Du befindest Dich hier: Geschichten > Geschichten frei bis 16 > Cate > Bittersweet feelings > Bittersweet feelings Teil 1 bis 6

Bittersweet feelings Teil 1 bis 6

Kapitel 1

"...ji...YOHJI!!", drang eine stimme unter die dicke Decke des ältesten Weiß, die dieser fest um sich, insbesondere seinen Kopf geschlungen hatte. Grummelnd wühlte er sich ein wenig aus dem Stoff und sah sich Ken gegenüber, der spöttisch auf ihn herablächelte. "Wieder unter den Lebenden?" War der Braunhaarige eigentlich schon immer so laut gewesen? Yohji konnte sch nicht daran erinnern. Stöhnend verzog er das Gesicht, bevor er es wieder im Kissen vergrub. Doch so schnell war ein Kenken nicht abzuwimmeln.
 
"Aya hat gesagt, dass du noch fünf Minuten hast, bevor er dich holen kommt..." Wieder tauchte das Gesicht unter dem blonden Haarschopf auf. "Er hat geredet? Um diese Uhrzeit?", fragte Balinese aufs Höchste verwundert. Das war doch nicht möglich! Und wirklich, Siberian grinste nur leicht und zuckte die Schultern.
"Er hat ganz genüsslich seine Zeitung zusammengefaltet und sich noch einen Tee
eingegossen, nachdem er auf die Uhr gesehen hat...du weißt, was das bedeutet...."
 
Ok spätestens jetzt wusste Yohji, dass sein Kollege Recht hatte und er sich wirklich
schleunigst erheben sollte, wenn er nicht gleich eine unfreundliche Bekanntschaft mit dem Fußboden machen wollte. Trotzdem siegte wieder der Kleinkindtrotz.
"Warum muss ich aufstehen? Ist doch sowieso nichts im Laden los...", moserte er genervt.
 
Ken rollte die Augen, denn manchmal machte Yohji seinem Namen alle Ehre[1] ...naja meistens sogar. Schnell packte er zu und riss dem anderen einfach die Decke weg, nur um sofort rot anzulaufen und sie zumindest zum Teil wieder herzugeben. Er hatte nicht bedacht, wie der andere normalerweise schlief und bekam nun ein wohlgeformtes, blankes Hinterteil entgegengestreckt.
 
"Erstens bekommen wir heute eine neue Lieferung und zweitens hat Aya es gesagt..." Damit war der Fall doch wohl erledigt, oder? Er hatte allerdings nicht die Diskussionsfreude eines verschlafenen Killers mitten in der Nacht bedacht. Immerhin war es erst neun Uhr.
 
"Menno, ich will aber nicht...ich steh nie wieder auf..." Yohji klang wild entschlossen, das durchzusetzen, weswegen Ken sich ein Lachen verbeißen musste. Man sollte nicht glauben, dass da der Älteste von ihnen vor ihm lag. Selbst die Schlafmütze Omi war vernünftiger.
"Oh gut, dann kann Aya dich ja aufsaugen, wenn du genug getrocknet bist und ich bekomm dein Zimmer!" Das half. Schneller als man schauen konnte saß Balinese senkrecht im Bett.
"Nichts bekommst du!"
 
Er maulte noch ein bisschen herum, schwang aber schließlich seinen - seiner Meinung nach - göttlichen Playboykörper aus den Laken und streckte sich ausgiebig. Ken machte schnell, dass er davonkam, bevor er noch Nasenbluten kriegte. Yohji hatte aber auch wirklich kein Schamgefühl! Ok, musste man bei so einem Körper auch nicht haben, aber für ihn war es einfach nur peinlich, zumal er nicht unbedingt darauf scharf war, dass jeder wusste, dass er schwul war.
 
Eigentlich stand er ja dazu, aber er wollte das Risiko lieber nicht eingehen, das seine Freunde und Kollegen negativ darauf reagierten, zumal er keine Ahnung hatte, was sie über dieses Thema dachten. Omi hätte wohl am ehesten Verständnis für ihn, Aya wäre es wahrscheinlich egal und Yohji würde ihn auslachen. Darauf konnte er dann doch verzichten.
 
Auf dem Gang begegnete er Aya, der ihn finster anfunkelte. Oh oh, der hatte wohl das mit dem Staubsauger gehört. Der Rothaarige hasste es wie die Pest, wenn man ihn in nahem Zusammenhang mit Haushaltsgeräten nannte, obwohl er ja nun wirklich der Einzige war, der sie regelmäßig benutze. Er war allerdings auch der Einzige, der wusste, wie man sie richtig einsetzte, ohne sich und seine Umgebung, vor allem die etwas wertvolleren Einrichtungsgegenstände zu gefährden.
 
Es war also kein Wunder, dass man immer nur ihn mit Staubsauger und Mob hantieren sah, stilecht mit Staubwedel und Schürze. Ein Anblick, der dermaßen zum Lachen reizte, dass sich die übrigen Weiß-Killer lieber verzogen, solange ihr
Anführer putzte, denn sie hätten es wohl nicht überlebt, wenn sie sich über ihr 'Hausmädchen' lustig gemacht hätten, dafür verstand sich dieses zu gut auf den Umgang mit spitzen, scharfen Gegenständen. Im Grunde genommen waren sie ja auch alle drei froh, dass Abyssinian das übernahm, denn sonst wären sie früher oder später im Dreck erstickt und sowieso schon längst verhungert, weil keiner auch nur annähernd Essbares zustande brachte.
 
Verlegen kratzte Ken sich am Hinterkopf. "Ähm...er ist aufgestanden...", informierte er seinen Leader. Der nickte nur und verschwand in seinem Zimmer.
 
Kopfschüttelnd sah der Fußballer dem eisigen Rotschopf hinterher. Aus dem würde er wohl nie schlau werden, auch nach den zwei Jahren, in denen sie nun schon zusammenarbeiteten nicht. Seufzend begab sich der braunhaarige Junge wieder in die Küche, um den Tisch fertig zu decken. Immerhin sollte die morgendliche Frühstücksschlacht bald beginnen und darauf musste man ja schon entsprechend vorbereitet sein.
 
Eine Viertelstunde später bequemte sich auch wirklich ein immer noch recht verschlafener, aber inzwischen geduschter Playboy die Treppen hinunter. Ok, er war zumindest das, was Yohji unter angezogen verstand. Bedeckt mit Kleidungsstücken, die seine Haut mehr entblößten als versteckten, wie sie es eigentlich tun sollten, denn dazu war Kleidung doch da oder? Wäre Ken nicht an diesen Anblick gewöhnt, er hätte sicher zu sabbern begonnen.
 
Müde kratzte sich der blonde Mann am Bauch und ließ sich mit einem absolut mitleiderregenden Seufzen und einer theatralischen Geste auf seinen Stuhl sinken. Der Fußballer konnte nur wieder den Kopf schütteln, stand aber schicksalsergeben auf und füllte Yohjis Tasse mit lebensspendendem Kaffee, bevor Aya wieder herunterkam und womöglich über den Müll meckerte, der herumlag. Damit konnte man den Playboy nämlich im Moment gut verwechseln, so wie der in seinem Stuhl hing.
 
"Bist du doch tot?", fragte der Braunhaarige seinen Kollegen neckend. Der grummelte nur übelgelaunt und grapschte dann nach der Tasse, die ihm entgegengestreckt wurde. Ahh Kaffee, gab es etwas besseres am frühen Morgen...von einem weichen, warmen Bett mal abgesehen...und vielleicht...nein diesen Gedanken verfolgte er besser ein andermal weiter.
 
Nebenbei fiel ihm auf, dass er schon seit einer verdammt langen Zeit nicht mehr morgens/mittags neben jemandem aufgewacht war. Grübelnd starrte er in die dampfende, schwarze Flüssigkeit in seiner weißen Tasse mit dem lachenden Kondom drauf. Er wusste auch nicht warum, aber er liebte dieses Ding. Seltsam, denn ausgerechnet Aya war auf die Idee gekommen, sie ihm zum Geburtstag zu schenken.
 
Er schüttelte den Kopf, vielleicht half ja dass, seine karussellfahrenden Gedanken in Reih und Glied zu bringen. Aber anstatt in geordneten Bahnen zu laufen, rannten sie noch wirrer durcheinander. Der ganz normale Morgenwahnsinn, wie er befand. Stöhnend ließ er seinen dröhnenden Kopf auf die Tischplatte sinken. Er hätte gestern eindeutig nicht so viel trinken sollen, dann würde ihm heute das Denken vielleicht leichter fallen.
 
Warum hatte er sich eigentlich betrunken? So hässlich war die Frau, die ihn angegraben hatte nun auch wieder nicht gewesen. Groß, lange Beine, kurze schwarze Haare, eigentlich nicht so sein Typ aber eigentlich ganz ansehnlich. Sie waren schnell ins Gespräch gekommen, aber es war deutlich zu spüren gewesen, dass die Kleine nicht nur reden wollte. Er hatte keine Ahnung, wie sie in dem etwas schäbigen Hotelzimmer gelandet waren und auch was danach passiert war, lag ziehmlich im Dunkeln. Er wusste nur noch, dass er wohl recht schnell abgehauen war, konnte aber nicht mehr sagen, ob da mehr passiert war oder nicht.
 
Eine Hand auf seiner Schulter riss ihn zurück in die Realität. Als er aufsah bemerkte er das Aspirin und das Wasserglas vor seiner Nase. Dankbar nahm er beides an und war froh, dass Ken nicht weiter nachfragte, sondern ihn einfach grübeln ließ, denn ihm stand im Moment nicht der Sinn nach langen Gesprächen und zu so einem würde es zweifelsfrei ausarten, wenn er erst einmal zu reden begann.
 
Seit Wochen ging das schon so, dass er sich sinnlos betrank, sich abschleppen ließ und schließlich doch wieder flüchtete, hinterher aber nicht mehr wusste wieso und weshalb. Das war doch nicht normal, vielleicht sollte er ja mal einen Arzt oder so aufsuchen. Vielleicht wurde er aber auch impotent und ergriff deswegen immer die Flucht. Der Gedanke durchzuckte ihn siedendheiß und sofort saß er senkrecht auf seinem Stuhl, was ihm seltsame Blicke seines Kollegen einbrachte.
 
Konnte das denn sein, dass er Yohji Kudou, Tokios größter Lover und Playboy Nr. 1 es einfach nicht mehr brachte, dass er wirklich... Er schluckte hart und wagte es nicht, den Gedanken erneut weiterzuführen. Nein, nein, das war sicher nur eine Phase, nicht mehr und nicht weniger...wenigstens solange er es sich einredete.
 
Er beschloss, diese Diskussion auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben, bevor Ken noch auf dumme Gedanken kam und womöglich nachhakte. Der Jüngere hatte gelegentlich trotz seiner etwas langen Leitung und der Tollpatschigkeit ein erstaunliches Gespür für die Stimmungen seiner Kollegen, dass es einem fast Angst machen konnte.
 
Zum Glück wurde Yohji durch das eben durch die Tür schießende, reichlich aufgelöst wirkende Hauschibi abgelenkt und sofort schaltete sich in ihm der gewöhnliche Modus ein, den er für seine Umwelt parat hielt. "Na Kleiner, schon so früh auf?", neckte er den Teamjüngsten frech.
 
Der stoppte mitten in der Bewegung und warf dem Älteren einen bitterbösen Blick zu, der bei ihm allerdings eher niedlich wirkte. "Nenn mich nicht Kleiner!", fauchte er gereizt und sein Blick schwenkte um auf Ken. "Warum hast du mich nicht geweckt? Ich komm zu spät zur Schule!" Gar nicht auf eine Antwort wartend, knöpfte er sein Hemd bis oben hin zu und stopfte es eilig in die Hose. "Meine Socken!", quietschte er erschrocken, als sein Blick auf seine nackten Füße fiel.
 
Auf dem Gang rannte er beinahe in Aya hinein, der einen Schritt zur Seite machte, um dem Wirbelwind zu entgehen. Heute hatten es eindeutig alle auf ihn abgesehen. Fehlte nur noch Yohji, dann war das Trio perfekt. Seelenruhig ging er in die Küche und schmierte dem Jüngsten sein Pausenbrot, legte es an den üblichen Platz und nahm schweigend die Autoschlüssel zu seinem Porsche.
 
Genauso lautlos wie er gekommen war, verließ er die Küche wieder und wenige Sekunden später fiel die Haustür mit einem leisen Klicken ins Schloß. Die beiden zurückgebliebenen grinsten sich synchron an. Aya wusste immer ganz genau was zu tun war und er wusste auch, dass Omi mal wieder den Bus verpasst hatte. Aus der oberen Etage drang ein Schrei zu ihnen herunter. Anscheinend war es dem blonden Jungen auch gerade aufgefallen.
 
Es polterte und fluchte und er verwuscheltes Chibi kam auf einem Fuß in die Küche gehüpft, weil er verzweifelt versuchte seinen Schuh an den anderen zu bekommen. Nur dank Yohjis hilfreich ausgestrecktem Arm wurde er vor einer Kollision mit den Küchenfliesen bewahrt. Hastig flog sein Blick zur Brotdose und sein Gehirn entschied, dass dafür keine Zeit mehr war. Eine weitere Hand, die dieses Mal Ken gehörte, drückte ihm das fertige Pausenbrot in die Hand und strich die blonden Strähnen glatt, während der Junge noch verwirrt auf das Päckchen starrte.
 
Dann bekam er seine Schultasche umgehängte und mit einem Schubs von zwei Händen stolperte er aus der Haustür, durch den Vorgarten, direkt auf den weißen Wagen zu, der bereits vor der Auffahrt auf ihn wartete. Mit betretenem Gesichtsausdruck und leicht geröteten Wangen stieg er ein und krümelte sich auf dem Ledersitz zusammen, um möglichst nicht aufzufallen.
 
Auf sein gemurmeltes "Gomen ne...arigatou Aya-san...", bekam er wie immer nur ein gebrummtes "Hn..." Ein ganz normaler Morgen eben und Omi nutzte die zwanzig Minuten Fahrtzeit, sich noch einmal den Stoff der ersten Stunde durchzusehen. Mit dem Rotschopf ein Gespräch anzufangen hatte er schon lange aufgegeben.
 
Es wunderte ihn nur, dass der andere das morgendliche Theater immer wieder mitmachte, ohne sich zu beklagen, oder die Geduld zu verlieren. Schon erstaunlich, denn Aya war ja nicht gerade bekannt für seine Umgänglichkeit, wenn ihm etwas nicht passte. Aber er sagte nie etwas, schmierte Omi jeden Morgen sein Pausenbrot, ohne das ihn jemals jemand darum gebeten hätte.
 
Omi fand allerdings keine Zeit, sich länger Gedanken über das manchmal recht merkwürdige Verhalten seines Anführers zu machen, denn sie hielten vor der Schule. Der Junge bedankte sich noch einmal und sprang dann aus dem Wagen, damit Aya nicht noch länger warten musste. Er ahnte nicht, dass der weiße Porsche stehen blieb und ihm der wachsame Blick amethystfarbener Augen folgte, bis er das Schultor passiert hatte.
 
Erst, als Ran sich sicher war, das sein Schützling dort war, wo er hingehörte, wendete er den Porsche und fuhr zurück zum Koneko.
 
Dort war Ken gerade dabei, die Einkaufsliste zusammenzustellen, den er noch am Vormittag erledigen wollte. Da Aya ja kochte, war in dessen feiner Handschrift bereits alles aufgeführt, was er für die Hauptmahlzeiten benötigte. Von Ken wurde nur noch erwartet, dass er genau das besorgte und an die Grundnahrungsmittel wie Bier und Chips in Yohjis Fall, Schokolade für Omi und Popcorn für sich selbst sowie Getränke dachte. Dafür war er von den anderen Haushaltspflichten entbunden, bei denen er ohnehin nie eine große Hilfe war. Bei ihm ging meistens mehr zu Bruch als dass es sauber wurde.
 
"Brauchst du noch was?", fragte er sein blondes Gegenüber, das bereits die dritte Tasse Kaffee in sich hineinkippte. Yohji schluckte, dachte kurz nach und schüttelte dann den Kopf. "Nein ich denke nicht, meine Kosmetik besorge ich selbst, du kaufst nur das falsche..."
 
"Wenn du auch immer so ganz speziellen Kram von Arma-irgendwas und dem Zwerg da willst..." Kenn rollte genervt die Augen, denn er hatte nicht die geringste Lust, nur für Yohjis Düftchen und Cremchen durch die halbe Stadt zu fahren.
 
Der Playboy schnaubte entrüstet. "Armani heißt das und Calvin Klein ist kein Zwerg, sondern heißt nur so!" Seit er den Namen mal im Wörterbuch nachgeschlagen hatte, wurde er von Ken und Omi pausenlos aufgezogen. Aber eine Ikone wie er stand über solch neidischen Anfeindungen. Meistens jedenfalls. Zumindest dann, wenn er nicht, wie gerade, in einer Lebenskrise steckte.
 
Ken dagegen verstand gar nicht, was an diesen sündteueren Kosmetik-Artikeln so toll sei sollte und vervollständigte seine Liste, indem er noch ein paar persönliche Dinge draufsetzte.
 
"Ok, dann fahr ich jetzt mal...", verkündete er und stand auf, was ihm einen entsetzten Blick von Yohji einbrachte. ''Was? Du willst mich doch nicht mit Mr. Eis alleine lassen?!" In Balineses Stimme schwang eindeutig leichte Panik mit.
Ken verbiss sich gekonnt ein breites Grinsen. "Warum nicht? Er sagt doch sowieso nichts..."
 
"Das ist es ja! Und wenn man auch nur einen überflüssigen Ton von sich gibt, von dem er sich angesprochen fühlt, dann..." Yohji schauderte etwas sehr übertrieben, was seinen Kollegen nun wirklich zum Lachen reizte. "Yohji, stell dich bitte nicht so an, als wärst du erst drei und müsstest beim bösen Onkel Aya zurückbleiben."
 
"Is aber so, ich werd sicher eingehen vor Langeweile..." Yohji zog wirklich alle Register, versuchte es sogar mit Omis Chibi-Bettelblick, der bei ihm allerdings reichlich daneben ging und nur lächerlich wirkte.
 
Ken erwiderte nichts mehr, hier wäre wohl jedes Wort vergebene Liebesmüh gewesen. "Ich werde jetzt gehen und du kannst ja was gegen deine Langeweile tun, indem du mal zur Abwechslung nicht nur rumhängst und auf Weiber wartest, sondern Aya mit der Lieferung hilfst..." Er hatte zwar keine Hoffnung, dass das ihren Anführer mehr entlockte, als eine hochgezogene Augenbraue und ein kühler Blick, aber einen Versuch war es wert und immerhin würde sein Freund dann nicht die ganze Zeit vor sich hinbrüten. Er würde dem anderen ja zu gerne helfen, aber bedrängen brachte gar nichts, das wusste er aus Erfahrung.
 
Also raffte er Geld, Liste und die Schlüssel von Yohjis Seven zusammen und verließ rasch das Haus, nachdem er sich Schuhe und Jacke angezogen hatte. In der Auffahrt begegnete ihm Aya, der soeben den Porsche auf seinem Platz parkte, so fein säuberlich gerade, als wären dort Abstandhalter eingebaut worden. Er selbst war ja froh, wenn er unbeschadet vom Supermarkt wiederkam. Aber er war ja auch nicht so perfekt, er war nur Baka-Ken.
 
Seufzend stieg er ein, startete den Motor, der sogleich schnurrend ansprang und steuerte das Fahrzeug mit mehr Glück als Geschick rückwärts aus der Einfahrt und dann in Richtung Supermarkt. 

 
Kapitel 2

"FARFARELLO!!!!!!!" Schuldigs Stimme überschlug sich fast, als er den Namen seines Kollegen durchs Haus brüllte. Er schien ganz kurz vor einem mörderischen Tobsuchtsanfall zu stehen und wenn man sein Gesicht sah, hatte man das Gefühl, das er bereits mitten drin war, denn die Farbe seiner Haut biss sich bereits sehr stark mit dem leuchtenden Orange seiner Haare.
 
Einige mehr als unflätige Flüche folgten, wobei ihm wohl jeder den guten Rat gegeben hätte, wenigstens zwischendurch mal Luft zu holen. Daran dachte er im Moment nämlich gar nicht und so wechselte seine Gesichtsfarbe nach einer Weile zu Lila. Keuchend und schnaufend stand er schließlich im Gang des oberen Stockwerks der Villa Schwarz, während seine grünen Augen nach dem Übeltäter suchten.
 
Wie nicht anders zu erwarten blieb der natürlich verschwunden, was Schuldig selbst durchaus verstehen konnte, niemand setzte sich freiwillig seinem Zorn aus. Selbst seine ärgsten Feinde zitterten vor ihm.
 
Wutschnaubend stürzte er die Treppe hinunter, stolperte über seine eigenen Füße und fing sich gerade noch am Treppengeländer ab. Allerdings hatte er seinen Schwung und seine untere Körperhälfte nicht bedacht, die nun beide von seinem rechten Fuß, beziehungsweise dessen großen Zeh gebremst.
 
Aufjaulend und auf einem Bein hüpfend, sich das verletzte Körperteil haltend war er im unteren Flur gelandet und fluchte sich die Seele aus dem Leib. Der weißhaarige Ire spielte dabei in seinen Ausführungen eine nicht ganz unwesentliche Rolle, was aus der Sicht des Deutschen durchaus verständlich war.
 
Wo war er, der Übeltäter... der Kranke... der Perverse... der Mörder... der IRRE??!!! Das war die Tat eines Wahnsinnigen und überhaupt, solch eine Greultat konnte nicht ungesühnt bleiben, das konnte nicht angehen! Rache... ja er wollte Rache! Blutig wenn möglich... schmerzhaft war ja leider schwer möglich.
 
Sein Blick fiel auf die geschlossene Kellertür. Aha! Da hatte sich die miese, kleine Mörderratte also versteckt. Er sah noch einmal auf den Corpus Delicti in seinen Händen und für einen Augenblick traten ihm Tränchen in die Augen, die im Moment fast vollständig von langen Haaren verdeckt waren.
 
Warum hatte Farfie das nur gemacht? Er hatte ihn doch die letzten Wochen über gar nicht geärgert, war brav einkaufen gegangen, wenn man es von ihm verlangte, hatte auch nur ein ganz kleines bisschen über den Abwasch gemeckert und auch ansonsten war er doch wirklich nicht schlimm gewesen. Warum also, warum nur?
 
Seine armen, armen geliebten Schätzchen, seine Goldstücke! Aber er hätte es wissen müssen! Schon als der Ire urplötzlich verkündet hatte, dass er sich jetzt Hobbies zum Entspannen zulegen würde, hätte er es wissen müssen. Oder spätestens, nachdem Nagis Druckerpapier und seine eigene Nagelschere verschwunden waren und Crawfie sie unheimlich über den Papiermüll aufregte, der sich unglaublich vermehrt hatte.
 
Aber so was... so was... Unglaubliches! So was hatte er doch wahrlich nicht verdient, oder? So schlimm waren die paar Morde, die er schon begangen hatte nun auch wieder nicht! Schniefend, sich aber wieder am Riemen reißend, damit er nicht doch noch in Tränen ausbrach, stieß er die massive Stahltür auf und hüpfte die Treppe hinunter, weil sein Zeh immer noch sehr gemein wehtat.
 
Unten angekommen steuerte er schnurstracks auf die geschlossene 'Zimmertür' des Iren zu, riss diese einfach auf, ohne zu Klopfen. Wer brauchte schon Höflichkeit? Er jedenfalls nicht.
 
Er prallte zurück, als er unverwandt in ein goldenes Auge starrte, das zu einem Gesicht gehörte, welches sich nur drei Millimeter von seinem entfernt befand. Farfarello schien nur auf ihn gewartet zu haben, jedenfalls stand er auf einem Schemel, so dass sie sich auf gleicher Augenhöhe befanden.
 
Für einen Moment war Schuldig absolut sprachlos und gab eine gelungene Fisch-Imitation ab, als er seinen Mund ein paar Mal auf und zu klappte, ohne dass etwas herauskam. Er arbeitete nun schon so lange mit Farf zusammen, doch noch immer konnte der Weißhaarige ihm einen Schreck einjagen, und das, ohne sich auch nur im Geringsten anzustrengen, oder sich auch nur zu bewegen. Er stellte sich einfach auf einen Schemel hinter eine Tür und wartete.
 
Und wie er da auf dem Hocker stand, völlig bewegungslos mit keinerlei Ausdruck auf dem blassen Gesicht. Nur wenn man ganz genau hinsah, konnte man einen Funken Belustigung in dem einzelnen Auge sehn. Schuldigs Wut flammte wieder auf. Wie konnte der es wagen, sich über ihn lustig zu machen! Musste das jetzt unbedingt noch sein?
 
"Warum?" Seine Stimme zitterte ganz deutlich und er packte das Shirt des Kleineren und hob ihn etwas an, so dass er jetzt nur noch auf den Zehenspitzen auf dem Schemel stand. "Warum hast du ihnen das angetan? Sie konnten sich noch nicht mal wehren...du...DU...IRRER!" Das dem Orangehaarigen kein Schaum vorm Mund stand war aber auch schon alles.
 
Farf zuckte nur die Schultern, fand es aber nicht für nötig, sich dazu zu äußern. Interessiert musterte er den aufgelösten Schuldig und machte sich geistig den Vermerk, dass er das nächste Mal einen Fotoapparat herrichten sollte, um diese Augenblicke des Triumphes für die Nachwelt, oder einfach nur sich selbst, festzuhalten.
 
Und wie er seinen Sieg genoss! So sehr wie das Kekschenbacken für Nagi, nein noch viel mehr! Es tat so wunderbar gut, den nervigen Deutschen so zum Verzweifeln zu bringen. Waren das da nicht Tränen in den grünen Augen? Hoffentlich! er beugte sich vor, um besser sehen zu können.
 
Erschrocken wich der Orangehaarige einen Schritt zurück. Was sollte denn das bitteschön? Drehte Farf jetzt ganz ab? Bestimmt hatte der gute Braddy mal wieder über aller Arbeit vergessen, dem Weißhaarigen seine Tabletten zu verpassen. Auf die Idee, dass er da ja auch mal selber mit dran denken könnte, kam er erst gar nicht.
 
Sein Mund verzog sich angewidert. Ok, er war bi, aber erstens wusste dass nur sein Leader, glaubte er zumindest, und zweitens war Farfarello echt nicht sein Typ. Zu... irre... und narbig... und.... irre, ganz eindeutig. Er bevorzugte normalere Personen.
 
Allerdings bezweifelte er auch, dass richtige, zwischenmenschliche Beziehungen in Farfs Gedankenwelt überhaupt vorkamen, wenigstens solche nicht. Der andere schien ja starke Muttergefühle für ihren Chibi zu hegen, aber das konnte sich auch ziemlich schnell wieder ändern. Lag wahrscheinlich eh nur an dem ungetesteten Zeugs, mit dem er von Brad gefüttert wurde. Schuldig wollte gar nicht wissen, wo sein Anführer den Kram her hatte, aber immerhin schien es ja zu wirken.
 
Knurrend verengte er seine Augen und schnappte sich den Irren. Ihn fest am Arm gepackt haltend schleifte er ihn hinter sich her die Kellertreppe hinauf zur Küche, wo Brad garantiert saß und Zeitung las. Und die kleine Plage stopfte wohl diesen schrecklichen amerikanischen Flockenfraß in sich hinein, den sie Cerealien oder Cornflakes oder so nannten.
 
Ein Wunder, das der Zwerg noch keine Tonne war, so wie er den Kram vertilgte. Schu hatte mal aus purer Neugierde auf die Kalorientabelle gesehen und war vor Schreck fast rückwärts umgefallen. Nicht etwa, dass ihm so etwas schmeckte, aber es schadet ja nie, sich zu informieren, falls ihn mal sein Traumtyp auf der Straße ansprach und nach der Kalorienzahl von Cornflakes fragte, nicht wahr?
 
Aber so waren die Amis halt, lebten tierisch ungesund, sah man ja an Brad, der arbeitete sich noch irgendwann zu Tode und dann würde er der Schwarz-Leader werden. Nur mit Mühe überwand er den flüchtigen Anfall von akutem Größenwahn und konzentrierte sich wieder.
 
Das kleine Monster wurde schon genauso wie Crawford. Ein kalter Fisch, lernte sogar fleißig Englisch, diese schreckliche und ganz und gar unnütze Sprache. Deutsch war ja wohl das einzige Wahre, so melodisch und vor allem logisch strukturiert! Warum sah das nur Keiner ein? Wäre doch sehr praktisch, wenn alle Deutsch sprechen würden, oder? Zumindest für ihn selbst.
 
Ohne zu Zögern stieß er die Küchentür auf und blieb schwer atmend, immer noch Farf im Griff habend, im Türstock stehen. "BRAD! CRAWFORD! TU! WAS!" Um seinen Worten etwas mehr Gewicht zu verleihen, setzte er sein bestes Gewittergesicht auf und versuchte es mit dem Deathglare, den er sich von dem rothaarigen Kätzchen abgeschaut hatte.
 
Brad verschluckte sich vor Schreck an seinem Kaffee, als Schuldigs Gebrüll durchs Haus dröhnte und hätte ihn wohl prustend über den Tisch gespuckt, wenn die braune Flüssigkeit nicht wirkungsvoll vom Wirtschaftsteil seiner armen, unschuldigen Zeitung gebremst worden wäre. Diese wurde daraufhin restlos und endgültig in den Zeitungshimmel verfrachtet, wo sie jetzt ganz bestimmt harfespielend auf eine Wolke saß oder im Zeitungschor sang.
 
Missmutig legte er den nassen, tropfenden Fetzen weg und begegnete Nagis Blick. Die sonst so gut wie ausdruckslosen Augen des Jungen schimmerten milde amüsiert und wanderten dann von seinen Frühstücksflocken zu dem Hauseigenen und im Moment ziemlich schmollenden Telepathen, der Farfie ziemlich hart gepackt zu haben schien. Was hatte der wohl angestellt, dass Schuldig so ausrastete?
 
Ok, dazu brauchte es nicht viel, aber so sehr führte er sich dann doch nicht auf. Er hatte sich ja noch nichts dabei gedacht, als der Deutsche im Hausflur herumgeflucht hatte, das tat er schließlich immer, und meistens verstand man es eh nicht, weil es deutsch war. Im Japanischen konnte er es nämlich nicht so gut.
 
Diesmal schien es doch etwas Ernsteres zu sein und obwohl es Nagi niemals zugeben würde, allein, um sein Gesicht der Gleichgültigkeit nicht zu verlieren, war er doch neugierig, denn vielleicht konnte er das ja mal wiederholen, wenn Schu ihm zu sehr auf den Keks gegangen war. Ein Druckmittel in der Hinterhand war ja immer gut.
 
Brad versuchte, sich hinter seinem Brötchen zu verschanzen, das er nun mit aller Hingabe aufschnitt und mit Butter und Marmelade bestrich. Sehr interessant konnte so ein Teigklumpen sein, dass musste er schon sagen. Vielleicht ging der Langhaarige dann ja einfach wieder, wen er ihn einfach ignorierte? Träumen würde er ja noch wenigstens dürfen, oder?
 
"Braaahhhaaa~~aadddd...!!!!!" Es war unüberhörbar, das Schuldig einen Kommentar von ihm erwartete. Herrgott warum hatte er das nur nicht vorausgesehen? Vielleicht, weil in diesem Haushalt einfach NICHTS auch nur annähernd vorhersehbar war? Möglich... ok sehr wahrscheinlich. Brad beendete seine innere Diskussion mit einem barschen "Was?", dass er an Schuldig richtete.
 
"Der hat meine Bandanas kaputtgemacht!", kam auch sogleich die prompte Antwort. Für einen kurzen Moment fragte sich der Schwarz-Leader, ob er sich gestern Abend vielleicht nicht doch in der Tür geirrt hatte und anstatt in einer Villa mit vier Killern, im Kindergarten gelandet war. So abwegig erschien ihm der Gedanke gar nicht, wenn er sich so Schuldigs schmollend vorgeschobene und Farfs trotzig zusammengepresste Lippen anschaute.
 
"Er hat sie im Bad liegen lassen! Einfach so! Die waren einsam!", verteidigte sich der angegriffene Ire und fuchtelte mit seiner nagelneuen Bastelschere mit extra stumpfen Spitzen in der Luft herum, die er erst neulich bekommen hatte, als Nagi ihm seine ganz bösartig und heimtückisch versteckt hatte. Dass es eigentlich Schuldigs Nagelschere gewesen war und der Junge nur sein Druckerpapier beschützen wollte, ließ er mal unter den Tisch fallen.
 
Brad indessen war nahe daran, in Selbstmitleid zu versinken und seinen Job als Babysitter zu quittieren. Von Nagi war auch keine Hilfe zu erwarten, der versteckte sein Grinsen hinter seiner 'Hab-das-Bärchen-lieb'-Kabatasse. Seufzend massierte sich der große Schwarzhaarige die Schläfen und raffte sich schließlich doch auf.
 
"Schuldig, du bist 24 Jahre alt, man sollte meinen, dass du so was auch alleine regeln kannst! Stell dich nicht so an, wegen ein paar Stoffstreifen!" Das war doch nicht zu fassen. Farfarello kicherte irre und schadenfroh in sich hinein. Aber auch er bekam sein Fett weg. "Und du, Farf, bist auch alt genug um meins und deins zu unterscheiden! Du weißt ganz genau, wem die Bandanas gehören, also lass die Finger davon, es gibt genug Papier im Haus..."
 
Man hörte einen keuchenden Laut von Nagi, der sich soeben an seinem Kaba verschluckt hatte. Der Blick, mit dem er seinen Vormund bedachte, konnte man nur als entsetzt und anklagend bezeichnen, denn damit hatte der Hausirre praktisch den Freifahrschein an SEIN Papier. Das konnte Brad doch nicht so einfach machen! Wie sollte er bitte Ausdrucke für Missionen machen, ohne Papier im Drucker? So konnte er einfach nicht arbeiten!
 
Brad benutzte extra den Ton, den gewöhnlich Eltern anschlugen, um mit fünfjährigen Kindern zu reden, er wollte ja schließlich sicher gehen, dass ihn auch beide verstanden und das Gesagte auch speichern konnten. Nagi konnte sich ein leises Kichern nicht verkneifen, was ja schon wirklich untypisch für ihn war, denn trotz seines Entsetzens war es doch eine wirklich lustige Szene, wie Papa Crawford da den Streit zwischen seinen Sprösslingen schlichtete.
 
Das Gesicht seines Anführers verdüsterte sich augenblicklich noch mehr und der Ausdruck wurde noch saurer. "Muss du nicht in die Schule?", giftete sein Vormund schlecht gelaunt, woraufhin der Junge es vorzog, sich lieber im Stillen über das morgendliche Theater zu amüsieren und sein Papier zu verstecken.
 
Er hatte noch eine gute halbe Stunde, bis er los musste und Brad wusste das genauso gut wie er, aber der Ältere brachte es durchaus fertig, ihn früher vor die Tür zu setzen und genau in so einer Stimmung war er gerade. Da verkrümelte er sich lieber und las noch etwas in dem Manga, den er gestern Abend angefangen hatte.
 
Schuldig jammerte noch ein wenig vor sich hin und rauschte schließlich beleidigt ab, um in seinem Zimmer zu schmollen, da es hier ja keinen interessierte und dort ausgiebig und sehr lautstark seine armen verunglimpften Bandanas zu betrauern, die jetzt Brads Zeitung im Himmel Gesellschaft leisteten.
 
Farfarello dagegen setzte sich seelenruhig an den Tisch und legte die Bastelschere mit extra stumpfer Spitze aus der Hand, um nach einem der Brötchen zu greifen und es genüsslich zu sezieren. Er wusste ganz genau, dass seinen Anführer schon beim Zusehen der Appetit verging und irgendwie musste er sich ja schließlich für den entgangen Spaß mit Schuldigs Haarbändern rächen.
 
Und wirklich, wenige Sekunden später stellte der Schwarzhaarige seine Tasse mit einem hörbaren Klirren auf der Untertasse ab und erhob sich beinahe hastig. Es gab eben ein paar Dinge, die sein Magen nicht vertrug und Farfie beim Frühstück zusehen gehörte eindeutig dazu. Er nuschelte noch irgendetwas von 'Arbeitszimmer' und rauschte so schnell davon, dass sein Armani beinahe Falten schlug.
 
Wenig später war auch Nagi verschwunden. Entspannt lehnte sich der zurückgebliebene Irre zurück und wartete geduldig auf den rothaarigen Telepathen. Denn erst, wenn auch dieser seinen Raubzug durch die Küche beendet hatte, gehörte sein Reich wieder ihm und er konnte sich ans Tageswerk machen. Niemand konnte ernsthaft arbeiten, wenn Schuldig zwischendrin herumwuselte, beziehungsweise -fluchte.
 
Farfarello fragte sich manchmal wirklich, wie der Deutsche vierundzwanzig Jahre hatte überleben können, ohne sich größere oder gar lebensgefährliche Verletzungen zuzuziehen, so wie er mit Küchengeräten umging. Gut, dass er das in die Hand genommen hatte, sonst hätte der andere womöglich noch irgendwann die Villa abgefackelt. Obwohl, Crawfords Gesicht wäre sicher interessant gewesen. Aber wie er sich kannte, hätte er dann ganz sicher wieder keinen Foto zur Hand gehabt und dieses Experiment ließ sich nicht so leicht wiederholen wie das mit den Bandanas.
 
Und wenn man vom Teufel sprach, schon schoben sich ein paar orangefarbene Strähnen durch die Tür, gefolgt vom immer noch schmollenden Besitzer, der den Weißhaarigen keines Blickes würdigte, sondern schweigend sein Essen hamsterte und mit vollen Backen kauend wieder verschwand.
 
Zufrieden stand der Ire auf, band sich seine blau- und rosageblümte Schürze um, die ihm seine Kollegen zuletzt geschenkt hatten, nachdem seine viel hübschere, schwarze, in Flammen aufgegangen war, als Schuldig mal hatte kochen wollen und machte sich daran, das Schlachtfeld zu beseitigen, das die anderen hinterlassen hatten. Und so verschwanden Kaffeereste ebenso wie Brötchengekrümel und Kabaspritzer im Abfluss. Leise eine irische Weise summend grübelte Farf darüber nach, was er heute zum Mittag kochen könnte.
 
Erstaunlicherweise war das etwas, dass er konnte, ohne sich oder andere zu gefährden und es schmeckte sogar noch. Nachdem die Küche sauber war warf er einen Blick in den gefüllten Kühlschrank. Schließlich hatte Brad ja gestern eingekauft... Doch aus der kalten Höhle schlug ihm gähnende Leere entgegen.
 
Sein Blick wurde eisig. Crawford hatte es doch wirklich gewagt und den von ihm aufgestellten Einkaufsplan ignoriert. Seelenruhig rupfte Farfie die Einkaufsliste von der Pinnwand und marschierte in Richtung Büro des Schwarz-Leaders, von wo man schon von weitem eine autoritäre Stimme und Tastaturgeklapper hören konnte.
Ohne anzuklopfen stieß er die Tür auf.
 
Brad, der soeben in einem wichtigen Telefongespräch mit einem ihrer Kunden vertieft war, drehte sich mit seinem Stuhl herum, um den Störenfried unsanft wieder hinauszubefördern, denn eine solche Unverschämtheit besaß normalerweise nur einer. Dabei entging er nur dank einer Vision haarscharf einem fliegenden Dolch, der zitternd im Schreibtisch, in seinem sündteuren Schreibtisch aus Mahagoniholz, genau in der Telefonschnur stecken blieb. Hatte sich heute eigentlich alle Welt gegen ihn verschworen? Erst sein Kaffee und seine Zeitung, ein sich amüsierendes Chibi und jetzt auch noch das? Zuviel, eindeutig zu viel.
 
Gerade wollte er Farf gehörig anfahren, als ihm dessen Aufzug, Blick und der Zettel in der ausgestreckten Hand auffiel. "Oh nein... Farfie bitte nicht schon wieder... warum nicht Schuldig, der hat doch sowieso nichts zu tun!", versuchte er verzweifelt, das Schicksal doch noch einmal abzuwenden. Möglicherweise würde er ja ganz still und ruhig weiterarbeiten dürfen?
 
Doch er hatte seine Rechnung ohne Küchen-Farf gemacht. "Einkaufen. Jetzt." Die Stimme des Irren ließ absolut keinen Widerstand zu nicht einmal von Mr. Big Bad Brad Crawford höchstpersönlich. Seufzend und sich in sein Schicksal fügend nahm der Angesprochene mit zitternden Fingern die in sauberer Schrift abgefasste Einkaufsliste, die ihm ohne ein weiteres Wort entgegengehalten wurde und verstaute sie sorgfältig in seinem Jackett, damit sie auch ja nicht rein zufällig verloren ging, bevor er die Autoschlüssel seines Mercedes vom Haken angelte.
 
Farfarello hatte seinen Leader aus zusammengekniffenem Auge fixiert und nickte nun befriedigt. Er rupfte seinen Dolch aus der Tischplatte, drehte sich auf dem Absatz um und verließ das Büro genauso rasch in Richtung Küche, wie er zuvor gekommen war. Brad würde nichts vergessen. Das hoffte er zumindest für ihn.
 
Crawford blieb noch einen Moment in seinem Büro zurück und entließ zunächst den angestauten Atem aus seinen Lungen. Warum musste Farf immer so sein? Warum konnte er nicht jemand anderes schicken? Warum immer er? Ok, letzte Woche hatte Nagi gemusst und die Woche davor Schuldig, aber trotzdem, er war schließlich der Leader, da konnte man doch bitteschön erwarten, dass er mit solchen Aufgaben nicht belästigt wurde, oder?
 
Nein, Küchen-Farf hielt das für ungerecht und deswegen musste er sich jetzt wieder in die Hölle begeben, alles nur wegen diesem messerschwingenden, irren... Koch! Er hätte es besser wissen sollen, dem Iren ein Kochbuch zu Weihnachten zu schenken, gerade er. Aber niemand konnte voraussehen, dass Farf ausgerechnet dieses Buch nicht zerstückeln, sondern lesen und benutzen würde.
 
Es war ja schon in Ordnung, dass jeden Tag etwas Vernünftiges zu essen auf dem Tisch stand, vor allem, wenn man bedachte, das keiner von ihnen auch nur Rühreier zustande brachte. Und Schuldigs legendäre Kochversuche verdrängte er lieber ganz schnell, sonst erinnerte er sich auch wieder daran, was diese ihn gekostet hatten und das war sehr schlecht für seinen ohnehin strapazierten Magen.
 
Na schön, das Gute an der Tatsache, dass der Ire kochte überwog tatsächlich, aber deswegen musste er sich noch lang nicht mit der Tatsache abfinden, dass er jetzt in diesen dreimal verfluchten Supermarkt musste, in dem er nie etwas fand und sich regelmäßig verlief. Er hatte sogar schon überlegt, sich eine der Verkäuferinnen zu mieten und sie die Sachen zusammentragen zu lassen, aber erstens ließ das sein Stolz dann doch nicht zu und zweitens würde er es bitter bereuen, wenn auch nur etwas fehlte oder falsch gekaufte wurde.
 
Er würde also wohl oder übel in den sauren Apfel beißen müssen und sich durch den Supermarktdschungel kämpfen. Er war schließlich ein Mann, nein mehr, er war Schwarz. Ein wenig Stärke konnte man doch wohl auch in der Hölle zeigen.
 
Seine Schultern in dem hellen, trotz Kaffeeaktion makellos sauberen Anzug strafften sich. Er würde diese Bürde wahrlich tragen wie ein Mann... mit einem Einkaufswagen, an dem er sich festhalten konnte, um nicht verloren zu gehen. Doch dann fiel ihm ein, dass er diesen ja ganz alleine schieben musste und niemand sonst darauf aufpasste, dass er nicht verloren ging. Dumm gelaufen nannte man so was wohl. Besser er ging gleich los, damit er rechtzeitig zum Mittag wieder da war und Farfie nicht noch saurer wurde, als er ohnehin schon war.
 
Also dann auf in den Kampf... 
 

Kapitel 3

Brad fuhr langsam. Wirklich langsam. Und trotzdem gelang es ihm, in schlappen 30 Minuten, den Supermarkt zu erreichen. Es war der Größte hier und das war der Grund, warum Farf wollte, dass er hier hinfuhr, genauso wie es der Grund war, dass er selbst nicht hier hinwollte.
 
Er hasste große Menschenansammlungen und musste jedes Mal fast gezwungen werden, um einkaufen zu gehen. Und nicht nur das, die Gänge des riesigen Gebäudes waren so verflucht lang, die Regale so vollgestopft mit allen möglichen Dingen, dass er sich jedes Mal verlief und eine der Verkäuferinnen nach dem Weg zur Kasse fragen musste.
 
Langsam wurde es schon wirklich peinlich. Aber vielleicht hatte er heute Glück und die ganzen Leute blieben schön in ihrem Zuhause, während er ganz mutterseelenallein einkaufen ging. Er würde ja wohl noch träumen dürfen, oder?
 
Schon als er auf die Einfahrt zum Parkplatz einbog, wurde ihm leicht schlecht. Heute war wirklich extrem viel los und entsprechend lange musste er für eine Parkmöglichkeit suchen. Da hatte doch tatsächlich so ein Depp von einem Fahrer seine Seven so geparkt, dass er gleich drei Plätze benötigte! Was war denn das bitteschön für ein Vollidiot?
 
Zähneknirschend schlängelte sich der Schwarzhaarige schließlich auf einen schmalen Parkplatz, auf den er gerade so passte. Wie erwartet stand SEIN Auto absolut perfekt in der Parklücke. Er wand sich aus der Tür, überprüfte noch einmal Einkaufsliste und Geldbeutel und schloss dann sehr sorgfältig ab.
 
Noch einmal tief durchatmen, die undurchdringliche Crawford-Maske noch einmal befestigen und los ging es. Er steuerte als Erstes auf die Einkaufswägen zu, steckte seine Marke rein und klammerte sich beinahe an die Stange, bevor er das Ding auf den Eingang zuschob. Irgendwann würde ihm Farf das so büßen!
 
Eine Welle von Wärme, der Geruch vieler Menschen auf einem Haufen, vermischt mit dem der Imbissnischen im Eingangsbereich des Gebäudes und lautes Stimmengewirr schlugen ihm entgegen, brachten ihn beinahe dazu, sich auf dem Absatz herumzudrehen und zu flüchten. Doch er riss sich zusammen und schob den Wagen weiter bis er zu der sich automatisch öffnenden Schranke kam, durch die er in den eigentlichen Verkaufsbereich gelangte.
 
Dort hindurchgehend kramte er die Einkaufsliste hervor und begann zu lesen. Zum Glück hatte Farf alles auf Englisch aufgeschrieben, so dass er sich nicht noch mit Schriftzeichenentzifferung aufhalten musste. Er konnte zwar Japanisch perfekt lesen, aber mit Handschriften war das immer so eine Sache, obwohl der Irre erstaunlich sauber schrieb, bedachte er da das Gekrakel von Schuldig...nein lieber gar nicht erst daran denken.
 
Etwas hilflos fand er sich schließlich vor einem Regal mit Konserven wieder. Drei Meter hoch, fünfzehn Meter lang, meldete sein analytisches Gehirn. Die Dose, die er suchte hatte einen Durchmesser von 5,3 Zentimetern. Wo zum Henker sollte er bitte in diesen fünfzehn Quadratmetern eine kleine Dose Maiskölbchen finden? Er mochte die Dinger ja noch nicht mal, warum sollte er sie dann kaufen? Weil Farf ihn sonst umbringen würde, ganz einfach. Oder sich noch schlimmer rächen, indem er nicht mehr kochte.
 
Also begann er, systematisch jeden Zentimeter des Metallgestells abzusuchen, irgendwann würde er schon finden, was er suchte. Und wie es Murphys Gesetz wollte, im letzten Regalboard fand er die Dose, die er gesucht hatte. Also schön, hatte er schon mal etwas, was nun? Die kleine Dose sah so einsam in dem riesigen Einkaufswagen aus.
 
Seufzend steuerte er in die Richtung, in der er das Frischobst und Gemüse vermutete. Er landete zwar beim Fisch, aber das war ihm auch recht, davon brauchte er ja auch noch was. Langsam dämmerte ihm die Strategie, die er hier verfolgen sollte: sich einfach von seinem Gefühl leiten lassen und dann einsammeln, was er brauchte. Irgendwann würde er schon alles beisammen haben.
 
Soweit die Theorie, aber die Praxis war dann doch etwas ganz Anderes. Denn als er schließlich das dritte Mal vor der Wursttheke stand, war sein Verzweiflungsspiegel so weit gestiegen, dass er bereit war, jemanden nach dem Weg zu fragen. Doch wie immer, wenn man eine brauchte, war natürlich keine Verkäuferin in Reichweite.
 
Hilflos sah Brad sich um und fühlte sich sehr verloren. So sah er wohl auch aus, denn plötzlich tippte ihm jemand auf die Schulter. "Sie sehen aus, als bräuchten sie Hilfe...", hörte er eine angenehme Männerstimme hinter sich. Erleichtert darüber, dass wohl jemand seine Misere bemerkt hatte, setzte er ein etwas gequält wirkendes Lächeln auf und drehte sich um.
 
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
 
Ken war froh, als er Yohjis Sportwagen endlich in der vermaledeiten Parklücke hatte. Warum mussten die auch so verdammt eng sein? Er stieg aus und betrachtete sein Werk. Na schön, er stand etwas schief, aber das sollte wohl niemanden stören, schließlich war der Parkplatz ja wohl groß genug, oder?
 
Pfeifend schloss er ab, stopfte sich den Schlüssel in die Jackentasche und kramte nach der Einkaufsliste, die da irgendwo sicher war. Nach einer ganzen Weile suchen fiel ihm auf, dass sein Geldbeutel ja noch im Auto lag und er ohne den wohl ziemlich viel Aufmerksamkeit an der Kasse auf sich ziehen würde.
 
Also flitzte er noch mal zurück und holte ihn, bevor er sich endgültig einen Einkaufswagen besorgte und den Supermarkt betrat. Die Atmosphäre, die dort herrschte, schloss ihn sofort ein. Hier fühlte er sich wohl, niemand achtete auf ihn, er war absolut anonym. Er war kein Killer mehr, einfach nur ein ganz normaler junger Mann und Blumenhändler, der für sich und seine drei Mitbewohner einkaufen ging.
 
Interessiert beobachtete er nebenbei die Menschen in seiner näheren Umgebung. Da eine Frau mit Baby im Kindersitz des Einkaufswagens und einem weiteren Kind an der Hand. Das Dritte schien, der Wölbung ihres Bauches nach zu urteilen, bereits unterwegs zu sein.
 
Ken wurde für einen Moment wehmütig. Eine Familie, Kinder, das hätte er wohl mit Yuriko haben können. Doch er hatte schon damals gespürt, dass die junge Frau nicht die Richtige für ihn war, also hatte er sie in ein neues Leben ziehen lassen. Bestimmt war sie ohne ihn besser dran.
 
Heute wusste er gar nicht mehr, warum er sich überhaupt mit ihr eingelassen hatte. Vielleicht, um sich selbst zu beweisen, dass es auch ohne Kase ging, dass er nicht mehr auf diesen Mann angewiesen war, nicht mehr so wie früher. Kase hatte ihn verraten, aber wenn man es genau betrachtete, hatte er mit Yuriko das Selbe getan, nur, dass er nicht versucht hatte, sie umzubringen, aber das war auch schon alles.
 
Er hatte sie benutzt, wie Kase ihn benutzt hatte, um sich selbst etwas zu beweisen. Deshalb war ihre Beziehung von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen und er hatte es gewusst, hatte es nur nicht wahrhaben wollen.
 
Seufzend schüttelte er den Kopf , vertrieb so die trüben Gedanken und sah sich dann weiter im Eingangsbereich um, während er sich in den Strom der Menschen einreihte, die in den Supermarkt drängten.
 
Er beobachtete ein älteres Pärchen und musste unwillkürlich lächeln. Nichts wünschte er sich mehr, als irgendwann jemanden zu finden, mit dem er den Rest seines Lebens verbringen konnte. Ein normales Leben, vielleicht sogar mit Kindern. Allerdings wären das dann nicht seine Eigenen, denn dass er Frauen auf sexueller Ebene nichts abgewinnen konnte, wusste er spätestens seit seiner kurzen Beziehung mit Yuriko.
 
Trotzdem gab ihm das Bild dieser beiden alten Menschen, wie sie sich bei der Hand hielten und die Köpfe zueinander neigten, vertieft in ein Gespräch, ein warmes Gefühl und einen großen Teil seiner guten Laune wieder zurück.
 
Nachdem er die automatische Schranke in den Verkaufsraum passiert hatte, wurde es um ihn herum ruhiger. Die Menschen verteilten sich und gingen ihren Beschäftigungen nach. Auch er entknitterte die etwas sehr zerknüllte Einkaufsliste und ging nun systematisch die Reihen ab.
 
So chaotisch wie er ja sonst war, so gut kannte er sich seltsamerweise hier drin aus. Er hatte von Anfang an keine Probleme gehabt, sich zurechtzufinden, oder sich zu merken, wo hier was stand. Sorgfältig begann er damit, den Zettel abzuarbeiten und strich jedes Mal aus, wenn er etwas hatte. Aya wurde nämlich noch ungenießbarer, wenn er kochte und dabei feststellen musste, dass ihm eine wichtige Zutat fehlte.
 
Ken war besonders stolz darauf, dass er es fast jedes Mal schaffte, alles heil nach Hause zu bringen, auch wenn ihm öfter mal was beim Einpacken runter fiel, weil er einfach zu schusselig für diese Welt war. Umso vorsichtiger war er nun, als er die Waren aus den Regalen nahm und in den Einkaufswagen legte, vor allem bei den Eiern. Man glaubte ja gar nicht, wie schnell diese kleinen Biester aus ihrer Schachtel auf den Boden fielen!
 
Gelegentlich folgte sein Blick wieder den anderen Einkäufern, wie sie mehr oder weniger planlos durch die langen Regalreihen strichen, suchten, fanden... oder auch nicht. Als er ungefähr das zehnte Mal einen schwarzen Haarschopf erblickte, der ziellos durch den ganzen Supermarkt zu wandern schien, musste er doch etwas grinsen. Der war wohl neu hier, da konnten die ewigen Gänge einen schon ziemlich verwirren.
 
Er überlegte, ob er vielleicht seine Hilfe anbieten konnte, natürlich nicht ganz uneigennützig. Denn nicht nur die dichten, glänzenden Haare waren ihm aufgefallen, sondern auch ein reichlich verführerisches Hinterteil, das allerdings in den komischen Anzughosen, die der Mann trug, überhaupt nicht zur Geltung kam.
 
Und der Rest des Rückens war auch nicht schlecht, das musste man schon sagen! Breite Schultern, schmale Taille, insgesamt schlanker Körperbau, doch unter dem hellen Sakko waren eindeutig Muskeln zu erahnen.
 
Das Problem war nur, dass Ken eindeutig schüchtern veranlagt war. Er konnte nicht so einfach auf jemanden zugehen und ein zwangloses Gespräch beginnen. Ein paar Mal hatte er es versucht und das hatte höchst peinlich zu Stottern und Stammeln verbunden mit einer intensiven Rotfärbung seines Gesichtes geführt.
 
Aber dieser Kerl hatte was, obwohl er bis jetzt immer nur die Rückansicht gesehen hatte. Er war neugierig, das Gesicht des Fremden zu sehen, doch jedes Mal, wenn er sich gerade dazu durchgerungen hatte, in anzusprechen, war der Andere schon wieder auf Nimmerwiedersehen verschwunden, nur um dann genau wieder unvermittelt aufzutauchen, wenn der Braunhaarige gerade die Gedanken an ihn verdrängt und fast abgehakt hatte.
 
Besonders faszinierend fand er die Art, wie sich der Fremde bewegte. Anmutig, wie ein Raubtier und gleichzeitig so unsicher, als könnten jeden Moment die Nudel aus dem Regal springen und ihn anfallen. Und auch reichlich plan- und ziellos, wie gesagt.
 
Immer wieder nach dem Schwarzhaarigen Ausschau haltend, natürlich sehr unauffällig, arbeitete sich Ken durch die erste Hälfte des Supermarktes und gelangte schließlich zu den Theken mit frischen Artikeln. Aya wollte irgendwelchen europäischen Käse für so ein komisches Nudelgericht. Na er war ja mal gespannt, was das werden würde... bekam man so was hier überhaupt? Den seltsamen, ausländischen Namen des Zeugs kannte er jedenfalls nicht.
 
Suchend ging er die Käsetheke ab, fragte schließlich eins der Mädchen, das dahinter herumwerkelte. Die Kleine wurde etwas rot, half ihm aber und zog aus einer der hinteren Ecken ein kleines Stück seltsam aussehenden Käse. Ken verzog das Gesicht, nahm es aber an und legte es zu den anderen Einkäufen. Naja wenn Aya meinte... bis jetzt hatte ja noch alles geschmeckt, was er gekocht hatte, auch wenn das Zeug teilweise verboten aussah, vor allem, wenn es nicht Japanisch war.
 
Als er wieder aufsah, erblickte er den seltsamen Fremden, keine zwei Meter von sich entfernt. Selbst von hinten wirkte der arme Mann so verzweifelt, wie jemand nur sein konnte, der hilflos in einem Supermarkt herumirrte. Der Weiß-Killer bekam nun wirklich Mitleid und das half ihm nun auch, seine Schüchternheit zu überwinden. Er atmete tief durch und ließ den Wagen stehen. Mit zwei Schritten war er hinter dem Anderen und tippte ihm vorsichtig auf die Schulter, bevor er ihn ansprach.
 
"Sie sehen aus, als bräuchten sie Hilfe..."


Kapitel 4

Während sein Leader sich den Wirren und Schrecken des riesigen Supermarkts aussetzte, saß Schuldig in seinem Zimmer, schmollte und kaute gleichzeitig. Die Welt war ja sooo ungerecht zu armen, kleinen, deutschen Killern. Schniefend sah er auf seine Bandanas, oder vielmehr das, was davon übrig war.
 
Diesmal hatte Farfarello wieder ganze Arbeit geleistet und einen Scherenschnitt par excellence daraus gefertigt. Musste mit der Bastelschere mit extra stumpfen Spitzen ganz schön schwer gewesen sein, den teuren Stoff zu zerschneiden.
 
Jetzt prangten große, rautenförmige Löcher darin, oder eine Kette aus kleinen Männlein entstand, wenn man sie auffaltete. Und er hatte wirklich kein einziges ausgelassen. So konnte er doch unmöglich herumlaufen! Seine Haare hingen ihm wirr ins Gesicht, noch nicht mal die Sonnenbrille hielt sie einigermaßen zurück, keine Chance.
 
Er sah gar nicht mehr cool aus, überhaupt nicht, sondern einfach nur noch dämlich. Viel zu jung und... uncool! Wenn ihm seine langen Haare ja nicht so heilig wären, würde er sie abschneiden, aber sie waren sein ganzer Stolz. Vor allem ihre Farbe, die trotz aller Verleumdungen WIRKLICH echt war, hatte es ihm angetan. Andere gaben für so etwas massig Geld aus, während er einfach so von der Natur beglückt worden war... nicht nur was eine Haare anging selbstverständlich.
 
Seufzend vertilgte er den letzten Bissen Brötchen und erhob sich. Half alles nichts, musste er eben einkaufen gehen. Eine richtig ausgedehnte Shopping-Tour würde ihm jetzt wirklich gut tun, er brauchte ohnehin mal wieder was neues zum Anziehen, schließlich war er seit einer Woche nicht mehr in die Stadt gekommen.
 
Er wanderte in seinen begehbaren Kleiderschrank und sah sich stirnrunzelnd um. In seiner Hausjeans konnte er ja nicht gut raus gehen, wie sah das den aus. Summend und sich mit dem Zeigefinger auf die Unterlippe tippelnd schritt er die Regale und Kleiderstangen ab.
 
Schwer, wirklich schwer, schließlich sah er ja eigentlich in allem gut aus. Aber etwas Besonderes musste man schon tragen, wenn man schon mal bei Tageslicht auf die Straße ging. Hier hingen größtenteils Disco-Klamotten und teilweise sogar Anzüge für die gelegentlichen Treffen mit dem langweiligsten Menschen, den er kannte, seinem Boss Takatori.
 
Der Kerl war so ekelhaft, dass sich Schuldig schon aus Prinzip aus seinen Gedanken fernhielt. Alles woran der zu denken schien war Rache und Sex mit seinen Angestellten. Der Deutsche war nur froh, dass Schwarz einfach zu gefährlich war, für solche Aktionen war und dass Takatori das auch wusste. Er selbst hatte ja auch nichts gegen ein bisschen härteren Spaß und er liebte es auch, seine Opfer zu quälen, aber man konnte es auch wirklich übertreiben!
 
Einmal hatte er eine solche Szene im Kopf des geilen Bocks gesehen - mit ihm selbst in der Hauptrolle. Noch heute schüttelte es ihn, wenn er sich daran erinnerte. Und der Wichser hatte sich doch auch noch allen Ernstes gedacht, dass ihm SOWAS gefiel. Also bitte, er war vielleicht ein sadistischer Killer, aber doch nicht niveaulos!
 
Er schüttelte die lästigen Gedanken ab. Seine Laune war schon schlecht genug, da musste er sich nicht noch mit diesem Perversling abgeben. Wenn Brad wüsste, was der Boss über ihn dachte... Schuldig grinste leicht und zog ein schwarzes Seidenhemd von einem der Bügel. Oh, oh, der würde aber schauen! Vielleicht steckte er es ihm ja mal, aber wenn, dann nur, wenn er gerade in der Nähe war.
 
Er zog sich das Shirt über den Kopf und betrachtete einen Moment seinen Oberkörper im Spiegel, der auf der Außenseite des Schrankes angebracht war. Seufzend strich er ein paar seiner Narben nach. Viele waren es ja zum Glück nicht, aber doch einige und sie störten das schöne Gesamtbild wirklich, wie er befand. Nachdenklich betrachtete er eine, die kreisrund um seinen rechten Oberarm verlief. Er sollte den Kätzchen mal wieder einen Besuch abstatten, um etwas gegen seine Langeweile zu tun.
 
Ein wenig seiner Laune kehrte wieder zurück und er schlüpfte rasch in das Hemd, genoss das Gefühl des kühlen Stoffs auf seiner Haut. Die Jeans tauschte er noch gegen eine schwarze Lederhose, die mal ausnahmsweise nicht hauteng an ihm klebte, sondern sehr bequem saß. Er ging ja schließlich einkaufen, nicht aufreißen. Man wusste zwar nie, wem man auf der Straße begegnete, aber heute legte er es auch nicht auf ein Stelldichein an, dazu war er einfach nicht aufgelegt.
 
Zufrieden betrachtete er das Gesamtbild, bis sein Blick auf seine Haare fiel. Grummelnd schob er sich eine Sonnenbrille hinein, um wenigstens genug sehen zu können, bevor er sich Geldbeutel und Autoschlüssel schnappte.
 
Unten klappte eine Tür und wenig später hörte er, wie sich das Garagentor öffnete. Neugierig ging er ans Fenster und sah hinaus. Da rollte gerade Brads schwarzer Mercedes vom Hof. Sehr gut, dann konnte schon mal keiner meckern, weil er wieder nicht arbeitete, wie er es eigentlich tun sollte. Was konnte er denn dafür, wenn ihn der Papierkram einfach nur anödete? Er war sogar schon mal dabei eingeschlafen, kaum zu glauben aber wahr. Einfach eingeschlafen vor Langeweile.
 
Naja das würde ihm heute Morgen jedenfalls nicht passieren. Er musste jetzt nur noch an Farfie vorbeikommen, ohne dass dieser ihn erwischte und am Ende noch für Hausarbeit einspannte und alles war perfekt. Auf Zehespitzen schlich er zur Tür, öffnete sie geräuschlos und lauschte. Es war doch ab und zu ganz nützlich, die Scharniere zu schmieren, vor allem, wenn man sich unbeobachtete wegschleichen wollte.
 
Aus der Küche drangen leise Geräusche. Klapperndes Geschirr und laufendes Wasser. Guuut der Ire war also beschäftigt. Die Mistkröte von Chibi konnte ihm auch nicht in die Quere kommen, der war inzwischen in der Schule... hoffte Schuldig jedenfalls. Der verpetzte ihn nämlich, wenn er ihn erwischte, mit der Begründung, dass Schuldig sich immer um alles drückte und stinkefaul war. Üble Verleumdung, sonst nichts!
 
Schnell huschte er aus der Tür und schloss sie genauso lautlos wieder. Jetzt lauerte das nächste Hindernis: die Treppe. Die alte, hölzerne, knarzende Treppe. Farf konnte verdammt gute Ohren haben, wenn er wollte, selbst, wenn er wie gerade eben, abgelenkt war und er wollte immer gute Ohren haben, wenn Schuldig gerade dabei war, sich um etwas zu drücken.
 
Aber der Orangehaarige war ja nicht dumm. Also hatte er die Zeit, als seine Kollegen mal komplett ausgeflogen waren genutzt, um sich einen Slalom für die Treppe einfallen zu lassen. Er wusste jetzt genau, wo das Ding ächzte und wo nicht.
 
Unter einigen lächerlich wirkenden Verrenkung, die teilweise wirklich abenteuerlich aussahen, bewegte er sich schließlich die breite Stiege hinunter. Die letzten drei Stufen musste er springen, weil es bei denen absolut nicht möglich war, eine leise Stelle zu finden. Diesmal landete er allerdings geschickter in der Hocke als noch vor einer Stunde, als er sich so böse verletzt hatte.
 
Er atmete tief durch und entspannte sich etwas. So, nun musste er nur noch durchs Wohnzimmer, an der Durchreiche zur Küche vorbei, was mit Abstand das Schwerste war und in den Hausflur. Sollte doch eigentlich zu schaffen sein.
 
Gesagt, getan. Ins Wohnzimmer zu kommen war ja nicht weiter problematisch. Mit kritischem Blick maß er die Durchreiche. Dahinter konnte er Farfi werkeln sehen. Mit einem lautlosen Seufzen ließ er sich ergeben auf den Boden sinken. Was tat man nicht alles, um sein Haus verlassen zu können.
 
Mit robbenden Bewegungen schlängelte er sich langsam unter dem Loch in der Wand durch. Immer wieder musste er innehalten, weil er den Irren näher kommen hörte. Er konnte sich schon vorstellen, wie lächerlich er aussah, wie er da mitten in der Bewegung erstarrt, dalag, die Hintern etwas in die Luft gestreckt. Einen überaus wohlgeformten Hintern natürlich.
 
Die Schritte seines Kollegen entfernten sich und weiter ging’s. Unbehelligt erreichte er die Tür, angelte nach der Klinke und robbte hinaus. Erleichtert und zufrieden stand er im Gang auf und klopfte den imaginären Staub von seiner Kleidung, richtigen gab es ja in diesem Haus nicht, dafür sorgte Farfarello schon. Von ihrem Fußboden konnte man durchaus essen, wenn man wollte, aber wer wollte das schon. Japaner vielleicht. er konnte sowieso nicht verstehen, warum die sich überhaupt diese Zwergentische nahmen, das machte doch wohl auch keinen Unterschied mehr. 
Er grinste und nahm seine Jacke vom Haken. Gerade als er die Haustüre mit aller Vorsichtig geöffnet hatte und schon halb hinaus wollte, ging die Küchentür auf und ein weißhaariger Kopf schob sich durch den Spalt. "Wenn du bis zum Mittagessen nicht da bist, verhungere!", war alles, was Farfarello sagte, bevor er sich wieder zurückzog und die Tür schloss.
 
Schuldig war vor Schreck versteinert, mit einem Fuß in der Luft, den Rücken leicht gebeugt. Seine grünen Augen wanderten in Richtung Küche. Verdammt, dabei war er doch so vorsichtig gewesen! Wie hatte ihn der Irre nur bemerken können?!
 
Doch dann ging ihm auf, wie er gerade dastand und bewegte sich schleunigst zu seinem roten Sportwagen, bevor ihn noch die Nachbarn sahen. Nicht dass sie welche hätten, aber es wäre doch durchaus denkbar.
 
Er drückte auf den Autoschlüssel, nur um festzustellen, dass er mal wieder nicht abgeschlossen hatte. Allerdings wollte er den sehen, der es wagte, sein Baby zu klauen! Der lebte ganz bestimmt nicht mehr lange. Mit einer erstaunlich geschickten Bewegung, bedachte man seine Tollpatschigkeit an diesem Morgen, schwang er sich in das Cabrio und warf seine Jacke auf den Beifahrersitz. Spätestens in zwei stunden war der sowieso von Taschen belegt.
 
Er hatte nicht vor, zum Mittag wieder da zu sein, würde sich eben in der Stadt etwas zu essen besorgen, das sollte ja nicht weiter schwer sein, Tokio war ja wohl schließlich groß genug, selbst für einen verfressenen Deutschen. Noch sah man ihm ja nicht an, wie gerne er aß, immerhin hatte er durch seinen Job und das andauernde Training einen guten Ausgleich.
 
Noch einmal lächelte er sich selbstgefällig im Rückspiegel zu, bevor er den Motor startete und aus der Einfahrt in Richtung Innenstadt losfuhr. In Gedanken war er schon in seinen Lieblingsgeschäften, die eigentlich in den letzten Tagen die Neue Kollektion von Armani und Lagerfeld bekommen haben sollten. Da war sicher auch was für ihn dabei.
 
Vier Stunden später machte es sich ein zufriedener Deutscher, der mit einem Haufen Taschen beladen war, in einer kleinen Pizzeria gemütlich. Es ging doch nichts über gute, alte, europäische Küche. Dafür würde er jedes Sushi, jede noch so gute Misosuppe oder wie der ganze Kram hieß, stehen lassen.
 
Er bestellte sich eine Pizza Speciale XXL und stützte das Kinn auf eine Hand, um die Leute zu beobachten, die geschäftig an dem Fenster vorbeieilten, an dem er saß. Nebenbei stöberte er ein wenig in den Köpfen der anderen Gäste herum, doch er fand nichts, was ihn auch nur annähernd interessierte. Wie sehr ihn doch diese dämlichen Alltagsprobleme langweilten! Die hatte er doch selbst genug. Hallo, er lebte mit drei anderen Killern zusammen, von denen einer ein Workaholic war, der Zweite ein Pubertierendes Gör und der Dritte absolut durchgeknallt und da sollte noch mal einer sagen, er hätte Probleme!
 
Er selbst war ja überhaupt der einzig Normale in diesem Chaos, jawohl! Und er langweilte sich gerade furchtbar. Seufzend strich er sich über den nicht vorhandenen Bart. Dauerte denn das Essen hier immer so lange? Dass er gerade mal fünfeinhalb Minuten wartete, ließ er dabei außer Acht.
 
Also musste eben sein altbewährtes Mittel gegen sinkende Laune herhalten: er schaltete sich in die Köpfe der Weiß-Kätzchen, bei denen war normalerweise immer was los. Bei Aya musste er allerdings besonders vorsichtig sein, denn seltsamerweise war dieser der einzige außer Brad, der ihn spüren und auch ziemlich wirkungsvoll aussperren konnte und das macht böse Kopfschmerzen, wirklich sehr übel und gemein!
 
Die oberflächlichen Gedanken des gegnerischen Leaders interessierten ihn allerdings herzlich wenig. Die waren ungefähr genauso spannend wie Takatoris, nur weniger pervers und ekelhaft: Schwester, Rache, Schwester, Schwester, Rache Selbsthass, Schwesterschwesterschwester, Racheselbsthass, Schwester... endlos ging das so. Alle Gedanken drehten sich immer um dasselbe, nur gelegentlich tauchten mal seine Kollegen oder die nervigen Gören aus dem Blumenladen darin auf. und an die tieferen Gedanken, die vielleicht sogar ganz lesenswert gewesen wären, kam Schuldig ja wie gesagt nicht heran.
 
Aber Moment mal! Aha, Aya wusste also inzwischen, dass Omi und Nagi auf die gleiche Schule gingen, wunderte sich nur, warum der Jüngste noch nichts davon erzählt hatte. Aber entgegen der Erwartungen des Deutschen waren diese Gedanken mal nicht nüchtern und eisig sondern fast... besorgt. Der Eisklotz hatte Angst um das Chibi? Das war ja mal was ganz Neues, dass sollte er Brad mal bei Gelegenheit erzählen...oder auch nicht, so eklig wie der immer zu ihm war.
 
Und die kleinen Kröten schienen ganz gut miteinander auszukommen, jedenfalls war IHR Chibi noch nie mit größeren Verletzungen nach Hause gekommen. Immerhin hätte sein großmächtiger Anführer dann Zeter und Mordio geschrieen, weil seinem kleinen Goldstück was passiert war und dann wären weiße Köpfe gerollt. Anscheinend waren sich die beiden Leader in dieser Hinsicht gar nicht zu unähnlich. Ok, damit fiel dass mit dem 'Brad-erzählen' schon mal weg, wenn er keinen Wert darauf legte, dass SEIN Kopf rollte.
 
Er ließ Aya schön weiter Blümchen beschnippeln oder was auch immer er da gerade mit den unschuldigen Rosenbüschen tat, so genau wollte er dass gar nicht wissen und wandte sich dem Playboy zu. Omi war ja in der Schule und auf eine Stunde Erdkundeunterricht hatte Schuldig im Moment wenig bis gar keine Lust. Ken war auch nicht da, wahrscheinlich Fußballspielen und das war noch langweiliger für den Orangehaarigen, als Schulstoff nachzuholen.
 
Yohjis Gedanken waren ihm ohnehin meistens die Liebsten, da sie sich oftmals um die wirklich wichtigen Dinge drehten: Designer und Haarpflege. Der Blonde hatte teilweise richtig Ahnung, was angesagt war und der Deutsche hatte sich schon durchaus den ein oder anderen Trick und Tipp von ihm geholt... natürlich ohne zu fragen, warum sollte er denn?
 
Doch anscheinend hielt der Tag heute mehr als eine Überraschung für ihn bereit, denn für gewöhnlich waren die Gedanken des Playboys durchweg positiv, zumindest, wenn man nicht allzutief grub. Doch heute schien er betrübt, fast melancholisch zu sein. Gerade stand er im Laden und wässerte Blümchen, dachte dabei angestrengt nach.
 
Schuldig brauchte eine ganz weile, bis er in diesem Chaos aus durcheinander geratenen, überaus wirren, Gedanken zu Recht kam. Und da sagte man von ihm, dass er um die Ecke dachte! Dann sollte man sich aber mal dass hier ansehen...
 
Unbewusst fing er an, das Durcheinander zu ordnen, immer hübsch vorsichtig, damit es nicht so sehr auffiel, er wollte ja schließlich nicht helfen, oh nein! Er wollte nur Informationen haben und bahnte sich dafür einen Weg, sonst nichts.
 
Zunächst herrschte nur Dunkel um ihn herum, dass von Lichtblitzen durchzogen war, einer für jeden Gedanken. Im Moment rasten sie nur so an ihm vorbei, doch es fiel ihm nicht schwer, sie auf ein Normalmaß herunterzufahren. Jetzt begann er erst einmal, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen.
 
Alle Gedanken an Blumenladen, Kunden, Essen und so weiter wurden bis auf weiteres rausgeworfen, die störten nur. Langsam arbeitete sich Schuldig zum schlimmsten Knäuel von Gedanken ganz im Inneren vor. Hier schien das echte Problem zu liegen und genau dass wollte er erfahren. Seine Neugierde war einfach zu groß und so machte er sich auch hier ans entwirren.
 
Er blinzelte leicht und saß plötzlich senkrecht auf seinem Stuhl. Yohji Kudou hatte Angst, impotent zu sein??!! NEIN! Das durfte nicht sein! So ein Mann durfte der Welt doch nicht einfach so verloren gehen! Wohl gemerkt, der Welt, nicht ihm selbst. Er hatte ja schließlich kein Interesse an diesem... naja an dem da halt, er hatte nie Interesse gehabt und würde auch nie Interesse haben, das über seinen Job und Tricks für glänzende Haare hinausging, nur damit das klargestellt war.
 
Allerdings jagte ihm der Gedanke, der wohl alle Männer grauste, einen kalten Schauer über den Rücken. Sowas wünschte man ja noch nicht mal seinem ärgsten Feind...außer vielleicht Takatori, dem schon, dann war der wenigstens keine Gefahr für seine Umgebung mehr, zumindest nicht mehr in dieser Hinsicht, dann war er eben nur noch sadistisch, nicht mehr pervers.
 
Nachdenklich tippelte er auf seinem Tisch herum und nippte an seiner Cola. Moment mal, wo kam die denn auf einmal her? Er hatte nicht mal bemerkt, dass die Kellnerin inzwischen wieder da gewesen war. Nur hatte er immer noch ein Loch im Magen, das hieß wohl, dass er die Pizza noch nicht bekommen hatte.
 
Er nahm seine Gabel und stocherte damit auf seiner Serviette herum, machte sehr schöne, kleine Löchlein hinein. Hübsch, Farf hätte da sicher seine Freude daran. Besser, er zeigte ihm das nicht, sonst mussten noch mehr seiner Lieblingsstücke dran glauben.
 
Doch so sehr er sich auch versuchte, mit Belanglosigkeiten abzulenken, er kehrte immer wieder zu Yohji zurück. Er hatte doch nicht etwa Mitleid? Konnte doch nicht wahr sein! Wo war denn hier bitte der Knopf zum Abstellen, das war ja unerträglich, da fühlte man sich ja gleich auch ganz mies.
 
Wenigstens kam jetzt sein Essen, doch der Appetit war ihm größtenteils vergangen. Lustlos kaute er auf der Pizza herum, damit zumindest dieses eklige Gefühl in seinem Bauch aufhörte.
 
Nein, er hatte ganz bestimmt kein Mitleid, nicht, solange er sich das immer wieder ganz fest einredete, dann glaubte er es irgendwann bestimmt selbst. Aber das Gefühl blieb, auch die erste Hälfte der Riesenpizza konnte es nicht vollständig vertreiben. Also verputze Schuldig auch noch die zweite Hälfte, nur um auch wirklich sicher zu gehen, dass es nicht daran lag.
 
Bei einem klitzekleinen Schälchen Tiramisu, dass er ganz langsam löffelte, damit es länger hielt, grübelte er weiter über dass Problem des Weiß nach. Schließlich, so beschloss er für sich selbst, könnte er ja mal in ein paar ganz ganz vielen Jahrzehnten an genau diesen Punkt kommen und dann wäre es doch gut, eine Lösung zu haben, nicht war?
 
Natürlich gab es die diversen chemischen Hilfsmittel, aber wer wusste schon, was die mit einem Traumkörper wie dem seinem alles anstellten. Vielleicht gingen einem davon irgendwann die Haare aus, oder man wachte morgens mit einem dritten Auge auf der Stirn auf, könnte doch durchaus sein, oder? Möglich war alles...
 
Was also tun, wenn die...er traute sich nicht mal, das BÖSE WORT zu denken, was also, wenn DAS drohte? Vielleicht, hoffentlich war ja alle Aufregung umsonst und Yohji war im Moment einfach nur etwas gestresst und konnte deswegen nicht? Oder die Weiber waren zu hässlich gewesen. in diesem Fall würde Schuldig ja empfehlen, es mit Männern zu versuchen, aber dieser Rat würde wohl erst recht auf taube Ohre stoßen, schließlich war das Sorgenkind ja absolut strikt und ganz überzeugt hetero.
 
In dieser Richtung lag also keine Lösung, zumal der Langhaarige auch keinen Gedanken in diese Richtung gefunden hatte. Was also dann...vielleicht hatte er einfach nur zu viel getrunken und bekam deswegen keinen mehr hoch? Alkohol sollte ja auf einige Vertreter des männlichen Geschlechts solche Auswirkungen haben...wie gut dass er selbst niemals so viel trank...also soooo viel.
 
Der letzte Rest des Tiramisus war inzwischen verschwunden und Schuldig zog eine frische Schachtel Luckys aus der Jackentasche. Natürlich aus Deutschland importierte Zigaretten, weil er hier keine wirklich guten bekam, alles mindere Qualität, auch wenn das Gleiche draufstand. Das Papier des Filters war innerhalb von drei Sekunden durchgeweicht, obwohl er ganz bestimmt nicht sabberte.
 
Er riss das Plastik um die Verpackung auf und entfernte das Silberpapier unter der Papplasche. Nachdem er sich einen Glimmstängel herausgeklopft hatte, schloss er das Päckchen sorgfältig wieder und drehte es einen Moment lang in den Fingern, bis sein Blick auf das weiße Etikett auf der breiten Seite fiel. Na das war ja sowieso das Überflüssigste von allem! Als wenn diese lächerlichen Aufkleber jemanden daran hindern würden, weiter zu rauchen.
 
Mit einem kleinen Grinsen zündete er sich die Zigarette an, zog genüsslich daran, während er las: "Rauchen fügt Ihnen und den Menschen in Ihrer Umgebung Schaden zu!" Er schüttelte den Kopf und blies den Rauch genauso genüsslich und wie zur Demonstration wieder aus.
 
Aus purer Neugierde drehte er die Schachtel um und las auch den dummen Spruch auf der Gegenseite. Vor Schreck fiel ihm beinahe die Zigarette aus der Hand. Fasste man’s denn! Da stand doch tatsächlich: "Rauchen macht impotent!" Ha! Da war also der Grund für Yohjis Problem! Der Kerl rauchte doch wie ein Schlot. Und ganz bestimmt keinen guten, Deutsch-Import, sondern den Kram, den sie hier verkauften. Na davon konnte man ja nur impotent werden. 
Dass er selber ja gerade eine Zigarette in der Hand hielt, war ihm wohl mal wieder vorübergehend entfallen. Zufrieden lehnte er sich zurück. Doktor Schuldig hatte mal wieder alle Arbeit geleistet! Yohji trank und rauchte einfach zu viel und ließ sich zu sehr von seinem bösen Leader stressen, das war alles, na wenn das nicht einfach zu beheben war, dann wusste er ja nicht.
 
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
 
"KUDOU!" Ayas schneidend kalte Stimme riss Yohji unsanft aus seiner Starre. Verwirrt blinzelte er und schüttelte den Kopf. Warum brüllte der Kerl denn schon wieder so? Er stand doch brav hier und wässerte die Blumen. Und warum stand er da so, die Hände in die Hüften gestemmt, inmitten einer riesigen Lache schmutzigen Wassers.
 
"Hä?", war sein ganzer Kommentar. Aya musste sich wirklich beherrschen, um nicht den Besen zu nehmen, mit dem er gerade das Lager schön sauber gefegt hatte und auf seinen intelligenten Kollegen einzuprügeln. Nicht mal Ken war so dämlich, den ganzen Laden unter Wasser zu setzen, wenn er Blumen gießen sollte.
 
Statt dessen landete nur ein Putzlappen im Gesicht des blonden Playboys und das letzte, was er von seinem Anführer sah, war ein Zipfel grüner Schürze nach einem "Aufputzen! Jetzt!", bevor der Rothaarige im Wohnbereich verschwand, um sich abzuregen und noch eine Tasse Tee zu trinken, damit sich seine Nerven beruhigten. Dazu hatte er ja jetzt Zeit, denn sie hatten Mittagspause und Kudou würde eine ganze Weile beschäftigt sein.
 
Yohji stand immer noch sehr bedröppelt mitten im Laden und schaute jetzt das erste Mal nach unten. "Scheiße!", entfuhr es ihm, als er bemerkte, dass er gut einen halben Zentimeter hoch im Wasser stand. Auch kam er jetzt endlich auf die Idee, den Hebel, mit dem er das Wasser aus der Schlauchdüse gelassen und die ganze Zeit gedrückt gehalten hatte, loszulassen. Zum Glück war Aya schneller gewesen als er und hatte schon den Wasserhahn abgedreht. Der Schmutz in der Wasserlache kam von der Erde aus dem Blumenkübel, den der Blonde gerade gewässert hatte, oder besser gesagt über lange Zeit gewässert haben musste, so wie es hier aussah.
 
Besser er tat schnell, was sein Anführer gesagt hatte, sonst gab es noch mehr Ärger. Der Andere hatte für seine Verhältnisse ja schon wirklich human reagiert, denn er selbst hatte wenigstens keine offenen Wunden verpasst bekommen, die das Schmutzwasser noch mit schönem Rot zierten. Normalerweise hätte Aya wohl seine Freude daran gehabt, den Übeltäter schön langsam ausbluten zu lassen, aber entweder hatte er einfach nur keine Lust, die Schweinerei hinterher wieder wegzumachen, oder es lag daran, dass er die ganze Zeit schon so nachdenklich gewesen war, seit er Omi zur Schule gebracht hatte. War er in letzter Zeit morgens häufig, was allerdings nicht sonderlich auffiel, da er ja sowieso kaum ein Wort sprach.
 
Yohji riss sich zusammen und mahnte sich zur Eile, denn mit jeder Minute, die er nachher später am Mittagstisch saß, sank die Laune des Rothaarigen ins unendliche Nichts und das war verdammt tief, mal abgesehen davon, dass der Playboy keinen Drang dazu hatte, zu erfahren WIE tief es wirklich war, dazu war ihm sein kopf dann doch zu wertvoll.
 
Wenn er nur wüsste, was das eben gewesen war. Er neigte doch sonst nicht dazu, sich in seinen Gedanken zu verlieren, wenn er arbeitete. Irgendwie fühlte sich sein Kopf leichter an, seine Gedanken nicht mehr so furchtbar wirr und durcheinander, aber er konnte sich nicht erklären, warum eigentlich. Er hatte sich die ganze Zeit bemüht, die lästigen Gedanken zu verdrängen, sich nur mit Blumen und Kundschaft zu beschäftigen, doch anscheinend war ihm das kurz vor Schluss nicht mehr geglückt.
 
Schnell machte er sich an die Arbeit und schaffte sogar einen Großteil, bis ein lauter Ruf aus dem Wohnteil des Hauses drang. "Ich bin wieder dahaaaa..." Aha da war Omi...aber Moment mal, wo blieb eigentlich Ken? Durch seine ganzen Versuche, sich von seinem kleinen Problem abzulenken, hatte er sich wohl von allem abgelenkt und ihm war gar nicht aufgefallen, dass sein Kollege schon ziemlich lange vom Einkaufen zurück sein sollte. Er erstarrte kurz, blinzelte und schüttelte noch einmal den Kopf, diesmal aber wesentlich heftiger. Irgendwas lief hier verdammt falsch! 
 

Kapitel 5

Gespannt wartete Ken, dass sich der schwarzhaarige Fremde umdrehte. Inzwischen war er wirklich neugierig auf das Gesicht, dass sich unter den dunklen Strähnen verbarg, die so perfekt gegelt waren.
 
Der Mann schien für einen Moment wie erstarrte zu sein. Hatte er ihn etwa erschreckt? Doch dann sanken die angespannten, breiten Schultern etwas nach unten und der Körper setzte sich in Bewegung. "Ja vielen Dank, ich fürchte ich...." Ken entfuhr ein erschrockenes Keuchen, als er in das erleichterte Gesicht des vermeintlich Fremden blickte. Diese Züge würde er überall auf der Welt, selbst im Traum noch wieder erkennen, so hatten sie sich ihm ins Gedächtnis eingebrannt. Es war das Gesicht eines der Männer, die er am meisten hasste.
 
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
 
Brad spannte für einen Moment sämtliche Muskeln an. Er war so in Gedanken mit seiner verzweifelten Suche beschäftigt gewesen, dass es tatsächlich einem Normalsterblichen gelungen zu sein schien, ihn zu überraschen. Wie peinlich, welche Schande!
 
Doch dann sanken seine angespannten Schultern merklich nach unten. Er hatte wohl keine andere Wahl und der Mann hatte eine wirklich angenehme Stimme. Der war sicher besser, als eine von diesen dummen, himmelnden Verkäuferinnen. Und er hatte die Hilfe ja angeboten.
 
Er gab sich einen Ruck und drehte sich schließlich um. "Ja, vielen Dank, ich fürchte, ich...." er führte den Satz nie zu Ende, denn bei dem Anblick, der sich ihm bot, blieb ihm doch glatt die Spucke weg.
 
Da stand doch tatsächlich Ken Hidaka alias Siberian und starrte ihn fassungslos an. Tja das hatte er wohl nicht erwartet. Aber dann fiel ihm auf, dass er selbst wahrscheinlich gerade nicht viel besser dreinschaute, denn ihn überraschte es ebenso wie sein Gegenüber, den Anderen hier anzutreffen.
 
Er sah wie Kens Hand sich zur Faust ballte, als wenn er seine Bugnuks ausfahren wollte, die er natürlich nicht dabei hatte. Brad schluckte etwas, als er diese natürliche Abwehrreaktion des Killers sah, denn wenn der Braunhaarige ihn früher erkannt und seine Waffe dabeigehabt hätte, wäre er jetzt wohl Geschichte, Öffentlichkeit hin oder her. Kein Wunder, so abwesend wie er gewesen war.
 
Trotzdem fand er als erstes seine Fassung wieder. Zum Glück war er so trainiert, dass sein Gesicht keinerlei Regung gezeigt hatte, weder Überraschung noch sonst etwas. Nun erschien ein überhebliches Grinsen auf seinen kalten Zügen. "Sieh an..."
 
In Kens Wange zuckte ein Muskel und am liebsten wäre er Crawford an die Kehle gesprungen. Dieser arrogante Bastard! Wie sehr er ihn hasste! Doch hier konnte er ihn ja schlecht umbringen, mal ganz davon abgesehen, dass er wahrscheinlich sowieso keinerlei Chance gehabt hätte. Mit seinen Kräften war ihm Oracle nun mal haushoch überlegen. Und doch versetzte es ihm einen Stich, dass dieser niedliche Schwarzhaarige ausgerechnet der berechnende, eiskalte Schwarz-Leader sein sollte.
 
Brad überlegte einen Moment, als er keine Antwort bekam und das Grinsen verschwand wieder. Er musste zugeben, dass er hier absolut orientierungslos war, während Siberian wenigstens einigermaßen Durchblick in den Regalreihen zu besitzen schien, wenn man dem Inhalt seines Einkaufswagens trauen durfte.
 
"Es...ich...kannst...du...mir..........helfen?" presste er schließlich beschämt hervor. Welche Schande, ausgerechnet den Feind um Beistand bitten zu müssen und das auch noch bei so etwas Einfachem wie einkaufen. Das war doch seiner nicht würdig. Wenn er allerdings daran dachte, was ihn zu Hause erwartete, wenn er ohne die Dinge, die er besorgen sollte, wiederkam...ok, dann doch lieber Hidaka. Der Kerl schien zwar die Weisheit nicht gerade mit dem Schöpflöffel gefressen zu haben, aber fürs Einkaufen war es wohl augenscheinlich genug.
 
Kens Augen weiteten sich überrascht wieder und diesmal hatte er sich noch weniger in der Gewalt. "Bitte?!" Hatte er sich eben verhört? Es hatte ihn doch nicht etwa das Orakel persönlich um Hilfe beim Einkaufen gefragt oder? Anscheinend doch. Er hätte nicht gedacht, dass es etwas gab, was dieser perfekte Mann nicht beherrschte und schon gar nicht so was simples wie Waren in den Wagen legen und bezahlen gehen. Wie man sich doch täuschen konnte!
 
Brad schnaubte genervt. "Muss man dir alles zweimal sagen? Bist du so d..." Er bekam sich gerade noch rechtzeitig ein, denn ihm fiel auf, dass er ja hier drin auf Ken angewiesen war, wenn er sich nicht noch jemand Anderen suchen wollte und dazu hatte er jetzt absolut keinen Nerv mehr.
 
"Ähm...ich meine...du hast doch wohl verstanden, was ich gesagt habe, oder? So schlimm ist mein Akzent nun auch wieder nicht..." Also versuchte er es mit einem sehr unbeholfenen Scherz. Hatte wohl nicht so gewirkt, wie er gehofft hatte, den Hidakas Augen verdunkelten sich ein wenig und er lachte kein bisschen.
 
Ken rollte innerlich nur die Augen. Ihr Götter, der Mann wusste doch ganz genau, dass sein Japanisch so perfekt war, wie es nur sein konnte. Etwas Anderes war doch bei so einem nicht möglich. Er sollte jetzt auf der Stelle gehen und den Kerl einfach so hier stehen lassen. Doch irgendwie wirkte der Schwarz-Leader im Moment so...hilflos. Hilflos und sogar etwas unbeholfen, zwei Dinge, die ihm noch nie an dem Anderen aufgefallen waren. Ihm kam eine Idee, denn umsonst würde er sich sicher nicht mit diesem arroganten Sack abgeben, auch wenn er ziemlich viel Mitleid mit ihm hatte.
 
"Dein Name! Ich will deinen Namen wissen..." Er grinste triumphierend ob seines Einfalles. Brad zuckte etwas zusammen. "Wozu? Mein Name nützt dir gar nichts, ich hab eine absolut weiße Weste..." Wenn Siberian also in der Öffentlichkeit gegen ihn vorgehen wollte, würde er schlechte Karten haben.
 
Diesmal rollte Ken die Augen auch äußerlich. "Und mir sagt man immer, ich hätte ne lange Leitung...", maulte er leise “Ich kann dich ja wohl hier nicht gut 'Oracle' nennen oder?" Er hatte seine Stimme etwas gedämpft, immerhin standen sie hier direkt an einer Theke, und so etwas musste nun wirklich niemand außer ihnen mitbekommen. 
Brad schlug sich fast mit der Hand vor die Stirn. Warum war ihm das eigentlich nicht selbst eingefallen? Also seufzte er nur und nickte. "Crawford...du kannst mich Crawford nennen...", meinte er dann leise und wich Kens Blick aus.
 
Der legte den Kopf etwas schief. "Crawford?" Wenn er es aussprach, hörte es sich irgendwie komisch an. Leicht falsch. Aber naja, wenn sein Feind meinte...Amerikaner sollten ja sehr seltsam sein, hatte er gehört. "Seltsamer Vorname...", bemerkte er nur nebenbei.
 
Am liebsten hätte der Schwarzhaarige sein Gegenüber nun gepackt und geschüttelt. "Das ist nicht mein Vorname, du Tr...ähm...naja, den werd ich dir sicher nicht sagen!" Oh, wie ihm doch die Beschimpfungen auf der Zunge lagen und er musste sie runterschlucken, wie gemein! Hoffentlich überlebte er den Einkauf, ohne daran zu ersticken, sonst machte Farf noch mehr Stress.
 
Kens Blick verdüsterte sich noch weiter, als wollte er sagen: 'Reiß dich ja zusammen!' Aber immerhin hatte Crawford ja Recht. Er war ein Trottel und würde immer einer bleiben, so war das nun mal, man sagte es ihm ja schließlich oft genug. Außer Fußballspielen und töten konnte er eben nichts. Selbst beim Blumenverkaufen war er zu so gut wie nichts zu gebrauchen. Aber damit hatte er sich schon lange abgefunden. An Tatsachen konnte man eben nur schwer etwas ändern.
 
Also beschwerte er sich auch nicht, sondern nickte nur leicht. "Zeig her, was brauchst du?" Er streckte die Hand nach dem Einkaufszettel aus.
Brad war erstaunt, dass Siberian nicht seinem Namen alle Ehre machte und ihm mit ausgefahrenen Krallen ins Gesicht sprang, spätestens jetzt, nachdem er ihn erneut beinahe beleidigt hatte. Umso mehr verwirrte es ihn, dass der Junge es nicht tat, sondern nur nickte und nach dem Einkaufszettel fragte. Etwas abwesend reichte er Ken das Stück Papier ganz automatisch, ohne zu überlegen.
 
Der Braunhaarige besah sich das Ganze eine Weile, zuckte dann die Schultern und reichte Crawford den Zettel zurück. "Du wirst es mir vorlesen müssen, ich kann kein Englisch..." Und dabei wurde er auch noch tatsächlich etwas rot, als würde er sich für seine mangelnde Bildung schämen. Er konnte doch auch nichts dafür, dass er immer lieber Fußball gespielt hatte und Vokabeln-Pauken so absolut ätzend fand. Aber in Moment wie diesen wünschte er sich, er hätte in der Schule etwas besser aufgepasst, dann müsste er sich jetzt vor seinem Feind nicht eine solche Blöße geben.
 
Die schwarzen Augenbrauen des gegnerischen Leaders zuckten steil nach oben. So wenig Bildung hätte er dann selbst von einem Kritiker-Agenten nicht erwartet. Aber vielleicht war Hidaka da ja eine Ausnahme. Sonderlich schlau schien er ja nun wirklich nicht zu sein und Brad war nur froh, dass er im Moment seinen impulsiven Hitzkopf ganz gut unter Kontrolle zu haben schien. Er wusste nicht, wie er reagieren würde, wenn Ken hier auf ihn losging.
 
Aber die Röte auf den Wangen des Fußballers war schon ganz interessant, um nicht zu sagen niedlich, auch wenn er natürlich dieses Wort niemals in den Mund nehmen würde, schon gar nicht in Verbindung mit dem Erzfeind Nummer zwei, Nummer eins war ja immer noch Abyssinian.
 
Diesmal verkniff er sich jedoch einen entsprechenden Kommentar und las einfach nur den Zettel, beziehungsweise, die schier endlos scheinende Liste vor. Eine Menge Sachen, die da drauf standen und natürlich alle völlig durcheinander.
 
Ken schüttelte verständnislos den Kopf. Wie konnte ein Mann, der sonst so auf Korrektheit und Perfektion achtete, zumindest was sein Äußeres betraf, wobei er gerne davon ausging, dass sich dieses auch auf sein Privatleben ausdehnte, wie konnte also so jemand so konfus sein, wenn es um etwas so einfaches wie Einkaufen ging? Das war ihm dann doch etwas unbegreiflich, aber er fragte nicht weiter, sondern hielt brav ihren unausgesprochenen Waffenstillstand ein. Man konnte ihm dann hinterher zumindest nicht vorwerfen, dass Weiß nicht hilfsbereit war, alles aber nicht das, sie waren schließlich die Guten!
 
Als erstes ordnete er gedanklich die Dinge, die Crawford benötigte in die entsprechenden Regale ein, in denen sie zu finden waren und steuerte dann auf den Ein- und Ausgang des Supermarktes zu. Brad musste eben sehen, wie er hinterherkam.
 
Der Schwarzhaarige taperte verwirrt hinterher, hob die Hand und gestattete sich einen Einwand. "Äh...Moment...ich dachte...du...hm...wie?" Brachte er heute eigentlich noch mal einen zusammenhängenden Satz heraus, oder stotterte er weiter die ganze Zeit irgendwelches wirres Zeug zusammen um die Zeit zu überbrücken?
 
Sein Feind hielt noch nicht mal im Schritt inne, sondern marschierte zielstrebig zum ersten Regal. "Was nützt es, mittendrin anzufangen? Wir beginnen da, wo man reinkommt, das ist am einfachsten...", erklärte er etwas ungeduldig. Man konnte doch bitte auch von einem hilflosen Schwarz erwarten, dass er ein bisschen mitdachte. Erst jetzt fiel ihm das Paradoxe an der ganzen Sache auf: er, ein WEISS, half einem SCHWARZ, anstatt ihn einfach stehen zu lassen.
 
Er konnte nur über sich selbst den Kopf schütteln, entschuldigte sich aber mit seinem Gewissen und außerdem hatte es wohl noch nicht mal ein arroganter Sack wie Crawford verdient, einsam und alleine in einem Supermarkt zu stehen und nicht mehr weiterzuwissen, das was dann doch zu grausam.
 
Brad tat das einzig sinnvolle in dieser Situation: er hielt den Mund. Da er auch sonst ein eher schweigsamer Geselle war, fiel ihm das nicht sonderlich schwer, aber Ken wurde das Schweigen von Minute zu Minute unangenehmer. Schließlich hielt er es einfach nicht mehr aus. "Warum schickst du nicht einen deiner Leute zum einkaufen?"
 
Crawford knirschte hörbar mit den Zähnen, was der Braunhaarige mit einem Schaudern zu Kenntnis nahm, aber geschickt überhörte. War wohl keine so tolle Frage gewesen. "Weil ich dran war." Ok, das war eindeutig. Und doch konnte der Fußballer es nicht lassen, nachzubohren.
 
"DU hältst dich an Regeln?" Er hätte nicht gedacht, dass auch Schwarz so etwas wie einen Haushaltsplan oder der Gleichen besaß, oder überhaupt Richtlinien, die nicht von ihrem Leader selbst aufgestellt worden waren. Der Schwarzhaarige zuckte die Schultern und fischte eine Packung Nudeln aus dem Regal, die ihm richtig erschien. "Berserker kocht, wir kaufen ein..."
 
Ken nahm ihm die Teigwaren wieder aus der Hand und legte sie zurück, holte dafür eine andere Schachtel heraus und legte sie in den Einkaufswagen des Schwarz. Die Worte brauchten eine ganze Weile, bis sie versickert waren. "Nimm die, die sind besser....Moment mal! Sagtest du gerade BERSERKER KOCHT?" Seine Stimme war ziemlich laut geworden und einige Leute schauten interessiert zu ihnen herüber. Errötend senkte er den Kopf und nuschelte eine Entschuldigung.
 
Dadurch entging ihm allerdings Brads erneutes Schulterzucken. Er könnte sich selbst für seine Dummheit die Zunge abbeißen. Sonst war es doch auch gar nicht seine Art, Privates auszuplaudern! "Einer muss es ja machen und er macht es freiwillig....", beendete er damit das Thema."Du willst mir doch nicht erzählen, dass es genießbar ist, was er fabriziert, oder?" Der Weiß schien den stummen Wink nicht verstanden zu haben und ganz und gar nicht dazu bereit zu sein, die Sache einfach so auf sich beruhen zu lassen.
 
Brad war inzwischen eindeutig genervt. "Doch ist es und bestimmt besser, als das von eurem Katanaschwinger!" Hupps, schon wieder! Siberians Augen weiteten sich deutlich. "Woher weißt...ok, schon klar, vergiss es..." Es machte ihn deutlich nervös, dass sein Gegenüber scheinbar alles über ihn zu wissen glaubte. Naja er hoffte, dass es nicht wirklich ALLES war, das könnte problematisch werden. Allerdings glaubte er auch nicht, dass ausgerechnet der Schwarz-Leader an seinem Verhalten oder seinen Gedanken interessiert war, das war doch dann eher Masterminds Kategorie und den entdeckte er zum Glück weder hier real noch spürte er ihn in seinem Kopf.
 
Nun war es an ihm, zu schweigen, während sie langsam Stück für Stück die endlosen Regalgänge abliefen. Kaum einmal musste er nachfragen, was noch auf dem Zettel stand, das meiste hatte er sich ohnehin schon beim ersten Mal gemerkt. Brad war beeindruckt, denn das hätte er von wirklich allen Weiß-Mitgliedern erwartet, aber nicht von Ken, der ja immer den Eindruck machte, als wäre er ein bisschen dumm. Aber anscheinend hatte der Junge nur ab und zu eine lange Leitung sonst nichts und das hatte Schuldig ja auch gelegentlich bis öfters, wenn es um seiner Meinung nach unwichtige Dinge ging.
 
Unauffällig beobachtete er den Jungen, der mit nachdenklichem Gesichtsausdruck vor ihm herlief. Braune, verstrubbelte Haare, schlanke Figur mit deutlichen Muskeln vom Sport, einfache Kleidung, alles in allem ein durch und durch unauffälliges Kerlchen, hübsch zwar aber nicht zu vergleichen mit beispielsweise Ayas exotischer Schönheit. Brad runzelte die Stirn. Er sollte aufhören, solche Sachen über seine Feinde zu denken! Trotzdem musterte er den Fußballer weiter, solange der es nicht bemerkte.
 
Doch obwohl Brad mehr als vorsichtig war, spürte Ken die Blicke des anderen wie Nadelstiche im Nacken. Was war denn das? Hatte er irgendwo ein seltsames Schild kleben, das ihm Yohji noch verpasst hatte, bevor er gegangen war? Wäre ja nicht das erste Mal! Auf dem Letzten hatte irgendwas von 'lieb haben und knuddeln' gestanden und prompt waren ihm sämtliche Weiber, die ihn von hinten gesehen hatten, um den Hals gesprungen. Also Erstens hatte er es dann doch nicht so nötig und zweitens wären ihm Männer sowieso lieber gewesen, aber das wusste sein blonder Kollege ja zum Glück nicht.
 
Moment mal, Crawford wusste doch alles, wusste er DAS etwa auch? Würde er dann auf der nächsten Mission eine dumme Bemerkung fallen lassen und ihn verraten? Das durfte nicht passieren, dafür war ihm das Verhältnis zu seinen Freunden viel zu wichtig! Fieberhaft überlegte er, was er tun könnte, um das scheinbar drohende Unheil noch einmal von sich abzuwenden.
 
Der Schwarzhaarige dagegen wusste nichts von alledem, es hatte ihn nie interessiert, wie Ken gepolt war und es würde ihn auch ganz sicher nicht interessieren, obwohl er es natürlich ganz ohne Schwierigkeiten herausfinden könnte, wenn er es denn wollte, das war doch eine seiner leichtesten Übungen! Doch daran dachte er im Moment gar nicht, vielmehr war er damit beschäftigt, die runde Kehrseite des Anderen zu begutachten, natürlich aus rein wissenschaftlichem Interesse, ob sich diese denn mit seiner messen könnte. Durchaus, wie er entschied, Kens Hintern war rein objektiv betrachtet wirklich nicht zu verachten.
 
Ken knabberte fieberhaft auf seiner Unterlippe herum, denn er hatte nicht die geringste Ahnung wie er den Schwarz bestechen sollte und Druck konnte er auch keinen auf ihn ausüben. Crawford würde sich höchstens halb tot lachen und ihm dann eine Kugel zwischen die Augen verpassen. Doch dann hatte er einen Geistesblitz, wie er es schaffen könnte, dass der Schwarzhaarige in seiner Schuld stand. Er warf ihm einen Seitenblick zu, machte dann ein äußerst unbeteiligtes Gesicht und erledigte zunächst alle noch ausstehenden Einkäufe, bevor er noch einen Blick auf seine eigene Liste warf und den Warenbestand in seinem Einkaufwagen vervollständigte.
 
Brad wartete einfach. Er hatte den Blick des Jungen sehr wohl gesehen und war gespannt, was jetzt kam. Das war irgendwie nett an Ken, man konnte in seinem Gesicht lesen, wie in einem offenen Buch, selbst auf Missionen, selbst wenn er sich sonst völlig unter Kontrolle hatte. Seine Augen verrieten ihn grundsätzlich, sagten seinem Gegenüber immer, was er gerade dachte und im Moment schien er sich über irgendetwas Sorgen zu machen und nachzudenken.
 
Der Leader sah allerdings davon ab, Schuldig einzuschalten, denn die dummen Kommentare, warum er sich von einem Weiß helfen lassen musste, die konnte er sich wahrlich ersparen. Wenn der Deutsche einkaufen ging, manipulierte er einfach irgendwen und trank in der Zeit einen Kaffee, er selbst musste sich eben anders behelfen. War doch gar nicht so übel, den Feind für sich arbeiten zu lassen und dafür noch nicht mal eine Gegenleistung erbringen zu müssen, zumindest solange, wie man die Tatsachen verdrehen und sich schöne Dinge einreden konnte. Aber irgendwas hatte die kleine Ratte doch sicher vor, dass sah er ihm an der Nasenspitze an, nur was? Brad war wirklich versucht, einen Blick in die nahe Zukunft zu werfen, ließ es dann aber doch bleiben, denn vielleicht gefiel ihm das ganz und gar nicht und im Augenblick war er eigentlich recht zufrieden. Dazu kam, dass Siberian sowieso nie lange irgendwas hinterm Berg halten konnte, er würde es also ohnehin erfahren, egal, was es war.
 
Sie schoben ihre Wägen in Richtung Kasse und Brad lenkte seinen wieder neben Kens, denn es sah seiner Meinung nach doch zu dämlich aus, wenn er die ganze Zeit hinter dem Braunhaarigen herdackelte wie ein Hündchen, vor allem, weil er sich für heute vor den Verkäuferinnen wohl schon genug zum Gespött gemacht hatte. Vielmehr würden seine armen, workaholic-geschädigten Nerven nicht mehr aushalten und der Tag hatte ja eben erst angefangen. Zu Hause musste er wieder seine Teamkollegen ertragen, beziehungsweise einen ganz bestimmten, orangehaarigen, der immer noch seinen Bandanas nachtrauerte und bestimmt Langeweile hatte. Darauf konnte er dann doch verzichten.
 
Ken dagegen bearbeitete seine Unterlippe noch ein wenig und warf immer wieder nachdenklich, ganz und gar unauffällige Seitenblicke zu seinem Nachbarn hinüber, in der Hoffnung, eine Antwort auf die Frage aller Fragen zu bekommen: Würde es funktionieren? Wahrscheinlich nicht, so wie er sich kannte, aber was schadete es schon, es einfach auszuprobieren?
 
"Wirst du es denn nächstes Mal alleine schaffen?", fragte er deshalb erstaunlich freundlich. Es konnte ja hilfreich sein, wenn er ein bisschen nett war. Brads Augenbrauen zogen sich misstrauisch zusammen, bis sie sich in der Mitte fast berührten. Was wollte Hidaka denn damit sagen? Dass er unfähig war? Nein, in seiner Stimme lag kein Spott und besonders in seinen Augen auch nicht. Also war es wohl eine ernst gemeinte Frage.
 
"Muss ja, oder?", gab er ein wenig kurz angebunden zurück, nicht, dass Ken etwa noch auf die Idee kam, das Thema weiterzuverfolgen. Er hatte allerdings nicht mit der Hartnäckigkeit und der langen Leitung des Jungen gerechnet. "Hm...naja...also...ich könnte dir ja vielleicht....." Er ließ den Satz mit Absicht offen, um Brad die Gelegenheit zu geben, vielleicht in seinem Sinne darauf zu antworten, so dass er den Anderen nicht beleidigte, das wäre wohl fatal gewesen.
 
Die dunklen Augen des gegnerischen Leaders richteten sich nun ganz auf den Weiß-Jungen. "...helfen?", fragte er etwas ungläubig, konnte gar nicht glauben, was er da gerade hörte. Das konnte doch wohl nur ein Irrtum sein, oder? Aber Kens Nicken belehrte ihn eines Besseren. "Das meinst du ernst oder?" Er blinzelte verwirrt, als der Feind wieder nickte. War der denn von allen guten Geistern verlassen? Takatori würde sie eliminieren, wenn er davon erfuhr, oder es zumindest versuchen und er bezweifelte, dass Kritiker davon viel mehr angetan sein würden.
 
Ken fing wieder an, auf seiner Unterlippe zu knabbern, war deutlich unsicher und trat nervös von einem Fuß auf den Anderen. War das nun gut oder schlecht? Irgendwie schien Brad das gar nicht von ihm erwartet zu haben. Hatte das Orakel auf einmal Probleme mit seiner Gabe? War er vielleicht nicht mehr voll einsatzfähig? Und wenn ja, WAS GING IHN DAS VERDAMMT NOCHMAL AN???
Der Weiß-Junge schüttelte den Kopf, um diese furchtbar lästigen Gedanken loszuwerden, das war ja nicht zum Aushalten!
 
Jetzt war es an Brad, verlegen zu sein. Langsam rückten sie in de Kassenschlange weiter nach vorne und Ken schien ihn erwartungsvoll anzusehen. Er schluckte ein paar Mal trocken, während sein Gehirn in Windeseile versuchte, Vor- und Nachteile der Sache abzuwägen. Denn dass der Feind ihn in eine Falle locken wollte, glaubte er einfach nicht, dafür war der Junge viel zu ehrlich und geradeaus. Wenn er zusagte, hatte er zumindest keine Probleme mehr was das Einkaufen betraf und unangenehm war die Gesellschaft des Braunhaarigen wider Erwarten auch nicht im Übermaß. Allerdings gab er sich damit auch eine Blöße und wurde ziemlich erpressbar gegenüber seinen Teamkameraden. Sollte vor allem Schuldig jemals herausbekommen, dass er die Hilfe des Weiß brauchte, um einzukaufen, würde er den Spott nie wieder loswerden.
 
Nahm er das Angebot aber nicht an, würde er den Jungen höchstwahrscheinlich kränken, was bei dessen hitzköpfigem Gemüt sicher nicht besonders ratsam war. Er hatte Ken schon wütend erlebt und legte ehrlich gesagt, trotz seiner Überlegenheit durch seine Kräfte, keinen Wert auf Wiederholung. Außerdem würde er dann auch in Zukunft den Kampf gegen den Supermarkt alleine bestehen müssen und wenn er das Genuschel von Farfarello neulich richtig deutete, würde diese Aufgabe demnächst komplett an ihm hängen bleiben und es gab absolut nichts, was er dagegen tun konnte, es sei denn, er wollte ab morgen wieder von Fertigfutter leben und darauf konnte er dann doch dankend verzichten.
 
Also dann eben das eine Unheil in Kauf nehmen, um das Andere abzuwenden. Er seufzte tief und nickte dann. "Na schön...ich nehme an, bleibt mir ja nicht viel Anderes übrig, fürchte ich..." Er lächelte ein wenig gequält, sollte heißen, seine Mundwinkel zuckten einen Moment lang nach oben und gingen sofort in ihre Ausgangsposition zurück, in der sie, ähnlich wie bei Aya, festgewachsen zu sein schienen, in einer absolut ausdruckslosen, geraden Linie.
 
Ken dagegen grinste fröhlich und nickte eifrig. "Ich bring dir das schon bei, keine Sorge..." Damit schob er seinen Wagen endgültig in die Kasse hinein und begann, seine Waren auf das Fließband zu legen und das war doch eine ganze Menge. Schnell schob er das leere Gefährt zum anderen Ende und packte dort alles wieder ein, ließ sich einen Haufen Tüten geben, denn verpacken würde er alles in Ruhe. Aya hasste nichts mehr, als wenn sein heißgeliebtes Gemüse, dass ja auch so gesund war und soo viele wichtige Vitamine enthielt, von denen sie allein viiiel zu wenig bekamen, zerdrückt war, da konnte er richtig sauer werden und das war wirklich keine sehr angenehme Sache. also lieber alles schön, brav sauber einpacken und heil nach Hause bringen.
 
Er bemerkte nebenbei, dass Brad sein Verhalten sehr aufmerksam zu beobachten schien, als wäre ihm so was völlig neu. Der Schwarz gehörte garantiert zu den Menschen, die alles sofort irgendwie, nur möglichst schnell, in die Tüten stopften und sich dann hinterher zu Hause wunderten, dass fast nichts noch ganz war. Überhaupt schien im gegnerischen Haushalt ein ähnlicher Gesundheitsfanatiker sein Unwesen zu treiben wie bei ihnen, der Liste nach zu urteilen. Gekochtes Essen war ja in der Regel auch ganz nett, aber man konnte es doch wirklich übertreiben!
 
Der Schwarz reagierte kaum auf Kens Worte, viel zu sehr war er damit beschäftigt, dessen seltsame Technik beim Einpacken zu beobachten. Wie wollte er denn den Kram nach Hause schaffen? Einfach so ins Auto? Nein, da nahm er sich noch Tüten... also erst später einpacken? Anscheinend... nunja, war mal auf jeden Fall nicht so stressig, wie wenn er es an der Kasse gemacht hätte. War vielleicht doch nicht ganz so dumm, der Kleine.
 
Er schloss sich dem Verhalten des Braunhaarigen an, lud zunächst alles auf das Fließband, dann wieder in den Wagen, nahm genügend Tüten und bezahlte. Dann ging er dem Anderen wieder hinterher, zu den eigens für das Verpacken der Einkäufe aufgestellten Brettern und tat es dem Jungen gleich, als dieser begann, die Sachen erst zu sortieren, obwohl er da noch nicht so ganz durchblickte, was wohin musste und warum.
 
Ken grinste in sich hinein. Das war doch mal wirklich ein Erlebnis, den großen Crawford, Chef-Orakel so hilflos und lernwillig zu sehen. Tatsächlich schien er ihm alles nachzumachen, also begann er, geduldig zu erklären, wie er es auch immer mit seinen Kids machte, mit denen er Fußball spielte. "Also unten rein in die Tüten tust du immer die schweren Sachen, die nicht zerdrücken können: Dosen, Flaschen, Wurstpackungen und so weiter... mach aber nicht zu viel rein, sonst wird’s zu schwer und die Tüte reißt..." Er schielte zu seinem Nebenmann und beobachtete so ein wenig dessen treiben. Wenigstens stellte er sich nicht halb so dämlich an, wie er selbst als er das erste Mal einkaufen gewesen war. 
Schnell war auch diese Arbeit beendet. Der Braunhaarige warf einen Blick auf seine Uhr. Noch mehr als eine halbe Stunde Zeit, bis er wieder zu Hause sein musste, Zeit genug also, noch einen Kaffee trinken zu gehen. Das gönnte er sich meistens nach dem Einkaufen, einfach nur dasitzen und ein wenig die Leute zu beobachten, dabei eine Tasse mit leckerem Getränk vor sich, so liebte er das.
 
Brad bemerkte den Blick und hatte zumindest den Anstand, einen Anflug von schlechtem Gewissen zu bekommen. "Zu spät?", fragte er in neutralem Ton, als ob ihn das gar nichts anginge. Ken schüttelte den Kopf so dass die braunen Strähnen flogen. "Nein, hab noch eine halbe Stunde Zeit... ich werd wohl noch einen Kaffee trinken gehen oder so...", erklärte er dann und packte die Tüten in seinen Einkaufswagen.
 
Der Schwarz tat es ihm gleich und überlegte einen Moment. Er war Ken eindeutig etwas schuldig und das war ihm alles andere als recht. "Sag mal... wie.. hm.. wie wär’s... wenn ich dir einen Kaffee ausgeben würde? So als... hm..." Er scheute sich irgendwie ganz gewaltig, das Wort 'Dankeschön' auszusprechen. "...Gegenleistung?", umschrieb er deshalb recht geschickt. Ken grinste leicht, nickte dann aber. warum sich nicht für seine Dienst entlohnen lassen, dann brauchte er wenigstens kein schlechtes Gewissen zu haben. "Warum nicht? Aber eine Bedingung gibt es...", schränkte er trotzdem ein. 
Eine schwarze Augenbraue hob sich merklich und fragend. Was wollte der Kerl denn? Das Teuerste vom teuren? Nicht das Geld für Brad eine Rolle spielte, aber trotzdem... "Kein Wort über den Job!" Das war wenigstens eine klare Ansage, auch wenn sie den Schwarzhaarigen noch mehr überraschte als Kens ganzes Verhalten zuvor. "Sicher... kein Problem...", willigte er deshalb rasch ein, bevor der Junge es sich womöglich noch anders überlegte und ihm noch mehr Forderungen einfielen.
 
Zufrieden nickte der Weiß. "Ok, dann komm..." Er schob seinen Wagen zu dem kleinen, ruhigen Cafe auf einer der Galerien des Zentrums, von dem aus man die ganzen vielen Menschen gut überblicken konnte und selbst doch so gut wie unsichtbar blieb. Brad nickte anerkennend, denn das war doch ein Ort nach seinem Geschmack, unauffällig, gemütlich, ruhig.
 
Sie ließen sich an einem der kleinen, runden Tische nieder und steckten ihre Nasen erst einmal in die Karten, obwohl Ken ja schon genau wusste, was er wollte. Es hätte aber wohl ziemlich dumm ausgesehen, wenn er einfach so in der Gegend herumgesessen wäre, denn Brad wusste es ja offensichtlich nicht. Die junge Bedienung kam und nahm ihre Bestellungen auf. Schon von weitem konnte man die Sternchen in ihren Augen sehen, angesichts dieser beiden Männer, die dort saßen, wobei der Braunhaarige das eigentlich eher auf seinen Feind bezog, als auf sich selbst. Oh ja, Brad war schon ein gutaussehender Mann, das musste er zugeben und er schien das auch genauestens zu wissen, denn er würdigte die junge Frau keines Blickes, als er einen einfachen Kaffee bestellte, nachdem er die Karte weggelegt hatte.
 
Der Fußballer schloss sich mit einer heißen Schokolade an und lehnte sich dann zurück, als dir Kellnerin enttäuscht wieder verschwand. "Ich glaube, du hast soeben ein Herz gebrochen", meinte er grinsend und deutete mit dem Kopf in die Richtung der Bedienung. Brad runzelte verständnislos die Stirn. "Wie meinst du das?", fragte er kühl und unbeteiligt, was man genauso gut als Arroganz auslegen konnte.
 
Der Weiß rollte die Augen ein wenig. "Na die Kleine da findet dich ganz toll..." Erstaunt drehte sich der Schwarz-Leader um, um einen Blick auf die Frau zu werfen, als habe er sie vorhin gar nicht wahrgenommen. "Oh...naja, mag sein..." Er wollte nicht zugeben, dass er davon absolut keine Ahnung hatte, folglich auch die Blicke, die sie ihm zugeworfen hatte, nicht wahrgenommen oder überhaupt registriert hatte. Er war furchtbar schlecht in solchen Dingen, aber normalerweise sah er den Ausgang eines Gesprächs ja vorher voraus und Schuldig rieb es ihm unter die Nase, so dass noch nie jemand seinen Mangel an Kenntnis über unauffällige, zwischenmenschliche Aktivitäten, bemerkt hatte, seien es nun Blicke oder Gesten oder sonst etwas.
 
Er hatte einfach immer viel zu viel zu tun, um sich mit so etwas sinnlosem auch noch abzugeben. Wenn man einen Partner wollte, sollte man das gefälligst sagen und damit basta. Nicht immer ewig drum herumreden und versuchen, es dem Anderen mit irgendwelchen lächerlichen Dingen begreiflich zu machen, weil man nicht zu direkt werden wollte, um keine Abfuhr zu riskieren. Das Leben bestand nun mal nur aus Abfuhren, wenn man es nicht geschickt anstellte, egal in welchem Bereich und Crawford wusste es zumindest auf geschäftlicher Ebene mit bewundernswerter Eleganz zu meistern, nicht abzublitzen. Dabei blieben allerdings die Sensoren für private Dinge größtenteils auf der Strecke, wegen mangelnder Ausbildung und Übung.
 
Ken amüsierte sich innerlich, denn für einen winzigen Moment waren die Gesichtszüge des Anderen entgleist, so kurz nur, dass er sich fragte, ob er es sich vielleicht nur eingebildet hatte, und gaben einen Teil der Überraschung und Verwunderung preis, die der Schwarzhaarige in diesem Moment zu empfinden schien. Es erstaunte den Fußballer, dass offensichtlich auch das Orakel zu überraschen war, wenn man sich nur geschickt genug anstellte.
 
Es dauerte nicht lange und ihre Getränke wurden gebracht. Diesmal zog die die Kellnerin gleich wieder zurück, weil sie sich wohl unter Brads musterndem Blick unwohl fühlte, denn wohlwollend war der nicht. Es hätte nicht viel gefehlt und Ken wäre in lautes Lachen ausgebrochen. Das sah irgendwie... niedlich aus, wie Crawford da versuchte, in den Blicken der Frau zu lesen und offensichtlich mit dem Ergebnis nicht zufrieden war. Er hätte nie gedacht, dass der Schwarz-Leader, der FEIND so... ja so sympathisch wirken konnte. Man musste offensichtlich nur nahe genug hinsehen...
 
Brad gab es irgendwann auf und widmete sich lieber seinem Kaffee, bevor der noch kalt wurde. Sein Blick fiel auf die gebräunte Hand seines Gegenübers, die die zweite Tasse umfasste, folgte ihrem Weg nach oben zu Hidakas Gesicht, zu den blassrosa Lippen, die sich langsam öffneten, um die warme Flüssigkeit einzulassen, wie sich die Augen halb schlossen um den süßen Geschmack zu kosten.
 
Er nahm seine eigene Tasse und trank einen Schluck Kaffee, wobei er sich natürlich prompt die Zunge verbrannte. Verflucht so was war ihm doch schon ewig nicht mehr passiert, warum hatte er das nicht vorausgesehen und war vorsichtiger gewesen? Oder hatte gleich von Anfang an besser aufgepasst. Er schalt sich im Stillen einen Narren, denn mit siebenundzwanzig sollte man wissen, dass frischer Kaffee heiß war, zumal dann, wenn man ihn jeden Tag Literweise trank.
 
Doch in seinem Gesicht rührte sich kein Muskel, der den kurzen Schmerz verraten könnte, das wäre ja noch schöner. Wozu trainierte man den jahrelang seine Beherrschung bis zur Perfektion? Genau! Damit man sich nicht vor seinem Feind beim Trinken lächerlich machte, so wie er es gerade im Begriff war. Und doch wanderten seine Augen über die gerade Linie von Kens Kinn weiter nach unter zum Hals des Sportlers, bevor er sich dann doch dem Treiben vor dem Fenster des Cafes zuwandte.
 
Ken saß offenbar entspannt in seinem Stuhl und tat es ihm gleich. Er beobachtete gerade, wie eine Mutter mit ihrem Kind diskutierte, das offensichtlich in eines der Süßwarengeschäfte wollte. Ein kleines Lächeln schlich sich auf sein Gesicht als er sah, wie geduldig die Frau war, denn er wusste, wie nervig und anstrengend quengelnde Kinder sein konnten.
 
Vorsichtig, um sich nicht zu verbrennen, trank er noch einen Schluck Schokolade und warf dann einen Blick zu Crawford hinüber, war überrascht, das dieser von den Leuten genauso fasziniert zu sein schien wie er selbst, zumindest klebte sein Blick an der Fensterscheibe. "Ist interessant oder?", versuchte der Weiß ein bisschen Konversation in Gang zu bringen, damit sie hier nicht die ganze Zeit schweigend nebeneinander saßen.
 
Graue Augen wandten sich ihm zu und einen Moment erschauerte er unter dem eisigen Blick, Irgendwie gefiel ihm der andere Brad wesentlich besser als dieser Unterkühlte. "Was meinst du?" Die Stimme war genauso frostig wie immer und Ken trat sich selbst mehrmals in den Hintern, dass er sich zuvor etwas Anderes eingebildet hatte. Wahrscheinlich hatte er sich beim letzten Sturz über Yohjis Klamotten den Schädel ein wenig zu heftig angeschlagen.
 
Schnell sah er wieder in die Passage hinaus. "Die ganzen Menschen... wie sie durcheinander laufen, Einige mit Ziel, Andere einfach nur so, weil sie Zeit haben... so viel Leben..." Er klang fast etwas wehmütig und Brads Stirn runzelte sich etwas, als er den Jungen von der Seite her ansah, doch seine Stimme war kühl wie immer.
 
"Du wärst gerne einer von ihnen, nicht wahr?", schoss er einfach mal ins Blaue. Er hatte keine Ahnung, ob er Ken damit nun zu nahe trat, oder ob er völlig falsch dachte, aber irgendwie machte der Braunhaarige diesen Eindruck.
 
Der Angesprochene hob die Schultern und trank noch einen schluck. "Manchmal ja... so normal... ihnen kommen alltägliche Probleme schlimm vor... das würde ich gerne mal erleben..." Sich einfach nur Gedanken über seine Mitbewohner und seinen Job machen zu müssen, ohne Nachts irgendwelche Verbrecher zu jagen und seine Hände noch mehr in das Blut unzähliger zu tauchen, das war ein Traum, den er sich wohl nie würde erfüllen können. Er seufzte leise, doch dann riss er sich zusammen, schließlich saß er hier ja nicht mit irgendwem, sondern mit seinem Erzfeind und er wusste selbst nicht, wieso er im Moment dazu neigte, diese Tatsache zu vergessen.
 
Doch zu seiner Überraschung kamen tatsächlich ein paar Worte zurück. "Ich weiß, was du meinst... doch du kannst es nicht ändern, also denk nicht darüber nach..." Etwas grob vielleicht, aber immerhin etwas. Ken legte den Kopf schief und betrachtete nun Crawfords kühles und doch anziehendes Gesicht. Das Gesicht eines Mannes, der keine Gefühle, kein Gewissen zu besitzen schien, was die letzte Äußerung nur wieder bestätigte und doch.... Der Junge wusste nicht, woran es lag, doch irgendwas faszinierte ihn, seit er den Schwarz so hilflos im Supermarkt gesehen hatte, als er noch nicht wusste, wer dieser war, auch wenn er es sich nicht erklären konnte. Er hasste den Anderen noch immer, das fühlte er ganz genau, aber warum war er ihm dann zeitweise sogar so etwas wie sympathisch?
 
Der Fußballer schüttelte den Kopf und Brad fragte sich, womit sich der Kleinere wohl gerade wieder auseinandersetzte. Von Schuldig wusste er, dass der Weiß sich oft über die nichtigsten Dinge Gedanken machen konnte und meist dazu neigte, eher sich selbst, als Anderen ein Fehlverhalten anzulasten. Eine sehr kraftraubende Strategie sein Leben zu meistern, wie der Schwarzhaarige fand, da war seine doch bedeutend besser. Es gab relativ wenig, über das er wirklich nachdachte, Fehler machte er keine, also waren immer die anderen Schuld, dafür sorgte seine Gabe im Normalfall.
 
Eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander, während Ken über die Worte seines Feindes nachdachte. Irgendwie hatte er ja schon Recht, aber es ging nun einmal absolut gegen sein Gemüt, sich über solche Dinge keine Gedanken und Sorgen zu machen. und außerdem durfte ja wohl jeder einen Traum haben, oder? Bestimmt hatte auch Crawford einen. Vielleicht so was wie: Alle Weiß tot und er Chef von Takatoris Laden oder so, aber einen Traum hatte er ganz sicher!
 
Keiner von Beiden konnte später sagen, wie lange sie dort gesessen hatten, nicht mal Brad, der ja eigentlich über eine gute innere Uhr verfügte, aber als Ken das nächste Mal auf die Uhr sah, bekam er einen gewaltigen Schreck. Er war fast eine Dreiviertelstunde überfällig und sollte schon längst wieder zu Hause sein. Aya würde toben! Hastig erhob er sich, was ihm einen seltsamen Blick von Crawford einbrachte.
 
"Du bist zu spät...", stellte der gegnerische Leader ohne mit der Wimper zu zucken fest. Kens Blick verdüsterte sich gewaltig. "Du hast es gewusst!" Er musste sich wirklich beherrschen, um nicht lauter zu werden. Zu seinem maßlosen Ärger, hatte der Schwarz nicht einmal den Anstand, es abzustreiten, sondern nickte nur. "Seit etwa fünf Minuten..."
 
Der Junge blinzelte verwirrt, entspannte sich dann aber wieder. Warum sollte der andere lügen? Brachte ihm ja in diesem Fall nichts. Oder log ein Schwarz generell? Langsam hatte er aber genug von diesem ständigen hin und her zwischen Abneigung und Auftauen und es nervte ihn gewaltig, dass er rein gar nichts dagegen machen konnte.
 
Also schnaubte er nur und ging zu seinem Wagen. Kurz bevor er ihn erreichte, drehte er noch einmal den Kopf nach hinten. "Nächste Woche um neun hier." Mehr sagte er nicht, mehr war auch gar nicht nötig und damit verschwand er im Laufschritt, wich alten Omas und kleinen Kinder aus, um sie nicht über den Haufen zu fahren. Jetzt musste er aber wirklich machen, dass er nach Hause kam und sich dabei eine wirklich gute Ausrede einfallen lassen, warum er so lange gebraucht hatte. Autoschaden ging ja schlecht, dann würde Yohji ihn mit Sicherheit sehr langsam töten.
 
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
 
In einem kleinen Cafe in einem großen Einkaufszentrum lehnte sich ein schwarzhaariger Mann in seinem Stuhl zurück, trank die letzten Reste seines Kaffees und blickte einem der vielen Menschen nach, die vor der Glasscheibe in seinem Blickfeld vorbeizogen.
"Ich weiß..."
Dann stand er auf, bezahlte und machte sich ebenfalls auf den Heimweg.
 
 
 
Kapitel 6

Schnell verpackte der junge Mann seine Einkäufe in Yohjis Seven, brachte den Wagen weg und sprintete zum auto zurück, um sich dort auf den Sitz fallen zu lassen, den Motor anzuwerfen und schwungvoll aus der Parklücke zu wenden. Dasser dabei fast zwei andere Fahrzeuge touchierte, war ihm in diesem Moment reichlich egal, genauso wie die nachgeschüttelten Fäuste und geschrieenen Verwünschungen, die den seinen gessamten weg vom Parkplatz herunter begleiteten.
 
Nichts konnte schlimmer sein, als sein wütender Leader, gar nichts! Der Gedanke an Ayas zornig blitzende Augen ließen seinen rechten Fuss (1) bleischwer werden, so dass er in einer wahren Rekordzeit wieder am Koneko.
 
Mit einem furchtbar schlechten Gewissen parkte Ken den Sportwagen in der Einfahrt. Schief natürlich, aber darauf konnte er jetzt nicht achten. Viel zu sehr war er immer noch mit einer passenden Ausrede für seinen Anführer beschäftigt, der sicher schon vor Wut kochte, weil er solange gebraucht hatte und dadurch sicher zu spät zum Mittagessen kam.
 
Der Laden war schon seit über einer halben Stunde geschlossen und auch Omi war sicher schon längst aus der Schule zurück. Fehlte nur mal wieder Hidaka, wer denn sonst? Selbst Yohji quälte sich pünktlich aus dem Bett, wenn er nicht gerade Frühschicht hatte.
 
Zähneknirschend verfluchte er seine Dummheit und bepackte sich mit den unzähligen Einkaufstüten, um nicht mehrmals laufen zu müssen, was sich allerdings als ein sehr schwieriges Unterfangen herausstellte.
 
Wie ein Packesel wankte er zum Eingang ihres Privatbereiches und wollte eben auf den Klingelknopf drücken, als diese wie von selbst aufschwang. Das da noch ein menschliches Wesen dran beteiligt war, erkannte der Fußballer spätestens, als ihn eisige Amethyste von oben herab anfunkelten.
 
Der Jüngere zog ganz automatisch das Genick ein und duckte sich etwas, wobei er in Gedanken das mit dem menschlichen Wesen ganz schnell korrigierte. Wenn Aya so schaute, hatte er nämlich mehr Ähnlichkeit mit einem Dämon als mit sonst etwas.
 
"Ähm... hi...." Er versuchte es mit einem ein bisschen verlegenen Stottern und einem noch verlegeneren Grinsen und hielt die schweren Tüten wie einen Schutzwall vor sich. Sein Leader hätte wohl keine Skrupel, ihn einen Kopf kürzer zu machen, aber nur, wenn die Einkäufe dadurch nicht gefährdet wurden. Das hieß, wenn er es bis ins Haus schaffte, konnte er vielleicht einen sprint zur Treppe hinlegen und sich in seinem Zimmer verbarrikadieren. Dann fiel ihm jedoch ein, dass sich der weiße Tod wohl kaum von einem simplen Holzbrett abhalten lassen würde und er verwarf den Gedanken lieber ganz schnell.
 
Seine Arme wurden allmählich lahm und er trat von einem Fuß auf den Anderen, wurde immer nervöser, weil der Rothaarige immer noch schwieg. Nicht, dass das etwas Besonderes wäre, aber Ken hatte zumindest einen gepfefferten Vortrag über Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit erwartet, oder zumindest IRGENDWAS, aber nicht diesen einfach diesen Blick und sonst rein gar nichts.
 
"Tu...tut mir wirklich leid..... ich... hab..." Ja was hatte er denn? Er war sich sicher, dass Aya sofort jede Lüge durchschauen würde, das tat er meistens, auch wenn er es meistens nicht zeigte oder einfach ignorierte, irgendwann kam es wieder raus. Also am besten so nahe wie möglich an die Wahrheit halten, dann würde er vielleicht mit einem blauen Auge davonkommen.
 
"Ich hab einen... Bekannten getroffen... und hab beim Kaffeetrinken dann die zeit vergessen...", schlängelte er sich somit für seine Verhältnisse sehr geschickt um ein 'Shi Ne' herum. Wenn der Rotschopf erfuhr, mit wem er Kaffee getrunken hatte, wäre er sicherlich Geschichte, ein für alle Mal.
 
Zu seiner grenzenlosen Überraschung durchleuchtete ihn sein Leader nur mit einem seiner berüchtigten Röntgenblicke und hielt seine Ausrede wohl für glaubwürdig. Jedenfalls sagte er nichts weiter, sondern nickte nur und gab schließlich die Tür frei, um Ken endlich rein zu lassen. Erleichtert stapfte der junge Mann in die Küche und konnte dort endlich die Tüten abstellen. Seine Arme fühlten sich inzwischen an, als wenn sie jeden Moment abfallen würden.
 
Am Tisch saßen immer noch Omi und Yohji, waren gerade dabei, das Mittagessen in sich reinzustopfen und maßen ihn bei seinem Eintreten mit seltsamen Blicken. Irgendwie die abgespeckte Version von Ayas forschendem Mustern.
 
Ken begann, sich mehr als unwohl zu fühlen. Hatte er irgendwas im Gesicht oder sah man ihm den schwarzen Einfluss schon von weitem an. Unwillkürlich sah er an sich herunter, konnte aber nichts Ungewöhnliches entdecken. Sein T-Shirt war wie immer leicht verknittert, seine Jeans ganz normal ausgewaschen ohne größere Löcher und seine Lieblingsturnschuhe waren auch da, wo sie hingehörten.
 
Oh shit! Die Schuhe!! Schneller, als man schauen konnte, flitzte er in den Flur zurück und streifte sich die Treter von den Füßen. Er konnte nur inständig hoffen, nirgendwo Dreck hinterlassen zu haben, sonst würde seine Priorität auf der Ayas Liste der persönlichen Todeskandidaten noch um einiges steigen.
 
Barfuß wanderte er in die Küche zurück, wo besagter Rotschopf schon dabei war, das Gekaufte in die entsprechenden Schränke zu sortieren, mit einer Umsicht und Genauigkeit, die seine drei Mitbewohner immer wieder erstaunte. Kein Wunder, dass er immer merkte, wenn einer von ihnen hier irgendwo gewesen war, so akribisch wie er sämtliche Packungen zurechtrückte. Man konnte ja bekanntlich wirklich alles übertreiben und ihr Anführer gab da gerade das perfekte Beispiel ab.
 
Die drei sahen sich an und zuckten synchron die Schultern. Konnte ihnen ja egal sein, sie mussten oder besser durften hier ja nichts machen, sollte Aya doch seinen Perfektionismus ausleben, wenn es ihm Spaß machte, solange er sich meistens aus ihren Reichen heraushielt. Gegen gelegentliches Saugen hatte ja keiner was.
 
Kaum dass sich Ken an den Tisch gesetzt hatte, wurde auch schon ein Teller mit Essen vor ihm abgestellt. Überrascht sah er auf, doch der zugehörige Koch hatte sich schon wieder weggedreht und fuhr fort, die Tüten auszupacken.
 
Einen kurzen Moment spielte der Fußballer mit dem Gedanken eine dementsprechende Frage zu stellen, doch dann siegte sein Überlebenswille und er griff nach den Stäbchen, wünschte einen guten Appetit und fing dann an zu essen, genau wie die Beiden anderen.
 
Auch die Unterhaltung, die hauptsächlich ihr kleiner Blondschopf führte, kam wieder in Gang, wobei sich Yohji auf ein paar Grunzer und bestätigendes Nicken beschränkte, Ken nur ab und zu einen Kommentar einwarf und Aya ihrem Jüngsten ab und zu mit einem Blick zeigte, dass er ihm sehr wohl zuhörte, auch wenn man es ihm auf den ersten Blick nicht ansah.
 
Zum Bespiel glitt eine seiner Augenbrauen ein wenig nach oben, als der Kleine berichtete, dass sie demnächst einen neuen Schüler bekommen würden, der zwar zwei Jahre jünger war als er, aber in seine Klasse kommen sollte. Anscheinend war der Neuzugang ein richtiges Genie. "Ich frag mich nur, warum der von seiner letzten Schule geflogen ist, weil er doch so schlau sein soll..." Omi rieb sich nachdenklich über die Nase, während er im letzten Rest seines Gemüses stocherte, dass er eigentlich nicht mochte.
 
Yohji zuckte nur die Schultern, während Ken sich darüber Gedanken zu machen schien. "Muss ja nicht seine Schuld gewesen sein...", meinte er dann leise. Er wusste ja aus eigener Erfahrung, wie schnell man irgendwo rausflog, wenn man die falschen Freunde hatte.
 
Der Blondschopf legte den Kopf etwas schief. "Hm... wär schon möglich... ich kann ihn ja einfach mal fragen...", überlegte er dann laut. Ihm war es nie schwer gefallen, neue Kontakte zu knüpfen mit seiner freundlichen, offenen Art auf Menschen zuzugehen.
 
Der Einzige, der von dieser Idee ganz und gar nicht begeistert zu sein schien, war Aya. Bei dem Gedanken, Omi könnte sich vielleicht in die Nähe eines wüsten Schlägers begeben, wurde ihm ganz anders, auch wenn er es nicht zeigte. Sein Gesicht blieb unbewegt wie immer, nur ganz kurz flackerte etwas wie Besorgnis in seinen Augen auf, die aber niemand bemerkte.
 
"Denk dran, nicht auffällig zu werden...", meinte er nur, wie nebenbei, damit es nicht zu auffällig wurde. Omi senkte sofort den Kopf und nickte. "Natürlich Aya-kun, ich werde aufpassen...", versprach er sofort und meinte es auch so. Er wusste, was auf dem Spiel stand und dass die Schule im Prinzip auch ein Aspekt ihrer Tarnung als normale Bürger war, die er auf keinen Fall riskieren durfte, egal wie hilfsbedürftig der Neue auch sein könnte.
 
Er nahm sich vor, es einfach abzuwarten und vorerst nur zu beobachten, sich vielleicht ein wenig unauffällig umzuhören. Es würde ja noch ein paar Tage dauern bis der unbekannte in seine Klasse kam. Insgeheim hoffte er aber, dass es vielleicht jemand war, mit dem er sich auch über ernsthaftere Themen unterhalten konnte. Er hatte schon Freunde in seinem Alter, aber die waren immer so kindisch. Er selbst war ja nicht nur geprägt von seinem IQ sondern vor allem durch seinen nächtlichen Nebenjob.
 
Es wäre ja schon schön, wenn es jemand wäre, der ein bisschen was von Computern verstünde, dann könnten sie sich zusammen im Informatikunterricht langweilen oder so. Aber in jedem Fall würde er vorsichtig sein, wie er es Aya versprochen hatte, auch wenn es ihn wunderte, dass sich sein Anführer überhaupt zu Wort meldete bei solch einem Thema. Normalerweise hielt er sich bei so etwas aus der Diskussion heraus, selbst wenn er nach seiner Meinung gefragt wurde, gab er höchstens einsilbige Antworten.
 
Omi beschloss, dass er sich darüber ein andermal Gedanken machen würde, vielleicht hatte der Rothaarige ja nur heute mal einen guten Tag, wenn es denn so etwas bei ihm gab.
 
"Sag mal Ken-kun, wo warst du eigentlich so lange?", fragte er deshalb, um das Thema zu wechseln. Sofort sprang ihm ihr Ältester bei, den das offensichtlich weit mehr interessierte. "Ja Kenny, wo warst du denn so lange? Hast doch nicht rein zufällig jemand getroffen oder?" Er wippte auf seine unnachahmlich eindeutig zweideutige Art mit den Augenbrauen, was bewirkte, dass sich die Wangen des Angesprochenen leicht röteten.
 
"Ja, ich hab nen Bekannten getroffen und Kaffee getrunken, was dagegen? Hab halt nicht auf die Uhr gesehen....", maulte der Jüngere etwas verlegen, denn auf dem Gesicht des Playboys erschien ein anzügliches Grinsen.
 
"Einen BekanntEN also... nicht zufällig eine BekanntE?" So schnell würde er ganz sicher nicht aufgeben, egal wie sehr ihr Fußballer versuchte, sich aus der Affäre zu ziehen. Der wand sich in der Tat auf seinem Stuhl, versuchte, sich hinter seinem Essen zu verstecken. "Ja ganz genau, ein BekanntER!" Er betonte es ganz deutlich, nicht, dass Yohji noch auf dumme Gedanken kam. Obwohl, eigentlich war es ihm lieber, wenn der andere dachte, er hätte eine Freundin, nicht, dass er seinen eigentlichen Neigungen noch auf die Schliche kam.
 
Der Blonde grinste nur und zwinkerte ihrem Chibi zu, der sofort peinlich berührt rot anlief. "Yohji-kun! Lass Ken-kun doch! Er wird schon seine Gründe haben, warum er nicht sagt, wen er getroffen hat..." Irgendwie wurmte es ihn ja schon, dass der Braunhaarige nichts verriet, immerhin waren sie doch beste Freunde oder? Aber vielleicht wollte er es einfach nur nicht vor ihrem Ältesten ausplaudern, was er durchaus nachvollziehen konnte. Wenn man dem was erzählte und er es peinlich fand, wurde es einem noch tagelang unter die Nase gerieben. Er wusste sehr wohl, dass Ken eigentlich sensibler war, als er mit seinem Hitzkopf auf den ersten Blick wirkte, weswegen er auch warten würde, um ihn noch mal nach dem Vormittag zu fragen.
 
Siberian nickte dem jüngeren Teammitglied dankbar zu, aber Yohji dachte gar nicht daran, aufzuhören. "Ich hatte also recht, oder? Saaaag schon, ich kriegs doch sowieso raus!"
 
Ken wollte gerade auffahren, dass es den Playboy ja gar nichts anginge. mit wem er wo was machte, als sich eine dunkle, kühle stimme in das Gespräch mischte. "Es ist genug Kudou." Und nicht einmal ihr großmäuliger Playboy wagte es, sich Aya zu widersetzen, auch wenn er den Rothaarigen über die Gläser seiner Sonnenbrille hinweg böse anfunkelte.
 
Der Leader erwiderte den Blick ruhig, während er seine Reisschale vollends leer aß und dabei die verwunderten Blicke von Omi und Ken ignorierte. Niemand war es von ihm gewöhnt, dass er sich in die kleinen Kabbeleien einmischte, oder gar für jemanden Partei ergriff und umso verblüffter waren auch die Gesichter.
 
Schließlich verlor Yohji das Gefecht stummer Blicke und wandte sich ab, stand auf und trug sein Geschirr brav zur Spüle. Omi hatte Küchendienst und Ken war ja Einkaufen gewesen. Sie hatten noch etwa eine Stunde, bis sie den Laden wieder aufmachen mussten und diese Zeit gedachte er sinnvoll zu nutzen. Er würde eine Zigarette rauchen und sonst gar nichts tun.
 
Aya grinste innerlich, denn er hatte nicht erwartet, dass seine Regeln wirklich so penibel eingehalten wurden. Er hatte den Haushalt übernommen, kurz nachdem er zu Weiß gekommen war und am Anfang war es zu teilweise heftigen Auseinandersetzungen vor allem mit dem extrovertierten Kudou und dem schlampigen Ken gekommen. Doch inzwischen hatten sie wohl alle begriffen, dass es sich in einem sauberen, aufgeräumten Haus besser lebte und solange er nicht zu viel forderte, taten sie auch im Privatbereich freiwillig, was er wollte.
 
Omi war da ja von Anfang an unkompliziert gewesen, wie der Junge es eben in allem war. Sein sonniges Gemüt erinnerte den Rotschopf irgendwie an seine Schwester, was gleichzeitig den Beschützerinstinkt in ihm weckte und ihn sich zurückziehen ließ. Doch meistens überwog Ersterer. Und der Kleine schien ihn seinerseits, trotz seiner eisigen, abweisenden Art mehr zu mögen, als eigentlich gut für ihn war.
 
Diese Gedanken kamen ihm nicht zum ersten Mal und schließlich erhob er sich ruckartig, räumte sein Geschirr zum spülen und verließ rasch und wortlos die Küche, wobei er auf dem Gang beinahe mit Yohji zusammengestoßen wäre, der dort seine Zigaretten in seiner Jackentasche suchte.
 
Aya schnappte sich seine Jacke und schon war es aus der Tür hinaus, die hinter ihm ungewöhnlich laut zuklappte. Yohji steckte seinen Kopf noch einmal in die Küche, wo Ken und Omi mit verwirrten Mienen immer noch am Tisch saßen. "Habt ihr was zu ihm gesagt?"
 
Der Fußballer schüttelte den Kopf. "Nein, er hat Omi eine ganze Weile seltsam angesehen und dann ist er plötzlich aufgestanden, hat sein Zeug weggeräumt und ist weg..."
Omi nickte bestätigend. Ganz normal war ihr Anführer ja nie, aber das war dann doch seltsam.
 
Der Playboy runzelte die Stirn und zuckte dann die schultern. "Naja wird sich schon wieder einbekommen... wer weiß schon, was bei dem im Kopf vor sich geht...."
 
"Mastermind..." Ken hätte sich am liebsten sofort selbst in den hinter getreten, sobald ihm das Wort herausgerutscht war. Wie konnte man nur so blöd sein? Er hatte eindeutig zu viel unter schwarzem Einfluss gestanden heute Morgen, das musste es sein. verlegen grinsend wedelte er mit der Hand und versuchte so, das ganze abzutun, was ihm allerdings nur mehr schlecht als recht gelang, wie er an den Gesichtern seiner Kollegen erkennen konnte.
 
Omi tastete sich mal vorsichtig heran. "Sag mal, Ken-kun bist du sicher, dass es dir gut geht? Du bist heute Morgen so seltsam..." Vielleicht wurde ihr Sportler ja krank? So benahm er sich jedenfalls, als wenn er nicht ganz in der Spur wäre.
 
Erstaunlicherweise hielt sich der Älteste diesmal zurück und sagte auch nichts weiter, als Ken nur die Schultern zuckte und sich nicht weiter äußerte. Der Jüngere war wohl nicht der Einzige, der heute nicht ganz so da war, wenn er da so an die Sache mit den gewässerten Blumen, oder besser gesagt, dem gewässerten Boden dachte....
 
Er zog sich wieder zurück und stapfte die Treppen nach oben. Seine Zigaretten hatte er nicht gefunden, aber er hatte immer eine Schachtel im Vorrat, die würde er eben anbrechen.
 
In der Küche erhoben sich die beiden Zurückgebliebenen ebenfalls und Ken half ihrem Chibi beim Abräumen. Er wollte sich auch noch am Spülen beteiligen, wurde aber energisch verscheucht.
 
Grinsend machte sich der Braunhaarige auch auf den Weg in sein Zimmer. Wenn es um Arbeit ging, nahm es der Kleine schon genauso genau wie Aya! Kein Wunder, der war ja auch sein großes Vorbild, auch wenn er selbst das nicht so ganz verstehen konnte. Sicher, der Rothaarige war in allem gut, um nicht zu sagen, einfach perfekt, aber zu welchem Preis? Er schien kaum noch menschliche Züge zu haben und wenn dann nur Wut, Hass und Zorn. Ob er überhaupt wusste, was Gefühle waren? Ken bezweifelte es manchmal und doch wünschte auch er sich von Zeit zu Zeit diese eisige Kälte, die in der Seele ihres Leaders herrschte. Sie schütze sicher davor, verletzt zu werden und vor der nagenden Einsamkeit, die ihr Job mitbrachte.
 
Sicher, er hatte Omi und Yohji und auf irgendeine Weise auch Aya gerne, der ja doch irgendwie immer da war, wenn man ihn wirklich brauchte, aber wie lange konnte das noch so gehen? Es würde der Punkt kommen, an dem einer von ihnen nicht mehr weiterkam, einen Fehler beging oder schlicht an der Schuld zerbrach, die sie sich auf die Schultern geladen hatte, im Blut ertrank, dass an ihrer aller Händen klebte.
Himmel er sollte aufhören, solche Sachen zu denken, sonst lief er Gefahr, pessimistisch zu werden.
 
In seinem Zimmer überwand er geschickt den Hindernisparcours, der sich über dem Parkettfussboden erstreckte, darin war er schließlich geübt, und ließ sich auf sein Bett fallen, streckte sich der Länge nach darauf aus. Seufzend richtete er den Blick gen Decke und ließ seine Gedanken etwas schweifen.
 
Wohin Aya wohl ging, wenn er, so wie vorhin, urplötzlich das Haus verließ? Das tat er zwar nicht oft, aber doch häufig genug, dass er einem aufmerksamen Beobachter auffiel. Und einmal meinte Ken, in seinem Blick so etwas wie tiefen Schmerz gesehen zu haben, kurz bevor er sich abgewandt hatte. Aber das konnte doch gar nicht sein, oder? War es möglich, dass der Abgrund in der Seele des Rothaarigen viel tiefer war, als sie es sich alle zusammen auch nur vorstellen konnten?
 
Yohji hatte ja mal erfolglos versucht, ihm zu folgen, aber selbst der ehemalige Detektiv hatte keine Chance. Aya war wie eine Katze und wenn er nicht wollte, dass man ihm folgte oder ihn sah, dann brachte er es fertig, sich innerhalb von Sekunden in Luft aufzulösen. Eine praktische Fähigkeit, wenn man ein Killer war, aber sehr störend für neugierige Kollegen, die unbedingt mehr über jemanden herausfinden wollten.
 
Selbst Omi, der zu dem kalten Anführer ja noch den besten Draht hatte, wusste nicht mehr. Nur der Junge brachte es fertig, von Zeit zu Zeit so etwas wie den Ansatz eines Lächelns auf die Maske zu bringen, die Aya sein Gesicht nannte, was heißen sollte, er brachte die starren Mundwinkel zum Zucken, aber das war schon mehr als Ken sonst jemals mitbekommen hätte.
 
Und das zerbrechliche Band zwischen den beiden wäre beinahe zerrissen, als herauskam, dass Omi in Wirklichkeit ein Takatori war.
 
Nachdenklich verschränkte Ken die Arme hinter seinem Kopf. Er hatte Aya noch niemals so ausrasten sehen, nicht einmal damals nach der Sache mit dem menschlichen Schach, als er Takatori und Oracle das erste Mal begegnet war. Aber der Braunhaarige hatte nicht den Eindruck gehabt, dass es Wut auf ihr Chibi gewesen war, vielmehr hilfloser Zorn über die Ungerechtigkeit, die sie alle wieder einmal eingeholt hatte.
 
Er rollte sich auf den Bauch und stützte den Kopf auf die Unterarme. In der Tat, ihr Leader war ein völlig unberechenbarer, undurchsichtiger Mensch. Perfekt und doch völlig unvollkommen. Verwirrt rieb der junge Mann sich über die Augen. Davon bekam man ja Kopfschmerzen, von so vielen Widersprüchen auf einem Haufen.
 
Aber wo er gerade bei Widersprüchen war, so wie Oracle sich heute Morgen benommen hatte, war der auch eindeutig nicht ganz klar gewesen. Der Schwarzhaarige war doch mindestens genauso fehlerlos wie sein weißes Gegenstück, wenn nicht noch mehr. Und hätte man jemals gehört, dass sich so jemand hilflos zwischen Regalreihen wieder fand? Er könnte sich auch nicht daran erinnern, dass Aya jemals Schwierigkeiten beim einkaufen gehabt hätte und wenn, dann nicht in seiner Gegenwart.
 
Er schloss seine Augen und beschloss, die ganze Sache erst einmal auf sich beruhen zu lassen und auch seinem Team nichts davon zu erzählen, dass er mit Schwarz bei einem Kaffee gesessen hatte, die brachten es fertig und ließen ihn einweisen oder so was. Er verstand sich ja noch nicht mal selbst, was ihm wohl am meisten zu schaffen machte.
 
Es wurmte ihn schon, dass der niedliche Schwarzhaarige, der ihm zuvor so gut gefallen hatte, ausgerechnet Oracle alias Crawford sein musste. Und der Name war doch bescheuert, selbst für einen Ausländer! Konnte man doch gar nicht richtig aussprechen.
 
Ken seufzte leise und zwang seinen Körper, sich zu entspannen, verbot seinen Gedanken einfach, sich weiter im Kreis zu drehen und Fangen zu spielen, das führte doch sowieso zu nichts.
 
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
 
In der Küche werkelte ein blonder Junge summend vor sich hin. Ähnlich wie Ken im Obergeschoß machte sich auch Omi Gedanken um Aya. Er wollte seinem Leader so gerne helfen, doch jedes Mal, wenn er versuchte, dem Anderen einen Schritt näher zu kommen, zog sich dieser zurück.
 
Zuerst hatte er die Befürchtung gehabt, es könnte vielleicht an seiner Herkunft liegen, doch dann hatte er begriffen, dass es einfach nur der Schutzmechanismus des Rothaarigen war, sich vor allem und jedem zu verschließen. Es stimmte den Jüngstens des Teams traurig, denn manchmal konnte er die Einsamkeit in den Augen seines Anführers sehen, auch wenn das nur flüchtige Momente waren.
 
In letzter Zeit verschwand der Ältere immer öfter nachmittags für ein paar Stunden und von Ken wusste er, dass das vormittags nicht anders war. Früher war das nur sehr selten passiert, Aya nahm den Job im Blumenladen viel zu wichtig, um sich freizunehmen. Es musste also irgendetwas wichtiges sein, dass ihn vom Koneko wegholte, etwas, dass über sein Pflichtgefühl ihrem Team und ihrer Arbeit ging und Omi konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, was das sein sollte.
 
Er hatte noch nie erlebt, dass der Rotschopf unzuverlässig gewesen wäre, sah man einmal von Missionen ab, in denen Takatori irgendwo auftauchte, da sah der Andere einfach nur noch rot und nichts außer seinem Feind existierte mehr. Keiner von ihnen wusste warum, aber Ayas Hass auf den Mann schien ins unermessliche zu gehen.
 
Vielleicht hingen sein zeitweiliges Verschwinden und diese Wut auf Omis Blutsverwandten ja irgendwie zusammen? Der kleine Hacker dachte nicht gerne in diesem Zusammenhang an Reiji, aber er konnte ja auch nicht leugnen, dass eine Verbindung zwischen ihnen bestand, dass würde bedeuten, sich selbst zu belügen, was er ohnehin schon viel zu oft tat.
 
Einmal abgesehen von seinen ständigen Befürchtungen, Aya konnte sich doch noch abwenden und ihr Team verlassen, erfüllte auch ihn eine tiefe Abneigung gegen den Feind, der es fertig gebracht hatte, ein Kind, dass ihn für seinen Vater hielt, im Stich zu lassen.
 
Und Omi machte sich nichts vor, ohne ihren Leader würde ihr Team lange nicht so gut funktionieren, vielleicht sogar ganz auseinander brechen. Yohji war ein guter Kämpfer, aber für einen Anführer war sein Ego einfach zu groß und er besaß weder die nötige Weitsicht, noch den Willen, die Verantwortung für seine Kollegen zu übernehmen. Mit Ken war es ähnlich. Wenn bei diesem der Hitzkopf durchkam, was eher oft als selten passierte, nahm er nichts mehr um sich herum wahr, am allerwenigstens Gefahr. Und er war viel zu vertrauensselig, was einfach zu viele Menschen auszunutzen wussten. Er selbst war ein guter Hacker und konnte besser organisieren als die meisten, aber die Älteren sahen in ihm oft noch ein unschuldiges Kind, niemanden, auf den sie auf Dauer hören würden, dessen Befehle sie ohne Widerspruch entgegennahmen.
 
Nein, ohne Aya wäre sie nicht überlebensfähig, könnten sie ihre Aufträge nicht mit solcher Präzision ausführen. Der Rothaarige behielt in der Mehrzahl der Fälle einen absolut kühlen Kopf, achtete selbst im hitzigsten Gefecht noch auf die Sicherheit seiner Kollegen, mehr als auf seine eigene, wenn man es genau betrachtete. Er war ein guter Stratege und ein ruhiges Zentrum, auf das man sich verlassen konnte, dass einem selbst in schwierigen Situationen Halt gab.
 
Umso mehr machte sich Omi nun Sorgen um ihren Anführer. Nicht, dass dieser sich großartig verändert hätte, das nicht, aber allein seine Einmischung in das Gespräch vorhin, dass er freiwillig Partei ergriffen hatte, war schon etwas Besonderes. Vielleicht taute er ja doch nach zwei Jahren der gemeinsamen Arbeit, des gemeinsamen Lebens langsam auf? Wünschenswert wäre es ja wirklich, wenn auch ein ungewohnter Gedanke. Sie alle hatten sich schon fast an das kühle Verhalten gewöhnt, selbst Yohji, der sich immer noch regelmäßig und völlig erfolglos deswegen aufregte.
 
Sie schätzten es wohl alle, eine gewisse Normalität im Hinterkopf haben zu dürfen, denn genau dass verstand Aya zu vermitteln, wenn er Omi morgens sein Schulbrot schmierte, ihn zur Schule fuhr, das Haus putzte, das Essen kochte, Yohji aus dem Bett schmiss, im Laden für Ordnung sorgte und abends bei ihnen mit einem Buch in seinem Sessel saß. Er war etwas, von dem man ausgehen konnte, dass es immer da war, etwas, auf das man sich verlassen konnte.
 
Und das machte Omi am allermeisten Angst, dass es vielleicht irgendwas im Leben seines Leaders geben könnte, das genau dieses Gefühl der Sicherheit raubte, die Illusion, in der sie lebten, zerstörte und das letzte bisschen Menschlichkeit, das sie sich bewahrt hatten, gleich noch mitnahm. Ohne diese wären sie wohl nicht besser als die, denen sie nachts nachjagten und die sie zur Strecke brachten.
 
Die Hände des Weiß hatten während seiner Grübeleien fleißig gearbeitet und fast automatisch, schließlich hatte er auch schon oft genug Geschirr gespült, sonderlich anspruchsvoll war das ja auch nicht. Er riss sich selbst aus seinen Gedanken und verräumte alles ordentlich, damit Aya nachher, wenn er wieder zu Hause war, nichts zu beanstanden hatte.
 
Er wollte eben ins Wohnzimmer gehen, um noch etwas fernzusehen, als im Flur das Telefon klingelte. Wer war denn das um diese Zeit? Die Leute aus seiner Schule wussten, dass er nachmittags arbeiten musste, Yohjis Weiber riefen immer erst gegen Abend an und Ken hatte heute auch kein Fußball. Schulternzuckend machte er kehrt und eilte an der Apparat.
 
Höflich meldete er sich mit seinem Namen und war nicht wenig erstaunt, als er die ruhige Stimme seines Leaders am anderen Ende vernahm. Dieser teilte ihm mit, dass sie heute ohne ihn auskommen mussten und legte wieder auf. Nicht mehr und nicht weniger. Keine Angabe, wo er war, wann er wiederkommen würde oder etwas in der Richtung.
 
Ok, für den Notfall hatte er sicher sein Handy, oder doch zumindest seinen Pieper an und zum Abendessen würde er wohl wieder da sein, schon aus Angst, was mit seiner Küche passierte, wenn der Fußballer oder der Playboy Hunger bekamen und eventuell kochen wollten. Aber trotzdem machte es Omi noch nachdenklicher.
 
Er legte den Hörer zurück und verzog sich nun wirklich ins Wohnzimmer, schaltete den Flimmerkasten an und zappte durch die Programme. Ab und an blieb er irgendwo hängen, ohne recht zu wissen warum, denn er war wieder tief in Grübeln versunken, ohne dass er viel von dem Geschehen der diversen Soaps, Talkshows oder Filmen mitbekommen hätte, die um diese Uhrzeit liefen.
 
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
 
Am anderen Ende der Stadt klappte ein junger Mann gerade sein Mobiltelefon zu, das er eben ausgeschaltet hatte und betrat das Gebäude, vor dem er gerade eingetroffen war. Er würde heute Nachtmittag keine Schicht übernehmen, er würde heute Nachmittag gar nichts mehr tun.
 
Mit ruhigen, gemessenen Schritten durchquerte er die große Eingangshalle, die voller Grünpflanzen stand, drückte den Knopf und wartete geduldig auf das Eintreffen der Kabine. Er grüßte einige vorbeigehende Frauen in weißer Uniform, die freundlich zurück lächelten. Man kannte ihn hier.
 
Die silbermetallenen Türhälften öffneten sich lautlos und gaben den Weg zu dem kleinen Raum frei. Der Mann trat ein und tippte kurz auf eine der Tasten. Ohne ein Geräusch schloss der Eingang sich wieder und der Lift setzte sich in Bewegung.
 
Wenig später hallten leise Schritte über den menschenleeren Gang des obersten Stockwerks. Er kannte den Weg, würde ihn selbst noch mit verbundenen Augen finden, so oft war er ihn gegangen. Normalerweise brachte er immer etwas mit, meistens Blumen, doch heute kam er mit leeren Händen. Sie würde es ihm sicher nachsehen, sie kannte ihn ja lange genug.
 
Ohne, dass er jemandem begegnet wäre, blieb er vor einer der unzähligen Tür stehen. Obwohl er wusste, dass es absolut sinnlos war, klopfte er kurz an das lackierte Holz, wartete einen Moment und trat dann erst ein. Stille empfing ihn, noch bedrückender als zuvor, fast tödliche Ruhe, die nur gelegentlich von einem maschinellen Zischen oder Piepsen durchbrochen wurde.
 
Er schloss die Tür lautlos hinter sich, trat langsam näher und setzte sich auf das Bettgestell, dass unter seinem Gewicht leicht nachgab. Mit zitternden Fingern strich er ihr eine braune Haarsträhne aus dem Gesicht und zwang sich zum Lächeln. Sie sollte ihn nicht traurig sehen, sie sollte nicht wissen, was aus ihm geworden war. Sie sollte ihn so in Erinnerung behalten, wie er früher gewesen war... früher... bevor...
 
Er schluckte leicht und eine einzelne Träne löste sich aus seinem linken Augenwinkel, eine Träne, die er beim besten Willen nicht zurückhalten konnte, so sehr er sich auch anstrengte. Hastig und verstohlen wischte er sie weg.
Sie sollte ihn nicht weinen sehen, er hatte niemals vor ihr geweint.
 
Es kostete ihn fast seine gesamte Kraft und Beherrschung, seine Gefühle zurückzudrängen. Erst nach einer ganzen Weile traute er seiner Stimme wieder so weit, dass er sich zu sprechen traute.
 
"Hallo, Aya-chan..."



[1] Yohji = Kleinkind