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Not like you thought Teil 1 bis 5

Teil 1


Der Regen fiel schon seit dem Morgengrauen sachte und fast wie ein silberner Schleier über der Landschaft, doch unerbittlich jeden durchweichend, der es wagte länger als fünf Minuten den Schutz eines Daches zu verlassen.
Vitareill seufzte als er seinen Blick von der nassen, vorbei huschenden Natur hinter dem Fenster des Zuges losriss, und sich wieder seinem Buch zuwand. Der Roman war nicht besonders spannend und hatte auch keine wirklich interessanten Charaktere, aber es war besser als gar nichts und vor allem die einzige Möglichkeit die Zeit totzuschlagen.
Das Abteil war leer, abgesehen von ihm, seinem Koffer, und einer alten Zeitung auf dem Platz ihm gegenüber. Von gestern, dem 10. Februar 1871.
Der Schaffner, der aussah als würde er bereits seit Jahrzehnten in diesem Zug mitfahren, schlurfte einmal durch den Gang, ohne in die Abteile zu sehen, und verschwand dann wieder in den nächsten Waggon.
Seit zwei Stunden hatten sie nicht gehalten, jetzt irgendwann müßte ja wohl mal ein Bahnhof kommen, an dem die Lok Wasser bekam. Und Kohle, falls die nicht mehr reichte.. na ja, egal.

Zeit verging, und nach etwa dreißig Minuten säumten tatsächlich einige kleine Häuser die Schienen. Der Zug wurde langsamer, und kam schließlich in einem alten Bahnhof zum Stehen.
Ein Blick auf die Uhr und auf das Schild am Bahnhofsgebäude ließen Vitareill zusammenfahren - dies war bereits Canchester, sein Zielort. Auch die Zeit stimmte und -- Vitareill beeilte sich sein Buch in die Manteltasche zu stopfen, schnappte sich seinen Koffer und stolperte aus dem Abteil, rannte durch den Gang zur Zugtür, und stieg aus. Er hätte sich nicht ganz so beeilen brauchen, die Lok tankte in der Tat noch Wasser - aber egal.
Er tat ein paar Schritte in Richtung des Bahnhofgebäudes und schaute sich unschlüssig um. Wohin jetzt?
Automatisch bewegte sich seine freie Hand in die Manteltasche, die nicht von seinem Buch bevölkert war und umschloss den schmalen Schlüssel, der oben die Form einer Seerose hatte, in dessen Mitte ein runder Rosenquarz war.
Ein hübscher Schlüssel, der aber nicht aussah als gehörte er zu einem normalen Türschloss. War eine ganz komische Geschichte gewesen.
Auf einem Jahrmarkt, einem ganz normalen Jahrmarkt, hatte ein kleiner Stand eines Zigeuners mit den außergewöhnlichsten Preisen geworben. Exotische Tiere, teure Kleidungsstücke, seltsame Gerätschaften - und dieser Schlüssel.
Mit seinen Freunden zusammen hatte Vitareill - einfach so - einige der handgeschriebenen Lose gezogen - und prompt diesen komischen, wie es ihm zuerst schien nutzlosen, Schlüssel gewonnen. Erst später war ihm wieder der Zettel eingefallen, den er dazu bekommen hatte, auf dem nicht viel mehr stand als "Palast des Wassers, Canchester, England." Dann eine Adresse, und schlussendlich die Worte "Vergessen sie ihre Sorgen und entspannen sie sich".
Nicht das Vitareill irgend etwas damit anfangen konnte.. und so hatte der Schlüssel bis zum Winter verlassen in seiner Tasche gelegen.
Das Jahr war stressig gewesen; sein Vater war gestorben, hatte ihm zwar einiges an Geld hinterlassen, jedoch auch eine beißende Leere in Vitareills Leben, da er keine Geschwister hatte, und auch seine Mutter schon länger tot war - und dann fiel dem zwanzigjährigen wieder der Schlüssel ein.
Geeignet zur Ablenkung, befand er für sich, buchte eine Zugfahrt nach Canchester, packte einige Dinge zusammen, und verließ London, die Stadt die plötzlich so einsam schien, obwohl sie die Metropole schlechthin war.

Vitareill ging langsam zum Ausgang. Eigentlich war er etwas dumm gewesen. Er wußte nicht was dieser ‚Palast des Wassers' war, ob er wirklich existierte - und so weiter. Aber warum es nicht rausfinden - was besseres zu tun hatte er eh nicht.
Er fischte nach ein paar Pfund Noten in seiner Tasche, nur um zu prüfen ob es reichte für eine Kutsche - was es tat - und steuerte auf eine der Kutschen vor dem Bahnhof zu.

"Der Palast des Wassers, mein Herr.", sagte der Kutscher, einen kleine Weg auf die Klippen hoch deutend. Dort oben, von wo man wahrscheinlich einen atemberaubenden Ausblick auf sowohl Meer als auch Land hatte, lag eine Burg. Gut erhalten wie es schien, stolz und fest entschlossen allem Wetter und allen Angreifern, die zu früheren Zeiten zu erwarten gewesen wären, zu trotzen.
"Danke..", murmelte Vitareill, gab ihm einige Scheine und nahm ihm dem Koffer ab. Der Kutscher stieg wieder auf den Kutschbock und ließ die Pferde antraben.
Vitareill schaute wieder hoch zur Burg und atmete tief durch.
Na dann, auf ins Abenteuer.

Der Regen hatte etwas an Stärke zugenommen; innerhalb kürzester Zeit schien die Feuchtigkeit durch Mantel, Hose und Haut zu sickern und ließ ihn frieren.
Er preßte seine Lippen zusammen, schnitt eine Grimasse und machte sich daran den steilen Weg zu erklimmen.
Es dauerte länger und war anstrengender, als er gedacht hatte. Der Koffer schien beständig an Gewicht zuzunehmen - aber schließlich erreichte Vitareill doch das schwere, guss-eiserne Tor, das den einzigen Eingang in den hohen Burgmauern, die den Hof umgaben, darstellte.
Unschlüssig schaute er sich um, nach einer Glocke oder etwas ähnlichem suchend - aber erfolglos.
Er stellte seinen Koffer ab, schaute sich erneut um und klopfte schließlich zaghaft am Tor. Nichts rührte sich.
"Hallo..?", rief Vitareill zögernd und versuchte etwas durch die Regenschleier zu erkennen. Dann meinte er, einige Meter entfernt, etwas zu sehen, eine Gestalt, die sich näherte. Und tatsächlich, ein Mann in den mittleren Jahren, gut gekleidet, mit einem leichten Lächeln auf den Lippen kam zum Tor und öffnete es ohne zu fragen, wartete bis Vitareill hindurch war und ließ es quietschend wieder ins Schloß schnappen. Dann bedeutete er dem weitaus jüngeren Mann ihm zu folgen.
Sie erreichten bald ein schweres Portal aus Eichenholz in dem kunstvolle Schnitzereien von der Lebenswelt unter Wasser zu sehen waren. Der ältere Mann öffnete es, ließ Vitareill herein, und schloß es.

Wärme und Trockenheit umspülten Vitareill.
Er stand in einer großen Halle die mit hellem, leicht bläulich schimmernden Marmor ausgelegt war. Kunstvolle Säulen stützten die Decke, und ein kleiner Teich mit kleinen, bunten Fischen, umgeben von hübschen Steinen, einigen Pflanzen und bequem aussehenden Bänken bildete das Zentrum. Kein Kamin oder Feuer waren zu sehen. Fackeln mit blauen, halb transparenten Schirmen spendeten genug Licht, um die düstere Stimmung draußen vergessen zu machen.
Erst als er leicht am Ellenbogen berührt wurde konnte sich Vitareill aus seinem Staunen reißen.
"Mein Herr?", fragte die Stimme des älteren Mannes den leicht verwirrten Zwanzigjährigen und deutete in Richtung einer Rezeption aus Holz mit Schnitzereien in dem selben Stil wie die der Eingangstür.
Ein Regal mit kleinen verschließbaren Fächern wie Safes, hinter der Rezeption, fiel Vitareill wieder durch die Schnitzereien auf, die alle ein anderes Motiv hatten und zudem mit leichten Silbereinlagen verziert waren.
Hinter der Rezeption schaute eine Frau mit strengen Zügen nachdenklich auf Vitareill und lächelte, als er sie erreicht hatte. "Ja bitte?", fragte sie mit einer Stimme, die weitaus wärmer und freundlicher klang, als die Züge es hätten vermuten lassen.
"Guten Tag..", murmelte Vitareill, mehr um Zeit zu gewinnen als alles andere. "Ich.. uhm.." Er zögerte, atmete tief durch und zog den Schlüssel mit der Seerosen-Verzierung aus der Tasche und ließ ihn auf die Platte des Tresen gleiten.
Unschlüssig schaute er die Frau an, die bestätigend nickte und freundlich lächelte.
"Der Seerosen-Key.." murmelte sie wie zu sich selbst. "Haben Sie irgendwelche persönlichen Gegenstände, die Sie verwahren lassen möchten? Private Schlüssel, Portemonnaie und Geld, Schmuck?"
"Uhm..", murmelte Vitareill wieder, dann schüttelte er seinen Kopf. "Nein.. danke."
Die Frau nickte wieder und winkte dann einem jungen, gutaussehenden Mann in der nähe der Rezeption. "Der Holder des Seerosen-Key.", erklärte sie kurz.
Der junge Mann nickte, lächelte dann Vitareill an. "Ihr Gepäck wird gebracht, folgen Sie mir bitte." Er wartete kurz auf den noch mehr verwirrten Vitareill, um ihn in ein kompliziertes Netzt aus Korridoren, die allesamt mit hübschen, maritimen Mosaiken geschmückt waren, zu führen.
Vitareill konnte eine leise Nervosität und eine noch stärkere Neugier nicht unterdrücken. Wo war er hier?
Auf jeden Fall nichts schlechtes.. er wurde so zuvorkommend behandelt, wie sein Vater bei den höchsten, gesellschaftlichen Angelegenheiten. Aber sonst..?
Endlich blieb der unbekannte junge Mann stehen und deutete auf eine Tür aus demselben Eichenholz wie schon zuvor. "Diese Tür, mein Herr.", lächelte er und trat einen Schritt zurück.
Vitareill bedachte ihn und die Tür mit einem fragenden Blick und trat nur zögernd einen Schritt näher. Er streckte seinen Arm aus und drehte den Türknauf. Nichts tat sich, als er ihn drehte und auf Widerstand stieß.
"Der Schlüssel..", erinnerte ihn der Andere freundlich.
Vitareill schnitt eine Grimasse über seine eigene Dummheit und warf einen kurzen, unschlüssigen Blick auf den Seerosen-Schlüssel, den die Frau an der Rezeption ihm zurückgegeben hatte. Aus irgendeinem Grund war die Nervosität angestiegen. Er atmete tief durch, steckte den Schlüssel in das Schlüsselloch und drehte ihn langsam um. Zwei leise ‚klick' ertönten.
"Viel Spaß mit ihrem Key.", lächelte der andere wieder und trat einen weiteren Schritt zurück, den verwirrten Vitareill seinem Schicksal überlassend.

*

Er öffnete die Tür und trat in eine andere Welt.
Die Tür schloß sich hinter ihm, als er in einer Mischung aus Verwunderung und Begeisterung auf eine Wasserfläche sah, die groß schien und noch größer in Anbetracht der Tatsache, daß sie sich in einem geschlossenen Raum befand. Die Wasserfläche lag glatt und sah einladend aus, klar bis auf den Grund, auf dem hübsche Steine, einige Seesterne und andere Dinge lagen.
Vitareill stand auf einer Art Steg, oder eher einem Marmor-Plateau-Steg, der einige Meter in den ‚Raum' führte und sich dort zu einer großen Plattform, in Form einer Seerose, verbreiterte.
Marmor glitzerte leicht in dem Licht, dessen Quelle nirgendwo auffindbar zu sein schien.
Erst jetzt fiel Vitareill die Person einige Meter entfernt von ihm auf, die mit leicht gebeugtem Kopf ihm gegenüber stand.
Eine Strähne des hellen, leicht rosa schimmernden Haares fiel dem jungen Mann, ihm gegenüber, ins Gesicht. Er trug ein enges, blassgrünes, ärmelloses Oberteil und dazu eine weite, bequem geschnittene Seidenhose aus blauviolettem Stoff, und keine Schuhe.
"Willkommen.", sagte er leise, doch mit deutlicher, klarer Stimme. Er hob seinen Kopf, und lächelte Vitareill an. "Mein Name ist Dilan."
Vitareill starrte Dilan einige Momente lang an, ehe er sich von dem Anblick des schönen, jungen Mannes abwenden konnte. Blasse Haut, zierlicher aber großer Körperbau, und die seidigen, etwa schulterlangen Haare die zu einem Zopf gebunden waren schienen eine perfekte Einheit mir tiefgründigen grünen Augen zu bilden.
"Hallo...", murmelte der zwanzigjährige. "Uhm.. Ich bin Vitareill."
Dilan lächelte etwas mehr und trat einen Schritt auf Vitareill zu. "Ihr seht etwas durchgefroren aus..", lachte er leise.
"Uhm..", stammelte Vitareill wieder. "Ich.. eh.. würde gerne was Fragen,.. auch wenn es sich vielleicht etwas blöd anhört."
"Fragen sind nie blöd, also nur zu", erwiderte der Andere, den Vitareill um die zwanzig, jedoch älter als ihn selbst, einschätzte.
"Also.." Vitareill blickte erneut über das Wasser und folgte drei weiteren Stegen von der mittleren Plattform zu etwas weiter entfernten Durchgängen in Türgröße, die mit Vorhängen aus blauer und grüner Seide verhängt waren. Die Wände ansonsten waren Moos bewachsen, einige Pflanzen mit blassrosa blühten rankten aus dem Wasser hoch und gaben allem einen freundlichen und leicht exotischen Anblick.
"Dies hier ist der Palast des Wassers,.. aber.. was genau ist das? Ein Hotel..?"
Dilan zog eine Augenbraue hoch und sah leicht amüsiert, jedoch nicht spöttisch, aus. Er überlegte eine Weile, nickte dann. "So in der Art, ja... Ihr wisst es wirklich nicht? Woher habt ihr den Schlüssel? .. Falls ich fragen darf."
"Natürlich!", lächelte Vitareill und fühlte sich etwas blamiert. "Oh und.. bitte hören sie auf mich mit ‚ihr' anzureden.. ‚sie' ist auch nicht so toll.. Können wir uns nicht einfach duzen...?" Er lächelte Dilan fragend an und fragte sich, ob es in Ordnung war einfach die Etikette zu durchbrechen.
"In Ordnung", lachte der anscheinend Ältere freundlich. "Also,.. bevor ich dir irgend etwas erkläre sollten wir zusehen, daß du aus den nassen Kleidern raus kommst. Ein heißes Bad kann auch nicht so verkehrt sein. Hattest du eine lange Reise?"
"Mh, geht so.. Ich komme aus London."
"London.." Ein wehmütiges Lächeln glitt über Dilans Gesicht und wurde schnell von einem normalen Lächeln verdrängt. "Na ja, komm mit." Er führte Vitareill über den Steg zu der Plattform, auf der ein hübscher Brunnen mit Fischen darin war. Einige große Sitzkissen luden zum Ausruhe ein.
Von hier aus führte Dilan ihn über den linken Steg und durch die Vorhänge.
Vitareill staunte als er das Bad, welches dahinter lag, sah. Ein großer, hübscher Raum, die Wände teilweise mit hübschen Mosaiken in Seerosen-Motiven dekoriert. An der rechten Seite stand ein großer Schrank, links befand sich ein Waschtisch. Der Rest des Raumes wurde von einem beeindruckend hübschen Becken eingenommen, welches aussah, als sei es ein klarer, kleiner See in freier Natur. Steine ohne scharfe Kanten und hübsche, blühende Pflanzen begrenzten es. Das Auffallendste war ein kleiner, aber stetig fließender Wasserfall, der aus der Decke zu kommen schien und klar in das Becken fiel und es so mit frischem, warmen Wasser speiste.
"Ohh..", sagte Vitareill mit einem Lächeln. "Wie schön.." Er ging zu dem Becken und tauchte eine Hand herein. "Du hast es schön hier, wirklich!" Er lachte und hörte sich glücklich an.
"Und du damit auch.", nickte Dilan mit einem Lächeln. Der Ältere ging zu dem Schank, öffnete ihn und holte zwei blassgrüne Handtücher sowie eine Glasflasche mit einer klaren, dickflüssigen Flüssigkeit heraus und stellte sie auf einen kleinen Hocker neben dem Becken.
"Jetzt aber raus aus den Kleidern bevor du dir den Tod holst.", sagte er streng und lächelte darauf wieder. "Selbst der Wollmantel ist durchweicht, das Wetter muß ja schrecklich sein..." Er wartete bis Vitareill, immer noch gefangen vom Anblick des Raumes, seinen Mantel aufknöpfte, nahm ihn ihm ab und legte ihn über einen anderen Stuhl.
"Na ja es geht. Mir wurde gesagt, es ist in dieser Region immer so in dieser Jahreszeit.."
Dilan lachte leise. "Ja, vielleicht ist es wirklich so.. - Das Hemd?"
Vitareill schaute ihn einen Moment verwirrt an, warf dann einen Blick auf seinen nasses Hemd. Er schnitt eine leichte Grimasse, nickte und begann die Knöpfe zu öffnen. "Kannst du mir etwas zum Anziehen leihen, falls mein Koffer... Mir wurde gesagt er würde gebracht werden, aber ich weiß nicht wann..."
"Keine Sorge.", nickte Dilan ruhig. "Ich regele das alles.."
Vitareill nickte leicht, immer noch verwirrt - aber irgendwie wirkte Dilans Anwesenheit beruhigend.
Der Ältere mit der merkwürdigen Haarfarbe legte Stück für Stück Vitareills Kleidung sorgfältig über den Hocker. Nur bei seiner Unterwäsche zögerte Vitareill, lachte sich dann innerlich selbst aus über seine Schamhaftigkeit und beeilte sich, in das Becken mit dem angenehm heißen Wasser zu kommen.
Er seufzte zufrieden und schloß seine Augen als er sich gegen einen großen Stein lehnte, der die perfekte Form dazu zu haben schien.
Das Wasser reichte ihm bis zu den Schultern und verjagte die kalte Klammheit aus seinem Körper.
Eine angenehme Müdigkeit schwappte über ihn und erst Dilans freundliche Stimme brachte ihn zurück in die Wirklichkeit, obwohl ihm der Sinn der letzten Worte gänzlich in der Schläfrigkeit entgangen war.
Fragend schaute er den anderen an. Dilan lachte wieder sein leises, freundliches Lachen und strich sich eine Strähne aus dem Gesicht.
"Schon gut," sagte er, "tu einfach gar nichts. Entspann dich und laß mich machen."
Vitareill wollte irgendwie protestieren, da er ja immerhin weder ein Baby war, noch zu den Leuten gehörte, die sich von vorne bis hinten bedienen ließen, aber irgendwie war das Angebot zu verlockend. Und als Dilan anfing, etwas von der gut riechenden Seife weich, aber doch irgendwie bestimmend, auf seine Haut zu massieren, war er unfähig zu jeglicher Art von Protest und außer Stande irgend etwas anderes zu tun als sich zu entspannen und sich wohl zu fühlen.

Schließlich war Dilan fertig. Er hielt eines der großen, grünen Handtücher auf, ließ Vitareill aufstehen und wickelte es um ihn, bevor irgendein Luftzug ihn erreichen könnte. Das eine Handtuch feststeckend, nahm er bereits das Zweite, Kleinere und begann Vitareills Haare zu trocknen.
"Das ist so schön..", murmelte Vitareill schläfrig, verzweifelt bemüht den Drang einzuschlafen zu ignorieren. "Warum machst du das eigentlich..?"
"Hör auf dir Gedanken zu machen...", lächelte Dilan. "Entspann dich, nichts anderes.. In ein paar Minuten kannst du dich hinlegen und erst mal schlafen."
"Mhm.. danke..", lächelte Vitareill müde und nickte etwas. Seine Augen fielen ihm zu und er war froh, daß der Ältere ihn mit überraschend starken und vorsichtigen Armen festhielt. Ansonsten wäre er vielleicht hingefallen.
Er bekam kaum noch mit, wie Dilan ihm ein Nachthemd überzog, ihn hochhob und aus dem Raum in einen anderen trug. Vorsichtig wurde er von ihm in ein weiches Bett gelegte und sorgfältig zudeckte. Das Licht wurde gelöschte, als der Schlaf ihn bereits übermannt hatte.


Teil 2


Im ersten Moment erschrakt Vitareill. Er war überzeugt er hätte verschlafen, würde zu spät zu einem der Termine mit den Anwälten, Notaren, und diversen Adeligen, deren Gunst es zu gewinnen galt, kommen. Als ihm jedoch, mit immer noch geschlossenen Augen, die Erkenntnis kam, daß er ja gar nicht zu Hause war, daß der Verwalter und die Haushälterin alles regeln würden, und vor allem, daß er noch weiter schlafen konnte, glitt er sanft zurück in traumlosen Schlaf.

Als er das nächste Mal aufwachte, wurde ihm erst wirklich bewusst, daß er in der Tat nicht zu Hause war, sondern in diesem Palast des Wassers. In einem – ja, was denn nun? Hotel? Hotel mit persönlichem Bediensteten? Und all das nur über einen Schlüssel, den er auf dem Jahrmarkt gewonnen hatte?

Merkwürdig, äußerst merkwürdig.

Er seufzte leise ohne es zu merken. Warum schon wieder so viele Dinge, über die er sich Sorgen machen musste? Und warum gleich so früh am Morgen, quasi vor dem Aufstehen? Und überhaupt...




„Herr..?“, fragte plötzlich eine leise Stimme, die sich noch leiser berichtigte. „Vitareill, meine ich..“

„Mh..?“, murmelte der Angesprochene, konnte sich endlich dazu durchringen die Augen zu öffnen. Verhältnismäßig erstaunt stellte er zunächst erneut fest, daß er sich eben nicht zu Hause in seinem Raum befand – sonder statt dessen in einem großen, und – wie er bereits festgestellt hatte – gemütlichem Himmelbett, in hellen Blautönen gehalten.

„Verzeih falls ich dich wecke..“, setzte die leise, freundliche Stimme wieder an, „aber ich dachte du seist wach.“

„Bin ich ja, ‘tschuldigung,... gib mir fünf Minuten...“ Vitareill gähnte einmal hinter vorgehaltener Hand und setzte sich dann langsam auf, schläfrig seine Augen reibend. Dann strich er sich nachdenklich eine Strähne der braunen Haare aus dem Gesicht und schaute sich endlich weiter um. -Und obwohl er bereits mit ihm gesprochen hatte, war er eher überrascht Dilan ruhig neben dem Bett stehen zu sehen. War irgend etwas wichtiges..?

„Uhm..“, murmelte Vitareill erneut und lächelte entschuldigend. „Da bin ich ....“ Er wurde von einem erneuten Gähnen unterbrochen. „Wie spät ist es denn...?“

„Kurz vor elf.“, lächelte Dilan. „Es tut mir sehr leid, daß ich dich wohl doch ge…“

„Ach was. Ich sollte mir langes Schlafen nicht angewöhnen...“ Er stoppte und sah sich dann unschlüssig um.

Dank der Tatsache, daß er sich immer noch nicht sicher war, was das hier war, wusste er auch nicht, was er erwarten konnte, oder was von ihm erwartet wurde.

Dilan, von dem er genauso wenig wusste, half ihm über diesen Moment hinweg.

„Möchtest du frühstücken? Wir können alles bestellen was du magst..“

Vitareill nickte langsam. „Hört sich gut an“, lächelte er dann fast etwas schüchtern. Er setzte dazu an etwas zu fragen, unterließ es dann aber und verließ das Bett.

Er schaute sich noch einmal kurz im Raum um und stellte fest, daß dieser nicht weiter spektakulär war – in hellen Blautönen gehalten und relativ klein. Das Himmelbett war, neben einem großen Kleiderschrank, das wichtigste Objekt des Raumes.

Jetzt fiel ihm auch auf, daß sein Koffer vor dem Schrank stand, noch unberührt. Die Kleider, die er gestern getragen hatte, lagen säuberlich gefaltet darüber.

Mit einem letzten tiefen Atemzug zum Wachwerden, öffnete Vitareill seinen Koffer und kramte eine Hose und ein Hemd, sowie frische Unterwäsche heraus. Den Ordner mit Dokumenten, den er mitgebracht hatte, sträflich ignorierend. Dann schloß er den Koffer wieder, nahm seine Sachen und guckte einen Moment unschlüssig aus der Zimmertür, oder besser, dem Durchgang, auf den Steg durch die ‚Wasserhalle‘.

„Ich geh mal ins Bad..“, murmelte er schließlich Dilan, der noch halbwegs wartend in der Tür stand, zu und verließ dann den Raum, über den Steg gehend in Richtung Badezimmer.

Das viele Wasser um ihn herum faszinierte ihn. Unendlich klare, tiefe Wassermassen. Am Grund, der bestimmt vier, fünf Meter entfernt war, konnte man Steine, einige Wasserpflanzen und sogar ein paar Seesterne sehen und jetzt fielen Vitareill auch die kleinen Fische auf, die sich zumeist mehr in den Ecken des Beckens aufhielten.

Im Badezimmer angekommen schloß Vitareill die Tür ab, legte seine mitgebrachte Kleidung über einen Hocker in der Ecke und wandte sich dem Waschbecken zu.

Ohne groß darauf zu achten drehte er den Wasserhahn auf und spritze sich kaltes Wasser ins Gesicht, bis er sich wach fühlte.

Er hob seinen Kopf und starte einige Minuten ausdruckslos in den Spiegel, schaute seine blasse Haut und die verstrubbelten dunklen Haare an, über die sich die Haushälterin jeden Tag aufs neue Aufregte, weil sie ihr zu lang waren – obwohl sie für ihn selbst eigentlich eher zu kurz wirkten – und schnitt dann, sich wieder abwendend , eine Grimasse.

Sich im Spiegel zu lange anzuschauen, ohne einen wirklichen Grund zu haben, konnte ja nur Unglück bringen...




Nachdem er sich gewaschen und angezogen hatte, verließ Vitareill das Bad wieder, ging über den Steg und blieb unschlüssig neben dem Brunnen auf der Plattform stehen. Dann entschied er sich in den ihm noch unbekannten dritten Raum zu gehen, dem Badezimmer gegenüberliegend.

Unbewußt lächelte er als er den Raum betrat. Groß und hell und gemütlich eingerichtet, lud er eigentlich nur dazu ein, sich hinzusetzen und sich wohl zu fühlen. Ein paar hohe Bücherregale an den Wänden schienen mindestens genau so viele Bücher zu beinhalten wie die kleine Privatbibliothek seines Vaters - ... also seine eigene Bibliothek, berichtigte sich Vitareill zögernd. Ein flacher Tisch mit Sitzkissen drum herum in der Mitte des Raumes und weitere Kissen verteilt entlang der Wände des Raumes.

Späte Morgensonne fiel durch eine Glastür in den Raum und ließ alles noch freundlicher aussehen.


***


Dilan stand in dem Raum und stellte das Buch, welches er in der Hand gehalten hatte, sorgfältig an seinen Platz zurück. „Da bist du ja.“, lächelte er dann und Vitareill fiel zum ersten Mal auf, daß Dilan irgendwie zurückhalten wirkte. Nicht wirklich auffällig und schon gar nicht wirkte er schüchtern – aber eben doch zurückhaltend.... oder auch nicht?

Vitareill schnitt innerlich eine Grimasse, als er bemerkte, daß er grade relativ sinnlos dachte. Also schlug er die Gedanken in den Wind, setzte ein freundliches Lächeln auf und versuchte nicht unsicher zu wirken. Zum Glück rettete Dilan ihn erneut über den Moment peinlichen Schweigens.

„Was möchtest du frühstücken?“, fragte er und hörte sich wieder recht fröhlich an.

„Uhm..“, murmelte Vitareill, „gar nichts.. eigentlich.. Ist doch sicher schon nach der Frühstückszeit?“

Natürlich war es das.. In den Hotels die er kannte, gab es schon nach zehn kein Frühstück mehr, kein Richtiges zumindest. ... Und dies hier war doch ein Hotel, zum Henker??

„Kein Frühstück?“, sagte Dilan mit zweifelnder Miene. „Bist du dir sicher, daß du keinen Hunger hast..?“

Die erneute Erwähnung besagter Mahlzeit brachten Vitareill dazu, seine eigene Entscheidung anzuzweifeln. „Gibt es denn noch was..?“, fragte er zögerlich mit einem entschuldigendem Lächeln.

Dilan lächelte etwas mehr. „Natürlich gibt es was. Wenn du mir sagst, was du gern hättest, dann bestelle ich es für uns.“




Es dauerte gar nicht so lange bis Dilan Frühstück bestellt hatte und es von der ‚Eingangstür‘ abholte. Vitareill stand etwas verloren im Raum herum und fühlte sich unnütz.

„Setzt dich schon mal“, schlug Dilan vor, während er ein volles Tablett zum Tisch balancierte und es abstellte.

Erleichtert, daß er nun auch etwas tun konnte, nahm Vitareill zwei kleine, leere Teller vom Tablett, stellte sie auf den Tisch und ließ ihnen einen Korb mit frisch duftendem Brot, einem Glas Marmelade, Butter, Wurst und Käse folgen, während Dilan zwei Teetassen, sowie eine Kanne ,aus der es dampfte, dazustellte.




„Also...“, murmelte Vitareill schließlich, als auch Dilan sich gesetzt hatte und beiden Tee eingeschenkt hatte. „Was genau.. ist das hier jetzt eigentlich? Für ein Hotel ist das hier doch viel zu groß, um nur ein Zimmer zu sein. Und ich könnte mich nicht erinnert, je von einem Hotel gehört zu haben, daß Schlüssel ausgibt, bevor.. ach was weiß ich. ...wo der Schlüssel quasi alles ist?“ Er zog eine leicht blamierte Grimasse. „Ich weiß sowieso nicht, wie das mit dem Bezahlen ist, oder.. öhm.. ja.“ Er brach erneut ab und gab weitere Versuche, Sinn in seinen Satz zu bringen, auf.

Dilan lachte leise, hörte sich aber kein bisschen unfreundlich an. „Woher hast du denn den Schlüssel?“, fragte er mit einem nur leicht amüsierten Lächeln.

„Gewonnen..“, antwortete Vitareill und wunderte sich über den Anflug von Hitze in seinem Gesicht. „Auf dem Jahrmarkt..“

„Also weißt du wirklich nicht, was der Schlüssel und dieser Raum, bedeuten?“ Ein Kopfschütteln antwortete ihm.




Dilan seufzte innerlich und nahm sich dann, nur kurz, die Freiheit hinaus, einen Blick in Vitareills Gedanken zu werfen. Irgendein Gefühl versicherte ihm, daß er sich keine Sorgen zu machen brauchte.. Nicht jetzt, nicht bei Vitareill.

Das Ergebnis ließ ihn wieder Lächeln. Der Junge – oder besser, der Junge Mann – wusste wirklich nicht, was ein Key war, was der Palast war.. Na dann los, Dilan.

„Ich nehme an,“ fing er an, „daß du sicherlich schon mal gehört hast, daß durchaus einige der reicheren Leute sich darüber unterhalten, in irgend einem ‚Palast’ gewesen zu sein, für so und so lange Zeit…“

Vitareill schaute ihn fragend an, nickte aber. „.. Ja, und?“, fragte er schließlich leicht verwirrt.

Dilan lächelte erneut. Aus irgendeinem Grund war er davon überzeugt, daß Vitareill nicht wirklich darüber begeistert sein würde, was der Palast wirklich war.

„Du befindest dich gerade in genau solch einem Palast, im Palast des Wassers.“ Er stoppte kurz. „In jedem Palast gibt es diverse Zimmer und zu jedem Zimmer gehört ein individueller Schlüssel, mit dem sich die Tür öffnen läßt, die zu dem jeweiligen Raum führt – und zu dem beinhalteten Key.“

„.... Schlüssel... für den Raum mit einem Schlüssel...“, wiederholte Vitareill mit einem leichten Stirnrunzeln, sich selbst bewusst, daß hier irgend etwas gerade keinen Sinn machte.

Dilan schüttelte leicht seinen Kopf. „Mit ‚Key‘ ist nicht ein weiterer Raumschlüssel gemeint, sondern..“ Er zögerte. „Um es kurz zu machen, ich bin so ein Key. Ich gehöre zu diesem Zimmer und für befristete Zeit gehört das Zimmer, mitsamt Inhalt – also auch mir - dir.“

Ne, das war nicht einfach, jemandem, der überhaupt keine Ahnung hatte und auch rein gar nichts in diese Richtung erwartete, zu erklären, was es denn nun wirklich mit einem Key auf sich hatte. Aber zum Glück flackerte plötzlich ein wissender Blick in Vitareills Gesicht auf – und wenige Sekunden danach nahm sein Gesicht einen sanften Rotton an.




„Ohh..“, murmelte Vitareill schließlich, als er sich plötzlich erinnerte, wie irgendein Adeliger, auf irgendeinem dieser langweiligen Banketts, von einem Palast und einem Key gesprochen hatte. Das war lange her und Vitareill war sich relativ sicher, daß er damals überhaupt nicht verstanden hatte, worum es ging – dennoch konnte er sich daran erinnern.

„Also, ich, äh..“, stammelte er, seinen Blick auf das Marmeladenglas vor ihm geheftet. „Dann äh.. bin ich ja aber nicht gezwungen alle Möglichkeiten meines Raumes zu nutzen..“

Es war offensichtlich was er meinte. Was für eine Blamage..

Aber Dilans leises, freundliches Lachen beruhigten ihn wieder etwas. „Nein, natürlich nicht. Du kannst tun und lassen was du willst, keine Sorge.. es gehört alles dir.“

Langsam schaffte der Dunkelhaarige es, wieder sein Brot zu nehmen und zaghaft abzubeißen. „Dann wäre das ja geklärt..“, murmelte er schließlich und verlor kein weiteres Wort über dieses Thema.




Vitareill verbrachte die nächsten zwei Stunden lesend. Er hatte es sich in einem Stapel weicher Sitzkissen bequem gemacht und sein etwas zerknittertes Buch aus der Manteltasche genommen.

Dilan war zwischenzeitlich durch die Glastür in den Garten gegangen, einige Zeit dort geblieben und hatte sich schließlich ebenfalls ein Buch zum Lesen genommen.

Schließlich klappte Vitareill das Buch zu, schaute hoch und beobachte den lesenden Key einige Momente. Er schien genauso versunken in das Buch zu sein wie auch Vitareill es noch bis vor wenigen Momenten gewesen war, konzentriert auf die Geschichte.

Zumindest dachte er das, aber dann schaute Dilan plötzlich auf und lächelte. „Genug gelesen?“

Vitareill erwiderte das Lächeln und nickte. Er fühlte sich irgendwie unsicher gegenüber der spiegelnden Freundlichkeit des Keys, durch welche er nicht sagen konnte, ob sie echt war oder nur aufgesetzt. Erst hatte er gedacht sie sei echt, aber jetzt, wo er wusste, daß Dilan ein Key war..

Vitareill seufzte unhörbar und schaute wieder hoch. „Sag mal, besteht irgendeine Möglichkeit, daß du mir den Palast zeigen könntest?“ Er lächelte etwas gezwungen. „Wenn ich schon mal hier bin, möchte ich’s ja auch mal sehen..“

Dilan nickte leicht. „Wenn du es ausdrücklich wünscht, geht das natürlich. Ich darf das Zimmer nur zusammen mit euch verlassen.“

Vitareill nickte erneut während er aufstand. „Es ist also mein ausdrücklicher Wunsch.“ Er grinste schief und kam sich vor wie der Herr zu seinem Sklaven, obwohl – Moment, so war es ja auch...

Der jüngere zog eine Grimasse und zuckte mit den Schultern. „Na ja, also..?“, murmelte er dann und fühlte sich leicht blamiert, obwohl er nicht wusste warum.




Es dauerte nur wenige Minuten bis sie soweit waren und den Raum verließen. Wie auf Knopfdruck erschien in der Nähe der Tür ein bullig aussehender Mann in einer blauen Uniform, der Vitareill bei seiner Ankunft nicht aufgefallen war, als diese sich öffnete. Er schien aber beruhigt zu sein, als er Dilan mit Vitareill zusammen sah.

Wortlos, mit einem leichten Lächeln auf den Lippen, das sowohl gespielt als auch echt sein konnte, führte Dilan Vitareill durch den Korridor, entlang verzierter Wände und Säulen, Wasserbecken und Wandgemälden, bis sie eine kleine, aber hohe Halle erreichten, in deren Mitte ein kleiner Teich mit tropischen Fischen und Pflanzen, umgeben von bequemen Bänken, war. Fünf Korridore, die sich alle sehr ähnlich sahen, zweigten von hier ab. Die einzige Möglichkeit sie zu unterscheiden, so schien es Vitareill, waren die in Blautönen gehaltenen, verschiedenen Mosaike an den Wänden zwischen den Gängen. Wie sich jemand hier auf Dauer zurechtfinden konnte war ihm schleierhaft.

„Dies hier,“ erklärte Dilan mit einer umfassenden Geste und riß Vitareill damit aus seinen Gedanken, „ist die sogenannte kleine Wandelhalle. Hier wandeln zwar kaum Leute, außer der Diener und hin und wieder einem Mitglied der Palastgarde, aber sie hat diesen Namen von früher, als die Burg noch von Earl Vincent of Canchester bewohnt war.“ Er lächelte. „Die meisten Holder wollen ihre Zimmer nur selten verlassen, deshalb gibt es auch keine großartigen Aufenthaltsräume oder ähnliches.“

Sie gingen weiter, durch einen der abzweigenden Gänge, bis sie einen weiteren, breiteren Korridor erreichten, in dem mehr offensichtliches Leben herrschte. Zwei Bedienstete liefen geschäftig hin und her, in einer Nische stand eine weitere uniformierte Wache und ein beleibter Mann mit pomadigem Haar, feistem Gesichtsausdruck und einem goldbezahnten Grinsen, der langsam den Gang entlang schritt, begleitet von einem gutaussehenden, jungen Mann mit seidigem braunen Haar, der etwas größer als der fette Mann war und ergeben immer einen halben Schritt hinter ihm blieb.

Vitareill rümpfte die Nase und zog die Augenbrauen etwas zusammen. Irgendwo hatte er den Mann schon mal gesehen… aber er konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern wo.

„Kennst du den..?“, fragten er Dilan leise und zeigte unauffällig in die Richtung des ungleichen Paares.

Der Key nickte leicht. „Das ist der Key des versiegenden Wassers, mit seinem Holder.“

Vitareill verzog das Gesicht noch mehr. „Wie schrecklich… Der Arme, bei so einem Holder kann man ja schon aus der Entfernung das Schreien kriegen.“

Dilan lächelte etwas gequält. „Wir können uns unsere Holder nicht aussuchen.“

Vitareill senkte seinen Kopf und nickte betroffen. „Ich weiß… Tut mir leid…“ Er seufzte und atmete innerlich auf, als er den Mann und seinen Key in einem Seitenflur verschwinden sah. Für einen Moment dachte er, der Dicke hätte sich kurz zu ihm umgedreht, aber das war wahrscheinlich nur Einbildung.




Dilan führte Vitareill weiter, zeigte ihm die Eingangshalle, zwei sehr schöne, eindrucksvolle Säle, und zum Schluss eine breite Terrasse, die den Palast an den Klippen zum Meer abgrenzte. Von hier aus hatte man einen atemberaubenden Ausblick über die Klippen und auf das Meer, welches wild unter ihnen tobte, Schaumkronen tragend gegen die Klippen donnerte und einen Eindruck davon gab, welche Macht es hatte.

Ein leichter Nieselregen fiel auch heute, aber die Terrasse war zur Hälfte überdacht. Zwei Mutige hatten es trotz der niedrigen Temperaturen gewagt, sich nach draußen an einen der Tische zu setzen. Ein junger Mann, um die 25 vielleicht, mit kurzgeschnittenem, blondem Haar und einem stetigen Lächeln auf den Lippen. Er trug einen Anzug von dem Vitareill sofort erkannte, daß er nicht billig gewesen sein konnte - Mit einem innerlichen Naserümpfen bedachte er seine eigene Ausstaffierung. -Er war in Begleitung eines weiteren Mannes desselben Alters, dessen Kleidungsstil dezent und gepflegt, aber dennoch ungewöhnlich, vielleicht etwas orientalisch wirkte. Irgendwoher meinte Vitareill den ersten der zwei Männer zu kennen, konnte aber nicht sagen woher.

Dilan wollte gerade etwas sagen, als der erste Mann sie erblickte. Sein Lächeln verbreiterte sich und er stand auf und trat einige Schritte auf Vitareill zu.

„Cerrington, Vitareill von Cerrington, habe ich recht?“, strahlte er, trat zwei weitere Schritte vor, um Vitareills Hand zu nehmen und sie zu drücken.

„Uhm.. ja...“, erwiderte Vitareill etwas verwirrt während er dem Mann die Hand schüttelte. Adeliger, dachte er bei sich. Natürlich ein Adeliger, irgendeiner der meinen Vater von irgendeinem Bankett bei der Tante des Bruders des Großcousins der Tochter der Handelspartner kennen gelernt hat. Sei nett Vitareill, lächele, benimm dich, denk an das, was dein Vater dir beigebracht hat... Er seufzte innerlich.

„Und mit wem habe ich das Vergnügen?“, fügte er endlich hinzu, bemühte sich würdevoll auszusehen.

Der Mann lachte recht vergnügt und un-adelig. „Nikolas von Mevinbridge. Wir haben uns vor einem Jahr bei einem Bankett eures Vaters kennen gelernt.“ Das Lächeln verschwand für einen Moment. „Bei der Gelegenheit noch einmal meine herzlichsten, diesmal nicht schriftlichen, Beileidswünsche.“

Ein Moment verging, dann lachte er wieder sympathisch. „Und keine Sorge, es ist nicht so, daß ich mir alle Gesichter merke, die ich auf den Banketts sehe, aber ihres ist mir zufällig im Gedächtnis geblieben...“

Nikolas von Mevinbridge? ... Nie gehört. Oder war das... Vitareill mustere sein Gegenüber erneut, Dilan, der sich unauffällig zurückhielt ganz vergessend und versuchte sich zu erinnern. Ohne besonderen Erfolg allerdings.

Na ja, dachte er sich, war wohl nicht so wichtig. Aber er schien nett. Obwohl es eigentlich ein Negativ-Punk sein sollte, daß er sich einen Key gemietet hatte. Allerdings, Vitareill befand sich auch im Palast und im Endeffekt war es wahrscheinlich das Gleiche. Moral hin oder her. Was auch immer.

„Ich sehe, sie …“, Nikolas unterbrach sich, lächelte charmant und schob eine Frage ein. „Sagen sie, sollten wir uns nicht vielleicht duzen, hier fernab vom Rest der Aristokratie? Mein Name ist Nikolas.“

Mit einem Lächeln schüttelte Vitareill dem Blonden die Hand. „Gerne, Nikolas, danke.“

„Wollen wir uns nicht setzen?“, fragte Nikolas darauf und schob Vitareill bereits in Richtung eines der bequemen Stühle, die um den Tisch gruppiert waren. Der andere Key, der Dilan kurz zulächelte, saß auf einem der sechs Stühle. Nikolas setzte sich daneben und zog Vitareill auf den Stuhl zu seiner Linken, während Dilan, ohne die Miene zu verändern, hinter Vitareills Stuhl stehen blieb.

Der drehte sich um und schaute seinen Key einen Moment lang verwundert an. „Willst du dich nicht auch setzen?“, fragte er dann.

Dilan lächelte zurückhaltend und nickte, irgendwie anderes, als er sich vorher verhalten hatte, setzte sich aber endlich neben seinen Herrn.

Vitareill unterdrückte eine Grimasse. Natürlich, Dilan musste nach außen den Schein noch mehr wahren als nach innen. Wahrscheinlich würde er ihn in Gegenwart anderer nicht einmal duzen. Na toll.

Für einen Augenblick beschlich Vitareill ein unangenehmes Gefühl, das eine Mischung aus Schuldgefühlen und etwas anderem zu sein schien, aber es verschwand so schnell, wie es gekommen war.




Es verging einige Zeit in der Nikolas fast nur redete, allerdings ganz unterhaltsam, während Vitareill nur hin und wieder eine Bemerkung einwarf und die beiden Keys vollkommen still waren.

Endlich holte Nikolas tief Luft und machte Anstalten aufzustehen. „Aber ich will dich nicht weiter langweilen.“, sagte er mit einem weiteren Lächeln. „Ich bin mir sicher, daß wir uns in den nächsten Tagen noch einige Male begegnen werden. Wie lange gedenkst du zu bleiben?“

„Zwei Wochen.“, entgegnete Vitareill eher schüchtern und erwähnte nicht, daß er den Schlüssel bloß gewonnen hatte. Was ging es Nikolas auch an.

„Zwei Wochen? Eine schöne Zeit. Ich bleibe noch ebenso lange.“ Er stand auf und wartete, bis auch Vitareill das Gleiche getan hatte. Eine Verbeugung andeutend verabschiedete er sich, winkte seinem Key zu, ihm zu folgen und verschwand.

Für einen Moment starrte ihm Vitareill nur nach, dann zuckte er wie zu sich selbst die Schultern und seufzte unhörbar. „Wen man nicht alles trifft…“, murmelte er und blickte dann etwas unschlüssig zu Dilan.

„Redest du wieder mit mir?“, fragte er dann leicht blamiert und erntete einen etwas betroffenen Blick.

„Verzeih mir… Aber es steht Keys nicht zu Gespräche der Holder zu stören.“

„Stören.“, wiederholte Vitareill. „Du störst doch nicht.. Na ja“, er zog eine Grimasse, „laß uns gehen, ja? Langsam wird mir kalt...“

Dilan lächelte leicht und nickte. „Dann los…“, murmelte er und wandte sich dem Eingang zurück in den Palast zu, Vitareill neben ihm.

Der Jüngere verfiel schnell wieder den Gedanken, ohne es richtig zu merken.

Es war irgendwie komisch… alles, irgendwie.

Himmel, warum gab es so was wie den Palast nur? Natürlich konnte er sich nicht beklagen, für ihn war schließlich alles toll. Aber was war mit den Keys?

Natürlich, wenn sie nette Holder kriegten… aber wenn nicht? Das Bild des Dicken, goldbezahnten Mannes kam ihm wieder ins Gedächtnis und er seufzte. Das Leben als Key mußte streckenweise recht… schlimm sein.




Sie folgten dem Korridor zurück und erreichten erneut die kleine Wandelhalle. Immer noch in Gedanken bemerkte Vitareill die hastigen Schritte kaum und der kurze Warnschrei, den Dilan ausstieß, erreichte ihn gleichzeitig mit dem Schmerz, der plötzlich durch seine linke Schulter schoss, sich von dort rastend schnell durch seinen Oberkörper ausbreitete. Für einem Moment wurde ihm schwarz vor den Augen und erst hier erreichte ihn geistig auch der Knall des Pistolenschusses.




Einen Moment lang wunderte sich Vitareill, warum er nicht zu Boden fiel, bis er abwesend merkte, daß ihn jemand vorsichtig festhielt, jetzt halb auf eine der Bänke setzte und ihn immer noch stütze.

Er hörte Dilan jemandem etwas zurufen und versuchte die Augen zu öffnen, sah jedoch nicht mehr als ein verschwommenes Bild.

„Was..“, stammelte er mit einer so leisen Stimme, daß es ihn selbst erschreckte. Dann hörte er den Key beruhigend dicht an seinem Ohr sprechen, und obwohl es endlos dauerte, bis sein Verstand in der Lage war die Worte als „Bleib ganz ruhig“ zu identifizieren, tat es doch seine Wirkung, obwohl sich Vitareill sicher war, daß, wenn jemand anderes an Dilans Stelle gewesen wäre, er anders denken würde und…

Ja, Vitareill, denk nicht so viel.., redete er sich innerlich zu und stellte in bemerkenswerter Geschwindigkeit seine Gedanken ab, was ihm sonst nie gelang.

Die Schmerzen erschienen ihm mittlerweile wie taub und irgendwie, als hätte jemand seine Schulter in eiskaltes Wasser gelegt.

Er bekam das plötzliche Gewirr von Stimmen nicht richtig mit, weder die besorgte, weibliche Stimme, die von irgendwoher kam, noch die bestimmende, tiefe Stimme, die irgendeinen Befehl von sich gab und auch nicht die mindestens fünf weiter entfernten. Alles schien zu verschwimmen, Töne und Gefühle, Farben und Formen. Und als er merkte, wie er hochgehoben und weggetragen wurde, störte es ihn nicht, da Dilans beruhigende Stimme da blieb. Er merkte, wie er sich plötzlich schrecklich müde fühlte.

Langsam schienen die Stimmen leiser zu werden und zu verschwinden, bis schließlich nur noch Dilans blieb und dann auch diese langsam, ganz langsam, verschwand.


Teil 3


Nur langsam wichen Dunkelheit und das taube Gefühl in Vitareills Körper, und es schien ewig zu dauern bis seine Versuche die Augen zu öffnen endlich Erfolg zeigten, jedoch war das Ergebnis auch nicht viel besser als vorher – alles schien verschwommen und unklar.

„Vitareill?“

Bis die Stimme in Vitareills Bewußtsein durchgedrungen war, schienen einige Momente vergangen zu sein, und einige weitere bis er sie zuordnen konnte.

„..Dilan..?“ versuchte er zu fragen, jedoch verließ nicht mehr als ein heiseres Krächzen seine Kehle.

Immerhin schien dieser Versuch zu reden von Erfolg gekrönt zu sein, denn etwas in Vitareills sich nur langsam schärfendem Sichtfeld bewegte sich. „Ja ich bin’s.. mach dir keine Sorgen.“

Eine kurze Stille breitete sich aus, dann bewegte sich Vitareill versuchsweise und stellte fest daß es weitaus besser ging als er dachte. Nur ein dumpfer Schmerz in seiner anscheinend bandagierten Schulter erinnerten ihn daran was genau passiert war. Naja was hieß genau. Um wirklich genau zu sein musste er zugeben daß er gar nicht wusste was eigentlich vorgefallen war.. da war dieser Schuß gewesen und- ja, das war es auch schon gewesen. Nur.. warum....?

„Dilan..?“ fragte er erneut, blinzelte ein paar Mal und konnte schließlich die Gestalt des Keys erkennen, der neben ihm, an der Seite des breiten Bettes saß – anscheinend befanden sie sich im Schlafzimmer des Raumes des Seerosen-keys. „Was.. warum..?“ er stoppe als er bemerkte daß er nicht wirklich wusste wie er eine vernünftige Frage formen sollte.

Er hörte Dilan leise seufzen, und spürte wie im jemand sanft übers Haar strich. „Jemand hat auf dich geschossen.. die Palastwache konnte den Täter noch nicht finden, aber mach dir keine Sorgen, in diesen Räumen hier bist du auf jeden Fall sicher.“ Er stoppte kurz, und sprach dann in einem etwas zuversichtlicheren Tonfall weiter. „Wie fühlst du dich jetzt?“

„Ganz gut denke ich..“ murmelte Vitareill und schnitt den Ansatz einer Grimasse. Gut war eigentlich übertrieben, aber immerhin musste er zugeben daß er auch nicht von ‚schlecht‘ reden konnte. Jedenfalls nicht zu schlecht.

„Der Palastarzt meint, du könntest aufstehen wenn du dich dazu in der Lage fühlst, aber du sollst dich schonen.“

Hm. Aufstehen hörte sich eigentlich ganz gut an, auch wenn er sich schwach fühlte. Im Bett rumliegen war jedenfalls definitiv eine schlechtere Möglichkeit. Es gab ihm immer das Gefühl klein und schwach und hilflos zu sein, und brachte ihn dazu sich schlechter zu fühlen als es ihm wirklich ging. Also Aufstehen.

„Dann stehe ich auf..“ murmelte er leise, und versuchte sein Vorhaben in die Tat umzusetzen. Langsam richtete er sich auf, wurde dann jedoch plötzlich von einer Schwindelattacke überrascht, und wäre wieder zurückgefallen wenn Dilan ihn nicht gestützt hätte.

„Bist du dir sicher daß du nicht noch liegenbleiben willst..?“ fragte der Key mit prüfendem Blick auf seinen Holder, der jedoch nickte nur stumm und atmete tief ein und aus bis das Schwindelgefühl verflog.

Mit Dilans Hilfe schaffte er es so weit sich auf die Bettkante zu setzen, und musste daraufhin feststellen wie anstrengend ihm bereits das erschien. Himmel, Vitareill, stell dich doch nicht so an, du bist doch kein kleines Kind mehr. Einmal tief Luft holen, und dann aufstehen! Wie sieht das denn sonst aus..!

Als er jedoch schwungvoll aufstehen wollte um zu beweisen daß es ihm gut ging überfiel ihn fast sofort die nächste Schwindelattacke. Geistesgegenwärtig hielt Dilan seinen Holder fest, setzte ihn zurück auf die Bettkante und verhinderte so daß Vitareill die Stufen zum Bett runterfiel.

„Himmel..“ grummelte Vitareill heiser und ließ seinen Kopf sinken. Dilan lachte leise. „Ich glaube du erwartest gerade zu viel von dir..“ sagte er freundlich. „Andere würden in deinem Zustand nichtmal daran denken aufzustehen..“ Er zog die Bettdecke heran und legte sie Vitareill vorsichtig über die Schultern um ihn in seinem Schlafanzug von der Kühle des Raumes zu schützen.

Der Jüngere zuckte leicht mit den Schultern, wurde aber von einem plötzlichen Schmerz daran erinnert daß er das besser unterlassen sollte.

Nach einem weiteren Moment des Schweigens nahm Dilan die Situation in die Hand. „Also ich würde vorschlagen daß du dich erstmal anziehst, dann können wir ins Wohnzimmer gehen, wo es wärmer ist als hier.. einverstanden?“

Vitareill nickte stumm, und stand, diesmal mit der Hilfe des Keys, auf. Eigentlich trug Dilan Vitareill mehr die Stufen hinunter und zum Schrank als das er ihn stütze, aber immerhin erreichten sie ihr Ziel ohne weitere Zwischenfälle.

Während Dilan kurz den Schrank öffnete, immer noch mit einer Hand Vitareill festhaltend, um frische Kleider für den Jüngeren rauszusuchen, versuchte dieser mit zittrigen Händen das Oberteil seines Schlafanzuges aufzuknöpfen, aber obwohl er sich innerlich selbst beschimpfte sich doch zusammenzureißen, klappte es so schlecht daß er nur einen Knopf geöffnet hatte als Dilan die frischen Sachen rausgelegt hatte.

„..Na so wird das nichts..“ murmelte der Key freundlich, und schob vorsichtig aber bestimmend Vitareills Hände von den Knöpfen und öffnete sie nach nur einem kurzen Protestversuch Vitareills selbst.

Vitareill seufzte leise und zog eine Grimasse als er merkte daß er sich wirklich nicht nur so schwach fühlte, sondern es anscheinend auch war. Wie peinlich...

Ohne einen weiteren Kommentar half Dilan seinem Holder beim Anziehen – wobei er die meiste Arbeit machen musste.

Als das geschafft war lächelte Dilan aufmunternd. „So, das war das..“ sagte er, und schaute Vitareill einen Moment lang prüfend an. „Eigentlich würde ich ja sagen das ein heißes Bad dir am meisten helfen würde, aber der Arzt hat das für die nächsten zwei Tage mindestens verboten, damit die Wunde nicht wieder aufgeht.“

Vitareill nickte leicht und versuchte die aufkommenden Gedanken wieder zu verscheuchen –Leider relativ erfolglos. Himmel, warum musste es immer dann irgendwelche Probleme regnen wenn er gerade keine brauchen konnte? Im Übrigen.. Vitareill, du solltest nicht nur untätig rumstehen, sondern dir lieber Gedanken darüber machen was genau passiert ist, oder warum. Und wer Derjenige war der dich anscheinend.. naja, erschießen wollte. .. wie sich das anhörte. Jemand der ihn erschießen wollte. Warum sollte das überhaupt jemand wollen?

Dilan riß den Jüngeren aus den Gedanken als er Vorschlug ins Wohnzimmer zu gehen, welches nicht nur besser geheizt, sondern auch schlicht und ergreifend gemütlicher war. Vitareill stimmt zu ohne auch nur darüber nachgedacht zu haben.

Sie verließen das Schlafzimmer, und Vitareill stellte relativ erleichtert fest daß sich zumindestens sein Kreislauf wieder dazu entschlossen hatte normal zu arbeiten – aber obwohl die Schwindelattacken ausblieben fühlte er sich weiterhin dermaßen schwach, daß er regelrecht froh war sich an Dilan festhalten zu können.




Im Wohnzimmer angekommen half Dilan Vitareill sich bequem in einen der Kissenstapel zu setzen. „So..“ sagte er dann, „Du solltest auf jeden Fall etwas essen..“

Vitareill schaute ihn zweifelnd an. „...Muß das sein?“ Der Key nickte bestimmend. „Muß es. Das heißt, sollte es dein ausdrücklicher Befehl sein dann natürlich nicht..“

Der Jüngere seufzte ergeben. „Na von mir aus..“

Lächelnd nickte Dilan, und verließ den Raum kurz um Essen zu bestellen.

Vitareill legte den Kopf in den Nacken und schloß seine Augen. So, was jetzt. Wie lange hast du überhaupt geschlafen? Welcher Tag ist heute? Höchstens einer später, oder? ..um zu den weiteren Fragen zu kommen. Wer bitte wollte dich erschießen, und warum, und...

Vitareill atmete tief durch, und versuchte erneut die ziemlich chaotischen Gedanken zu vertreiben. Gerade passend dazu kam Dilan zurück, zusammen mit einem Tablett mit Tee, Brot, und einigen anderen Dingen. Er stellte alles auf den Tisch, zog dann einen Umschlag unter einem Teller hervor und gab ihn Vitareill. „Von der Palastleistung.“ Erklärte er.

Stirnrunzelnd öffnete Vitareill den Umschlag und zog den elegant aussehenden Briefbogen heraus, entfaltete ihn und las den Inhalt durch. Er enthielt eine offizielle Entschuldigung für die Vorkommnisse vor zwei Tagen – Moment mal, vor zwei Tagen? ..Dann hatte er ja wohl doch recht lange geschlafen... – und versicherte ihm, daß der Palast sämtliche anfallenden Arztkosten übernähme, darüber hinaus war der Seerosen-key als eine Art Schadensersatz zwei weitere Wochen für ihn reserviert.

Als er den Brief beiseite legte reichte ihm Dilan ein Brot, ohne zu fragen was in dem Brief stand. Vielleicht wusste er es ja schon, oder es interessierte ihn gar nicht, oder... wie dem auch sei, Vitareill entschloß sich, es Dilan jedenfalls zu sagen.

„Uhm, in dem Brief steht daß ich anscheinend noch zwei Wochen länger hier bleiben kann.“ Sagte er und biß zaghaft von seinem Brot ab. Der Key nickte. „Ich weiß.“ lächelte er dann.

Vitareill grinste leicht blamiert, und seufzte dann. „Ich hoffe es stört dich nicht.. ich meine.. naja.“ Er konnte sich noch so eben davon abhalten mit den Schultern zu zucken.

„Es stört mich überhaupt nicht.“ Sagte Dilan und setzte sich an den Rand des Kissenstapels. „Bei anderen würde es mich vielleicht stören, aber nicht bei dir.“

Ohne zu wissen warum oder in der Lage zu sein es zu ändern spürte Vitareill wie er etwas rot wurde. „Na dann..“ murmelte er, und verschluckte sich fast an einem Bissen Brot. Dilan reichte ihm eine Tasse mit Tee der genau die richtige Temperatur ihn zu trinken hatte.

„Die Palastwache hat jeden, der zur Zeit an der es passiert ist in der Nähe war, vernommen,“ sagte er dann, „Jedoch scheinen alle unschuldig zu sein, der wahre Täter scheint wie vom Erdboden verschluckt..“

Vitareill versuchte zu lächeln, und es klappte zumindest halbwegs. „Ist ja nicht schlimm oder so..“ murmelte er als Antwort. „Ich meine..“ er stoppte. Nicht so schlimm. Von wegen nicht so schlimm... ein Versuch ihn zu erschießen war schlimm – aber es berührte ihn erstaunlich wenig, ganz anders als es sollte. Es schien unwahr, als wäre das nichts gewesen als ein schlechter Traum, oder zumindest ein Unfall – Aber kein... nein Vitareill du nennst es nicht Mordversuch. Wie hört sich das denn an.

Dilan schaute Vitareill nachdenklich an, doch dieser war so in seine eigenen Gedanken vertieft daß er es nicht bemerkte. Der Kleine – Dilan, nenn ihn nicht ‚Kleiner‘. So viel älter bist du auch nicht... – schien recht verwirrt zu sein.. na gut, was anderes war wohl auch nicht zu erwarten gewesen. Er ging recht gelassen damit um.. zu gelassen vielleicht. Aber vielleicht war das auch nur seine eigene Methode damit fertig zu werden.

Vorsichtig stellte Dilan die Teetasse zurück auf den Tisch und nahm einen Schluck aus seiner eigenen, dann setzte er sich wieder zurück auf seinen Platz, und beobachtet Vitareill, der abwesend sein Brot aß und dabei einen Punkt in der Luft zwischen ihm und dem Rande des Kissenstapels anzustarren schien.

Der Kleine – du sagst schon wieder ‚Kleiner‘, Dilan! – gefiel ihm. Nicht nur weil er vollkommen unwissend in den Palast gekommen war, und nicht einzig für sein ‚Vergnügen‘ – sondern einfach generell, von seiner ganzen Art her. Freundlich und nicht zu zurückgezogen. Aber wie es schien doch auf seine eigene Art irgendwie, und wenn auch nur etwas, schüchtern. Naja wie auch immer...

Mit einem stillen Lächeln auf den Lippen schaffte es Dilan seinen Blick von Vitareill abzuwenden.

„Sag mal Dilan..?“ fing Vitareill plötzlich an und riß den Key aus seinen Gedanken. Er setze dazu an etwas weiteres zu sagen, tat es dann aber doch nicht. „Ach, nicht so wichtig..“ murmelte er endlich, und aß gedankenverloren den Rest seines Brotes.




Als Vitareill, viel langsamer als sonst, zu Ende gegessen hatte fühlte er sich wieder so erschöpft als hätte er einen Marathon bestritten. Ohne es richtig zu merken schloß er die Augen und ließ seinen Kopf hängen während er gegen ein paar der Kissen gelehnt war. Es war alles so komisch heute, viel zu komisch. Vitareill, du solltest zusehen heraus zu finden wer versucht hat dich zu.. erschießen. Außerdem mußt du rausfinden ob irgend etwas an die Öffentlichkeit gedrungen ist, und wenn ja so schnell wie möglich nicht nur einen Brief nach Hause, sondern auch an die Handelspartner schicken. Da du anscheinend zwei Wochen länger hier zu bleiben scheinst mußt du sowieso einen Brief schicken, und dir vorher Gedanken machen über die Instruktionen für die Angestellten.. oder zumindestens den Notar und Anwalt eine grobe Übersicht geben oder.. Ach Himmel, und was war mit der Einladung zum Bankett beim Earl Devingsire? Dem konnte er ja eigentlich auch nicht einfach fernbleiben.. es sei denn ihm fiele eine großartige Ausrede ein, und irgendwie bezweifelte er das. Er hatte schon viel zu viele Ausreden, nicht bei einem Bankett erscheinen zu müssen, verbraucht.

Der Gedanke an die ganzen Pflichten, die, obwohl einzeln gesehen jede für sich ganz nett, oder zumindestens doch annehmbar erschienen, ballten sich zu einer großen, drohenden Macht zusammen von der Vitareill das Gefühl hatte sie würde ihn ersticken. Natürlich, es war ganz normal, keine Pflichten die andere, auch jüngere als er, nicht auch gehabt hätten –und doch, es blieb dabei. Am liebsten würde er alles weit von sich schieben, und bis an das Ende seiner Tage den Tag vertrödeln, träumen, lesen, eventuell schreiben.. achja, schön wärs. Nur leider so unmöglich wie nur irgend etwas. ‚So ein Mist..‘

„Hm..?“ fragte Dilan erstaunt. Vitareill starrte ihn einen Moment lang verwirrt an bis er überhaupt bemerkte daß er den letzen Satz laut ausgesprochen hatte. „Nichts..“ sagte er dann entschuldigend und versuchte fröhlich auszusehen, was ihm fast komplett mißlang, woran auch immer es lag. Dann schaute er relativ hilflos zur Seite. Mal wieder hast du dich mehr oder minder blamiert Vitareill... ganz toll... – und dazu jetzt die langsam aufkommenden Kopfschmerzen. Was war das nur für ein Tag...?

„Willst du dich nicht vielleicht etwas hinlegen?“ schlug Dilan leise vor und brachte Vitareill einmal mehr zurück in die Realität. Eigentlich wollte er protestieren, dann wiederum schien ihm die Möglichkeit sich hinzulegen, die Augen zu schließen und wenigstens für eine Stunde an nichts mehr denken zu müssen so einladend wie lange nichts mehr. –Unschlüssig, aber ohne zu antworten schaute er Dilan an. Der Key lächelte nur aufmunternd, und legte dann schnell einige der Kissen um, so daß sie ein gleichmäßiges Polster bildeten.

Fast automatisch ließ sich Vitareill zur Seite rutschen bis er weich und bequem in den Kissen lag. Von irgendwoher hatte Dilan eine Decke hervorgezaubert, und legte sie um Vitareill. Dem Jüngeren fielen die Augen zu, und obwohl er eigentlich gar nicht schlafen, und seine kostbare Zeit frei von den schlimmsten Pflichten verschwenden wollte, konnte er es nicht verhindern.

„Schlaf einfach noch ein bisschen, und ruh dich aus..“ murmelte Dilan sanft, und strich seinem Holder federleicht über die Haare. Abwesend nickte Vitareill, und schon im Halbschlaf griff er vorsichtig nach der Hand des Keys, die sich daraufhin vorsichtig um seine eigene schloß. Ein leichtes Lächeln schlich sich auf Vitareills Lippen, und nur unbewußt erreichte ihn die Frage seines Verstandes ob Dilan einfach nur.. so war wie er war, so nett, so anziehend, und so vertrauenerweckend – weil es sein Job war? Oder einfach so, weil er Vitareill auch mochte? Vitareill, denk da besser nicht drüber nach.. nicht jetzt.. und über dem Gedanken schlief er ein.




Dilan schaute nachdenklich auf den schlafenden, dunkelhaarigen Jungen vor ihm, der im Moment viel zerbrechlicher und jünger aussah als er wahrscheinlich wirklich war. Teilweise wirkte er in der Tat so als sei er innerlich so zerbrechlich wie er gerade aussah – dann wiederum teilweise auch gar nicht. Dilan seufzte leise, und hielt noch immer Vitareills Hand. Du kennst ihn noch gar nicht lange genug um das beurteilen zu können, versuchte er sich selbst zurecht zu weisen. Im Übrigen solltest du dich nicht so sicher fühlen. Zu frühes Vertrauen ist der größte Fehler den du machen kannst... –Aber irgendwie ließ sich das positive Gefühl das er spürte wenn er Vitareill sah, nicht vertreiben. Er seufzte erneut und ließ sich nach hinten fallen, bis er neben dem Kissenstapel lag, immer noch Vitareills Hand halten, und durch halb geschlossene Augen den Raum betrachtete.

Langsam drehte er seinen Kopf zur Seite um kurz zu Vitareill rüber zu schauen. Was wusste er denn schon über ihn..? Nichts. Rein gar nichts. Nur daß er ihm recht nett erschien, daß er, seinem guten Benehmen und seiner Kleidung nach wohl eher aus höheren Kreisen stammte. Und zu guter Letzt, daß er anscheinend wichtig genug war daß jemand versuchte ihn zu erschießen? Er konnte sich nicht erinnern daß so etwas jemals im Palast passiert war, weder in der Zeit die er bereits hier war, noch in der Zeit davor, von der ihm ältere Keys erzählt hatten. Kein Wunder also das der ganze Palast des Wassers in heller Aufruhe war, obwohl versucht wurde es so gut wie möglich herunter zu spielen. Die Keys bekamen es natürlich mit. Wohl auch einige der Holder, zumindestens die, die es interessierte. Die Palastgarde war verdoppelt worden, es wurde mehr kontrolliert als gewöhnlich – aber der Täter war natürlich nicht gefunden worden. Eins der Gerüchte die sich in Eilgeschwindigkeit durch den Palast verbreiteten besagte, daß der Palastleiter sogar einen undercover Agenten des Scotland Yard bestellt hatte, aber niemand wusste ob da wirklich etwas dran war. Wahrscheinlich eher nicht, immerhin zog es der Palast aus verständlichen Diskretionsgründen vor, alle anfallenden Dinge selbst aufzuklären. Naja, eigentlich musste es ihn eh nicht interessieren. .... oder eben vielleicht gerade doch, immerhin war sein Holder darin verwickelt...


Dilan sandte einen weiteren, fast zärtlichen Blick zu Vitareill, und ertappte sich selbst dabei wie er ihn nicht als Holder ansah, sondern als Freund... guten Freund. Schlechte Einstellung Dilan, das ist eine ganz schlechte, gefährliche Einstellung... –Irgend etwas in seinem Kopf protestierte gegen die gewohnte Vernunft und das Mißtrauen. Immerhin war Vitareill von Grund auf anders als Alle die er jemals in den Palast hatte kommen sehen. Er behandelte ihn nicht im geringsten als einen Key, nicht mal als einen Diener, obwohl er die sicher gewöhnt war. Eher als einen guten Freund. Einfach so, so schnell. Dilan musste lächeln. Jemand der so schnell jemanden als Freund ansah konnte doch schon gar nicht mehr einen schlechten Charakter haben, oder?


Am späten Nachmittag, als Vitareill schon länger wieder wach war, bekam er Besuch von Nikolas. Der Adelige wollte unbedingt sehen wie es Vitareill ging, zumindest drückte er sich so aus, und da Vitareill eigentlich nichts gegen Nikolas hatte, obwohl er die Ansätze einer Nervensäge zeigte, hatte er auch kein allzu großes Problem damit ihn in die Räume des Seerosen-keys zu lassen.

Nikolas‘ Key war im eigenen Zimmer zurückgeblieben, und Dilan benutze die Tatsache noch im Schlafzimmer aufräumen zu müssen als Ausrede Vitareill und Nikolas im Wohnzimmer in Ruhe zu lassen. Sollte irgend etwas passieren wäre er ja schnell zur Stelle.

Vitareill und Nikolas hatten sich an den Tisch gesetzt, obwohl das relativ unbequem für Vitareill war, aber so schlimm war es ja nicht. Nikolas schien in der Tat recht besorgt zu sein, wiederholt fragte er ob Vitareill auch wirklich keine zu großen Schmerzen spürte, ob er sich anderweitig schlecht fühlte, ob er etwa Angstzustände erlitte. Vitareill lächelte freundlich zu allen Fragen und beteuerte daß es ihm gut ginge.

Endlich schien Nikolas ihm zu glauben, und ging zu einem etwas entspannteren Gespräch über, welches über Freizeitbeschäftigungen bis hin zu Büchern und schließlich zu Vitareills Vater führte.

Nikolas seufzte leise. „So wenig ich deinen Vater persönlich gekannt habe; soweit ich mich selbst überzeugen konnte und was ich von anderen über ihn gehört habe ergeben ein großartiges Bild. Du kannst stolz auf ihn sein.“ Er schwieg für einen Moment und lächelte dann. „Und ich bin mir sicher er würde den Grund haben stolz auf dich zu sein. Sicherlich wirst du deine Sache, die Ländereien zu verwalten, großartig machen. Eure Region hatte seit langem nicht mehr unter Hunger zu leiden, an keiner Stelle, ich bin mir sicher das wird so bleiben.“

Vitareill lächelte matt. „Man wird sehen. Offen gestanden fühle ich mich noch ziemlich erschlagen gegenüber all den Dingen die ich noch machen muß. Ich zweifle teilweise daran daß ich es überhaupt schaffen kann.“

„Ach was.“ Nikolas lächelte aufmuntern, und strich sich eine blonde Haarsträhne aus der Stirn. „Am Anfang wird es sicherlich nicht nur einfach sein, aber mit der Zeit wird es besser gehen. Und dein Vater hatte sicherlich gute Berater die auch dir zur Seite stehen werden.“

„Das schon.. naja, ich wird’s ja erleben. Jetzt bin ich eigentlich ganz froh erstmal weit weg von dem ganzen Kram zu sein.“ Nikolas lachte leise und nickte. „Ich muß zugeben daß ich das gut verstehen kann. Naja, du hast ja jetzt die Chance dich zu erholen. Ich bin mir sicher daß, wenn du nach Hause zurück kehrst das größte Chaos bereits erledigt ist.“

Vitareill nickt langsam, und zwang sich dann dazu zu lächeln. „Wahrscheinlich.“ Murmelte er ohne wirklich daran zu glauben. So genau hatte er da gerade auch nicht drüber nachgedacht. Um genau zu sein fühlte er sich schon wieder schrecklich erschöpft, und Nikolas trug auch nicht unbedingt zum Gegenteil bei, nichts gegen ihn – aber er hatte etwas an sich, vielleicht war es einfach nur der Tonfall, daß ich nervig erschienen ließ. Der absolute Gegensatz zu Dilan, dachte Vitareill für sich. Dilan redete zwar etwas weniger als Nikolas, aber darauf kam es nicht mal an. Es war einfach die Art. Naja, Dilan war eh.. einfach vertrauenerweckender. Was nicht heißen sollte daß Vitareill Nikolas gegenüber mißtrauisch war, nur nicht – aber es war einfach ganz was anderes. Nikolas konnte man sich vielleicht als guten Handelspartner vorstellen, oder eventuell als entfernten Freund der einmal im Jahr zu Besuch kam. Dilan dagegen gehörte zu den Personen bei denen es sich Vitareill ohne weiteres vorstellen könnte jeden Tag zusammen zu sein ohne das jemals Langweile aufkäme. Ein guter Freund eben...




Nach einer weiteren Stunde bekam Nikolas Hunger und befand es endlich für nötig sich zu empfehlen und dann zu gehen. Vitareill atmete auf und bekam fast ein schlechtes Gewissen. Immerhin verhielt sich der andere Adelige absolut nett, war es da richtig so über ihn zu denken?

Er war müde, und hatte eigentlich auch keinen Hunger. Wie spät war es wohl..? Am liebsten würde er jedenfalls schon schlafen gehen.

Dilan kam wieder in den Raum, und lächelte Vitareill zu. „Wie fühlst du dich..?“ fragte er freundlich, aber mit einem prüfenden, fast strengen Blick. Er hätte Krankenpfleger oder Arzt werden sollten, überlegte sich der Jüngere mit einem innerlichen Lächeln. „Ganz gut eigentlich..“ antwortete er dann. „Etwas müde.“

Dilan nickte. „Dann ist es wahrscheinlich keine schlechte Idee falls wir schon schlafen gingen. Je mehr du jetzt schläfst desto eher erholst du dich.“

„Mh..“ machte Vitareill, und erhob sich langsam. Dilan kam sofort zu ihm um ihm zu helfen. „Dann laß mich nur vorher den Verband erneuern. Der Arzt hat noch eine Salbe hier gelassen.“

Vitareill nickte, unterdrückte ein Gähnen und ließ sich vom Key zum Badezimmer führen, wo er sanft, aber bestimmend auf einen Hocker gedrückt wurde. Dilan holte einen kleinen Tiegel aus einer Schublade, eine Rolle schneeweißer Bandagen aus einer anderen, und legte beides auf einem zweiten Hocker neben Vitareill ab. Dann zog er ihm kommentarlos, vorsichtig den Pullover über den Kopf und knöpfte das Hemd auf.

Vitareill merkte gar nicht wie er Gedankenverloren auf einen unbestimmten Punkt in der Luft vor ihm starrte während Dilan nun vorsichtig den alten Verband entfernte, die Haut um die Wunde herum vorsichtig mit einem feuchten Tuch säuberte, Salbe auftrug und schließlich alles neu bandagierte.

Ohne es zu merken seufzte Vitareill kaum hörbar. Was auch immer Dilan tat wenn er in seiner Nähe war, Vitareill fühlte sich tausendmal wohler als sonst. Selbst wenn er nur irgendwo im Raum war, einfach so. Es war.. einfach wunderbar. Er konnte es eigentlich gar nicht beschreiben war, aber was er wusste war, daß er nicht wollte daß Dilan wegging.

Als Vitareill seine eigenen Gedankengänge bemerkte erschrak er über sich selbst. Sowas dachte man nicht. Zumindest nicht in seiner Situation. Sowas dachte man bestenfalls als Kleiner Junge in Gegenwart seiner Mutter, und später in Gegenwart seiner Geliebten. Und nicht...Vitareill schnitt eine geistige Grimasse und versuchte diesen Strang seiner Gedanken in die hinterste, unerreichbarste Ecke seines Kopfes zu verbannen.

Als Dilan Vitareills Schulter fertig bandagiert hatte stellte er den Tiegel mit der Salbe zurück in die Schublade, warf das blutige Stück Tuch das als Wundauflage gedient hatte in den Müll und den benutzten Verband in den Korb für schmutzige Wäsche. Er beobachtete Vitareill, der in Gedanken versunken schien, einen Moment mit einem Lächeln auf den Lippen, bevor er ihn ansprach. „Willst du dich zuerst Waschen? Dann ziehe mich schon schnell um..“

Vitareill schreckte hoch und schaute ihn verwirrt an bis er wie zu sich selbst den Kopf schüttelte, und dann nickte. „Ja, mach ich..“ murmelte er, und stand auf um zum Waschtisch zu gehen, wobei sein Blick kurz an Dilan hängen blieb.

Während der Key schnell das Badezimmer verließ um sich umzuziehen versuchte er sein Bestes sich einzureden daß Vitareill nur Holder wie jeder andere war. Aber er hatte ja schon eher festgestellt daß er das eben nicht war, und so führte auch dieser Versuch zu nichts. Dilan, du bringst dich gerade selbst in Gefahr. Selbst wenn Vitareill nicht wie alle anderen ist, selbst wenn... selbst wenn sich das, was ein leichtsinniger Teil von dir gerade hofft, bewahrheitet, selbst dann ändert es nichts an der Tatsache daß er in dreieinhalb Wochen gehen wird, und du ihn nie wieder sehen wirst. So gesehen ist er eben doch nur ein normaler Holder. Es läßt sich nicht ändern, also...

Er brach den Gedanken ab. Es half auch nichts, man konnte Gefühlen nicht einfach einreden sich zu verabschieden, genau so wenig wie man sich selbst einreden konnte nichts zu fühlen. Man konnte es behaupten und es sich einbilden, aber im Endeffekt war es Blödsinn.




Vitareill saß unschlüssig auf dem Bett und Knöpfte das Hemd seines Pyjamas zu während sich Dilan noch im Bad aufhielt. Erst jetzt fiel ihm auf, daß eigentlich ein Bett fehlen müßte.. zumindest... Naja, das Bett hier war allemal breit genug für zwei, und immerhin befand er sich in einem Palast, wo das wohl auch so gedacht war. Und er war bisher zugegebenermaßen jedesmal eingeschlafen bevor Dilan im Bett war, und lange nach ihn aufgewacht. –Nicht das es ihn sonderlich stören würde falls – Eine leichte Hitze stieg in Vitareills Gesicht, und er war froh noch alleine ihm Raum zu sein. Was war das bloß. Warum hingen seine Gedanken plötzlich so an Dilan und – Schweig Verstand, ich weiß was du sagen willst. Laß mich doch wenigstens noch in dem unschuldigen Glaube es nicht zu wissen..

Er atmete tief durch, und versuchte mit fragwürdigem Erfolg sich zu entspannen. In dem Moment trat auch Dilan wieder in den Raum, und zog die Vorhänge des Fensters zu bevor er zum Bett kam. Er schaute Vitareill nachdenklich einen Moment an. „Ich hoffe es stört dich nicht wenn wir beide in dem Bett schlafen..?“ fragte er dann vorsichtig, obwohl es eigentlich eine Selbstverständlichkeit im Palast war.

Vitareill schüttelte seinen Kopf leicht, und lächelte schüchtern. „‘Türlich nicht..“ murmelte er, unsicher darüber was er denken oder wie er sich verhalten sollte. Warum fühlte er sich bloß so.. so komisch, so komisch positiv in der Nähe des Älteren? Das.. ja Vitareill, keine Chance es zu bestreiten. Du fühlst dich zu ihm hingezogen. Mehr als nur freundschaftlich und...

Vitareill senkte seinen Kopf als er erneut fühlte wie er rot wurde, und hoffte daß Dilan es im nun fast dunklen Raum nicht bemerkte. Unsicher knüllte er den Zipfel der Bettdecke neben ihm zusammen, und schaute unschlüssig zu Boden. Zum Glück schien Dilan seine Unsicherheit nicht zu bemerken, oder zumindest tat er so.

Der Key ging zur anderen Seite des Bettes, zog sich ein kleines Kissen mehr auf seine Seite, und setzte sich aufs Bett. Einen Moment lang beschäftigte er sich damit auch die anderen Kissen aufzuschütteln, und die breite Bettdecke zurückzuschlagen. Vitareill saß immer noch auf seiner Bettkante, den Blick abgewandt.

Als Dilan fertig war, beobachtete er den fast bewegungslosen Dunkelhaarigen einige Momente lang. Er seufzte leise, und versuchte ein letztes Mal, genauso erfolglos wie die vorherigen Male, seinen Gefühlen zu befehlen zu verschwinden. Das war ihm doch sonst nie passiert und .. tja Dilan, vorher hattest du auch nie so einen Holder. Einer der genau dein Typ ist... Laß dich nicht drauf ein. Häng dich nicht an ihn, er wird dich so oder so verlassen müssen..... aber ist es das nicht wert, falls es wahre Gefühle sind, egal wie kurz die Zeit sein mag, ist es das nicht wert...? Vielleicht bildest du es dir ja nur ein daß er ähnlich denkt wie du. Vielleicht.. vielleicht...

Keine mögliche Erklärung die Dilan dabei helfen konnte seine Gefühle unter Kontrolle zu bringen schien irgendwohin zu führen. Tja Dilan, wenn du Sicherheit willst dann..... nein, willst du nicht. ....willst du doch, aber.. es wäre falsch. Und du bist dir im Klaren darüber. In seine Gedanken einzudringen wäre unfair. ...aber dann wüßtest du auch was er denkt. Und falls du es dir alles eingebildet hast kannst du in Ruhe wieder Distanz aufbauen. Naja .. und falls nicht dann.. dann ist es das wert... irgendwie..

Dilan holte tief Luft, und atmete langsam wieder aus. Vitareill saß noch wie vorher. Ein zähflüssiges Schweigen dehnte sich unangenehm im Raum aus und drohte alles zu ersticken.

Der Key nickte leicht, wie um sich selbst irgend etwas zu bestätigen, dann erlaubte er sich ganz vorsichtig in Vitareills Gedanken und Gefühle einzudringen. Nur kurz...

Ein Verwirrtes, aber irgendwie positives Gefühl umgab ihn. Es kam einwandfrei von Vitareill, und nachdem Dilan es einen weiteren Moment auf sich einwirken lassen hatte, stellte er fest welche weiteren Gefühle daran hingen, und wie ähnlich sie seinen eigenen waren. Er musste unwillkürlich Lächeln, und in der Erleichterung die er fühlte, obwohl er es nicht wollte, gingen die Schuldgefühle ob des Gedankenlesens verloren.


Leicht legte sich eine warme Hand auf Vitareills gesunde Schulter und ließ ihn aus seinen Gedanken schrecken. Wie lange hatte er hier gesessen..?

„Nicht mehr müde..?“ fragte Dilan leise, und machte Vitareill noch mehr bewusst das er gerade von sehr weit her aus seinen Gedanken geholt worden war.

„Doch..“ murmelte und mußte wie zur Bestätigung gähnen. Er versuchte seinen Blick von Dilan zu lösen, aber irgendwie war es ihm nicht möglich. Vielleicht lag es ja einfach an seiner Müdigkeit. Oder irgend sowas... Endlich kletterte Vitareill vorsichtig ganz ins Bett, aber blieb unschlüssig auf seiner Seite sitzen. Dann traf sich sein Blick mit Dilans, und ein Lächeln erkämpfte sich den Weg zurück auf Vitareills Lippen während sein Herz noch schneller schlug als vorher, als langsam, fast zögernd, der Key ihn näher zu sich zog als sei es ganz selbstverständlich, und dann die Decke um sie legte. Nur kurz, sanft und vorsichtig wie ein Schmetterling auf einer Blüte berührten sich ihre Lippen.

„Gute Nacht..“ flüsterte Dilan.


Teil 4

Vitareill wachte nur langsam aus tiefem Schlaf auf. Unter der Decke war es angenehm warm und gemütlich, und der Gedanke daran aufzustehen, um irgendwelchen Pflichten nachgehen zu müssen, lösten bei ihm noch mit geschlossenen Augen den Wunsch aus, sich mit einem unendlichen Stapel Büchern auf einer einsamen Insel verstecken zu können.

Mit einem tiefen Seufzer öffnete der Dunkelhaarige die Augen, und brauchte einige Momente, bis er begriff, daß er sich noch im Palast befand.

„Schlaf weiter wenn du möchtest.“ murmelte eine freundliche Stimme neben ihm leise. „Es ist noch früh.“

Ohne es wirklich zu begreifen oder zu wollen lächelte Vitareill leicht, und schloß wieder die Augen. Vorsichtig drehte er sich wieder auf die Seite, etwas näher zu Dilan als vorher, zog die Decke etwas höher und sank schnell zurück in eine Art Halbschlaf.

Dilan.

Dilan. Unbewußt lächelte Vitareill erneut, und wunderte sich, ob er, wenn er wacher wäre, anders, weniger positiv darüber denken würde. Und er dachte gerade sehr positiv. Vielleicht zu positiv. Aber warum auch nicht...

Vitareill kuschelte sich noch ein bisschen enger in die Decke, und rutschte noch näher zu Dilan rüber, eigentlich nur, um zu verhindern, daß dem Key die Decke weggezogen wurde, und ohne wirklich darüber nachgedacht zu haben.

Als sich vorsichtig, als ob Vitareill zerbrechlich wäre, ein Arm um ihn legte, schlich sich erneut ein Lächeln auf das Gesicht des Jüngeren. So wie es jetzt war, jetzt gerade, könnte es für immer bleiben.

Er konnte sich nicht erinnern jemals so aufgewacht zu sein.. Nicht dass er sich beschweren wollte. Pflichten waren Pflichten, und aufstehen morgens in aller Frühe bei Sonnenaufgang ließ sich durchaus irgendwie überleben, und war wahrscheinlich eher gesund als lange zu schlafen... Trotzdem, das hier war tausendmal schöner, gar kein Vergleich.

Komischerweise fiel es Vitareill nicht im geringsten schwer zu akzeptieren, daß er neben einem Mann lag. Und daß er sich zu diesem hingezogen fühlte, und das Schlimmste war, nicht mal nur ‚körperlich‘, sondern richtig.

Aber der Gedanke daran störte ihn nicht mal besonders, um nicht zu sagen gar nicht. Sollte das nicht eigentlich anders sein? Sollte er nach dieser Entdeckung eigentlich nicht in tiefste Besorgnis stürzen, Angstzustände erleiden, darüber daß jemand es rausfinden könnte, haarsträubende Märchen erzählen, um alles zu vertuschen? Was für ein Blödsinn.. Er fühlte sich so wohl wie lange nicht mehr.

Obwohl. Immerhin befand er sich in einem Palast. Und niemand würde je etwas dagegen sagen wenn sich jemand im Palast aufhielt, egal welchen Geschlechts der Key auch sein mochte. Paläste waren einfach gesellschaftlich akzeptiert. Wie dem auch sei.. Solange er im Palast war, war alles gut. Noch zweieinhalb Wochen, dank der die er zusätzlich bekommen hatte.

Aber was war danach? Er würde den Palast verlassen. Und niemand würde fragen, denn es wurde einfach nicht gefragt wenn sich jemand, wissentlich, unwissentlich oder warum auch immer im Palast aufgehalten hatte. Also würde er dann ganz normal weiter leben. Morgens früh aufstehen, irgendwelche Briefe lesen. Irgendwelche Briefe beantworten, Dokumente heraussuchen, unterzeichnen, versiegeln, aushändigen. Fragen beantworten. Mit dem Notar diskutieren. Endlich bessere Pläne erarbeiten um der Südlichen, ärmeren Region in seinen Ländereien zu helfen. Geldausgaben und –einnahmen kontrollieren. Abends am Kaminfeuer in seinem Raum lesen. Dann wieder ins Bett gehen.

Alles in allem wirklich kein schlechter Tagesablauf.. na ja. Der Palast des Wassers war halt eine vollkommen andere Welt.. und Dilan gehörte zu dieser Welt wie Staub und Siegellack in die seinige gehörte.

Dilan. Der bloße Gedanke an den Key ließ einen wohligen Schauer durch Vitareills Magengegend laufen, und es dauerte einige weitere endlose Momente, bis ihm zwei Dinge erst wirklich klar wurden.

Erstens. Dilan gehörte wirklich in den Palast, und würde nach zweieinhalb Wochen unwiderruflich aus Vitareills Leben verschwinden.

Zweitens. Dilan war ein Key. Es... Es war halt sein Job. Und Himmel.. Vitareill, komm runter von deiner Wolke. Bloß weil du.. Gott wie hört sich das an, weil du dich in ihn verliebt hast? - heißt das noch lange nicht, daß er es auch getan hätte. Er macht seinen Job, nur seinen Job... reg‘ dich wieder ab. Überhaupt du kennst ihn erst so kurz. Du kannst dich gar nicht in ihn verliebt haben. Du warst noch nie verliebt, warum solltest du jetzt, einfach so, in so kurzer Zeit, in einen Mann.. dazu noch einem Key....

Aber natürlich blieben Antworten zu diesen Gedanken aus, und bevor Vitareill dazu kam, sich wirklich noch mehr Sorgen zu machen, hatte der Schlaf sich gnädig an ihn heran geschlichen, und ihn erneut mit sich genommen.




Als er aufwachte, konnte nicht viel Zeit vergangen sein, jedenfalls war das Zimmer nur unwesentlich heller als zuvor. Vitareill öffnete langsam die Augen, gähnte leise, und Blickte dann fast direkt in Dilans leuchtend grüne Augen. Unwillkürlich erwiderte er das Lächeln des Keys schläfrig. „Morgen..“ murmelte er dann, und ließ seine Augen wieder halb zu fallen.

„Guten Morgen.“ lachte Dilan leise. „Hast du gut geschlafen?“

Vitareill nickte langsam. „Und du?“

„Auch.“ antwortete der Key während er die Decke etwas höher um sie beide zog. „Und wie fühlst du dich sonst so? Deine Schulter?“

„Geht.“ sagte Vitareill und hörte sich recht zuversichtlich an. „Tut kaum weh.“

„Sehr gut.“ Der Key drehte sich mehr auf die Seite, und zog Vitareill vorsichtig näher zu sich heran.

Vitareill schloß seine Augen erneut, die Nähe zum Key genießend, und wünschte sich es könnte für immer so bleiben wie jetzt.

Einige Momente lang war er sogar in der Lage sich das einzureden, aber die Realität war stärker, und ließ sich nicht davon abhalten ihn erneut mit der Wahrheit zu konfrontieren.

Leise seufzend setzte sich Vitareill schließlich vorsichtig auf. „Sollen wir aufstehen..?“ fragte er zögernd mit leiser Stimme. Dilan nickte mit einem Lächeln während er sich ebenfalls aufrichtete, und dann aus dem Bett stieg. Er strich sich mit einer Hand die hellen Haare aus dem Gesicht und ging kurz zum Fenster, welches auf den Garten hinauswies, zog die Vorhänge nur einen Spalt breit auf, und schaute nach draußen.

„Es regnet.“ murmelte er, aber schien nicht sonderlich enttäuscht oder irgend etwas in der Art.

Vitareill nickte langsam, und brachte sich endlich selbst dazu aus dem Bett zu krabbeln. Unmotiviert ging er zu Dilan der vor dem offenen Schrank stand, und ihm gerade frische Wäsche heraus reichte.

„Danke.“ murmelte der Jüngere. „Ich gehe schnell ins Badezimmer, ja?“ damit verließ er das Schlafzimmer.

Auf dem Weg ins Badezimmer verlor er sich erneut in Gedanken, die sich aber allesamt nur wiederholten, und zu keinem nennenswerten Ergebnis führten. Er fühlte sich dermaßen verwirrt wie lange nicht mehr, und das so plötzlich, daß es ihm unheimlich erschien.

Gestern Abend, und heute, eben beim ersten Aufwachen, war doch alles so toll gewesen und.. ach, es machte ja eh keinen Sinn. Vielleicht lag es einfach daran, daß er da nicht richtig wach gewesen war.

Er seufzte, schloß die Tür zum Badezimmer hinter sich zu, und ließ die mitgebrachte Kleidung auf einen Hocker fallen. Dann knöpfte er langsam das Hemd seines Schlafanzuges auf, noch immer in Gedanken versunken. Eigentlich war es doch lustig. Er hatte sich anscheinend in der Tat verliebt. Und das war in allen Punkten schief gegangen in denen es schief gehen konnte. Er hatte sich in einen Mann verliebt, dieser Mann war auch ein Key, liebte ihn im Zweifelsfalle nicht, sondern tat nur seinen Job. Kurz gesagt: Diese ‚Liebe‘ oder was es auch immer war, hatte nicht die geringste Chance. Er hatte jetzt zwar zweieinhalb Wochen die er mit Dilan verbringen konnte. Aber irgendwie...

Vitareill schüttelte seinen Kopf leicht und drehte den Wasserhahn auf. Die fast geräuschlosen Wasserleitungen erstaunten ihn, zu Hause brüstete man sich zwar mit der Tatsache, daß alles ‚modern‘ sei, jedoch schienen die Rohre jedes mal unter der Last des Wassers fast zu bersten. Na ja, aber es war weitaus praktischer als Wasserschüssel und Kanne, das stand fest.

Er spritze sich eine Ladung des kalten Wassers ins Gesicht, stellte den Hahn wieder ab und nahm ein Handtuch, um sich das Gesicht wieder abzutrocknen.

Wenn er es sich genau überlegte... eigentlich wäre es ihm jetzt fast lieber zu Hause zu sein. Nicht dass er sonderlich wild auf die ganze Verwaltung wäre, ganz im Gegenteil, aber wenn er nicht hier in den Palast gekommen wäre, dann wäre jetzt alles viel leichter.

Er müsste sich keine Gedanken über Briefe machen die zu schreiben waren, und vor allem nicht darüber wer versucht hatte ihn zu erschießen.

Noch immer schien ihn das herzlich wenig zu berühren, das änderte aber nichts an der Tatsache, daß er das irgendwie klären musste, daß wurde einfach verlangt. Ein Adeliger konnte so was nicht einfach auf sich sitzen lassen ohne ins Gerede zu kommen, und das wollte Vitareill wirklich nicht.

Seine Position war ihm zwar egal, aber er konnte das den ganzen Leuten nicht antun, und seinem toten Vater auch nicht..

Und falls er zu Hause geblieben wäre, hätte er auch das neu entstandene, und stetig an Größe zunehmen zu scheinende Problem mit Dilan nicht.

Tatsache war aber, daß er sich doch im Palast befand. Und einfach gehen konnte er ja auch nicht, oder? Wie sah das denn schon wieder aus.

Vitareill schnitt eine finstere Grimasse in den Spiegel, nannte sein Spiegelbild ‚Idiot‘, und fuhr zügig fort sich zu waschen und dann anzuziehen.




Nach dem Frühstück saßen er und Dilan wieder im Wohnraum. Dilan las in einem Buch, während Vitareill eigentlich endlich einen Brief schreiben wollte, an seinen Hauptberater. Aber der Briefbogen vor ihm lag unbenutzt und weiß vor ihm, wie schon seit zwanzig Minuten. Ihm fielen weder gescheite Formulierungen ein – noch der Inhalt. Was sollte er denn schreiben?

„Jemand hat versucht mich zu erschießen, ist aber gescheitert. Ich habe zwar noch zweieinhalb Wochen im Palast, es könnte aber sein daß ich richtig viel Geld verschwende, weil ich mich in den Key verliebt habe, und mir das Problem lieber vom Hals schaffen will, indem ich schon wieder abreise“? – Und wenn es hundert mal der Wahrheit entsprach, daß konnte er nicht schreiben, es war einfach nicht Möglich.

Also Vitareill, denk nach.

Es dauerte einige Zeit bis der Dunkelhaarige sich endlich dazu entschloss, nur einen kurzen Brief über den Stand der Dinge zu verfassen, nämlich, daß er zwar angeschossen worden war, jedoch kaum Schaden davon getragen hatte und sich recht wohl fühlte. Er hängte einige Anweisungen für das Personal an, bat darum daß wichtige Handelsentscheidungen von den Beratern noch kurz heraus gezögert wurden, und schloß den Brief mit seiner schwungvollen Unterschrift ab. Dann steckte er ihn sorgfältig in einen Umschlag, verschloss und versiegelte ihn schnell, und ließ ihn mit einem kaum hörbaren Seufzer zurück auf den Tisch fallen.

Dilan sah von seinem Buch auf. „Fertig?“ fragte er gut gelaunt. Vitareill nickte, und konnte sich des aufgeregten, positiven Gefühls in der Magengegend nicht entwehren. Ein Lächeln schlich sich in seine Züge, und blieb auch noch erhalten als Zweifel und erneut aufgewühlte Gedanken dem verliebten Gefühl ein jähes Ende bereiteten.

„Soll ich den Brief einem Diener geben damit er abgeschickt wird?“ fragte Dilan, aber Vitareill schüttelte abwesend seinen Kopf. „Danke..,“ murmelte er, „ich mach das schon. Am besten jetzt gleich..“ Er lächelte etwas unsicher, und stand dann auf.

Er verließ den Wohnraum, eilte durch die ‚Wasserhalle‘, und zur Eingangstür, durch die er die Räume des Seerosen-Keys fast fluchtartig verließ.

Er schloß die Tür leise hinter sich, und schaute den Korridor hoch und runter. Etwas erstaunt zog er die Augenbrauen hoch. Gleich auf den ersten Blick fielen einem zwei der Palastwachen auf, die Posten in der Nähe der Tür bezogen hatten. Kurz nachdem er diese verlassen hatte näherte sich ein älterer, aber im Vergleich zu den anderen Wachen recht freundlich aussehender Mann.

„Guten Morgen. Es geht ihnen bereits wieder besser?“ Er lächelte knapp. „Wie Sie sehen wurden zusätzliche Wachen aufgestellt, Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, daß ein solcher Vorfall erneut auftritt.“

Vitareill guckte leicht verlegen. „Danke..,“ murmelte er dann. „Können Sie mir vielleicht sagen, wo ich am besten diesen Brief abgebe, damit er so schnell wie möglich zugestellt wird?“

„Natürlich.“ antwortete die Wache knapp, trat einen Schritt zur Seite und zog an einer Kordel, die Vitareill versteckt hinter einem Vorhang vorher nicht aufgefallen war.

Es konnte kaum mehr als eine halbe Minute vergangen sein, als einer der Diener des Palastes heran eilte, sich verbeugte, und weitere Befehle abwartete. Vitareill gab den Brief ab, und schaute dem Diener gedankenverloren nach, während dieser wieder verschwand. Die Palastwache neben ihm riß ihn aus seinen Gedanken. „Wünschen Sie sonst noch etwas?“

Vitareill schaute verwirrt auf, und schüttelte dann abwesend seinen Kopf, bis ihm dann doch etwas einfiel. „Nikolas von Mevinbridge. Können sie mich vielleicht zu ihm führen?“

„Natürlich, folgen sie mir bitte.“

Die Wache führte Vitareill wieder durch das Wirrwarr aus Korridoren und Gängen, und wie zuvor verlor Vitareill schnell jeglichen Sinn für Orientierung. Nach einigen Minuten hielten sie an. „Bitte mein Herr. Nikolas von Mevinbridge residiert in den Räumlichkeiten des Brandungs-keys.“




Vitareill wurde zum Zimmer des Brandungs-Keys geführt, und klopfte dort. Bereits nach wenigen Momente öffnete ihm ein junger Mann, ein paar Jahre jünger als Vitareill selbst, die Tür. Er hatte helle, sandfarbene Haare und auffallend grüne Augen.

„Ja bitte?“ fragte er und schaffte es dabei die Wache die sich direkt gegenüber der Tür hinter Vitareill aufpostiert hatte komplett zu ignorieren, während er den Dunkelhaarigen mit fragendem Blick fixierte. Gerade in dem Moment als Vitareill antworten wollte, zog eine Person am Ende des Korridors seine Aufmerksam auf sich. Der Goldzahntyp schlenderte fast auffallend langsam, mit behäbigem Grinsen neben einem hochaufgeschossenen flachsblonden Mann mit Dreitage-Bart her. Beide waren in übertrieben edle, schlicht schwarze Anzüge gekleidet, und wirkten steif und anonym.

Das Dauer-gold-grinsen nicht von seinem Gesicht weichend, unterhielt sich der Goldzahntyp mit dem anderen. Ihre Keys waren nicht dabei.

Bevor sich Vitareill jedoch weiter darüber Gedanken machen konnte, stand plötzlich Nikolas mit einem fröhlichen Lächeln in der Tür. „Vitareill! Schön dich zu sehen, komm doch rein.“ Der Blonde hielt Vitareill die Tür auf. Dieser schaute sich noch einmal um. Der Goldzahntyp und sein Begleiter waren gerade an der Tür vorbei, verfolgt von einem nichtssagenden Blick der Palastwache gegenüber der Tür. Ein kalter Schauer lief Vitareill über den Rücken, und obwohl er keinen Grund dafür hatte, fühlte er sich plötzlich bedroht und beobachtet. Er trat durch die Tür in den Raum des Brandungs-Keys und meinte in dem Moment eine Bewegung irgendwo hinter ihm wahrzunehmen.

„Komm rein, setzt dich.“ ertönte plötzlich Nikolas‘ Stimme direkt neben Vitareill, und schaffte es den Zwanzigjährigen zusammenfahren zu lassen.

„Äh... ja... danke.“ murmelte er leise und atmete tief durch. Was war denn los mit ihm? Reiß dich zusammen Vitareill.

Erst nach einem weiteren tiefen Luftzug schaffte er es sich auf seine Umgebung zu konzentrieren. Der Raum in dem sie sich befanden war recht groß. Auffallend war das große Wasserbecken im hinteren Teil des Raumes. Leichte Wellen plätscherten an den Beckenrand, und schufen eine leichte, sehr angenehme Geräuschkulisse.

Die restliche Fläche des Raumes war schlicht, aber geschmackvoll mit hellen Möbeln eingerichtet.

Nikolas bedeutete ihm, in einem der zwei Sessel einer kleinen Sitzgruppe Platz zu nehmen, und setzte sich dann ihm Gegenüber, während Nikolas‘ Key sich in die andere Ecke des Raumes zurückgezogen hatte.

Einen Moment lang schaute der Blonde Vitareill prüfend an. „Möchtest du etwas trinken?“ fragte er dann gut gelaunt, und fügte wie unbedacht hinzu, „Du siehst nicht wirklich glücklich aus. Ist Irgendwas passiert?“ Ohne auch nur auf Antwort von einer der zwei Fragen zu warten richtete sich Nikolas in seinem Sessel wieder auf. „Yose, würdest du uns etwas zu trinken besorgen? Einen schönen, süßen Rotwein bitte.“

„Sofort, Herr.“ erwiderte der Key ohne eine Gefühlsregung, während er zur Tür ging und eine dort befindliche Kordel leicht anzog. Nur kurz darauf Klopfte es an der Tür, und der Brandungs-Key öffnete, und teilte einem Bediensteten, der an der Tür erschienen war mit gesenkter Stimme den Wunsch seines Holders mit.

Vitareill warf dem Key und dann Nikolas jeweils einen kurzen Blick zu. Nikolas schien den Jungen wohl als nicht viel mehr als einen Diener zu sehen.

Na ja, war ja auch so. Oder eben schlimmer. Himmel, Vitareill, wo liegt dein Problem. Krieg‘ dich endlich ein, halt die Klappe, hör auf zu denken und...

Es machte keinen Sinn. Seine eigenen Gedanken schienen keinen Sinn zu machen, und daß obwohl er doch wirklich nichts besonderes dachte und – Vitareill, zur Hölle!!

„Und, wie gefällt dir dein Key bisher?“ Die freundliche, unbefangene Stimme Nikolas‘ riß ihn erneut aus den Tiefen in denen er zu versinken drohte.

„Gut, danke...“ Vitareill versuchte ebenso gut gelaunt wie Nikolas zu wirken, brachte aber nur ein schiefes Lächeln zu Stande.

Nikolas übersah diese Tatsache gnädig, und fuhr im Plauderton fort. „Ich habe heute Morgen ein Telegramm von der Baronesse von Denton erhalten, sie hält ein Bankett im kleinen Kreise, leider bereits in vier Tagen.“ Er seufzte. „Da aber einige meiner wichtigsten Handelspartner auf eben jenem Bankett vertreten sein werden, muß ich wohl auch meine Aufwartung machen, und meine Zeit hier vorzeitig abbrechen, und meine restlichen, bereits bezahlten Tage auf ein anderes Mal verschieben.“

Vitareill lächelte leicht. „Das tut mir leid. Ich hoffe daß sich wenigstens einige interessante Gesprächspartner für den Abend finden werden.“

Nikolas lachte. „Danke, sehr verbunden. Ich –“ In diesem Moment klopfte es an der Tür, Yose, der Brandungs-Key öffnete und nahm ein Tablett entgegen, welches er vorsichtig zu dem kleinen Couchtisch zwischen Nikolas und Vitareill balancierte. Dann plazierte er jeweils ein Kristallweinglas vor den zwei jungen Adeligen, und schenkte ihnen von dem dunkelroten Wein aus einer Karaffe ein. Dann zog er sich taktvoll wieder zurück.

Vitareill schaute sein Glas unschlüssig an. Er hatte keine Ahnung von Wein. Er konnte sagen was weiß, was rot und was rosé war, und auch noch ob er trocken oder lieblich war, aber da hörte es auf. Er konnte weder Regionen, noch Jahr oder sonstige Besonderheiten eines Weines erkennen, und stufte sie für sich selbst nur über seinen persönlichen Geschmack ein. Ein relativ großer Nachteil auf Banketts, wo erwartet wurde, daß ein Mitglied des Adels neben perfekten Manieren – die hatte Vitareill, kein Zweifel – auch noch umfangreiches Fachwissen über die momentan favorisierten Dinge des Adels aufzuweisen hatte – und Wein war stark im Kommen. Auch Vitareills Vater konnte einen Umfangreichen Weinkeller aufweisen, mit einigen Flaschen die wohl recht hohen Sammlerwert besaßen, aber Vitareill wußte nichts damit anzufangen. Nebenher fiel ihm das ‚Getue‘ über den Geruch des Weines, den Hauptgeschmack, den Nebengeschmack, den Nachgeschmack, die Südhangnote ... etc. auf die Nerven.

Nikolas nahm sein Glas, hielt es kurz gegen das Licht, und starrte wie fasziniert in das tiefe, dunkle Rot des Weines, lächelte dann aber leicht amüsiert Vitareill zu. „Ganz ohne die „Weinkenner-etikette. Lass uns einfach auf etwas trinken... auf eine unbeschwerte, erholsame und erfreuliche Zeit im Palast?“ Er lächelte so fröhlich, daß Vitareill für einen Moment völlig vergaß, daß er sich gerade nicht so wohl fühlte.

Er hob sein Glas, prostete Nikolas zu, und nahm einen tiefen Schluck. Der Wein war angenehm kühl, und in der Tat recht süß. Regte geradezu dazu an noch einen Schluck zu trinken...

Nur kurze Zeit später meinte Vitareill bereits zu merken, wie das süße Getränk die Glieder schwer werden ließ, und ihm in den Kopf stieg. Er fühlte sich angenehm warm und entspannt. Auch Nikolas wirkte noch weniger steif als vorher. Er lachte. „Wenn alles gut geht auf diesem Bankett, dann könnte ich eine neue Handelsbeziehung erlangen, die mir zur Abwechslung mal eine Menge Geld einbringt.“ Er zwinkerte. „Zumindest eine bei der ich in der Tat mehr Gewinn mache als das was ich investiere.“

Ein wissendes Grinsen schlich sich auf Vitareills Gesicht. „Verstehe...“ Er lachte. „Man erhofft sich oft so viel von irgendwas, dann geht es alles schief und am Ende ist man froh seinen Einsatz wieder rauszukriegen.... wenn ich jetzt daran denke wie ich vor den Handelsvorschlägen sitze, nicht weiß was wie endet, und zu welchen Handeln ich zustimmen soll...“

Nikolas nickte langsam, immer noch lächelnd. „Verstehe, verstehe. Gerade am Anfang ist es nicht leicht. Aber dafür gibt es ja Berater.“ Grinsend schenkte er Vitareill Wein nach, und nahm selbst noch einen Schluck seines eigenen. Die Zeit verging, und Vitareill bekam kaum mit wie die Karaffe ausgewechselt wurde, Nikolas die Gläser regelmäßig wieder füllte, und das Gespräch langsamer und langsamer zu werden schien. Zumindest von Vitareills Seite aus.


Ein leichtes Rütteln an seiner Schulter und das rufen seines Namen ließen Vitareill seine Augen öffnen. Sein Nacken schmerzte wie nach einer Nacht in einer unbequemen Position, aber ein angenehm nebliges Gefühl in seinem Kopf verdeckten ihn genau wie die langsam aufkommenden Kopfschmerzen.

„Es ist spät, du solltest langsam zurück..“ Nikolas hockte neben Vitareill, seine Stimme klang klar und wach.

„Mh..“ murmelte Vitareill, und wollte sich aufrichten, als ihn eine Schwindelattacke zurückfallen ließ. Nikolas seufzte leise. „Na los, ich bringe dich zurück.“ Er lächelte, und nahm Vitareills Arm, um ihm zu stützen.

Mit Nikolas‘ Hilfe schaffte es Vitareill aufzustehen, und irgendwie wohl auch aus dem Raum des Brandungs-Key hinaus, durch die Flure, und schließlich bis vor den Raum des Seerosen-keys. Nikolas verabschiedete sich, fast unbemerkt von Vitareill, und übergab seine stützende Position an der Seite des Dunkelhaarigen einer der Palastwachen in der Nähe.

Nur kurze Zeit nachdem irgend jemand - vielleicht war Vitareill es selber gewesen – an der Tür geklopft hatte, wurde sie von innen geöffnet.

„Etwas über den Durst getrunken.“ brummelte die Wache neben Vitareill mit amüsiertem Unterton, während er Vitareill an Dilan übergab. Dieser erwiderte nichts dazu, bedankte sich nur kurz mit gesenktem Kopf, und half dann Vitareill in den Raum. Er ließ die Tür hinter ihnen zu fallen.

Ohne irgendwelche Fragen zu stellen, führte Dilan Vitareill ins Schlafzimmer, und dort zum Bett. „Leg dich erst mal hin..“, murmelte er leise, mit einem kaum wahrnehmbaren amüsierten, aber freundlichen Unterton in der Stimme.

Kaum hatte Vitareill sich auf das Bett gelegt, als ihm auch schon wieder die Augen zu fielen. Müdigkeit vermischte sich mit dem Rausch, den der Wein hinterlassen hatte, und ließen die Geräusche im Raum seltsam gedämpft und verzerrt erscheinen. Jemand ging durch den Raum, schien den Schrank zu öffnen, und kehrte dann zurück, und Vitareill bemerkte kaum wie jemand seine Kleidung mit Nachtzeug austauschte.

Nur einige Momente später legte sich Dilan zu ihm ins Bett, und zog ihn in eine bequeme Position. Unbemerkt schlich sich ein müdes, aber glückliches Lächeln auf das Gesicht des Jüngeren als Dilan seinen Arm um ihn legte.

„Schlaf gut.“ murmelte der Key.

„Du auch..“

Dann schlief Vitareill ein, und alle Sorgen und ungelösten Gedanken wurden in der freundlichen Schwärze Morpheus‘ Reichs ertränkt, zumindest bis zum nächsten Morgen, wenn sie ihn wieder einholen würden. Aber bis dahin waren ja noch ein paar Stunden Zeit.



Teil 5


Das nicht besonders starke, aber doch durchdringende Gefühl von Übelkeit weckte Vitareill auf und warf ihn seinen Kopfschmerzen zum Fraß vor. Blinzelnd, gegen das eigentlich nur schwache Licht im Raum, welches durch die geschlossenen Vorhänge durchdrang, schirmte er seine Augen mit einem Arm ab, drehte sich auf die rechte Seite, von der gesagt wurde sie sei die Beste bei Übelkeit, und ließ den Arm wieder fallen als er seine Augen geschlossen hatte.

Heute morgen wirkte alles noch verkehrter als vorher und Vitareill sah sich nicht mal in der Lage das alles auf den Kater zu wälzen. Es war ja schon vorher...

Ohne es wirklich zu merken unterbrach Vitareill seine Gedanken in der Hoffnung sie loszuwerden, aber erfolglos wie zuvor. Er wollte weglaufen davor, vor den merkwürdigen, fast unrealistisch wirkenden Sorgen, die ihn in den letzten paar Tagen befallen hatten.

Weglaufen.

Das Wort setzte sich in seinem Kopf fest und blieb auch noch in seinem Unterbewusstsein als er längst wieder eingeschlafen war.




Dilan schlich sich leise zurück ins Schlafzimmer, um nach Vitareill zu sehen. Es war bereits Mittag, aber er schlief immer noch - was verständlich war, da er nach gestern einen ordentlichen Kater haben müsste.

Dilan lächelte leicht als er den schlafenden Dunkelhaarigen einige Zeit beobachtete. Er sah so ruhig und lieb aus wenn er schlief, und unschuldig. Nur irgendwas schien ihm Sorgen zu bereiten..

Dilan seufzte. Er würde Vitareill gerne helfen, aber dazu musste er erst mal wissen was los war.




Als Vitareill wieder aufwachte fühlte er sich besser. Er stand auf, zog sich an und ging ins Wohnzimmer. Die Kopfschmerzen waren ihm erhalten geblieben, aber in erträglicher Form.

"Guten Morgen!" begrüßte Dilan ihn lächelnd. Er hatte auf einem der Kissen gesessen und in einem Buch gelesen, stand jetzt aber auf. "Möchtest du was essen?" fragte er Vitareill,

Der lächelte leicht, schüttelte aber den Kopf. "Danke," murmelte er. Sein Magen fühlte sich noch nicht so an als könnte er etwas zu essen verkraften.

"Es ist übrigens ein Brief für dich angekommen!" Vitareill sah überrascht auf, während Dilan auf den Tisch zeigte. Da lag in der Tat ein Brief, in einem zartrosa Umschlag.

Stirnrunzelnd nahm Vitareill den Brief, setzte sich auf einen Stuhl und öffnete den Umschlag, um den ebenso rosa Briefbogen herauszunehmen, der mit einer schwungvollen und stark verschnörkelten Schrift beschrieben war.

Vitareill runzelte die Stirn. Es war eine Einladung von der Baronesse von Denton, in drei Tagen. Der Brief war ihm wohl von zu Hause nachgeschickt worden und hatte sich aus diesem Grunde etwas verspätet.

Vitareill überlegte. Hatte nicht Nikolas erzählt, ebenfalls zu dem Bankett eingeladen zu sein?

"Sag mal, Dilan..?" fragte Vitareill und sah zu dem Key, der sich wieder in sein Buch vertieft hatte, jetzt jedoch am Tisch ihm gegenüber sitzend.

"Ja?" Fragend schaute der Key ihn an.

"Wenn ich für eine kurze Zeit lang, sagen wir eine Woche, den Palast verlassen müsste.. würde ich hinterher, äh.. hierher zurück kommen können?"

Dilan nickte. "Für die Zeit die du noch hast auf jeden Fall. Warum fragst du?"

Vitareill verzog das Gesicht in einer Mischung aus Entschuldigung und Beschämung. "Ich hab eine Einladung zu einem Bankett bekommen, aber es ist schon in drei Tagen."

Warum wollte er da überhaupt hin? Er mochte Banketts nicht, und trotzdem schien ihm die Einladung merkwürdig verlockend. Immerhin... ja, das war es wohl. Es gäbe ihm die Möglichkeit, sich für einige Tage auf etwas ganz anderes zu konzentrieren - konzentrieren zu müssen - als das hier und das Problem das er sich einredete.

Die restlichen Auswirkungen des Alkohols erlaubten es Vitareill nicht, sich wieder tiefer darin zu verstricken und so schaute er nur nachdenklich auf den Brief.

Angenommen, er ginge da in der Tat hin. Erst mal müsste er nach Hause, um sich angemessene Kleidung zu holen und in einem Zug einige Dinge zu klären. Es wäre also durchaus angemessen wenn er gleich heute...

Dilan lächelte leicht, doch es war nicht erkennbar was er dachte. "Wichtig?"

Vitareill zuckte mit den Schultern und senkte seinen Kopf. "Es geht."

Der Key nickte, und schließlich stand Vitareill auf, um sich bei der Palastleitung erkundigen zu gehen. Er verließ den Raum, ließ sich von einer der - wissend grinsenden - Wachen zur Rezeption führen, und trug dort seine Frage vor. Ein Mann, den er noch nicht kannte, aber genauso höflich und zuvorkommend war wie der Rest des Palastpersonals, nickte, während er ein kleines Buch hervorholte. "Natürlich ist das möglich," lächelte er. "Falls sie gedenken, weniger als sieben Tage den Palast zu verlassen, wird ihr Key solange frei bleiben, sind es mehr Tage wird ihnen ihre verbleibende Zeit gutgeschrieben und sie können sie nutzen sobald der Key wieder frei wird, sollte es in der Zwischenzeit zu einer weiteren Reservierung kommen."

"Gut.." murmelte Vitareill. "Ich denke, dass ich in sieben Tagen wieder hier bin, das sollte kein Problem sein." Er beobachtete den Mann, während er in klarer Handschrift etwas in das Buch schrieb.

"Gut, mein Herr. Wann wollen sie abreisen?"

"In ungefähr einer Stunde. Wenn sie mir dann noch eine Kutsche rufen lassen würden.."

"Nichts leichter als das." Der Mann reichte Vitareill das Buch und etwas zum Schreiben. "Wenn sie hier noch unterschreiben würden? Es ist die Bestätigung, dass sie den Palast temporär verlassen und ihnen die Zeit selbstverständlich zur späteren Verfügung steht."

Vitareill unterschrieb und bedankte sich. Dann holte der Mann an der Rezeption eine kleine Schatulle hervor, öffnete sie, und reichte sie zu Vitareill. Sie enthielt eine silberne Kette mit einem Anhänger der die exakte Form und Farbe des Seerosen-Schlüssels hatte, nur um einiges kleiner war. "Wenn sie den original Schlüssel heute abgeben, wird dies hier ihr Pfand sein, mit dem sie den original Schlüssel wieder eintauschen können."

Wieder bedankte sich der Dunkelhaarige, nahm die Kette und kehrte schließlich in das Seerosenzimmer zurück.

Er seufzte leise als er die Tür hinter sich schloss. Irgend etwas fühlte sich so schrecklich verräterisch falsch an, aber er konnte nicht sagen was es war. Er erzählte Dilan, dass er wohl innerhalb dieser Woche zurückkehrte und kam sich dabei alt und wie ein Snob vor. Dann machte er sich ans packen.




Der Zug ratterte gleichmäßig durch die Landschaft. Wieder regnete es und Vitareill starrte trübsinnig aus dem Fenster. Wenn er so darüber nachdachte, wusste er gar nicht mehr wirklich was ihn dazu gebracht hatte, sich im Palast unwohl zu fühlen. Es war bestimmt nicht wegen Dilan gewesen. Und jetzt, wo er so darüber nachdachte, auch nicht wegen - er stockte in seinen Gedanken, schloss die Augen für einen Moment, und fuhr dann fort - der Tatsache, dass er sich zu Dilan hingezogen fühlte. Sicher, das störte ihn auch in gewisser Weise, aber ganz anders.

Nein, da war noch etwas, dass ihn im Palast zu verfolgen schien wie ein dunkler Schatten, und doch konnte er es weder benennen noch näher Beschreiben. Es war einfach da und er mochte es nicht.

Hier im Zug fühlte er sich bereits besser.

Plötzlich drangen Stimmen von zwei Personen an sein Ohr. Sie schienen draußen im Gang zu sein und sich zu amüsieren, zumindest lachten sie. Die Stimmen kamen Vitareill entfernt bekannt vor, die eine mehr als die andere, aber er irrte sich wohl.

Dann verstummte das Gespräch und einen Moment später trat jemand in sein Abteil. Vitareill sah überrascht auf.

"Nikolas!"

Der angesprochene lächelte. "Wie ich sehe hat es uns in den gleichen Zug verschlagen.. ich habe schon gehört, du bist ebenfalls bei Dentons eingeladen?"

Vitareill nickte. "Wie es aussieht. Jetzt will ich erst kurz nach Hause."

Nikolas ließ sich gegenüber von Vitareill nieder, nachdem er seine zwei Koffer in den Gepäcknetzen verstaut hatte. "Weise Entscheidung. Ich tue das selbe."

Sie unterhielten sich über dies und jenes und schließlich erreichten sie einen kleinen Bahnhof in dem sie würden umsteigen müssen.

Gepäck und Jacken einsammelnd begaben sie sich auf den Gang und verließen, nachdem der Zug gehalten hatte, diesen durch eine quietschende Tür.

Nikolas zog eine halb amüsierte Grimasse. "Wenn ich mich recht entsinne müssen wir eine Stunde auf den Anschlusszug warten... hast du Lust etwas essen zu gehen? Ich bin sicher, dass wir das Gepäck solange hier verwahren lassen können."

Vitareill stimmte zu, und so setzten sie sich in ein hübsches, recht großes Restaurant, welches wohl gehobenere Klasse zu sein schien. Schließlich, sie hatten noch fünfzehn Minuten Zeit, ging Vitareill noch einmal zur Toilette. Er stand von seinem Stuhl auf und ging in Richtung der Treppe die als Weg zum WC ausgewiesen war. Ein Gruppe von etwas salopp gekleideten Herren, die gerade eintraten, und sowohl von der Bedienung als auch von einigen anderen Gästen im Restaurant missbilligend angeschaut wurden, versperrte Vitareill für einen Moment den Weg. Als er sich zufällig umschaute, meinte er zu sehen wie Nikolas sich im Stuhl umgedreht hatte und mit jemandem, den Vitareill nicht sehen konnte, gestikulierte. Bei genauerem Hinschauen jedoch bemerkte er, dass Nikolas wohl lediglich einer der Kellnerinnen zugewunken hatte, die in Richtung des Tisches kam, um die Rechnung zu bringen.

Der Toilettenraum wirkte düster und unpassend, obwohl er recht groß war und sogar ein Fenster besaß. Vitareill hatte sich gerade die Hände gewaschen und war im Begriff den Raum wieder zu verlassen, als jemand anderes eintrat, die Tür hinter sich schloss, Vitareill angrinste und dann einen Schlüssel aus einer Tasche zog. Er steckte ihn in das Schloss der Tür und drehte ihn herum.

Vitareill schaute den feisten Mann mit zurück gekämmtem Haar und einem golden funkelnden Grinsen entgeistert an. Was hatte der hier denn zu suchen.. und vor allem, warum schloss er die Tür ab..?

"Guten Tag," murmelte Vitareill, seine Überraschung überspielend. "Wenn sie mich vorbeilassen würden.."

In dem Moment da Vitareill sich am Goldzahntypen vorbei schieben wollten um den Schlüssel zu ergreifen, hielt dieser Vitareill am Handgelenk fest.

"Vitareill von Cerrington..." Fauliger Geruch umgab den Mann als er sich näher zu Vitareill beugte. "Wir haben eine Verabredung..."

"Was..?!" Vitareill versuchte automatisch sich loszureißen, musste jedoch feststellen, dass er schwächer war als der Goldzahntyp. Ein leichtes Stechen in seiner Schulter setzte wieder ein.

"Nicht doch, Aufregung ist schlecht für dich.." lachte der Fette dunkel. "Na komm, sehen wir zu, dass wir hier wegkommen." Einladend deutete er zum Fenster, und ohne es zu wollen folgte Vitareills Blick seiner Geste - dann wurde ihm ein streng riechender Lappen vor Mund und Nase gehalten, und die Welt um ihn herum verschwamm.




Der heulende Wind und das ächzende Holz waren das erste was Vitareill hörte, als er langsam wieder zu sich kam. Sein Kopf schmerzte und er fühlte sich schwach und erschöpft.

Langsam öffnete er die Augen. Es dauerte einige Zeit bis er sich an das Halbdunkel gewöhnte hatte, dann aber erkannte er Holzwände, und ein Dach daß an mehreren Stellen bereits morsch und brüchig wirkte. Alles wirkte alt und dreckig und die Luft roch staubig. Er lag auf dem Boden, auf einer alten Decke, gefesselt.

Eine Elster ließ ihren Schrei aus einiger Entfernung vernehmen, und eine weitere Windböe heulte durch den Giebel des Hauses.

Vitareill zog seine Augenbrauen zusammen, und rief sich die letzten Dinge an die er sich erinnern konnte ins Gedächtnis zurück. Die Zugfahrt. Das Restaurant. Der Goldzahntyp.

Aber was wollte er von ihm..?

Mit einiger Mühe ob seiner hinterm Rücken zusammengebundenen Hände schaffte es Vitareill, sich aufzusetzen. Ein leichtes Schwindelgefühl befiel ihn, ließ aber wieder ab nachdem er einige Male tief durchgeatmet hatte.

Bis auf erneute Kopfschmerzen fühlte er sich eigentlich ganz annehmbar, abgesehen von der Kälte. Himmel, der Goldzahntyp... Mit etwas Schwung gelang es ihm aufzustehen und auf noch etwas zittrigen Beinen, die er der Tatsache zuschob, dass sie ihn betäubt hatten, ging er ein paar Schritte durch die Hütte, die keine Fenster besaß - und es dauerte einige Zeit, bis der Dunkelhaarige das fand, was wohl einer Tür am nächsten kam - zwei zusammengenagelte Bretter an Scharnieren. Ob sie offen war?

Prüfend drückte sich Vitareill mit der gesunden Schulter dagegen, musste aber feststellen, dass wohl doch jemand so umsichtig gewesen war die ‚Tür' irgendwie zu versperren. Aber stabil sah sie keines Falles aus.

Warum war man so nachlässig gewesen? War man davon ausgegangen, dass er gar nicht bis zur Tür käme? Sehr unwahrscheinlich... und überhaupt, was sollte das alles?!

Vitareill atmete tief durch, nahm dann zwei Schritte Anlauf, und warf sich gegen die Tür. Es krachte, Holz ächzte - aber hielt stand.

Leise fluchend zog Vitareill eine Grimasse ob der Tatsache daß nun auch seine ursprünglich gesunde Schulter schmerzte. Wie konnte diese Tür von so offensichtlich minderwertiger Qualität halten..? Suchend schaute er sich um, bis sein Blick auf eine besonders morsch aussehende Stelle in der Wand rechts der Tür fiel. Zögernd näherte er sich ihr. Das Holz war feucht-dunkel mit grünem Schimmer, der Wind pfiff durch einige kleine Lücken zwischen den Brettern. Vielleicht hier..?

Etwas vorsichtiger als zuvor lehnte sich Vitareill erst prüfend gegen das Holz, langsam mehr Gewicht dazugebend. Das Holz fühlte sich nachgiebig und weich an. Bevor Vitareill jedoch erneut versuchte, sich gegen das Holz zu werfen, hatte er eine bessere Idee, trat einen halben Schritt zurück, und trat dann gegen die morsche Stelle der Wand. Es knarrte protestierend, und gab ein paar Zentimeter nach, ließ jedoch keine Anzeichen erkennen einen Weg für Vitareill darzustellen. Auch ein zweiter und dritter Tritt verbesserten die Situation nicht und schließlich gab Vitareill das Vorhaben frustriert auf und ging zurück zur Decke.

Es dauerte gar nicht allzu lange bis Vitareill hochschreckte, da, fast wie auf Abruf, Schritte sich schnell näherten. Dann quietschte etwas metallisch, eine Kette oder so was in der Art klirrte, und das Holz der kleinen Tür knarrte und ächzte erneut als jemand sie öffnete. Die Scharniere quietschten hoch und unangenehm.

Ein großer, aber eher schlaksiger, flachsblonder Mann trat in die Hütte, die Tür hinter sich anlehnend, und beobachtete Vitareill mit einem leichten Grinsen. Ein Dreitage-Bart bedeckte Kinn und Wangen, und ein leichter Geruch von Alkohol schien ihn zu umgeben.

"Vitareill von und zu und was weiß ich nicht noch Cerrington, ja?" lachte er, gähnte dann offen und mit beachtlicher Öffnung seines Mundes und rülpste gleich im Anschluss. "Wie schön, dass man sich hier nicht benehmen muss, häh?"

Irgendwoher kannte Vitareill den Typen.. irgendwo hatte er ihn schon mal gesehen.

Es fiel ihm wieder ein, als er sich das ungehobelte Verhalten wegdachte. Natürlich, der Mann war im Palast gewesen, zusammen mit dem Goldzahntypen..

"Sooooo, du kleine Ratte.." der Mann zog seine Worte unnatürlich in die Länge. "Der Boss kann leider noch nicht... solange musst du halt mit mir Vorlieb nehmen..." er ging vor Vitareill in die Hocke. "Von und zu Cerrington... du musst dir was neues ausdenken!" er grinste erneut, und weidete sich an Vitareills verwirrtem Gesichtsausdruck. Als der Dunkelhaarige etwas von dem anderen Mann wegrückte, lachte dieser laut auf. "Angst?" er wedelte theatralisch mit seinen Händen. "Kannst mich übrigens Joe nennen. Ich heiße zwar nicht so, aber darauf kommt's nicht an."

‚Joe' folgte Vitareill die paar Zentimeter. "Was wollte ich sagen... ach ja." er lachte erneut, und verfiel danach in ein minutenlanges Schweigen. Die Elster draußen rief erneut, und das Holz im Gebälk knackte bedrohlich, als ein besonders heftiger Windstoß gegen die Hütte fuhr. Die Tür schwang auf und klapperte im kalten Luftzug der Vitareill einen Schauer über den Rücken laufen lief.

"Was ich also sagen wollte," setzte der Flachsblonde noch einmal an. "Nämlich dass du dein ‚von und zu und was nicht noch' in deinem Namen vergessen kannst. Weil das jetzt dem Boss gehört."

Vitareill schüttelte kurz den Kopf. "Was zum..?" was ging hier jetzt vor? Was war mit seinem Namen? Was wollte man von ihm?

Joe schnalzte missbilligend mit der Zunge. "Du bist schwer von Begriff, oder nicht?" er stand wieder auf, und ging einmal in der Hütte auf und ab. "Seit gestern ist dein Totenschein draußen, nachdem deine bis zur Unkenntlichkeit entstellte Leiche gefunden wurde. Ebenso das Gerücht, dass ein Verbrecher sich als dein Doppelgänger ausgibt, und dich ermordet hat. Wie schade. Vitareill von Cerrington ist also tot. Aber glücklicherweise wurde sein Testament gefunden, in dem er alles meinem Boss vermacht. Was heißt vermacht, es sind die Bezahlungen für Spielschulden die du gemacht hast, und -"

"Aber ich--!!" Vitareill wollte aufspringen, vergaß aber dabei seine gefesselten Hände und fiel schmerzhaft zurück.

"Natürlich.." der Flachsblonde grinste. "Du bist weder tot, noch hast du einen Doppelgänger, noch Spielschulden, noch ein Testament. Aber du verstehst, für uns passte das ganz hervorragend. Du glaubst gar nicht welch Wunder wenige Worte aus dem Munde der richtigen Leute wirken." Er machte ein unschuldige Miene. "Der gescheiterte Mordversuch auf dich - der natürlich zum Scheitern geplant war - war doch wunderbar. Der Klatsch ist schon längst durch die ganze Aristokratie durchgedrungen. Diskret bleibt, was innerhalb der Räume des Palasts geschieht, außerhalb jedoch..." Das süffisante Lächeln auf den Lippen Joes ließ Vitareill das Gesicht verziehen.

"Weiter. Was wäre, wenn du hier rauskämst..? Du könntest ja reden..." wieder das Grinsen. Unwillkürlich wollte der Dunkelhaarige noch ein Stück von Joe wegrücken, aber genau in dem Moment folgte eine blitzschnelle Bewegung des Blonden und plötzlich blitzte ein Messer in seiner Hand. "Das.." er bleckte seine Zähne, "dürfen wir doch auf keinen Fall zulassen."

Vitareills Herz schlug zu schnell, aber dennoch fühlte er sich seltsam ruhig, ruhiger zumindest als er angenommen hätte in solch einer Situation zu sein. Irgendetwas in ihm stellte fest, dass er jetzt eigentlich in wilde Panik ausbrechen müsste. "Ich -" er schloss seinen Mund erneut, als er merkte, dass er nichts tun oder sagen konnte, um seine Situation zu verbessern.

Joe lächelte sein ätzendes Lächeln und beugte sich so dicht über Vitareill, daß der Alkoholgeruch diesem fast den Atem nahm.

"Man muss also verhindern, dass du die Wahrheit ans Licht bringst. Und wie macht man das?" Er holte in Zeitlupentempo aus, beschrieb einen weiten Bogen und hielt dann die Klinge seines Messers fast spielerisch an Vitareills Kehle. "Tote reden bekanntlich nicht..."

Die Sekunden verstrichen endlos langsam und zäh und während ein Teil Vitareills erwartete, jeden Moment umgebracht zu werden, war ein anderer fest davon überzeugt, dass dies einzig ein schlechter Traum sei und er aufwachen würde, bevor irgend etwas passieren könnte.

"Aber das würde jeglichen Spaß aus der Sache nehmen." Stellte Joe plötzlich fest, das Schweigen zerreißend. Er nahm das Messer weg, setzte sich nach hinten und schaute Vitareill nachdenklich an. "Wie gut, dass der Boss eine solch gute Idee hatte.." Ein Gähnen folgte. "Weil, wir haben deinem ‚Doppelgänger' ein paar einschlägige Kennzeichen gegeben. Relativ entstelltes Gesicht und so. Man kann aber mit viel gutem Willen erkennen, dass es dein Doppelgänger ist." Mit gespielter Gedankenverlorenheit schrieb Joe ein paar Schriftzüge in die Luft. "Vitareill von Cerrington ist ja tot, und steht deshalb leider, leider gar nicht mehr zum direkten Vergleich zur Verfügung... und deine Angestellten kennen dich nicht dermaßen gut, außer der Haushälterin, die wir leider aus dem Weg Räumen mussten."

Vitareills Augen weiteten sich, während Joe sich ruckartig wieder vorbeugte. "Du wirst die einschlägigen Kennzeichen aufweisen und niemand wird anzweifeln, dass du der Doppelgänger bist."

Der Wind schien für ein paar Momente die Luft anzuhalten und nicht mal die Elster störte die Stille, die sich in der Hütte ausbreitete.

Vitareill biss sich krampfhaft auf die Lippe, um ruhig zu bleiben und sich nicht in weitere Gefahr zu bringen. Was sollte er jetzt tun? Was.. was konnte er tun? Zittrig atmete er tief aus und wieder ein.

Dann ertönten Schritte von draußen und eine weitere Gestalt betrat die Hütte. Vitareill war nicht besonders überrascht den Goldzahntypen zu erkennen.

"Ahhhh..." ließ sich der feiste Mann vernehmen. "Wie ein unschuldiges Lämmchen, nicht?" er deutete auf Vitareill. "Und jetzt wird es zum schwarzen Schaf gemacht."

Joe lachte glucksend und gehorsam auf, obwohl der Vergleich weder allzu treffend, noch besonders originell gewesen war. "Klar doch.. aha ha ha"

Joe stand auf, trat einen Schritt zurück und betrachtete Vitareill eingehend. "Also ich glaub er weiß alles. Sollen wir schon....?"

Der Goldzahntyp betrachtete Vitareill ebenfalls, mit einem Blick der Vitareill sich fühlen ließ als sei er ein Stück Schlachtvieh. "Später..." murmelte er dann, und trat einen Schritt näher an Vitareill. "Von Cerrington, eh..?" Dann trat er Vitareill mit einer solchen Wucht in die Seite, dass dem Dunkelhaarigen für einige Momente der Atem wegblieb und ihm schwarz vor den Augen wurde. Als sich die Welt nur langsam wieder aus dem dunklen Nebel erhob, saß der Goldzahntyp rittlings auf seinem Bauch und gab ihm nur wenige Sekunden Zeit sein goldglänzendes Grinsen zu ertragen, bevor er ihm seine Faust ins Gesicht schlug.

Der Nebel umwaberte Vitareill erneut und nur langsam drangen die Worte Joes bis in sein Bewußtsein. "Der Boß kommt!"

Das Gewicht des Goldzahntypen verschwand fast sofort und kaum eine Sekunde später hörte man die Schritte.

"Boß!" stammelte Joe, während sich der Goldzahntyp bedeutungsschwer räusperte. "Sir Nikolas?"

Fortsetzung folgt