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Bittersweet feelings Teil 7 bis 9

Kapitel 7

Brads Abgang aus dem Supermarkt war wesentlich weniger überhastet. Er bezahlte, stand dann auf und schob den vollbepackten Wagen zum Ausgang, lud alles in seinen Mercedes, brachte das Drahtgefährt in seine Unterkunft und stieg in sein Auto, alles, ohne sich sonderlich zu beeilen. Er hatte noch Zeit und Farf erwartete ihn sicher nicht früher zurück als sonst, der würde schon was finden, was sich kochen ließ.
 
Er stieg ein und beobachtete einen Moment die Grüppchen von Menschen, die zusammenstanden und heftig über einen üblen Rowdy diskutierten, der eben über den Parkplatz gefegt war. Nur mit Mühe konnte der Schwarz ein fettes Grinsen unterdrücken, denn er wusste doch ziemlich genau, WER sich da so übel benommen hatte, oder konnte es sich zumindest sehr gut vorstellen, wozu ja auch nicht viel gehörte, das konnte man wohl selbst ohne seine Gabe.
 
Kopfschüttelnd, dass sich die Leute noch nicht mal eine einfache Autonummer merken konnten, lenkte er seinen Wagen in Richtung Heimat. Ihr irisches Hausmütterchen würde Augen machen, dass er diesmal alles vollständig, heil und ganz anbrachte und nicht noch mal losfahren musste wie sonst fast immer. Und Nagi dürfte auch bald wieder da sein.
 
Seine Stirn runzelte sich etwas. Der Kleine hatte partout nicht damit rausrücken wollen, warum er so unbedingt die Klasse wechseln wollte, nicht mit aller Überredungskunst, noch nicht einmal mit Drohungen hatte er ausgepackt. Und er hatte es anscheinend inzwischen ziemlich gut heraus, Schuldig zu blocken, denn nachdem er einmal den Telepathen auf den Jungen angesetzt hatte, weigerte sich dieser standhaft, es ein zweites Mal zu versuchen.
 
Ein zufriedenes Lächeln umspielte trotz allem Brads Lippen. Er war stolz auf Nagi, denn dieser lernte wirklich schnell. Nur seine Schulnoten ließen ab und zu wirklich zu wünschen übrig, vor allem in Sport, Musik und Kunst. nicht, dass das wichtige Fächer wären, aber es machte einfach kein gutes Bild und außerdem konnte man ja auch wegen diesen Nebensächlichkeiten durchfallen. Hoffentlich besserte sich das mit dem Klassenwechsel, wäre ja möglich, dass es ganz einfach am Umfeld lag, oder dass der Kleine nicht genug gefordert war.
 
Der Leader hatte diese Einrichtung gewählt, nachdem sie nach Tokyo gezogen waren, weil es ganz einfach die Beste war, die es gab und er eigentlich gedacht hatte, seinem Schützling hier die Bestmögliche Ausbildung angedeihen lassen zu können. Denn irgendwann würde Takatori wohl einem Mächtigeren auf die Füße treten, so wie der sich benahm und dann war es ganz schnell aus mit ihrer sicheren Geldquelle.
 
Ok, er selbst hatte seine Unternehmen, die ihm ein angenehmes Leben ermöglichen würden, Schuldig konnte sich ohne Probleme mit seiner Gabe durchschlagen und Farf würde zur Not in einer Irrenanstalt ohne Probleme unterkommen, aber ihr Jüngster würde ohne vernünftigen Schulabschluss auf der Straße stehen ewig konnte er ja auch nicht bei Brad bleiben, zumal er sich kein bisschen für dessen Geschäfte interessierte.
 
Nachdenklich rückte der Schwarzhaarige seine Brille zurecht und bog von der Hauptstraße des Viertels ab, in dem ihre Villa stand. Er machte sich Sorgen um ihren Kleinen, keine Frage, sogar mehr, als es gut für ihn war. Er sollte sich nicht an ein Kind hängen, schon gar nicht an eins, das morgen sterben konnte, trotz seiner starken, übernatürlichen Fähigkeiten. Aber er hatte den Jungen aufgelesen, es war nun an ihm, für ihn zu sorgen, sich um ihn zu kümmern. Er konnte nur hoffen, dass er ein einigermaßen gutes Vorbild war, aber da hatte er eigentlich keine sonderlich großen Bedenken.
 
Das größte Bemuttern übernahm ja ohnehin Farf, erstaunlicherweise, wie er selbst zugeben musste. Der Ire war so ziemlich der Einzige, der ihn doch immer wieder regelmäßig überraschen konnte, und das obwohl er es inzwischen wirklich gewöhnt sein sollte. Vielleicht lag es einfach am unberechenbaren Naturell des Weißhaarigen, wer wusste das schon? Nicht mal Schuldig konnte das mit Sicherheit sagen, zu groß war für ihn die Gefahr, nicht mehr herauszukommen, wenn er sich einmal wirklich im Geist des Irren befand. Das hatten Verrückte wohl so an sich.
 
Er verdrängte die Gedanken rasch und parkte den Mercedes präzise in der dafür vorgesehenen Parkbucht in der Hofeinfahrt. Er lud zunächst alle Tüten aus, schloss dann den Wagen gewissenhaft ab, bevor er sie zur Tür transportierte und diese aufschloss.
 
Einen Blick in die Zukunft zu werfen, das sparte er sich, war nur unnütze Energieverschwendung, denn immerhin würde Farf in der Vision vorkommen und das war ein Unsicherheitsfaktor, der alle Planung über den Haufen warf.
 
Und wenn man schon vom Teufel sprach, beziehungsweise dachte, kam er auch schon aus der Küche. Musternd lief der Blick aus dem goldenen Auge über Brad und die Einkäufe. Dann verschwand er wieder in seinem Reich. Daran, seinem Leader vielleicht beim tragen zu helfen, dachte er keine Sekunde lang, warum auch, der war ja schließlich groß genug.
 
Brad schnaubte nur und brachte dann die Plastiktüten in die große Küche, stellte sie dort auf den Tisch, der noch nicht zum Essen gedeckt worden war. Farf legte den Kochlöffel beiseite, mit dem er gerade in einem der Töpfe auf dem Herd gerührt hatte und machte sich ans Auspacken. Schon nach wenigen Handgriffen richtete er sich wieder auf und fixierte den Schwarzhaarigen mit einem Gesichtsausdruck, den man nur als ungläubig bezeichnen konnte.
 
Er räumte alles aus, betrachtete alle Packungen genau, untersuchte sie auf Beschädigungen und fand absolut nicht. Alles war ganz, nichts fehlte. Sein Blick wechselte von Ungläubigkeit zu abgrundtiefen Misstrauen.
 
Brads Augenbrauen wanderten nach oben. "Ist was?", knurrte er, nicht gerade gut gelaunt. Er erwartete ja keine Freudensprünge, aber doch wenigstens etwas Anerkennung, wo er doch insgeheim auf sich so stolz war. "Stimmt was nicht?" Wehe, der Irre sagte jetzt was Falsches! Er hatte alles so gemacht, wie es aufgeschrieben worden war und wenn was fehlte, dann war es nicht seine Schuld. Er konnte zwar hellsehen aber so gut dann doch wieder nicht.
 
Farfarello besah sich das ganze noch mal, trippelte dann zwei Schritte auf seinen Anführer zu, und starrte ihm misstrauisch in die Augen, bevor er langsam nickte. "Ja. Es ist alles da." Er ließ sich sogar dazu hinreißen, einen Satz zu bilden, der mehr als zwei Wörter besaß und dazu noch absolut verständlich war, an sich schon ein kleines Wunder und mehr als alles andere Ausdruck seiner Verblüffung, die man ihm sonst nicht ansah.
 
Brad grollte nur. "Na und? Was dagegen?" Das war doch die Höhe! Da gab er sich mal extra Mühe, ließ sich von einem Weiß helfen, warf seine ganze Würde über Bord, nur damit der Irre zufrieden war und was machte der Kerl? Beschwerte sich noch! "Wenn das alles ist, ich bin in meinem Büro." Er musste dringend das Telefonkabel auswechseln, dass Farf am morgen durch seinen Messerwurf ruiniert hatte, sonst war er ja von der Außenwelt abgeschnitten.
 
Und Takatori wäre wohl auch nicht begeistert, wenn er seinen Lieblings Bodyguard nicht erreichte. Es war schon fast lächerlich, für welche Anlässe sie in letzter Zeit gerufen wurden. Herrgott, sie waren Elitekiller mit übernatürlichen Fähigkeiten, so gut wie unbesiegbar und keine Kindermädchen. Doch genau dafür schien ihr Boss sie zu halten.
 
Zuletzt waren sie auf den Geburtstag seiner jüngsten unehelichen Tochter geschickt worden. Was bitte sollten sie da? Ihn vor den Attacken von Sechsjährigen beschützen? Geworfene Mohrenköpfe abwehren? Ihm die Serviette reichen, wenn er sich schmutzig gemacht hatte? So war es dem ganzen Team jedenfalls vorgekommen. Ok, sie wurden dafür bezahlt und das nicht zu knapp, aber man konnte ja bekanntlich alles übertreiben.
 
Er hegte in den letzten Monaten immer mehr den Verdacht, dass ihr Auftraggeber nach und nach seinen Verstand einbüßte. Er tat völlig sinnlose Dinge, ließ grundlos Mitarbeiter eliminieren, die keinerlei Gefahr darstellten und widmete sich irgendwelchen dubiosen Experimenten. Eigentlich passte das gar nicht zu dem kühl-analytischen Geist, den er früher einmal besessen hatte.
 
Seufzend ließ Brad sich in seinen bequemen Bürosessel fallen und stützte für einen Moment den Kopf auf den Armen auf. Es lief überhaupt nicht so, wie es laufen sollte und es gefiel ihm überhaupt nicht, dass seine Gabe ihn in dieser Hinsicht so schmählich im Stich ließ. Wenn er versuchte, etwas über ihre Zukunft als Takatoris Handlanger herauszufinden, bekam er jedes verdammte Mal nur verschwommene Bilder und Migräne, die sich gewaschen hatte. Also ließ er es bleiben, was ihn noch nervöser machte. Er hasste es, nicht zu wissen, was als nächstes passieren würde, seinem Schicksal sozusagen ausgeliefert zu sein, wie jeder normale Mensch. Er war nun mal nicht normal und das war auch gut so!
 
Mit finsterem Blick bedachte er die gekappte Telefonschnur, als wäre sie der Verursacher aller Probleme. Eine schöne Vorstellung, brachte nur leider nichts. Also erhob sich der Leader seufzend wieder und ging zum Schrank. Zugegeben, er hatte gewusst, dass so etwas passieren würde und sich vorsorglich einen Vorrat an Telefonen und anderen unentbehrlichen, technischen Geräten zugelegt, aber ärgerlich war es trotzdem.
 
Seine Laune hob sich auch nicht, als er das Telefon auswechselte und testete, ob es funktionierte, was es zum Glück tat. Ein weiteres Problem hätte er im Moment nicht verkraftet, er war ja schließlich auch nur ein Mensch. Also hängte er sich hinter die Strippe und kontrollierte nebenbei seine Emails. und da sollte noch mal jemand sagen, dass Männer nicht mehr als eine Sache auf einmal machen konnten!
 
Er hatte gerade wieder eingehängt und machte sich daran, die aktuellen Aufträge zu sortieren, als unten die Haustür mit einem gewaltigen Donnerschlag in Schloss fiel. Oh Oh, da hatte aber jemand gewaltig schlechte Laune!
 
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Nagis Stimmung senkte sich zum Nullpunkt. Nicht nur, dass er heute morgen hatte laufen müssen, weil Brad sich verkrochen hatte und der Bus schon wieder längst weg war, als er zur Haltstelle kam, nein er musste einen weiteren Vormittag mit diesen Dumpfbacken und verzogenen Rotzgören und Bonzenkindern verschwenden, in deren Matschgehirne der Schulstoff sowieso nie reinpassen würde!
 
Das Problem war nur, dass die meisten dieser Schwachköpfe ziemlich groß, ziemlich muskelbepackt und ziemlich gemein waren und er seine Kräfte nicht einsetzen durfte. Das war eine der Lektionen, die ihm Brad als aller erstes eingehämmert hatte, obwohl es dessen eigentlich kaum bedurft hätte. Er wusste ganz genau, wie normale Menschen auf seine Gabe reagierten, nur zu gut.
 
Deswegen war es nicht verwunderlich, dass er sich nicht hatte wehren können, als sie ihn nach Schulschluss vor dem Tor abpassten. Wieder einmal. Bis jetzt hatte er es ganz gut geschafft, die blauen Flecken zu verbergen, zumal die Schläger ja darauf achteten, nicht allzu offensichtliche Verletzungen zu hinterlassen.
 
So war er auch diesmal mit ein paar Prellungen und einem eingerissenen Ärmel davongekommen. Und nun war er wütend, aber so richtig. Wütend auf die Kerle, auf sich selber, auf die ganze beschissene Schule! Er war nur froh, dass er Brad endlich dazu gekriegt hatte, die Klasse wechseln zu dürfen. Nicht, dass es da etwa keine solche Typen gab, aber dort gab es auch mehr Kleine und Schwache und er würde leichter untertauchen können in der Masse. Und die meisten waren zudem genauso intelligent wie er und somit würde er noch weniger auffallen und sich vielleicht nicht mehr gar so sehr langweilen.
 
Im Grunde interessierte er sich nicht für seine Mitmenschen, die würden sowieso nichts mehr mit ihm zu tun haben wollen, wenn sie um sein Geheimnis wusste, würden sich von ihm abwenden, ihn anspucken und Monster nennen. Da war es doch besser, erst gar keine Beziehungen aufzubauen. Ihm reichte es ja schon, wenn sie ihn in ruhe ließen.
 
Er fand die schule generell sinnlos. Das meiste, was die Lehrer verzapften wusste er ohnehin schon und dass, was er nicht wusste, interessierte ihn nicht. Aber in dieser Hinsicht verstand sein Leader keinen Spaß, obwohl es ein leichtes gewesen wäre, ihn einfach ein paar Jahre älter zu machen und ihn damit von der Schulpflicht zu entbinden. Aber nein, er musste da Tag für Tag wieder hin, welche Zeitverschwendung!
 
Im Prinzip hätte er ja auch ohne Probleme jetzt schon seinen Schulabschluss machen können, den Stoff beherrschte er jedenfalls, aber das würde zu viel Aufmerksamkeit auf sie lenken, bla bla bla, die Sätze kannte er mittlerweile auswendig rückwärts, so oft musste er sie sich anhören. Also musste er eben weiterhin so tun, als wäre er nur ein bisschen schlauer als alle Anderen.
 
Sein Gemüt hatte sich noch immer nicht beruhigt, als er die Einfahrt zu ihrer großen Villa hoch stapfte und schließlich die Haustür aufschloss. Er konnte sich nur mit Mühe beherrschen, sie nicht einfach aus den Angeln zu fetzen, aber das hatte letztes Mal gewaltigen Ärger und Internetverbot gegeben, nicht wegen der kaputten Tür, sondern weil diese im Flug eine von Brads Lieblingskommoden erwischt und komplett zertrümmert hatte. Was stand das blöde Ding auch mitten im Flur an seinem Platz im Weg herum?
 
Also begnügte er sich damit, das schwere Holz zurück in seine vorige Lage zu donnern. Hach, welch eine Befriedigung! Die Fensterscheiben klirrten leise und die Luft schien zu knistern. Wenn er so wütend war, wie jetzt gerade, hatte er Mühe, seine Kräfte zu zügeln und nicht selten ging dabei etwas, meist unabsichtlich zu Bruch. Doch dieses Mal blieb alles heil, auch wenn seine Haare noch unordentlicher lagen als sonst.
 
Wo war Schuldig? Der Deutsche war genau der Prellbock, den er jetzt brauchte! Mit seinem dummen Geschwätz lieferte der immer einen Grund, ihn an die nächste Wand zu pinnen und dort ein wenig zappeln zu lassen. Doch keine einzige orangefarbene Haarsträhne ließ sich blicken. Wie schade. Da brauchte man ihn einmal und dann war die Nervensäge nicht da.
 
Der Junge feuerte seine Schultasche in eine Ecke und schickte ihr einen tödlichen Blick hinterher. Das Ding war ohnehin leer, da er heute schon alle Bücher abgegeben hatte. Er hatte sich nicht verabschiedet, von wem auch? Ein paar der Lehrer würde er ohnehin wiedersehen und die Widerlinge aus seiner ehemaligen Klasse konnten seinetwegen verrecken.
 
Seine Wut legte sich ein klein wenig und die Fenster hörten auf, wie wild hin und her zu schwingen. Er wollte auch keinen Rüffel von Brad riskieren, denn so etwas sah man bestimmt von außen.
 
Also marschierte er schnurstracks in die Küche, aus der es schon verführerisch nach essen duftete. Das war jetzt genau das, was er brauchte, ein wenig Ruhe und ein Stück Schokolade, um sich wieder zu beruhigen. Zum Glück bekam er solche Wutanfälle nicht besonders oft, aber wenn, dann eben richtig.
 
Er nickte Farfarello grüßend zu und ließ sich dann auf seinen Platz sinken. Der Tisch war inzwischen gedeckt, allerdings nur für drei Personen. Also war Schuldig wirklich nicht da. Seufzend rieb er sich über die Schläfen und erinnerte dabei ganz stark an Crawford, wenn dieser sich über etwas aufregte, es aber nicht zeigen wollte. Immerhin hatte er seine Gesichtszüge wieder im Griff.
 
Farfarello beobachtete seinen kleinen Chibi eine ganze Weile, bevor er schließlich zum Kühlschrank ging und ein Stück von der Tafel Schokolade abbrach, die im obersten Fach lag. Er wusste schon, was er dem Kleinen am besten Gutes tun konnte. Ohne ein Wort legte er die Nascherei auf den Tisch und streichelte kurz über die verwuschelten, braunen Haare, mehr nicht.
 
Aber mehr war auch gar nicht nötig. Nagi sah kurz hoch und seine Mundwinkel zogen sich ein klein wenig nach oben, während er nach der Schokolade griff und sie langsam verspeiste. Wie immer war der Ire mit seiner schweigsamen Art und der Ruhe, die von ihm ausging, die beste Medizin für ihn. Brad redete zwar auch nie viel, aber Farf war doch irgendwie anders. Nicht so autoritär und Respekt gebietend.
 
Der Junge zog ein Bein auf den Stuhl und legte seine Stirn darauf, schloss für einen Moment die Augen, während er das süße Zeug auf seiner Zunge zergehen ließ. Nach und nach wich die Anspannung wieder aus seinem Körper und sein Herzschlag normalisierte sich ebenfalls.
 
Farf lächelte nur stumm und mit unbewegtem Gesicht in sich hinein, rührte in seinen Töpfen, schmeckte hier und da noch etwas ab und nickte schließlich. Das war gut genug für die Bande, wie er befand. Er füllte das Essen in Schüsseln und stellte es auf den Tisch, nachdem er einen kleinen Knopf neben dem Telefon betätigt hatte.
 
Das war eine Anschaffung gewesen, auf die er bestanden hatte, als er die Küche übernommen hatte: ein Signalgeber in alle Zimmer. Er hatte keine Lust, jedes mal hinter allen herzutelefonieren oder durchs Haus zu schreien, wenn er fertig war, er schrie niemals. Also hatte er eine Leitung in jedes Zimmer legen lassen, verbunden mit einem kleinen Lautsprecher. Er musste nur noch das praktische Knöpfchen drückten und ein Ton hallte durchs ganze Haus, rief die Anderen, in diesem Fall Brad, herunter in sein Reich.
 
Keine zehn Sekunden später ging oben eine Tür und leise Schritte auf der Treppe zeigten, dass Brad auf den Ruf reagiert hatte. Der weißhaarige konnte sich nur mit Mühe beherrschen, nicht breit zu grinsen. Oh ja, er hatte seine Kollegen und seinen Leader schon wirklich gut im Griff, wenn es ums Essen ging.
 
Besagter Anführer tauchte in diesem Moment in der Küche auf und setzte sich wortlos an den Tisch. Nagi bekam ein Nicken zur Begrüßung und Farf einen kühlen Blick. Das Essen wurde da schon interessierter gemustert. Sah gut aus, aber selbst wenn nicht, würde er das nie laut sagen, er hing an seinem Haussegen und war froh, wenn der nicht schief hing.
 
Auch der Koch legte seine Schürze ab und setzte sich zu den beiden Anderen. Brad als Oberhaupt nahm sich als erstes und war froh, dass Schuldig nicht da war, dem er regelmäßig auf die Finger hauen musste, weil der Deutsche zu gierig war und nichts mehr übrig blieb, wenn er einmal den Löffel in den Schüsseln hatte.
 
Nagi bekam als nächstes, auch wenn er nicht viel aß und Farf machte den Abschluss, wie immer. Es war noch mehr als genug da, immerhin saß der Verfressendste ja nicht mit am Tisch. Schweigend begannen die drei zu essen und genossen, jeder für sich, die Stille. Das musste man doch ausnutzen, wenn der Orangehaarige mal nicht da war, denn normalerweise plapperte der die ganze Mahlzeit sinnloses Zeug, wurde von zwei Augenpaaren mit Blicken aufgespießt. Nur den Irren schien die Nervensäge nicht zu interessieren, er ignorierte ihn einfach.
 
Als sein Teller fast leer war, hob Brad den Blick wieder und musterte seinen Schützling. "Wie war die Schule?" Er klang kühl wie immer, aber wenigstens interessiert und nicht so, als wäre es unwichtig für ihn.
 
Für einen winzig kleinen Moment fing der Tisch an zu wackeln, bevor sich Nagi wieder unter Kontrolle hatte und das Bein zurückzog, als wäre er nur damit angestoßen. "Gut." Was sollte er denn sagen? Hey, Brad, hör mal zu, das sind so ein paar Idioten, die mich jedes Mal in die Mangel nehmen, wenn ich nicht schnell genug bin? Oh, er konnte sich schon lebhaft vorstellen, was das für eine Reaktion hervorrufen würde!
 
Der Amerikaner würde die Augenbrauen zusammenziehen, bevor seine Stirn sich runzelte. Dann würde er seine Brille zurechtrücken und einen Blick mit Farf wechseln, der in der Zwischenzeit schon seinen Dolch aus der Halterung an seiner Wade gekramt hätte. Und dann würde er fragen: kennst du die näher? Na ja und dann würde man am Morgen in der Zeitung etwas von unidentifizierbaren Leichen in der Müllverbrennungs- oder der Kläranlage lesen können.
 
Seufzend stocherte er in den Resten auf seinem Teller herum und wich dem forschenden Blick seines Leaders aus. "Wirklich?" Nagi nickte nur, was sollte er auch sonst tun? Ok, er könnte vielleicht Schu bitten, die Typen so zu manipulieren, dass sie ihn einfach vergaßen oder so, aber dann würde sein Anführer es auf jeden Fall erfahren.
 
Eine andere Möglichkeit wäre, dass Brad ihn für unfähig hielt, sich selbst zu verteidigen und dass wollte er eben sowenig. Crawford sollte stolz auf ihn sein und sich nicht noch um ihn Sorgen machen müssen, er hatte ja so schon genug am Hals.
 
"Freust du dich auf die neuen Klasse?" Verwundert hob der Junge nun doch den Blick. War Brad irgendwo gegengelaufen oder warum stellte er so viele Fragen? Normalerweise gab er sich doch nach dem 'gut' zufrieden und ließ ihn in Ruhe. Was sollte das also?
 
"Na ja wird wohl interessanter werden, weil sie da anspruchsvolleren Stoff haben...", versuchte er geschickt zu umschreiben, dass es ihm eigentlich reichlich egal war, Hauptsache er brachte die Schule schnell genug hinter sich. Aber noch mehr Klassen konnte er einfach nicht überspringen, er war ja jetzt schon über zwei Jahre jünger als alle Anderen.
 
Crawford nickte und lehnte sich zurück. "Ich fahr dich morgen früh..."
Fast fühlte Nagi sich versucht, seinem Leader an die Stirn zu fassen, um zu sehen, ob dieser Fieber hatte. Er musste sonst immer betteln, wenn er den Bus verpasste und eine Predigt über Pünktlichkeit und Verpflichtungen auf dem Weg zur Schule über sich ergehen lassen. "Da -danke....", stotterte er deshalb verwirrt und sah zu Farfie hinüber, der ebenfalls den Kopf gehoben hatte, das erste Mal, in ihrem 'Gespräch'.
 
Nachdenklich musterte der Ire den Schwarzhaarigen. Der schaute irritiert zurück und erhob sich dann. "Ich bin die nächsten zwei Stunden unter keinen Umständen zu sprechen...", informierte er sein Team, was praktisch hieß, dass er mit ihrem Boss telefonieren musste. Mitleidige Blicke verfolgten ihn, als er die Küche verließ und nach oben ging.
 
Nagi und Farf sahen sich an und zuckten synchron die Schultern. Vielleicht bekam Brad ja die Grippe, so was sollte ja auch Hellsehern ab und zu passieren. Gemeinsam räumten sie den Tisch ab und spülten das Geschirr. Der Irre rückte sogar noch ein Stück Schokolade für den Teamjüngsten heraus, bevor dieser sich im Wohnzimmer auf die Couch lümmelte und den Fernseher anmachte. Hausaufgaben hatte er ja heute keine.
 
Seine Gedanken schweiften zu seinem Leader im oberen Stockwerk. Er beneidete ihn wirklich nicht, sich andauernd mit Takatori herumschlagen zu müssen. Der Mann war... unheimlich. Außerdem sah er ihn immer so seltsam an, auf eine Art, die ihm einen eisigen Schauer über den Rücken jagte.
 
Brad hatte das anscheinend noch nicht bemerkt, sonst hätte er schon etwas unternommen, oder? Schuldig las niemals die Gedanken des Bosses, er hatte ihm mal erzählt, was darin so vor sich ging und Nagi verstand ihn wirklich. So etwas würde er auch nicht wissen wollen. Nur Farf beobachtete ihren Auftraggeber immer besonders wachsam, vielleicht hatte er es ja mitbekommen.
 
Ein warmes Gefühl breitete sich in dem Jungen aus ob der Fürsorglichkeit des Iren. Dieser würde niemals zulassen, dass ihm etwas passierte. Er gab auf ihn acht, seit er vor ein paar Jahren kurz nach Schuldig zu ihnen gestoßen war, oder besser gesagt, vor ihrer Tür abgeliefert worden war. Brad war ganz schön sauer gewesen und am Anfang hatte er selbst große Angst vor dem Fremden gehabt, der sich so seltsam benahm und nicht selten gewalttätige Anfälle bekam.
 
Er war ihm mindestens genauso unheimlich wie der Orangehaarige Mann, der mit so seltsamem Akzent sprach und dessen Stimme er so oft in seinem Kopf hörte oder fühlte, wie sie in seinen Gedanken wühlte, das unterste zu oberst kehrte. Lange hatte er gebraucht, um den Beiden genauso wie Crawford zu vertrauen, doch inzwischen fühlte er sich zu Hause eigentlich wohl, sicher und beschützt, ein Zustand, der ihm vor seiner Zeit bei Schwarz völlig fremd gewesen war.
 
Sicher, es gab auch Streit und nicht oft bracht Schuldig ihn mit seiner nervigen Art an den Rand seiner Beherrschung, doch im Großen und Ganzen hatte er es wirklich gut getroffen. Wäre da nicht ihr nächtlicher Job gewesen, Nagi hätte sich direkt als glücklich bezeichnen können. Es war nicht so, dass er wirklich Gewissensbisse gehabt hätte, er mochte die Menschen ohnehin nicht, zu viel hatten sie ihm angetan und wenn ihn wirklich Alpträume heimsuchten, verbrachte die Nacht in Brads Bett, der niemals eine Bemerkung darüber verlor, sondern ihn wortlos in die Arme nahm und bei sich schlafen ließ.
War sein Anführer nicht da, so krabbelte er eben zu Farf ins Bett, der hatte auch nie etwas dagegen.
 
Oft wurde er sowieso nicht mitgenommen, nur, wenn das Team wirklich auf seine Fähigkeiten angewiesen war. Crawford sucht meist irgendeine Ausrede, warum er zu Hause bleiben konnte, doch das wenige, was er mitbekam reichte ihm schon. Er wünschte sich, so zu sein, wie die Anderen. Brad, für den Job gleich Job war, Schuldig, der jede Gelegenheit zum spielen nutzte und dem es gefiel, seine Opfer leiden zu sehen und Farf mit seinem Gottestick, der immer für alles, was er tat, eine gute Ausrede hatte, schließlich schmerzte ja so ziemlich alles Gott, was er machte.
 
Seufzend drehte der Junge sich auf den Rücken und starrte blicklos auf de Mattscheibe, über die irgendeine hirnlose Talkshow flimmerte. Er war gespannt, was für einen Auftrag sie wohl als nächstes bekommen würden. Vielleicht wieder so was gefährliches wie der Kindergeburtstag letzte Woche.
 
Nagi wusste schon, warum er diese kleinen Gören hasste. Takatoris uneheliche Tochter war gerade zwölf geworden, schien aber nicht auf diesem Niveau zu sein, denn ihre Freundinnen waren im Schnitt halb so alt gewesen wie die Gastgeberin. Aber vielleicht konnte man jüngere Kinder ja leichter kontrollieren, denn darin stand die Kleine ihrem Erzeuger in nichts nach.
 
Während des gesamten Nachmittags war er durch den riesigen Garten geschleift worden, musste sich bewundern und antatschen lassen wie eins der Ponys, die da ebenfalls waren. Er war sich vorgekommen wie eine Hauptattraktion, hatte aber alles brav mitspielen müssen, schließlich konnte man ja die Tochter des Chefs nicht beleidigen, egal wie hässlich oder penetrant sie war.
 
Brad hatte ein Gesicht gemacht, als hätte er Zahnschmerzen und Schu war alle fünf Minuten aufs Klo verschwunden, nachdem die Bälger angefangen hatten, sich für seine langen, orangeroten Haare zu interessieren und daran herum zu ziehen. Nur Farfie hatte das alles ganz toll gefunden und mit den Gören gespielt, bis sie nach Hause mussten. Es war doch immer wieder erstaunlich, wie friedlich der Ire war, wenn es um Kinder ging.
 
In ganz ruhigem und ernstem Tonfall hatte er ihnen die Bedeutung von Gott und seinem Wirken erklärt, wie man ihn am meisten verletzen konnte und warum, welche Waffen man für welchen Anlass brauchte und wie man sie am effektivsten einsetzte. Die Mädchen waren mit weit aufgerissenen Augen und offenen Mündern im Kreis um den -weißhaarigen gesessen und hatten andächtig und fasziniert gelauscht, bis Takatori schließlich dazwischen gegangen war und sie zu den Ponys getrieben hatte.
 
Nagi grinste in sich hinein bei der Erinnerung und die Vorstellung an die Gesichter der Eltern, wenn die Bälger abends erzählten, was sie alles erlebt hatten. Takatori würde wohl einiges zu erklären haben, sollten es 'normale' Kindern sein, mit denen seine Tochter verkehrte und nicht etwa Yakuza oder dergleichen. Er gönnte es ihm wirklich, der hatte doch nichts anderes verdient.
 
Wenn doch nur Brad endlich einsehen würde, wie sinnlos der Job bei diesem verrückten Ekel war, aber nein, der sah ja nur das Geld, dass sie für die Kinkerlitzchen bekamen und das war immerhin nicht wenig.
 
Immer noch gelangweilt fing der Junge an, durch die Kanäle zu zappen. Nichts, was ihn auch nur irgendwie ansatzweise interessieren würde. Seine Gedanken schweiften wieder ab, diesmal zurück zur Schule. Ein wenig war er ja nun doch gespannt, wie seine neue Klasse sein würde, denn er musst ja immerhin noch etwas Zeit mit ihnen verbringen, auch wenn es nicht mehr sein würde, als es unbedingt nötig war.
 
Natürlich würde er niemals zugeben, dass ihm die Schüler nicht vollkommen egal waren. Die gehässigen Bemerkungen taten weh, so sehr er es auch vor sich selbst und seinen Kollegen leugnete. Er war schon manches Mal neidisch gewesen, wenn er die Jugendlichen auf dem Pausenhof hatte lachen und herumalbern sehen, aber er konnte sich Freunde, oder auch nur Menschen, die ihm irgendwie näher standen, einfach nicht leisten, zu groß war die Gefahr, dass ihre Geheimnisse gelüftet werden würden.
 
Im Übrigen legte er wenig Wert darauf, dass alle erfuhren, dass er mit drei Männern zusammenlebte, mit denen er eigentlich nicht verwandt war, das würde nur noch mehr Gerede und dumme Kommentare geben. Bemerkungen dieser Art musste er sich ohnehin schon zu Hauf anhören, wegen seiner zierlichen Statur, den weichen Gesichtszügen und seiner großen Augen.
 
Er seufzte wieder, und schloss die Augen einen Moment. Manchmal wünschte er sich weg, einfach weit weg, irgendwohin, wo ihn niemand kannte, niemand etwas über ihn wusste. Wo es keine Gemeinheiten gab. Keine Morde. Wo er sich nicht verstecken musste.
 
Ruckartig setzte er sich auf und rieb sich über die geschlossenen Lider um die Bilder zu verdrängen, die in ihm aufstiegen, Bilder eines Hauses mit großem Garten, keine Großstadt weit und breit, nur Wärme und Sonnenlicht. Und keine Einsamkeit.
 
Wütend auf sich selbst schaltete er den Fernseher aus und erhob sich, um die Treppe nach oben zu stapfen, nicht so laut, wie er es gerne würde, er wollte ja schließlich keinen Ärger mit Brad, aber auch nicht so leise, wie es normalerweise seine Art war. Träume blieben Träume und damit basta. Wenn man versuchte, sie wahr zu machen, zerplatzten sie wie Seifenblasen, in die man zu viel Luft geblasen hatte. Man sollte sie nicht zu ernst nehmen, sonst wurde man nur enttäuscht, das hatte er als Kind in bitteren Lektionen lernen müssen, erst von seinen Eltern, dann bei Eszett. Dann lieber gar nicht erst träumen. Wer keine Erwartungen hatte, konnte nicht verletzt werden und Punkt.
 
Leise schloss sich seine Zimmertür hinter ihm. Aus Brads Arbeitszimmer war kein Laut zu vernehmen, was allerdings nicht ungewöhnlich war, da dieses schalldicht isoliert worden war, denn dort drin fanden auch ihre Einsatzbesprechungen statt.
 
Ruhelos marschierte er in seinem Zimmer auf und ab. Er wusste auch nicht, was mit ihm los war, denn normalerweise war er nicht so aufgekratzt. Gut, normalerweise hatte er auch immer etwas zu tun, entweder machte er Hausaufgaben, oder er arbeitete an einer Mission. Hatte er wirklich mal frei, klemmte er sich eben so hinter seinen PC aber darauf hatte er im Moment so gar keine Lust. Ihm war nicht nach stillsitzen.
 
Vielleicht sollte er ein bisschen rausgehen? Machte er ja sonst nie, aber nur hier sitzen oder langweilige Talkshows im Fernsehen verfolgen war ja auch nicht das wahre. Also schnappte er sich eine leichte Windjacke, man wusste ja nie, wie schnell es kalt wurde und machte sich wieder auf den Weg nach unten. Er gab Farf Bescheid, der ihn nur mit einem undeutbaren Blick bedacht, dann aber wortlos nickte und sich wieder dem Buch zuwandte, dass er gerade, am Küchentisch sitzend, gelesen hatte.
 
Das Ding war auffällig dick, aber Nagi hatte auch keine Lust, jetzt danach zu fragen, welches es war. Würde wohl eins über Satanismus oder etwas ähnliches sein. Irgendwas, aus dem man erfahren konnte, wie man Gott am besten verletzte, vermutlich. Von solchen Werken hatte der Ire mehr als genug in seinem Keller stehen, in allen Formen, Farben, Arten und Ausführungen und trotzdem fand er immer mal wieder eins, dass Dinge enthielt, die er noch nicht wusste, aber bei der nächsten Mission ausprobieren konnte.
 
Der Braunhaarige musste ein wenig lächeln, als er die Haustüre hinter sich schloss. Sie waren schon wirklich eine seltsame Familie: ein arbeitswütiges Orakel, ein zurückgebliebener Telepath, ein fürsorglicher Irrer und zu guter Letzt noch er selbst. Ja wirklich, seltsam waren sie.
Immer noch tief in Gedanken, wanderte er langsam ihre Auffahrt, dann ihre Straße hinunter, ziellos, einfach dorthin, wohin ihn seine Füße trugen, gleich wo das sein mochte, er hatte Zeit.



Kapitel 8

Ken schreckte aus seinem Dösen auf und warf einen Blick auf die Uhr. Eine halbe Stunde war vergangen, seit er sich auf sein Bett hatte fallen lassen. Schon so viel? Er hatte gar nicht gemerkt, wie die Zeit vergangen war. Seufzend setzte er sich auf. Noch zwei Stunden Schicht im Laden inmitten von kreischenden Schulmädchen, bevor er sich in den Park verziehen durfte.
 
Aya hatte eine wirklich gnädige Laune gehabt, als er ihn gefragt hatte, ob er an drei Nachmittagen die Woche mit seinen Jungs trainieren durfte. Allerdings hatte er damit auch die Schicht am Samstagmorgen übernehmen müssen und das, obwohl er eigentlich eher ein Langschläfer war. Aber was tat man nicht alles, um seinen Leader zu besänftigen.
 
Das Fußballspielen mit den Kindern war ihm wichtig. Genau wie das Einkaufen gab es ihm ein gewisses Gefühl von Normalität, dass er vor allem nachts mehr vermisste, als alles Andere.
 
Er fuhr sich durch seine verstrubbelte, braunen Haare, eigentlich ein sinnloses Unterfangen, die machten sowieso immer, was sie wollten, rieb sich über die Augen und zwang sich dann, aufzustehen und ins Bad zu trotten, wo er sich etwas kaltes Wasser ins Gesicht spritzte, um den letzten Rest Schläfrigkeit endgültig zu vertreiben. Er machte im Laden auch so schon genug kaputt durch sein Ungeschick, das musste er nicht noch durch Dösigkeit verschlimmern.
 
Crawford passierte so was sicher nie, dass er einfach so etwas fallen ließ, oder über seine eigenen Füße stolperte, genauso wenig wie Aya. Der Rothaarige konnte.... MOMENT MAL! Was war das eben für ein Gedanke gewesen? Er dachte schon wieder an den Schwarz?
 
Im Spiegel sah ihm sein erschrockenes Gesicht entgegen, in seinen Ohren pochte sein viel zu schneller Herzschlag. Er schluckte leicht und zwang sich zur Ruhe. Es war ja wohl nicht verboten, auch mal an seinen Feind zu denken, oder? Wenn man über seinen Feind nachdachte, konnte der einen nicht überraschen, ja genau, das war völlig normal und... und... naja logisch eben, oder?
 
Er schüttelte den Kopf, so dass die dunkelbraunen Strähnen nur so flogen. Wenn er sich ja selbst nicht bewusst gewesen wäre, was er da für Unsinn dachte.... Wenn Dummheit wehtun würde, müsste er sicherlich den ganzen Tag schreiend durch die Gegend laufen!
 
Sich über sich selbst ärgernd schritt der Fußballer seinem Spiegelbild eine Grimasse und verließ rasch das Bad, bevor ihm noch irgendwelche dämlichen Gedanken kamen. Alleine wenn sein Anführer wüsste, dass er ihn und Oracle im selben Atemzug auch nur in Erwägung gezogen hatte, wäre er schneller tot, als er 'stopp' sagen könnte. Wie gut, dass der nicht in seinen Kopf sehen konnte, ganz im Gegensatz zu Mastermind der... argghhhh! Schon wieder?
 
Am liebsten hätte er seinen Kopf gegen die Wand gehauen, in der Hoffnung, wieder normal oder zumindest wieder Ken-mäßig zu werden. Nachdenklich auf seiner Unterlippe herumkauend wanderte er die Treppe hinunter, von dort aus durch die Verbindungstür in den Laden und ins Gewächshaus. Hier hatte er meistens seine Ruhe und die Blumen beruhigten ihn eigentlich immer.
 
Er schnappte sich eine Gießkanne, füllte sie und fing an, die Pflanzen zu wässern. Yohji hatte heute Morgen ja nur die im Verkaufsraum übernommen, das hier war seine Aufgabe und er machte sie gerne.
 
Doch heute wollte sich die ersehnte Ausgeglichenheit, die er sonst hier immer verspürte, einfach nicht einstellen. Er fühlte sich aufgekratzt wie schon lange nicht mehr, wenn er ehrlich war, eigentlich schon den ganzen Mittag lang. Wurde wirklich Zeit, dass er wieder etwas Energie abbauen konnte. Am besten er joggte zum Park, anstatt sein Motorrad zu nehmen. Das würde sicher helfen.
 
Zufrieden mit dem Ergebnis seiner Überlegungen goss er die Blumen fertig. Von nebenan hörte er, wie der Rollladen geöffnet wurde und die ersten Schreie drangen herein. Konnten die dummen Weiber nicht EIN Mal wegbleiben? Sie kauften doch sowieso nichts, sondern kamen nur, um sie zu begaffen und um zu versuchen, sie irgendwie unauffällig anfassen zu können.
 
Nur an Aya trauten sie sich nicht ran, obwohl man zu deutlich sehen konnte, wie sehr es ihnen in den Fingern juckte, herauszufinden, ob seine roten Haare echt waren.
 
Ken unterdrückte ein schadenfrohes Grinsen. Manchmal war es doch gut, nur Durchschnitt zu sein. Seine Haare und Augen waren zwar heller, als eigentlich bei Japanern üblich, aber lange nicht so auffällig wie die der Anderen.
 
Yohji legte es ja darauf an, beachtet zu werden und sein Äußeres kam dem wirklich entgegen, aber ihren Leader und ihr Chibi schien das eher zu stören. Um ihn selbst wurde zwar auch etwas Wirbel gemacht aber lange nicht so viel, dachte er zumindest. Vielleicht fiel es ihm ja auch einfach nur nicht auf, oder er hatte sich inzwischen daran gewöhnt, aber eigentlich wusste er ja, warum weniger der Gören auf ihn flogen als auf seine Kollegen. Er war eben einfach nicht so attraktiv, eine Tatsache, mit der er sich schon länger abgefunden hatte. Daran konnte er eben nichts ändern, sein Gesicht war, wie es war, normal und langweilig, genau wie die braune Farbe seiner Haare und Augen. Nichts besonderes, nichts Außergewöhnliches.
 
Sicher, er könnte bei beiden helfen, sei es nun mit Tönung oder mit Kontaktlinsen, doch wozu? Er würde sich darin ohnehin nicht wohlfühlen, noch mehr wie jemand, der eigentlich nur eine Rolle spielte, noch weniger würde er, er selbst sein können als im Moment. Verkleiden konnte sich jeder, aber deswegen fand man noch lange keine Anerkennung bei seinen Mitmenschen, nicht zwangsläufig jedenfalls.
 
Er hatte eben einfach nicht Yohjis Charme oder Ayas kühle Eleganz und so zum knuddeln wie Omi war er schon lange nicht mehr. Ihm genügte es, wenn die Kinder im Park ihn mit leuchtenden Augen ansahen, weil er mit ihnen spielte, ihnen etwas beibrachte, sich einfach um sie kümmerte, denn viele Eltern taten es nicht. Es musste einfach genügen, mehr konnte er nicht erwarten und es war ja ein schönes Gefühl, wenn man wenigstens ein bisschen gebraucht wurde.
 
Mit etwas wehmütigem Gesichtsausdruck wässerte er die letzten Töpfe und stellte die Gießkanne an ihren Platz, bevor er sich einen Lappen nahm und das, was er verschüttet hatte, wieder aufwischte.
Das Einzige was er sich wirklich wünschte, was in seinem Leben fehlte, war eine Person, an die er sich lehnen konnte, mit der er über alles sprechen konnte, seine Ängste, seine Zweifel seine Vergangenheit, sogar seinen Job.
 
Natürlich könnte er das auch mit Omi, immerhin war er ja sein bester Freund, aber der Kleine würde ihn nicht verstehen. Er war manchmal noch so jung, trotz seiner Tätigkeit als Killer und seiner eigenen Vergangenheit. Der Junge würde ihm zuhören, ihn nicht unterrechen, aber einen Rat oder Hilfe konnte er ihm nicht geben.
 
Er wollte keinen Freund, er wollte... ja r wollte jemanden, der ihn... lieben konnte, den er lieben konnte, ohne erneuten verrat fürchten zu müssen. Aber wo gab es so jemanden schon. Erstens hielt es sowieso nie jemand lange mit ihm aus, er hatte ja auch nichts zu bieten, nicht einmal gutes Aussehen und zweitens ging alles früher oder später einmal in die Brüche, das konnte man eben nicht ändern.
 
Er verließ das Gewächshaus und schaltete wieder um auf den Ken, den alle kannten, den lauten Tollpatsch, der gerne lachte. Nicht, dass er das nicht wirklich gerne tat, aber gerade im Moment war ihm so gar nicht danach.
 
Kaum dass er den eigentlichen Laden betreten hatte, schallte ihm auch schon vielstimmiges Gekreische entgegen, das ihn beinahe einen Schritt zurücktaumeln ließ. Waren die Mädchen heute extrem laut oder lag es nur an seiner seltsamen Stimmung, dass er den Lärm so intensiv wahrnahm?
 
Er ließ den Blick durch den kleinen Raum schweifen, erblickte Aya hinter der Kasse, der die wenigen, zahlenden Kunden bediente und sich gleichzeitig die Schulmädchen mit eisigen Blicken vom Leib hielt, Yohji, der wie immer an einer Wand lehnte und in bester Playboy-Manier mit einer erwachsenen Frau flirtete und Omi, der in einer Traube von Gestalten in Schuluniformen beinahe unterging.
 
Ein echtes Grinsen schlich sich auf sein Gesicht, während er sich seine Verkaufsschürze umband und dann zur Rettung seines besten Freundes eilte, der im Moment kaum noch richtig atmen zu können schien, so sehr bedrängten ihn die Mädchen.
 
Als ihn die Weiber entdeckten, schallte ihm ein 'Keeeen-kuuuuun!' entgegen und am liebsten wäre er sofort wieder geflüchtet. Doch er blieb, bediente und beriet geduldig, ertrug das Getatsche und das Gezerre wie immer. Hier hatte er seinen Hitzkopf recht gut unter Kontrolle, die Gören konnten ja nichts dafür, dass sie so nervig und dumm waren.
 
Die Zeit verging erstaunlich schnell und doch war er froh, als er endlich gehen durfte. In einem unbeobachteten Moment schlich er sich aus dem Laden, nachdem Aya ihm erlaubend zugenickt hatte, verkrümelte sich in ihren Wohnbereich und gönnte sich erst mal ein Glas Cola. Manchmal war selbst dieser Job Schwerstarbeit.
 
Seine Laune hob sich etwas, als er die Treppe hoch in sein Zimmer sprintete, sich rasch umzog und seinen Fußball schnappte, ihn in seinen Rucksack stopfte. Wieder unten, nahm er noch die Colaflasche aus der Küche mit, ließ sie zu dem runden Leder verschwinden, vergaß natürlich, seinen Schlüssel einzupacken und war schon aus der Türe raus in Richtung Park, bevor am ende noch jemand auf die Idee kommen konnte, ihn aufzuhalten.
 
Er musste über zwei Zäune und eine Mauer klettern, aber das war immer noch besser, als den Weg vorne am Koneko entlang zu nehmen und den Weibern in die Arme zu laufen, die sich dann vielleicht noch an ihn kletteten. Er wollte jetzt seine Ruhe und nicht 'Ken-kun' sein!
 
In gleichmäßigem Laufschritt joggte er die Straßen entlang. Das tat wirklich gut! Die Luft hier in der Stadt war zwar nicht wirklich frisch, aber die Bewegung weckte seine Lebensgeister und beruhigte ihn durch die Gleichmäßigkeit gleichzeitig. Und seiner Kondition schadete es ganz sicher auch nicht, wenn er sich mal wieder etwas mehr anstrengte, als sonst.
 
Gut, er war körperlich wirklich fit, ganz ohne Trainingsstudios, Gewichtheben oder sonstige Foltermethoden, aber andererseits hätte er in seinem Job wohl kaum so lange überlebt, wenn er es nicht wäre.
 
Frei schwebten seine Gedanken durch den Kopf, als er sich bewusst nur auf das Laufen konzentrierte, nichts bedrückte ihn mehr, nichts hatte mehr Bedeutung, außer immer weiter einen Fuß vor den anderen zu setzen. Am liebsten hätte er ewig so weitergemacht, nicht denken, nur fühlen, atmen, doch viel zu schnell war er am Park angekommen.
 
Die geschotterten Wege federten besser als der harte Asphalt der Straßen zuvor, aber hier war auch die Gefahr größer, auszurutschen, weswegen er sich auf den Untergrund konzentrieren musste. Schon war die Fußballwiese mit den beiden Toren in sich, auf der sich bereits einige Kinder tummelten.
 
Ken rannte etwas schneller, um zu ihnen zu gelangen und wurde sofort mit großem Hallo begrüßt. Für eine Weile verschwanden alle trüben Gedanken, alle verwirrten Gefühle und er gestattete sich für ein paar Stunden, einfach nur glücklich zu sein und mit seinen Schützlingen zu toben.
 
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Seine Füße hatten ihn hierher getragen... was wollte er hier? Hier war er doch sonst nicht, er kannte niemanden, wollte niemanden treffen. Zu viele Leute, zu laut, zu voll. Er hatte gar nicht bemerkt, wie viel Zeit bereits vergangen war, sollte es ihn interessieren? Vielleicht... wurde er erwartet? Nein, sicher nicht, es war noch nicht dunkel.
 
Nagi blinzelte in die Nachmittagssonne und schien erst jetzt, als er am Eingang zu einem Park stand, wieder in die Realität zu finden. War er wirklich so sehr in seine Gedanken vertieft gewesen? Anscheinend.
 
Normalerweise mied er solche Orte wie die Pest, denn die vielen Menschen, die sich hier aufhielten, lachten, grölten, sich vergnügten, nicht selten auch stritten und sich sogar prügelten, verursachten ein unangenehmes Gefühl in seiner Magengegend.
 
Doch dann sah er sich achselzuckend um. Wenn er schon mal hier war, konnte er auch genauso gut ein wenig durch die grünen Flächen spazieren, er hatte ja ohnehin nichts Besseres zu tun. Den Blick richtete sich fest auf den Boden, ab und zu kickte er einen der Kiesel von sich her, verlor ihn aber schnell aus den Augen, wenn er sich nicht darauf konzentrierte.
 
Schon jetzt ging ihm der Lärm, das Lachen auf die Nerven. Am liebsten hätte er sofort wieder umgedreht, wäre nach hause gelaufen, um sich in seinem wunderbar stillen Zimmer zu vergraben. Aber er wollte im Moment nicht zu viel nachdenken und dazu wäre es zwangsläufig gekommen, hier hatte er immerhin etwas Ablenkung, auch wenn es unangenehm war.
 
Er vergrub die Hände tief in den Taschen seiner Schuluniform, die er immer noch anhatte. Warum, wusste er eigentlich nicht recht, er hatte sie eben einfach nicht ausgezogen, das machte er selten. Ihn sah ja sowieso niemand, warum sollte er da extra die Kleidung wechseln? Außerdem meinte Brad, dass dieses Ding unauffällig wäre.
 
Das er nicht lachte! Er sah hier niemanden, der keine Freizeitkleidung trug! Und wie er auffiel! Er bemerkte die Blicke, die ihm folgten sehr wohl, entschied aber, sie zu ignorieren und einfach weiter die hochinteressanten Kiesel unter seinen Füßen zu betrachten.
 
Eine ganze Weile wanderte er ziellos durch das weitläufige Parkgelände, ohne einen Blick für seine Umgebung, immer noch tief in Gedanken versunken, als er plötzlich Kindergeschrei links von sich wahrnahm, das lauter war, als die bisherigen Geräusche. Er hob den Kopf um zu sehen, warum die Gören denn so plärrten und erkannte, dass er am Rande eines Fußballfeldes stand.
 
Etwa fünfzehn mehr oder weniger kleine Gestalten rannten darauf hin und her, immer dem schwarz-weißen Ball nach, den sie mehr oder weniger geschickt vor sich hertrieben.
 
Nagis Gesicht verzog sich angewidert. Ihm war Sport jeder Art verhasst, insbesondere der Schulsport. Für einen schmächtigen Jungen wie ihn war es schwierig genug, sich normal in der Schule zu behaupten, doch die Sportstunde war praktisch ein Freibrief für alle, ihn zu schubsen, zu knuffen, zu treten und Fußball stand auf seiner Hass-Liste ganz weit oben.
 
Seit er das letzte mal einen Spikes bewehrten Schuh ans ungeschützte Schienbein bekommen hatte, weigerte er sich strikt, noch mal zu spielen, egal, wie schlecht die Note dafür ausfiel. Da war selbst der Stress mit Brad erträglicher.
 
Mal ganz abgesehen davon, dass er es sinnlos fand, wenn zwanzig erwachsene Leute auf einem Rasen einem runden Stück Leder hinterher rannten und versuchten, es an zwei Leuten vorbei in ein Netz zu bringen. Aber jedem das seine.
 
Er wollte schon weitergehen, als sein Blick plötzlich auf eine größere Person inmitten der Kinder fiel. Ein braunhaariger Mann, nicht besonders groß, kräftig gebaut, analysierte sein Gehirn. Ein unauffälliger Typ, beinahe hätte Nagi ihn sogar übersehen, so perfekt passte er sich in die Gruppe Jüngerer ein, als gehöre er da hin. Aber etwas an seinen Bewegungen kam dem Jungen vage vertraut vor, so als wüsste er, wen er vor sich hatte, nur das passende Gesicht dazu fehlte.
 
Er beschloss, dass es nichts ausmachte, ob er noch ein paar Minuten blieb oder nicht, denn er wollte herausfinden, wer der Fremde war. Er blieb am Spielfeldrand stehen und beobachtete ihn aufmerksam. Sein Killerinstinkt meldete ihm etwas Vertrautes an der Art, wie der Andere rannte, sprang, mit den Armen wedelte, wenn die Kinder etwas nicht nach seinen Vorstellungen taten.
 
Seine Stimme konnte er nicht hören, dafür war er zu weit weg, nur ab und zu trieben ein paar unzusammenhängende Wortfetzen zu ihm herüber.
 
Die Stirn des Hackers runzelte sich, als er angestrengt nachdachte. Der Mann war offensichtlich eine Art Trainer und er war sich ziemlich sicher, dass er keine solche Person in seinem Bekanntenkreis hatte, woher also....
 
In diesem Moment drehte sich der 'Trainer' um und Nagi konnte in das fröhlich lachende Gesicht von Siberian blicken. Vor Schreck blieb ihm beinahe die Luft weg und er stolperte zwei Schritte rückwärts. Von allen Menschen, die er in diesem dreimal verfluchten Park, in den er nicht hatte gehen wollen, auf diesem Fußballfeld, das er nicht angesteuert hatte, treffen konnte, musste es natürlich ausgerechnet einer seiner Erzfeinde sein, mitten am helllichten Tag, in einer Gruppe von Kindern, so dass Nagi nicht einmal gegen ihn vorgehen konnte.
 
Wenn er dem Weiß schon begegnen musste, konnte das nicht wenigstens in einer dunklen Gasse sein, in der er mit dem Anderen kurzen Prozess machte? Nein, es musste ja hier sein! Sein Tag konnte ab jetzt ja nur noch besser werden, schlechter ging es nicht mehr. Definitiv nicht. Oder?
 
Noch hatte Hidaka ihn nicht bemerkt, aber was nicht war, konnte ja noch werden. Warum stand er also wie festgewachsen hier herum und starrte den Feind immer noch perplex an? Er war doch sonst nicht so furchtbar langsam!
 
Sein Hirn gab seinen Muskeln den Befehl zum Bewegen, doch nichts rührte sich. Er war noch immer fasziniert, einen Killer, jemanden, der Menschen für Geld tötete, in einer Kindergruppe zu sehen. Und das ganz offensichtlich freiwillig. Nicht nur das, es schien ihm auch noch Spaß zu machen, dem glücklichen Gesicht zu urteilen.
 
Vielleicht war es das, was Nagi so sehr irritierte. Wann hatte er das letzte Mal gelächelt? Nicht dieses kleine Lächeln, das er manchmal seinen Kollegen schenkte, sonder so ein offenes, zufriedenes, glückliches Lächeln, wie es gerade auf Siberians Gesicht lag. Durften Killer überhaupt lächeln? Das sie es noch konnten, sah man ja, aber war die Schuld, die sie jedes Mal auf sich luden nicht viel zu groß?
 
Nagi schüttelte den Kopf, wandte den Blick aber nicht ab. Er wollte sich keine Gedanken über den Feind machen, keinen Einzigen und trotzdem tat er es. Er machte sich doch sonst auch keinen Kopf um andere Menschen, am allerwenigsten um die, die ohnehin auf der falschen Seite des Lebens und damit auf ihrer Abschussliste standen.
 
Einmal, nur ein einziges Mal hatte er es gewagt, sein Herz an eine andere Person zu hängen und er hatte es bitter bereut. Sicher, er mochte seine Kollegen und Freunde, seine Familie und er würde alles für sie tun, doch das war etwas Anderes. Bei ihnen konnte man sicher sein, dass sie nicht so bald sterben würden, trotz ihres gefährlichen Jobs. Und bei ihnen wusste er, dass seine Zuneigung auf Gegenseitigkeit beruhte, auch wenn sie es so gut wie nie, oder nur in winzig kleinen Gesten zeigten.
 
Seine Konzentration richtete sich wieder auf seinen Gegner, der ihm inzwischen ein ganzes Stück näher gekommen war, ihn aber offenbar immer noch nicht bemerkt hatte.
Verächtlich zogen sich die Mundwinkel des Jungen nach unten. Wie konnte man nur so nachlässig sein und den Feind am Spielfeldrand nicht bemerken.
 
Doch dann schalt er sich selbst einen Narren. War er nicht selbst gerade so in Gedanken versunken gewesen, dass er noch nicht einmal bemerkt hatte, wohin er gelaufen war? Ein schöner Killer! Er sollte lieber machen, dass er verschwand, bevor Siberian sich seiner Anwesenheit doch noch bewusst wurde.
 
In diesem Moment drehte sich Ken, der schon gefährlich nahe war, aber bisher mit dem Rücken zu ihm gestanden hatte um, dunkelblaue Augen trafen auf Haselnussbraune und beide erstarren mitten in der Bewegung.
 
Auf einen Schlag war das freie Lächeln aus dem Gesicht des Fußballers gewischt. Er hatte sich schon die ganze Zeit beobachtet gefühlt, was ihn allerdings nicht weiter störte, denn das kam öfter vor. Er hätte niemals vermutet, dass Schwarz so weit ging und ihn schon am helllichten Tage suchte. Die Begegnung am Morgen mit Crawford ließ er mal außen vor, die war wohl wirklich Zufall gewesen... oder? Auf einmal war er sich da nicht mehr so sicher.
 
Nagi blinzelte leicht, achtete allerdings darauf, dass sich keine Regung in seinem Gesicht abzeichnete. Fast einen winzig kurzen Moment spürte er Bedauern, als er sah, wie sich sein Feind verspannte, unwillkürlich eine abwehrende Haltung einnahm und wahrscheinlich auf einen Angriff wartet. Aber auch wirklich nur für den Bruchteil einer Sekunde, dann kehrte sein Hass auf den Anderen zurück.
 
Ken ließ die Kinder stehen und kam etwas steifbeinig auf den Jüngeren zu. Auch sein Gesicht hatte sich in eine nichts sagende Oberfläche verwandelt, einzig seine Augen loderten, zeugten von seinem mühsam unterdrückten Temperament. Knapp vor dem kleineren Jungen blieb er stehen.
 
"Ist Takatori so weit gestiegen, dass er seine Ratten schon am Tag losschicken kann? Was willst du, Schwarz? Mich töten? Bitte sehr..." Er breitete die Arme aus, bot seine ungeschützte Brust an. "Ich kann mich nicht wehren, ich hab noch nicht mal eine Waffe dabei..." Im Augenblick verspürte er nur Hass, dass ihm nun auch noch die wenigen Stunden, in denen er einfach abschalten konnte, an nichts denken musste, dass mit dem Job zu tun hatte, genommen wurden. Wie konnte Schwarz es nur wagen?
 
Die Augen des Kleineren weiteten sich für einen kurzen Moment. Glaubte dieser Depp denn wirklich, dass er, ausgerechnet ER in die Öffentlichkeit ging, um Weiß zu beseitigen? Wenn, dann hätten sie ja wohl Schuldig geschickt, der konnte so was wenigstens absolut unauffällig machen, in dem er einfach das Hirn des Betreffenden 'ausknipste', wir er immer so schön sagte.
 
"Nein.... ich..." Er wusste nicht wirklich, was er sagen sollte und trat unwillkürlich einen Schritt zurück. Siberian kam ihm viel bedrohlicher vor, als sonst, zumal er ja wusste, dass er seine Kräfte auf keinen Fall einsetzen durfte, wenn ein Außenstehender es mitbekommen konnte und davon gab es hier nun wirklich mehr als genug.
 
Kens Haltung entspannte sich etwas. "Was willst du dann?", fragte er misstrauisch. Er traute dem Braten kein bisschen. Das konnte doch kein Zufall sein, dass sie Schwarz sonst nur ab und zu bei Missionen über den weg liefen und heute begegnete er zwei von ihnen am gleichen Tag und dann auch noch privat, privater ging es ja schon fast nicht mehr.
 
Sein Blick glitt musternd über Prodigy. Ok, der Kleine sah wirklich nicht so aus, als würde er gerade einen Auftrag ausführen, mehr so, als käme er gerade aus der Schule. Ob das nur Tarnung war? Oder ging er wirklich da hin?
 
Dass der Junge die gleiche Schuluniform trug, in die auch der Weiß-Jüngste jeden Morgen schlüpfte, fiel ihm natürlich nicht auf, er hatte jetzt ganz andere Probleme.
 
Nagi fühlte sich unwohl, als würde ihn der Blick aus den braunen Augen sezieren. Schnell fand er wieder zu seiner unbeteiligten Miene zurück und zuckte gleichgültig die Schultern. "Ich weiß zwar nicht, was es dich angeht, Weiß, aber ich war spazieren. Was dagegen?" Jetzt klang er wieder selbstsicher, fast gelangweilt, so als ginge ihn das alles gar nichts an.
 
Ken setzte gerade an, etwas Entsprechendes zu sagen, als plötzlich die Kindergruppe, die bis jetzt mehr oder weniger geduldig mit einigem Abstand gewartet hatte, sich um sie scharte.
 
"Keeenn-kun! Wir wollen weiterspielen!", maulten die Kleinen und sahen die Älteren aus riesengroßen Augen an, bei denen zumindest der Fußballer absolut schwach wurde.
 
"Ist schon gut, ich komme... wir haben uns nichts mehr zu sagen..." Damit drehte er sich um und ließ Nagi einfach stehen, sich nicht weiter darum kümmernd, ob der Schwarz nun da war oder nicht. Er hatte seine freien Stunden und die wollte er gefälligst genießen und damit basta!
 
Nagi blies beinahe die backen auf, vor Empörung, konnte sich aber gerade noch von dieser kindischen Reaktion zurückhalten. Was bildete sich dieser Drecksack eigentlich ein? Er war Schwarz, er war der Feind und dieser, dieser... der ließ ihn einfach so stehen! AM liebsten hätte er ihn ungespitzt und den Bode gerammt, wohlgemerkt mit dem Gesicht voraus.
 
Plötzlich zupfte etwas an seinem Ärmel. Er sah nach unten und blickt in die großen Augen eines Jungen, vielleicht acht Jahre alt und sehr zierlich. Nagi blinzelte ein paar Mal. Fast wäre ihm ein erstaunter Ausruf entflohen. Der Kleine da wirkte beinahe wie er selbst in diesem Alter. Doch im Gegensatz zu ihm selbst, zierte ein breites Grinsen das Gesicht des Knirpses.
 
"Willsu nich mitsbielen?" Er lächelte noch breiter, so dass man die große Zahnlücke, die das Lispeln verursachte, auch gut sehen konnte.
Nagi zuckte abweisend die Schultern. "Ich kann nicht Fußballspielen...", versuchte er das Kind abzuwimmeln.
 
Der Junge imitierte seine Geste. "Iss auch nißt...", antwortete er dann, als wäre es das normalste der Welt."Machd aba nißts... die andern sin gans liep und Ken-kun paßt auf, dass nikß paßiert...." Der Zwerg bemühte sich ganz offensichtlich, Nagis Ängste aus dem Weg zu schaffen und ergriff vertrauensvoll die Hand des älteren Jungen.
 
"Komm iss gans einfach!", behauptete er gut gelaunt, und fing einfach an, an dem zugehörigen Körper zu ziehen.
Nagi musste wohl oder übel mitkommen, wenn er sich nicht mit Gewalt losmachen wollte, denn der Kleine hatte erstaunlich viel Kraft in den Fingerchen. In ihm sträubte sich alles dagegen, zu seinem Feind geschleppt zu werden und dann auch noch in dieser Situation, die er aus dem Sportunterricht in der Schule ja kannte. Siberian würde jede Gelegenheit nutzen, um ihn zu verletzen, da war er sich sicher, er würde es ja nicht anders machen, wäre er in der Lage dazu.
 
Unglücklicherweise war er nicht nur ein ganzes Stück kleiner als der Andere, sondern ohne seine Telekinese auch kräftemäßig hoffnungslos unterlegen. So gut es ging, wehrte er sich und doch konnte er es nicht verhindern, dass er innerhalb von Sekunden komplett von Kindern umringt war, die ihn alle bestaunten und anfassten, Fragen stellten wie: "Wer bist du?", "Wie heißt du?" oder "Spielst du auch mit?"
 
Und doch fühlte er sich nicht so unwohl wie auf dem Kindergeburtstag, denn die Kinder hier waren wesentlich besser erzogen, zerrten nicht an ihm oder versuchten nicht, ihn zu kneifen oder zu treten. Noch nicht.
 
Eigentlich war die Bande ja auch ganz goldig, aber zeigen oder zugeben würde er das noch nicht einmal unter Folter. Der Junge, der noch immer seine Hand umklammert hielt, schleifte ihn weiter mit und jetzt halfen auch die anderen, so dass es für Nagi kein Entkommen mehr gab, bis schließlich Ken darauf aufmerksam wurde, dass fast alle seine Schützlinge anderweitig beschäftigt zu sein schienen.
 
Die braunen Augen des Fußballers blitzten einen Moment amüsiert auf, als er seinen Feind so ganz offensichtlich hilflos in der Kindertraube stehen sah, denn der sah nicht gerade so aus, als wäre er freiwillig hier. Es wunderte den Weiß nur, warum der Kerl es einfach mit sich machen ließ und nicht seine Kräfte einsetzte, denn dann wäre er innerhalb von Sekunden frei. Anscheinend hielt ihn irgendetwas zurück, was auch eine Erklärung dafür wäre, warum er selbst noch lebte und nicht schon längst zerquetscht am Boden lag.
 
Ob es die Kinder waren, die Prodigy davon abhielten? Oder war es die Öffentlichkeit, konnte Takatori es sich doch nicht leisten, so viel Aufmerksamkeit auf seine ach so blütenweiße Weste zu lenken?
 
Wie auch immer, er hatte jetzt jedenfalls ein Problem, denn er kannte seine Kleinen gut genug um zu wissen, dass sie den Jungen nicht mehr so schnell aus ihren Fängen lassen würden. Allen voran Kenshi, der die Hand des Fremden festhielt. Stolz präsentierte er seinen Fund. "Schau ma, Ken-kun... er will auch mitsbielen!", verkündete er lauthals und die anderen Kinder stimmten ein freudiges Gejohle an. Mitspieler, besonders neue, denen man vorführen konnte, was man schon alles gelernt hatte, waren hier immer gerne gesehen.
 
Auch dass Nagi bei dieser Aussage wie wild den Kopf schüttelte, tat der Aufregung keinen Abbruch, es wurde ganz einfach ignoriert. Ken überlegte einen Moment, ob er dem nicht Einhalt gebieten sollte, doch dann zuckte er nur die Schultern. Geschah dem Schwarz ganz recht!
 
"Also dann... wollen wir weiter machen?" Vielstimmiges Quietschen und sofort stoben die Racker auseinander, alle auf der Suche nach den Bällen, die verwaist im Gras lagen. Kenshi dachte gar nicht daran, sein neues Opfer so schnell aus den Fängen zu lassen und achtete darauf, dass Nagi auch ja in seiner Nähe blieb.
 
Seufzend ergab sich der jüngste Schwarz in sein Schicksal und erwartete seinen Untergang. Was anderes konnte es ja nicht werden, wenn man versuchte, Nagi Naoe und Sport miteinander zu vereinbaren, dass war, wie wenn man Öl in Feuer goss.
 
Der Kleine, der ihn mitgezerrt hatte, kümmerte sich auch wirklich rührend um ihn und spielte ihm unermüdlich Bälle zu, die er allerdings mehr schlecht als recht annehmen konnte. Zusätzlich war er durch seine unpassende Kleidung noch behindert.
 
Irgendwann riss auf Kenshi dann der Geduldsfaden und er rief laut nach seinem Trainer, der sich bisher noch nicht hatte blicken lassen. "Keeen-kun! Kommßtu mal?"
 
Nagi zuckte zusammen. Während der letzten halben Stunde hatte ihn der Weiß keines Blickes gewürdigt, hatte sich ausschließlich mit den anderen Kindern beschäftigt und ihn komplett links liegen lassen, was ihn zugegebener Maßen schon erstaunt, aber aus gegebenem Anlass auch nicht weiter gestört hatte.
 
Und jetzt sollte der auch noch herkommen?! Und wie er das tat, keine zwei Minuten später kam er schon angetrabt. "Was gibt’s denn, Kenshi?" Nagi ignorierte er weiterhin. 
Der Junge sah treuherzig von einem zum andern. "Er kann dass nißt... kannßtu helfn?" Wer konnte so einem Blick aus Kinderaugen schon widerstehen? Ken konnte es jedenfalls nicht. Er maß Prodigy mit einem kalten Blick, sagte aber nichts weiter, sondern nickte nur. "Dafür bin ich ja da..." Er bemühte sich wirklich, den Jüngeren wie jeden anderen seiner Schützlinge zu behandeln, auch wenn es ihm nicht leicht fiel, da der Hass in ihm brodelte und kurz vor dem Überkochen war.
 
"Lass mal sehn, was du kannst... wie heißt du noch gleich?" Er grinste ein klein bisschen gemein. Zumindest erfuhr er so gleich noch den Namen eines weiteren Schwarz. Hoffentlich hatte der nicht auch so einen, den man nicht aussprechen konnte. Aber der Kleine sah ziemlich japanisch aus, es war also kaum zu erwarten, dass er einen ausländischen Namen trug... allerdings wusste man bei Schwarz ja nie, die hatten ja auch einen Amerikaner als Anführer!
 
Nagi schluckte einen Moment sichtbar und wand sich unter der Frage. Längst hatte er sich nicht mehr so im Griff wie sonst, diese Situation war einfach zu verwirrend für ihn. noch nie hatte ihn jemand aufgefordert, irgendwo mitzumachen und sei es nur ein kleiner Junge, der mit ihm Fußball spielen wollte. Auch dass die anderen Kinder sofort darauf eingegangen und ihn begeistert aufgenommen hatten, obwohl sie ihn noch nie gesehen hatten, wollte ihm nicht so recht plausibel erscheinen und er wusste noch nicht so genau, ob er das mochte, oder nicht.
 
"Ich... mein Name ist... Nagi...", antwortete er schließlich etwas stockend. Er konnte ja schlecht mit seinem Nachnamen ankommen und so viel würde der Weiß schon nicht damit anfangen können, dafür waren die Hackerbarrieren um ihre persönlichen Daten einfach zu gut. Er wusste schließlich, worauf er zu achten hatte.
 
Ken sah sein Gegenüber nur einen Moment lang stumm an, bevor er nickte. "Nagi also...", antwortete er ohne Wertung in der Stimme und rührte sich schließlich, als Kenshi ungeduldig an seinem Shirt zupfte.
 
"Na komm, zeig mal, was du kannst..." Er spielte Nagi den Ball zu, der etwas überrascht war über den plötzlichen Stimmungswechsel, jedoch versuchte, das Leder irgendwie dazu zu bringen, dass zu tun, was er wollte. Nicht dass es ihm gelungen wäre.
 
Ken grinste ein wenig. Das hier war also etwas, was sein Erzfeind nicht beherrschte und irgendwie gab ihm das ein verflucht gutes Gefühl, denn sonst waren immer sie diejenigen, die gegen die übernatürlichen Kräfte ihrer Gegner machtlos waren. Aber dies war ein der wenigen Dinge die ER konnte und darauf war er sogar etwas stolz.
 
"Nein, nein... langsamer, lass den Ball zu dir kommen und brems ihn dann mit der Innenkante deines Fußes... versuch’s gleich noch mal!" Wieder wurde ein Ball zu dem Jüngeren gespielt und diesmal klappte es schon besser, als er den Rat des Trainers beherzigte. 
"Und gleich noch mal..." Nagi war überrascht, wie gut das ging. Und noch machte Ken keine Anstalten ihn in irgendeiner Weise zu foulen oder ihn zu behindern. Geduldig spielte er ihm die Bälle zu und verbesserte ihn, ohne einmal laut zu werden oder ihn anzufahren und dass, obwohl er sich wirklich nicht sehr geschickt anstellte.
 
Nach und nach kamen auch die anderen Kinder dazu und die Runde, in der der Ball gespielt wurde, erweiterte sich. Nagi schaltete irgendwann sein Gewissen, dass er hier mit seinem Feind spielte aus und beteiligte sich ebenfalls aktiv. Er mochte es zwar nicht gerne zugeben, aber das machte dann doch Spaß, vor allem, in die lachenden Gesichter der Kleinen zu sehen. Ein wenig schien es fast, als würde ihre Fröhlichkeit auf ihn übergehen, ihn erfüllen und seine Laune heben.
 
Als Ken schließlich das Training für beendet erklärte, hatte er zwar geschwitzt und seine Schuluniform hatte mehr als einen Grasfleck, aber für die einzige Verletzung, eine Prellung am linken Knie, war er selbst verantwortlich, da er gestolpert war.
 
Die Kinder zerstreuten sich und Ken sah ihnen lächelnd hinterher. Sein Blick fiel auf den Braunhaarigen Jungen, der nun wieder am Spielfeldrand stand. Wenn er es nicht besser gewusst hätte, hätte er gesagt, dass dessen Gesichtsausdruck beinahe wehmütig war. Aber das bildete er sich sicher nur ein, immerhin war der Kleine ja ein Schwarz, auch wenn er selbst noch ein Kind war.
 
Der Fußballer nahm seinen Rucksack, klemmte sich den Ball unter den Arm und gab sich dann einen Ruck, ging zu seinem Gegner hinüber. Er hatte heute Morgen schon mit einem Feind eine Einigung erreicht, warum nicht auch noch mit einem Zweiten? Und der Junge sah so furchtbar verloren aus, wie er da stand, mit den Händen in den Taschen seiner Uniform, die Schultern etwas hochgezogen und den anderen Kindern hinterher blickend. Diesen Eindruck konnte er auch nicht abschütteln, indem er sich die Bilder der Opfer vor Augen führte, die der Junge schon auf dem Gewissen hatte: mit verrenkten Glieder daliegende Leiber, äußerlich keine Verletzung aber so ziemlich jeden Knochen im Leib gebrochen.
 
Nagi hob den Blick, als er die Präsenz des anderen nahe bei sich fühlte. Sein Blick wurde augenblicklich wieder ausdruckslos und stahlhart, wie man es von ihm gewohnt war, durch für einen kurzen Augenblick hatte Ken die Traurigkeit und Wehmut darin gesehen. "Was willst du Weiß?“ fragte er abweisend und trat einen Schritt zurück um mehr Abstand zwischen ihre Körper zu bringen. Die Nähe behagte ihm ganz und gar nicht. 
Ken zuckte die Schultern. "Keine Ahnung", antwortete er wahrheitsgemäß. Er wusste nicht warum, aber der Junge tat ihm leid. Er machte nicht den Eindruck, als wäre er so fröhlich wie Omi, ganz und gar nicht. Er wirkte kühl, introvertiert und die Aura der Unnahbarkeit umgab ihn fast greifbar. Es musste ein einsames Leben sein, das er führte.
 
Der Fußballer spürte, dass er den Kleinen nicht zu weit treiben durfte, vor allem jetzt, da kaum noch Zeugen um die Wege waren. Die Sonne begann bereits, sich zu senken, was Nagi mit erstaunen bemerkte. Er hatte gar nicht mitbekommen, dass sie so lange gespielt hatten. Die Zeit war wirklich wie im Fluge vergangen und er sollte machen, dass er rechtzeitig zum Abendessen nach Hause kam, bevor Brad oder Farf sich noch Sorgen machten. Die beiden wurden dann immer unausstehlich und darauf konnte er verzichten.
 
Er schüttelte den Kopf und wollte gerade etwas auf Kens dämliche Antwort erwidern, reichlich verspätet zwar, aber immerhin. Doch der Weiß hatte sich schon zum Gehen gewandt und war bereits einige Meter entfernt. Da drehte er sich noch mal um, maß den Jungen mit einem seltsamen Blick.
 
"Wir spielen dreimal die Woche...", meinte er nur drehte sich wieder um, schulterte seinen Rucksack und joggte los in Richtung seines Zuhauses.
 
Nagi stand einen Moment perplex da, gerade noch konnte er verhindern, dass seine Kinnlade nach unten klappte. War das eben ein Angebot gewesen? Es hatte sich beinahe danach angehört. Oder war es eine Falle? Würde das nächste Mal das ganze Team anrücken, um ihn fertig zu machen, wenn er sich nicht wehren konnte? Trotz seiner übernatürlichen Kräfte hatte er gegen vier Profikiller keine Chance, das war ihm klar. Vor allem gegen vier, die ihn bis aufs Blut hassten, was er durchaus verstehen konnte, ihm ging es ja nicht anders, oder?
 
Nachdenklich runzelte er die Stirn und wanderte langsam wieder zurück zur Schwarz-Villa. Hasste er die andere Gruppe wirklich? Ok, sie waren lästig, wenn sie ihnen in die Aufträge reinpfuschten und der Jüngste hatte ihm schon mehr als einmal mit einem geschickt platzierte Computervirus einen Strich durch die Rechnung gemacht, aber mehr war das doch eigentlich nicht. Zumindest nicht auf den ersten Blick. Ging man tiefer, kam ihm da schon einiges in den Sinn.
 
Weiß war dafür verantwortlich, das Tot... er mochte nicht daran denken. Er hatte das Mädchen trotz, oder vielleicht gerade wegen ihrer Kindlichkeit, ihrer unschuldigen Art gemocht, sehr gemocht. Ja, Tot war ein Grund, Weiß zu hassen.
 
Nicht zufrieden mit dem Ergebnis seiner Gedanken beschleunigte er seine Schritte und beeilte sich nun, nach Hause zu kommen. Er musste nachdenken, in Ruhe in seinem Zimmer, wo ihn niemand ablenkte. Eine Frage, die ganz oben stand war, ob er Siberians Einladung folgen und ein weiteres Mal zum spielen kommen würde.
 
Wenn er ganz ehrlich zu sich war, dann stand die Antwort bereits fest. Lange hatte ihm nichts mehr so Spaß gemacht, wie mit den Kindern über die Wiese zu laufen, auch wenn er den Sinn des ganzen immer noch nicht erfasst hatte. Das Spiel war und blieb bescheuert, aber die Fröhlichkeit der Kleinen hatte etwas Faszinierendes an sich, was ihn gleichzeitig anzog und abstieß. Er war verwirrt, mehr als verwirrt. Und wie bitte sollte er Crawford klar machen, dass er nun dreimal die Woche am Nachmittag verschwinden würde. Eigentlich würde er es nur Farfarello erklären müssen. WENN er noch mal zum spielen ging.
Keiner von beiden bemerkte die einsame Gestalt in dem langen schwarzen Mantel, die sie aus dem Schutz einiger Bäume heraus beobachtet hatte.


Kapitel 9

Mit einer etwas nachlässig wirkenden Bewegung strich er sich eine der widerspenstigen Haarsträhnen hinters Ohr. Doch kaum löste sich seine hand, rutschte sie auch schon wieder nach vorne. Er ließ sie, wo sie war, es nützte sowieso nichts.
Zum ersten Mal seit langem war er unschlüssig, welchen Schritt er als nächstes gehen sollte. 

Ein frischer Wind kam auf, bauschte den langen, schwarzen Mantel, den er trotz beinahe sommerlicher Wärme trug. Das schwarze Material schützte ihn, auch wenn es jetzt, am helllichten Tag, mehr Blicke auf sich zog, als ihm eigentlich lieb war. 

Er zog sich noch etwas weiter in Richtung der wenigen Büsche zurück, die vereinzelte zwischen den Stämmen stand, suchte Deckung hinter einem der Bäume. Doch die zwei Gestalten, die er beobachtete, schienen keinen Blick in seine Richtung übrig zu haben, viel zu sehr maßen sie einander, das konnte er selbst auf diese Entfernung erkennen. 

Kens Haltung war eindeutig angespannt, fast schien er einen Kampf zu erwarten. Besorgt runzelte er die Stirn. Wenn es wirklich zu einer Auseinandersetzung kam, würde er eingreifen müssen, so etwas konnte und durfte nicht in der Öffentlichkeit stattfinden. Schön und gut, wenn sie sich im Dunkel der Nacht bekriegten, wo niemand sie sah, aber nicht hier, nicht in der Nähe von Kindern.

Diese hatten ihn eigentlich hierher getrieben, nachdem er das Krankenhaus verlassen hatte. Er war nicht besonders lange bei seiner Schwester geblieben. Aus einem unerfindlichen Grund war er heute besonders rastlos. Er kam oft hierher, sah den glücklichen Kinder mit ihren heilen Familien beim Spielen und Lachen zu. Es zeigte ihm, dass es irgendwo eine Zukunft gab und weckte gleichzeitig einen bittersüßen Schmerz in seinem Inneren.

Vielleicht war er auch einfach nur ein Masochist, so genau konnte er das nicht sagen, er wusste nur, dass er immer wieder hier herkam, aber eigentlich nur dann, wenn er die anderen im Laden wusste. Er legte keinen Wert darauf, nach privaten Dingen gefragt zu werden, er wollte die Distanz bewahren. Und bis jetzt hatte ihn noch niemand angesprochen, was ihn eigentlich selbst wunderte.

Seine Erscheinung war nicht gerade unauffällig, seine dunkelroten Haare, die schlanke Gestalt immer verborgen unter einem langen schwarzen Mantel, er sah weder vertrauenserweckend aus, noch wie jemand, der Kinder mochte, zumindest nicht auf eine normale Art.

Die Wahrheit war allerdings, dass er Kinder wirklich liebte, auch wenn er es niemals zeigte, nicht mehr zeigen konnte. Er hatte seine Schwester schon vergöttert, als sie noch ein Baby gewesen war, obwohl er selbst ja nur ein paar Jahre älter war und das hatte sich mit den Jahren nicht geändert. Er war immer gern der große Bruder gewesen, hatte sich niemals davor gedrückt, oder es als lästig empfunden. 

Und diese Liebe zu seiner Schwester hatte sich wohl auch auf andere Kinder übertragen. Er hatte keine Hoffnung, jemals wieder ein normales Leben, ohne Hass, Gewalt und Tod zu führen, aber zumindest für ein paar Stunden konnte er sich an die Illusion klammern, die das fröhliche Lachen in ihm auslöste, an die Bilder längst vergangener Tage, die voller Leben und Glück gewesen waren. Sie schienen so unglaublich weit weg zu sein, er hatte beinahe vergessen wie es war, wenn man ehrlich lächelte, sich über etwas freute. 

Noch hielt der Strohhalm, den seine Schwester ihm bot, indem sie einfach weiterlebte, seiner Existenz damit einen Sinn gab, doch wie lange würde es dauern, bis auch diese letzte Bande zerriss? Er endgültig in das Grab stürzen würde, dass er sich schon vor Jahren geschaufelt hatte? Er hoffte, aber er war nicht unrealistisch. Die Hoffnung, dass seine geliebte Kleine je wieder ihre Augen öffnen würde, war mehr als gering.

Seine linke Hand ballte sich zur Faut und er musste aufpassen, seinen Atem unter Kontrolle zu halten. Nach ein paar Minuten hatte er sich wieder im Griff und sein Blick klärte sich.

Er kannte den schuldigen, wusste, wo dieser zu finden war, hatte ein schlagkräftiges Team, das zu hundert Prozent hinter ihm stand, ihm überall hin folgen würde und doch waren ihm die Hände gebunden! Manchmal hatte er das Gefühl, jeden Moment verrückt zu werden, wenn er noch länger warten musste. Er hasste es, Geduld haben zu müssen. Wozu? Warum konnte er nicht jetzt erledigen, weswegen er zum Killer geworden war?

Er atmete schnell einmal tief durch. Wenn er nicht aufpasste, würde ihn sein Hass auf alle Takatoris wieder übermannen. Das durfte nicht geschehen. Es gab zumindest einen Takatori, der nicht schlecht war.

Für einen kurzen Moment wurden seine Augen ein wenig weicher als normal, bevor sie wieder das harte Schimmern annahmen, das sie immer wie die gleichfarbigen Edelsteine wirken ließ. Omi war anders, Omi war kein Takatori, zumindest nicht in seinem Herzen. Er hatte eine ganze Weile gebraucht, aber schließlich hatte er begriffen. Welches Recht hatte er, ausgerechnet er, jemanden nach seiner Herkunft zu beurteilen, nach seiner Familie? 

Er hob den Blick, der mittlerweile auf dem Gras zu seinen Füssen gelandet war, wieder zur Wiese hin. Ken war wieder von den Kindern umringt, spielte mit ihnen, korrigierte geduldig ihre Fehler.
Ein winziges Lächeln huscht über Ayas Mundwinkel. So hitzköpfig der Sportler ja sonst war, so geduldig war er mit Kindern.

Er sah weiter zu der kleineren Person, die immer noch am Spielfeldrand stand. Er wusste nicht, was er denken sollte. Er kannte den Kleinen, kannte ihn gut. Der Hass wallte einen Moment lang wieder in ihm auf. Es war mit die Schuld dieses Kindes, dass sein Leben zerstört worden war, dass er nun die Nächte mit Töten verbrachte, anstatt mit Freunden loszuziehen, dass seine Eltern in ihrem kalten, nassen Grab lagen, anstatt ihre Firma zu leiten und nicht zuletzt, dass seine Schwester in einem Krankenhausbett zum Schlafen verurteilt war, anstatt erwachsen zu werden.

Sekundenlang presste er die Lider aufeinander. Zumindest schien Ken so viel Verstand besessen zu haben, es nicht auf eine offene Konfrontation ankommen zu lassen, die er ohnehin verloren hätte. Doch dann stellten sich immer noch zwei Frage: warum war der kleine Schwarz hier, ausgerechnet hier und warum ging er nicht einfach wieder, nachdem er nun offensichtlich seinem Feind begegnet war.

Dass Ken das Team verriet und Freundschaft mit Schwarz pflegte, dass glaubte er nicht. Er kannte den Jungen man gut und sein Denken war viel zu sehr in schwarz und weiß gehalten, als dass er Grautöne dazwischen hätte akzeptieren können. Er wusste, wie schwer ihn der Verrat seines Freundes getroffen hatte, mit dem offenbar mehr verbunden gewesen war, als jeder von ihnen ahnte. Er hatte ja nichts dagegen, aber er war für Ken und alle anderen verantwortlich, er würde nicht zulassen, dass so etwas noch einmal passierte. 

Nein, Verrat war dem Fußballer fremd, da gab es keinerlei Zweifel. Eher würde er noch Yohji oder Omi im Verdacht haben, gäbe es denn Anlass zu so etwas. Was also tat der Feind immer noch am Rand des Fußballfeldes? Faszinierte ihn dieser Ballsport, der eigentlich wenn überhaupt, nur zu körperlichen Ertüchtigung diente, so sehr? Aya konnte es sich nicht vorstellen. Er konnte sich nicht vorstellen, dass es überhaupt etwas gab, was dieses Kind interessierte, außer es hatte etwas mit hacken oder zerstören zu tun.

Er beobachtete etwas angespannt, wie plötzlich ein kleiner Junge auf den Killer zukam, eine ganze Weile neben ihm stehen blieb und zu ihm hochschaute, ohne beachtet zu werden. Entweder ignorierte Prodigy ihn mit Absicht, oder er hatte ihn noch nicht bemerkt.

Das Kind hob die Hand und zog am Ärmel des Älteren. Für einen kurzen Moment hielt der stille Beobachter die Luft an. Er hatte gesehen, was passiert war, als Prodigy mal bei einem Auftrag per Zufall von einem Wachmann ihres eigenen Auftraggebers angerempelt worden war. Von dem armen Mann war nicht mehr viel übrig geblieben und beinahe hätte der Rothaarige sogar Mitleid mit ihm gehabt, wäre er nicht ohnehin zwischen ihm und dem Zielobjekt gestanden, hätte daher sowieso beseitig werden müssen.

Doch wer seine eigenen Leute mit einem Lidschlag tötete, der machte vielleicht noch nicht einmal vor kleinen Kindern halt. Seine rechte Hand glitt unter seinen Mantel, wo normalerweise sein Katana befestigt war. Er griff ins Leere. Natürlich, er konnte ja nicht gut mit einer Waffe in der Tasche in ein Krankenhaus spazieren, zumindest nicht mit einer solch auffälligen. 

Sich selbst verfluchend verengten sich seine violetten Augen zu schmalen Schlitzen. Wenn diese Ratte dem Kind etwas tat, würde er ihn eben mit bloßen Händen zerreißen, wenn es sein musste. 

Doch nicht dergleichen passierte. Er sah, wie Prodigy den Blick nach unten wandte, hatte fast den Eindruck, der Junge wäre überrascht. Das Gespräch zwischen den beiden konnte er natürlich nicht hören, aber kurze Zeit später wurde der kleine Schwarz einfach von dem Knirps mitgezogen.

Ayas Augenbrauen wanderten steil in die Höhe. Was wurde das denn? Warum riss der Braunhaarige sich nicht einfach los? Gekonnt hätte er es, das stand fest und dafür hätte er sich noch nicht einmal bewegen müssen. Ein Gedanke, ein Zucken würde wohl ausreichen, um den wesentlich Kleineren wirkungsvoll von seiner Hand wegzubefördern. Doch Prodigy zappelte zwar etwas, doch man gewann den Eindruck, dass das eigentlich mehr als halbherzig war. Er schien ein wenig hin- und hergerissen zu sein, ob er nun mitgehen sollte, oder nicht.

Das Kind zog den Killer in Richtung Ken, der bis dahin keinen Blick mehr an den Spielfeldrand verschwendet hatte. Er hatte wohl beschlossen, seinen Feind einfach zu ignorieren und zu warten, bis dieser wieder verschwand.

Eine wahre Traube von Kindern bildete sich um das ungleiche Paar, dass sich noch immer langsam auf den Trainer der Gruppe zu bewegte. Nur drei der Kleinen, die gerade im Spiel mit Ken beschäftig waren, sowie dieser selbst bemerkten zunächst nichts von momentanen Mittelpunkt des Interesses. 

Erst nach einer ganzen Weile fiel es dem Fußballer auf, dass er beinahe alleine war und er schaute hoch. Selbst auf diese Entfernung konnte Aya kurz ein gewisses Amüsement im Gesicht seines Kollegen erkennen, wenn auch nur für den Bruchteil einer Sekunde, er kannte ihn einfach zu gut. Und er musste selbst zugeben, dass es schon wirklich lustig aussah, wie da der kleinste Killer der gefürchteten Truppe Schwarz, mitten in einem Haufen kleiner Kinder stand und ganz offensichtlich nicht weiterwusste.

Der Junge, der ihn mitgezerrt hatte, sagte etwas zu Ken, woraufhin Prodigy wild den Kopf schüttelte. Der Weiß-Leader nahm an, dass der Zwerg wollte, dass der Fremde mitspielte, warum sollte er ihn sonst aufs Spielfeld schleifen? Und er hatte wohl mit seiner Vermutung, dass das Opfer ganz und gar nicht damit einverstanden war, ebenfalls recht gehabt.

Was würde Ken nun tun? Sein Kollege maß den Kleineren mit einem langen Blick, zuckte dann jedoch die Schultern und rief etwas, dass die Kinder begeistert quietschen ließ. Sofort zerstreuten sich alle wieder. Doch Prodigy entkam den Fängen seines kleinen Diktators nicht mehr. Das Kind schien es nicht zu interessieren, ob der Ältere nun wollte oder nicht, immer wieder wurde ihm der Ball zugespielt. 

Mit einem Heben der Mundwinkel beobachtete Aya den Feind, wie er sich mehr schlecht als Recht durch das 'Spiel' kämpfte. Man sah, dass er weder Spaß daran hatte, noch dass er es besonders gut konnte, im Gegenteil, er stellte sich noch ungeschickter als Omi an und das wollte ja schon mal was heißen.

Irgendwann schien auch die Geduld des langmütigsten Trainers zu Ende zu sein und der kleine Junge stoppte den Ball, drehte sich in Richtung Ken und rief wohl nach ihm. Der Fußballer hatte sich wieder aufs Ignorieren verlegt und Prodigy keines Blickes gewürdigt, als könne er ihn dadurch weghexen.

Nun aber kam er schnell angetrabt, konzentrierte sich allerdings voll auf seinen Schützling. Dieser sprach kurz mit ihm, woraufhin Ken den Kopf hob und seinen Feind das erste Mal ansah. Der Schwarz schien erstaunlicherweise etwas nervös oder fast verunsichert zu sein, er trat von einem Fuß auf den anderen, kaum sichtbar, aber doch da.

Die beiden sprachen miteinander und der Weiß schien ein wenig seiner ablehnenden Haltung zu verlieren. Zu gerne hätte Aya gewusste, welche Worte dort gewechselt wurden, aber auf diese Entfernung war das unmöglich. Nahe genug heran konnte er auch nicht, weil es dort keinerlei Deckung für ihn gab.

Und wer wusste, wie nervös der kleine Hacker noch wurde, wenn auf einmal zwei Weiß auftauchten anstatt einem und der auch noch in dem selben Mantel, den er immer auf Mission trug. Lieber das Risiko nicht eingehen, die Kinder waren immer noch in der Nähe und jeder Angriff hätte sie in Gefahr gebracht.

Er zog sich noch ein klein wenig weiter zurück, währen Ken auf dem Spielfeld gerade mit Prodigy die Annahme eines Balles übte. Nicht, dass es viel genützt hätte, für Aya sahen die Bemühungen des feindlichen Killers immer noch genauso unbeholfen aus, wie am Anfang, wenn auch nicht mehr so verkrampft.

Nach und nach gesellten sich die Kinder wieder dazu und der Ball wurde weitergespielt. Sie schienen einen Heidenspaß dabei zu haben, das runde Leder herumzukicken und Ken wuselte zwischen ihnen herum, gab immer mal wieder Tipps und Anweisungen, bezog diesmal auch Prodigy mit ein, als wäre er einfach nur einer seiner kleinen Schützlinge. 

Die Gruppe löste sich auf, als die Sonne begann, zu sinken, bis schließlich nur noch die beiden verfeindeten Killer auf dem Platz waren. Würde es jetzt zum Kampf kommen? Noch war der Park voll von Menschen. Noch sahen beide den Kindern hinterher, bevor Ken sich schließlich in Bewegung setzte und seine Sachen zusammenpackte.

Ayas Stirn runzelte sich wieder, als er sah, wie sein Kollege einen Moment lang zögerte, sich dann jedoch einen Ruck zu geben schien und zu dem Jungen hinüberging. Dessen Schuluniform hatte während des Spiels ordentlich gelitten und die sonst blassen Wangen waren von Laufen etwas gerötet. Die dunkelbraunen Haare kräuselten sich ein ganz kleines bisschen im Nacken, wo sie vom Schweiß etwas feucht waren.

Er sah hoch und sein Gesicht verschloss sich augenblicklich wieder, als er Siberian so nahe vor sich bemerkte. Es gehörte nicht viel Fantasie dazu, zu erraten, was der Kleine sagte und Ken zuckte nur die Schultern, antwortete knapp. 

Prodigys Blick wandte sich ab, er schien nicht an weiterer Konversation interessiert zu sein. Der rothaarige Weiß konnte beobachten, wie sich der Fußballer zum Gehen entschloss, jedoch nach ein paar Schritten stehen blieb und etwas über die Schulter sagte. 

Genau konnte er den Gesichtsausdruck des Schwarz nicht erkennen, aber er schien wirklich überrascht zu sein, über das, was er da hörte. Zu gerne hätte Aya gewusst, was Ken da von sich gegeben hatte, dass er den Hacker so aus der Bahn warf, dass er sein Gesicht nicht mehr unter Kontrolle hatte. Soweit er wusste, passierte das nur sehr selten, Prodigy war fast so gut wie er selbst und Oracle, wenn es um das Verstecken von Gefühlen ging.
Vielleicht lag es aber auch nur daran, dass sie eben nicht auf Mission waren, sondern wie ganz normale, junge Leute im Park Fußball spielten.

Kopfschüttelnd versuchte der Weiß-Leader diese Gedanken loszuwerden. Sie waren nun mal nicht normal, aus wenn Ken es in diesen paar Stunden schaffte, seinen Job zu vergessen und abzuschalten, Aya war sicher, dass auch der Fußballer immer den schalen Beigeschmack spürte, es nur nicht wahrhaben wollte, oder es verdrängte. 

Er sah seinen Kollegen nun endgültig im Laufschritt verschwinden, wunderte sich einmal mehr über die Energie, die dieser immer noch hatte. Man sollte doch meinen, nach dem ganzen Gerenne mit den Kindern hatte er jetzt genug, aber dem war wohl nicht so.

Einen Moment noch blieb Prodigy stehen, drehte sich dann aber auch um und ging in die entgegengesetzte Richtung, nicht rennend aber auch nicht gemütlich. Nun gut, vielleicht hielt Oracle es ähnlich wie er selbst und wollte, dass der Jüngere pünktlich zu Hause war. Er fühlte sich auch nie wohl, wenn Omi abends alleine noch draußen war. Sicher, der Junge war ein Killer, würde also wissen, wie er sich zu verteidigen hatte, aber trotzdem war er erst siebzehn und noch fast ein Kind.

Erst nachdem beide eine ganze Weile außer Sicht waren, gab Aya seine Deckung auf und trat aus dem Schatten der Bäume. Der Wind frischte auf und nun war er froh, seinen Mantel anzuhaben. nicht, dass es etwa kalt wurde, nicht für normale Verhältnisse, aber er fror immer sehr schnell.

Er ließ sich Zeit, nach Hause zu kommen. Essen gab es immer erst spät, wenn keine Mission anstand und abends suchte sich jeder selber etwas, wenn er mal nicht da war und auf gemeinsames Essen bestand. Er fand einfach, dass gehörte zu einer Wohngemeinschaft dazu. Sie mussten sich Hundertprozent aufeinander verlassen können und Essen förderte ja bekanntlich sie soziale Interaktion... hatte er mal gelesen. 

Es war ja nicht so, dass er sich irgendwie rege an der alltäglichen Essensschlacht beteiligte, denn nichts anderes war es, wenn Yohji anfing, Omi zu ärgern oder sich mit Ken um das letzte Stückchen Fleisch oder Reisbällchen fast prügelte. Es amüsierte ihn wider Willen, die anderen zu beobachten und es gab ihm das Gefühl, nicht alleine zu sein, nicht ganz jedenfalls. Er zeigte es niemals, aber er mochte die drei, mochte sie wirklich. Sie waren außer Aya-chan die einzige Familie, die er noch hatte.

Die Hände wieder tief in den Taschen seines Mantels vergraben stapfte er auf den Kiespfaden zurück nach Hause. Der Park leerte sich zusehends, je dunkler es wurde, doch ihn kümmerte das nicht, im Gegenteil, er bevorzugte es, nicht viele Leute um sich zu haben, am besten niemanden. Er konnte es sich immerhin zeitweise einreden, dass es so war.

Seine Gedanken kreisten wieder um sein zentrales Problem. Was sollte er nun tun? Sollte er überhaupt etwas tun? Er gab es ja nicht gerne zu, aber das, was er gesehen hatte, verwirrte ihn. Vielleicht war das ja eine neue List von Schwarz, sie nacheinander aufzureiben, vielleicht sogar, gegeneinander aufzuhetzen?

Wenn ja, dann musste er den Kontakt, den Ken da gepflegt hatte, so schnell wie möglich unterbinden. Der Jüngere war manchmal so naiv, hatte man ja an seinem ehemals besten Freund gesehen, der ihn beinahe umgelegt hätte. Einmal mehr dankte Aya seiner Vorahnung, dass er Ken gezwungen hatte, eine kugelsichere Weste anzuziehen. 

Andererseits, welchen Grund hätte Schwarz, es derart umständlich anzugehen? Sicher, sie waren starke Gegner, aber nicht unbesiegbar, schon gar nicht für vier Killer mit übersinnlichen Fähigkeiten. 

Eine ganz andere Möglichkeit wäre natürlich, dass die Begegnung wirklich nur Zufall gewesen war und Ken einfach Mitleid mit dem Jüngsten Schwarz gehabt hatte. Passen würde es ja zu ihm und bis zu einem gewissen Punkt konnte er das ja auch verstehen. Der Junge hatte wirklich verloren ausgesehen, wie er da herumgestanden war.

Diese Vermutung wurde durch den Eindruck unterstützt den Prodigy gemacht hatte, als er sich dann schließlich auf das Spiel mit den Kindern eingelassen hatte. Er wirkte nicht mehr so verkrampft, sonder beinahe... zufrieden? Vielleicht... Aber er war immer noch der Feind, daran ließ sich nichts rütteln! Er hatte Aya-chan beinahe auf dem Gewissen. natürlich war es hauptsächlich Masterminds Schuld, aber der Kleine war beteiligt gewesen genauso wie die anderen beiden, dieser dreimal verfluchten Gruppe. 

Sein Hass wallte aufs Neue auf und er war froh darum. Hass war besser als das Mitleid, dass er dem Feind gegenüber empfunden hatte. Feinde bemitleidete man nicht, Feinde eliminierte man und Schluss. 

Außerdem wollte er lieber gar nicht wissen, wie ihr Auftraggeber darauf reagierte, wenn er erfuhr, dass Ken und Prodigy sich begegnet waren, und nicht mit einander gekämpft, schlimmer noch, einträglich miteinander Fußball gespielt hatten. Das Leben seines Kollegen wäre verwirkt, keine Chance diesen 'Verrat' irgendwie wieder gut zu machen.

Er seufzte tief. Eine wirklich verfahrene Situation. Er würde seinen Kollegen natürlich decken, solange er nicht hundertprozentig wusste, was da vor sich ging, doch die Götter mochten Ken gnädig sein, wenn er herausfand, dass der Jüngere das Team tatsächlich verriet. Dann würde ihn noch nicht einmal der Schutz seiner Freunde vor Ayas Hass bewahren. Er mochte den Fußballer wirklich gern, aber in dieser Hinsicht gab es für ihn selbst nur Schwarz oder Weiß, Verräter oder Verbündeten.

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Yohji lag auf seinem Bett, rauchte und starrte an die Decke. Das Fenster stand sperrangelweit offen und ließ die kühle Nachtluft ins Zimmer. Er wagte nicht, es zu schließlich, während er an einem Glimmstängel zog, zu groß war die Gefahr, dass Aya den Rauch roch und sich beschwerte. Der letzte Streit dieser Art war ziemlich unschön für seine Person ausgegangen, denn obwohl der schmale Rothaarige nicht danach aussah, war er auch ohne Schwert ein ernstzunehmender Gegner. Also ließ er eben das Fenster offen und sparte sich selbst damit viel Unmut. 

SO schlimm war das ja auch nicht, er hatte immer noch die Hoffnung, dass die Überdosis Sauerstoff in Verbindung mit einer Portion Nikotin seine Gedanken klärte und dafür sorgte, dass er den Vorfall am Morgen endlich abhaken konnte. Er wusste immer noch nicht, was in ihn gefahren war, dass er so lange da gestanden hatte, ohne zu merken, dass das Wasser überlief. 

Fast die ganze Zeit, die er zum Putzen hatte aufwenden müssen, hatte er nicht nur in Gedanken geflucht, aber zum Glück waren ja keine Kunden mehr da gewesen, sonst hätte er sich gleich den nächsten Ärger eingehandelt. Er machte langsam ja sogar Ken Konkurrenz, der mit seiner Tollpatschigkeit immer noch die Spitze an Rüfflern ihres Anführers hielt. Omi wurde nur selten mit unfreundlichen Worten bedacht, was wohl daran lag, dass Aya den Kleinen trotz seiner Verwandtschaft auf irgendeine Art ins Herz geschlossen hatte, sofern er denn so was besaß. Manchmal bezweifelte der Playboy es wirklich, vor allem, wenn er die Gnadenlosigkeit in Betracht zog, die der Rothaarige gegenüber seinen Feinden an den Tag legte.

Er schauderte ein wenig, nicht nur aufgrund der Kühle im Zimmer. Nein, er war froh, dass er sich trotz seines Jobs, trotz Asukas Tod ein Stück seiner Menschlichkeit bewahrt hatte. Er hasste das Töten nach wie vor, ihrem Leader schien es einfach egal zu sein. Ob er niemals Gewissensbisse hatte? Quälten ihn niemals Alpträume, in denen ihn die ermordeten verfolgten, versuchten, ihn endgültig mit hinab in den Sumpf des Verderbens zu ziehen, in dem sie ohnehin alle steckten? Er wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war bis...

Sein Handy piepte zwei Mal. Träge legte er die Zigarette in den Aschenbecher auf seinem Nachttisch und tastete nach dem kleinen Gerät, das ebenfalls dort irgendwo lag. Er fand es und ein Blick auf das Display genügte, um ihn die Augen verdrehen zu lassen. Schon wieder Mariko. Wurde es das Weib denn nie leid, Abfuhren von ihm zu kassieren? Ok, er war ein paar Mal mit ihr aus gewesen, hatte auch eine Nacht mit ihr in ihrer Wohnung verbracht, aber das war nichts, woran er sich hätte erinnern müssen. Die blonde Frau war im Bett so, wie sie auch sonst war, langweilig, oberflächlich und gewöhnlich. 

Er gähnte, überflog die Nachricht rasch und drückte auf 'löschen'. Er hatte wenig Lust, sich mit der zu treffen, er hatte überhaupt keine Lust, irgendeine Frau zu treffen. Lieber rauchte er seine Zigarette fertig und hing etwas seinen Gedanken nach. 

Asukas Bild tauchte vor seinem inneren Auge auf, verdrängte alle anderen Frauen, von denen er sich an die meisten ohnehin nur verschwommen erinnerte. Klar und deutlich sah er das Gesicht der einzigen Person, die er jemals wirklich geliebt hatte. Sie war seine Gefährtin gewesen, seine Freundin und Geliebte, sein Halt, seine Stütze und sein Kissen, auf dem er sich ausruhen konnte, alles zugleich. 

Seit sie tot war, spielte er nur noch mit den Frauen, keine hatte es bisher vermocht, ihn länger als ein paar Tage zu interessieren. Richtig schlimm war es aber eigentlich erst geworden, als er sie eigenhändig umbringen musste. Die Tat nagte schwer an ihm, obwohl er genau wusste, dass er keine andere Wahl gehabt hatte. Der einzige Trost, den er hatte bestand in der Tatsache, dass er sich weiterhin einreden konnte, dass dies nicht mehr seine Asuka gewesen war. Die Frau, die er geliebt hatte, war schon vor Jahren gestorben und Neu hatte versucht, ihn umzubringen, eiskalt und mitleidslos, ganz anders als die fröhliche, lachende Person, die sie einmal gewesen war.

Rasch verdrängte er den Schmerz, der in ihm hoch kroch und zündete sich eine neue Zigarette an, nachdem er die aufgerauchte im Aschenbecher ausgedrückt hatte. Er musste aufpassen, sonst verfiel er wieder in eine seiner melancholischen Phasen und er hatte nicht genug Alkohol da, um sich darin zu ertränken. Und weggehen wollte er auch nicht, er ertrug in Momenten wie diesen nicht, wenn sich Frauen an ihn hängten, ihn anflirteten. So sehr er auch die weibliche Gesellschaft sonst suchte, wenn er in einer Stimmung wie dieser war, ekelte ihn das affektierte Getue, dass die meisten Weiber in den Discos so an sich hatten, einfach nur an. Ansonsten waren sie immer willkommen, sie hielten ihn mehr oder weniger wirkungsvoll vom Nachdenken ab.

Sonst war er abends fast nie zuhause, denn dann passierte zwangsläufig so was wie jetzt gerade. Doch bevor er sein kleines Problem nicht in den Griff bekommen hatte, machte es wenig Sinn, eine Frau abzuschleppen. Vielleicht sollte er einfach nur weniger trinken, dann würde sich ihm zumindest nicht die Frage stellen, was am Vorabend passiert war. 

Wäre so etwas nun ein einmaliger Vorfall, würde er sich nicht weiter darum scheren, doch es häufte sich in den letzten Wochen fast schon bedenklich, was zur Folge hatte, dass er oftmals gar nicht erst wegging. Geld hatte er genug, aber auf Dauer schadete der Alkohol nun mal seinem Körper und der war nicht nur sein Statussymbol, sondern vor allem auch die Lebensversicherung in seinem nächtlichen Job.

Er angelte sich die Fernbedienung und schaltete die Stereoanlage ein. Eine Weile tippte er durch die verschiedenen Radioprogramme, fand aber nichts, was ihm zusagte. Auch wenn man es bei ihm nicht vermutete, wenn er nicht gerade ausging, mochte er lieber ruhige, angenehm harmonische Musik, nicht die hämmernden Beats, die im Moment so in waren. Zum Tanzen gut, zum Entspannen allerdings gar nichts.

Er tippte auf die Taste, die den CD-Player aktivierte und schloss die Augen, als die sanften Klänge eines europäischen Komponisten aus den Lautsprechern drangen. Aus welchem Land die Musik kam, oder in welcher Sprache sie gesungen wurde, war ihm eigentlich gleichgültig, auch wenn er den Text nicht verstand, solange nur die Melodie stimmte.

Schnell drückte er den Glimmstängel aus, den er noch immer in der Hand hielt und schloss die Augen, ließ die Musik wirken. Nach und nach entspannte sich sein Körper und auch die Gedanken ruhten ein wenig. Eine angenehme Trägheit machte sich in ihm breit, wie er sie schon sehr lange nicht mehr gespürt hatte, doch irgendwas hielt ihn davon ab, zu hinterfragen, wo diese so plötzlich herkam. Er wollte eine Weile einfach nur zufrieden sein.

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Schuldig lehnte sich zufrieden zurück. Sein neuestes Spielzeug reagierte genau so, wie er es wollte. Diese Gedanken waren ja nicht mehr auszuhalten gewesen, so trist und depressiv. Da wurde ja jeder normale Telepath krank von! Das konnte er sich und seinen Leidensgenossen ja nicht antun. Also hatte er mal eben eingegriffen und das Karussell in Balineses Kopf wirkungsvoll gestoppt.

Der Depp führte das auch noch auf die Musik zurück. Die schläferte einen höchstens ein, so langweilig war sie. Na schön, der Komponist war auch Europäer, von denen konnte man nicht allzu viel erwarten, das wusste er aus Erfahrung. Ganz schlimm waren da die Franzosen, aber dafür hatten die wenigstens andere Qualitäten... das Schicksal sorgte schon irgendwie für Ausgleich.

Er hatte den Playboy immer mal wieder 'besucht' an diesem Nachmittag und sich köstlich über dessen Gedanken amüsiert. Durch seine Augen hatte er die Frauen beobachtet, abgecheckt und sich danach bei zweien in die Köpfe geschlichen, um zu prüfen, ob sich eine Begegnung in real lohnte. Nur das Gekreisch dieser dämlichen Mädchen, das in Yohjis Kopf geradezu widergehallt hatte, hatte ihn wirklich aufgeregt. Er fragte sich ernsthaft, wie die vier das den ganzen Tag aushielten.

Siberian war dann auch ziemlich schnell verwunden und eigentlich hätte er sich den Blick in dessen Kopf sparen können. Wo sollte der Trottel denn hin, wenn nicht zum Fußballspielen? Der hatte ja keine anderen Hobbies. Und das, obwohl er wirklich mal was neues anzuziehen vertragen hätte. Herrgott, der Kerl war doch nicht hässlich, nicht sein Geschmack, er stand nicht auf kleine, muskulöse Sportler, aber objektiv betrachtet, war er ganz ansehnlich, wenn er nur nicht immer so altbacken herumlaufen würde. Und eine neue Frisur wäre auch mal ganz gut, der ungekämmte Wuschellook war doch schon längst aus der Mode! Dass er selbst nur ein paar Zentimeter größer war als eben bedachter, ließ er wohlweislich weg. Bei ihm wirkte das ganz anders.

Gemächlich wickelte er sich eine lange, orangefarbene Strähne um den Finger, spielte ein wenig damit herum und rückte schließlich sein neu gekauftes, todschickes Bandana zurecht, das ihm wirklich ausgezeichnet stand. Das Weiß hob die außergewöhnliche Farbe seiner Haare noch besonders hervor und schmeichelte seinem leicht gebräunten Teint.

Nur mit Jeans bekleidet lümmelte er auf seinem breiten Bett, dreht sich schließlich auf den Bauch und schlenkerte mit den Beinen. Das heute Morgen war wirklich lustig gewesen, als Balinese so verwirrt gewesen und sogar ausgerutscht war. So kannte man den arroganten Playboy gar nicht. 

Suchend ließ er seinen Blick über den geöffneten, begehbaren Kleiderschrank wandern. Ach ja, es hatte schon Vorteile, in einer Villa zu wohnen, aber andererseits wüsste er auch nicht, wo er sonst seine Klamotten hintun sollte. In einen normalen Schrank passten sie jedenfalls nicht, das hatte er nach dem letzten Umzug gemerkt. Also nutzte er das ehemalige Ankleidezimmer, das neben seinem lag, das brauchte sowieso niemand. Und dort drin war so herrlich viel Platz, da konnte er noch lange einkaufen gehen. 

Er war noch unentschlossen, was er heute Abend tragen sollte. Ganz in weiß, um sofort die Aufmerksamkeit in seiner Lieblingsdisco aus sich zu ziehen? In dem Schwarzlicht, das dort herrschte, würde er eine wahre Lichtgestalt sein. Eine Überlegung wert, durchaus.

Allerdings könnte er sich natürlich auch dunkel kleiden, um die Aura des Mystischen und Gefährlichen, die ihn umgab, wenn er es darauf anlegte, noch zu verstärken. Kam ganz darauf an, was er heute suchte. So wie die Aktien standen, war ihm eher nach einem Partner, der ihn ein wenig forderte. Ob Mann oder Frau würde er dann entscheiden, wenn er sich das Angebot betrachtet hatte, er legte sich da im Vorhinein selten fest.

Er könnte natürlich auch mit schreiend bunter Kleidung gehen, würde zwar etwas Aufwand bedeuten, weil diese Sachen selten aus seinem Schrank kamen und daher ganz unten verstaut lagen. Aber so was zog meistens irgendwelche Freaks oder Ökos an, die lieber über die Schädlichkeit der Zigarette in seiner Hand oder die Gefahr des Alkohols in seinem Drink diskutierten, ihm sämtliche Schäden, die diese in seinem Körper anrichteten, angefangen vom Lungenkrebs bis hin zur Leberzirrose in alle Details beschrieben, als zu tanzen und vielleicht ein bisschen Spaß zu haben.

Er war keine Schlampe, er sprang nicht mit jedem oder jeder die er traf in die Kiste... nur fast. Er liebte es nur, zu flirten, zu spielen, zu reizen und manchmal auch zu provozieren. Viele der Menschen, mit denen er an einem Ausgehabend sprach, interessierten ihn kein Stück, er vergaß sie, sobald sie aus seinem Blickfeld verschwanden. Die meisten ihrer Geister waren oberflächlich und langweilig, grausam. 

Und selbst bei ihm, als Telepath, kam es vor, dass er sich in jemandem täuschte, entschied er sich wirklich dafür, mehr zu wollen als nur nettes Geplänkel. Manche Frauen dachten an etwas ganz anderes, wenn man mit ihnen schlief, nicht viele, zugegeben, aber doch en paar und es gar nichts, was ihn mehr störte. Warum baggerten die ihn denn an, wenn sie doch nichts von ihm wollten? 

Allein deshalb hatte er in letzter Zeit lieber Männer als (Bett-)Partner, die waren wenigstens bei der Sache und ließen sich nicht durch irgendwelche nichtigen Fragen ablenken, wie zum Beispiel, ob man nun im Licht der Toilette die drei Stellen Cellulitis in ihrer rechten Kniebeuge sehen konnte oder nicht. Wen interessierte denn das? Er wollte nicht ihre Kniebeuge sehen, wenn er sie vögeln wollte, das ganz bestimmt nicht. Das war wohl das allerletzte was ihn in diesem Moment interessierte.

Männer machte sich höchstens Gedanken um die Länge ihres... na ja das sah er ja noch ein, obwohl ER da natürlich keinerlei Probleme hatte. Er war ihm eigentlich auch reichlich egal, ob sein Partner nun groß, klein oder sonst wie geartet war, er war ja schließlich kein Uke. Niemals. Das fehlte ja gerade noch, dass er sich von irgendeinem dahergelaufenen Kerl... bäh nein danke.

Mit einer eleganten Bewegung schwang er sich von Bett auf die Füße. Seinem Körper gönnte er einen kurzen Blick im Spiegel. Zufriedenstellend. Er sollte mal wieder in den Trainingsraum gehen. Sein Bauch war natürlich flach wie immer, etwas anderes ließ er gar nicht erst zu, aber ein paar kleine Muskeln mehr würden ihm sicher nicht schaden. Nicht so bodybuilder-mäßig, aber ein wenig mehr war schon in Ordnung. Seine Haut war straff und glatt, na ja er war ja auch erst vierundzwanzig, wäre schlecht, wenn er jetzt schon nachließ. Dann konnte er sich ja gleich einmotten lassen. 

Es hatte schon Nachteile, wenn man dich im Kampf auf seine Gabe und eine nette kleine Schusswaffe verlassen konnte, man trainierte seine körperlichen Kräfte weniger. Er war eben nicht Farfarello, den man nicht selten beim Gewichtheben finden konnte, wenn er nicht gerade in der Küche stand oder das riesige Haus putzte. Angeblich schmerzte das ja auch Gott, warum hatte er allerdings noch nicht herausfinden können. Man sah es dem Iren unter seiner gewöhnlichen Kleidung nicht wirklich an, aber er hatte wirklich Kraft und war niemand, mit dem sich Schuldig irgendwann mal anlegen wollte, egal aus welchen Gründen.

Obwohl sie nun schon so lange zusammenarbeiteten, wurde er aus dem Weißhaarigen nicht schlau und er hatte den Verdacht, dass es Crawford ähnlich ging. Er ging das Risiko nicht ein, in den wirren Geist zu tauchen, auch wenn Farf die meiste Zeit eigentlich gar nicht so verrückt wirkte. Aber er hatte keine Ahnung, wie es in dem Kopf des Anderen aussah und deswegen ließ er es lieber ganz bleiben, er hatte nämlich keine Lust, auf ewig in einem fremden Geist gefangen zu sein oder sich sogar ganz darin zu verlieren, das musste ganz furchtbar langweilig sein, vor allem, weil er bezweifelte, dass er im Notfall Gewalt über seinen Kollegen hatte.

Selbst bei Nagi tat er sich da schon schwer. Der Junge war unglaublich stark, wenn er es wollte und er lernte schnell, wirklich schnell. Wenn er richtig sauer war, half nichts und niemand, sein Toben zu bändigen, dann konnte man nur warten und hoffen das man, die Umgebung, inklusive der eigenen Person den Wutanfall überlebte. Brad schaffte es ab und zu, den Jungen in solchen Situationen in die Schranken zu weisen, weil er doch so etwas wie eine Vater- oder zumindest Respektfigur war, er selbst hatte wirklich Mühe, Kontrolle über den Geist des Jüngeren zu bekommen und die Kräfte so lange zu blocken, bis er wieder ruhig war.

Seine Schritte trugen ihn in seinen Kleiderschrank, wo er sich einmal um die eigene Achse drehte. Viel Auswahl... Er schloss die Augen, streckte die Hand aus und griff willkürlich in die Reihe von Hosen, fühlte Leder unter seinen Fingerspitzen. Er sah wieder hin. Ja, die war in Ordnung, matt dunkelgrün. Also, dann dunkles Outfit. Ein schwarzes Hemd, das am Hals mit Bändern geschlossen oder in seinem Fall, nicht geschlossen war passte hervorragen dazu, seine schwarzen Stiefel und ein dunkles Bandana, das er natürlich in weiser Voraussicht heute Morgen ebenfalls besorgt hatte, wie auch gleiche Stücke in allen anderen Farben. Man wusste ja nie, zu welcher Kleidung man es womöglich trug.

Er streifte die bequeme Jeans ab, überlegte kurz und entfernte die Boxershorts gleich mit. Es sah äußerst unvorteilhaft aus, wenn man unter einer engen Lederhose die Unterwäsche sah, das war nicht sexy. Das weiche, anschmiegsame Material der Hose fühlte sich sehr angenehm auf seiner Haut an. Er schlüpfte in das Hemd, schnürte es nur nachlässig so dass ein Stück seiner nackten Brust unter dem dünnen Stoff hervorblitzte. Dann wechselte er das Bandana, betrachtete sich noch einmal prüfend im Spiegel und nickte zufrieden. Die dunkle Farbe seiner Kleidung hob sein exotisches Äußeres, insbesondere seine orangefarbenen Haare wirkungsvoll hervor, die knapp sitzende Hose betonte seinen Hintern und überließ dennoch genug der Fantasie, um neugierig zu machen. 

Ein Blick auf die Uhr mahnte ihn, sich ein bisschen zu beeilen, wollte er heute noch irgendwen für die Nacht finden, sofern ihm nachher der Sinn danach stand und so schloss er rasch die Schnallen seiner Stiefel, nahm sich seinen Schlüssel und schnappte sich die Lederjacke vom Haken, nachdem er lautstark die Treppe hinuntergepoltert war. 

Ohne auf den wütend gebrüllten Kommentar aus einem der oberen Zimmer zu achten, warf er die Haustür ins Schloss und schwang sich in sein Auto. Geld hatte er absichtlich keines mitgenommen, wozu war man schließlich Telepath, wenn man seine Gabe nicht für so etwas benutzte? Skrupel hatte er da keine, warum auch?

Er setzte sein Lieblingsgrinsen auf parkte schwungvoll aus der Einfahrt aus. Der Abend konnte nur ein Erfolg werden.