Du befindest Dich hier: Geschichten > Geschichten frei bis 16 > Chaotizitaet > 12 days of Christmas

12 days of Christmas

Original  [PG] [abgeschlossen]

[shônen-ai][romance][soca-chan tauglich][chaos]
chaos = Kapitel enden nicht an logischen Stellen, sondern durchaus mitten im Satz
soca-chan tauglich = weder lime noch lemon - also alles ganz brav ^.^

(Soca-chan ist ne Freundin von mir, die sich noch bis vor kurzem um die nicht jugendfreien Teile gedrückt hat, weshalb ich ihr bei mancher Geschichte gesagt habe, ab wo jetzt Socata-Warnung ist)

Teile: Prolog + 12

Inhalt:
Eine Weihnachtsgesellschaft in Vermont, ein Anwalt aus New York, ein Café-Besitzer und das Weihnachtslied "12 days of christmas" 
Wie das alles zusammenpasst? Lest selbst ^.^ 

 


 

The twelve days of Christmas
 
On the first day of Christmas
my true love gave to me:
A partridge in a pear tree.
 
On the second day of Christmas
my true love gave to me:
Two turtle doves
And a partridge in a pear tree.
 
On the third day of Christmas
my true love gave to me:
Three French hens,
Two turtle doves
and a partridge in a pear tree.
 
On the fourth day of Christmas
my true love gave to me:
Four calling birds,
Three French hens,
Two turtle ...
 
On the fifth day of Christmas
my true love gave to me:
Five golden rings,
Four calling birds,
Three French ...
 
On the sixth day of Christmas
my true love gave to me:
Six geese a-laying,
Five golden rings,
Four calling ...
 
On the seventh day of Christmas
my true love gave to me:
Seven swans a-swimming,
Six geese a-laying,
Five golden ...
 
On the eighth day of Christmas
my true love gave to me:
Eight maids a-milking,
Seven swans a-swimming,
Six geese ...
 
On the ninth day of Christmas
my true love gave to me:
Nine drummers drumming,
Eight maids a-milking,
Seven swans ...
 
On the tenth day of Christmas
my true love gave to me:
Ten pipers piping,
Nine drummers drumming,
Eight maids ...
 
On the eleventh day of Christmas
my true love gave to me:
Eleven ladies dancing,
Ten pipers piping,
Nine drummers ...
 
On the twelfth day of Christmas
my true love gave to me:
Twelve lords a-leaping,
Eleven ladies dancing,
Ten pipers ...
 
 
Eine Weihnachtsgesellschaft in Vermont, ein Anwalt aus New York, ein Café-Besitzer und das Weihnachtslied „The twelve days of Christmas“... 
Wie das alles zusammen passt gibt es ab dem 25. Dezember auf meiner Homepage zu lesen. 


12 days of Christmas


Teil 1


„Mr. Wilder? Ihre Schwester auf Leitung zwei“, ertönte die Stimme der Sekretärin aus der Gegensprechanlage.

Nicolas sah von dem Vertragsentwurf auf, den er gerade las und seufzte. Was Marisa wohl von ihm wollte? Seinen Weihnachtswunschzettel hatte er ihr pflichtgetreu vor zwei Wochen gemailt, ihrer lag ihm bereits seit Mitte November vor. Auch hatte er ihr versprochen spätestens am 23. Dezember zu ihr und Henry nach Florida zu kommen um mit ihnen Weihnachten zu feiern. Drei Tage später würde er dann seine Schwester und seinen Schwager mit nach New York nehmen, die von dort aus zu einer Weihnachtsgesellschaft in Vermont dazustoßen wollten. Ein, in Nicolas Augen, mehr als zufriedenstellendes Arrangement, das es ihm ermöglichte rechzeitig zu einer Übernahmeverhandlung am 28. Dezember zurück zu sein, ohne seine Schwester wegen Weihnachten zu verärgern.
„Stellen Sie sie durch“, meinte Nicolas und nahm den Hörer auf. Gleich darauf ertönte die Stimme seiner Schwester an seinem Ohr.

„Hi Nick, ich bin’s, Marisa. Hör mir zu...“, und sie kam ohne große Umschweife gleich zur Sache. Alles andere wäre aber auch untypisch für sie gewesen, wie Nicolas mit einem kleinen Schmunzeln feststellte.
„Henrys Weihnachtsurlaub wurde soeben gestrichen. Neue Probleme an den Isolationskacheln.“ Henry, Marisas Ehemann, war einer der führenden Spaceshuttle-Ingenieure bei der NASA. Und da kam es schon mal vor, dass ein Urlaub kurzfristig gestrichen werden musste. Selbst an Weihnachten, auch wenn das die Familien dann besonders hart traf.

„Das tut mir leid“, sagte Nicolas jetzt. „Ich nehme an, du willst dann am 26. nicht mit mir nach New York fliegen?“

„Doch! Genau deswegen rufe ich ja an. Henry kann jetzt natürlich nicht mehr mit mir zu dieser Gesellschaft, aber ich dachte, dass du mich vielleicht begleiten würdest.“ Damit war die Katze aus dem Sack.

„Und wie stellst du dir das vor? Ich muss arbeiten. Wir haben am 28. eine wichtige Konferenz.“

„Du würdest es also tatsächlich zulassen“, schniefte Marisa durch das Telefon, „dass deine arme, kleine, schwangere Schwester alleine zu Hause versauert, während ihr Mann und ihr Bruder sich mit ihrer Arbeit vergnügen? An Weihnachten?“

Nicolas seufzte innerlich. Seit Marisa ihm vor drei Monaten freudestrahlend verkündet hatte, dass er Onkel würde, wusste er nicht, ob derlei Tränenattacken auf die Hormonschwankungen zurückzuführen oder bloß Schauspielerei waren, damit man ihr nichts abschlug. Egal wie, seine Schwester hatte damit meist Erfolg und bekam ihren Willen.
„An Weihnachten wäre ich doch bei dir“, versuchte er sie zu beschwichtigen. „Aber die Konferenz ist wirklich wichtig.“

„Und ich bin dir nicht wichtig? Bei Henry kann ich es ja noch halbwegs verstehen, dass es niemanden gibt, der für ihn einspringen kann, aber bei dir.... Was ist mit Jack Barton oder Lionel Smith? Können die das nicht übernehmen? Wozu hat man Partner???“

Blitzschnell erwog Nicolas die Alternativen. Er konnte entweder seine Schwester vor den Kopf stoßen, oder den Preis dafür zahlen, den derjenige seiner Partner forderte, der für ihn einsprang.
Als derzeit einziger Single unter den Partnern der kleinen, aber erfolgreichen Anwaltskanzlei, hatten sie abgemacht, dass Nick dieses Jahr zwischen Weihnachten und Neujahr das ‚Haus hütete‘, und dafür im Spätsommer als Ausgleich länger Urlaub machen durfte. Etwas, auf das er sich schon sehr freute, und worauf er nur ungern verzichten würde. Aber vielleicht ließ sich ja Jack Barton im Tausch gegen ein paar freie Tage zu Ostern und zu Thanksgiving im nächsten Jahr überreden.
„Also gut, ich werde sehen, was ich tun kann. Aber ich kann nichts versprechen, hörst du?“, sagte er schließlich.

„Danke! Du bist der beste Bruder, den ich habe“, verkündete Marisa mit dem Brustton der Überzeugung.

„Schwätzerin!“, gab Nicolas zurück, war er doch ihr einziger Bruder.

***

Eine halbe Stunde später hatte es seine Sekretärin geschafft, etwa die Hälfte seiner Termine auf die zweite Januar-Woche zu verschieben, und Nicolas hatte seinen Freund und Partner überredet bei den übrigen für ihn einzuspringen.

„Vier Tage an Ostern und drei zu Thanksgiving. Und eine Flasche Champagner, mit dem meine Frau und ich an Silvester anstoßen können“, rief Jack Nicolas hinterher.

„Sollst du kriegen“, erwiderte Nicolas lachend, und begab sich dann schleunigst in sein Büro. Nicht, dass Jack noch mehr Forderungen einfielen – etwa Fahrräder für die noch nicht geborenen, geschweige denn geplanten Kinder.

Wieder an seinem Schreibtisch sitzend rief er zuerst Marisa an, um ihr mitzuteilen, dass alles klar ging, und dann Michael, um ihm für Silvester abzusagen. Michael war Nicolas Ex-Freund, und wenn er ehrlich zu sich war, dann tat es ihm nicht wirklich leid die Dinnerverabredung abzusagen.
Sie hatten sich vor gut einem dreiviertel Jahr getrennt, und als Michael letzte Woche angerufen hatte, hatte er die Einladung wohl nur um der alten Zeiten willen angenommen. Und um am letzten Abend des Jahres nicht allein sein zu müssen. Zwar war Nicolas klar, dass sich Michael weit mehr von diesem Treffen versprach, aber es gab da etwas, dass Nicolas davon abhielt sich je wieder auf Mike einzulassen, und das war dessen irrationale Eifersucht. Die ganze Zeit, während sie zusammengewesen waren, hatte Michael ihm abwechselnd unterstellt etwas mit Jack oder Lionel zu haben. Und auch jetzt, als Nicolas ihm absagte, vermutete Michael sofort einen anderen Kerl dahinter.

„Es ist meine Schwester, Herrgott noch mal! Aber wenn es dich glücklich macht, dann glaub doch was du willst!“ Mit diesen Worten unterbrach Nicolas die Leitung und gab seiner Sekretärin die strikte Anweisung Michael abzuwimmeln, sollte dieser in der Kanzlei anrufen.

~*~*~*~

„Ich weiß nicht...“ Unschlüssig sah Kyle an dem großen Weihnachtsbaum vorbei hinaus auf die festlich geschmückte Mainstreet.
Bis zu den Festtagen waren es nunmehr nur noch zehn Tage und ganz Middlebury erstrahlte in jenem heimeligen, zauberhaften Weihnachtsglanz, den Kyle so sehr liebte. In seinen Augen konnte noch nicht einmal der traurige Anblick des zu grauen Matsch zerfahrenen Schnees dieses Bild trüben. Für ihn hatte diese kleine, für Vermonter Verhältnisse schon eher große, Stadt ihren ganz eigenen Charme. Den hatte sie eigentlich das ganze Jahr über, aber jetzt, in der Adventszeit, verstand er einmal mehr, warum es seine Großmutter hierher gezogen hatte. Auch er bereute es keine Sekunde seinen Job bei einer angesehen Wirtschaftsberaterfirma aufgegeben zu haben um das Café seiner Oma zu übernehmen.

„Ach Kyle! Warum solltest du die Einladung denn nicht annehmen?“, fragte Cate und schenkte sich noch einmal Tee nach. Wie immer, wenn ihr Mann sich früh aus dem Büro losmachen konnte um etwas Zeit mit seiner kleinen Tochter zu verbringen, hatte Cate die kleine Kundenflaute in Kyles Café am späten Nachmittag genutzt um auf einen Tee und einen Plausch vorbei zu schauen.

„Warum? Weil das nicht meine Welt ist. Du weißt genau, dass Mrs. Simmons Jerry und mich nur wegen des Weihnachtsbasars eingeladen hat.“

„Na und?“ Cate schüttelte den Kopf. Manchmal konnte der junge Mann, den sie nun seit fast zwei Jahren ihren besten Freund nannte, ziemlich schwierig sein. Natürlich stimmte es, dass Gladyss Simmons, die Frau des Dekans des Middlebury-Colleges, Kyle und Jerry nur zu ihrer berühmten Weihnachts-Hausparty am Lake Champlain eingeladen hatte, weil die beiden den alljährlichen Weihnachtsbasar buchstäblich vor dem Untergang gerettet hatten.
In dem Gemeindezentrum, wo der Adventsmarkt sonst immer stattfand, hatte es...






Teil 2


... einen Wasserrohrbruch gegeben, und so kurzfristig hatte man keine Ausweichlokalität bekommen können. Als Kyle davon gehört hatte, hatte er mit Jerry, dem der Blumenladen neben dem Café gehörte, geredet, und beide waren spontan in die Bresche gesprungen. Es war zwar ein wenig beengt gewesen, aber dennoch war der Basar ein voller Erfolg geworden.
Für Kyle war es eine Selbstverständlichkeit gewesen, denn er liebte Weihnachten, und der Adventsmarkt gehörte für ihn dazu. Dennoch hatte Mrs. Simmons darauf bestanden sich mit der Einladung bei ihnen zu bedanken.

„Cate! Dort wird es nur so von Hochfinanz, renommierten Professoren und sonstigen ach so wichtigen Leuten wimmeln. Nein danke!“

Die junge Frau seufzte. Wie konnte man nur so störrisch sein? „Ach komm schon. Hier wird alles tot sein. Die ganzen Kids fahren doch eh nach Hause zu ihren Familien, so dass es sich nicht mal lohnt das Café aufzumachen. Das hast du neulich erst selbst gesagt. Und dann, was würdest du hier schon groß verpassen?“

„Deinen tollen Truthahn?“ Kyle warf ihr ein gewinnendes Lächeln zu, doch das zog schon lange nicht mehr bei Cate.

„Ich werde dir etwas aufheben und einfrieren“, kam es knapp als Antwort. „Und wer weiß“, ein übermütiges Funkeln schlich sich in Cates Augen, „vielleicht lernst du dort ja jemand nettes kennen...“

„Wer’s glaubt wird selig“, spottete Kyle.

Cate seufzte abermals. Zu gerne hätte sie ihren Freund glücklich gesehen. Gerade jetzt, zur Weihnachtszeit.
Denn auch wenn Kyle es nicht zugab, schmerzte es ihn doch, dass seine Familie buchstäblich in alle Welt verstreut war, und somit niemand da war um mit ihm Weihnachten zu feiern. Eine Beziehung hätte ihn vielleicht darüber hinweg trösten können, dass seine Eltern zum Fest der Liebe auf einer Karibikkreuzfahrt waren, sein Bruder Steve bis auf weiteres im Dienste der Nation in Hongkong weilte und seine Schwester Jessica in irgendeinem Dschungeldorf in Südamerika steckte. Aber Kyle hatte sich strikte Regeln gegeben, was seine möglichen Partner betraf. Und die wichtigste war, nichts mit den Studenten vom College anzufangen. Allerdings schränkte das in einer Stadt von der Größe Middleburys die Auswahl erheblich ein. Insbesondere, wenn man, wie Kyle, schwul war.

In diesem Moment schlug die große, antike Standuhr sechs Uhr. Erschrocken sah Cate auf. „So spät schon? Ich sollte mich dringend auf den Heimweg machen. Nicht dass Phil und Lucy noch auf die Idee kommen Mommy mit einem selbstgekochten Abendessen zu überraschen. Denn dann brauche ich hinterher garantiert wieder drei Tage, um die Küche sauber zu bekommen.“ Sie rollte gespielt die Augen. In Wirklichkeit aber liebte sie ihren Mann und ihre kleine Tochter viel zu sehr um ihnen je ernsthaft böse zu sein.
„Und was dich betrifft, Kyle Hamilton, so wirst du zu dieser Hausparty gehen. Keine Widerrede! Und wenn es wirklich so schlimm wird, kannst du dich hinterher immer noch bei mir beklagen.“

„Aye, aye, Ma’am! Aber mit dem beklagen nehm ich dich beim Wort“, sagte Kyle mit einem leichten Lachen in der Stimme.

~*~*~*~

„Marisa, Liebes, gut schaust du aus!“ Mrs. Simmons umarmte die werdende Mutter herzlich und küsste sie auf die Wange.

Nicolas, der hinter seiner Schwester das Haus betreten hatte, fragte sich still, wie viel von dieser Begrüßung wahren Gefühlen entsprang. Doch im gleichen Moment dachte er reumütig daran, wie gespielt die meisten seiner Begrüßungen waren, wenn er bei offiziellen gesellschaftlichen Anlässen Klienten oder deren Gattinnen gegenüberstand. Er hatte also nicht das geringste Recht über Gladyss Simmons zu urteilen.

„Und dein Mann erst...“, fuhr ihre Gastgeberin da fort. „Sie sind also Henry.“

„Nicht ganz“, räusperte sich Nicolas. Offenbar hatte Marisa entweder vergessen oder es für nicht notwendig befunden Mrs. Simmons mitzuteilen, dass der Urlaub ihres Gatten gestrichen worden war.

„Gladyss, das ist mein Bruder, Nicolas. Henry musste leider in Florida bleiben.“

„Aha“, war der wenig originelle Kommentar, doch rasch hatte Mrs. Simmons sich wieder gefasst. „Nun, freut mich, dass wir uns so unverhofft kennen lernen. Marisa hat mir nie verraten, dass sie einen so gutaussehenden Bruder hat.“ Ein Lächeln auf den Lippen, glitt ihr Blick bewundernd über Nicolas hochgewachsene Gestalt.
Angefangen von dem dunkelblonden Haar, über die stahlblauen Augen und markanten Gesichtszüge bis hin zu den breiten Schultern und sehnigen, starken Händen. An diesem Punkt angelangt, hielten die beiden großen Reisetaschen, die Nicolas trug, sie davon ab, die Augen auch noch über die Beine des Mannes vor ihr wandern zu lassen.
Ein Anflug von Verlegenheit machte sich auf ihrem Gesicht bemerkbar, als sie erkannte, dass Nicolas die Musterung nicht entgangen war. Doch schnell hatte sie die Verlegenheit kaschiert. „Nun ja, eigentlich hatte ich ja ein gemeinsames Schlafzimmer für Henry und Marisa vorgesehen, aber unter diesen Umständen.... Irgendwie werde ich das schon arrangiert kriegen.“

„Machen Sie sich bitte keine Mühen, Mrs. Simmons“, unterbrach Nicolas. „Marisa und ich können uns das Zimmer wie geplant teilen, das macht uns nichts aus.“

Marisa nickte. „Nick hat recht, Gladyss, es macht uns absolut nichts aus.“

Ihre Gastgeberin sah ehrlich erleichtert aus. „Danke. Das Haus ist nämlich fast vollständig belegt. Tatsächlich ist nur noch ein anderes Bett frei, und auch in diesem Fall hätte das Zimmer mit jemandem geteilt werden müssen.
Aber da fällt mir etwas ein. Vielleicht könntet ihr mit dem betreffenden jungen Mann ein Team bilden. Doch davon später. Jetzt will ich euch erst mal euer Zimmer zeigen.“

***

Eine Viertelstunde später fragte sich Nicolas, worauf er sich da bloß eingelassen hatte. Denn um der ganzen Veranstaltung ein Motto zu geben, hatte Mrs. Simmons sich ein Weihnachtsspiel ausgedacht, bei dem es darum ging möglichst kreativ und interessant das Weihnachtslied „The twelve days of christmas“ umzusetzen.
Hierfür konnten die Gäste auf alles zurückgreifen, was sich im Haus selbst, im weitläufigen Garten und in einem Umkreis von 700 Metern um das Anwesen befand. Um nun aber zu verhindern, dass das ganze Gelände geplündert, umgegraben und umgeräumt wurde, hatte jedes Team einen Spielzettel mit zwölf Abschnitten bekommen, wo die jeweilige Umsetzung möglichst präzise eingetragen werden sollte. Dabei war es den Teams freigestellt, jeden Abschnitt einzeln, oder den gesamten Zettel auf einmal in die große antike Vase in der Halle, die als Spielurne dienen sollte, zu werfen. Am Morgen des Dreikönigstags würde das Gastgeberpaar dann als Jury die Ideen auswerten und den Sieger bekannt geben. Als Preis war eine Woche in der kanadischen Jagdhütte der Simmons ausgesetzt.

Zuerst hatte Nicolas noch gehofft, dass Marisa sich seiner Meinung anschließen würde, dass das ganze einfach nur kindisch war. Genauer gesagt zu kindisch um daran teilzunehmen. Doch zu seinem Entsetzen, war seine Schwester von der Idee hellauf begeistert gewesen. Und Nicolas blieb nichts anderes übrig als sich in sein Schicksal zu ergeben. Blieb also zu hoffen, dass ihr drittes Teammitglied ein paar gute Vorschläge beizusteuern wusste, denn er selbst hatte nicht die geringste Idee.

Und eben dieses dritte Teammitglied suchte er jetzt. Mrs. Simmons hatte die Vermutung geäußert, dass der junge Mann sich in der Bibliothek aufhielte, als Nicolas sie danach gefragt hatte.
„Sie müssen wissen“, hatte Gladyss Simmons erklärt, „eigentlich hatte ich in diesem Jahr nur Paare eingeladen, beziehungsweise erwartet. Und selbstverständlich war ich davon ausgegangen, dass diese dann auch die...



Teil 3


...Spielteams bilden würden. Aber zu meiner Überraschung ist Kyle Hamilton gestern Abend alleine angekommen. Doch nun, da ihr beide als Bruder und Schwester ebenfalls kein Paar im üblichen Sinn seid, fügt sich doch noch alles zur Zufriedenheit.“

Vor der Tür zur Bibliothek hielt Nicolas kurz inne, dann klopfte er, obgleich die Bibliothek zu den allgemein zugänglichen Räumen zählte, der Höflichkeit halber an.
Von drinnen erklang ein „Herein“ und Nick trat ein. Er fand sich in einem gemütlichen Raum mit dunklem Parkett wieder. Vor dem großen Fenster stand ein wuchtiger Schreibtisch und die Wände waren mit wohlgefüllten Bücherregalen gesäumt. Lediglich rechts und links des Kamins, vor dem zwei gemütliche Lehnsessel mit Beistelltischchen standen, hatte man einen gewissen Sicherheitsabstand gewahrt. Und in einem der dunkelgrün gepolsterten Sessel saß Kyle Hamiltion.
Jedenfalls schloss Nicolas, dass der schlanke junge Mann mit dem kastanienbraunen Kurzhaarschnitt und den grünen Augen, die ihn fragend anblicken, Kyle Hamilton war. War die Bibliothek doch sonst menschenleer. „Kyle Hamilton?“, vergewisserte sich Nicolas dennoch.

„Ja, der bin ich“, nickte der junge Mann.

~*~*~*~

Gleich nach dem Mittagessen hatte sich Kyle wieder in die Bibliothek zurückgezogen.
Ganz wie er befürchtet hatte, fühlte er sich bei dieser Veranstaltung vollkommen fehl am Platz.

Angefangen bei dem stolzen Anwesen der Simmons, das dem klassizistischen Stil der englischen Herrenhäuser nachempfunden war. Dennoch war es keine hundert Jahre alt.
Es sei ihr Großvater gewesen, der, nachdem er in Boston und Washington zu viel Geld gekommen war, sich hier am See seinen bescheidenen Altersruhesitz gebaut hatte. Das zumindest hatte ihm Gladyss Simmons gestern beim Abendessen erzählt. Wobei von bescheiden nun wirklich nicht die Rede sein konnte, so protzig, wie das Haus beizeiten wirkte.
Es war auch nicht so sehr das Haus selbst, dass Kyle aufstieß, sondern die affektierte Art, mit der Mrs. Simmons den Reichtum ihrer Vorfahren herunterspielte.

Was die übrigen Gäste betraf, nun, so entsprachen sie genau Kyles Erwartungen. Alles Leute die sich ihrer eigenen, tatsächlichen oder eingebildeten, Wichtigkeit bewusst waren und das ganze entsprechend zur Schau stellten. Eindeutig nicht seine Welt.
Während seiner Zeit in Chicago bei der Beraterfirma hatte er ausreichend Gelegenheit gehabt in diese Welt hinein zu schnuppern, und schon damals hatte sich alles in ihm gegen das aufgesetzte und falsche Getue gesträubt.

Und in dieser illustren Gesellschaft sollte er jemand ‚nettes‘, wie Cate gesagt hatte, kennenlernen? Bislang war die einzige Person, der er dieses Adjektiv zugestand Randolph Simmons, der Dekan selbst.
Dieser war ein ruhiger Mann Ende Fünfzig mit den würdevollen grauen Schläfen, die anscheinend sowohl zum Alter als auch zum Beruf gehörten. Doch zu Mr. Simmons passten sie, im Gegensatz zu so manch einem anderen Hausgast, der diese Würde nur einem fähigen Friseur verdankte. Außerdem war der Dekan in Kyles Augen der einzige Mensch in dieser Gesellschaft, mit dem sich ein Gespräch wirklich lohnte, war dieser doch sehr belesen und verstand es seinem Gegenüber einen Standpunkt so zu vermitteln, dass man wohl den Wahrheitsgehalt anerkennen konnte, aber nicht vor einer Erwiderung zurückschrecken musste. Darüber hinaus verfügte Mr. Simmons über ein gutes Gespür für seine Mitmenschen, weshalb er sofort erkannt hatte, wie wenig wohl sich Kyle in der aufgedrehten, flatterhaften Gesellschaft der übrigen Gäste fühlte. Leider nahmen die Pflichten als Gastgeber ihn ziemlich in Anspruch, so dass er gezwungen war, Kyle sich selbst zu überlassen, auch wenn er sich lieber mit dem jungen Mann angeregt unterhalten hätte, anstatt die Gäste seiner Frau zu unterhalten. Das einzige, was er für Kyle tun konnte, war ihm seine Bibliothek, die ihm zugleich als Arbeitszimmer diente, als Rückzugsgebiet anzubieten. Denn er wusste, dass dies wohl der letzte Raum war, den die übrigen Gäste zu ihrer Zerstreuung aufsuchen würden.

Nur zu gern war Kyle auf diesen Vorschlag eingegangen und hatte sich gleich nach dem Frühstück auf die Suche nach der Bibliothek gemacht. Auf Anhieb hatte er Gefallen an dem friedlichen Raum gefunden, der in seinen Augen wie geschaffen war, um sich in alle möglichen fremden Welten, Zeiten und Abenteuer zu stürzen, die die Bücher in den Regalen für die Neugierigen bereithielten. Ein Kreis, zu dem sich auch Kyle zählte. Denn durch den ständigen Kontakt mit den Studenten des Colleges und ihren verschiedensten Studienschwerpunkten und Hobbys, hatte er Einblick in sehr vieles bekommen, das sein Interesse erweckte.

Während er die Regalwände langsam abgeschritten war, hatte er schon bald eine Vielzahl Bücher gefunden, die er gerne lesen würde. Aufs Geratewohl zog er einen Band über das Leben Napoleons heraus und setzte sich auf einen der Sessel.
Binnen Kürze war er mitten in Wirren der ersten Französischen Republik, an dessen Ende Napoleon Bonaparte als dessen Herrscher dastand. Mit Bedauern hatte er die fesselnde Lektüre unterbrochen, als der große Gong das Mittagessen ankündigte. Doch auch wenn Kyle wenig Lust verspürte, sich zu den übrigen Gästen zu gesellen, ließ seine höfliche Erziehung es nicht zu, der Mahlzeit einfach fern zu bleiben.
Sobald aber Mrs. Simmons die Tafel aufgehoben hatte, hatte er sich wieder in die Bibliothek zurückgezogen und erneut in das wechselvolle Leben des kleinen, großen Korsen gestürzt. Er hatte sich auch einen Atlas zur Hilfe geholt um die verschiedenen Feldzüge nachvollziehen zu können, bei denen sich die Franzosen siegreich hervorgetan hatten.

Gerade waren die Truppen dabei den Rhein zu überschreiten, als es an der Tür zur Bibliothek klopfte. Abrupt fand Kyle sich in die Gegenwart zurückkatapultiert.
Auf sein „Herein“ hin betrat ein Mann das Zimmer, den er bislang noch nicht bei der Gesellschaft gesehen hatte. Nicht, weil er ihm zuvor nicht aufgefallen war, das konnte Kyle mit Sicherheit ausschließen. Dazu sah dieser Mann einfach zu attraktiv aus. Folglich musste er innerhalb der letzten Stunden neu angekommen sein. Und doch wusste dieser Fremde, der so anders als die anderen Gäste wirkte, seinen Namen.

***

„Sehr schön“, sagte Nicolas und ging auf den jungen Mann zu. „Ich bin Nicolas Wilder“, stellte er sich vor, „und wie mir scheint, sitzen wir im selben Boot.“ Er nahm in dem zweiten Lehnsessel platz.

Irritiert blickte Kyle Nicolas an. „Wie meinen Sie das?“

„Es geht um dieses Weihnachtsspiel. Sie wissen schon, „The twelve days of Christmas“.“

„Und?“ Noch immer hatte Kyle keine Ahnung, worauf sein Gegenüber hinauswollte.

„Nun ja, Mrs. Simmons erzählte uns, dass Sie noch keinen Mitspieler haben, und da kam sie auf die Idee, dass Sie mit uns ein Team bilden könnten.“ Nicolas merkte selbst, dass das nicht gerade die eloquenteste Erklärung war, die er da abgab, aber zu der Abneigung, die er dem Spiel entgegenbrachte, kam auch noch eine ungewohnte Verwirrung in seinem Inneren, welche die seegrünen Augen des jungen Mannes in ihm auslösten. Es waren die faszinierendsten grünen Augen, die Nick je gesehen hatte. Und es war durchaus nicht unangenehm, diese ausdrucksstarken Augen forschend auf sich zu wissen. In diesem Moment wurden seine Gedanken von einer Bewegung des jungen Mannes unterbrochen.

Den Atlas auf den Beistelltisch legend, griff Kyle nach dem Geschichtsbuch. „Danke, aber das ist nicht nötig. Ich möchte mich niemandem aufdrängen“, sagte er entschieden und klappte das Buch an der Stelle auf, wo er vorhin gestoppt hatte.

„Aufdrängen? Nein, nein“, erwiderte Nicolas überrascht. „Wenn wäre es wohl eher ich, der sich Ihnen aufdrängt. Denn um ehrlich zu sein, ich habe überhaupt keine Idee für dieses Spiel. Was mir meine Schwester allerdings nicht...


Teil 4


...glauben wird... vielmehr wird sie mir unterstellen, sie bei dieser Sache mit Absicht zu sabotieren.“

„Ihre Schwester?“, unterbrach Kyle Nicolas.

„Ja, Marisa ist meine Schwester. Wieso? Haben Sie jetzt gedacht...?“

„Natürlich. Schließlich sind sonst nur Paare hier. Woher sollte ich da wissen, dass Sie eine Ausnahme bilden?“

Das leuchtete ein. Doch rasch hatte Nicolas Kyle von dem Urlaubsdesaster seines Schwager erzählt.
nbsp;
„Also gut, wenn das so ist, dann bilde ich sehr gerne mit Ihnen ein Team“, willigte Kyle lächelnd ein.

„Dann sollten wir uns aber auch beim Vornamen nennen“, schlug Nicolas vor, und als Kyle daraufhin nickte und ihm die Hand reichte, spürte er, wie das Gefühl der Verwirrung in seiner Magengegend einem angenehmen, warmen Kribbeln wich.

***

Beim Abendessen lernte Kyle Marisa kennen, und fand fast alles, was Nicolas ihm in der Zwischenzeit in der Bibliothek über sie erzählt hatte, bestätigt.
Denn anstatt, nachdem die Teamfrage geklärt war, wieder zu seiner Schwester oder den anderen Partygästen zu gehen, war Nicolas in der Bibliothek geblieben. Nicht, dass Kyle etwas dagegen gehabt hätte, fühlte er sich doch in der Gegenwart des anderen sehr wohl. Um ehrlich zu sein, hatte er sich schon lange nicht mehr bei einem Gespräch so wohl gefühlt. Außer bei Cate, aber das war etwas anderes, denn sie war immerhin seine beste Freundin, und vielleicht bei Randolph Simmons, dem Dekan und Gastgeber. Aber nicht bei einem mehr oder weniger fremden Mann, den er mehr als anziehend fand. Denn dass er Nicolas Wilder attraktiv fand konnte Kyle nicht leugnen. Aber, so warnte er sich selbst, auch wenn Nick mit seiner Schwester hier war, hieß das noch lange nicht, dass dieser seine Neigung teilte, oder sich gar für ihn interessierte. Auch wenn dieser winzige Funke Hoffnung, der dennoch beharrlich in ihm glomm, einen so schön von innen wärmte.

„Kyle, woran denken Sie gerade?“, unterbrach da Marisa seine Gedankengänge.

„Ähm, an nichts bestimmtes... Ich habe nur überlegt, wie man wohl das Rebhuhn im Birnbaum am besten umsetzen kann“, improvisierte Kyle rasch und zwang sich seine Gedanken tatsächlich auf das Weihnachtsspiel zu konzentrieren. „Und ich glaube, ich habe auch schon eine Idee. Mir ist nämlich eingefallen, dass...“

„Halt! Wenn wir gewinnen wollen, dann sollten wir vielleicht nicht unbedingt beim Abendessen unsere Ideen hinausposaunen“, erklärte Marisa entschieden.

Kyle nickte.

„Wie wäre es, wenn wir uns nach dem Essen in der Bibliothek treffen“, mischte sich da Nicolas ein. Ihm war klar, dass Marisa, trotz der Zurückhaltung, die sie jetzt aus strategischen Gründen an den Tag legte, darauf brannte Kyles Idee zu hören.

***

Eine halbe Stunde später saßen Kyle und Marisa in den bequemen Lehnsesseln in der Bibliothek, während Nicolas sich den Schreibtischstuhl herangezogen hatten. Im Kamin brannte leise knackend ein gemütliches Feuer, und draußen hatte es tatsächlich begonnen sacht zu schneien.

„Also, Kyle, was haben Sie für eine Idee?“, fragte Marisa und auch Nicolas beobachtete den jungen Mann aufmerksam.

Kyle räusperte sich ein wenig nervös, doch dann begann er seinen Einfall zu erläutern. „Ihr wisst vielleicht, dass dieses Weihnachtslied nicht bloß eine Aneinanderreihung absurder Geschenke ist, sondern jede Strophe eine ganz bestimmte Bedeutung hat.“

Überrascht sahen die Geschwister Kyle an. „Eine Bedeutung?“

„Ja, einen historischen Hintergrund. In England war der katholische Glaube lange Zeit verboten, und diesem anzugehören war strafbar. Natürlich gab es trotzdem Katholiken in diesem Land, aber sie konnten ihren Glauben nur im Geheimen ausüben und an ihre Kinder weitergeben. Es war in dieser Zeit, dass das Weihnachtslied „The twelve days of Christmas“ entstand. Denn jede der Strophen steht für ein anderes wichtiges Element des katholischen Glaubens.“

Es war gleich in seinem ersten Jahr in Middlebury gewesen, dass Kyle diese interessante Geschichte gehört hatte.
Er war gerade damit fertig geworden den großen Weihnachtsbaum in seinem Café zu schmücken, als eine Gruppe Studenten auf dem Weg vom College zum Wohnheim bei ihm einkehrten. Sie hatten an diesem Nachmittag ein Seminar über die Symbole und Bedeutungen in der Religion gehabt, und als sie die festliche und liebevolle Weihnachtsdekoration sahen, hatten sie ihm spontan von der Vorlesung erzählt. Offenbar hatte der Theologieprofessor eine ähnliche Vorliebe für Weihnachten wie Kyle, denn jedes Jahr im Advent nahm er mit seinen Studenten etwas besonderes aus der Weihnachtssymbologie durch.

„Und für was steht das Rebhuhn im Birnbaum?“ Marisa war Feuer und Flamme von dieser Idee, denn sie hatte sofort erkannt, dass wohl kaum ein anderes Team darauf kommen würde.

Nicolas konnte es sich nicht verkneifen, Kyle verschwörerisch zuzuzwinkern. Das lief besser als er es sich erhofft hatte. Denn er wusste, dass eine Grundidee zu finden, das schwierigste bei einer solchen Sache war. Insbesondere eine Grundidee, die auch seiner Schwester gefiel. Und als Kyle ihm auch noch ein herzliches Lächeln schenkte, bereute er es nicht mehr wirklich, dem Drängen seiner Schwester nachgegeben zu haben.

„Das Rebhuhn steht für Jesus Christus und der Baum symbolisiert das Kreuz. Denn wie ein Rebhuhn, dass bereit ist sich bei Gefahr für ihre Jungen zu opfern, starb Jesus für die Vergebung der Sünden der Menschen. Und wie ein Rebhuhn im Birnbaum wacht auch Christus vom Kreuz herab über uns.“

„Und wie stellst du dir die Umsetzung vor?“ fragte Nicolas, den inzwischen ebenfalls die Neugierde gepackt hatte. Dass er dabei unwillkürlich zum ‚Du‘ übergegangen war, war ihm gar nicht aufgefallen.

„Nun, wir könnten natürlich schauen, ob es hier im Haus irgendwo ein Kruzifix gibt. Aber wir könnten auch Marisas Kind angeben. Denn schließlich feiern wir Weihnachten, also die Geburt Christi und nicht Ostern und seinen Tod. Und das ungeborene Kind symbolisiert dann eben das Christkind. Ich glaube kaum, dass die Jury es uns übel nimmt, wenn wir das ganze etwas großzügiger interpretieren.“

Marisa jubelte und strahlte über das ganze Gesicht. „Eine brillante Idee!“, rief sie überschwänglich. „Kyle, sie sind ein wahrer Schatz!“ Und sie war aus ihrem Sessel aufgesprungen und hatte den verdutzten jungen Mann vor Freude umarmt. Als sie aber gleich darauf herzhaft gähnen musste, löste sich die Spannung in Kyle und er konnte sich ein leises Auflachen nicht verkneifen.

Auch Nicolas schmunzelte. „Ich glaube, Marisa, es ist besser, wenn wir jetzt ins Bett gehen. Schließlich war es ein sehr langer Tag.“ Was durchaus der Wahrheit entsprach, waren sie doch noch vor dem Morgengrauen in Florida aufgebrochen. Und so verabschiedeten sich die beiden Geschwister von Kyle und wünschten ihm eine gute Nacht.

~*~*~*~

Als Kyle am nächsten Morgen den Frühstücksraum betrat, war er fest davon überzeugt, der erste zu sein, den es schon aus dem Federn getrieben hatte, so früh war es. Doch zu seiner Überraschung saß bereits jemand am Tisch und trank eine Tasse duftenden Kaffee - Nicolas.
„Scheint genießbar zu sein“, sagte Kyle und zwinkerte Nicolas zu. Seit er das Café seiner Oma übernommen hatte, hatten sich seine Geschmacksnerven in Bezug auf Kaffee dramatisch weiterentwickelt, so dass er längst nicht mehr jedem heißen, dunkelbraunen Gebräu diesen Namen zu erkannte. Doch der Kaffee, der in Hause Simmons serviert wurde war wirklich gut, wie Kyle bereits vom Vortag her wusste. Sich selbst zu einer Tasse des heißen Getränks verhelfend, setzte er sich ebenfalls an den Tisch.

Eine Weile schwiegen sie beide, dann begannen sie im gleichen Moment zu reden. „Ich denke, wir haben gute Chancen, dass der Schnee liegen bleibt.“ „Warum bist...






Teil 5


... du eigentlich allein hier, ohne Partnerin?“

Sie sahen sich verdutzt an, dann grinsten sie beide. Es war keines dieser Verlegenheitsgrinsen, sondern eines, dass von unausgesprochenem gegenseitigem Verständnis herrührte. Dennoch war sich Kyle nicht ganz sicher, was er auf Nicolas Frage antworten sollte, und so nahm er erst einen weiteren Schluck Kaffee.

Schließlich sagte er achselzuckend: „Weil ich derzeit solo bin?“ Und wenn ich in einer Beziehung steckte, dann würde ich die Feiertage gewiss nicht mit diesem aufgedrehten Haufen verbringen, sondern das vielmehr als guten Grund ansehen um abzusagen, fügte er in Gedanken hinzu. Auch wenn die Idee die ach so vornehme Hausgesellschaft mit einem festen Freund zu überraschen durchaus etwas für sich hatte. Kyle biss sich grinsend auf die Unterlippe um bei dem letzten Gedanken nicht doch noch laut rauszulachen.

Fragend sah Nicolas den jungen Mann an, doch dieser schüttelte nur den Kopf, ehe er seinerseits fragte: „Und was ist mit deiner Freundin? Hat sie keine Einwände erhoben, dass du mit deiner Schwester hier bist? Oder hast du sie kurzerhand bei deinem Schwager einquartiert?“

„Ebenfalls solo“, quittierte Nicolas gelassen. „Auch wenn eine Beziehung meine Schwester wohl kaum daran gehindert hätte mich dennoch hierher zu schleifen.“

Er wollte sich gerade wieder seinem Frühstück zuwenden, als von der Tür her eine Stimme sagte: „Ah ja? Gut zu wissen, wie du über mich denkst.“ Und gespielt beleidigt gesellte sich Marisa zu den beiden Männern.

In Kyle tobten die widersprüchlichsten Gefühle. Längst konnte er es nicht mehr leugnen, er fühlte sich zu Nicolas hingezogen, so kurz sie sich auch erst kennen mochten. Und alles deutete darauf hin, dass der andere sich in seiner Gegenwart ebenfalls wohl fühlte. Aber das war auch schon alles. Nichts, dass der Hoffnung in Kyle echte Nahrung gegeben hätte. Auch den Köder mit der Frage nach einer Freundin hatte Nicolas nicht geschluckt. Allerdings war er ja selbst auch mehr als ausweichend gewesen, was sein privates Liebes- und Beziehungsleben betraf.
Doch gerade als er sich eingestehen wollte, dass selbst wenn Nicolas seine sexuelle Orientierung teilte, sie wohl nur ein paar nette Feiertage verbringen würden, ohne dass daraus etwas werden würde, bekam seine Gefühlswelt unverhofft Unterstützung.

„Als ob ich mich dir jemals aufgedrängt hätte, wenn du gerade in einer Beziehung stecktest. Aber wie du mir mehrfach äußerst glaubwürdig am Telefon versichert hast, gab es seit Michael noch nicht einmal einen halbwegs ernsthaften Flirt.“, erklärte Marisa entschieden und schenkte sich ein Glas Orangensaft ein.

Kyle hatte Mühe, sich nicht an seinem Toast zu verschlucken, so überrascht war er.
Leider bekam Nicolas das mit, der daraufhin seiner Schwester einen finsteren Blick zuwarf, es aber vorzog zu schweigen. Und da er nichts sagte, zuckte diese nur mit den Schultern und machte sich daran sich selbst ein leckeres Frühstück zusammen zu stellen.

Es dauerte eine ganze Weile, bis Nicolas sein inneres Gleichgewicht wiedergewonnen hatte.
Sicher, er kannte die Direktheit seiner Schwester, aber dass sie gerade gegenüber Kyle, einen Mann, der ihn mehr und mehr anzog, damit herausplatzte, dass er gleichgeschlechtlich orientiert war, wo er doch selbst noch am vorsichtigen Abtasten war, wie das Objekt seines Interesses dazu stand, passte ihm gar nicht. Was wenn er die Zeichen falsch interpretiert hatte, und Kyle nun wieder auf Distanz ging, weil er befürchtete Nicolas würde sein freundliches Verhalten als ungewollte Aufforderung auslegen? Gewiss, Nick neigte beizeiten dazu derartige Überlegungen in seiner Gedankenwelt zu übertreiben, aber er wusste auch, wie spießig die Ansichten seiner Mitmenschen in Bezug auf homosexuelle Liebe waren. Und so würde er es Kyle auch nicht verübeln können, wenn dieser sich zurückzog und gar wieder zu dem höflichen doch unpersönlichen Sie zurückkehrte.

Aber Kyle tat nichts dergleichen, sondern unterhielt sich stattdessen mit Marisa wieder über das Spiel, als Nicolas es endlich schaffte sich wieder von seinen wenig aufmunternden Gedanken zu lösen. Gerade hörte er noch, wie der junge Mann seiner Schwester die Bedeutungen der nächsten beiden Strophen erklärte.

„Die beiden Turteltauben stehen für das alte und neue Testament. Und die drei französischen Hühner sind die drei mächtigsten und ewig währenden Gaben des Heiligen Geists – Glaube, Liebe und Hoffnung.“

„Also könnten wir doch für die zweite Strophe einfach eine Bibel nehmen“, schlug Marisa vor. „In der Bibliothek findet sich bestimmt eine Heilige Schrift.“

„Könnten wir, und ich bin sicher, dass wir in der Bibliothek fündig würden“, gab Kyle zu. „Aber ich glaube wir finden noch etwas besseres. Bei der ersten Strophe haben wir die Bedeutung ja auch etwas freier interpretiert. Daher fände ich es interessanter, wenn wir versuchten, zu allen Strophen eine übertragene Auslegung zu finden. Wenn uns gar nichts einfällt, können wir ja immer noch die genaue Bedeutung nehmen.“

Marisa nickte und machte ein nachdenkliches Gesicht, während sie überlegte, als was man das neue und das alte Testament uminterpretieren könnte.

Da mischte sich Nicolas in das Gespräch ein, der sich mittlerweile dazu durchgerungen hatte gute Miene zum nicht ganz so freundlichen Spiel – denn böse hatte Marisa ihre unbedachten Worte gewiss nicht gemeint, und er war ja auch froh darüber, dass sie keinerlei Probleme mit seiner Homosexualität hatte – zu machen. „Es gibt zwei Möglichkeiten wie wir die Bedeutung interpretieren können. Entweder konzentrieren wir uns auf das ‚Testament‘, also eine Hinterlassenschaft von Gesetzestexten und Geschichtsaufzeichnungen, oder wir legen unser Augenmerk auf den Unterschied zwischen alt und neu.“
Als Anwalt war Nicolas es gewöhnt Gesetzestexte und ihre Paragraphen von allen Seiten zu beleuchten um für seine Klienten vielleicht noch das ein oder andere I-Tüpfelchen zu entdecken. Daher fiel es ihm hier nun nicht schwer die unterschiedlichen Gesichtspunkte der hintergründigen Bedeutung aufzuzeigen.

Zustimmung erhellte Kyles Gesicht, als er sich Nicolas zuwandte. „Genau so etwas meinte ich mit weiterinterpretieren“, und er lächelte.

Nicolas spürte, wie sein Herz vor Freude einen Luftsprung tat. Offenbar war sein neuer Bekannter von Marisas Offenbarung nicht unangenehm berührt gewesen, oder ließ sich zumindest davon nicht beeinflussen. Nicolas war erleichtert. Denn auch wenn Kyle sein Interesse vielleicht nicht erwiderte, so hätte er es doch sehr bedauert, wenn er deswegen auf seine Gesellschaft hätte verzichten müssen. Ging es Nick doch ähnlich wie Kyle, was die übrige Hausgesellschaft betraf.
Und, als hätte sein Wunsch nach einem weiteren Lächeln von Kyle ihm den Einfall untergeschoben, sagte er auf einmal siegesgewiss: „Ich weiß, was wir für die zweite Strophe nehmen können. In der Bibliothek hängen über dem Kamin zwei gekreuzte Flaggen. Die eine ist das bekannte „Stars & Stripes“, bei der anderen handelt es sich um eine Nachbildung einer der Fahnen, die als Nationalflagge der unabhängigen Republik Vermont im Gespräch waren.“

Überrascht und begeistert sahen ihn Kyle und Marisa an. Doch noch ehe sie etwas dazu sagen konnten, wurde ihr trautes Beisammensein durch das Eintreten mehrerer anderer Gäste unterbrochen. Und so sagte Kyle nur noch lächelnd und mit blitzenden Augen: „Sieht also so aus als hätten wir die zweite Strophe damit auch abgehandelt.“

***

Es war Marisa, welche die zündende Idee zur dritten Strophe hatte. Sie platzte etwa drei Stunden nachdem sie sich nach dem Frühstück getrennt hatten, in die Bibliothek und mitten in eine angeregte Diskussion über Napoleon Bonaparte. Denn wie es sich herausgestellt hatte, interessierte...


Teil 6


... sich auch Nicolas für den berühmten französischen Kaiser. Doch anders als Kyle, der dieses Gebiet am Vortag aus allgemeinem Interesse und eher per Zufall gewählt hatte, faszinierten Nick an dem Eroberer speziell dessen Fähigkeit Feldzüge, sei es nun militärisch oder auch politisch, zu planen und durchzuführen. Dem gegenüber stand sein gestörtes Verhältnis zu seiner Familie und sein mangelndes Einschätzungsvermögen was die Regierungsfähigkeit und politische Begabung seiner Geschwister anging.

Irgendwann hatte sich auch noch Randolph Simmons zu ihnen gesellt, der eindeutig eine Verschnaufpause von seinen Pflichten als Gastgeber brauchte.

„Wenn es ihm nur um einen Erben gegangen wäre, dann hätte er irgendein Mädchen heiraten können, das ihm gefiel. Aber was er wollte war einen Erben *und* internationale Anerkennung seines Anspruchs als Kaiser. Und nachdem er die Königshäuser von halb Europa durch seine eigene Familie ersetzt hatte, blieben nicht mehr viele Möglichkeiten. Was blieb waren die alteingesessenen und mächtigen dynastischen Häuser. Und als Emporkömmling eine Tochter des Hauses Habsburg zu ehelichen muss seiner Karriere quasi die Krone aufgesetzt haben.“

„Aber er hat sich doch damit gründlich verrechnet. Sein Stern hatte den Zenit zu diesem Zeitpunkt, da er sich auf dem Höhepunkt seiner Macht wähnte, doch bereits überschritten. Und obgleich Louise ihm einen Sohn gebar, der nach dem Tod des Vaters nominell den Titel Napoleon II. annahm, war die Ehe, selbst an den Maßstäben einer politischen Ehe gemessen, unglücklich. So unglücklich, dass die Habsburgerin ihren Gatten verließ und mit ihrem Sohn nach Österreich an den Hof ihres Vaters zurückkehrte.“

„Der ersehnte Thronfolger kann bei dieser Entscheidung nicht an erster Stelle gestanden haben. Denn Napoleon muss sich, allein schon wegen des langsamen Verfalls des französischen Königshauses, der ja letztendlich zur Revolution geführt hatte, bewusst gewesen sein, dass eine dynastische Verbindung auch die Gefahr barg, dass die Kinder aus dieser Ehe vielleicht nicht in der Lage sein würden das Reich so zu regieren, wie Napoleon selbst es tat. Es war wohl mehr die Genugtuung ein so stolzes Reich, wie das der Habsburger, zwingen zu können ihm eine seiner Töchter zur Gattin zu geben.“

„Aber egal wie, wer stand denn sonst noch zur Wahl? Mit welchem Land befand sich Frankreich, und damit Napoleon, nicht im Krieg? Österreich war das Land, das man am ehesten durch eine Heirat für einen Frieden gewinnen konnte. Russland und England schieden diesbezüglich aus, und was Skandinavien betraf, so wurde Schweden von seinem alten Marschall Bernadotte und dessen Gattin Desirée, die einst Napoleons Verlobte gewesen war, regiert, und das Königspaar hatte keine Tochter, geschweige denn eine im heiratsfähigen Alter. Und selbst wenn hätte eine derartige Verbindung kaum das internationale Ansehen des kleinen Kaisers gemehrt. Es hätte vielmehr seinen Status als Emporkömmling noch hervorge...“

„Oh, Entschuldigung! Ich wollte nicht stören. Ich wollte nur...“, und Marisa gestikulierte aufgeregt in die Richtung von Kyle und ihrem Bruder, während sie gleichzeitig versuchte etwas hinter ihrem Rücken zu verstecken.

„Aber bitte, bitte. Kommen Sie nur herein“, sagte Randolph Simmons mit zuvorkommender und aufrichtig gemeinter Höflichkeit, und erhob sich sogleich um Marisa seinen Platz anzubieten. „Ich sollte mich sowieso allmählich mal wieder um die Gäste kümmern, sonst reißt mir Gladyss noch vor Neujahr den Kopf ab“, meinte er schmunzelnd und verabschiedete sich von Kyle und Nicolas. „Vielleicht findet sich ja noch eine Gelegenheit dieses Gespräch fortzusetzen. Es würde mich auf jeden Fall freuen.“

Kaum dass Mr. Simmons die Tür hinter sich geschlossen hatte, und noch ehe Nick oder Kyle etwas hatten sagen können, sprudelte es schon aus Marisa heraus. „Ratet mal, was ich gefunden habe?“ Erwartungsvoll sah sie die beiden jungen Männer an.

Kyle zuckte nur vage mit den Schultern. Er ahnte zwar, dass es etwas mit dem Weihnachtsspiel zu tun hatte, konnte dieser Art Ratespielchen aber nichts abgewinnen.

Nick dagegen, der seine Schwester nur zu gut kannte und wusste, dass diese es am Ende vorziehen würde, aus Trotz lieber nichts zu sagen, auch wenn sie vor Mitteilsamkeit beinahe platzte, machte den obligatorischen Rateversuch, der allerdings nicht ernst genommen werden konnte. „Ein Plüschkaninchen mit Fledermausflügeln und einer Cappuccino-Peitsche?“

Marisa verdrehte kurz die Augen, dann zog sie den geheimnisvollen Gegenstand, den sie seit ihrer Ankunft in der Bibliothek hinter ihrem Rücken versteckt hatte, hervor. Es war ein Foto. „Tadaa! Die Lösung für die dritte Strophe!“

Mit hochgezogenen Augenbrauen musterte Nicolas das Bild, doch er sah beim besten Willen nicht, was eine Fotographie von Mrs. Simmons als Hippie mit dem Weihnachtslied zu tun haben sollte.
Doch Kyles Miene hellte sich sofort auf, als Nick ihm das Foto rüberreichte. „Das ist genial! Glaube, Liebe, Hoffnung, genau das, wofür die Blumenkinder eintraten.“

Jetzt sah auch Nick den Zusammenhang, der ja eigentlich offensichtlich war, aber sein Nichterkennen zeigte nur einmal mehr, wie wenig ihm dieses Spiel bedeutete. Dennoch musste er zugeben, dass es eine ziemliche gute Interpretation der dritten Strophe war.
Marisa lächelte glücklich.
„Aber jetzt verrat mir noch, wo du das Bild gefunden hast“, hakte Nicolas nach. Er kannte seine Schwester.

Wie gut wurde deutlich, als Marisa ein wenig herumdruckste und schließlich zugab, es in einer der Schubladen des kleinen Sekretärs im Frühlingszimmer gefunden zu haben. „Aber es ist nicht so, wie du denkst“, fügte sie gleich zur Verteidigung hinzu. „Ich hatte eigentlich nach einem Briefumschlag gesucht, weil ich Henry einen Neujahrsbrief schreiben wollte. Und da bin ich zufällig auf das Bild gestoßen.“

„Ja, ja, kaum bist du mal zwei Tage von deinem Ehemann getrennt, vermisst du ihn schon so sehr, dass du ihm schreiben musst...“, neckte Nick seine Schwester und wollte gar nicht so genau wissen, wie zufällig dieser Zufall nun wirklich gewesen war.

„Stimmt gar nicht. Es ist nur, weil ich ihm dieses Mal nicht direkt um Mitternacht ein schönes neues Jahr wünschen kann.“ Natürlich konnte Marisa das so nicht stehen lassen.

Grinsend beobachtete Kyle die geschwisterliche Balgerei und verdrängte einmal mehr den Gedanken an die eigenen Geschwister, die in weiter Ferne weilten.

***

Sehr zu Nicolas Bedauern ergab sich den ganzen Nachmittag und Abend über keine Gelegenheit mehr, mit Kyle alleine zu reden. Ständig war jemand in die Bibliothek gekommen, größtenteils Gäste, die nun, da sie sich im Haus der Simmons akklimatisiert hatten, ebenfalls auf der Jagd nach Spieltrophäen waren.
Dabei wollte, nein musste, Nicolas dringend mit Kyle reden. Denn je mehr Zeit er in der Gegenwart des jüngeren verbrachte, desto deutlicher wurde ihm bewusst, dass er drauf und dran war, sich zumindest ein wenig in den zurückhaltenden jungen Mann zu verlieben. Und Nicolas kannte sich gut genug um zu wissen, dass er auf die Dauer noch verrückt werden würde, wenn er nicht wenigstens wusste, ob er sich überhaupt Hoffnung machen durfte. Ganz zu schweigen von der Frage, wie er die verbleibenden Tage bis Heilig Drei König überstehen sollte. Denn obwohl Kyle sich nicht zurückgezogen hatte, als Marisa damit herausgeplatzt war, dass Nick schwul war, hatte er doch nichts gesagt, was auf Gleichgesinntheit schließen ließ.

Umso entschlossener war Nicolas am nächsten Morgen, als er zum Frühstück hinunterging mit Kyle zu reden, sobald sich eine Gelegenheit bot. Vielleicht hatte er ja Glück, und der andere würde wieder zu ihm stoßen, während...


Teil 7


...er noch beim Essen war. Doch was Nicolas bei dieser Planung nicht bedacht hatte, war die Tatsache, dass seine aufgewühlte Gedankenwelt ihn bis tief in die Nacht nicht hatte schlafen lassen, und er dementsprechend deutlich später dran war als am Vortag. Und so saßen im Frühstücksraum zwar schon gut ein halbes Dutzend Leute, von denen aber keiner der junge Cafébesitzer war.
Ein wenig traurig verhalf sich Nick zu einem Frühstück, doch noch ehe er den ersten Schluck Kaffee getrunken hatte, hellte sich sein Gesicht wieder auf. Wusste er doch mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit, wo er Kyle finden konnte. Rasch hatte er ein Toast und ein wenig Frühstückspeck hinuntergeschlungen, dann machte er sich auch schon auf den Weg in die Bibliothek.

Und tatsächlich, als Nick den Kopf zur Tür rein steckte, saß Kyle in einem der Sessel, ein Buch in der Hand und einen Atlas auf dem Beistelltisch. Beim näheren Hinsehen erkannte Nicolas, dass es sich bei dem Buch nicht um jenes über Napoleon handelte, wie er zu erst angenommen hatte, sondern um eines über Entdeckung und Eroberung Amerikas. Der Atlas zeigte eine Karte von Mexiko und der Karibik.

„Wusstest du, dass schon zu Zeiten der Azteken an der Stelle, wo heute Mexiko City ist, die Hauptstadt dieses Reiches stand? Damals lag sie auf einer Insel, inmitten eines Sees. Heute ist der See ausgetrocknet. Nur im Nordosten gibt es noch ein kleines Restgebiet, dass aber während der Trockenzeit zur Staub- und Salzwüste wird.“, sagte Kyle, als er aufblickte und Nicolas entdeckte.

„Nein, wusste ich nicht“, erwiderte dieser lächelnd. „Klingt aber interessant. Doch eigentlich wollte ich dich etwas anderes fragen. Was hältst du von einem Spaziergang? Es hat in der Nacht noch einmal geschneit, aber jetzt ist es klar, wenn auch eiskalt draußen...“ Fragend sah Nicolas Kyle an.

Kyle überlegte kurz, sah aus dem Fenster und dann wieder auf das Buch. Dann klappte er es entschlossen zu. „Spaziergang klingt gut. Außerdem käme ich heute eh nicht viel zum Lesen, denn so wie es draußen in der Halle klingt, scheint sich die Meute für eine weitere Trophäenjagd zu rüsten.“

Tatsächlich waren von draußen Schritte zu hören, die sich der Bibliothek näherten.
„Glaub mir, Christian, das Cover eines Liebesromans ist eine geniale Umsetzung der beiden Turteltauben. Darauf ist bestimmt noch niemand gekommen, und das Hausmädchen hat mir versichert, dass es in der Bibliothek eine ganze Reihe solcher Romane gibt.“

Kyle und Nicolas grinsten sich an. „Ob wir ihnen sagen sollen, dass nicht weniger als drei Paare gestern schon auf diese Idee gekommen sind?“, flüsterte Kyle Nick zu.

Doch dieser schüttelte den Kopf. „Wieso? Geschieht ihnen doch recht, wenn sie so einfallslos sind. Außerdem würde Marisa das bestimmt als Verbrüderung mit dem Feind ansehen, wenn wir es ihnen sagten. Und glaub mir, sie kann einem ganz schön das Leben zur Hölle machen...“

Noch immer wie zwei Verschwörer grinsend, verließen Nicolas und Kyle die Bibliothek, und überließen das Paar seinem Glück.

„Ich sag noch kurz Marisa Bescheid. Treffen wir uns in fünf Minuten an der Eingangstür?“, fragte Nicolas.

Kyle nickte. „Ich muss eh noch meinen Mantel holen. Bis gleich.“ Damit war er auch schon die Treppen hinauf entschwunden.

***

Kurz darauf stapften Nicolas und Kyle durch den knirschenden Schnee zum Ufer des Lake Champlain hinunter.
Während Kyle scheinbar ganz fasziniert die verzauberte Gartenlandschaft betrachtete, die mit Schnee bedeckten Äste und Sträucher, versuchte Nicolas neben ihm verzweifelt einen Anfang für das Gespräch zu finden, das ihm so sehr am Herzen lag.

Da sagte Kyle plötzlich: „Woher wusstest du eigentlich, dass die zweite Flagge über dem Kamin zu Vermont gehörte?“
Denn Kyle war keineswegs in die Betrachtung der zugegeben reizvoll aussehenden Schneelandschaft versunken gewesen, sondern seinerseits über Nick nachgedacht. Er fühlte sich zu dem ernsten Anwalt mit dem jungenhaften Funkeln in den Augen hingezogen, gleichzeitig aber war Kyle vorsichtig. Denn auch wenn allein die Vorstellung wenigstens für ein paar Tage der Einsamkeit, die ihn von Zeit zu Zeit überkam, zu entrinnen und jemanden zu haben, bei dem er sich anlehnen und von dem er sich in den Arm nehmen lassen konnte, verlockend war, so wusste er doch, dass die Leere hinterher noch größer sein würde.

Gleich in seinem ersten Sommer in Vermont hatte Kyle sich auf einen Flirt mit einem der Studenten eingelassen, die während der Ferien den Campus für die verschiedensten Sprachkurse bevölkerten. Und obwohl beide gewusst hatten, dass es allenfalls ein paar nette Wochen sein würden, hatte er sich im Herbst sehr allein gefühlt. Damals hatte er sich selbst versprochen sich so etwas nie wieder willentlich und wissentlich auszusetzen.

Aber wie sollte er möglichst unauffällig herauskriegen, ob Nick sein Interesse erwiderte, und wenn ja, wie tief dessen Interesse ging? Denn auch wenn Kyle sich freuen würde, sollte er mitkriegen, dass Nick sich nicht nur als netter Bekannter für ihn interessierte, wenn dieser nur auf eine Feiertagsromanze aus war, dann zog er es vor Nicolas erst gar nicht zu sagen, dass er selbst auch schwul war. Das klang zwar auch in Gedanken reichlich herzlos, aber was sollte er sonst machen? Und dann tauchte immer wieder die Idee auf, das ganze doch einfach komplett zu vergessen, und stattdessen einfach nur die schöne Zeit mit einem netten Gesprächspartner zu genießen. Zumal die Chancen für eine Fernbeziehung, denn das würde es wohl werden, mit Nick in New York und ihm selbst in Middlebury, nie sehr gut standen. Aus einem dieser Impulse heraus, hatte er wohl die Frage gestellt, woher Nicolas über die Flaggen bescheid gewusst hatte.

Ein wenig irritiert blickte Nicolas zu Kyle hinüber, doch dann fing er an zu erzählen. War doch ein neutrales Gespräch immer noch besser, als gar kein Gespräch, und vielleicht würde er ja so die Kurve zu dem Thema kriegen, dass ihn so brennend interessierte.
„Übriggebliebenes Wissen vom College. Damals hatte ich mir überlegt vielleicht in einer Vereinigung zur Wahrung historischer Stätten als Anwalt tätig zu werden.
Dass ich Anwalt werden wollte, stand schon seit meiner Kindheit fest. Und am liebsten für irgendwas heroisch nobles eintreten. Als Kind war das natürlich der zu Unrecht Angeklagte, für den ich mit meinen Worten und Schlussfolgerungen vor einer Jury kämpfte. Aber im Laufe der Zeit hat sich das dann ein wenig gewandelt. Vermutlich war es einfach die Erkenntnis, dass nicht jeder Anwalt ein Matlock oder Perry Mason sein konnte, und das Leben eines echten Strafverteidigers wohl auch kaum so aussehen konnte. Das war wohl so etwa mit 14 oder 15. An der Highschool dann hatten wir einen Lehrer, in dessen Adern auch indianisches Blut floss. Du kannst dir sicher denken, was als nächstes folgte...“

Oh ja, Kyle hatte da schon so eine Ahnung und grinste entsprechend.

„Genau, ich wollte juristischer Frontkämpfer für die Rechte der amerikanischen Ureinwohner werden. Das war dann auch der Grund, weshalb ich mich intensiver mit amerikanischer Geschichte beschäftigte. Und diese hat mich ziemlich schnell in ihren Bann gezogen. Dass ich letztendlich Wirtschaftsanwalt wurde, lässt sich wohl am ehesten mit dem im letzten College-Jahr erwachten Realitätssinn erklären. Die alte Frage: Wie vereine ich am...


Teil 8


... besten meine Interessen mit der Notwendigkeit Geld zu verdienen. Und da ich von meinen Eltern einen nicht geringen Lebensstandard gewöhnt war, musste ich einsehen, dass Kämpfer für das Gute zwar eine noble Aufgabe war, aber mit Ausnahme von ein paar Staranwälten in dieser Branche nicht sonderlich einträglich.“

„Hast du diese Entscheidung je bereut?“, fragte Kyle jetzt. Es faszinierte ihn, wie ähnlich in manchen Zügen ihrer beider Werdegang doch war. Auch er hatte hauptsächlich aus finanziellen Gründen Betriebswirtschaft studiert. Und doch bedauerte er es keine Minute Chicago und dem Dasein als Wirtschaftsberater den Rücken gekehrt zu haben.

„Nein“, erwiderte Nicolas nach einem kurzen Moment des Nachdenkens, „eigentlich nicht. Aber das kann auch daran liegen, dass unsere Kanzlei sich auf eher ungewöhnliche Klienten spezialisiert hat. Aber anders wäre ein Überleben in einer Stadt wie New York auch nicht möglich gewesen.“ Er lachte leise. Sein Lieblingsklient war eine Agentur für Werbeschausteller, also jene Menschen, die als Riesenhotdog oder Supermarktmaskottchen die Leute zum Kaufen animieren sollten, oder Gesundheitskampagnen an Schulen als überdimensionaler Brokkoli unterstützen.

Auch Kyle musste lachen, als Nick ihm von seinem ersten Besuch in den Geschäftsräumen des Klienten erzählte. Es hatte ein nämlich ein ziemliches Chaos geherrscht, weil man überraschend einen Auftrag bekommen hatten, zwei Tage darauf die Feierlichkeiten im Zoo um ein paar tierische Attraktionen zu bereichern. Überall waren halbverkleidete Löwen, Braunbären und Pinguine herumgelaufen und ein Krokodil hatte mit seinem ausgestopften Schwanz beinahe Nicolas von den Füßen gefegt.

Noch während Nicolas überlegte, ob er vielleicht über ein paar Anekdoten aus seiner College-Zeit den Bogen zu jenem Thema spannen konnte, dass ihn so auf der Seele brannte, fanden er und Kyle sich plötzlich unter Beschuss wieder. Genauer mitten in einer Schneeballschlacht. Rasch waren auch die Angreifer ausgemacht.
Es waren vier Jungen im Alter von etwa acht bis zehn Jahren, die es bei dem herrlichen Schnee, trotz neuer Weihnachtsgeschenke, nicht in den heimischen Wohnzimmern gehalten hatte. Kurz nur blickten sich die beiden Männer an, grinsten, und schon flogen die ersten Schneebälle zum Gegenangriff.

***

„So viel Spaß hatte ich schon lange nicht mehr“, gestand Nicolas später.
Nach fast einer Stunde hatte man mit den Jungen einen Waffenstillstand vereinbart und war stattdessen dazu übergegangen einen großen Schneemann zu bauen. Dabei kam den Jungen die Hilfe von Kyle und Nicolas sehr gelegen, denn diese konnten weit leichter die Schneekugeln aufeinanderstellen, insbesondere der Kopf hätte sonst nur nach einer waghalsigen Kletteraktion seinen richtigen Platz gefunden.
Dabei erzählten die vier ausgelassen, durcheinander und mehr oder weniger doch alle das gleiche, von ihren Geschenken, dem Weihnachtsessen und wie wenig sie diese oder jene Großtante mochten.

Doch kaum war das Prachtstück von einem Schneemann fertig, als von einem der benachbarten Grundstücke auch schon eine Frauenstimme rief: „Marc, Lucas, Matt, Johnny! Wo steckt ihr Lausebengel? Tante Catherine und Onkel Rupert wollen fahren!“

Betrübt sahen sich die vier an, dann blickten sie zu ihren erwachsenen Helfern. Schließlich sagte Lucas, der älteste von ihnen, bedauernd: „Sieht so aus, als müssten wir rein... Vielen Dank für Ihre Hilfe. Ohne sie hätten wir keinen so großen Schneemann bauen können.“ Die anderen drei nickten zustimmend. Dann wandten sich alle vier zum gehen.

„Wartet noch mal kurz“, sagte da Kyle. „Dürfte ich vielleicht ein Foto von euch machen?“ Und er zog sein Kamerahandy aus der Jackentasche.

„Wieso?“, wollte der kleine Matt neugierig wissen.

„Weil ihr uns damit helfen könntet, ein Spiel, ähnlich wie eine Schnitzeljagd, zu gewinnen“, erklärte Kyle.

„Worum geht es bei dem Spiel?“, hakte nun Johnny nach.

Rasch hatten Nicolas und Kyle ihnen das Weihnachtsspiel umrissen. „Und ihr wäret die perfekte Besetzung für die vierte Strophe“, fügte Kyle augenzwinkernd hinzu.

Natürlich waren die Jungen Feuer und Flamme, klang ein solches Spiel in ihren Ohren doch furchtbar aufregend. Und wahrscheinlich war es nur der neuerliche Ruf der Mutter von Lucas, der die vier davon abhielt gleich mit Kyle und Nick loszuziehen um etwas für die übrigen Strophen zu finden.
Rasch hatte Kyle das Foto gemacht, dann winkten die vier noch einmal und trollten sich ins Nachbarhaus. Auch die beiden Erwachsenen beschlossen ins Haus zurück zu kehren.

„Und jetzt verrätst du mir hoffentlich auch noch, warum die vier die Idealbesetzung der vierten Strophe sind“, verlangte Nick eine Erklärung.

„Die vier Amseln stehen für die vier Evangelisten, Matthäus, Markus, Lukas und Johannes – Matthew, Marc, Lucas und John. Und wie du vielleicht mitbekommen hast, haben alle vier mehr oder weniger das gleiche erzählt. Wie die Evangelisten.“

Dem konnte Nicolas nur lachend zustimmen, hatten sie sich doch bestimmt mehr als nur vier mal anhören dürfen, wie sie Großonkel Francis einen Streich gespielt hatten, indem sie, genau in dem Moment, da er den Stecker für die Christbaumbeleuchtung in die Steckdose steckte, die Sicherung fürs Erdgeschoss rausgedreht hatten. Und natürlich hatten alle geglaubt, er hätte die Kabel so angeschlossen, dass ein Kurzschluss die Sicherung hatte durchbrennen lassen.

Nicolas Lachen ließ Kyle einen angenehm wohligen Schauer über den Rücken rieseln und der junge Mann seufzte leise. War er doch keinen Schritt weiter, außer vielleicht in der Richtung, dass er sich nun noch wohler in der Gegenwart des Anwalts fühlte.

***

Die nächsten beiden Tage verliefen relativ ruhig, und ohne nennenswerte Annäherung auf beiden Seiten, obwohl Kyle und Nick einander belauerten, stets darauf hoffend, im Verhalten des anderen vielleicht irgendeinen Hinweis auf dessen Gefühle zu finden. Doch zum Glück war die übrige Hausgesellschaft so mit sich selbst beschäftigt, dass es niemandem außer Marisa und Randolph Simmons auffiel. Und diese beiden beschlossen stillschweigend, dass Nicolas und Kyle das alleine ausklamüsern mussten.

Da waren die Fortschritte, die man bei dem Weihnachtsspiel gemacht hatte, schon weit größer. Für die fünfte Strophe, deren fünf Ringe die ersten fünf Bücher des Alten Testaments darstellten, hatte man sich auf die fünf Säulen des Eingangsportals des Simmons’schen Anwesens geeinigt. Denn so wie Genesis, Exodus, Levitikus, Numeri und Deuteronomium die Grundpfeiler sowohl des christlichen als auch des jüdischen Glaubens bildeten, stützte sich das Haus auf die Eingangssäulen.

Die sechs eierlegenden Gänse der nächsten Strophe dagegen standen für die sechs Tage der Schöpfung. Hier war es Kyle gewesen, der im kleineren Wohnzimmer, das offenbar immer von der Familie genutzt wurde, wenn keine Gäste im Haus weilten, etwas passendes gefunden hatte – eine CD von Joseph Haydn mit dem passenden Titel „Die Schöpfung“.

Und sogar für die siebte Strophe hatte man bereits einen Erfolg vorzuweisen. Denn die sieben schwimmenden Schwäne, die für die sieben Gaben des Heiligen Geistes – Weisheit, Verständnis, Rat, Stärke, Wissen, Frömmigkeit und Gottesfurcht – standen, repräsentierten die gleichen lobenswerten Eigenschaften, für die sich auch das Middlebury-College einsetzte. Was lag also näher als den herrlichen Kupferstich anzugeben, der in Bibliothek hinter dem Schreibtisch hing?

Über all das hatte sich das Jahr seinem Ende zugeneigt, und bereits morgen würde man ein neues Jahr schreiben. Entsprechend aufgekratzt war die Stimmung ob der bevorstehenden Silvesterparty.
Mrs. Simmons hatte eine Band engagiert, im großen Esszimmer wurde ein riesiges Büffet aufgebaut und den ganzen Tag redete die holde Weiblichkeit von nichts anderem als ihrer Abendgarderobe und dem passenden Make-up, und blockierte stundenlang die Badezimmer um auch ja sicherzugehen,...


Teil 9


...dass die Haare perfekt saßen. Sehr zum Leidwesen manch eines Gatten. Aber schließlich war der Silvesterabend nicht irgendein Abend und die Silvesterparty nicht irgendeine Party im engsten Kreise, sondern es war auch die halbe Nachbarschaft und sämtliche Bekannten der Simmons aus der näheren Umgebung eingeladen. Da konnte Frau ja schlecht in irgendeinem Kleid mit irgendeiner Frisur erscheinen. Mann hatte es da einfacher. Mann zog einfach einen dunklen Anzug mit hellem Hemd oder einen Smoking in entsprechender Farbgebung an.

Und so kam es, dass man überall im Erdgeschoss Grüppchen ausgeschlossener Ehemänner zusammensitzen sah, die geduldig versuchten ihr Los zu tragen, und je nach Länge der Ehe mal mehr, mal weniger Gelassenheit zur Schau trugen.

Kyle und Nicolas hatten sich bereit erklärt Mr. Simmons beim dekorieren zu helfen, da die Angestellten noch im Esszimmer und großen Salon mit Umräumen und Aufbauen beschäftigt waren. Nun standen sie beide in der Eingangshalle, Kyle hatte ein Leiter erklommen und ließ sich von Nicolas Luftschlangen und Ballongirlanden reichen, während Randolph Simmons Anweisungen gab, wo die Ballons mit dem Flitterkonfetti genau hin sollten.

Nicolas, der nicht ganz schwindelfrei war, war regelrecht entzückt über diese Arbeitsteilung, gab sie ihm doch Gelegenheit den Anblick, den Kyles knackiger Hintern ihm bot, auszukosten. Denn die Tatsache, dass er bei dem jungen Café-Besitzer noch keinen Schritt weiter gekommen war, bedeutete ja nicht, dass er nicht dankbar all das annehmen konnte, was ihm das Schicksal, oder wer auch immer, so unverhofft schenkte.

Soeben hörte man aus dem Stockwerk darüber einen Ehemann, der verzweifelt versuchte, seine Frau davon zu überzeugen, dass sie wirklich hervorragend aussah, doch die Gattin war offenbar anderer Meinung. Man hörte ein „Du hast doch von so was keine Ahnung!“, das Klappen einer Badezimmertür, ein resigniertes „Ja Schatz“, und gleich darauf erschien ein leise seufzender Mann an der Treppe.

„Das war wohl nichts“, sagte Kyle leise grinsend zu Nicolas. Einmal mehr war er froh, dass ihm so etwas nie ins Haus stehen würde. Sicher, es gab auch Schwule, die sehr viel Wert auf eine perfekte äußere Erscheinung legten, doch irgendwie waren diese Männer, ohne, dass Kyle es jetzt darauf angelegt hätte, nicht sein Typ, und auch er passte nicht in ihr Beuteschema.

„Na ja“, flüsterte Nick zurück, „der arme Kerl hat es aber auch nicht leicht.“

Dem konnte Kyle nur zustimmen, denn dessen Frau war bereits die vergangenen Abende äußerst strapaziös gewesen. Dass ihr Gatte dieses Verhalten so klaglos ertrug zeugte von seinen tiefen Gefühlen für die Gemahlin.
„Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden.“

„Wie bitte?“, fragte Nicolas, wusste er doch mit der Aussage Kyles nicht viel anzufangen.

„Das ist eine der acht Seligpreisungen, und diese stehen zufällig für die acht melkenden Mägde. Und es passt geradezu perfekt zu diesem Haufen Angetrauter.“

Nun musste auch Nick breit grinsen. „Warte nur, bis wir das nachher Marisa erzählen. In der festen Überzeugung, dass sie die goldene Ausnahme der Regel ist, wird sie sich halb kaputt über diesen Vergleich lachen.“

„Und, ist sie die Ausnahme der Regel?“, wollte Kyle wissen. „Das zu beurteilen steht mir nicht zu. Schließlich bin ich nur ihr Bruder. Das müsstest du wenn schon Henry fragen“, erwiderte Nicolas diplomatisch, hatten ihm doch all die Jahre geschwisterlichen Zusammenlebens beigebracht, dass seine Schwester immer alles, was ihre Person betraf, herausfand, egal ob sie nun gerade anwesend war, oder nicht.

Kyle lachte. „Nun, meine Schwester ist da definitiv anders. Es wäre aber auch äußerst seltsam, wenn sie mitten im bolivianischen Dschungel einen auf Society-Queen machte und mit dem Lockenstab in der einen und dem Epiliergerät in der anderen Hand versuchte sich in ihr Chanel-Abendkleid zu zwängen.“

„Bolivien?“ fragte Nicolas erstaunt. Einmal mehr ging ihm auf, wie wenig er über Kyle wusste, und umgekehrt.

„Ja, sie ist dort unten mit einer Hilfsorganisation. Wenn ich das richtig verstanden habe, wollen sie in den abgelegeneren Dschungeldörfern Schulen errichten. Und bevor du fragst, ich habe noch einen Bruder, der im diplomatischen Dienst tätig ist und derzeit in Hongkong ist.“ Natürlich war Kyle auf seine Geschwister und das, was sie leisteten, stolz, doch er wollte jetzt nicht weiter über seine Familie reden. Zu sehr schmerzte es ihn noch, dass alle seine Lieben zu Weihnachten in weiter Ferne gewesen waren, auch wenn er sich damit halbwegs abgefunden hatte, dass es nun mal so war. Deshalb nannte er nur kurz die Fakten und machte mit seiner Körperhaltung deutlich, dass Nachfragen nicht erwünscht waren.

Ein wenig von dem Schmerz musste aber dennoch in seinen Augen gestanden haben, denn Nicolas verspürte das unbändige Bedürfnis Kyle an sich zu ziehen und ihm mit seiner Nähe Trost zu spenden. Doch er wagte es nicht, da er nicht wusste, wie der junge Mann reagieren würde. Und so nickte er nur und versuchte es dann stattdessen mit der altbewährten Methode der Ablenkung. „Und worum geht es bei der neunten Strophe?“

„Die neun Trommler? Die stehen für die Früchte es Geistes – Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue...“

In diesem Moment wurde Kyle von Gladyss Simmons unterbrochen, die, wie ein aufgescheuchtes Huhn, in die Halle geflattert kam um ihrem Gatten letzte Anweisungen für die Band zu geben, ehe sie sich selbst in ihr Schlafzimmer zurückzog um sich ebenfalls für die Party herzurichten. Randolph Simmons nahm die Anweisungen geduldig entgegen, nickte nur, versicherte seine Frau, dass alles klappen würde und scheuchte sie dann mit einem Lächeln die Treppe hinauf.

„Was sagtest du? Liebe, Friede, Geduld und Güte? Klingt genau nach unserem lieben Gastgeber“, meinte Nicolas mit einem verschwörerischen Zwinkern und konnte gerade noch rechtzeitig die Leiter festhalten und somit verhindern, dass Kyle vor Lachen von selbiger fiel.

***

Letztendlich aber hatte sich der ganze Aufwand gelohnt. Die Party war ein voller Erfolg und die Frauen sahen echt umwerfend aus. Da verzieh so manch ein Ehemann der Gattin, dass diese das Badezimmer eine kleine Ewigkeit belegt hatte, so dass es für ihn selbst nur noch zu einer Katzenwäsche gereicht hatte.
Lachend, scherzend und tanzend feierte sich die vielzählige Gesellschaft dem Höhepunkt entgegen. Und als die Zeiger der großen Standuhr in der Halle unaufhörlich gegen Mitternacht zueilten, ließen es sich die Partygäste nicht nehmen lauthals den Countdown bis zum Beginn des neuen Jahres mitzuzählen.

„ZEHN, NEUN, ACHT, SIEBEN, SECHS, FÜNF, VIER, DREI, ZWEI, EINS – Prost Neujahr!“

Überall hörte man Sektgläser klirren, Ballons platzen und Menschen, die sich umarmend und küssend ein schönes neues Jahr wünschten.

Nicolas hätte hinterher nicht mehr sagen können, was er sich dabei gedacht hatte, oder welcher Teufel ihn da geritten hatte, auf jeden Fall stand ihm mitten in der umarmenden Menge Kyle gegenüber, und ohne groß zu überlegen, hatte er den jungen Mann an sich gezogen und geküsst.

Viel zu schnell war dieser Moment auch wieder vorüber, da er es bei so vielen Menschen um sie herum nicht wagte den Kuss in irgendeiner Weise zu vertiefen. Und noch ehe er sich Gedanken darüber machen konnte, dass Kyle von dieser Attacke vielleicht gar nicht begeistert war, wurde er schon von eben diesem aus dem Raum und zu einer Seitentür hinaus in den Garten bugsiert.

Marisa, die die ganze Szene beobachtet hatte, da sie in genau dem Moment ihrem Bruder ein...


Teil 10


... schönes neues Jahr hatte wünschen wollen, nickte unmerklich. Egal wie, jetzt würde es sich entscheiden und dieser Eiertanz der vergangenen Tage ein Ende finden. Da kam auch schon Gladyss Simmons auf sie zu, umarmte sie herzlich und wünschte ihr alles Gute für die kommenden zwölf Monate.

Draußen im Garten verstummte rasch der Partylärm, zumal die übrigen Gäste jetzt den von Fackeln erleuchteten Weg zum Seeufer entlang drängten um sich dort das Feuerwerk anzusehen.

Mittlerweile hatte die kalte Januarluft Nicolas wieder etwas klarer denken lassen, und auch wenn er den Kuss jetzt nicht unbedingt bereute, hätte er sich doch wegen der Art, dem abrupten Überfall, ohrfeigen können. Und ihm war bewusst, dass, wie auch immer Kyles Reaktion ausfallen würde, von wütendem Anschreien bis hin zu ein paar saftigen Quappen, er es verdient hätte.

Womit er allerdings nicht gerechnet hatte, war, dass Kyle ihn gegen den Stamm einer kahlen Birke pressen und dann harsch und voller Leidenschaft küssen würde.

„Okay, und jetzt lass uns reden“, sagte er schließlich, als er sich ein wenig atemlos von Nicolas löste.
"Wie soll es jetzt weiter gehen? Wie hast du dir das vorgestellt? Was bin ich für dich?", fragte Kyle all die Fragen, die ihm seit Tagen, und erst recht nach dem überraschenden Kuss von Nicolas vor wenigen Minuten, durch den Kopf gingen.

"Was meinst du mit was du für mich bist?" Irritiert sah Nick Kyle an.

"Na ja, bin ich für dich ein Feiertagsflirt, eine Übergangslösung, ein Vorsatz fürs neue Jahr, ein verspätetes Weihnachtsgeschenk, oder", Kyle holte tief Luft, ehe er das aussprach, woran seine Hoffnung am meisten hing, sein Verstand aber als unwahrscheinlichste Option betrachtete, "bin ich mehr für dich und du siehst eine Zukunft in der wir nicht komplett getrennte Wege gehen?"

Nicolas schwieg betroffen. Ehrlich gesagt, hatte er sich darüber noch keine Gedanken gemacht. "Ich weiß es nicht", sagte er schließlich leise.

Enttäuscht sah Kyle Nick an. Wie konnte das sein? Wieso wusste dieser nicht, was er sich davon versprach? Allerdings wusste Kyle, was er sich von einer derartigen Antwort versprechen konnte.
"In diesem Fall - Gute Nacht." Und er wandte sich zum Gehen. Es war nicht so, dass er bereute, dass Nick ihn geküsst hatte, oder dass er ihn im Gegenzug draußen im Garten geküsst hatte. Aber so wie die Dinge lagen, er würde es hier und jetzt beenden, ehe er hinterher mit gebrochenem Herzen dastand.

Noch immer an den Birkenstamm gelehnt, stand Nicolas da wie betäubt und konnte nur zusehen, wie der andere sich Schritt für Schritt von ihm entfernte. Erst als Kyle im Haus verschwand, erwachte er aus seiner Erstarrung. "Scheiße!", flüsterte er in die kalte Winternacht.
Wie hatte es nur so schief gehen können? Wie? Doch schließlich regte sich die Vernunft in ihm, die ihm deutlich zu verstehen gab, dass er sein Gedankenkarussell auch drinnen, im Warmen, weiterdrehen lassen konnte, und so verließ Nick ebenfalls den Garten. Er zögerte kurz, als er an der Bibliothek vorbeikam, doch er trat nicht ein. Er musste allein sein um in Ruhe nachzudenken. Und wenn er Kyle nicht völlig falsch einschätzte, hatte dieser sich in genau diesen Raum zurückgezogen. Und so ging Nicolas direkt in das Zimmer, dass er sich mit Marisa teilte.

***

Als seine Schwester einige Stunden später sich ebenfalls zu Bett begab, war sie überrascht ihren Bruder bereits vorzufinden, doch da dieser schlief, und sie ihn nicht wecken wollte, beschloss sie, ihn erst am nächsten Morgen zu fragen, wie die Sache mit Kyle ausgegangen war.

Doch Nicolas schlief keineswegs, er hatte sich nur schlafend gestellt, um der Inquisition seiner Schwester zu entgehen.
Seit Ein Uhr lag er nun auf dem Bett, starrte die Decke, oder jetzt die Innenseite seiner Augenlider, an, und dachte nach. Und nur ganz langsam lichteten sich die Gedanken, drehten sich weniger irritierend im Kreis und ließen ihn zum eigentlich Kern des Problems vordringen.

Nicht, dass er nicht wusste, was Kyle für ihn war, hatte diesen so sehr verletzt, sondern eher die Tatsache, dass er bislang noch nicht darüber nachgedacht hatte.
Aber warum hatte er das nicht? Denn offenbar hatte Kyle darüber nachgedacht, und es schien eine Menge, um nicht zu sagen alles, davon abzuhängen zu welchem Schluss er selbst bei dieser Frage kam. Hatte er sich keine Gedanken gemacht, weil er keine Zukunft für sie sah? Aber sie kannten sich ja kaum. Sicher, sie waren einander sympathisch und so wie es aussah beide einander auch nicht abgeneigt. Doch das allein reichte nicht aus. Waren sie sich überhaupt wirklich sympathisch? Oder verstanden sie sich nur so gut, weil sie beide gegen ihren Willen bei dieser Hausgesellschaft waren?

Es war erst gegen fünf Uhr, als er mit einem Mal erkannte, warum er noch nicht über so etwas wie Zukunft nachgedacht hatte. Er hatte es sich verboten!
Er hatte es sich verboten, weil es einer Hoffnung in ihm Nahrung gegeben hätte, von der er noch nicht einmal gewusst hatte, ob sie berechtigt war. Weil er nicht gewusst hatte, ob Kyle überhaupt seine sexuellen Neigungen teilte. Und an diesem Punkt konnte er ansetzen und versuchen die Sache mit Kyle zu klären. Erleichtert über diese Erkenntnis gelang es Nicolas endlich etwas Schlaf zu finden.

***

Doch bereits drei Stunden später war er wieder wach. Er zog sich rasch an und ging hinunter in den Frühstückssalon, in der Hoffnung, dass es Kyle ebenso früh aus dem Bett getrieben hatte. Denn bestimmt legte dieser im Moment keinen Wert auf die Gesellschaft der übrigen Gäste und gerade an Neujahr konnte er sich um diese Zeit sicher sein, dass die anderen alle noch schliefen.

Und tatsächlich, als Nicolas die Tür zum Morgenzimmer öffnete, saß Kyle bereits mit einer Tasse dampfenden Kaffee in der Hand am Tisch.
Als er aufsah und Nicolas erblickte, verdunkelte sich sein Gesicht. Es war offensichtlich, dass er, nach gestern Nacht, auch auf die Gesellschaft des Anwalts mehr als nur gerne verzichtet hätte. Doch so leicht würde sich Nick nicht davonjagen lassen.
Er atmete einmal kurz durch, dann trat er zu Kyle an den Tisch. Er stellte sich ihm gegenüber auf, streckte die Hand aus, und sagte dann: "Guten Morgen. Mein Name ist Nicolas Wilder, ich bin Anwalt in New York, und, ach ja, ich bin schwul!"

"Nick, was soll der Blödsinn?", fragte Kyle genervt.

"Ich stelle mir dir vor. Was sonst?"

"Und?" Noch immer starrte Kyle Nicolas mehr als irritiert an.

"Darauf erwidert man normalerweise den Händedruck und stellt sich selber ebenfalls vor.", erklärte Nick die Regeln der Höflichkeit. "Es sei denn, man will bewusst unhöflich sein."

"Ich will eigentlich nicht unhöflich sein, aber das haben wir doch schon hinter uns." Noch immer klang Kyle leicht gereizt. Und Nicolas Beharrlichkeit trug nicht gerade dazu bei, etwas an dieser Stimmung zu ändern.

Ernst sah Nick Kyle an. "Haben wir?", fragte er vollkommen ruhig.

"Ja, natürlich! Ich weiß wie du heißt, was du wo arbeitest und auch das du schwul bist. Du weißt wie ich heiße, wo ich was arbeite und du weißt auch, dass ich ebenfalls schwul bin."

"Nein. Denn genau das weiß ich nicht. Ich kenne zwar deinen Namen,...


Teil 11


...und du hast mir auch erzählt, dass du ein Café in Middlebury betreibst, aber du hast mir nie mit einer Silbe gesagt, dass du auch schwul bist", stellte Nicolas richtig.

"Aber...", setzte Kyle an, wurde jedoch gleich wieder von Nicolas unterbrochen.

"Kyle, ich kann nicht hellsehen. Ich habe zwar vermutet, dass du zu einem gewissen Grad mein Interesse erwiderst, aber sicher konnte ich mir nicht sein. Denn du hast mich diesbezüglich immer auf Abstand gehalten. Das heute Nacht war so etwas wie eine Verzweiflungstat. Ich wollte dich wenigstens einmal geküsst haben, auch auf die Gefahr hin, dass du mir vielleicht eine saftige Ohrfeige verpasst. Und ich war mit meinen Gedanken noch dabei zu verarbeiten, dass du tatsächlich mein Interesse zu erwidern schienst, als du schon nach der Zukunft fragtest. Aber wie hätte ich an eine Zukunft denken können, wenn ich von dir noch nicht einmal wusste, ob du schwul bist oder nicht?"

Überrascht schwieg Kyle. Stimmte das? Hatte er über all seine eigenen Gedanken schlichtweg übersehen, dass Nick diese entscheidende kleine Information die ganze Zeit gefehlt hatte? Offenbar.
Aber wenn dem so war, dann hatte er Nicolas im Garten zu Unrecht beschuldigt. Oder zumindest ihm keine Chance gegeben. Doch so wie es aussah, war es dafür noch nicht zu spät. Und so lächelte er, stand ebenfalls auf und sagte: „Guten Morgen. Mein Name ist Kyle Hamilton, ich besitze ein nettes Café in Middlebury, Vermont, bin schwul – und falls es dir nichts ausmacht, so würde ich dich gerne näher kennen lernen, denn ich habe eindeutig Interesse an dir.“

~*~*~*~

„Und, wie war es?“, fragte Cate Kyle.

Es war der Nachmittag des sechsten Januar, und Kyle war vor einer viertel Stunde von der Simmons’schen Weihnachtsgesellschaft zurückgekehrt. Seine Reisetasche stand noch unausgepackt im Schlafzimmer und die Wäsche wartete darauf in die Waschmaschine gesteckt zu werden. Doch offenbar hatte Cate auf der Lauer gelegen, um Kyle gleich ausquetschen zu können, und so hatte dieser die Wäsche Wäsche sein lassen und stattdessen einen Tee für sie beide aufgesetzt.

„War es arg schlimm? Ich mein, ich will ja nur wissen, ob ich mir vorsorglich Watte in die Ohren stopfen muss, um nicht vor lauter Gejammer noch einen Hörschaden davonzutragen.“ Und sie grinsten ihren Freund herausfordernd an.

„Also….“ Kyle setzte schon mal sein bestes leidendes Gesicht auf, das allerdings nicht ganz das leise Leuchten in seinen Augen zu vertreiben mochte. „Die meisten Gäste waren genauso wie ich sie mir in meinen schlimmsten Alpträumen ausgemalt hatte. Schrill, überdreht, und ach so wichtig!“
Doch irgendwie brachte er es nicht fertig, die Leiden des jungen K. glaubwürdig darzustellen. Dafür schwirrten zu viele schöne Gedanken und Gefühle durch seinen Kopf. „Okay, okay, ich geb es zu, so schlimm war es gar nicht. Und ich hoffe für dich, dass du mir eine ordentliche Portion von deinem Truthahn aufgehoben hast, am besten soviel, dass es für zwei reicht.“

Nun wurde Cate aber hellhörig. Truthahn für zwei? Sollte sich ihre scherzhafte Prognose vom Dezember tatsächlich bewahrheitet haben? „Ah ja… darf man auch erfahren, wer der Glückliche ist?“

Und so begann Kyle von Nicolas zu erzählen, von dem Weihnachtsspiel und der verkorksten Silvesternacht...

~*~*~*~

Sie hatten sich die verbleibenden Tage wirklich die Zeit genommen einander näher kennenzulernen und herauszufinden, ob ihr Interesse nur den äußeren Umständen entsprang, oder ob es eine echte Grundlage für eine, wie auch immer geartete, Beziehung war. Und dann waren da ja immer noch die letzten drei Strophen des Weihnachtsliedes gewesen, die es umzusetzen galt. Denn trotz allem Verständnis für ihren Bruder, hatte Marisa nicht eingesehen deswegen auf ihren Spaß zu verzichten. Und dieses Weihnachtsspiel machte ihr nun mal diebischen Spaß, insbesondere, da sie sich sicher war, dass kein anderes Team so gute Ideen hatte wie sie.

***

„Stör ich?“, fragte Marisa am Nachmittag des zweiten Januar.

Kyle und Nick hatten sich wieder in die Bibliothek zurückgezogen. Erschrocken waren sie beide aus ihren dicht zusammengerückten Sesseln aufgefahren und eine leichte Röte überzog Kyles Gesicht. Denn genau in dem Moment, da Marisa den Kopf zur Tür reingesteckt hatte, hatte Nick leise gefragt, ob er Kyle küssen dürfte, und er hatte genickt. Und jetzt hatte Marisa sie um ihren Kuss gebracht.

Entsprechend ungehalten knurrte Nicolas, doch seine Schwester ließ sich dadurch nicht aus der Ruhe bringen. „Na, solange ihr beide in getrennten Sesseln gesessen habt, habe ich wohl nicht wirklich gestört“, meinte sie grinsend und scheuchte ihren Bruder aus dessen Sessel. Schließlich war es schwanger, da durfte man ja wohl mal erwarten, dass ein treu sorgender Blutsverwandter ihr eine Sitzgelegenheit anbot.
Noch immer grummelnd holte Nick sich nun den Schreibtischstuhl, während Kyle Marisa fragte, was sie denn hergeführt hätte.

„Was wohl. Das Weihnachtsspiel. Wir hinken ganz schön hinterher!“

Irritiert sahen sich die beiden jungen Männer an. Hinterherhinken? Dabei fehlten doch nur noch drei Strophen. Die würden sie doch in den verbleibenden Tagen locker schaffen. Doch dann hatte Kyle die Erleuchtung. Er wandte sich zu Nicolas. „Sag mal, kann es sein, dass du vergessen hast deiner Schwester zu sagen, dass wir bereits seit Silvester die achte und neunte Strophe erledigt haben?“

Nicks schuldbewusstes Gesicht sagte alles. Leise murmelte er: „War wohl mit meinen Gedanken woanders…“

Marisa grinste wissend und auch Kyle konnte sich denken, wo Nicolas’ Gedanken gewesen waren.

Schnell weihten sie Marisa in ihre Ideen für die beiden Strophen ein, und wie Nick zwei Tage zuvor prophezeit hatte, amüsierte sie sich besonders über den Vergleich bei den Seligpreisungen.

„Gut, aber es bleiben immer noch drei Strophen. Die nächste wären die zehn Pfeifer. Für was stehen die, Kyle?“

„Lass mich raten“, sagte Nicolas, noch ehe Kyle zu einer Antwort hatte ansetzen können. „Für die zehn Gebote.“

Kyle lächelte. „Stimmt genau. Der Kandidat erhält 99 Gummipunkte. Für 100 Gummipunkte erhalten sie in unserem Shop eine aufblasbare Waschmaschine. Leider gibt es aber nur 99-Punkte-Pakete und Gewinne können nur mit der genauen Summe eingetauscht werden“, scherzte er.

„Die zehn grundlegendsten Gesetze, quasi die höchsten Gesetze“, überlegte Nicolas, nachdem er Kyle strafend angeblickt, doch zugleich zärtlich gelächelt hatte.

„Wie wäre es mit den Richtern des Supremecourt? Der höchste Gerichtshof, und dessen Richter stehen für die Einhaltung der Gesetze.“, schlug Marisa vor.

„Darf ich dich daran erinnern, liebes Schwesterherz, dass im Supremecourt nur neun Richter sitzen? Ein vorsitzender Richter und acht beisitzende Richter.“

„Alter Besserwisser. Wie könnte ich mit dir als Bruder so etwas grundlegendes Juristisches vergessen! Aber ist es denn so wichtig, ob es nun neun oder zehn Richter für die Strophe sind?“

„Ich glaube nicht“, mischte sich Kyle ein, ehe Marisa und Nick sich ernsthaft streiten konnten. „Doch wenn ihr lieber zehn statt neun Richter schreiben wollt, nun, so könnten wir doch Gott als zehnten und höchsten Richter benennen.“

***

Damit war die Sache dann geklärt gewesen. Und bei der elften Strophe zeigten sich sowohl Nick als auch Marisa kompromissbereit, da die Idee, die Kyle für die elf loyalen Apostel hatte, war einfach zu toll um groß zu streiten. Denn Kyles Vorschlag umfasste ganze 56 loyale Anhänger. Nämlich jene Anhänger der USA, die 1776 die Unabhängigkeitserklärung unterzeichneten.

Und auch bei der zwölften...


Teil 12


... Strophe hatte man sich schnell geeinigt. Denn was wäre näherliegend gewesen, als für die zwölf Aussagen den Glaubensbekenntnis einfach den Treueschwur auf die US-Flagge zu wählen?

Mit blitzenden Augen, einem breiten Grinsen auf dem Gesicht und einem Ausdruck größter Genugtuung warf Marisa ihren Spielzettel am vorletzten Tag in die große Vase in der Halle. Und ging danach vor lauter Aufregung und Vorfreude, wer wohl am nächsten Morgen zum Sieger gekürt würde, Nicolas und Kyle dermaßen auf die Nerven, dass diese schließlich die Flucht ergriffen und einen ausgedehnten Spaziergang durch die noch immer verschneite Landschaft machten.

Es war wohl spätestens bei diesem Spaziergang gewesen, dass ihnen beiden klar geworden war, dass sie sich wiedersehen wollten. Zwar war Middlebury jetzt nicht gerade um die Ecke von New York City, aber die Entfernung war nun auch nicht so groß, dass ein wirkliches Hindernis gewesen wäre.

„Ich könnte z.B. mal für ein Wochenende zu dir rauffahren... Und du servierst mir den besten Kaffee Middleburys...“

„Und wenn du Glück hast, hat Cate genug Truthahn für zwei aufgehoben, dann bekommst du auch noch etwas vom besten Truthahn Middleburys.“, fügte Kyle lächelnd hinzu. Ihm gefiel die Aussicht, dass Nicolas ihn besuchen würde sehr. So sehr, dass er Nick spontan auf die Wange küsste.

Glücklich streichelte Nicolas Kyles Hand. Er fühlte sich gerade rundum wohl.
Es war wie in Leroy Andersons „Sleighride“: „It’s grand – just holding your hand.“ Überhaupt fühlte Nicolas sich gerade so, als würden alle Weihnachtslieder genau auf Kyle und ihn zutreffen. Er hätte auf der Stelle ein Dutzend Liedzeilen benennen können, angefangen mit wohl dem halben Text aus „Winterwonderland“, bis hin zu „through the years we all will be together, if the fate’s allow“ aus „Have yourself a merry little christmas“. Schade, dass spätestens morgen sämtliche Weihnachts-CDs wieder für die nächsten elf Monate eingemottet würden. Andererseits hatte er schon seit dem 11. Dezember „Last Christmas“ nicht mehr hören können. So hatte eben alles seine Vor- und Nachteile.
Nick grinste und drückte Kyles Hand ein wenig fester. Dieser überlegte gerade laut, wann in diesem Jahr die Semesterferien waren, denn dann könnte er ja Nick in NY besuchen.

~*~*~*~

„Und wie ging es weiter?“, fragte Cate neugierig.

„Was? Das Weihnachtsspiel oder Nick?“, entgegnete Kyle gespielt zurückhaltend.

„Blödel! Beides natürlich!“

„Okay, stelle dir etwa zwei Dutzend Menschen vor, die alle mehr oder weniger aufgekratzt heute Morgen im Frühstücksraum und im großen Wohnzimmer rumlungern. Darunter auch leider Nick und ich, denn Randolph hatte sich mit seiner Frau für die Auswertung in die Bibliothek zurückgezogen und so konnten wir uns nicht dorthin zurückziehen. Also mussten wir wohl oder übel die ganze Meute ertragen. Stell dir vor, einige der Frauen waren sogar so aufgeregt, dass sie nichts frühstücken konnten.“ Kyle verdrehte die Augen. Wie konnte man sich nur so albern aufführen?
„Überall tuschelten und wisperten die Paare, schienen zu diskutieren ob man nicht lieber dieses anstelle von jenem hätte nehmen sollen, und dazwischen Marisa, die nun plötzlich auch ziemlich nervös war, schließlich war unsere Interpretation reichlich gewagt. Was, wenn am Ende eines der Paare gewann, die für die zwei Turteltauben so ein billiges Liebesromancover genommen hatten? Nicht auszudenken. Und so hatten Nick und ich alle Hände voll zu tun, sie davon abzuhalten, sich aus dem Kellerfenster zu stürzen.“

Cate grinste. Sie kannte bereits Kyles Art, alles ein wenig sarkastisch und ein wenig übertrieben darzustellen, aber meist traf er damit den Kern der Sache doch recht gut, weshalb sie seine Erzählweise liebte.

„Und dann, Punkt elf Uhr, öffnet sich die Tür zur Bibliothek, Mr. und Mrs. Simmons kommen heraus, und schon an ihren Gesichtern ist zu erkennen, dass sie einen Sieger gewählt haben. Augenblicklich stürzt die ganze Meute in die Halle, zwängt sich durch die Türen, als würde der endgültige Sieg erst durch einen Haus-Wettlauf entschieden.
Doch Randolph ließ sich dadurch nicht aus der Ruhe bringen, und erst als wirklich alle, also auch Nick und ich, die hinterhertrödelten, in der Halle waren, lüftete er das große Geheimnis:

„Erst einmal: Ich wusste noch gar nicht, dass wir so viele verschiedene Liebesschnulzen in unserem Haus haben...“
Verlegenes Gelächter von all jenen, die damit die zweite Strophe beantwortet hatten, was also etwa die Hälfte der Anwesenden ausmachte, dann fuhr er auch schon fort: „Doch der Sieg gebührt eindeutig dem Team mit der tiefschürfendsten Interpretation.“
An dieser Stelle legte er eine kleine Kunstpause ein, um den Anwesenden die Möglichkeit zu geben, sich zu fragen, was es bitte tiefschürfendes bei einem Weihnachtslied gäbe. Und auf Marisas Gesicht breitete sich ein Leuchten aus, dass wohl halb Manhattan in diesem Moment mit Licht hätte versorgen können.
„Ihre Erklärung der ursprünglichen Bedeutung dieses Weihnachtsliedes und ihre weiterführende Interpretation beschert ihnen zu Recht den ersten Platz und damit auch den Preis von einer Woche in unserer Jagdhütte. Herzlichen Glückwunsch, Marisa, Nicolas und Kyle!“

Jetzt war die Verwirrung perfekt. Das Lied sollte eine ursprüngliche Bedeutung haben? War es dann nicht unfair, diese nicht allen Spielern mitzuteilen, damit alle wieder die gleichen Chancen hatten? Diese und ähnliche Fragen standen einigen der anderen Gästen ins Gesicht geschrieben, während andere Neugier zeigten und wissen wollten, was es mit dem Lied auf sich hat. Und Nicolas und ich zogen es vor, uns jetzt in die wieder freigewordene Bibliothek zurückzuziehen um dem ganzen Zirkus zu entgehen.“

„Um euch ausgiebig und unbeobachtet zu verabschieden?“, spöttelte Cate, doch sie freute sich von Herzen darüber, dass Kyle anscheinend endlich jemanden gefunden hatte.

„Was heißt hier unbeobachtet. Allenfalls solange, bis Marisa auftauchte um ihren Bruder daran zu erinnern, dass Nicolas und sie, im Gegensatz zu mir, noch ein gutes Stück Weg vor sich hätten, und deshalb vielleicht demnächst losfahren sollten.
Na ja, das mit dem Erinnern verschob sie dann auf den zweiten Satz, denn als erstes meinte sie loswerden zu müssen, dass wir vielleicht doch besser Nick und mich bei den zwei Turteltauben hätten angeben müssen. Ich glaube, wenn in dem Moment ein Buch griffbereit gewesen wäre, hätte sie sich durchaus ducken müssen.“

Jetzt konnte Kyle über Marisas Direktheit und ihren Hang Nick und ihn immer wieder zu stören lächeln, doch vor wenigen Stunden hätte er sie, genau wie ihr Bruder, am liebsten auf dem Mond gesehen. Es war ja auch nicht gerade schön, wenn man sich mit einem zärtlich-innigen Kuss von seinem neugefundenen Freund verabschiedete und plötzlich von der Tür her jemand spöttische Kommentare abgab. Dass sie eigentlich schon beim fünften, oder sechsten, oder zwölften derartigen Abschiedskuss, denn auch Nicolas war sich bewusst gewesen, dass sie recht früh würden aufbrechen müssen, gewesen waren, fiel dabei nicht ins Gewicht. Denn schließlich würden sie sich ja jetzt für zwei Wochen nicht sehen. Erst dann würden die Klienten ihm wieder etwas Luft lassen, hatte Nick erklärt.
Bis dahin mussten sie sich mit E-Mails und dem Telefon begnügen. Doch dann würde ihn nichts in der Welt davon abhalten, sich in sein Auto zu setzen und nach Middlebury zu fahren. Und allein schon bei dem Gedanken daran, Nicolas wiederzusehen, breitete sich ein wunderbar warmes Gefühl in Kyles Magengegend aus und ein glückliches Lächeln schlich sich auf seine Lippen...


Ende