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Fast perfekte Weihnachten

Original/ reale Welt [PG] [abgeschlossen]

keine Warnungen

Einteiler

Inhalt: keine Angaben vom Autor 

 


 


Fast perfekte Weihnachten

(eine Gratwanderung zwischen Kitsch und Sarkasmus)
 
Es kam, wie es hatte kommen müssen. Wenn Lars ehrlich zu sich war, musste er sich eingestehen, dass er seit Mitte November dieser Katastrophe namens Weihnachten regelrecht entgegebengefiebert hatte. Wie eigentlich jedes Jahr. Katastrophe deshalb, weil zeitgleich, da sein Herz mit Einzug der winterlichen Kälte freudig verkündet hatte, dass es auf Weihnachten zugehe, sein Verstand gefragt hatte, was dieses Mal wohl einen Schatten über die Festtage werfen würde. Einfach weil das in dieser Familie fast schon Tradition hatte.
 
Und tatsächlich, zwei Tage nach Nikolaus, und somit einen Tag nach dem Geburtstag seiner Oma war der Schlamassel perfekt.
Am Tag zuvor hatte man sich noch zusammengerauft, schließlich hatte Oma am darauffolgenden Tag wegen einer künstlichen Blase ins Krankenhaus gemusst. Eigentlich hatte der Geburtstag deswegen ja ausfallen sollen, aber ganz ausfallen lassen konnte man ihn dann doch nicht. Außerdem war Omas Geburtstag der Termin für die allgemeine Wunschzetteltauschbörse. Natürlich aber hatte Onkel Roland mal wieder die Wunschzettel seiner Familie zu Hause vergessen, und so verabredete man also notgedrungen, tags darauf zu telefonieren. Und eben jenes Telefonat sollte den Stein ins Rollen bringen...
 
Solange es auch nur die Geschenke betraf, lief alles gut. Onkel Roland und Lars Vater wünschten sich wie üblich Bücher, seine Mutter und Tante Clarissa würden mal wieder Douglas-Gutscheine tauschen, Lars selbst wünschte sich eine DVD, sein Bruder Benjamin eine CD und auf dem Wunschzettel ihrer kleinen Cousine Lara stand jede Menge Barbiezeug. Soviel zu dem Versuch von Onkel Roland und Tante Clarissa ihr Kind nur mit pädagogisch wertvollem Spielzeug aufwachsen zu lassen.
 
Doch dann brachte Tante Clarissa das Gespräch auf Heilig Abend und den ersten Weihnachtsfeiertag. Denn wie schon im Jahr zuvor wollte sie gerne am 25. Dezember zu ihren Eltern. Nur, dass sie dieses Jahr eigentlich dran gewesen wären, die Familie an diesem Tag zu bekochen.
Das war nämlich eine Tradition, die noch auf Lars Opa zurück ging. Danach war Oma an Heilig Abend immer bei der Familie des einen Sohnes ihres verstorbenen Mannes, und dafür kam am nächsten Tag die ganze Familie bei dem anderen Sohn zusammen. Im darauffolgenden Jahr wurde dann getauscht.
Und nun wollten sich Tante Clarissa und Onkel Roland ihrer Pflicht entziehen. Das brachte das Fass endgültig zum überlaufen, und der längst überfällige Streit zwischen Lars Eltern und seinem Onkel und seiner Tante brach los.
 
Kaum zu glauben, doch das ganze wurde noch von Lars Oma überboten. Diese erklärte nämlich am Abend, dass sie schon die kommende Woche wegen der Blase operiert würde und noch vor Weihnachten wieder aus dem Krankenhaus käme. Aber gleichzeitig hätten die Ärzte einen leichten Bandscheibenvorfall festgestellt.
 
Was zusammengefasst eine jammernde, kranke Oma für Heilig Abend bedeutete, und Krach für den ersten Weihnachtstag.
Da halfen auch keine Weihnachtsmarktbesuche, Tannenduftöl und Plätzchenbacken mehr um allgemein freudige Vorweihnachtsstimmung aufkommen zu lassen.
 
Doch Lars ließ sich davon nicht entmutigen. Entschlossen drängte er immer wieder die Katastrophengedanken beiseite, schmückte sein Zimmer schön kitschig-weihnachtlich, ließ sich von einer alten Rock Christmas CD beschallen und sah sich „Der kleine Lord“ im Fernsehen an. Er liebte Weihnachten einfach, und vielleicht würde es ja doch noch ein schönes Feste werden. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt... 
Eine Woche vor Weihnachten kam Oma dann aus dem Krankenhaus, und Benjamin fragte, ob etwas dagegen spräche, wenn Torben, ein Freund aus der Uni, an Heilig Abend bei ihnen mitfeierte. Torben hätte nämlich sonst niemanden, sondern müsste einsam und allein im Studentenwohnheim versauern. Die Eltern hatten nichts dagegen und Lars auch nicht. Insgeheim war er sogar froh, denn wenn noch ein zusätzlicher Gast zugegen war, bestand vielleicht die Chance, dass ihnen all die blutigen und sonstigen unappetitlichen Details von Omas Operation erspart bleiben. Die kannten sie zwar schon alle vom Telefon her, aber live erzählte es sich doch gleich noch mal so anschaulich.
 
Endlich war es soweit. Der Vater holte Oma ab, die ja so frisch nach der OP und mit dem kaputten Rücken nicht Auto fahren konnte, Benjamin sammelte Torben am Bahnhof ein, die Mutter zog sich eilig um und Lars lag, in seinen guten Sachen, unter dem Esstisch und zog die Schrauben nach. Denn dieses Möbel gakste und knarrte mal wieder entsetzlich, weigerte sich aber standhaft endgültig den Geist aufzugeben und somit die Eltern endlich zu einer Entscheidung zu zwingen.
Es war ja nicht so, dass diese nicht an die Anschaffung eines neuen Tisches dachten, doch es hatte allein mehr als drei Jahre gedauert, bis sie sich auf ein Konzept geeinigt hatten. Und bestimmt würde es bis zur Umsetzung mindestens noch mal so lange dauern. Es sei denn der Tisch kam ihnen eben zuvor.
Solange es nicht gerade heute geschah. Denn das würde dann dem Abend, der auch so schon wohl kaum ohne gewisse Spannungen auskommen würde, den Rest geben.
 
Leicht grinsend wandte sich Lars dem nächsten Tischbein zu, als ein metallisches Klicken verkündete, dass soeben die Haustür aufgeschlossen wurde.
Oh nein, nicht jetzt schon, fluchte er innerlich und ließ sich auf den Teppich sinken.
Wenn es seine Oma war, würde diese sicher im Geiste vermerken, dass sie es nicht geschafft hatten, alle Vorbereitungen bis zu ihrem Eintreffen abzuschließen. Und ebenso sicher würde ihr jeder Fussel, der trotz gründlichen Staubsaugens auf Lars dunkler Kleidung haften blieb, auffallen.
Wären es Benjamin und Torben, so wäre das erste, was ihr Gast von Lars zu sehen bekäme dessen Beine, die unelegant unter dem Tisch hervor ragten. Auch nicht wirklich der erste Eindruck, den Lars hinterlassen wollte.
 
Doch das ließ sich letztendlich nicht vermeiden, denn es waren tatsächlich sein Bruder und dessen Kommilitone.
Um wenigstens einen halbwegs passablen zweiten Eindruck zu hinterlassen, legte Lars das Werkzeug beiseite und krabbelte unter dem Tisch hervor. Geschickt wich er der Tischkante und somit einer äußerst schmerzhaften Beule aus, während sein Bruder ihn charmant wie immer vorstellte: "Und das verstrubbelte Etwas, zu dem die Beine von gerade eben gehören, ist mein Bruder Lars."

Am liebsten hätte Lars seinen Bruder dafür erwürgt, aber es war ja schließlich Weihnachten... Deshalb reichte er nur höflich und ein wenig verlegen lächelnd ihrem Gast die Hand, der sich mit einem freundlichen „Torben“ vorstellte. Dabei stellte Lars mit unerwartet klopfendem Herz fest, dass Toren die wohl faszinierendsten blauen Augen hatte, die er je geschehen hatte. Und als sich gleich darauf ihre Finger berührten, durchzuckten regelrechte Hitzeblitze Lars, obgleich Torbens Hand aufgrund der Minusgrade, die draußen herrschten, ziemlich kalt war. Beinahe erschrocken zog Lars seine Hand zurück und fragte sich im Stillen, ob sein Gegenüber gerade eben vielleicht das gleiche gespürt hatte. Doch noch im selben Moment schalt sich Lars einen Narren. Er wusste doch gar nichts über Torben, und es war ja wohl alles andere als wahrscheinlich, dass dieser wie Lars auf Männer stand. Und selbst wenn, wie hoch war dann die Wahrscheinlichkeit, dass ausgerechnet er, Lars, Torbens Interesse wecken würde. Noch dazu an Weihnachten... 

Während Benjamin seinem Studienfreund zeigte, wo er seine Jacke aufhängen und den Rucksack abstellen konnte, nutzte Lars die Gelegenheit sich wieder etwas zu fangen. Wer hätte aber auch ahnen können, dass sein kleiner Bruder einen so gut aussehenden Freund mitbringen würde?
Torben sah einfach nur umwerfend aus. Das braune, kurze Haar, die athletische, hochgewachsene Gestalt... Lars tippte, dem Kreuz nach zu urteilen, auf Stabhochsprung oder Geräteturnen... und nicht zuletzt diese funkelnden blauen Augen, die ihn direkt anzulachen schienen...
Moment! Nein? Doch! Tatsächlich. Torben war hinter Benjamin aus dem Flur zurückgekehrt, und Lars hatte ihn augenscheinlich die ganze Zeit angestarrt. Wie peinlich! schoss es ihm durch den Kopf und er spürte, dass er rot wurde. Rasch, um etwas zu tun zu haben, räumte er das Werkzeug auf, darauf hoffend, dass nicht ausgerechnet das letzte Tischbein, das er nun doch nicht nachgezogen hatte, der Festtafel zu einem ungeplanten Abgang verhalf.
 
Als Lars wieder in das Wohn-Ess-Zimmer zurückkehrte, öffnete gerade sein Vater die Eingangstür, und so bewahrte das Eintreffen seiner Oma ihn vor weiteren, ungewollten Blamagen vor Torben. Kurz strich er noch das schwarze Hemd zurecht, bei seinem blonden Chaos von Haaren, wusste er, war jede Mühe vergebens.
Dank jahrelanger Übung, überzeugte sich Lars fast selbst mit der freudigen Umarmung, mit der er nun seine Oma begrüßte. Gut, bestimmt 70% der Freude war echt, schließlich mochte er seine Oma auf eine gewisse Art. Einfach, weil sie seine Oma war. Aber zugleich war er sich bewusst, dass sie ziemlich wenig gemeinsam hatte. Denn Lars bezweifelte sehr stark, dass seine doch recht konservative, katholische Oma es als so positiv werten würde, dass sie beide auf Männer standen. Was seine Gedanken wieder in Torben Richtung lenkte.
 
Und während nun Benjamin und seine Mutter Oma begrüßten, warf Lars einen kurzen Blick zu Torben hinüber, der ein wenig abseits stand, dann jedoch nach vorne trat um sich vorzustellen. Wohlerzogen und höflich, so lautete das Urteil, das Lars deutlich an dem Gesicht seiner Oma ablesen konnte, als diese Torben ihrerseits begrüßte.
In Torbens Gesicht meinte Lars so etwas wie Erleichterung, die Begrüßung hinter sich zu haben, zu erkennen und schickte ihm ein aufmunterndes Lächeln hinüber. Und zu seiner großen Freude erwiderte Torben dieses Lächeln. Lars konnte nicht verhindern, dass ihm dabei ganz warm ums Herz wurde.
Er wusste zwar, dass es bestimmt falsch war, aber heute war Weihnachten, und wenn das Christkind, oder wer auch immer, beschlossen hatte, ihm solche Gefühle zu schenken, würde er sie einfach genießen. Er konnte sich hinterher immer noch Gedanken darüber machen, in Selbstvorwürfen oder –mitleid baden, und dann versuchen das ganze zu vergessen. Aber nicht heute. 
Für heute stand jetzt erst einmal Kaffeetrinken auf dem Programm, schließlich war es noch ziemlich früh, und auch noch nicht ganz dunkel.
Zu Lars unbeschreiblicher Freude setzte sich Torben am Tisch neben ihn, obgleich sein Verstand sich sofort wieder meldete und ihn ohne jegliches Feingefühl darauf aufmerksam machte, dass Benjamin zu Torbens anderer Seite saß. Und es somit wohl wesentlich wahrscheinlicher war, dass sich Torben einfach nur neben Lars Bruder gesetzt hatte. Doch Lars war derlei Einwürfe von Seiten seines Verstandes schon gewöhnt und entsprechend geübt diesen beizeiten schlicht zu ignorieren. Schließlich war da auch noch dieses himmlische Lächeln, mit dem Torben ihn nun bedachte. Und das war ja wohl mal nur für ihn bestimmt...
 
Das Kaffeetrinken verlief einigermaßen friedlich, und tatsächlich dank Torben nicht ganz so blutig, was Omas Erzählungen betraf. Dennoch wurde die Familie zwischen Lebkuchen und Kokosmakronen wieder auf den neusten Stand gebracht, was die Krankheiten und Todesfälle des gesamten Ortes betraf, in dem Oma lebte. Lars zuckte innerlich mit den Schultern. Die wenigsten dieser Leute kannte er, von den meisten hatte er noch nie etwas gehört, aber das gehörte eben auch zu seiner Oma. Und so nickte er, wie der Rest der Familie, bei jedem neuen Krebsfall verständnis- und teilnahmsvoll, ließ seine Miene betrübt aussehen, wenn wieder jemand gestorben war, und beobachtete verstohlen Torben. Was dieser wohl dachte? Seinem Benehmen nach zu urteilen, war er wohl in ähnlichen Verhältnissen aufgewachsen. Denn auch er beherrschte die Kunst der Tätigkeit 11 (‚Altenbetreuung’). Aber das würde bedeuten, dass es in seiner Familie auch eine solche Oma gab, oder zumindest gegeben hatte... Torben hatte also auch eine Familie. Aber wieso feierte er dann nicht mit ihnen? 
Als wären Omas Gedanken in eine ähnliche Richtung gewandert, beendete sie ihren Krankenhausreport und wandte sich Torben zu. „Was ist eigentlich mit Ihrer Familie? Wird diese Sie nicht an Weihnachten vermissen?“

Torben zuckte ein wenig zusammen. Offenbar war er auf diese Frage nicht vorbereitet gewesen. Oder aber er wollte so wenig wie möglich darüber reden. Lars konnte sich gut vorstellen, dass es Torben vermutlich, trotz des herzlichen Empfangs, ein wenig peinlich war, ihren intimen Familienkreis zu stören. Schließlich sagte er: „Meine Eltern sind gestorben als ich noch ganz klein war und ich bin bei meiner Tante Monika und meinem Onkel Max aufgewachsen. Zusammen mit meinem Cousin Felix. Letzten Sommer hat Onkel Max dann ganz unverhofft einen tollen Job in Brasilien angeboten bekommen, und sie sind nach Brasilien gegangen. Ich hatte zu dem Zeitpunkt schon mit meinem Studium angefangen, und so blieb ich hier. Ich wäre gerne über die Feiertage zu ihnen geflogen, aber zum einen sind die Flüge nicht gerade billig, und dann habe ich am 28. Dezember eine Prüfung. Es hätte sich also kaum rentiert. Und da meine Großmutter bereits vor zwei Jahren gestorben ist, gibt es hier niemanden mehr, mit dem ich hätte feiern können.“Oma nickte, und da das Wort Fliegen in Torbens Erklärung gefallen war, und Fliegen gleichbedeutend mit Reisen war, begann sie prompt von allen Reisen, die sie im vergangenen Jahr gemacht oder hatte ausfallen lassen müssen, zu erzählen.
Erleichtert, wie es Lars schien, wandte sich Torben wieder seiner Kaffeetasse zu.
 
Endlich war es draußen dunkel, und so konnte man zum feierlichen Höhepunkt des Tages schreiten – der Bescherung.Unter dem wachsamen Auge des Vaters durfte Benjamin die Kerzen am Weihnachtsbaum anzünden, schön von oben nach unten, sicherheitstechnisch korrekt. Im Grunde war das Lars liebster Augenblick an Weihnachten. Wenn alles dunkel war, und dann, Kerze für Kerze, der Baum zu leuchten anfing, zu strahlen, und eine wohlige Wärme aussandte.
Dieses Jahr war es wieder ein gemütlicher Familienbaum geworden, mit goldenen Girlanden, silbernen Kugeln, roten Schleifen und bestimmt weit über hundert kleinen Holzfiguren. Und natürlich Disneys A-Hörnchen und B-Hörnchen, die Lars vor sechs Jahren aus New York mitgebracht hatte, und die seitdem in keinem Jahr hatten fehlen dürfen.
Dann nahm die ganze Familie Aufstellung, sogar Oma erhob sich, trotz des kaputten Rückens von ihrem Stuhl. Denn die Lesung der Weihnachtsgeschichte fand stets im Stehen statt.
 
Dieses Jahr war es an Lars die Geschichte aus dem Lukas-Evangelium vorzulesen. Mit einem feierlichen Gefühl von Vorfreude griff er nach der alten Familienbibel und schlug das markierte Kapitel auf. Er brauchte einen kleinen Moment ehe er sich in dem Kerzenschein an die alte deutsche Schrift gewöhnt hatte, doch dann begann er mit klarer Stimme zu lesen...
 
„...Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.“ Lächelnd klappte Lars das Buch zu und beobachtete wie sein Vater und seine Mutter einander herzlich umarmten. Da kam auch schon Benjamin auf ihn zu, um ihn zu einem Weihnachtsknuddel zu holen. Auch eine der Traditionen, die für Lars erst Weihnachten vollkommen machten. Selbst Torben wurde in die allgemeine Umarmungsrunde mit einbezogen, was ihm zuerst ein wenig unangenehm zu sein schien, doch zunehmend gefiel. Als die Reihe an Lars war, Torben zu umarmen, zögerte er ein wenig, doch wann würde er je wieder die Gelegenheit haben, diesen atemberaubenden jungen Mann so unverfänglich zu umarmen? Und als die Umarmung auch noch ebenso herzlich erwidert wurde, glaubte sich Lars für einen winzigen Augenblick im siebten Himmel. 
Viel zu schnell war dieser Moment vorbei, und Benjamin stürmte zur Treppe, wo er seine Geschenke abgelegt hatte. Lars lächelte. So lange er zurückdenken konnte, hatte sein Bruder immer darauf gebrannt als erster seine Geschenke zu verteilen. Und weil niemand etwas dagegen hatte, ließ man ihn gerne gewähren.
 
Gut eine Stunde später waren alle Geschenke verteilt und ausgepackt und der Papierkorb bereits zum zweiten Mal mit buntem Papier und Geschenkband gefüllt. Sogar Torben hatte ein paar Kleinigkeiten bekommen und sich dafür mit einem Weihnachtsstern und einem großen Paket Fruchtsaftbärchen revanchiert. Benjamin schien verraten zu haben, dass sie alle, aber insbesondere seine Mutter auf Gummibärchen standen. Lediglich sein Vater konnte diesen Süßigkeiten nichts abgewinnen, er erklärte immer, es wäre wie Knorpel kauen. Doch angesichts des mehr als wohlgefüllten Weihnachtsnaschtellers, hatte auch der Vater keinen Grund sich zu beschweren.
 
Und während der Vater sich nun zur Hausbar begab um einen Aperitif zu mixen, verschwand seine Mutter in die Küche um die Suppe vorzubereiten, Benjamin nutzte die Gelegenheit noch rasch eine Zigarette auf der Terrasse zu rauchen, und Lars machte sich daran den Tisch festlich zu decken. Torben stand einen kurzen Moment unschlüssig da, dann bot er Lars seine Hilfe an.

„Warum bist du nicht draußen, bei Benjamin?“ fragte Lars verwundert, denn für gewöhnlich beorderte sein kleiner Bruder seine Freunde regelrecht mit ihm in der Kälte auszuharren, egal ob Raucher oder nicht.„Ich rauche nicht, und draußen ist es kalt... und dann kann ich dich doch schlecht hier alles allein machen lassen...“, erklärte Torben und schenkte Lars ein warmes Lächeln.Zuerst wollte Lars ablehnen, doch zum einen brachte er es nicht übers Herz Torben den Fängen seiner Oma zu überlassen, und zum anderen würde ihm das die Gelegenheit geben, selbst in Torbens Nähe zu sein. Als sich dann auch noch für Sekundenbruchteile ihre Finger berührten, weil sie beide gleichzeitig nach den Dessertlöffeln gegriffen hatten, schlug Lars Verstand endgültig Kitsch-Alarm. ‚Kiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiitsch! Schmalllllllllllllllllz!’ hallte es in den schönsten Rosatönen durch seinen Kopf. ‚Du bist ein romantischer Esel! Eeeeeeeeeesel!’ 

Vermutlich hätte der Verstand es irgendwann auch noch geschafft von Lars erhört zu werden, hätte der Vater nicht in dem Moment verkündet, dass die Aperitifs fertig wären. So aber nahm das Menü seinen Lauf, ohne, dass der Verstand irgendetwas bei Lars hätte erreichen können.
Stattdessen warf besagter romantischer Esel während des Essens immer wieder Blicke zu Torben hinüber und sein Herz frohlockte, als er bemerkte, dass Torben scheinbar auch ihn hin und wieder beobachtete. Es machte Lars ganz kribbelig, direkt neben Torben zu sitzen, dessen tiefe Blicke aufzufangen, und doch nicht weiter zu gehen... Diese Mischung aus positiver Hoffnung und zurückhaltenden Zweifeln.
 
Der Tomatencremesuppe von Lars Mutter folgte Cesarsalat, den Benjamin zubereitet hatte, dem Salat wiederum Lende in Blätterteig, für die der Vater verantwortlich zeichnete und als Abschluss gab es selbstgemachtes Mousse au Chocolat, Lars Lieblingsnachtisch.
Während er die gefüllten Sektschalen aus dem Kühlschrank holte, überlegte er, wie er das Dessert mit der Sprühsahne verzieren sollte. Dieses Mal verhallte sein Verstand nicht ungehört, als sein Gefühlsdschungel ihm doch tatsächlich ein Bild von einem Sahneherz auf Torbens Mousse suggerierte. Das war dann doch zuviel des Guten. Und so blieb es letztendlich, und nach einigen fehlgeschlagenen Versuchen Tannenbäume auf das verführerische Braun zu sprühen, bei einem einfachen Sahnetuff, garniert mit einem kleinen Pfefferminzblatt.
Wie bereits die vorangegangenen Gänge wurde auch der Nachtisch gebührend gelobt, doch am meisten freute sich Lars über Torbens leuchtende Augen. Anscheinend mochte dieser Schokolade genauso gern wie Lars selber. Abgerundet wurde das Essen noch mit Espresso ein einem Digestif, sofern man wollte.
 
Mittlerweile war es halb zehn und Oma begann müde zu werden. Man hatte vereinbart, dass sie die Nacht bei ihnen schlafen sollte, um auch den ersten Weihnachtsfeiertag mit ihnen zu feiern. Denn keiner wollte, dass sie an Weihnachten alleine zu Hause saß, bloß weil Onkel Roland und Tante Clarissa so blöd waren. Und so verabschiedete sie sich eine halbe Stunde später und ging hinauf in Lars Zimmer, das dieser ihr überlassen hatte. Lars selbst würde für diese Nacht unter das Dach ziehen, wo es so etwas wie ein halbes Gästezimmer gab. Aber eben nur ein halbes, außerdem wollten die Eltern nicht riskieren, dass Oma mit ihrem kaputten Rücken des Nachts irgendwelche Treppen hinunterpurzelte, bloß um ins Bad zu gelangen.
 
Wenig später verkrümelte sich auch Benjamin um Nina, seine Freundin, anzurufen. Torben blieb zurück und spielte mit Lars und dessen Eltern begeistert Klaurommé. Normalerweise gewann Lars bei diesem Spiel, doch an diesem Abend war er irgendwie abgelenkt, und so übersah er häufiger mal etwas. Natürlich frotzelten seine Eltern, insbesondere als sein Vater mit einer jener alles einbeziehenden Großlösungen, die sonst Lars Spezialgebiet waren, Schluss machen konnte. Doch Lars gab fröhlich Paroli, gehörten doch diese Sprüche ebenso zum Spiel, wie die Hoffnung, dass einem nicht alle Züge, die man erspäht hatte, kaputt gemacht wurden.
 
Das stellte auch Torben schnell fest, hatte bald seine anfängliche Zurückhaltung verloren und mischte munter mit. „Sag bloß, meine Anwesenheit lenkt dich so sehr ab, dass du übersehen hast, dass du den Karo-König hättest kriegen können“, zog er Lars mit funkelnden Augen auf.Doch Lars war nicht umsonst auch Sprücheklopfer Nummer 1 bei diesem Spiel und so zögerte er nicht lange, sondern schoss zurück: „Und wenn es so wäre?“ Dabei grinste er Torben auffordernd an. Oh ja, ein Aperitif, zwei Gläser Wein und ein kleiner Pflaumenbrand hatten einiges dazu beigetragen, Lars ‚aufzulockern‘. Und bei Klaurommé, seinem ureigensten Terrain, fühlte er sich eh unschlagbar.Torben lachte leise und begann die Karten neu zu mischen, da er soeben das letzte Spiel gewonnen hatte.
 
Gegen halb zwölf gesellte sich Benjamin wieder zu ihnen, jedoch nur für wenige Minuten, dann ging sein Handy und sein bester Freund war dran. Damit war Benjamin wieder in sein Zimmer verschwunden und für die nächste Zeit nicht mehr gesehen.
 
Es war kurz nach Mitternacht als Torben erschrocken auf die Uhr sah. „So spät schon? Ich sollte jetzt besser gehen, damit ich den letzten Zug noch erreiche“, sagte er mit einem leichten Bedauern in der Stimme.Überrascht blickten alle Torben an. Irgendwie schien keiner mehr daran gedacht zu haben, dass dieser ja noch nach Hause musste.
„Ähm, ich glaube daraus wird nichts mehr“, meinte Lars schließlich.Verwirrt sah Torben ihn an.
„Heute herrscht Samstagsbetrieb, soll heißen, der letzte Zug ist bereits vor einer knappen Viertelstunde gefahren.“ Er blickte Torben ein wenig zerknirscht an. Ihn mit dem Auto heimzubringen schied auch aus, denn sie hatten alle im Laufe des Abends Alkohol getrunken.

„Dann bleibst du eben heute Nacht hier“, mischte sich da schon seine Mutter ein. „In Benjamins Zimmer ist zwar kein Platz mehr, aber du könntest bei Lars unter dem Dach schlafen.“„Klar“, unterstütze dieser seine Mutter sofort. Sein Herz schlug zwar bei dem Gedanken, dass Torben nur wenige Meter von ihm entfernt schlafen würde, regelrechte Purzelbäume, aber er versuchte sich nichts anmerken zu lassen. „Ich werde einfach auf der großen Luftmatratze schlafen.“

„Nein, wenn dann werde ich auf der Luftmatratze schlafen“, widersprach Torben, dem es nun sichtlich unangenehm war, so viele Umstände zu machen.„Das könnt ihr später auch noch ausdiskutieren“, machte die Mutter dem ganzen gleich ein Ende. „Ich wäre dafür, dass wir jetzt noch mal die Kerzen am Weihnachtsbaum anzünden.“ 
Lars wurde ganz träumerisch zumute, als er kurz darauf auf dem Sofa saß und in das stille Glitzern des Baumes blickte. Am liebsten hätte er sich jetzt an Torben, der neben ihm saß, gelehnt, und er war sich fast sicher, dass dieser nichts dagegen gehabt hätte. Schließlich hatte sich Torben diesen Platz ja selbst ausgesucht. Aber er war sich eben nur fast sicher. Und dann waren sie nicht alleine im Wohnzimmer, weshalb Lars es letztendlich doch bleiben ließ, und statt dessen einfach nur vor sich hin träumte. Sogar Benjamin hatte sich inzwischen wieder zu ihnen gesellt.
 
Irgendwann waren die Kerzen hinuntergebrannt, eine nach der anderen verlosch, bis nur noch die elektrischen Triaden in Stammnähe dem Baum ein wenig Glanz verliehen. Das war das Zeichen, dass dieser Abend endgültig vorüber war, und einander Gute Nacht wünschend verschwanden alle in ihren jeweiligen Zimmern.
 
Endlich war Lars mit Torben allein. Doch auch, wenn er sich das schon den ganzen Abend über insgeheim gewünscht hatte, war er jetzt ziemlich nervös. Und so machte er das einzige, was ihm in den Sinn kam – er beschäftigte sich. Er blies die Luftmatratze auf, suchte Laken und Bettzeug heraus und verschwand schließlich ins Badezimmer.Torben hatte all dem mit einem leichten Lächeln zugesehen, und er lächelte noch immer, als Lars wieder aus dem Bad zurück kam. Unschlüssig blieb dieser stehen und sah zu Torben hinüber, der auf dem Bett saß. Sekundenlang blickten sie sich wortlos in die Augen, dann trat Torben ein paar Schritte auf Lars zu. „Danke! Das war ein wunderschönes Weihnachten, ein fast perfektes Weihnachten“, sagte er leise.

„Fast perfekt?“ fragte Lars eben so leise.Torben nickte. „Perfekt wird es erst mit einem Gute-Nacht-Kuss von dir...“ Stück für Stück überwand er die restliche Distanz zwischen ihnen und gleich darauf spürte Lars wie fremde Lippen sanft die seinen eroberten.Und wohl zum ersten Mal an diesem Abend schwiegen sowohl sein Verstand als auch sein kleines Anti-Romantik-Teufelchen, das zuvor noch solche Witze wie „Stimmt, immerhin hat der Tisch nicht den Geist aufgegeben...“ hatte reißen wollen.