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Er

Original/ reale Welt [NC-14] [abgeschlossen] 

[Yaoi][Sap]

Einteiler

Inhalt: 
ER liebt IHN schon eine Ewigkeit. Doch ER hat nicht den Mut, IHN anzusprechen.
ER liebt IHN schon eine Ewigkeit. Doch ER hat nicht den Mut, IHN anzusprechen.

Widmung:
Diese Story widme ich mal meiner kleinen Schwester Marion. *Wink* Hab dich schrecklich lieb, Maus! Halt die Ohren steif! Bleib so, wie du bist, es sei denn, du willst dich selbst ändern!!! *Flausch* *Knuddel* *Mangas klauen kommt* Hähä... :P

 


 

ER

Tilo:


Gefrustet strich Tilo sich durch das kurze, stachelige Haar. Es brachte einfach nichts!

„Versuch es noch mal!“, drängte Nadya, ließ einfach nicht locker.

Tilo seufzte genervt auf, doch eigentlich war er dankbar für die Sturheit seiner Freundin. Immer wieder zwang sie ihn, von vorne zu beginnen. Wieder und wieder. Bis er jeden Schritt konnte. Keine Fehler mehr machte, reif für die Bühne war!



Tilo rappelte sich wieder zusammen.

„Okay, noch mal“, gab er sich geschlagen und ging in Position.

Marina, seine Tanzpartnerin, nickte. Wieder setzte die Musik ein.

Drei Schritte nach rechts. Kopf zurück. Oberkörper folgte. Eine perfekte Welle, die auch seine Beine mitnahm. Wieder hoch. Wieder drei Schritte nach rechts. Langsam näherte sich Tilo Marina, welche hingegen von ihm wegtanzte. Ihr Gesicht war entstellt, eine Maske aus Angst und Verzweiflung. Tilos Gesicht hingegen mit gierigem Ausdruck, den Mund zu einem Grinsen verzogen, war er ihr Gegenpart.



Er wurde schneller. Seine Bewegungen abgehackter, gezielter.

Marinas Gesichtsausdruck veränderte sich Synchron, wurde noch hilfloser, noch panikartiger.

„Super! Perfekt! Und jetzt – greif sie!“ Nadya war Feuer und Flamme, so wie immer. Und trotzdem vermassle Tilo es! Er sprang auf dem falschen Takt ab, flog etwas zu weit, kam einen halben Schritt zu sehr rechts von Marina auf. Und dieser stieß einen genervten Schrei aus!

„Tilo, du verdammter Idiot!“ Die unschuldige Maske, die ihr Gesicht während der Probe gezeigt hatte, zersprang. Wut, ja, fast Hass, sprach aus ihren Augen.

„Was soll die Scheiße?! Du bist doch... ein Arsch!“

Mit diesen Worten stürmte sie von der Bühne. „Ich habe keinen Bock mehr!“ Sie schnappte sich ihre rot-blaue Sporttasche und rauschte davon, in Richtung Mädchenumkleiden und unterband so augenblicklich Tilos Versuch, ihr zu folgen.



Entmutigt ließ der Tänzer die Schultern hängen. Tränen stiegen ihm in die Augen und er hob die Hand, um sie zu verbergen. Doch was sollte er vor Nadya, die ihn durch und durch kannte, schon verbergen?

Ihre schlanken Arme legten sich um ihn.

„Was ist los, Süßer?“, fragte sie mit ihrer etwas rauen Raucher Stimme.

„Was machst du denn? Marina ist zwar eine saudoofe Kuh, eingebildet, hochnäsig und arrogant, dass sie stinkt bis nach Afrika...“ Nadyas Stimme war voller Abfälligkeit, dennoch blieb sie knallhart ehrlich: „Aber ich kann sie auch verstehen. Ihr bleibt jetzt schon seid zwei Wochen jeden Dienstag eine Stunde länger und übt nur zu zweit für den Auftritt. Aber trotzdem macht ihr kaum Fortschritte. Und, Tilo: es liegt nicht an dieser Ziege.“



Sosehr Tilo die Ehrlichkeit seiner Freundin schätze, umso mehr schmerzte sie nun.

„Es liegt an... Ihm“ Er schluchzte tatsächlich.

„An Ihm?“, fragte Nadya erst verwirrt. Doch dann seufzte sie. „An Ihm.“ Wiederholte sie für sich selbst.

„Ist’s schlimmer geworden?“

Tilo nickte. Und dann begann er endgültig zu weinen und zu schluchzen. Und Nadya war da und beruhigte und beschützte ihn, sagte ihm, alles würde gut werden und gab ihm die Kraft, Heim zu gehen. Zurück zu Ihm. Wo Er ihn erwartete. Mit all Seinen überwältigenden Gefühlen.

___



Es ging schon im Treppenhaus los. Tilos Augen brannten, waren wund vom weinen und rot. Dennoch war er augenblicklich hellwach, als er sich dem Hochhaus in der Narzissengasse näherte.

Sein Blick huschte über den Boden, suchte Spuren von ihm. Suchte ein Zeichen.

Dann, an der Aufzugtür, blickte er sich wieder um. Eigentlich nahm er immer die Treppen, um in den fünften Stock, in dem er wohnte, hinaufzujoggen. Es war gut für seine Kondition, zusätzlicher Sport und hielt Beine und Po straff. Doch Tilo wusste, dass Er niemals die Treppe nutzte, sondern immer Aufzug fuhr. Und einmal hatte er einen öligen Fingerabdruck auf dem Griff der Aufzugtür gefunden. Es war wie ein Weihnachtsgeschenk. Denn der Fingerabdruck konnte nur von Ihm sein! Seid dem fuhr Tilo jeden Tag Aufzug – und glaubte manchmal, Ihn noch riechen zu können. Diesen Geruch nach Arbeit und Öl, etwas abgestanden zwar, aber auch mit einer Note Aftersave und Deo. Eine berauschende Mischung, die Tilo auch jetzt, auf dem Weg nach Oben, tief in die Nase zog. Herrlich!



Nur vorsichtig öffnete der Blauhaarige kurze Zeit später die Sicherheitstür des Aufzugs, trat langsam auf den Gang hinauf. Er blickte sich um, sein Herz pochte Wild.

Einerseits hatte er Angst: Was würde er tun, wenn er Ihm gerade jetzt über den Weg lief?

Andererseits: Was könnte es Schöneres geben?

Doch der Gang war leer.

Enttäuscht, aber wachsam, Ausschau haltend, ging Tilo zu seiner Wohnungstür. Sein Blick war an der Tür drei weiter festgesagt. Ob sie aufgehen würde? Er herauskam? Auf ihn zukommen würde? Die Arme ausgestreckt? Ihn zu empfangen? Die Lippen gespitzt? Um ihn zu küssen?



Ja, tatsächlich! Tatsächlich! Die dunkelbraune Tür öffnete sich! Er trat heraus! Er! Er! ... und zerplatzte Sekunden später zu der Traumblase, die es gewesen war.



Tilo riss die Augen auf. Panikartig rammte er den Schlüssel ins Türschloss, riss seine Wohnungstür auf und schmiss sie Sekunden später mit einem solchen Knall hinter sich zu, dass man ihn sicher noch vier Straßen weiter hörte.

Schon wieder!



Mit rasendem Herzen lehnte Tilo sich gegen die Tür, ließ die Stirn gegen das Holz fallen, wo sie mit einem leisen Knall gegen schlug. Er schluchzte erneut auf.

Es geschah ihn letzter Zeit oft, dass er Ihn einfach so sah. In der Straße, im Kaffee, irgendwo. Aber es war immer nur Einbildung, immer nur Wünsche, so stark geworden, dass er Ihn wirklich zu sehen glaubte.

Nachts, alleine, in seinem Bett, da war das ja ganz praktisch. Aber inzwischen nahm er Ihn auch ins Alltagsleben mit hinein. Und zwar so sehr, dass es ihm Angst machte.

Konnte dass denn noch normal sein?


Er schlich zum Telefon.

Nadya, seine einzige Rettung jetzt.

„Hallo?“

„Ich glaube, ich werde wahnsinnig.“

„Tilo?“

„Es ist mir schon wieder passiert.“

„Oh Nein...“ Nadya stöhnte auf und Tilo weinte erneut richtig los.
“Ssssscht... ssscht... alles ist okay. Tilo, alles ist gut, ja?

Du bist nicht verrückt! Nur sehr, sehr schwer verliebt. Ganz ruhig... Tilo, bitte...“

Nadyas Worte waren wie ein warmer Regen, der auf ihn niederprasselte. Aufmunternd und fürsorglich. Sie konnte seine Tränen trocknen und verstand ihn als einziges.



Es verging dennoch eine ganze Weile, ehe Tilo endlich erschöpft schniefen konnte: „Danke, Nadya, jetzt geht’s mir besser. Aber... ich hatte gerade so Angst...“

„Kein Problem, du weißt, dass du mich jederzeit anrufen kannst. Besser du rufst mich an, als alles in dich hineinzufressen. Jederzeit, Süßer! Jederzeit.

Und weißt du, was du jetzt machst?“

Tilo verneinte.

„Jetzt kochst du dir ein lecker Süppchen, gehst dann laaange Baden und ins Bett. Schlafen. Und Morgen früh kommst du ausgeruht zu den Proben und zeigst unserer Marina-Schlampe, wie gut du tanzen kannst, ja?“

Tilo lachte auf, lehnte sich schon etwas entspannter in seinem Sessel zurück.



„Nein, Mausi, ganz so geht es leider nicht. Ich habe doch ein bisschen was anderes geplant.“

„Was denn, lass hören!“ Die Hintergrundgeräusche verrieten, dass Nadya es sich auf ihrem Lieblingssandsack gemütlich machte. Der Ort, an dem sie immer saß, wenn sie ein langes, intimes Gespräch mit ihrem besten Freund suchte.

„Ich werde mir jetzt kein Süppchen kochen, sondern...“

„Nudelauflauf...“ Nadya stöhnte das Wort nur noch genervt. Tilo kicherte.

„Genau. Und dann werde ich joggen gehen. Und dann... vielleicht wirklich baden und ins Bett.“

„Joggen willst du? Jetzt noch?“ Nadya hörte sich aufgebracht an. Aber auch besorgt.

„Power dich nicht zu sehr aus! Du musst fit sein für die Proben, versprochen?“

Tilo versprach es, beendete das Gespräch jedoch schnell und sie sandten sich bloß noch ein Küsschen übers Telefon zu. Dann legte der Blauhaarige auf.



Nadya war mit Abstand das Schönste am Schwulsein. Denn mit einem Heteromann hätte die junge Frau nicht halb so viel anfangen können, dass hatte sie ihm schon oft genug gesagt.

Wie geplant machte Tilo sich seinen Nudelauflauf. Nicht, weil er ihn selbst mochte. Nein, weil ER ihn mochte!

Und seitdem Tilo das wusste, ernährte er sich eigentlich nur noch von Nudelauflauf. Jeden Tag. Und hatte auf diese Weise schon allarmierend viel zugenommen, nicht gerade praktisch für seine Zukunft als Musicaltänzer. Wer wollte schon einen dicken Dämon auf der Bühne haben?

Dennoch aß Tilo mit Genuss – bis das Telefon wieder klingelte.



„Mausi?“ Nadyas Stimme.

„Gut, dass ich dich noch erwische. Ich dachte, du wärst schon los. Mausi, hör mal: ich mache mir ernstliche Sorgen...“

„Das brauchst du doch nicht, ich...“ Tilo hustete los, hatte sich an einer Nudel verschluckt.

Nadya nutzte die Chance, einfach weiter zu reden:

„Ich würde heute gerne zu dir kommen. Wann bist du vom Joggen zurück?“

Tilo widersprach gar nicht, dazu hatte er Nadya viel zu gerne da.

„Um sieben. Gleich will ich los, dann eine Stunde lang. So um sieben?“

„Gut, ich bin dann da.“ Klick. Sie hatte aufgelegt.

Tilo seufzte, machte sich an den Abwasch.



Die ganze Zeit über konnte er nur an Ihn denken. Wie schon seit Tagen. Wochen. Monaten! Inzwischen fast einem Jahr!

Eigentlich sagt seit dem Tag an, an dem Tilo in die kleine Mietwohnung eingezogen war. Und ihn zum ersten Mal gesehen hatte.

In seiner blauen Latzhose, ölverschmiert und verschwitzt. Gerade von der Arbeit gekommen hatte er Tilo angerempelt, als dieser eine Umzugskarton ins Haus getreten hatte.

„Entschuldigung.“ Dieses Wort hallte immer wieder in Tilos Kopf. Diese dunkle, volle, männliche Stimme, dieser tiefe Bass, der alles in ihm zum schwingen brachte, den er nachts seinen Namen stöhnen hörte, wenn er selbst Hand anlegte...



Tilo spürte, wie seine Hose enger wurde, allein die Erinnerung ihn so sehr erregte.

Schnell rief er sich ins Gedächtnis, dass es gleichzeitig das einzige Wort gewesen war, dass sie jemals gewechselt hatte. Gewechselt? Dass er zu Tilo gesagt hatte! Denn dieser hatte vor lauter Verdutzung noch nicht mal regiert...

Tilo schmiss das Handtuch neben die Spüle, zog sich plötzlich wütend zum Joggen um.
Warum? Warum hatte er damals nichts gesagt?

Weil er von diesen tiefen, grünen Augen verzaubert gewesen war... Noch immer prickelte die Stelle, an der die zum Zopf gebunden Haare damals Tilos Wange gestreift hatten.
Wie es sich wohl anfühlte, durch das lockige, hellbraune Haar zu streichen...?



Tilo machte sich so schnell fertig, wie er konnte, denn floh er geradezu aus seiner Wohnung.

Joggen war eine Sache, die ihm vieles erleichterte. Wenn er rennen konnte, konnte er dem Gedanken an Ihn freien Lauf lassen, konnte sich in ihnen sonnen. Und irgendwann, wenn er genügend erschöpft war, ließ der innere Druck nach. Ließ das Verlangen zu schreien und zu weinen, zu toben und zu schlagen nach. Und er schleppte sich Heim, kippte ins Bett und ging am nächsten Morgen zu den Proben. Jeden Tag das selbe Spiel.



Tilo joggte die Straße hinab, in den Stadtpark, indem er immer seine Runden drehte.

Wie lange würde es noch so weitergehen?

Bis sich etwas änderte.
Doch was sollte sich ändern?

Den Mut, ihn anzusprechen, würde Tilo niemals aufbringen.

Und wenn er sich neu verliebte?
Dazu musste er sich erst einmal entlieben. Und dass konnte er nicht! Nicht von diesem Prachtexemplar! Nicht von diesem Mann! Niemals!

Er joggte seinen Weg, verfluchte sich in Gedanken selbst. Ein einziges Wort nur! Ein einziger Schritt.



Doch wenn er nicht schwul war? Welcher Kfz-Mechaniker war schon schwul? Und würde auch noch ausgerechnet auf ihn abfahren?

ER sicher nicht!

Verzweifelt erhöhte Tilo das Tempo, um auch wirklich außer Puste zu sein, wenn er den Heimweg antreten musste, damit er Nadya nicht verpasste.


Oliver:

Wie immer lauerte er hinter der Tür.

Ja, er lauerte.

Viel Kraft und Überwindung hatte es ihn gekostet, doch nun konnte er langsam wieder in den Spiegel schauen. Sich selbst in die Augen schauen.

Wie lange hatte es gebraucht, bis er den Schock verarbeitet hatte? Wochen? Monate? Ja, sicher einige Monate.



Oliver seufzte leise, umfasste die Teetasse in seiner Hand fester. Sein Kopf ruhte an der Tür, die Augen waren geschlossen. Er zählte die Sekunden.

Warum kam Er auch immer dienstags so spät? Was gab es noch zu tun, dass den blauhaarigen Gott von nebenan nicht sofort nach der Arbeit wieder heimkommen ließ? Was war der Grund, aus dem Er seit Wochen jeden Dienstag erst so spät am Abend heimkam?

Oliver befürchtete das Schlimmste. Wenn er eine Freundin...?


Seine Zähne knirschen aufeinander, als er den Kiefer anspannte.

Doch dieses Mal würde er es tun! Dieses Mal würde er Ihn ansprechen! Ganz zufällig! Er hatte alles genau geplant!

Oliver nickte sich selbst zu, schlenderte dann demonstrativ einige Schritte von der Tür weg in seine eigene Wohnung.
Doch wem wollte er etwas beweisen? Nur sich selbst, denn er lebte ja allein.

In der Küche machte er sich einen neuen Tee. Seitdem er Ihn kannte war er zu einem einzigen Teevernichter geworden. Am Anfang war es Kaffee gewesen, doch bei den Mengen, die er durch Ihn konsumierte, wäre das schnell schädlich geworden.

Also Tee.

Mit der Tasse stellte er sich wieder hinter die Tür. Und wartete. Darauf, dass der Moment kommen würde.



Und als er kam...klappte doch nichts so, wie er es sich vorstellt hatte.
Er hörte die Schritte. Das gleichmäßige, langsame, rhythmische, einer einzigen Melodie gleichende Klackern, das die edlen italienischen Schuhe auf dem rauen Betonboden des Hochhausflures verursachten.

Oliver spannte sich an. Unbewusst zählte er die Schritte mit. Jetzt musste Er an der zweiten Tür vorbeigehen – jetzt an der Dritten.

Gleich würde er vor seiner Wohnung stehen, die nur zwei Türen von Olivers entfernt lag.
Er legte die Hand auf die Türlinke, drückte sie langsam hinab.

Dann verharrte er. Er hoffte, betete, aus irgendeinem Grund, dass es nun bei ihm klingeln möge. Dass er den anderen nicht zu seiner Tür würde kommen gehört haben, dieser klingelte und ihn mit einem strahlenden Lächeln fragen würde, ob sie nicht ein Bier zusammen trinken wollten. Einfach so.



Völlig unmöglich!

Oliver nahm die Hand wieder von der Türklinke. Völlig unmöglich.

Und so stand er da. Wie sooft die letzten Tagen und Wochen. Anfangs noch mit der festen Überzeugung, es an diesem Tage zu schaffen. Doch er hatte es nie geschafft, war danach immer unendlich enttäuscht – von sich selbst.



Ein lauter Knall riss Oliver aus seinem Gedanken!

Er schrak zusammen, riss, ohne weiter nachzudenken, die Wohnungstür auf und stürmte auf den Flur.
Der Knall konnte nur von Ihm kommen. Denn Er war noch nicht in seiner Wohnung! Oliver hörte das leise Klicken des Türschlosses jedes Mal, wenn Er in seine Wohnung schlüpfte. Das LEISE Klicken, nicht einen solch lauten Knall!

Was war passiert?



Doch auf dem Flur war niemand mehr.

Oliver spürte sein Herz jagen. Der Schreck saß ihm in alles Gliedern.
Was veranlasste Ihn dazu, die Tür so laut zu schließen?

Oliver sah sich um. Auf dem Flur war wirklich niemand.



Langsam näherte er sich seiner Tür.

Und wenn er sie in diesem Moment noch mal öffnen würde? Aus irgendeinem Grunde aufreißen und ihm in die Arme fallen würde?

Oliver hoffte, dass genau dieses geschehen möge – doch es passiert natürlich nichts.
Er stand vor der Tür, nur auf Socken, und starrte das lackierte Holz an. Um wenige Sekunden später erneut entsetzt zusammenzufahren!



Aus dem inneren der Wohnung kam ein weiterer Knall. Doch dieser war leiser, dumpf und... nah.

Ganz nah! Direkt hinter dem Holz!

Hatte Er etwas gegen die Tür geschmissen?

Oliver sah sich um, als er sicher war, dass ihn niemand beobachtete, trat er an die Tür, legte das Ohr ans Holz.

Weinte dort jemand?
Er glaubte, leises Schluchzen zu vernehmen.



In Oliver zog sich alles zusammen.

Ganz von selbst hob sich seine Hand, näherte sich der Klingel und legte sich auf den kleinen, einfachen, schwarzen Knopf. Er drückte langsam....

Und schrak dann zurück.
Was war er im Begriff zu tun gewesen? Hatte er wirklich klingeln wollen? Bei IHM? Einfach so?
Schnell drehte sich der bezopfte junge Mann herum, hastete in seine Wohnung zurück und wollte die Tür hinter sich zuschmeißen. Besann sich dann aber anders und schloss die Tür leise.

Sein Herz jagte wie verrückt in seiner Brust. Er hatte beinahe geklingelt! Hätte Ihm beinahe gegenüber gestanden! Ihm! Und sich dann völlig zum Trottel gemacht, wenn er nicht gewusst hätte, was er sagen sollte!



Erst jetzt registrierte Oliver, dass er sich den Tee über die blaue Arbeiterlatzhose gekippt hatte. Er verzog das Gesicht. Der Tee war noch heiß gewesen, und die Brühe sickerte nun durch den Stoff auf seine Brust, brannte dort!

Oliver eilte ins Bad, riss sich die heißen Kleider vom Leib und schmiss sie in die Badewanne, dann zog er sich kurz entschlossen ganz aus. Eine Dusche würde sicher gut tun!



Doch der heiße Wasserstrahl brachte alles andere als Entspannung.

„Das sollte ich nicht tun. Wenn Er gleich joggen geht bin ich vielleicht zu schwach, um hinterherzukommen.“

Oliver hoffte, der Klang der eigenen Stimme würde ihn abkühlen, doch es klappte nicht. Er spürte die Erregung in sich wachsen, die Lust aufsteigen und seine Männlichkeit hart werden. Das herrlich prassende Wasser tat sein übriges.

Als ob es SEINE Hände wären. SEINE Lippen, die seine Haut versengten. Sein heißer Atem, der über das Gesicht des Braunhaarigen strich.



Ein Stöhnen entfuhr dem jungen Mann, als er sich selbst zu streicheln begann. Seine Hände über seine Brust und seinen Bauch hinab, zwischen seine Beine glitten. Dort das harte Glied griffen, mit der Vorhaut zu spielen begannen.

„Verspielt ist Er sicher auch“, wisperte Oliver und beschwor Gedanken, die er schon viel zu oft gehabt hatte. Sündige Gedanken – in jeder Nacht.



Daumen und Zeigefinger strichen langsam über den Stamm des harten Gliedes, der Ringfinger tippte einmal kurz gegen die entblößte Eichel. So würde Er es sicher auch machen. Langsam, verspielt, reizend, auskostend.

Oliver dachte an die langen, schlanken Finger. An den Ring am linken Daumen. Mit diesem würde Er sicher über seine Hoden schaben, ganz leicht nur.

Oliver stöhnte auf. Bestimmt!

Und der Mund mit den wohlgeformten, geschwungenen Lippen – er würde über seinen Hals kosen, die Zähne sanft die Haut ritzen, die Zunge über die Stellen lecken…

Oliver warf den Kopf zurück, sein Becken stieß vor, ohne, dass er es verhindert konnte – wollte.


Er war so erregt, dass nur noch verschwommen sah, die Augen nun einfach schloss. Schweiß bildete sich auf der Haut, schmeckte salzig, als er vom Wasser direkt fort getragen wurde.
Er umfasste sein Glied fester stich in langsam Zügen daran auf und ab.

Er stellte sich die blauen Augen vor, wie sie wohlwollend seinen Körper mustern würden, nach Stellen suchen, wo sie ihn als nächstes so süß quälten sollten. Er stellte sich die langen, schlanken, unendlich geilen Beine vor, wie sie seine Lenden umschlingen. Die schmale, attraktive Brust, wie sie sich zurückwölbte, wenn der andere ihm seinen Unterleib darbot.



Oliver löste eine Hand von seiner Männlichkeit, legte sie auf die warme, weiche Brust des anderen. Er streichelte die harten Knospen dort, reizte die Nippel etwas. Deutlich konnte er Stöhnen hören, der Schrei nach ihm, dass er ihn endlich nehmen sollte!

Oliver stieß erneut sein Becken vor, sein Keuchen und Stöhnen erfüllte den ganzen Raum.
Er strich schneller über seine Erregung, biss sich auf die Lippen und führte auch die zweite Hand zwischen die Beine zurück.
Sein Körper bewegte sich von selbst, ließ sich nicht mehr kontrollieren. Bis zum erlösenden Moment!

Oliver bäumte sich auf. Sein Samen spritzte gegen die Duschwand, wurde sofort vom Wasser fortgespült, verschwand als Spuren seiner Tat im Abfluss.


Der junge Mann sackte zusammen, lehnte sich erschöpft gegen die kühlen Fliesen.

Die Intensität mit der er jedes Mal kam überraschte ihn immer wieder selbst.
Aber allein der Gedanken an den einfach nur umwerfenden Körper, die beeindruckenden Augen und den ganzen Mann ließen ihn schon wieder erhärten.



Schnell drehte Oliver das kalte Wasser auf, kühlte sich endgültig ab.

Er durfte sich nicht zu sehr verausgaben, schließlich hatte er den mit Abstand härtesten, aber auch schönsten Teil des Tages noch vor sich!

Er kletterte aus der Dusche, ließ sich viel Zeit im Bad. Rasierte und pflegte sich, hatte dabei die Hoffung, dass es vielleicht heute geschehen könnte.

Sie aus irgendeinem unerklärlichem Grund aufeinander treffen könnten.

Als er fertig war, hatte er noch eine gute halbe Stunde Zeit. Er versuchte, die Zeit mit Berechnungen für einige Autos zu verbringen, doch er konnte sich nicht konzentrieren.

Und so tigerte er, mit einer Tasse Tee in der Hand, in seiner Wohnung auf und ab.



Als es schließlich Zeit wurde, zog er sich zitterig um. Tunschuhe, die er extra wegen Ihm gekauft hatte, eine Jogginghose, ebenfalls nur für ihn, dazu die passende Jacke. In dunklen, unauffälligen Farben.
Er stellte sich an die Tür. Wartete.



Seine Gedanken schweiften zurück.

Gesehen hatte er Ihn zum ersten Mal, als der Blauhaarige hier eingezogen war.

Er hatte Ihn zufällig angerempelt, sich umgedreht und entschuldigt. Und da war es schon um ihn geschehen gewesen.

Oliver konnte sich noch genau erinnern, wie es gewesen war. Er hatte den anderen angeschaut, sich entschuldigt – und war danach keines weiteren Wortes mehr fähig gewesen. Er war wie vom Blitz getroffen, noch nicht mal in der Lange, seinen zukünftigen Nachbarn beim Einzug zu helfen.

Noch heute verfluchte er sich dafür, wäre es doch DIE Chance gewesen, Ihn kennen zu lernen.



Die Zeit danach war für Oliver eine kleine Hölle gewesen. Jedes Mal, wenn er Ihn gesehen hatte, war sein Herz wie ein Hase losgesprungen. Jedes Mal hatte er Ihn ansprechen wollen, doch nie den Mut gehabt.

Und dann, als er sich anfing zu fragen, was überhaupt mit dem los sei, war der schwierigste Teil gekommen:

Er war doch gar nicht schwul! Wieso sollte er es jetzt auf einmal doch sein?

Nächtelang hatte er nicht ruhig schlafen können, Tagelang war er mit dunklen Ringen unter den Augen herumgelaufen! Und es hätte ihn sogar fast seine Arbeitsstelle in der Kfz-Werkstatt gekostet!

Doch dann hatte er es sich selbst eingestanden – und war nun bewusst auf die Pirsch gegangen!



Schnell hatte er viel über den anderen herausgefunden: dass dieser in einem Musical tanzte, dort eine wichtige Rolle innehatte. Dass Er Stress mit seinen Eltern wegen seiner nur allzu offensichtlichen homosexuellen Neigung hatte. Und auch, dass Er joggte.

Joggte, und unheimlich guten Nudelauflauf kochen musste.

Oliver grinste etwas dümmlich! Wie gut es bei Ihm aus der Wohnung immer duftete! Tag für Tag nach seinem Lieblingsgericht.

Oft schon hatte er kurz davor gestanden einfach rüber zu gehen und zu fragen, ob er vielleicht einen Happen mitessen dürfte. Doch den Mut dazu hatte er, natürlich, nicht.



Leise öffnete Oliver nun die Wohnungstür. Eigentlich müsste Er jetzt langsam los...

Tatsächlich dauerte es nicht lange, bis sich Seine Wohnungstür ebenfalls öffnete. Und Olivers Mund trocken vor Gier wurde.

Der enge Jogginganzug sah einfach nur heiß aus! Er harmonierte so perfekt mit dem blau gefärbtem Haar, betonte die langen Beine so gekonnt, dass es schon fast unnatürlich war!

Er ging los.

Oliver folgte einige Minuten später.


Er kannte die Joggerstrecke des Tänzers auswendig. Und so folgte er Ihm jedes Mal. Natürlich in gebührendem Abstand, schließlich wollte er auf keinen Fall entdeckt werden.

Oft kam es dabei vor, dass auch er den jungen Mann nicht sah – doch allein das Wissen, dass er auf den selben Strecken und Wegen joggte wie der andere, genügte ihm.

Und wenn er Ihn dann doch mal sah...

Der Anblick war jede Anstrengung wert! Der herrlich knackige Hintern, der ihn geradezu einlud, angefasst zu werden. Die langen Beine, jeder Schritt enthüllte verborgene Muskeln. Und der Schweiß, jeder Ihm über das immer gerötete Gesicht lief!



Für Oliver, der eigentlich keinen Sport betrieb, war es am Anfang unmöglich gewesen, mitzuhalten. Oft war er völlig erschöpft auf irgendeiner Bank zusammengebrochen und hatte sich dann mühsam nach Hause geschleppt. Doch inzwischen schaffte er es, mitzuhalten.

Nachdem er schon Monatelang hinter dem anderen herjoggte hatte er es irgendwann geschafft, auch mit Ihm heim zu kommen.
Sein Hausarzt war von seiner Kondition ganz begeistert.



Auch heute schaffte Oliver es wieder, gut mitzuhalten. Gleichzeitig mit dem Tänzer kam er wieder am Hochhaus an. Er hatte Ihn oft vor sich gehabt, den Ausblick, der sich ihm geboten hatte, genossen.

Nun waren sie wieder zuhause.



Nadya


Besorgt schritt sie auf das Hochhaus zu, welches schon von weitem zu sehen war, über die Dächer der kleinen Vorstadt aufragte.

Ihr Herz schlug schneller und sie hatte sich vor Nervosität schon die Unterlippe leicht zerbissen.

Sie wusste nicht wie, sie wusste nur eines: Sie musste Tilo helfen. So ging es mit ihrem Freund nicht weiter.



Seit Monaten war er nicht mehr wirklich er selbst. Am Anfang was ja noch okay gewesen, er war manchmal mit den Gedanken wo anders und hatte viel geschwärmt.

Aber dann hatten die Schwärmereien aufgehört und sich die ständige „Abwesenheit“ verstärkt. Und nun war Schluss! Wenn Tilo nicht bald wieder zu sich kam, würde Nadya durchdrehen!

Ihn ständig wieder aufzubauen, ihn an alles mögliche zu erinnern, ihm immer eine Stütze zu sein – das schlauchte, war anstrengend.

Nicht, dass sie’s nicht gerne tun würde. Aber nun war sie am Ende ihrer Kräfte.

Und auch Tilo würde dieses Hin und Her sicher nicht mehr lange durchstehen.



Etwas verärgert stellte Nadya fest, dass sie schon wieder zu schnell ging. Sie hatte noch viel zu viel Zeit, und so, wie sie in ihrer Angst raste, würde sich noch ewig vor Tilos Tür warten müssen. Das wollte sich auch nicht.

Also zwang sie sich zu einem langsamen Schlendergang und überlegte, wie sie ein Gespräch anfangen konnte.

Wie sollte sie ihrem besten Freund sagen, dass er seine Schwärmereien sein lassen musste? Sich nach etwas neuem umschauen? Wenn nötig auch fortziehen, in einen anderen Ort oder wenigstens ein anderes Haus.



Nadya hatte lange darüber nachgedacht, doch sie fand, es sei der beste Weg. Das Hochhaus, indem Tilo lebte, war nicht das Schönste. Sie wusste, der Blauhaarige wollte schon lange von dort fort.

Einziger Grund aus dem er nicht schon längst viel schöner lebte, war dieser verdammte Nachbar, von dem Tilo immer redete.

„Aber jetzt ist Schluss – inzwischen steht sogar sein Job als Tänzer auf dem Spiel. Traumtänzer nennen sie ihn ja schon hinter seinem Rücken!“ Nadya machte sich noch einmal klar, wie radikal ihr Vorgehen sein musste. Es MUSSTE einfach was geschehen. Es musste!



Sie bog in die Straße ein, die direkt auf das Hochhaus zuführte. Es lauerte an ihrem Ende als großer, hässlicher Betonklotz.

Ob Tilo schon da war?

Nein, eindeutig nicht. Nadya verfluchte sich selbst, als auf ihr mehrmaliges Klingeln hin niemand reagierte. Das war wieder typisch für sie!



Mit einer Zigarette in der Hand setzte sie sich auf die kleine Bank unter dem verkümmerten Baum, der etwas rechts des Einganges stand und das einzige Gewächs auf der kleinen Rasenfläche bildete. Murrig paffte sie.



Mehr als eine viertel Stunde verging, ohne das etwas geschah. Gerade hatte sie sich die nächste Zigarette angezündet, als sie ihren Freund erblickte.

Tilo kam um die Ecke gejoggt, rannte auf Nadya zu, welche sich erhob, ihrem Freund entgegen trat.

Doch dann überlegte sie es sich anders. In ihr erwachte der kindische Wunsch, Tilo zu ärgern, ihn irgendwie zu zanken, allein, weil er sie bisher so viele Nerven gekostet hatte. Schnell versteckte sie sich hinter den großen Müllcontainern, die auf dem kleinen Parkplatz standen. Tilo hatte sie sicher nicht gesehen, dazu war er mit seinen Gedanken bestimmt wieder mal viel zu weit fort.



Nadya beobachtete ihren Freund. Sie fand ihn ziemlich attraktiv.

„Aber auch Stockschwul.“ Sie kicherte, doch dann stutzte sie.

Wer kam denn da ebenfalls um die Ecke?

Nadya strengte die Augen an, doch wer da kam erkannte sie erst, als Tilo schon fast am Hochhaus angelangt war.

Es war ein junger Mann, vielleicht vierundzwanzig Jahre. Braunes, gelocktes, zum Zopf gebundenes Haar, stämmige Figur, scheinbar nicht der durchtrainierteste Jogger. Er sah richtig fertig und erschöpft aus.

Aber das Wichtigste: Er passte genau auf die Beschreibung, die Tilo immer von seinem Schwarm gab!

„Und das Alter stimmt auch. Aber warum joggen sie gemeinsam? Ich dachte, Tilo hätte keinen Kontakt zu ihm – nein, Moment mal! Moment...“

Er joggte HINTER Tilo her! Konnte das sein? Das er hinter ihm herjoggte?!



Nadya konnte es selbst nicht wirklich glauben, doch die Anzeichen sprachen dafür:

Die Erschöpfung des anderen, der Abstand, den er zu Tilo einhielt. „Sie könnten ja auch direkt zusammen joggen... also... was soll das...?“



Tilo war heran. Nadya handelte kurz entschlossen. Verließ sich ganz auf ihren weiblichen Instinkt.

Sie sprang aus ihrem Versteck und erschreckte Tilo auf diese Weise tatsächlich.

„Mensch, du dumme Kuh! Mein Herz!“

Tilo presste eine Hand auf seine Brust, doch dann gab er Nadya trotzdem ein Küsschen auf jede Wange.

„Warum bist du denn schon da?“

„Habe dich vermisst, Süßer!“

Nadya warf das lange, rot getönte Haar zurück. Und fand ein weiteres Anzeichen dafür, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmte.

Der andere hatte ebenfalls aufgehört zu joggen, schlenderte nur noch.

Warum?



„Komm, lass uns hochgehen.“ Erschöpft wischte Tilo sich den Schweiß von der glänzenden Stirn. „Ich will nur noch unter die Dusche – und den neuen, italienischen Wein probieren, den mir Bruno geschenkt hat.“

„Bruno?“ Nadya zog die Augenbrauen hoch. „Davon weiß ich ja noch gar nichts! Hat er wieder einen Versuch gestartet?“

Tilo nickte. Nadya wusste, dass der Blauhaarige mehr unter den Eroberungsversuchen des anderen Mannes litt, als dass er sie genoss. Er hatte Bruno einmal wirklich geliebt, doch die Gefühle waren verschwunden. Sie hatten sich getrennt. Doch Bruno kam nicht damit klar, er versuchte Tilo immer noch wieder zurückzugewinnen – und dass auf so süße, unschuldige und fast schon etwas naive Weise, dass es einfach zum heulen war.



Langsam schlenderten sie zu den Fahrstühlen. Während Nadya nur mit halbem Ohr zuhörte, wie Tilo ihr schilderte, dass Bruno ihn abgefangen habe – mit einem Strauß Blumen und dem Wein – dachte sie fieberhaft nach. In ihr braute sich ein Verdacht zusammen, der einfach zu abstrakt war, um wahr sein zu können.

Wieder schaffte sie es, in einem Fenster einen Blick über ihre Schulter zu erhaschen, entdeckte so tatsächlich wieder den Jogger, der nun NOCH langsamer ging.

Oh ja, hier stimmte etwas nicht!

Sie erreichten den Aufzug. Nadya sandte ein kurzes Stoßgebet zum Himmel und wurde erhört: Der Aufzug steckte im siebten Stock und würde einige Sekunden brauchen, um bis zu ihnen herab zu kommen. Zeit zum nachdenken also.



„Nadya?“

Die Junge Frau schreckte aus ihren Gedanken auf. Sie hatte Tilos Stimme kaum noch wahrgenommen, davon, ihm zugehört zu haben, konnte keine Rede sein.

„Sorry, ich war in Gedanken.“

„Ich hab’s bemerkt“, brummte Tilo.

Nadya grinste unsicher, knuffte ihren Freund in die Seite.
Der Aufzug kam.

Die Türen öffneten sich. Eine ältere Frau trat heraus, der Tilo liebenswürdig die Tür aufhielt. Sie warten, bis die Dame vorbei war, dann trat Tilo in die kleine Kabine. Nadya folgte unsicher. Was Tilo nicht verborgen blieb.



„Was ist los?“, wollte er wissen, lachte dann aber: „Plötzlich Angst vorm Aufzug fahren?“

Nadya streckte ihrem Freund die Zunge heraus, folgte ihm dann jedoch langsam und sah zu, wie die Türen sich schlossen... und dann geschah alles ganz nach ihrem Instinkt! Sie stoppte die Türen, trat wieder aus dem Aufzug und ignorierte Tilos überraschtes: „Hey, was soll das denn?“

„Da kommt noch jemand, der sicher mit möchte!“ Nadya rief die Worte viel zu laut. Der Fremde war nämlich noch viel zu weit vom Haus entfernt und ihr Plan eigentlich mehr als durchschaubar, dennoch hielt sie an ihm fest.

„Oder? Sie möchten doch sicher mit? Ich... habe sie schon öfter auf dem Flur oben gesehen!“



Der Fremde zögerte, noch sicher fünfzehn Meter trennten sie. Nadya betete. Und dankte Gott zum zweiten Mal innerhalb kürzester Zeit.
Der Fremde lief los!

„Was soll das?“, vollends verwirrt trat Tilo hinter Nadya aus dem Aufzug, späte in die Richtung, in die auch seine Freundin blickte – und prallte entsetzt zurück.

„Nadya! Spinnst du? Das ist er! Das ist er!“

„So? Tut mir leid, ich habe ihn ja noch nie gesehen.“ Ein kleines, dämonisches Grinsen lag auf den Lippen der Rothaarigen, als sie sich zu Tilo umdrehte. Doch dann erschrak sie etwas. Ihr Freund war leichenblass geworden, zitterte sogar etwas.

Dass es ihn so schwer erwischt hatte...

„Dann nimm’s positiv. Er will nämlich mitfahren...“

Tilo schüttelte den Kopf, doch er widersprach nicht mehr. Der Fremde war schon zu nahe, hätte es gehört.



„Dankeschön.“ Er hatte sie erreicht.

Nadya nickte. „Kein Problem“, erklärte sie, musterte den anderen kurz, aber sehr gründlich. Verschwitzt war er, ausgepowert. Sein Gesicht war gerötet, das Shirt nass vor Schweiß. Er hatte es eindeutig übertrieben mit dem Joggen.

Weil er Tilo hinterhergewollt hatte...?

Nadya nickte sich selbst zu, drückte den Knopf für die Etage und wartete, bis die Türen sich schlossen. Hinter ihr herrschte angespanntes Schweigen.


Dann, als die Türen fast zu waren, sprang die Frau vor. Sie stieß die Sicherheitstür hinter den beiden Aufzugtüren auf und stolperte ins Freie. Dort wirbelte sie herum, packte die Sicherheitstür und schloss sie mit einem Knall wieder.

Die Aufzugtüren, die im Begriff gewesen waren, sich wieder zu öffnen, glitten mit einem leisen, protestierenden Quietschen wieder zurück.
Durch das Panzerglasfenster sah Nadya Tilos entsetztes Gesicht – und das verwirrte des Fremden.

Sie grinste – winkte ein letztes Mal – und die Aufzugtüren waren zu, der Fahrstuhl fuhr an.



Aber weit sollte er nicht kommen. Denn Nadya wusste zu gut, für was der kleine, rote Knopf an der Schalttafel des Aufzuges gut war.



Tilo.



Er glaubte ernsthaft, seine Freundin sei verrückt geworden!

Erst wollte sie den Aufzug nicht betreten – und dann sprang sie wieder heraus! Und rief irgendjemandem etwas zu!

Tilo folgte der Rothaarigen aus dem Fahrstuhl, blickte vollkommen verwirrt die Straße hinab. Und erstarrte.

Sein Herz machte einen Satz, begann dreimal zu schnell zu klopfen.

Er!

ER!

Nadya konnte doch nicht IHN mit ihnen im Aufzug fahren lassen wollen!



Doch – genau das wollte seine Freundin.

Sie gab auf Tilos entsetzte Frage nur eine patzige Antwort und Tilo verkrümelte sich schnell ins Innere der Kleinen Kabine. „Ich habe ihn ja noch nie gesehen!“ – das war keine Entschuldigung für dass, was Nadya mit ihrer Tat in Tilo auslöste!

Denn ER kam tatsächlich!



Unsicher trat Tilo ganz an die Wand zurück, versuchte vergeblich sein rasendes Herz zu beruhigen. Sein Blick saugte sich schließlich an dem Braunhaarigen fest, der vollkommen erschöpft in den Aufzug trat, Nadya zulächelte und sich bedankte.

Tilo glaubte, seine Beine würden ihn keine Sekunde länger tragen können. Sein ganzer Kreislauf lief plötzlich auf Hochtouren – in seinen Ohren rauschte das Blut, in seinem Hirn war alles ganz angenehm leicht. Und gleichzeitig zitterte er vor Aufregung wie verrückt!



Und was tat Nadya?

„Kein Problem.“ – dass war es, was sie auf das „Dankeschön“ des Braunhaarigen antwortete. Ja, für sie vielleicht „kein Problem“. Für Tilo jedoch ein gewaltiges!

Kein Problem?!?! Tilo starb tausend Tode!

Und dann kam er auch noch näher! Näher, weil die Kabine so eng war! Näher an Tilo heran!

Der Blauhaarige meinte, durchzudrehen, als er den Geruch des anderen wahrnahm. Die Hitze, die von dem durchtrainierten Körper ausging. Das schnelle Heben und Senken der Brust, der flache, hektische Atem... Tilo merkte, wie alle seine Sinne sich nur noch auf diesen Mann konzentrierten. Er überhaupt nicht mehr in der Lage war, irgendwo anders hinzusehen, irgendetwas anderes wahrzunehmen.



Und deshalb bemerkte er auch viel zu spät, was Nadya vorhatte!

Erst, als sie schon aus dem Aufzug war, die Türe zugeknallt hatte, merkte Tilo, dass etwas nicht stimmte.

Und was genau seine Freundin getan hatte begriff er erst, als der Fahrstuhl anfuhr, einige Meter hochkletterte – und dort mit einem Ruck stecken blieb.

Tilos Herz sank zu Boden.



Wie zur Statur geworden stand er da und konnte sich nicht regen. Und auch der andere bewegte sich keinen Millimeter. Begann nicht gegen die Aufzugtüren zu hämmern, auf den Knöpfen herumzudrücken, laut zu rufen oder sonst etwas zu tun. Nein, er stand ganz starr.

Ihr Atem war das einige Geräusch, das in dem kleinen Kasten herrschte.

Tilo glaubte, die Wände würden näher kommen, sie noch mehr einengen. Sie zusammenschieben. Unaufhaltsam zusammendrücken. Bis sie sich unweigerlich berühren müssten, und dann... Tilo presste die Augenlider fest aufeinander. Ihm wurde schwindelig.

Was nun? Was nun? Was nun? Er würde Nadya umbringen, wenn er sie in die Finger bekommen würde!!

Was sollte er bloß tun?



„Geht es Ihnen nicht gut? Haben Sie etwa Angst?“

Tilo riss bei der männlichen Stimme, die ihm durch und durch ging, die Augen auf.
Er hatte sich zu ihm umgewand.

Er sah ihn an. ER sprach ihn sogar an!

„N-n-n-n-n-nei----n.“

Tilo hörte sich genauso an, wie er sich fühlte: Vollkommen gestört. Und als der letzte Buchstabe des unverständlichen Wortes in ein langes, hohes Fipsen überging und so endete wäre er am liebsten einfach gestorben.



Der braunhaarige Mann blickte ihn nur an. Tilo konnte den Blick der grünen Augen nicht deuten. Intensiv war er, jagte ein Kibbeln durch den Körper des Blauhaarigen, ließ ihn zittern.

Tilo schluckte trocken.

„Und... nun?“, er hauchte die Worte nur, war zu nichts anderem fähig.

Der andere starrte ihn an, lange, lange Zeit.

Und dann hob er die Schultern.

„Ich würde sagen: Rufen wir den Hausmeister... mit dem Alarmknopf..“

Er deutete mit einer Kopfbewegung auf die Kontrolltafel. Sie steckten zwischen dem zweiten und dritten Stock, wie das heftige Blinken dieser beiden Tasten verkündete.

Und direkt neben diesen lag... der rote Notrufknopf.



Tilo starrte ihn an. Es war der einzige Weg. Aber... er konnte nicht losgehen. Nicht diesen einzigen Schritt machen und dieses Knöpfchen drücken.

Nicht, weil er dazu in die Nähe des Braunhaarigen gemusst hätte – noch näher – sondern weil er... es nicht wollte.
Er wollte sein ganzes Leben hier in diesem Raum verbringen. Mit diesem Mann....

Welcher sich auch kein Stück bewegte.

Sie sahen sich nur an.

Und es war gar nicht unangenehmem. Denn plötzlich war er irgendwie ruhig. Tilo spürte, wie seine Atmung sich normalisierte und das Zittern seiner Hände aufhörte, sein Puls wieder langsamer wurde.



Er trat einen Schritt zurück, bis er mit dem Rücken gegen die Wand stieß.

„Könnten Sie dann bitte drücken?“, fragte er und machte mit seiner Körperhaltung gleichzeitig klar, dass er selbst es sicher nicht tun würde.
Der andere zögerte. Sein Blick glitt zwischen Tilo und dem Knopf hin und her, doch dann blieb er relativ schnell an dem Blauhaarigen haften. Er öffnete den Mund, als wolle er etwas sagen. Tilo starte auf die schmalen Lippen, sah genau, wie sie sich teilten und die weißen Zähne hervorblitzten. Und sich dann, ohne ein Wort gesprochen zu haben, wieder schlossen.



Wieder sahen sie sich bloß an, fest, direkt in die Augen. Das Prickeln, das über Tilos Arme lief, war unvergleichlich. Die Spannung, die sich aufzubauen begann, drohte ihm den Atem zu nehmen. Die Luft war schwer. Grüne Augen waren alles, war Tilos Blickfeld ausfüllte. In seinem Kopf herrschte kein einziger Gedanken mehr.

Alle Sinne waren auf diesen Mann vor ihm gerichtet.

Die Augen nahmen die schon bekannte Gestalt wahr.

Die Ohren lauschten auf den gleichmäßigen Atem.

Die Nase roch den Duft von frischem Schweiß.

Die Hände fühlten... die Spannung, die sich immer weiter aufstaute.

Weiter und weiter.

Mit dieser Sekunde.



Der Aufzug fuhr mit einem Ruck wieder an. Ihre Welt zerplatzte wie eine Seifenblase und Tilo schrie leise, verzweifelt auf.

Doch nur eine Sekunde, denn dann geschah etwas, dass zu fantastisch war, als dass es Wirklichkeit hätte sein können:



Der Andere kam.

Auf ihn zu.

Hob die Hände.

Stemmte sie gegen die Fahrstuhlwand.

Fixierte Tilo.

Näherte sich ihm.

Blickte ihm in die Augen.

Neigte den Kopf etwas.

Schloss langsam die Lider.

Näherte sich...

...Küsste ihn...