Du befindest Dich hier: Geschichten > Geschichten frei bis 16 > Cate > Bittersweet feelings > Bittersweet feelings Teil 10 bis 12

Bittersweet feelings Teil 10 bis 12

Kapitel 10 - Morgendliches Durcheinander

Mitten in der Nacht klappte eine Tür. Das Geräusch hallte leise in dem hohen Flur wieder. Kleine, nackte Füße tapsten über den dicken Teppich, verursachten so gut wie kein Geräusch. Nur das protestierende Knarren einiger alter Bodendielen zeigte an, dass gerade jemand unterwegs war.
Wieder wurde eine Türe geöffnet, leise wieder geschlossen. Er blickte zu dem großen Bett, dessen Umrisse man in der Dunkelheit kaum ausmachen konnte, doch seine Beine trugen ihn mit schlafwandlerischer Sicherheit hinüber. Fast hätte er gezögert, doch dann wurde die Bettdecke wortlos angehoben, so dass er darunter schlüpfen konnte. Schnell krabbelte er auf die Matratze, rutschte eng an den warmen Körper heran und vergrub sein Gesicht im Stoff des Shirts, das die kräftige Brust bedeckte. Tief atmete er den vertrauten Geruch ein, spürte, wie sich starke Arme um ihn schlossen, ihn festhielten, ihm ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit gaben. 
Er wusste zwar genau, dass er am Morgen wieder allein sein würde, aber jetzt war er da, passte auch ihn auf und würde nicht zulassen, dass die Alpträume wiederkamen.
Trotzdem dauerte es, ganz anders als sonst, wesentlich länger, bis er endlich wieder einschlief und er spürte deutlich, dass er nicht alleine war mit seinen überspannten Nerven. Er schloss die Augen und irgendwann bequemte sich die Müdigkeit wieder, ihn zu übermannen.

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Omi schlug die Augen auf. Wie immer tat er sich schwer damit, aufzuwachen oder seinen Körper überhaupt dazu zu bringen, auf die Helligkeit im Zimmer zu reagieren. Wieso war es hier so hell? Er machte doch abends immer seine Rollläden zu, damit ihn erstens das Licht morgens nicht störte und er zweitens nachts keine Panik bekam, wenn er aufwachte und in die Dunkelheit hinaussehen konnte.

Sein Gehirn brauchte etwas, bis es sich dem Zustand seines Körpers anpasste und ebenfalls aufwachte. Er erinnerte sich, warum er nicht in seinem eigenen Zimmer war, warum er in einem fremden Bett lag und warum ihm von der Wand gegenüber eine Fußballmannschaft anstarrte, anstatt dass ihm seine Lieblingsfiguren auf Final Fantasy entgegensahen. 

Er hatte schlecht geträumt und sich danach nicht getraut, wieder einzuschlafen. Also hatte er sich aufgerafft, war über den ausnahmsweise aufgeräumten Flur gewandert und zu Ken ins Bett gekrabbelt. Hatte er schon längere Zeit nicht mehr gemacht und er konnte sich nicht einmal erinnern, was er den so furchtbares geträumt hatte.
Und wie immer war er am Morgen allein aufgewacht. Ken war immer schon früher weg, er stellte auch niemals Fragen, sondern ließ Omi einfach immer wieder in sein Bett, etwas, was ihm der Jüngere hoch anrechnete. Er konnte meist nicht einmal mehr sagen, was ihm nachts solche Angst gemacht hatte und er war immer mehr als froh, dass sein Freund darüber nie ein Wort verlor, sondern ihn morgens ganz normal wie immer weckte.

Langsam streckte er sich und warf einen Blick auf die Uhr. Halb sieben, sehr früh für seine Verhältnisse, normalerweise musste man ihn erst in einer halben stunde fast gewaltsam aus dem Schlaf reißen. Also nutzte er die Zeit, um noch ein bisschen nachzudenken, bevor Ken hereinkam und der Alltag endgültig begann, er aufstehen und in die schule gehen musste.

Aya musste gestern Abend erst sehr spät heimgekommen sein, er hatte ihn jedenfalls nicht mehr gesehen und so aufgeräumt, wie der Flur heute Nacht gewesen war, musste er nach allen anderen in sein Zimmer gegangen sein, denn besonders Ken hatte die Angewohnheit, seine Sachen überall liegen zu lassen und er selbst war prädestiniert dafür, darüber zufallen.

Er rollte sich noch einmal unter der warmen Decke zusammen, versuchte sich so klein wie möglich zu machen, vielleicht würde ihn sein Kollege dann ja übersehen. Ob sein Leader ihn heute Morgen wieder in die Schule fahren würde? Wahrscheinlich, da er ja so gut wie jeden Tag den Bus verpasste. Ein bisschen peinlich war es ihm ja schon, jedes Mal die Dienst der Rothaarigen in Anspruch nehmen zu müssen, aber auf der anderen Seite schaffte er es eigentlich nie, pünktlich das Haus zu verlassen, von wenigen Ausnahmen einmal abgesehen, egal wie früh Ken oder Aya ihn weckten.

Seufzend setzte er sich schließlich um zehn vor sieben auf und schwang die Beine aus dem Bett. Brachte ja doch nichts, hier weiter herumzuliegen und außerdem hatte er ja heute einen Anreiz, in die Schule zu gehen. Sonst war das für ihn immer tödlich langweilig. Um nicht ganz so sehr aufzufallen, musste er sich meistens bedeckt halten, auch mal mit Absicht eine schlecht Note schreiben. Allerdings machte er das nur, wenn sie dem Gesamtergebnis nicht mehr schadeten, er wollte ja schließlich einen guten Abschluss schreiben und da zählten die Noten jetzt auch schon.

Probleme hatte er eigentlich keine, seine Lehrer waren nett, wenn auch manchmal etwas langweilig, seine Klassenkameraden zwar oberflächlich, aber im Großen und Ganzen in Ordnung und der Schulstoff bestenfalls ermüdend, aber keinesfalls schwierig. Es war wirklich selten, dass er für die Hausaufgaben länger brauchte, weil sie zu schwer waren, eigentlich nur, wenn die Lehrer ihnen umfangreiche Aufgaben erteilten oder er währenddessen immer wieder von etwas abgelenkt wurde. 

Aber heute war etwas besonderes, heute würde ein neuer Schüler in ihre Klasse kommen. An sich war das nicht so unglaublich ungewöhnlich, oftmals wurden ihnen Neue zugeteilt, wenn man glaubte, das diese höherbegabt als normale Jugendliche waren, aber die wenigsten von ihnen schafften das gesteigerte Niveau ihres Unterrichts und ging lieber wieder zurück in ihre eigenen Klassen oder gar Stufen. Alles was er über den Neuen wusste, war dass er wohl extrem gut sein musste, zumindest in den relevanten Fächern und dass er zwei Jahre jünger war als sie. 

Das war nun wirklich etwas außergewöhnliches, denn bis jetzt war er selbst mit siebzehn das jüngste Mitglied des Klassenverbandes gewesen. Sollte der wirklich erst fünfzehn sein, so würde er nächstes Jahr mit sechzehn schon seinen Schulabschluss machen und das dürfte neuer Rekord an ihrer Schule sein. Wenn er den dann noch tatsächlich in ihrer Klasse schaffte, standen ihm wohl Tür und Tor für alle Wege in seinem Leben offen, jede Universität würde ihn mit Handkuss und Stipendium nehmen.

Omi hoffte nur, dass das nicht noch so eine kleine, klugscheißerische Brillenschlage war, aus denen die Hälfte der Gruppe bestand und die nur ihre Bücher und sonst nichts kannten. Die meisten wussten noch nicht mal, wo man einen Computer anschaltete.

Und der Großteil des Rests waren entweder Prolos, die dauernd ihre Klappe zu weit aufrissen, obwohl nichts dahinter steckte, und die nur dank Papis Finanzspritze überhaupt noch an der Schule waren. Nur eine handvoll Leute waren einfach nur normal, mit denen konnte man auch mal nachmittags durch die Stadt ziehen oder Eis essen. 

Richtige Freunde hatte Omi in der Klasse ja nicht, aber das lag eher daran, dass er zwar immer nett und freundlich zu allen war, sie aber sonst auf Distanz hielt. Er durfte sich einfach nicht näher mit jemandem anfreunden, zu groß wäre das Risiko, denjenigen in Gefahr zu bringen. Und mit den Mädchen war das so eine Sache... sie waren ja ganz nett, aber furchtbar aufdringlich, nicht nur im Laden, sondern auch in der Schule, vor allem in den Pausen. Er wusste gar nicht, was so toll an seiner Person war, dass man sich immer um ihn scharen und ihn anfassen musste.

Er war klein für sein Alter, zierlich und hatte seiner Meinung nach eher einen weiblichen als einen männlichen Touch, keine tiefe Stimme, keine sonstigen Besonderheiten. Aber wenn er noch einmal das Wort 'süß' im Zusammenhang mit seinem eigenen Namen hörte, dann musste er sich wohl zusammenreißen, um nicht unhöflich zu werden. Er war weder süß, noch niedlich oder putzig! Es reichte ja schon, wenn Yohji ihn immer mit diesem spöttisch-gehässigen Unterton 'Sexy' nannte. Als ob das passen würde! Er kannte den Playboy nun schon so lange und trotzdem störte ihn der dämliche Spitzname immer noch, genauso wie alle anderen, die er in den Jahren verpasst bekommen hatte. Man musste doch nicht immer darauf herumreiten, dass er der Kleinste ihres Teams war, schließlich erledigte er die ganze Vorarbeit ihrer Aufträge, schlug sich regelmäßig die Nächte um die Ohren, nur um dann am nächsten Morgen in der Schule dauernd gefragt zu werden, ob es ihn auch gut ginge. 

Mit einem leisen Grummeln machte sich sein Magen bemerkbar, dass er sich gefälligst im Bad beeilen sollte, um ihn zu füllen. Also schlurfte der blonde Junge gemächlich über den Flur in sein Zimmer und dann, mit frischen Sachen auf dem Arm, in Richtung des gekachelten Raums, aus dem er auch erstaunlich schnell wieder gewaschen und angezogen herauskam. 

Unten in der Küche wurde er überrascht von drei Augenpaaren gemustert, wobei er genauso erstaunt zurückblickte. Was machte Yohji denn hier? der hatte doch gar keine Frühschicht! War der Ältere krank, dass er trotzdem freiwillig aufstand? Und er musste schon eine ganze Weile wach sein, denn er war bereits geduscht, angezogen und frisiert. 

Der Playboy fing sich als erster wieder. "Morgen, Sexy, was treibt dich denn schon herunter?" Omi warf ihm nur einen giftigen Blick zu und entschied, dass er aufgrund des ungeliebten Kosenamens heute nicht antworten würde. Er setzte sich an den Tisch, wo bereits seine Reispops, sowie ein Becher Kaba standen und nur darauf warteten, in seinen Magen zu wandern.

Aya hatte nur einen Moment von dem Brot aufgesehen, dass er gerade schmierte, und sich gleich wieder seiner Arbeit zugewendet. Trotzdem entging Omi nicht, dass sein Anführer heute noch blasser war als sonst. Und wenn er sich nicht ganz täuschte, waren das sogar Augenringe zu erkennen. Doch er hütete sich, danach zu fragen, sonst musste er am Ende noch mit dem Bus fahren, oder gar laufen.

Ken enthielt sich dem 'Gespräch' und kaute nur weiter auf seinem Toast herum. Er trug noch immer sein Schlafshirt und Boxershorts, weil er Omi nicht durch Suchen im Kleiderschrank hatte wecken wollen, als er heute Morgen aufgestanden war. Der Kleine hatte so friedlich geschlafen, dass er entschieden hatte, ihm noch etwas Ruhe zu gönnen, nachdem er sich die halbe Nacht an ihn geklammert hatte.

Er fragte nie, warum Omi zu ihm kam, konnte sich schon vorstellen, dass diesen die Albträume genauso sehr plagten wie ihn selbst, wenn auch häufiger. Und wie immer war er gegen sechs aus dem Bett verschwunden, damit es dem Chibi morgens nicht am Ende noch peinlich war, dass er wie ein Kind, das Angst vor der Dunkelheit hatte, zu ihm gekommen war. Ihm machte das nichts aus, wenn der Kleine da war, schlief er ruhig und sein Bett war breit genug, dass sie keinen Platzmangel hatten.

Omi gähnte verhalten hinter seinem Löffel hervor. So ganz wach war er immer noch nicht. Wie er doch dieses frühe Aufstehen hasste! Lieber arbeitete er nachts lang, als morgens schon so früh wieder auf der Matte stehen zu müssen. Aber das sahen die Schulbehörden leider anders und um der lieben Tarnung willen ging er eben jeden Tag hin. Naja so gut wie jeden.

Wenn er ganz ehrlich war, machte er das nicht nur für Weiß, sondern weil es eben sein Stückchen Normalität war. Ken ging zum Fußball, Yohji zog abends durch die Kneipen und er ging eben wie jeder halbwegs intelligente Junge seines Alters, in die Schule. Was Aya machte, wusste er nicht. Vielleicht ging er ja zu seiner Schwester...

Er hatte den Rothaarigen nie darauf angesprochen, warum er immer so eisig war, er wusste es auch so aus den Kritikerakten. Wozu war man schließlich der Hacker des Teams? Außerdem würde er die Informationen nie ausnutzen, er mochte seinen Anführer. Er glaubte nicht, dass etwas von seinem Wissen ahnte und das war ihm auch ganz recht, ihr Verhältnis war durch seine unsägliche Verwandtschaft schon angeknackst genug. Der Andere hatte zwar gesagt, dass er ihm nichts nachtrug und niemand etwas für seine Abstammung konnte, aber die Sache nagte mehr an Omi, als er eigentlich zugeben wollte. Er WOLLTE kein Takatori sein, er wollte einfach nur Omi Tsukiyono sein, wie die ganzen letzten Jahre, aber dieses Privileg war ihm leider verwehrt worden. Stattdessen durfte er sich der Sohn eines der größten Gangsterbosse in Japan nennen. Super. TOLL. Welcher jugendliche Killer wünschte es sich nicht, gegen seinen eigenen Vater operieren zu dürfen.

Es war ja nicht so, dass es ihm etwas ausmachte, gegen Verbrecher zu kämpfen, aber wenn es der eigene Vater war, dass bekam die Sache einen noch bitteren Beigeschmack als ohnehin schon. Sicher, sein Hass auf den Mann, der sein Erzeuger war, saß tief, tiefer als alles andere und jetzt, wo er sich wirklich daran erinnerte, was geschehen war, noch mehr. Und trotzdem blieb ein Rest zurück, ein Rest von... Zweifel? Nein, eher Verzweiflung.

Schnell schob er die Gedanken beiseite und wandte sich wieder der Gegenwart zu. Die besorgten Blicke von Ken und Yohji zeigten ihm schon, dass er wohl wieder etwas apathisch vor sich hingestarrt hatte. Morgens saß seine Maske eben noch nicht so perfekt, wie en Rest des Tages über. Er war einfach zu müde, um sich immer und grundsätzlich zusammenzureißen. Vielleicht sollte er sich mal angewöhnen, abends früher ins Bett zu gehen? Würde eventuell was helfen, zumal sie im Moment keinen Auftrag hatten. Er gähnte noch einmal, diesmal aber mehr als Alibi, weil er so tief in Gedanken gewesen war und seine Kollegen schienen es zu akzeptieren.

Er drehte sich um, wollte Aya gerade eine Frage stellen, als er bemerkte, dass der Rothaarige nicht mehr da war. Wann war der denn verschwunden? War er wirklich so weit weg gewesen? Schien fast so. Sicher, sein Leader bewegte sich immer so leise wie eine Katze, so dass er einen schon mal überraschen konnte, aber unsichtbar machen, oder in Luft auflösen konnte er sich deswegen noch lange nicht. Er blinzelte leicht, zuckte dann die Schultern und übersah das Grinsen, das sich Ken und Yohji zuwarfen. Gemeinheit, nur weil er ein wenig abwesend gewesen war!

Schnell löffelte er die restlichen Reispops in sich hinein, damit Aya nicht meckerte, weil er wieder was von seinem Frühstück übrig ließ. Ein Blick auf seine Brotdose sagte ihm, dass diese wie immer gefüllt war. Schon ein bisschen peinlich, dass er morgens nichts, aber auch gar nichts auf die Reihe brachte! Selbst sein Pausenbrot musste ihm noch geschmiert werden.

Er wurde etwas rot um die Nase, als der kaffeetrinkende Playboy einen entsprechenden Kommentar abgab und nuschelte verlegen etwas Unverständliches in seinen noch nicht vorhandenen Bart, packte dann schnell die Dose in seine Schultasche. Doch Yohji war nicht umsonst so früh aufgestanden und bereits hellwach. Außerdem hatte er gerade Langeweile, weil Ken nicht gewillt schien, sich mit ihm zu unterhalten. Also stichelte er eben ein bisschen an Omi herum. War ja keiner da, der ihn daran hinderte und um diese Uhrzeit war das Chibi das perfekte Opfer, weil es sich kaum wehren konnte.

"Lass den Kleinen in frieden, Kodou!" Oho, was war denn das? Drei Augenpaare schwenkten zur Tür, wo Aya mit verschränkten Armen am Rahmen lehnte und den Team-Ältesten mit finsterem Blick fixiert hatte. Yohji duckte sich ein wenig und hob abwehrend die Arme. "Schon gut, schon gut!" Er grinste leicht und schüttelte innerlich den Kopf. Was war denn in den gefahren? Heute Morgen bewegte er sich nicht nur wie der Tod, er sah auch so aus. Leichenblass, schwache, aber erkennbare Ringe unter den Augen, ein müder Zug um den Mund, der nicht ganz so ausdruckslos war, wie sonst. Und er hatte mehr als 'hn' gesagt und das vor Öffnung des Ladens!

Dem Playboy kam ein Gedanke. Er stand auf, nahm sich einen Rotstift und trat an ihren Kalender, in dem alle wichtigen Termine festgehalten wurden. Er setzte an und kritzelte etwas auf den heutigen Tag. Omi und Ken warfen sich fragende Blicke zu, und sogar Ayas Augen folgten dem Älteren. Was wurde denn das, sonst machte der doch immer einen weiten Bogen um den Kalender, könnte ja was drin stehen, was Arbeit für ihn bedeutete.

Yohji hatte sich derweil wieder aufgerichtet und betrachtete stolz sein Werk. Zufrieden nickend setzte er sich wieder und schnappte sich seine Kaffeetasse, trank zufrieden einen weiteren Schluck und lehnte sich dann bequem zurück.

Seine Kollegen waren näher getreten, um die krakeligen Schriftzeichen entziffern zu können, die er auf das Papier gekritzelt hatte. Nur Aya blieb wie immer, wo er war, tat, als würde ihn das alles nicht angehen.

Vom Kalender war urplötzlich Kichern zu hören, wenn auch nur unterdrückt und Ken machte, dass er aus der Küche und in sein Zimmer zum Anziehen kam, bevor er noch laut herausplatzte und damit Ärger provozierte. Auch Omi wandte sich nach einem Moment ab, die Hand immer noch vor den Mund gepresst und trank rasch den Rest seinen Kabas aus, an dem er sich prompt verschluckte. Hilfreich klopfte ihm Yohji auf den Rücken, schließlich wurde der kleine Hacker noch etwas länger gebraucht und es wäre wohl eine Schande, wenn er alle Aufträge überlebte, nur um dann beim Frühstück an einem Schluck Kaba zu ersticken.

Nun doch etwas neugierig geworden, löste sich der Weiß-Leader von seinen Standplatz, trat aber nicht an den Kalender, sonder tat, als würde er den Tisch abräumen und das Geschirr abzuwaschen. Wie praktisch, dass die Spüle genau neben der Wand mit dem Monatsplaner war. Er stellte sich so, dass seine Kollegen sein Gesicht nicht sehen konnten und schielt zum Kästchen für den heutigen Tag, in dem Yohji mit dem Rotstift herumgemalt hatte.

Er brauchte einen Moment, bis er den Sinn des Geschriebenen erfasst hatte und seine Augen weiteten sich einen Moment. Dann blickte er schnell wieder auf das Geschirr und senkte den Kopf so weit, dass sein Grinsen auf jeden Fall verborgen wurde, so klein es auch sein mochte. 

Das war doch wieder typisch Playboy! Das stand: 'AYA HAT BEIM FRÜHSTÜCK MEHR ALS HN GESAGT', markiert mit drei fetten Kreuzen in x-Form. So was konnte auch nur diesem Spinner einfallen! War heute eigentlich irgendein besonderer Tag, dass die sich so seltsam benahmen? Yohji und Omi standen pünktlich auf, Ken redete kaum, er selbst HATTE geredet und zudem noch ein bisschen gegrinst und dann auch noch diese Aktion. Innerlich konnte er nur den Kopf schütteln. Verrückt, anders konnte er es nicht beschreiben. Na dann konnte er sich ja auf einen Tag gefasst machen! Und dass, wo er die Nacht über kaum geschlafen hatte. 

Er war gestern noch lange durch den Park gewandert und hatte nachgedacht, ohne wirklich zu einem Ergebnis zu kommen. Als er schließlich doch nach Hause gekommen war, hatte nur noch in Yohjis Zimmer Licht gebrannt. er hatte sich gewundert, den Playboy überhaupt hier im Haus anzutreffen, denn normalerweise war der um diese Uhrzeit gerade irgendwo in Tokios Nachtleben unterwegs oder trieb sich in fremden Betten herum. Hier im Haus hatte er ja Verbot für Aktivitäten, die man vorzugsweise zu zweit und in tieferen Regionen betrieb, erhalten. Aya wollte nachts schlafen und nicht wachliegen müssen, weil irgendeine Tussi meinte, es wäre besonders aufregend, so laut wie möglich zu schreien, oder weil ein Bett rhythmisch gegen die Wand schlug.

Und erstaunlicherweise hatte sich der Blonde immer daran gehalten. Ok, am Anfang hatte er etwas nachhelfen und ihn 'überreden' müssen, aber schlussendlich hatte er begriffen und seitdem hatte es in dieser Hinsicht keine Probleme gegeben. Kein Wunder, Yohji hielt viel auf sein ach so hübsches Gesicht und wollte es noch etwas länger behalten.

Er spürte die Blicke seiner Kollegen in seinem Nacken wie kleine Nadelstiche. Erwarteten die eine Reaktion? Konnten sie warten bis sie schwarz wurden! Er sah demonstrativ zur Wanduhr, denn es war inzwischen schon wieder reichlich spät für Omi. Der Junge sprang auch augenblicklich auf. "Kuso!" 

Kaum geflucht, schon war er aus der Küche gewuselt, bevor ihn Ayas böser Blick treffen konnte. Man hörte leises Poltern auf der Treppe, eine Zimmertür die geräuschvoll geöffnet wurde, eine Schrankschublade auf, dann wieder halb zu. Das Zuklappen einer Tür. Hüpfendes Poltern, als Omi versuchte, sich während des Laufens die Socken anzuziehen und ein hastiges "Arigatou Ken-kun!", als er von seinem Kollegen davor bewahrt wurde, aus dem Boden aufzuschlagen. Kurzes Poltern wieder auf der Treppe. Stoppen. Kurzes Poltern zurück. Eine Tür, die geöffnet wurde, kurzes Wühlen und das Geräusch von knisterndem und reißendem Papier, leises, unterdrücktes Fluchen. Die Tür wieder zu und diesmal endgültiges Poltern auf der Treppe. 

Aya hatte bereits seinen Mantel an und war auf dem Weg nach draußen, um den Wagen schon mal aus der Ausfahrt zu wenden. Er war etwas beruhigter, denn so anders war dieser Morgen eigentlich gar nicht, bis auf seinen Start lief alles wie immer, sie waren inzwischen schon ein eingespieltes Team, wenn es um die Versorgung ihres Jüngsten zu dieser frühen Stunde ging.

Der bekam gerade von Yohji in der Küche seine Schultasche und den Hausschlüssel in die Hand gedrückt, nachdem er sich die Schuhe im Flur angezogen hatte, die blonden Haare wurden noch mal gewuschelt, jetzt, wo er sich nicht wehren konnte und einen kleinen Schubs aus der Haustür hinaus, während ihm Ken, der gerade die Treppe herunterkam, einen schönen Tag wünschte. Kaum war die Tür im Schloss grinsten sich die beiden Älteren an, ließen ihre rechten Handflächen aufeinander klatschen und machten sich dann daran, das Geschirr abzutrocknen, das Aya als Alibi gespült hatte.

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Nagi schlug die Augen auf. Anders als sonst, war er nicht sofort hellwach gewesen, sondern im Gegenteil, es hatte eine ganze weile gebraucht, bis er es schaffte, seine bleischweren Lider zu heben und dass, obwohl es draußen bereits hell, also Zeit zum Aufstehen war. 

Irgendetwas war anders. Er konnte nicht genau sagen was, oder warum es ihm nur so unterschwellig auffiel. Es war nichts, was ihn beunruhigte, aber doch etwas, das nicht so war, wie es hätte sein sollen. Er war nicht in seinem Zimmer, ok, das hatte er erwartet. Er kannte den Raum, in dem er geschlafen hatte, zur Genüge, um nicht einmal die Augen öffnen zu müssen. Alleine der Geruch, der ihn hier umgab war ihm so vertraut, wie sein eigener. Was allerdings ganz und gar ungewöhnlich war, war das Gewicht der Arme um seinen Körper, das fehlende Gefühl der Einsamkeit, dass er sonst immer beim aufwachen empfand, weswegen er auch jedes Mal so schnell wie möglich aufstand.

Nachdem er ein paar Mal geblinzelt hatte, um klar sehen zu können, wusste er auch, wo das Gefühl herkam. Ganz entgegen seiner Gewohnheit lag Brad noch im Bett, nein mehr noch, er hielt ihn immer noch im Arm und schien tief und fest zu schlafen. Der Junge blinzelte gleich noch einmal. Das hatte sein Anführer in all den Jahren, in denen er nun regelmäßig zu ihm ins Bett krabbelte, nicht gemacht. Immer war er verschwunden und nur manchmal war Nagi aufgewacht, weil ihm plötzlich die Wärmequelle fehlte. Meist schlief er noch etwas weiter, bis ihn entweder der Wecker aus dem Schlaf riss, oder er von selbst wach wurde. 

Stirnrunzelnd musterte er das Gesicht seines Ziehvaters. Wenn er schlief, wirkte er jünger als siebenundzwanzig. Im Gegenzug sah er aber auch tagsüber älter aus. Die paar Mal, die Nagi ihn beim Schlafen hatte beobachten können, waren mühelos an einer Hand abzuzählen, also würde er das jetzt ausnutzen. Er musste nur aufpassen und sich schlafen stellen, wenn der Ältere anstalten machte, aufzuwachen. 

Soweit er sich erinnern konnte, war Brad von ihnen immer als erster wach, verkroch sich schon früh in seinem Büro, bis Farfarello zum Frühstück rief. Die innere Uhr des Schwarzhaarigen verhinderte eigentlich, dass er jemals verschlief, oder er bekam frühzeitig eine Vision. Warum also heute nicht?

Ein kurzer Blick auf die Uhr verriet dem Jungen, dass es noch keinesfalls spät war, gerade Mal kurz nach sechs. Aber für die Verhältnisse seines Leaders war das schon hochgradig verschlafen. Gewöhnlich saß er zu dieser Uhrzeit bereits geduscht und in Armani gekleidet in seinem Zimmer und tippelte irgendwelche Emails oder Missionsberichte. Manchmal korrigierte er auch noch schnell Nagis Hausaufgaben, wenn er am Abend zuvor keine Zeit mehr dazu gehabt hatte.

Nagis Stirn furchte sich noch weiter. Umso erstaunlicher war es, dass Brad immer noch schlief und das, obwohl er sich bereits bewegt hatte. Entweder war der Amerikaner dermaßen erschöpft, dass er es nicht mitbekam und damit nicht wie sonst bei jeder kleinsten Berührung, bei jedem Geräusch sofort hellwach wurde, oder er war krank. Beides konnte sich der jüngste Schwarz eigentlich nicht vorstellen. Sie hatten in letzter Zeit keine Mission gehabt, die sie irgendwie körperlich gefordert hätte, von den Nerven wollte er mal gar nicht denken. Für ihn war da das Stichwort: Kindergeburtstag. Und es reichte, um ihm kalte Schauer den Rücken hinunterzujagen.

Das Zweite schloss er aus, weil Brad gestern noch nicht krank ausgesehen hatte, im Gegenteil, er schien sogar gute Laune zu haben, nachdem er am Morgen hatte einkaufen müssen, etwas, dass noch nie vorgekommen war. An solchen Tagen ging man dem Anführer besser aus dem Weg, wenn man seinen Kopf behalten wollte, Haushaltseinkäufe waren für ihn scheinbar Stress pur.

Allerdings passte das seltsame Verhalten jetzt auch sehr gut zu dem gestern. Warum die Fragen nach der Schule, das Angebot, ihn hinzufahren und jetzt das hier? 

Nagi hob eine Hand, streichelte Brad flüchtig über die raue Wange, auf der sich die dunklen Schatten der Bartstoppeln abzeichneten. Es bereitete ihm Sorge, dass der Amerikaner nicht auf seiner Höhe zu sein schien, zumal Takatori wirklich immer bekloppter wurde. War es das? Machte sich der Leader Gedanken um ihren Boss? Wahrscheinlich zumindest in Hinblick auf sein Team. Er würde es ja nie zugeben, aber Nagi wusste ganz genau, dass sie ihm nicht so egal waren, wie er immer aller Welt weismachen wollte. Er setzte sich grundsätzlich für sie ein und seine Predigten vor einer Mission, insbesondere für den tollpatschigen und manchmal etwas hitzköpfigen Schuldig, waren legendär.

Hatte er also vielleicht etwas in einer Vision gesehen, was Anlass zur Sorge bot, so dass er nachts keinen Schlaf fand? Das würde zumindest erklären, warum er gestern so seltsame Fragen gestellt hatte, warum er jetzt noch Ruhe benötigte und noch nicht einmal wach wurde, als Nagi ihn angefasst hatte. 

Vorsichtig schlängelte er sich aus den Armen des Größeren, um ihn nicht zu wecken. Dass er selbst jetzt weiterschlief machte den Jungen nun wirklich stutzig. Doch er entschied, Brad schlafen zu lassen, wenn er SO erschöpft war. Auf leisen Sohlen verließ er das fremde Zimmer, schloss die Tür sehr leise hinter sich. Aus Schuldigs Zimmer hörte man es laut rumsen.

Die Augen des Telekineten verengten sich. Was machte der deutsche Tollpatsch denn da schon wieder, wo ihr Anführer doch schlafen sollte! Er huschte über den Flur, genoss einen Moment das Gefühl des Teppichs unter seinen nackten Füssen. Leise, um Brad nicht noch mehr zu stören, öffnete er die Zimmertür des Telepathen und fand diesen wider erwarten wach und voll bekleidet, mit einer Zigarette in der Hand am Fester stehen. Der Deutsche hatte einen Fuß angehoben und massierte sich die Zehen, die er sich offensichtlich zuvor am Stuhl angestoßen hatte, zumindest lag der umgestürzt auf dem Boden. 

"Sei gefälligst leise, Brad schläft noch!", fauchte er in gedämpfter Lautstärke, was den Orangehaarigen verwundert aufsehen ließ. Er war so in Gedanken gewesen, dass er nicht einmal bemerkt hatte, wie der Junge hereingekommen war. "Hä? Ist er krank?" Seit wann stand ihr Anführer denn später als Sonnenaufgang auf? 

Nagi schüttelte den Kopf. "Ich denke nicht, er war zwar gestern etwas seltsam, aber krank hat er nicht gewirkt... sei trotzdem leise, ok?" Sein Zorn hatte sich wieder etwas gelegt und er verließ das Zimmer, um sich waschen und anziehen zu gehen. Auf dem Gang kam ihm ein verwuschelter Brad entgegen, die Brille etwas schief auf der Nase und noch immer mit Seidenboxershorts und Schlafshirt bekleidet. Müde blinzelte er den Kleineren an, wuschelte ihm kurz durch die dunklen Haare und verschwand dann wortlos im Bad.

Der Junge starrte ihm mit offenem Mund hinterher. So was machte Brad nie. NIEMALS. Dass ihm Farf mal durch die Haare fuhr, ok, kam vor, oder dass ihn Schuldig wuschelte, um ihn zu ärgern, ok, an der Tagesordnung, aber dass Brad, BRAD CRAWFORD ihn mehr anfasst als normal? 

Er drehte auf dem Absatz herum und kehrte in schuldigs Zimmer zurück. Diesmal bemerkte der Deutsche sein Eintreten sogar. Verwirrt blickte er den Telekineten an, holte sich dann seine Antwort einfach, ohne zu fragen. "Er hat WAS?" 
Nagi knurrte leise. Er hasste es, wenn der Telepath ungefragt in seinen Gedanken wühlte. Aber zumindest wusste er jetzt, dass er sich das nicht eingebildet hatte. 
Er nickte leicht. "Er muss ziemlich neben der Spur sein, wenn er so was macht....", meinte er langsam.
Schuldig nickte leicht. Es gab ihm zu denken und zusammen mit den Informationen, die er gestern per Zufall erhalten hatte, ergab es etwas, das ihn wirklich beunruhigte. 

"Ich werd mit ihm reden, ok, Chibi?" Den blitzenden Blick, der auf ihn abgeschossen wurde und der ihm wohl auf der Stelle zu Staub hätte zerfallen lassen, wäre es denn möglich gewesen, ignorierte er geflissentlich. 
Der Telekinet schnaubte nur, zuckte dann die Schultern. Schuldig wusste etwas, das konnte er ihm praktisch an der Nasenspitze ansehen und es machte ihn wahnsinnig, dass er nicht wusste was und stattdessen immer noch wie ein Kind behandelt wurde. 

Plötzlich fiel ihm etwas ganz anderes auf. "Sag mal, warum bist du eigentlich schon wach?", fragte er deshalb etwas erstaunt. Es war gerade mal halb sieben. Noch einmal musterte er seinen Kollegen und bemerkte, dass dieser immer noch Partxklamotten trug, auch wenn diese etwas ramponiert aussahen, als hätte er darin lange irgendwo herumgelegen. Schuldig bestätigte seinen Verdacht. "Ich war noch gar nicht im Bett....", antwortete er ausweichend und das übliche Grinsen zierte sein Gesicht, um seine Besorgnis zu überspielen.

Er legte Nagi kurz eine Hand auf die Schulter und sah ihn für einen Moment sehr ernst an, bevor er den Gedanken abzuschütteln schien und den Jungen in Richtung Tür schob. "Geh jetzt, sonst meckert Farf wieder, dass du nicht genug Zeit zum Essen hast..." Er lächelte ein erstaunlich ehrliches Lächeln, was den kleineren dazu bewog, im Moment nicht näher nachzufragen, sondern einfach zu gehen. Wenn der Deutsche in dieser Stimmung war, bekam man sowieso nichts aus ihm heraus, sinnlos also, weiter Energie darauf zu verschwenden.

Also zog er sich mit einem Nicken zurück, um sich fertigzumachen. Schuldig sah ihm kurz nach, rauchte dann seine Zigarette zu Ende. Brad wusste etwas, soviel war sicher, das erklärte auch sein seltsames Verhalten, die für seine Verhältnisse sehr deutliche Besorgnis um ihren Jüngsten, seine Erschöpfung. Er musste eine Vision gehabt haben. Die Frage war nur, wie viel er wusste und was sie, zusammen mit seinen eigenen Informationen, daraus machen würden. Sicher, sie waren stark, als Team fast unschlagbar, aber eben doch nur fast. Keiner von ihnen war unsterblich. Brads Gabe unzuverlässig, Nagis noch nicht vollständig ausgebildet, auch wenn er von Tag zu Tag stärker wurde, Farfarello war unberechenbar, wenn ihn der Blutrausch wirklich gepackt hatte und er seine eigenen Fähigkeiten konnten leider von immer mehr Leuten geblockt werden. Er konnte dann zwar immer noch Dinge in ihre Geister projizieren, aber ihre Gedanken blieben unerreichbar und eine Kontrolle war ebenfalls erst wieder möglich, wenn die Schilde gesenkt wurden. Brad war so ein Fall und Schuldig war wirklich froh, ihn als Leader und nicht als Gegner zu haben. So überzeugt er ja von sich selbst war, kämpfen wollte er gegen den Schwarzhaarigen wirklich nicht müssen.

Er musste mit seinem Anführer reden, die Frage war nur, auf welcher Seite dieser stehen würde, wenn sich die Sache so entwickelte, wie Schuldig es vermutete. Würde er zu ihnen oder dem Geld stehen? Er selbst musste sich diese Frage nicht stellen, seine Kollegen konnten zwar allesamt nervenaufreibend sein, aber im Zweifelsfall stand seine Loyalität ganz klar fest. Außerdem war Schwarz die einzige Art von Familie, die er jemals besessen hatte und die würde er sich nicht wegnehmen lassen.

Er schloss kurz die Lider und schickte einen Gedanken an Brad, der diesen um eine Unterredung in seinem Büro bat. Die Antwort kam sofort. //Warum fragst du nicht normal?// Schuldig wusste genau, wie sehr der Amerikaner den mentalen Kotakt hasste und dass er ihn nur verwendete, wenn es nicht anders ging. 

//Die anderen sollen nichts davon mitbekommen... es ist wichtig... ich denke du weißt, worum es geht...// Er hielt sich so kurz wie möglich. Ein telepathisches Nicken kam zurück.

//Wenn ich Nagi in die Schule gefahren habe... geh jetzt nach unten, Farf wartet und ist heute gereizt...// In seinem Zimmer rieb sich Brad über die Schläfe, während er in seine Anzughose schlüpfte. Der telepathische Kontakt machte seine Kopfschmerzen nicht gerade besser, ganz im Gegenteil. Er konnte es nicht ausstehen, wenn Schuldig in so ansprach, aber in diesem Fall hatte er wohl keine andere Wahl. Er war gespannt, was der Rothaarig ihm zu sagen hatte und nach dessen Andeutung wusste er auch, worum es ging. Seine Vision hatte ihm nur vages gezeigt und Weiß hatte eine sehr... seltsame Rolle darin gespielt, die er sich nicht erklären konnte.

Die halbe Nacht hatte er darüber wach gelegen und gegrübelt, bis er schließlich sah, dass Nagi bald kommen würde. Die Wärme des Jungen hatte seine Nerven etwas beruhigt und so war er schließlich doch gegen morgen noch mal eingeschlafen wenn auch nicht für wirklich lange. Das Verschwinden des kleinen Körpers und schließlich das Rumpeln aus Schuldigs Zimmer hatten ihn geweckt und jetzt war er noch müder als vor dem Einschlafen, von dem Hämmern in seinem Kopf einmal ganz abgesehen. 
Die Schmerzen nach einer Vision war er ja gewöhnt, die je nach Intensität der Bilder in ihrer Stärke variierten, doch diesmal war es wirklich besonders schlimm, ein untrügliches Zeichen dafür, dass etwas im Busch war. Etwas Schlimmes. Und er hatte noch keine Ahnung, wie er das abwenden sollte, was er gesehen hatte, obwohl er schon die verschiedensten Möglichkeiten durchgespielt hatte. 

Er schüttelte resignierend den Kopf. Alles wäre einfacher gewesen, wenn er wenigstens ein paar klare Bilder empfangen hätte, aber nein, das wenige, was er von der Zukunft wusste, war auch noch höchst verschwommen gewesen, egal wie sehr er sich darauf konzentrierte. Er würde eben abwarten müssen, was Schuldig zu sagen hatte, vielleicht begriff er dann die Zusammenhänge besser.

Brad fuhr sich durch die noch ungekämmten Haare und schloss das blütenweiße Hemd über der Brust, steckte es sauber in die Hose und richtete vor dem Spiegel die Krawatte, die er sich über den Kopf gezogen hatte. Sehr gut, wenigstens sah man ihm nicht an, wie wenig er geschlafen hatte, nur wenn man ganz genau hinsah, konnte man ein paar Falten um seinen Mund sehen, die eigentlich in seinem Alter dort noch nicht sein sollten. Nicht mehr lange und er würde ganz bestimmt erste graue Haare bekommen, bei seinem Job und Team eigentlich kein Wunder, von seinem Auftraggeber mal ganz zu schweigen.

Schnell noch in das helle Jackett geschlüpft, den mittleren Knopf geschlossen und mit dem Kamm die Haare gerichtet und Brad Crawford war gerüstet für den Tag. Aber jetzt musste er erst mal das Frühstück überleben. Er konnte nur hoffen, dass der Deutsche wenigstens heute morgen davon absehen würde, ihren Jüngsten zu ärgern, sonst würde zum einen noch Farf vor dem Essen die Küche putzen müssen und zum zweiten wäre es wohl sehr schade um die eventuell wertvollen Informationen, die der Telepath für ihn hatte, wenn er ihn massakrierte, bevor er sie ausspucken konnte.

Also schluckte er noch vorsorglich drei Aspirin und gemahnte sich selbst zur Geduld. Die Kopfschmerzen würden in absehbarer Zeit abklingen, dass wusste er aus Erfahrung und unter Schlafmangel litt er des Öfteren, das sollte also auch kein Problem sein. Nur seine unnatürliche Unruhe machte ihn schier wahnsinnig. Entgegen seinen Gewohnheiten platzte er fast und konnte es kau erwarten, bis Nagi endlich in die Schule musste.

Leise wandert er die Treppe hinunter und betrat die Küche. Die übrigen drei saßen schon am Tisch, nur Schuldig hob den Kopf und warf ihm einen undeutbaren Blick zu, als er sich ebenfalls auf seinem Stuhl niederließ. Brad erwiderte diesen kurz, wandte sich dann jedoch seiner Tasse Kaffee zu, die bereits an seinem Platz vor sich hindampfte. Hunger hatte er keinen, jedenfalls nicht solange er dieses dumpfe Gefühl von Übelkeit im Magen hatte, die sicher von seinen Kopfschmerzen herrührte. 

Also begnügte er sich mit der schwarzen Flüssigkeit, die zumindest seine Lebensgeister aufwecken würde, zumindest die, die sich nicht gerade im tiefsten Winterschlaf befanden. Ein Seitenblick zu Schuldig zeigte ihm, dass es dieser genauso hielt und auch nicht viel wacher aussah, als er sich fühlte. Nur Nagi schien einigermaßen ausgeruht und futterte seine Cornflakes in sich hinein, nuckelte nebenbei an seiner Kabatasse. Farfarello war sowieso nie anzumerken, ob er müde war oder nicht, auch wenn er heute etwas abwesender wirkte als gewöhnlich. 

Es fiel dem Schwarzhaarigen nicht leicht, sich in Geduld zu üben und zu warten, bis sein kleiner Schützling fertig gegessen und sich für die Schule angezogen hatte, so dass sie endlich losfahren konnten. Am Rande registrierte er, dass der Telepath die letzten paar Minuten unruhig auf seinem Stuhl hin und her gerutscht war. Nun ja, Geduld war ja noch nie die Stärke des Deutschen gewesen, daran hatte er sich mit den Jahren beinahe gewöhnt.

Endlich, endlich war Nagi fertig und wartete mit seiner Schultasche in der Hand im Flur auf seinen Ziehvater. Der erhob sich, unterdrückte dabei mit Mühe ein Seufzen der Müdigkeit, nahm schließlich die Autoschlüssel vom Haken und folgte dem Jungen zu seinem Mercedes, in dem sie eine halbe Minute später in Richtung Schule davonfuhren. 

Nachdenklich sah Schuldig seinen Kollegen hinterher, entschloss sich dann aber doch, etwas zu essen, um nicht am Ende noch vom Fleisch zu fallen, und verspeiste zwei Brötchen mit Marmelade. Er versuchte erst gar nicht, ein Gespräch zu beginnen, denn erstens hätte das bei Farf wohl sowieso nicht geklappt, ihm nur seltsame Blicke aus einem goldenen Auge beschert, oder wäre in einer einseitigen Diskussion über die verschiedenen Möglichkeiten, Gott zu hurten, geendet und dafür hatte er im Moment keinerlei Nerv. Das konnte ja durchaus lustig sein, vor allem, wenn man den Iren ein wenig verwirrte, in dem man ihm ganz neue Möglichkeiten offerierte, auf die er selbst noch gar nicht gekommen war. Das Problem bestand dann nur darin, den Weißhaarigen daran zu hindern, sie sofort auszuprobieren.

Also zog der Deutsche es vor, zu schweigen, auch wenn es ganz und gar nicht seiner Natur entsprach, es gewährte ihm zumindest ein wenig Ruhe. 

Eine knappe halbe Stunde später wurde die Haustür wieder geöffnet und wenig später trat Brad wieder in die Küche. "Wir haben ein Problem....", verkündete er und nahm sich noch eine Tasse Kaffee. 

Während Schuldig seinem Leader etwas verwundert seine Aufmerksamkeit schenkte, sah Farfarello noch nicht einmal hoch, sondern starrte nur weiter apathisch vor sich hin, was Brad noch mehr zu reizen schien. "Farfarello! Hör mir gefälligst zu, es geht um Nagi!" Das endlich provozierte eine Reaktion und das Auge des Iren richtete sich sofort auf den Schwarzhaarigen.

"Bombay geht mit ihm zur Schule!" So jetzt war es raus. Was ihn eigentlich noch mehr verblüffte als die eigentliche Nachricht, war di Reaktion seiner Kollegen. Während Farfarello sich einfach nur wieder abwandte und mit seinem Messer zu spielen begann, zuckte der Deutsche nur die Schultern. "Und? Weiß ich schon lange...", meinte er dann.

Brads Gesicht rötete sich etwas und er war kurz davor, den nichtsnutzigen Telepathen zu erwürgen. "Du WUSSTEST es? Und hast es MIR nicht gesagt???" Er schäumte fast vor Wut. Wie hatte der Rothaarige ihm eine so wichtige Information nur vorenthalten können?"

"Mann, reg dich ab, Braddy... Oder hat dich vielleicht eine Vision gewarnt, dass dem Kleinen was passiert?" Schweigen antwortete ihm. "Na also... die zwei haben anscheinend keine Probleme, also mach nicht so einen Terz, das geht auf den Kreislauf!" Er trank den letzten Schluck aus seiner Kaffeetasse und genoss es richtig, seinen Anführer mal verblüfft zu sehen.

Brad dagegen wusste nicht, worüber er sich mehr aufregen sollte: über Schuldigs respektlosen, provozierenden Tonfall, oder über die Tatsache, dass der deutsche Spinner leider recht hatte. So unzuverlässig seine Gabe ja war, bis jetzt hatte sie ihn immer rechtzeitig gewarnt, wenn es um die Sicherheit des Teams ging und er bezweifelte, dass es diesmal anders sein würde.

Aber Schuldig wusste noch eins draufzusetzen. "Abyssinian weiß es übrigens auch und er hat sich nicht halb so sehr darüber aufgeregt wie du... sieh's ein, du kannst es nicht ändern und die Jungs haben sich anscheinend so weit arrangiert, dass sie sich in der Öffentlichkeit nicht an die Kehle gehen, was soll's also?" Er schüttelte den Kopf, weil er das Problem wirklich nicht verstand.

"Was es soll? Verdammt, Bombay ist unser Feind, er..." Ja was sollte der Junge denn tun? Sie verraten? Erstens würde das sowieso nichts bringen und zweitens würde er seine eigene Identität dann genauso preisgeben. Und ansonsten könnte er nur versuchen, Nagi zu schaden, was zumindest auf physischer Ebene nicht viel Erfolg haben würde. Und psychologisch eigentlich auch nicht, dafür war sein Kleiner sowieso zu eigenbrötlerisch, um sich über die Meinung anderer, insbesondere seiner Feinde Gedanken zu machen... zumindest hoffte er das. Immerhin schienen die beiden schon recht lang auf eine Schule zu gehen und bis jetzt war ja nichts passiert.

Er entschloss sich also, tief durchzuatmen und lieber noch eine Tasse Kaffee zu trinken, als sich weiter aufzuregen. Das verstärkte seine immer noch präsenten Kopfschmerzen nur wieder und darauf konnte er nun wirklich verzichten.

Seufzend stellte er die Kaffeetasse ab und wechselte das Thema, bevor er sich noch mehr blamierte. In diesem Haushalt lief eindeutig etwas schief! "Du wolltest mich sprechen?", wandte er sich deswegen an den Deutschen. Dieser nickte.

"Nicht hier..." Seine Lippen formten das Wort 'Zuhörer' und Brad verstand. Er warf Farfarello einen Seitenblick zu, auch wenn er nicht glaubte, dass Schuldig diesen gemeint hatte. Und wirklich schüttelte der Rothaarige sofort den Kopf.

Der Schwarz-Leader erhob sich und deutete seinem Kollegen, ihm zu folgen. Der Ire würde mitkommen, wenn es ihn interessierte, was sie zu besprechen hatten, doch der sah nicht danach aus, sondern stocherte sich mit seinem Lieblingsdolch ein wenig im Arm herum. Naja, er machte die Sauerei wenigstens selbst wieder weg, wenn er welche anrichtete, aber das kam kaum noch vor, weswegen sich Brad auch keine Sorgen machte.

Die beiden Männer stiegen die Treppe in den ersten Stock hoch und betraten das schallisolierte, abhörsichere Büro Crawfords. Wenn man einen Auftraggeber wie sie hatte, konnte man nicht vorsichtig genug sein.

Brad ließ sich in seinen bequemen Ledersessel hinter dem voll gepackten Schreibtisch sinken, deutete Schuldig, sich ebenfalls zu setzen, stützte die Ellenbogen auf der dunklen Tischplatte auf und faltete die Hände vor seinem Kinn. Das neue Telefon stand auf seinem Platz und verdeckte geschickt das Loch, dass Farfarellos Messer in die teure Tischplatte gegraben hatte.

Der Deutsche platzierte sich in betont lässiger Haltung auf einem der Besucherstühle, musterte seinen Leader abschätzend und schwieg einen Moment. "Was weißt du schon, Brad?", fragte er dann leise und überraschend ernst, sogar das übliche Grinsen war nicht in seinem Gesicht platziert und wenn man genau hinsah, bemerkte man, dass seine entspannte Position nicht halb so lässig war, wie sie wirkte. 

Der Schwarzhaarige rückte seine Brille zurecht, obwohl diese perfekt wie immer auf seiner Nase saß, ein untrügliches Zeichen für seine innere Unruhe. Er rieb sich leicht über die Schläfen, blickte seinen Kollegen dann durchdringend an. "Nicht viel mehr als du, vermute ich....", antwortete er dann etwas ausweichend. Er wusste nicht, woran er bei Schuldig war. Sicher, er würde diesem Mann sein Leben anvertrauen, genauso wie den beiden anderen auch, aber konnte er ihm auch ihre Sicherheit anvertrauen? Den Schlüssel zu ihrem Überleben?

Schuldig nickte leicht. "Vermutlich... du hattest eine Vision?", schoss er einfach ins Blaue. Woher sollte der andere auch sonst Informationen haben, vor allem SOLCHE? Brad antwortete mit der gleichen Geste. 

"Es war nicht viel, größtenteils verschwommen, aber das, was ich gesehen habe, hat mir schon gereicht....", rückte er endlich mit der Sprache heraus. Die Karten mussten auf den Tisch, vielleicht konnten sie gemeinsam das Schlimmste verhindern, wenn es nicht schon längst im Gange war. Er würde das Risiko Schuldig eben einfach tragen, es tragen müssen.

Die feinen Augenbrauen des Deutschen hoben sich nachdenklich. "Ich war gestern weg...", begann er dann seinerseits, scheinbar zusammenhangslos "War eigentlich nichts besonderes los.... Musik war gut, die Leute ok..."

Brad wartete geduldig. "Jedenfalls bin ich dann mit einem ins Gespräch gekommen... keine Ahnung mehr über was... hab mal einen Blick in seinen Kopf geworfen... hat für Takatori gearbeitet... naja ist ja auch noch nichts besonderes, das tun viele Leute..." Bei den riesigen Konzernen ihres Auftraggebers kam es durchaus mal vor, dass er abends auf Mitarbeiter stieß.

"Ich hab aus reiner Neugierde mal nachgesehen, als was er denn arbeitet und siehe da: eine kleine Laborratte... hat eigentlich gar nicht so ausgesehen... na egal, auf jeden Fall ist er einer, der wohl ziemlichen Durchblick hat, was in den Kellern unseres Bosses so abgeht und nicht nur da..."

Die Stirn des Schwarz-Leaders hatte sich während dem kleinen Monolog immer mehr gerunzelt. "Es wird mir nicht gefallen, oder?", fragte er dann etwas vorsichtig nach.

Schuldig schüttelte den Kopf. "Es wird dir ganz und gar nicht gefallen... dieser... Psycho treibt dort unten Versuche an Menschen... ok, dass ist jetzt nichts so besonderes, das wichtige ist, an WAS für Menschen... durch die Bank Geistesgestörte, Psychopathen, Zurückgebliebene, solche eben... und nun rate mal, an welcher Sorte Menschen noch!"

In Brads Kopf blitzte ein Gedanke auf, der ihn ein kleinwenig blasser werd ließ. "PSI-Talente!" Der Deutsche nickte bestätigend. "Keine gewöhnlichen natürlich, nur wirklich stark veranlagte mit gut ausgeprägter Gabe. Und er hat schon eine Liste von möglichen Versuchsobjekten... und ein Name steht ganz oben mit dabei..."

Den Lungen des Schwarzhaarigen entwich die Luft mit einem leisen Laut. Er hatte gar nicht gemerkt, dass er sie angehalten hatte. Als Schuldig die ersten Details lieferte, hatte er nur an Farfarello gedacht, der ja als Schwerstgestörter in den Akten geführt wurde. Seine eigene Gabe war zu unpräzise um für solche Versuche gut zu sein und Schuldig würde den Teufel tun und so was mit sich machen lassen... "Nagi!"

Der Orangehaarige nickte ganz langsam. "Er will Nagi. Definitiv. Er ist wahrscheinlich das beste Versuchskaninchen, das er sich wünschen kann. Außergewöhnlich stark ausgeprägte Gabe und dazu körperlich und geistig noch schwach genug... einen derart anfälligen Telekineten findet man nicht oft und Takatori hat ihn praktisch vor der Nase, auf dem Präsentierteller. Ich hab nicht rausbekommen können, was das eigentlich für Experimente sind, die da in den Kellern stattfinden, da war eine Mauer durch die ich nicht konnte, ohne dass es aufgefallen wäre, aber soviel ist sicher: das, was Takatori macht ist sicher nicht angenehm!"

Brad ließ sich wieder in den Stuhl zurückfallen, aus dem er sich halb erhoben hatte und vergrub das Gesicht in den Händen. Solche Augenblicke der Schwäche erlaubte er sich nur selten, zumal noch vor anderen. "Und ich hatte gehofft, mich zu irren...", murmelte er gedämpft, presste die Lider fest aufeinander, bis er kleine bunte Punkte sah. Seine Gedanken rasten wild durcheinander, schienen einen Ausweg aus seinem Kopf zu suchen. Mit aller Disziplin, die er sich in jahrelanger, schmerzhafter Übung antrainiert hatte, zwang er sich wieder unter Kontrolle. Panik half hier keinem. Verdammt, sogar Schuldig wirkte ruhiger als er selbst, obwohl man genau sehen konnte, wie es auch in ihm brodelte, wenn man wusste, worauf man achten musste.

Der Deutsche kaute nervös auf der Unterlippe. Er war schon die halbe Nacht damit beschäftigt, einen Ausweg zu suchen, doch ihm war beim besten Willen nichts eingefallen, was sie nicht in unmittelbare Lebensgefahr gebracht hätte. Doch sie mussten ihren Jüngsten schützen, um jeden Preis und mochte er auch noch so hoch sein.

"Was machen wir jetzt? Wir können Takatori nicht ausschalten, nicht mal mit unseren Fähigkeiten..." Inzwischen, nach Brads Reaktion, stellte er nicht mehr in Frage, auf welcher Seite dieser stand. Wenn es um Nagi ging, verstand sein Anführer keinen Spaß.

Der Amerikaner sah seinen Kollegen ein kleinwenig hilflos an. "Was denkst du hab ich letzte Nacht gemacht? Mir will und will nichts einfallen, was uns hier wieder rausbringt..." Es fiel ihm alles andere als leicht, solch ein Geständnis zu machen, aber die ganze Sache wühlte ihn wesentlich mehr auf, als sie es eigentlich dürfte. Hinzu kam der Schlafmangel und die immer noch vorhandenen Kopfschmerzen, die das Denken auch nicht gerade erleichterten. 

Schuldig schien nicht gewillt, das Gespräch so schnell zu beenden. Jetzt hatte er den Anderen endlich mal am Haken. "Was genau hast du gesehen?"

Brad seufzte leise. "Nur ein paar verschwommene Bilder... ich hab Nagi schreien gehört... Farfarello mit leerem Blick dasitzen sehen... und damit meine ich wirklich leer, nicht so apathisch wie er sonst ist sondern richtig... tot... aber er hatte eindeutig geatmet... ich weiß nicht, was das zu Bedeuten hat..." Er wüsste nichts, was der Iren dazu bringen würde, buchstäblich seinen Geist aufzugeben, so dass nur noch sein Körper als Hülle zurückblieb. Als lebende tote Hülle. 

Die Augen des Rotschopfes verengten sich in wenig. "Das ist aber noch nicht alles, oder? Was war da noch?" 
Grummelnd nickte sein Gegenüber, denn Brad hasste nichts mehr, als durchschaubar zu sein. Er zögerte einen Moment. "Weiß...", meinte er dann leise "Seite an Seite mit uns... Abyssinian.... an Nagis Bett...." Er verzog das Gesicht, als hätte er Zahnschmerzen. 

Schuldig musste plötzlich trotz der ernsten Situation lachen. "Nee, oder? Der Eisblock und unser Chibi? Glaubst du doch nicht im Ernst!" Der giftige Blick seines Leaders sprach Bände, trotzdem konnte er ein leicht hysterisches Kichern nicht unterdrücken. "Und du bist sicher, dass bei dir da alles ok ist?" Er tippte sich leicht gegen die Schläfe.

Der Schwarzhaarige zischte nur etwas sehr, sehr unfreundliches und zuckte dann die Schulter. Eigentlich hatte Schuldig ja recht. "Ich weiß es nicht... ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen wie es dazu kommen sollte...." Doch allein schon bei dem Gedanken, Abyssinian könnte auch nur einen Finger an seinen Nagi legen, kam ihm fast die Galle hoch und ein Übelkeitsgefühl machte sich in seinem Magen breit. Niemals würde er das zulassen, dass dieser Kerl, dieser berechnende Kühlschrank in die Nähe seines Kleinen kam uns schon gar nicht SO.

Ein leises Knurren entkam ihm, bevor er es zurückhalten konnte, was Schuldig wieder zum Lachen reizte. "Das gefällt dir nicht, nicht wahr?", feixte er etwas übermütig, obwohl ihm besonders dieser Teil ganz und gar nicht gefiel. Doch der Schlafmangel tat seinen Teil zu seiner Stimmung bei und die lustig tanzenden Punkte vor seinen Augen waren auch nicht zu verachten. 

"Natürlich gefällt mir das nicht, was denkst du denn?", fauchte der Leader gereizt zurück. Nicht gefallen war nun wirklich eine gelungene Untertreibung! Er hasste den Gedanken und würde dieses rothaarige Etwas am Liebsten auf den Mond oder gleich in die ewigen Jagdgründe befördern. Aber was würde das für Auswirkungen haben?

Schuldig gingen ganz ähnliche Gedanken durch den Kopf. "Was würde passieren, wenn wir Abyssinian aus dem Weg räumen würden? Oder will ich das gar nicht wissen?" Seine Stirn runzelte sich etwas. Hatte er nicht ein paar Minuten zuvor sich selbst geschworen, alles zu tun, damit Nagi geschützt werden würde? Aber ihn an den Feind auszuliefern? Nannte sich das etwas neuerdings Schutz? Und was, wenn es die einzige Möglichkeit war? Seufzend rieb er sich die Schläfen, sah dann auf und bemerkte, dass Brad sich entspannt zurückgelegt und die Augen geschlossen hatte. Für einen Moment glaubte er, dass sein Anführer eingeschlafen wäre, doch dann sah er, dass sich dessen Augen, hinter den geschlossenen Lidern bewegten. Brad versuchte doch wohl nicht etwa in seinem übermüdeten Zustand eine Vision zu erzwingen oder? Er war einmal dabei gewesen, als es sich nicht hatte vermeiden lassen und wusste daher, wie anstrengend und schmerzhaft das für den Hellseher war. Schnell sprang er auf, wagte aber nicht, das Geschehen zu unterbrechen, da er nicht wusste, was das für Auswirkungen haben könnte. 

Also trat er nur etwas unruhig von einem Fuß auf den anderen und wartete ungeduldig, bis sich wieder etwas regte.
In diesem Moment setzte sich Brad ruckartig gerade hin und riss seine Lider auf. Schuldig wich erschrocken einen Schritt zurück, als er den Ausdruck in ihnen sah. "Was?", fragte er leicht verwirrt, denn so schlimm hatte er es sich nicht vorgestellt.

"Unmöglich", lautete die etwas gepresste Antwort und Schuldig wagte nicht, weiterzubohren.

Er setzte sich wieder und atmete tief durch. "Ok, Alternativen? Irgendwelche?" Es musste doch einen anderen Weg geben, oder?

Brad schluckte leicht. "Ich weiß es nicht, wirklich nicht..." Seine Stimme klang etwas belegt, ohne dass er es verhindern konnte und seine Augen schlossen sich wieder. "Ich muss darüber nachdenken..." Er fühlte sich müde und erschöpft, sein Kopf hämmerte wie verrückt. Vielleicht sollte er sich ein bisschen hinlegen, vielleicht.... Er merkte gar nicht, wie ihm langsam die Sinne schwanden und er in den Stuhl zurücksank. Ein warmes, weiches Gefühl machte sich in ihm breit, als wäre er in Watte gepackt und er ergab sich nur zu gern der Schwäche, obwohl ein Teil von ihm versuchte, noch dagegen anzukämpfen.

Er hörte nicht mehr, wie sein Name gerufen wurde, fühlte nur noch ein schweres Gefühl in seinen Muskeln und Dunkelheit hüllte ihn wie eine schützende Decke ein.

Kapitel 11

Nagi stieg aus dem schwarzen Mercedes und nickte Brad zum Abschied zu. Er hatte eigentlich erwartet, dass sein Leader sofort weiterfahren würde, schließlich hatte er doch bestimmt genug Arbeit zu Hause. Doch der Wagen blieb stehen, die grauen Augen folgten ihm auf seinem Weg zum Schultor.

Kopfschüttelnd schloss er den obersten Knopf seiner Schuluniform, den er aus Bequemlichkeit bis jetzt offen gelassen hatte. Jetzt war keine Zeit, sich über Crawfords seltsames Verhalten Gedanken zu machen, er musste erst mal diesen Tag überleben. 

Etwas unschlüssig stand er wenig später vor einer der hellen Türen, fragte sich, ob er anklopfen, oder einfach hineingehen sollte. Er hatte gerade die Hand gehoben, als ihn ein derber Stoß in die Seite traf und auf den Boden beförderte. Verwirrt udn nicht wenig verärgert sah er auf, direkt in hellblaue Augen udn einem blonden Pony, die zu einem kindlich geschnittenen Gesicht gehörten. 

Atemlos wie er war, schien der andere erst jetzt zu merken, dass er gerade jemanden umgerannt hatte und wandte ihm seinen Blick zu. Die großen Augen weiteten sich noch mehr udn Nagi vermutete, dass er selbst im Moment nicht unbedingt besser aussah. 

"DU!", entfuhr es beiden gleichzeitig. Wie erstarrt blickten sie einander an, nicht fähig, auch nur einen Muskel zu rühren. 

//Scheiße und ich hab noch nicht mal ne Waffe dabei!//, schoss es Omi durch den Kopf. Sofort schalt er sich selbst einen Narren. Sie waren hier in der Schule, nicht auf dem Schlachtfeld und das auch nicht erst seit gestern. Er hatte natürlich gewusst, das der Schwarz auch hier war, doch sie waren sich nie über den Weg gelaufen, zum Glück. Was wollte der also hier?

Nagi saß noch immer am Boden, überlegte, was er nun tun sollte. Angreifen konnte er Bombay ja nicht gut, hier in aller Öffentlichkeit. Aber er war noch immer sauer, um nicht zu sagen, stinksauer, nicht zuletzt, weil sein Hintern schmerzte. Und der Depp stand einfach nur so da, starrte ihn an! Könnte sich ja wenigstens entschuldigen! Aber der war auch nur einer von diesen Ekeln, sonst nichts.

Die Gedankengänge der beiden wurden apprubt durch das Auftauchen ihrer Klassenlehrerin unterbrochen.

"Guten Morgen, die Herren, was gibts es, dass sie noch nicht in ihrem Klassenzimmer sind?" Die schrille, Kopfschmerzen verursachende Stimme der Frau löste die Jungen endlich aus ihrer Starre. Omi besann sich schneller und streckte Nagi eine Hand entgegen. Er wirkte unsicher dabei, fast so, als würde er generell daran zweifeln, dass Nagi die Hand überhaupt annahm. 

Nagi spielte mit, ergriff die Hand, obwohl er nichts lieber getan hätte, als sie wegzuschlagen. Er konnte sich nicht schon am ersten Tag Ärger mit seiner neuen Klassenlehrerin einhandeln, dann würde Brad noch mehr am Rad drehn. Synchron verbeugten sie sich. "Entschuldigen sie bitte, Sensei, es wird nicht wieder vorkommen!"

Die Lehrin gab sich damit zufrieden und schob sie in Richtugn Klassenraum. "Na schön, belassen wir es dabei... und nun verschwinden sie, Tsukiyono, ab auf ihren Platz, wenn sie schon mal ausnahmsweise rechtzeitig zum Unterricht kommen!" 

Nagi konnte sich nur mit Mühe ein Grinsen über diese Spitze verbeißen. Hach wie schön, wenn der Feind einen Rüffel bekam! Zumal er selbst ja nichts sagen durfte. Er verbeugte sich noch ein weiteres Mal. "Sensei? Mein Name ist Naoe, ich soll ab heute diese Klasse besuchen", sprach er die Frau ruhig an, hielt ihrem stechenden Blick aus den kleinen Vogelaugen ohne Probleme stand.

"Ah ja, das Wunderkind, nicht wahr? Na dann kommen sie... Naoe war der Name?" Der Junge nickte und trat nach ihr in den Klassenraum ein. Omi hatte sich inzwischen auf seinen Platz, relativ weit hinten im Zimmer verkrümel und war gerade dabei, seine Schulsachen aus der Tasche zu wühlen. Deshalb entging ihm auch die Ankunft des 'Neuen'. Erst das Verstummen aller Gespräche und das kollektive Aufstehen seiner Mitschüler holte ihn wieder zurück und schnell erhob er sich, um nicht wieder unangenehm aufzufallen. Einmal am Tag reichte ihm. Er wollte sich auch im Moment noch gar nicht ausmalen, wie Aya reagieren würde, wenn er erfuhr, dass Prodigy ab sofort in seine Klasse gehen sollte. Er bezweifelte, dass sein Leader nichts davon wusste, dass sie auf die gleiche Schule gingen, dafür hatte der Rothaarige einfach zu scharfe Augen und auch wenn Nagi unauffällig war, so erkannte ein Killer seinen Feind doch. ihm selbst hatte nie etwas daran gelegen, einen Streit von Zaun zu brechen, er hasste Ärger und vermied ihn, wo es nur ging und scheinbar hatte sich so etwas, wie eine stille Übereinkunft zwischen ihnen gebildet. Sie ließen einander in Ruhe udn normalerweise begegneten sie sich nie.

Nach dem alltäglichen Morgengruß setzten sie sich wieder. "Das hier ist Naoe Nagi, er wird ab heute in eure Klasse gehen, helft ihm ein wenig am Anfang. Mein Name ist Marashima, ich unterrichte hier Japanisch und Englisch." Damit war auch 'der Neue' abgehakt und erledigt. Nagi verbeugte sich höflich und wartete, das ihm ein Platz zugewiesen wurde. 

Die Lehrerin blinzelte ihn erst etwas irritiert an, als er keine Anstalten machte, vom Pult wegzutreten, bis sie begriff warum. "Achso... ja... naja setzen sie sich da hinter zu Tsukiyono, der hat sicher nichts dagegen." Sie gab ihrem Schüler einen Schubs in die Richtung und widmete sich dann ihren Unterlagen. Nebenbei lobte sie sich für den Einfall, Naoes Vornamen noch schnell in der neuen Klassenliste nachgeschlagen zu haben, bevor sie ihn vorstellte. Das Getuschel in der Klasse ignorierte sie vorerst.

Nagis Augen weiteten sich ein ganz klein wenig, doch er protestierte nicht, packte nur seine Schultasche fester und machte sich auf den Weg zu seinem Platz. Bombay sah ihm aus seinen großen Bambiaugen fast erschrocken entgegen, schien nicht recht zu wissen, was er tun sollte. Aber was sollten sie protestieren? Offiziell kannten sie sich erst seit heute und sie konnte ja schlecht sagen, dass sie zu zwei rivalisierenden Killergruppen gehörten, die sich bis aufs Blut hassten, oder?

Das schien der Blonde dann auch einzusehen udn so räumte er, wenn auch einen Moment zögernd, das Chaos auf einer Bankseite weg. Seine himmelblauen Augen blickten ihn ernst an, doch sein Mund lächelte wie immer. 
"Hallo... Nagi.... freut mich...." Omi stolperte beinahe über den unvertrauten Namen, doch er schaffte er und überspielte seine Unsicherheit, so gut es ging. Die kalten Augen des Gegners schienen ihn zu druchbohren, was es ihm nicht gerade einfacher machte. Unruhig rutschte er auf seinem Stuhl hin und her, beobachtete Prodigy beim Auspacken und zögerte, ihn ein weiteres Mal anzusprechen, nachdem er auf seinen Gruß nur einen undefinierbaren Blick und ein knappes Nicken geerntet hatte.

Auffallend war das Gemurmel, dass sich ausbreitete, während der braunhaarige Junge die Bankreihen durchquerte. Vor allem die Mädchen steckten die Köpfe zusammen, warfen ihm immer wieder verstohlene Blicke zu, von denen sie wohl glaubten, er würde sie nicht sehen. Dumme Gänse! 

Allerdings gefiel ihm die Miene einiger größerer Jungen ganz und gar nicht. Die war nämlich einfach nur hämisch und geprägt von Vorfreude zu nennen. Na wunderbar, ging das hier also genauso weiter wie in der alten Klasse. Naja wenigstens war hier der Stoff wohl ein wenig anspruchsvoller, auch wenn er bezweifelte, dass Marashima mit ihrer Kreische ein fehlerfreies Englisch unterrichten würde.

Schweigend und mit gleichgültiger Miene setzte er sich neben Bombay. Manchmal fragte er sich, ob der Junge wirklich so naiv und freundlich war, wie es den Anschein hatte. Da kam der Feind, um nicht zu sagen der Erzfeind neu zu ihm in die Klasse, wurde auch noch neben ihn gesetzt udn was machte der Kerl? Lächelte und begrüßte ihn freundlich! Versuchte weder, ihn unter der Bank zu treten - zumindest bis jetzt -, warf ihm noch nicht einmal einen bösen Blick zu, sondern beobachtete ihn nur. 

Ohne einen Blick zur Seite zu verschwenden, packte er seine Tasche aus, wobei da außer einer Stiftebox und einem Block sowieso nicht viel drin war. Nur sein Pausenbrot, dass Farf noch geschmiert hatte und ein bisschen Krimskrams. 

Die Lehrerin schien sich nun endlich gesammelt zu haben uns erhob sich von ihrem Platz. "Bevor ich es vergesse, Naoe, ihre Bücher bekomme sie in der Pause in der Lehrmittelbücherei. Nehmen sie Tsukiyono mit, der kann ihnen beim tragen helfen. Und nun wird mir einer von ihnen den Stoff der letzten Stunde wiederholen... Nakasuta, wie wäre es denn mit ihnen?" Marashimas Lächeln ähnelte stark dem eines Haifisches, der gerade Beute gewittert hatte und der Gesichtsausdruck der bedauernswerten Schülerin, die sich nun erhob, um an die Tafel zu kommen, schien ihr recht zu geben.

Nagi schielt zu seinem Banknachbarn hinüber. Der war zwar kurz zusammengezuckt, als er die Anweisung der Lehrerin gehört hatte, aber es schien eher daher zu rühren, dass sie ihn überhaupt angesprochen, als an dem Auftrag, den sie ihm gegeben hatte. Der Dunkelhaarige passte einen unbeobachteten Moment ab, als sie die Lehrerin mit ihrem unwissenden Opfer auseinandersetzte. "Ich hol meine Bücher alleine!", zischte er zu seinem Feind hinüber. Erstaunlich, noch nicht einmal jetzt änderte sich der Blick unter den hellen Ponyfransen. Bildete er es sich ein, oder wurde er sogar noch ein wenig weicher?

"Ist doch kein Problem, ich helf dir..." Omi hob nur eine Schulter zum Zeichen, dass ihm das nicht ausmachte und Nagi gab für den Moment, mehr als verwirrt, auf. Es war nicht gut, sowas im Unterricht zu besprechen und womöglich noch Feuersirene da vorne auf sie aufmerksam zu machen. Unbewusste hatte er der Frau schon einen Spitznamen verpasst, der seiner Meinung nach perfekt zu ihr passte. Nicht zuletzt aufgrund ihres Organs, das einem durchaus einen Gehörschaden beschweren konnte, wenn man nicht auspasste. Wahlweise wohl auch Albträume von Luftangriffen und ABC-Geschützen. 

Also richtete er seinen Blick nach vorne und tat den Rest der Stunde so, also würde er sich nur auf den Unterricht konzentrieren. Marashimas 'Geschick' und Mächtigkeit der englischen Sprache blieb ihm vorerst erspart, da sie im Moment japanisch unterrischtete, was ihm auch ganz recht war. Laut seinem Stundenplan hatten sie als nächstes Mathematik. Den Lehrer kannte er, noch relativ jung und ab und an ganz witzig und auf jeden Fall hatte er eine angenehmere Stimme, was schonmal ein eindeutiger Pluspunkt war.

Dann eine Doppelstunde Sport, sein absolutes Hassfach. Bis zur Pause war es also noch eine unendlich lange Zeit und die zwei Stunden Qual lagen noch zwischen ihm und der Erlösung. Wenn er die Mienen seiner Klassenkameraden richtig deutete, freuten die sich auf das Kommende, Sport war nämlich leider eine viel zu gute Gelegenheit, Anderen eins auszuwischen, ohne dass es groß auffiel. Und es war ihm absolut klar, wer nun das neue Opfer spielen durfte.

Seufzend wandte er sich dem Japanischunterrischt zu, schaute sogar mit Bombay zusammen in dessen Buch, da er ja noch kein eigenes besaß. Ohne Aufforderung hatte der einfach das ding aufgeschlagen, in die Mitte der Bank gelegt und mit einem Finger auf die entsprechende Stelle getippt. Warum machte der sowas? Nur, um einem bissigen Kommentar ihres Lehrkörpers vorzubeugen? Nagi verstand es nicht und Verwirrung war etwas, was er ganz und gar nicht schätzte. Viel lieber hatte er klar Verhältnisse. Ganz beiseite schieben ließ sich das auch nicht während der ganzen Stunde, die schier endlos zu dauern schien.

Die Zeit kroch nur so dahin. Beide hingen mehr oder weniger ihren Gedanken nach, den Schulstoff beherrschten sie ohnehin schon lange. Viel mehr beschäftigte sie der Gedanke an die kommende Pause und an die Sportstunden in Nagis Fall. Er hatte keine Ahnung, was ihn erwartete, wollte es eigentlich auch gar nicht wissen, aber große Wahl hatte er nicht. Sicher, er könnte Übelkeit vortäuschen, aber dann würde sein Erziehungsberechtigter, also Brad, davon in Kenntnis gesetzt werden und dann gabs Stunk und einen Vortrag über das Drücken vor unangenhemen Dingen. Oder noch schlimmer, Farfie machte sich Sorgen um ihn. Erstens wollte er keinem Sorgen machen und zweitens wurden die Mutterinstinkte des Iren bisweilen etwas hyperaktiv, wenn Nagi sich nicht gut fühlte und dem Jungen gingen im Moment zu viele Sachen durch den Kopf, als dass er sich mit gutem Gewissen hätte verhätscheln lassen können.

Er wurde ein paar Mal von Marashima aufgerufen und mit der ersten halben Stunde, die er ihr folgte, drängte sich ihm der Eindruck auf, dass sich die Frau für eine begnadete Lehrerin und noch dazu für... attraktiv hielt. Sie ließ mehr als nur einmal spitze Bemerkungen gegen die teilweise recht ansehnlichen Schülerinnen und deren Aussehen fallen, die alle nur den Zweck zu haben schienen, die Mädchen lächerlich zu machen. War die alte.... war sie nur neidisch oder hielt sie sich wirklich für so hübsch? Er schluckte leicht und musterte sie richtig.

Sie war groß für eine Frau und noch größer für eine Japanerin, hatte dürre, wenn auch nicht unbedingt hässliche Beine, die unter dem knielangen Rock des apricotfarbenen Kostüms im westlichen Stil, gut sichtbar waren. Die Farbe hätte ihr wohl gestanden, hätte sie nicht ihren ohnehin schon blassen Teint noch milchiger und ihre farblosen, aschblonden Haare, die von ersten, grauen Strähnen durchzogen waren, noch farlosen gemacht. 
Auch ihr Oberkörper war sehr schmal mit wenig Brust, kaum Taille, dafür einem langen Hals, mit dem sie bestimmt gut in anderer Leute Fenster hineinspähen konnte und einem kleinen Vogelkopf. Die Haare streng zu einem Knoten zusammengefasst und das Gesicht hager und von den ersten Ärgerfalten durchzogen, rundeten zusammen mit den kleinen, dunklen Knopfaugen hinter einer randlosen Lesebrille das Bild perfekt ab. Nagi schauderte ein wenig. Dann ja bitte jede Andere, aber nicht die da! 

Er konnte sich gerade noch davor bewahren, den Kopf zu schütteln und das Gesicht angeekelt zu verziehen. Und zu dieser Schreckschraube kam noch Bombays Anwesenheit. Es war irgendwie ein seltsames Gefühl, so mehr oder weniger einträchtig neben dem Feind zu sitzen, mit ihm sogar in ein Buch zu schauen und wenn ihm nicht bald ein geeigneter Grund einfallen würde, blieb das den ganzen Rest des verdammten Schuljahres so.

Er seufzte lautlos in sich hinein und war froh, als endlich der Schulgong, das Ende der Stunde ankündigte. Sie mussten für Mathe das Klassenzimmer nicht wechseln, also blieb er einfach sitzen, starrte vor sich auf die Bank, während um ihn herum das mittelmäßige Chaos ausbrach. 

Plötzlich tippte ihm jemand auf die Schulter. "Hi, ich bin Juny..." Er hob den blick und sah in das hübsche Gesicht eines Mädchens. Knapp nickend bejahte er dessen Frage und hoffte, die Schroffheit würde ausreichen um sie zu vertreiben. Zuviel gehofft, denn das schien sie eher anzuspornen, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Am liebsten hätte er ein paar bissige Bemerkungen gemacht, doch das war nicht seine Art, also schwieg er, diesmal ein ziemlich gequältes Schweigen, musterte sie nebenher ein wenig. Ansehnlich, offensichtlich Ausländerin, vielleicht Amerikanerin, ihr Akzent war dem Brads, den er am Anfang gehabt hatte, recht ähnlich. Und der Name tat sein übriges zu Nagis Vermutung bei. Nun zumindest wäre sie vielleicht ein ganz guter Unterrichtspartner für Englisch, denn er bezweifelte stark, dass die Mehrheit der Klasse dieser Sprache wirklich mächtig war, er wusste aus eigener Erfahrung, wie schwierig die Aussprache der ungewohnten Silben sein konnte, dagegen war die Schrift ein Klacks.

Allerdings bezweifelte er, dass die Gör in ihrer Muttersprache viel spannendere Sachen zu sagen hatte, als auf japanisch. Sie textete ihn im Prinzip nur mit Sachen zu, die er eh schon wusste, er war ja nicht erst seit heute auf der Schule. Doch er bekam plötzlich Hilfe von unerwarteter Seite.

"Juny-san, ich glaube, ich hab Sensei Kanas Stimme gehört...", brachte Omi das übersprudelnde Mädchen zum Verstummen. Sie horchte auf un trat schnell den Rückzug an, um nicht bei dem Lehrer unangenehm aufzufallen, der allerdings doch noch eine ganze Weile auf sich warten ließ. 

Nagi sah seinen Banknachbarn erstaunt an, bekam noch das verschmitzte Lächeln mit, bevor er sich schnell wieder abwandte. 
Omi konnte sich gerade noch beherrschen, Nagi aufmunternd auf die Schulter zu klopfen. "Mach dir nichts draus, sie nervt jeden...", murmelte er dem Jüngeren zu und drehte sich dann zu seinem Hintermann um, der ihn angesprochen hatte.

Nagi hörte dem Gespräch der Beiden nicht zu, viel zu sehr war er damit beschäftigt, das eben Geschehene zu verarbeiten. Bombay hatte ihm geholfen. Ihm. geholfen. So richtig und mit Absicht. Er hatte das Mädchen bewusst mit einer falschen Information gefüttert, damit es von ihm abließ. Jetzt schüttelte er wirklich den Kopf. Das war doch absolut absurd, oder? Würde er gleich aufwachen? Träumte er diesen ganzen, seltsamen Vormittag nur? Was passierte denn jetzt noch? Würde er auf einmal zum Sportass mutieren? Er unterdrückte gerade noch ein Auflachen. Oh nein, SO verrückt konnte noch nicht einmal ein Traum sein, da lernten ja Schweine vorher fliegen.

Wo war denn der verfluchte Mathelehrer, wenn man ihn mal brauchte? Er wollte jetzt nicht darüber nachdenken, was heute alles ganz furchtbar schief lief und dass sein Leben urplötzlich dabei war, sich irgendwie zu verselbständigen. Jetzt waren schon zwei seiner Feinde nett zu ihm, Brad war seltsam drauf, Schuldig grinste nicht die ganze Zeit... so komisch es klingen mochte, doch im Moment verhielt sich Farfarello noch am normalsten in seinem Umfeld. Und noch viel seltsamer war es, dass ausgerechnet dieser Gedanke ihm etwas von seiner Ruhe zurückgab, nicht viel, aber es würde reichen, um die nächste Stunde zu überstehen.

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Omi lag halb auf seiner Schultasche und döste ein wenig vor sich hin, als ihn die Stimme seines Mathelehrers aus seinen Tagträumen riss. "Tsukiyono, hätte sie die Freundlichkeit meinem Unterricht zu folgen? Oder langweile ich sie etwa?" Der Junge beeilte sich, eine Entschuldigung zu murmeln und versuchte, das Gekritzel an der Tafel zu entziffern. Bei welcher Aufgabe waren sie eigentlich gerade? 

Ein Blatt mit Notizen in sauberer Schrift wurde ihm unter die Nase geschoben und ein Finger tippte auf die entsprechende Stelle. Er verkniff sich einen erstaunten Seitenblick und las rasch die richtige Lösung vor, bevor der Lehrer noch wirklich böse wurde. Eigentlich kam er ja mit allen gut aus, aber er hatte die letzte Nacht nicht vernünftig geschlafen und war jetzt hundemüde. 

Der junge Mann an der Tafel nickte zufrieden und ließ von ihm ab, die Aktion von Nagi hatte er nicht mitbekommen.

Der Blonde fixierte den anderen Jungen und las in seinen Augen eine eindeutige Ansage, bevor diese wieder ausdruckslos wurden. //Wir sind quitt.// Er nickte leicht zum Zeichen, dass er verstanden hatte und wandte sich nun wirklich dem Unterrichtsgeschehen zu. Er wollte sich nicht nochmal auf Nagis Hilfe verlassen, es war nicht seine Art, sich mit anderer Leute Federn zu schmücken. Lieber arbeitete er selber bevor er fremdes Lob erntete.

Also bemühte er sich, die Augen offen zu halten und von dem Geschehen wenigstens ein bisschen was mitzubekommen. Nicht, dass er Probleme mit dem Verständnis hätte, die Aufgaben hatte er alle schon zu Hause durchgerechnet, aber er war verwirrt, um nicht zu sagen enttäuscht. Er hatte so gehofft, dass vielleicht jemand in die Klasse kommen würde, der die gleichen Interessen hatte wie er, mit dem er sich wirklich anfreunden, vielleicht ein bisschen fachsimpel könnte. Und nun war das Prodigy! Von allen Möglichen war es genau der, den er am wenigsten hier haben wollte und jetzt war es auch noch sein Banknachbar!

Fachsimpeln könnte er mit ihm sicher, vor allem, wie man sich in fremde Datenbanken einhackte, wie man Sicherheitssperren knackte, Passwörter decodierte und Gebäude verminte, wie man die besten Schutzprogramme entwickelte, wie man... stopp moment mal. Mal ganz abgesehen davon, dass der Andere, nie, niemals freiwillig mehr als nur das Nötigste mit ihm kommunizieren würde, fiel alles, was er sich gerade in Gedanken aufgezählt hatte unter das dick und fett geschriebene Wort MISSION. Das hatte hier erstens nichts zu suchen, hier war er einfach nur Omi Tsukiyono, durfte lachen und fröhlich sein, musste sich keine Gedanken ums Überleben machen - zumindest bis jetzt -, zweitens war er nur ein normaler Schüler, genau wie... Nagi und wusste solche Sachen deshalb gar nicht und drittens war das da immer noch der FEIND, auch wenn er das für einen Moment vergessen zu haben schien. Was war es nur, das es so furchtbar leicht machte zu verdrängen? Er hatte die ganze letzte Stunde kaum daran gedacht, hatte dem Anderen geholfen, ohne auch nur einen Moment zu überlegen, ob es denn richtig war. Lag es einfach nur an seinem harmoniesüchtigen Naturell, dass er jetzt schon versuchte, nett zu seinem Gegner zu sein oder war es einfach der Gedanke, dass Nagi vielleicht auch... normal sein wollte? 

Kam er hierher, weil es normal für einen Jungen ihres Alters war, die Schule zu besuchen? Und hatte er dann das Recht, ihm diese Normalität zu nehmen? Auch wenn er der Feind war... er stellte sich einen Moment lang vor, wie es wäre, wenn er selbst nicht mehr zur Schule gehen dürfte. Es gefiel ihm ganz und gar nicht, denn hier war einer der wenigen Orte, an dem er auch ab und zu für ein paar Stunden... nicht vergessen, aber vielleicht verdrängen konnte.

Aber konnte er auch verdrängen, dass Nagi ein Mitglied von Schwarz war? Schwarz, die die Drecksarbeit für seinen Erzeuger machten? Die Ouka getötet hatten.

Er schielte zu seinem Nachbarn hinüber. Er sah aus wie.... ja wie jeder andere Schüler. Na gut, vielleicht nicht ganz, die meisten hatte wenigstens keinen solchen nichtssagenden Gesichtsausdruck, aber trotzdem. Er folgte dem Unterricht, er las mit ihm in einem Buch, waren sie denn hier drin wirklich so unterschiedlich? 

Während er grübelte, merkte er gar nicht wie die Stunde vorrüberging. Der Gong ließ ihn überrascht aufschauen. Schon vorbei? Na da hatte er mal wieder wahnsinniges Glück gehabt, dass Kana ihn nicht noch einmal aufgerufen hatte. Und dabei hatte er sich doch so fest vorgenommen, aufzupassen!

Innerlich vor sich hingrummelnd und sich selbst verfluchend stopfte er seine Sachen in seine Schultasche. Noch zwei Stunden Sport und dann war endlich Pause. Doch, er ging gerne zur Schule, aber manche Fächer hatte er eben lieber als Andere.
Sport machte er nicht wirklich gerne, aber im Moment spielten sie Basketball, etwas, dass er wenigstens einigermaßen konnte. Im Fußball hatte er sich, trotz Kens intensiver Hilfe, mehr schlecht als recht geschlagen. Er bewunderte seinen Freund für sein Geschick mit dem runden Leder, zumal er wusste, dass er das niemals beherrschen würde. 
Der derzeitige Ballsport war ihm wesentlich lieber. Genug Kondition hatte er ja und seine Zielsicherheit stand außer Frage, weswegen er fast nie den Korb verfehlte. Ein leicht bitteres Lächeln umspielte seine Lippen, während er seine Trainingstaschen aus dem überfüllten Spint kramte. Wenn er Nachts sein Ziel verfehlte, war er so gut wie tot.
Das einzige Problem, das er hatte waren die Schränke. Baumlange Kerle, muskelbepackt mit nicht viel Gehirn, dafür mit reichlich Kohle aus Papis Taschen ausgestattet und nur deswegen in der Klasse für Sonderbegabte, ja nur deswegen überhaupt noch auf der Schule. Im großen und Ganzen kam er gut mit ihnen zurecht, auch wenn es die ein oder anderen Reibereien gab, doch im Sport schienen deren Gehirn auf Erbsengröße zu schrumpfen. Vermutlich das Adrenalin, das sollte ja bekanntlich wirkungsvoll am Denken hindern... zumindest bei einigen Menschen.

Wenigstens hatten sie nicht mit den Weiber zusammen Unterricht, das würde ihm ja gerade noch Fehlen, mit einer Bande himmelnder, seufzender, quietschender... Mädchen spielen zu müssen, die ihn womöglich noch alle antatschen wollten. Er mochte ja viele von ihnen wirklich gerne aber manchmal gingen sie einfach zu weit.

Er war nur ein wenig besorgt, wie sich Prodigy anstellen würde, auch wenn er sich selbst dafür gleich wieder ausschimpfte. Er sollte sich nicht um den Feind sorgen, Punkt. Dennoch konnte er es nicht ganz verhindern, zumal der Junge nicht so aussah, als würde er hobbymäßig viel Sport treiben. Gut, in Ordnung, so sah er auch nicht aus, aber Nagi war ja noch um einiges schmäler und zierlicher als er. Und auch jünger, wenn er die Akte richtig gelesen hatte, wovon er gerne ausging.

Eigentlich müsste er jetzt Schadenfreude empfinden oder? Er selbst hatte gegen die Schränke schon kaum eine Chance, Nagi, nein, Prodigy erst recht nicht. Er musste sofort aufhören, den anderen Jungen bei seinem Namen zu nennen, das schaffte viel zu viel greifbare Nähe. Das war ja fast ein Ausdruck von Sympathie. Nagi.... Prodigy durfte ihm nicht sympathisch werden, das konnte unter Umständen ganz verheerende Auswirkungen haben. Was, wenn er eines Nachts zögerte, wenn seine Hand, die die Darts hielt, zitterte. Lieber gar nicht erst daran denken. Ablenkung, jetzt sofort!

Schnell marschierte er in die Umkleidekabine und suchte sich einen Platz in einer Ecke. Die anderen Jungen lärmten fröhlich herum, trieben ihre Scherze, wie es Jugendliche nunmal taten. Ein paar Pfiffe wurden ausgestoßen, als Nagi den Raum betrat. Der Junge sah sich suchend um, doch auf einmal schien nirgendwo mehr ein freier Platz zu sein. Die Schränke bauten alles zu und die Schwächeren trauten sich nicht, dem Neuen, der ganz offensichtlich oben auf der Abschussliste stand, einen Platz anzubieten.

Omi zögerte, er hatte sich doch gerade erst selber ermahnt, doch bei Nagis Anblick, wie er da beinahe hilflos mit seiner Sporttasche in der Hand stand und nicht wusste, was er tun sollte, konnte er gar nicht anders. "Nagi, komm, hier ist noch Platz...." Der Braunhaarige hob den Kopf, sah seinen Gegner erstaunt und verwirrt zugleich an, setzte sich dann aber nach kurzem Zögern in Bewegung. 

Er schien nicht recht zu wissen, was er davon halten sollte und musterte den Blonden misstrauisch. Omi lächelte nur. "Ich beiße nicht, keine Sorge...", scherzte er, doch irgendwie schien das etwas daneben zu gehen. Also ließ er es lieber bleiben und zog sich stattdessen um, bevor er noch zu spät kam. Aus dem Augenwinkel heraus konnte er sehen, dass der Jüngere es ihm gleichtat.

Er schlüpfte aus seinen Sachen, und rein in die kurze Sportkleidung. Das war das, was er an diesem unterricht wirklich hasste, waren diese widerlich knappen Höschen, kaum genug Stoff, um sich anständig darin zu bewegen. War garantiert der Einfall eines alten Perverslings, diese Kleidung einzuführen. Vielleicht war das ja ein Verwandter von Yohji gewesen? Zwar anders herum gepolt, aber seinem Kollegen hätten diese Dinger - Trikot wollte er es gar nicht nennen, dafür war einfach zu wenig Stoff dran - an Frauen sicher sehr gut gefallen. Naja wenigstens mussten sie alle darin herumlaufen. 

Mit ein paar seiner Klassenkameraden scherzend, verschwand er in der Turnhalle udn begann, sich warmzulaufen. Kaum außer Atem, stoppte er schließlich und fing an , seine Muskeln zu dehnen. Wie immer, blieben auch heute die kommentare der Klassenmachos, von wegen Mädchen und die anzüglichen Pfiffe, wenn der Lehrer gerade mal außer Hörweite war, nicht aus. Er hasste es zwar immer noch, aufgrund seiner Statur und seines etwas weichen Aussehens gehänselt zu werden, aber inzwischen regte er sich kaum noch darüber auf. Nur wenn Yohji ihn damit aufzog, störte es ihm mehr als sonst. Warum wusste er nicht, vielleicht, weil sein Kollege WIRKLICH männlich war, vor allem gegen diese Typen hier, die trotz ihres Körperbaus noch irgendwie... unfertig wirkten. Also zuckte er nur die Schultern und lächelte, bis er merkte, dass sich die Aufmerksamkeit verlagerte. 

Es brauchte nicht viel Fantasie, um zu erraten, wer da wohl gerade aus der Umkleide getreten war. Er drehte sich um und wirklich, das stand Prodigy in der kurzen Hose und einem weißen Shirt, dass ihm aber etwas zu groß war, seinen Körper noch schmächtiger wirken ließ. Die Haare vom Umziehen noch zerstrubbelter als sonst, das puppenhafte Gesicht ausdruckslos wie immer, ließ er den Spießrutenlauf über sich ergehen, trat zum Sportlehrer und stellte sich mit einer Verbeugung vor.

Fast tat er Omi leid, aber ging das überhaupt? Konnte er Mitleid mit dem Feind haben? Es viel ihm trotz allem schwer, in dem kleinen Jungen dort einen Gegner zu sehen, was wohl auch durch die Kleidung bedingt war, die ihn noch jünger wirken ließ, als er ohnehin schon war. 

Die widerstreitenden Gefühle machte ihn ganz verrückt und er war froh, als sich endlich alle aufgewärmt hatten und der eigentliche Unterricht begann. Bewegung war gut, da musste er nicht so viel denken und heute durfte er sogar eines der Teams zusammenstellen. Drei seiner Mitspieler wählte er sofort aus, bei dem Vierten zögerte er etwas. Es waren nur noch ein paar übrig, diejenigen, die sowieso niemand haben wollte, waren ohnehin schon bei ihm. Die Anderen sahen sie immer nur als hinderlich an, als Klotz am Bein während des Spiels. Ok, so unrecht hatte sie ja nicht, die er ausgewählt hatte, besaßen allesamt mindestens zwei linke Füße und Hände, aber ihm ging es nicht ums gewinnen, Körbe werfen konnte er selbst, ihn freute nur jedes Mal das Leuchten in ihren Augen, wenn sie nicht erst ganz am Schluss aufgerufen wurden, oder gar der Streit ausbrach, wer sie in die Mannschaft nehmen musste. 

Omi gab sich einen Ruck und rief Nagis Namen. Der Junge, der am Rande stand und irgendwie fehl am Platz, beinahe verloren wirkte, hob überrascht den Blick, seine sturmblauen Augen richteten sich auf seinen neuen Mannschaftskapitän und schienen nach einem Anzeichen für eine neue Gemeinheit zu suchen. 

Ohne es zu merken wurde Omis Lächeln weicher, noch freundlicher. Alleine dieser Ausdruck in den sonst so leeren Augen war es wert gewesen, den anderen mit in die Gruppe zu nehmen und es verschaffte ihm zudem Genugtuung, einen Schwarz überrascht zu haben, was ja nicht gerade einfach war. Darüber durfte er sich doch freuen oder? Sollte er deswegen ein schlechtes Gewissen haben? Nein, das war schon in Ordnung, schließlich hatte er Prodigy ja auch geholfen.

Insgesamt wurden drei Mannschaften gebildet, die alle mindestens einmal gegeneinander spielen sollten. Seine war gleich als erstes dran. Unglücklicherweise bekam auch die 'Gruppe der Schränk' wie er sie immer wieder gern in Gedanken nannte, das erste Spiel zugewiesen.

Sein Sportlehrer war ja wirklich ein ganz netter Mann, aber manchmal zweifelte Omi wirklich an seinem Augenmaß, denn alles in allem waren seine Leute etwa die Hälfte der Anderen, in allen Dimensionen wohlgemerkt. Vielleicht wollte der arme Mann den Todeskampf aber auch nur schnell beenden, denn es war klar, dass sie keine Chance gegen die Größeren hatten. Omi würde es trotzdem versuchen, Aufgeben war nichts, was er gerne machte.

Der blonde Junge ließ seinen Blick geübt über die Gegner wandern. Er spielte schon lange gegen sie und kannte jede Schwäche, hatte alle schon unterbewusst beim ersten Mal gespeichert, eine Angewohnheit seines Jobs.
Er wusste ganz genau, dass diese Kerle zwar aus vielen Muskeln und leidlich viel Gehirn bestanden, dadurch aber auch sehr unbeweglich waren. Er winkte seine Mannschaft zu sich. "Also, egal was ihr macht, bleibt in Bewegung, nicht stehenbleiben, ok? Diese großen Ochsen sind langsam, nutzen wir das!", versuchte er sie zu ermuntern, erntete aber von drei Seiten nur zittriges Lächeln, von einer einen ausdrucklosen Blick.

Er seufzte. Na schön, dann musste er eben zusehen, dass es so wenig Verluste wie möglich gab. "Ok, geht ihnen einfach nur aus dem Weg, in Ordnung?" Diesemal bekam er sofort von den Dreien ein heftiges Nicken, von Prodigy wieder keine Reaktion. Aber was hatte er denn erwartet? Dass der Kleinere ihm vor Freude gleich um den Hals sprang? Eher unwahrscheinlich. Aber zumindest hatte er keine spitze Bemerkung gemacht, oder sich geweigert und irgendwie freute Omi das, auch wenn er versuchte, es sich selbst zu verbieten. Was würde Aya nur sagen, wenn er ihn so sehen könnte? Der Gedanken ernüchterte ihn ein wenig. Ja, an seinen Leader denken war gut, da kam man ziemlich schnell von allem runter. Er schämte sich sofort für die Gemeinheit, auch wenn sie nur in Gedanken war, aber er hatte genug Respekt vor dem Älteren, dass es ihn vor erneuten Dummheiten bewahren würde. Aya hatte ihn nicht getötet, er war ihm nicht einmal böse wegen seiner Familienabstammung und wie dankte er es? Spielte hier mit dem Feind einträglich Basketball, hatte ihm in den letzten Stunden mehrmals geholfen. Am liebsten hätte er sich in eine Ecke verkrochen und erst mal in Ruhe über alles nachgedacht, aber mitten im Unterricht ging das ja schlecht. Besser er konzentrierte sich schnell, sonst bekam er heute wirklich noch was ab und die blauen Flecken von der letzten Mission waren noch mal alle weg, auf neue konnte er getrost verzichten.

Er begab sich mit den Anderen aufs Spielfeld, nahm seine Position ein. Springen würde er nicht, der gegnerische Kapitän war viel zu groß, als dass er den Ball erreichen könnte. Lieber rannte er hinterher und versuchte ihn so zu erhaschen, das hatte meist mehr Effekt und sah weniger lächerlich aus.

Da war auch schon der Anpfiff und das Spiel begann. Omi hängte sich voll rein, was man von seinen Mitspielern nicht gerade sagen konnte, die bemühten sich eher, nicht allzuviele Tritte und Kniffe zu kassieren, kamen darüber aber kaum an den Ball.
Plötzlich durchschnitt ein leiser Schmerzensschrei die Halle. 

Der blonde Junge stoppte mitten in der Bewegung und drehte sich in die Richtung, aus der der Laut gekommen war. Er sah nur jemanden am Boden liegen und machte, dass er hinkam, dass sah verdammt nach Prodigy aus, wenn ihn nicht alles täuschte. 

Und er täuschte sich nicht. Sofort umringte eine Traube von Schülern den Gefallenen, der sich jetzt langsam wieder bewegte, die einen mit hämischem Grinsen, die anderen mitleidig schauend. Der Sportlehrer drängte sich durch die Jungen, kniete sich nieder und half Nagi beim Aufrichten. Gut sah der Junge nicht aus. Auf seinem rechten Jochbein breitete sich bereits eine blaue Färbung aus und Knie, sowie Ellenbogen waren aufgeschürft.

"Was war hier los?", verschaffte er sich Gehör, über den murmelnden Stimmen. Er fixierte den Raufbold, der am nächsten stand. Der Junge hob abwehrend die Arme und machte sein unschuldigstes Gesicht. "Ich wars nicht, ehrlich! Er ist nur über seine eigenen Füße gestolpert!" Der Lehrer sah Nagi fragen an. 

Immer noch etwas benommen nickte der Braunhaarige, um sich nicht noch mehr Ärger einzuhandeln. Seine Wange schmerzte ganz gemein, wo ihn der Ellenbogen des Größeren getroffen hatte. Die Woche fing ja wirklich schon gut an, seine erste Stunde Sport und dann gleich sowas! Konnten sie nicht etwas mit weniger Körpereinsatz machen? Meditieren vielleicht?

Er versuchte aufzustehen, doch sein linker Fuß knickte unter ihm weg und er musste die Zähne zusammenbeißen, damit ihm kein Schmerzlaut entkam. Helfende Hände hielten ihn, ohne dass er wusste, zu wem sie gehörten. 

"Ich bring ihn ins Krankenzimmer...", hörte er eine Stimme von weit her und die des Lehrer antwortet. "In Ordnung, Omi, komm dann aber wieder her... und ihr Anderen, seht zu, dass ihr weitermacht!" 

Omi? Bombay half ihm? Schon wieder? Es schien fast so, denn sein Arm wurde um den Nacken einer größeren Person gelegt, nicht viel größer, aber doch etwas und er wurde endgültig auf die Füße gezogen. Hinkend, um den verletzten Fuß nicht zu stark zu belasten, durchquerte er die Halle, weiterhin auf seinen Feind gestützt und ließ sich in Richtung Schulschwester transportieren. Die Gedanken hinter seiner Stirn rasten. Warum machte der das?

Wollte er die Gelegenheit nutzen, jetzt wo er wehrlos war und ihm auf dem Gang nochmal eine reinwürgen? Allerdings hatte er das den ganzen Tag über nicht versucht. Er hatte, soweit er das in seinem etwas benebelten Zustand beurteilen konnte, noch nicht einmal gelacht, als er selbst am Boden gelegen war. Warum nicht? Steckte da irgeneine Gemeinheit dahinter? Hatte er vielleicht den Auftrag bekommen, sich bei ihm einzuschmeicheln? Oder hatte er nur auf eine solche Gelegenheit gewartet?

Seine Verwirrung steigerte sich noch, als er sich schließlich im Krankenzimmer wiederfand, wo er einen Eisbeutel für sein Gesicht, sowie Pflaster für Ellenbogen und Knie und einen festen Verband um den verstauchten Knöchel bekam. Brad würde jubeln.

Omi hatte während der ganzen Zeit an der Wand gelehnt und aus dem Fenster gestarrt. Er schien tief in Gedanken zu sein, denn die Schwester musste ihn mehrmals ansprechen, bis er reagierte.

"Du kannst ihn jetzt wieder zurückbringen...", meinte die ältere Frau mit einem freundlichen Lächeln, das Omi sofort erwiderte. Innerlich stritt er immer noch mit sich selbst. Er war eindeutig im Zwiespalt mit seiner Loyalität Weiß gegenüber und seinem Gerechtigkeitssinn, wenn es um Schwächere ging. und Nagi war im Moment ganz eindeutig Schwächer. Nachdenklich kaute der Blonde auf seiner Unterlippe, während er den Dunkelhaarigen wortlos zurück zur Turnhalle stützte, damit dieser nicht mit seinem vollen Gewicht auf dem verletzten Fuß laufen musste. 

Was ihn zudem erstaunte war, dass sein Gegner nicht ein einziges Mal protestierte. Also entweder tat die Verstauchung wirklich so weh, oder aber der Andere war genauso verwirrt wie er selbst. Sie hatten die Tür zur Umkleide beinahe erreicht, als er plötzlich leise Worte neben sich hörte.

"Warum tust du das?" Nagi sah seinen Helfer nicht an, hielt den Blick starr auf den hässlichen, hellgrauen Fußbodenbelag gerichtet. 

Omi blinzelte ein paar Mal. "Warum tue ich was? Dir Helfen?" Ein schwaches Nicken war die Antwort. Er dachte einen Moment lang nach. Eigentlich sollte er langsam eine Antwort darauf haben, wo er doch den ganzen bisherigen Vormittag nichts anderes gemacht hatte, als darüber nachzudenken. Doch ihm wollte keine Begründung einfallen, zumindest keine, die nicht in seinen eigenen Ohren lächerlich geklungen hätte.

"Ich weiß nicht.... ich glaube.... das hier ist keine Mission, wir sind nicht im Kampf.... ich will hier keinen Streit, verstehst du? Ich will.... das hier ist normal....", stammelte er etwas zusammenhangslos heraus, weil er beim besten Willen nicht wusste, wie er es erklären sollte. Seine Wangen röteten sich leicht, es war ihm peinlich, dass er hier wie ein kleines Kind mit seinem Feind stand und nicht weiter wusste.

Zu seiner Überraschung sah er aus dem Augenwinkel heraus, wie Nagi nickte. "Ich weiß was du meinst....", murmelte der Junge, sah ihn aber weiterhin nicht an. "Aber geht das denn?" Hey, der klang ja fast etwas bedauernd. 

Omi zuckte die Schultern. "Ich weiß es nicht.... wir können es ja... versuchen?", fragte er dann hoffnungsvoll. Er wollte sich nicht mit Nagi streiten, nicht hier und er wollte auch nicht dauernd auf seinen Rücken aufpassen müssen. Aber konnte er ihm vertrauen? Nein, sicher nicht. Sie mussten ja auch keine Freunde werden, das ging einfach nicht, aber vielleicht kamen sie wenigstens einigermaßen miteinander aus. 

Prodigy schien zu überlegen, wiegte dann den Kopf hin und her und sah Omi auf einmal offen an. "Dass das klar ist, nur ein Waffenstillstand, mehr nicht!" Täuschte der Blonde sich, oder war da wirklich etwas mehr Ausdruck in den mitternachtsblauen Augen als sonst? Nein, das hatte er sich sicher nur eingebildet!

Und doch konnte er selbst ein Lächeln nicht unterdrücken. "Ok, Waffenstillstand, nur hier in der Schule..." Mehr konnte und wollte er nicht erwarten und es war ein seltsames Gefühl, aber kein schlechtes. Er war... erleichtert und seine Laune, die die letzten Stunden ziemlich gedrückt gewesen war, hob sich. "Na komm, gehen wir wieder rein, sonst gibts Ärger...." Und schon wurde Nagi wieder in die Turnhalle befördert.

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Der Gong, der die letzte Stunde beendete, erlöste Nagi schließlich. Naja erlösen war vielleicht ein wenig zu hart ausgedrückt, sooo schlimm war der Schultag ja nicht gewesen. Er hatte von Unterricht nicht allzu viel mitbekommen, da er die ganze Zeit am Grübeln gewesen war, aber zumindest hatten ihn alle anderen in Ruhe gelassen nach dem Vorfall in der Sportstunde.

In der Pause hatte er seine Bücher geholt - MIT Omis Hilfe, obwohl er versucht hatte, sich dagegen zu wehren - und dann hatten sie gemeinsam gegessen. Gemeinsam. So wie in 'zusammen'. Es war ein komisches, verwirrendes Gefühl, auf einmal nicht mehr alleine in einer Ecke des Schulhofes zu sitzen, möglichst unauffällig, damit ihn niemand ansprach, sondern neben jemandem, der redete. Geantwortet hatte er zwar so gut wie nie, aber irgendwie schien dass den Blonden nicht zu entmutigen. Na schön, er hatte auch nicht viel gemacht, um ihn zu vertreiben. Besser gesagt, gar nichts.

Seufzend rieb er sich über die Stirn, da sich langsam leichte Kopfschmerzen bemerkbar machten. Das war doch alles absurd, völlig verquer. Und doch hatte er irgendwann den verrückten Tag einfach akzeptiert, warum, konnte er selbst nicht sagen. Er mochte Bombay immer noch nicht, der Hass saß tief aber Omi... Omi war ihm irgendwie sympathisch. Der Junge hatte ihn sogar fast dazu gebracht, zu reden, als er, fast mit sich selbst, über die neuesten Software-Entwicklungen diskutiert hatte. Natürlich nur über den Alltagsgebrauch, nichts missionstechnisches. 

Und selbst jetzt lief sein... Feind immer noch neben ihm her, trug einen Teil der wirklich schweren Bücher, damit Nagi seinen verstuchten Fuß nicht zu sehr belasten musste. Wenn er ehrlich war, wusste er nicht, was er mit so viel Freundlichkeit anfangen sollte. Zu ihm war noch nie jemand wirklich nett gewesen, von seinen Kollegen einmal abgesehen. Er hatte ja auch nie versucht, engere Beziehungen zu anderen Menschen zu knüpfen, die hätten ohnehin zu nichts geführt. Niemand durfte etwas von seinem Job wissen und von seiner Gabe erst recht nicht.

Aber Omi.... vor Omi musste er zumindest das nicht verstecken, der wusste bescheid, ihre nächtliche Aktivität band sie aneinander und stieß sie zugleich ab. Sie waren wie zwei Seiten einer Münze, nur wer war welche? Sein ganzes Leben hatte aus Schwarz bestanden, was davor war, daran wollte er lieber nicht denken. Weiß waren immer die Bösen gewesen, solange sie existierten. Er war in dem Bewusstsein aufgewachsen, dass das, was er tat, das Richtige war. 

Was aber, wenn es seinem neuen Banknachbarn nicht anders ging? Der Junge war Takatoris Sohn, das wusste er. Naja eigentlich war er es nicht, aber er würde den Teufel tun und Geheimnisse ausplaudern. Das konnte ihn und ganz Schwarz das Leben kosten. Aber wie musste sich jemand fühlen, der gegen den - vermeintlich - eigenen Vater kämpfte? 
Und warum zum Teufel interessierte ihn das alles überhaupt? Er sollte es wie Schuldig halten, nehmen, was ihm geboten wurde und es bis zum letzten ausnutzen. 
Vielleicht interessierte es ihn, weil er zu begreifen begann, dass es nicht nur Bombay gab, sondern weil er heute das erste Mal Omi kennengelernt hatte. Ob es dem Anderen ähnlich ging? Sollte er vielleicht einfach fragen? Aber das würde dann wohl doch zu weit gehen, sie hatten einen Waffenstillstand geschlossen, nicht mehr und auf weiteres sollte er sich einfach nicht einlassen.

Und doch ließen sich seine Gedanken nicht einfach ausschalten. Gestern Ken, heute Omi. War das nur Zufall? Bestimmt, er glaubte nicht an Sachen wie Schicksal. Aber seltsam war es schon. Und es wurmte ihn, dass er jetzt bereits anfing, die Beiden als Personen, nicht mehr nur als Gegner zu sehen, wie er es eigentlich tun sollte. Es konnte mehr als fatale Folgen haben, wenn ihm die Feinde zu nahe kamen.

Für heute hatte er jedenfalls erst mal genug und er war froh, dass der Tag gelaufen war. Zuhause wartete Farfarello auf ihn und was er jetzt brauchte, war ein wirklich großes Stück Schokolade, um sich wieder zu beruhigen und vielleicht nochmal ganz nüchtern über alles nachdenken zu können.

Die beiden Jungen steuerten auf das Schultor zu und fast gleichzeitig fiel ihnen ein brandroter Sportwagen auf. Keine große Kunst, der stand ja genau vor dem Eingang, im Halteverbot natürlich.

Omis Augen weitete sich etwas, als er den Fahrer erkannte und seine Schritte wurden immer langsamer und langsamer. "Ähm.... vielleicht ist es besser, wenn du alleine weitergehst...", murmelte er unsicher und drückte Nagi seine Bücher in die Hand. 

//Zu spät, Kätzchen, ich hab dich schon gesehen....// Tönte da auch schon die spöttische Stimme Schuldigs in seinem Kopf. Die Augen des Blonden verdunkelten sich etwas. 

Nagi nickte nur und nahm seine Sachen entgegen. //Schuldig lass ihn zufrieden!//, sandte er nur an seinen Kollegen, nickte Omi zum Abschied noch einmal zu und humpelte dann auf das Cabrio zu. Die Tür wurde geöffnet, er stieg ein und begegnete dem überraschten Blick des Deutschen. "Was ist denn in dich gefahren?", fragte der Ältere etwas verwirrt.

Der Junge unterdrückte ein Grinsen. Seine Barrieren waren besser, als er angenommen hatte, oder Schuldig hatte einfach nur nicht nachgesehen. "Erklär ich später, jetzt fahr los... was machst du eigentlich hier, wo ist Crawford?" Es war schon mehr als seltsam, dass der Leader ihn nicht abgeholte, nachdem er ihm am Morgen noch eingeschärft hatte, auch ja auf ihn zu warten udn nicht zum Bus zu gehen. Naja vielleicht musste er ja ein wichtige Telefonat führen. Aber immerhin hatte er Schuldig geschickt. Allerdings machte ihn der besorgte Gesichtsausdruck des Telepathen stutzig.

"Schuldig?" Der Orangehaarige schüttelte den Kopf. "Es ist nichts, er fühlt sich nur nicht gut... er hatt heute morgen eine Vision erzwungen...." Nagis Augen weiteten sich erschrocken. Er wusste, wie anstrengend das für seinen Anführer war und Brad war doch sowieso nicht auf der Höhe gewesen. "Geht es ihm gut?"

Schuldig lächelte beruhigend. "Natürlich geht es ihm gut, er schläft..." Etwas beruhigter ließ der kleine Telekinet sich in das Lederpolster sinken, aber ein Rest an Besorgnis blieb trotzdem. Nicht zuletzt weil Crawford Visionen wirklich nur dann herausfbeschwor, wenn es um etwas ernstes ging. Doch er fragte nicht, wusste genau, dass er von seinem Kollegen keine Antwort bekommen würde. Er musste sich gedulden.

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Omi sah dem davonfahrenden Wagen hinterher und löste sich schließlich aus dem Schatten der Schulmauer. So schnell, wie die Präsenz in seinen Gedanken da gewesen war, so schnell war sie auch wieder verschwunden. Überraschend für ihn, denn normalerweise nutzt schuldig jede Gelegenheit, ihn zu reizen, zu ärgern, zu verspotten. Und er wusste ganz genau, wo er seine Gegner am empfindlichsten Treffen konnte. Umso mehr erstaunte es ihn, dass der Telepath nicht weitergemacht hatte. Ob Nagi da seine Finger im Spiel....

Plötzlich legte sich eine schlanke Hand auf seine Schulter. Er fuhr herum und blickte in die kalten Augen seines Anführers. "Komm...", mehr sagte der Rothaarige nicht. Es klang noch nicht einmal kälter als sonst und doch hatte der Junge das Gefühl, als würde ein Kübel Eiswasser über ihm ausgeschüttet werden. Hatte Aya ihn etwa gesehen? Mit Nagi zusammen?

Zögernd folgte er dem Älteren um eine Ecke herum, wo der weiße Porsche geparkt war. Stumm stieg er ein und schloss die Tür.
Während der ganzen Fahrt wurde kein Wort gesprochen, auch wenn der Blonde mehrmals ansetzte. Was sollte er jetzt machen?

Wenn der Andere ihn gesehen hatte, konnte er sich auf einiges gefasst machen, wenn nicht, würde er sich womöglich verraten. Es war wohl das Beste, wenn er erstmal gar nichts sagte und einfach abwartete. Vorsichtig warf er seinem Leader einen Seitenblick zu, doch der konzentrierte sich wie immer stur auf die Fahrbahn und den Verkehr, bis der Wagen sauber geparkt in der Einfahrt stand. 

Mit einem mulmigen Gefühl im Magen nahm Omi seine Schultasche und stieg aus.

Kapitel 12

Das Erste was er wahrnahm, als sich der Nebel in seinem Geist langsam löste war... Dunkelheit. Na wunderbar, jetzt konnte er wieder einigermaßen klar denken und sah dafür nichts, oder wie? Seine Finger tasteten nach dem Schalter seiner Nachtischlampe, wurden jedoch von einer schmalen, feingliedrigen Hand aufgehalten, die seine zurück auf die Bettdecke drückte.
 
"Was....?" Seine Lider hoben sich langsam, schlossen sich jedoch sofort geblendet wieder. Naja, man konnte nichts sehen, wenn man die Augen zu hatte, nicht wahr? Diese Erfahrung hatte er gerade wieder machen müssen und schalt sich selbst einen Narren für seine Dummheit.
 
"Bleib liegen... trink..." Ein Glas oder Becher wurde an seine Lippen gehalten, er öffnete sie ganz automatisch, verzog aber kurz das Gesicht, als er die klebrige Süße auf seiner Zunge fühlte. Was war das? Schmeckte seltsam, nicht schlecht, aber... süß eben.
 
"Cola, du brauchst Energie....", kam auch die prompte Antwort auf seine Frage.
Brad versuchte krampfhaft, die Eindrücke zu sortieren. Ok, es war also Tag, dass hatte er aus dem kurzen Blick, den er auf sein Zimmer hatte werfen können, geschlossen. Und warum lag er dann im Bett? Er schlief niemals, solange es hell war. Auch nicht wenn es dunkel wurde. Nachts... nachts, ja da schlief er manchmal.
 
Verwirrt fragte er sich im gleichen Moment, warum er eigentlich solchen Unsinn dachte. Hatte er vielleicht einen Schlag auf den Kopf bekommen? Das würde zumindest seinen gegenwärtigen Zustand erklären. Dann musste es aber ein besonders heftiger Schlag gewesen sein.
 
Stirnrunzelnd versuchte er sich zu erinnern. Er hatte Nagi zur Schule gefahren... das Gespräch mit Schuldig... seine Kopfschmerzen... Schuldig!
 
"Schuldig?!" Er wollte hochfahren, wurde aber von unsichtbaren Händen festgehalten. Einen Moment wehrte er sich, musste aber schnell aufgeben, weil ihn die Kräfte rasch wieder verließen. Ganz langsam und sehr vorsichtig diesmal, öffnete er die Augen erneut.
 
"Ruhig... er ist unten und isst was, nehm ich an...." Nagi blickte besorgt auf seinen Ziehvater hinunter. Er hatte die letzten zwei Stunden damit verbracht, zu grübeln, warum Brad sich so was angetan hatte. So wichtig konnte es doch wohl nicht sein, oder? Es gab ihm ein Gefühl der absoluten Hilflosigkeit, den Älteren so bleich und bewegungslos in den Kissen liegen zu sehen und absolut nichts tun zu können. Was nützten ihm all seine tollen Superkräfte, wenn er damit noch nicht mal jemandem helfen konnte, den er gerne hatte? Auch wenn der Deutsche ihm noch so oft versichert hatte, dass es Crawford gut ging, ein Rest Sorge blieb doch. Ein ziemlich großer Rest sogar.
 
Er wusste aus Erfahrung, dass der Andere jetzt Schlaf und Energie am nötigsten hatte, deshalb auch die Cola. Vorsichtig, um ihm nicht wehzutun, drückte er den Größeren wieder in die Horizontale und beobachtete, wie dessen Blick langsam klarer wurde.
 
"Was ist passiert?" Die normalerweise sehr kraftvolle Stimme schwankte etwas, auch der eisige Ton, der gewöhnlich immer mitschwang, wenn auch nur unterschwellig, war fast vollständig aus ihr verschwunden, ein untrügliches Zeichen, wie schlecht es Brad im Moment ging.
 
Nagi zuckte leicht die Schultern. "Schu hat gesagt, du hast versucht eine Vision zu erzwingen...", frischte er dann das Gedächtnis seines Leaders auf. Dessen Stirn furchte sich noch mehr. Wenn er nicht aufpasste, bekam er noch frühzeitig die ersten Falten, schoss es dem Jungen irrsinniger Weise durch den Kopf. In diesem Moment war er froh, dass Brad keine telepathischen Fähigkeiten hatte, das würde dann doch sehr peinlich werden.
 
Er ließ den Anderen die Nachricht verdauen und darüber nachdenken, während er ein weiteres Glas einschenkte. "Trink...", forderte er dann den Älteren auf, der sich fast widerstandslos helfen ließ und brav trank, eine Tatsache, die Nagis Sorge gleich noch mal ankurbelte. Brad tat niemals freiwillig etwas, das von ihm verlangt wurde, schon gar nicht ließ er sich helfen.
 
Erschöpft schloss der Schwarzhaarige seine Augen wieder. Die Erinnerung kehrte nur langsam zurück. Richtig... er hatte die Vision erzwungen, als es um die Beseitigung Abyssinians ging. Die Bilder kamen, zögerlich nur, als wollten sie ihn nicht erschrecken, doch sie kamen wenigstens.
 
"Brad? Alles in Ordnung?" Die besorgte Stimme seines Ziehsohnes riss ihn aus den Gedanken. Er hatte gar nicht bemerkt, wie fest er die Zähne aufeinander gebissen hatte, seine Kiefer begann schon zu schmerzen. Schnell lockerte er den Druck und seufzte leise. "Schon gut... es ist nichts..." Nagi fragte zum Glück nicht weiter, sondern beließ es dabei.
 
Ein paar Minuten später hörte er das Rascheln von Kleidung und einen Stuhl, der vorsichtig zurückgeschoben wurde. "Ich geh dir was zu Essen holen..." Die Stimme des Kleinen schien weit weg zu sein. Er spürte sich nur nicken und war auch schon wieder weggedämmert. Sein Körper war wohl mehr belastet worden, als er erwartet hatte. Er hasste Überraschungen.
 
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
 
Nagi stieg langsam die Treppe hinunter. Zu beeilen brauchte er sich nicht, Brad war eben wieder weggedöst. Sollte er schlafen, essen konnte er in einer halben Stunde auch noch, das tat sich nichts.
 
Seine Teamkameraden hoben den Blick, als er die Küche betrat. Selbst Farfarello schien so etwas wie Interesse am Befinden ihres Anführers zu haben.
"Er ist aufgewacht...." Der Junge nickte nur auf Schuldigs Feststellung hin. Entweder der Deutsche hatte es in seinem Kopf gelesen oder er wusste ganz einfach, dass Nagi niemals seinen Posten vor Brads Bett verlassen hätte, bevor sich dieser rührte und wenn neben dem Haus eine Bombe einschlagen würde.
 
Farfarello stand auf, trat an den Herd und füllte eine Schüssel mit dem Eintopf, den er gemacht hatte. Er drückte ihren Jüngsten auf einen Stuhl und stellte das Essen wortlos von ihm ab, drückte die schmale Schulter noch mal sanft und warf Schuldig einen fragenden Blick zu. Der schüttelte den Kopf und räumte brav sein leeres Geschirr auf.
 
Der Ire verengte die Augen ein wenig. Irgendwas stimmte nicht. Sonst musste man den Deutschen zum wegräumen seines Krempels beinahe prügeln, ihm mit allem möglichen drohen, bevor er mal seinen faulen Hintern bewegte. Irgendwas hatten die beiden Älteren da oben besprochen und dann war Brad umgekippt, soviel hatte er schon mitbekommen. An dem Gespräch selbst hatte er kein Interesse gehabt, wenn es etwas wichtiges war, würde er es noch früh genug erfahren, wenn nicht, war es ihm egal.
Doch jetzt... Nagi machte sich Sorgen und stocherte eher lustlos im Eintopf herum, anstatt wirklich etwas zu essen und DAS war ihm nicht gleichgültig. Der Junge musste essen! Er war schon den ganzen Nachmittag noch stiller gewesen als sonst.
Farf war ein paar Mal oben gewesen, um nach ihm zu sehen, als dieser an Brads Bett gewacht hatte, doch der Kleine hatte nicht mal den Blick von ihrem Leader gelöst.
 
Vielleicht sollten er, Schuldig und sein Lieblingsmesser mal ein Gespräch unter drei Augen führen? Er spielte wirklich mit dem Gedanken, denn anders würde der Deutsche wohl nicht herausrücken. Andererseits wäre es nicht gerade vorteilhaft, ihr Team noch weiter zu schwächen. Man wusste ja nie, wann ein neuer Auftrag hereinkam. Und außerdem hatte er weder Lust, für zwei Kranke zu kochen, noch wollte er, dass sich Nagi noch mehr Sorgen machte, also verwarf er die Idee lieber wieder.
 
Daran, mal zu fragen, dachte er gar nicht, das wäre ja zu einfach und wenn Farf ja alles war, aber einfach nicht.
Er begnügte sich für den Moment damit, sich wieder an den Tisch zu setzen und die blitzsaubere Tischplatte anzustarren, während er nach einer Lösung suchte. Er war vielleicht verrückt, das wusste er auch, aber dumm war er sicher nicht. Doch trotz allem Grübeln wollte und wollte ihm nichts einfallen. Also würde er wohl oder übel warten müsse, bis Brad wieder auf den Beinen war.
 
Lustlos rührte Nagi ein wenig in seiner Schüssel, als wenn das etwas am Inhalt ändern würde. Um Farfie einen Gefallen zu tun, aß er ein paar Bissen, obwohl er weder Appetit noch Hunger hatte und am liebsten wieder nach oben verschwunden wäre. Der Irre schien seine Gedanken zu erahnen und sagte nichts. Ansonsten hätte er wohl darauf bestanden, dass der Junge ordentlich aß, doch er blieb stumm.
 
Nach einer Weile hatte der Jüngste genug und schob die Schüssel von sich weg. Hatte er sich das nur eingebildet oder war gerade wirklich ein seufzend von dem Weißhaarigen gekommen? Er hob überrascht den Blick, sah aber nur die Rückenansicht seines Kollegen, der sich schon wieder am Herd zu schaffen machte. Hatte er sich wohl nur eingebildet, solche Befindensäußerungen machte Farfarello so gut wie nie, warum also jetzt? Er schüttelte den Kopf und rieb sich kurz über die Schläfen, eine Geste, die er im Laufe der Jahre, ohne es zu merken, von Brad übernommen hatte.
 
Er schaute wieder hoch, als ihm eine warme Schale in die Hand gedrückt wurde. Nur ein paar einsame Kartoffelstückchen und etwas Gemüse schwammen darin herum. Er begegnete dem Blick des Iren, der ihn mit einem winzigen Lächeln betrachtete. "Geh schon, er wird Hunger haben..."
 
Dem Anderen einen dankbaren Blick zuwerfend erhob er sich, nickte Schuldig, der genauso erstaunt schien wie er, noch einmal zu und verließ dann die Küche wieder in Richtung oberes Stockwerk. Ein besorgter Blick aus einem einzelnen, goldenen Auge folgte ihm.
 
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
 
Aya hatte kein Wort mit ihm gewechselt, auch nicht, nachdem sie dass Koneko wieder erreicht hatten. War das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen? Er redete ja sonst auch nie, aber heute bekam dieses Schweigen irgendwie eine ganz neue Dimension. Es war fast schon bedrohlich.
 
Omi hatte eigentlich keine Angst vor seinem Anführer, nicht wirklich. Er respektierte ihn, bewunderte ihn für seine eiserne Disziplin und seine Stärke, aber wirklich Angst hatte er nicht. Und doch blieb ein ungutes Gefühl in der Magengegend. So als wenn er etwas ganz wichtiges verpasst hätte, nein schlimmer, als wenn er jemanden hintergangen hätte.
 
So abwegig war der Gedanke für ihn gar nicht. Er wusste ganz genau, was Schwarz mit Ayas Familie gemacht hatte, nein eigentlich nicht mit Ayas Familie, sondern mit Rans. Er hatte ein Bild von dem Jungen gesehen, der er einmal gewesen war und es hatte ihm einen tiefen Stich versetzt, denn die Veränderung musste man einfach bemerken.
 
Diese violetten Augen hatten mal gerne gelacht, genauso wie der heute kalte und strenge Mund. Dieses puppenhafte Gesicht, das oft aussah wie aus Marmor gemeißelt war nicht immer so gewesen. Es hatte scheinbar eine Zeit gegeben, wo man offen in diesen Zügen hatte lesen können. Heut schien ihm Ayas Körper nur mehr eine leere Hülle zu sein, fast tot, erfroren im Eis der Gefühlskälte.
 
Er hatte sich oft überlegt, ob er nicht mal mit dem Älteren reden sollte, den Gedanken aber wohl zu recht jedes Mal wieder verworfen. Sein Leader wollte nicht, dass irgendjemand etwas über seine Vergangenheit wusste, das hatte er von Anfang an mehr als klar gemacht und Omi fand, dass er kein Recht hatte, ihm diese Privatsphäre zu nehmen. Eigentlich hatte er sie ihm in dem Moment gestohlen, als er sich in den Hauptrechner ihres Auftraggebers einhackte und sich die Informationen genommen hatte. Aber er war so furchtbar neugierig gewesen, was dieser stille Mann verbarg, den aber irgendwie eine Aura von Bitterkeit fast greifbar umgab.
 
Er war sich sicher, dass die anderen Beiden das ebenfalls spürten, aber Yohji mischte sich nicht ein, weil er wohl fand, dass ihn solche Sachen nichts angingen und Ken, weil er ohnehin oft genug mit dem Rotschopf auf Kriegsfuß stand. Es war Omis, seine eigene Aufgabe, das Team menschlich zusammenzuhalten, Aya sorgte für ihre Organisation und dafür, dass sie alle die Nächte einigermaßen überlebten, er schmiss praktisch den gesamten Haushalt, er putzte, er kochte, mehr konnte man von ihm nicht verlangen.
 
Unsicher blickte er auf den schlanken Rücken vor ihm. Der Rothaarige hatte sich seines Mantels entledigt und steuerte sofort die Küche an, aus der es bereits verführerisch duftete. Ken und Yohji waren wohl noch im Laden beschäftigt, sonst würden die beiden schon längst um ihren Leader herumschleichen und versuchen, etwas aus den Töpfen zu bekommen. Und wie immer würde ihnen Aya dabei fast die Finger abhacken und nur ihre exzellenten Reflexe würde sie davor bewahren, danach weniger Glieder zu haben als vorher.
 
Etwas langsamer zog er sich aus und folgte dem Älteren dann. Seine Sporttasche stellte er an den Kellerabgang, damit Aya die schmutzigen Sachen waschen konnte. Ein wenig schämte er sich ja schon wegen seiner Bequemlichkeit, aber es war unter Strafe verboten, die Waschmaschine auch nur anzufassen, nachdem sowohl Yohji, als auch Ken und er selbst eine ganze Ladung von Unterwäsche und Shirts verfärbt hatten. Ayas Wäsche.
 
Leise schlich er sich in die Küche und begann, den Tisch zu decken. Kurz warf er einen Blick über die Schulter seines Leaders, um zu sehen, was es zu essen gab, doch der Rothaarige schien ihn nicht einmal wahrzunehmen. Normalerweise brachte ihm so was wenigstens einen strengen Seitenblick oder ein Schnauben ein, dass ihn vertreiben sollte, aber diesmal... nichts!
 
Gut oder schlecht? Noch etwas mehr verunsichert zog er das Genick leicht ein und stellte flache Teller auf den Tisch. Er wusste nicht so genau, was das da in den Töpfen war, wahrscheinlich irgendein westlich angehauchtes Rezept, dass der Größere ausprobierte, aber Suppe war es mal auf jeden Fall nicht. Ihm war es eigentlich auch egal, bis jetzt hatte es immer noch alles geschmeckt, was Aya gekocht hatte, auch wenn der Anblick nicht immer wunderschön war. Da lobte er sich doch japanisches Essen! Da aß das Auge meistens gerne mit.
 
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
 
Er beschäftigte seine Hände und Gedanken mit der hoch anspruchsvollen Aufgabe, Karotten in kleine, winzigkleine Stückchen zu schneiden. So klein hätten sie eigentlich gar nicht sein müssen, aber er brauchte jetzt etwas, mit dem er sich ablenken konnte. Er hatte die ganze Zeit kein einziges Wort gesprochen, auch aus Angst, seine vielleicht voreiligen Schlüsse laut auszusprechen und Omi damit zu verletzen.
 
Der Junge hatte in letzter Zeit genug mit seinen Familienverhältnissen zu tun gehabt, da musste er sich nicht noch mit einem unobjektiven, ungerechten Leader herumschlagen. Und doch, am liebsten hätte er den Kleinen gepackt und so lange geschüttelt, bis dieser ihm Rede und Antwort stand. Nur der ängstliche Ausdruck in den großen, blauen Augen hinderte ihn daran. Allerdings wusste er nicht, wie lange noch.
 
Ok, er hatte die ganze Zeit gewusst, dass Nagi und Omi auf eine Schule gingen, hatte auch nichts dagegen gesagt, weil sich die Jungen anscheinende gut arrangiert hatten und sie jede Aufmerksamkeit vermeiden mussten. Omis Sicherheit, die Sicherheit des ganzen Teams stand für ihn an oberster Stelle, egal, welchen Eindruck er manchmal machte. Er war für diesen Chaotenhaufen verantwortlich, hatte die Verantwortung übernommen und gewusst, worauf er sich einließ. Weiß war zu einer Art Familie geworden, auch wenn er es sich oft nicht eingestehen wollte. Er mochte sie alle, Omi ganz besonders, der für ihn so etwas wie ein kleiner Bruder geworden war. Er hatte zwar ein unglaublich schlechtes Gewissen gegenüber seiner Schwester, konnte aber nicht verhindern, dass ihm der kleine Hacker immer mehr ans Herz gewachsen war, bis er sich schließlich einen festen Platz darin erobert hatte.
 
Er wusste, dass es dem blonden Jungen wohl ähnlich ging, er war dessen erste Bezugs- und Ansprechperson. Er war ja nicht blind, er wusste genau, wie sehr ihn der Kleine manchmal verehrte, obwohl er nicht der Meinung war, dass es da viel zu verehren gab, ganz und gar nicht.
 
Umso schwerer traf ihn es deswegen, was er heute gesehen hatte. Omi hatte Prodigy geholfen, seine Bücher zu tragen. Der Kleinere war gehumpelt und der jüngste Weiß hatte ihm wohl deshalb seine Unterstützung angeboten. Aber warum das? Man lief doch nicht einfach so einträchtig neben seinem Feind her, half ihm auch noch ganz offensichtlich. Ok, der kleine Dunkelhaarige hatte nicht besonders glücklich ausgesehen, vor allem, als er Schuldig vor dem Schultor gesehen hatte.
 
Aya war vor dem Deutschen gekommen, er wusste allerdings nicht, warum ihn dieser nicht bemerkt hatte. Gut, er war hinter einer Ecke verborgen gewesen, aber die mentalen Fühler des Telepathen hätte ihn ohne Mühe registrieren müssen. Vielleicht hatte der Schwarz keine Lust zu spielen, so unwahrscheinlich es auch klang.
 
Der Rothaarige seufzte in sich hinein. Er hatte gesehen, wie sich Omis Augen weiteten, als er den Fahrer des auffälligen Wagens bemerkt hatte, wie er zusammengezuckt war, sich aber gleich darauf wieder entspannt hatte. Nein, Omi hatte Schuldig nicht am Schultor erwartet, er war erschrocken gewesen, ihn zu sehen, da war er sich ganz sicher. Der Kleine hatte Prodigy seine Bücher zurückgegeben und war stehen geblieben, hatte ihm nachgesehen, nachdenklich, fast, als wäre etwas Unerwartetes geschehen.
 
Das alles war ihm ein Rätsel, aber eins, das er gedachte zu lösen. Erst Ken und jetzt Omi. Und beides Mal Prodigy. Wo war die Verbindung? Setzte Schwarz ihren Jüngsten absichtlich ein, um ihr Vertrauen zu gewinnen? Möglich wäre es, die dachten wohl, einem Kind würden sie außerhalb des Jobs nichts tun. So Unrecht hatten sie damit zwar nicht, aber wenn es sein musste, wenn es die Sicherheit aller verlangte, würde er den gegnerischen Killer aus dem Weg schaffen, so sehr es auch sein Gewissen belasten mochte.
 
Auf eine Art verstand er Omi ja, aber so etwas ging einfach nicht, er konnte nicht dulden, dass solche Beziehungen zum Feind gepflegt wurden. Was, wenn einer der Beiden eines Tages zögerte, bevor er zuschlug? Es konnte sie alle das Leben kosten.
 
Doch vorerst verschob er das Problem auf später, genauer gesagt auf nach dem essen. Ken und Yohji mussten jeden Moment kommen und er selbst musste erst mal warten, bis er seine aufgebrachten Gefühle wieder völlig unter Kontrolle hatte. Er durfte sich keinen Ausraster leisten, keine Schwäche, das ging nicht.
 
Ein letztes Mal rührte er in einem der Töpfe, gab die Karotten hinein und schmeckte noch mal ab. Irgendwie hatte er das Gefühl, dass es heute nicht schmeckte wie sonst, konnte aber durchaus am Fehlen der typisch japanischen Gewürze liegen. Die gehörten in ein französisches Rezept nun mal nicht hinein. Was er da gekocht hatte, wusste er eigentlich nicht so genau, den Namen konnte er jedenfalls nicht aussprechen, aber das auf dem Bild hatte lecker ausgesehen. Seins sah zwar nicht annähernd so gut aus, aber man konnte es durchaus essen. Die Meute würde sich sowieso nie beschweren, die aßen so gut wie alles, was man ihnen vorsetzte, oder sie hatten einfach zu viel Respekt vor ihm, um zu meckern. Allerdings konnte er sich das, gerade bei Yohji nicht wirklich vorstellen, bedachte man insbesondere die Aktion vom Vormittag.
 
Er gab es auf, mit den wenigen Gewürzen, die er überhaupt verwenden durfte, noch etwas bewirken zu wollen und stellte die Töpfe auf den vorbereiteten Untersetzer auf dem Tisch. Omi wuselte davon, wohl um die anderen Beiden zu holen.
Aya setzte sich und stützte einen Moment den Kopf in die Hände. Heute fühlte er sich so richtig scheiße. Übermüdet, weil er fast nicht geschlafen hatte, dann die Sache mit Omi und heute Nachmittag würde er auch noch die kreischenden Schulmädchen ertragen müssen. Life sucks, ganz eindeutig, um es in der Sprache des arroganten Schwarz-Leaders zu sagen.
 
Er rieb sich die brennenden Augen, richtete sich aber rasch auf, als er Schritte und Stimmen auf dem Gang vernahm, rückte seine Maske schnell zurecht und schon saß Aya am Küchentisch, ruhig, beherrscht, kühl wie immer und ignorierte die Eintretenden völlig. Innerlich musste er leicht schmunzeln, weil Yohji Ken schon wieder aufzog.
 
Der junge Fußballer hatte seinem Ruf als Tollpatsch wohl wieder alle Ehre gemacht und war noch beim Rausgehen über einen Blumenkübel gestolpert, der dort mindestens schon seit einem halben Jahr stand. Typisch Ken! Er wollte gar nicht wissen, wie viele Untersetzer und Blumengestecke er zu den fünf heute Morgen noch in seiner Abwesenheit kaputt gemacht hatte. Vielleicht sollte er anfangen, es dem Braunhaarigen vom Gehalt abzuziehen, aber Ungeschicklichkeit war wohl nicht therapierbar. Leider. Er wäre der erste gewesen, der den Sportler da hin geschleift hätte.
 
Aber so sagte er nichts weiter, wartete nur, bis sich alle gesetzt und Essen auf ihre Teller geschaufelt hatten, bevor er sich ebenfalls nahm.
 
Ken ließ entmutigt den Kopf hängen, während sich schon vor einer Weile ein Rotschimmer auf seinen gebräunten Wangen ausgebreitet hatte. Er wusste doch, dass er ein elender Tollpatsch war, da musste der Playboy nicht auch noch so drauf rum reiten. Er seufzte leise, stocherte ein wenig in seinem Essen und überwand sich schließlich, damit Aya nicht meckerte, steckte sich den ersten bissen in den Mund. Schmeckte irgendwie seltsam heute, etwas fad, wie er fand, aber nicht schlecht.
 
Auch Omi schien keinen so rechten Appetit zu haben, das sah er aus dem Augenwinkel. Überhaupt schien ihr Jüngster heute etwas geknickt zu sein. War es in der Schule vielleicht nicht so gelaufen, wie er gehofft hatte?
 
Die Stille dehnte sich am Tisch aus und nur Yohji schien sein Essen mit besten Genuss in sich hineinzustopfen wie sonst eher selten. Der Blonde war den ganzen Tag schon auffällig entspannt gewesen, nicht so miesmuffelig wie sonst, wenn er Frühschicht hatte.
 
Ken war das Schweigen irgendwie unangenehm. "Na Omi, wie war die Schule heute?", fragte er deshalb, nachdem er runtergeschluckt hatte. Der kleine Blondschopf hob den Blick. "Gut...."
 
Naja ging auch ausführlicher, aber bitte. "Und wie ist der Neue so?" Der Chibi hatte da doch mal was erwähnt, wenn er sich richtig erinnerte, was er doch stark hoffte. Sonst müsste er sich nicht nur Gedanken über seine Motorik und seine Intelligenz, sondern auch noch über sein Gedächtnis machen und dabei eventuell zu einem unerfreulichen Ergebnis kommen.
 
Omi blinzelte leicht. Er hätte nicht gedacht, dass Ken sich das gemerkt hatte. "Er... naja... er..." Er schluckte leicht und warf einen Seitenblick zu Aya. Der hatte sich nicht geregt, doch der Junge war sicher, dass ihn die Amethyste ganz genau beobachteten. Er setzte noch mal an. "...er... ist...... nett... irgendwie... und..." Wie sollte er das jetzt sagen?
 
Ken runzelte die Stirn. Mit seinem besten Freund stimmte definitiv etwas nicht. Sonst war er doch auch nicht so. "Und?", fragte er deshalb weiter, anstatt einfach aufzugeben. Neben sich hörte er, wie der Rotschopf sich etwas rührte und die Stäbchen auf seinen Teller legte. "Ja, Omi, und?", durchschnitt die tiefe Stimme auf einmal das entstandene Schweigen.
 
Der kleine Blonde zuckte wie unter einem Hieb zusammen, was nun auch Yohjis Aufmerksamkeit auf den Plan rief, der dem ganzen zunächst nur mäßig interessiert gefolgt war. Omi wand sich sichtlich unter den forschenden Blicken seiner Kollegen. "...und... ach verdammt! Und es ist Prodigy! Und ich hab ihm geholfen, seine Bücher zu tragen, na und?" So, nun war es raus. Er kniff die Augen zusammen und wartete auf das Donnerwetter. Doch zunächst vernahm er nur das Klirren, als zwei paar Stäbchen aus den dazugehörigen Händen auf den Tisch, beziehungsweise in Kens Fall, gleich auf dem Boden landeten. Und die darauf folgende Totenstille.
 
Yohji zog scharf Luft ein, wechselte einen Blick mit seinem brünetten Kollegen, der Rothaarige hatte sich wieder seinem Essen gewidmet, als ob nichts wäre. "Aber... aber... geht’s dir gut?" Ken schien sich in erster Linie um Omis Sicherheit zu sorgen und musterte den Jungen gleich noch mal ausführlich.  
"Natürlich geht’s mir gut... er hat auch gar nichts versucht... nicht das kleinste bisschen!" Was machte er denn da, versuchte er gerade, Nagi zu verteidigen? Und wo blieb eigentlich Ayas Wutanfall? Immerhin hatte er doch seine Schuld inzwischen zugegeben, oder? Konnte sein Leader so jemanden wirklich in seiner Gruppe dulden.  
Die Sache schien seine Kollegen jedenfalls sehr zu verblüffen. Yohji kopierte im Moment noch ziemlich originalgetreu Kens Fischimitation, bevor er sich wieder einigermaßen fing und erst mal einen Schluck Wasser kippte. Viel lieber hätte er jetzt was Stärkeres gehabt, doch dank ihres weisen Anführers herrschte ja Alkoholverbot an öffentlich zugänglichen Plätzen. "Aber.... aber warum?" Das war die erste Frage, die ihm überhaupt einfiel. Nur was warum, das wusste er nicht so genau, da gab es so unglaublich viele Warums.
 
Omi stocherte etwas in seinem Essen herum, sah dann wieder unsicher hoch. "Naja, in meiner Klasse ist er wohl, weil er einiges auf dem Kasten hat, das wissen wir alle... mich wundert’s nur, dass er erst jetzt dahin gekommen ist... naja vielleicht auch Tarnung oder so... und nichts gemacht hat er... ich weiß nicht... es gab für ihn genug Möglichkeiten, wo keiner zugesehen hat... aber hat er auch sonst nie versucht, wir sind und auch so nie begegnet und... naja... ich hab ihm geholfen weil er sich beim Sport verletzt hat und dann hab ich ihn ins Krankenzimmer gebracht und dann musste er doch alle neuen Bücher holen, aber die konnte er doch nicht alle tragen, weil es so viele waren und naja... dann hab ich ihm eben tragen geholfen, weil... weil... weil er mir leid getan hat... glaub ich......", sprudelte es dann praktisch aus ihm heraus. Er war doch kein Verräter, war er nicht, oder? ODER? Er suchte den Blick seines Anführers, doch der funkelte ihn nur kalt an. "Bitte... Aya-kun... ich... ich hab einfach nicht nachgedacht... er war... er ist da doch auch nur ein Schüler... ich... es war einfach so... normal... ich..." Ohne dass er es verhindern konnte, schossen ihm die Tränen in die Augen. Jetzt hatte er es also geschafft, er hatte das letzte bisschen Vertrauen, dass Aya ihm entgegengebracht hatte, auch noch vernichtet! Nicht nur, dass er ein Takatori war, nein jetzt half er auch noch dem Feind, verteidigte ihn vor seinen Kollegen, den einzigen Freunden, die er überhaupt hatte.  
Ein Stuhl scharrte zurück und leise, rasche Schritte entfernten sich, kurz darauf hörte man Schüsselklappern und das Zuschlagen der Haustür. Verzweifelt vergrub er sein Gesicht in den Händen. Was sollte er jetzt tun? Aya würde ihm das niemals verzeihen, nie! Er hatte Mitleid mit dem Feind gehabt, etwas, das im Weltbild seines Leaders schlichtweg nicht existierte. Und er wollte doch so gerne den Ansprüchen des Rothaarigen gerecht werden. Er wollte doch nur, dass der stille Mann ihn auch mochte, nichts Anderes. Aya hatte ihn getröstet, als er seine Brüder hatte umbringen müssen, hatte ihm Rückhalt gegeben und was machte er?
 
Er wollte nicht weinen, nein wollte er wirklich nicht, aber die Tränen bahnten sich ihren Weg durch seine fest geschlossenen Lider, tropften still zwischen seinen fingern hindurch. Er hatte alles falsch gemacht, dabei hatte er doch nur ein bisschen nett und... einfach ein bisschen normal sein wollen.
 
Plötzlich spürte er Hände, die sich auf seine Schultern legten und er wurde an eine breite Brust gezogen, während andere, feingliedrigere ihm durch die Haare streichelte. Ein warmer, vertrauter Geruch hüllte ihn ein. "Hey... ist ja schon gut, er kriegt sich wieder ein, ganz bestimmt...", versuchte Ken den weinenden Jungen zu beruhigen. Auch Yohji stimmt ihm zu und hätte ihrem Anführer wohl am liebsten den Hals umgedreht. Der hätte sich auch wirklich etwas beherrschen können! Omi schniefte nur und schüttelte den Kopf, kuschelte sich noch mehr an Ken und blinzelte vorsichtig hoch. Zwei besorgte Augenpaare musterten ihn.
 
"Ich... ich wollte doch nur... ein bisschen nett sein... weil... es ist doch Schule... und keine Mission...", brachte er abgehackt hervor, weil er immer wieder Schluchzer unterdrücken musste. Der Braunhaarige nickte nur. "Ich weiß ja... ich weiß... nur für Aya ist immer alles Mission. für ihn gibt es nur Mission..." Er wechselte einen Blick mit Yohji. Oh, ihr Leader würde definitiv was zu hören bekommen, wenn er seinen dürren Arsch wieder nach Hause bewegt hatte, da waren die Beiden sich auch ohne Worte einig.
 
Doch so leicht ließ sich Omi nicht beruhigen. "Ich hab... hab ihn verraten... ich... deshalb..." Er brach wieder ab. Die Augen des Fußballers verdunkelten sich etwas und er seufzte leise. "Omi.... Omi ich bin doch nicht besser..."
 
Verwirrt hob der Kleine den Kopf, sah seinen besten Freund fragend an. "Was meinst du?" Er hickste leicht vom Weinen. Auch Yohji musterte seinen Kollegen etwas misstrauisch.
 
Der Brünette seufzte und wandte den Blick ab. Das war ihm mal wieder so rausgerutscht, er und sein verfluchtes Ungeschick! Er hatte doch nur Omi helfen wollen und nun hatte er sich nicht nur verplappert, jetzt musste er auch rausrücken. "Ich hab gestern mit Nagi Fußball gespielt... der stand plötzlich am Feld... naja und irgendwann hat ihn einer von meinen Jungs mitgeschleppt und dann haben wir halt alle zusammen gespielt...", murmelte er dann leise. Dass er Nagi zum erneuten Training eingeladen hatte, verschwieg er mal lieber.
 
Yohji stieß die Luft aus, die er unbewusst angehalten hatte und der blonde Junge sah ihren Sportler mit riesengroßen Augen an. Das war ja fast noch schlimmer, als das, was er gemacht hatte. Ok nur fast, aber es kam schon wirklich nahe dran, oder?
 
Ken zog den Kopf etwas zwischen die Schultern, als er den Blick ihres Ältesten sah. "Hey... er hat mir halt leid getan... ich hab in ihm in diesem Moment einfach nur einen normalen, einsamen Jungen gesehen, nicht mehr... er war doch so wie die Anderen auch... normal halt, Omi hat schon recht... und irgendwie seh ich's auch nicht ein, so wie Aya zu denken... das Leben besteht nicht nur aus Mission, zumindest nicht die Tage. Und er hat auch weder bei mir, noch bei den Kindern irgendwelche schmutzigen Tricks versucht, im Gegenteil, er hat ordentlich eingesteckt und sich noch ungeschickter angestellt als ihr Beide zusammen, obwohl er mit seinen komischen Kräften viel hätte anrichten können... er hat aber gar nichts gemacht, einfach nur mitgespielt...", setzte er dann noch nachdenklich hinzu.
 
Der Playboy ließ sich stöhnend in seinem Stuhl zurücksinken, kraulte aber Omi immer noch durch die Haare. "Oh mein Gott, ich bin von Irren umgeben...fehlt nur, dass er mir auch noch irgendwo über den Weg läuft, dann wäre die Situation ja wirklich perfekt... lass es bloß nicht Aya wissen, klar? Es reicht, wenn er auf einen sauer ist, wenn du ihm das jetzt auch noch erzählst, rastet er aus..."
 
Ken grummelte leise und zog Omi noch etwas fester an sich, der bei Yohjis Worten etwas zusammengezuckt war. Der Junge wollte doch gar nicht, dass der Rotschopf überhaupt böse war. Aber was passiert war, war nun mal passiert, dass konnte er nicht mehr ändern.
 
Der Fußballer runzelte ärgerlich die Stirn. Für wie dumm hielt ihn Yohji eigentlich? "Weiß ich selber, du Depp!", brauste er auf, wurde nur von Omi auf seinem Schoß davon abgehalten, sich auf den Älteren zu stürzen. Der hob abwehrend die Hände. "Schon gut, schon gut, ich wollt's ja nur noch mal gesagt haben!", verteidigte er sich kopfschüttelnd. Ken und sein Hitzkopf... der würde ihn noch so manches Mal in eine unangenehme Situation bringen und man musste nicht Oracle sein, um das zu prophezeien.
 
Der Fußballer grummelte noch eine ganze Weile vor sich hin, ließ die Sache aber vorerst auf sich beruhen. Er wusste ja, dass er nicht gerade intelligent war. Schließlich wurde ihm das oft genug gesagt, trotzdem musste Yohji nicht so drauf rum reiten!
 
Nach einer Weile löste sich Omi wieder von den Beiden. "Ich werd dann wohl mal Hausaufgaben machen gehn..." Auch wenn die Tränen versiegt waren, sah er immer noch sehr geknickt aus. Oh, Aya sollte nur wagen, nach Hause zu kommen, der würde was erleben! Das hatte der Kleine nun wirklich nicht verdient, eine solche Behandlung, zumal der Rothaarige wirklich wissen sollte, wie der sensible Junge aus so was reagiert mit seiner Vergangenheit!
 
Doch die Beiden sagten nichts mehr, sondern nickten nur und damit verschwand Omi in Richtung Treppe. Die Älteren räumten den Tisch ab und spülten schnell das Geschirr, der Appetit war ihnen ohnehin vergangen, selbst Yohjis gute Laune war wie weggeblasen. Schweigend öffneten sie den Laden am Ende der Mittagspause wieder und wurden sofort von kreischenden Mädchen umringt. Aya tauchte den ganzen Nachmittag nicht auf, meldete sich nicht, was wohl auch besser für ihn war. Aber so leicht würde er nicht davonkommen, alles konnte der sich auch nicht erlauben, insbesondere, wenn es um ihren Chibi ging.