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Tears in my eyes Teil 1 bis 3

Prolog

Er streckte die langen Beine gemütlich vor sich aus. Diese Minuten liebte er jeden Morgen immer wieder. Frühstückspause und ein paar Moment des Friedens, bevor die Visite losging. Er stand jeden Tag extra eine Viertelstunde früher auf, damit er hier seinen Kaffee trinken und die Berichte der Nachtschicht durchsehen konnte. Heute waren es mehr, es war Montag morgen, er hatte gerade zwei Tage frei gehabt und musste jetzt die Blätter überfliegen, die die Wochenendbelegschaft angefertigt hatte.

Seine Stirn runzelte sich etwas. Bei Gelegenheit würde er wohl ein ernstes Wort mit Schwester Harry führen müssen. Die Frau hatte eine unglaublich Sauklaue, so dass es selbst ihm schwer fiel, das Geschriebene zu entziffern und das wollte ja was heißen! Er hatte jahrelang mit den wilden Zeichen-Buchstabenkombinationen seines Mentors leben müssen, der sich nie für eine Schriftart hatte entscheiden können.
Die Frage war nur, ob er das Gespräch mit der etwas... hm... starken Krankenschwester heil und mit allen Körperteilen überstehen würde. Harry Stoker hatte nicht umsonst einen Männernamen, wahrscheinlich hatten ihre Eltern bei ihrer Geburt schon böses geahnt, oder sie hatte sich den Namen irgendwann selbst gegeben. Er wusste nicht recht, welche Variante ihm besser gefiel. Wahrscheinlich war es am besten, wenn er eine Schachtel Pralinen besorgte und seinen Charme ein wenig spielen ließ. Laut Oberschwester Allison besaß er ja mehr als genug davon.

Er grinste leicht und schüttelte den Kopf. Es war ja kein Geheimnis, dass die Hälfte der Belegschaft in ihn verknallt war, aber zumindest die Weiblichen standen leider völlig auf verlorenem Posten und die Männlichen... nun ja, er ging selten feste Beziehungen ein, sie hielten ohnehin niemals lange bei ihm.

Sein Grinsen verschwand so schnell, wie es gekommen war. Eigentlich konnte er sich doch kein bisschen beschweren, er war der jüngste Chefarzt der Kolonien, wahrscheinlich sogar der Jüngste aller Zeiten. Hey, wer konnte schon von sich sagen, dass er mit achtundzwanzig bereits überhaupt ein abgeschlossenes Medizinstudium hatte, geschweige denn einen solchen Job wie er? Eben nicht gerade viele. 

Vor ein paar Monaten hatte er die Stelle hier angeboten bekommen und sie dankend angenommen. Er war froh gewesen, aus dem hektischen Großstadtkrankenhaus auf L1 herauszukommen und wieder auf seinem Heimatplaneten zu sein, auch wenn die Arbeit hier im Grunde nicht weniger anstrengend war. Eine psychiatrische Anstalt war eben doch etwas ganz anderes, als eine gewöhnliche Klinik. Aber er mochte es, er kam mit der Belegschaft und seinen Assistenzärzten gut aus, die meisten Patienten waren sehr pflegeleicht, wenn man wusste, wie man mit ihnen umzugehen hatte und auch die landschaftliche Umgebung war nach seinem Geschmack mit vielen Wäldern und kleinen Seen. Ein kleines Stück Paradies vielleicht.

Duo lächelte wieder, diesmal aber wehmütig. Schwester Helen hätte es sicher gefallen, doch die war jetzt seit über fünfzehn Jahren tot. Sie wäre sicher stolz auf das gewesen, was er erreicht hatte. 

Nach dem Krieg hatte er seinen Schulabschluss innerhalb eines halben Jahres nachgeholt. Er war ganz andere, geistige Anforderungen gewöhnt, das war also kein Problem gewesen. Die Universitäten hatten ihn mit Kusshand genommen, die Krankenhäuser sich nach seiner Promotion um ihn gerissen und nun war er leitender Mediziner in einer großen, psychiatrischen Anstalt, nur der leitende Psychologe kam ihm an Macht gleich, wenn auch nicht an Ansehen, den Kerl konnte keiner hier leiden, sogar die Patienten hassten ihn teilweise regelrecht. Unsympathischer Mistkerl.

Also karrieremäßig konnte und wollte er da sicher nichts mehr draufsetzen. Er hatte einen Beruf, der ihn erfüllte und ihm Spaß machte, ein mehr als gutes Einkommen, er war mehr als einmal in die Geschichte der Welt eingegangen, zuerst als Gundampilot, dann später wegen seiner außerordentlichen Leistungen, was konnte er sich also mehr wünschen?

Seufzend legte er das Blatt weg, dass er immer noch in der Hand hielt, trank einen schluck Kaffee und warf einen Blick auf die Uhr. 
Er wusste mehr als gut, was ihm fehlte. Ein Mensch, mit dem er all das Glück, dass er gehabt hatte, teilen konnte. Sicher, er hatte in den letzten dreizehn Jahren mehr als nur eine Beziehung gehabt, doch keine hatte länger als ein halbes Jahr gehalten, dann waren sie aus irgendwelchen nichtigen Gründen in die Brüche gegangen. Eine Schande eigentlich. Er hatte nie besonders viele Probleme gehabt, mit Leuten ins Gespräch zu kommen, er flirtete für sein Leben gern, aber da fehlte immer irgendwas... immer passte ihm irgendwas nicht. Vielleicht war er auch einfach nur zu wählerisch?

Er sollte dringend mal wieder mit Quatre telefonieren, der würde ihm den Kopf schon wieder zurechtrücken. Aber der kleine, blonde Araber hatte in letzter Zeit genauso viel um die Ohren gehabt wie er. Der Andere hatte längst das Imperium seines Vaters übernommen und war gerade dabei, es mal wieder um irgendeine kleine Firma zu erweitern, doch wenn man den Zeitungsberichten glauben durfte, gab es irgendwelche Schwierigkeiten bei den Verhandlungen. Seltsam eigentlich, denn er kannte niemanden, der Quatres Engelslächeln auf Dauer widerstehen konnte. Meistens merkte man erst viel zu spät, welch stahlharter Kern, aber auch welch weiches, liebevolles Herz hinter dem unschuldig-naiven Lächeln steckte. Sein bester Freund wusste genau, was er tat und wann er es tat, eine Fähigkeit, auf die er wirklich stolz sein konnte.

Es war auch Quatre gewesen, der sie alle zusammengehalten hatte, als ihre Gemeinschaft nach dem Ende der Kämpfe auseinander zu brechen drohte. Fast alle.
Hastig verdrängte er die aufkommenden Gedanken. Sie taten zu sehr weh. Trowa ging es wohl gut, er arbeitete immer noch beim Zirkus, war inzwischen Direktor. Wufei hatte auf L5 sein eigenes Dojo eröffnet. Sogar mit Treize Khushrenada, den sie damals wieder zusammengeflickt hatten und mit Zechs Marquise alias Milliardo Peacecraft hatten sie immer noch Kontakt, sie hatten zusammen Weihnachten gefeiert, was aber auch schon wieder fast ein halbes Jahr her war. Die Zeit verging unglaublich schnell. 
Nur einer fehlte. Einer hatte immer gefehlt, die ganzen letzten dreizehn Jahre. 

Duos Lider schlossen sich, schnell goss er den Kaffee ganz hinunter und stand auf. Selbst heute schmerzte der Gedanke noch. Heero war vor dreizehn Jahren, zwei Monaten und fünf Tagen spurlos verschwunden. Einfach so. Seine Habseeligkeiten waren weg gewesen, einfach alles, sein Bett war sauber gemacht gewesen, so als hätte es ihn niemals in ihrem Leben gegeben. 
Die meiste Zeit verdrängte er es einfach, darin war er ja schon im Krieg gut gewesen. Er war eigentlich nicht der Typ, der jahrelang um irgendetwas traute. Aber Heero hatte etwas in ihm berührt, was niemand jemals zuvor geschafft hatte, etwas, dass bis heute nicht wieder geweckt worden war, nicht einmal von Quatre, den er wie einen Bruder liebte.
Er konnte es sich nicht erklären, er hatte nie verstanden, warum der andere Pilot sie - IHN - einfach so ohne ein Wort des Abschieds verlassen hatte, er wusste auch nicht, warum er Heero nicht vergessen konnte, nicht mal ein kleines bisschen. Vielleicht sollte er sich ja in Therapie begeben. Verdammt dreizehn Jahre waren eine verflucht lange Zeit, WIRKLICH lang und noch immer konnte er auf den Tag genau bestimmen, wie lange es her war.

Sie hatte weiß Gott alles versucht, um ihren Kollegen zu finden, hatten sogar die Regierung um Hilfe gebeten, sie bekommen, alles ohne Erfolg. Heero war und blieb verschwunden. Wahrscheinlich wollte er nicht gefunden werden, er hatte sie alle nie gemocht, sie waren ihm immer ein Klotz am Bein gewesen, ganz besonders er selbst, so weh der Gedanke auch tat. Er war eben nur der langhaarige, nervige Baka.

Schnell rieb er sich über die Augen und atmete ein paar Mal tief durch, drängte alles zurück, was mit seiner Vergangenheit zu tun hatte. Es brachte nicht, darüber zu sinnieren, er musste im hier uns jetzt leben, er hatte einen Job, zu dem er, nebenbei bemerkt, schon fünf Minuten zu spät dran war.

Er fluchte ziemlich gotteslästerlich, was ihm sicher einen strafenden Blick der Oberschwester eingebracht hätte, die aber zum Glück nicht anwesend war. Also schnappte er sich den Stapel Krankenblätter, die im Ständer der Morgenvisite klemmten und machte sich ans Abarbeiten. Größtenteils waren es nur Routinesachen, hier gab es viele ältere Patienten mit chronischen Leiden, aber genau das brauchte er jetzt. Nirgendwo konnte er so gut abschalten wie bei der Arbeit.

Schnell war der Stapel auf ein paar Klemmbretter geschrumpft und er gönnte sich eine weitere Tasse Kaffee, den er sich bei den Schwestern schnorrte. Er war so ziemlich der einzige Arzt, der das durfte, weil er immer höflich war, trotz seiner Position. Für ihn war das eigentlich selbstverständlich, er war zwar schon immer vorlaut gewesen, hatte diese Unsitte bis heute auch noch nicht abgelegt, aber er schätzte die Frauen und die wenigen Pfleger wirklich hoch, die hatten den härtesten Job hier. 

Er streckte sich etwas, besah sich dann noch die verbleibenden Patienten. Nicht ohne Grund hatte er die bis zum Schluss aufgespart. Nelly Field macht immer Ärger, sie sah in jedem, der durch ihre Tür kam einen Oz-Soldaten. Kriegstrauma, wie so viele andere, die hier waren. Das würde anstrengend werden und alleine würde er ihr die Spritze nicht geben können. Seufzend klingelte er nach Schwester Harry. Die große Frau war immer noch da, wie er gesehen hatte, der Geier wusste warum, eigentlich sollte sie schon seit zwei Stunden zu Hause sein. Aber er würde den Teufel tun und dem Weib IRGENDWO reinreden, er hing an seinem Leben.

Kurz darauf waren auch schon stampfende Schritte vor der Tür zu hören und der streng zurückgebundene Schopf der Krankenschwester erschien im Rahmen. Irgendwie erinnerte die Frau ihn manchmal an Wufei. Er grinste leicht bei dem Gedanken. Eines hatten die Beiden auf jeden Fall gemeinsam: er würde nicht mehr lange leben, wenn er in ihrer Gegenwart das Falsche sagte. 

Er deutete eine leichte Verbeugung an. "Guten Morgen Schwester Harry, ein wunderbarer Morgen nicht war? Und unglücklicherweise benötige ich ausgerechnet jetzt ihre unschätzbar wertvolle Hilfe...", flötete er auch schon mit seinem schönsten Lächeln drauf los. Nur irgendwie war er heute nicht so gut wie sonst oder Harry einfach nur dermaßen übermüdet, dass sie jedem ins Gesicht sprang, der es überhaupt wagte, sie anzusprechen.

"Blödsinn Maxwell, der verdammte Morgen ist wie jeder andere auch, also hören Sie auf, mir Honig um den Bart zu schmieren und kommen Sie auf den Punkt! Was wollen Sie denn schon wieder, Junge?" Er hatte sich an ihre respektlose Art schon gewöhnt, im Prinzip störte es ihn nicht, er wusste, dass unter der rauen Schale ein warmes, mitfühlendes Herz schlug, auch wenn sie es nie zeigte. Man merkte es in ihrem Umgang mit den Patienten. Sie war immer konsequent, manchmal laut, aber niemals grob und das rechnete er ihr hoch an.

Sein Lächeln behielt er bei, nur, um sie ein wenig zu ärgern. "Ich muss zu Nelly, die braucht noch einen Check und eine letzte Spritze, damit dürfte ihre Infektion dann überstanden sein..."
Harry schnaufte hörbar. "Na wundervoll... also schön, kommen Sie schon, bringen wir's hinter uns..."

Zu zweit machten Sie sich auf den Weg zum Zimmer der Patientin. Eigentlich legten sie diesen sonst immer schweigend zurück, doch diesmal wandte sich die Schwester an den jungen Arzt. "Maxwell, Sie haben schon gesehen, dass wir einen Neuen haben?", fragte sie nach ein paar Momenten der Stille. Nein, eigentlich eher eine Feststellung, fand Duo. Er nickte leicht.
"Passen Sie bei dem auf..."

Der Langhaarige hob fragend eine hellbraune Augenbraue. Was sollte denn das heißen? Mal abgesehen, dass Harry sonst nur das Nötigste mit ihm sprach, ihn nicht leiden zu können schien, so was hatte sie noch niemals über einen Patienten geäußert.
"Wie meinen Sie das?", fragte er deswegen vorsichtig nach. Er wollte nicht gleich schon wieder eins auf den Deckel bekommen.

Die große, stämmige Frau zuckte kurz die Schultern. "Ich weiß nicht... Morgenstern hat ihn als ungefährlich abgestempelt, aber der ist eh ein Idiot... dieser Archer hat etwas... da ist etwas in seinen Augen, das ich noch nie in meinem Leben gesehen habe und ich arbeite jetzt seit fünfundzwanzig Jahren hier, ich hab den Krieg und seine Opfer miterlebt aber so was ist mir noch nie untergekommen..." 
Duo hörte aufmerksam zu. Wenn Harry das so sagte, war mit Sicherheit etwas dran. Und die hatte Recht, Morgenstern, der leitende Psychologe WAR ein Idiot. Archer.... Sam Archer..... er blätterte rasch das Krankenblatt des neuen Patienten durch. Alter unbekannt, wurde auf ungefähr dreißig geschätzt, vielleicht etwas darunter. Herkunft unbekannt, war eines Tages in einer Kleinstadt auf L2 aufgegriffen worden, wo er barfuß in einem Supermarkt steif und fest behauptet hatte, der Filialleiter zu sein und wohl etwas ausfällig geworden war, um es mal höflich auszudrücken. Seitdem kein weiterer Vorfall dieser Art. 

"Kriegstrauma?", fragte er leise. Die Schwester schüttelte leicht den Kopf. 
"Ich weiß nicht... nach dreizehn Jahren? Er ist nie vorher auffällig geworden, keine Vorstrafen, keine Eintragungen in Krankenhäusern, gar nichts... wir können von Glück sagen, dass er eine ID bei sich trug, er hat vollkommen dicht gemacht, wenn ich das mal so salopp sagen darf... völlig abgeschaltet... posttraumatisch auf jeden Fall, aber ob Krieg oder nicht, kann ich ihnen nicht sagen, dann wäre er schon etwas sehr schwer von Begriff, meinen Sie nicht?" Ein freudloses Lächeln zierte ihre schmalen Lippen und Duo stimmte ihr zu.

"Was sagt Morgenstern noch?" Der offizielle Bericht stand ja hier, aber er wollte gerne wissen, was so unter der Hand gesagt wurde.
Harry warf ihm einen verächtlichen Seitenblick zu. "Was wohl! Der hat doch keine Ahnung... hat irgendeine Psychose diagnostiziert und ihn unter Psychopharmaka gesetzt... jetzt ist er ruhig, vorher ist er immer in seinem Zimmer rumgetigert wie... ja wie ein gefangenes Tier... jetzt fällt's mir auf, DARAN erinnert mich der Ausdruck in seinen Augen..." Sie schien zufrieden damit und Duo fragte nicht weiter, aber die Worte gingen ihm nicht mehr aus dem Kopf. Woran erinnerte ihn das?
//Ein gefangenes Tier....// 

Er schüttelte schließlich den Kopf und konzentrierte sich auf sein nächstes Problem. Er musste erst mal einer unwilligen Patientin, die ihm am liebsten die Augen auskratzen würde, in den Hals schauen. Furchtbar undankbare Aufgabe aber notwenig. Die Arme konnte ja nichts dafür, wenn er ein ähnliches Schicksal gehabt hätte, wäre es ihm wahrscheinlich nicht besser gegangen. 

Seufzend zog er seine Berechtigungskarte durch den Schlitz und die Tür zum Zimmer der Kranken öffnete sich mit einem leisen Summen. Vorsichtig zog er sie etwas auf, spähte hinein und nur seinen immer noch hervorragenden Reflexen war es zu verdanken, dass er sich kein blaues Auge einhandelte. Er duckte sich und wich dem heran fliegenden Buch geschickt aus. Himmel, die Frau wurde auch immer wachsamer und geschickter, diesmal hätte sie ihn beinahe erwischt. 

Er gab den Weg für Harry frei. Der Schwester stampfte in den Raum und mit wenigen Handgriffen war die kleine, zierliche Nelly fixiert, so dass Duo an sie heran konnte. Allein hätte er das niemals geschafft, dafür würde er schon mindestens sechs Arme brauchen, denn schon so konnten sie die hysterisch kreischende Patientin kaum bändigen, die sich wie wild auf der Liege herumwarf. 

Arzt und Schwester waren beide schweißgebadet, als die das Zimmer wieder verließen und den Schließmechanismus betätigten. Keuchend ließ sich Duo gegen die Wand sinken und verschnaufte erst mal. 
"Gott wo nimmt die Frau nur ihre Energie her? Powerfutter?" 

Harry grinste leicht, wurde dann aber wieder ernst. "Nein, die Panik gibt ihr jedes Mal wieder Kraft, Adrenalin ist ein ausgezeichnetes Aufputschmittel... sagen sie mal, wer von uns beiden hat hier eigentlich studiert, DR. Maxwell?!", schnaubte sie dann, als ihr aufging, in welchem Ton sie mit dem Jüngeren sprach. 

Duo lachte leise. "Nichts für ungut, Schwester Harry... einen schönen Tag wünsche ich noch..." Damit kritzelte er etwas auf das Krankenblatt, unterschrieb es dann und hängte es an seinen Platz neben der Tür der Patientin. 

Ok, noch zwei, dann konnte er sich diesem ominösen Sam Archer widmen. Er war ehrlich gespannt, was ihn erwartete, mit einem derartigen Fall hatte er noch nie etwas zu tun gehabt, er hatte nur darüber gelesen. Voller Tatendrang machte er sich wieder an die Arbeit. 

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Er stand vor der Tür, hatte die Hand schon erhoben, wollte anklopfen, als sich sein Instinkt meldete. Was war das? Dieses Gefühl hatte er seit Jahren nicht mehr gehabt, dieses Gefühl von.... Gefahr? Es war so lange her, dass er es fast nicht mehr erkannt hätte. Rasch sah er sich auf dem Gang um, doch bis auf das übliche Pflegepersonal war nichts zu sehen. Die ganz normalen Geräusche erfüllten die Luft die wie immer leicht nach Desinfektionsmittel roch und eine leichte Note von schwerem Lilienparfum zeigte an, dass Dr. Leeves vor nicht allzu langer Zeit hier gewesen war. 

Alles wie immer. Warum hatte er also das dringende Gefühl, nein eigentlich mehr die Ahnung, dass gleich etwas Furchtbares passieren würde? Dreizehn Jahre... vor dreizehn Jahren hatte er es zum letzten Mal empfunden, kurz bevor er entdeckt hatte, dass Heero weg war. Es hatte ihn immer gewarnt, ihn auf etwas vorbereitet. Bevor die Maxwell-Kirche abgebrannt war, vor jedem verdammten Oz-Angriff, aber warum jetzt? Es gab keinen Krieg mehr, keine Angriffe, schon gar nicht auf Krankenhäuser oder Sanatorien. 

Er schluckte leer und riss sich stark zusammen, sorgte dafür, dass sein schnell klopfendes Herz wieder auf Normalfrequenz runterschaltete. Er war heute einfach ein wenig überreizt, dass war alles, er hätte am Wochenende mehr schlafen und weniger ausgehen sollen. 

Wieder ruhiger hob er die Hand erneut, klopfte leicht gegen das helle Holz. Höflicherweise wartete er einen Moment, doch wie erwartet kam keine Antwort. Also öffnete er die Tür, ein freundliches, wenn auch unverbindliches Lächeln im Gesicht. 
"Guten Morgen Mr. Archer, wie geht es Ihnen? Mein Name ist Maxwell, ich bin..." Die Worte blieben ihm im Hals stecken, jede Bewegung, selbst die Zeit schien wie eingefroren. Auf einmal war sein Mund staubtrocken, ein eisiger Schauer rann ihm den Rücken hinunter und sein Herz setzte einen Moment aus, nur um dann doppelt so schnell weiter zu schlagen. Er schluckte gequält, presste die Lider für einen Moment aufeinander, öffnete sie ruckartig wieder, doch das Bild, das sich ihm bot, blieb dasselbe. Für einen Moment glaubte er, zu halluzinieren, doch dass hier war die Wirklichkeit, alles war echt, kein Traum. 

Und wenn es einer war, dann ein Alptraum, einer, der ihn seit Jahren heimsuchte. Er wollte es nicht, er wollte beides nicht. 
Kurz war er versucht, die Tür einfach wieder zu schließen, jemanden zu rufen, der ihm sagte, dass alles in Ordnung war, doch das war es nicht. Nichts war in Ordnung. Seine kleine, heile Welt die er sich in dreizehn Jahren aufgebaut hatte, schien mit einem Schlag zu zerbersten und niemand außer ihm hörte es. 

"Oh Gott...."

Teil 2

Die Welt um ihn herum wurde langsam, ganz langsam wieder heller. Quälend langsam. Und genauso quälend waren die Kopfschmerzen, die sich hinter seiner Stirn mehr und mehr auszubreiten schienen, je weiter er seine Augenlider hob.
Im ersten Moment sah er nur verschwommene Umrisse, als würde er durch beschlagenes Glas sehen, er nahm zusammenhangslose Geräusche um sich herum wahr, konnte sie weder vernünftig orten noch einordnen. Was zum Henker war passiert? Gerade eben hatte er noch in der Tür eines Krankenzimmers gestanden. Er hatte hinein gesehen, sich vorgestellt und dann........

Mit einem Ruck fuhr Duo fast senkrecht in die Höhe, sank aber sofort aufstöhnend zurück und griff sich an die Stirn. Doch er traf nicht, wie erwartet, auf Haut, sondern auf den Stoff eines Pflasters. Sanft aber bestimmt wurden seine Finger von einer großen, rauhen Hand beiseite geschoben, er spürte etwas Kühles an seinen Lippen.
Ein Glas, vermutete er und öffnete dem auffordernden Druck automatisch seinen Mund, spürte wenige Sekunden später eine kalte, leicht bittere Flüssigkeit auf seiner Zunge.
Schmerzmittel, vermutete er mal ganz spontan, schluckte aber gehorsam und machte, auch als er wieder in ein weiches Kissen zurückgelegt wurde, nicht mehr den Fehler sich allzu schnell oder ruckartig zu bewegen. Die nächsten Minuten wartete er einfach und wirklich, schon nach kurzer Zeit war das Hämmern und Ziehen hinter seinen Schläfen so weit zurückgegangen, dass er beschloss, es noch einmal zu versuchen, diesmal aber wesentlich vorsichtiger. 

Seine schweren Lider hoben sich erneut und diesmal war seine Sicht einigermaßen klar. Nicht, dass es ihm viel gebracht hätte, denn er starrte geradewegs an eine weiße Zimmerdecke. Die Geräusche um ihn herum waren verstummt, oder vielleicht hatte es auch nie welche gegeben, so genau konnte er das nicht sagen.

Langsam und vorsichtig drehte er den Kopf zur Seite, blinzelte etwas und erkannte Schwester Harry, die auf einem Stuhl neben seinem Bett saß und ihn besorgt musterte, aber geduldig zu warten schien bis er soweit war. Duo war ihr unendlich dankbar dafür.

Der Arzt runzelte die Stirn, versuchte Herr über das Chaos in seinem Inneren zu werden, was ihm gar nicht so leicht viel. Seine Disziplin, wenn es um solche Sachen ging, hatte sich in den letzten Jahren verbessert, sehr zur Freude seiner Umwelt. Er war noch immer ein Chaot, aber inzwischen wenigstens einer, mit dem man es die meiste Zeit aushalten konnte.

"Was... ist passiert?", fragte er leise, fürchtete zu laute Worte würden seinen Schädel sprengen. 
Harry verschränkte die Arme vor der Brust. "Na das möchte ich mal von Ihnen wissen, Maxwell! Ich wollte gerade nach Hause gehen, da seh ich Sie mitten auf dem Flur liegen, eine Platzwunde an der Stirn und dieser unheimliche Archer über Ihnen. Herrgott noch mal, Junge, ich hab im ersten Moment gedacht, der hat Sie angegriffen, aber nichts... saß einfach nur neben Ihnen, hat ihre Hand gehalten und Sie angestarrt...." Kopfschüttelnd lehnte sie sich zurück und wartete, bis Duo verarbeitet hatte.

Der langhaarige Arzt schloss seine Augen wieder, ließ sich Zeit, mit dem Gesagten umzugehen. Ok, er war also umgefallen, hatte sich dabei wohl den Kopf angeschlagen, denn er konnte sich beim besten Willen nicht an einen Angriff erinnern. Und dann war Archer... Archer! Nein, nicht Archer, ganz und gar nicht Archer, wo hatten sie denn diesen bescheuerten Namen her? Ach ja richtig, die ID... naja wessen es auch immer gewesen war, jedenfalls NICHT die des Patienten in diesem Zimmer! Oder sie war gefälscht worden.....

Er schluckte hart.
"Maxwell?" Harry hatte wohl die Veränderung in seiner Mimik mitbekommen. "Hat er Ihnen doch was getan?" Sie war wohl besorgt, dass sie sich geirrt haben könnte.

Duo öffnete die Augen wieder und sah die Schwester etwas unsicher an. "Nein, ich glaube nicht... ich bin gefallen denke ich....", murmelte er dann etwas neben der Spur. Eine innere Stimme amüsierte sich gerade köstlich über ihn. ETWAS neben der Spur, sicher doch... so war er seit dreizehn Jahren nicht mehr aus der Bahn geworfen worden.

"Yuy.....", murmelte er unzusammenhängend. 
Die Schwester beugte sich etwas vor. "Was haben Sie gesagt?"
Duo schluckte wieder, diesmal noch härter, um den Kloß, der sich in seiner Kehle gebildet hatte, verschwinden zu lassen. Es gelang ihm nicht, sein Hals war weiterhin wie zugeschnürt. 
"Yuy....", wiederholte er deshalb heiser und kniff die Augen zusammen in der Hoffnung, der leichte Schmerz würde ausreichen, um ihn in die Wirklichkeit zurückzuholen. Denn das hier konnte nicht real sein, es DURFTE einfach nicht. Jahrelang hatte sich der ehemalige Gundampilot ein Wiedersehen ausgemalt, sich vorgestellt, wie es wohl sein mochte, Heero nach so langer Zeit wieder zu sehen, ihm alles zu sagen, was er schon immer sagen wollte, was er damals nicht mehr geschafft hatte....

Ein leichtes Rütteln an seiner Schulter holte ihn wieder zurück. Der junge Arzt riss sich sichtbar zusammen und setzte sich langsam auf, schaute Harry wieder an. 
"Was meinen Sie mit 'Yuy'? Reden Sie mal Klartext, Mann!" Die Schwester klang alles andere als geduldig, bedingt durch den Schlafmangel, aber auch durch ihr Naturell.

Vorsichtig schwang der Langhaarige seine Beine über den Rand des Bettes. Er konnte nicht sagen, in welches Zimmer er geschafft worden war, die freien sahen alle gleich aus. 
"Heero Yuy, Pilot 01, Gundam Wing Zero....", ratterte er ganz automatisch herunter, was ihm nur einen misstrauischen Blick einbrachte. 
"Sagen Sie mal, Maxwell, geht's Ihnen gut? Ist Ihnen schlecht, oder so? Scheint, als ob Ihr Dickschädel wirklich was abbekommen hätte, ich rufe Dr. Leeves wohl besser wieder herein...."
Sie wollte sich schon erheben, doch Duo hielt sie am Ärmel zurück. 
"Harry... es ist mein Ernst.... dieser Mann in Zimmer 204... das ist Heero Yuy, nicht... Archer oder wie auch immer... er ist etwas älter geworden, aber ich bin mir hundertprozentig sicher!", versuchte er die Ältere zu überzeugen.

Die ohnehin schon runzelige Stirn furchte sich noch weiter. 
"Sie meinen das wirklich, nicht wahr? Sie denken das nicht nur, weil Sie auf den Kopf gefallen sind, oder?" In ihrer Stimme schwang plötzlich Erkenntnis mit. "Sie würden mich doch nicht auf den Arm nehmen?"

Duo schüttelte den Kopf, so dass sein Zopf leicht hin und her schwang. "Niemals, nicht, wenn es darum geht... ich habe jahrelang ein Zimmer mit ihm geteilt, ich bin Seite an Seite mit ihm geflogen, fast den ganzen, verdammten Krieg, ich hab ihm mehr als einmal den selbstmörderischen Arsch gerettet und ihn zusammengeflickt, wenn ich's nicht geschafft habe. Das IST Heero...." Er klang ruhig, zu ruhig. Eigentlich sollte er doch vor Freude im Dreieck springen, oder? Heero war wieder da, er hatte ihn gefunden!

Doch dann fiel ihm urplötzlich ein, warum sein Herz wie ein Stein in seiner Brust lag, warum seine Gedanken zäh wie Kaugummi durch sein Gehirn flossen: er hatte seinen ehemaligen Partner HIER gefunden, hier in dieser verfluchten Irrenanstalt, wo größtenteils Schwergestörte untergebracht wurden.

Stöhnend vergrub der junge Mann sein Gesicht in den Händen. Er würde jetzt einiges dafür geben, um einfach wieder in die Bewusstlosigkeit zu sinken, einfach wieder abzutauchen und nichts mehr mitzubekommen. 
Er wollte jetzt nicht denken, nicht aufstehen und zugleich wollte ein anderer Teil seines Bewusstseins nichts mehr, als herauszufinden, was da passiert war, wie Heero hier hatte landen können. Am liebsten wäre er sofort aufgesprungen und in mehrere Richtungen gleichzeitig gerannt, doch er rief sich zur Ordnung. Panik schieben half gar nichts, das hatte er ja eben gesehen, man kippte nur um vor Aufregung und noch einmal würde ihm das ganz sicher nicht passieren.

Und deshalb wandte er ein System an, dass er dreizehn Jahre lang tief in sich begraben hatte: Lage sondieren, Informationen sortieren, entsprechend reagieren.

Also dann auf zu Schritt 1. 
Als erstes musste er herausfinden, was genau auf der ID gestanden hatte, auch wenn er nicht glaubte, dass es ihm weiterhalf. Wenn sie gefälscht war, wovon er ausging, - wie hätte sonst das Lichtbild mit Heeros Aussehen übereinstimmen können - dann hatte es sicher der Besitzer selbst gemacht und er wusste noch ganz genau, wie gut der Dunkelhaarige darin war. Sollte Pilot 01 seine Fähigkeiten auch nur zur Hälfte behalten haben, würde kein Hacker der Welt seine Spur zurückverfolgen können. 

Und dann musste er....
Er derber Stoß in die Rippen ließ ihn aufsehen.
"Aua, hey...!", maulte er sofort, rieb sich die Seite und versuchte, Harry böse anzusehen. 
"Tut mir leid, Maxwell, aber Sie waren gerade nicht ansprechbar, da hielt ich es für besser, Sie zu wecken...", antwortete die Schwester ohne jedes Bedauern. "Was wollen Sie jetzt tun?"

Duo seufzte leise. Wenn er das nur so genau wüsste... es gab so furchtbar viel zu tun, alleine würde er das niemals schaffen, er hatte ja auch noch einen Job, der eigentlich den Großteil seiner Zeit einnahm. Alleine hatte er keine Chance...... Moment mal! Er war doch gar nicht alleine!

Ein Grinsen schlich sich auf das Gesicht des Langhaarigen. "Ich werde jetzt mit Heero reden...", meinte er dann. Seine Niedergeschlagenheit hob sich langsam wieder. "Und dann werde ich telefonieren...." Er klang mehr als entschlossen, so dass noch nicht einmal die kratzbürstige Nachtschwester es wagte, ihm zu widersprechen. Niemand stellte sich Maxwell entgegen, wenn der einen Entschluss gefasst hatte, man stand ohnehin auf verlorenem Posten dabei.

Harry seufzte schwer. "Na schön, aber schonen Sie sich, ok? Die Platzwunde ist zwar nicht groß, aber mit Kopfverletzungen ist nicht zu spaßen, Sie sollten... ach Gott mit wem rede ich eigentlich? Sie werden ja so oder so nicht auf mich hören, nicht wahr?", brummelte sie unzufrieden, ließ es dann aber dabei bewenden.

Freundschaftlich klopfte Duo der älteren Frau auf die Schulter, wobei er sich etwas strecken musste, da sie beide inzwischen wieder standen. "Nichts für ungut, Harry, mir geht's gut... und danke für Ihre Hilfe..." Er lächelte so ehrlich, dass die Schwester sich jedes weiteren Kommentars enthielt. 

"Na schön... und es heißt SCHWESTER Harry, Maxwell!", knurrte sie ihn noch in ihrem üblichen Tonfall an, bevor sie ihre Tasche raffte und zur Tür stapfte. Duo folgte ihr wesentlich langsamer und vorsichtiger, als es eigentlich seine Art war, denn entgegen seiner Behauptung ging es ihm ganz und gar nicht gut. 
Sein Kopf dröhnte noch immer, auch wenn das Schmerzmittel die größten Beschwerden unterdrückte, er musste aufpassen, dass er nicht zu sehr schwankte und seine Knie waren seltsam weich.
Von seinen Gefühlen wollte er gar nicht erst anfangen, auch wenn er nach außen einigermaßen ruhig und gefasst wirkte, in seinem Inneren tobte das Chaos, die verschiedensten Empfindungen versuchten sich in den Vordergrund zu drängen. Freude, dass Heero wieder da war, Unverständnis, Hoffnung, Panik, Angst, Hilflosigkeit und der alles überlagernde Wunsch, IRGENDWAS zu tun, nur nicht einfach herumzustehen und nachzudenken, brachten ihn fast zum Verzweifeln. 
Ok, er war schon immer ein emotionaler Mensch gewesen, selbst während des Krieges, was ihm mehr als eine Prügelei mit Heero eingebracht hatte, aber niemals war er dermaßen durcheinander gewesen... höchstens vielleicht damals, als die Maxwell-Kirche abgebrannt war... ja, da war es vielleicht ähnlich gewesen, aber selbst dort hatte vor allem Trauer vorgeherrscht.

Im Moment hätte er sich am liebsten irgendwo verkrochen und sich ausgeheult, doch dafür war jetzt keine Zeit. Erst musste er herausfinden, ob Heero wirklich krank war, oder ob er sich nur eingeschlichen hatte. Er könnte sich dafür zwar keinen vernünftigen Grund erklären, aber wann hatte sein ehemaliger Partner schon mal etwas Nachvollziehbares gemacht? Eher selten. 

Doch zunächst galt es einmal, den Auflauf vor dem Zimmer zu überwinden. Hier hatten sich nämlich etliche Assistenzärzte und Schwestern versammelt, schienen nur auf ein Lebenszeichen von ihm zu warten. Selbst Leeves, die Oberärztin, konnte er unter ihnen erkennen.

Kaum, dass er hinter Harry in der Tür erschien, ging das Geplapper los. 
"Dr. Maxwell, geht es Ihnen gut? ... Wir haben uns solche Sorgen gemacht.... hatten furchtbare Angst um Sie... was ist denn passiert..... so viel Blut.... Archer....." Für einen kurzen Moment drohten ihm wieder die Sinne zu schwinden aufgrund des plötzlichen Lärms, der seine noch vorhandenen Schmerzen gleich mal um ein vielfaches potenzierte, so dass ihm fast der Schädel sprang. 

Harry schien seine Bedrängnis zu bemerken. Sie ließ einen kurzen Brüller los und schon war Stille und man konnte gar nicht so schnell schauen, wie sich die Leute wieder an ihre Arbeitsplätze verteilten. 
Duo grinste amüsiert, und rieb sich erleichtert die nicht verletzte Seite seiner Stirn. Ja, auf die Schwester war im Notfall doch immer Verlass.
Ein leichtes Tippen auf seiner linken Schulter ließ ihn den Kopf drehen. Nur Leeves war noch immer da und musterte ihn besorgt.
Er mochte die Ärztin eigentlich ganz gerne, sie war etwas älter als er, erkannte ihn aber trotzdem als Ranghöheren an. Nur das schwere Parfum, das sie für gewöhnlich trug, störte ihn im Moment sehr. 
"Geht es wirklich?", fragte sie ruhig wie immer, nur in ihren dunklen Augen konnte man die Sorge erkennen, wenn man genau hinsah. Ein wenig erinnerte sie ihn immer an Sally Po, auch wenn er nicht genau sagen konnte, warum, die beiden Frauen waren eigentlich sehr unterschiedlicher Natur.

Der langhaarige Arzt nickte wieder leicht. "Ja danke, Sarah, es geht schon wieder... ich werde jetzt noch einmal nach... Archer sehen... kommen Sie hier klar? Ich hätte einige dringende, private Dinge zu erledigen..." Der Ton, in dem er sprach, zeigte der Oberärztin, dass sie besser nicht nachfragte und so bejahte sie nur seine Frage.
"Sicher, gehen Sie nur, ich piepe Sie an, falls es einen Notfall gibt..."

Duo nickte ihr leicht zu, verabschiedete sich dann rasch, um aus ihrem Dunstkreis zu kommen. Das Lilienparfum ließ seinen Magen unangenehm revoltieren und er hatte keine Lust, sein Frühstück und vor allem den lebenspendenden Kaffee wieder von sich zu geben. 

Wenige Minuten später fand sich der Ex-Pilot wieder vor Zimmer 204. Unruhig schwebte seine Hand wieder über der Türklinke, zitterte sogar ein wenig, doch er rief sich energisch zur Ordnung. Er hatte noch nie gekniffen, er würde ganz sicher nicht jetzt damit anfangen.

Entschlossen presste er die vollen Lippen zusammen, seine indigofarbenen Augen verengten sich ein wenig, als er die Tür leise öffnete und einen Schritt in den Raum hinein machte. 
"Da bin ich wieder....", machte er sich vorsichtig bemerkbar. Umsonst, wie sich herausstellte, denn das Zimmer war leer. Komplett leer. So wie in 'niemand da'. 
Moooooment.... sollte hier nicht ein dunkelhaariger, ehemaliger Gundam-Pilot sitzen, ihn mit seinen kobaltblauen Augen anglaren, weil er womöglich seine Tarnung riskierte und....
Tief durchatmen.

Plötzlich hörte er neben sich ein leises Geräusch, aber eins, dass er kannte. Das Rauschen einer Klospülung. Hätte er nicht mit einer sofortigen Schmerzexplosion gerechnet, hätte er sich gegen die Stirn geschlagen. Baka! Natürlich war Heero nur im Bad, er hatte keine Halluzinationen gehabt, wie er es einen Moment vermutet hatte... oder?

Die Tür zur Nasszelle schwang mit einem leisen Quietschen auf und die großen Augen des Arztes weiteten sich ein wenig. Nein, er hatte definitiv keine Halluzinationen. 
Für einen Moment konnte er Heero nur angaffen. Das letzte bisschen Hoffnung, dass sein früherer Partner sich hier vielleicht eingeschlichen haben könnte, zerplatzte wie eine Seifenblase.
Nie, niemals würde Pilot 01 DAS tun, nicht einmal wenn J persönlich es ihm befehlen würde... na schön, dann vielleicht schon, aber auch nur möglicherweise eventuell und der Wissenschaftler war ja sowieso bestimmt schon tot....

Geräuschvoll klappte sein Kiefer wieder nach oben, seine Zähne schlugen fast schmerzhaft aufeinander. Wann war ihm die Kinnlade runter gefallen? Als er in diese unglaublich blauen Augen geblickt hatte, die er schon so lange aus seinem Bewusstsein verdrängte? Oder als er bemerkte, dass der Andere so, wie Gott oder sonst wer ihn geschaffen hatte, vor ihm stand? Ohne ein Fitzelchen Stoff am Leib. Sollte heißen: nackt. Unbekleidet. Entblößt. 
Und, Herr im Himmel, die dreizehn Jahre hatten ihm nicht geschadet, nicht das kleinste bisschen, ganz im Gegenteil, seine Schultern waren wesentlich breiter geworden, die Hüften schmal geblieben. Man konnte deutlich feine Muskelstränge unter der gebräunten Haut erkennen, die nur hier und da von der weißlichen Linie einer Narbe durchbrochen wurde. 

Duos Blick rutschte von der breiten Brust, auf die er geradewegs starrte, einen kurzen Moment nach unten, dann mit feuerrotem Gesicht wieder ganz nach oben. Heero war wirklich erwachsen geworden, in allen Bereichen.
Höher und höher ging der Blick, über die Schultern, den Hals, das Kinn, die Wangenknochen, die Augen die ihn neugierig musterten und schon lag sein Kopf weit im Nacken. Du lieber Himmel und gewachsen war der Dunkelhaarige auch eindeutig. Er war ja schon immer etwas größer als Duo selbst gewesen, aber jetzt überragte er ihn um mindestens zehn Zentimeter, eher mehr. 

Schön, das war bei einer Größe von knapp einem Meter siebzig kein sooo großes Kunststück, aber trotzdem! 
Erst jetzt fiel ihm auf, dass etwas an Heeros Augen anders war und zwar so grundlegend, dass er sich am liebsten selbst gesteinigt hätte, weil es ihm nicht als allererstes aufgefallen war.... er war eben etwas abgelenkt gewesen, durch gewisse.... körperliche Umstände, wobei er sich beherrschen musste, sie nicht sofort alle wieder in Gedanken aufzuzählen und zu vergewissern, dass sie noch immer da und nicht in den letzten zwanzig Sekunden verschwunden waren.

Schnell rezitierte er noch einmal Morgensterns letzten Vortrag über die Psyche traumatisierter Patienten und schon ließen sich die unwillkommenen, plötzlich auftauchenden Gefühle um einiges besser niederkämpfen. Nichts war unerotischer als die Stimme seines Kollegen... außer vielleicht seinem Aussehen.....

Schnell schüttelte er den Kopf, was ihm allerdings nur ein deutliches Schwindelgefühl einbrachte und ihn schwanken ließ. Noch ehe er sich versah, lag eine große, kräftige Hand um seinen Oberarm, hielt ihn wie selbstverständlich fest, bis er wieder fest auf seinen Füßen stand.
Wo war er eben gewesen, bevor ihn die langen, geschmeidigen Finger abgelenkt hatten, die so perfekt um seinen Arm passten, wie..... Ah ja, Heeros Augen.... was war noch mal damit? Richtig! 

Auf einmal war seine Sicht wieder klar. Der Blick aus den kobaltblauen Tiefen war neugierig. Pilot 01 war niemals neugierig, noch interessiert oder aufgeschlossen. Außerdem lag keine Kälte in den Augen des Anderen, nicht das kleinste bisschen, keine Härte oder der leichte Irrsinn mehr, der sie früher immer erfüllt, so einzigartig anziehend und erschreckend abstoßend zugleich gemacht hatte. Die Faszination des Grauens.

Und doch musste Duo feststellen, dass sie zumindest nichts von ihrer früheren Anziehungskraft eingebüßt hatten, ganz im Gegenteil, durch den fast weichen Ausdruck, dem jede Ablehnung fehlte, drohte er noch mehr darin zu versinken. Schnell wandte er seinen Blick ab, landete automatisch wieder auf der Brust des Größeren, die sich nun mal unglücklicherweise genau in seiner Augenhöhe befand. Böser Fehler, ganz böser Fehler.

Rasch machte er einen Schritt zurück, um nicht auf dumme Gedanken zu kommen, die in noch dümmeren Handlungen gipfelten, versuchte sich daran zu erinnern, warum er ursprünglich hier hergekommen war. Nicht um Heeros Körper ausgiebig zu bewundern - obwohl es das wirklich wert gewesen wäre, das gestand er gerne ein - , sondern um... ah ja richtig, um herauszufinden, warum sein ehemaliger Partner, Ex-Pilot 01 nach DREIZEHN Jahren plötzlich HIER auftauchte. 

Eines war jetzt hundertprozentig sicher: dies war keine Mission, das war bittere Realität und dieser Gedanke holte Duo endgültig zurück aus seinem netten, kleinen Traumgebilde. Vielleicht hätte Heero es in Kauf genommen, sich für einen Auftrag in eine Anstalt einweisen zu lassen, möglicherweise hätte er sogar glaubhaft einen Irren gemimt, sollte es seine Aufgabe sein, aber niemals hätte er ihn mit diesem Blick ansehen können. Da wäre immer noch der gleiche Ausdruck in den Augen gewesen, der zu dem Dunkelhaarigen gehörte wie seine Persönlichkeit. Es WAR seine Persönlichkeit, das, was ihn verkörperte. 
Und doch stand da dieser hoch gewachsene Mann, schaute ihn immer noch auf die gleiche, neugierige Art und Weise an, ohne Misstrauen in seinem Blick und ohne... Erkennen? Ja, das war es und es versetzte Duo einen harten Stich. Heero erkannte ihn nicht.

Der Langhaarige leckte sich kurz über die staubtrockenen Lippen, versuchte, die Worte, die er sagen wollte, so gut wie möglich zu formulieren, er wollte nichts Falsches sagen, aber er wusste nicht, wo er anfangen sollte. Er wollte Heero so vieles sagen, ihn so vieles fragen. Aber er konnte nichts, rein gar nichts tun, bevor er nicht genau wusste, woran er eigentlich war.

"Heero....", begann er leise, brach dann aber unsicher wieder ab. Nervös trat er von einem Bein auf's andere, eine Angewohnheit, die er immer noch hatte. Immer, wenn er so kribbelig war wie jetzt gerade wurde er zugleich auch unglaublich hibbelig und zappelig, egal, was der Auslöser war. 

Kurz bemerkte der junge Mediziner, wie es in den Augen des Dunkelhaarigen flackerte, aber gleich wieder erlosch. Wusste er vielleicht nicht mehr, wer er war? War das der Grund, warum er hier war, hatte er sein Gedächtnis verloren?

"Heero.... weißt du.... kennst du mich noch? Weißt du noch, wer ich bin?", fragte er vorsichtig, bangte um die Antwort. Vielleicht wollte er sie sogar gar nicht wirklich wissen.

Dunkelbraune Strähnen rutschten in ein fein geschnittenes Gesicht, als Heero den Kopf etwas zur Seite neigte, den Kleineren nachdenklich musterte. Lange sagte er nichts, doch dann nickte er schließlich.
"Ja, ich weiß, wer du bist...", antwortete er dann klar und deutlich, lächelte dabei sogar ein wenig, er wirkte fast, als wäre er glücklich über diese Erkenntnis.
Duo wäre vor Überraschung beinahe an die Decke gesprungen, als er auf einmal so völlig unvermutet die tiefe, dunkle und ganz furchtbar angenehme Stimme hörte. Sein Herz begann, wie ein Presslufthammer in seiner Brust zu schlagen. 
"Wirklich? Wer? Sag mir, wer ich bin!", verlangte er aufgeregt, die Augen weit aufgerissen. Er knetete nervös den weißen Arztkittel in den Händen, beschloss einfach mal spontan zu ignorieren, dass sein Gegenüber immer noch völlig nackt und anziehend vor ihm stand. Seine Frage war jetzt wichtiger.

Heero legte den Kopf noch etwas mehr schief. "Weißt du das nicht? Hast du's vergessen?", fragte er neugierig, fast kindlich nach.
Der junge Arzt schüttelte ungläubig den Kopf. Was sollte denn das jetzt? Seit wann spielte Heero denn solche komischen Spielchen mit seinen Mitmenschen? Das war nicht witzig! 
"Doch, ich weiß, wer ich bin, aber ich will wissen, ob du meinen Namen noch kennst....", versuchte er zu erklären, bemühte sich, seine überschäumende Ungeduld im Zaum zu halten.

Nachdenklich blickte der Kurzhaarige noch einen Moment in das herzförmige Gesicht, zuckte dann die Schultern. 
"Du bist Rapunzel, wer sonst? Und du wartest auf deinen Prinzen, du hast schon dein weißes Kleid an!", erklärte er dann völlig ernsthaft und scheinbar sehr stolz auf sich, dass er Duo so schnell erkannte hatte.

"Hä?" Der Kommentar des langhaarigen Arztes war nicht gerade intelligent zu nennen, von seinem absolut verblüfften Gesichtsausdruck mal ganz zu schweigen. 
Rapunzel? Was zum Henker war denn das? Und wieso um Gottes Willen Prinz und Hochzeitskleid? Verwirrt sah Duo an sich hinunter, bemerkte erst jetzt, dass er ja noch immer seinen weißen Kittel trug und das assoziierte Heero mit einem Brautkleid? Er war doch keine Frau und überhaupt...!

Er schluckte hart, als die Worte endlich vollständig in sein Gehirn gesickert waren und der Schmerz, den er schon vorher in seiner Brust gefühlt hatte, verstärkte sich noch um einiges, verdrängte sogar den in seinem Kopf.

"Heero... weißt du... wer du bist?" Er zögerte sehr lange, bevor er die Frage schließlich doch stellte. Wollte er es wirklich wissen? Das war sicher kein einfacher Gedächtnisverlust, damit hätte er umgehen können. Und es ging nicht darum, dass der Andere ihn vergessen hatte... wenigstens nicht nur. Es ging um mehr, um wesentlich mehr.

Diesmal nickte der Kurzhaarige sofort und sein Lächeln wurde breiter. "Natürlich! Ich bin Aladin." Die Überzeugung, mit der er das sagte stand der seiner vorherigen Worte in nichts nach.

Duo fürchtete einen Moment lang, dass ihm die Augen aus den Höhlen fallen würden.
"Wie... wie bitte? Du bist WER?" Wie kam sein ehemaliger Partner denn auf DIESE Idee?! Was um Gottes Willen war passiert, dass Heero dermaßen daneben war? Nein, daneben war das falsche Wort, es war als.... ja, als hätte er einfach abgeschaltet, als hätte sein Bewusstsein einfach seine Persönlichkeit und alles was dazugehörte verdrängt.

Aber ging das denn so einfach? Fieberhaft versuchte er sich zu erinnern, was er in seinen Psychologiesemestern gelernt hatte und verfluchte sich innerlich dafür, nicht besser aufgepasst zu haben, weil der Professor so langweilig gewesen war. 

"Aladin.... der aus tausend und einer Nacht...", wiederholte Heero derweil geduldig und ein klein wenig amüsiert, als würde er nicht verstehen, warum Duo eine solch einfache Tatsache nicht begriff. Das war doch nicht so furchtbar schwer zu verstehen, oder? So dumm sah der Langhaarige eigentlich wirklich nicht aus. 

Der junge Arzt war in der Tat nicht dumm, nur gerade am Verzweifeln. Na schön, Heero war also wirklich gerechtfertigter weise hier, er hatte eine eindeutige Macke, hielt sich für Aladin, aber wieso? Was brachte einen Menschen wie Pilot 01 - der zwar zugegebenermaßen schon vor dreizehn Jahren einen deutlichen Dachschaden gehabt hatte, allerdings weder in diesem Ausmaß, noch in dieser Ausprägung - was brachte also so einen Menschen dazu, sich plötzlich für eine Fantasiegestalt aus einem Kindermärchen zu halten?! Und warum ausgerechnet diese Figur, warum nicht irgendeine andere?
Duo hätte es ja noch irgendwo verstanden, wenn sich der Andere plötzlich für den Terminator oder Rambo oder seinetwegen noch Dr. J gehalten hätte, aber so was doch nicht! Irgendwas war hier verflucht schief gelaufen und er würde verdammt noch mal herausfinden, was das war! Er wollte seinen Heero wiederhaben, er wollte.....

Einen Moment mal! SEIN Heero? Jetzt schnappte er ja schon selbst über! Er sollte sich mal schleunigst in Behandlung begeben, wenn er jetzt schon in diesen Bahnen dachte! Vielleicht sollte er ja selbst mal zu Morgenstern auf die Couch oder irgendeine Maltherapie oder so was machen...
Schnell schüttelte er den Kopf, diesmal heftiger, so dass der kastanienbraune Zopf nur so flog und ihm auf der Stelle wieder schwindelig wurde, doch wieder hielt ihn eine starke Hand aufrecht, bevor er umkippen konnte. Also seine Reaktionsgeschwindigkeit hatte Heero aber durch die Psychose oder was auch immer noch nicht eingebüßt.
Wo war er doch gleich stehen geblieben? Ach ja, seine seltsamen Besitzansprüche. 
Aber vielleicht sollte er sich erst mal darum kümmern, dass sein neuer Patient sich etwas anzog, sonst konnte er ihn gleich morgen das erste Mal behandeln. Es war zwar nicht direkt kalt hier im Zimmer, immerhin hatten sie auch schon Frühsommer, aber so warm, dass man nackt herumlaufen konnte, war es auch nicht, mal abgesehen davon, dass er einfach nicht klar denken konnte, wenn er dieses Leckerli von einem Körper direkt vor der Nase hatte und genau wusste, dass er da niemals ran durfte.

Sollte Heero jemals seine Persönlichkeit wiederbekommen würde er ihn schneller umbringen, als er bis drei zählen konnte und aus irgendeinem unerfindlichen Grund hing Duo sehr an seinem Leben. Naja er hatte ja schließlich auch nur das eine, da sollte er dann doch drauf aufpassen.
"Ehm... Heero... du bist nicht Aladin... den gibt's doch gar nicht wirklich, oder?", versuchte er es erst einmal mit Logik. Logik hatte bei Heero meistens geholfen, wenn er abdrehte, auch wenn der Langhaarige nur wenig Hoffnung hatte, dass es hier helfen könnte. 

Der Braunhaarige schien einen Moment nachzudenken und nickte dann wieder. "Da hast du wohl recht...", meinte er dann überzeugt, was Duo beinahe wieder die Augen übergehen ließ. 
"Wie? Du meinst... du siehst das ein?" Das war ja einfach gewesen, hatte das vorher niemand probiert? Sollte er etwa eine neue Heilmethode für Wahnvorstellungen gefunden haben? Man konfrontiere den Patienten einfach mit der logischen Realität und er ist geheilt? Der Haken der Sache fiel ihm einen Moment später auf: die Realität war nicht logisch.

"Natürlich sehe ich das ein...", antwortete Heero, diesmal sehr sachlich. "Ich bin ja nicht dumm...." Er schien sich jedoch nicht weiter dazu äußern zu wollen und Duo wollte im Gegenzug keine weitere Äußerung provozieren, die ihn wieder von seinem gegenwärtigen Hoch herunterholte und noch mehr desillusionierte. Lieber bildete er sich für den Moment was ein, worüber er sich später selber auslachen würde, sonst hatte er schnell ein ernsthaftes Problem. Er hatte jetzt einfach keine Zeit sich mit der Selbsterkenntnis seines Patienten zu befassen, er musste das erst mal selber alles verarbeiten und im Moment war Verdrängen die beste Methode, damit umzugehen.

"Wie wär's, wenn du dir jetzt was anziehen würdest und dann unterhalten wir uns weiter, hm?" Er bemühte sich, einen normalen Tonfall anzuschlagen und nicht wie mit einem kleinen Kind zu reden, denn genau diesen Eindruck machte Heero im Augenblick. Wie ein neugieriges, aufgeschlossenes, aber hilfloses Kind. 

Die Stirn des Kurzhaarigen runzelte sich etwas. "Warum?" Die Frage klang so unschuldig, so natürlich, dass Duo ihm gar nicht böse sein konnte. 
"Naja zum einen, weil du dich sonst erkältest und krank wirst und dann bittere Sachen schlucken musst, was nicht gerade angenehm ist, das kann ich dir sagen und außerdem geht es einfach nicht, dass du nackt herumläufst, das macht man einfach nicht..."

Wieder ein Moment der Verarbeitung. 
"Ich mag keine bitteren Sachen mehr schlucken... und ich will auch nicht mehr gestochen werden.... dann wird's immer dunkel und ich mache Sachen, die ich nicht will.... warum darf man nicht so herumlaufen?" 
Selbst Chaot Duo, der ja nur zu gerne plapperte wie ein Wasserfall, hatte etwas Mühe, mit diesen Themensprüngen mitzuhalten. Was meinte Heero denn mit 'gestochen werden'? Ach so, wahrscheinlich spritzen, kombinierte er und schlug sich innerlich selbst auf die Schulter für seinen Geistesblitz. War ja auch sehr schwer gewesen. 
Aber was sollte das dann mit Dingen, die der Andere tat, wenn er eine Spritze bekommen hatte, die er aber eigentlich gar nicht tun wollte? Hatte man ihm irgendwann Mittel verabreicht, die... die vielleicht auch für seinen Zustand verantwortlich waren? Das wäre immerhin ein Hinweis, ein weiteres Puzzlestück. 
Aber im Krankenblatt war verzeichnet, dass das Drogenscreening sowohl auf Langzeit-, wie auch auf Kurzzeitdrogen negativ gewesen war und laut Befund war auch keine Hirnregion geschädigt, was auf längeren Konsum bewusstseinsverändernder Substanzen hingewiesen hätte, genauso wenig, wie Heero Entzugserscheinungen gehabt hatte, als er ins Krankenhaus eingeliefert worden war. Also verwarf er die Idee schnell wieder als nicht zutreffend und beeilte sich, auf die letzte Frage seines Gegenübers zu antworten. 

"Naja, weil... weil es manche Leute halt stört und... naja man macht es eben einfach nicht...." Keine sehr befriedigende Antwort, wie er auch aus dem Gesichtsausdruck des Anderen lesen konnte, dessen Miene sich ein wenig verschloss. 
Das gefiel dem Arzt allerdings weniger. Heero sollte nicht wieder so aussehen wie früher und gerade war er auf dem besten Weg dazu. Schnell ablenken, schnell....
Innerlich konnte er nur den Kopf über sich selbst schütteln, äußerlich ließ er es dagegen lieber sein, weil er eine erneute Schwindelattacke befürchtete. Gerade eben hatte er sich doch noch gewünscht, den alten Heero zurückzubekommen und jetzt wollte er schon nicht mehr, dass der Andere auch nur ein Gesicht zog wie früher. 
Was denn nun? Vielleicht sollte er sich mal langsam entscheiden... nein, besser auf später verschieben, wenn er in Ruhe darüber nachdenken konnte.

Er griff sich einfach die Hand des Patienten und zog ihn aus dem Türrahmen der Nasszelle, in dem er ja immer noch stand, hinein in das helle, aber kahle Krankenzimmer. Nur ein Bild hing an der Wand, irgendein Kunstdruck von irgendeinem Maler, der irgendeine Landschaft zeigte.

Nach kurzem Durchsuchen des Schrankes ließ sich nur ein schlabberig aussehender, in einem scheußlichen Lila und Türkis gehaltener Trainingsanzug und etwas Unterwäsche finden. Nicht gerade zufrieden stellend, aber besser als nichts. 
"Na komm, anziehen...." Mist, jetzt war er doch in den Kleinkinder-Modus verfallen! Abstellen, aber schleunigst! Heero war 29 Jahre alt, keine zwei mehr, auch wenn er gerade den Eindruck machte. 

Widerstandslos zog der Kurzhaarige sich an, schien auch schon wieder vergessen zu haben, dass er jemals anders herumgelaufen war, zumindest machte er nicht den Eindruck, als würde es ihn stören, jetzt Kleidung am Leib zu haben. 
Duo schlussfolgerte, dass die Nacktheit keine explizite Form der Psychose war, dass Heero also nicht den Zwang besaß, entblößt in der Gegend herumzuspazieren, wie beispielsweise ein Exhibitionist, sondern dass er wirklich nicht begriffen hatte, warum man sich anzog.

Er war erstaunt, wie sehr ihn das beruhigte. Exhibitionistisch veranlagte Personen hatten meist ein gestörtes Verhältnis zu ihrer Sexualität, häufig ging ein Missbrauch oder ähnliches voran und Duo hätte im Moment beim besten Willen nicht gewusst, wie er damit umgehen sollte.

Er wurde aus seinen Grübeleien gerissen, als Heero auf einmal aufhörte, das viel zu große Oberteil des Jogginganzugs zurechtzuzupfen und stattdessen an ihm vorüber ging, vor dem großen Fenster, das zum Garten des Komplexes zeigte, stehen blieb.

Duo zögerte einen Moment, gab sich dann aber einen Ruck und trat neben seinen ehemaligen Kollegen. Er traute sich nicht, irgendetwas zu sagen, zu viel lag ihm im Moment auf der Zunge, das unbedingt herauswollte und übermäßige Geduld war ja noch nie seine ausgesprochene Stärke gewesen, deswegen hielt er seinen Unterkiefer im Moment lieber an dessen Gegenstück, bevor er eine dumme Bemerkung machte. Es schien ihm einfach unangebracht in diesem Augenblick.

Aus dem Augenwinkel nahm der junge Mann wahr, wie Heero langsam eine Hand hob und sie an das kühle Glas legte. Den Gesichtsausdruck des Kurzhaarigen konnte er allerdings nicht erkennen, da dieser den Kopf ein wenig abgewendet hielt. 
Duo blickte nach draußen. Ein paar Patienten tummelten sich mit und ohne Betreuer auf den Grünflächen, schienen die schon erstaunlich warme Sonne und das Gezwitscher der Vögel zu genießen, dass man selbst bis hier herein hören konnte, wenn man ganz genau aufpasste.

"Es regnet...", erklang auf einmal eine tiefe Stimme neben ihm. Überrascht hob Duo eine Augenbraue. Draußen herrschte strahlender Sonnenschein, wie kam Heero auf die Idee, es könnte regnen?
"Wie meinst du das?", fragte er vorsichtig nach. Immer schön behutsam sein, vielleicht kam er ja so weiter. Mit der Holzhammermethode würde er es auf jeden Fall nicht schaffen. 

Langsam drehte Heero den Kopf und sah den jungen Mann mit dem langen Zopf an. Duo trat erschrocken einen Schritt zurück. Es war nicht die Bewegung, sondern der Ausdruck in den dunkelblauen Augen des Japaners. Noch nie in seinem Leben hatte er solche Leere und zugleich solche Verzweiflung und Trauer gesehen. Das Kind von vorhin war verschwunden und an seine Stelle war ein junger Mann getreten, der einen so.... gebrochenen Eindruck machte, dass Duo ihn am liebsten sofort in die Arme geschlossen hätte, ihm sagen wollte, das alles wieder gut werden würde, egal was passiert war, dass er jetzt hier war und ihn beschützen würde. Doch er wagte nicht sich zu rühren, auch wenn sich sein Herz zusammenkrampfte und wie ein Stein in seiner Brust lag.

"Es regnet immer.... schon immer hat es geregnet..." Heeros Stimme stockte ein wenig und in seinen Augen flackerte es wieder kurz, das gleiche Aufkeimen eines unbestimmbaren Ausdrucks, den er auch schon ganz zu Anfang dieser Begegnung gehabt hatte, als Duo ihn das erste Mal bei seinem Namen genannt hatte. Doch es erlosch wieder, bevor der Amerikaner sich ganz sicher war, es wirklich gesehen zu haben. 

"Warum regnet es?", fragte er sanft weiter, nicht laut, nicht drängend, er würde es dem Anderen überlassen, darauf zu antworten.

Der Kurzhaarige schien ihn nicht gehört zu haben, sein Blick schien geradewegs durch Duo hindurch zu gehen. 
"Immer, immer hat es geregnet... aber manchmal... da war manchmal Sonne... früher...", fuhr er einfach nach einer kurzen Pause fort und ein Muskel zuckte in seiner Wange. Seine Hände ballten sich kurz zu Fäusten, entspannten sich aber sofort wieder und die Schultern sackten ein wenig nach unten. 

"Lange... lange war keine Sonne mehr da... er hat sie weggemacht... er hat mich wieder in den Regen geholt... ich wollte doch bei der Sonne bleiben... da war es schön... Warum durfte ich nicht in der Sonne bleiben?" Die kobaltblauen Augen sahen Duo groß und fragend, fast ein wenig anklagend an, als wüsste der Langhaarige die Antwort auf seine kryptische Frage.

Der Arzt knetete unruhig seine Finger, verbog sie beinahe schmerzhaft. Er war so... hilflos, etwas, das ihm schon seit Jahren nicht mehr passiert war. Er wusste nicht, was er mit diesen Aussagen anfangen sollte, verdammt, er war kein Psychologe er war nur ein verfluchter Allgemeinmediziner, der zwar jeden Schnupfen kurieren konnte, aber vom Denken eines Menschen einen Scheißdreck verstand, wie er eben wieder feststellen musste. 
Was hätte er jetzt für Quatres Anwesenheit gegeben? Ihr kleiner, liebenswerter Araber, der immer die passenden Worte fand, niemals um etwas verlegen war, immer wusste, was zu tun war. Aber sein bester Freund war nicht hier, er musste das alleine regeln und er sollte verdammt sein, wenn er es nicht schaffte, Heero hier herauszuhelfen. Auch wenn der Andere es wohl nie so empfunden hatte, er betrachtete ihn als Freund, mehr noch als Partner, auf den er sich zu hundert Prozent verlassen konnte. Sie würden das schaffen. Gemeinsam.

Duo atmete einmal tief durch, schluckte leicht und legte sich seine nächsten Worte sorgfältig zurecht, etwas, das er sonst eher selten tat und es daher auch nicht gewöhnt war. Er leckte sich kurz über die plötzlich trockenen Lippen.

"Ist... ist er immer noch da? Sagt er immer noch, dass du... im Regen bleiben musst?" Es fiel dem Langhaarigen schwer, sich darauf einzulassen, zumal er weder wusste, wer mit 'er' gemeint war, noch was es mit Sonne und Regen auf sich hatte.
Gespannt wartete er auf eine Antwort. 
Eine ganze Weile sah ihn Heero nur durchdringend an, als wollte er ihn sezieren. Duo fühlte sich zwar unbehaglich unter dem Blick, der direkt in sein Innerstes zu gehen schien, aber wenigstens war wieder Leben, ein Ausdruck in den Augen des Anderen, nicht mehr diese furchtbare, alles verzehrende Leere, diese unglaubliche Verzweiflung, die den Dunkelhaarigen einen Moment lang geradezu wie eine Aura umgeben hatte. 

"Ja...", hörte er dann plötzlich Heeros Stimme wieder, diesmal leise und in ihr lag etwas, das ihm einen eisigen Schauer über den Rücken jagte: Angst. Nie zuvor hatte er mitbekommen, dass sich sein Kampfgefährte vor irgendetwas fürchtete. Nicht einmal vor dem Tod selbst. Er hatte mehr als einmal ohne zu Zögern auf den roten Knopf gedrückt, hatte die gefährlichsten Missionen ohne mit der Wimper zu zucken angenommen und wie eine Maschine ausgeführt, immer mit dem gleichen, eiskalten, gleichgültigen Ausdruck in seinen dunklen Augen.

"....ja er ist immer noch da... ich kann ihn in meinem Kopf hören... die ganze Zeit, immer ist er da, er lässt mich niemals in Ruhe... immer wieder sagt er, dass ich da bleiben muss, dass der Regen gut ist, aber ich will nicht mehr im Regen sein, ich will in die Sonne, ich will...." Eine einzelne Träne rollte über Heeros Wange. Duo hätte sie beinahe übersehen, wenn sich nicht die Sonnenstrahlen funkelnd in der schmalen Spur aus Flüssigkeit gebrochen hätten.

Sein Herz zog sich noch mehr zusammen und diesmal warf er alle Bedenken über Bord, überwand die zwei Schritte, die sie beide noch trennten und zog den wesentlich Größeren einfach in seine Arme. In diesem Augenblick waren ihm die Konsequenzen völlig gleichgültig, er wollte Heero einfach nur trösten, ihm klar machen, dass er nicht mehr alleine war, es nie mehr sein würde, auch wenn er nicht wusste, ob der Dunkelhaarige überhaupt verstand. 

Zu seiner maßlosen Überraschung machte der Andere keine Anstalten, sich irgendwie zu wehren, ganz im Gegenteil, nach ein paar Sekunden, die sie einfach so dagestanden hatten, hoben sich plötzlich Arme, schlangen sich um Duos schlanken Körper, große Hände krallten sich in den Arztkittel und er spürte, wie sich Heero regelrecht an ihm festklammerte, als hätte er Angst, dass der Langhaarige im nächsten Augenblick verschwinden würde. 

Doch das hatte der sonst so quirlige Amerikaner keineswegs vor. Sein Partner war schon einmal verschwunden, ein zweites Mal würde ihm das ganz sicher nicht passieren und wenn er sich dazu an Heero fest ketten musste! 

Kein Laut kam über die Lippen des Größeren, der muskulöse Körper bewegte sich nicht und doch spürte Duo die Unsicherheit, die sein Gegenüber erfüllte. Beruhigend murmelte er unzusammenhängende Worte, streichelte sanft über den breiten Rücken, als würde das die Verwirrung lindern, die er selbst empfand.
Früher hätte Heero einen derartigen körperlichen Kontakt nie zugelassen, er war ja schon beinahe an die Decke gesprungen, wenn man ihm nur mal auf die Schulter getippt hatte. Und das zeigte dem jungen Arzt eigentlich mehr als alles andere, wie schlimm es um den ehemaligen Piloten stand. 
Die harte, kalte Schale, der Eispanzer, der Heero immer umgeben hatte war zerbrochen und zurückgeblieben war ein ängstliches, verwirrtes Kind, das im Moment verzweifelt nach Halt suchte, so unglaublich hilflos war, dass Duo gar nicht anders konnte, als den fremden Körper noch ein wenig mehr an sich zu drücken. 

Eine ganze Weile blieben sie einfach so stehen, nur das leise Gemurmel des Jüngeren durchbrach die Stille des Raumes. Doch auf einmal richtete sich Heero wieder auf, legte sanft aber bestimmend eine Hand über Duos Mund, genauso wie er es früher oft gemacht hatte, wenn ihm das Geplapper des redseligen Amerikaners auf die Nerven gegangen war und Duo jeden Befehl zu schweigen ignoriert hatte. 
Ein leichtes Lächeln schlich sich auf das Gesicht des Kleineren. An diese Geste erinnerte er sich nur zu genau. Das hatte der andere Pilot immer dann gemacht, wenn noch nicht mal mehr die gezogene Waffe und das bewährte 'omae o korosu' geholfen hatte, weil sich der bezopfte Junge dermaßen in Rage geredet oder hineingesteigert hatte. Aber das hatte dann doch immer Wirkung gezeigt.
Duo klappt brav seinen Unterkiefer zu und schon war es still im Raum. Sichtbar zufrieden senkte Heero wieder die Hand, was der Langhaarige beinahe bedauerte, doch er protestierte nicht, sondern schwieg wirklich für den Moment. 

Hinter seiner Stirn arbeitete es. Er musste telefonieren. Dringend. Das hier schaffte er nicht allein, ganz unmöglich und außerdem ging diese Sache ja nicht nur ihn etwas an, die anderen waren genauso Heeros Kollegen und Freunde gewesen, hatten beinahe genauso oft Kopf und Kragen für ihren kleinen Selbstmörder riskiert, auch wenn es diesen nie beeindruckt hatte. Sie alle hatten ein Recht darauf, zu erfahren, dass Pilot 01 noch lebte.
Wie würde Dorothy sagen? Das verlorene Schäfchen war nach Hause zurückgekehrt. Nur leider nicht so, wie sie sich das alle immer gewünscht hatten, mehr oder weniger offensichtlich. Wufei und Trowa hatten sich zu diesem Thema niemals explizit geäußert, aber man merkte es an ihrer Niedergeschlagenheit, wenn das Thema auf das fehlende Mitglied ihrer Gruppe kam.
Gut, Treize und Zechs betraf das nicht ganz so sehr, aber die beiden waren im Lauf der Jahre zu wirklich guten Freunden für sie alle geworden und die gemeinsame Vergangenheit band sie nun mal unzertrennlich aneinander, ob sie es wollten oder nicht.
Besonders Wufei hatte lange gebraucht, sich mit dem Gedanken anzufreunden, Zechs nicht mehr via Com-Verbindung angiften zu dürfen, keine Duelle mit Treize mehr austragen zu können. Das Eis war erst gebrochen, als der blonde Pilot angeboten hatte, dass sie sich auch gerne auf dem Boden weiterbeschimpfen konnten und Treize durchaus gewillt gewesen war, ihre kleinen Kämpfe weiterzuführen. Allerdings hatte der Offizier eingewandt, man könnte die Sache mit dem 'auf Leben und Tod' etwas einschränken. Und bei dieser Regelung war es bis heute geblieben. Fei und Zechs fetzten sich, sobald sie aufeinander trafen, Fei und Treize traten regelmäßig gegeneinander an, doch inzwischen gewann der kleine Chinese wenigstens ab und zu. 
Ja, die beide Offiziere gehörten inzwischen zu ihnen, auch sie mussten von Heeros Auftauchen wissen, vielleicht konnten sie sogar eher helfen als sonst jemand, weil sie weniger voreingenommen waren als die Gundam-Piloten. 

Duo lächelte ein wenig mehr, als er bemerkte wie Heeros Augen immer kleiner wurden, der Andere nur mit Mühe ein Gähnen unterdrücken konnte. Der Tag war wohl doch anstrengender für den Patienten gewesen als vermutet, zumal er ja auch unter Medikamenten stand, die man nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte. 

"Komm, ich bring dich in Bett...." Der langhaarige Arzt griff sich wieder die Hand des Größeren, zog ihn mit sich zu dem weiß bezogenen Bett und schob Heero darauf, der das alles ohne Widerspruch mit sich machen ließ. Wahrscheinlich war er einfach zu müde, um zu protestieren.

Schnell zog Duo die Decke über den Liegenden, packte ihn fest ein, ließ dann die Jalousie etwas herunter.
Dann lächelte er den Anderen noch einmal an, wollte sich dann abwenden und gehen als plötzlich pfeilschnell eine Hand hervorschoss und ihm am Handgelenk zurückhielt.
"Kommst du wieder? Oder gehst du jetzt für immer weg?" Da! Da war das Kind wieder das Kind, das Angst hatte, zurückgelassen zu werden. Nicht mehr der gebrochene, hoffnungslose Mann von vorhin.

Duo lächelte sanft und streichelte einen Moment über die größere Hand, legte sie dann behutsam auf die Bettdecke zurück.
"Natürlich komme ich zurück, Heero! Ich werde dich nicht verlassen... aber ich muss ein paar Sachen erledigen. Morgen früh komme ich wieder, in Ordnung?" Heero brauchte jetzt vor allem Ruhe und er selbst ein wenig Zeit zum Nachdenken und vor allem zum Verarbeiten. Das musste er erst mal alles schlucken. 

"Versprichst du's?" So ganz schien der Dunkelhaarige noch nicht überzeugt zu sein und die blauen Augen musterten Duo forschend.
Der Langhaarige nickte sofort. "Ich versprech's!", erwiderte er ohne zu zögern und konnte beobachten, wie Heero zufrieden die Augen schloss und fast sofort wegdriftete. Himmel, mit was hatten sie den denn vollgepumpt? Besser, er ging noch mal das Krankenblatt durch, vielleicht fiel ihm dabei noch etwas ein.

Leise verließ er zuerst das Krankenzimmer und wenig später das Hauptgebäude. Seine Schritte trugen ihn zielsicher in Richtung seines Hauses, während seine rechte Hand bereits in seiner überdimensionalen Tasche herumwühlte.
Es war doch immer wieder interessant, herauszufinden, was sich darin alles befand! Zum Beispiel der Geldbeutel, den er schon seit vier Tagen verzweifelt suchte, jetzt aber gar nicht gebrauchen konnte.
In dem Augenblick, als er schon frustriert stehen bleiben wollte, um das kleine Suchexperiment unter Sichtbedingungen zu wiederholen, ertasteten seine Fingerspitzen das Objekt seiner Begierde. Mit einem triumphierenden Laut zog er das Handy aus der Tasche.

Nachdenklich betrachtete er das kleine Gerät, zögerte noch einen Moment, bevor er es schließlich anschaltete und eine eingespeicherte Nummer abrief. Die erste der fünf, die sich auf diesem Mobiltelefon finden ließen. Denn das war nicht irgendein Handy, das war die neuste technische Errungenschaft, gesponsert von WEI alias Quatre Raberba Winner. Das war die Verbindung ihrer Gruppe für Notfälle. Keiner von ihnen würde einen solchen Anruf ignorieren, egal, in welcher Situation er sich gerade befand, das war so abgesprochen, denn dieses Telefon klingelte nur, wenn es sich um eine unverzichtbar wichtige Sache handelte. Jeder von ihnen besaß eines, jeder würde darauf reagieren.
Duo drückte auf den Knopf, der die Verbindung herstellte, hob das Handy ans Ohr und wartete. 


Teil 3

"... und deshalb denke ich, dass es für beide Seiten von Vorteil ist, wenn sie dem Vertrag zustimmen und der WEI Coorporation ohne Vorbehalte beitreten... bedenken Sie bitte die vielen Arbeitsplätze, die dadurch erhalten werden, auch wenn es vielleicht Einbußen im Haushaltsbudget geben wird, aber ich denke, man kann es verschmerzen, weniger Geld für Gummibärchen in Form des Firmenlogos als Werbegeschenke auszugeben und außerdem..."

Er schrilles, misstönendes Handyklingeln riss Quatre Raberba Winner aus seinem Schlussplädoyer, das er sich extra für diesen Zeitpunkt der Fusionsverhandlungen aufgespart hatte und versaute ihm damit die sorgfältig kalkulierte Pointe über die eigentlich die Mitglieder des Firmenvorstands hätten schmunzeln sollen, bevor sie ihm recht gaben und unterschrieben.

Dass ausgerechnet jetzt das Notfallhandy, das einzige seiner vier Telefone, das er bei solchen Gelegenheiten überhaupt anließ, losging, das war weder zu erwarten, noch geplant, aber er ärgerte sich trotzdem maßlos darüber. Sicher, die dicken Konservativen in ihren überteuerten Anzügen und dem selbstgefälligen Ausdruck auf den feisten Gesichtern würden sich ihm nicht in den Weg stellen, aber trotzdem hasste er es, wenn ihm etwas in die Quere kam.

Doch in diesem Fall hatte er keine andere Wahl, wenn sich dieses Gerät meldete, war einer der Anderen in ernsthaften Schwierigkeiten und niemals würde er seine besten Freunde im Stich lassen, nicht für alle Verhandlungen und alles Geld der Welt!

Als entschuldigte er sich hastig, stürzte praktisch aus dem Konferenzraum heraus ins Vorzimmer, wo ihm sein Chefsekretär einen irritierten Blick zuwarf, sich aber nicht dazu äußerte, dazu hatte er zu viel Respekt vor seinem Arbeitgeber.

Schnell fischte der blonde Araber das kleine Gerät aus seiner Tasche, warf einen Blick auf das Display, bevor er abnahm. Duo hatte sich lange nicht mehr gemeldet und dann gleich so? Naja, er würde ja wohl gleich erfahren, um was es ging.

"Hallo, Duo, was ist los?", fragte er, äußerlich ruhiger, als er sich eigentlich fühlte. Es kribbelte in seinen Fingerspitzen, ein untrügliches Zeichen dafür, dass irgendwas im Busch war.
Ein weiteres Indiz dafür war die Stille, die am anderen Ende der Leitung herrschte. Normalerweise platzte Duo spätestens eine halbe Sekunde, nachdem er sich gemeldet hatte, mit den Neuigkeiten heraus, wenn er ihn überhaupt zu Wort kommen ließ. Doch diesmal nicht, absolut nichts, nur leises, irgendwie gepresst klingendes Atmen, dann das Zuschlagen einer Tür.

Quatre fuhr sich nervös durch die kurzen Haare, trat unruhig von einem Fuss auf den anderen. 
"Duo? Duo, bist du dran?", fragte er noch einmal, diesmal wesentlich besorgter. So kannte er den langhaarigen Amerikaner überhaupt nicht.

Wieder ein paar Sekunden Stille, dann meldete sich sein Gesprächspartner zögerlich.
"Hi Quat... ehm... stör ich gerade... soll... soll ich vielleicht später nochmal anrufen.... kein Problem..." der junge Arzt klang stockend, seine Stimme zitterte, als wäre er kurz davor, loszuheulen.

Die Augenbrauen des Firmenchefs schossen nach oben. Duo und unsicher? Duo und stottern, es sei denn er verhaspelte sich vor Schnelligkeit? Das war paradox, das gab es einfach nicht zusammen, oder hatte es bis jetzt zumindest noch nie gegeben.
Quatre riss sich mühsam zusammen um nicht sofort nachzubohren. Sein Freund klang wirklich, als wäre er total durch den Wind.
"Nein, ist schon ok, die Besprechung ist schon fertig, ich hatte gerade sowieso nichts zu tun...", log er deshalb wenig glaubwürdig. Er hasste es, die Unwahrheit sagen zu müssen und im Normalfall hätte ihm der Andere auch niemals geglaubt, aber anscheinend wollte er es im Moment einfach wahrhaben, denn er sagte nichts weiter dazu.

"Ok... naja... Quatre... weißt du, die Sache ist die... ich... Gott, wie soll ich das nur sagen?" Duo hörte sich wirklich verzweifelt an, so als wüsste er nicht mehr, wo vorne und hinten war, wo er überhaupt anfangen sollte.
"Vielleicht solltest du dich besser hinsetzen, Quatre, es könnte dich durchaus umhauen... mich hat es das jedenfalls...", setzte er dann noch hinzu, was den Araber zu einem Stirnrunzeln veranlasste. 
Was konnte bitteschön so schwerwiegend sein, dass es ihren immer fröhlichen und aufgedrehten Ami umhaute? Den schockte doch schon seit zwanzig Jahren fast nichts mehr und das, was es vermochte, war eigentlich so heftig, dass jeder Normalstrebliche daran zerbrochen wäre.

"Duo, jetzt beruhig' dich erstmal, ok? Mein Güte, du klingst ja, also ob du ein Gespenst gesehen hättest!" Eigentlich hatte der Ex-Sandrockpilot nur einen Scherz machen wollen, etwas, das Duo die Unsicherheit nehmen sollte, aber der Schuss schien irgendwie nach hinten loszugehen.

Er hörte deutlich, wie der Langhaarige am anderen Ende der Leitung schluckte, bevor er zittrig antwortete.
"Naja, weißt ... gewissermaßen hab ich das auch... also..." Der Arzt holte noch einmal tief Luft, bevor es schließlich praktisch aus ihm herausplatzte.
"Ich hab ihn gefunden.... naja, eigentlich er mich, jedenfalls ist er hier, aber nicht so, wie wir immer dachten, sondern anders, ich meine, er ist nicht hier bei mir, aber bei mir im Krankenhaus und ich hab jetzt absolut keine Ahnung, was ich machen soll und dachte, vielleicht könntest du mir sagen, wie ich mit ihm umgehen kann, ok, eigentlich bin ich ja der Arzt, aber du konntest doch schon immer so gut mit Menschen und sowieso allem und ich weiß jetzt schon nicht mehr weiter, was eigentlich ziemlich deprimierend ist, aber ändern kann ich's ja auch nicht und deshalb hab ich dich angerufen und...."

"DUO!" Nachdem mehrere Versuche, den Redefluss des Anderen gescheitert waren, griff Quatre zum letzten Mittel und unterbrach seinen Freund einfach mit einem lauten Schrei.

"Ja", kam es daraufhin verwirrt vom anderen Ende. Duo schien sich keiner Schuld bewusst zu sein, was den Blonden leicht die Augen rollen ließ. So kompetent er ja als Mediziner war, aber ihr langhaariges Energiebündel war eben immer noch ein Chaot und Plappermaul. Aber wenn er ehrlich war, dann wollte er es eigentlich auch gar nicht anders haben, denn dann wäre Duo sicher nicht mehr Duo gewesen.

"WER ist bei dir?" Das war wohl die zentrale Frage gewesen, die man Quatre vielleicht als erstes beantworten sollte, damit er überhaupt wieder durchblickte. Bis jetzt konnte der Vorstandsvorsitzende nur rausfiltern, dass Duo wohl auf irgendjemanden getroffen und deshalb jetzt so durcheinander war. Allerdings beruhigte es Quatre ungemein, dass der Brünette wieder in seinem gewohnten Überschwang plapperte, alles andere war bei Duo einfach nur unheimlich und besorgniserregend. So schlimm konnte die Sache dann also wohl doch nicht sein.

"Hä? Hab ich das noch nicht gesagt?" Der junge Mann schien ernsthaft verwirrt zu sein. "Naja auch egal, sitzt du?"

Quatre rollte nur wieder die Augen. Ihn hatte das letzte Mal vor über einem Jahrzehnt etwas umgehauen, in seinem Job bekam er dauernd Hiobsbotschaften, was sollte also denn bitte so schlimm sein?

"Jaja, sicher, was ist denn nun?" Obwohl es ihm selbst unangenehm war, wurde er langsam wieder nervös. Da drin saß ein ganzer Haufen Leute, die nur auf sein Erscheinen warteten und je länger er sie hinhielt, desto mehr würde ihre Laune sinken.

"Ok, schon gut, also dann werd ich's mal kurz und schmerzlos machen, oder willst du lieber die lange Version, ich meine, ich kann dir natürlich auch die Geschichte von Anfang an erzählen, aber das würde etwas dauern und..." Ein weiteres ‚DUO' unterbrach den Wortschwall.
Wieder einen Moment Schweigen, in dem Duo sich sammelte, noch einmal tief Luft holte und die Bombe platzen ließ.

"Heero ist hier."
RUMMMMMSSSS. Das hatte gesessen, im wahrsten Sinne des Wortes, denn Quatre saß auf dem Fussboden in einer unbequemen, leicht verdrehten Haltung. 
Sein Sekretär sprang erschrocken von seinem Stuhl auf, wieselte zu seinem Boss, der ihn nur von unten herauf verständnislos ansah.

"Quatre? Quatre bist du noch da? Du hast dich nicht hingesetzt, nicht wahr? Natürlich hast du nicht, ich hab dir doch gesagt, du sollst! Warum hast du auch nicht auf mich gehört, jetzt tut dir bestimmt der Hintern weh und ich bin dran Schuld..." Duo moserte noch eine ganze Weile in den Hörer, bis der Blonde sich wieder so weit gesammelt hatte und aufgestanden war.
Der Araber strich seinen blauen Anzug wieder glatt, der jetzt ganz leicht verrutscht aussah.

"Duo, das ist nicht dein Ernst oder? Sag, dass heute der erste April oder sowas ist..." Die Stimme des ehemaligen Piloten klang ruhig und fest wie immer, aber Duo kannte ihn gut genug, um den Unterton darin wahrzunehmen, der niemandem sonst aufgefallen wäre. Diese Mischung aus Erstaunen, Panik und auch einem Funken Freude war genau das, was er selbst auch empfunden hatte.

Sofort wurde der junge Mann ernst. "Nein, Quat, ich meine es sogar todernst... ich hab ihn heute morgen bei uns im Krankenhaus gefunden, unter falschem Namen als Patient eingewiesen..." 

Quatre runzelte die Stirn. Sein Gehirn arbeitete auf Hochtouren und am meisten beschäftigte ihn dabei die Frage, woher und warum Heero so plötzlich aufgetaucht war. 
"Hat er eine Mission?", folgte der Blonde denselben Gedankengängen, wie Duo zuvor. Er kannte Pilot 01 ja fast genauso gut wie dessen Ex-Partner und er glaubte genausowenig wie sonst jemand aus ihrer Gruppe, dass der perfekte Soldat sich nach dem Krieg einfach so zur Ruhe setzte und einen auf Frieden machte. Das war dann doch unwahrscheinlich, um nicht zu sagen undenkbar, zumal der Mentor Heeros nicht gerade als Pazifist bekannt war.

Doch die Antwort Duos nahm ihm die letzte Hoffnung, einen ‚normalen' Heero wiederzubekommen.
"Nein, Kleiner, tut mir leid, er ist zu recht eingewiesen... ich hab kurz mit ihm geredet und er ist... völlig anders, um es mal zu verharmlosen... mal ist er ein neugieriges Kind, dann wieder melancholisch und plappert Zeug über Regen und Sonnenschein, dann wieder hilflos und ängstlich.... und Quatre... er hat... er hat geweint..... und er ist nackt herumgelaufen, als wäre es völlig normal für ihn, als würde er gar nicht wissen, wozu Kleidung gut ist.... Quatre ich hab Angst... ich meine, er war immer so stark, so eisig, nichts kam an ihn heran... und jetzt plötzlich... ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll... ich hatte mir immer so sehr gewünscht, dass er zurückkommt, dass er dann vielleicht... menschlicher ist, aber jetzt ist er wieder da und ich wünsche mir beinahe den alten Heero zurück, mit dem konnte ich wenigstens umgehen...."
Duo klang absolut verzweifelt und allein das trieb dem kleinen Araber beinahe die Tränen in die Augen. Er nutzte Duos Ausbruch, um seine eigenen Gedanken etwas zu ordnen. Chaos und Panik waren jetzt das Letzte, das sie gebrauchen konnten

Und seine Entscheidung fiel im selben Moment.
"Gib mir sechs Stunden, ich muss hier noch ein paar Sachen regeln, dann bin ich bei dir, ok? Ich verständige auch die anderen und du sei brav und mach keinen Unsinn, ja? Geh ein bisschen laufen oder in den Trainingsraum, aber bleib zu Hause... da bist du doch, oder?"
Duo bejahte verwirrt. Er kannte Quatres Tat- und Entschlusskraft, wenn er Jüngere sich etwas in den Kopf gesetzt hatte.
"Aber es sind doch schon fünfeinhalb Stunden Flug von L4... wie willst du das bitte alles schaffen?" Der Langhaarige wollte ja auch nicht, dass der Blonde alles stehen und liegen ließ und dabei womöglich noch finanzieller Schaden an WEI entstand. Doch insgeheim war er mehr als froh, dass sein Freund zu ihm kommen würde, er hatte im Moment das Gefühl, dass er das alles niemals schaffen konnte.

Eins von Quatres berüchtigten Lächeln blitzte auf, als dieser seinen armen, nichtsahnenden Sekretär fixierte, so dass es Duo beinahe durch die Leitung sehen konnte und ein eisiger Schauer lief dem Arzt über den Rücken. Das bedeutete Arbeit und Druck für die armen Mitarbeiter, die noch nichts von ihrem Glück ahnten.

"Mach dir keine Sorgen, Großer, ich krieg' das schon hin, aber ich mach jetzt Schluss, geh dich abreagieren, ok? Bis später..." Ohne auf eine Antwort zu warten klappte er das Telefon zu und sein Engelslächeln vertiefte sich noch etwas, als er entschlossen auf den Mann hinter dem Schreibtisch zumarschierte. 
"Allan, ich hab da ein paar Aufträge für Sie..."


In dem kleinen Raum herrschte Dunkelheit und es war so warm, dass die Gestalt auf dem Bett die Decke von sich gestrampelt hatte. Das Sonnenlicht, das durch einen winzigen Spalt der Rollos drang, malte einen Strich quer über den nackten Rücken, beleuchtete so die festen Muskeln der breiten Schultern.

Der Mann schlief friedlich und ruhig, als könne ihn nichts und niemand stören. Er war erst vor zwei Stunden ins Bett gekommen, weil eines seiner Zebras gefohlt hatte und es keine leichte Geburt gewesen war. 
Sein Atem ging tief und ruhig, sein ganzer Körper lag entspannt hingestreckt auf dem Laken, hob sich dunkel gegen den cremefarbenen Stoff ab. 
Die dunkelbraunen Haare waren über das große Kopfkissen verteilt und wirkten wirr und ungebändigt, so als wollten sie sich selbst jetzt keiner rechten Form unterordnen, obwohl sich ihr Besitzer tief im Reich der Träume befand.

Von draußen drangen nur sehr leise, gedämpfte Geräusche herein, das leise Schnauben von Tieren, die entfernten Rufe aus männlichen und weiblichen Kehlen, helles Kinderlachen, das Brummen eines Motors, nichts, was den Schlaf des jungen Mannes stören könnte, das alles waren Dinge, die er schon seit über zehn Jahren Tag und Nacht hörte und die zu seinem Leben gehörten wie die Tasse Kaffee morgens, das Publikum und das Wohnen in dem kleinen Raum.

Und in diese friedliche Idylle platzte auf einmal das laute, mißtönende Klingeln eines Handys.
Der Liegende stöhnte leise und unwillig, doch er riss sich zusammen, kämpfte sich nach einem kurzen Moment der Orientierung aus der horizontalen Position hoch in eine Art Schräglage, für die komplette Vertikale war er einfach zu erschöpft. Sein Rücken, nein, eigentlich alle seine Muskeln schmerzten und er wollte nichts, als sich einfach wieder hinlegen und weiterschlafen, doch das schien ihm nicht vergönnt. Wenn das Notfalltelefon ging, musste er ran, egal wie er sich gerade fühlte.
Ein anderes Gerät konnte es gar nicht sein, sein normales Vidphone hatte er ausgesteckt, er hatte keinen Nerv mehr gehabt, sich noch mit irgendwelchen Futtermittellieferanten oder Kartenvorverkaufsstellen herumzuärgern, die wurden jetzt alle direkt zu seiner Schwester Catherine durchgestellt, die war wenigstens vollständig wach.

Trowa warf einen Blick auf das Display. Was wollte Quatre denn um diese Uhrzeit? Der Blonde wusste normal um seine verschobenen Tageszeiten und rief deshalb immer erst gegen Abend an, wenn überhaupt. Sein bester Freund hatte sich seit einiger Zeit nicht mehr gemeldet, doch er nahm es ihm nicht übel. Aus der Zeitung hatte er erfahren, unter welchem Druck Quatre als Firmenchef im Moment stand und der Zirkusdirektor verstand, dass die Arbeit in jedem Fall vorgehen musste, es hing ja nicht nur die Existenz des Arabers und der Manguanacs an WEI, sondern auch Tausende von Arbeitsplätzen. 
Und trotzdem versetzte es ihm einen leichten Stich bei dem Gedanken, dass Quatre ihn vielleicht vergessen haben könnte, oder dass er dem Blonden nicht mehr wichtig war. Sein rationeller Verstand sagte ihm natürlich, dass das alles Unsinn war, aber sein subjektives Empfinden lief Amok, auch wenn ihm das niemals jemand angesehen hätte, außer vielleicht Quatre und der.... naja der war nicht zur Stelle, um ihm die Verlustängste zu nehmen.
Manchmal erschreckte es den Brünetten selbst, wie eng ihre Freundschaft eigentlich trotz allem noch immer war, daran hatte sich seit dem Krieg nichts geändert. Sicher, die Anderen nahmen bei ihm auch einen wesentlich höheren Stellenwert ein als andere Menschen, aber der kleine Araber war einfach etwas Besonderes, anders konnte er es nicht ausdrücken. 

Blinzelnd hob Trowa ab und meldete sich deutlich verschlafen.
"Ja?" Nicht mehr, aber etwas anderes wurde von ihm auch nicht erwartet. Er hatte noch nie viel geredet, doch den Jüngeren hatte es nie gestört, er hatte es stillschweigend akzeptiert, ihn trotzdem immer eingebunden, ohne ihn lästigerweise mit Worten zu überschütten, wie es Duos Art war, wenn er einen schweigsamen Gesprächspartner gefunden hatte. Der umgängliche Junge war immer diplomatisch gewesen, auch wenn er häufig seinen Kopf durchgesetzt hatte. Niemand widerstand einem Winner, schon gar nicht diesem. Mit seinem unschuldigen Äußeren könnte Quatre wahrscheinlich einen Heiligen zum Sündigen bringen, wenn er es nur wollte. Und Trowa war kein Heiliger. 

"Hi Trowa, tut mir leid, dass ich dich wecke, aber Duo hat mich vor einer Viertelstunde angerufen... sitzt du?" Quatre klang ernst, aber sanft wie immer.
Trowa hätte beinahe geseufzt. Wie immer hob die leise, angenehme Stimme seine Laune, egal, in welcher Verfassung er sich befand, der kleine Blonde schaffte es immer, ein Schmunzeln auf sein Gesicht zu bringen, allein durch seine Anwesenheit und sei es nur durchs Telefon.
Trotzdem konnte er sich diesmal einen sarkastischen Kommentar nicht verkneifen, er war einfach nur müde und hatte Schmerzen, an die Vorstellung heute Abend wollte er gar nicht erst denken. Das Publikum erwartete vollen Einsatz, egal, ob er sich nicht gut fühlte, oder keine Lust hatte, es wollte ihre Show sehen. 
Natürlich hätte er das auch Catherine machen lassen können, aber dazu musste es ihm wirklich schlecht gehen, obwohl sie sicherlich die Auftritte genauso gut ankündigen konnte, wie er selbst. Und doch, es war seine Aufgabe, also erfüllte er sich pflichtbewusst, auch wenn das bedeutete, dass er nur noch sehr selten als Artist in die Manege kam, was er doch sehr bedauerte. Er hatte seine Auftritte als Clown immer gemocht, aber was nicht ging, ging eben nicht, er konnte es akzeptieren, dafür war er viel zu stolz auf das, was er in seinen jungen Jahren schon erreicht hatte. Es gab schließlich nicht viele Artisten, die mit fünfundzwanzig bereits einen Zirkus übernahmen, mit allen Rechten und Pflichten, die dazu gehörten. 
Es war viel Verantwortung, aber bot auch viele Möglichkeiten und für ihn war es die berfriedigendste und erfüllendste Aufgabe, die er sich vorstellen konnte. Etwas Anderes konnte und wollte er nicht.

"Nein, Quatre, ich mache es jetzt wie meine Pferde und schlafe im Stehen, warum fragst du? Was hat denn das Nervenbündel schon wieder? SO schlimm kann es doch gar nicht sein?" So, damit wäre wohl sein heutiges Redepensum erschöpft. 
Leises Lachen am anderen Ende der Leitung. Der Araber nahm ihm seine Äußerungen nie übel, weswegen auch nur er sie zu hören bekam. Niemals hätte der Brünette so etwas gegenüber den anderen Piloten geäußert. Nur Quatre konnte ihn fast immer aus der Reserve locken. 

Mühsam krabbelte er jetzt doch von der Matratze in eine stehende Position und trat an die winzige Küchennische seines Wohnwagens. Er schaltete seine Kaffeemaschine ein und fischte sich eine Tasse aus dem Schrank. So wie der Jüngere im Moment klang, konnte das länger dauern.

"Schlimmer, glaub es mir, also schön, ich nehme an, du bist im Bett und nicht im Stall. Pass auf, Heero ist wieder aufgetaucht, bei Duo im Krankenhaus, aber nicht auf Mission, sondern als Patient." 

KLIRRRR. Bedauernd sah Trowa auf seine Lieblingskaffeetasse, die ihm vor Schreck aus der Hand gerutscht war. 
Schweigen. Was sollte er auch auf so eine Nachricht erwidern? Er seufzte leise. "Quatre... das ist nicht dein Ernst, oder?", fragte er sehr leise, sehr ruhig, ohne dass seine Stimme etwas über seine Gefühle verraten hätte. Für einen Moment erschien es ihm, als wäre er innerlich erstarrt. 
Heero war wieder da. Nach dreizehn Jahren. Was wollte er so plötzlich? Und warum ausgerechnet bei Duo? Na gut, die beiden hatten oft, fast immer zusammengearbeitet, aber noch nicht einmal von dem Langhaarigen hatte er sich verabschiedet, was wohl das Schlimmste an der ganzen Sache war. Und doch schien Duo ihn nicht sofort wieder vor die Tür gesetzt zu haben, sondern schien im Gegenteil alle Hebel, sprich Quatre in Bewegung zu setzen.

"Nein, Trowa, ich wollte es wäre so... Duo weiß auch nicht, was mit ihm los ist, er plappert scheinbar wirres Zeug, läuft nackt durch die Gegend, er scheint WIRKLICH ein Problem zu haben.... auch wenn es mir ein bisschen zu zufällig erscheint, dass er ausgerechnet in der kleinsten Privatklinik von L2 auftaucht, noch dazu unter falschem Namen... aber das kann ich nur vor Ort klären. Ich wollte dir nur Bescheid sagen..."

Trowas gerunzelte Stirn entspannte sich wieder und seine Mundwinkel hoben sich ganz automatisch ein winziges Stückchen. 
"Wir." Nicht mehr, was sollte er auch sagen? Der kleine Araber hatte natürlich recht, es war mehr als nur seltsam, dass Pilot 01 ausgerechnet bei Duo gelandet war, aber von hier aus konnte er den Dingen auch nicht auf den Grund gehen. Seine Neugierde war geweckt, jetzt wollte er wissen, was da los war. Und außerdem war es eine willkommene Gelegenheit, Quatre wiederzusehen... und natürlich auch alle Anderen! Er bezweifelte nicht, dass auch Wufei kommen würde, zähneknirschend und schimpfend zwar, aber er würde kommen, das verlangte wohl sein etwas verschobenes Ehrgefühl. Bei Treize und Zechs war er sich da nicht so sicher, die Beiden waren schwer einzuschätzen, auch wenn er es ihnen hoch anrechnete, dass sie die Welt vor einer entfesselten Relena bewahrten. Eigentlich hatten die Zwei ja nichts mit Heero zu tun, aber das würde er dann spätestens auf L2 sehen. 

"Ok, wir treffen uns dann bei Duo... danke Trowa... mach's gut." Damit legte Quatre wieder auf. Für einen kurzen Moment durchströmte den Dunkelhaarigen ein unglaublich warmes Gefühl, das er aber nicht so recht zuordnen konnte. Er verstand nicht so recht, warum ihm Quatre dankte, denn mal abgesehen von seiner Neugierde und selbst wenn er es Heero übel nahm, dass er nach dem Krieg einfach verschwunden war, so war da doch immer noch das Band zwischen ihnen, das sie untrennbar zusammenschweißte. Nicht nur der Krieg. 
Sie waren Freunde, mehr, eher wie Brüder, im Prinzip die einzige, richtige Familie, die sie jemals wirklich gekannt hatten und er würde genauso helfen wie Quatre auch. Dass der Blonde gerade dabei war, seine Firma auf den Kopf zu stellen, und in Kürze losfliegen würde, daran zweifelte er keinen Augenblick.

Einen Moment schloss er die brennenden Augen und lehnte die Stirn gegen den Schrank vor sich. Sofort sah er das kleine, runde Gesicht mit den leuchtend blauen Augen vor sich, die ihn immer anzulächeln schienen. Eigentlich wusste er nicht, warum sich Quatre immer mit ihm abgab, er war kein guter Gesprächspartner, war es nie gewesen. Die meiste Zeit saßen sie einfach nur still nebeneinander, hörten Musik oder gingen spazieren. Gelegentlich erzählte der Andere auch Kleinigkeiten aus seiner Firma, doch niemals zu aufdringlich. Ja, er fühlte sich... wohl bei Quatre, das konnte er nicht leugnen und es war doch auch nichts schlimmes, oder? Nein war es nicht.
Und doch blieb ein schaler Nachgeschmack in seinem Mund zurück, so, als hätte er irgendein wichtiges Detail übersehen. Dieses Gefühl hatte er eigentlich immer, wenn es um den Blonden ging. Ach was, er litt einfach nur an Hirngespinsten, er sollte lieber aufpassen, dass er mit seinen Füßen auf dem Boden blieb. Quatre und er waren sehr gute Freunde, punkt. Und dass er das genoß, das konnte ihm ja niemand verübeln, nicht wahr?
Mehr oder weniger zufrieden mit seinen Gedankengängen öffnete er die Augen wieder und raffte sich auf. Es gab noch eine Menge zu tun, bevor er losfliegen konnte.

Also räumte er die Scherben der Tasse weg, nahm sich eine frische und goß sich Kaffee ein, den er, schwarz wie er war, hinunterkippte. Sein Gesicht verzog sich kurz und mit einem Gähnen strich er sich die Haare ein wenig aus der Stirn, warf einen Blick in den Spiegel. Er sah mies aus, blass und mit Ringen unter den grünen Augen. Grauenvoll. 

Kopfschüttelnd schmiss er sich ein Hemd über und spritzte sich etwas kaltes Wasser ins Gesicht um wenigstens so wach zu sein, dass er draußen nicht gleich von irgendwas überfahren wurde, öffnete dann die Tür seines kleinen Reiches und kniff gequält die Augen ob des hellen Sonnenlichtes zusammen. Manchmal war die Familie schon wirklich kräfteraubend, das erkannte er in diesem Moment wieder. 

Mit unbewegter Miene trat er in die angenehme Wärme hinaus und machte sich auf die Suche nach Catherine.


Wufei befand sich in einer Art tiefer Trance. Sein Körper verrenkte sich noch ein wenig mehr, die Muskeln spannten sich bis zum Rande ihrer Belastbarkeit, und er hakte den rechten Knöchel hinter seinem Genick ein, langsam holte er das zweite Bein nach und machte mit ihm das selbe. Für einen unbedarften Außenstehenden hätte er im Moment einfach nur sehr verknotet ausgesehen und wenn er ehrlich war, genauso fühlte er sich im Moment auch.
Aber Übung war nunmal Übung, daran ließ sich nichts rütteln und für die absolute Elastizität seiner Muskeln war es nunmal unabdingbar, dass er sich mit solchen Übungen auf diesem Gebiet fit hielt.

Er war gerade so weit, dass er das schmerzhafte Ziehen kaum noch spürte, ein Gefühl, das er immer anstrebte, es erfüllte ihn mit Stolz ob seiner absoluten Körperbeherrschung, für die er fast alles tat. Das war immerhin ein Gebiet, auf dem er diesem impertinenten Merquise und diesem rechthaberischen Kushrenada überlegen war, sowas konnten die nicht! Allerdings plagte ihn von Zeit zu Zeit der Verdacht, dass sie es auch gar nicht können wollten, doch das sollte ihm gleich sein.

In dem Moment, als er sich völlig entspannte und losgelöst dem Gefühl hingab, geschah es. Das Unvoraussehbare, das fast Unmögliche, das, was seit Jahren nicht mehr passiert war, was er nie erwartet hätte, schon gar nicht JETZT: das Notfallhandy klingelte.

Seine eben noch wunderbar gelösten Glieder verkrampften sich etwas und wütend fluchend kämpfte er sich aus seiner jetzt äußerst unbequemen Pose in einer normale, krabbelte auf allen Vieren zu dem Bündel, in dem sich nebst dem wahnsinnig machenden Gerät auch sein Schlüssel und eine kleine Flasche Wasser lagen. 
Ungerechtigkeit!

Mit einem Griff hatte er es gepackt und drückte auf den grünen Knopf, um das Gespräch anzunehmen, ohne vorher einen Blick darauf zu werfen. 
"Was?", bellte er ungehalten in das Sprechviereck.

"Dir auch einen schönen guten Tag Wufei, wie geht's dir?" Quatre, auch das noch, der rief meistens nur an, wenn er irgendwas wollte. Ok, das war jetzt übertrieben, aber der Araber hatte jetzt wirklich ein äußerst schlechtes Timing, das machte der bestimmt mit Absicht.

Wufei grunzte nur ein ‚hn' in den Hörer, schloss dann mit wenigen Griff seine Freisprechanlage an, von seinem Freund wollte er sich nicht in seinen Übungen unterbrechen lassen, er hatte sowieso nur noch wenig Zeit, bevor die nächsten Schüler eintrafen und ihre Stunden haben wollten. Antworten wurden von ihm sowieso nicht unbedingt erwartet, Quatre würde schon sagen, was er wollte.

Er legte das Handy neben sich, noch in Reichweite für den Notfall, setzte sich dann im Schneidersitz hin und bog sein linkes Bein über die rechte Schulter, achtete darauf, dass er immer schön locker und unverkrampft blieb.

Die Antwort des Blonden blieb auch nicht lange aus, nachdem die Anstandspause vorbei war.
"Wufei, wenn du gerade irgendwelche Verrenkungen machst, lass es bleiben, das könnte sonst schmerzhaft werden...", riet er vorsichtshalber, was ihm aber nur ein katzenähnliches Fauchen und ein Brummen einbrachte. 
Na schön, wer nicht hören wollte, musste eben fühlen.
"Heero ist wieder da."

"Autsch!" Mit einem deutlichen Knacken eines Gelenks und einem leisen Schmerzenslaut kippte der kleine Chinese zur Seite, starrte einen Moment lang das unselige Gerät zornig an, bevor er sich entknotete, danach griff und es wieder an sein Ohr hielt.

"HN! Scherz!" Er konnte kaum glauben, was er da hörte, aber Quatre würde doch über so ein Thema keine Scherze machen. 

"Du hast richtig gehört, bei Duo im Krankenhaus." Knapp und präzise, wie es der Schwarzhaarige erwartete, wurden seine Fragen beantwortet. Das schätzte er so an Quatre, der Blonde stellte sich immer auf seinen Gesprächspartner ein, und blieb dabei doch immer gleich sanft und angenehm.

Er streckte sich lang auf dem Boden aus, versuchte, seine verkrampften Oberschenkelmuskeln dazu zu bringen, sich wieder normal benutzen lassen. Für einen Moment verarbeitete er einfach nur, was er soeben gehört hatte. Heero war also wieder da. Was wollte der kleine Verräter denn? Nach dreizehn Jahren auftauchen und sagen: ‚Hallo Leute, hier bin ich, tut mir leid, dass ich euch nach dem Krieg im Stich gelassen habe.'?
Wufei wusste ganz genau, dass er eigentlich nicht das Recht hatte, über den anderen Piloten zu urteilen, ja, er hatte sich doch selbst überlegt einfach zu verschwinden, es dann aber doch nicht gekonnt. Es war einfach eine Frage der Ehre gewesen, dass er blieb, auch wenn er sich bis heute von den Anderen distanzierte, nicht mehr so viel wie früher, aber immer noch spürbar genug.
Er war am liebsten für sich und Duo allein genügte um in ihm wieder die Gedanken an die wundervoll friedliche Einsamkeit der Berge aufkommen zu lassen. Aber er hatte sich nie gedrückt und auch er war froh gewesen, nach den jahrelangen Kämpfen nicht alleine dazustehen, sondern... Freunde zu haben, nicht nur Verbündete oder Kampfpartner, so schwer es ihm auch fiel, das zuzugeben. Sie hatten sich geholfen, auf die ein oder andere Weise. 

Quatre, indem er es ihm möglich gemacht hatte, ein Dojo zu eröffnen, auch wenn er das erst Jahre später erfahren hatte und nicht wenig gekränkt gewesen war, Duo, indem er ihn nach dem Friedensschluss in irgendwelche Clubs schleppte und ihm zeigte, dass es auch noch andere Dinge außer Kämpfen gab - auch wenn er seitdem solche Orte immer aufs peinlichste mied und den Amerikaner dafür gehasst hatte - und Trowa... naja er war eben einfach da. Sie hatten nie viele Worte miteinander gewechselt, einfach, weil sie beide schweigsame Naturen gewesen waren. Und doch hatte ihm der Ältere immer ein gewisses Gefühl von Ruhe und Kraft vermittelt, wenn er begann, an sich selbst zu zweifeln.

"Hn.... Mission?" Das wäre so der erste Gedanke, der ihm beim Namen ‚Heero' in den Sinn kam. Wenn es um Kämpfe ging war dieser Selbstmörder schlimmer als er selbst, manchmal schon fast unehrenhaft.
Und jetzt konnte er das Lächeln am anderen Ende der Leitung beinahe SEHEN. Quatre war wohl der Einzige, der ihn immer durchschaut hatte. Und doch hatte ihn der kleine Araber nie bedrängt, nie versucht, in seiner Vergangenheit zu wühlen, eine Tatsache, die er ihm sehr hoch anrechnete.

"Nein, das hab ich auch als erstes vermutet, er ist als Patient da... Duo meinte, er benimmt sich seltsam, läuft nackt herum, redet wirres Zeug... er ist nicht mehr der Heero, den wir gekannt haben, er scheint sich auch nicht zu erinnern..."
Anscheinend waren sie sich doch alle ähnlicher, als sie eigentlich gedacht hatten, doch aus irgendeinem Grund gab ihm das ein unglaublich warmes Gefühl im Bauch. Sie verband mehr als nur der Krieg, wesentlich mehr und bei solchen Gelegenheiten wurde ihm das immer wieder klar.
Aber war es nicht ein wenig ZU zufällig, dass Heero gerade dort auftauchte. Soviel er wusste, war das keine große, psychiatrische Anstalt und er bezweifelte doch mal ganz stark, dass der andere Pilot seinen eigenen Namen benutzt hatte, warum also genau dort? Seine Stirn runzelte sich minimal. 
Für einen Augenblick befand er sich im Zwiespalt. Eigentlich hätte er hier mehr als genug zu tun, andererseits war da sein Pflichtgefühl gegenüber seinen Freunden, vor allem gegenüber Duo, so nervig das Energiebündel ja auch oft sein mochte, der Langhaarige hatte nie zugelassen, dass sie in irgendeiner Art von Depression landeten, allein schon durch die Tatsache, dass sich nicht selten ihr Zorn auf ihn übertrug. Er war dem Anderen etwas schuldig, immer noch. Er seufzte lautlos in sich hinein, seine Schüler würden warten müssen.

"Bis wann kannst du da sein?" Keine Frage, ob es möglich war, ob es Unannehmlichkeiten bedeutete, ob irgendwas dagegen sprach. Wufei hätte so etwas auch als persönlichen Angriff gegen seine Ehre gewertet, das wusste Quatre ganz genau.

Der Schwarzhaarige warf einen Blick auf die Uhr, rechnete kurz. "Fünf Stunden", lautete seine kurze Antwort. Er wartete gerade noch den Abschiedsgruß des Anderen ab, bevor er auflegte und sich langsam erhob. Er hatte sich bei seinem kleinen Unfall eben übel den Oberschenkelmuskel gezerrt, was er jetzt, als er versuchte, das Bein zu belasten nur zu deutlich spürte. 
Mit zusammengebissenen Zähnen raffte er seine Sachen zusammen und humpelte zum Ausgang. Ungerechtigkeit! Immer dann, wenn er es nicht brauchen konnte, verletzte er sich, das Schicksal hatte eindeutig was gegen ihn! 

Er stellte sich auf den Hof und brüllte nach seinem Stellvertreter, bevor er zum Haupthaus wanderte, um seine Sachen, inklusive seiner Katze einzupacken. Er würde sicher längere Zeit auf L2 verbringen.

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Seufzend ließ sich Treize in einen Sessel fallen. Seine Füße schmerzten in den engen Stiefeln, aber er brachte einfach nicht die Energie auf, sich noch irgendwie zu bewegen. Dieses blöde Weib von einer Relena hatte doch wirklich gemeint, die ganze Nacht auf so einem bescheuerten Ball zu verbringen. Er hatte stundenlang in einer Ecke herumstehen und aufpassen dürfen, dass dem Prinzesschen niemand auf die Füße trat, während sein toller Freund sich mit irgendwelchen Schnepfen auf der Tanzfläche amüsierte.

Er hasste solche Anlässe wie die Pest, alleine schon, weil Zechs gezwungen war, mit Frauen zu tanzen und er selbst nur wenig Gelegenheit hatte, sich seinem Geliebten zu widmen. Ein verfluchtes Lied hatten sie zusammen gehabt, bevor ihn Zechs' Schwester wieder voll in Beschlag genommen hatte. Das kleine Gör fand es irgendwie toll, an seinem Arm durch den Saal zu marschieren und allen huldvoll zuzuwinken. 

Sanfte Hände schoben sich von hinten über die Schultern des Sitzenden, öffneten die Uniformjacke und die ersten Knöpfe des weißen Hemdes, streichelten ganz leicht über die freigelegte Haut, glitten dann weiter nach oben in die vollen, braunen Haare des Kommandanten, massierten die Kopfhaut leicht, lösten Verspannungen im Nacken, die Treize Kopfschmerzen bereiteten.

Er seufzte zufrieden und nach und nach entspannte sich sein Körper unter Zechs' Händen. Sein Lebensgefährte wusste ganz genau, wo er ihn anfassen und was er nach so einer Nacht und so einem Morgen machen musste.
Es war ja nicht damit getan gewesen, dass die kleine Peacecraft die ganze Nacht unterwegs gewesen war, heute morgen hatte sich auch fast gleich eine Besprechung angeschlossen, bei der sie zwar sowieso nichts zu sagen, dafür umso mehr zu kommentieren hatte und so war Treize gar nicht erst ins Bett gekommen, hatte nur eine halbe Stunde im Flugzeug gedöst und war jetzt absolut übermüdet und erschöpft.
Zechs dagegen hatte schon früher wieder in ihre Wohnung zurück gedurft und war jetzt um einiges ausgeruhter als der Ältere.

Treize grummelte leise, als die weichen Hände nur allzu schnell wieder verschwanden, doch er protestierte nicht weiter, als er bemerkte, wie der Blonde um ihn herumwanderte und sich schließlich an seinen Stiefeln zu schaffen machte. Auch konnte er sich ein erleichtertes Seufzen nicht verkneifen, als das beengende Leder von seinen Füßen entfernt wurde und die wundervollen Hände begannen, die schmerzenden Sohlen zu massieren.

"Wenn du so weitermachst, schlafe ich hier und jetzt auf der Stelle ein.....", nuschelte der Brünette leise und rieb sich über die schmerzenden Augen. An Tagen wie diesen verfluchte er seinen Job, Relena, einfach alles. Nur Zechs konnte ihn dann wieder aus seinem Tief holen und davor bewahren, die Arbeit einfach an den Nagel zu hängen. Genug Geld hätte der Befehlshaber auf jeden Fall gehabt, zumal ihnen ja auch noch die Hälfte des Peacecraft-Vermögens zur Verfügung stand, aber ohne eine Aufgabe würde Treize durchdrehen.

Der Jüngere lachte leise, ohne von den Füßen seines Freundes aufzusehen, die noch immer in seinem Schoß lagen und von seinen Händen bearbeitet wurden. 
"Nicht doch Schatz, du bist noch viel zu verkrampft zum Schlafen... dann tut dir heute Abend wieder alles weh und du wirst übellaunig...", neckte er den Älteren ein wenig, spürte dabei aber schon, wie sich die harten Muskeln langsam lockerten, er hatte ja auch immerhin mehr als genug Übung im Massieren.

Langsam und zärtlich strichen seine Finger unter den Hosenbeinen die festen Waden des Anderen entlang, fast bis zum Knie hinauf, weiter kam er nicht. Also zog er die Hände wieder zurück und machte über dem festsitzenden Stoff weiter.

Der Braunhaarige seufzte nur leise, ließ sich noch etwas tiefer rutschen. Zechs hatte ja recht, trotz seiner allumfassenden Erschöpfung war er irgendwie ruhelos, aufgekratzt wie immer nach einer schlaflosen Nacht. Er fühlte sich, als würde er jeden Moment tot umfallen und doch so wach, als könne er noch ewig weitermachen.

Zechs lächelte zufrieden und strich etwas höher, ertastete die festen Oberschenkelmuskeln des Größeren entlang. Seiner Meinung nach sah man Treize kein bisschen an, dass er die Dreißig schon hinter sich gelassen hatte, ganz im Gegenteil und nicht umsonst war er mehr als stolz auf seinen attraktiven Geliebten, um den sich ganze Scharen von Frauen rissen, von dem er aber wusste, dass er nur ihm gehörte. Gut, vielleicht nicht nur ihm, aber doch zumindest zu mindestens fünfzig Prozent. Und diesen Einfluss nutzte er voll und ganz zu seinem Vorteil aus.

Inzwischen hatten die schlanken Hände Treizes Körpermitte erreicht, streichelte sanft über die leichte Wölbung im Schritt des Älteren, entlockten der müden Kehle einen weiteren, wohligen Laut. Oh ja, Zechs wusste schon verflucht gut, wie er seinen Lebensgefährten in seinen Händen zu Wachs machte. Und der Brünette dachte gar nicht ans Protestieren, warum auch? Er würde nachher wunderbar entspannt einschlafen, während Zechs an ihn gekuschelt neben ihm lag und....

DütDütDütDütDüt.

Gepeinigt aufstöhnend schlug Treize sich die Hände vors Gesicht.
"Neineineineinein, Zechs ich will jetzt nicht, sag ihr, dass ich ausgewandert bin, tot oder sonstwas, aber ich will jetzt nicht zu IHR, bittebitte!", bettelte er flehend.

Eine weiche Hand streichelte ihm über die Wange. 
"Keine Sorge, Schatz, das ist nicht Relena, das ist das Notfalltelefon...", beruhigte Zechs seinen verzweifelten Freund, der sich daraufhin wieder etwas entspannte und jetzt, immer noch missgelaunt grummelnd in den Taschen seine Uniformjacke wühlte, um an das kleine Gerät heranzukommen. 

Zechs ließ sich nicht weiter stören und machte sich nun daran, Treize' Hemd ganz zu öffnen, mit den Fingerspitzen über die breite Brust und den festen, flachen Bauch zu streicheln, jede einzelne Rippe entlang und dem Brünette so ein weiteres, wohliges Geräusch entlockte. 

Mühsam riss der General sich zusammen und nahm das Gespräch an. 
"Gute Nacht, Quatre, was ist passiert?" Er hatte jetzt absolut keinen Nerv für Konversation und Smalltalk, er wollte sich einfach nur in den Armen seines Geliebten entspannen und dann schlafen und nie wieder aufwachen.
Nebenbei spürte er, wie seine Hose geöffnet wurde und warme, schlanke Finger sich ihren Weg unter seine Unterwäsche suchten. Er warf Zechs einen vernichtenden Blick zu, wehrte sich aber nicht, sondern hob im Gegenteil noch seine Hüfte etwas an, damit der Andere ihm die unbequeme Hose abstreifen konnte.
Diese Aktion wurde von einem triumphierenden Grinsen quittiert, was ihn allerdings wenig störte, solange der Blonde nur weitermachte.

Treize schaltete den Lautsprecher des Mobiltelefons an und lehnte sich in seinem Sessel zurück, ließ zu, dass Zechs sich einen Pfad über seinen Oberkörper entlangküsste, feuchte Spuren hinterließ, über die er kurze Zeit später sanft pustete, was dem Größeren angenehme Schauer über den Rücken jagte und ihn wieder leise seufzen ließ.
Er schloss seine Augen, hätte beinahe vergessen, dass er ja eigentlich noch telefonierte.

"Treize? Bist du noch dran?" 
Der Kommandant riss sich zusammen, suchte sich ein paar Gehirnzellen zusammen, die noch nicht auf dem Weg in seine Körpermitte waren, um zu antworten.
"Ja... ja sicher, ich hab nur heute Nacht nicht geschlafen.... was gibt's denn?", fragte er etwas gepresst, biss sich dann auf die Handkante, weil sich Zechs von keinem Handwedeln aufhalten ließ und inzwischen seinen Schoß erreicht hatte. Die langen, blonden Haare verdeckten Treize' Sicht, was er unter anderen Umständen sicher bedauert hätte, aber im Moment war er zu sehr damit beschäftigt, sich nicht anmerken zu lassen, dass ihn die weichen, feuchten Lippen und die geschickte Zunge seines Geliebten beinahe um den Verstand brachte.

"Ist Zechs auch da? Ansonsten musst du ihm das nachher erklären, ich sitze schon im Flugzeug..." Kam der Araber jetzt mal endlich auf den Punkt? Die Hand, die nicht das Telefon halten musste, grub sich tief in Zechs' Haare und versuchte, die Bewegungen zu lenken, doch der Andere dachte gar nicht daran, sich irgendwie beeinflussen zu lassen.
Die Erregung in dem großen Körper stieg unaufhaltsam und es wunderte den General selbst, dass er sich überhaupt noch artikulieren konnte. Zugegebenermaßen nicht besonders gut, aber es reichte.

"Hnnhmmmm ja..... er ist da... hört zu....." Gott, war das peinlich, aber wenn sein Freund jetzt aufhörte, würde er sterben, ganz sicher, ganz langsam und ganz qualvoll.

"Ok, dann passt auf, ich mach's kurz, gleich dürfte die Netzverbindung weg sein, weil ich aus dem Orbit austrete... in bin auf dem Weg nach L2, Duo hat mich vorhin angerufen, Heero ist wieder aufgetaucht. Aber er ist...."
Ein leiser Schmerzensschrei unterbrach ihn. 
"Treize? Zechs? Ist alles ok bei euch?!"

Treize war im Moment nicht fähig, zu antworten, dazu mussten erstmal die kleinen Sternchen vor seinen Augen wieder verschwinden. Das Gesicht gequält verzogen, hielt er sich die mehr als lädierte Körpermitte, denn Zechs hatte vor Schreck den Mund etwas zu schnell geschlossen du dabei nicht bedacht, dass er etwas Wertvolles zwischen den Zähnen hatte.

Der Blonde schnappte sich schnell das Handy, nachdem er soweit nach oben gekommen war, streichelte seinen Freund dabei entschuldigend über die Brust.
"Ja, wir sind noch da, Treize hat sich nur gerade was... eingeklemmt...", murmelte er dann verlegen und machte sich eine gedanklich Notiz, solche Aktionen nie wieder zu versuchen, wenn der Andere telefonierte, sonst würde es womöglich nochmal ernsthafte Schäden an wichtigen Körperteilen geben.

"Achso, also dann, ich wolle euch eigentlich nur informieren und euch anbieten, dass ihr auch kommen könnt, so wie ich Duo einschätze hat er genug Platz für alle..."

Fragend sah der Lieutenant den General an und der hatte sich inzwischen wieder so weit gesammelt, dass er mühsam nicken konnte. 
"Sicher kommen wir, kein Problem, wir müssen nur noch einen Aufpasser für Relena finden, aber ich denke, Dorothy kann das übernehmen, die schuldet uns sowieso noch einen Gefallen....", erwiderte der Langhaarige auf Quatres Angebot, machte dann Treize Platz, der sich stöhnend erhob und in Richtung Bad wankte, wohl um sich einen Lappen zum Kühlen zu besorgen. Na, da hatte er was angerichtet! Das würde er wohl nicht so schnell wieder gutmachen können. 

"Gib uns... sagen wir, vier Stunden, ich denke, wir können uns einen der neuen Gleiter... ahem... ausborgen...", umschrieb er sorgfältig den Umstand, dass diese schnellen Beförderungsmittel eigentlich der Königin vorbehalten waren. Sie würden ihr einfach erzählen, dass das Gefährt sich in der Reparatur befand, sollte seine Schwester dumm fragen und damit war das schon in Ordnung. Zu irgendwas musste sein Name ja wohl gut sein.

"Ist gut, ihr kennt den Weg ja, oder? Macht's gut!" Und damit war Quatre weg, etwas abgebrochen, da die Netzverbindung nun endgültig abgeschnitten war. 
Seufzend legte Zechs auf. Das hatte ihnen jetzt gerade noch gefehlt!

Die Situation war im Moment sowieso angespannt, da Relena sich mit dem Gedanken trug, nun endlich zu heiraten, eine Dynastie zu gründen und so weiter, so genau hatte er ihr beim letzten Mal auch nicht zugehört. Jedenfalls klang es nach Stress und Unannehmlichkeiten für Treize und ihn. Noch hatte sie keinen geeigneten Kandidaten gefunden, auch wenn sie endlich begriffen hatte, dass Pilot 01 nicht irgendwann mit einem riesigen Strauß Rosen vor ihrer Tür stehen und sie um ihre Hand bitten würde. Es war ein hartes Stück Arbeit gewesen, ihr das klar zu machen und hatte ihn mehr Nerven gekostet, als er eigentlich besaß. Dieses ganze, kindische Getue ging ihm so auf den Geist, die Oberflächlichkeit, die endlosen Bälle und Soireen, die nutzlosen Besprechungen und Konferenzen. Er bewunderte Männer wie Quatre Winner ehrlich, die sich sowas Tag für Tag, Abend für Abend antaten und dabei noch wirklich effizient arbeiteten. Für ihn wäre das nichts.

Sicher, es machte ihm schon manchmal Spaß, seine Macht zu benutzen, aber im Großen und Ganzen war es einfach nur lästig, als Bruder der Königin dauernd im Rampenlicht zu stehen, weswegen er in der Öffentlichkeit fast ausschließlich seine Maske trug und nur sehr selten als Milliardo Peacecraft auftrat. Als Zechs Merquise konnte er einfach nur Soldat und Lebensgefährte sein, sonst nichts und das war alles, was er brauchte.

Nur jetzt sollte er sich schleunigst um die im Moment wichtigen Dinge kümmern, sprich: einen Babysitter für seine Schwester besorgen und seinen lädierten Freund verarzten, damit dieser den Flug einigermaßen schmerzfrei überstand.

Also wählte er die Nummer von Treize' Cousine Dorothy Catalonia und folgte seinem Geliebten dann ins Badezimmer um zu sehen, wieviel Schaden er angerichtet hatte, und ob alles Wichtige noch an dem Platz war, wo es hingehörte.
Ihm graute vor dem, was ihnen noch in der nächsten Zeit bevorstand und vor allem vor den Tiraden seiner kleinen Schwester, der er ja schlecht den wahren Grund ihrer Reise erklären konnte. Die war im Stande und setzte sich ins nächste Flugzeug, nur weil ihr angeblicher Märchenprinz wieder aufgetaucht war. Und eines wusste er ganz genau: wenn Heero krank war, egal wie, dann war Relena die Letzte, die sie in seiner Nähe gebrauchen konnten, der Pilot brachte es womöglich sonst noch fertig und sprang aus dem Fenster.
Verdenken konnte er es ihm nicht.

So aber würden sie ihr wohl nur erzählen, dass sie Duo besuchen würden, weil der Probleme hatte, was eine Schimpfkannonade auf die ‚Straßenratte' nach sich ziehen würde, aber das war noch immer besser als alles andere.
Er war ehrlich gespannt, was sie heute Abend über den Zustand seines ehemaligen Feindes erfahren würden, denn die anderen vier Jungs waren ihm im Lauf der Jahre wirklich ans Herz gewachsen, wohl genauso wie Treize, sie waren wirklich gute Freunde geworden, sogar mit Wufei und das war mehr, als sie eigentlich am Anfang hatten erwarten können. 

Quatre hatte seinen Freund sogar unterstützt, als dieser nach dem Krieg so schwer verletzt worden war und eigentlich kaum noch Hoffnung bestanden hatte. Der kleine Araber hatte nicht nur Zechs Mut gemacht und das hatte dem Soldaten mehr imponiert als alle anderen großartigen Gesten. Diese simple Art, ein Friedensangebot zu machen war so rührend gewesen, dass er gar nicht anders gekonnt hatte, als es anzunehmen. Und er hatte es bis heute niemals bereut. 

Jetzt war es eben an der Zeit, etwas für seine Freunde zu tun und genau das würden sie auch, sie würden sich für die Hilfe und den Beistand der letzten Jahre revanchieren, auch wenn Heero das vielleicht gar nicht wollte. 


Fortsetzung folgt