seinem Erstaunen liegt ein dickes schwarzes Buch auf dem Boden. Die Frage ist nur, wie kommt es dahin? Es kann ja wohl schlecht von alleine heraus gefallen sein. Matthias geht ein paar Schritte zurück und hebt das Buch auf.

Auf dem Cover ist eine silberne Krähe oder ein Rabe abgebildet und darüber steht in einem großen Schriftzug 'Nachtgeburt'. Wie gebannt starren seine dunkelblauen Augen auf den Vogel, der sich von dem schwarzen Untergrund des Buches extrem abhebt. Unbewusst kommt ihm wieder die Szene in den Kopf, wo sich die Krähen auf die letzten Überreste des Menschen stürzen und mit ihnen davonfliegen.

Das Pochen in seinem Kopf wird lauter und er fühlt, wie sich etwas Kaltes in seinen Adern ausbreitet. Keuchend kneift Matthias die Augen zusammen und schüttelt den Kopf. Sein Atem geht stockend und er versucht sein klopfendes Herz zu beruhigen.

Langsam öffnet er seine Augen wieder und betrachtet das Cover misstrauisch. Neugierig dreht er das Buch um und überfliegt die Inhaltsangabe. Nach den ersten vier Sätzen gerät er ins Stocken.

Leichte Nervosität breitet sich in ihm aus und er schlägt das Buch auf der ersten Seite auf. Hastig wandert sein Blick über die Absätze und er wird langsam blass im Gesicht. Wenn er es nicht besser wüsste, dann würde er sagen, dass jemand seinen Traum aufgeschrieben hat.

"Was ist das für ein Buch...", murmelt er leise. Abermals betrachtet er den silbernen Vogel auf der Vorderseite, während er langsam zur Verleihstelle geht. Vielleicht hören diese Träume ja auf, wenn er dieses Buch durchliest.

>Das ist doch verrückt<, geht es ihm durch den Kopf, als er das Buch bei Frau Walson auf den Tisch legt. Sie betrachtet es verständnislos und schüttelt den Kopf. Sie kann nicht nachvollziehen, was diese Jugend ständig mit derartigen Büchern will.

"Zwei Wochen Matthias", sagt sie, als sie ihm nach einigen Minuten das Buch überreicht.

"Ich weiß."

*~*~*~*~*

Nachdenklich fährt Matthias durch den Park zurück. Eines steht fest, das erste was er tun wird wenn er wieder zu Hause ist, wird sein, dieses Buch zu lesen. Ganz in Gedanken versunken merkt er nicht, wie plötzlich jemand auf dem Weg steht, was dazu führt, dass er erschrocken in die Bremse tritt und nur wenige Zentimeter vor dem anderen Jungen stehen bleibt.

Sein Herz rast regelrecht und sein Atem geht schnell. Na das war knapp. Peinlich berührt hebt er den Blick und sieht direkt in das Gesicht eines ihm sehr unangenehmen Menschen. Ein blonder Junge sieht ihn sichtlich angesäuert an und umklammert ruckartig sein Lenkrad.

"Sag mal hast du nen Schaden?", fährt sein Gegenüber ihn an und Matthias unterschreibt gedanklich schon mal sein Testament. Ausgerechnet auf Andreas muss er treffen. Mr. Ich-bin-so-beliebt-und-so-toll blickt ihn finster an, woraufhin Matthias hart schluckt.

"Mitkommen", sagt Andreas bestimmend und deutet mit einer knappen Kopfbewegung in Richtung Teich. Matthias Augen weiten sich und er sieht jetzt schon, wie er mal wieder in hohem Bogen im Wasser landet. Wäre ja nicht das erste Mal, dass Andreas oder einer aus seiner Clique ihn taufen, sei es nun im Parkteich oder in der Schultoilette.

"Tut mir leid... können wir das nicht auf sich beruhen lassen?", fragt er leise und zuckt sichtlich zusammen, als Andreas in einem Blick zuwirft, der nichts Gutes zu verheißen hat.

"Matthias, du müsstest doch langsam daran gewöhnt sein. Wenn du nervst, kriegst du ne Abreibung, kapiert!", erwidert Andreas grinsend und stemmt die Hände in die Hüfte. Sich selbst bemitleidend und Gott verfluchend, dass er ihn mal wieder quälen muss, folgt er Andreas gehorsam in Richtung Teich.

Abhauen würde ihm nichts bringen, schließlich wohnt sein Peiniger nur ein paar Häuser weiter von ihm. Früher oder später würde er ohnehin dran glauben müssen, also warum das Unvermeidliche noch weiter hinauszögern?

Nervös steigt Matthias von seinem Fahrrad ab und stellt seinen Rucksack auf den Boden. Immerhin will er nicht riskieren, dass sein Discman einen Schaden kriegt und das Buch beschädigt wird.

Grob schubst Andreas Matthias zur Seite und greift nach dem Rucksack. Rücksichtslos zieht er den Reißverschluss auf und entleert den Inhalt auf dem Boden. Ein Discman, eine Packung Kaugummi, ein Portemonnaie und ein schwarzes Buch fallen auf den Rasen, woraufhin Andreas hämisch lächelt.

Grinsend hebt er das Buch auf und wirft einen verachtenden Blick auf Matthias, der sich schmerzhaft seine Schulter reibt. Da wird er morgen wahrscheinlich wieder einen blauen Fleck kriegen.

"Ach unser Bücherwurm. Hast du eigentlich nichts Besseres zu tun du Idiot?", fragt Andreas spöttisch und betrachtet das Cover.

"Nur weil du nicht lesen kannst, heißt das nicht, dass ich es nicht darf", murmelt Matthias frustriert. Für einen kurzen Moment sehen die beiden sich schweigend an, bevor Andreas das Buch wütend auf den Boden schmeißt.

"Hat dir deine Freakmusik das letzte bisschen Verstand weggeätzt, oder warum riskierst du so ne große Lippe, häh?" Fest entschlossen den braunhaarigen Jungen mit einem gezielten Schlag in die Visage in den Teich zu befördern, geht Andreas auf ihn zu.

Reflexartig weicht Matthias ein paar Schritte zurück. Wenn er eines gelernt hat, dann anderen Typen aus dem Weg zu gehen, die körperlich stärker sind als er. Vor allem wenn diese Typen auch noch solche Schlägertypen wie Andreas sind, die denken sie können mit anderen machen was sie wollen.

Grob packt Andreas ihn am Hemdkragen, als sie hinter sich das laute Gekreische von Krähen vernehmen. Verwirrt blicken die beiden sich um, aber nichts ist zu sehen. Dafür wird das Gekreische und Gekrächze von Sekunde zu Sekunde lauter.
 
Ein heftiger Windstoß fegt über die hinweg und schlägt das Buch auf, dessen Seiten nun unruhig hin und herflattern.

>Was zum...< Mit weit aufgerissenen Augen starrt Matthias auf das Buch, aus dem kurz darauf ein grelles weißes Licht hervorbricht und die Landschaft für den Bruchteil weniger Sekunden erhellt.

Mit einem Male beruhigt sich der Wind und das Licht verschwindet wieder in dem Buch. Wie von Geisterhand knallt es zu und sieht wieder so harmlos aus wie zuvor. Selbst das Schreien der Krähen ist verstummt. Aber an der Stelle wo bis eben noch die beiden Jungen gestanden haben, ist nichts weiter zu sehen als zwei kahle Flächen auf der sonst so ebenmäßigen Grasfläche. 


 
Rattengrube


Stöhnend öffnet Matthias seine Augen. Sein Rücken schmerzt und wenn er es nicht besser wüsste, dann würde er sagen, dass er gerade von einem Hochhaus gestürzt und mit voller Wucht auf dem Boden aufgeprallt ist. Vorsichtig hebt er seinen linken Arm an. Das grelle Sonnenlicht das von oben auf ihn herab fällt brennt in seinen Augen.

Ein Wimmern dringt über seine Lippen, als er versucht sich aufzusetzen. Ein stechender Schmerz zieht sich quer durch seinen gesamten Körper und er hat das Gefühl, als ob sein Kopf jeden Moment auseinanderplatzen wird.

"Scheiße", murmelt er verstimmt und richtet sich mühsam auf. Unter ihm ist der Boden kahl und die feuchte Erde klebt an seinem Rücken und in seinen Haaren fest. Nervös sieht er sich um. Ringsum umgibt ihn eine mindestens drei Meter hohe Erdmauer. Anscheinend befindet er sich in einer Art Fallgrube.

Aber wie soll denn eine Fallgrube in den Park kommen? Er bezweifelt, dass irgendein gestörter Mensch es geschafft hat, unbemerkt ein drei Meter tiefes Loch zu graben ohne dabei von einem Ordnungshüter erwischt zu werden.

Kleine schwarze Punkte tanzen vor seinen Augen umher, was wohl noch eine Nachwirkung des grellen Lichtes sein muss. Langsam aber sicher werden Matthias Kopfschmerzen schlimmer und er zieht seufzend seine Beine an. Während er damit beginnt sich die Schläfen zu massieren, blickt er sich weiter in dem dunklen Loch um.

Seine blauen Augen weiten sich, als er nicht weit von sich entfernt Andreas erblickt, der ein bisschen verrenkt auf dem Boden liegt und sich nicht rührt. Unruhig krabbelt Matthias auf den blonden Jungen zu und beugt sich über ihn.

>Der wird doch wohl nicht...< Leichte Panik breitet sich ihn ihm aus, als sein Peiniger nicht einmal darauf reagiert, als er anfängt ihn grob gegen die Schulter zu pieksen.

Ein leises, scharrendes Geräusch lenkt Matthias Aufmerksamkeit auf sich und er dreht sich sichtlich nervös um. Nicht weit von ihm sitzt eine kleine graue Ratte und sieht ihn musternd an.

Erleichtert atmet er aus. Na, vor einer kleinen Ratte braucht er wohl keine Angst zu haben. Im Gegenteil, er findet diese Tiere alles andere als ekelhaft. Wenn seine Mutter nicht immer gleich anfangen würde zu Hyperventilieren, sobald sie auch nur ein Nagetier sieht, dann hätte er sich auch schon eine Ratte zugelegt.

Neugierig betrachtet er die Ratte, die sich ein paar Schritte näher an ihn herangewagt hat. Wieder sind leise piepsende Geräusche zu hören, aber dieses Mal klingt es eher so, als wären mehrere Tiere im Anmarsch.

Matthias Augen bleiben an einem kleinen schwarzen Loch kleben, das am Rand der Grube zu sehen ist. Jetzt, wo er die Grube genauer betrachtet, bemerkt er erst, dass ringsum an den Wänden eine Vielzahl von Löchern ist und es scheint beinahe so, als kämen die Geräusche aus ihnen.

Aus dem Loch vor dem die kleine Ratte eben noch gehockt hat, kriechen nun zwei weitere, weitaus größere Exemplare dieser Art heraus. Matthias schluckt hart und bleibt stocksteif sitzen. Die zwei größeren Ratten piepsen laut und laufen auf die kleinere zu. Ein letztes erstickendes Geräusch geht von ihr aus, bevor die beiden größeren über sie herfallen und sie tot beißen.

Entsetzt beobachtet Matthias, wie die Ratten damit beginnen an dem toten Körper der kleinen herumzuknabbern, ihr die Beine abbeißen und sich an den Innereien zu schaffen machen.

Angeekelt blickt er weg. Das ist sogar für seinen Magen zuviel. Kannibalismus ist ja bei Tieren nichts seltenes, aber miterleben muss er das nicht. Weitere Piepsgeräusche hallen aus den Löchern und langsam steigt wieder Panik in ihm auf. Wer weiß, wie viele Nachzügler noch kommen werden.

Hinter sich hört er ein gequältes Stöhnen und er dreht sich irritiert um. Andreas regt sich und versucht sich in eine bessere Lage zu bringen. Fluchend kniet er sich hin und fährt sich mit einer Hand durch die zerzausten Haare.

Sein Rücken knackt leise, als er sich Matthias zuwendet, der das erste Mal in seinem Leben froh darüber ist, den anderen in seiner Nähe zu haben. Noch ein bisschen weggetreten blinzelt Andreas und reibt sich über die Augen. Hat er Halluzinationen, oder sitzen hinter Matthias mehrere Ratten und blicken ihn aus glühenden roten Augen an.

"Was ist los?", fragt er verwirrt und zwickt sich in sein rechtes Bein. Er schläft bestimmt noch. Er liegt hier definitiv nicht in einem Loch mit Matthias und wird von scheinbar hungrigen Nagetieren beobachtet.

"Ich weiß nicht... aber wir sollten nicht hier unten sein", murmelt Matthias, der Andreas' Blick nun folgt und hinter sich schaut. Ein leichter Schweißfilm bildet sich auf seiner Stirn als er mehrere Dutzend Ratten hinter sich erblickt. Manche Exemplare sind schon fast so groß wie ein ausgewachsenes Kaninchen und das beunruhigt sogar einen Rattenfan wie ihn.

Vorsichtig und äußerst langsam steht Andreas auf. Da ist ein Alptraum. Erst dieses sonderbare Licht, dann diese plötzliche Kälte die sich in seinem ganzen Körper ausgebreitet hat, dann diese unvorstellbaren Schmerzen beim Aufwachen und nun auch noch Ratten. Lautes Scharren, Piepsen und Fiepen erfüllt die Grube und nun steht auch Matthias vom Boden auf. Von Sekunde zu Sekunde werden es immer mehr Ratten und anscheinend haben sie nicht vor, noch weitere Artgenossen zu vertilgen.

"Bloß keine plötzlichen Bewegungen", wispert Matthias und drängt sich näher an Andreas, der nur verächtlich schnaubt.

"Schlaumeier", zischt er ungehalten und behält die immer näher kommenden Nagetiere im Auge. Gänsehaut bildet sich auf seinen Unterarmen und er muss sich zusammenreißen um jetzt nicht durchzudrehen. Überhaupt, wie haben es so viele Ratten geschafft sich im Park niederzulassen?

"Wir müssen hier raus", sagt Matthias und seine Stimme klingt nur noch wie ein heiseres Flüstern. Immer mehr Ratten kriechen aus den Erdlöchern und langsam aber sicher ist über die Hälfe des Bodens unter einem grauen Fellteppich verschwunden.

"Kein Problem, ich schleppe immer eine Leiter in meiner Hosentasche mit herum", giftet Andreas ihn an. Ein mulmiges Gefühl schleicht sich durch seinen Körper und er drängt sich weiter in die Mitte, wobei er Matthias unsanft anrempelt und dieser erschrocken nach vorne taumelt.

"Bist du verrückt?!", ruft er entsetzt aus und schreckt zurück, als eine große dicke Ratte auf seinen Turnschuh zugehuscht kommt.

"Ich bin nicht scharf darauf, als Rattenfraß zu enden!", fährt Andreas ihn panisch an. Kaum hat er seinen Satz beendet ertönt ein schriller ohrenbetäubender Laut, woraufhin die Ratten sich fiepend und verschreckt in ihre Löcher zurückziehen.

Erstaunt beobachten die beiden Jungen, wie auch die letzte Ratte in einem der Löcher verschwindet. Sichtlich erleichtert atmen sie aus. Was auch immer das für ein Geräusch gewesen ist, vorübergehend hat es diese Biester vertrieben.

Kleine Steinbrocken rutschen von den Wänden hinab, weshalb beide nach oben blicken. Schwaches Sonnenlicht fällt durch die Baumkronen und die Umrisse eines Schattens sind oben am Rand der Grube zu sehen.

"Hallo?", ruft Matthias hinauf, erhält aber keine Antwort.

"Können Sie uns hier raus helfen?!" fügt Andreas hoffnungsvoll hinzu, der um alles in der Welt aus diesem Loch heraus will. Dass der Schatten allerdings nicht auf ihr Rufen reagiert, lässt ihn dann doch leicht wütend werden.
 
"Hey Sie!", schreit Andreas, der allmählich stinksauer ist, da er nun ein raues Lachen von oben hören kann. Das kann doch wohl nicht wahr sein. Diese Person wagt es auch noch, sich über sie beide lustig zu machen.

Das Lachen verstummt mit einem mal und bevor die beiden überhaupt realisieren was der Schatten vorhat, ist dieser auch schon mit einem Hechtsprung hinab in die Grube gehüpft und landet mit einem dumpfen Geräusch auf dem modrigen Boden.

Wie zwei Salzsäulen starren Andreas und Matthias den Schatten an, der sich als ein circa 1,65 Meter großer Junge entpuppt, der sie grinsend mustert. Zwei scharfe Eckzähne blitzen auf und beim genaueren Betrachten, fallen ihnen mehrere Besonderheiten an ihm auf.

Seine Haare sind schwarz und stehen in zehn Zentimeter langen Stacheln ringsum von seinem Kopf ab. Ok, das ist vielleicht nichts außergewöhnliches, was aber schon auffällig ist, sind seine spitzen Ohren und seine goldfarbenen Augen, die stark an die einer Wildkatze erinnern.

Seine Haut ist braungebrannt und wird unter einer dicken, dunkelbraunen Fellweste versteckt, die locker um seine Schultern hängt. Eine zerrissene, knielange, schwarze Hose verhüllt seine Beine, wobei auch auffällt, dass der Junge keine Schuhe trägt. Um den Hals und die Handgelenke sind dicke Lederbänder geschlungen, an denen verschiedene Steine und Zähne hängen.

Verdattert starrt Andreas ihn an. >Aus welchem Zoo ist der denn entlaufen?<

Mathias hingegen betrachtet den Jungen mit wachsendem Interesse. So wie der aussieht, könnte man meinen er sei kein Mensch. Es gibt zwar nicht viele Abweichungen, aber einige Merkmale sind kaum zu übersehen.

"Hallo...", sagt er leise und versucht ein unbeschwertes Lächeln aufzusetzen. Der Junge mustert ihn durchdringend und legt den Kopf schief. Zielstrebig geht er ein paar Schritte auf Matthias zu, der ein wenig verunsichert zurückweicht, bis er mit dem Rücken an der Wand steht.

Der fremde Junge stellt sich auf die Zehnspitzen, da Matthias ein gutes Stück größer ist als er und beginnt an ihm herumzuschnüffeln und an seinen Haaren zu ziehen. Matthias unterdrückt ein Wimmern, da sein Gegenüber nicht gerade zimperlich mit ihm umgeht.

"Du stinkst nach Mensch", murmelt der Junge und verzieht angewidert das Gesicht. Sein Blick wandert zu Andreas, der sich jetzt schon vorgenommen hat, diesem Wicht eine rein zuhauen, sollte er es wagen, auch an ihm herumzuzerren.

>Ich stinke nach Mensch?< Verwirrt sieht Matthias den Jungen an, der nun sein Interesse Andreas zugewendet hat. Was soll das heißen, dass er nach Mensch stinkt? Er ist ja auch einer, aber warum sagt dieser Fremde so seltsame Sachen? Was ist er denn bitteschön?

"Hm... ihr schmeckt mir nicht", sagt der schwarzhaarige Stachelkopf schließlich und seufzt resigniert. Ihm wäre zwar ein Reh oder ähnliches lieber gewesen, aber wenn ihm schon zwei menschliche Exemplare in die Grube fallen, dann sollte er das Beste daraus machen.

"Bist du noch ganz dicht? Was heißt hier, wir schmecken nicht? Was für ein Freak bist du Zwerg überhaupt!?", fährt Andreas ihn ungehalten an, dem die Aussage des Jungen doch ein wenig beunruhig. Das ist doch alles wohl ein schlechter Scherz. Wahrscheinlich ist das hier die versteckte Kamera oder so was.

Der Junge funkelt ihn erzürnt an, geht auf den Blondschopf zu und packt ihn grob am Kragen. Mit Leichtigkeit hebt er ihn gute zwanzig Zentimeter in die Luft, was schon ein wenig seltsam aussieht, da Andreas an die 1,85 Meter groß ist und ihn somit um einiges überragt.

Entsetzt reißt er die Augen auf und versucht sich aus dem Klammergriff zu befreien. Matthias steht stocksteif da und fragt sich, ob er nicht doch etwas unsanft auf den Kopf gefallen ist und nun halluziniert.

"Nenn mich nie wieder einen Zwerg! Oder denkst du ich gehöre zu diesen zurückgebliebenen fetten Dummköpfen?!", schreit der Junge sauer. Andreas schüttelt reflexartig den Kopf, woraufhin er wieder auf dem Boden abgesetzt wird.

Keuchend umklammert er sich mit einer Hand seinen Hals und atmet einmal tief durch. Was um alles in der Welt ist das für ein Kerl? So klein und schmächtig er auch aussieht, er hat nicht das Gefühl gehabt dass es dem Jungen schwer gefallen ist, ihn mit einer Hand hochzuheben.

"Wer bist du eigentlich?", meldet sich Matthias zu Wort, zuckt aber kurz darauf zusammen, als der schwarzhaarige Junge ihm einen tödlichen Blick zuwirft. Also eines steht fest, die Bezeichnung Zwerg scheint ihn ziemlich wütend gemacht zu haben.

"Tse, so niedrigen Kreaturen wie Menschen brauche ich nicht zu antworten", meint der Junge spöttisch, löst ein dickes Seil, das um seiner Hüfte hängt und geht damit auf Andreas zu, der aufgrund der vorherigen Aktion des Jungen noch immer nicht in der Lage ist, sich von der Stelle zu rühren.

Grob packt der Fremde ihn am Arm, dreht ihn mit einem Ruck zu sich herum und schnürt seine Handgelenke zusammen. Wie in Trance starrt Andreas den Stachelkopf an, unfähig etwas zu sagen oder sich dagegen zu wehren.

"So... und macht mir keinen Stress. Für beschädigte Ware kriegt man nicht viel." Er zieht einmal kräftig an dem Seil, das sich nun regelrecht in Andreas' Fleisch hinein schneidet, da es so stramm um seine Gelenke gewickelt ist.

>Ware?!<, schießt es Matthias durch den Kopf und er schluckt hart. Das ist doch wohl ein Witz, dieser Kerl, wer immer er auch ist, hat doch wohl nicht vor sie zu verhökern.

"Mo... Moment mal. Was hast du vor?", ruft Andreas plötzlich aus, der nun endlich aus seiner Starre erwacht ist und die Aussage des Jungen gerade realisiert hat. Wenn das wirklich nur ein blöder Scherz sein soll, dann kann er nicht darüber lachen.

"Ihr tut ja geradezu so, als wenn ihr nichts wüsstet", seufzt der Junge genervt und schüttelt den Kopf. Er wundert sich sowieso schon, warum diese Menschen mit ihm sprechen, als wenn er sonst wer ist.

Menschen haben keine Fragen zu stellen und Menschen haben auch nicht das Recht aufmüpfig zu werden. Und warum sehen ihn diese beiden so an, als wenn sie in ihrem ganzen Leben noch nie einen Kobold gesehen haben? Nun gut, ihre Kleidung ist schon recht merkwürdig, davon mal abgesehen, sehen sie auch viel intelligenter und gepflegter aus als die wenigen Menschen die er schon zu Gesicht bekommen hat, aber das hat nichts zu sagen.

"Was sollen wir wissen? Ich weiß nur, dass ich bis vor kurzem noch in einem Park gewesen und im nächsten Moment hier unten aufgewacht bin", ruft Matthias verzweifelt aus, dem das ganze gewaltig auf den Magen schlägt. Am liebsten würde er sich in die nächste Ecke hocken und die Augen zu machen. Nichts mehr hören, nichts mehr sehen, einfach nur in Ruhe gelassen werden.

Nun sieht der schwarzhaarige Junge ein bisschen verwirrt drein. Ein Park? Skeptisch hebt er eine Augenbraue und blickt hinauf. Also ein Park ist hier garantiert nicht, im Gegenteil, sie befinden sich mitten im tiefsten Wald.

"Ihr seit nicht von hier...", stellt er nachdenklich fest und legt die Stirn in Falten. Vielleicht hat er es hier mit einer neuen Art Mensch zu tun. Eventuell haben sich diese Schmarotzer auch weiterentwickelt, oder die beiden sind mutiert. Für gewöhnliche Menschen reden sie auch zuviel.

"Wo ist hier?", fragt Andreas verzweifelt, der ein leises Wimmern unterdrückt, da seine Handgelenke langsam taub werden und das Seil sich nicht gerade angenehm anfühlt.

Der Junge stöhnt übertrieben laut auf, greift mit der linken Hand hinter sich und zieht ein kleines, zerknittertes Stück Papier aus einer dunkelbraunen Tasche. Kopfschüttelnd entfaltet er das Papier, das sich schließlich als Landkarte entpuppt.

"Wir sind hier. Einige Kilometer von der Hauptstadt Mandragona entfernt, mitten im Nebelwald, in der Nähe des Roten Sees und etwas westlich von den Grenzen zum Krähenwald", murmelt der Junge und deutet mit seinen Fingern auf mehrere grüne Flecken auf der Karte.

Neugierig lässt Matthias seinen Blick über das Blatt schweifen. Diese ganzen Ortsnamen sagen ihm nichts, und überhaupt sieht diese Karte sehr eigenartig aus, beinahe wie eine dieser alten Schatzkarten, wie man sie in Filmen sieht.

"Das ist ein Traum... ich muss wach werden...", keucht Andreas, dreht sich ruckartig um und haut seinen Kopf mit voller Wucht gegen die Erdwand.

"Hey! Lass das bleiben! Wenn du dich beschädigst sinkt dein Wert nur!", ruft der Junge entsetzt aus und zerrt den Blondschopf von der Wand weg.

Aus den Löchern ist wieder leises Piepsen und Scharren zu hören, woraufhin die drei Jungen mucksmäuschenstill werden.

Die spitzen Ohren des Stachelkopfes zucken leicht und er sieht sich schweigend in der Grube um. Anscheinend haben sich die Plagegeister wieder von seinem Pfiff erholt. Wortlos packt er Andreas, der gar nicht so schnell reagieren kann, schmeißt ihn sich wie einen Sack Mehl über die Schulter und geht in die Hocke.
 
"Dich hol ich gleich", sagt er knapp zu Matthias und stößt sich vom Boden ab. Ängstlich kneift der Blonde die Augen zusammen und hält den Atem an. Was in Gottes Namen passiert hier nur? Ein dumpfes Geräusch ertönt und einige Zweige knacken, als der Junge samt Andreas oben auf dem Boden landet. Unsanft schmeißt er ihn auf die Erde und springt wieder in die Grube, wo Matthias bereits Gesellschaft einiger Ratten bekommen hat, die ihn hungrig anstarren.

"Ich sollte die Viecher mal wieder ausräuchern", murmelt der Schwarzhaarige, als er wieder unten bei Matthias angelangt ist und betrachtet die Ratten naserümpfend. Da macht er sich schon soviel Mühe mit seinen Fallen und dann nisten sich diese Schmarotzer darin ein. Kein Wunder, dass seine Beute meist nur noch aus Knochen besteht, wenn er sie herausholen will.

Trotz Matthias lauten Protesten, wirft er ihn sich ebenfalls über die Schulter und stößt sich vom Boden ab. Panisch klammert Matthias sich an seiner Weste fest, als sie auch schon an der Oberfläche angelangt sind. Wortlos verfrachtet der den vollkommen überrumpelten Jungen auf den Boden und wendet sich wieder der Grube zu.

Mit großen Augen starren die beiden den seltsamen Fremdling an, der nun in seiner Tasche herumwühlt und kurz darauf ein kleines, aschgraues Bündel und eine hölzerne Trinkflasche hervorholt. Summend träufelt er einige Tropfen Wasser auf das Bündel, das augenblicklich anfängt zu rauchen und zu zischen. Grinsend schmeißt er es in die Grube, aus der wenige Sekunden später eine dicke Rauchwolke emporsteigt.

"Was machen wir jetzt?", flüstert Andreas, dem diese ganze Situation nicht geheuer ist.

"Abwarten...", wispert Matthias, der viel mehr damit beschäftigt ist, sich seine Umgebung anzugucken. Also eines steht fest, sie befinden sich nicht mehr im Park.

Riesige Bäume wachsen aus der Erde empor, wobei die dicken Wurzeln bereits mit einer feinen Moosschicht überzogen sind. Der Boden ist uneben und übersäht von Gestrüpp und kleineren Büschen. In der Nähe hört man das leise Plätschern eines Baches und verschiedene Vogellaute dringen aus den Baumkronen herab. Zwischen dem dichten Blattwerk raschelt und knackt es und ein lauer Wind lässt die Blätter der alten Bäume rascheln.

>Wo sind wir hier nur gelandet?<

 
Feuerteufel


Unruhig blicken Matthias und Andreas den Fremden an. Nachdem dieser die Holzflasche wieder in seiner Tasche hat verschwinden lassen, hat er sich auf einen großen Steinbrocken gesetzt und bläst in ein kleines, silbernes Röhrchen. Seltsamerweise ist dabei kein Ton zu hören.

"Was macht der Typ da?", wispert Andreas und sieht Matthias fragend an. Der zuckt nur ratlos mit den Schultern und mustert den schwarzhaarigen Jungen skeptisch. Ganz geheuer ist er ihm nicht.

Über ihren Köpfen hinweg fegt der Wind durch die dichten Blattkronen und ein lautes Rauschen durchbricht die entstandene Stille. Der fremde Junge scheint langsam wütend zu werden, da er bereits seit geschlagenen zehn Minuten in sein Röhrchen pustet, ohne dass etwas passiert.

"Unnützes Vieh", schimpft er verärgert und erhebt sich wieder von dem Steinbrocken. Seufzend geht er auf die beiden Jungen zu und stemmt die Arme in die Hüfte. Sein Blick wandert über die Körper der beiden, wobei er bei Matthias' Anblick sachte grinst.

"Du... wärst ein guter Liebessklave. Du bist klein und zierlich", beginnt er und hockt sich vor Matthias auf den Boden. Der reißt daraufhin die Augen weit auf und rutscht reflexartig ein Stückchen weiter nach hinten.

Bitte was? Hat er sich da gerade verhört, oder hat dieser Wahnsinnige das jetzt wirklich gesagt? Der Junge grinst breiter und seine spitzen Zähne blitzen dabei auf. Ein leises Lachen entweicht seiner Kehle, als er Matthias' Kinn umklammert und seinen Kopf von der einen zur anderen Seite dreht um ihn genauer in Augenschein zu nehmen.

"Hübsches Gesicht für einen dreckigen Menschen, daraus lässt sich Kapital schlagen", murmelt er weiter, wobei ihn der geschockte Gesichtsausdruck des brünetten Jungen schmunzeln lässt. Da hat er wirklich einen lohnenden Fang gemacht. Wenn man sich diese beiden nur einmal ansieht, dann erkennt man gleich, dass sie im Gegensatz zu den anderen primitiven, heruntergekommenen Menschen sehr weit entwickelt sind.

Sein Blick wandert zu Andreas, dem nun auch ganz flau im Magen geworden ist. Dieser Kerl ist doch komplett übergeschnappt. Der kann das doch nicht wirklich ernst meinen, dass er sie verkaufen will.

"Hm... du siehst kräftig aus, dich kann man gut zum arbeiten einteilen", meint der Junge nachdenklich und packt Andreas am Hinterkopf. "Obwohl... deine Visage ist auch nicht zu verachten...", fügt er grübelnd hinzu und legt die Stirn in Falten.

Für den Blondschopf muss er sich noch etwas überlegen. Für Liebessklaven bekommt er auf jeden Fall mehr Geld, aber er weiß nicht, ob er nicht ein bisschen zu groß dafür geraten ist.

"Du hast voll nen Schaden!", schreit Andreas ihn an und versucht nach dem Fremden zu treten, der allerdings blitzschnell einen Satz nach hinten macht und sich sichtlich angepisst aufrichtet.

"Nein, du bist absolut ungeeignet als Liebessklave. Du bist viel zu aufmüpfig. Solche wie du sind besser in den Bergwerken aufgehoben", sagt der Junge mürrisch. So etwas hat er auch noch nicht erlebt, dass sich ein Mensch diese Frechheit herausnimmt und in diesem Ton mit ihm redet. Würde er den Kerl nicht noch benötigen, würde er ihm jetzt seine freche Zunge abschneiden.

"Wer gibt dir das Recht uns so zu behandeln?", fragt Matthias verzweifelt. Das kann doch alles nur ein böser Alptraum sein. Er kann nur hoffen, dass er im nächsten Moment aufwacht und wieder da ist wo er hingehört.

Der Junge fängt laut an zu lachen, bis ihm die Tränen in die Augen steigen. "Beim Teufel noch mal, ihr seit wirklich seltsam. Wer mir das Recht gibt?" Mit einem äußert belustigten Blick nähert er sich Matthias, der augenblicklich wieder nach hinten rutscht.

Gerade will der fremde Junge sich zu ihm hinunter beugen, als er hinter sich lautes Knacken und Rascheln im Dickicht vernimmt. Seine Ohrenspitzen zucken und seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, ahnt er etwas Schlimmes. Kaum hat er sich umgedreht, da springt ihn sogleich ein großer Schatten an und reißt ihn zu Boden.

"Raven!", schreit der Schatten und drückt den Kobold zu Boden. Mit weit aufgerissenen Augen starrt der schwarzhaarige Junge das Wesen an, das ihn besitzergreifend in die feuchte Erde drückt und ihm über das Gesicht leckt.

"Wah! Igitt, runter von mir!", schreit er missvergnügt und versucht seinen Peiniger von sich herunterzuschubsen.

Matthias und Andreas sehen das Wesen sprachlos an. Vom Körperbau her, erinnert es, genauso wie der Kobold an einem Menschen, nur gibt es wieder einige unübersehbare Merkmale, die es doch von ihnen unterscheidet.

Abgesehen von einem dunkelgrauen Lendenshorts trägt dieser Junge nichts, außer einigen Ketten und Armbändern. Seine Haare sind silberweiß und reichen ihm bis zur Hüfte, wobei sie mit einem dicken schwarzen Lederband zusammen gehalten werden. Das merkwürdigste an ihm sind aber noch immer seine Ohren, die von seinem Gesicht abstehen. Sie sehen aus wie die Ohren eines Wolfes, grauweiß und behaart. Aus den Lendenshorts ragt zudem noch ein langer, buschiger Wolfsschwanz heraus, der nun wie bei einem Hund hin und herwackelt, während er dem Kobold weiterhin über das Gesicht leckt.

"Ich habe schon befürchtet, dass dir was passiert ist", jammert der silberhaarige Junge und klammert sich wimmernd an den Kobold, der sich nun mit Händen und Füßen versucht zu befreien.

"Du ätzender Flohfänger! Runter mit dir ehe ich mich vergesse!", ruft der Kobold verzweifelt und greift dem Wolfsjungen an den Schwanz, um kräftig daran zu ziehen. Ein lautes Jaulen hallt durch den Wald und augenblicklich lässt er von dem Kobold ab.

Fluchend richtet er sich auf und klopft sich die Klamotten sauber. Es ist doch wirklich nicht zu fassen, warum muss ihm so eine Blamage vor ein paar dreckigen Menschen passieren? Peinlich berührt blickt er zu Matthias und Andreas hinüber, die immer noch schweigend auf dem Boden sitzen.

Der Wolfsjunge hat sich derweil auf den Boden gesetzt und streichelt über seinen Schwanz. "Das war gemein", wimmert er und streicht das Fell glatt. Da denkt man, dass sich der andere freut, dass er endlich kommt, und dann so was.

"Selbst schuld. Ich hab dir schon tausend Mal gesagt, dass du mich nicht immer anspringen sollst! Und überhaupt, wo warst du solange? Ich hab mir fast die Lungen aus dem Leib gepustet!", fährt der Kobold ihn an und zieht das silberne Röhrchen aus seiner Tasche und hält es dem Wolfsjungen zur Untermalung seiner Aussage unter die Nase.

Der schnaubt nur verächtlich und legt den Kopf schief. "Von der Höhle bis hierher ist es nicht gerade ein Katzensprung", meint er entschuldigend und lächelt breit, woraufhin seine spitzen Zähne zum Vorschein kommen, die noch Angsteinflößender sind als die des Koboldes. Seine Aufmerksamkeit richtet sich dann auf die beiden Menschen, die ihn mit einer Mischung aus Angst und Neugierde betrachten.

"Wo hast du die denn her?", ruft er freudig aus und läuft auf Matthias zu, der verängstigt die Augen zusammen kneift.

"Friss mich nicht. Friss mich nicht. Friss mich nicht", murmelt er leise vor sich hin und sein Körper verkrampft sich immer mehr. Als er aber keinerlei Schmerzen verspürt, sondern lediglich einen Kopf, der sich gegen seinen reibt, öffnet er verdattert die Augen. Zwei kräftige Arme umschlingen ihn und drücken ihn gegen einen nackten Brustkorb.

Ein leichter Rotschimmer legt sich auf seine Wangen, als der Wolfsjunge ihm durch die Haare wuschelt. "Der ist ja niedlich. Kann ich den behalten Raven?", fragt er hibbelig und wedelt mit dem Schwanz.

"Du spinnst wohl! Die beiden habe ich gefangen und ich werde sie auch verkaufen. Zumal haben wir keine Zeit uns mit Menschen herumzuplagen", entgegnet er wütend und deutet auf die beiden.

"ICH habe sie gefangen. ICH werde sie verkaufen. Du alter Egoist!", sagt der Wolfsjunge beleidigt und mustert nun auch Andreas, der sich jetzt nichts mehr wünscht, als das ihn jemand von seinen Leiden erlöst, da er das Gefühl hat, dass seine Hände jeden Moment abfallen werden.

"Pff, wenn kein anderer es tut, muss wenigstens ich an mich denken", faucht Raven ungehalten und beobachtet den Wolfsjungen frustriert. Das hätte er sich ja denken können, dass dieser gleich wieder mit der Ware spielen muss. >Mistvieh<, denkt Raven verbissen und stöhnt laut auf.
 
"Nehmt es ihm nicht übel. Er hat immer miese Laune wenn er Hunger hat", sagt der Wolfsjunge lächelnd und deutet mit einer knappen Kopfbewegung auf den Kobold, der kurz vor einem Nervenzusammenbruch steht. Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen, dieses Schwanzwedelnde Biest hierher zulocken. Er sollte es wirklich in Erwägung ziehen sein Röhrchen im nächstgelegenen See zu versenken.

"Ach, es ist also kein Dauerzustand?", fragt Andreas ironisch und versucht das Seil um seinen Handgelenken zu lockern. Der Wolfsjunge bricht daraufhin in schallendes Gelächter aus und klopft Andreas auf den Rücken. Dieser keucht erschrocken auf, und schnappt nach Luft. Ja sag mal, spinnt der Kerl? Will er ihm das Rückenmark durchtrennen?

"Der hat sogar Sinn für Humor", sagt er vergnügt und wuschelt Andreas durch die Haare, der nun völlig perplex auf den silberhaarigen Jungen starrt. Langsam glaubt er wirklich, dass hier alle total den Verstand verloren haben.

"Ich lache später... zum Beispiel, nachdem ich ihm die Zunge rausgerissen habe", zischt Raven launisch und geht auf die Dreiergruppe zu. Wenn er seine Armbrust jetzt dabei hätte, dann würde sich dieser blonde Mensch nicht soviel herausnehmen.

"Er tut nur so böse, eigentlich ist er ja ein sehr einfühlsamer-"

"Loki! Noch ein Wort und ich mache eine neue Decke aus dir!", fährt der Kobold ihn an. Kaum hat er seinen Satz beendet, da ertönt ein lauter Donnerknall, woraufhin mehrere Vögel kreischend durch die Luft flattern.

Ein lautes Grollen lässt den Wald erzitternd und kurz darauf fallen die ersten Regentropfen auf die Erde herab. Grelle Blitze zucken aus der schwarzen Wolkendecke hervor und erhellen die Landschaft für den Bruchteil weniger Sekunden.

"Gewitter!", ruft Raven panisch und zuckt bei dem nächsten Donnerknall zusammen. Oh, wie er Gewitter doch verabscheut. Jedes Mal hat er das Gefühl, dass ihm sogleich die Ohren abfliegen.

"Ok, Planänderung, schaffen wir die beiden erst mal zur Höhle", sagt er hastig und greift sich Matthias. Der schreit wieder erschrocken auf, als der Kobold ihn wie zuvor über seine Schulter wirft.

"Wäre besser", stimmt Loki zu und wirft sich Andreas über die Schulter, der genauso begeistert darüber ist wie Matthias. Er ist doch kein Mehlsack, den man einfach so durch die Gegend schleppen kann.

"Abmarsch", sagt Raven knapp und stößt sich wieder vom Boden ab. Matthias hält angespannt den Atem an, als sie sich plötzlich auf einem Baum befinden.

>Das kann doch wohl nicht wahr sein, wie hoch kann dieser Kerl den springen? Das sind doch mindestens sechs Meter gewesen.< Unter sich sieht er den Wolfsjungen, der mit Andreas in hoher Geschwindigkeit durch das Unterholz läuft.

"Schrei mir nur einmal ins Ohr und ich lasse dich fallen", murmelt der Kobold drohend und springt auf den nächsten Baum zu. Kleine Zweige schlagen ihnen ins Gesicht und Matthias kneift jetzt einfach nur die Augen zusammen und hofft, dass er diese Aktion heil übersteht.

*~*~*~*~*

"Hier", sagt Loki freundlich und reicht Matthias und Andreas je eine Holzflasche mit Wasser. Matthias greift zögernd danach und nimmt vorsichtig einen Schluck daraus. Der Wolfsjunge sieht Andreas auffordernd an, der keinerlei Anstalten macht ihm die Flasche abzunehmen.

"Hast du keinen Durst?", fragt er skeptisch und beäugt den blonden Menschen neugierig. Andreas' linkes Augenlid zuckt verräterisch. Soll das jetzt ein Witz sein?

"Geht schlecht. Irgendein Geisteskranker hat mir ja die Hände verbunden!", ruft er wütend und funkelt Raven an, der das Geschrei gekonnt ignoriert. Was denn, hat er sich doch selbst zuzuschreiben. Was musste er vorhin auch so herumbocken?!

Loki krabbelt um Andreas herum und sieht kopfschüttelnd auf das Seil, das sich mittlerweile rot verfärbt hat. Er zieht einen kleinen Dolch aus einer Halterung an seinem Bein und trennt das Seil durch.

Erleichtert seufzt Andreas auf und betrachtet seine Gelenke, die nun beide blutige Striemen haben. >Hoffentlich fängt das nicht an zu eitern<, denkt er verbittert und fährt vorsichtig mit seinen Fingerspitzen über die offenen Stellen.

Loki setzt sich im Schneidersitz vor die beiden und mustert sie durchdringend. Also solche Menschen sind ihm auch noch nicht untergekommen. Alleine schon die Tatsache, dass sie fließend sprechen können und man sie sogar versteht.

"Habt ihr Namen?", fragt er interessiert und wippt ein wenig hin und her.

"Ich heiße Matthias", murmelt der braunhaarige Junge und steckt den Stöpsel wieder in die Holzflasche.

"Andreas", sagt der Blonde knapp und kippt sich etwas Wasser auf seine brennenden Gelenke. Hoffentlich behält er davon keine Narben zurück.

"Seltsame Namen, aber ihr seit auch sehr ungewöhnliche Kerle. Ich bin Loki und das da hinten ist Raven", entgegnet der Wolfsjunge grinsend und deutet mit einem Daumen über seine Schulter, wo Raven gerade damit beschäftigt ist Feuer zu machen.

"Was machst du da? Wer wir sind, geht die doch überhaupt nichts an", meint Raven angesäuert und schlägt weiter zwei weiße Steine zusammen, die aber einfach keine Funken erzeugen wollen. Heute geht aber auch wirklich alles daneben.

"Ich darf mich ja wohl noch unterhalten... zudem bezweifle ich, dass wir es hier mit normalen Menschen zu tun haben. Sieh dir die beiden doch mal an", ruft Loki empört aus und bläst die Wangen auf. Auf eine gewisse Art und Weise sieht er so direkt niedlich aus.

"Ich hab sie mir bereits angesehen, und gerade weil sie sich von dem anderen Menschenabschaum unterscheiden, werden wir für die beiden auch mehr Geld bekommen." Murrend klopft der Kobold weiterhin die beiden Steine zusammen und ein dünner Schweißfilm bildet sich auf seiner Stirn. "Also gleich reicht es!"

"Die Steine sind bestimmt schon zu alt", sagt Loki wissend und geht zu Raven hinüber. Der funkelt ihn wütend an und schmeißt einen der Steine nach ihm. Reflexartig weicht der Wolfjunge aus und fletscht die Zähne.

"Wir sind heute aber wieder besonders empfindlich", knurrt er mürrisch und legt die Ohren an. Manchmal könnte er den Kobold wirklich an die Gurgel springen. Aber das ist typisch für diese Spezies.

Während die beiden sich regelrecht mit Blicken erdolchen, rutscht Matthias näher an Andreas heran, der noch immer auf seine Handgelenke starrt.

"Tut es sehr weh?", fragt er vorsichtig und sieht seinen Mitschüler mitfühlend an. Der grinst nur verächtlich und hält Matthias seinen rechten Arm unter die Nase.

"Es ging mir nie besser, abgesehen von der Tatsache, dass ich mit dir im Nirgendwo mit zwei Monstern zusammen festsitze und mich fühle, als wenn eine Dampfwalze über mich drübergerollt ist", zischt er säuerlich und wirft einen bösen Blick in Richtung Höhlenausgang, wo sich Raven und Loki nun ein ordinäres Wortgefecht liefern.

"Deinen Sarkasmus kannst du mal vorübergehend abschalten. Wir haben glaube ich ein größeres Problem", sagt Matthias frustriert und schlingt seine Arme um seine Beine. Warum muss er ausgerechnet mit Andreas hier festsitzen? Jeder andere wäre ihm lieber gewesen, aber nein, nun darf er sich zusätzlich auch noch mit seinem größten Peiniger herumärgern.

"Ach wirklich? Wessen Schuld ist es denn, dass wir hier festsitzen?"

"Ich kann ja nun überhaupt nichts dafür. Das waren die Krähen-" Matthias bricht den Satz ab und blickt stumm gen Boden. Wie kommt er jetzt darauf, dass es Krähen waren, die sie hierher gebracht haben? Wieder kommen ihm die Bilder aus seinem Traum in den Sinn und er schüttelt verzweifelt seinen Kopf.

>Ganz ruhig bleiben. Du stehst kurz vor einem Nervenzusammenbruch, also reg dich nicht auf<, ermahnt er sich selbst in Gedanken und atmet einmal tief durch.

Andreas schweigt jetzt auch. Irgendwie sieht sein Gegenüber ziemlich mitgenommen aus. Er ist auf einmal viel blasser geworden und ein leichter Zitteranfall hat seinen Körper gepackt. Er seufzt resigniert und streicht sich einige Haarsträhnen aus dem Gesicht.

"Ok, ich würde sagen, vorübergehender Waffenstillstand", sagt er leise und sieht Matthias an, der nun seinen Blick hebt und Andreas verdutzt anstarrt. Hat er was mit den Ohren, oder meint er das ernst?

"Gut", erwidert er lächelnd und fühlt sich gleich ein wenig wohler in seiner Haut.

"Ob die das Feuer heute noch in Gang kriegen?", fragt Andreas belustigt, der nun Loki und Raven beobachtet wie sie versuchen mit Steinen einen kleinen Holzhaufen zu entzünden.

"Besser wäre es, mir ist jetzt schon kalt", murmelt Matthias und reibt sich über die Arme. Ihm kommt es so vor, als wenn es mindestens zehn Grad kälter geworden ist, seit das Gewitter angefangen hat.
 
Andreas tastet in seiner Hosentasche herum und zieht plötzlich triumphierend sein Feuerzeug heraus. "Da soll noch mal wer sagen, dass rauchen ungesund ist", meint er grinsend und steht vom Boden auf. Matthias folgt ihm unsicher und fragt sich, wie Andreas es schafft, in so einer Situation so gelassen zu sein.

>Irgendwie beneidenswert.<

"Hey, was tust du da?", ruft Raven erschrocken, als sich Andreas vor das Holz kniet und seine Hand zwischen die Äste steckt.

"Feuer machen", antwortet er und entzündet mit seinem Feuerzeug die Blätter unter dem Holz. Mit großen Augen starren Loki und Raven auf die Flammen, die immer größer werden und nun auch die Äste befallen.

"Beim Teufel", keucht Loki verängstigt und versteckt sich hinter Raven, der nun ebenfalls ziemlich beunruhigt von Andreas zurückweicht.

"Wie... hast du das gemacht?", fragt er und versucht das Zittern in seiner Stimme zu verdrängen. Matthias und Andreas sehen sich verwundert an. Warum reagieren die beiden so seltsam?

"Mit nem Feuerzeug", sagt Andreas verständnislos und deutet auf das kleine rechteckige Objekt in seiner Hand. Und da behaupten die beiden, dass Menschen primitiv sind. Aber selbst noch nie etwas von einem Feuerzeug gehört haben, klasse.

"Raven... warum schleppst du uns Feuerteufel mit in die Höhle?", flüstert Loki und zieht den Schwanz ein. Er hat ja gleich gesehen, dass die beiden für Menschen sehr seltsam aussehen, aber nun hat er einen ganz anderen Verdacht.

"Feuerteufel?", wiederholt Matthias verdutzt und blickt auf Andreas hinunter, der anscheinend genauso irritiert ist wie er. Also langsam versteht er gar nichts mehr.
 

Schattengötter

Nachdenklich läuft Raven von einer Seite der Höhle zur anderen, wobei er hin und wieder leise vor sich hinbrabbelt. Nachdem die beiden Jungen ihnen versichert haben, dass sie weder Feuerteufel sind, noch wissen, was das überhaupt sein soll, haben er und Loki sich einigermaßen wieder von ihrem ersten Schock erholt. >Nicht auszudenken, wenn die beiden wirklich Feuerteufel gewesen wären.<

Loki sitzt derweil mit Andreas und Matthias an dem entfachten Feuer und betrachtet die beiden durchdringend. "Seltsame Geschichte", murmelt er und legt die Stirn in Falten. Dass diese Menschen anders sind als die, die ihm bis jetzt begegnet sind war ihm von Anfang an klar, aber dass sie angeblich aus einer vollkommen anderen Welt stammen, verwirrt ihn doch.

"Hmhm... auf jeden Fall müssen wir irgendwie wieder zurück", meint Matthias seufzend und fährt sich durch die Haare. Er kann nur hoffen, dass diese Gestalten ihnen diese Story auch abkaufen, da sie wirklich ziemlich verrückt klingt.

"Ach, und wie wollt ihr das anstellen? Ihr wisst ja noch nicht einmal wie ihr hierher gekommen seit", entgegnet Raven spöttisch und lässt sich auf einen kleinen Felsbrocken plumpsen. Für ihn klingt das ganze einfach nur lächerlich.

"Wenn wir das wüssten, wären wir bestimmt nicht mehr hier in diesem Dreckloch", fährt Andreas ihn säuerlich an, dem der Kobold allmählich gewaltig auf den Wecker geht. Wie kann man nur so einen miesen Charakter haben?

"Niemand hält dich hier!", schreit Raven ihn an, der nun doch ein wenig gekränkt ist, dass dieser Mensch es wagt sein Zuhause als ein Dreckloch zu bezeichnen.

"Nun fangt nicht wieder an euch anzubrüllen. Das bringt uns auch nicht weiter", mischt Loki sich ein, dem dieses ständige Geschrei langsam in den Ohren weh tut.

"Was mischt du dich ein, du Flohfänger! In meiner Höhle kann ich schreien und brüllen wie es mir passt!" Kaum hat Raven seinen Satz beendet, zucken die nächsten Blitze aus der pechschwarzen Wolkendecke und das laute Donnergrollen lässt den kleinen Berg und die Höhle erzittern. Augenblicklich verkrampft der Kobold sich, sackt zu Boden und hält sich wimmernd die Ohren zu.

"Was hat er denn?", fragt Mattias vorsichtig, der nicht so ganz verstehen kann, warum Raven so übertrieben anfällig auf den Donner reagiert.

"Hat Angst vor Gewittern", wispert Loki und räuspert sich leise, da Raven nun murrend zu ihm hinüberschielt. Eines steht fest, sollte dieser Wolfsverschnitt es noch einmal wagen ihn bloßzustellen, dann wird er wirklich eine neue Felldecke aus ihm machen.

"Und ihr... wollt uns jetzt nicht mehr verkaufen, oder?", fügt Matthias unruhig hinzu, woraufhin Raven ihn sichtlich aggressiv anfunkelt.

"Nun ja, wäre eigentlich-"

"Wage es ja nicht etwas Falsches zu sagen Loki! Immerhin mache ich mir nicht umsonst die Mühe die beiden aus meiner Grube zu holen und in meine Höhle mitzuschleppen", unterbricht Raven den Wolfsjungen verärgert und richtet sich wieder auf. Seine Ohren zucken ein wenig, aber wie es scheint wird es wohl in den nächsten Minuten nicht mehr donnern.

"Was können denn wir dafür, wenn du so gestört bist und ein drei Meter tiefes Loch aushebst?", entgegnet Andreas verständnislos und sieht den Kobold missmutig an.

"Hast du Wurm überhaupt eine Ahnung wie viel Arbeit es macht eine Falle zu graben?", fragt Raven wütend und verschränkt die Arme vor der Brust.

Matthias und Loki blicken seufzend zwischen den beiden hin und her. Also wenn das so weiter geht, sitzen sie morgen früh noch hier und beschimpfen sich gegenseitig. >Wie kann er in so einer Situation noch in der Lage sein sich zu streiten?<, geht es Matthias durch den Kopf, der ein wenig beeindruckt zu Andreas hinüberschielt, dem absolut nicht anzusehen ist, dass er genauso in der Patsche sitzt wie er.

"Hast du irgendeine Ahnung, wie ihr hierher gekommen seid? Ich meine, außer der Sache mit dem Licht", wendet sich Loki nun Matthias zu, da er es nun endgültig aufgibt, Raven in seiner Streitlaune zu bremsen.

"Ich weiß wirklich nicht wie... Andreas ist auf mich losgegangen und dann...", Matthias bricht den Satz ab und versucht noch einmal darüber nachzudenken was alles im Park passiert ist. Vielleicht ist ihm etwas Wichtiges entgangen.

"Es wurde windig und dann... Krähen. Überall hat man Krähen gehört, aber ich konnte keine sehen", fährt er nachdenklich fort. Langsam werden diese Tiere ihm unheimlich. Erst dieser seltsame Traum der ihn seit Nächten wach hält, dann das eigenartige Buch aus der Bibliothek...

"Nachtgeburt" murmelt der brünette Junge geistesabwesend und ein schmerzhaftes Stechen durchflutet seinen Kopf.

"Krähen?", wiederholt Loki ein wenig nervös und seine eisgrauen Augen ruhen unruhig auf Matthias, der nur sachte mit dem Kopf nickt.

"Irgendwie ist das unheimlich. In meinem Träumen sehe ich Krähen, auf dem Buch das ich ausgeliehen habe war auch eine Krähe... und dann das laute Gekreische kurz bevor das Licht uns verschluckt hat..."

"Krähen gelten hier als Gottheiten", meint Loki daraufhin. Matthias sieht ihn ungläubig an, und man kann ihm seine Verwirrung deutlich ansehen.

"Gottheiten?"

"Man sagt, Krähen seien die Schatten der alten Götter. Sie haben sich vor Jahrhunderten im jetzigen Krähenwald niedergelassen. Sie wachen und richten über uns", sagt Loki ehrfürchtig und eine leichte Gänsehaut hat sich auf seinen Armen gebildet.

"Was erzählst du da wieder für Schauergeschichten du Feigling? Das hat doch nur jemand erzählt, damit sich niemand in diesen verdammten Krähenwald wagt um dort nach dem Teufelsauge zu suchen", unterbricht Raven das Gespräch. Das ist doch wirklich lachhaft, dass Loki noch an diesen Unsinn glaubt.

"Was ist das Teufelsauge?", fragt Andreas verwirrt. Langsam kommt es ihm so vor, als wäre das hier eine ziemlich religiöse Welt. Feuerteufel, alte Götter...

"Wir sprechen nicht darüber", faucht Loki drohend und sieht Raven angriffslustig an. Er versteht einfach nicht, wie er so abfällig über ihre Kultur sprechen kann. Immerhin ist es nicht ganz ungefährlich die alten Gebote zu ignorieren geschweige denn darüber zu spotten.

"Du sprichst nicht darüber. Ich halte das eh alles für ziemlich unwahrscheinlich", entgegnet der Stachelkopf grinsend und lässt sich gegenüber von Loki auf dem Boden nieder. Nicht, dass er nicht auch ein wenig gläubig ist, immerhin hat er selbst schon eine Begegnung mit einem Elementteufel hinter sich, aber die alten Schauermärchen über den Krähenwald klingen für ihn maßlos übertrieben.

Ein angespanntes Schweigen breitet sich aus. Während Raven und Loki sich ein Blickeduell liefern, geht Andreas zu Matthias hinüber und lässt sich stöhnend neben ihm auf den Erdboden plumpsen.

"Von diesem ganzen Gelaber kriegt man ja Kopfschmerzen", murmelt er und streicht mit seinen Fingerspitzen über seine Wunden. Wenigstens haben seine Handgelenke aufgehört zu bluten, immerhin etwas.

"Die hab ich schon lange. Aber wenn wir weiter hier herumsitzen kommen wir auch nicht weiter", meint Matthias leise und blickt zu Loki hinüber, der Raven gerade versucht zu erklären, warum er sich mit seiner Gotteslästerei noch mal ins Grab bringt, was dieser nur mit einem verächtlichen Schnauben quittiert.
 
"Und was hast du vor? Wir haben doch überhaupt keine Ahnung wohin wir müssen, geschweige denn, was wir tun sollen", sagt Andreas verstimmt und kratzt sich über die trockenen Wunden, die mittlerweile anfangen zu jucken.

"Wir müssen das Buch finden. Vielleicht kommen wir dann weiter", flüstert Matthias und wirft einen kurzen Blick zu dem Blondschopf, der nun irritiert eine Augenbraue hebt.

"Welches Buch?", fragt Andreas verständnislos.

"Nachtgeburt... das ich mir aus der Bibliothek ausgeliehen habe und das du achtlos auf den Boden geschmissen hast", erklärt Matthias mit ernster Miene. Vielleicht wäre das alles nie passiert, wenn Andreas ihn nicht wieder schikaniert und das Buch auf den Boden geworfen hätte.

"Du meinst, dass wir wegen einem Buch hier gelandet sind?", wiederholt Andreas spöttisch und ein ungläubiges Grinsen schleicht sich auf sein Gesicht. Das kann sein Gegenüber ja wohl nicht im Ernst behaupten.

"Ich glaube schon, dass es damit zusammen hängt. Und überhaupt, einen anderen Anhaltspunkt haben wir nicht!" Mit jedem Wort ist die Stimme des braunhaarigen Jungen lauter geworden und die letzten Worte hat er geradezu geschrieen.

Augenblicklich herrscht wieder ein unangenehmes Schweigen in der Höhle. Loki und Raven haben ihre Diskussion ebenfalls beendet, als Matthias angefangen hat zu schreien. Dieser atmet nun einmal tief durch und er fühlt sich sogar ein wenig besser, nachdem er ein bisschen angestauten Frust herausgelassen hat.

"Gibt es hier irgendwo eine Bibliothek?", fragt Matthias, nachdem niemand mehr etwas sagt. Loki und Raven werfen sich verwirrte Blicke zu, während Andreas nur verständnislos den Kopf schüttelt.

"Eine was?", fragt Loki neugierig und legt den Kopf schief.

"Eine Bibliothek... ein Ort wo man sich Bücher ausleihen kann", hilft Matthias ihm auf die Sprünge, aber viel aufgeklärter erscheint ihm die Miene des Wolfsjungen trotzdem nicht.

"So etwas gibt es hier nicht", sagt Raven spöttisch und mustert Matthias grinsend.

"Es gibt hier keine Bücher?", kommt es nun von Andreas, der sich gar nicht vorstellen kann, dass es eine Welt gibt, wo es noch nicht einmal Bücher gibt.

"Doch, im Museum. Aber wir wissen nicht was in ihnen steht", fügt Loki nachdenklich hinzu. Er versteht nicht so ganz, was die beiden Menschen nun mit Büchern wollen.

"Wozu auch. Was sollen wir mit so einem Schund auch anfangen?", erwidert der Kobold gelangweilt und gähnt einmal herzhaft. Das Gewitter ist derweil weiter gezogen und man kann nun den dunklen, mit Sternen übersäten Himmel sehen.

"Könnt ihr uns dorthin bringen?", fragt Matthias hoffnungsvoll, woraufhin Raven in schallendes Gelächter ausbricht.

"Wir haben ja auch nichts Besseres zu tun, als euch nach Mandragona zu bringen", entgegnet der Kobold verächtlich und kann sich nur schwer beherrschen jetzt nicht wieder loszulachen. So weit kommt es noch, dass er hier den Fremdenführer für zwei Menschen spielt. Zudem bringen ihn keine zehn Pferde in die Hauptstadt.

"Also ich bringe euch gerne", sagt Loki plötzlich und lächelt breit, als er Ravens entsetzten Gesichtsausdruck sieht. In wenigen Sekunden ist diesem die Farbe aus dem Gesicht gewichen und er sieht den Wolfsjungen mit großen Augen an.

"Wirklich?", ruft Matthias erfreut aus.

"Wirklich?", wiederholt Raven verdattert und sieht seinen angeblichen Freund überrumpelt an.

"Ich war noch nie in der Hauptstadt. Und überhaupt, hier ist es doch ohnehin Sterbens langweilig. Wäre doch mal eine Abwechslung, als Tag für Tag deine Fallen abzuklappern oder auf den heruntergekommenen Marktplätzen herumzugammeln", meint der Wolfsjunge überzeugt und wackelt unruhig mit seinem Schwanz hin und her.

"Ach ja?! Schön, dann hau doch ab! Du und dein blödes Menschenpack braucht mir nie mehr unter die Augen zu kommen!", fährt Raven ihn aufgebracht an und steht schleunigst vom Boden auf. Wutschnaubend läuft er auf den Höhlenausgang zu und verschwindet im Dunkeln.

Traurig lässt Loki seine Ohren hängen und seufzt resigniert. Dass der Kobold so einen Aufstand macht, nur weil er den beiden helfen will versteht er einfach nicht. Aber das ist einfach nur typisch für Kobolde, dass diese immer gleich ausrasten müssen.

"Ist er jetzt ernsthaft sauer?", fragt Matthias und sieht Loki ein wenig beschämt an, immerhin hat dieser jetzt nur ihretwegen Probleme. Der silberhaarige Junge zuckt nur mit den Schultern und zupft an seinem Schwanz herum, sodass ein paar kleine Haare herausfallen.

"Wer weiß..."

*~*~*~*~*

Ein paar Meter über der Höhle, auf einem kleinen Felsvorsprung sitzt Raven und lässt die Beine baumeln. Sein Blick ist trüb und seine Hände spielen abwesend mit dem kleinen, silbernen Röhrchen.

>Blöder Wolf<, flucht er innerlich und blickt traurig in den Nachthimmel. >Und der ganze Ärger nur wegen diesen verfluchten Menschen.< Hätte er sie doch nur in der Grube gelassen, dann hätten die Ratten sein jetziges Problem beseitigt.

"Verräter", murmelt Raven und seufzt leise. Wie er es doch hasst, wenn Loki einen auf sozial macht. Und wofür das ganze? Mandragona ist schließlich ihre Hauptstadt und ganz ungefährlich ist es dort nicht.

>Das blöde Vieh bringt sich doch nur wieder in Schwierigkeiten<, denkt Raven verbittert, da er die Naivität des Wolfsjungen nur zu gut kennt. Würde ihn ja nicht wundern, wenn er am Ende eingesperrt, wenn nicht gar gesteinigt und hinterher gehäutet wird.

Aber was macht er sich darüber Gedanken. Soll Loki doch machen was er will, ist ihm doch egal. Soll er doch mit den Menschen abhauen und ihn hier alleine zurücklassen. Er war es ja nur, der ihn damals aus dem Wasser gefischt hat, als er beinahe ersoffen wäre. Warum sollte Loki ihm also irgendetwas schuldig sein, er verdankt ihm ja nur sein erbärmliches Leben.

"Hau doch ab", flüstert Raven, holt aus und schmeißt das Röhrchen mit aller Kraft den Berg hinunter, wo es dann zwischen den dunklen Baumkronen verschwindet.

"Ich brauch dich nicht..." Frustriert kaut er auf seiner Unterlippe herum und versucht den lauten Schrei, der kurz davor ist seiner Kehle zu entweichen zu unterdrücken. Nicht nur, dass er verraten wurde, nein, nun nimmt Loki auch noch seine Ware mit. Er will ja gar nicht erst wissen, was er alleine für Matthias bekommen hätte, wenn er diesen als Liebessklaven verkauft hätte.

>So einfach kommt ihr mir nicht davon.<

*~*~*~*~*

Leises Vogelgezwitscher reißt ihn aus seinem unruhigen Schlaf. Verschwitzt richtet Matthias sich auf und wischt sich seine Stirn trocken. Sein Puls rast regelrecht und er hat das Gefühl, als ob ihm jemand die Kehle zudrückt.

Keuchend steht er vom Boden auf und wäre beinahe auf Lokis Schwanz getreten. Der Wolfsjunge hat sich auf einer zerlumpten Decke zusammengerollt und schnarcht leise. Sich den Schlaf aus den Augen reibend tapst Matthias auf den Höhleneingang zu, wobei er darauf achtet weder Andreas noch Loki aufzuwecken.

Ein angenehmer kühler Wind schlägt ihm entgegen und er atmet einmal tief durch. Die Sonne geht langsam auf und erhellt die Landschaft in einem orangefarbenen Licht. Matthias lässt seinen Blick über den Wald wandern, der ihm bei Tageslicht nicht ganz so unheimlich vorkommt. Leises Blätterrauschen durchbricht die Stille des Morgens und hinter den dichten Baumwipfeln kann er einen riesigen See erkennen, der von den Sonnenstrahlen leicht rot aufleuchtet.

Neugierig geht er weiter bis an den Rand des Vorsprunges und blickt in die Tiefe. Vorsichtig kniet er sich hin und umklammert mit seinen Händen den Felsrand. Ein kalter Schauer läuft ihm über den Rücken, wenn er daran denkt, dass sie gestern Abend hier hinauf geschleppt worden sind. Die Höhle liegt mindestens 30 Meter über dem Erdboden, nicht auszudenken wenn sie abgestürzt wären.

Sein Blick wandert weiter und in der Ferne, noch weit hinter dem See kann er einen weiteren Wald erkennen, welcher aber im Gegensatz zu diesem hier vollkommen kahl zu sein scheint, beinahe wie abgestorben. Matthias verengt seine Augen zu schmalen Schlitzen. Jetzt bräuchte er ein Fernglas.

"Das ist der Krähenwald", vernimmt er eine Stimme hinter sich, weshalb er sich auch erschrocken umdreht. Mit weit geöffneten Augen blickt er in Ravens Gesicht der sich schmunzelnd neben ihn auf den Boden sinken lässt.

"Wo warst du die Nacht über?", fragt Matthias überrascht, der ehrlich gesagt nicht mehr damit gerechnet hat den Kobold nochmals wieder zu sehen, nachdem dieser gestern Nacht so wütend davon gerauscht ist.

"Nachdenken", meint Raven neutral und schnipst ein paar Steine über den Rand des Vorsprunges.

"Ich dachte schon du hast irgend etwas Dummes gemacht, da du so sauer gewesen bist", entgegnet der brünette Junge erleichtert. Auch wenn sein Gegenüber nicht gerade zimperlich mit ihnen umgegangen ist, so hätte er doch ein schlechtes Gewissen, wenn der Kobold sich etwas getan hätte.
 
"Tse, geht dich doch überhaupt nichts an was ich tue", giftet Raven ihn an und verzieht das Gesicht. Jetzt fängt dieser Mensch schon so an zu reden wie Loki, schrecklich.

"Entschuldigung, wenn ich mir Sorgen gemacht habe", grummelt Matthias beleidigt und starrt wieder in die Tiefe. Ravens verwunderter Gesichtsausdruck entgeht ihm dabei völlig.

>Wieso macht er sich Sorgen?<

"Raven!", durchbricht Lokis Schrei das entstandene Schweigen und ehe der Kobold sich versieht, hängt der Wolfsjunge bereits an seinem Hals und reibt sein Gesicht gegen seins.

"Hast du sie noch alle, mich so zu erschrecken", keift Raven erschrocken und versucht sich aus der Umarmung zu befreien. Da hat er gedacht er kann seinen Plan in die Tat umsetzen und Matthias heimlich verschleppen, und dann taucht plötzlich Loki auf.

>Verdammt<, flucht er gedanklich und schielt zu dem braunhaarigen Jungen hinüber, der sich ein Lachen kaum noch verkneifen kann. Wenn man die beiden so beobachtet, könnte man glatt denken, sie hätten eine innigere Beziehung.

"Du kommst also doch mit?", fragt Loki hibbelig und sieht Raven mit großen grauen Augen an. Dieser seufzt resigniert und wirft einen kurzen Blick auf Matthias, der sich nun erhebt und auf Andreas zugeht, der soeben am Höhleneingang aufgetaucht ist und sich streckt.

"Dich kann man ja nicht alleine lassen", brummt Raven den silberhaarigen Jungen an und versucht sich normal zu verhalten. Auch wenn Loki ein bisschen naiv ist, so wird er garantiert nicht so einfach auszutricksen sein.

>Nur Geduld... er kann nicht immer auf ihn aufpassen< Bei diesem Gedanken blickt er wieder zu Matthias, der Andreas gerade mitteilt, dass der Kobold sie doch begleiten wird. Dass der blonde Junge daraufhin weniger begeistert guckt, ignoriert er dabei gekonnt.