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For as long as you breathe

Der Bannkreis-Key im Palast des Äthers

Fandom Original/ Fantasy/ reale Welt [NC-14] [ongoing] 

keine Warnungen

Teile: aktuell 1

keine Inhaltsangabe

Kommentar:
Alles (c) by Charlotte Engels (forgotten@angelichaos.com); nur Thelariel wurde von Artemis entworfen und gehört ihr. Wieder Danke an Maike fürs Beta!

 


 

Der Bannkreis-Key

Teil 1


Es schneite, und die so vertraute, manchmal sogar verhasste Umgebung wirkte friedlich, still und ganz anders als sonst.
Wo man sonst durch einige Bäume hindurch zum Hauptgebäude blicken konnte, wurde der Blick abgelenkt und auf die strahlend weiße Fläche gezogen, die eigentlich der Exerzierplatz war. Die Sporthalle dahinter wirkte durch das nun weiße Dach, als sei sie näher und größer als sie eigentlich war.
Der Hof unten wurde nur von Spuren dreier Paar Schuhe geziert. Eins, das die Gebäude, in denen sie untergebracht waren, verließ, und eins, dass gegangen und zurück gekehrt war. Das war sein eigenes.
Nebréi gähnte hinter vorgehaltener Hand, schloss fröstelnd das Fenster und verließ seinen Beobachtungsplatz in Richtung des Badezimmers. Er suchte seine Sachen zusammen, kehrte dann in den Hauptraum zurück, und verstaute sie in seiner Tasche. Dann wandte er sich dem linken der zwei Schränke im Zimmer zu, welcher seiner war, und schaute ihn fragend an als erhoffe er sich eine Antwort darauf, welche Kleidung er benötigte, und welche er hier lassen könnte.
Die Tür flog auf, und ein ungefähr achtzehn Jahre alter Junge mit blondem Haar und hellbraunen Augen stürmte herein. "Hey Nebréi!" rief er, die Tür ins Schloss werfend. "Du bis ja schon am Packen. Ich sollte mich wohl ranhalten..?"
Der Angesprochene lächelte, und warf einen Blick auf seine Uhr. "Sieben Sechsunddreißig, nö, ist noch Zeit. Aber was tue ich um diese Zeit wach?" Er spielte einen entsetzten Blick, und warf dann treffsicher nacheinander sieben Paar Socken in seine Tasche. Er würde in den Ferien ja wohl irgendwo zum Waschen kommen...
"Wie viele bleiben eigentlich über die Ferien hier?" fragte Nebréi dann, und strich sich eine Strähne seines feuerroten Haares aus dem Gesicht.
"Weiß nicht," erwiderte Darsy, der Blonde, "aber sicher so um die dreißig. Jedenfalls haben sie O'Gara und Milveau für die abgestellte. Die tun mir jetzt schon leid.. also jetzt die Schüler, nicht O'Gara und Milveau."
"Schon klar," lachte Nebréi, inspizierte eine seiner Hosen auf Löcher, und befand sie für noch anziehenswürdig.
Drei Wochen Ferien lagen vor ihm, ohne Unterricht jeglicher Art, ohne den Stress, den er sich eigentlich gar nicht erklären konnte - im Vergleich zu Anderen hatte er eine relativ angenehme Fächer- und Aktivitätenauswahl - und ohne den Teil der Leute, den er nicht mochte. Zugegebenermaßen auch ohne den restlichen Teil, aber wenn er ehrlich war, störte ihn das auch nicht allzu sehr. Es war niemand darunter, den er als wirklichen Freund bezeichnen würde.

Um kurz nach zehn Uhr standen Nebréi, Darsy und eine ganze Reihe anderer Schüler der Militärakademie zu Owrií am Bahnhof, und das einzige, was über ihrer heute ganz normalen Kleidung von der Ausbildung zeugte, waren die warmen, dunkelgrünen Mäntel mit dem Wappen der Akademie auf den Ärmeln und den Rangabzeichen auf den Schultern.
Als Unteroffizier hatte es Nebréi eigentlich schon recht weit gebracht für sein Alter - 21 -, aber da er diesen Rang schon seit einiger Zeit hatte, und sich keine Verbesserung in Aussicht stellte, fühlte er sich eher frustriert.
Früher hatte man ihn ein ‚Talent' genannt, aber jetzt war das wohl nichts mehr. Es war schon immer so gewesen - er hatte mit irgend etwas angefangen, einer Sportart, einem Hobby, ein Unterrichtsfach, hatte sich in kurzer Zeit an die Spitze vorgearbeitet und war einer der Besten.
Talent, Talent. Von wegen.
Irgendwann hörte es einfach auf. Er wurde nicht mehr besser, kein Stück, und alle anderen Übertrumpften ihn. Gleichzeitig damit kam ein unbeschreibbares Gefühl auf, das eigentlich nur schrie "Ich will nicht mehr!"
Er hatte deshalb öfter irgendwelche Dinge aufgegeben, während sich unvermeidbare Sachen endlos hinzuziehen schienen, weil er sie hinauszögerte, und damit alles schlimmer machte.
Aber das hier wollte er nicht abbrechen. Dass hieß, er wollte schon, aber er hatte weder eine Idee was er sonst machen konnte, noch hätte er eine wirklich freie Wahl gehabt.
Würde er die Armee verlassen, dann würden sich nicht nur seine Eltern mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit von ihm abwenden, sondern auch alle möglichen anderen Leute, mit denen er zumindest gut auskam. Nicht dass das Verhältnis zu beiden Gruppen dermaßen gut gewesen wäre. Und Perspektiven für die Zukunft waren einfach keine anderen da, in einer Welt, die seit endlosen Jahrzehnten Krieg führte, ohne Aussicht auf Frieden. In den Akademien und Quartieren gab es wenigstens regelmäßige, gute Nahrung, gute Ausstattung, und was nicht noch.

Nebréi hörte dem gleichmäßigen Rattern des Zuges zu, das durch eine offene Zwischentür zwischen zwei Waggons ins Innere hinein drang; und dem grellen Lachen einer Gruppe von Frauen einen Viererplatz von ihm entfernt. Tasche und Rucksack auf dem Fensterplatz neben ihm gelagert, hoffte er, dass niemand sich auf eben jenen Platz würde setzen wollen, da er es hasste seine Dinge in die Gepäcknetze legen zu müssen. So wie es jetzt war, war er sich wenigstens sicher, dass er nichts verlieren würde.
Noch eine Stunde, dann würde er an seinem Ziel ankommen. Darsy und fast alle anderen der Mitglieder der Militärakademie waren bereits ausgestiegen, nur Nebréi musste weiter, bis an die Nordspitze des Landes, und das auch nur, weil er nicht nach Hause, sondern gewissermaßen in den Urlaub fuhr. Oder wie man es auch nennen wollte, aber ‚Urlaub' kam dem am nächsten, und ließ sich auch am einfachsten erklären.
Der Rothaarige seufzte, fasste seine Haare zu einem neuen, lockeren Zopf zusammen und schaute in seinen offenen Rucksack. Das kleine, in weißen Samt eingefasste Kästchen mit Silberbeschlägen in Form eines brennenden Kreises stach optisch aus den anderen Dingen heraus. Zweifelnd blieb Nebréis Blick daran hängen und löste sich erst eine Weile später, als der Zug einen erneuten Zwischenstop in einer mittleren Stadt einlegte. Die Zugtüren öffneten sich, Leute stiegen aus, andere drängten sich, mit Koffern und Taschen beladen, hinein.
Das Kästchen beinhaltete einen Schlüssel. Nicht irgendeinen Schlüssel, sondern einen Palastschlüssel. Nebréi konnte sich immer noch nicht erklären warum er ihn nicht einfach verkauft hatte, nachdem er das Kästchen mit der Plakette im Deckel und dem silbernen Schlüssel darin gefunden hatte, in einer verlassenen Hütte im Wald, bei einem der Spaziergänge, die er gerne allein unternahm wenn er frei hatte. Aber statt dessen hatte er, größenwahnsinnig wie er war, Erkundungen eingezogen und festgestellt, dass der Schlüssel war, was er zu sein schien, und keine Fälschung, und dass er für genau zwei Wochen in seinen Ferien gebucht worden war.
Wahrscheinlich hatte er einfach nur sich und der Welt etwas beweisen wollen. Sich selbst mehr als der Welt. Beweisen, dass er es schaffte einfach so, sich selbst aus seinem gewohnten Umfeld zu reißen, welches, wenn auch nicht unbedingt liebgewonnen, so doch vertraut war, und einfach etwas anderes zu machen.
Was allen anderen Menschen so natürlich erschien, hatte für Nebréi schon lange aufgehört einfach zu sein, und er konnte sich nicht einmal erklären warum. Aber es gehörte zu einem der vielen Dinge in seinem Leben die einfach nicht richtig zu sein schienen.
Der Zug fuhr wieder an, und Nebréi blätterte im Fahrplan ohne etwas davon wahrzunehmen. Gerade ein Palast sollte ihm rein gar keine Schwierigkeiten bereiten. Er konnte ja tun und lassen was er wollte. Das war wohl auch nicht das Problem.
Aber da war eine Person, der Key, und dieser Key war zwei Wochen lang immer mit ihm zusammen.
Eingebildete Stimmen im Kopf des jungen Soldaten schienen ihn auszulachen. Was war an einem Key so schlimm? Du lebst zwei Wochen in purem Luxus, der Key tut was du willst, alles, egal was, und wenn er dich stört, dann schickst du ihn weg.
Viel zu einfach gesagt, viel zu einfach. So ging das alles nicht.
Nebréi schloss seine Augen erneut, und lehnte den Kopf zurück. Das beinah hysterisch kreischende Lachen der Frauen schien an Lautstärke zuzunehmen.
Schlimmer als in einer fremden Umgebung zu sein, war es, bei fremden Personen zu sein. Wieder konnte der Rothaarige nicht sagen, warum. Es war einfach so. Fast würde er sagen, er fürchtete sich vor den Personen, aber das hörte sich dermaßen unrealistisch an, dass er es nicht als möglichen Grund zugeben wollte, und so schob er den Gedanken wieder weiter weg.
Er war eben nicht ganz normal. Andere wären wohl schon längst zum Psychologen gegangen aber - zum Henker, er war ja nicht verrückt. Alles über seine eigenen Überlegungen zu diesem Thema hinaus war pure Anstellerei.
Im Klartext waren diese zwei Wochen das, was für andere Urlaub war, und für ihn selbst eine Mischung aus Selbstbeherrschung, Geduldsprobe und - hoffentlich - so was wie eine Art Selbsttherapie.

Endlose gotische Bögen aus einem dunklem, glatten und leicht bläulich schimmerndem Stein zogen sich sie Decke der großen Halle entlang. Die Säulen, die sie stütze, waren mächtig und von doppeltem Durchmesser als es vielleicht normal gewesen wäre, jedoch hohl, und von innen erleuchtet von flackerndem Feuer, dessen Widerschein die ganze Halle zu erhellen schien.
Nebréi schrieb seinen Namen in das schwere, in Leder gebundene Buch, das der Mann an der Rezeption ihm vorgelegt hatte. Dann nahm er den Schlüssel, und folgte einem Diener des Palastes, der in einen gut geschnittenen Anzug aus hellem Stoff gekleidet war. Sein Gepäck war ihm schon vorher abgenommen worden, um in den Raum seines Keys gebracht zu werden.
Der Mann führte Nebréi endlos scheinende Gänge entlang, in denen ihre Schritte kaum hallten. Schließlich hielt er an einer der vielen Türen an, die sich kaum von der Wand abhoben, und nur durch eine goldene Plakette gekennzeichnet wurden.
"Die Räumlichkeiten des Bannkreis-Keys," teilte der Palastangestellte mit unbeteiligtem Lächeln mit und trat einen Schritt zurück.
Nebréi murmelte ein Dankeschön und nahm den Schlüssel aus dem Kästchen. Er bestand aus massivem Silber, der Bart in Form eines kleinen Flammenkreises wie auf dem dazugehörigen Kästchen.
Der Rothaarige steckte den Schlüssel ins Schloss und drehte ihn herum. Ein sanftes ‚Klack' ertönte dreimal, dann sprang die Tür auf.
Als Nebréi sich ein letztes Mal umsah, war der Mann, der ihn hierher gebracht hatte, verschwunden.

Der Raum den Nebréi zögern betrat war groß, und das erste was ihm auffiel war der Kamin gegenüber der Tür, dessen Feuer den Raum in ein warmes Licht tauchte, unterstützt von einer ganzen Anzahl an hübschen Kerzen, die überall im Raum platziert waren.
Die Tür leise hinter sich schließend trat Nebréi einen Schritt weiter in den Raum hinein, um ganz stehen zu bleiben. Eine angenehme Wärme umflutete ihn, die sich nach der Kälte von draußen angenehm auf der Haut anfühlte.
Nebréis Blick ging langsam an den Wänden vorbei, an welchen Tücher, kleine Beutelchen aus Stoff, Bänder, Anhänger und alle Arten von Talisman-ähnlichen Dingen angebracht waren, die Blicke automatisch auf sich zogen, aber trotzdem weder aufdringlich wirkten, noch negativ auffielen.
An den Seiten rechts und links von Nebréi befanden sich deckenhohe Regale und Schränke, gefüllt mit Büchern und anderen Dingen, dazwischen ließen sich immer wieder kleine Talismane finden. Sitzkissen aus hübsch gemusterten Stoffen in warmen Farben waren im ganzen Raum verteilt, und eine schwarz bezogene Sitzgruppe in der Mitte des Raumes bildete einen angenehm ruhigen Kontrastpunkt. An beiden Seiten des Kamins befanden sich Vorhänge, aber Nebréi war sich nicht sicher, ob sie Fenster verbargen, oder nur die Wand.
"Ich wünsche ihnen einen guten Abend," ertönte plötzlich eine freundliche Stimme fast direkt neben Nebréi, und ließ ihn erschrocken zusammenfahren.
Ein junger Mann stand neben ihm, ungefähr so groß - oder besser gesagt, so klein wie Nebréi, denn mit seinen 168 Zentimetern gehörte zu den kleinsten Mitgliedern der Militärakademie, und zwar aller Jahrgänge - mit freundlichem Gesicht und dunklen Augen. Die Haare waren hell, in einem türkisenen Farbton, und kunstvoll geflochten, so dass es weder zu aufdringlich, noch zu streng wirkte.
Er trug durchgängig Kleidung die wohl weiß war, im Licht von Feuer- und Kerzenschein jedoch eher hellrot oder orange wirkte. Eine schwere Samtrobe über einem schlicht, aber edel geschnittenen Hemd und eben solcher Hose, außerdem eine Kette mit drei funkelnden Amuletten daran die von kleinen, magischen Symbolen übersät waren, die Nebréi hin und wieder in seinen Büchern zu sehen bekam.
"Guten Abend," erwiderte Nebréi schließlich, nachdem er sich wieder gefasst hatte. Das war also der Bannkreis-Key.
Der Rothaarige brach die sich ausbreitende kurze Stille indem er einen weiteren Schritt in den Raum machte und lächelte, um seine Unsicherheit zu verbergen. "Ich heiße Nebréi," stellte er sich dann kurz vor und stellte fest, dass er keine Ahnung hatte, was von ihm erwartet wurde.
"Ich bin Thelariel." Der Key verbeugte sich und blickte dann wieder lächelnd auf Nebréi.
Er war nicht wirklich wie er sich einen Key vorgestellt hatte, aber was störte es.

Thelariel befand sich im Schlafzimmer, das vom Stil her dem Hauptraum sehr ähnlich war. Ein fast übergroßes Himmelbett mit rotem Brokatvorhang nahm fast die ganze Seite rechts von der Tür ein. Magische Siegel waren in das Holz des Bettes geschnitzt, und ergaben ein hübsches, filigranes Gesamtbild. Das, was von der rechten Seite des Raumes noch frei war, wurde von einem mächtigen Kleiderschrank in gleichem Stil wie das Bett eingenommen. Zwei rote Samtsessel und ein Kanapee, die um einen weiteren Kamin gruppiert waren, rundeten das Bild ab. Obwohl der Raum sehr voll war, war er doch sehr ordentlich gehalten und wirkte eher gemütlich als voll gestopft.
Der Halbelf - seine Mutter war eine Elfin gewesen, sein Vater ein Magier - legte eines seiner frisch gewaschenen Hemden zusammen und in den Schrank, dann setzte er sich in einen der Samtsessel und schaute nachdenklich in den Durchgang zum Wohnzimmer.
Sein neuer Holder hatte darauf bestanden seine Sachen selber in den Schrank zu räumen und ließ sich auch sonst nicht bedienen. Das störte Thelariel natürlich nicht besonders, aber es sorgte dafür, dass er den jungen, rothaarigen Mann nicht gleich in die Sparte der typischen Holder abschob, sondern sein Interesse geweckt wurde.
Langsam strich sich der Halbelf eine Haarsträhne, die sich gelöst hatte, zurück hinter sein Ohr. Was konnte er über den Jungen sagen... er war um die zwanzig und war Mitglied einer der berühmten Militärakademien - was nichts hieß, denn viele, sehr viele junge Männer und auch Frauen diesen Alters waren bei der Armee, oder wollten dorthin. Das Ergebnis eines nicht endenden Krieges.
Abgesehen davon schien er recht nett zu sein - und das war ja auch schon fast alles was er über ihn wusste.
Schließlich stand Thelariel wieder auf, verließ das Schlafzimmer und trat durch den Durchgang in den Hauptraum.
Nebréi saß auf einem der bequemen Sitzkissen vor den Bücherregalen am anderen Ende des Raumes und las in einem der Bücher. Er hatte so freundlich danach gefragt, dass Thelariel fast hätte lachen müssen - es war ihm noch nie passiert, dass ein Holder nach Erlaubnisse für solch banale Dinge gefragt hatte - aber irgendwie freute es ihn auch.
"Hast du Hunger?" fragte Thelariel freundlich und ließ seinen Blick über die Buchrücken schweifen. Die einzige Lücke zeigte ihm, dass der Junge in einem historischen Buch, einer Mischung aus Sachbuch und Roman, las, welches er selber auch gerne mochte. "Sollen wir etwas zu Essen bestellen?"
Nebréi sah auf und nickte dann langsam. "Mh, wenn du auch etwas möchtest..?" Sie hatten sich stillschweigend auf das ‚Du' geeinigt.
"Willst du etwas zu Essen oder nicht?" Der Elf lächelte und ließ sich auf einem anderen Kissen nieder, Nebréi forschend anschauend.
Der junge Soldat lachte leise. "Ja, meinetwegen..."
Thelariel nickte zufrieden und stand wieder auf, ging zur Tür und klingelte nach einem Diener.

Es war bereits spät und Nebréi unterdrückte ein Gähnen als er aufstand, zum linken Vorhang neben dem Kamin ging, hinter dem er ein Fenster vermutete, und den Vorhang gerade genug zur Seite schob, um nach draußen schauen zu können.
Es handelte sich in der Tat um ein Fenster. Es wies auf den geräumigen Innenhof des Palastes, welcher von einer Mauer umgeben war, die eher zur Zierde als zum Schutz existierte.
Die Sterne wurden von Wolken verdeckt und als Nebréi vorsichtig das Fenster einen Spalt breit öffnete, merkte er, dass die Luft nach Schnee roch.
Er kannte Thelariel noch nicht lange genug, um ihn wirklich zu beurteilen, aber eigentlich war er sehr nett und sympathisch. Weitaus sympathischer als er vermutet hatte. Er schien nicht zu den Leuten zu gehören, mit denen Nebréi zwar Leben konnte, denen er aber trotzdem lieber aus dem Weg ging - dazu gehörten die meisten Leute - sondern zu den wenigen, mit denen er sich gerne anfreunden würde. Irgendetwas Besonderes umgab den Key und der Rothaarige konnte nicht sagen was es war.
Er schloss das Fenster wieder und ließ den Vorhang sanft an seinen Platz zurück gleiten.
Langsam ging Nebréi noch einmal zum Bücherregal, ohne jedoch irgendetwas wirklich wahrzunehmen. Das vertraute, unbehagliche Gefühl hatte ihn wie selbstverständlich befallen, und obwohl er wusste, dass es morgen früh verschwunden sein würde, fühlte er sich jetzt einsam und hilflos. Er wusste nicht recht, ob er dieses Gefühl mit dem ‚Heimweh' vergleichen wollte, dass er als Kind gespürt hatte, wenn er über Nacht von seiner Mutter getrennt gewesen war. Wohl eher nicht, denn er vermisste ja niemanden, noch sehnte er sich wirklich bewusst irgendwo anders hin. Es war wohl einfach nur eins der vielen Gefühle, die er manchmal so gerne verbannen wollte.
Wahrscheinlich wäre es das Beste, jetzt schlafen zu gehen.
"Fühlst du dich nicht wohl?"
Die plötzliche Stimme dicht an seinem Ohr ließ Nebréi erschrocken zusammen fahren. Er drehte sich um und grinste entschuldigend, als er in Thelariels freundliches Gesicht blickte. "Doch, doch, mir geht es super." Er strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und ließ seine Hand unbewusst über den Stoff des schwarzen Vorhangs neben ihm gleiten.
Der Halbelf schaute Nebréi nachdenklich an und lächelte dann. "Was hältst du davon schlafen zu gehen? Es ist spät."
Nebréi unterdrückte ein weiteres Gähnen und nickte fast erleichtert. "Gute Idee..." Dann ging er ins Badezimmer, wusch sich und zog sich um.
Das Badezimmer war hübsch, relativ groß und in blau gehalten. Ein großes Wasserbecken, welches in den Boden eingelassen war, nahm den Großteil des Raumes ein. Sogar ein paar Fische schwammen darin, aber erst als Nebréi seine Hand nach einem besonders bunten ausstreckte, merkte er, dass sie nur Illusionen waren. Ein ganz hübscher Zauber, eigentlich.
Als er fertig war verließ der Rothaarige das Bad wieder. Thelariel hatte die Bettdecke einladend zurück geschlagen, die Kissen im Bett aufgeschüttelt, und alle Kerzen der Räume bis auf einen hübschen, silbernen Kerzenständer gelöscht.
"Leg dich schon mal hin," schlug er mit einem aufmunternden Lächeln vor, als er selbst im Bad verschwand und für einen Moment fühlte sich Nebréi seltsam berührt. Thelariel hatte, ohne etwas besonderes zu sagen oder zu tun, genau eine empfindliche Stelle getroffen, irgendwie.
Nebréi rutschte auf die andere Seite des Bettes. Dass Holder und Key in einem Bett schliefen war wohl ganz normal - und störte ihn, um ehrlich zu sein, auch gar nicht. Er verschränkte die Arme hinterm Kopf und sah nachdenklich nach oben. Das Licht der Kerzen im Kerzenständer warf flackernde Schatten auf den Stoffhimmel über ihm.
Als Thelariel aus dem Bad kam, ging er zum Fenster, welches sich gegenüber dem Bett befand, öffnete es einen Spalt breit und ging dann zum Bett. Der Blick des Keys blieb einen Moment lang an Nebréi hängen, während er sich auf seine Seite des Bettes legte. Er löschte die Kerzen bis auf eine letzte. Eine angenehm warme Fast-Dunkelheit breitete sich aus.
"Früher bin ich mir oft verloren vorgekommen, Abends, wenn ich irgendwo fremd war," sagte der Key dann, mit einem angenehmen Erzählton. "Dann war ich immer froh, wenn zumindest jemand da war, mit dem man reden konnte - nicht irgendwer, sondern.." er überlegte kurz, "hm.. man könnte sagen, potentielle Freunde. Manche Leute scheinen so eine ganz spezielle Art zu haben, die mir einfach sagt, dass ich ihnen vertrauen kann."
"Mh..." machte Nebréi, und lächelte etwas schmerzlich. Aus irgendeinem Grund hatte der Key recht genau einen Teil seiner Gedankengänge skizziert. "Ja.. ich glaube so in der Art ist das wohl." Etwas in seinem Unterbewusstsein stellte zufrieden fest, dass es sich bei Thelariel um eine solche Person handelte, der man vertrauen konnte und fast sofort verschwand das einsame Gefühl.
Kurz darauf löschte Thelariel auch die letzte Kerze und wünschte Nebréi eine gute Nacht.
Der Rothaarige lächelte und erwiderte den Wunsch leise, dann drehte er sich auf die Seite, schloss die Augen und zog sich die Decke etwas höher über die Schultern. Es fühlte sich an, als hätte etwas in ihm ‚Klick' gemacht, aber er konnte weder sagen was es gewesen war, noch was es bewirkte.

Fortsetzung folgt