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Bittersweet feelings Teil 13 bis 16

Kapitel 13

Er rannte durch die Mittagssonne. Obwohl sich das Jahr bereits dem Ende zuneigte, war es außergewöhnlich warm und in seinem langen, schwarzen Mantel war es noch wärmer. 

Aya hatte keinen Blick für die Straße, keinen Blick für die Menschen oder seine Umgebung, er wusste noch nicht einmal, wohin er eigentlich rannte, er wollte einfach nur weg. Am liebsten weg vor seiner inneren Stimme, die ihn schon jetzt ausschimpfte, was für ein Narr er doch war, Omi die ganze Schuld zu geben, denn genau so würde der Kleine das interpretieren. So und nicht anders und es war seine Schuld. 

Irgendwann blieb er keuchend stehen, sah sich das erste Mal um. Er hatte keine Ahnung, wo er hier war, offensichtlich eines der besseren Viertel Tokios, er war hier noch nie gewesen und eigentlich war es ihm auch egal. Er würde einfach weiterlaufen und wenn er die nächste Bushaltestelle fand, würde er vielleicht einsteigen und in die Stadt zurückfahren. Die Metropole war zwar groß, aber selbst hier gab es ein gewisses System. 

Seufzend trottete er weiter. Er wusste selbst nicht so recht, warum er das Konneko verlassen hatte, er war doch sonst nicht so emotional. Er hatte Omi vorher gesehen, zusammen mit Prodigy, warum hatten ihn also die Worte des blonden Jungen so aufgewühlt? Schön, der Kleine hatte dem Feind geholfen, dem Feind, der für die Auslöschung der Hälfte seiner Familie verantwortlich war, der seine Schwester ins Koma gebracht hatte, aber seine Kollegen wussten nichts davon, niemand außer Kritiker wusste davon und weder Persha noch sonst jemand hatte ihn jemals damit konfrontiert, was für deren Gesundheit wirklich sehr förderlich war. Warum also hatte er einen solchen Ausraster bekommen? 

Er war gegangen, bevor er noch etwas sagte, dass ihm hinterher möglicherweise sehr leid tun könnte, es war das einzig richtige gewesen, auch wenn er die Anderen damit im Ungewissen ließ. Er musste sich erst mal selbst wieder unter Kontrolle bringen. 

Seine brodelnden Gefühle zum Trotz hielt seine Maske noch, aber er fragte sich ernsthaft wie lange. Irgendetwas an Omis gestottert hatte eine Lawine in ihm losgetreten, eine von der Sorte, die man nicht aufhalten konnte, egal wie weit und wie lange man lief. Er hasste den Gedanken, sich nicht mehr beherrschen zu können, etwas zu tun, dass er später bereute und er hasste sich selber dafür, dass er dem Kleinen wehgetan hatte. Er liebte den Jungen wie einen Bruder, auch wenn er es niemals zugeben würde, schon allein deshalb nicht, weil er sich wie ein Verräter an Aya-chan vorgekommen wäre. Aber er wusste genau, dass er alles getan hätte, um den Kleinen glücklich zu sehen, dass er alles versuchte, um ihn zu schützen, dass er auch deshalb heute vor der Schule nahe daran gewesen war, sich den kleinen Schwarz vorzuknöpfen. 

Und doch... noch einmal rasten Gesprächsfetzen durch seinen Kopf, noch einmal hörte er Omis Versuche, sich zu entschuldigen... 
//... weil... weil er mir leid getan hat... er ist da doch auch nur ein Schüler... es war einfach so... normal...// 
Dazu kam auch noch der flehende Blick auf großen, blauen Augen, der sich ihm eingebrannt hatte. Durfte er wirklich so vermessen sein, und Omi für seine Gutherzigkeit tadeln, vielleicht sogar verachten? 

Er hatte nicht gezögert, als es daran ging, den Jungen aus der Gewalt seiner psychopathischen Familie zu befreien, er hatte nicht einmal eine Sekunde lang darüber nachgedacht, dass es vielleicht eine Falle hätte sein können, er hatte den Kleinen getröstet, war für ihn da gewesen, obwohl es seiner kalten Schale schadete, Omi einen Blick hinter die Maske gewährt hatte, etwas, dass er niemals hätte zulassen dürfen. Und doch war es geschehen. 

War es unrecht, war der Junge einem Klassenkameraden half? Nein, das ganz sicher nicht, es hätte ihn doch stark gewundert, wenn es anders gewesen wäre, aber ausgerechnet DIESER? Und Ken, was war mit Ken? War es Unrecht, mit einem Jüngeren Fußball zu spielen? Auch diese Frage musste er verneinen, aber ausgerechnet mit dem FEIND? Durfte er das dulden? WOLLTE er das dulden? 

Omi hatte schon Recht, wenn er sagte, dass Prodigy in diesem Moment so... normal gewesen war. So normal, wie ein Killer, der zur Schule ging, so normal, wie ein Mörder, der Nachmittags mit Kinder spielte, so normal, wie ein Attentäter, der nachts durch Clubs zog und Weiber aufriss, so normal wie ein verdammter Schwertkämpfer, der heimlich seine kleine Schwester im Krankenhaus besuchte, damit niemand etwas von seiner Vergangenheit erfuhr.... 

Aya ließ sich gegen die nächst beste Hausmauer sinken und vergrub das Gesicht in den Händen. Die Gedanken hinter seiner Stirn rasten, ließen seinen Atem schneller gehen. Für einen kurzen Moment hatte er das Gefühl, verrückt zu werden, endgültig durchzudrehen. Es war nicht die Empfindung, die er hatte, wenn er etwas mitbekam, das mit Takatori zu tun hatte, nein es war das niederschmetternde Gefühl, dass alles zu viel wurde, ihm über den Kopf wuchs, nicht mehr unter seiner Kontrolle war. 

Doch nach ein paar Augenblicken siegte die Vernunft wieder, die selbe kalte Entschlossenheit, die ihn davor bewahrt hatte, den Verstand zu verlieren, als seine Eltern starben, die ihn befähigt hatte, sein Schwert zu ergreifen und Nacht für Nacht auf die Jagd nach dem Abschaum der Menschheit zu gehen, die ihn die Wand um sich herum hatte aufbauen lassen, die fast nichts und niemand durchdringen konnte. Niemand außer einem kleinen, schmächtigen Jungen mit großen, blauen Augen und der Fürsorge einer Mutter Theresa. 

Wider willen verzog sich sein Mund zu einem Lächeln, etwas, dass er nicht oft tat. Er dachte gerade absoluten Blödsinn und es amüsierte ihn, als er das selbst merkte. Mutter Theresa, so ein Schwachsinn, er sollte vielleicht weniger lesen und mehr schlafen... sein Lächeln wurde wehmütig. Irgendwie stimmte sein Gedanke ja, der Kleine half allem und jedem, egal wie unfreundlich, beleidigend oder eiskalt er war. Er hatte sich nicht durch seine harte Schale abschrecken lassen, war beharrlich geblieben und sich schließlich einen Platz in seinem Herzen erobert, auch wenn es noch so kalt war. Er seufzte leise, denn die Erinnerung, die dadurch heraufbeschworen wurde, verursachte ein leichtes Ziehen in seiner Brust. Irgendwie war er neugierig, wie sich Omi und Aya-chan verstanden hätten, die beiden würde sicherlich ein niedliches Paar abgeben.... aber dazu würde es niemals kommen, niemals... und außerdem wurde er seit ungefähr zehn Minuten beobachtet, meldete ihm soeben ein kleiner Bereich seiner Wahrnehmung, der bis jetzt von seinen außergewöhnlich starken Gefühlen verdrängt worden war. 

Ruckartig richtete er sich auf und sein Gesicht wurde wieder zu der üblichen, starren Maske, als er sich umsah. Weit musste er nicht schauen, da, keine fünf Meter vor ihm stand er, wie aus dem Boden gewachsen. Er musste wirklich tief in Gedanken gewesen sein, da er ihn nicht hatte kommen hören, die fremde Präsenz nicht gespürt hatte. Soweit er wusste konnte der sich nicht teleportieren wie Mastermind, zumindest hatte er es noch niemals mitbekommen. 

Seine Haltung war angespannt, als würde er einen Angriff erwarten, doch Aya war für den Moment viel zu verwirrt, zu aufgewühlt und zu verwundert, um an so etwas überhaupt zu denken. Mal ganz abgesehen davon, dass sie sich hier in der Öffentlichkeit befanden und er deshalb sowieso nichts machen konnte. Sein Katana lag auch zu Hause und er schalt sich innerlich für seine Dummheit aus, in Zeiten wie diesen ohne Waffe aus dem Haus zu gehen, nicht mal ein Wurfmesser hatte er mitgenommen, so überstürzt, wie er weggerannt war. Nicht, dass er gegen die verfluchten, übersinnlichen Kräfte eine Chance gehabt hätte. 

Was wollte der denn eigentlich? Stand da drüben und starrte ihn an, als gäbe es nichts Interessanteres zu sehen. Nicht einmal gerührt hatte er sich. Und warum war er überhaupt hier? Wollte er ihn erledigen, jetzt, wo er allein und ohne Waffe unterwegs war? War für die kleine Kröte bestimmt kein Problem, der musste nur einmal mit der Wimper zucken und er war so platt wie von einer Dampfwalze überrollt. 

Ein kleiner Teil seines Bewusstseins lachte sich gerade über ihn kaputt, seinen Sarkasmus hatte er ganz offensichtlich trotz allem doch nicht verloren, auch wenn er nur äußerst selten zum Vorschein kam. Vielleicht wurde er ja schizophren? Oder er bekam mehrere Persönlichkeiten, weil er den seelischen Druck nicht mehr aushielt. Viel wahrscheinlicher war allerdings, dass er einfach nur verflucht durcheinander war, sonst nichts. So ungern er es auch wahrhaben wollte. Er war eben doch nur ein Mensch und auch er hatte eine Belastungsgrenze. Der wenige Schlaf in Verbindung mit den heutigen Erlebnissen war schon Grund genug, ein wenig abzudrehen. 

Als sich sein kleineres Gegenüber immer noch nicht rührte, zwinkerte er kurz, befahl seinen Gedanken, die Klappe zu halten und zwang seine Gefühl zur Ruhe. Er brauchte jetzt all seine Aufmerksamkeit, auch wenn es ihm noch so schwer fiel. 

Der Junge machte keine Anstalten, seine Absichten zu erklären, also wäre es wohl das Beste, einfach mal nachzufragen. "Was willst du?" Gut, seine Stimme klang wie immer, eiskalt, abschätzend, gefühllos höchstens ein wenig rau, aber das machte nichts. 

Er sah, wie Prodigy zusammenzuckte und ihn ansah, als hätte er eben ein Gespenst gesehen, bevor sein Gesicht wieder absolut ausdruckslos wurde. "Mastermind hat mir gesagt, wo du bist...", kam die unzusammenhängende Antwort. "Oracle schickt mich..." 

Aha, da kam man also der Sache näher. Beinahe hätte sich eine rote Augebraue steil gehoben, doch sie blieb dank guter Beherrschung, wo sie war. Auch sonst verließ kein abfälliges Geräusch die zusammengepressten Lippen des Weiß-Leaders, so gerne es auch hinaus wollte. Der arrogante Sack von einem Ami schickte den Jungen? Warum kam er denn nicht selbst? War sich wohl zu fein. 

Prodigy schien seine Gedanken zu erraten. "Er hat geschäftlich zu tun und befürchtet, dass du auf Mastermind sofort losgehen würdest...", meinte er deshalb erklärend. 

Aya blinzelte leicht überrascht. das hatte er dann doch nicht erwartet. Wollte Oracle etwa den Kindheitsfaktor seines Hackers nutzen oder was? Ok, so furchtbar Unrecht hatte er ja nicht, bei Mastermind hätte er wohl wirklich erst zugeschlagen und gar nicht erst zugehört, was wohl auch an der Art des Deutschen lag. Und dass er Farfarello nicht schickte, verstand sich ja von selbst. Blieb also nur noch das Kind... 

Die gleichgültige Stimme riss ihn wieder in die Wirklichkeit. "Er will dich treffen.... zwei von euch und zwei von uns, du kannst wählen, wen du mitnimmst.... komm nicht allein, komm nicht mit mehr, so ist der Deal... keine Waffen..." 

Aya glaubte für einen Moment, sich verhört zu haben. Was sollte das denn? Warum zum Henker wollte der Kerl sich mit ihm treffen. Und, was die viel wichtigere Frage war, warum sollte er sich mit dem Feind treffen wollen, mit dem Mann den er bis aufs Blut hasste, fast so sehr verabscheute wie seinen Auftraggeber? 

"Warum sollte ich?", gab er deshalb zurück, denn diese Frage konnte er sich nicht verkneifen. Prodigy blinzelte etwas. 

"Er hat dir ein Angebot zu machen... hör es dir an, es wäre in deinem Interesse... Mastermind kann eine menge Sachen mit Menschen anstellen... auch mit solchen, die schon fast tot sind..." Er brach kurz ab, schien zu überlegen, ob er nun schon zu viel gesagt hatte, kam aber wohl zu dem Schluss, dass es in Ordnung war. 

"Übermorgen Nacht um drei im Park am Fußballfeld... du kennst die Stelle..." Damit drehte er sich um und war nach wenigen Sekunden aus Ayas Blickfeld verschwunden. Ein verwirrter Blick aus amethystfarbenen Augen folgte ihm. 

Taumelnd ließ sich der Weiß wieder gegen die Hauswand sinken. Was zum Teufel hatte DAS zu bedeuten gehabt? Der Kleine hatte keinen Versuch gemacht, ihn anzugreifen, obwohl sie zumindest momentan keine Zuschauer gehabt hatte, er hatte ihm nur eine Botschaft überbracht, aber was für eine! Was sollte er denn mit diesem Rätsel anfangen? 

//Mastermind kann eine Menge Sachen mit Menschen anstellen... auch mit solchen, die fast schon tot sind... auch mit solchen, die fast schon tot sind... fast tot...// 
Er hatte das dringende Gefühl, dass er die Antwort ganz genau kannte, doch er war zu aufgewühlt, sie zu erkennen. Am besten sah er erstmal zu, dass er sich wieder in den Griff bekam, bevor er weitere Schritte plante. 
Er musste nachdenken und zwar dringend! Langsam wandte er sich um und ging in die Richtung zurück, aus der er gekommen war, gelangte nach kurzer Zeit an eine Bushaltestelle und wartete einfach. 
//...fast tot...... fast...// 

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Nagi zwang sich dazu, nicht schneller zu gehen. Am liebsten wäre er einfach weggerannt, aber er musste stark sein, obwohl er innerlich zitterte. Natürlich hätte ihm Abyssinian niemals etwas antun können und doch waren seine Knie weich, als hätte er eben ein Gespenst gesehen. 

Sein Mund verzog sich abfällig. So weit hergeholt war das gar nicht, so wie sein Feind ausgesehen hatte. Leichenblass im Gesicht, was durch die blutroten Haare nur noch verstärkt wurde, Schweiß auf der Stirn und einen ganz leicht irren Blick, der ihm im ersten Moment einen kalten Schauer über die Wirbelsäule gejagt hatte. 

Doch das war nicht das eigentliche Problem, so sah der ja meistens aus, vor allem, wenn er auf Schwarz traf. Was ihn wirklich erschüttert hatte, war das Lächeln auf den Lippen des gegnerischen Leaders, zuerst amüsiert, dann ganz eindeutig wehmütig, als würde er an etwas denken, dass ihm Schmerz verursachte und zugleich schön war. Was hatte er neulich gelesen... bittersüß, ja so hatte das Lächeln ausgesehen. Irgendein Schriftsteller hatte diese Empfindung in einem Roman beschrieben, er wusste nur nicht mehr wer oder wann, aber wenn er ein Bild davon hätte machen sollen, dann wäre es dieses Lächeln auf dem Gesicht des Rothaarigen. 

Er ertappte sich bei der Frage, an was der andere wohl gedacht hatte, dass so schön und bitter zugleich war. Es rührte etwas in ihm, etwas, dass er schon lange glaubte, vergessen zu haben... Mitgefühl. Abyssinian hatte ihm Leid getan. 

Seine Stirn runzelte sich unwillig. So was durfte nicht passieren, Omi fing wohl schon an, auf ihn abzufärben und das nach dem ersten Tag. Er seufzte leise und kickte einen Stein vor sich her über den Bürgersteig. 
Dieses Gefühl von Anteilnahme hatte sich noch verstärkt, nachdem er die Botschaft überbracht hatte, die ihm von Brad gegeben worden war. Er verstand sehr gut, wie verwirrt sein Feind wohl gewesen sein musste, ihm selbst ging es ja nicht anders. Er war, nachdem Brad gegessen hatte, aus dem Zimmer geschickt worden, während sein Leader Schuldig gerufen und mit ihm eine ganze Zeit diskutiert hatte. Zu gerne hätte er gewusst, um was es ging, denn dass es etwas mit der erzwungenen Vision vom Morgen zu tun hatte, war ihm klar und er machte ich sorgen um Brad. 

Nach einer knappen halben Stunde war der Orangehaarige wieder aufgetaucht und hatte ihn reingeschickt. Sein Leader sah noch blasser und schlechter aus als vorher, irgendwas schien ihm große Sorgen zu bereiten, dass sagte Nagi schon der Blick mit dem er ihn bedachte. Doch er hatte nichts dazu gesagt, ihm nur den Auftrag gegeben und gemeint, dass Schuldig gerade herausfinden würde, wo Abyssinian sich aufhielt, dass es keine Schwierigkeiten geben würde. Dann war er auch schon wieder eingeschlafen, wobei die Sorgenfalten noch nicht einmal jetzt aus seinem Gesicht verschwinden wollten. 

Er hatte die Mission erfüllt, aber jetzt war er noch verwirrter als zuvor. Nie hätte er gedacht, den kühlen, berechnenden Rothaarigen einmal so vorzufinden, offensichtlich am Ende mit allem, völlig fertig auf gut japanisch. Das gab ihm dann doch wirklich zu denken, denn er glaubte nicht an Zufälle. Beide Leader in desolatem Zustand, obwohl sich der gegnerische noch sehr gut beherrschen konnte, aber das musste doch irgendetwas zu bedeuten haben oder? 

Er lief etwas schneller, jetzt wo er außerhalb von Abyssinians Sichtweite war. Der Andere folgte ihm nicht, was ihm ganz recht war, er hatte nicht die geringste Lust, jetzt noch einen rießen Umweg machen zu müssen, nur um Verfolger abzuschütteln. Er war nahe dran an der heimatlichen Villa, erstaunlich, wie weit Abyssinian in der kurzen Zeit gelaufen war. Er musste wirklich gerannt sein, als wäre sein schlimmster Alptraum hinter ihm her. 

Wenig später erreichte er sein Zuhause, betrat das große Gebäude leise, wie immer wenn er nicht gerade extrem schlecht gelaunt war. Im Moment war er eher nachdenklich eingestellte, als er seine Schuhe auszog und ins Wohnzimmer schaute, wo nur der Ire auf dem Sofa saß und mit Notizblock irgendeiner Kochsendung im Fernsehen folgte. Er hatte zwar noch Hausaufgaben zu machen, aber irgendwie wollte er im Moment nicht alleine sein, deswegen gesellte er sich zu seinem Kollegen auf das Sofa, zog die Beine an und schlang die Arme darum. 

Er spürte, wie die Aufmerksamkeit Farfs von dem Fernsehprogramm auf ihn überging, wie ihn das goldene Auge musterte. Für einen kurzen Moment hatte er den Eindruck, dass der Weißhaarige etwas sagen wollte, doch dann blieb er stumm, was dem Jungen auch ganz recht war. Er wollte sich jetzt berieseln lassen und ein bisschen nachdenken. 

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Er war wirklich verflucht weit gelaufen, das merkte er jetzt, wo er mit dem Bus zurückfuhr sehr deutlich. Sechs Mal musste er umsteigen, um überhaupt in eine bekannte Gegend zu kommen, das letzte Stück lief er wieder, weil er in Ruhe nachdenken wollte. 

Am Liebsten wäre er jetzt ins Krankenhaus gefahren, hätte sich ein wenig mit Aya-chan unterhalten... naja hätte ein paar Worte zu ihr gesagt, aber es gab da noch etwas, was er unbedingt vorher erledigen musste und das wartete im Koneko in seinem Zimmer, war wahrscheinlich immer noch todunglücklich, nur weil er selbst sich nicht besser in der Gewalt gehabt hatte. 

Er wusste nicht, wie er sich am besten bei Omi entschuldigen sollte, er hatte nicht mal den blassesten Schimmer einer Ahnung. Er hatte so was seit Jahren nicht mehr gemacht, konnte man es verlernen, um Verzeihung zu bitten? Anscheinend, denn alle Worte, die ihm einfielen, klangen entweder gestelzt, arrogant, geheuchelt oder schlichtweg bescheuert. Vielleicht sollte er auch einfach gar nichts sagen, und darauf hoffen, dass Omi ach so verstehen würde? Aber das wäre dann doch zu mies.... 

Ehe er sich's versah, stand er auch schon wieder vorm Koneko. Der Rollladen war zwar noch nicht heruntergelassen worden, aber er sah auch keine Kundschaft mehr hinter der Glasscheibe, nur Ken, der irgendwas auffegte. Seufzend betrat er den Laden. Was hatte der Trottel denn jetzt schon wieder kaputt gemacht? Dem Haufen Scherben nach zu urteilen, irgendwas wertvolles... 

Er blieb knapp vor seinem Kollegen stehen, doch es dauerte eine ganze Weile, bevor er bemerkt wurde. Der Fußballer fuhr mit einem erschrockenen Keuchen zurück, als er beinahe Füße, die in schwarzen Stiefeln steckte, mit aufgekehrt hätte. 

"Man, Aya, musst du dich immer so anschleichen?", moserte sein Gegenüber auch sofort los und bewarf ihn mit bösen blicken... oder das, was er dafür hielt. Der Rothaarige überlegte einen Moment ernsthaft, ob er dem Braunhaarigen nicht mal Unterricht geben sollte, DAVOR hatten jedenfalls noch nicht mal die Schulmädchen Angst! 

Er schüttelte leicht den Kopf, sah dann auf den Berg Scherben und Erde zwischen ihnen. Er stellte keine Fragen, aber das musste er auch gar nicht. Ken zog leicht das Genick ein und wirkte auf einmal sehr schuldbewusst. 

"Naja, weißt du... Yohji und ich....", begann er etwas stotternd, doch eine blasse, schmale Hand, die sich leicht hob, hinderte ihn am Weitersprechen. 
Aya wollte gar nicht wissen, was die beiden wieder angestellt hatten, Gott, die waren ja schlimmer als Kleinkinder, keine Sekund konnte man sie aus den Augen lassen, ohne dass sie irgendwelchen Blödsinn machten. 

"Wo ist Omi?" Ein verwirrtes Blinzeln aus dunkelbraunen Augen, die jedoch sofort einen seltsamen Ausdruck annahmen, folgte. Irgendwie verschloss sich Kens Gesicht, auch wenn der Rothaarige sich das nicht so ganz erklären konnte. 

Missmutig fegte der Fußballer weiter. Seine Wut war während der vergangenen Stunden etwas abgekühlt, aber lange nicht so, dass er nicht mehr sauer auf seinen Leader war, ganz und gar nicht. Er wollte ihn nur nicht mehr sofort umbringen, ein Vorteil wenn man bedachte, dass sie ohne den Rotschopf schlichtweg aufgeschmissen waren. 

Doch der schien sich nicht weiter aufhalten zu wollen, gar nicht auf eine Antwort zu warten, so viele Plätze im Haus, wo sich ihr Jüngster aufhalten konnte, gab es ja auch nicht. Wortlos stiefelte er an Ken vorbei in den Wohnbereich, ließ Yohji einfach stehen, der gerade aus der Küche kam und ihn aufhalten wollte, nach einem einzigen Blick aus eiskalten Amethysten aber dann doch lieber aufgab und sich zu Ken in den Laden verzog. 

Aya schlüpfte aus seinen Stiefel, hinein in seine Hausschuhe und hängte seinen Mantel, sowie seinen Schlüsselbund ordentlich an ihre Plätze. Mit einem raschen Blick in die Räume des untern Stockwerks überzeugte er sich davon, dass Omi hier nirgends war, stieg dann die Treppe nach oben. Der Kleine würde um diese Uhrzeit sicher Hausaufgaben machen. 

Vor der Tür mit dem Hundewelpenposter blieb er einen Moment lang stehen. Er hob eine Hand, wagte aber nicht, anzuklopfen. Im gleichen Augenblick schalt er sich einen Feigling. Er hatte das ganze angezettelt, jetzt musste er es auch ausbaden, so einfach war das und er würde sich sicher nicht drücken. 

Entschlossen klopfte er leise mit den Fingerknöcheln gegen das helle Holz, wartete geduldig auf eine Antwort und trat erst ein, als der Junge auf der anderen Seite ihn dazu aufforderte. Mit einem harschen Befehl zwang er seine flatternden Nerven unter Kontrolle und rückte noch einmal seine Maske zurecht, betrat dann das Zimmer ihres Jüngsten. 

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Omi nahm sich seine Schultasche und verschwand die Treppe nach oben. Appetit hatte er keinen mehr, definitiv nicht, dafür fühlte er sich viel zu mies. Er fühlte sich... wie ein Verräter, obwohl er doch eigentlich gar nichts schlimmes gemacht hatte. Und trotzdem hatte er das Gefühl, Ayas Vertrauen missbraucht zu haben. Ok, sein Leader hatte ihm nie von seiner Vergangenheit erzählt, aber er hatte davon gewusst und Nagi trotzdem geholfen. 

Seufzend schloss er die Zimmertür hinter sich und ließ sich geknickt auf seinen Schreibtischstuhl fallen. Er vergrub das Gesicht in den Händen, fuhr sich verzweifelt durch die wuscheligen, blonden Haare. Alles, was er im Moment tun konnte, war warten und hoffen, dass Aya nichts Dummes anstellte. Eigentlich glaubte er das ja nicht, aber man wusste bekanntlich nie. Und bei dem Temperament des Rothaarigen, wenn es denn mal durchbrach, war ihm alles zuzutrauen. 

Aber er musste sich doch unbedingt entschuldigen, wenn sein Anführer wieder da war, auf der Stelle und er musste ihm versprechen, nie wieder ein Wort mit Na... Prodigy zu wechseln. Es würde ihm zwar nicht leicht fallen, das wusste er jetzt schon, aber ihm blieb nichts anderes übrig, er musste das Vertrauen seines Leaders wiedergewinnen, um jeden Preis. 

Omi schüttelte den Kopf leicht, um den Kopf etwas klarer zu bekommen, packte dann seine Mathehefte aus und versuchte, sich auf die komplizierten Rechnungen, die sie als Hausaufgabe bekommen hatten, zu konzentrieren. Ein sinnloses Unterfangen, wie er nach einer halben Stunde feststellen musste. Trotzdem machte er verbissen weiter, sonst würde er sich nur noch mehr Ärger einhandeln, wenn er morgen Anschiss von seinem Lehrer und womöglich eine Mitteilung mit nach Hause bekam. Aya war zwar nicht sein offizieller Vormund, aber er hatte schon ganz am Anfang die Aufgabe übernommen, solche Sachen zu unterschreiben. 

Zwei stunden und ein halbes Duzend Blockblätter später, war er keinen Schritt weitergekommen und nahe am Verzweifeln. Er konnte auch keinen der anderen fragen, Ken hatte keine Ahnung von höherer Mathematik, der hatte ja die Schule fürs Fußball nach seinen Pflichtjahren sausen lassen und Yohji hatte nie wirklich aufgepasst. Manchmal fragte sich Omi wirklich, wie der Playboy überhaupt seinen Abschluss geschafft hatte, so dumm, wie der sich manchmal anstellte. 

Er war fast soweit, dass er den Kram frustriert wegpacken wollte, und sich lieber noch seinen Japanischaufgaben widmete, als es leise an seiner Tür klopfte. Er erstarrte einen Moment, denn so ein Geräusch machte nur einer. Ken kam meistens sowieso rein, ohne vorher zu klopfen und Yohji schlug immer gegen das Holz, als wäre es für alles Unglück der Welt verantwortlich. Nur Aya klopfte leise und doch deutlich hörbar. 
Omi schluckt hart, schaffte es dann aber, ein 'herein' herauszuwürgen. Würde jetzt das große Donnerwetter folgen, dass er sich die ganze Zeit unbewusst ausgemalt hatte? 

Aus großen Augen sah er seinem Leader entgegen, wie er herein trat, die Tür leise hinter sich schloss, dann auf ihn zukam. Unbewusst duckte er sich ein wenig, sammelte schon Wörter auf seiner Zunge. Ihm fiel auf, dass Aya noch blasser geworden war, die Ringe unter seinen Augen tiefer. Überhaupt wirkte er erschöpft, auch wenn er versuchte, es zu überspielen. Einem weniger aufmerksamen Beobachtet wäre es wohl gar nicht aufgefallen, aber der blonde Junge kannte seinen Anführer inzwischen gut, zumindest was dessen äußere Erscheinung betraf. Er senkte betreten den Blick, schämte sich dafür, den Anderen so angestarrt zu haben, da er genau wusste, wie sehr sein Leader das hasste. 

Noch bevor der Rotschopf irgendetwas sagen konnte, sprudelte Omi bereits los. "Aya-kun... es tut mir so leid, bitte, ich hab einfach nicht nachgedacht, ich wollte nicht das Team verraten oder so etwas, ich hab auch gar nicht mit ihm über Missionen geredet oder auch nur daran gedacht, wirklich nicht und es war nicht meine Absicht, mich mit ihm anzufreunden, gar nicht, ich wollte nur ein bisschen nett sein, wie zu jedem anderen auch und ich werde natürlich nie wieder ein Wort mit ihm reden, ich schaff das, ganz bestimmt! Nur Aya-kun... Aya bitte verzeih mir..." Tränen standen in den großen Augen und man sah, wie der Rothaarige deutlich zusammenzuckte. 

In den violetten Augen blitzte deutlich Schmerz auf, auch wenn Omi nicht deuten konnte, worauf sich dieser bezog, er nahm einfach mal an, dass es auf seinen Verrat gemünzt war. Schon hob er an, noch mehr zu sagen, da fühlte er, wie sich schlanke, kühle Finger auf seine Lippen legten. 

Verwirrt schloss er den Mund wieder und blickte sein Gegenüber an. Was sollte das denn jetzt? Doch er traute sich nicht, nachzufragen. 

Die Sekunden vergingen, bevor Aya endlich antwortete. "Es gibt nichts zu verzeihen, Omi." Der Junge blinzelte leicht. Durfte er seinen Ohren trauen, hatte der Rothaarige da gerade im ernst verlauten lassen, dass er ihm nicht böse war, dass er keinen Verrat begangen hatte, dass es nicht schlimm war... Moment er sollte vielleicht nicht so viel interpretieren. Er wollte eine Frage stellen, doch wieder wurde er unterbrochen. 

"Ich muss mich entschuldigen, ich habe... überreagiert... es tut mir leid Omi, es war nicht meine Absicht dich zu verletzen... nd du musst dich in der Schule nicht von Prodigy fernhalten, wenn du nicht willst... du hast absolut recht, dort seit ihr einfach nur Schüler, nichts weiter..." 

Wow. 
Überfahren starrte der Blonde Junge den Älteren an. Das erste was ihm aufging war eigentlich nicht der Sinn der Worte, die noch etwas brauchten, bis sein Gehirn sie verarbeitet hatte, sondern die Länge der Sätze. Und es waren noch gleich mehrere hintereinander. 
//Das wäre was für Yohji und den Kalender...//, schoss es ihm irr witzigerweise durch den Kopf. 

"Aber... Aya..." Er wusste nicht, was er sagen sollte, sein Leader hatte ihm verziehen, hatte wirklich gesagt, dass es nicht schlimm war, wenn er den Feind nett behandelte, hatte einen FEHLER zugegeben, etwas, dass noch nie, niemals vorgekommen war. Und in diesem Moment konnte Omi einfach nicht anders. 

Er warf sich Aya in die Arme, spürte erstaunt, dass er aufgefangen und nicht sofort weg geschoben wurde. Wieder stiegen ihm die Tränen in die Augen und wieder konnte er sie nicht zurückhalten. Er fühlte, wie schmale Hände ihm tröstend über den Rücken strichen, ihn an den warmen, schlanken Körper drückten, spürte die Zuneigung, die der Rothaarige nur so ausdrücken konnte, die ihm aber so unendlich viel bedeutete. 

Aya ließ den kleinen einfach weinen, streichelte ihm über den Rücken, wartete geduldig, bis er sich wieder einigermaßen beruhigt hatte, das war er ihm einfach schuldig. Er ließ die Nähe zu, vor der er seit über zwei Jahren geflüchtet war, die er nie hatte zulassen wollen und spürte erstaunlicherweise, wie sich auch seine eigenen, aufgewühlten Gefühle und Gedanken langsam beruhigten, wie sich die Wogen langsam glätteten und ihn zur Ruhe kommen ließen, wie er nach und nach wieder klar denken konnte, sich wieder vollständig in den Griff bekam. Und er war Omi dankbar dafür, auch wenn der Junge nichts davon mitbekam. 

Nach einiger Zeit verebbten die leisen Schluchzer schließlich und der Kleine löste sich langsam von ihm, wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und lächelte verlegen. "Danke Aya...", nuschelte er leise und setzte sich schließlich wieder. Und Aya ließ es zu, dass sich seine Mundwinkel etwas hoben, schenkte dem Jüngeren ein Lächeln, dass dieser wirklich glücklich zu machen schien. 

Er schaute von dem etwas verheulten Gesicht auf den Schreibtisch, auf dem sich die Papiere und zerknüllte Zettel türmten. Schnell trat er noch einen Schritt näher und beugte sich über die Notizen, überflog sie kurz, nahm sich dann einen Stift und kritzelte ein paar Zeichen und Zahlen in seiner feinen, sauberen Handschrift aufs Papier. 

Dann richtete er sich wieder auf und fuhr Omi kurz über den blonden, zerzausten Schopf, bevor er sich zum Gehen wandte. Der Blick des Jungen und ein strahlendes Lächeln verfolgten ihn bis zur Tür. 

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Zwei Tage später lag Aya auf seinem Bett und versuchte, ein Loch in seine weiße Zimmerdecke zu starren. Jedenfalls würde es einem heimlichen Beobachter so vorkommen, denn bis auf gelegentliches Zwinkern rührte sich kein Muskel in dem schlanken Körper. 

Schon geschlagene drei Stunden ging das so, inzwischen war es draußen dunkel, das Abendessen lange vorbei. Yohji war auf Streifzug durch die Bars, Ken sah sich im Wohnzimmer ein Fußballspiel an, Omi machte in seinem Zimmer Hausaufgaben. 

Und noch immer war die Frage, wen er heute Abend mitnehmen würde. Denn dass er ging, stand unwiderruflich fest. So viel ihm seine Kollegen auch bedeuteten, seine Schwester hatte absoluten Vorrang, seinen Schwur würde er nicht brechen, niemals! 

Doch wer sollte ihn begleiten? Dass es ganz sicher nicht der blonde Playboy sein würde, hatte relativ schnell festgestanden, Yohji würde mit seinen dummen Kommentaren das Treffen womöglich platzen lassen. Seine erste Wahl wäre natürlich Omi gewesen, schon alleine aufgrund von dessen ausgeglichenem Temperament. Aber konnte er das dem Jungen auch wirklich zumuten? Nicht nur, dass er ihn in höchste Gefahr bringen würde, sollte schwarz ihnen eine Falle stellen, wovon er eigentlich fast ausging, nein, er musste auch noch zusehen, sogar mithelfen, wie er womöglich mit dem Erzfeind paktierte. 

Ken konnte er allerdings auch nicht mitnehmen, dessen Hitzkopf war viel zu stark aufgeprägt. Eine dumme Bemerkung, und sein Temperament ging mit dem Fußballer durch. Nicht auszudenken, falls Oracle Mastermind mitbringen sollte, was ja nicht auszuschließen war. Also doch Omi. 

Seufzend erhob der Weiß-Leader sich und machte sich auf den Weg ins Zimmer des Chibis. War der eigentlich immer schon so kurz gewesen? Sonst war er ihm immer länger vorgekommen. Wieder stand er vor der Tür, wieder zögerte er, anzuklopfen. Er hatte ein vages Gefühl von déja-vue, bevor er ärgerlich den Kopf schüttelte und gegen das Holz pochte. 

Die Antwort kam diesmal prompt und er trat ein. Omi sah ihm fragend entgegen und sein Herz krampfte sich einen Moment lang zusammen. Kurz, für die Dauer eines Lidschlags war er versucht, einfach wieder zu gehen, doch Ken mitzunehmen, oder Yohji anzurufen, doch dann sah er in die blauen Augen, wusste, dass er niemandem mehr vertrauen konnte als diesem schmächtigen Jungen. 

"Hallo Aya-kun... was gibt's?" Aya atmete noch einmal tief durch, bevor er sich auf das Bett des Jüngeren setzte und schließlich anfing zu sprechen. Er tat das sonst nie und vielleicht begriff der Kleine deshalb von Anfang an den Ernst der Lage. 

"Hör zu, Omi. Ich hab heute Abend eine Mission, eine sehr private... und ich muss jemanden aus dem Team mitnehmen. Es ist verdammt gefährlich, vielleicht tödlich..." Noch einmal holte er tief Luft, gab Omi die Zeit, schon jetzt zu protestieren, doch der Junge blieb stumm und so machte er weiter. Es war an der Zeit, sein Geheimnis zumindest einer Person zu offenbaren, auch wenn er es so knapp wie möglich halten würde. 

"Ich habe eine kleine Schwester, die im Koma liegt. sie ist der Grund, warum ich für Weiß kämpfe. Und jetzt wurde mir ein Angebot gemacht, dass mir vielleicht erlaubt, den Verursacher ihres Zustands endlich auszuschalten..." Jetzt, wo er es erzählte, klang es selbst in seinen eigenen Ohren unwahrscheinlich, unglaubwürdig, fast schon fantastisch. Den Teil der Botschaft, den er bis jetzt nicht deuten konnte, ließ er lieber weg, alles musste Omi auch nicht wissen. 

Noch immer schwieg sein Kollege, was er als Zeichen nahm, weiter zusprechen. "Der Haken an der ganzen Sache ist der, oder besser die, die mir diesen Deal angeboten haben..." 

Omis Augen weiteten sich und Aya konnte praktisch sehen, wie der Junge verstand. "Schwarz." 
Der Rothaarige nickte. "Ja, Schwarz. Prodigy hat mich vorgestern Nachmittag abgepasst und mir die Botschaft von Oracle überbracht. Zwei von ihnen, zwei von uns, heute Nacht im Park." 

Der Blonde riss die Lider noch weiter auf. "Und du willst MICH mitnehmen?", fragte er etwas ungläubig, suchte im Gesicht seines Leaders nach Zweifel, Zögern, Irgendwas, doch der sah ihm nur ruhig entgegen. Sonst fragte er nichts, bohrte nicht nach, wollte keine Antworten wissen, die er ohnehin schon lange kannte. 
Und Aya war froh darüber, froh, dass er nicht mehr sagen musste, dass Omi noch nicht mal wissen wollte, WER denn der Verursacher war, es hätte dem Jungen nur noch mehr Schmerz bereitet, wenn er gewusst hätte, dass auch diese Tat auf das Konto seines Vaters ging. 

"Ja, erstens brauche ich eine Fernwaffe für den Notfall und zweitens....." Diesmal zögerte er leicht, bevor er es aussprach, es offenbarte einfach zu viel von ihm. "... zweitens... vertraue ich dir." 

Diese Worte trieben dem Kleineren auch prompt die Tränen in die Augen. "Aya... ich.... danke Aya!" Es war ein so wahnsinnig gutes Gefühl, sein Leader, sein großer Freund vertraute ihm, sprach es sogar aus und Omi war sich ziemlich sicher, dass er das noch nie zu jemandem gesagt hatte, zumindest nicht, seit Aya-chan im Koma lag. Es erfüllte ihn mit Stolz, dass ausgerechnet er dieses Vertrauen verdient zu haben schien , auch wenn er wirklich nicht wusste mit was. Er konnte nachvollziehen, wie schwer dem Rotschopf seine Offenbarung, die Lüftung zumindest eines Teils seines Geheimnisses gefallen sein musste, wo er doch so immer darauf bedacht war, seine drei Kollegen auf Abstand zu halten. 

Doch Aya wehrte rasch mit einer knappen Handbewegung ab. Es war ungewohnt, so viel zu sprechen, so viel von sich zu zeigen und er war sich sicher, dass er dieses Gefühl nicht mochte. "Danke mir nicht... vielleicht wirst du die Nacht nicht überleben, wenn du mit mir kommst..." 

Omi schüttelte nur den Kopf. "Ich bin ein Killer, irgendwann wird eben einer kommen, der schneller ist als ich und wenn das heute mein Schicksal sein sollte, kann ich auch nichts dagegen tun. Ich werde dir helfen!" Seine stimme klang fest entschlossen und er sah nicht so aus, als würde er noch davon abweichen, es sich überhaupt überlegen wollen. 

Und wenn Aya ehrlich war, dann erleichterte ihn diese Antwort ungemein. Hätte Omi abgelehnt, wäre er alleine gegangen, auf die Gefahr hin, das der Deal platzte. Ken hätte er sicher nicht noch gefragt. 
Langsam erhob er sich vom Bett. "In Ordnung, sei bis zwei Uhr fertig. Ken wird dann schon schlafen, er wollte morgen früh joggen gehen, Yohji ist dann noch längst nicht zurück. Und nimm ein paar Darts mit, die Armbrust lass hier, keinen Waffen hieß es..." Damit befand er, war alles gesagt, was gesagt werden musste und er ging zur Tür. Auch Omi blieb stumm, was sollte er auch antworten? Er würde sich noch etwas ausruhen, ein paar Pfeilspitzen präparieren und pünktlich fertig sein. 

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Die Nacht war stockfinster. Kein Mond, kein einziger Stern war am Himmel zu sehen, nur das gelegentliche Blicken eines startenden oder landenden Flugzeugs. Es war kalt, ungewöhnlich, wenn man die Temperaturen des Tages bedachte, aber passend zur Stimmung der beiden Gestalten, die sich lautlos, nur als Schatten sichtbar aus dem Hauseingang lösten. 

Kaum hörbare Schritte hallten auf dem Asphalt wider, ein unbedarfter Zuhörer hätte sie nicht einmal wahrgenommen. Es schien, dass das Sprichwort wirklich stimmte: der Tod kam auf leisen Sohlen und Aya und Omi machten ihren Codenamen alle Ehre, besser, leise, schneller hätte sich keine Katze fortbewegen können. 

Sie erreichten den Park innerhalb kürzester Zeit, ihre Schritte wurden langsamer. Sie würden genau pünktlich sein, nicht zu früh und nicht zu spät. Als Team eingespielt verständigten sie sich maximal mit knappern Gesten, kein Wort fiel, keine Bewegung würde unnötig gemacht. 

Um punkt drei Uhr traten sie aus dem Schatten der Baumgruppe am Fußballfeld, von der aus Aya schon Nagi und Ken beobachtet hatte. Im gleichen Augeblick lösten sich aus der Dunkelheit ein großer und ein kleinerer Umriss. 

Im blassen Schein der Straßenlaternen, die in einiger Entfernung brannte, konnte Aya den Schwarzleader, sowie den kleinen Telekineten erkennen. Erstaunlich, er hatte nicht erwartet, dass Oracle ausgerechnet Prodigy mitnehmen würde, er hätte eher auf Mastermind getippt. Aber so war es ihm auch recht. 

Noch machten die beiden keine Anstalten, irgendwie anzugreifen und die halbierten Teams blieben in gebührendem Abstand zueinander stehen. 

Der Amerikaner drehte den Kopf, nickte seinem kleinen Begleiter zu und Nagi erwiderte die Geste bestätigend. Automatisch spannten beide Weiß ihre Muskeln, wartete auf die erste Welle des telekinetischen Impulses, der sie wohl gegen die Bäume schleudern würde, doch nichts geschah. Prodigy trat zu Omi, berührte ihn ganz leicht am Arm und wenn man genau hinsah, konnte man fast ein zögerliches, sehr schüchternes Lächeln auf dem verschlossenen Gesicht erkennen. "Komm mit, wir gehen da rüber..." Die Stimme war kaum zu hören, aber Omi verstand. 

Doch erst als sein Leader ihm ein Zeichen gab, zu tun, was der Feind wollte, bewegte er sich wirklich vom Fleck, allerdings mit sehr gemischten Gefühlen. Er wollte Aya nicht alleine lassen, schon gar nicht mit Oracle, der Mann war ihm einfach unheimlich, nicht nur aufgrund seiner Gabe. 

Der Rothaarige fixierte sein Gegenüber mit dem üblichen, eisigen Blick, in den sich jetzt unverholener Hass gemischt hatte. "Nun Schwarz, ich höre? Ich bin hier, wie du wolltest, zwei von uns, zwei von euch, keine Waffen..." 

Der schwarzhaarige verzog geringschätzig die Lippen. "Keine Waffen? Soll ich nachprüfen? Ich wette der Kleine hat ein paar Darts mit Gift dabei, von dem Dolch in deinem Stiefel will ich gar nicht erst anfangen... aber lassen wir das, deswegen sind wir nicht hier..." 

Aya schwieg, wartete nur, dass der gegnerische Leader weiter sprach. 

Brad rückte seine Brille etwas zurecht. Er liebte es, den Rothaarigen so zappeln zu sehen, er würde jede Wette eingehen, dass der andere ihm am Liebsten an die Gurgel gegangen wäre, egal, wie aussichtslos die Sache eigentlich für ihn war. Wären seien Kopfschmerzen nicht, würde er das Spielchen sicher noch eine ganze Weile weitertreiben. Aus purem Sadismus wartete er noch ein paar Sekunden länger, bevor er schließlich wieder anhob. 

"Mastermind wird deine Schwester aufwecken." 


Kapitel 14

Amethystfarbene Augen trafen auf Dunkelgraue. In den kalten Edelsteinen flackerte es kurz, kaum sichtbar, wie eine fast vergessene Erinnerung, erlosch aber kaum eine halbe Sekunde später schon wieder. Es gab sie nicht, nicht für ihn.
 
"Du lügst. Wieso sollte Mastermind so etwas tun? Und warum sollte ich dir vertrauen? Wer sagt mir, dass ich für dich nicht nur die Drecksarbeit machen darf?", fragte der rothaarige Leader gleichmütig. Nichts in seinem schönen, kalten Gesicht, das im Mondlicht noch mehr als sonst dem einer Statue glich, wies darauf hin, dass sich irgendein Gefühl in dem schmalen, hoch gewachsenen Körper regte.
 
Doch Brad hatte das Funkeln in den Augen bemerkt, er hatte gesehen, wie sich etwas den Weg nach oben gebahnt hatte, etwas, dass seine stärkste Waffe gegen seinen Gegner und zugleich der Schlüssel zu ihrem Überleben war: Hoffnung. Die Hoffnung, dass die geliebte Schwester doch noch zu retten war, nach den langen Jahren des Wartens, dass das Blut, der Tod so vieler Menschen nicht einfach nur eine grausame Spielart des Schicksals gewesen war, sondern dass alles irgendwie einen Sinn ergab.
 
"Du hast recht, ich könnte dich belügen... ich könnte dich sogar töten, hier und jetzt, wenn ich das wollte, das wissen wir beide, aber warum tue ich es nicht? Wir sind Feinde, daran wird sich nichts ändern, aber nun gibt es einen gemeinsamen Gegner. Ich bitte dich nicht um Freundschaft, ich biete dir ein Geschäft an, das solltest du niemals vergessen. Ein Waffenstillstand und gelegentliche Zusammenarbeit, nicht mehr und deine Schwester wird nicht länger Dornröschen spielen müssen." Ein kaltes, abschätzendes Lächeln umspielte die Lippen des Schwarzhaarigen. Oh ja, sie verstanden sich, sie waren vom gleichen Schlag und wenn es um Abyssinians Schwester ging, war er einfach nur furchtbar berechenbar. Er würde anbeißen, ganz sicher.
 
Aya stand unbeweglich da. Kein Muskel rührte sich in seinem Körper oder seinem Gesicht, doch hinter seiner Stirn sah man es arbeiten. Im Prinzip war es Unsinn, die Entscheidung war in dem Moment gefallen, als er einem Treffen mit Oracle zugestimmt und sich damit in die Hände seines Feindes begeben hatte. Sein Leben bedeutete ihm nichts, nur Aya-chan zählte. Und wenn ihm dieser Mann, dieser Killer, dem er ebensoviel Hass entgegenbrachte wie dessen Auftraggeber, ihm anbot seiner geliebten Kleinen zu helfen, dann würde er darauf eingehen. Er würde sogar dem Teufel seine Seele anbieten, wenn sie dafür wieder aufwachte, seine altes Ich, Ran, hatte er bereits geopfert, er hatte außer ihr nichts mehr, wofür es sich zu leben lohnte, warum also nicht auch diesen letzten Schritt tun? Sollte Oracle ihn benutzen, wofür er wollte, ihm war es gleich.
Er würde das Ende in jedem Fall nicht erleben, aber sein Gegenspieler ebenso wenig.
 
//....fast tot... also das hat er gemeint... und er hat recht, Aya..... Aya-chan ist fast tot...//
 
Er nickte ganz leicht, was ihm ein weiteres, arrogantes Grinsen einbrachte. Dass der widerliche Ami nicht noch einen Spruch abließ in die Richtung 'hab ich doch gleich gewusst', war aber auch schon wirklich alles. Doch der gegnerische Leader ahnte wohl, dass Aya sich dann nicht mehr zurückhalten könnte.
 
Der Rothaarige drehte den Kopf und überzeugte sich mit einem schnellen Blick davon, dass es Omi immer noch gut ging. Die beiden Hacker standen etwas abseits vor einer Baumgruppe, unterhielten sich leise und machten nicht die geringsten Anstalten, sich anzugreifen.
 
Eine Frage brannte ihm auf der Zunge, etwas dass er unbedingt wissen musste. "Warum?" Man brachte doch nicht einfach mal seinen Auftraggeber um, denn er hatte nicht das Gefühl, dass Takatori schlecht zahlte, oder Schwarz sich allzu kurz halten ließ, warum also?
 
Er sah zurück zu Oracle und zu seinem Erstaunen zuckte ein Muskel im Gesicht des Schwarzhaarigen. Hatte er etwa einen wunden Punkt getroffen? Das spärliche Licht reichte nicht aus, um Einzelheiten der Gesichtszüge zu erkennen, aber er bemerkte die Augen, die hinter der Brille für einen Moment von seinem Gesicht abwichen, zu den beiden Jungen wanderte.
 
Aya folgte dem Blick, runzelte die Stirn, entspannte sie aber gleich wieder, als er bemerkte, was er da machte. Doch dann fiel der Groschen und er konnte gerade noch verhindern, dass seine Augen sich weiteten. "Der Junge?", fragte er, um seine emotionslose Stimme bemüht.
 
Der Blick aus grauen Augen verbrannte ihn beinahe und wenn die Situation nicht so verdammt ernst gewesen wäre, hätte er wohl darüber gelacht, denn der Amerikaner hatte ihm soeben einen Schwachpunkt verraten, einen, von dem er nicht einmal geahnt hatte, dass er da war. Kaum zu glauben, dass der eisige Mistkerl sich für etwas anderes als seine eigene Person interessieren konnte. Aber der Kleine schien ihm wirklich viel zu bedeuten.
 
Umso mehr wollte er jetzt wissen, was hinter der Sache steckte und er würde nicht locker lassen, bis er alles wusste.
Oracle stieß ein genervtes Seufzen aus, was der Rotschopf mit Verwundern feststellte. Dann begann der Andere ohne Aufforderung zu sprechen. Anscheinend hatte er vorausgesehen, dass er nicht aufgeben würde und kooperierte freiwillig. Allein das zeigte, wie wichtig dem gegnerischen Leader die Zusammenarbeit mit Weiß war, wie sehr er das andere Team brauchte.
 
"Takatori experimentiert schon seit Jahren an Menschen herum, was genau weiß ich nicht, interessiert mich auch nicht. Aber in letzter Zeit hat er ein neues Hobby. Er testet eine sehr unschöne Methode, um Verrückte ruhig zustellen oder zu kurieren und will dafür Berserker...." Vielleicht reichte das ja, um Abyssinians Neugierde zu befriedigen. Brads Mundwinkel verzogen sich leicht. Manchmal hasste er seine Gabe wirklich, vor allem, wenn sie ihm einen Strich durch die wohl kalkulierte Rechnung machte.
 
Auf der anderen Seite hätte er auch niemals etwas von den Hintergründen preisgegeben, ganz einfach erstens, weil es die Weißratten nichts anging und zweitens, weil er niemals sein tun rechtfertigte, sogar selten genug vor seinem eigenen Team. Der Deal wäre geplatzt und die ganzen Probleme, die er ohnehin schon hatte eskaliert. Also lieber in den sauren Apfel beißen, es ging immerhin um zwei Mitglieder seines Teams, unter anderem seinen Ziehsohn.
Als die beiden Weiß vorhin aus dem Schatten getreten waren, hätte er sich am liebsten auf Abyssinian gestürzt, zu frisch und eindrücklich war das Bild, dass er von der rothaarigen Kanalratte und seinem kleinen Nagi hatte. Doch auch diesmal hatte die Beherrschung, die er sich so mühevoll über fast zwei Jahrzehnte hinweg antrainiert hatte, gewirkt und keines seiner Gefühle verraten.
 
Zu seinem Leidwesen schien der andere Leader keineswegs mit diesen Informationen zufrieden zu sein. War er so leicht zu durchschauen? Nein, wahrscheinlich hatte Abyssinian nur mitbekommen, wie er zu Nagi gesehen hatte, ein Fehler, für den er sich selbst hätte ohrfeigen können. So etwas war ihm schon so lange nicht mehr passiert, unter Umständen konnten solche Dummheiten durchaus tödlich sein. Was, wenn sein verrücktes Gegenüber nun auf die Idee kam, dem Jungen was anzutun, nur um seinem Erzfeind eins auszuwischen? Brad glaubte zwar nicht, dass Ran sich an Kindern vergriff, bei Aya war er sich da aber nicht so ganz sicher, wenn den der Rausch so richtig gepackt hatte, unterschied er nicht mehr zwischen richtig und falsch, dann gab es nur noch seine dumme Rache.
Also rang er sich dazu durch und erzählte auch noch den Rest, verraten hatte er sich ohnehin schon und vielleicht würde es sogar eine Seite in Aya anrühren, vielleicht hatte Ran Mitleid.
 
"Aber das ist nicht sein Hauptprojekt.... Er sammelt PSI-Talente aus dem ganzen Land, teilweise auch aus Amerika und Europa zusammen, und macht Versuche mit ihnen. Was er da genau ausprobiert, weiß ich nicht, das konnten wir nicht herausfinden..."
 
Nun runzelte sich die stirn sichtbar. "Warum dann der Junge?" Mastermind wäre doch wohl der geeigneter, bei seiner Gabe!
 
Oracle schüttelte leicht den Kopf. "Das ist einfach zu beantworten. Meine Gabe ist für konstante Versuche zu unregelmäßig, zu unzuverlässig ausgeprägt, solange ich nicht bereit bin, mitzuarbeiten. Berserker ist aus bekannten Gründen nicht geeignet und Mastermind würde den Teufel tun und überhaupt irgendwas an sich versuchen lassen. Er ist zu stark, als dass man ihn manipulieren könnte, ohne etwas in seinem Kopf ernsthaft zu beschädigen. Prodigy dagegen ist noch fast ein Kind, körperlich nicht in der Lage sich gegen eine erwachsene Person zu wehren, noch nicht gefestigt in seinen geistigen Kräften und seiner Persönlichkeit. Und seine Gabe ist selbst für einen Telekineten außergewöhnlich stark ausgeprägt, jetzt schon, wenn er sie auch nicht immer kontrollieren kann. Du kannst dir vorstellen, wie es sein wird, wenn er erst erwachsen ist."
 
Damit endete der Monolog und Aya sah genau, dass Oracle nun nicht weiter sprechen würde. Er wusste genug und bohrte auch nicht weiter. Es lagen ihm noch unzählige Fragen auf der Zunge, doch was er wissen musste, fand er auch so heraus.
Viel wichtiger erschien ihm nun ihr Deal, was mit dem gegnerischen Team war, interessierte ihn eigentlich wenig.
 
"Was sind die Bedingungen?" Er wollte klare Verhältnisse, keine Augenwischerei oder Halbherzigkeiten.
 
Der Schwarzhaarige nickte leicht, genau das hatte er vorhergesehen. Das mochte er so an Abyssinian, der Mann hatte zwar einen deutlichen Knacks weg, aber er arbeitete absolut effektiv und zielgerichtet.
 
"Ein einfacher Deal: ihr helft uns, Takatori und alles, was dazugehört, auszuschalten und beteiligt euch an der Überwachung von Prodigy, falls unser derzeitiger Auftraggeben doch noch auf die Idee kommen sollte, seinen Plan in die Tat umzusetzen, bevor wir etwas dagegen unternehmen können. Mastermind wird dafür deine Schwester aufwecken. Wir verschwinden und ihr hört nie wieder von uns." Er war sich bewusst, dass der Gegner wohl nie aufhören würde, Schwarz zu hassen, aber das musste er auch gar nicht, der Hass hielt ihn aufrecht, gab ihm Kraft, trieb ihn immer weiter voran und genau das war es, was Brad für diese Sache brauchte.
 
"Unsere Hacker werden zusammenarbeiten, was kein großes Problem sein dürfte..." Er deutete mit dem Kopf leicht auf die beiden Jungen und Aya nickte.
"Zwei Bedingungen."
Aha, ganz so einfach war es also doch nicht, hätte den Amerikaner auch schwer gewundert, wenn der Rotschopf auf einmal zu allem ja und Amen sagen würde. Er wartete einfach, dass der Andere sich weiter äußerte.
"Mastermind bleibt aus unseren Köpfen und der Irre hält sich von unseren Leuten fern."
Ok, damit konnte Brad durchaus leben, er würde einfach Schuldig sagen, dass er keinen Weiß mehr manipulieren sollte, weil das zu sehr auffiel und wenn er unbedingt in ihre Köpfe schauen musste, dann wenigstens so, dass es keiner merkte, denn er wusste genau, dass er den neugierigen Deutschen niemals dazu bringen würde, sich ganz raus zuhalten. Auch Farfarello stellte kein Problem dar, den würden sie ohnehin nur bei Aufträgen sehen und da der Ire ja nicht mal annähernd halb so verrückt war, wie sie immer alle glauben machten, mussten sie eben nur aufpassen, dass ihm keiner über den Weg lief, wenn er in den Blutrausch verfiel, ansonsten nichts.
 
Er nickte leicht und wandte sich zum Gehen, drehte sich aber noch mal zu Aya um und warf ihm ein kleines Handy zu. "Kommunikation. Kritiker sollte es nicht mitbekommen. Und noch etwas: Prodigy weiß nichts von der Gefahr, in der er schwebt und das soll auch so bleiben. Sorg dafür, dass das alle wissen." Der hasserfüllten Blick, der ihm daraufhin zugeschickt wurde, ignorierte er einfach, während er nach Prodigy rief und kurz darauf in der Dunkelheit verschwand, als wäre er niemals da gewesen.
 
Der Weiß-Leader blieb stumm zurück und wog den kleinen Gegenstand nachdenklich in seiner Hand. Noch hatte er die Möglichkeit auszusteigen, noch hatte er Kritiker, Persha, nicht verraten, noch war niemand zu schaden gekommen. Doch dann sah er wieder Aya-chan vor sich, wie sie in ihrem kalten, sterilen Krankenhausbett lag, angeschlossen an Maschinen und sein Entschluss stand unverrückbar fest.
Die Frage war nun nur noch, wie er es den Anderen sagen sollte. Sicher, Ken und Yohji könnte er ohne weiteres vorspielen, dass dies ein neuer Auftrag von Persha war, er ihnen aber nicht mehr sagen durfte, doch Omi würde das niemals glauben. Nicht nur, dass der Junge von diesem Treffen hier wusste, er könnte sich auch ohne Probleme die nötigen Informationen mittels seines PC besorgen, indem er sich bei ihren Auftraggebern ins Netzwerk hackte.
 
Seufzend wartete er, bis der blonde Junge wieder an seiner Seite war. Es würde ihm kaum etwas anderes übrig bleiben, als sein Geheimnis endgültig zu offenbaren, auch wenn ihm das mehr als alles andere widerstrebte. Er hatte keine andere Wahl, er brauchte sein Team.
 
"Ist alles in Ordnung, Aya-kun?", fragte die helle Jungenstimme neben ihm, große, babyblaue Augen sahen ihn fragend an, ließen ihn wieder schlucken. Er war sich bewusst, in welche Gefahr er den Kleinen brachte. Sollte Kritiker erfahren, was sie tun würden, was ER tun würde, waren sie so gut wie tot. Doch er musste das Risiko einfach eingehen, Omi würde ihn verstehen, da war er sich sicher.
 
Er nickte leicht und konnte nicht verhindern, dass er seinem jüngeren Kollegen kurz durch die Haare strich. "Ich erklär es euch allen zusammen, in Ordnung?", fragte er leise, merkte selber, wie heiser und belegt seine Stimme klang. Seine Maske bröckelte ganz gefährlich, er musste wirklich aufpassen, dass er sie heute nicht am Ende noch verlor. Das durfte nicht passieren, er musste jetzt stärker sein als jemals zuvor, alles hing von ihm ab. Von seiner Person. Von seiner Willenstärke und seiner Autorität.
 
Mit einem vagen Gefühl von Schmerz in der Brust zog er seine Hand weg, wandte sich ab, er ertrug den besorgten Blick Omis einfach nicht mehr. Womit hatte er denn verdient, dass der Junge sich Sorgen um ihn machte, er schickte sie alle sehenden Auges in die Gefahr, vielleicht in den Tod aus purem Egoismus. Aber er hatte einen Schwur getan, er würde Aya-chan rächen und jetzt hatte er eine Möglichkeit gefunden, sie zurückzubringen, er hatte es geschafft. Warum freute er sich also nicht, sondern verspürte nur diesen schalen Geschmack einer Niederlage auf der Zunge, die bitteren Gedanken der Verzweiflung in seinem Kopf? Er brauchte wahrscheinlich einfach nur etwas Zeit, um das alles zu realisieren, das musste er sein.
 
Stumm wandte er sich um und gemeinsam machten sich die beiden Killer auf den Weg nach Hause, ungesehen, ungehört, nur namenlose Schatten in der Nacht.
 
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Kaum waren sie außer Sichtweite ließ sich ein großer Schatten gegen einen Baum sinken, hielt sich den Kopf.
Nagi trat besorgt einen Schritt näher, streckte die Hand aus, um Brad sanft am Oberarm zu berühren.
"Soll ich Schuldig bescheid sagen, dass er uns holt?", fragte er leise, denn es war noch ein gutes Stück bis nach Hause. Er war dagegen gewesen, dass Brad heute schon das Bett verließ. Der große Mann war noch immer geschwächt, mehr als er zugab, aber man sah es deutlich an den harten Linien in seinem Gesicht, wenn er sich über die Treppe quälte, an seinem mangelnden Appetit, daran, dass er seit knapp drei Tagen nicht mehr in seinem Büro gewesen war, sondern fast ununterbrochen schlief.
 
Wenn er sich dadurch ja wenigstens erholt hätte, aber sobald er die Augen schloss und ins Traumland überdriftete, wurde er unruhig, warf sich herum, wachte nach ein paar Minuten wieder auf. Nur ein paar Stunden während der Nacht, wenn Nagi zu ihm unter die Decke kroch, war er entspannter.
 
Der Junge seufzte leicht, wartete aber geduldig auf eine Antwort. Es machte ihn absolut wahnsinnig, weil er genau wusste, dass irgendetwas vor sich ging, es aber keiner für nötig befand, ihm zu sagen, was. Aber er beschwerte sich nicht, er wollte nicht noch mehr Probleme machen.
 
Brad nickte ganz leicht und Nagi konzentrierte sich auf Schuldig, der sich grummelnd meldete, anscheinend gerade mit etwas anderem beschäftig war.
//Schwing deine faulen Telepathenhintern hierher, Brad kippt gleich um!//
Die Worte genügten anscheinend, um den deutschen in Schwung zu bringen. Der Junge spürte, wie der Orangehaarige noch die Information ihres Standorts aus seinem Kopf fischte.
//Gib mir zehn Minuten Chibi... und sei nicht immer so frech!// Die Stimme in seinem Kopf bemühte sich wohl, wie immer zu klingen, aber Nagi hörte deutlich die Besorgnis heraus, die er absolut teilte.
 
Er spürte, wie sein Kollege sich wieder ausklinkte und richtete seine Konzentration wieder auf seinen Anführer. "Geht's noch?" Vorsichtig griff er mit seinen mentalen Fähigkeiten zu und stützte seinen Leader sanft, aber bestimmt, damit er nicht umfiel. Im blassen Licht der Laternen konnte er die Schweißtröpfchen erkennen, die auf der Stirn des Schwarzhaarigen standen, die verkrampften Kiefermuskeln, die von zusammengebissenen Zähnen herrührten.
 
Und er spürte, dass Brad sich tatsächlich in den telekinetischen Griff sinken ließ, etwas, dass er sehr selten machte, was aber deutlich zeigte, wie sehr in dieses Treffen angestrengt hatte, wie viel Beherrschung nötig gewesen war, um so lange auf den Beinen zu stehen und wie immer auszusehen.
 
Die grauen Augen schlossen sich langsam und Nagi hatte schon Angst, dass der Andere ohnmächtig werden würde, schickte ein Stoßgebet zu ein paar Göttern, die er kannte, dass Brad durchhielt, bis wenigstens Schuldig da war. Er fühlte sich so hilflos, hatte keine Ahnung, was er machen sollte. Verzweifelt versuchte er, die Dunkelheit mit Blicken zu durchbohrend, als würde sie den Deutschen dadurch schneller ausspucken.
 
Die zehn Minuten waren doch schon längst um, oder? Was trieb dieser unzuverlässige Psychopath denn wieder? Musste er sich erst noch umziehen und die Haare machen oder was? Konnte er nicht EINMAL....
 
Da spürte er die warme, große Hand auf seiner Schulter. Erschrocken fuhr er herum, sah in das Gesicht seines orangehaarigen Kollegen, der den Mund zu einem spöttischen Lächeln verzogen hatte.
"Ich hab doch gesagt, du sollst nicht so frech sein! Und ich hab es sogar in acht Minuten geschafft anstatt in zehn..."
 
Er wandte sich Brad zu, strich diesem kurz über die Stirn, woraufhin sein Leader die Augen öffnete. Nagi konnte sehen, dass die Beiden wohl miteinander sprachen, dann schloss Schuldig die Augen und konzentrierte sich. Nur Sekunden später wich die Anspannung aus dem Gesicht des Schwarzhaarigen und er sank in Nagis Griff zusammen.
 
Erschrocken hielt der Junge seinen Ziehvater etwas fester, damit er ihm auch ja nicht ausrutschte und suchte den Blick des Deutschen. Der lächelte beruhigend.
"Keine Sorge, er schläft nur... es wird alles wieder gut..." Seltsamerweise besänftigten die Wort die aufgebrachten Nerven des Telekineten, vielleicht war es auch das zugehörige Gefühl, dass Schuldig ihm schickte, er konnte es nicht sagen.
 
Vorsichtig hob er Brads schlaffen Körper hoch und ging neben Schuldig her zu dessen Auto. Er blinzelte leicht als er erkannte, dass dort keineswegs der feuerrote Sportwagen von Schuldig, sondern der schwarze Mercedes von Brad stand.
 
"Er wird dich umbringen wenn er das erfährt!", prophezeite er düster, denn dazu musste man wirklich kein Hellseher sein.
 
Schuldig grinste nur breiter und zuckte die Schultern. "Dann sollten wir wohl besser dafür sorgen, dass das nicht passiert, oder? Außerdem gab es keine andere Möglichkeit, in meinen Zweisitzer hätten wir ja schlecht reingepasst, oder?"
 
Nagi gab auf. Dem Kerl gingen ja doch nie die Argumente aus, also sagte er lieber nichts mehr, sondern legte Brad auf den Rücksitz, krabbelte dazu, so dass der Kopf seines Leaders in seinem Schoß zu liegen kam.
 
"Übrigens Chibi, es heißt Telepath, nicht Psychopath!"
 
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Schweigen.
Entsetztes Schweigen.
Tödliches Schweigen.
Schweigen, das nicht enden wollte.
 
Omi schluckte hart. Er hatte ja geahnt, was kommen würde, schon als Aya ihn gebeten hatte, mit zu diesem Treffen zu kommen, aber vielleicht hatte er es einfach nur nicht wahrhaben wollen.
 
Er sah hinüber zu Ken und Yohji, die beide mehr als entsetzt, stocksteif auf ihren Plätzen saßen, wohl nicht glauben konnten, was sie da eben gehört hatten. Omi konnte es ihnen nicht verdenken. Es war, als wäre ihr Weltbild eben um 180° auf den Kopf gedreht worden und nun wussten sie nicht mehr, wo oben und unten war.
 
Vor allem Ken schien es schwer zu treffen. Der Fußballer hatte ein denken in klaren Linien, schwarz oder weiß, gut oder böse, kaum etwas dazwischen. Und nun stellte sich ihr Anführer, den sie alle mehr oder weniger heimlich bewunderten - der ihnen immer als eine Art Sinnbild der Gerechtigkeit vorgekommen war, auch wenn das natürlich nicht stimmte -, hin und eröffnete ihnen, dass er vor hatte, mit DEM Feind zu paktieren, dass der Deal bereits abgeschlossen war und sie nun zu entscheiden hätten, auf welcher Seite sie standen.
 
Man sah Yohji deutlich an, dass er kurz davor war in hysterisches Kichern auszubrechen. Der Playboy fuhr sich verwirrt durch die inzwischen völlig zerzausten Haare. Verdammt wer hatte geahnt, was das sollte, als Aya sie heute Abend alle in den Missionsraum bestellt hatte? Er war von einem neuen Auftrag ausgegangen, von einer Lagebesprechung oder etwas ähnlichem, aber doch nicht von SOWAS! Am liebsten hätte er sich jetzt eine Zigarette angezündet, aber der Rothaarige sah nicht so aus, als würde er das dulden.
 
Nervös knetete der Blonde die Finger, warf einen Blick zu seinen Kollegen. Ken schien genauso geschockt wie er selbst, der Fußballer starrte im Moment nur apathisch vor sich hin, schien die ganze Sache erst mal noch richtig verarbeiten zu müssen. Omi dagegen schien nicht halb so überrascht zu sein.
 
"Du hast es gewusst nicht war?" Die ersten Wörter, die die Stille durchbrachen, trafen den Jüngsten wie Peitschenhiebe. Er duckte sich tiefer in seinen Sessel hinein, wich dem Blick des Ältesten aus und nickte leicht. "Ich war bei dem Treffen mit Schwarz gestern Nacht dabei...", murmelte er dann leise.
 
"Lass den Jungen zufrieden, Kudou, der hat damit nichts zu tun! Es war meine Entscheidung und damit Schluss. Ich hab ihn nur mitgenommen, weil ihr dafür nicht in Frage gekommen wärt." Aya fixierte den Playboy mit einem dermaßen stechenden Blick, dass der automatisch die Augen senkte, doch dann meldete sich der Trotz des Älteren zurück.
 
"Warum? Verdammt warum ausgerechnet Schwarz? Ich hab immer gedacht, dass du derjenige von uns bist, der diese Schweine am meisten von uns allen hasst! Woher der plötzliche Wandel? Das kann doch nicht dein Ernst sein, verdammt noch mal!" Seine Stimme war immer lauter und aggressiver geworden.
 
Allerdings ließ sich der Rothaarige davon nicht aus der Ruhe bringen, das letzte, was sie jetzt brauchen konnten, war eine Schlägerei, nur weil Yohji seinem Namen mal wieder alle Ehre machte.
"Ich habe meine Gründe, Kudou, sie haben mir ein Angebot gemacht, dass ich unmöglich ablehnen kann."
 
"Geld? Geht's etwa um Geld? Bezahlt die Kritiker nicht genug, bist du so raffgierig, dass du dich selbst mit denen einlässt, du... du..." Dem großen Mann fiel scheinbar keine passende Bezeichnung für seinen Anführer ein. Er sprang auf und begann, wie ein gefangener Tiger auf und ab zu marschieren.
 
Aya blieb weiterhin ruhig, es brachte absolut nichts, wenn er jetzt auch noch die Beherrschung verlor, obwohl er seinem Kollegen am liebsten die Faust in sein ach so hübsches Gesicht gerammt hätte.
"Hör mir gut zu, denn ich werde das nur ein einziges Mal sagen. Ich habe kein gesteigertes Interesse an Geld, also unterstell mir das nie wieder. Es gibt eine Person, die durch meine Schuld im Koma liegt und ich werde alles tun, um ihr zu helfen, ALLES! Mastermind hat die Fähigkeiten...."
Seine Stimme wurde auf einmal ganz leise, kaum noch zu verstehen. "Mir bleibt keine Wahl.....", flüsterte er erstickt und zum ersten Mal, seit der rothaarige Japaner zu Weiß gestoßen war, senkte sich sein Blick, wich dem der Andere aus. Und keiner wagte es, noch weiter zu fragen.
 
Im Moment überlegten wohl alle, was wohl schockierender war: dass sie womöglich mit Schwarz zusammenarbeiten sollten, oder dass Aya so etwas wie einen Hauch von Gefühlen zeigte, dass er etwas von sich preisgab, an dass er sich bisher mit allem geklammert, dass er mit allem verteidigt hatte, was er besaß.
 
Langsam, ganz langsam erhob sich Omi und trat zu seinem Anführer. Er streckte vorsichtig eine Hand aus und legte sie auf die Schulter des Älteren. amethystfarbene Augen richteten sich wieder auf ihn und sein Leader schien sich wieder absolut in der Gewalt zu haben, der Moment der Schwäche war vorüber, die Augen leuchteten wieder kalt.
 
Der Junge lächelte schüchtern. "Ich gehe mit dir..." Für ihn war es eigentlich nicht wirklich eine Entscheidung gewesen. Sicher, sie handelten gegen Kritiker, gegen Persha, das war ihm auch klar, aber sie konnten endlich wirkungsvoll gegen seinen Erzeuger vorgehen, der ja wohl so was wie die Wurzel allen Übels darstellte und außerdem war Aya sein Freund, egal was kam, egal ob der nun seine Freundschaft haben wollte oder nicht.
 
Für einen Moment sah er seinen warmen Funken in den violetten Augen, bevor der harte Schimmer sie wieder ganz erfüllte. Der Rotschopf blickte abwartend zu seinen anderen Kollegen.
 
Yohji hatte seine Wanderung aufgegeben, nur seine Hände bewegten sich immer noch nervös, als könnte er sich nur mit Mühe unter Kontrolle halten. "Ach zum Teufel damit! Du lässt dich ja sowieso nicht davon abbringen...." Im Prinzip war bei ihm die Entscheidung in dem Moment gefallen, als Aya sein Versprechen, seine Schuld erwähnt hatte. Er kannte dieses Gefühl nur zu gut, das alles beherrschte, einen völlig einnahm, bis man meinte, kaum noch atmen zu können, diese niederschmetternden Gedanken, die Schuld, selbst noch am Leben zu sein, während der geliebte Mensch tot war, oder im Fall seines Leaders, im Koma lag, was fast genauso schlimm war.
 
Resigniert ließ er sich wieder auf seinen Platz sinken. Er gab es zwar nie zu, doch obwohl der Rotschopf sich immer abweisend verhielt, sah Yohji in ihm schon so etwas wie einen Freund, nicht nur bei ihrem nächtlichen Job, sondern auch gerade in Situationen wie diesen, in denen er Unterstützung brauchte, was selten genug vorkam.
 
Und dass Aya sie um etwas bat, ihnen einen Teil seines wohlbehüteten Geheimnisses anvertraut hatte, bewies auch ihm, dass sie dem Anführer nicht egal waren, hätte er noch eine Bestätigung gebraucht. Niemals würde er die unzähligen Male vergessen, in denen die Umsicht und Sorgfalt des Anderen ihnen das Leben gerettet hatte.
 
Aya nickte leicht, sein Gesicht entspannte sich ein klein wenig, sofern man das unter der starren Maske überhaupt erkennen konnte. Aber seine Kollegen hatten gelernt, auf Kleinigkeiten zu achten.
 
Die amethystfarbenen Augen wanderten vom Playboy hinüber zu ihrem Fußballer, der immer noch leichenblass und wie erstarrt dasaß. "Ken?", fragte er leise und sehr ruhig, fast, als würde er wissen wollen, was der Braunhaarige heute Abend vorhatte.
 
Als würde er aus einer Art Trance erwachen, hob der junge Mann den Blick, seine Augen im Gegensatz zu sonst leer, fast leblos. Omi eilte an seine Seite, streichelt ihm vorsichtig über den Oberarm. "Ken-kun, alles in Ordnung mit dir? Sag doch was!", bat er leise. Er hatte Angst um seinen besten Freund, denn so wie der aussah, ging es ihm ganz und gar nicht gut.
 
"Welchen Auftrag haben wir?" Alle drei, selbst Aya fröstelte leicht. Diese Stimme hatten sie von ihrem Kollegen das letzte Mal gehört, als er beschlossen hatte, Kaze zu töten und alle hatte gehofft, dass es das letzte Mal gewesen wäre. Sie hatten sich wohl geirrt.
 
Der Rothaarige fing sich als erster wieder. "Ausschaltung von Takatori mit Schwarz' Hilfe und Überwachung von Prodigy, bis er aus dem Weg geräumt ist."
 
In Kens Augen kehrte ein wenig Leben zurück. "Nagi? Was hat Nagi mit der Sache zu tun?" Am liebsten hätte er sich sofort die vorlaute Zunge abgebissen, was Aya für ein Gesicht machte. Verlegen wand er sich unter dem prüfenden Blick. "Ich... naja weißt du... ich hab vor ein paar Tagen mit ihm Fußball im Park gespielt... er war auf einmal da...."
 
Aya hob eine Hand. Es war also nichts, was er nicht schon wusste, deshalb brauchte Ken es nicht noch einmal zu wiederholen.
"Laut Oracle macht Takatori in letzter Zeit Versuche an PSI-Talenten und hat es auf... Nagi abgesehen...." Er stolperte beinahe über den Namen, als würde es ihm Schwierigkeiten bereiten, die beiden Silben auszusprechen. Und wirklich einfach war es für ihn nicht, ein richtiger Name gab einem Menschen nun mal eine Identität, eine Persönlichkeit und damit war Prodigy nicht mehr nur einfach irgendein Feind, den es zu eliminieren galt, sondern auch eine Person.
 
Kens Augen weiteten sich leicht und man konnte deutlich sehen, wie es hinter seiner Stirn arbeitete. Ursprünglich hatte der Weiß-Leader seinem Team nicht alles erzählen wollen, doch er wusste, wie sehr der Brünette Kinder liebte und die Aussicht, dass einem, selbst wenn es sich um ein Mitglied der Gegner handelte, etwas passierte, würde ihn dazu bewegen, sich anzuschließen.
 
Und wirklich, ganz langsam nickte Ken, der kalte Ausdruck aus seinen Augen verschwand wieder, was nicht nur Omi mit Erleichterung feststellte. "Ok, dann habt ihr ja auch sicher nichts dagegen, dass ich einmal die Woche mit Oracle einkaufen gehe, nicht wahr?"
 
RUMMMS! Yohji hatte sich eben wieder niederlassen wollen, nachdem das Gerenne keinen Effekt gezeigt hatte und saß nun prompt neben, statt auf der Sitzfläche.
"Sa... sag das bitte noch mal!", krächzte er erstickt, schien kaum Luft zu bekommen, während Omi einfach einen Karpfen imitierte. Aya bemühte sich, absolut gleichgültig zu wirken, doch selbst ihm waren der Schreck und die Überraschung in die Glieder gefahren. Im ersten Moment konnte er sich nur mühsam beherrschen, Ken nicht an die Gurgel zu gehen.
Allein der Gedanke, dass ein Mitglied seiner Gruppe mit ORACLE einkaufen ging, verursachte ihm Magenschmerzen.
 
"Cloffordo und ich haben ausgemacht, dass wir unsere Wocheneinkäufe in Zukunft zusammen erledigen werden." Herausfordernd blickte er in die Runde. Wenn sein Anführer einen Pakt mit dem Feind schloss, konnte er auch mit ihm einkaufen gehen!
 
Und wirklich, zuerst sah Aya so aus, als würde er jeden Moment explodieren, doch dann atmete er tief durch und nickte leicht. "Wir werden eng zusammenarbeiten müssen, nicht nur auf Missionen, gewöhnen wir uns besser daran", war alles, was der Rotschopf dazu sagte, obwohl man ihm ansehen konnte, wie es in ihm brodelte.
 
Yohji gaffte seinen Kollegen immer noch von Boden aus an. "Cloffordo? Bist du bescheuert?" Er rappelte sich wieder auf. "Der Kleine, dass kann ich ja noch verstehen, der ist ja fast noch ein Kind, aber Oracle? Sag mal wie kommst du eigentlich auf Cloffordo?" Seine Gedanken rasten im Kreis und er nahm seine Wanderung durch den Raum wieder auf.
 
Ken schob trotzig das Kinn vor. "Er hat mir seinen Namen gesagt", brauste er genauso laut auf. Sein Hitzkopf brach wieder voll durch und er hatte Mühe, sich zu beherrschen. "Außerdem geht es dich überhaupt nichts an, was ich mache! Aya hat gesagt es ist ok und ich..."
 
"Was du?", höhnte der Playboy zurück. Die beiden Kontrahenten standen sich inzwischen mit geballten Fäusten gegenüber, viel fehlte nicht mehr und sie würden sich aufeinander stürzen. "Du hast doch gar keine Ahnung! Der verarscht dich doch von vorne bis hinten!"
 
Ken knurrte wütend und spannte schon die Muskeln. Es war ja nicht so, dass er sich darüber keine Gedanken gemacht hätte, aber jedes Mal, wenn er entschieden hatte, den Kontakt doch zu unterbinden kam ihm das Bild eines im Supermarkt umherirrenden Crawfords in den Sinn. Und grundsätzlich folgten weitere, die sie zusammen im Café zeigten, zwar schweigend, aber immerhin, er sah wieder das kurze, dankbare Funkeln, als er dem Amerikaner geholfen hatte und sofort ging seine innere Diskussion wieder los. Und nun musste auch noch dieser arrogante Faulenzer ankommen und ihm Vorwürfe machen! Er war vielleicht nicht der schlaueste, aber so dumm nun auch wieder nicht und von Yohji ließ er sich gleich dreimal nichts sagen.
 
Doch bevor er den Größeren wirklich angreifen konnte, schob sich eine schlanke Gestalt zwischen sie. Aya maß beide mit einem eisigen Blick, der sie wie betretene Schuljungen die Köpfe senken ließ.
"Wir haben wichtigeres zu tun als euer kindisches Gehabe! Benehmt euch wie die Erwachsenen, die ihr sein wollt! Ich habe gesagt, es ist in Ordnung und damit basta!" Derart gescholten konnten sie gar nicht anders, als sich wieder auf ihre Plätze fallen zu lassen und diesmal fand der designerjeansbedeckte Hintern des Blonden auch seinen Sitz.
 
Man hörte Omi erleichtert aufatmen. Der Junge hasste es, wenn die Älteren miteinander stritten, er hatte Angst, dass einer vielleicht irgendwann ging und nicht mehr wiederkam. Er wollte seine Familie nicht schon wieder verlieren. Und umso mehr erleichterte es ihn, dass Aya regelmäßig einschritt, bevor die Fetzen richtig flogen, denn obwohl der Rothaarige doch ein paar Jahre jünger war als ihr Teamältester, machte dieser niemals den Versuch, zu protestieren, selten trotzte er, meistens verschwand er einfach für ein paar Stunden oder schmollte in seinem Zimmer. Ihr Leader hatte einfach zu viel Autorität.
 
Und wirklich, der Playboy verschränkte zwar die Arme vor der Brust, machte aber keine Anstalten, noch einmal aufzumucken.
Ken dagegen gab sich alle Mühe, nicht allzu zufrieden auszusehen, womöglich überlegte es sich Aya sonst noch anders. Er wusste ja selbst nicht, weswegen er so vehement darauf bestand, mit seinem Feind einkaufen zu gehen, bestimmt wollte er sich nur einfach nichts von Yohji sagen lassen, genau dass würde es sein. Nachdenklich betrachtete er ihren Anführer. Das alles erklärte aber immer noch nicht, warum ausgerechnet der seine Erlaubnis gegeben hatte. Selbst wenn ihre Teams wirklich zusammenarbeiten würden - der Gedanke jagte Ken trotz allem immer noch einen eisigen Schauer über den Rücken - hieß das ja noch lange nicht, dass er gemeinsame Aktivitäten außerhalb des Jobs akzeptieren würde, was er ja ganz offensichtlich tat. Er seufzte leise und beschloss, die Gedanken auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben, wenn er dafür Zeit hatte.
 
Eine ganze Weile saßen sie schweigend da, schauten einander etwas betreten an, keiner wagte, erneut das Wort zu ergreifen und Aya sah keine Notwendigkeit darin. Es war alles gesagt, was es zu sagen gab. Plötzlich ging oben im Haus die Hintertür.
 
Die vier jungen Männer waren sofort auf den Beinen, verteilten sich ganz automatisch an strategischen Punkten im Raum. Schritte auf der Treppe in den Keller. Hochhackige Schuhe, lange Beine in Strumpfhosen und schließlich ein knapper Rock, der sich um wohlgeformte Hüften spannte, kam zum Vorschein.
 
"Störe ich gerade bei irgendwas?", fragte Manx mit leichtem Amüsement in der Stimme, während sie die Killer einen nach dem anderen musterte. Keiner wich ihrem Blick aus.
 
Als keine Antwort kam, zuckte sie nur leicht die Schultern. Normalerweise wurde sie zumindest von Yohji begrüßt, wenn auch meistens mit irgendeinem schlüpfrigen Spruch oder Angebot. Wahrscheinlich hatten die sich mal wieder in den Haaren.
 
"Naja egal, ihr hab einen neuen Auftrag..."

Kapitel 15

~~ WEISS! Aus Tokyo sind in den letzten vier Wochen dreiundzwanzig Kinder verschwunden. Sie stammen alle aus armen Verhältnissen, es ist keine Spur von ihnen zu finden, die Polizei tappt im Dunkeln. Unsere Kontaktmänner haben uns Informationen zugespielt, nach denen Hiroshi Nakamura, industrieller Großunternehmer, für die Vorkommnisse verantwortlich ist. Er verkauft die Kinder an reiche, osteuropäische Familien.
Euer Ziel: Ausschaltung von Nakamura und seinen Mitarbeitern, Befreiung der Kinder, die sich noch in Japan befinden. Weiße Jäger, jagt den schwarzen Schwarm. ~~
 
 
Yohji zündete sich eine frische Zigarette an und lehnte sich mit einem lasziven Lächeln gegen den Tresen der Bar. Er gratulierte sich selbst für seine gute Schauspielkunst, denn äußerlich würde ihm niemand ansehen, wie er sich gerade fühlte: absolut angepisst.
 
Scheiß Tag, scheiß Besprechung, scheiß Auftrag, scheiß Abend. Die Musik zu schrill und viel zu laut in seinen Ohren, die hämmernden Bässe nicht fähig, sein Gehirn zu betäuben, der Drink in seiner Hand schmeckte schal und abgestanden, obwohl dieser ganz frisch war, die Weiber kamen ihm heute noch extremer geschminkt vor als sonst, das Licht war zu grell. Mit einem Wort: er wollte nach Hause, aber sein sStolz verbot es ihm, weil er vorher noch groß angekündigt hatte, dass er auch trotz Auftrag ausgehen würde.
Ok, das waren jetzt ein paar viele Wörter gewesen, aber was sollte es, hörte ja eh keiner zu...
 
Seufzend nahm er noch einen Schluck des Cocktails, verzog leicht die Mundwinkel, als ihm der Alkohol erst in die Zunge, dann in die trockene Kehle biss. Er hasste es, wenn man den Tequila dermaßen heraus schmeckte, schlecht gemischt also. Naja, auch egal, der Abend war sowieso schon einfach nur noch zum Vergessen, da machte der schlechte Geschmack, der sich auf seiner Zunge ausbreitete auch nichts mehr. Vielleicht hielt das penetrante Aroma von Alkohol wenigstens, was es versprach und betäubte seine übrigen Sinne etwas. Vielleicht brannte es ihm auch einfach das Gehirn heraus, so dass er gar nicht mehr denken musste, ja, das wäre sicher eine lohnende Alternative zu dem Chaos, dass in seinem Kopf herrschte.
 
Er hatte einfach Ablenkung gebraucht, verdammt, ihm war buchstäblich die Decke auf den Kopf gefallen, also hatte er sich in Schale geschmissen - und verdammt, er sah richtig gut aus - und war aus dem Haus verschwunden, noch ehe sein weiser Anführer meckern konnte, weil sie in der nächsten Nacht einen Hit hatten und keinen angenehmen noch dazu.
 
Und wofür das alles? Um sinnlos Geld auszugeben und sich hier zu ärgern und zu Tode zu langweilen. Aber zu Hause wäre er durchgedreht. Er war ja schon im Besprechungsraum für einen Moment nahe dran gewesen, sich einfach auf seinen Leader zu stürzen und ihm ein wenig Vernunft in den dummen, rachsüchtigen Schädel zu bleuen. Sicher, er verstand ihn ja irgendwo, er wusste nur zu gut aus eigener Erfahrung, was Schuldgefühle mit einem Menschen anstellen konnten, verdammt, er hätte beinahe das ganze Team auf dem Gewissen gehabt, weil er der falschen Person vertraut hatte, aber ihr Götter, das war doch noch lange kein Grund einen Pakt mit... ja, mit dem Teufel zu schließen. Der Vergleich erschien ihm in diesem Augenblick irgendwie passend, vor allem, wenn man Schwarz vor sich sah.
 
Oracle mit seinen schwarzen Haaren und der eisigen Aura, die selbst seinen eigenen Leader manchmal noch zu übertreffen schien, der Kleine, der nicht einmal zu wissen schien, was Gefühle eigentlich waren, dessen Gesicht immer eine ausdruckslose Maske war, wo selbst noch der Schwarzleader ab und zu grinste, dann der weißhaarige Irre, der immer explizit Gott strafte, wobei die Wahl der Methoden ja manchmal schon richtig kreativ zu nennen war, das musste man schon sagen.
Yohji schüttelte den Kopf leicht. Ja, wirklich, Teufel alle miteinander... aber moment mal, das fehlte doch einer, oder? Ja richtig, der nervige, ewig grinsende, sadistische Psychopath, der mit seinen flammend roten Haaren geradewegs aus der Hölle entstiegen zu sein schien. Warum kehrte er nicht einfach wieder dahin zurück, woher er gekommen war, Deutschland oder so hatte Manx mal erwähnt, wo immer das liegen mochte. Wenn das ganze Land aus solchen Typen bestand, dann war er wirklich froh, nicht da wohnen zu müssen.
Allerdings wunderte er sich dann auch, warum die dann nicht längst versucht hatten, die Weltherrschaft an sich zu reißen....
 
//Es ist aber nicht nett, so über mich zu denken...//, meldete sich da plötzlich eine Stimme in seinen Gedanken, die eindeutig NICHT zu ihm gehörte! Und fast sofort spürte er auch die Präsenz, die in seinen Gedanken wühlte, das Unterste zu oberst zu kehren schien.
Vor Schreck ließ er den Drink fallen, doch der wurde von einer schlanken Hand aufgefangen, bevor er auf dem Boden auftreffen konnte.
 
Schuldig hatte ein süffisantes Lächeln aufgesetzt und nippte kurz an dem Strohhalm, den Yohjis Lippen wenige Minuten zuvor berührt hatten. Fast augenblicklich verzog sich das Gesicht angeekelt.
"Und so was trinkst du? Widerlich! Aber naja, wenn’s schmeckt..." Der Deutsche wusste natürlich genau, dass Yohji das Zeug keineswegs mit Genuss trank, aber er konnte es einfach nicht lassen, den Anderen zu reizen, drückte ihm dabei das Glas wieder in die Hand. Es amüsierte ihn einfach zu sehr, zu sehen, wie sich die katzengrünen Augen wütend verengten, ihn anblitzten.  
//Und übrigens, Kätzchen, es heißt Telepath, nicht Psychopath, wie oft soll ich euch das denn noch sagen, hm? Und wir HABEN versucht, die Weltherrschaft an uns zu reißen, und ihr habt uns sogar dabei geholfen, hast du in Geschichte nicht aufgepasst, oder lassen sie euch da nur Kaiserdynastien auswendig lernen?//
Yohji stöhnte leise auf und griff sich an die Stirn, als er fühlte, wie die Präsenz tiefer wühlte. Er versuchte, sich dagegen zu wehren, kam sich aber dabei gleichzeitig absolut lächerlich und schwach vor. Er hatte dem starken Telepathen rein gar nichts entgegenzusetzen.
 
Endlich schien der Orangehaarige zufrieden mit dem zu sein, was er gefunden hatte und ließ vom Kopf seines Feindes ab, schwang sich elegant auf einen Barhocker, der neben ihm gerade wie durch Zauberhand frei geworden war und winkte dem Barkeeper. Wenig später wurden zwei Gläser mit blauem Inhalt vor ihnen abgestellte.
Schuldig entfernte das Glas aus Yohjis Hand, ersetzte es durch das eben bestellte und griff nach dem zweiten.
"Auf gute Zusammenarbeit!", prostete er dem Blonden beinahe fröhlich zu. Nur wenn man genau hinsah, konnte man den gemeinen Funken in seinen Augen sehen.
 
Yohji sah genau hin, kurz auf das Glas hinunter, als würde er spekulieren, ob sich Gift darin befand, zuckte dann aber die Schultern. Einen Drink hatte er noch nie ausgeschlagen und solange der Schwarz bezahlte, war es ihm egal. Dieses Egal-Gefühl verstärkte sich noch zunehmend, als er bemerkte, dass das Zeug im Glas wirklich gut schmeckte, angenehm mild, eine Mischung aus Sahne und Früchten mit einer Spur Alkohol darin, genau richtig. Für einen Moment überlegte er, warum er Mastermind eigentlich trotz der Lautstärke der Musik problemlos verstand, kam dann aber mit sich selbst überein, dass der Telepath wohl einfach mental nachhalf.
Ein leises, spöttisches Lachen in seinem Kopf, gepaart mit einem Grinsen als optischem Reiz bestätigte seine Vermutung.
 
Schuldig musterte sein Gegenüber noch einmal. Nett, das musste man wirklich sagen. Der Andere war ihm aufgefallen, als er den Laden betreten hatte, sicher, so was wie das blonde Kätzchen sah man ja auch nicht alle Tage: groß, sehr schlank, die für einen Japaner völlig untypischen, hellen Haare, der knackige Hintern, umspielt von einer engen Lederhose, die Oberkörpermuskeln betont durch ein enganliegendes, bauchfreies Top, ein langer Mantel gegen die herbstliche Kälte, die draußen bereits herrschte, die Sonnenbrille, die an dem Mann festgewachsen zu sein schien.
Der Deutsche ertappte sich dabei, dass er sich fragte, ob Yohji das Ding wohl auch noch trug, wenn er Weiber flachlegte. Wahrscheinlich schon, damit er deren Visagen nicht sehen musste. Augen zumachen wäre ja auch zu einfach gewesen.
 
Der Anblick sagte ihm zu, das konnte er nicht leugnen, sehr sogar. Na schön, sie waren Feinde, aber er war doch auch nur ein Mann, Braddy würde das zwar nicht verstehen, aber die direkte Order lautete, Weiß nicht anzugreifen, zu verletzen, zu belästigen, blabla, aber von nachstellen, flirten und vögeln war da eindeutig keine Rede gewesen, das wäre ihm aufgefallen! Er hatte ein Ohr für sowas.
 
Nur irgendetwas sagte ihm, dass der Blonde von der Vorstellung, mit ihm mal so ein bisschen ins Bett zu gehen, alles andere als begeistert war, nur was? Vielleicht die hasserfüllt funkelnden Augen, die ablehnende Haltung oder die wirklich einfallsreichen Beleidigungen, die dieser gerade in seinem Kopf rezitierte? Nein, das sicher nicht.
Der Orangehaarige runzelte die Stirn leicht, doch dann ging ihm ein Licht auf. Natürlich! Yohji dachte ja, er wäre hetero. Naja und er selbst war ein Mann, ergo, das funktionierte in den Augen seines Feindes nicht.
Gedanklich klopfte er sich gerade stolz auf die Schulter für seinen Geistesblitz.
 
Ok, hetero sein war vielleicht ein Grund, aber ganz sicher kein Hindernis und es würde ihn sicherlich nicht davon abhalten, es trotzdem zu versuchen. Er hatte striktes Verbot, auf seiner üblichen Ebene mit den Kätzchen zu spielen, also musste er sich dringend eine andere Abwechslung und Beschäftigung verschaffen, bevor er am Ende noch Langeweile bekam, denn dann hatte er auch immer schlechte Laune und das nervte sein Team ungemein und er wurde dauernd dumm angemacht, was auch kein Zuckerschlecken war. Nein, dann lieber die Spielchen auf eine andere Ebene verlagern, das war dann immer noch besser.
 
Dass sein Objekt nun ausgerechnet Yohji war, störte ihn eigentlich nicht weiter, es hätte auch genauso gut einer der Anderen sein können. Gut, vielleicht nicht gerade der Fußballfreak, dessen Gedanken waren so furchtbar langweilig, nur Bälle und Tor, den ganzen Tag und es war dem Telepathen einfach zu mühsam, dauernd die Sache mit diesem Kaze herauskramen zu müssen, die hatte Ken nämlich wirklich tief in sich vergraben, so als wolle er sie für immer verdrängen. Zwar waren seine Selbstvorwürfe ab und an ganz unterhaltsam, genauso wie seine eingebildeten Minderwertigkeitskomplexe, aber auch das wurde mit der Zeit öde. Außerdem hatte Nagi Siberian wohl irgendwie für sich beansprucht, zumindest interpretierte Schuldig das mal so, warum spielte man sonst mit jemandem freiwillig Fußball? Die Begegnung der Beiden hatte er inzwischen herausgefunden, es allerdings weniger verstand, warum sich ihr kleiner Hacker ausgerechnet mit dem Sportler amüsierte. Aber bitte, wenn er denn meinte, das war ja nicht sein Problem, er war ja nur derjenige, der Ken alle Knochen einzeln brechen würde, sollte mit Nagi was passieren.
Der Junge wurde halt doch langsam erwachsen, auch wenn es dem Deutschen wenig in den Kram passte, dass das ausgerechnet JETZT war. Ihm wäre es am liebsten, wenn der Kleine immer dieses süße, stille Kind mit den großen, mitternachtsblauen Augen blieb, dass er noch bis vor kurzem gewesen war. Aber nein, dann hatte ja dieses zurückgebliebene Wesen von Tot auftauchen müssen und vorbei war’s mit der kleinen Familienidylle.  
Schnell lenkte er seine Gedanken wieder auf die Gegenwart. Wo war er noch mal gewesen? Ach ja, also Ken schied als potentielles Spielzeug also schon mal aus, der kleine Bombay auch, der erinnerte ihn mit seinen riesigen, blauen Augen viel zu sehr an sein eigenes Chibi, als dass er eventuelle, sadistische Handlungen so wirklich hätte genießen können, also sparte er es sich lieber gleich.
 
Immerhin wäre da ja dann noch der gute Aya gewesen. Anziehend, in der Tat, eine wirklich exotische Schönheit mit den roten Haaren und der blassen Haut, den feinen Gesichtszügen, die immer an eine Porzellanpuppe erinnerten und der schlanken Gestalt. Aber in seinem Kopf herrschte immer eisige Kälte, Schuldig hielt sich nicht gerne dort auf. Jedes Mal, wenn er doch kurz in die Gedanken des Rotschopfes eintauchte, hatte er hinterher immer das Gefühl wirklich zu frieren, obwohl das natürlich Unsinn war. Zudem drehten sich die Gedanken des gegnerischen Leaders immer nur um seine Schwester, seine Selbstvorwürfe, seine Schuld und seine Rache, öde, furchtbar langweilig, nichts, was ihn auch nur für ein paar Stunden beschäftigen könnte.
 
Er musste zugeben, dass Yohji in dieser Hinsicht das geeignetste Objekt war, um seine Unausgelastetheit auszugleichen, das konnte er nun wirklich nicht leugnen, es war also doch nicht so furchtbar großer Zufall gewesen, dass seine Wahl gerade auf den Playboy gefallen war, aber dass sie sich heute hier über den Weg liefen, das hatte er nun wirklich weder geplant, noch erwartet.
Sie hatten morgen einen Hit, also hatte Brad ihm heute Abend freigegeben, damit er sich nochmal austoben konnte und dann bei dem Auftrag voll bei der Sache war. Primitive Strategie, aber effektiv.
 
Er blinzelte leicht, zufrieden mit den Ergebnissen, die ihm sein Denken beschert hatte, denn jetzt brauchte er kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn er das Gefühl hatte, dass Balinese ihm gefiel, das war ja schließlich irgendwo auch Sinn und Zweck des Spiels und so lehnte er sich entspannt gegen das Holz des Bartresens und entließ Yohji wie nebenbei aus seinem mentalen Griff.
 
Der Weiß hatte doch tatsächlich vor ein paar Minuten abhauen wollen, als er gedanklich noch mitten in der Debatte gesteckt hatte und so ging das ja nicht! Sein Spielzeug hatte sich nicht einfach so zu verdrücken, dann hatte er ja nichts mehr, mit dem er sich beschäftigen konnte, nicht wahr? Und was dann passierte, hatte er ja schon ausführlich erläutert, musste also nicht wiederholt werden.
Jedenfalls hatte der Teil seines Bewusstseins, der nicht gerade aktiv am Denkprozess beteiligt gewesen war, einfach mal zugegriffen und den Blonden auf seinem Platz gehalten, bis er fertig war.
Manchmal fragte er sich selbst wirklich ernsthaft, wie er es schaffte, bei Aufträgen absolut zielgerichtet und effektiv zu arbeiten, im Privatleben aber so oft um die Ecke dachte. Zugegeben, er fragte es sich nicht oft.
 
Im Moment interessierten ihn eigentlich viel mehr die Gedankengänge seines neuen Kätzchens, denn die Flüche waren in den letzten Minuten noch um einiges farbenprächtiger geworden, auch wenn der Playboy schlau genug war, nichts davon auszusprechen, das hätte wohl auch wirklich etwas dämlich ausgesehen.
Schuldig wurmte es beinahe ein bisschen, dass er wohl das Beste verpasst hatte, aber erstens war seine interne Diskussion wirklich wichtig gewesen und zweitens lebte er mit einem Amerikaner und einem gotteslästernden Iren zusammen und er bezweifelte doch sehr stark, dass etwas über deren Einfallsreichtum ging, wenn sie mal richtig loslegten. Vor allem Farfarello wusste teilweise Wörter, von denen sich der Deutsche beim besten Willen nicht erklären konnte, woher der Weißhaarige sie hatte, von IHM jedenfalls nicht.
 
Langsam aber sicher gingen Balinese dann doch die Variationen aus und der Orangehaarige hielt es für angebracht, sich jetzt auch mal wieder einzuschalten, zumal der Blonde sich auch wieder bewegen konnte, die Möglichkeit also nicht ausgeschlossen war, dass der Andere durchaus handgreiflich wurde, so wie die Augen im Moment angriffslustig funkelten. Das eEinzige, was ihn momentan noch zurückhielt, war der Wutausbruch seines Leaders, den er nicht miterleben wollte, sollte er die Abmachung mit Schwarz gefährden. Gut so, das bedeutete praktisch den Freifahrschein für Schuldig.
 
"Aber Kätzchen, sei doch nicht so biestig, lass die Krallen drin, sonst muss ich sie dir stutzen..." Yohji zitterte vor Wut, als die Stimme sowohl akustisch, als auch mental an sein Ohr drang. Er hasste diese Hilflosigkeit, er hasste es, sich benehmen zu müssen und vor allem hasste er Mastermind! Und vielleicht sollte er ganz schnell mit dem Denken aufhören, wenn er einen Telepathen neben sich hatte, denn der nutzte sofort die Kerbe, die der Blonde ihm geschlagen hatte.
 
"Du willst dich nicht benehmen? Och, da wüsste ich aber schon was, wo du ganz unanständig sein darfst...." Die Töne troffen wie flüssiger Samt über die Lippen des Deutschen, direkt in sein Ohr, hatten allerdings seinen eindeutig bitteren, giftigen Stachel.
 
Erschrocken wich Yohji einen Schritt zurück und seine Gefühle schäumten einen Moment derart über, dass Schuldig sich mit leicht verzerrtem Gesicht zurückziehen musste, um nicht augenblicklich überrannt zu werden. Huch, anscheinend schien der Gedanke, er könnte den Japaner irgendwie interessant finden, in diesem ein mittelschweres Durcheinander anzurichten.
 
Erleichtert, dass er sich wieder bewegen konnte, machte der Playboy gleich noch einen Schritt von Mastermind weg. Am liebsten hätte er den Feind angefaucht, dass er ihn mal sonstwas konnte und sich gefälligst jemand anderen für solche Dinge suchen sollte, aber er hatte ja noch strenge Anweisung bekommen, keinen Ärger zu machen, wenn er schon einen Abend vor einer Mission ausging. Wenn er sich jetzt mit Mastermind prügelte und morgen nicht voll einsatzfähig war, würde Aya ihm nicht nur den Kopf abreißen, sondern ihn auch nie wieder vor einem Hit weglassen, und der Rotschopf hatte wirklich gute und überzeugende Mittel, seine Ansichten durchzusetzen.
 
Also machte er weiterhin keine Anstalten, den Schwarz anzugreifen, oder verbal zu beleidigen, dafür sprachen seine Gedanken eine wirklich eindeutige Sprache. Allerdings schien der Schuß eher nach hinten loszugehen, als den gewünschten Effekt zu erzielen, denn in den leuchtend grünen Augen glomm ein Funke auf, der Yohji einen kalten Schauer über den Rücken schickte. Der Blonde hasste es, nicht Herr einer Situation zu sein und genau das war im Moment ganz offensichtlich der Fall.
 
Um seine Unsicherheit und Verlegenheit zu überspielen, nahm er noch rasch einen Schluck aus seinem Glas und sah sich nach einer Frau, nach IRGENDWEM um, mit dem er sich umgeben könnte, um einen Grund zu haben, aus der Nähe seines Feindes zu entkommen.
Der lehnte derweil lässig und immer noch grinsend am Bartresen, nahm ab und zu einen Schluck seines Cocktails, schien sich aber nicht weiter für seine Umgebung, dafür um so mehr für Yohjis Person zu interessieren, denn er fixierte den Blonden auf eine Art und Weise, die diesen ganze nervös machte und ihn sich irgendwie wie eine Maus fühlen ließ, die von einer Katze beobachtet wird. Zwar schien die Katze, in diesem Fall, Mastermind, im Moment satt und nicht auf Angriff aus zu sein, aber man wusste ja bei diesen Viechern nie, die waren absolut unberechenbar, das wusste doch jeder!
 
Schuldig amüsierte sich derweil gut über Yohjis Gedanken, fand es jetzt aber an der Zeit, sich auch mal wieder bemerkbar zu machen. So, wie sich das Kätzchen suchend umsah, war ihm ganz offensichtlich langweilig und das traf sich gut, denn der Deutsche gedachte sehr wohl, sein Spielzeug zu beschäftigen.
 
//Aber, aber, erstens bist du hier das Kätzchen, BALINESE und zweitens, lass das 'Mastermind', das klingt zwar ganz nett, ist aber auf Dauer sehr nervig. Mein Name ist Schuldig.//
 
Yohji runzelte die Stirn, ob dieser seltsamen Bemerkung. Der Kerl verriet ihm seinen Namen? Also, normal war das nicht, soviel stand fest, aber was war an dem Psychopathen... pardon, TELEPATHEN schon normal? Aber rein aus Trotz, um nicht sofort nachzugeben, wiederholte er in Gedanken noch ein paar Mal 'Mastermind' und sei es auch nur, um den Orangehaarigen etwas zu ärgern.
 
Schuldig grinste zur Antwort nur vielsagend. Irgendwie gefiel es ihm, dass das Kätzchen nicht sofort aufgab, obwohl der Weiß genau wusste, dass er keine Chance gegen ihn hatte. Das würde ein wirklich interessanter Abend werden.
 
In diesem Moment legte sich ein schlanker, heller Arm um Yohjis Taille und ein wohlgeformter, kurviger Körper schmiegte sich gegen die Seite des Playboys.
"Yohhhhhhjjjiiii....", hauchte eine unangenehm klingende Stimme und die Frau klimperte auffordernd mit den Wimpern auf eine Art, die sie wohl für sehr verführerisch hielt.
 
Der Blonde blickte einen Moment lang irritiert an sich herab, schluckte leicht, als er erkannte, wen er da vor sich hatte.
„Ehe... hallo... Mariko... lange nicht gesehen...“, stotterte er etwas verlegen. Er wusste schon, warum er sich nie auf die Sms und Anrufe der kleinen, blonden Schnepfe gemeldet hatte, spätestens, als ihm ihr schweres, Kopfschmerzen verursachendes Parfum in die Nase stieg, so dass er sie am liebsten von sich weg geschoben hätte.  
Mariko zog einen Schmollmund, der anscheinend irgendwie niedlich oder anziehend wirken sollte, Yohji dagegen fand ihn einfach nur gekünstelt und übertrieben, zumal die Lippen noch mit grellroter Farbe geschminkt waren.
Überhaupt sah die Frau aus, wie eben in den Farbtopf gefallen und, wenn man sich ihre Kleidung betrachtete, würde man sie eher dem horizontalen als irgendeinem vertikalen Gewerbe zuordnen.
 
Für einen Moment war der Playboy so abgelenkt, dass er noch nicht mal mehr an Schuldig dachte, der ja auch noch in der Nähe war. Vielmehr beschäftigte er sich mit dem Gedanken, wie er sein lästiges Anhängsel wieder los wurde, dass sich gerade an ihn klammerte als würde ihr lLeben davon abhängen. Dass sich dabei ihre langen Fingernägel unangenehm schmerzhaft in seine Haut bohrten, war nur ein weiterer, unerwünschter Nebeneffekt dieser Aktion.
 
"Du warst in letzter Zeit gar nicht mehr hier... warum hast du dich nicht gemeldet, ich hab diche so sehr vermisst! Und ich dachte, nach allem, was wir zusammen hatten...." Sie ließ den Rest des Satzes offen, ob absichtlich, oder weil sie einfach zu dumm war um weiterzumachen, konnte Yohji nicht sagen, es interessierte ihn eigentlich auch kein bisschen, nur sah sie ihn so erwartungsvoll an, dass er sich gezwungen sah, zu antworten.
 
"Hör mal... Mariko... es war ja ganz nett mit dir, aber... ich fürchte, wir passen einfach nicht zusammen...", versuchte er es dann auf eine einigermaßen diplomatische Art und Weise. Er ließ jetzt einfach mal weg, dass sie ihn schon nach einer halben Stunde zu Tode gelangweilt hatte, im Bett eine Niete und ihre Brüste nicht nur operiert waren, sondern auch noch so aussahen, das würde dann doch zu weit führen, nicht wahr? Er war nicht unhöflich zu Frauen... naja, zumindest meistens nicht.
 
Seine Meinung, begann sich stark zu wandeln, als Mariko nun anfing, ihm in Erinnerung zu rufen, was sie denn alles 'zusammen gehabt hatten' und wie ein Wasserfall auf ihn einredete. Er verstand sowieso fast nichts wegen der Lautstärke der Musik und das, was er verstand, gefiel ihm nicht.
Als er gerade so richtig schön am Verzweifeln war, wurde plötzlich der krallende Frauenarm von ihm heruntergepflückt und ein anderer, wesentlich kräftigerer legte sich stattdessen um ihn.
Erschrocken schaute er auf und blickte geradewegs in brennende, leuchtend grüne Augen.
Oh oh, da war aber jemand sauer! Das konnte sogar Yohji sehen, obwohl er den Schwarz nicht besonders gut kannte, sah man einmal von ihren Missionsbegegnungen ab. Am liebsten hätte er sich sofort wieder losgemacht, denn der Arm des Deutschen verursachte ein flatterndes Gefühl in seiner Magengrube, dass er nicht so genau zuordnen konnte und es eigentlich auch gar nicht wollte. Schon gar nicht jetzt.
 
Doch ein warnender Blick hielt ihn zurück.
//Dafür schuldest du mir was, Kätzchen....// Die Sstimme im Kopf des Blonden war weich, erstaunlich sanft, ohne sarkastischen Unterton, aber der Weiß wusste sofort, dass sein Feind es absolut ernst meinte.
Für einen kurzen Moment schwankte der Playboy, doch dann spürte er, wie sich spitze Nägel in seinen Unterarm bohrten und eine schrille Stimme in sein linkes Trommelfell biss. Und er fühlte sich ganz automatisch nicken, egal, was der Schwarz verlangte - und das würde garantiert etwas unangenehmes werden - er würde es erfüllen, wenn ihn nur dieses schreckliche Weib endlich in rRuhe ließ.
 
"Na Schatz, willst du mitr deine BEKANNTE nicht vorstellen?", hörte er in diesem Moment Schuldig mit honigsüßer Stimme säuseln. Den Deutschen verstand er seltsamerweise problemlos und an Marikos Gesicht erkannte er, dass es ihr ebenso ging.
Für einen Moment entglitten der Blonden die Gesichtszüge und offenbarten absolute Fassungslosigkeit. Doch dann hatte sie sich wieder im Griff und antwortete, bevor Yohji es tun konnte.
 
"ICH bin seine Freundin und wer bist du?"
Die Augenbrauen des Playboys gingen steil nach oben, ob dieser Dreistigkeit. Verdammt, er hatte EINMAL mit dieser Frau geschlafen, noch nicht mal eine ganze Nacht mit ihr verbracht, was bildete sich die eigentlich ein?! Aus purem Trotz, weniger, weil es ihm wirklich gefiel, schmiegte er sich an Schuldigs warmen Körper, legte ihm eine Hand auf die Brust, so dass er die festen Muskeln unter dem dünnen Stoff spüren konnte. Seltsames Gefühl.
 
Schuldig grinste Mariko ein bisschen an, was sich noch wesentlich vertiefte, als er Yohjis Reaktion fühlte. Das Kätzchen war also doch nicht so hetero, wenn es darum ging, seine Haut zu retten. Nun ja, der Orangehaarige konnte nicht leugnen, dass es ihm gefiel, wie sich der große, schlanke Körper an ihn schmiegte, daran konnte er sich eventuell sogar gewöhnen.... aber erst mal mussten sie die Tussi loswerden.
 
Mit seinem besten, abfälligen Blick musterte er sie von oben bis unten.
"Ach ja? Ich glaube, dass sieht er anders... zumindest waren WIR noch bis vor ein paar Minuten zusammens, ist doch so, oder Kätzchen?" Fragend sah er den Playboy an, der nur nickte und sich sofort noch näher drückte.
Jetzt war Schuldig doch ein klein wenig irritiert. Er sah im Kopf des Blonden nach und unterdrückte nur mit Mühe ein sehr viel tieferes Grinsen, als er erkannte, dass diese Nähe nicht von ungefähr kam, sondern dass das Weib ihre Krallen immer mehr in den Arm des Anderen schlug. Da musste er schleunigst was dagegen machen, bevor noch womöglich was auf der Haut zurückblieb.
 
In den Kopf der Frau einzudringen war ihm nicht möglich, das hatte er gleich als erstes versucht. Die hatte einfach nicht genug Gehirn, das er manipulieren konnte, ihr ganzes Denken bestand nur aus Oberflächlichkeiten. Er hatte gar nicht gewusst, dass man so überhaupt leben konnte! Dann also eben auf die konventionelle Methode.
 
Er beugte sich näher zu Yohji knabberte verspielt an dessen Ohr und stellte zufrieden fest, dass der Blonde erstarrte. Auch wenn er sich sofort etwas versteifte, so rückte er doch zumindest nicht von Schuldig ab, was dieser als Zeichen nahm, weiterzumachen. Langsam wanderte sein Mund über die weiche Wange, während seine Nase den Geruch des Anderen in sich aufnahm, der sich sofort in sein Hirn zu brennen schien. Dieses Aroma von Tabak, einem dezenten Herrenparfum und... einfach Yohji würde er nicht so schnell wieder vergessen.
 
Überaus zufrieden mit sich selbst bemerkte er, wie Mariko den Arm des Playboys losließ, als hätte sie in glühende Kohlen gefasst, nachdem ihnr Gehirn verarbeitet hatte, dass sich Yohji gerade von einem Mann liebkosen ließ. Freiwillig. Und er schien es auch noch zu genießen, worauf die halbgeschlossenen Augen hindeuteten.
 
"Schwuchtel!", zischte sie wütend, drehte sich auf dem Absatz herum und floh aus der Disco.
 
Yohji war leicht zusammengezuckt und versuchte sofort, als sie außer Sichtweite war, von Schuldig abzurücken. Doch der Deutsche dachte gar nicht daran, seine Beute so leicht aus seinen Fängen zu lassen.
 
Wütend wehrte sich der Weiß gegen den festen Griff, die Nähe des Anderem war ihm unangenehm, nein, mehr als das, sie machte ihn unglaublich nervös und das hasste er mehr als alles andere. Er hatte die Situation nicht unter Kontrolle und das fuchste ihn wahnsinnig.
 
Und tiefer als der Unwille darüber, von Mastermind angefasst zu werden, hatte sich das einfache, noch nicht mal besonders schlimme Schimpfwort in seinen Kopf gegraben. Schwuchtel.
Ihr Götter, wie langte hatte ihn niemand mehr so genannt? Er wusste es nicht mehr, er hatte es in den letzten zehn Jahren trotz seines gepflegten, heutzutage würde man wohl sagen metrosexuellen Auftretens immer geschafft, sich mit genügend Frauen zu umgeben, so dass ihm derartiges gar nicht erst unterstellt wurde, was nicht immer ganz einfach gewesen war.
Irgendwann hatte er begriffen, dass es einfach nur Neid war, der aus den Kommentaren der meisten Männer sprach, die sich dennoch über ihn ausließen.
 
Warum traf es ihn also gerade jetzt so sehr? Er konnte sich die Frage nicht beantworten und hatte jetzt eigentlich auch gar keine Zeit dazu, er zappelte nämlich immer noch in Schuldigs Griff und versuchte von dem Orangehaarigen loszukommen.
 
Wieder fühlte er den warmen Atem an seinem Ohr, wieder jagte ihm ein heißkalter Schauer das ganze Rückgrat hinunter. Das war doch eindeutig nicht normal, so fühlte er sich doch sonst nicht in der Gegenwart anderer Männer. Na schön, zugegeben auch nur sehr selten in Gegenwart von Frauen, aber immerhin!
Was war also an Schuldig, dass er sowas bei ihm auslöste? Derart unerwünschte und unerfreuliche Reaktionen seines verräterischen Körpers?
 
„Oh nein, Kätzchen, nicht unerwünscht, ich wünsche mir das sehr wohl... und nun zum anderen Teil unseres Handels, du bist mir was schuldig....“, schnurrte die Stimme wieder und Yohji meinte fast, die kleinen Vibrationen an seiner Haut fühlen zu können, auch wenn das natürlich Unsinn war, die Bässe hämmerten immer noch viel zu laut, auch wenn sie auf einmal nur von weit her zu kommen schienen.  
Wenigstens wurde er auf einen Schlag wieder nüchtern, als ihm die Worte erstmal ins Hirn gesickert waren. Hatte ganz schön lange gedauert, wie er nebenbei feststellte.
Seine Augen weiteten sich ein wenig, wie sehr hatte er doch gehofft, dass Mastermind das einfach vergessen würde, aber nein, den Gefallen konnte ihm der Andere ja nicht tun.
 
Der Playboy wollte gar nicht wissen, was der Orangehaarige denn beabsichtigte, wahrscheinlich sowas wie sich nackt auf die Tanzfläche stellen und Rhumba tanzen oder etwas ähnlich Demütigendes.
 
Ein leises Lachen, diesmal nicht spöttisch, sondern ehrlich amüsiert.
„Du bringst mich in der Tat auf Ideen, Kätzchen, aber nein, so gemein bin ich dann doch wieder nicht...“ Schuldig musste ja nicht dazu sagen, dass er den Gedanken für mehr als einen Moment in Erwägung gezogen hatte, aber Yohji würde dann womöglich doch noch eine Möglichkeit finden, ihn umzubringen, wenn er derart wütend war und das wollte der Deutsche doch nur sehr ungern provozieren. Er hing immer noch an seinem Leben. Also schüttelte er nur lächelnd den Kopf. Oh nein, er wusste eigentlich schon ganz genau, was er sich wünschte. Und genau das sprach er jetzt auch aus.
 
Yohji riss entsetzt die Augen auf. Das konnte doch nicht sein Ernst sein, nie im Leben! Niemals würde er DAS tun, das... das... das ging doch einfach nicht! Verdammt, er hatte einen Ruf zu verlieren. Auf der anderen Seite wollte er auch unbedingt beweisen, dass er der ehrenhafte von ihnen beiden war und eine Abmachung nicht einzuhalten ging da ja nunmal leider gar nicht!
In Gedanken fluchte der Blonde schon wieder lauthals, was Schuldig einen kleinen Stich versetzte, den er aber rasch beiseite schob. Er war jetzt der Sadist, er konnte nicht verletzt werden und damit Punkt.
Allerdings bestärkte es den Telepathen nur noch darin, genau das einzufordern und nichts anderes, auch wenn sich der Weiß gerade darüber Gedanken machte, ob es nicht vielleicht doch vorteilhafter wäre, auf die Tanzfläche zu verschwinden. Nein, lieber doch nicht, diese Blamage würde er noch viel weniger loswerden, als das, was sein Feind von ihm verlangte.
Also gewissermaßen Augen zu und durch.
 
„Naja, du kannst die Augen auch offen lassen, das ist natürlich kein Problem... außerdem solltest du zielen...“, erinnerte ein trockener Kommentar den Blonden daran, dass er seine Gedanken keineswegs nur für sich alleine hatte. Und er hasste den Gedanken, hasste ihn wirklich.  
Schuldig schien das keineswegs irgendetwas auszumachen, im Gegenteil, er war eigentlich sehr zufrieden mit sich, er hatte eigentlich nicht erwartet, so schnell so gut zum Zug zu kommen. Umso überraschter war er nun, als Yohji sich vorbeugte und seine Lippen fest auf die des Deutschen drückte, kurz zwar nur, aber deutlich spürbar.
 
Naja, ein guter Anfang, aber nicht das, was er gewollt hatte! Immerhin musste er nicht noch endlose Diskussionen führen, manchmal hatte dieses Ehr- und Ehrlichkeitsgetue der ‚Guten‘ eben doch seine Vorteile, wie er soeben feststellte. Zumindest für ihn, Yohji würde das wohl ganz anders sehen, aber primär war er jetzt erst mal an der Erfüllung der ‚Schulden‘ interessiert.  
//Na na, Kätzchen, das wird doch wohl für dich kein Kuss gewesen sein, oder? Wo bleibt denn bitte dein Ehrgeiz? Biggest lover in town... kann es sein, dass du dich deshalb weniger mit Frauen abgibst? Weil du dich schämst, dass du nicht vernünftig küssen kannst?//, stichelte und reizte der Orangehaarige den Weiß weiter, um ihn aus der Reserve zu locken.
 
Und wirklich, Yohjis Augen verdunkelten sich sofort zornig. Sowas ging nicht gegen sein Ehrgefühl als Weiß, so was ging gegen seinen sStolz als Playboy! Er hatte schon Frauen geküsst, da war Mastermind noch nicht mal stubenrein gewesen! Was bildete sich der Kerl eigentlich ein?!
 
Die Wut schaltete den Verstand des Blonden vorübergehend völlig aus, aufgebracht packte er in die langen Haare des Anderen und zog dessen Kopf harsch zu sich. Trotz seines Zorns konnte er nicht umhin zu bemerken, wie weich und seidig sich die langen Strähnen unter seinen Fingerspitzen anfühlten und dort ein leichtes Kribbeln auslöste.
 
Noch fester grub er seine Hände hinein, presste seine Lippen wieder auf Schuldigs, doch diesmal richtig und ohne die Scheu des ersten, zögerlichen Kusses. Er würde jetzt und hier beweisen, dass er der umwerfendste Küsser war, den dieses deutsche Aas jemals erlebt hatte. Ha, der würde sich gleich umsehen! Und danach würde Yohji ihn zitternd und wimmernd einfach stehen lassen, jawohl!
 
Doch vorerst konzentrierte er sich auf den erstaunlich weichen Mund seines Feindes. Er hätte nie gedacht, dass ein Mann derart zarte Lippen haben könnte und automatisch wurde der fast grobe Kuss, den er Schuldig hatte aufzwingen wollen sanfter, fast schon zärtlich.
Vorsichtig knabberte Yohji an der Unterlippe des Orangehaarigen, sog sie leicht in seinen Mund und ließ seine Zungenspitze lockend darübergleiten. Tastend arbeitete er sich weiter vor, von Schüchternheit keine Spur mehr, warum auch, das hier war sein Terrain, auf dem er sich auskannte, das hier war sein Gebiet. Und dass er einen Mann küsste, na schön, das war etwas Neues für ihn, aber irgendwie machte ihm das im Moment am wenigsten aus. Warum, wusste er nicht zu sagen, später... später konnte er darüber nachdenken... nicht jetzt....
Doch es ärgerte ihn maßlos, dass dieser impertinente Telepath einfach nur so dastand, ihn die ganze Arbeit machen ließ und gar nicht daran dachte, den Kuss zu erwidern! Dann musste er sich eben noch ein bisschen ins Zeug legen.
Schmeichelnd und fragend fuhr seine Zunge über die absolut ebenmäßigen, glatten Zähne des Deutschen, bettelte um Einlass.
 
Und, als hätte er Yohjis Gedanken gelesen – was er wahrscheinlich wirklich hatte – erwachte der Deutsche plötzlich aus seiner Starre. Sein Mund öffnete sich auffordernd, ließ den neugierigen Eindringling passieren, seine Arme schlangen sich ganz um den schlanken Körper des Anderen, pressten ihn fest an sich, streichelten den geraden Rücken hinunter und blieben dann im Kreuz des Playboys liegen.  
Yohji jagten wieder Schauer die Wirbelsäule hinunter und postwendend wieder hinauf, als Schuldig den schmalen Streifen nackter Haut berührte, den sein kurzes Oberteil über der Hüfte nicht mehr bedeckte.
Er nutzte die Freiheit, die ihnm der Andere plötzlich gab, tauchte langsam in die Mundhöhle seines Feindes ein, suchte nach deren Bewohner. Lange musste er sich allerdings nicht alleine herumtreiben, schon spürte er, wie ihm Schuldigs Zunge nicht minder neugierig entgegenkam.
Der Playboy seufzte leise, seine Muskeln, die bis eben noch verspannt gewesen waren, lockerten sich ganz automatisch und er sank immer mehr gegen die breite Brust des anderen Mannes. Seine Arme legten sich um Schuldigs Nacken, seine Hände gruben sich noch immer in die langen Haare seines Gegenübers und wühlten darin herum, als würde der Kuss nicht ausreichen, um seine ungebändigte Energie auszuleben.
 
Schuldig befand, dass er den Blonden nun genug hatte zappeln lassen und begann, den Kuss jetzt endlich aktiv zu erwidern. Es hatte ihn schon die ganze Zeit in den Fingern gejuckt, doch erst jetzt gab er seinem Gefühl nach, drängte Yohjis Zunge zurück, folgte ihr aber auf dem Fussß, um sie in ein heftiges Duell zu verstricken, auf das der Weiß nur zu gerne einstieg.
 
Es wunderte den Langhaarigen schon, dass der Andere so bereitwillig das Spielchen mitspielte, aber er verbot sich, jetzt darüber nachzudenken, dafür war später noch Zeit, jetzt hatte er ganz andere Sorgen. Zum Beispiel, den warmen Körper noch mehr an sich zu drücken, seine Hände auf diesen perfekten Hintern zu legen und diesen leicht zu kneten... oh ja, das waren viel schönere Beschäftigungsmethoden, als denken!
 
Der Playboy seufzte lautlos in den Kuss hinein, als er die großen Hände fühlte, die seinen Körper liebkosten, ganz genau zu wissen schienen, was ihm am Besten gefiel, was er in diesem Moment brauchte.
Er hob eines seiner langen Beine, legte es um Schuldigs Taille, ohne zu wissen, was er da eigentlich tat, es fühlte sich einfach richtig an, sich an den Körper des Anderen zu pressen, als wolle er mit ihm verschmelzen und....
 
MOMENT MAL! Was machte er hier eigentlich??!! Er war gerade dabei, Schuldig (=Mann und noch dazu Schwarz und damit Feind) zu bespringen, aber buchstäblich! So frustriert konnte er doch eigentlich gar nicht sein oder? Er war doch..... ja genau er.....
Sein Denken wurde erheblich von der großen Hand, die unter dem Oberteil seinen nackten Rücken streichelte, von der geschickten Zunge, die seine neckend umspielte und nicht zuletzt vom Becken Schuldigs, dass sich aufreizend an seinem rieb, abgelenkt. Was hatte er nochmal machen wollen? Ach ja, sich losreißen, den Anderen beschimpfen, um... ja wozu eigentlich?
 
Er vergaß es in dem Moment, als sich die andere Hand des Deutschen unter seinen Hosenbund schmuggelte und aus Ermangelung an Unterwäsche, sofort auf heiße Haut traf, sich wieder um seine rechte Pobacke legte und diese sanft massierte.
Ihr Götter, das war GUT! Er hatte zwar keine Ahnung, wie Schuldig es geschafft hatte, seine Hand in diese Hose zu bekommen, die saß wirklich verdammt eng, doch er genoss das Gefühl ungemein, auch, weil dadurch natürlich vorne der Stoff gespannt wurde und fest über seinen Schoß rieb, seine beginnende Erregung noch zusätzlich zu der reibenden Hüfte stimulierte.
 
Sein Gehirn hatte sich inzwischen sogar so weit abgeschaltet, dass ihm der Gedanke, von einem Mann, nein, von SCHULDIG erregt zu werden, nichts mehr ausmachte. Sollte der Kerl doch anstellen, was er wollte, solange er nur weitermachte! Nichts, außer ihnen beiden existierte mehr für Yohji, keine Disco, keine gaffenden Leute, kein Schwarz, kein Weiß, kein Persha oder Takatori, einfach gar nichts mehr. Er schwebte auf einer Wolke aus Erregung und Behagen und zum ersten Mal seit Jahren fühlte er sich wieder wirklich begehrt und... beschützt? Vielleicht.
Hätte ihn der Deutsche nicht gehalten, seine weichen Knie hätten sicherlich unter ihm nachgegeben, aber so klammerte er sich an den kräftigen Körper, versuchte, sich noch dichter an ihn zu schmiegen.
 
Schuldig lächelte zufrieden. Ja, genau so wollte er sein Kätzchen haben, willenlos, nur durch seine Handlungen. Und dabei hatte er noch nicht mal viel machen müssen, anscheinend war der Blonde lange nicht mehr vernünftig geküsst worden, wenn er bei einer solche einfachen Liebkosung schon weg schmolz. Ihm sollte es auf jeden Fall recht sein, beschweren würde er sich ganz sicher nicht, dafür fühlte sich der Körper des Anderen viel zu gut unter seinen Händen an.
Am liebsten hätte er den Playboy jetzt einfach gepackt und in eine dunkle Ecke gezerrt, doch er verbot es sich selbst. Er musste sich an seinen Plan halten, sonst würde das Spiel schneller vorbei sein, als ihm lieb war. Yohji würde zu ihm kommen, auf die ein oder andere Art, aber es war reizvoll, seine Gabe nicht einzusetzen, sondern die Maus dazu zu bringen, sich freiwillig in die Fänge der Katze zu begeben, stellte er für sich fest, indem er das von Yohji verwendete Bild noch einmal aufgriff.
 
Langsam löste er den Kuss wieder, zog seine Hand aus der Hose und unter dem Shirt des Weiß hervor, sah ihm einen Moment mit einem weichen Lächeln in die halb geöffneten, verschleierten Augen. Gott, warum hatte er sich diesen bescheuerten Plan zu recht gelegt und vorgenommen, sich auch daran zu halten? Er konnte sich kaum zurückhalten, einfach da weiterzumachen, wo er in diesem Moment innegehalten hatte, bis Yohji ihm völlig verfallen war.
Doch er hielt sich zurück, dieses eine Mal würde er Geduld haben und sei es nur, um sich selbst zu beweisen, dass er es konnte, wenn er denn wollte.
 
Also nahm er seine Hände völlig von Yohji und trat einen Schritt zurück, strich sich dann seine verwirrten Haare glatt und wickelte sich grinsend eine feuerorange Strähne um den rechten Zeigefinger.
//Nett, Kätzchen, wirklich nicht schlecht für den Anfang....// Damit drehte er sich um und verschwand in der Masse der Menschen, die die Disco bevölkerte, als hätte es ihn nie gegeben.
 
Yohji stand immer noch am selben Fleck, in derselben Haltung, starrte immer noch auf denselben Punkt, an dem Schuldig bis vor ein paar Sekunden gewesen war. Hatte er sich das gerade eingebildet? Hatte er in seiner Fantasie mit seinem Feind herumgeknutscht? Nein, das war nicht möglich! Die Kratzer auf seinem Arm und die Beule in seiner Hose bewiesen ihm das Gegenteil.
 
Fassungslos schüttelte er den Kopf. Wie hatte das nur passieren können? Was hatte er getan? Er hatte....
Schuldig hatte ihn zitternd und wimmernd einfach stehen gelassen!


Kapitel 16

"Bombay an Team, Meldung!"
"Siberian hier, Korridor zwei ist sauber."
"Balinese hier, Korridor vier ist sauber."
"Abyssinian hier, Korridor eins ist sauber."

"Roger, Team, Korridor drei auch sauber, grünes Licht für weiteres Vorrücken, Erreichen der Sicherheitstür in fünf, vier, drei, zwei, eins, gebe den Code ein, Bombay Ende."

Omi legte das kleine Gerät an, das er zum Knacken von Türcodes entwickelt hatte und wartete, bis die richtige Kombination ausgerechnet worden war, gab den richtigen Code ein, der den Weg in den Raum freigab. 
Zeitgleich bekamen auch die anderen drei Killer grünes Licht, als die Sicherheitssperren in ihren Abschnitten aufgehoben wurden. 
Leise sirrten die Drähte aus Yohjis Uhr, ein kaum wahrnehmbares Klicken zeigte an, dass Kens Bugnuks ausgefahren worden waren, ein schleifendes Geräusch begleitete das Katana, das aus der Scheide gezogen wurde. 

Noch einmal tief durchatmen, der Tür einen Fußtritt versetzen und rein. Solche Szenarien hatten sie schon hundert Mal durchlebt, doch immer wieder war es ein Nervenkitzel, nicht zu wissen, was auf der anderen Seite der Tür auf sie wartete. 

Ihre Augen brauchten nur den Bruchteil einer Sekunde, sich an das Dunkel zu gewöhnen und dann sahen sie es: nichts. Gar nichts, sie blickten geradewegs in die erstaunten Gesichter ihrer Kollegen, anstatt in die erschrocken aufgerissenen Augen ihres Ziels. 
Ken fluchte leise und öffnete die Fäuste, so dass seine Krallen wieder einfuhren. "So eine Scheiße, wo ist der hin? Das gibt's doch gar nicht, wir haben doch alle Fluchtwege abgeschnitten!" Zornig trat er gegen eine der Stahlwände. Sie hatten doch alles so sorgfältig geplant, hatten den Mistkerl wie eine Ratte in die Falle getrieben, nachdem sie seine Handlanger aus dem Weg geschafft hatten, wie hatte der Kerl nur entkommen können? Das war doch unmöglich!

Yohji und Omi ging es ganz ähnlich, nur dass der Playboy sowieso schon seit gestern so auffällig still war, kaum ein Wort sprach und irgendwie blass aussah und es einfach nicht die Art ihres Chibis war, einen Wutausbruch zu bekommen. 
Der Blick des Braunhaarigen wanderte zu ihrem Anführer. Der stand noch immer in der gleichen, angespannten Haltung da, die Augen halb geschlossen, schien irgendwie... zu lauschen? Ken wollte eine entsprechende Frage stellen, wurde aber von einer erhobenen Hand daran gehindert und schwieg deshalb ungeduldig. Seine Finger zuckten unruhig.

Aya legte den Kopf etwas schief, ging dann auf eine der glatten Wände des Sicherheitsraumes zu, wich dabei den beiden Stühlen und dem kleinen Schreibtisch, dem einzigen Mobiliar, aus. Auch er hatte erwartet, das Opfer hier zu finden, immerhin war es das sicherste Zimmer im ganzen Gebäude und hatte den Ruf eines kleinen Fort Knox gehabt. Jetzt lagen draußen die Leichen der Wachmänner und sie waren hier drin, nur der, auf den sie es abgesehen hatten, der blieb unsichtbar. 
Doch da war etwas... Geräusche, die er nicht richtig zuordnen konnte... Wimmern? Seine Augenbrauen zogen sich etwas zusammen, als er das Katana wegsteckte, um beide Hände frei zu haben. Vorsichtig legte er seine behandschuhten Fingerspitzen gegen das kalte Metall der Wand, beugte sich noch etwas näher. Ja, ganz eindeutig, dahinter rumorte etwas. 

Er gab seinem Team ein Zeichen, näher zu kommen, ließ die Hand in der Luft kreisen und wusste, ohne sich umsehen zu müssen, dass die drei sich sofort lautlos strategisch im Raum und seiner Nähe verteilten, wobei ihm Ken mit seiner Nahkampfwaffe am nächsten stand und ihnen Omi mit den Darts den Rücken deckte. Yohji bewegte sich irgendwo dazwischen, den ausgefahrenen Draht einsatzbereit. 

Mit zusammengekniffenen Augen musterte der Rotschopf die Wand. Auf den ersten Blick war hier nichts Besonderes zu entdecken, doch wenn man genau hinsah, bemerkte man die winzigen Einkerbungen entlang einer Schweißnaht. Sanft fuhr er daran entlang, übte immer mehr Druck aus, bis ihm schließlich ein mechanisches Knirschen anzeigte, dass er die richtige Stelle gefunden hatte. 
Er lehnte sich mit seinem ganzen Gewicht gegen den Stahl und drückte mit aller Kraft, doch erst als Ken ihm zu Hilfe kam, ließ sich die Geheimtür so weit bewegen, dass sie hindurchschlüpfen konnte. Er deutete den Anderen, ihm zu folgen und trat in den dunklen Gang hinein, nachdem er wieder sein Schwert gezogen hatte. 

Fast sofort hüllte ihn die Finsternis ein und er musste sich voll auf sein Gehör und seinen Tastsinn, sowie seinen Instinkt für Gefahr verlassen, eine Tatsache, die ihm nicht besonders gefiel, aber er konnte auch nicht das Risiko eingehen und mit seiner Taschenlampe Licht machen, nicht bevor er wusste, was vor ihm lag. 

Er hörte keinen Laut, aber er wusste, dass sein Team sich dichter hinter ihm befand, er konnte Kens Körperwärme selbst durch das Leder seines Mantels spüren, er roch den schwachen Hauch von Yohjis Rasierwasser, gemischt mit dem Tabakaroma, das den Playboy immer umgab und er fühlte die beruhigende Präsenz, die immer von Omis Person ausging. Und auch wenn er es nicht gerne zugab, aber es war ein gutes Gefühl, seine... Freunde hinter sich zu wissen, die ihm den Rücken deckten. 

Doch seine volle Aufmerksamkeit galt nun dem, was vor ihnen lag, ein winziger Fehler konnte sie alle das Leben kosten, er durfte sich gerade jetzt keine Schwäche erlauben, er war Abyssinian, seine Kollegen verließen sich auf ihn. Sorgsam jeden Schritt vorher austestend, falls sich ein Hindernis oder gar ein Loch vor ihm befand, bewegte er sich geräuschlos durch die Dunkelheit, tastete sich dabei an der Stahlwand entlang. Schon bald spürte er, wie die Luft deutlich kühler wurde, es ging leicht abwärts und plötzlich war das Material unter seiner Hand nicht mehr das widerstandsfähige Metall sondern Stein. Ja, es sah Ratten ähnlich, sich bei Gefahr in den Keller zu verziehen. 

Laute vor ihm ließen dem Rotschopf einen eiskalten Schauer über den Rücken laufen und er beschleunigte automatisch seine Schritte. In Gedanken betete er zu allen ihm bekannten Göttern, dass es nicht das sein mochte, was er vermutete, befürchtete. Nicht um seiner selbst Willen, er hatte schon vor langer Zeit systematisch alle Gefühle in sich abgetötet, von Hass und Zorn vielleicht einmal abgesehen, seiner Meinung nach existierte in ihm nichts mehr, was ihn auf Missionen behindern konnte. Sein Privatleben stand auf einem ganz anderen Blatt geschrieben.
Nein, er dachte vor allem an Omi und Ken, für sie schickte er gleich noch ein paar Stoßgebete mehr hinterher, als würde es ihnen irgendetwas bringen. Es gab keine Götter, nichts, was seine schützende Hand über sie hielt, das hatte er schon vor über zwei Jahren begriffen. Aber schaden konnte es ja auch nicht.

Die leisen Schreie nahmen an Lautstärke zu und für einen Moment meinte er, das Blut in seinen Adern gefrieren zu fühlen. Fest biss er sich auf die Unterlippe, um alles niederzukämpfen, was automatisch in ihm aufstieg, er musste jetzt beherrscht und kühl handeln oder sie alle würden den Morgen nicht mehr erleben.
Er spürte deutlich, wie die Anderen hinter ihm unruhig wurden. Natürlich, ihr Gehör mochte vielleicht nicht ganz so gut sein wie seines, aber immer noch mehr als geschärft und auch sie hatten in ihrem Job mehr als genug gesehen, um einordnen zu können, was da vor sich ging. 

Seine Muskeln reagierten sofort, als er ihnen den Befehl dazu gab und mit einer leise gezischten Aufforderung lief er los, zu schnell für diese Lichtverhältnisse, aber er konnte nicht mehr warten, sie mussten retten, was noch zu retten war, sie mussten dort so schnell wie möglich hin. Und deshalb rannte er, auch auf die Gefahr hin, über etwas zu stolpern, verließ sich voll und ganz auf seine antrainierten Instinkte, die ihn zuverlässig warnen würden. Auch wenn seine Selbstbeherrschung manchmal sehr zu wünschen ließ, so gehorchte ihm sein Körper doch immer mehr als zuverlässig, war und blieb eine der wenigen bestimmbaren Konstanten in seinem Beruf. 

Und auch diesmal wurde er rechtzeitig gebremst, er tastete sich vor und stieß auf Holz. Eine Tür. Diesmal zögerte er nicht, er nahm kurz mit den Händen maß, schätzte die Stabilität ab, drehte sich einmal mit Schwung um die eigene Achse und versetzte den Brettern einen so gewaltigen Tritt, dass sie splitternd in alle Richtungen auseinanderflogen. 
Mit grimmig verzogenem Gesicht und gezogenem Katana stürmte er in die Helligkeit und erstarrte. 

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Schuldig trommelte nervös mit den Fingerspitzen auf dem Lenkrad herum. Erst, als er beinahe die Hupe getroffen hätte, ließ er die Hände auf seine Oberschenkel sinken. Leicht fröstelnd zog er den dunkelgrünen Doppelreiher fester um sich. Um diese Jahreszeit wurden die Nächte schon verflucht kalt und er war dankbar für den warmen Mantel, zumal die Standheizung leider nicht besonders viel hergab. Er hätte sie schon vor Wochen reparieren lassen müssen, doch er war bis jetzt zu faul gewesen, in die Werkstatt zu fahren, ein Umstand, den er jetzt mehr als bereute. 

Neben ihm hämmerte Nagi auf die Tastatur seines Laptops ein, als gäbe es kein Morgen. In dem ausdruckslosen Gesicht des Jungen war nicht die kleinste Regung zu erkennen, nichts ließ Rückschlüsse darauf zu, wie die Arbeit voranging. 
Seufzend rückte der Deutsche sich ein wenig auf dem Fahrersitz zurecht, zog seine Pistole, überprüfte die Ladung, steckte sie gesichert wieder in sein Schulterholster zurück, eine Geste, die absolut automatisch und nicht wirklich bewusst wirkte. 

"Prodigy an Oracle. Sie sind drin", hörte er da auf einmal die Stimme seines jüngeren Teamkollegen neben sich, der Informationen an ihren Anführer weitergab, der sich mit Farfarello auf der anderen Seite des Gebäudekomplexes befand. 
Anscheinend erhielt der Junge eine positive Antwort, denn er klappte den Deckel seines Geräts zu und stellte es beiseite. 
"Wir gehen rein."

Erfreut riss Schuldig die Autotür auf und sprang ins Freie, hätte sich dabei beinahe in seinen eigenen Beinen verheddert und konnte sich erst im letzten Moment am Rahmen des Fahrzeugs festklammern, um nicht unangenehmen Kontakt mit dem Boden zu schließen. Die kleine Aktion trug ihm einen spöttischen Blick von Nagi ein, der wesentlich ruhiger ausgestiegen war und bereits den roten Sportwagen umkreist hatte.
Freches Gör, von wem hatte er sich das wieder abgeschaut?

Grummelnd machte er die Tür zu und schloss ab. Noch einmal überprüfte er die beiden Revolver und die Reservemagazine, ein Routinecheck, mehr nicht, er wusste auch so, dass alles wie immer an seinem Platz war. 
NAG, mit Headset ausgestattet, war bereits ein paar Schritte voraus und der Deutsche beeilte sich ihm zu folgen. Er hatte nicht vergessen, in welcher Gefahr vor allem ihr Jüngster schwebte, zumal sie sich jetzt gerade einem ausdrücklichen Befehl von Takatori widersetzten. Sie sollten die Ziele der gegnerischen Gruppe beschützen, stattdessen machten sie sich gerade auf den Weg, die Kätzchen vor ihrem Untergang zu bewahren. 

Er war ja wirklich gespannt, wie Crawford DAS ihrem Boss erklären wollte, aber erstmal musste er dafür sorgen, dass sein neues Spielzeug heil aus dieser Sache wieder herauskam. Die Anderen natürlich auch, aber wozu waren denn seine Kollegen da? Er würde sehen, dass Yohji nicht viel abbekam, sonst war er ja zu nichts mehr zu gebrauchen!

Lautlos huschten die zwei Gestalten über den ausgestorbenen Innenhof. Eigentlich wäre es nicht mehr nötig gewesen. Hier im äußeren Ring der kleinen Festung war nichts mehr am Leben, was über die Größe einer mittleren Küchenschabe hinausging, das bemerkte nicht nur der Orangehaarige mit seinen telepathischen Fähigkeiten, das zeigten ihnen auch die Leichen, auf die sie immer wieder stießen. 

Sie bogen nach ein paar hundert Metern vom Pfad der anderen Gruppe ab, nahmen wie verabredet den Weg über eines der oberen Stockwerke. Brad hatte vorausgesehen, dass sie von hier aus einen besseren Zugriff auf den Keller haben würden, zu dem die Kätzchen gerade unterwegs waren. 
Sie sprachen kein Wort, auch nicht, als nach einer Weile Crawford und Farfarello zu ihnen stießen. Ein kurzes Nicken war alles, was zur Begrüßung benutzt wurde, mehr war nicht nötig, um sich zu verständigen. 
Auch Brad trug noch das Headset, genauso wie Nagi, auch wenn es jetzt nicht mehr gebraucht wurde. 

Gemeinsam strebten sie den von ihrem Hacker berechneten Punkt an, von dem aus sie zuschlagen würden. Wenig später hatten sie die beiden Luken erreicht, von denen aus es direkt in den Raum unter ihnen ging, allerdings durch einen engen Schacht, durch den sie gerade so durchpassen würden. Ein Umstand, der vor allem Brad sichtlich missfiel, aber das Orakel hatte alle Möglichkeiten durchgespielt und das hier war die einzige, wie alle acht überleben würden, auch wenn es ihm nicht passte. 

Also verzog er keine Miene, öffnete eine der Luken. Schuldig neben ihm tat es ihm gleich. Farfarello stellte sich hinter seinen Anführer, Nagi hinter Schuldig, so hatten sie die besten Chancen, sollten sich doch noch wider Erwarten Probleme während des Abstiegs auftun. 

Ohne zu zögern schwang sich der Amerikaner in den Schacht, nickte dem Deutschen noch einmal zu und ließ dann los. Keine zwei Sekunden später hörte er bereits Geräusche von unten, Laute, die er lange nicht mehr gehört hatte. Schreie von Kindern. 
Rasch drängte er die Bilder, die in ihm aufstiegen zurück und baute eine stabile Mauer darum. Nicht jetzt, später.

In seinem Kopf beschwerte sich Schuldig gerade lauthals über den widerlichen Gestank in seinem Schacht und über den Dreck, eine willkommene Ablenkung, wie er sich eingestehen musste. Er herrschte den Telepathen an, den Mund und die Gedanken zu halten und sich zu konzentrieren, obwohl das eigentlich nicht nötig gewesen wäre. Der Andere war einfach nicht glücklich, wenn er nichts zu meckern hatte, das passierte schon ganz automatisch und tat seine Handlungseffektivität keinen Abbruch. 

Das Licht unter ihm wurde heller und dann war er aus der Röhre heraus, landete geschmeidig auf dem gefliesten Untergrund, genau vor Siberians Füßen, wie er es vorausgesehen hatte. Er verfluchte die Bewegungslosigkeit des Jungen, deckte den Weiß, so gut es eben ging. Was stand der denn da wie angewachsen?!
Noch im Fall hatte er bereits den Revolver gezogen, legte jetzt an, zielte und schoß, alles in einer einzigen, fließenden Bewegung. 

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Ken drängte hinter seinem Anführer aus dem dunklen Gang, wäre beinahe in ihn hineingelaufen, so plötzlich blieb der Rothaarige stehen. Hinter sich hörte er Yohji scharf einatmen.
Er machte einen Schritt zur Seite, hinter Ayas Rücken hervor und seine Augen weiteten sich vor Entsetzen. Der große Raum war anscheinend zur ‚Aufbewahrung' der Kinder verwendet worden, zumindest deuteten die kleinen Zellen, die in die Wände eingelassen worden waren darauf hin. 
Jetzt war es eine Todeskammer.

Überall lagen Kinderleichen verstreut, kleine Körper, denen die Kehle aufgeschlitzt worden war, kleine Gesichtchen, in deren aufgerissenen Augen noch immer der Schrecken des Endes stand, die ihn flehend und anklagend zugleich anzusehen schienen. 

Unwillkürlich hob er die Hand vor den Mund, um den Brechreiz zu unterdrücken. Er hatte ja schon viel gesehen, gedacht, dass er die Grausamkeit der Menschen kannte, doch in diesem Moment... Tränen schossen ihm in die Augen.

Aya vor ihm bewegte sich plötzlich und auf einmal fiel auch die Lähmung von ihm selbst ab und er bemerkte die fünf Gestalten, die sich im hinteren Teil des Raumes aufhielten.
Und er begriff, dass er nur noch am Leben war, weil diese genauso überrascht waren, die vier Killer zu sehen, wie umgekehrt.

Doch die Männer erholten sich nur allzu schnell von ihrem Erstaunen, zogen beinahe gleichzeitig Schusswaffen unter den dunklen Mänteln hervor. 
Automatisch wollte er sich zur Seite fallen lassen, um dem sicheren Ende auszuweichen, doch er stolperte über etwas Weiches, Nachgiebiges. 
Unwillkürlich begang er den schlimmsten Fehler, den ein Killer nur machen konnte: er ließ das Ziel und die Gefahr aus den Augen und sah nach unten.

Eiseskälte durchzog seinen gesamten Körper, ließ ihm mitten in der Bewegung zur Salzsäure erstarren. Das durfte nicht wahr sein, das konnte einfach nicht! Das war nicht wahr, er bildete es sich bloß ein!!!

"NEIN!!!" Sein Schrei verhallte im Raum, ohne dass ihm irgendjemand Beachtung geschenkt hätte. Die Anderen waren sicher schon längst in Bewegung, um ein schlechteres Ziel abzugeben. Aus dem Augenwinkel heraus erkannte er das Rot von Ayas Haaren, das an ihm vorbeihuschte, wohl versuchte, die Gegner noch zu erreichen, die inzwischen ausgeschwärmt waren und sie einkesselten.

In diesem Moment erkannte er, dass sie verloren waren. Gegen Schusswaffen auf solch engem Raum hatten sie keine Chance, nicht die geringste. 
Langsam hob sich sein Kopf wieder. Sein Gesicht war wie blankgefegt, kein Ausdruck war darauf zu erkennen, in seinem Inneren herrschte nur eisige Leere. Nicht einmal für Wut war noch Platz. Er fühlte einfach gar nichts mehr, als wäre er schon längst tot, nur dass sein Körper noch atmete und sein Herz noch schlug. Noch.

Was hatte es denn noch für einen Sinn, weiterzumachen? Er hatte versagt, er hatte die Unschuldigen nicht beschützen können. Er war nutzlos.

Mit tödlicher Ruhe sah er, wie eine der dunklen Gestalten auf ihn anlegte, wobei er sich fragte, warum er noch immer lebte, bis ihm aufging, dass zwischen ihrem Auftauchen und dem jetzigen Zeitpunkt höchstens vier, fünf Sekunden vergangen sein konnten. 
Er machte keine Anstalten, auszuweichen, kein Muskel rührte sich in seinem Körper, kalt sah er dem Tod ins Gesicht.

Doch plötzlich landete etwas Großes, Helles genau vor ihm, so dass er den Luftzug auf seinem erstarrten Gesicht spüren konnte. Es verdeckte ihm die Sicht auf das Geschehen und auf einmal schienen die Schüsse und Schreie von weit her zu kommen, wie durch dichten Nebel.

Ein Gesicht tauchte vor ihm auf, ausländische Gesichtszüge, von schwarzen Haaren umrandet, dunkelgraue Augen blitzten ihn hinter Brillengläsern wütend an, Lippen schrien ihm etwas zu, doch er konnte es nicht verstehen. 
Langsam senkte sich sein Blick wieder zu seinen Füße und noch langsamer sank er schließlich in die Knie, seine Arme schlossen sich unwillkürlich über den kleinen, leblosen, blutüberströmten Körper, über den er gerade gestolpert war. Nichts war mehr wichtig, gar nichts mehr. Er hatte versagt. 

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Nagi zählte langsam bis zehn, wie vereinbart, wechselte dann noch einen stummen Blick mit Farfarello und glitt lautlos in den Schacht, in dem schon Schuldig verschwunden war. Sein Gehirn arbeitete auf Hochtouren, auch wenn er nach außen hin völlig ruhig wirkte. Er versuchte, sich darauf zu konzentrieren, möglichst viel Energie in seine Kräfte zu leiten, laut Crawford würde er sie brauchen. 

Trotzdem kam ihm der Weg nach unten fast endlos vor. Und dann war da nichts mehr, er fiel etwa zwei Meter tief und nur dank seines Trainings und etwas Telekinese, die seinen Sturz abfing, gelang es ihm, unverletzt zu bleiben. Innerlich fluchte er über sein Ungeschick, während er sich vorsichtig aufrichtete, im gleichen Moment an eine warme, breite Brust gezogen, sein Kopf wurde mit dem Gesicht voran gegen festen Stoff gedrückt.
Zappelnd versuchte er sich zu wehren, doch Schuldig ließ nicht locker und seine Kraft wollte er gegen seinen Kollegen nicht einsetzen, auch wenn er nicht verstand, was das alles sollte.

Ein Ruck ging durch den großen Körper, er spürte, wie die Muskeln sich verkrampften und dann war er frei. Er blickte sich um und im nächsten Augenblick wünschte er, es nicht getan zu haben, immer noch blind zu sein.
Übelkeit und bittere Galle stieg in seiner Kehle auf, ließen sich nur mit Mühe zurückdrängen. Leicht schwankend sah er sich nach seinem Team um. Schuldig hatte vor ihm Stellung bezogen, deckte ihn und die beiden Weiß hinter ihnen mit seinem Körper, schoss immer noch auf die für ihn selbst unsichtbaren Gegner, während er versuchte, gleichzeitig den heranfliegenden Kugeln auszuweichen und Nagi zu schützen. Dem Jungen fiel auf, dass sich sein Kollege langsamer als sonst bewegte, aber dafür hatte er jetzt keine Zeit. Es war keine Zeit für Gefühle.

Rasch trat er aus der Deckung hervor, baute sofort einen Schutzschild um sie herum auf und bezog dann genauso wie der Deutsche vor Bombay und Balinese Stellung, lenkte die Kugeln auf die Angreifenden zurück. Schon bald stand ihm der Schweiß auf der Stirn. Noch nie hatte er seine Kräfte so lange und auf diese Weise einsetzen müssen. Mit Entsetzen spürte er, dass die Energie in ihm schnell schwand, ein Umstand, der ihm völlig fremd war. Er hoffte nur, dass die Zeit noch reichte.

Zwei der Gegner lagen bereits am Boden und rührten sich nicht mehr, doch die verbliebenen drei leisteten trotz Verletzungen erbitterten Widerstand.

"Prodigy! Deckung auf Abyssinian!", ertönte da Brads Stimme links von ihm. Sofort gehorchte er, ohne darüber nachzudenken, leitete einen Teil der Energie auf den Rothaarigen um, der an ihnen vorbei stürmte, direkt auf den Feind zu. Verdammter Selbstmörder! Ihre einzige Chance.

Am Rande bekam er mit, wie Schuldig Balinese und Bombay zu dem am Boden knienden Siberian drängte, sich dann zusammen mit Brad und Farf um die drei zusammenschloss, sollte sich irgendwo noch ein Feind verstecken und aus dem Hinterhalt angreifen wollen.
Doch Nagis Hauptaugenmerk lag auf dem Leader der anderen Gruppe, der sicher unter seinem Schutzschild, kurzen Prozess mit den drei Männern machte. Innerhalb von zehn Sekunden war keiner von ihnen mehr am Leben.

Erleichtert seufzend ließ der kleine Telekinet den Schutzschild sinken, seine Schultern sanken erschöpft nach unten und er schwankte leicht. Für einen Moment verschwamm das Bild vor seinen Augen und er musste kräftig blinzeln, um wieder klare Sicht zu bekommen.

Er drehte sich langsam zu seinem Team um, das immer noch wachsam den Raum sicherte, bis schließlich sowohl Schuldig, als auch Brad Entwarnung gaben. Noch immer erfüllte Wimmern die Luft und erst auf den zweiten Blick erkannte Nagi, woher es kam. In einer der kleinen Zellen waren noch etwa fünf Kinder zusammengepfercht, die sich ängstlich zusammenkauerten und aneinander klammerten, sie aus weit aufgerissenen, entsetzten Augen ansahen.

Der Junge musste kräftig schlucken, als er in die kleinen Gesichter sah, warf dann einen Blick zu Schuldig, der sich wohl gerade leise mit Brad unterhielt. Der Orangehaarige nickte leicht, streifte im Vorübergehen kurz Nagis Schulter mit der rechten Hand, als er auf das Metallgitter zumarschierte, davor stehen blieb und die Augen schloss. Wenig später verstummten die gequälten Laute und die Kinder sanken eines nach dem anderen in sich zusammen.
Telepathie war schon praktisch, man konnte andere alles vergessen lassen. Die Kleinen würden sich an nichts erinnern, wenn sie erwachten. 
Ein bitterer Zug umspielte Nagis Lippen. Wie sehr wünschte auch er sich manchmal, einfach nur vergessen zu können.

Er wandte sich ab und musterte seine Feinde. Aya schlug eben das Blut von seinem Schwert, steckte es weg und begann dann, den Raum systematisch abzugehen, blieb bei jeder Leiche stehen, beugte sich hinab, schloss ihr die Augen, nachdem er sie auf Lebenszeichen untersucht hatte. Er würde keine mehr finden, die Schweine hatten zu gute Arbeit geleistet. 
Der Rothaarige war wie... wie eine Maschine, schoss es dem Telekineten durch den Kopf. Keine sichtbare Regung auf dem Gesicht, die Bewegungen geschmeidig und elegant wie immer, tat er seine grausame Pflicht ohne auch nur einmal zu zögern. Einer musste es ja machen.

Nagis Blick glitt weiter zu Balinese und Bombay. Der Größere hatte den kleinen Blonden immer noch im Arm, drückte ihn ganz ähnlich an sich, wie Schuldig vorhin ihn selbst. Aha, deswegen waren also keine Darts geflogen.
Geringschätzig verzogen sich die Lippen des Hackers. Idioten, gaben eine in diesem Fall sehr hilfreiche Waffe auf, nur weil der Jüngste das Blutbad nicht sehen sollte.
Er wusste ganz genau, dass er heute Nacht kein Auge zutun würde, aber im Moment saß der Schock noch sehr tief, er spürte nichts, rein gar nichts. Sein Gehirn arbeitete mit fast schon absurder Präzision. 
Auf einmal schoß ihm ein erschreckender Gedanke durch den Kopf. 
Was, wenn er gar keinen Schock hatte, wenn es ihm wirklich nichts mehr ausmachte, kleine, tote Kinder zu sehen, Wesen, wie er selbst eines gewesen war, bevor Brad ihn aufgesammelt hatte? Was, wenn er inzwischen genauso kalt wie die anderen seines Teams geworden war? Doch, nein, so ganz stimmt das nicht, er war sich sicher, dass es den Anderen auch nahe ging, sie konnten und wollten es nur nicht zeigen. 
Brad versteckte sich hinter seiner Maske, Schuldig hinter seiner momentanen Aufgabe, nur in Farfs Augen konnte man einen mühsam unterdrückten Schmerz sehen, wenn man wusste, worauf man zu achten hatte. Der Ire stand bewegungslos da, nur seine Hände öffneten und schlossen sich in schnellem Rhythmus, der einzige offensichtliche Hinweis auf das, was in seinem Inneren vorging.

Sie alle hatten ein zweites Gesicht und jeder hatte seine Art, mit solchen Ereignissen umzugehen. Der Deutsche würde sich betrinken, Brad würde sich in Arbeit vergraben, Farfarello würde den Schmerz an seinem Körper auslassen und er selbst... ja, was würde er machen?

"Siberian?" Brads Stimme riss ihn aus den Gedanken und sein Blick flog zu Ken, der sich immer noch nicht gerührt hatte, immer noch auf dem Boden kniete, etwas umklammert hielt. Keine Regung, keinen Laut gab er von sich und doch traf es Nagi wie ein Hammerschlag. 
Langsam, Schritt für Schritt trugen ihn seine Füße zu der kauernden Gestalt. Im ersten Moment dachte er, der Andere wäre verletzt, doch dann sah er sie. Die Kinderleiche, die der Weiß in den Armen hielt, fest an seine Brust drückte. Seine Kleidung war inzwischen über und über mit dem Blut des kleinen Körpers bedeckt, es hatte seine Kleidung durchweichte, als hätte er darin gebadet.

Bombay, der sich endlich aus Yohjis schmerzhaft hartem Griff hatte befreien können, entfloh ein leiser Schrei, doch dafür hatte Nagi jetzt keinen Sinn, ihn interessierte nur das seltsame Verhalten Siberians.

Der Junge umrundete Brad, blieb neben dem Knieenden stehen und ging langsam in die Hocke. Der Amerikaner wollte seinen Ziehsohn erst daran hindern, doch ein Blick in das Gesicht des Hackers ließ ihn innehalten.

Eine kleine, schmale Hand legte sich auf Siberians Schulter. "Ken?", fragte Nagi sehr leise und langsam, unendlich langsam wandte der Ältere ihm sein Gesicht zu.
Keuchend zog der Telekinet Luft ein, als er den leeren Ausdruck darauf erkannte. Nur in den dunkelbraunen Augen wütete ein solch tiefer, allumfassender Schmerz, der sein Herz sich zusammenkrampfen ließ.

Der Fußballer wandte den Blick wieder ab, die Fingerspitzen seiner linken Hand fuhren sanft, zärtlich über die Wange des kleinen Gesichts, das er an seiner Brust gebettet hatte. Die Augen des Kindes waren geschlossen, doch der Ausdruck tiefen Entsetzens war selbst im Tod nicht von den weichen Zügen gewichen. 

Nagi sah genauer hin, doch dann überrollte es ihn wie eine schwarze Welle aus purer Agonie. Er kannte ihn. Er kannte den Jungen, den toten Jungen, der dort in Kens Armen lag! 
"Nein... bitte nicht....", kam es flüsternd über seine plötzlich trockenen Lippen. Das durfte nicht sein. Eine warme, schwere Hand legte sich auf seine Schulter und eine einsame Träne rann ihm über die Wange.
Er starrte einfach nur auf Kenshis wachsbleiches Gesicht, unfähig, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen.

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Yohji lehnte sich erschöpft gegen die steinerne Wand. Sein schwarzer Mantel glänzte dunkel vom Blut der vielen Leichen, die er nach oben geschafft hatte. Eine hässliche Arbeit, aber irgendwer musste die Kleinen dorthin bringen, wo sie von der Polizei gefunden werden konnten, denn das Gebäude würde in weniger als einer halben Stunde in die Luft fliegen um alle Spuren zu verwischen. Und die Kinder sollte ein anständiges Begräbnis bekommen, sie sollten nicht dort drin bleiben.

Rechts von ihm legte Aya gerade den letzten, toten Körper neben den Anderen ab, nur Ken stand noch immer mit dem kleinen Bündel im Arm da. Er hatte noch kein Wort gesprochen, seit das Gefecht mit Schwarz' Hilfe beendet worden war. Kein Muskel rührte sich im Gesicht seines Kollegen und dem Playboy rann ein eiskalter Schauer über den Rücken. 

Das war nicht ihr liebenswerter, tolpatschiger, hitzköpfiger Ken, das war eine Statue und sie erinnerte auf eine grausame Art und Weise an Aya.

In diesem Moment begriff Yohji zum ersten Mal wirklich, was seinen Leader zu dem machte, was er nunmal war: oft nicht mehr als eine kalte Hülle, scheinbar völlig emotionslos. 

Seufzend stieß er sich von der Wand ab und wollte auf seinen Kollegen zugehen, doch plötzlich vertrat ihm jemand den Weg. Er sah hoch, direkt in Schuldigs glimmende Augen.

Der Deutsche schüttelte leicht den Kopf. "Nicht jetzt... lass ihm seine Zeit...", meinte der Telepath ungewohnt ernst, was den Playboy dazu brachte, nicht aus der Haut zu fahren und die Beleidigungen, die ihm auf der Zunge lagen, hinunterzuschlucken. So ungern er es auch zugeben wollte, der Andere schien recht zu haben.

Trotzdem sah er überhaupt nicht ein, kleinbei zu geben und so packte der Blonde den Ausländer am Oberarm, wollte ihn beiseite drängen. 
Erschrocken ließ er wieder los, als Mastermind ein leichtes Keuchen von sich gab und bemerkte, dass seine eigene Hand voller Blut war.
"Was...?", fragte er völlig verwirrt und beobachtete überrascht, dass der Orangehaarige sich mit schmerzverzerrtem Gesicht an die Stelle fasste, die er selbst gerade losgelassen hatte. Und erst jetzt bemerkte er den großen Blutfleck auf dem dunkelgrünen Stoff. Warum war ihm das vorher nicht aufgefallen? Das sprang doch ins Auge! Er war wohl einfach zu abgelenkt gewesen oder hatte den Deutschen nicht ansehen wollen... wahrscheinlich ein bisschen von beidem.

"Du bist verletzt..." Keine Frage, eine simple Feststellung, allerdings ohne den schadenfrohen Unterton, den er selbst gerne in seiner Stimme gehabt hätte. 
Schuldig zuckte nur die Schultern. "Was geht's dich an?" Er wollte wohl abweisend klingen, hatte dabei aber eher den Tonfall eines trotzigen Kindes. 

Yohji runzelte ärgerlich die Stirn. 
"Ich bleibe niemandem etwas schuldig!", meinte er dann kühl und funkelte den Anderen wütend an. Mastermind hatte ihn und Omi mit seinem Leben beschützt, ohne ihn wären sie beide jetzt tot, also würde er jetzt nicht zulassen, dass dieser Idiot vor seiner Nase verblutete.

"Verbinden, jetzt!" Seine Stimme ließ keinen Widerspruch zu.
Schuldig machte große Augen. Was bildete sich dieser impertinente, aufgeblasene, arrogante.... WEIß sich eigentlich ein? Ok, es war schon niedlich, beziehungsweise es WÄRE niedlich GEWESEN, wenn der Tonfall anders gewesen und von einem netten Streicheln über den gesunden Arm begleitet gewesen WÄRE und sein Kätzchen besorgt gewirkt HÄTTE, aber nein! Nix besorgt, nix streicheln, ein Befehl, bei dem sich in ihm schon wieder alles sträubte, ihm zu folgen. Er hasste Befehle und von Feinden nahm er schon gar keine entgegen. 

Im Kopf überschlug er schnell die Möglichkeiten, die ihm in dieser Situation offen standen. Nagi stand noch immer bei Ken und dem Kind, Brad und Farf verminten das Gebäude, sein Arm hatte gerade wieder heftig zu bluten angefangen und der Schmerz schwoll nur langsam wieder zu einem dumpfen Pochen ab.
Seufzend resignierte er und ließ die Schultern etwas sinken. "Na schön, hol den Erste-Hilfe-Kasten...", gab er schließlich nach und ließ sich auf ein niedriges Mäuerchen sinken, presste die Hand wieder auf die Schusswunde, um den Blutfluss wenigstens einigermaßen zu stoppen. 

Yohji wirkte im ersten Moment überrascht, hatte sich innerlich schon auf eine ausartende Diskussion eingestellt und war nun umso erstaunter, dass kein Widerstand kam. Er fing sich nach ein paar Sekunden wieder und nickte leicht. "Bin gleich wieder da..." Ein Notfallset hatten sie alle in ihren Autos. Er lief los und wenige Minuten später kehrte er mit einem kleinen, weißen Koffer mit dem roten Kreuz auf den Seiten, zurück. 

Der Playboy ging in die Hocke und klappte den Kasten auf, wühlte ein wenig herum. "Ausziehen!", knurrte er etwas ungehalten. Es behagte ihm gar nicht, dem Anderen so nahe kommen zu müssen und noch viel weniger, dass er es freiwillig tat.
Immer wieder sagte er sich vor, dass er nur seine Schulden beglich, allein schon, um nicht sofort aufzustehen, und einfach wegzugehen. Das wäre unehrenhaft.

"Aber Kätzchen, hier in der Öffentlichkeit? Gestern Nacht warst du aber schüchterner!"

Der Blonde knurrte nur böse, erwiderte aber nichts auf den Kommentar, sondern beobachtete nur stirnrunzelnd, wie Schuldig ächzend versuchte, sich aus dem grünen Mantel zu schälen und damit ziemlich Probleme hatte. Yohji seufzte genervt, stand auf, trat hinter den Orangehaarigen und half ihm mehr oder weniger sanft aus dem Kleidungsstück. Eher weniger, was das schmerzverzerrte Gesicht des Deutschen bewies.

"Deswegen brauchst du aber nicht gleich grob zu werden...", tadelte Schuldig den Anderen etwas gepresst klingend, aber nichtsdestotrotz mit erstaunlich sanfter Stimme, was den Playboy überrascht die Stirn runzeln ließ.

"Ach, halt den Rand, Schwarz!", fauchte er zurück, nahm sich einfach die Schere aus dem Verbandskasten und schnitt den Ärmel des Anderen der Länge nach auf. Es tat dem Blonden zwar in der Seele weh, ein so schönes Kleidungsstück wie das Hemd seines Feindes - Gucci, das sah er auf den ersten Blick - ruinieren zu müssen, aber das Blut würde ohnehin nie wieder rausgehen, also war es wohl egal. Immerhin protestierte Schuldig auch nicht, sondern sah nur leidend auf die traurig herabhängenden Reste des Ärmels hinunter und betrachtete, was von dem edlen Designerstück noch übrig war. Nicht besonders viel.

Yohji ignorierte die Blick einfach, obwohl er nur zu gut nachvollziehen konnte, was wohl in diesem Moment in dem Anderen vor sich ging, immerhin WOLLTE er seinen Gegner nicht verstehen und nahm sich eine Wundkompresse, die er zunächst auf die Wunde drückte, um die Blutung ganz zu stillen, die bereits nachgelassen hatte. Es wunderte ihn schon, dass Mastermind nicht mal mit der Wimper zuckte, als er die sicher sehr schmerzhafte Verletzung so hart anfasste, aber der Groll auf das Verhalten des Orangehaarigen am gestrigen Abend saß noch zu tief, als dass er Bewunderung hätte empfinden können oder wollen. 

"Das ist aber nicht besonders nett von dir... dabei hab ich mir doch gestern solche Mühe gegeben..." Schuldig grinste genauso breit wie falsch, um den Schmerz in seinen Augen zu überspielen. Wie immer funktionierte die Grimasse, die er meistens auf dem Gesicht trug, perfekt. Immer hatte sie funktioniert. 
Yohji musste hart an sich halten, dass er nicht aus purem Zorn noch etwas fester zudrückte, doch das war dann doch unter seinem Niveau, auch wenn die Situation sehr dazu verführte. 

Langsam nahm er die Kompresse runter und sah zufrieden, dass die Blutung fast komplett zum Stillstand gekommen war. Vorsichtig tastete er die Wunde ab, besah sich die Austrittsverletzung, die die Kugel hinterlassen hatte.
"Hast Glück gehabt, ist ein glatter Durchschuss und soweit ich das beurteilen kann ist der Knochen nicht verletzt..." Zumindest waren von seiner Sicht aus keine Knochensplitter oder ähnliches zu sehen, also wagte er es einfach mal zu behaupten.

"Tut mir leid, Kätzchen, wenn ich nicht vor Freude in die Luft springe, ich hol das nach, wenn's nicht mehr wehtut, ok?" 
Yohji blickte hoch und bemerkte, dass Masterminds Gesicht eindeutig an Farbe verloren hatte und ihm auf dem schmalen Streifen seiner Stirn, der nicht vom Bandana bedeckt wurde, kalter Schweiß stand.

Der Weiß biss die Zähne zusammen, verkniff sich einen entsprechenden Kommentar und kramte das Desinfektionsmittel hervor. Ohne weitere Vorwarnung reinigte er die Wunde, was dem Deutschen ein schmerzerfülltes Zischen entlockte. Das Zeug brannte höllisch!

Doch der Orangehaarige sagte nichts weiter, biss nur die Zähne zusammen und fixierte einen imaginären Punkt im Nichts, während er die Prozedur über sich ergehen ließ und Yohji ihm schließlich noch einen festsitzenden Verband anlegte.

Der Blonde erhob sich mit einer fließenden Bewegung und wischte sich die blutigen Hände an einem Lappen ab, der ebenfalls Bestandteil des Koffers war. "Fertig... und übrigens, Schwarz, ich habe einen Namen, es wäre mir recht, wenn du ihn benutzen würdest!" Er hasste dieses ständige, samtweich ausgesprochene ‚Kätzchen'. Wenn er nur daran dachte, wurde ihm schon schlecht. 

Schuldig ballte kurz eine Faust, ließ es aber gleich wieder bleiben, als der Schmerz in den verletzten Muskeln wieder mit voller Macht aufflammte. 

"Gleichfalls, KÄTZCHEN!", gab er nur grinsend zurück und stand ebenfalls auf, zog sich den Mantel mit etwas ungeschickten Bewegungen wieder über, wozu er eine ganze Weile brauchte, doch diesmal konnte er keine Hilfe erwarten, das sagten ihm die wütend blitzenden, grünen Augen.

"Wunderbar Schulderich! So, bitte und wehe, wenn du mich noch einmal mit diesem Wort anredest!", fauchte der Blonde, machte damit seinem Spitznamen eigentlich alle Ehre. 
Schuldig schüttelte nur den Kopf und war kurz davor, laut loszulachen, woran ihn eigentlich nur der missmutige Gesichtsausdruck seines Gegenübers hinderte. Der kleine Playboy brachte es fertig und sprang ihm mit ausgefahrenen Krallen ins Gesicht, wenn er jetzt herausplatzte. 

"Nein, KUDOU, nicht Schulderich, Schuldig!", verbesserte er deshalb nur geduldig. Er war es gewöhnt, dass Japaner seinen Namen nicht aussprechen konnten, sogar Brad hatte damit am Anfang Probleme gehabt und ihn deswegen nur ‚German' genannt. 

Yohji runzelte missmutig die Stirn. Was war denn bitte falsch daran, wie er es aussprach? "Sag ich doch, Schulderich!" Das war aber auch ein Unwort, wie konnte man auch nur so einen dämlichen Namen haben? War das etwa seine Schuld?

Wieder schüttelte der Orangehaarige den Kopf, so dass die langen Strähnen nur so flogen. "Schul-dig", machte er es noch einmal vor, hoffend, dass der Andere es jetzt verstehen würde.
"Schuldip?", gab Yohji fragend zurück. Das klang ja noch bescheuerter, als Schulderich!

Der Deutsche klatschte sich mit einer Hand vor die Stirn. "Nein, nicht Schuldip, Schul-... ach, weißt du was? Sag einfach Schu, ok? DAS wirst du doch wohl schaffen, oder?" Er klang mehr als nur leicht zweifelnd.

Yohji verzog beleidigt die Lippen und verengte die Augen zu schmalen Schlitzen. "Natürlich kann ich das!" Er schmollte nicht, kein bisschen, das sah nur so aus! Wütend packte er die Schere wieder in den Kasten, verschloss diesen und klemmte ihn sich unter den Arm, ließ den Deutschen wortlos stehen. 

"Kudou?" Der Blonde blieb stehen, sah kurz über die Schulter, drehte sich aber nicht um.
"Danke." 

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Omi stand hilflos neben seinem besten Freund. Ken hielt immer noch die Kinderleiche im Arm, er hatte sich strikt geweigert, den kleinen Körper freizugeben und schließlich hatten sie ihn gelassen. Aya, Yohji und Mastermind hatten die restlichen nach oben getragen, er selbst war mit den lebenden fünf Kindern nach oben gegangen, Oracle und Berserker verminten das Gebäude und Nagi... ja, Nagi stand immer noch neben ihrem brünetten Fußballer, hatte sich gegen dessen Arm gelehnt und weinte noch immer stumm.

Am liebsten hätte Omi beide in den Arm genommen und getröstet, doch er spürte, dass er hier fehl am Platz war. Dies war ein Moment ihrer ganz privaten Trauer, in den niemand, nicht einmal er eindringen durfte. Später vielleicht. Also hielt er sich etwas im Hintergrund, sprach keinen der Beiden an, ließ sie in Ruhe.
Doch es hätte ihn wesentlich mehr beruhigt, wenn auch Ken weinen würde, so sehr ihn dieser Gedanke auch erschreckte. Doch sein Kollege schien in eine Art apathische Starre verfallen zu sein. Er reagiert auf nichts und niemanden, nicht einmal, wenn man ihn ansprach oder anfasste. Er hatte sich nur gewehrt, als man ihm den Jungen wegnehmen wollte.
Der Braunhaarige wirklich so gefährlich ruhig in diesem Moment, was so gar nicht zu seinem Naturell passte und gleichzeitig umgab ihn eine wahre Aura von Schmerz, die so offensichtlich war, dass man meinte, sie anfassen zu können. 

Der blonde Junge seufzte leise in sich hinein. Er wusste ja, dass das nur der Schock war, aber es wäre ihm trotzdem lieber gewesen, wenn Ken irgendeine Reaktion gezeigt hätte, wenn er toben, schreien, fluchen oder weinen würde, irgendwas, nur nicht diese tödliche Stille.

Omi schloss seine Augen und verdrängte die Bilder des Massakers im Keller, die sofort in ihm aufsteigen wollten. Seine Knie zitterten und auf seiner Zunge machte sich ein Geschmack von bitterer Galle breit. Zu spät. Sie waren wieder zu spät gekommen.
Der Hacker schwankte leicht unter den Gefühlen, die in ihm hochkochten und die er nur mit viel Mühe niederkämpfen konnte. Er durfte jetzt nicht schwach werden, nicht er auch noch, er musste auf Ken aufpassen, Aya hatte ihn damit beauftragt. Nicht etwa, dass es nötig gewesen wäre, aber wenn er ganz ehrlich war, hätte er jetzt lieber etwas zu tun, irgendwas um seine Hände zu beschäftigen, bei dem er seinen Geist abschalten konnte, wenn auch nur für kurze Zeit. 

Eine Hand legte sich auf seine Schulter und er schlug die Augen auf. Eigentlich hatte er erwartet, dass sein Leader oder der Playboy ihn holen kamen, weil sie fertig waren. Auch deshalb war er so überrascht, als er, anstatt in amethystfarbene oder grüne Augen, direkt in ein einzelnes, goldenes blickte. Erschrocken fuhr er zurück, eigentlich mehr eine automatisierte Reaktion, als wirklich willentlich ausgeführt. 

Die Hand rutschte von seiner Schulter und der Weißhaarige sah ihn mit einem undeutbaren Blick an. 
Omi trat unruhig von einem Fuß auf den Anderen. Das Starren des Irren, ja, seine bloße Anwesenheit und Nähe machte ihn mehr als nervös, auch wenn Berserker im Moment gar nicht gefährlich wirkte. Eigentlich mehr nachdenklich, so wie er den Jungen gerade musterte. 

"Komm." Die ruhige, gelassene Stimme jagte dem Blonden einen Schauer über den Rücken. Ein wenig kratzig, leicht rau, tief, aber nicht unangenehm. Er hatte den Schwarz noch nie sprechen hören.

Verwirrt blinzelte er ein paar Mal, um das seltsame Gefühl abzuschütteln, das sich zu den durcheinanderlaufenden in seinem Kopf gesellte. 
"Wohin?", fragte er dann sehr intelligent nach, was ihm einen Blick einbrachte, den man mit etwas Fantasie durchaus als amüsiert bezeichnen könnte. Berserker und Spaß?!

"Weg hier", lautete die lakonische Antwort, die Omi allerdings nicht sehr viel weiterbrachte. Warum sollte er denn hier weggehen? Er sah zu Ken und Nagi hinüber und bemerkte zu seiner grenzenlosen Überraschung, dass der Schwarzleader zu den beiden getreten war. Er hatte ihn nicht kommen hören, genauso wenig wie den Weißhaarigen. Entweder war er so tief in Gedanken gewesen, dass er gar nichts mehr wahrgenommen hatte oder die beiden bewegten sich wirklich so lautlos, wie er es eigentlich nur von Aya gewohnt war. 

Ein leichtes Zupfen an seinem Ärmel lenkte seine Aufmerksamkeit wieder zu dem Einäugigen an seiner Seite zurück. Der sah ihn auffordernd an. Unsicher blickte Omi sich nach seinem Anführer um. Er konnte doch jetzt nicht so einfach mit dem da mitgehen, wer wusste, was der vor hatte, Abmachungen hin oder her, DER hielt sich an sowas wahrscheinlich eh nicht. 
Aber andererseits wollte er den Irren auch nicht reizen oder irgendwie provozieren. Unschlüssig, was er tun sollte, trippelte er ein bisschen zur Seite, weg von Berserker, wurde aber durch eine Hand, die sich mit festem Griff um seinen Oberarm schloss, aufgehalten.

"Jetzt." Aus großen Augen sah der Junge den Weißhaarigen an. Das Wort war eindeutig gewesen und ließ keinerlei Widerspruch zu. Also wehrte er sich auch nicht, als er von den Anderen weggeführt wurde, auch wenn sich in ihm ein mulmiges Gefühl breitmachte. Keine richtige Angst, aber er spürte die Panik in sich aufsteigen und hatte Mühe, sie zurückzudrängen. Sollte er schreien? Nach seinem Team rufen? Noch hatte er Zeit, noch waren sie in Sicht- und Hörweite. 

Als hätte der Irre seine Gedanken gelesen, festigte sich sein Griff fast unmerklich, doch Omi spürte es durch seine überreizten Nerven überdeutlich. Er schluckte hart und ging weiter, mechanisch einen Fuß vor den anderen setzend. 

Weit musste er nicht laufen, bis sie die abgestellten Fahrzeuge erreichten. Ein feuerroter Sportwagen stand neben einem schwarzen Mercedes und er musste nicht fragen, wem die Autos gehörten. Sein Arm wurde losgelassen und Berserker setzte sich ohne zu zögern mit untergeschlagenen Beinen auf den Boden.

Verwirrt blickte Omi auf ihn hinunter. "Und jetzt?" Was sollte die ganze Aktion denn? Warum musste er mitkommen? Wollte Schwarz ihn als Geisel? Eigentlich konnte er sich das nicht vorstellen, aber bei denen wusste man ja nie. Sicher, Nagi war ihm sympathisch, sie waren in den letzten Tagen wirklich gut miteinander ausgekommen, hatten in der Schule erstaunlich friedlich zusammengearbeitet, aber das hieß ja noch lange nichts. 

"Wir warten." Farfarello sah kurz auf, zog dann ein Messer aus seinem Stiefel und prüfte dessen Schärfe. Amüsiert beobachtete er aus dem Augenwinkel, wie das kleine, blonde Kätzchen zusammenzuckte, als es die blinkende Klinge sah. Niedlich, hatte es etwa Angst vor ihm? 
Er leckte den roten Tropfen ab, der sich an seiner Fingerkuppe gebildet hatte, schmeckte die metallische Süße seines eigenen Blutes. Interessiert betrachtete er die kleine Wunde, die das Messer zurückgelassen hatte. Scharf wie immer.

Nachdenklich setzte er die Spitze der Klinge an seinem Unterarm an, ließ seine Gedanken in die Ferne gleiten, während er den Druck erhöhte und zusehen konnte, wie sich langsam eine rote Spur über seine weiße Haut zog. Es war immer wieder faszinierend für ihn, den Kontrast zu sehen, zu spüren, wie die warme Flüssigkeit aus der Wunde trat, ohne dass er das Geringste dabei fühlte, außer dem Druck seines Messers.

"Warum tust du das?", fragte eine leise Stimme links von ihm. Er hatte den Weißjungen beinahe vergessen und als er jetzt den Kopf hob, konnte er in das kleine, verstörte Gesicht blicken, das sich etwas näher zu ihm geneigt hatte.
Zuerst verstand er nicht, was der Kleine meinte, doch dann sah er, dass dessen Blick auf die schmale Wunde auf seinem Arm gerichtet war. Er entfernte das Messer und wischte mit einer nachlässigen Geste das Blut weg. 

"Es zeigt." Er erwartete nicht, dass Bombay verstand. Niemand tat das, nicht einmal Schuldig. Oder vielleicht gerade nicht Schuldig. Jemand, der das Leben so sehr liebte, den Schmerz genauso genoß wie Freude, wenn er ihn zufügte, so jemand konnte nicht verstehen, was der Tod bedeutete. Brad verstand vielleicht.

Mit einer ruhigen Bewegung ließ er das Messer wieder zurück an seinen Platz gleiten. Er wusste, dass der Blick des Weiß immer noch auf ihm ruhte, konnte ihn praktisch fühlen, wie er ihn durchbohrte. Er konnte die Angst des Jungen förmlich riechen, die beinahe den süßen Geruch überlagerte, den Duft nach Blumen und Sonne, nach Lachen und Freude. Eigentlich schade.

"Was zeigt es?" So ein neugieriges Kätzchen, aber es schien Mut zu haben, genug jedenfalls, dass die Neugierde die Angst überwand. Farf wandte dem Stehenden wieder seine volle Aufmerksamkeit zu, was den Jungen automatisch einen Schritt unter dem Blick des goldenen Auges zurückweichen ließ. 

"Leben." Das eine Wort schien den Blonden nachdenklich zu machen. Der Ire legte den Kopf leicht schief. Dass es hinter der schmalen Stirn arbeitete, konnte man sehen, aber zu welchem Ergebnis würde Bombay kommen? Dass er einfach nur ein Irrer war, den man nicht verstehen konnte? Wie recht der Kleine doch damit hätte und zugleich irrte er sich, wie es der beschränkte, menschliche Verstand nur konnte.

Sein Auge folgte aufmerksam jeder Bewegung, die der Andere machte, wohl wissend, wie nervös dieser unter seinem anhaltenden Starren wurde, aber das war Absicht. Es war doch immer wieder erstaunlich, zu welchen Dummheiten Menschen fähig waren, wenn sie Angst hatten... und zu welch großen Taten... und zu welch Grausamkeiten....
Warum waren die Kinder jetzt tot? Diese kleinen, lebendigen, lachenden Wesen.... nur weil ihre Wächter Angst vor Entdeckung gehabt hatten. Keine Zeugen, keine Verurteilung, nicht wahr? Es war wirklich zu schade, dass das rote Kätzchen schneller gewesen war als er, er hätte sich zu gerne ausgiebig mit den Männern beschäftigt, aber das war ihm ja leider nicht vergönnt gewesen.
Und dort unten in der bluttriefenden Lagerhalle war ihm der Tod wieder bewusst geworden. Kleine, tote Körper, die in ihrem eigenen Blut lagen, wie Schlachtvieh... wie vergänglich und zerbrechlich das Leben doch war, wie rasch und gnadenlos der Tod kommen konnte... wie leicht, wenn man keinen Schmerz spürte. Ob es den Kleinen wehgetan hatte? Sicher, er hatte es in ihren Augen lesen können, er hatte das Entsetzen gespürt, in dem Moment, als der Schacht ihn in den Raum entlassen hatte, zusammen mit dem süßen Geruch des Blutes, mit den wimmernden, hohen Schreien. Kein Schlachtvieh, mit dem war man barmherziger, das wusste nicht, was auf sie zukam. Die Kinder hatten es gesehen, sie hatten es GEWUSST.
Sinnlos, es war so sinnlos gewesen. Gott hatte wieder einmal versagt und es bestätigte Farfarello nur in seiner Annahme, dass dem da oben die Welt und seine ach so geliebten Kinder einfach völlig egal waren.

Der Ire wusste genau, dass er anders dachte als die meisten Menschen, doch damit hatte er sich schon vor langer Zeit abgefunden. Er passte sich die meiste Zeit an seine Kollegen an, hatte sich bei ihnen abgeschaut, wie man den Alltag meisterte, hatte sich weiterentwickelt, auf seine eigene, ganz spezielle Weise. Seine Art des Denkens war etwas Besonderes, das hatte Brad ihm damals gesagt, als er zu Schwarz gebracht worden war, vollgepumpt mit Beruhigungsmitteln, damit er nicht sich selbst und andere gefährdete.
Der Amerikaner hatte sich als erster die Mühe gemacht, mit ihm zu reden, hatte wenigstens versucht, ihm begreiflich zu machen, was die Menschen um ihn herum eigentlich von ihm wollten. Er hatte dem Schwarzhaarigen geglaubt. Er glaubte ihm heute noch.
Seit diesem Abend hatte er nicht wieder versucht, sich umzubringen, es schien ihm lohnender, das Leben zu erforschen und Schwarz hatte ihm dazu alle Möglichkeiten geboten, nicht umsonst natürlich, aber was kümmerte ihn das?

Und dann war Nagi aufgetaucht, eines Tages war er einfach da, ein zierlicher, verschreckter Elfjähriger mit riesengroßen, ängstlichen, mitternachtsblauen Augen, in denen das Misstrauen einer ganzen Welt zu schlummern schien. Und die Angst. Und der Hilfeschrei.
Er wusste nicht, warum Brad den Jungen aufgesammelt und behalten hatte. Wäre es seinem Anführer nur um die telekinetischen Fähigkeiten des Japaners gegangen, hätte er ihn auch genauso gut bei Sz abliefern und ihn ein paar Jahre später als perfekt ausgebildeten Killer wiederhaben können. Doch das war es nicht gewesen, sicher nicht.

Schuldig hatte es auch gemerkt. Er konnte sich noch genau an den kleinen, hitzköpfigen, mehr als unbeherrschten Deutschen erinnern, der er einmal gewesen war, voller Hass auf alles und jeden, rebellisch, laut, unhöflich. Manche Menschen änderten sich. Andere nicht. Nagi hatte den Hass besänftigt, die sadistische Ader auf ein erträgliches Maß geregelt durch seine bloße Anwesenheit, durch die Macht seiner Gedanken, buchstäblich. Er hatte Schuldig Beherrschung gelehrt, Disziplin, die er brauchte um die Angst des Kleinen von sich fernzuhalten.
Der Telepath hatte wahrscheinlich zum ersten Mal wirklich erlebt, welche Wirkung er auf andere haben konnte, ungefiltert, ungeschützt. Verstärkt durch die außergewöhnlich starke Gabe ihres Jüngsten waren die Gedanken einfach so durch den Schild des Deutschen gebrochen. Auch er hatte Mitleid gelernt. Schwer, es trat selten hervor, aber er kannte es. Auch er liebte Nagi. Irgendwie.

Farf konnte den Mann verstehen, Nagi hatte etwas fast Unnatürliches an sich gehabt, fremd und doch so vertraut. Er war wie sie. Er war allein. Er war verlassen. Und er hatte etwas in ihnen angerührt, was eigentlich schon lange tot sein sollte, etwas, das der Weißhaarige bis dahin nicht gekannt hatte: Mitleid. Er hatte nicht gewusst, was das war, er hatte nie verstanden, warum Leute außergewöhnliche Dinge taten, warum sie sich um andere kümmerten. Aber an diesem Abend, als Brad mit diesem kleinen Wesen an der Hand in dem Keller war, um sie bekannt zu machen, da hatte er es verstanden. Da hatte er gewusst warum, einfach so.
Er hatte natürlich schon vorher gewusst, dass er nicht allein in dem Haus war, aber seine Tür war immer verschlossen gewesen und Brad war derjenige, der ihm das Essen brachte. Er hatte auch zunächst keinerlei Interesse gehabt, seine Umwelt zu erkunden, er ließ alles auf sich zukommen, wie es eben geschah.

Und wenn er bedachte, was Nagi umgab, als er ihn getroffen hatte, dann konnte er sich nur schwer ausmalen, wie es gewesen sein mochte, als Brad ihn gefunden hatte. Immerhin hatte der Junge damals ja schon fast vier Jahre unter der Obhut des Amerikaners gelebt und es war trotzdem noch spürbar gewesen. Selbst heute noch von Zeit zu Zeit. So wie vorhin. 
Die Männer waren böse gewesen, sie hatten Nagi wehgetan. Sie hatten den Kindern wehgetan. Sie hatten kein Recht mehr zu leben. Gutes Kätzchen.

"Aber tut es nicht weh? Ist für dich Leben und Schmerz das Selbe?" Aha, der kleine Weiß war also aus seiner Starre erwacht. Entweder war es wirklich Neugierde oder die Faszination des Fremden, die ihn fragen ließ.

"Ich weiß nicht", antwortete der Ire wahrheitsgemäß. Er wusste nicht, wie sich Schmerz anfühlte. Wenn er es je gewusst hatte, hatte er es vor langer Zeit vergessen. Es war nicht mehr da.
"Wieso nicht?" Farfarellos Mundwinkel zuckten leicht. Bombay war wie ein Kind. Wie Nagi. Und doch so völlig anders. Genauso unschuldig und voller Leben. Aber anders. Ohne den dunklen Schimmer von Schuld. Es verwirrte den Iren, dass der kleine Killer nicht das kleinste bisschen Schwärze zu besitzen schien. Ein Takatorisprössling mit einem guten Herzen? Außergewöhnlich.

"Ich empfinde keinen Schmerz." Warum sollte Bombay das auch nicht wissen? Es war irrelevant, für ihn spielte es keine Rolle und jede. Er wüsste zu gerne wie es sich anfühlte. Schmerz. Egal, wieviel er davon zufügte, er konnte es nicht nachvollziehen, was es bewirkte. Die Schreie. Die Angst. Das Grauen.

Er sah, wie sich die hellblauen Augen erstaunt weiteten. Ja, das hatte der Junge nicht erwartet, das erwartete niemand. Alle dachten, er hätte Spaß am Schmerz. Also bis jetzt hatte er noch niemandem getroffen, der sich darüber freute, wenn man ihm etwas abschnitt. Aber er suchte weiter, vielleicht hatte er ja irgendwann Erfolg.

"Was meinst du damit, du empfindest keinen Schmerz? Meinst du das ernst?" Verblüffung, Unglaube gepaart mit Misstrauen. Bombay dachte, er log. Sollte er.
Farf hob eine Schulter. "Ich empfinde keinen Schmerz", wiederholte er geduldig, als würde er einem Kleinkind erklären, warum es schon ins Bett musste.

Er sah, wie der Blonde schluckte, sich dann einen Ruck gab und ihm gegenüber auf den Boden setzte. Seine Wissbegier schien jetzt erst recht geweckt zu sein. 
"Warum nicht?"

Der Ire blinzelte leicht. Er persönlich hielt diese Frage ja für ziemlich dumm, aber das ging ihm bei den meisten Verhaltensweisen anderer Menschen so. Viele verstand er, andere nicht, aber es war amüsant, sie zu studieren.
Aber er hielt es nicht für nötig, explizit zu antworten, also zuckte er nur leicht de Schultern, gespannt, was der Jüngere jetzt machen würde.

Doch soweit kam es gar nicht erst. Eine dunkle Gestalt wuchs hinter dem Blonden aus dem Boden, trat aus dem Schatten ins Mondlicht, gefolgt von einer wesentlich kleineren und vier weiteren, von denen allerdings drei nicht in die fahle Helligkeit kamen, sondern als Schatten dort blieben, wo sie waren. 
Flammendes Orange war das erste, was Omi ins Auge fiel, als er herumfuhr. Direkt hinter ihm stand Oracle, hatte eine Hand auf Nagis Schulter gelegt. Der Junge wirkte trotz seiner deutlich verweinten Augen sehr gefasst und so distanziert wie immer. Der Moment der Schwäche war vorbei.

"Geh jetzt." Die tiefe Stimme des Amerikaners ließ ihn frösteln und obwohl der Andere sehr leise gesprochen hatte, wusste er instinktiv, dass es keine weitere, verbale Aufforderung geben würde. Aber hier hielt ihn nichts mehr, er war nur froh, aus der Nähe des Iren zu kommen. War er doch, nicht wahr? Natürlich!
Schnell kam er auf die Füße, streifte Nagi mit einem kurzen Blick, wagte aber nicht, irgendwas zu sagen, wandte noch einmal den Kopf und sah zu Farfarello zurück, dessen Blick er wie Nadelstiche in seinem Nacken fühlen konnte, bohrend und brennend.

"Ab Kätzchen, husch husch ins Körbchen!", drängelte ihn da plötzlich die Stimme des nervigen Psychopathen. Wie er den Kerl hasste! 
Kopfschüttelnd ging er an Schwarz vorbei zu seiner eigenen Gruppe, stellte sich an Kens Seite, strich seinem Freund sanft über den Arm, mehr Gesten durfte er sich im Moment nicht erlauben. Aber er wurde durch einen dankbaren, unsagbar traurigen Blick belohnt. Wenigstens reagierte der Fußballer wieder auf seine Umwelt. Omi wusste zwar nicht warum, aber, was immer es auch gewesen war, er war dankbar dafür.

Aya machte eine Geste und geschlossen verschwanden sie in der Dunkelheit in Richtung ihrer Fahrzeuge. Ihm fiel auf, dass er nicht der Einzige war, der mehr als einen Blick über die Schulter zu ihren Feinden zurückwarf. Eigentlich sah nur ihr Leader starr geradeaus, als würde Schwarz in ihrem Rücken nicht existieren. 
Er vermisste irgendetwas, ihm war, als wäre ihm ein wichtiges Detail entgangen, etwas, von dem er eigentlich wusste, dass es da war, das er aber nicht greifen konnte. Sobald der Gedanke sich zu etwas Festem formte, entglitt er ihm auch schon wieder.

Noch einmal sah er sich um, sah in einiger Entfernung etwas Weißes aufblitzen. 
Und plötzlich wusste er es. Er wusste es einfach wieder, einfach so. Das, was ihm während des Gesprächs mit Berserker entfallen war, was er einfach vergessen hatte, einfach so.
Er hatte Ouka erschossen.