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Miracles

Kapitel 1

Es war dunkel. Dunkel und kalt. Wann war ihm das letzte Mal warm gewesen? War ihm jemals warm gewesen? Sein Magen gab ein protestierendes Geräusch von sich, auch noch nach der langen Zeit, die er jetzt nichts mehr zu tun bekommen hatte. Sollte er sich nicht langsam damit abgefunden haben? Anscheinend nicht, denn das bohrende Gefühl verstärkte sich noch.

Zitternd kauerte sich der Junge enger in die Mauernische und zog die Knie noch fester an den mageren Körper. Seine größtenteils verschlissenen Kleider konnten ihn nicht vor der Winterkälte schützen, die ihm in alle Knochen kroch. Er musste aufstehen, sich bewegen, irgendetwas tun, aber seine Glieder fühlten sich so unendlich schwer an. 

Er war so müde, immer wieder klappten seine Augen zu. Doch irgendwo hatte er mal gelesen, dass man nicht einschlafen durfte, wenn es kalt war, sonst würde er erfrieren. Und eines wollte er nicht: sterben. Nicht hier und nicht so, nicht einfach auf der dreckigen Straße verrecken, wie ein Köter, hier wo es niemanden scherte, er ohnehin nur als Abfall angesehen werden würde. Vielleicht fand ihn ja morgen früh eine Streife, vielleicht würden die Polizisten bedauernd den Kopf schütteln über das arme Bürschchen, das die Nacht nicht überlebt hatte, vielleicht würden sie nach Hause gehen und ihren Frauen von dem Kind erzählen, dass sie ins Leichenschauhaus gebracht hatten...

Nein, er würde hier nicht sterben, nicht hier und heute und schon gar nicht jetzt. Der unbezwingbare Wille, der ihn schon die letzten dreizehn Jahre am Leben gehalten hatte, machte sich bemerkbar. Er trieb ihn auf die Füße wo er schlotternd die dünnen Arme um sich schlang und ein paar hüpfende Schritte macht, um sein Blut dazu zu bringen, wieder in seine Beine zu fließen. Wenn nur dieser schneidende Wind nicht wäre.

Sein Blick wanderte die Straße hinunter, blieb kurz an den wenigen, abgerissenen Gestalten hängen, die sich hier herumtrieben. Keiner von denen war viel älter als er, egal ob Junge oder Mädchen und keiner von ihnen war auch nur annähernd volljährig. Und diese Tatsache war das einzige, was sie überhaupt am Leben hielt. Sie waren unansehnlich, abgemagert, manche drogensüchtig, aber sie sahen aus wie Kinder und genau das war es, was ihre Kundschaft hier suchte.

Sein Mund verzog sich verächtlich. Wie tief musste man eigentlich sinken, um es mit einem Kind zu treiben? Wie nötig musste man es haben, sich ausgerechnet HIER was für sein Bett zu suchen. Er kannte die Leute, die hier herkamen, krank und pervers alle miteinander. Und knauserig. Wer viel Geld hatte, suchte sich niemanden auf dem Straßenstrich, der ging in eines der Bordelle oder mietete sich gleich jemanden per Telefon.

Er ekelte sich selbst, vor dem was er tat, ekelte sich inzwischen vor seinem Körper, vor dem Blick in den Spiegel der Bahnhofstoilette, den er noch manchmal wagte, nur um zu sehen, dass er noch beschissener aussah als das letzte Mal, als er hingesehen hatte. Aber er hatte Hunger und er fror erbärmlich. Ein Kerl bedeutete wenigstens ein warmes Plätzchen für ein paar Stunden, ein paar Euro, für die er dich etwas zu essen kaufen konnte, wenn sie auch nie für mehr reichten. 

Sein Blick wanderte zum wolkenverhangenen Himmel. Wann hatte er zum letzten Mal die Sterne gesehen? Er konnte sich nicht mehr erinnern. Früher, als er noch kleiner war, hatte er sich nachts oft raus geschlichen. Hatte er sich damals die Sterne angesehen? Bestimmt. Hatte er sich dann gefragt, was er verbrochen hatte, ob er wirklich solch ein böses Kind war, dass er das alles verdiente, eine Pflegefamilie, die ihn nicht wollte bei der er noch unterhalb des Hundes rangierte? Vielleicht.
Doch was spielte das heute noch für eine Rolle. Keine mehr. Er musste im hier und jetzt leben und aufpassen, dass er überhaupt die Nacht schaffte. Und es war noch nicht mal wirklich Winter, erst Anfang November. Ihm graute es davor, wie es erst in ein, zwei Monaten sein würde.

Aber er konnte in kein Obdachlosenheim gehen. Die Betreuer würden sofort erkennen, dass er noch minderjährig war und dann würde er wieder zurückgeschafft werden. Zu ihnen. 
Er wollte da nicht wieder hin, nie wieder, lieber ließ er sich jeden Nacht buchstäblich von irgendwelchen Typen den Arsch aufreißen, was anderes hatte er 'zu Hause' auch nie gehabt. Sein Pflegevater war keinen Deut besser gewesen, wenn er gesoffen hatte, was so gut wie immer war, nur dass er eben gar nicht gezahlt hatte und seine Pflegemutter hatte mit ihren drei eigenen Kindern schon die Nase voll und verschloss vor allem die Augen, was sie nicht sehen wollte. 

Er hatte schon immer gewusst, dass er da weg wollte, aus seinem feuchten Keller mit der durchgelegenen Matratze und vor einem knappen Jahr hatte er seinen Plan in die Tat umgesetzt. Er wusste nicht, wie lange er wirklich unterwegs gewesen war, er wusste nur, dass er eben irgendwann hier gelandet war. Wenigstens hing er noch nicht an der Nadel, oder warf regelmäßig irgendwas ein. Es war zwar nur eine Frage der Zeit, bis der Wunsch nach Befreiung stärker wurde als seine Vernunft, aber noch überwog sein Lebenswille. Wenn er einmal mit dem Zeug anfing, war sein Ende vorprogrammiert, das war ihm klar wie nichts sonst. So hatte er zumindest den Funken einer Chance, eines Tages wieder aus dem Sumpf herauszukommen, in den er geraten war. Aber dafür brauchte es wohl ein Wunder und er war kein sehr gläubiger Mensch. Es gab da draußen vielleicht irgendwo einen Gott. Nur wenn, dann hatte er ihn selbst sicherlich vergessen.

Mike schob die Gedanken an seine Vergangenheit beiseite. Besser er passte auf, dann ergab sich möglicherweise heute Abend noch was. Und auch auf die Bullen, die eventuell doch noch aufkreuzten, musste er Acht geben. Er wollte nicht zurück, lieber fror er sich hier alles ab. 

Ein großer, schwarzer Wagen mit abgedunkelten Scheiben fuhr die Straße entlang. Kundschaft? Schien fast so, so langsam wie der rollte. Suchte der was? Schnell trat er einen Schritt in die Mauernische zurück und beobachtete erst mal. Konnte ja sein, dass er unter Paranoia litt, aber sie hatten ihn letzte Woche beinahe erwischt, deswegen war er jetzt lieber vorsichtig. Doch das Auto rollte weiter, ohne anzuhalten. 

Mike atmete erleichtert aus, trat wieder auf die zugige Straße hinaus. Doch ihm blieb keine Zeit sich zu entspannen. Er wurde an der Schulter gepackt und herumgewirbelt. Erschrocken blickte er in ein unrasiertes Männergesicht. Eine Kippe hing dem Typ im Mundwinkel und sein Atem stank nach Alkohol. Der Junge musste sich beherrschen, um nicht zu würgen. Gott, wie er diesen Geruch nach Fusel hasste.

"Was willst du kleine Ratte denn schon wieder hier? Ich hab die doch vorgestern erst gesagt, dass du verschwinden sollst! Hab mich wohl nicht klar genug ausgedrückt, was?!" Mike versuchte zurückzuweichen, doch die große Hand hinderte ihn daran, sich zu bewegen. Mit Gerd war nicht zu spaßen, das wusste er aus Erfahrung. Der Zuhälter hatte die meisten Jungs hier unter seiner Fuchtel, aber er selbst hatte sich von Anfang an geweigert, für irgendwen zu arbeiten, hatte dadurch allerdings auch sozusagen die Arschkarte gezogen. Und er wusste, was Gerd mit Leuten machte, die ihm nicht passten, er hatte es gesehen.

Ehe er sich versah, landete die freie Hand des Größeren in seinem Gesicht. Ein brennender Schmer breitete sich über seine gesamte linke Wange aus, dass er für einen Moment dachte, der Andere hätte ihn ernsthaft verletzt. Doch das verwarf er wieder, als er merkte, dass er noch alle Muskeln bewegen konnte, er sah zwar Sternchen dabei, aber immer noch besser als ein gebrochenes Jochbein.

"Lass mich los, dann verschwinde ich!" Kein Angst zeigen, nur keine Angst zeigen... Innerlich zitterte er vor Furcht. Am liebsten wäre er gelaufen, weit weg, doch er konnte sich noch immer nicht rühren. Hilflos zappelte er herum, doch gegen den wesentlich größeren und massigeren Mann konnte er nichts ausrichten.

"Sieh an, die kleine Ratte will frech werden, hä? Dich werd ich lehren!" Ein zweiter und dritter Schlag, diesmal wesentlich härter, trafen den Jungen. Für einen kurzen Moment wurde ihm schwarz vor Augen. Er spürte noch, wie er losgelassen wurde und sank in sich zusammen. Warum trugen ihn denn seine Beine auf einmal nicht mehr? Verzweifelt versuchte er, sich hochzustemmen, doch um ihn herum wurde es endgültig schwarz. Bevor er das Bewusstsein endgültig verlor, registrierte er noch am Rand eine neue, zweite Stimme. Er konnte nicht verstehen, was sie sagte, aber ihr Klang schien ihm das Angenehmste, was er seit langem wahrgenommen hatte. Er wollte die Augen aufreißen, doch seine Lider gehorchten ihm nicht mehr. Erschöpfung, Hunger und Kälte forderten endgültig ihren Tribut und er ergab sich der Schwärze, die ihn einhüllte, wie in eine flauschige Decke. Nicht, dass er jemals eine gehabt hätte, aber so musste es sich wohl anfühlen, so stellte er es sich vor.

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Als Mike die Augen wieder öffnete, war nicht viel Zeit vergangen, das sagte ihm sein Gefühl. War er tot? Erfroren? Nein, dafür war es viel zu kalt und sein Kopf brummte wie mit einem Presslufthammer bearbeitet. Was war also passiert? Gerd hatte ihn geschlagen und dann? Naja dann war er wohl ohnmächtig geworden und der Kerl hatte ihn liegen lassen. Hoffte wohl, dass er verreckte. Aber Moment mal, er hörte doch noch eine Stimme, oder? Ja, ganz dumpf war da Gerds aufgebrachte Stimme zu hören, aber sie schien von weit weg zu kommen. 

Er runzelte die Stirn und konzentrierte sich darauf. Sein Kopf hatte wohl etwas mehr abbekommen, als er gedacht hatte, denn es fiel ihm wahnsinnig schwer, den Sinn der gesprochenen Worte zu erfassen.

"...war doch keine Absicht! Ich konnte doch nicht wissen, dass der Kleine so empfindlich ist, oder? Ich wollte ihm ja auch nichts Böses, aber er hat mich angegriffen! Ganz bestimmt, er hat nach mir getreten! Da sehen sie doch!" Kleidung raschelte

Für einen Moment glaubte der Junge, sich verhört zu haben. Gerd versuchte, sich zu rechtfertigen? Wenn er das richtig verstanden hatte, ging es um die Schläge, die er Mike verpasst hatte. Und mit wem redete er da? Polizei? Nein, die hätte sich wohl schon um ihn gekümmert oder? Die Sache verwirrte ihn und so versuchte er, sich aufzusetzen, doch noch immer wollten ihm seine Glieder nicht gehorchen. Vielleicht war er ja auch schon festgefroren und irgendjemand musste ihn jetzt buchstäblich loseisen. Nur wer bitte sollte das sein? Für ihn interessierte sich ja niemand, damit hatte er sich schon lange abgefunden.

"Verschonen sie mich mit ihren Lügen! Hier nehmen sie und nun verschwinden sie! Und sie haben weder mich, noch den Jungen jemals gesehen!" Aha, da war sie wieder, die andere Stimme. Angenehm, aber mit einem eisig kalten, schneidenden unterton, der so gar nicht zu ihrer Natur zu passen schien. Mike schauderte. Es war, als wäre diese Stimme eigentlich nicht dazu gedacht, so zu sprechen. Was dachte er da überhaupt für einen Unsinn? Ach ja, sein Kopf, das hätte er ja beinahe vergessen....

Er schloss seine Augen wieder einen Moment. Er musste von dem kalten Boden weg, sofort, sonst schaffte er es gar nicht mehr. Langsam sammelte er jedes Quäntchen Kraft, dass er noch irgendwo herpressen konnte und wollte eben versuchen, sich aufzusetzen, als eine kühle Berührung an seiner verletzten Wange ihn zusammenzucken ließ. 

Er riss seine Augen auf und blickte in das schönste Gesicht, das er jemals gesehen hatte. Dunkelblonde, von Wind zerzauste Haare, weit auseinander stehende, dunkelgrüne Augen, eine gerade Nase, ein wohlgeformter Mund mit vollen Lippen, durch und durch ebenmäßige geschnittene, unglaublich fein gearbeitete Züge, nichtsdestotrotz männlich, wenn auch mit einem femininen Touch, der dem ganzen eine Eleganz und Faszination verpasste, die er noch nie erlebt hatte. Und er war sich ziemlich sicher, dass er NICHT auf Männer stand, um nicht zu sagen todsicher. Doch er konnte sich gut vorstellen, dass es Menschen gab, die für solch ein Gesicht morden würden.

Er musste den Mann wohl verblüfft angestarrt haben, denn auf einmal glitt ein warmes, leicht amüsiertes Lächeln über die Züge, wenn auch nur kurz. Mike wusste sofort, dass ihm dieses Lächeln gefiel, das es etwas war, das er gerne öfter sehen würde. Er trat sich gerade selbst ob seines Verhaltens, fest in den Hintern, allerdings nur innerlich.

Gerne hätte er das Lächeln noch länger bewundert, doch es verschwand wieder und die grünen Augen wurden noch etwas dunkler. Die Besorgnis stand deutlich in ihnen geschrieben und der Junge fragte sich verwundert, was denn so besorgniserregend war. Ok, er lag hier ein bisschen unglücklich auf dem Boden, aber das war nicht das erste Mal und würde auch sicherlich nicht das letzte Mal sein.

"Mike? Kannst du mich hören?" Da, da war sie schon wieder, die Stimme, diesmal aber ohne den Unterton, weich und sanft. Mike blinzelte irritiert. Warum sollte er denn den Mann nicht hören? Ach ja, vielleicht, weil er noch keine wirklich Regung von sich gegeben, sondern den anderen einfach nur angestarrt hatte? Möglich wär's natürlich.

Er riss sich zusammen und presste ein etwas gequältes "Ja" heraus. Sein Kopf drohte jetzt gerade endgültig zu zerspringen und daran konnte auch dieser Engel nichts ändern. Moment mal, was hatte er da gerade gedacht? Engel? Wie kam er denn auf den Schwachsinn? Ok, der Mann hatte blonde Haare und ein wirklich engelhaftes Gesicht, aber das war's dann auch schon. Er atmete wie jeder normale Mensch, dass konnte man deutlich an den Atemwölkchen vor seinem Mund erkennen, und Engel mussten doch nicht atmen, oder?

Vielleicht hatte er ja irgendwo eine Kopfverletzung, aus der er blutete und das waren jetzt seine Halluzinationen, kurz vor seinem Tod. Wenn ja, dann musste sterben verdammt schön sein. 
Eine warme Hand, die sich auf seine gesunde Wange legte, riss ihm wieder zurück. Nein, er fühlte sich wirklich noch nicht besonders tot. Verständnislos sah er den Blonden an, der immer noch über ihn gebeugt im Straßendreck hockte und ihn musterte. Dann spürte er auf einmal, wie sich schlanke Arme unter seinen Körper schoben, wie er hochgehoben und an die Brust des Anderen gedrückt wurde. Erschrocken fuhr er zusammen. Der wollte ihn doch nicht mitnehmen, oder? Er konnte heute ganz sicher nicht mehr arbeiten. Schwach, begann er zu strampeln.

"Nur ruhig, ich tu dir nichts, ich verspreche es...." Seltsamerweise beruhigte ihn die sanfte Stimme. Er hörte auf sich zu wehren, ergab sich in sein Schicksal. Was sollte er schon groß anderes tun? Besiegt schloss er die Augen. Wollte der Kerl seinen Spaß mit einem halbtoten, verletzten Jungen? Wenn ja, dann war das bis jetzt das Abartigste, was er erlebt hatte und die Liste dieser Dinge war verdammt lang. Aber irgendwoher drängte sich ihm der Eindruck auf, dass dieser hier anders war, als alle anderen Männer, die Gewissheit, dass dieser ihm nicht wehtun würde. Er fühlte sich... sicher? Beschützt? So ein Unsinn. Der Typ war garantiert nur ein Irrer mit einem Engelsgesicht, nicht mehr und nicht weniger und wahrscheinlich würde er viel Glück brauchen, um diese Nacht zu überleben.

Er wehrte sich nicht, was sollte er schon großartig machen. In seinem Magen herrschte ein flaues Gefühl von Übelkeit vor, dass garantiert von den Schlägen kam, und seine Sicht hatte sich inzwischen leicht getrübt. Er bekam nur am Rande mit, dass er um einige Ecken getragen wurde. Engelsgesicht schien sich hier aber gut auszukennen. Und dabei sah er gar nicht so aus, als würde er von hier stammen.

Leute wie den sortierte er normalerweise nach Grünwald oder Schwabing ein, aber nicht in dieses Dreckloch hier. Auch der dunkle Mantel, an den er seine Wange gelehnt hatte fühlte sich weich an, warm und... teuer. Und das wichtigste: der Blonde ROCH nicht so, als würde er hier wohnen. Die meisten Leute hier wuschen sich entweder nicht regelmäßig oder stanken schon meilenweit nach Zigaretten oder Alkohol... naja oder alles zusammen, was die allerwiderlichste Mischung war.

Und doch schien er sich mit Leichtigkeit in den Straßen zurechtzufinden. wo wollte er eigentlich hin? Schon längst hatte Mike die Orientierung verloren. Es war gar nicht so leicht, wenn man angeschlagen mit eingeschränktem Blickfeld irgendwohin getragen wurde und man sich dabei noch merken sollte, WOHIN. 

Und eigentlich war es ihm auch egal. Seine Nerven waren inzwischen so runter, dass es ihm fast völlig gleichgültig war, was der Mann nun mit ihm machte. Er war hungrig, das er einen ganzen Supermarkt hätte leer essen können, er fror seit Wochen praktisch am stück, so dass er bezweifelte, dass ihm jemals wieder warm werden würde und dann wurde er heute auch noch verprügelt. Wenn er sich nicht ganz täuschte, dann würde er in ein paar Stunden ein hübsches Veilchen und eine dick geschwollene Wange sein Eigen nennen. Toll, genau das hatte er auch noch gebraucht zu allem Anderen dazu.

Plötzlich stoppten die Schritte. "Kannst du alleine stehen?" Er verstand die Frage, musste aber einen Moment überlegen, um den Sinn der Worte zu erfassen, die nur langsam tröpfelnd in sein benebeltes Gehirn gelangten. Schwach nickte er, obwohl er sich gar nicht sicher war, dass ihn seine Beine wirklich tragen würden. Er musste es eben einfach ausprobieren. 

Schon spürte er, wie er langsam und sehr vorsichtig abgestellt wurde. So vorsichtig war noch nie jemand mit ihm umgegangen und ob er wollte oder nicht, es trieb ihm die Tränen in die Augen. Er schluckte sie allerdings hart hinunter. Fehlte ja gerade noch, dass er hier anfing zu heulen wie ein Baby! Er nahm alle seine Kraft zusammen und stellte sich auf die butterweichen Knie, die sofort unter ihm nachgeben wollten. Nur mit äußerster Willenkraft waren sie dazu zu bewegen, nicht sofort einzuknicken und ihn damit wieder auf den eiskalten Boden zu befördern. Das sollte nicht etwa heißen, dass die Luft, die ihn umgab etwa wärmer geworden war, ganz im Gegenteil, er fror immer noch erbärmlich und schlang die dürren Arme fest um den mageren Oberkörper, um sich wenigstens ein bisschen warm zu halten.

Er hörte, wie ein Schlüssel ins Schloss gesteckt und herumgedreht wurde, das elektrische Summen einer Zentralverriegelung. Aha, sie waren also an einem Auto. Verzweifelt blinzelte er, um wenigstens einigermaßen klare Sicht zu bekommen. Viel half es nicht, aber doch zumindest ein wenig, so dass er den dunkelblauen Sportwagen erkennen konnte, der genau vor seiner Nase stand. Mit Mühe unterdrückte er einen anerkennenden Pfiff. BMW, nicht schlecht! Und damit sollte er jetzt fahren dürfen? 

Sein Herz schlug ein wenig schneller. Er hatte sich diese Wagen oft in der Stadt angesehen, davon geträumt, irgendwann mal selbst so einen zu haben und doch immer gewusst, dass dieser Wunsch niemals in Erfüllung gehen würde. Engelsgesicht musste reicher sein, als er zu Anfang angenommen hatte, sehr viel reicher! Wer sich so eine Karosse leisten konnte, musste entweder viel Kohle oder wirklich gut Verbindungen zu einer Bank haben.

Ein Schauer überlief ihn, der nicht nur von der Kälte kam, als sein blonder Freier die Tür öffnete und ihm praktisch aufhielt. Da sollte er wirklich rein? Aber er würde doch sicher die teuren Lederpolster schmutzig machen, die er im Inneren erkennen konnte. Und dann würde der Kerl einen Grund haben, ihn zu bestrafen, so lief das doch immer! 

Sein Zögern wurde unterbrochen, als ihn schlanke Arme wieder aufhoben und auf das weiche Polster sinken ließen. Naja, jetzt saß er auf jeden Fall drin. Er wurde angeschnallt und die Tür wurde geschlossen. Wie jetzt. Kein Betatschen? Na, ihm sollte es recht sein, allerdings, je eher er von dem Typ wieder weg war, desto besser. Und über den Preis hatten sie noch gar nicht geredet! Aber wenn man so viel Kohle besaß, war ein Stricher am Abend vermutlich nicht mal der Erwähnung wert.

Mike gestattete es sich für den Moment, einfach die Augen zu schließen in der Hoffnung, der Schwindel und die bunten Punkte würden verschwinden. Irgendwo klammerte er sich an die Hoffnung, dass der Fremde es einfach hinter sich bringen und ihn dann gehen lassen würde, aber im Prinzip erwartete er schon fast das Schlimmste. Es erschreckte ihn schon fast selbst, wie gleichgültig er darüber dachte. Der Schlag auf den Kopf musste wirklich hart gewesen sein!

Er musste wohl eingeschlafen sein oder das Bewusstsein noch einmal verloren haben, so genau konnte er das nicht sagen, doch als er die Augen wieder öffnete lief kein Motor. Waren sie noch gar nicht losgefahren? Nein, inzwischen schien Licht durch die Fenster des Wagens, sie mussten also schon gefahren sein, ohne dass er es irgendwie mitbekommen hatte. Es war nicht der Schein einer Straßenlaterne, nicht dieses kalte neonlicht, das in die Augen biss, wenn man hineinsah. Nein, das hier war das warme, gelbliche einer Lampe eines... Hauses? Hatte der Kerl ihn etwa mit zu sich genommen?

Sein Herz begann wie wild zu klopfen. Wenn die Karre von Engelsgesicht schon so aussah, wie mochte dann wohl die dazugehörige Wohnung aussehen? Noch nie war er in so einer Umgebung gewesen. Er war oft durch die Villenstraßen gewandert, hatte an den schmiedeeisernen Zäunen gestanden und sich gefragt, was sich wohl hinter den hohen Hecken, den gepflegten Vorgärten, den Hausfassaden, die immer wie frisch gestrichen wirkten, verbarg.

Sollte er jetzt wirklich so was von innen sehen? Das war die Sache ja fast wert! 
Er zuckte leicht zusammen, als links neben ihm eine Tür klappte und ein Schwall eisiger Luft ins Innere geweht wurde. Doch ein paar Sekunden später war der Luftzug wieder weg. Er drehte den Kopf, doch der Fahrersitz war leer. Blinzelnd versuchte er sich einigermaßen zu orientieren, doch entweder war seine Sicht immer noch zu verschwommen, oder die Welt draußen bestand auf einmal wirklich nur noch aus einheitlichem Grau. 

Sofort schalt er sich in Gedanken einen Narren. Die Welt war kein bisschen grau, sie standen wohl einfach nur in einer Garage, das war alles. Er schüttelte über sich selbst den Kopf. Er war doch sonst auch nicht so. Aber irgendwas an dem Mann, der ihn mitgenommen hatte, an dessen Geruch machte ihn unglaublich nervös. Und gleichzeitig wirkte er so vertraut, so bekannt, dass es beinahe ein schmerzliches Ziehen in seiner Brust verursachte wenn er daran dachte.

Seine Stirn runzelte sich etwas. Wurde er jetzt paranoid? Drehte er komplett durch? Er hatte den Typ noch nie gesehen, da war er sich absolut sicher, an DIESES Gesicht hätte er sich jederzeit wieder erinnert. Wahrscheinlich trug der Blonde irgendeinen Herrenduft, den er mal in der Parfümerieabteilung eines Kaufhauses gerochen hatte und daran erinnerte er sich. Wo das seltsame Gefühl dabei herkam, konnte er sich allerdings nicht erklären. 

Er hatte auch keine Zeit mehr, sich darüber Gedanken zu machen, denn die Tür auf seiner Seite wurde geöffnet. Sofort fröstelte er wieder, denn die Luft draußen war kalt, um nicht zu sagen schweinekalt und jetzt, nachdem er einige Zeit im geheizten Auto verbracht hatte, biss die Kälte umso mehr in seine Haut. Er blickte hoch, wieder direkt in die grünen Augen.

Mike musste wohl sehr verwirrt ausgesehen haben, denn sofort bildete sich wieder ein Lächeln auf den feinen Zügen, die Augen fingen fast an zu Leuchten. Er spürte die warme Berührung einer Hand auf der Wange. "Keine sorge, keiner tut dir mehr was... du bist in Sicherheit..."

Wie... hä? Hatte er sich verhört, Halluzinationen oder so was? Inzwischen war er fast soweit, dass er sich für verrückt abstempelte, für durchgedreht, ein Opfer seiner Lebensumstände. Aber war jemand überhaupt richtig verrückt, wenn er merkte, dass er verrückt war? Vielleicht sollte er die philosophischen Fragen auf einen günstigeren Zeitpunkt verschieben, doch die Worte des Mannes trugen nicht gerade dazu bei, ihn zu beruhigen, vielmehr verwirrten sie ihn noch mehr. Was sollte dieses 'in Sicherheit' bedeuten? War das ein neues Spiel?

Er war geneigt, nein, er fühlte sich beinahe gezwungen, diesen Augen zu vertrauen, die ihn auf so seltsam besorgte, ehrliche, fast en wenig traurige Weise musterten, diesen schlanken Armen, die ihn wieder hochhoben aus dem weichen Ledersitz, ihn an die warme Brust drückten. Automatisch sank sein Kopf wieder an die Schulter des Anderen, seine Lider klappten wieder auf Halbmast. 

Er wurde ein paar Meter getragen, dann ein paar Stufen hoch und hörte, wie eine Tür geöffnet wurde. Sie traten in einen nur schwach erhellten Hausflur und sofort umgab ihn wieder wohlige Wärme, die ihn fast sofort schläfrig werden ließ. Doch diesmal riss er sich zusammen und gab nicht nach, viel zu interessiert war er daran, seine Umgebung wahrzunehmen.

Das hier war kein Hotel, soviel war sicher, nicht mal ein billiges und warum sollte der Fremde denn durch den Hintereingang gehen, denn etwas anderes konnte selbst bei der schlimmsten Absteige diese Tür nicht gewesen sein. Viel konnte er nicht erkennen, aber er sah, dass die Wände in einer hellen, freundlichen Farbe gestrichen waren, kein kühles Weiß, es schien eher eine Art heller Beigeton zu sein, vielleicht auch gelb, so genau konnte er das bei der Beleuchtung nicht sagen. Er erkannte den Schemen einer Garderobe oder etwas Ähnlichem, jedenfalls hingen da Mäntel oder Jacken, auf jeden fall Kleidungstücke. Daneben war an der Wand auf tieferer Höhe etwas angebracht, dass er nicht näher einordnen konnte, das waren nur unförmige Umrisse.

Sein blonder Helfer trug ihn durch den dämmrigen Korridor auf die Lichtquelle zu und Mike nahm den schwachen Geruch von Essen wahr. Er wusste nicht, was da gekocht worden war, aber es roch so lecker, dass ihm sofort der Magen knurrte. Er lief rot an vor Scham, sich nicht besser beherrschen zu können, sah verlegen zu seinem Träger auf, doch der lächelte nur stumm und verstehend. 

Der Kerl war wirklich unheimlich... ob er hier was zu essen bekam? Ihm lief allein schon bei dem Gedanken, etwas von dem zu bekommen, was er da roch, das Wasser im Mund zusammen, dass er direkt schlucken musste, um nicht das Sabbern anzufangen. Nein, besser keine Hoffnung machen, warum sollte ein Reicher wie der einem kleinen Stricher wohl was von seinem teuren Essen abgeben? Er träumte eindeutig zu viel.

Jetzt erkannte er, dass sie auf eine Tür zuhielten, er konnte den schmalen Spalt Licht unter der Schwelle durchscheinen sehen. Sie blieben stehen und der Mann klopfte leise mit dem Fuß gegen das Holz der Tür. Ach so, mit ihm auf dem Arm konnte er wohl schlecht öffnen. Das hieß aber im Rückschluss, das da drin noch mindestens eine andere Person war und Mike wusste nicht, ob ihm dieser Gedanke besonders gefiel. Ein Freier war schon schlimm genug, aber mehrere? Er schluckte hörbar und fühlte sofort, wie eine schmale Hand seinen Oberarm drückte, als wolle der Andere ihn beruhigen. 

Lange mussten sie nicht warten, wurde ihnen aufgemacht und ein lockiger, grauer Schopf schob sich hindurch. "Christian? Sind Sie das?" Definitiv kein Mann, eine ältere Frau, soweit Mike das beurteilen konnte. Sollte ihn das jetzt freuen?

"Natürlich Maria, wer sollte sonst um diese Uhrzeit durch die Garage kommen und auch noch anklopfen?", hörte er nun die Stimme des Blonden, die nun eindeutig amüsiert klang. Na schön, jetzt wusste er wenigstens, wie der Kerl hieß, wenn auch nur mit Vornamen. 

Die Frau machte die Tür weiter auf und nun konnte Mike in ein runzliges, aber nichtsdestotrotz freundliches Gesicht sehen. Die Frau war wohl älter, als die Stimme es vermuten ließ, sicher schon fünfundsechzig oder siebzig. Der Mann... Christian trat ein und die Alte schloss die Tür wieder hinter ihnen, während sie etwas unverständliches murmelte das in etwa klang wie: "Man weiß ja nie, die Leute heutzutage..." oder zumindest so etwas in dieser Richtung.

Christian lachte leise, ein wirklich angenehmes Geräusch, wie Mike feststellte. Er fühlte den Blick der alten Frau auf sich, durchbohrend, sezierend, aber nicht unfreundlich. Trotzdem fühlte er sich etwas unwohl, immerhin hatte er kaum mehr als alte Lumpen an und irgendwie war ihm das vor ihr peinlich. Er schlang die Arme etwas um sich, als wäre ihm immer noch kalt und ertappte sich dabei, wie er sich an die Brust seines... Retters drückte. Irgendwie glaubte er nicht mehr daran, dass Christian wirklich was von ihm wollte, dafür war er die ganze Zeit zu seltsam gewesen und die Anwesenheit dieser Maria untermauerte seine Hoffnung nur noch.

Zu seinem großen Erstaunen spürte er, wie der Blonde ihn nur noch mehr an sich drückte, keine Anstalten machte, ihn abzusetzen, obwohl er für den schlanken Mann wohl inzwischen wirklich schwer werden musste. Er bemerkte, dass die beiden Erwachsenen ein paar blicke wechselten, doch Maria äußerte sich nicht weiter zu seiner Anwesenheit. 

Auch Christian verlor kein Wort darüber. "Schlafen die Beiden ruhig?" Noch mehr Leute hier? Mike sah sich suchend um, hätte sich aber am liebsten gleich in den Hintern getreten. Hier würde wohl niemand schlafen, dass hier war eindeutig eine Art Wohnzimmer, auch wenn er sich so ein Riesiges nicht mal hatte vorstellen können. 

Er nutzte die Zeit, in der die beiden sich leise unterhielten und ließ seinen Blick schweifen. Eine wahre Sofalandschaft tat sich da auf, wenn auch nicht, wie er erwartet hatte aus Leder, sondern einem robust aussehenden, rostfarbenen Stoff mit verschiedenen Überwürfen, die aber allesamt farblich zusammenpassten, ein schönes Gesamtbild ergaben. Ein wirklich großer Fernseher war an einer Wand aufgebaut, an einer Anderen entdeckte er einen offenen Kamin, der auch benutzt zu werden schien, mit einem flauschig aussehenden Fell davor. Wie sich das wohl unter den Fingern anfühlte? Rasch schaute er sich weiter um, seine Augen wurden immer größer. Eine Wand des Raumes war komplett verglast, gab den Blick auf die Dunkelheit draußen frei. Er konnte die Schemen von Gartenmöbeln erkennen, wahrscheinlich ging diese Seite also zum Garten hinaus. Ob der wohl groß war? Er hatte sich schon als Kind immer einen Garten gewünscht, ihm hätte ja schon ein bisschen Gras oder ein Sandkasten gereicht, doch seine Pflegeeltern hatten im Wohnblock gelebt, hatten sich noch nicht mal dazu herabgelassen, mit ihm auf den Spielplatz zu gehen. Auch, als sie dann umgezogen waren hatte er nie Gelegenheit gehabt, in der kleinen Gartenparzelle zu spielen, besser gesagt, es war ihm unter Strafe verboten worden, er hätte ja was kaputt machen können.

Innerlich seufzend beendete er seinen Rundblick. Zwei weitere Türen zweigten ab, die eine führte in eine geräumige Küche, soweit er das von seinem Standpunkt aus sehen konnte, die Andere war geschlossen. Insgesamt war der Raum warmen Farben, orange und rost gehalten, die Möbel aus hellem Holz ließen ihn noch größer wirken, als er ohnehin schon war. Eine Vitrine mit teuer aussehenden Figuren darin, aus irgendeinem Kristall bestehend, ein Schrank, der Geschirr enthielt, jedenfalls sah er Tassen und Gläser durch die Glasscheibe und eine kleine Kommode mit Telefon, mehr nicht, wobei die Couch den Raum eindeutig dominierte.

Das ganze wirkte geschmackvoll und ganz und gar nicht übertrieben elegant oder teuer, wie er eigentlich erwartet hatte. Man sah schon deutlich, dass hier alles Qualitätsware war und sicher einiges gekostet hatte, aber es war dieser Hauch von Gemütlichkeit, der dem Ganzen den richtigen Schliff gab, bewirkte, dass man sich sofort wohl fühlte.

Mike hatte noch nie so etwas empfunden und so seltsam es klingen mochte, er hatte das komische Gefühl, nach Hause zu kommen. Dies hier wäre durchaus ein Ort, an dem er sich länger wohl fühlen könnte, das wusste er jetzt schon. Alles strahlte dieses warme Gefühl aus, das auch Christian ganz deutlich anhaftete und er brauchte nicht zu fragen, wer dieses Zimmer eingerichtet hatte.

Ihm fiel plötzlich die Stille auf, die eingekehrt war und er hob den Blick, nur um zwei lächelnden Augenpaaren zu begegnen, die ihn geduldig und amüsiert beobachteten. Er wurde rot, denn ihm wurde bewusst, dass er sich wohl eine ganze Weile umgesehen hatte. Umso mehr verwunderte es ihn, dass sein Träger immer noch ruhig dastand, ihn einfach seine Umgebung hatte aufnehmen lassen, ohne ihn einfach abzusetzen oder wegzuschaffen, er wusste ja nicht, was der Blonde jetzt mit ihm vorhatte.

"Ich hoffe du fühlst dich hier wohl...." Unsicher versuchte Mike, in den grünen Augen zu lesen, doch dort traf er nur auf Freundlichkeit, auf Mitgefühl, aber nicht auf eine Antwort, die ihm weitergeholfen hätte. 

Er leckte sich kurz über die trockenen Lippen. "Warum... warum bin ich hier?", fragte er dann vorsichtig, mit heiserer Stimme, der man seine Gefühle deutlich anhörte, was ihn noch mehr fuchste. Er hatte so lange gebraucht, sich eine Maske zuzulegen, die ihn vor allem schützte und Christian hatte es innerhalb einer halben Stunde geschafft, sie so restlos zu zerstören wie niemand jemals zuvor. 

Er hörte den Blonden seufzen. "Können wir das auf später verschieben? Wie wär's, wenn du erst mal duschst und was isst, vielleicht ein bisschen schläfst? Um dir alles zu erklären wird es lange dauernd und du siehst fertig aus, auch wenn's unhöflich klingt..." 

Mike musste wider Willen lächeln. Er sah nicht nur fertig aus, er war es auch ganz und gar. Also nickte er und legte keinen Widerspruch ein, als er an Maria vorbei aus dem Wohnzimmer getragen wurde. Der Flur, in den sie jetzt kamen, war wesentlich breiter, als der zur Garage. Seine Augen wurden immer noch größer, denn jetzt standen sie in einer Art Empfangsraum, der mindestens halb so groß wie das Wohnzimmer war. Eine breite Treppe führte ins obere Stockwerk und auf die hielt Christian jetzt zu. 

Oben wartete ein weiterer Gang auf sie, von dem fünf Türen abgingen. Verdammt, wie groß war der Kasten eigentlich? Er war sich ziemlich sicher, solch ein Haus noch nicht einmal von außen gesehen zu haben, daran hätte er sich sicher erinnert.

Sein Träger öffnete geschickt, als wäre er es gewohnt, die Hände voll zu haben, eine der Türen und gab den Blick in ein riesiges Badezimmer frei. Gott, hier gab es wirklich alles, was man sich nur wünschen konnte, eine riesige Dusche, eine Badewanne, in der mindestens vier Personen bequem Platz hatten, zwei große Waschbecken und zu seiner Verwunderung auch zwei kleinere, die tiefer angebracht worden waren. Wofür waren die denn? So was hatte er noch nie gesehen. 

Vorsichtig wurde er abgestellt und Christian wartete einen Moment, ob Mikes Beine ihn auch trugen, bevor er ihn vollends losließ. "Ich hab dir schon ein Handtuch hingelegt und ein bisschen Kleidung von mir, sie wird dir zwar zu groß sein, aber es ist besser als nichts... wenn du deine Sachen behalten willst, schmeiß sie einfach in den Wäschekorb, wenn nicht, in den Mülleimer, ok?" 

Mike nickte schwach, er fühlte sich ganz schwindelig von den vielen neuen Eindrücken, die ihn umgaben. Das konnte doch wirklich nur ein Traum sein. "Darf... darf ich wirklich die Dusche benutzen?", fragte er sicherheitshalber noch mal nach. Er wollte seinen seltsamen Gastgeber ja nicht verärgern, indem er Dinge anfasste, die eigentlich nicht für Leute wie ihn gedacht waren, denn genau so sah das hier alles aus.

Um Christians Augen zeigten sich ein paar Lachfältchen, doch der junge Mann verkniff sich einen Kommentar und nickte nur. "Natürlich, du sollst sogar...." 

Mike blinzelte, sah sich kurz um, blinzelte wieder und musste sich erst mal auf den geschlossenen Deckel der Toilette sinken lassen. Sofort war der Blonde wieder neben ihm. "Ist alles ok? Geht's dir nicht gut?" Wieder leuchteten die grünen Augen vor Sorge. 

Der junge winkte schwach ab. "Ich glaub, das ist alles nur ein bisschen viel... ich... warum tun Sie das?" Diese Frage lag ihm schon die ganze Zeit auf der Zunge und bevor er es verhindern konnte, war sie ihm entschlüpft. er war aber auch ein Idiot, anstatt sich zu freuen und das auszunutzen, was er bekam, meckerte er schon wieder und musste alles hinterfragen. Diese Angewohnheit hatte ihm schon als Kind mehr Schläge als irgendetwas anderes eingebracht.

Doch Christian schlug ihn nicht, er sagte einen Moment lang gar nicht, blickte ihn nur sehr, sehr ernst an und schüttelte dann leicht den Kopf. "Lass uns später darüber reden, in Ordnung? Glaubst du, du schaffst das hier allein?" Mike nickte nur und seufzte leise. Er hatte es immer irgendwie geschafft und im Moment wollte er eigentlich nichts weiter, als die stinkenden Klamotten ein für alle Mal loswerden und sich unter diese wundervoll aussehende Dusche stellen, ausprobieren, wie sich das Wasser auf seiner Haut anfühlte. 

Hatte er überhaupt schon mal richtig geduscht? Ja, im Schwimmbad mit seiner Schulklasse in der Grundschule, aber da war das Wasser eiskalt gewesen. Er beobachtete, wie Christian sich erhob und zur Tür ging. "Seife kannst du benutzen, so viel zu willst, eine Bürste und ein Waschlappen liegen drin, wenn du brauchst, eine Zahnbürste ist am Waschbecken, nimm dir einfach, was du willst, nur keine Sorge..." Wieder erschienen diese winzigen Fältchen und Mike fragte sich plötzlich, wie alt sein Gegenüber denn war. Auf den ersten Blick hätte er gesagt, Anfang zwanzig, allerhöchstens, aber jetzt war er sich da gar nicht mehr so sicher.

Die Tür klappte zu und er war alleine in dem gefliesten Raum. Noch einmal gestattete er sich einen Rundblick. Auch hier herrschten, wie er schon im Wohnzimmer bemerkt hatte, warme Farben vor, die Wände waren nicht weiß, sondern in einem warmen Cremeton gehalten, die Fliesen in der gleichen Farbe von etwas dunklerer Struktur durchzogen, die Handtücher und der weiche Teppich auf dem Boden, die Matte in der Dusche und der Vorleger vor der Toilette, alles passte absolut zusammen, als wäre es mit viel Sorgfalt ausgesucht worden.

Er riss sich am Riemen und begann, seine Jeansjacke auszuziehen, während er über die Worte des blonden Mannes nachdachte. Sollte er seine Sachen wegschmeißen? Nichts würde er lieber tun, aber was dann? Was, wenn der Kerl ihn morgen wieder auf die Straße setzte, dann hatte er gar nichts mehr... Naja viel Unterschied bestand nicht, nur die viel zu große Jacke war noch in einem einigermaßen guten Zustand, auch wenn sie vor Dreck fast stand. 

Also beförderte er dieses Kleidungsstück in den Wäschekorb und warf die anderen Sachen weg. Noch nie in seinem Leben hatte er sich dermaßen befreit gefühlt wie gerade eben. Als hätte er einen teil seines Lebens auf den Müll befördern können. Die dreckigen Socken und die verschmutzte Unterwäsche folgten und er seufzte erleichtert auf. 

Als er vom Teppich herunter in Richtung Dusche trat, stellte er überrascht fest, dass der Boden angenehm warm war. Fußbodenheizung hieß das wohl, davon hatte er gehört, aber das musste doch ziemlich teuer sein, oder? Allerdings wunderte ihn in diesem Haus kaum noch etwas.

Er stand nun vor der Dusche, beäugte das geräumige Innere interessiert, stellte dann das Wasser an und auf eine angenehm warme Temperatur. Noch immer fror er leicht, die Kälte schien bis auf die Knochen zu gehen und es war eine wahre Wohltat, als er sich endlich traute, und sich unter den Wasserstrahl stellte. Ein Prickeln überlief seinen ganzen Körper, so etwas schönes hatte er wohl in seinem ganzen Leben nicht gefühlt. Kein Vergleich zu der Katzenwäsche, die er in seinem alten zu Hause hatte betreiben müssen, kein Vergleich zu dem wochenlangen Dreck und Gestank, der ihn in seiner Zeit auf der Straße verfolgt hatte.

Er bemerkte es erst gar nicht, doch irgendwann hatten die Tränen begonnen zu fließen. Er ließ sich gegen die kühlen Fliesen sinken und vergrub das Gesicht in den Händen. Warum weinte er eigentlich? Er war zum ersten Mal seit langem wieder im Warmen, er durfte duschen, bekam etwas neues anzuziehen, er bekam vielleicht sogar etwas zu essen, das er nicht vorher aus einer Mülltonne hatte ziehen müssen, oder irgendwie alt schmeckte, etwas, um dass er nicht hatte betteln müssen, oder sonst etwas tun, vor dem er sich einfach nur ekelte, für dass er sich selbst hasste.

Warum stand er also hier unter dieser herrlichen Dusche und heulte wie ein kleines Kind? Vielleicht, weil ihm gerade diese Wohltat vor Augen führte, wie beschissen sein Leben eigentlich war, dass er wohl nie etwas anderes sein würde, als ein kleiner, billiger Stricher, dass er irgendwann drogenabhängig in der Gosse enden würde, dass er....

Ein Schluchzen stieg in seiner Kehle auf und automatisch schlang er wieder die Arme um sich, denn die Kälte, die nun in ihm aufstieg, konnte auch nicht durch das heiße Wasser gemildert werden, diese Kälte kam von ganz tief aus seinem Inneren. Und zum ersten Mal seit vielen Monaten ließ er seinen Gefühlen freien Lauf, ließ zu dass ihn die Verzweiflung übermannte, ließ sich selbst schwach sein. Lange konnte er nichts weiter tun, als einfach nur zu weinen, bevor er sich schließlich doch wieder zusammenriss. Er hatte hier eine Chance bekommen, vielleicht die einzige seines Lebens und er würde sie verdammt noch mal zu schätzen wissen!

Er hatte keine Ahnung, was sein Wohltäter für Hintergedanken hatte, vielleicht war er sogar von Jugendamt und morgen würde er im Auto nach Köln, zurück, sitzen, doch im Moment war er einfach nur dankbar, die Nacht nicht auf der Straße verbringen zu müssen und immerhin hatte Christian ja gesagt, dass sie nachher reden würden. 

Entschlossen griff er sich die Seife, Markenprodukt, wie er am Rand feststellte, und wusch sich gründlich, machte auch ausgiebigen Gebrauch von der Bürste und dem Waschlappen, bis er wirklich sicher war, allen Dreck von seinem Körper gewaschen zu haben. Zumindest den sichtbaren, denn es gab Schmutz, den er nie wieder loswerden würde, aber den sah man zum Glück nicht auf den ersten Blick. er reichte ihm schon, wenn er selbst wusste, dass er da war, wenn er die groben Hände, die rauen Finger, die feuchten Lippen auf seiner Haut spürte, die er nie wieder loswerden würde. 

Hastig schob er die Gedanken beiseite und schäumte sich ein paar Mal nacheinander die Haare ein. Ungeziefer hatte er seines Wissens keines, darauf hatte er immer peinlich genau geachtet, aber man konnte ja nie wissen und außerdem mochte er den Geruch. Es war der gleiche, den er auch bei Christian wahrgenommen hatte. 

Mit schlechtem Gewissen drehte er das Wasser ab. Jetzt hatte er so viel verschwendet, er fühlte sich irgendwie schon jetzt, als hätte er die offensichtliche Gutmütigkeit seines Retters ausgenutzt. Tropfend und eine feuchte Spur auf dem Boden hinterlassend, tapste er zum Waschbecken, fischte dort eines der beiden Handtücher hervor und wickelte sich hinein. Es war angenehm warm im Raum, aber nicht eingenebelt, wie er eigentlich erwartet hätte, es schien irgendeine Art Ablüftung zu geben, die den Wasserdampf hinausschleuste. 

Das zweite Handtuch benutzte er, um seine Haare trocken zurubbeln und vorsichtig wagte er einen Blick in den Spiegel. Naja jetzt sah er wenigstens wieder aus wie ein Mensch, auch wenn die Schwellung auf seiner linken Gesichthälfte, sowie das schöne Veilchen langsam wirklich deutlich zu sehen waren. Na gut, dagegen konnte er nichts tun, also fand er sich wohl besser möglichst schnell damit ab.

Schnell rubbelte er sich trocken, wobei er darauf achtete, den Kopf nicht zu schnell in eine Richtung zu bewegen, oder sich großartig zu bücken, denn das sandte neuen Schmerz und Schwindelwellen durch sein ganzes Gesicht und seinen Schädel. 

Er sah sich nach der Zahnbürste um, entdeckte eine neu eingepackte, sowie Zahnpasta daneben. Oh wie schön, endlich den widerlichen Geschmack von der Zunge bekommen zu können, der ihm selbst manchmal Übelkeit verursachte. Er wollte gar nicht wissen, wie das für jemanden war, den er anhauchte. Lieber rasch was dagegen tun. Er schrubbte und schrubbte, spuckte alles ins freie Waschbecken und wiederholte die Prozedur mehrmals, bis er sich sicher war, wirklich nur noch nach Minze zu riechen. 

Er spülte das Becken gründlich aus, schließlich wollte er ja alles schön sauber hinterlassen, und sah sich dann die Kleidung durch, bis er auf Unterwäsche stieß. Ehrfürchtig strich er über den feinen, weißen, sauberen Stoff der Shorts. Die würden ihm wohl um einiges zu groß sein, wie Christian gesagt hatte, aber das war besser als alles, was er je besessen hatte. Zuhause hatte seine Kleidung immer aus geschenkten Sachen oder vom Flohmarkt gestammt und auch nie sonderlich gut gepasst. Er hatte nur seine 'Sonntagskleidung' gehabt, die wirklich für ihn gekauft worden war, für den Fall, dass das Jugendamt anrückte. Seine Pflegeeltern hatten wirklich verdammtes Glück mit der überaus schlampigen Sachbearbeiterin gehabt, die hatte niemals genau hingesehen.

Er seufzte wieder und streifte sich schließlich die Shorts über, die schlabbernd an seinem dürren Körper hingen. Missmutig sah er an sich herunter, betrachtete seine hervorstehenden Rippen und Hüftknochen, seine dünnen Arme und Beine. Nein, er war wahrlich kein schöner Anblick. 

Mike schüttelte den Kopf und griff nach den restlichen Kleidungsstücken. Erst jetzt viel ihm auf, dass diese schon dagelegen hatten, als er ins Bad gekommen war. Da Christian ihn keine Sekunde alleine gelassen hatte, seitdem sie ins Haus gekommen waren, mussten sie also schon vorher da gewesen sein, hieß das, der Blonde hatte gewusst, dass er ihn mit nehmen würde? Oder hatte er einfach nur Glück gehabt, dass ER mitgenommen worden war und nicht irgendein anderer Junge? Die Überlegung warf ungeahnt viele, neue Fragen auf, aber er musste sich erstmal gedulden, was nun wirklich nicht seine besondere Stärke war.

Also schlüpfte er in die zu weite Trainingshose, zog das Band über seinem flachen Bauch fest, damit sie ihm nicht sofort über die Hüfte rutschte und krempelte die Hosenbeine auf. Dann zog er sich das Shirt über den Kopf, sowie den flauschigen Pullover, dessen Ärmel weit über seine Handgelenke hingen. Na gut, auch dass ließ sich mit Aufkrempeln beheben und ein weiterer Blick in den Spiegel bewies ihm, dass er zumindest ganz passabel und lange nicht mehr so furchtbar wie zuvor aussah. 

Er bürstete sich noch rasch mit einem Kamm durch die widerspenstigen, schwarzen Haare, bevor er ordentlich seine Handtücher über den Rand der Badewanne hängte und auf die Tür zutapste. Im letzten Moment sah er noch die dicken Socken, zog sie sich an, denn draußen gab es bestimmt keine Fußbodenheizung. 

Nur, wo sollte er jetzt hin? Er war neugierig, was sich hinter den anderen Türen verbarg, doch er wollte nicht schnüffeln, also nahm er einfach mal den Weg zurück, den sie gekommen waren und stand wenig später wieder im Wohnzimmer, wo Christian mit Maria auf dem Sofa saß und sich leise unterhielt. 
  


Teil 2

Chris lehnte sich mit dem Rücken gegen das massive Holz der Tür. Für einen kurzen Augenblick schlossen sich seine Augen, ein leiser Seufzer entwich seiner Lunge, ohne dass er es verhindern konnte. Er hatte es getan. Er hatte Mike hergeholt. Und er wusste genau, was das für Konsequenzen haben würde, aber er konnte damit Leben. Nichts war wichtiger als die Kinder und der Kleine, der da gerade ziemlich verwirrt im Badezimmer saß. 

Er konnte es ihm wirklich nicht verdenken, so plötzlich wie er selbst in dieser Gasse aufgetaucht war. Im ersten Moment war der Blonde einfach nur froh gewesen, Mike endlich gefunden zu haben, nach so vielen Jahren, doch dann war er unbeschreiblich wütend geworden, als er gesehen hatte, wie dieser Zuhälter mit ihm umgesprungen war. 

Schnell schüttelte er den Kopf. Besser nicht daran denken. Er hatte nie wieder so werden wollen, nie wieder so kalt und rücksichtslos, wie er es früher hatte sein müssen, aber ihm war keine andere Wahl geblieben, Mike hatte doch beschützt werden müssen. Und er hatte ihn doch beschützt, oder? 

Seine Schultern sackten hinunter und er vergrub das Gesicht in den Händen. Gar nichts hatte er! Er war verdammte zehn Jahre zu spät gekommen! Sicher, er war damals, als Mike noch ein Kind gewesen war, noch nicht mal permanent im Land gewesen, aber konnte er das für sich selbst als Entschuldigung gelten lassen? Er wollte es nicht. Er war schuld, dass es erst so weit gekommen war! Hätte er damals mehr Stärke besessen, wäre er damals nicht weggelaufen..... er seufzte wieder. Alles was er heute tun konnte, war versuchen, seine Fehler wieder gut zu machen, zu versuchen, wenigstens jetzt für Mike da zu sein. Und der Junge wusste noch nicht einmal, wer er war, ja er wusste noch nicht einmal, dass er überhaupt existierte..... 

Gott, Marc würde ihn umbringen! Na gut, das vielleicht nicht, das würde auffallen, aber sein Ehemann hatte ihm ausdrücklich verboten die, wie hatte er sich so wunderbar gewählt ausgedrückt, kleine Kanalratte auch nur in die Nähe ihres Hauses zu bringen. 

Heute hatte er es getan. Er hatte das erste Mal, seit er verheiratet war, nein sogar das erste Mal, seit er Marc kannte, gegen dessen Anweisungen gehandelt. Er hatte nicht anders gekonnte, nachdem er erfahren hatte, wo sich der Junge aufhielt, von was er seinen Lebensunterhalt bestreiten musste, wie er lebte. Chris hatte ihn nicht dort lassen können, das ging einfach nicht! Selbst wenn er nicht..... 

Aber mit dem Problem seines Mannes würde er sich frühestens in zwei Wochen auseinandersetzen müssen. Marc war gerade in Thailand, angeblich auf Geschäftsreise. Chris wusste es besser. Und irgendwie erschreckte es ihn, dass es so wenig wehtat. Sollte sein Herz nicht verflucht schwer in seiner Brust liegen? Der Mann, den er liebte, betrog ihn gerade mit irgendwelchen asiatischen Prostituierten und ihn kümmerte es praktisch gar nicht? War er denn schon so abgestumpft? 

Nein, entschied er für sich selbst. Der Schmerz war immer noch da, genauso wie vor acht Jahren, als er herausgefunden hatte, was sein Angetrauter wirklich trieb, wenn er länger arbeitete, wenn er Tagelang in irgendwelchen Städten herumreiste, mit seinen Kanzleipartnern unterwegs war. Es tat noch genauso weh, wie vor etwas mehr als fünf Jahren, als plötzlich zwei kleine Babys vor ihrer Haustür gelegen hatten, beinahe noch Neugeborene und es tat noch genauso weh wie damals, als der Vaterschaftstest ergeben hatte, dass Marc der Erzeuger der Beiden war. Aber heute gab es einen Unterschied. 
Er ließ den Schmerz nicht mehr zu, verdrängte ihn, darin war er inzwischen richtig gut geworden. Nichts, worauf er stolz sein konnte.

Er hatte Jesse und Daniel, die ihm Halt gaben. SEINE Kinder, Marcs Zwillinge waren es niemals gewesen, zu keiner Zeit hatte er die Beiden so behandelt, obwohl er die Vaterschaft anerkannt hatte, sogar einverstanden gewesen war, als Chris ein Adoptionsersuchen eingereicht hatte. Warum auch nicht, so war er im Zweifelsfalle die Beiden auch gleich mit los, sollte es ihm eines Tages doch einfallen, seinen Mann vor die Tür zu setzen. 

Langsam ließ sich Chris an der Tür nach unten auf den Boden sinken, legte die Stirn auf die Knie, rieb sich gedankenverloren über die Unterarme, ließ es dann aber doch lieber bleiben, als sich die noch kaum verheilten Prellungen wieder meldeten. 

Er war doch wirklich erbärmlich! Er schaffte es nicht, sich von seinem Mann zu trennen, er schaffte es niemals, für sich selbst einzutreten, nur wenn es um die Kinder ging, dann konnte er plötzlich ungeahnte Kräfte entwickeln. Doch den Kleinen war Marc nie zu nahe gekommen, so weit ging er dann doch nicht. Außerdem achtete er immer darauf, dass sie niemals etwas mitbekamen, er behandelte sie freundlich, wenn auch reserviert und mit Distanz, allein darüber war Chris schon froh. 

Auf der anderen Seite, wenn er den Amerikaner verließ, wohin sollte er denn? Er hatte kein Geld, keine Familie, kaum Freunde, zu denen er im Notfall flüchten könnte. Sicher, helfen würden sie ihm alle, doch er kannte Marc einfach zu gut. Niemals würde der eine solche Schmach zulassen! Er würde alles tun, um die zu zerstören, die Chris zur Seite gestanden waren und es lag durchaus in seiner Macht, das wusste der Blonde nur zu gut. Er hatte mitbekommen, was mit Leuten passierte, die sich Marc Whiteman in den Weg stellten. Das konnte er einfach niemandem antun. 

Und ansonsten... natürlich, er könnte den anderen verklagen, Körperverletzung, Nötigung, Verg...... die Liste war lang, aber er wollte das seinen Kindern nicht zumuten. Der Beigeschmack, einen solchen Vater zu haben, würde immer an ihnen kleben bleiben, das wusste er aus eigener Erfahrung und DAS würde er niemals zulassen. Lieber blieb er bei Marc, bis sie alt genug waren, um eigene Wege gehen zu können. Er hatte es neun Jahre geschafft, dann schaffte er es auch noch neun weitere. 

Doch im Moment, als er hier im warmen Flur seines Hauses hockte, vor der Badezimmertür, hinter der ein Junge gerade duschte, über einer Haushälterin, die im Wohnzimmer auf ihn wartete, umgeben von Luxus, von dem die meisten Menschen nur träumen konnten, da verließ ihn beinahe der Mut. 

Wütend wischte er sich die Tränen aus den Augen. Er wollte nicht mehr, er wollte weg von Marc. Und doch blieb er. Für seine Kindern, nicht für sich. Für ihn gab es keine Hilfe mehr. Aber Jesse und Daniel sollten es besser haben. Eine glückliche Kindheit, ein unbekümmertes Leben und dafür tat er wirklich alles, nahm auf sich, egal was kam. 

Nicht ohne Stolz konnte er sehen, wie prächtig sich die Beiden entwickelten, nächsten Herbst würden sie in die Schule kommen, und schon jetzt merkte man, wie aufgeweckt die Beiden waren. Ein wehmütiges Lächeln huschte über sein Gesicht. Ja, die Zwei waren ein Grund, nicht aufzugeben, der Grund, weswegen er sich jetzt erhob, seine Schultern straffte und hinunter zu Maria ins Wohnzimmer ging. 

Schnell machte er noch einen Abstecher in das zweite Bad im Erdgeschoß, warf sich etwas kaltes Wasser ins Gesicht und schaute in den Spiegel. Gut, man sah ihm nichts an. Warum sah man ihm nie etwas an? Er sah immer gleich aus. Blass, leicht glänzende, blonde Haare, nie Ringe unter den Augen, wenn Marc ihn wieder nicht hatte schlafen lassen, alle Rötungen und Handabdrücke im Gesicht waren am nächsten Morgen verschwunden, sofern der Größere nicht allzu hart zugeschlagen hatte, was er selten tat, zumindest an erkennbaren stellen. 

Chris wusste, dass Maria sich darüber im klaren war, was in diesem Haus vor sich ging, er hatte schon mehr als ein Gespräch mit der älteren Frau geführt, die für ihn und die Zwillinge so viel mehr war als nur eine Angestellte. Sie war seine Vertraute, fast eine Großmutter für die Kleinen und er war ihr unendlich dankbar für den Halt, die Kraft, die sie ihm immer gab. Aber sobald sich die Tür hinter ihr schloss und er alleine war, begann der Terror von neuem. Wenigstens musste er sich für sie nicht laufend neue Ausreden einfallen lassen, dass er gegen irgendwelche Schränke gestoßen, oder die Treppe heruntergefallen war, wie er es bei Sabine und Martin machen musste. Er wollte nicht, dass seine besten Freunde schlecht von ihm dachten und das würden sie zwangsläufig, wenn sie erfuhren, was er alles mit sich machen ließ, nur um den Frieden zu bewahren. 

Er war schwach, er war... schmutzig....... und sie würden sich von ihm abwenden, wenn sie alles wüssten. Doch Maria.... Maria wusste das meiste und sie war geblieben, war immer noch da, versorgte ihn, wenn er man wieder einen Schnitt an einer schwer erreichbaren stelle hatte, an den er nicht herankam, machte ihm Tee, gab ihm ein Kissen, auf dass er sich setzen konnte. Und wie fast immer trieb ihm allein der Gedanken an die mütterliche Fürsorge der Älteren schon wieder die Tränen in die Augen. Er war doch eine verfluchte Heulsuse!

Er hatte es hier verdammt noch mal besser als die meisten Menschen. Viele beneideten ihn um das Haus, das Auto, sogar den Ehemann. Sie wusste eben nicht, wie Marc auch sein konnte. Früher war er so anders gewesen, damals, als sie sich in Amerika kennen gelernt hatten. Er hatte sich um Chris gekümmert, hatte ihn aus der miefigen Kneipe geholt, in der er als Kellner jobbte, um neben dem Studium über die Runden zu kommen. 

Der junge Mann schloss kurz die Augen, denn der Schmerz, der ihn bei dieser Erinnerung überkam, überrollte ihn beinahe. Er war so verliebt gewesen, so dumm, so naiv. Er hatte Marc alles geglaubt, gleich, was er ihm erzählt hatte, er hatte sein Jurastudium abgebrochen, obwohl er so lange für das Stipendium in Amerika gearbeitet hatte, er hatte den Anwalt geheiratet, war ihm zurück nach Deutschland gefolgt und hier hatte dann alles begonnen, er konnte gar nicht mehr sagen, wann es das erste mal passiert war, er wusste es nicht mehr. 

Irgendwann war Marcs Liebe umgeschlagen, zuerst in gelegentliche Grobheit, die liebevollen Worte in kleine Sticheleien und Gemeinheiten. Er wusste nicht, was es vor etwas mehr als acht Jahren ausgelöst hatte, noch heute nicht, er nahm einfach an, dass er damals etwas furchtbar falsch gemacht haben musste. Marc hatte es ihm niemals gesagt. Aber was nützte es schon, sich heute den Kopf darüber zu zerbrechen? 
Er hätte sich wohl einfach mehr bemühen müssen, doch diese Erkenntnis war zu spät gekommen. Und es war ja nicht so, dass sein Ehemann immer grausam zu ihm war, es gab Momente, wo er sich wieder liebevoll und zärtlich verhielt, so wie vor vielen Jahren. 

Vor etwa drei Monaten war Chris mal wieder 'die Treppe hinuntergefallen', hatte sich dabei einige ziemlich über Prellungen und eine Platzwunde an der Schläfe zugezogen und war für eine knappe Woche mit einer Gehirnerschütterung im Krankenhaus gelegen. Marc hatte sich in dieser Zeit mit Geschenken fast überschlagen, wie jedes Mal, wenn er Hand an seinen Mann gelegt hatte. Der Blonde konnte die vielen Aufmerksamkeiten, die er in den vergangen Jahren aufgrund solcher Anlässe bekommen hatte, schon gar nicht mehr zählen. Und jedes Mal hoffte er wieder, dass es das letzte Mal gewesen sein mochte, dass der Ältere es wirklich bereute, dass er sich ändern würde. 

Er sollte es langsam wirklich besser wissen. Aber er war ja dumm genug, dass diese Erkenntnis nie einen Effekt auf ihn hatte. Dumm und schwach. Wieder und wieder verzieh er Marc, ließ sich benutzen wie... wie eine Puppe. Wie oft hatte sein Mann das jetzt schon zu ihm gesagt? Er hatte das Gesicht einer Porzellanpuppe... und seit langer Zeit benahm er sich auch so! In diesem Moment hätte er am liebsten mit der Faust den Spiegel eingeschlagen, der ihm sein hübsches Gesicht zeigte, die traurigen Augen, die.... 
Erschrocken über seine eigenen Gedanken trat er einen Schritt zurück und wandte den Blick ab. Er war kein gewalttätiger Mensch, er hatte in seinem Leben so viel mitbekommen, was Menschen einander antun konnten, niemals würde er auch so handeln, wenn es nicht absolut nötig wäre. Niemals würde er freiwillig Hand an einen anderen Menschen legen. 

Vorsichtig sah er wieder sein Spiegelbild an, als hätte er Angst, dass ihm plötzlich ein Monster ins Gesicht springen würde. Doch er blickte nur in die gleichen, grünen Augen wie immer, sah dasselbe schmale Gesicht vor ein paar Minuten zuvor. Langsam schob er eine Hand unter die blonden Strähnen, die ihm auf der rechten Seite über Stirn und Wange fielen, streifte sie ein wenig beiseite, strich kurz über die lange, helle und gut sichtbare Linie, die sich vom Haaransatz über die Schläfe und das Jochbein bis zum Ohr zog. 

Schnell ließ er die Haare wieder darüber fallen, so dass die Narbe wirkungsvoll verdeckt wurde. Er hasste sie, hasste sie so sehr. Doch zum Glück hatte er sie bis jetzt immer verstecken können, das einzige wirklich sichtbare Zeichen. Marc war damals so betrunken wie noch nie in seinem Leben gewesen und Alkohol nahm er wirklich oft zu sich. 

Seufzend wandte er sich ab. Es wurde Zeit, dass er sich wieder in Wohnzimmer blicken ließ, sonst würde sich Maria nur Sorgen machen, das tat sie ohnehin schon viel zu viel, obwohl sie fast niemals etwas sagte. Sie respektierte trotz allem seine Wünsche. 

Er verließ den kleinen, gefließtengefliesten Raum und schloss die Tür leise hinter sich, wanderte dann mit langsamen Schritten zurück in den riesigen Raum, doch hier war die ältere Frau nicht. Doch er hörte leises Topfgeklapper aus der Küche und musste lächeln. Hätte er sich doch denken können, dass die Haushälterin nichts auf ihrem Platz hielt, jetzt wo sie einen neuen Schützling zum bemuttern hatte. 

Er folgte den leisen Geräuschen und lehnte sich gegen den Türrahmen, beobachtete die Frau eine ganze Weile, wie sie emsig in dem Raum hin und her wuselte, bereits in einigen Töpfen rührte, die auf dem Herd standen, dann wieder etwas aus dem Kühlschrank suchte, immer in Bewegung war. Irgendwie beruhigte dieser vertraute Anblick seine angespannten Nerven, wie er es immer tat. 

"Kann ich was helfen?", fragte er schließlich leise, erschreckte Maria damit fast zu Tode. Die Haushälterin vertiefte sich immer so sehr in ihre Aufgabe, wenn sie kochte, dass sie um sich herum nichts mehr mitbekam. 
"Guter Gott, Christian! Sie wollen wirklich, dass ich noch früh am Herztod sterbe!", brummte sie leicht außer Atem, eine Hand auf die stattliche Brust gelegt und fixierte den Jüngeren auf schmalen Augen. Doch dann entspannt sie sich wieder. "Er ist im Bad?" Sie musste nicht näher erläutern, wen sie meinte, so viele Leute gab es hier im Haus nicht. 

Chris nickte leicht. "Ja, er duscht jetzt... er hat ziemlich lange gebraucht um zu realisieren, dass ihm hier nichts passieren wird... nicht verwunderlich, nach dem, was er durchgemacht hat..." Das freundliche Gesicht der Haushälterin verdüsterte sich schlagartig. 
"Armes Kerlchen, so jung und schon so viel mitgemacht... er ist doch noch ein Kind!", empörte sie sich sofort, rührte nebenbei mit einem riesigen Kochlöffel im Soßentopf. Sie hatte es sich nicht nehmen lassen, eine ihrer Köstlichkeiten extra für Mike zu zaubern, auch wenn es gerade mitten in der Nacht war. Zu Hause wartete ohnehin niemand auf sie und hier wurde sie eindeutig gebraucht. 

Ihre Stirn runzelte sich leicht. "Und wie geht es Ihnen?", fragte sie dann forschend nach, schmeckte die Soße noch einmal ab und nickte zufrieden, legte einen Deckel auf den Topf und goss die Nudeln ab. Wenn der Junge runterkam würde alles bereitstehen. 

Sie nahm Chris am Ärmel und zog ihn mit sich ins Wohnzimmer, auf die Couch. Die Beiden setzten sich und Maria sah ihren Arbeitgeber erwartungsvoll an. Der junge Mann zuckte die Schultern. "Ich weiß nicht recht...", meinte er dann ehrlich.". "Ich fühle mich so unglaublich... schuldig... jetzt nachdem ich weiß, was mit ihm passiert ist, noch viel mehr.... ich weiß nicht, wie er reagieren wird, wenn er erfährt, wer ich wirklich bin, ob er mir jemals verzeihen wird..." 

Wieder vergrub er das Gesicht in den Händen, fühlte, wie sich eine Hand auf seinen Rücken legte, sanft darüber strich. "Hören Sie, Christian, sie wussten es doch nicht! Woher hätten sie wissen sollen, dass er am Leben ist? Sie hat ihnen doch damals geschrieben, dass er gestorben ist, sie haben es doch nicht ahnen können! Es ist nicht Ihre Schuld!", versuchte sie ihn zu beruhigen, zu ermuntern und es half auch etwas, wenn auch nicht viel. 

"Aber ich hätte doch genauer nachforschen müssen, dann wäre mir aufgefallen, dass es keine Sterbeurkunde gibt, dass kein Grab oder sonst was existiert, ich....... ich hab es ja noch nicht mal über mich gebracht, ihr Grab zu besuchen, ich konnte es nicht, ich hatte Angst....... ich habe nur an mich gedacht und das ist unverzeihlich!" 

Maria schüttelte ärgerlich den Kopf. Wenn Chris ja nur mal an sich denken würde! Das tat er niemals, noch nicht mal im Moment. "So ein Unsinn! Hören sie sofort auf damit solch dummes Zeug zu denken!" Ihre Stimme klang streng und etwas ärgerlich, riss Chris aber aus seinem beginnenden Selbstmitleid. Natürlich wusste er, dass sie eigentlich Recht hatte, aber trotzdem wollte das Gefühl nicht weichen. Er seufzte leise, nickte dann aber. 

Ein lächeln erhellte das runde Gesicht der Haushälterin. "So ist es gut... der Junge ist jetzt hier, sie haben die Gelegenheit, ihm zu geben, was er in den letzten Jahren nicht hatte, nutzen Sie die Chance... aber... was machen sie wegen IHM?" Die besondere Betonung ihrer Worte machte dem Blonden klar, von wem Maria sprach. Niemals nahm sie Marcs Namen in den Mund. 

Chris zuckte leicht die Schultern. "Um ganz ehrlich zu sein, weiß ich das ebenso wenig. Er wird toben, wenn er erfährt, was ich getan habe... ich muss nur zusehen, dass er nicht an Mike herankommt, dann ist alles ok... in dieser Sache werde ich nicht nachgeben, dafür habe ich an dem Kleinen zu viel gutzumachen." Er klang mehr als entschlossen und das Lächeln kehrte auf das Gesicht der Frau zurück. So wollte sie ihren Jungen sehen, so und nicht anders. Nicht als dieses unterwürfige Geschöpf, zu dem er automatisch in der Gegenwart seines herrschsüchtigen Ehemanns wurde. 

Am Anfang hatte es sie schon irritiert, in einem Haushalt mit gleichgeschlechtlichen Partnern zu arbeiten, aber sie hatte sich erstaunlich schnell daran gewöhnt, sowohl Chris, als auch die Kinder ins Herz geschlossen. Diese drei musste man einfach gern haben. Nur Whiteman konnte sie auf den Tod nicht ausstehen. Dieser Anwalt in Armani war ihr vom ersten Moment an unsympathisch gewesen, schon, als sie vor fünf Jahren hier angefangen hatte. Damals hatte sie trotzdem weitergemacht, weil sie das Geld brauchte, heute blieb sie, weil sie in Chris fast einen Sohn sah. Der Junge brauchte sie, das wusste sie und sei es nur ihre Anwesenheit, die ihm den Rücken stärkte. 
Er war meistens stabiler, als er selbst wusste, aber niemals für sich selbst, immer nur für Andere. Manchmal machte es sie so wütend, dass sie ihn am liebsten gepackt und geschüttelt hätte. Nicht, dass es etwas bringen würde. 

Sie streichelte dem Größeren vorsichtig durch die Blonden Haare. "Es wird alles gut werden, sie werden sehn... machen sie sich nur keine Sorgen, sie schaffen das..." Und sie war wirklich froh zu sehen, dass ein kleines Lächeln auf dem hübschen Gesicht erschien, die grünen Augen den entschlossenen Ausdruck annahmen, den sie so gerne in ihnen sah. 
Chris nickte leicht. Er wollte ihr glauben. 

Ein leises Geräusch an der Tür ließ beide aufsehen. Da stand ihr neuer Schützling, frisch geduscht und in Christians Kleidern, die ihm mehrer Nummern zu groß waren, einen ängstlichen Ausdruck in den großen, dunkelgrünen Augen. "Ich... hallo... ich bin fertig und naja....... ich wusste nicht, wo ich hingehen sollte...." 
Mike beherrschte sich, nicht automatisch einen Schritt zurück zu tun, als Christian sich erhob und auf ihn zukam. Doch der Blonde lächelte nur wieder dieses Lächeln, das seine Augen zum Strahlen brachte, dass dem Jungen unglaublich warm ums Herz werden und ihn sich wohl und geborgen fühlen ließ. 

"Es ist schon gut... komm nur herein, ich denke, du wirst Hunger haben.... Maria hat was für dich gekocht..." Mike blinzelte leicht. Wie, für ihn gekocht? So extra für ihn? Warum denn das? Er bemühte sich, dass seine Augen nicht aus den Höhlen fielen. Noch nie hatte jemand für ihn gekocht, er war ja schon froh gewesen, wenn man ihn nicht vergessen hatte, einzuplanen. 

Er schluckte leicht, als ihm wieder dieser unglaublich verführerische Geruch in die Nase stieg, leckte sich leicht über die Lippen und wurde wieder rot, als sein Magen erneut fordernd knurrte, ihm so eine Antwort abnahm. Schweigend und mit gesenktem Blick folgte er dem Größeren in die gemütliche Küche, bekam am Rande mit, dass auch die Frau... Maria ihnen folgte. 
"Das... das wäre aber wirklich nicht nötig gewesen....", versuchte er zu retten, was zu retten war. Bestimmt war sie böse auf ihn, weil sie sich um diese Urzeit noch hatte an den Herd stellen müssen. Sie war wohl so was wie eine Angestellte hier, Verwandte waren Christian und Maria nicht, sonst hätte die Frau den jungen Mann nicht gesiezt, als sie sich vorhin begrüßt hatten. 

Er hob langsam den Blick, suchte ihren, um sie entschuldigend anzusehen, doch er traf auf dunkle Augen, die ihn mitleidig und lächelnd anstrahlten, fühlte im gleichen Moment eine Hand, die kurz durch seine Haare strich, eine Geste die gleichsam automatisch wie familiär wirkte, ihm aber völlig fremd war. So was hatte er noch nie erlebt. 

Verwirrt sah er die Haushälterin an, ließ sich aber ohne Widerstand auf einen der Stühle am Küchentisch dirigieren. Sein Retter setzte sich neben ihn, während Maria einen Teller mit Essen füllte. Was immer es auch wahr, es roch so unglaublich gut, dass Mike unruhig auf dem weichen Polster hin- und herrutschte. 
Christian lächelte nur und wartete geduldig, bis der Teller vor dem Jungen stand, dem schon wieder die Augen übergingen. So viele Spaghetti! Und so lecker aussehende Soße! Ganz automatisch griff er nach dem Besteck. Das war eines der wenigen Dinge, auf die seine Pflegeeltern penibelste geachtete hatten: Tischmanieren. 
Also wartete er anständig, bis er aufgefordert wurde, zu essen und versuchte, halbwegs gesittet zu bleiben, obwohl er die Nudel am Liebsten einfach in sich hineingestopft hätte. Aber dazu kam ihm die Umgebung dann doch zu vornehm vor und er wollte sich ja hier nicht wie im Schweinestall aufführen. 

Allerdings konnte er sich bei der Menge nicht zurückhalten, schon gar nicht, nachdem er die erste Gabel im Mund hatte. Das hier war besser als alles andere, was er jemals bekommen hatte und so schaffte er drei volle Teller, bevor er sich zurücklehnte und zufrieden seufzte. 
"Vielen Dank, das war das Beste, was ich je gegessen habe...", meinte er mit einem strahlenden Lächeln zu der stolzen Köchin und Chris musste sich beeilen, sein breites Grinsen hinter vorgehaltener Hand zu verbergen. 

"Also Mike....", meldete er sich dann leise zu Wort. Er hatte die ganze Zeit, in der der Junge gefuttert hatte, schweigend dagesessen und beobachtet. Doch jetzt fand er es an der Zeit zu reden, es gab nun mal Dinge, die keinen Aufschub duldeten. 

"Mein Name ist Christian Whiteman und das dort ist Maria, unsere Haushälterin... aber sag bitte Chris und du, ok?", begann er vorsichtig, er konnte ja nicht gut sofort mit der Tür ins Haus fallen. 

Mike glubschte den Älteren aus riesengroßen Augen an. "Whiteman? DER Whiteman?", fragte er ein wenig atemlos. 
Chris lächelte, doch es war nur ein humorloses Verziehen der Lippen. "Der Whiteman, den du meinst, ist Marc, mein.... Ehemann..." Er zögerte das letzte Wort spürbar heraus, doch er wollte den Jungen nicht anlügen.


"Ehemann?", quietschte Mike laut und es fehlte nicht mehr viel, dann würde er keine Augen mehr haben, weil sie aus den Höhlen gefallen waren. Jeder in der Stadt kannte den arroganten, wenn auch überaus erfolgreichen Rechtsanwalt, der den Ruf hatte, niemals einen Prozess zu verlieren, den er nicht verlieren wollte. Der Amerikaner war vor etlichen Jahren nach Deutschland gekommen, er hatte mal gelesen, dass der Schnösel wohl eine hier geborene Mutter hatte. Und jetzt vertrat er die Größen der Highsociety, die Großindustriellen, steinreichen und berühmten. Er hatte wohl viel zu tun. 

"Whiteman ist schwul?" 
Er sah, wie sein Retter etwas zusammenzuckte, anscheinend hatte er irgendeinen wunden Punkt getroffen. 
"Es tut mir leid, ich wollte Sie... dich nicht beleidigen... ich war nur... überrascht...", beeilte er sich deshalb schnell hinzuzusetzen. Er wollte den Blonden auf keinen Fall verärgern, sonst würde er wohl schneller wieder auf der Straße landen, als er bis drei zählen konnte. 
Aber überrascht war gar kein Ausdruck. Die Presse schwieg sich tot über das Privatleben Whitemans, niemand wollte sich mit dem Anwalt anlegen, aber Mike hätte nie, NIEMALS erwartet, dass jemand, der sich so über gesellschaftliche Moralvorstellungen und Grenzen hinwegsetzte, derart erfolgreich sein könnte. Und dass er es war, stand wirklich außer Frage. 

Unsicher suchte der Schwarzhaarige den Blick der grünen Augen, atmete fast erleichtert aus. Diesmal war das Lächeln auf dem puppenhaften Gesicht echt. "Das hast du nicht, keine Sorge....", beruhigte er seinen Schützling und beeilte sich, weiter zusprechen, bevor die Situation noch peinlicher wurde. 
"Die Sache ist die, dass ich auf der Suche nach dir war, schon seit acht Monaten... und heute habe ich einen Tipp zugespielt bekommen, wo ich dich finde...." 

Immer verwirrter zog Mike ein Bein auf den Stuhl und schlang seine Arme darum, als wollte er sich vor irgendetwas schützen. 
"Du? Du hast mich gesucht? MICH? Aber warum denn?" Seine Stimme klang einfach nur völlig verblüfft. Warum sollte bitte jemand, der wohl mehr Geld besaß, als er sich überhaupt vorstellen konnte, ausgerechnet nach IHM suchen? Das gab doch keinen Sinn! 

Chris atmete tief durch. "Ich kannte deine Mutter...", meinte er dann schlicht und sah zu, wie Mike praktisch der Unterkiefer herunterfiel. 
"Mei-meine Mu-mutter?", stotterte der Junge verwirrt. "A-aber... die ist doch schon lange tot...." 
Der Ältere nickte leicht. "Seit elf Jahren....", meinte er dann leise und sah dem Dunkelhaarigen fest in die Augen.". "Ich kannte sie sogar sehr gut... aber ich habe erst vor etwa acht Monaten erfahren, dass du noch am Leben bist... mir hat sie geschrieben, dass du tot bist und sie deshalb keinen Sinn mehr im Leben sieht....... sie hat dich wohl sehr geliebt...." Gut, dass war jetzt eine glatte Lüge. Mikes Mutter war nur eine dumme, selbstsüchtige Fixerin gewesen, die sich einen Scheiß um ihr kleines Kind geschert hatte. Doch das hatte er alle erst zu spät erfahren, viel zu spät. 

Mike starrte an einen imaginären Punkt an der Gegenüberliegenden Wand. "Hat sie? Ich glaube nicht... man hat mir gesagt, dass sie mich weggegeben hat, weil ich ihr ein Klotz am Bein war... und dass sie ein paar Monate später an einer Überdosis krepiert ist..." Er klang seltsam flach, kühl, distanziert, so, als ginge es hier gar nicht um seine Mutter, sondern um eine wildfremde Person, die mit ihm gar nichts zu tun hatte. 

Plötzlich fixierte er Chris mit klarem Blick. "Bist du mein Vater?", fragte er sehr leise, kaum verständlich. Etwas wie Hoffnung glomm in seinen Augen auf. Der Blonde hatte gesagt, er hätte seine Mutter sehr gut gekannt... war es möglich.....?...? 

Doch zu seiner Enttäuschung schüttelte der Größere den Kopf. 
"Nein, Mike, das bin ich nicht, leider...." Er schluckte leicht, schien noch etwas sagen zu wollen, ließ es dann aber doch bleiben, nachdem er einen stummen Blick mit Maria gewechselt hatte. 

Langsam streckte Chris eine Hand aus und strich Mike durch die Haare. Sollte er es wagen? Sollte er alles auf eine Karte setzen und reinen Tisch machen? Wie würde Mike reagieren? Es gab wohl nur eine einzige Möglichkeit, das herauszufinden... und so enttäuscht, wie der Kleine eben ausgesehen hatte, war er wohl einer Beziehung zwischen ihnen nicht gerade abgeneigt. 

"Warum dann? Nur weil.... du meine Mutter... gekannt hast?" Der Junge klang irgendwie erstickt, als könne er nur mit Mühe die Tränen zurückhalten, sah den Blonden immer noch unverwandt an. Die Augen... die gleich wie seine eigenen, vielleicht noch eine Spur dunkler....... und wenn man genau hinsah konnte man auch die gleiche Kinnform erkennen wie bei ihm selbst in diesem Alter. 

Einen kurzen Moment zögerte er noch, dann gab er sich einen Ruck. Er hasste nichts mehr als Lügen und er würde dieses Kapitel im Leben des Jüngeren nicht mit einer anfangen. Und Mike hatte ein Recht darauf, zu erfahren, was damals wirklich passiert war, wer er war, er durfte es ihm nicht verwehren. Noch einmal atmete er tief durch. 

"Mike... ich bin dein Onkel..."

Teil 3

Leon Varnhagen faltete die Blätter, die er in den Händen hielt, sauber zusammen, steckte sie in einen vorbereiteten Umschlag und klebt ihn zu, legte ihn dann auf den Stapel mit der ausgehenden Post. Er lehnte sich in seinem hohen, dunklen Ledersessel zurück und sah sich zufrieden um.

Mit einer eleganten Bewegung strich er sich eine schwarze Strähne, die ihm vorwitzig in die Stirn gerutscht war, nach hinten und nahm dann die Lesebrille ab, legte das Gestell auf die helle Schreibunterlage. Müde rieb er sich über die Augen.
Seit zwei Wochen war er jetzt in München und die Kanzlei lief wie geschmiert. Seine Klienten waren pünktlich, er bekam ohne Probleme Gerichtstermine, zwei Fälle waren bereits so gut wie gewonnen. Wenn das so weiterging würde er bald mindestens einen Kollegen einstellen müssen, die Kunden rannten ihm jetzt schon fast die Tür ein. Es war ihm gelegentlich direkt peinlich und langsam konnte er wirklich keine Lobeshymnen auf sein Engagement und seine Zielstrebigkeit mehr hören. Eine Zeitlang war das ja ganz nett, aber dann...

Eigentlich sprach rein gar nichts dagegen, sich einen weiteren Anwalt einzustellen oder gar zum Geschäftspartner machen. Sicher, er musste sorgfältig auswählen, er lebte schließlich von seinem guten Ruf, aber in einer Großstadt wie dieser gab es mehr als genug junge, durchsetzungsfähige und verlässliche Juristen, die nur auf eine Chance wie diese warteten. Doch noch wollte er sich nicht dazu durchringen, sich jemanden zu suchen, der ihm etwas Arbeit abnahm, er konnte sich noch nicht an den Gedanken gewöhnen, einen Teil der Verantwortung abzugeben, die er ja für seine Klienten unumstrittenermaßen hatte.

Er würde deshalb vorerst abwarten, wie sich die ganze Situation entwickelte, bevor er irgendwelche Schritte unternahm, die er womöglich später bereuen würde.
Im Moment jedenfalls war er etwas misstrauisch, weil alles so gut lief. Zu gut. Manchmal fragte er sich, ob sein übereifriger Vater nicht rein zufällig doch irgendwo ein paar Anrufe getätigt hatte, ohne das Wissen seines Sohnes, der solche Aktionen sicher nicht gutgeheißen hätte.

Es war doch irgendwo nicht normal, dass er gleich solchen Anklang fand, dass er nach so kurzer Zeit schon beinahe in Arbeit erstickte und gut noch das Dreifache hätte annehmen können, wenn er nur wollte. Aber er wollte seinem Vater nichts unterstellen, das würde dann doch zu weit führen, denn normalerweise respektierte der Ältere die Wünsche seines Sohnes und hielt sich im Großen und Ganzen zurück, auch wenn er es immer mit allem nur gut meinte.
Eigentlich war genau das mit der Grund für Leon gewesen, Berlin zu verlassen und das wusste sein alter Herr ziemlich genau. Nicht etwa, dass er mit Varnhagen Senior nicht gut auskam, ganz im Gegenteil, er und sein Vater hatten immer ein ausgesprochen gutes Verhältnis gehabt, aber der Schwarzhaarige wollte sich sein eigenes Leben aufbauen, ohne finanzielle Unterstützung von Raphael.

Leon lächelte leicht. Sein Dad war wirklich ein wunderbarer Mensch, aber von Zeit zu Zeit übertrieb er es ein klein wenig. Und für seinen Geschmack war das Maß vor etwa einem halben Jahr endgültig zu voll geworden, so dass er sich entschieden hatte, nach Süddeutschland zu ziehen und hier sein Glück zu versuchen.
Sicher, auch hier kannte man den Namen Varnhagen, nicht nur Raphaels, auch seinen, aber er war fest entschlossen, seinen Kundenstamm durch harte und gute Arbeit zu gewinnen, nicht durch die Beziehungen seines Vaters.

Er war schon in der Schule und später an der Universität durch extremen Ehrgeiz aufgefallen, zusammen mit dem Biss, alles durchzuziehen, was er sich vorgenommen hatte. Ja, er hatte immer bekommen, was er wollte, aber nicht, weil Daddy im Hintergrund mit der Brieftasche wedelte, sondern weil er sich selbst dafür abgerackert hatte. Er wollte keine Sonderbehandlung oder –rechte, nur Anerkennung dessen, was er leistete.Und das war wirklich nicht wenig gewesen, sein Abitur hatte er mit einem exzellenten Schnitt bekommen, nur ein einziger Schüler war besser gewesen als er selbst und an der Uni hatte er sich dadurch ausgezeichnet, dass er das Jurastudium in wahrer Rekordzeit hinter sich gebracht hatte.
Die ersten zwei Jahre danach waren schnell verflogen, er hatte sich praktisch in die Arbeit gestürzt und sich inzwischen einen gewissen Ruf aufgebaut, auf den er nicht selten stolz war.

Und doch war ihm in Berlin einfach alles zu viel geworden. Nicht nur sein Vater hatte ihn unbewusst und sicher völlig unabsichtlich eingeengt, auch die gesellschaftlichen Zwänge, denen er sich immer mehr hatte unterwerfen müssen, waren ihm schlicht zu viel geworden.
Er stützte kurz den Kopf in die Hände und fixierte einen imaginären Punkt an der gegenüberliegenden Wand.
Wem machte er hier eigentlich etwas vor? Sicher, er hatte sich etwas Eigenes aufbauen wollen, schon immer, aber war das wirklich der Grund für seine... Flucht?

Er wusste es selbst nicht und wenn doch, dann WOLLTE er es nicht wissen. Er hatte weder Zeit noch Lust, sich eingehender mit seinem Gefühlsleben zu beschäftigen, das hatte die Presse schon zur Genüge für ihn übernommen.
Herrgott noch mal, ja, er hatte sich von seinem Freund getrennt, na und? Dass er schwul war, war schon immer bekannt, daraus hatte er niemals einen Hehl gemacht, auch wenn es nicht gerade in die Öffentlichkeit getragen worden war, so hatte er doch niemals gelogen, wenn es auf dieses Thema kam. Und es war erstaunlicherweise akzeptiert worden.
Nicht von allen natürlich, Himmel, seine eigene Mutter hielt ihn ja für abartig und krank, aber zumindest war es niemals zu offensichtlichen Anfeindungen gekommen.
Bis zu der Sache mit Michael.

Er hätte sich wohl niemals darauf einlassen, auf seine Freunde hören sollen. Doch er hatte sich geweigert, den Tatsachen ins Auge zu sehen, er hatte es nicht sehen wollen, was für ein kleines Miststück der Medizinstudent gewesen war, dazu war er einfach zu verliebt gewesen, bis über beide Ohren.
Nun, er hatte aus seinen Fehlern gelernt, so etwas würde ihm niemals wieder passieren. Wenn er nur daran dachte, wie nahe er daran gewesen war, den Kerl zu HEIRATEN, wurde ihm schon schlecht. Wäre da nicht dieses kleine, dumme Etwas namens Zufall gewesen, er hätte sicherlich niemals herausgefunden, dass Michael nur hinter seinem Geld her war, zumindest nicht, bis es zu spät gewesen wäre.
Aber so hatte er die linke Bazille auf den Mond schießen können, als noch Gelegenheit dazu war und es war zumindest kein materieller Schaden entstanden.

Sechs Monate... sechs verdammte Monate war es jetzt her, dass Michael aus ihrer gemeinsamen Wohnung ausgezogen war, nein, dass Leon ihn vor die Tür gesetzt hatte. Es war ihm egal, was aus dem Anderen wurde, sollte er doch zu seiner geliebten Freundin gehen, ihm war es gleich, solange er ihm nicht wieder unter die Augen kam, denn sonst hätte er sicher für nichts mehr garantieren können.
Es wollte ihm immer noch nicht recht in den Kopf, wie krank ein Mann sein musste, freiwillig mit einem Anderen die Wohnung, das Bett, den Tisch, das Leben, ALLES zu teilen, sich sogar in der Öffentlichkeit als schwul hinstellen zu lassen, nur um an Geld zu kommen.

Ein schmerzhafter Stich durchfuhr seine Brust, als er sich an ihr letztes... Gespräch erinnerte. Welch angeekelte Worte Michael ihm ins Gesicht geschleudert hatte, wie sehr er sich immer hatte überwinden müssen, mit ihm zu schlafen, Leon überhaupt in seiner Nähe zu ertragen.
Ein bitterer Geschmack breitete sich auf der Zunge des Dunkelhaarigen auf, so dass er sich rasch erhob und ein Glas Wasser eingoß, das er mit einem Zug hinunterspülte.

Es war eine Lüge, das wusste er ganz genau. Männer konnten ihre Erregung nicht verbergen, Frauen, na schön, das war eine andere Sache - nahm er zumindest an, da hatte er keine Erfahrung – aber bei seinen Geschlechtsgenossen funktionierte das einfach nicht, basta.Und doch bohrte sich der Stachel in seinem Herzen noch ein ganzes Stück tiefer.
Ein kleiner Teil seines Bewusstseins fragte sich, ob es wirklich jemals aufhören würde, weh zu tun, so wie sich die Presse nach einiger Zeit wieder beruhigt hatte. ‚Zeit heilte alle Wunden’ hieß es doch, oder? Wenn ja, dann war eindeutig noch nicht genug vergangen.Kurz warf er einen Blick in den Spiegel über der Kommode, die an einer Wand als Abstellfläche diente. Er hatte sich verändert. Seine Augen waren kälter geworden, ein bitterer Zug lag um seinen Mund und auf seiner Stirn deuteten sich die ersten Fältchen an, für die er eigentlich noch viel zu jung war.

Leon schnaubte leise. Wen interessierte das schon? Er wurde nächsten Monat dreißig, er sah eben nicht mehr aus wie mit 18, das war der Lauf der Dinge. Allerdings kam es ihm sehr zu gute, dass er weder rauchte, noch häufig Alkohol konsumierte, wie ihm die Aufmerksamkeit der ihn umschwärmenden Personen immer wieder bewies.
Bei Männern verstand er das ja noch irgendwie, er war nicht unvermögend, mit seinen schwarzen Haaren und dunkelblauen Augen eine recht attraktive Erscheinung. Was ihn nur extrem störte, waren die Weiber, die immer und immer wieder versuchten, ihn ‚auf den rechten Pfad zurückzuführen‘, wie sie es oft so schön ausdrückten.Verdammt, er war nun mal schwul. Homosexuell. Vom anderen Ufer, ein warmer Bruder, wie auch immer man es ausdrücken wollte, jedenfalls hatte er keinerlei sexuelles Interesse am anderen Geschlecht und Punkt. Er war es leid, das andauernd betonen zu müssen.

Er wandte sich vom Spiegel ab und blickte über seinen sauber aufgeräumten Schreibtisch. Alles war dort, wo es sein sollte, alle Arbeit war für heute erledigt.
Er hatte zwar keine große Lust, nach Hause in seine große, leere Wohnung zu fahren, wo ihn ohnehin nur sein kleiner Kater erwartete, aber noch länger hierzubleiben wäre einfach unsinnig, weil es für den Augenblick absolut nichts zu tun gab. Alles, was noch anstand, musste erst abgetippt werden und damit war Angelika im Vorzimmer schon fleißig beschäftigt.
Also packte er sich seine Aktentasche, schob noch ein paar Papiere hinein, falls er Zuhause noch etwas nachsehen wollte und verließ dann das große Büro.

Als er am Empfangstresen vorbei zur Garderobe marschierte, wünschte er der Sekretärin einen schönen Abend. Die ältere Frau sah kurz von ihrem Computer auf, schielte ihn über ihre tiefsitzende Brille einen Moment lang abschätzend an, erwiderte den Gruß dann mit einem würdevollen Neigen ihres ergrauten Kopfes, dessen Haare sie zu einem strengen Knoten zurückgebunden hatte.
Leon lächelte in sich hinein. Er mochte sie, ganz eindeutig. Sie war eine exzellente Sekretärin, arbeitete effektiv und zielgerichtet, machte so gut wie nie überflüssige Worte, schmachtete ihn nicht an, war kühl aber höflich zu den Klienten, telefonierte nicht auf seine Kosten und feilte sich keine Fingernägel während der Arbeitszeit. Er bezweifelte sogar, dass sie sie überhaupt jemals feilte. Oh ja, er mochte sie sogar sehr.

Er nahm sich seine Jacke und den Schal, zog sich an und streifte sich die ledernen Handschuhe über die Finger, bevor er das Vorzimmer in Richtung Fahrstuhl verließ und von dort aus in die Tiefgarage fuhr. Wehmütig betrachtete er den Sportwagen, der auf seinem Parkplatz stand.
Wie sehr hatte er seinen alten, kleinen Golf geliebt. Vielleicht sollte er sich wieder einen anschaffen? Aber von einem Mann seines Kapitals und Rufs wurde nun einmal verlangt, dass er ein Auto seinem Prestige entsprechend fuhr. Und deswegen hatte er sich halt schweren Herzens einen dunkelblauen Mercedes angeschafft und das Auto vom ersten Moment an gehasst. Er fand es hässlich, unglaublich unpraktisch, weil es fast keinen Kofferraum hatte und überhaupt zu protzig. Aber was machte man nicht alles, damit die Kanzlei lief... beschissene Klischees!

Er drückte auf die kleine Erhebung seines Schlüssels und die Zentralverriegelung öffnete mit einem leisen Klicken. Die Aktentasche landete auf dem Beifahrersitz und Leon stieg ein, stieß sich dabei kräftig den Kopf an. Scheißkarre! Warum musste das blöde Ding auch so niedrig sein? Jedes verfluchte Mal, wenn er etwas in Gedanken war, passierte ihm das, jedes Mal! Konnten die nicht normal hohe Dächer bauen?
Er hatte sich schon überlegt, wie er das ganze, blaue Ding am Besten und Unauffälligsten loswerden könnte, aber das Resultat wäre ja nur, dass er sich ein neues, wahrscheinlich noch hässlicheres Auto anschaffen musste und dafür war er ganz einfach zu sparsam. Er hielt es für Verschwendung, Geld einfach so für irgendwelches, dummes Zeug auszugeben, wenn man es auch sinnvoller anlegen konnte. Wenn er daran dachte, wie oft er hätte in die Oper oder ins Theater gehen können mit den Scheinen, die er für die Luxuskarosse hingeblättert hatte, wurde ihm schon schlecht.

Froh, von seinen Gedanken an die Vergangenheit, vor allem an Michael, abgelenkt zu sein, lenkte er den Wagen aus der Tiefgarage und steuerte ihn in Richtung Heimat. Vielleicht sollte er unterwegs noch einkaufen gehen, sein Kühlschrank dürfte ziemlich leer sein und Alex brauchte Futter. Der kleine Kerl war so unglaublich geduldig mit seinem ungeschickten Herrchen, da musste er ihn nicht noch hungern lassen, wenn er schon dauernd über das rote Katerchen stolperte oder irgendwas auf ihn fallen ließ.
Er fuhr also zum nächsten Supermarkt, parkte das Auto und stieg aus, schnappte sich dann einen Einkaufswagen und steuerte auf den Eingang zu.

Eigentlich ging er nicht gerne einkaufen, vor allem nicht, wenn er sich, wie heute, keine Liste gemacht hatte. Die vielen Menschen auf einem Haufen sagten ihm nicht unbedingt zu, aber was sein musste, musste eben sein.
Als erstes war die Obst- und Gemüsetheke dran. Stirnrunzelnd stand er davor und überlegte, was er denn nehmen sollte, als plötzlich ein kleines Geschoss rechts von ihm auftauchte und schnurgerade in ihn hineinlief.
Leon taumelte einen halben Schritt zurück und sah überrascht nach unten. Da saß ein vielleicht fünfjähriger Junge auf dem Boden, den der Zusammenprall offensichtlich von den Füßen gerissen hatte. Große, blaue Augen sahen unter weichen, blonden Strähnen zu ihm auf, füllten sich langsam aber sicher mit Tränen und die volle, kindliche Unterlippe begann deutlich zu zittern. Hilflos sah Leon auf das Kind hinunter, nicht so recht wissend, was er tun sollte.

Vorsichtig ging er in die Hocke und streckte eine Hand nach dem Kleinen aus. „Na komm, ist ja nichts passiert, ich helf‘ dir, ja?“Doch anstatt die große Hand zu ergreifen, sah der Junge Leon nur beinahe entsetzt an, die Unterlippe schob sich noch etwas weiter vor und die Tränen begannen, über die runden Wangen zu kullern, während die ersten, leisen Schluchzer aus dem kleinen Mund kamen, schnell lauter wurden.Na toll, jetzt würde sicher gleich eine besorgte Mutter angerannt kommen und ihn anschreien, was er da mit ihrem Kind machte. Leicht verzweifelt sah er sich um, ob der Kleine zu irgendjemandem gehörte, er konnte den Jungen ja auch nicht einfach hier so sitzen lassen. Von Sekunde zu Sekunde fühlte er sich hilfloser. Es war ja nicht so, dass er Kinder nicht mochte oder so, aber ganz offensichtlich konnte er nicht mit ihnen umgehen und dieses hier schien ganz besonders etwas gegen ihn zu haben.

„Danny? Danny, was hast du denn wieder gemacht?“, ertönte da plötzlich eine männliche Stimme hinter ihm. Leon fuhr herum und erhob sich halb und erblickte einen schlanken, blonden Mann, nicht besonders groß, der auf sie zusteuerte. Aus dem Augenwinkel sah er, wie sich das Kind neben ihm leicht auf die Unterlippe biss und die runden Augen noch etwas größer wurden.„Daddy...“, wimmerte der Kleine herzzerreißend, während der Blonde seinen halb gefüllten Einkaufswagen im Stich ließ und an Leon vorbei auf den Kleinen zuging.

„Danny, was ist denn passiert? Ich hab dir doch so oft gesagt, du sollst nicht durch die Gänge rennen!“, tadelte er sanft aber bestimmt und griff unter die ausgestreckten Ärmchen, um den Kleinen sanft wieder auf die Füße zu stellen und ihm etwas den Hintern abzuklopfen.

„Danny, hast du wieder Unsinn gemacht? Daddy hat doch gesagt, du sollst nicht rennen! Warum hörst du auch nie auf Daddy!“ Leon traute seinen Augen kaum und konnte nur mit offenem Mund die Szenerie betrachten, als sich zu den beiden – offensichtlich Vater und Sohn – eine weitere, kleine Gestalt hinzugesellte, die Händchen in die Hüften stemmend und den immer noch schniefenden Jungen sehr missbilligend ansehend. Das Erstaunlichste war allerdings, dass die beiden Kinder einander ähnelte wie ein Ei dem anderen. Zwillinge.Er war so in die Betrachtung der Jungen vertieft, dass er erst wieder herausgerissen wurde, als sich auf einmal eine schmale Hand unter seine Nase schob. Verwirrt blickte er auf und sah den Vater der beiden, der ihm offensichtlich aufhelfen wollte und ihn nachsichtig lächelnd ansah.

„Entschuldigen Sie bitte die Umstände, Danny ist manchmal etwas ungeschickt...“ Leon konnte im ersten Moment nur fassungslos in dieses perfekte Gesicht blicken. Feine Züge, ebenmäßig wie aus Porzellan gearbeitet, dunkelgrüne Augen, die ihn lächelnd ansahen, volle Lippen, die geradezu einluden, sie zu küssen. Wo hatte er dieses Gesicht schon mal gesehen?Der junge Anwalt schluckte heftig und ergriff nun endlich die angebotene Hand. Das fing ja an, schon peinlich zu werden, er sollte schleunigst machen, dass er sich wieder in den Griff bekam.

„Ist schon gut, ist ja nichts passiert...“ Seine Stimme klang in seinen eigenen Ohren etwas heiser und er räusperte sich schnell. „Ich kann nur nicht besonders gut mit weinenden Kindern umgehen, fürchte ich...“, entschuldigte er sich verlegen, konnte seinen Blick aber nicht aus dem Gesicht seines Gegenübers wenden. Er war fasziniert und zugleich über seine heftige Reaktion erschrocken. Sonst warf ihn doch auch nichts so leicht aus der Bahn!Schnell wandte er sich ab und sah zu den beiden Jungen hinüber, von denen der eine immer noch leise schniefte und sich über die Augen wischte, der andere immer noch auf ihn einschimpfte. Und die zwei waren wirklich gleich alt? Offensichtlich, bei dem Aussehen.
Der blonde Mann lachte leise und Leon drehte sich fragend wieder zu ihm.

„Sie denken vermutlich dasselbe wie jeder, der sie zum ersten Mal erlebt... Jesse ist ziemlich forsch und schon sehr weit für sein Alter, Danny dagegen ist sehr zurückgezogen und sensibel und im Moment fremdelt er mal wieder, also denken Sie sich bitte nichts dabei, dass er eben zu weinen angefangen hat...“

Chris musste noch immer über die offensichtliche Verwirrung des Dunkelhaarigen lächeln, der ihn sehr überfahren anblickte. Irgendwie niedlich, so ein großer Kerl und dann so hilflos, wenn es um etwas Simples wie ein weinendes Kind ging. Obwohl niedlich eigentlich für solch einen Mann nicht gerade das richtige Adjektiv war. Groß, breite Schultern, schwarze Haare und dunkelblaue Augen und wirkte trotzdem mit diesem herrlich verwirrten Gesichtsausdruck fast ein bisschen kindlich. Es war schwer, sein Alter zu schätzen, vielleicht Anfang dreißig, älter aber wohl nicht und Chris hätte schwören mögen, dass er dieses Gesicht schon mal irgendwo gesehen hatteLeon winkte leicht ab. „Kein Problem, ich war nur etwas verwirrt und hatte die Befürchtung, dass im nächsten Moment irgendeine wütende Mutter angelaufen kommt und mich mit einem Stangenbaguette verprügelt, weil ich ihren Sohn zum Weinen gebracht habe...“Nun lachte der Blonde leise und die winzigen Fältchen um seine Augen vertieften sich etwas. Leon fragte sich unwillkürlich, wie alt sein Gegenüber wohl sein mochte. Sicher nicht älter als er selbst.

„Keine Sorge, verprügeln würde ich Sie deswegen nicht, ich kenne meine Rabauken ja...“ Chris klang ehrlich amüsiert und für einen Moment vergaß er sogar, dass er eigentlich schnell wieder nach Hause wollte, weil Mike nicht so lange allein sein sollte. Der dunkelhaarige Fremde hatte etwas an sich, dass ihm so seltsam bekannt vorkam, auch wenn er immer noch nicht so genau wusste, woher.Etwas zupfte leicht an seiner Hose und als er sich nach unten wandte, konnte er in zwei Paar große, blaue Augen sehen, die ihn bettelnd anblickten. „Daaaddyyyy, kriegen wir nachher ein Eis?“ Danny hatte sich offenbar von seinem Schreck erholt und Jesse zeigte nun, dass er genauso kindlich wie sein Bruder sein konnte, wenn er nur wollte. Chris runzelte leicht die Stirn, wollte etwas sagen, doch da mischte sich Leon wieder ein.

„Wie wäre es, wenn ich Ihnen auf den Schreck draußen im Stehcafé einen Kaffee ausgebe? Da kriegen die zwei auch sicher ein Eis...“ Zwei paar Kinderaugen richteten sich ehrfürchtig auf ihn und in diesem Moment erkannte er das beste Mittel, um mit kleinen Kindern umzugehen: Bestechung.Gleichzeitig ohrfeigte er sich innerlich für diese Schnapsidee. Er war gerade dabei, mit einem offensichtlich nicht schwulen Mann zu flirten, ihn auf einen Kaffee einzuladen. Wie bescheuert war er eigentlich? Hatte er eigentlich nichts gelernt? Oder war er schon nach sechs Monaten dermaßen einsam? Er sollte wirklich mal wieder ausgehen und etwas Spaß haben. Sicher, der Fremde sah unverschämt gut aus, wenn er auch eigentlich nicht seinem üblichen Beuteschema entsprach, aber er faszinierte Leon schon nach diesen wenigen Minuten wie selten ein Mann zuvor.
Der Anwalt war geradezu wild darauf, mehr über den Anderen zu erfahren und vor allem, zu ergründen, warum der ihm so bekannt vorkam. Er überlegte schon die ganze Zeit angestrengt, aber der Gedanke entglitt ihm immer wieder, sobald er danach greifen wollte. Es lag ihm praktisch auf der Zunge, doch er kam und kam nicht darauf.

Chris schien einen Moment zu überlegen. Einerseits sollte er schnellstmöglich wieder nach Hause und außerdem war er verheiratet, da ging man nicht mit anderen Männern einfach so Kaffee trinken, das gehörte sich nicht. Aber wer sagte denn, dass der Dunkelhaarige überhaupt schwul war und es auf ihn abgesehen hatte? Sicher, er hatte ihn so seltsam gemusterte, aber das passierte ihm eigentlich ziemlich häufig, sowohl bei Männern, als auch bei Frauen, also nichts, worüber er sich großartig Gedanken machen müsste. Und außerdem, es war nur ein Kaffee, was sollte dabei schon schief gehen? Er wollte ja schließlich nur reden und der Dunkelhaarige war ihm sofort sympathisch gewesen und er war neugierig herauszufinden, ob sie sich nicht wirklich schon mal irgendwo begegnet waren.
Schnell schob er den Gedanken beiseite, wie sehr Marc ausrasten würde, wenn er davon Wind bekam und sagte mit einem kleinen Lächeln zu. Er fühlte sich irgendwie schlecht dabei, doch zugleich regte sich auch Widerspruch in ihm. Marc war nicht hier und er wollte ja nicht mit dem Fremden anbändeln oder so was.

„Warum nicht? Mein Name ist übrigens Chris Whiteman. Jesse und Daniel kennen Sie ja bereits...“Leon blinzelte leicht überrascht, denn er hatte eigentlich eine deutliche Abfuhr erwartet. Zwei Männer gingen nun mal nicht einfach Kaffee trinken. Umso erstaunter war er, dass Chris einfach zusagte. Moment mal... Chris... da klingelte doch irgendwas bei ihm. Er nahm das Gesicht des Anderen noch mal deutlicher unter die Lupe. Hm, seltsam, sein Verdacht, dass sie sich irgendwoher kannten, erhärtete sich noch zusehends, aber wenn er jetzt danach fragte, klang das wohl mehr wie eine schlechte Anmache. Also eben warten.Aber Moment mal, der Nachname! Seine Augen verschmälerten sich etwas. Whiteman kannte er, war nicht persönlich, aber er war über seine Gegner informiert. Doch wenn er sich recht erinnerte, hieß der Anwalt nicht Chris, sondern Marc.

„DER Whiteman?“, erkundigte er sich deshalb etwas kühler und musterte die schmale Gestalt. Er las keine Klatschpresse, sonst hätte er sicher schon ein Bild von Whiteman gesehen, der hier bekannt war, wie ein bunter Hund, aber wenn das DER Whiteman war, dann hatte er sich einen Staranwalt immer anders vorgestellt.Das Lächeln schwand etwas aus dem Gesicht seines Gegenübers und ein leises Seufzen kam über die weichen Lippen.

„Nein, das ist Marc Whiteman...“, stellte Chris richtig und hob etwas die Schultern. „Sie sind wohl nicht besonders gut auf meinen Mann zu sprechen?“, versuchte er die abgekühlte Stimmung mit einem kleinen Scherz wieder aufzulockern. Zwar konnte es gut sein, dass er sich damit jetzt voll in die Nesseln setzte, aber das musste er eben in Kauf nehmen.Leon runzelte die Stirn. Mann? So wie Ehemann? Na gut, wenigstens wusste er nun, dass sein Gegenüber ebenfalls schwul war, nur brachte ihm das rein gar nichts, weil er erstens von Vergebenen die Finger ließ und der hübsche Kerl ausgerechnet noch mit dem Mann verheiratet sein musste, dem man nachsagte, dass er in seinem Job absolut skrupellos vorging und nur aufs Geld schaute. Allerdings war es einfach nicht Leons Art, Menschen nach ihrer Verwandtschaft zu beurteilen und wer sagte denn, dass dieser Whiteman privat nicht ein ganz netter Kerl war?

„Leon Varnhagen, sehr erfreut...“, stellte er sich rasch vor, bevor die entstandene Pause noch peinlicher wurde und konnte beobachten, wie sich Chris deutlich entspannte und wieder lächelte. Kurve noch mal bekommen.Die beiden Kinder, die bis jetzt geduldig und sehr wohlerzogen neben den Erwachsenen gewartet hatte, wurde die Zeit jetzt aber doch zu lang. „Daddy...“, fing Jesse leise an zu quengeln und Daniel sah aus, als wolle er jeden Moment mitmachen.Chris entschuldigte sich rasch und die beiden Männer verabredeten sich zu einem Treffen in dem kleinen Stehcafé am Ausgang des Supermarktes nach dem Einkauf. Dann schlugen sie unterschiedliche Richtungen ein, Chris zur Frischwursttheke, Leon zum Katzenfutter.

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Es war schon beinahe Abend, als Mike sich endlich überwand und aus der weichen, warmen Decke schälte. Das Bett war so furchtbar gemütlich, er wollte nicht aufstehen und sich wieder der kalten Wirklichkeit stellen. Na gut, so kalt war sie gar nicht mehr, aber trotzdem war der Gedanke, sich nie wieder von der bequemen Matratze zu erheben mehr als verlockend.
Der Junge seufzte leise und strich sich durch die wild abstehenden, schwarzen Haare. Wach war er schon seit ein paar Stunden. Er hatte einfach nur dagelegen, an die weiße Decke gestarrt und verträumt mit den Fingerspitzen über das kuschelige Material der Zudecke gestreichelt. Im ersten Moment hatte er geglaubt, noch zu träumen und im nächsten Moment wieder auf der kalten Straße in irgendeiner Ecke aufzuwachen.

Aber die Minuten waren verstrichen und er blieb dort, wo er gerade war. Durfte er darauf vertrauen? Durfte er glauben, was Chris ihm gestern Abend erzählt hatte? Sie hatten noch lange geredet, der Blonde hatte geduldig all seine Fragen beantwortet, bis Mike beim besten Willen seine Augen nicht mehr offen halten konnte.
Sein Onkel hatte ihn in ein wunderhübsch eingerichtetes Gästezimmer gebracht, ihn ins Bett gesteckt und ihm eine gute Nacht gewünscht, dann noch die Vorhänge zugezogen, damit ihn das gerade einsetzende Dämmerlicht nicht störte und dann das Zimmer verlassen.

Mike war fast sofort eingeschlafen, das Gefühl, zum ersten Mal in einem eigenen, weichen, sauberen Bett zu liegen war einfach zu fantastisch gewesen und er hatte sich hineinfallen lassen, mit dem festen Vorsatz, erst morgen über alles nachzudenken.
Und jetzt war morgen, er war wach, aber denken wollte er eigentlich nicht wirklich. Viel lieber wollte er diesen herrlichen Traum weiterträumen, dass sein reicher Onkel ihn zu sich geholt hatte, sich nun um ihn kümmern würde, dass er nie wieder auf den Strich gehen musste, sich nie wieder von irgendwelchen alten, perversen Säcken antatschen und befingern lassen musste, nie wieder auf der Straße nächtigen oder Hunger haben.

Apropos Hunger, sein Magen meldete schon seit einer Weile, dass er seit beinahe zwölf Stunden nichts mehr gegessen hatte und es langsam wieder an der Zeit wäre, ihn zu füllen. Grummelnd stellte Mike sich also auf die Füße, schlüpfte erst mal in die Sachen, die ihm Chris am Vorabend gegeben hatte, da er nicht wusste, was er sonst anziehen sollte. Und er konnte ja nicht gut in Shorts durch das fremde Haus marschieren.
Er verließ das Zimmer und sah sich suchend auf dem leeren Gang um. Nichts zu sehen, nur von unten irgendwo tönte leise Musik nach oben, irgendwelche Schlager oder so was. Der Junge war neugierig, was sich in den angrenzenden Zimmern befand und da Chris gesagt hatte, er solle sich nur in Ruhe umsehen, wenn er wach war und er außerdem mal dringend ins Bad musste, entschloß er sich, die Etage zu erkunden.

Er wanderte ans letzte Zimmer des Ganges links von der großen Treppe und öffnete die erste Tür. Überrascht fand er sich in einem riesigen Kinderzimmer mit zwei Betten wieder. Ach ja, Chris hatte was von Zwillingen erzählt. Seine... Cousins? Da fragte er lieber noch mal nach. Er erinnerte sich daran, dass die beiden fünf Jahre alt waren und Jesse und Daniel hießen. Na schön, alles weitere würde sich finden.

Die nächste Tür führte in ein geräumiges Schlafzimmer, helle Möbel und Farben, deren Stil er auch schon im unteren Stockwerk gesehen hatte. Es war offensichtlich bewohnt, wie der weinrote Morgenmantel am Bettende bewies, also nahm er einfach mal an, dass es sich um Chris‘ persönliche Räumlichkeiten handelte. Was ihn eher wunderte, war dass auf dem breiten Bett bloß eine Garnitur Bettwäsche zu finden war. Sein Onkel war doch verheiratet, schliefen die beiden denn nicht zusammen?Mike zuckte die Schultern. Das war wohl etwas, was ihn zum jetzigen Zeitpunkt noch absolut nichts anging. Er konnte doch nicht einfach irgendwo reinplatzen und sofort sehr private Fragen stellen. Für ihn war es seltsam genug, dass zwei Männer freiwillig zusammenlebten und sogar das Bett teilten, denn Sex mit einem Kerl war für ihn nur mit Schmerzen, Erniedrigung und Blut verbunden. War das nicht immer so? Aber besser, er hielt seine Neugierde in diesem Punkt deutlich zurück, sonst würde sein Talent, in Fettnäpfchen zu treten sich wieder bemerkbar machen.

Er schloss die Tür wieder und fand sich bei der nächsten in dem ihm schon bekannten Bad wieder, dessen Toilette er eilig und erleichtert benutzte. Sorgsam wusch er sich die Hände und machte sich dann daran, seine Erkundungstour fortzuführen, doch in diesem Gang fand sich außer seinem nur noch ein weiteres Gästezimmer und eine Art großer Wandschrank mit Putzutensilien.
Blieb also noch der andere Gang zu erkunden. Das Erste, was ihm auffiel, war, dass offensichtlich hier weniger gern gewohnt wurde, als im gegenüberliegenden Teil des Hauses. Die Einrichtung wirkte steriler, weniger liebevoll ausgesucht, irgendwie klinisch, teuer zwar aber ohne die Gemütlichkeit, die er bisher empfunden hatte. Ein leichtes Frösteln durchfuhr ihn, doch er setzte seinen Weg unbeirrt fort, seine Neugierde war geweckt.

Als Erstes traf er auf ein Bad, in kalten Weiß gehalten, sauber aber unwohnlich, wenn auch offenbar benutzt, wie die Handtücher an der Wand und das Rasierzeug unter dem Spiegel bewiesen. Achselzuckend ging er weiter und fand ein Arbeitszimmer, ganz mit dunklen Möbeln voll gestellt, die so erdrückend und düster wirkten, dass Mike unwillkürlich ein beklemmendes Gefühl in der Kehle aufstieg. Was für ein Mensch konnte sich hier drin denn wohl fühlen?
Kopfschüttelnd machte er die Tür schnell wieder zu und öffnete die letzte Tür, die in ein Schlafzimmer führte, dessen Besitzer wohl auch der Inhaber des ‚gemütlichen‘ Arbeitszimmers war, denn auch hier herrschten die wuchtigen, dunklen Möbel vor. Das riesige, schwarze Bett wirkte ungastlich und bedrohlich, dominierte den Großteil des Raumes. Die dunkelgrauen Vorhänge an den Fenstern hüllten das Zimmer in ein schummriges Halbdunkel, das alles andere als einladend wirkte.Schnell verließ der Junge das Schlafzimmer wieder, hier wollte er sich beim besten Willen nicht länger aufhalten. Er beschloss, dass er eigentlich gar nicht wissen wollte, wer mit gutem Gefühl in solchen Räumen wohnte und arbeitete, denn persönlicher Geschmack hin oder her, aber das war ja schon sehr seltsam.

Er wählte den Weg die Treppe hinunter und fand sich in der Eingangshalle wieder. Es wurde ihm wieder so richtig bewusst, WIE groß dieses Haus sein musste, bei den vielen Zimmern, die dazu noch sehr groß waren. Allein der Raum, in dem er geschlafen hatte, war so groß wie das ganze Wohn- und Esszimmer seiner Pflegefamilie. Ihm schwindelte bei der Vorstellung, was es kostete, solch einen Palast zu unterhalten. Lieber nicht darüber nachdenken, sonst würden ihm nur ziemlich viele Gründe einfallen, warum er gar nicht hierher gehörte.
Schnuppernd bewegte er sich weiter vorwärts und erreichte bald die Küche, in der Maria schon wieder rumwerkelte und irgendetwas fabelhaft Duftendes kochte. Schon wieder warmes Essen? Ihm lief das Wasser im Mund zusammen bei dem Gedanken daran, wie gut die Spaghetti gestern Abend geschmeckt hatten. Ob die Frau immer so göttlich arbeitete? Wenn ja, dann liebte er sie schon jetzt.

Er räusperte sich leise, um auf sich aufmerksam zu machen und Maria fuhr erschrocken herum, griff sich an die Brust. „Du lieber Himmel, ihr kommt wirklich aus derselben Familie, Christian schleicht sich auch immer so an!“, tadelte sie gutmütig lächelnd, als sie Mike im Türrahmen entdeckte, der sehr erschrocken dreinschaute, denn das hatte er nun wirklich nicht gewollt. Er stammelte irgendwelche Entschuldigungen und wollte sich eben verkrümeln, als die ältere Frau nur abwinkte.„Schon gut, Junge, komm rein, ich bin wohl nur eine schreckhafte, alte Schachtel, mach dir mal keine Sorgen... komm schon, komm, setz dich, du musst ja am Verhungern sein! Hast du gut geschlafen? Lange genug ja auf jeden Fall, es ist schon fast sieben!“Mike sah erstaunt auf die Küchenuhr. Hatte er sich wirklich so lange im oberen Stock herumgetrieben? Anscheinend. Aber jetzt meldete sich sein Magen, der jetzt endlich was zu tun bekommen wollte, noch bevor er überhaupt etwas sagen konnte.Beschämt errötete er, die Haushälterin musste ihn ja für wahnsinnig verfressen halten, bisher war er immer mit knurrendem Magen hier aufgetaucht.

Doch die Frau lächelte nur noch breiter, wobei sich ihr ganzes Gesicht in tiefes, sympathisch wirkendes Runzeln legte. Mike konnte nicht anders, er musste es einfach erwidern, wenn auch sehr schüchtern und zurückhaltend. Er war es nicht gewöhnt, so viel zu lächeln, so entspannt zu sein. Bei seiner Pflegefamilie war er immer auf dem Sprung gewesen, falls befunden wurde, dass er mal wieder etwas falsch gemacht hatte und auf der Straße hatte er noch viel weniger zu lachen gehabt.
Es war seltsam, hier an dem Tisch zu sitzen, zu lächeln, keine Angst zu haben, dass im nächsten Moment etwas Schlimmes passierte, dass er geschlagen wurde für Dinge, die er nicht getan hatte. Er spürte, dass er Maria und auch Chris vertrauen konnte, aber er wagte noch nicht, sich wirklich darauf zu verlassen, er wollte nicht wieder enttäuscht werden, nie wieder.
Maria ließ ihm ein wenig Zeit, sich wieder zu fangen und rührte in einem Topf herum, obwohl es eigentlich nicht mehr nötig war. Der Junge wirkte so hilflos, so verwirrt, dass sie ihn am liebsten in die Arme genommen und an ihre Brust gedrückt hätte, doch sie konnte sich denken, dass der Kleine auf engen Körperkontakt nicht unbedingt positiv reagierte. Nach allem, was sie wusste und was Christian ihr erzählt hatte, konnte sie es ihm auch wirklich nicht verdenken. Also wartete sie geduldig, bis die dürre Gestalt sich wieder entspannte.

Es würde ein hartes Stück Arbeit werden, den mickrigen Kerl wieder aufzupäppeln, damit er etwas Fleisch auf die Knochen bekam. Er war ein hübscher Junge, aber viel zu dünn. Gut, bei seinem Leben auch irgendwo kein Wunder. Wie konnte man ein Kind nur derart vernachlässigen?
Ihre Finger krampften sich um den großen Kochlöffel, doch sie fragte nicht. Erstens war es an dieser Stelle unangebracht und zweitens war das nicht ihre Aufgabe, sondern die ihres Arbeitgebers.
„Möchtest du was essen, oder lieber warten bis Christian und die Jungs wieder da sind?“, fragte sie nach einer Weile freundlich nach. Sie hatte das Magenknurren sehr wohl gehört und war schon mal den Kühlschrank durchgegangen, was sie Mike wohl alles vorsetzen könnte.Der Junge zögerte. War es zu vermessen, schon vorher etwas zu essen? Aber sonst hätte Maria wohl nicht nachgefragt, also war es wohl ok, oder? Er hoffte es einfach mal.

„Ja... ich hätte gerne... ein bisschen was...“ Er klang stockend, war es nicht gewöhnt, nach etwas gefragt zu werden, dass ihm guttun sollte. Es war auch ungewohnt, überhaupt soviel zu reden. Seine Pflegefamilie hatte ihn zumeist ignoriert oder angeschrien, seine Freier auch keinen besonders großen Wert auf Konversation gelegt. Aber er wollte auf keinen Fall unhöflich erscheinen.

„Kein Problem, Junge, dazu bin ich ja da! Du musst nur fragen, oder dir selber was nehmen, sonst verhungerst du hier am Ende noch vorm vollen Kühlschrank und das wollen wir doch nicht...“ Die rundliche Frau wuselte durch die Küche zu dem großen Kühlschrank, der in einer Ecke aufgebaut war. „Na dann wollen wir mal...“Damit begann sie, das Essen vor Mike praktisch zu stapeln. Dem Jungen gingen fast die Augen über vor so viel Reichhaltigkeit. Hier gab es fast alles, was er sonst nur immer im Schaufenster oder in den Auslagen hatte betrachten können. Vorsichtig fing er an, zuzugreifen, konnte noch immer nicht so ganz verstehen, dass das alles nur für ihn sein sollte.„Danke schön...“, murmelte er rasch, hätte es über dem guten Essen beinahe vergessen. Eine warme Hand, die ihm über die Haare streichelte, belohnte ihn dafür. Eine angenehme, weiche Berührung, die ihn einen Moment die Augen schließen ließ. Ob man sich so fühlte, wenn man glücklich war? Wenn ja, dann war es das Schönste, was man fühlen konnte.Er war glücklich.

Fortsetzung folgt