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Nico

Original/ Reale Welt [PG] [abgeschlossen] 

Keine Warnung

Einteiler

Inhalt:
Nico ist hochintelligent, was ihm nur Probleme bereitet. Als er wieder mal die Schule wechselt lernt er Matze kennen.
Diese Story war eine Blitzidee. Ich habe den Schluss extra so offen gelassen, jeder kann hineininterpretieren was er mag. (Und nur ich weiß, was geplant war! Hähähä!!)  

 


 

Nico



Betrübt ließ Nico den Kopf hängen und starrte auf den Boden des Wagens. Anne blieb der Kummer ihres Sohnes natürlich nicht verborgen, und sie legte ihm in dem Versuch ihn zu beruhigen eine Hand aufs Bein.

„Wird schon.“, murmelte sie.

„Das hast du jedes Mal gesagt.“, murmelte Nico tonlos.

Anne antwortete nicht, es stimmte. Aber was sollte sie tun?

Verdammt, sie konnte doch auch nichts dafür, dass ihr Sohn so war... Dabei war es doch nichts schlechtes, hochintelligent zu sein, oder? Es war doch etwas gutes, etwas Phantastisches! Doch mit der Zeit hatte Nico gelernt seine Begabung zu hassen, und wenn Anne ehrlich zu sich selbst war, dann musste sie zugeben, dass auch sie wesentlich lieber einen einfachen, einen `normalen` Sohn gehabt hätte, einen Sohn, der Probleme bei den Hausaufgaben hatte, der schlechte Zensuren mit Heim brachte, der nicht alles SO schnell begriff....



Ärgerlich schüttelte die junge Mutter diesen Gedanken ab. Ihr Sohn WAR normal! Er war nur sehr intelligent... und sehr, sehr einsam....

Anne atmete tief durch, fuhr auf einen Parkplatz und stellte den Motor ab.

„Okay Krieger, auf in den Kampf!“

Nico schüttelte stumm den Kopf, öffnete die Wagentür und stieg aus.

Vorsichtig sah er sich um. Das war also seine neue Schule. Sah aus wie jede andere Schule.... Er spürte eine Hand auf seiner Schulter und lächelte seiner Mutter zu.

Nicht um sich Mut zu machen, sondern um ihr das Gefühl zu geben, es würde wirklich alles gut werden.

Gemeinsam überquerten sie den Schulhof. Es hatte gerade zum Schulbeginn geklingelt, und so wurden sie mit einem Schwarm von Leibern durch den Eingang befördert.

Aufgeregtes Stimmengewirr umgab sie. Nico seufzte, jede Schule war doch irgendwie gleich... Aber wie sollten Schulen auch sonst sein?

Sie gingen zum Sekretariat, wo sie freundlich empfangen wurden.

Zumindest von der Sekretärin, von dem Jungen, der bei ihr stand, wurden sie zwar höflich, aber auch deutlich misstrauisch begrüßt.

Die Sekretärin stellte den Jungen als Tobias Schneider, Klassensprecher der 9d, vor. Tobias nickte und zwang sich zu einem Lächeln.

„Ich werde dir deine Klasse zeigen.“, erklärte er.

Nico nickte, warf seiner Mutter einen traurigen Blick zu und nahm von der Sekretärin seine Bücher in Empfang. Dann verließ er mit Tobias den Raum und trat hinaus auf den Flur. Tobias ging einige Schritte und blickte dann auf Nico hinab.

Nico war für seine 15 Jahre etwas zu klein, nicht viel, gerade so dass es auffiel, dazu strohblondes, in alle Richtungen abstehendes Haar und ein blasses, sanftes Gesicht. Grüne Augen vervollständigten das Bild. Der Eindruck war perfekt.

Tobias verzog auch prompt das Gesicht.

„So, so, du bist also der Supermann, der mit seiner Intelligenz unsere Klasse bereichern wird...“, meinte er abfällig.

Nico antwortete nicht, presste stumm die Lippen aufeinander und unterdrückte die Tränen. Verdammt, er hatte doch gewusst, dass es wieder so kommen würde! Er hatte es GEWUSST! Also, warum machte sich wieder diese Trauer in ihm breit?

„Hey du Supermann! Bilde dir bloß nichts ein! Du bist nicht besser als wir nur weil du ein bisschen mehr Grips hast, klar!?“

„Klar...“

Komm schon, dachte Nico, es ist alles wie immer, wenn du jetzt auch noch zu flennen beginnst, ist alles aus!.... Aber das ist es auch so....

Sie stiegen eine Treppe hinauf, und schließlich blieb Tobias vor einer Tür stehen. Er klopfte kurz und riss die Tür dann auf, ohne auf ein „Herein“ gewartet zu haben.

Mit einem Schlag war es still in der Klasse. Tobias trat ein und setzte sich auf seinen Platz, Nico konnte sehen, wie er klar kam.

Die Lehrerin, eine ältere Frau, in deren braunen Haaren sich bereits graue Strähnen bildeten, begrüßte ihn lächelnd. Nico schaffte es nicht, das Lächeln zu erwidern, er fühlte sich schrecklich.

„Schön, dass du endlich da bist, Nico! Hier warten schon alle sehnsüchtig auf dich! Magst du dich kurz deiner neuen Klasse vorstellen?“

„Sicher.“

Nico drehte sich um, ließ seinen Blick über die Gesichter schweifen, die ihn musterten und zwang sich die Mundwinkel etwas anzuheben.

„Hai, ich bin Nico Martin, 15 Jahre und komme....“

„Aus der Klapse!“

„Tobias! Raus!“

Tobias erhob sich unter dem tosenden Beifall seiner Klasse und ging erhobenen Hauptes nach draußen.

Nico seufzte, schüttelte den Kopf und wandte sich wieder an die Lehrerin.

„Könnten Sie mir bitte sagen wo ich sitzen soll, Frau Müller?“

Die Lehrerin sah ihn undeutbar an und deutete schließlich auf einen Platz ziemlich weit hinten.

Ein blondes Mädchen sprang entrüstet auf.

„Das können Sie nicht tun! Sie können ihn nicht zu Matze setzen!“

„Oh, ich denke, ich kann tun was ich will, Annika! Und sollte es Matze nicht recht sein, wird er mir bescheid sagen können, wenn er wieder da ist! Sonstige Einwände?!“

Es folgten keine, und Nico setzte sich.

Die Tische in der Klasse waren U-förmig gestellt, in der Mitte befanden sich einige weitere Tische. Nicos Platz befand sich in der rechten Ecke. Seine Mitschüler warfen ihm abfällige Blicke zu und rückten ein Stück von ihm weg.

Bis zur Pause hatte Nico endlich seine Ruhe, außer ein paar seltsamen, abfälligen Blicken geschah nichts. Oh, außer natürlich dass Annika ihn mit Papierkügelchen bewarf. Nico ließ es über sich ergehen.

Als es zur Pause läutete, erhoben sich die Schüler und stürmten aus der Klasse. Auch Nico nahm seinen Ranzen und setzte sich in Bewegung. Er hatte noch nicht die Tür zum Klassenzimmer erreicht, als er bereits zwei Beinchen gestellt bekam und beim zweiten sogar stolperte und sich fast der Länge nach hinlegte.

Seine Mitschüler lachten ihn gehässig aus und verließen dann ebenfalls das Klassenzimmer. Nico ballte die Hände zu Fäusten. Er war wirklich überall dasselbe! In jeder Klasse gab es einen, dem die anderen folgten, und sobald dieser ihn zum Oper auserkoren hatte, machten die anderen von selbst mit.

Überall dasselbe!

Wie ein Teufelskreis!

Als Nico in die Aula trat, richteten sich etliche von Augenpaaren auf ihn. Nico hielt den Blick gesenkt und steuerte eine Ecke an, um sich an der Wand zu Boden gleiten zu lassen. Würde es jemanden stören, wenn er einfach verschwand? Wenn er einfach weg gehen würde? Oder sich umbringen würde?

„Hallo.“

Nico hob verblüfft den Kopf und sah in das alles andere als schöne Gesicht eines Mädchens. Sie hatte kurzes, blondes Haar, hervorstehende Zähne, weshalb sie lispelte, und eine krumme Nase. Auch ihre Haltung war durch ihr ausgeprägtes Holkreuz recht seltsam. Nico brauchte nicht hochintelligent zu sein, um zu erkennen, dass dieses Mädchen genauso ein Außenseiter war wie er.

„Hallo“, grüßte auch Nico und zauberte ein halbherziges Lächeln auf seine Lippen. Er hatte gelernt, dass diese Außenseiter recht nett sein konnten, auch wenn es einige der rühmlichen Ausnahmen gab, wo selbst Nico verstand, warum sie keiner leiden mochte.


„Darf ich mich setzen?“, fragte das Mädchen, und Nico nickte und zog seinen Rucksack weg. Nachdem das Mädchen sich gesetzt hatte, sah sie ihn forschend an.

„Ich hab gehört, dass du sehr intelligent bis, stimmt das?“ Nico nickte vorsichtig, und das Mädchen lächelte, was einen Blick auf ihre schiefen Zähne erlaubte.

„Wow!“, meinte sie begeistert.

Nico seufzte und murmelte: „So wow find ich das gar nicht.“

Das Mädchen antwortete nicht sondern kramte in ihrem Rucksack. Sie zog zwei Äpfel hervor und reichte einen Nico.

„Irre, Leute! Seht euch das an! Das perfekte Paar! Gesucht und gefunden!“ Nico zuckte unter dem Gelächter leicht zusammen, doch das Mädchen griff nach seiner Hand und drückte sie leicht. Das Gelächter schwoll zwar an, aber Nico fühlte sich nicht mehr ganz so allein. Er biss in den Apfel und wandte sich wieder dem Mädchen zu.

„Wie heißt du?“, fragte er, nachdem er geschluckt hatte.

„Nina Meier.“ Nico nickte.

„Nico Martin.“

Ein leichtes Lächeln machte sich langsam auf seinem Gesicht breit. Sie unterhielten sich die ganze Pause, und Nico erfuhr, dass Nina in die zehnte Klasse ging und nach ihrem Abschluss einen Job als Zahnarzthelferin anstrebte. Nico verfluchte sich dafür, dass er bei diesen Worten daran dachte, dass Nina erst mal ihre Zähne richten sollte.

Nina lebte bei ihrem Vater, da ihre Mutter bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen war. Sie gab zu, dass ihr Vater mit ihrer Erziehung vollkommen überfordert war und deshalb hatte das junge Mädchen ihre Erziehung selbst in die Hand genommen.

Als Nico sagte, dass ihr dies vorzüglich gelungen war, wurde Nina wirklich ein wenig rot.

Kurz bevor sie sich trennen mussten, gab Nina Nico den wichtigen Tipp, bei Schulschluss den Hinterausgang zu benutzen.

„Es werden dir sicher ein paar Jungs auflauern, um dich in die Mangel zu nehmen. Das haben sie bei mir auch schon gemacht. Es ist nicht sehr schön. Am besten gehst du ihnen wann immer möglich aus dem Weg!“

Nico bedankte sich und schwor sich diesen Tipp zu beachten.

Die nächsten Stunden glichen den bereits vergangenen. Niemand wechselte ein Wort mit ihm, von Annika kamen Papierkugeln und die Lehrer bekamen von den Hänseleien nichts mit.

Als es zum Schulende läutete, blieb Nico extra lange in der Klasse, ging extra langsam durch das Gebäude und verließ es schließlich durch einen Notausgang, obwohl das strengstens verboten war.

Über einen großen Umweg kam er nach Hause und hatte zwischendurch Angst sich zu verlaufen, da er sich an die neue Stadt noch nicht gewöhnt hatte.

Dafür traf er keinen seiner Klassenkammeraden und wurde von niemandem angesprochen.

Natürlich war seine Mutter noch nicht zu Hause, und Nico kämpfte sich durch die Berge von Umzugkartons zur Küche durch, um sich etwas zu essen zu machen. Als er jedoch vor dem Herd stand, verging ihm der Appetit. Er versuchte, nicht daran zu denken, was seine Mutter deswegen für einen Aufstand machen würde, da er sowieso untergewichtig war, und verkrümelte sich lieber in sein Zimmer.

Es standen bereits einige Kartons in dem bisher noch leeren Raum, und so machte sich Nico ans ausräumen und aufbauen.

Stunden später verriet das Schließen der Haustür, dass Nico nicht mehr allein war. Er legte das Buch, indem er bis eben gelesen hatte, zur Seite und erhob sich, um seine Mutter zu begrüßen.

Anne stellte ihre Tasche ab und nahm ihren Sohn in den Arm.

„Wie war dein Tag?“, fragte sie sanft lächelnd.

Doch dieses Lächeln gefror auf ihren Lippen, als ein Schütteln durch Nicos Körper ging und sich erste Tränen aus den großen grünen Augen schälten.

„Oh nein!“ Anne fiel auf die Knie, presste ihren Sohn an sich und wiegte ihn sanft hin und her, während Nico von seinen Gefühlen davon geschwemmt wurde.



Spät am Abend saßen sie, eng aneinandergekuschelt und in eine weiche Wolldecke gehüllt, vor dem Fernseher und erholten sich von den Strapazen des Tages. Sie sahen einen alten Schwarzweißfilm, angeblich eine Komödie, doch Nico fand nichts, worüber er lachen konnte. Und auch das Lachen seiner Mutter hörte sich nur halbherzig an.

Nico ging früh zu Bett, die altbekannte Angst schlich sich in sein Herz, ließ ihn frieren. Würde es jemals wieder warm werden...?



Schweigend aß Nico sein Brot, wusch zwei Äpfel und steckte sie in seinen Rucksack, um sich dann anzuziehen. Anne beobachtete ihren Sohn ebenso schweigend. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Jedes Wort erschien ihr falsch. Nico kam zu ihr, holte sich seinen morgendlichen Kuss auf die Stirn ab und verließ dann das Haus. Anne seufzte tief und hoffnungslos, stützte die Ellebogen auf den Tisch und vergrub das Gesicht in den Händen.

Nico zog derweil seine Jacke enger um sich. Es war noch recht kühl, und der Wind war schneidend kalt.

Oder auch nicht.

Die Leute, die Nico entgegenkamen, liefen meist im T-Shirt rum. Ein leises Lachen entrang sich Nicos Kehle. Oje, er war schon eine einzige Frostbeule, sogar im Sommer gab es Zeiten, an denen er sich zitternd unter der Bettdecke vergrub.

„Hey, guten Morgen Megahirn!“

Nico sah sich um und erblickte einen Jungen aus seiner Klasse.

„Morgen.“, murmelte er leise und drehte sich wieder um. Der Junge lachte schallend, schien noch etwas rufen zu wollen, überlegte es sich dann aber anders und trat nach einem Stein, den er Nico hinterher kickte.

Er traf den Blonden an der Wade, ließ ihn einen Moment schmerzerfüllt das Gesicht verziehen und etwas schneller gehen. Wieder lachte der Junge, doch dann rief eine weibliche Stimme nach ihm, und der blieb stehen. Nico ging noch etwas schneller.

Ähnliche Hänseleien musste er noch den ganzen Schulweg über sich ergehen lassen. Immer wieder traf er Schulkameraden, die irgendwie auf ihm rumhacken mussten. Als er endlich die Treppe zu seiner Klasse hinaufstieg, war er den Tränen wieder gefährlich nahe. Warum hörte es nicht auf? Warum mussten sie ihm immer wieder so wehtun?

Nico betrat die Klasse und wurde von lautem Hallo begrüßt. Er hob erstaunt den Blick. Sollten sie ihn jetzt doch akzeptieren? Sollte....

Nein. Nico erkannte den Ausdruck auf ihren Gesichtern, hatte ihn ja schon oft genug gesehen. Sie hatten irgendwas vor. Erst freundlich zu ihm sein, und dann...

In Nico zog sich alles zusammen, doch er ging tapfer zu seinem Platz und setzte sich. Ein Mädchen beugte sich zu ihm.

„Wenn Matze heute kommt, macht er dich sicher platt.“, zischte sie „Er mag seinen Platz nicht gerne teilen!“ Nico zuckte zusammen und starrte die Tischplatte an. Am liebsten würde er sterben...

Niemand wechselte ein Wort mit ihm, und niemand hänselte ihn. Man schien darauf zu warten, dass Matze kam, um ihn in ein Häufchen Brei zu verwandeln.

Und Matze kam...

Nico presste die Lippen zusammen, als der Junge den Raum betrat und fröhlich empfangen wurde. Auch er lachte und begrüßte seine Klassenkameraden überlaut. Nico umklammerte den Rucksack auf seinem Schoss fester und versuchte sich unsichtbar zu machen. Als hätten seine Klassenkameraden es gerochen, rief Annika auch prompt: „Hey Matze, sieh doch mal was für ein Parasit sich auf deinem Platz breit gemacht hat!“

„Hö?“

Matze blickte in Nicos Richtung und begegnete dem Blick der grünen, irgendwie gehetzt blickenden Augen.

Nico ballte die Fäuste, ließ seinen Blick ein weiteres Mal über Matzes Körper wandern. Matze war nicht übermäßig groß, und auch nicht besonders breit, wie Nico insgeheim erwartet hatte. Nein, Matze war schlank und sehnig, sportlich gebaut. Er trug zerrissene, ausgebleichte Jeans und ein Shirt, das ihm viel zu lang war. Seine Haare waren schwarz und ganze Haarbüschel rot gefärbt, dazu trug er einige Haargummis, die seinem sowieso schon in alle Richtungen abstehendem Haar den letzten Schliff gaben. Und als währe das nicht genug, tummelten sich auf den Haargummis Teddy-Bärchen, Marienkäfer, und selbst eine gelb - schwarze Tiegerenete schimmerte durch das wilde Haar.

Seine Füße steckten in alten Stoffschuhen, die sich bald selbstständig zu machen schienen.

Ihre Blicke blieben noch eine Sekunde ineinander haften, ehe Matze sich in Bewegung setzte und seine Tasche auf den Tisch warf. Nico zuckte zusammen, doch Matze ließ sich neben ihm auf den Stuhl fallen und musterte ihn aus tiefen, braunen Augen.

„Du bist Nico, nicht? Ich hab schon viel von dir gehört. Mein Name ist Matthias, aber alle nennen mich nur Matze. Kannste auch machen, wenn de magst.“

Nico blinzelte verwundert über die freundlichen Worte, und auch in der restlichen Klasse war es totenstill. Schließlich räusperte sich Tobias und sah Matze ungläubig an.

„Ist das alles? Ich mein... der Typ ist superschlau! Der hält sich für was Besseres als wir! Das ist doch...“

„Asozial?“, fragte Matze. „Ja, Tobi, ich finde euch auch asozial, die ganze Bande! Ich meine, machen wir dich fertig, weil dein rechtes Bein kürzer ist als dein linkes? Oder machen wir uns über Nadjas Akne lustig? Nein, ihr gebt ihr sogar Tipps es wegzubekommen!“

Hier warf Matze einem braunhaarigen Mädchen einen Blick zu, welches daraufhin hoch rot wurde.

Wütend fuhr Matze fort.

„Aber vielleicht versteht ihr alle nicht, dass Hochintelligenz erblich ist, man kann es sich nicht antrainieren, Nico hat sich sein Schicksal nicht ausgesucht, genauso wenig wie du deine ungleichen Beine und Nadja ihre Akne! Und ich finde Nicos Begabung ist was ganz tolles, aber wenn ich euch so sehe, kann ich mir vorstellen, das sie schnell zum Fluch wird. Dem Ersten, der noch mal was Dämliches fahren lässt, dekoriere ich persönlich die Fresse, und da ist es mit egal ob Männlein oder Weiblein!“ Matze sah Annika durchdringend an, und diese senkte den Blick.

Matze schüttelte den Kopf und wandte sich wieder an Nico. Mitfühlend fragte er: „Du hast hier wohl noch keine Freunde gefunden?“

Nico schüttelte den Kopf, wieder schossen ihm Tränen in die Augen. „Dann mag ich dein erster Freund sein.“, meinte Matze leise und lächelte aufmunternd, dann wuselte er Nico kräftig durch die Haare. „Aber jetzt hör` auf so eine Trauermine zu ziehen, wenn du lächelst bist du sicher viel hübscher!“

Nico wurde rot und fuhr etwas zurück, doch dann lächelte er. Ein ehrliches, freies Lächeln.

Wie hatte er nur annehmen können, dass dieser nette Junge ihn verprügeln würde? Der Religionslehrer betrat den Raum, und Matze stöhnte auf.

„Oh du lieber Gott!“

„Ganz recht!“ Der ergraute Mann lächelte Matze über den Rand der dicken Brille freundlich an.

Die Stunde ging erstaunlich schnell vorbei. Nico warf immer wieder Blicke zu seinem Sitznachbarn und fragte sich, ob dieser jetzt ein Freund war. Er hatte gesagt, er wäre gerne ein Freund, aber war er auch einer?

Es war frustrierend! Er hatte noch nie einen Freund gehabt, er war immer ein Außenseiter gewesen, und die wenigen Leute, mit denen er reden konnte... nein, das waren keine Freunde, das waren Menschen die selber einsam waren und jemanden brauchten. Aber Matze war nicht einsam! Er schien viele Freunde zu haben! Sehr viele....

Religion schien wirklich nicht Matzes Lieblingsfach zu sein. Immer wieder gab er Kommentare von sich, die so gar nicht zum Vorrankommen des Unterrichts beitragen wollten, doch zum Glück tat er es so leise, dass nur Nico und Peter auf Matzes anderer Seite es hören konnte. Peter lachte jedes Mal herzlich hinter vorgehaltener Hand während Nicos Mundwinkel nur schwach zuckten.

Als es zur Pause läutete, packten alle hastig zusammen und verließen die Klasse. Auch Matze warf seinen Kram in die Tasche und erhob sich, ging jedoch nicht sondern sah Nico auffordernd an.

Nico lächelte unsicher. „Was ist?“, fragte er. Matze verdrehte die Augen. „Wir haben Pause. Und ich würde gern mit dir Sitzung abhalten, um dir ein paar Dinge über dich aus der Nase zu ziehen. Du verstehst? Ich möchte mit dir Blabla machen!“

Annika, die bis eben noch gewartet hatte, drehte sich wütend um und stapfte hinaus. Matze seufzte und schüttelte den Kopf. „Dieses Weib kann echt nerven!“ Impulsiv nickte Nico und Matze lachte. „Können wir?“

Nico erhob sich und ging mit Matze die Treppe hinab.

Wieder wurde er von allen Seiten angestarrt, doch diesesmal lag etwas anderes in diesen Blicken. Erstaunen, Bewunderung, Verwirrung und in einigen sicher Eifersucht.

Matze musste sehr beliebt sein...

Nico erblickte Nina, zögerte einen Moment und steuerte dann auf sie zu. Er war es ihr schuldig, sie war die Erste, die mit ihm gesprochen hatte und es wäre unfair, sie einfach zu übergehen, nur weil jetzt Matze an seiner Seite war. Außerdem war sie wirklich nett!

Matze blieb auch an Nicos Seite, als sie ihr Ziel erreichten. Unsicher blickte Nina von Nico zu Matze und wieder zurück. Nico lächelte, öffnete seinen Rucksack und reichte Nina einen Apfel.

„Danke!“, freute sich das blonde Mädchen sichtlich. Nico zog seinen zweiten Apfel hervor und sah Matze verunsichert an. „Ich hab leider nur zwei dabei. Ich hätte nicht gedacht das ich so schnell noch jemand zum teilen finde....“ Matze lachte fröhlich und winkte ab. „Ich wollt sowieso zum Extra, von nem Apfel bekommst du mich nicht satt!“ Nico lächelte, bei jedem anderen wäre es ihm peinlich gewesen, doch bei Matze nicht. Sein Lächeln und seine fröhliche Art - Nico hatte nicht das Gefühl, dass Matze das nur aus Höflichkeit gesagt hatte. „Soll ich euch was mitbringen?“ Nina schluckte. „Es ist doch verboten, das Schulgelände während der Pausen zu verlassen.“, erinnerte sie unsicher. Matze zuckte mit den Schultern, wartete auf eine Antwort und ging, als beide die Köpfe geschüttelt hatten.

„Der kommt nicht wieder.“, murmelte Nico betrübt und biss in seinen Apfel. „Na, da wäre ich mir nicht so sicher.“ Nina blickte Matze verträumt hinterher. „Der hat schon viele schräge Dinger gebracht.... und er ist sooo süß!“

„Umpf!“ Nico verschluckte sich, als er sah, wie Nina rot wurde und begann zu husten.

Zehn Minuten später war Matze wieder da. Er hatte sich ein ganzes Weckbrot geholt und verteilte es großzügig an seine Freunde, die ihn auch gleich umringten.

Nachdem schließlich jeder etwas bekommen hatte, kam Matze zu ihnen und grinste breit. „Ein weiterer böser, böser Verstoß gegen die Schulordnung! Ich bin ein so schlimmes Ding!“

Seufzend schüttelte Nico den Kopf. „Wirklich, schrecklich! So was wie dich sollte man einsperren! Du könntest arme, unschuldige Jungs wie mich verderben!“

„Was für ein Verlust!“, rief Matze und begann zu lachen. Nina und Nico fielen mit ein. Schließlich bekam auch jeder von ihnen ein Stück Weck in die Hand gedrückt, und sie aßen gemeinsam, während Matze eine lebhafte Unterhaltung anfing.

Nico war fasziniert. Wie konnte jemand so sein wie Matthias? So lebensfroh? Er musste einen einfach in seinen Bann schlagen!

Schließlich zauberte Matze noch eine Tüte Apfelringe hervor und teilte auch diese. Es war schon erstaunlich, was der schlanke Junge alles verdrückten konnte! Zu allem gab es natürlich Orangensaft, der in eine Zwei-Liter-Colafalsche abgefüllt war. Matze schaffte es wirklich, die ganze Flasche in einer Pause zu leeren. Mit ein bisschen Unterstützung von Nina und Nico.

Als sie in ihre Klasse zurückkehren mussten, fühlte Nico sich wesentlich sicherer. Er war immer noch verwundert und konnte es kaum glauben, aber er mochte Matze sehr und glaubte auch nicht, dass dieser ihn nur ausnutzte, ihm Freundschaft nur vorgaukelte. So etwas würde der Junge bestimmt nie tun.



Auch im Unterricht konnten sie nicht aufhören zu labern. Sie stellten die Bücher aufrecht und verbargen ihre Gesichter hinter dieser kleinen Mauer. Leider flog alles auf, als der Lehrer sich wunderte, dass Matze den Text mitverfolgen konnte, obwohl sein Buch auf dem Kopf stand.

Auch auf dem Heimweg trennten sie sich nicht. Nico benutzte mit Matze den normalen Ausgang. Ihnen wurden zwar verwirrte Blicke zu geworfen, doch das merkte Nico gar nicht. Er war so auf Matze fixiert, so von dem Gespräch eingenommen, dass er plötzlich vor seiner Haustür stand und stotternd versuchte, sich bei Matze zu entschuldigen.

Für was auch immer...

Matze lachte bloß, fragte ob er noch etwas da bleiben könnte und betrat mit Nico das Haus....

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„Ja“, seufzte Matthias und küsste Nico auf das strohblonde Haar. „An unsere erste Begegnung kann ich mich auf noch erinnern.... Klar, es war ja als würde die Sonne aufgehen! Ich hätte viel früher reagieren müssen, dich nicht erst heiraten lassen dürfen!“

Nico lachte leicht, legte den Kopf zurück und bot seinem Mann die Lippen an. Bevor sie sich küssten, schloss Daniel leise die Tür und lief mit kleinen, ungeschickten Schritten zum Bett. Er schnappte sich seinen Nuck und Hopser, seine Stoffhäschen, und kuschelte sich in sein Bettchen. Müde und ungeschickt strich er sich ein paar blonde Locken aus der Stirn und schloss die blauen Augen.

Die Geschichte seines Vaters war fein gewesen!


ENDE

© by Caridia