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Beherrsche nicht Teil 1 bis 7

1. Kinta Hayoto

„So kann das doch nichts werden“, murmelte Kinta immer wieder. Seit gut zwei Stunden saß er vor den Untersuchungsdaten – doch es hatte sich nichts geändert.

„Kinta, mach Schluss für heute, ich muss das Labor abschließen.“ Eine dunkle Stimme riss den jungen Mann aus seiner Überlegung.

„Tano, ich bin noch nicht fertig“, gab der Schwarzhaarige giftig zurück, als er sich wieder seinem Mikroskop zuwandte.

„Mir egal, ich muss heim – meine Frau wartet.“

„Tano – noch fünf Minuten.“ Langsam wandte er sich zu seinem Freund um.

„Hey Kinta, was wird in fünf Minuten anders sein als jetzt? Deine Schwefelbakterien haben das Zeug nicht vertragen und sind eingegangen – in fünf Minuten werden sie nicht wieder lebendig. Beende und setz morgen einen neuen Versuch an. Und jetzt raus.“ Tano, ein blonder Mann mit sanften grünen Augen, ging auf den mürrisch drein blickenden Kinta am Schreibtisch zu. Er wirkte mindestens fünf Jahre älter als Kinta selbst.

„Aber warum sind sie eingegangen?“ Ein Finger zog die Brille, die für den Blick durch das Mikroskop in die verstrubbelten kurzen Haare geschoben wurde, wieder vor die blauen Augen.

„Kin-ta ... nimm ein Buch, lies es nach, aber schwing deinen Arsch aus dem Labor.“

„Ja, ja.“ Jetzt musste der junge Doktorand doch lachen. „Ich bin ja schon weg – nur noch die Zugangsberechtigung für die Bibliothek auf meine Karte laden und schon ...“ Er eilte zum Zentralrechner des Labors, wählte sich mit ID und Passwort ein und wählte die Bereiche der Bibliothek aus, die er benötigte.

„Ist doch zum Piepen, dass nicht alle alten Bücher bereits digitalisiert sind.“ Ohne ein weiteres Wort griff Kinta seine Jacke, streifte den Kittel ab und verließ das Labor in Richtung Lehrbereich.

Bis vor zwei Jahren hatte er hier auch gesessen, den Vorlesungen gelauscht und schon damals beschlossen, an seinen Ingenieur den Doktor anzuhängen. Oder geben wir der Wahrheit den Vorzug: Professor Doktor Hayoto hatte für seinen Sohn beschlossen, dass er den Doktor zu machen und dann später die Nachfolge in seinem Institut anzutreten habe.

Kinta hatte die Räume erreicht, in denen die nicht digitalisierten Bücher aufbewahrt wurden. Er konnte noch immer nicht verstehen, warum man Worte erst auf Papier drucken musste, um sie zu lesen. Es war doch viel einfacher, sie in seinen Palm zu laden und überall mit hinzunehmen. Es war leichter, ging schneller. Es war schlicht effektiver.

Kinta schob seine ID-Karte in die dafür vorgesehene Schiene, zog den Magnetstreifen durch das Lesegerät und die hydraulische Tür öffnete sich.

„Herr Inosiko?“

Langsam trat er in den Raum, über und über mit deckenhohen Regalen zugestellt, in denen Bücher lagerten. Platzverschwendung – das hätte alles auf eine Platte gepasst und aus dem Raum hätte man ein weiteres Labor machen können!, dachte der junge Mann mürrisch, als er sich durch die Reihen bewegte. Und wie das hier roch?

Aber was nutzte es, er musste sich in diesem Werk schlau machen – da brachte es gar nichts, gegen das gedruckte Wort eine Abneigung zu haben. Und wenn er daran dachte, dass er den ganzen Berg Papier mit nach Hause nehmen musste, weil sicher auch der Bücherwurm, wie er den älteren Bibliothekar immer wieder scherzhaft betitelte, weil dieser in seinem Job geradezu aufzugehen schien, noch vor Mitternacht ins Bett wollte.

„Herr Hayoto“, hörte Kinta die tiefe und schon etwas angegriffene Stimme und Augenblicke später stand der gebückte Mann vor ihm. „Was führt Sie zu so später Stunde noch hier her?“

Kinta seufzte. „Tut mir leid, Sie so spät noch zu belästigen. Aber mir sitzt die Zeit im Nacken und das Experiment ging schief. Und nun suche ich aus Vaters privaten Beständen etwas Bestimmtes – eine Abhandlung über Störfaktoren in Nährlösungen und die Nährstoffaufnahme von adaptierten Schwefelbakterien.“

„Ah, ich glaube, ich weiß, was Sie meinen, Herr Hayoto. Folgen Sie mir.“ Und schon war das weiße Haar hinter einem Regal verschwunden. Kinta staunte immer wieder, wie es diesem alten Mann gelang, alle Bücher in diesem Zimmer zu kennen, nicht nur Autor und Titel, auch Inhalt und Standort. Es kam nur selten vor, dass er sich um eine Regalreihe verschätzte.

„Ich nehme die Literatur mit, dann können sie auch nach Hause gehen, Bücherwurm.“ Er lächelte verlegen, als sich der ältere Mann zu ihm umwandte, ihn anblinzelte und dann lachte.

„Hier“, er griff nach einem Buch in der untersten Reihe, „die gesuchte Abhandlung.“

Mit leuchtenden Augen nahm Kinta das Buch entgegen – genau das hatte er gesucht. Wie macht der das nur?, dachte er noch bei sich, als er das Buch in die Tasche gleiten ließ.

~*~

Ein Gutes hatte diese synthetische Stadt: die verkehrstechnische Anbindung der Außenbezirke an die eigentliche Stadt war optimal. Die Bahn fuhr alle zehn Minuten. Und laut des Planes kam die nächste Bahn in nicht einmal drei Minuten. Zum Glück, denn der Herbst war in diesem Jahr früh gegangen und die ersten Vorboten des Winters erinnerten mit ihren eisigen Klauen, dass sich auch dieses Jahr bald dem Ende zuneigte.

Der Zug fuhr ein, Kinta war der einzige Passagier, der hier einstieg. Nur drei Andere saßen in dem hell erleuchteten Großraumabteil. Er suchte sich einen sichtgeschützten Platz im hinteren Teil, denn nichts hasste er mehr, als wenn sich hinter ihm etwas ereignete, was er nicht sehen und beeinflussen konnte. Er setzte sich bequem und knöpfte den Mantel auf, während er sich flüchtig umsah. Er war jetzt mindestens eine halbe Stunde unterwegs, bis er seine Haltestelle in Uptown erreicht haben würde.

So saß Kinta in der Magnetschwebebahn, die das weitläufige Universitätsgelände vor der Stadt mit der Innenstadt verband und starrte aus dem Fenster. Der hell erleuchtete Campus wurde hinter ihm immer kleiner. Mit leisem Summen drängte er in Richtung Stadt.

Seit sechs Jahren wohnte er nun schon in dieser Wohnung, aber er brachte es noch immer nicht über die Lippen, diese sterilen Wände und die leeren Räume als zu Hause zu bezeichnen. So fuhr er in seine Wohnung, den Ort, wo sein Bett stand und sein Computer auf ihn wartete.

Wie üblich hatte die Bahn Verspätung, das wusste Kinta nach fünf Minuten Fahrt. Sie hatten gerade erst das erleuchtete Gelände er Universität verlassen, Kinta konnte durch die völlig verglaste Struktur des Zuges weit hinter sich noch die letzten beleuchteten Fenster ausmachen, als sie das erste Mal außerplanmäßig und ziemlich abrupt stoppten und Kintas Tasche vom Sitz neben ihm auf den Boden rutschte.

Prima – wieder ein Selbstmörder? Können diese Idioten sich nicht vor eine andere Bahn werfen? Ich will heim!, grummelte er tonlos vor sich hin.

Langsam nahm die Zahl derer, die mit ihrem Leben nicht mehr zurecht kamen und es beendeten, in der Nähe der Universität stetig zu. Kevin, sein bester Freund und studierter Psychologe, machte den enormen Leistungsdruck dafür verantwortlich. Kinta konnte es egal sein. Er war gerade 19 und machte schon seinen Doktortitel. Das allein zeigte, dass er weit mehr Wissen besaß, als andere seines Alters und er hatte eine enorm schnelle Auffassungsgabe.

Wenn er etwas gelesen hatte, so behielt er es im Kopf. Er musste sich nicht hinsetzen und es auswendig lernen. Er behielt es einfach. Kevin nannte es einfach "fotografisches Gedächtnis", sein Vater betitelte es als "begnadet" und "Gabe Gottes" und Kinta sah es einfach nur als praktisch, sich aus dem Telefonbuch eine Nummer zu suchen und sie nicht erst aufschreiben zu müssen. Nun, er konnte seiner Begabung durchaus noch etwas Positives abringen.

Und nun saß er hier in der Bahn, wie schon so oft. Weit ab der Stadt konnte er nicht einmal aus dem Fenster sehen, nur sein eigenes Spiegelbild blickte ihm müde entgegen. Ich sollte mehr schlafen!, stellte er lakonisch fest und strich sich eine der vorwitzigen, viel zu langen Ponyfransen aus dem blassen, noch kindlichen Gesicht.

>Werte Fahrgäste, wegen eines Personenschadens wird sich die Ankunft des Zuges ...<

Kinta schaltete ab. Er kannte diese Durchsagen, kannte sie zu gut, hatte sie zu oft gehört. Vor sechs Jahren war er selbst so weit gewesen, diese Durchsage des Zugbegleiters zu verursachen.

Sechs Jahre war es nun schon her – sechs Jahre, seit er sich mit seinem Vater endgültig entzweit hatte, seit er seine Mutter in einem sterilen Krankenzimmer hatte langsam sterben sehen und sein Vater nur Tags wie Nachts in seinem Labor dahinvegetierte, sich nicht einmal die Mühe gemacht hatte, seine sterbende Mutter zu besuchen.

Dies war der Tag gewesen, an dem in Kinta etwas zerbrochen war, als das rhythmische Piepen der Apparate langsamer wurde und in einen stetigen Ton überging. An jenem Tag war auch in Kinta etwas gestorben. Er wusste noch nicht was, aber es war fort, unwiederbringlich weg und hatte die Zuneigung zu seinem Vater mit sich genommen.

Nur vier Stunden nach dem Tod seiner Mutter und der Eiseskälte, mit der sein Vater diese alles verändernde Nachricht entgegengenommen hatte, hatte der Junge seine wenigen persönlichen Sachen gepackt und war verschwunden. Aber wo sollte ein Dreizehnjähriger schon hin?

Kinta seufzte leise und musterte seine übermüdeten Züge in der Spiegelung des Fensters, als er noch einmal in die Schwärze der Nacht blickte und etwas zu erkennen versuchte. Bewegten sie sich schon wieder? Fuhren sie? Standen sie immer noch? Wie er es hasste, wie er ungewisse, nicht kontrollierbare Situationen hasste.

Diese modernen Züge leiteten keine Erschütterungen in das Wageninnere weiter. So konnte man nur an den vorbeihuschenden Landschaften vor dem Fenster sehen, ob man sich seinem Ziel näherte.

Wenn ich hier festsitze, kann ich mich auch ablenken, legte Kinta für sich fest und suchte selbstvergessen in seiner Umhängetasche. Sie war aus grünem, grobem Stoff, hatte einen langen Trageriemen und viele kleine Fächer, um jede Menge unnötigen Krimskrams mit sich herumzutragen. Mehr aus Reflex griff er sich als erstes das Mobiltelefon: drei Anrufe in Abwesenheit.

Natürlich!

Seit er erfolgreich war, seit er tiefschürfende, bahnbrechende Forschung betrieb, hat sein Herr Vater wieder reges Interesse an seinem Sohn – halt! An den Ergebnissen der Untersuchungen seines Sohnes! Das war ein kleiner aber feiner Unterschied!

„Lass mich in Ruhe!“, nuschelte er in sich hinein, blickte sich um und bemerkte die Blicke, die eine junge Dame ihm zuwarf und errötend lächelte, als sie beim Schauen erwischt wurde. Kinta lächelte zurück, dann wendete er sich wieder seiner Tasche zu. Auch wenn sie klein war, man konnte eine Menge darin verlieren und nie wieder finden.

Endlich hielt er das Buch in Händen und schlug das Inhaltsverzeichnis auf. Eine Abhandlung von vierhundert Seiten Stärke brauchte er nicht auf gut Glück durchzusehen. Wenn er nicht genau wusste, was er suchen sollte, würde er auch nichts finden. Ganz logisch.

Oh Kinta, ob du das jemals ablegen wirst? Deine kalte, berechnende, alles durchkalkulierende Logik! Langsam ging er sich selber auf die Nerven.

Er ließ das Buch auf die Knie sinken und lehnte den schwer werdenden Kopf gegen die kühle Scheibe.

„Hättest du Jane halten können, wenn du weniger logisch und mehr emotional gewesen wärst?“, fragte er sein Spiegelbild, das ihn aus kleinen, müden Augen hinter ränderlosen Brillengläsern anblickte. „Sicher hättest du nicht – du bist kalt, du bist logisch. Baust dir Mauern, die eigentlich gar nicht da sind – und bist zu feige, sie zu überwinden!“

Kinta schüttelte den Kopf. So lief das immer, wenn sich mal wieder einer vor die Bahn geworfen hatte, er in der Dunkelheit festsaß und viel Zeit zum Nachdenken hatte. Deswegen war er wohl auch so logisch: er hatte viel zu viel Zeit allein verbracht. Keine Geschwister, von Kindesbeinen an sich um die kranke Mutter gekümmert, der Vater außer Haus und dann besonders begabt in der Schule, von den anderen Kindern gehänselt, keine Freunde, auf eine Spezialschule verfrachtet und nur von logischen Strebern umgeben.

„Okay, das reicht – mal sehen, warum meine Bakterien eingegangen sind!“, schalte er sich des Grübelns überdrüssig und schlug die erste Seite auf, blätterte über Titel, Abbildungsverzeichnis und Widmung hinweg - „gewidmet meiner geliebten Frau“ welcher Hohn!, dachte er. Kinta wurde übel. Er knurrte leise, suchte aber im Inhaltsverzeichnis nach Störfaktoren.

Dass nach und nach vereinzelte Lichter hinter der Fensterscheibe vorbei glitten, zeigte, sie waren wohl wieder unterwegs, näherten sich unaufhaltsam dem Ziel: der niemals schlafenden, niemals ruhenden, niemals dunklen Stadt, die sie aufnahm, wie verlorene Kinder.

Kintas Finger glitten über das gelbliche Papier, suchten die Seitenzahlen ab, während seine Augen wieder und wieder vom Kapiteltitel zur Seite glitten, endlich strahlten, als sie gefunden hatten, was sie suchten.

Eilig blätterten die schlanken, langen Finger das Buch in der Mitte auf und Kinta stutzte. Warum war aus der Seite etwas herausgeschnitten? Aus der nächsten auch? Und aus der nächsten – und der dahinter ...

Als hätte man etwas darin verstecken wollen. Als er das Buch weiter aufschlug, erkannte er, dass er Recht gehab hatte. In der Aussparung lag etwas, in ein schwarzes Seidentuch eingeschlagen.

„Was ist das?“, flüsterte er und blickte sich um. Die junge Frau hatte sich abgewendet und schien zu schlafen. Und die übrigen beiden Passagiere in seinem Abteil unterhielten sich angeregt.

Mit zitternden Fingern löste Kinta den Stoff ein wenig, konnte aber nichts erkennen. So hob er das Tuch samt Inhalt heraus, der entschieden schwerer war, als seine Größe und die offensichtliche Leichte des Stoffes hätten erahnen lassen. Kinta wog den Stoff und seinen Inhalt in der Hand, mit einem Finger schob er den glatten Stoff bei Seite. Ein Stein kam zum Vorschein – eindeutig bearbeitet, denn er wies Vertiefungen auf, ähnlich einem Muster. Nur sehr grob bearbeitet, breite Rillen, gezackte, hervortretende Linien. Was das wohl sein mochte?

Neugierig schob er den Stoff ganz bei Seite. Der Stein war viereckig, so lang wie ein Finger und glänzte in mattem Schwarz. Vorsichtig strich ein Finger über die Vertiefungen, nahm jede einzelne in sich auf. „Was das wohl bedeutet?“

Nachdenklich drehte er das Stück Stein in seiner Hand und keuchte erschrocken auf. Es musste wohl wertvoller sein, als es bis eben noch den Anschein gehabt hatte, denn auf der anderen Seite prangte über die ganze Fläche ein Drache, wie Kinta ihn bei Kevin gesehen hatte.

Sein Freund war mit Leib und Seele Kampfsportler und er hatte sich einen alten, kunstvoll gestalteten chinesischen Drachen auf seinen Turnieranzug sticken lassen. Ähnlich dem, der hier in den Stein gearbeitet war. Und das Tier war wunderschön gestaltet – mit viel Sorgfalt, mit viel Liebe. Das Auge bildete ein Smaragd – klein aber leuchtend. Als würde der Drache – in Platin und Gold abgesetzt – ihn anblicken, ihm drohen, ihn strafen dafür, dass Kinta es gewagt hatte, seine Ruhe zu stören.

Die Zeichen auf der rechten Seite des Drachens faszinierten ihn. Es musste eine der asiatischen Sprachen sein. Er hatte ähnliche Zeichen bei Kevin gesehen. Ob er ihm das übersetzen konnte?

Kinta wog den Stein in den Händen, schob dann aber eilig das Tuch wieder über das Fundstück, legte es an seinen angestammten Platz und schloss eilig das Buch. „Wer hat das wohl in Vaters Buch versteckt?“, überlegte er und ging die Leute durch, die Zugang zur Privatbibliothek seines Vaters – des Leiters des Institutes für Transgenetik – hatten und es wagen würden, eines der Werke des Herrn Prof. Dr. Dr. Hayoto zu beschädigen.

Und wer wäre so nachlässig, ein so wunderschön gearbeitetes Stück Stein darin zu verbergen und zu vergessen? Die Staubschicht auf dem Buchrücken, die der Bücherwurm abgewischt hatte, zeugte davon, dass dieses Buch seit Jahren keiner mehr in Händen gehalten haben mochte. Wer hatte es also dort verborgen?

Und warum?

Warum ...

>Nächste Haltestelle: einhundertachte Straße – Ecke vierhundertfünfundachtzigste Straße.<

Kinta schreckte aus seinen Gedanken und schoss hoch. Das Buch fiel von seinen Knien, schlug dabei auf und der Stein purzelte über den Fußboden. Eilig ließ er seine Tasche fallen und kroch auf allen Vieren, um den wunderschönen Stein zu suchen. Endlich hangelte er ihn unter der Sitzbank hervor.

Kaum hatte er seinen Fund und das Buch in Händen, glitten auch schon die automatischen Türen auf. Kinta griff seine Tasche und sprang hinaus auf den Bahnsteig, den Stein fest mit der Hand umschlossen.

Die eisige Kälte ließ ihn sich besinnen, es wäre wohl besser, erst einmal in die von seinem Vater bezahlte Wohnung zu gehen und dort weiter zu grübeln. Hier sollte er jedenfalls nicht länger als notwendig bleiben. Erst gestern war hier wieder jemand überfallen und beraubt worden. Er konnte von Glück reden, denn er selbst war nur drei Minuten vor dem Opfer hier ausgestiegen und in Richtung seiner Wohnung gegangen.

Eilig schlug er den Weg in die vierhundertfünfundachtzigste Straße ein. Das Straßensystem von Portura-City war einfach. Die Stadt war verhältnismäßig jung und von Anfang an vollständig am Reißbrett geplant worden, aufgebaut wie ein Schachbrett.

Alle von Nord nach Süd verlaufenden Straßen trugen gerade Nummern, die westlichste Straße der Stadt trug die Nummer zwei, im Osten wuchs die Stadt immer weiter, die aktuell neueste Straße war wohl die achthundertvierte Straße. Alle von Ost nach West verlaufenden Straßen trugen ungerade Nummern, die ältesten lagen im Süden.

Ganz einfach.

Keine verwirrenden oder gleich klingenden, aber kilometerweit voneinander entfernt liegenden Straßennamen. Klare, schlichte Nummern ohne Verwechslungsmöglichkeiten.

Mit hochgezogenen Schultern und das Kinn tief in den Schal gegraben, stapfte Kinta dem Wind entgegen, der durch die schmalen Gassen streifte. Hier in der Vorstadt waren Straßen nicht notwendig, wer hier wohnte, konnte sich sowieso keinen der Gleiter leisten, die in der Innenstadt die Zwischenräume zwischen den hohen, schmucklosen Fassaden der Wohnblocks überbevölkerten.

Irgendwann wollte auch Kinta dort wohnen, aber oben – ganz oben, wo er die Sonne sehen konnte, wo keine Gleiter fliegen durften, wo keine Abgase mehr die Luft verpesteten, weil die oberste Etage seines eigenen Wolkenkratzers über den künstlichen, für das Klima in der Stadt sorgenden Wolken liegen würde. Ja, Träume hatte der einsame junge Mann. Aber nicht genug Geld in der Tasche, um sich beim Schnellimbiss um die Ecke eine seiner so geliebten Pizzen zu kaufen. Würde es wohl wieder Fertigfutter geben müssen. Wie die letzten fünf Tage auch.

Kinta seufzte.


2. Kage no Jonetsu?

Es wird wohl bald schneien, ging es Kinta durch den Kopf, als er noch einmal zum Himmel hinauf sah, seinen Blick an den fast endlosen Fassaden hinaufklettern ließ, um ein wenig des graublauen Himmels zu erhaschen.

Kintas rechte Hand krampfte sich noch immer um den seltsamen Stein, der nun langsam seine Körpertemperatur angenommen hatte und sich fast lebendig anfühlte. Ich muss wissen, was da drauf steht!, durchzuckte es ihn immer wieder.

Er bog in die einhundertzwölfte Straße ab und suchte mit der linken Hand in der Tasche nach seiner ID. Neuerdings ließen sich die Leute die Daten auf ihrer ID mittels eines Chips unter die Haut transplantieren.

Eigentlich wäre dies auch für einen notorischen ID-Karten-Verlierer wie Kinta eine gute Idee gewesen, aber die Operation war nicht billig und seinen Vater wollte er nicht fragen. Leider ließ die Forschungsarbeit auch keine Zeit mehr für einen Nebenjob und so musste er immer noch auf seine Karte zurückgreifen und hoffen, dass er sie nicht noch einmal verlieren würde.

Er zog sie durch das Lesegerät und die schmucklosen Stahltüren des Einganges C15-A öffneten sich. Kaum dass er hindurchgetreten war, schlossen sie sich lautlos wieder und der Fahrstuhl wartete auf Benutzung. Kinta stieg ein, drückte den Knopf für die oberste, die Omega-Etage, und war in Gedanken doch ganz wo anders.

Kaum hatte er die Tür geöffnet und seine Wohnung betreten, wurde das Licht im Flur heller, der Computer fuhr hoch und signalisierte mit einem Piepsen Funktionsbereitschaft und die Fußbodenheizung erwärmte den kleinen Flur angenehm unter den entblößten Füßen. Kinta zog sich die Jacke aus und band den Schal ab, hängte beides in die schmale Gardarobe an der Wand und ging mit seiner Tasche und dem Stein, immer noch mit der Rechten umschließend, weiter. Das Flurlicht erlosch, während das Wohnzimmerlicht langsam heller wurde.

>Sie haben zwei Anrufe<

Kinta verdrehte die Augen, als sich sein Anrufbeantworter meldete und leider war er nicht schnell genug, sodass die Mitteilungen abgespielt wurden.

„Kinta. Junge, wo bist du denn? Im Labor warst du nicht, zu Hause bist du nicht!“

Ein Piepton zeigte das Ende der ersten Nachricht.

„Kinta, ich bin´s noch mal. Wie laufen die Versuche, ruf zurück!“

Wieder ein nichts sagender Piepton.

„War ja klar, du Bastard. War ja so klar!“ Kinta verzog angewidert das Gesicht. „Wie laufen die Versuche. Kein: ich hab gehört, du warst krank, geht’s dir besser?“

Wütend, weil es sein Vater wieder einmal wie fast täglich geschafft hatte, ihn zu reizen und an die Decke zu treiben, obwohl er sich geschworen hatte, sich von diesem Mann, der zufällig sein Erzeuger war und praktischerweise seine Wohnung hier bezahlte, aber nichts ohne Gegenleistung tat, sondern auf seine viel versprechenden Ergebnisse lauerte, nie wieder aus der Ruhe bringen zu lassen.

Aber Hirose Hayoto gelang es immer wieder, seinen Sohn aus der eigenen Haut zu treiben.

„Einen Scheiß werde ich tun und zurückrufen. Wir zoffen uns eh nur wieder – weil er alles besser weiß. Scheiße, dann soll der doch meine Doktorarbeit schreiben! Idiot!“

Im hohen Bogen flog die Tasche auf die Couch, doch die rechte Hand umklammerte immer noch den Stein.

„Na eben, ich wollte doch Kevi fragen ...“ Und noch ehe er saß, hatte Kinta schon Kevins Nummer in die Computertastatur getippt und wartete auf Antwort. Es klingelte sicher vier- oder fünfmal, dann hörte er die Stimme seines Freundes, das Bild erschien auf dem Monitor.

Kinta grinste. Wie es aussah, hatte er den guten Kevin wohl aus der Dusche geholt.

„Sag mal, Kleiner, stehst du drauf, wenn ich halb nackt mit dir telefoniere?“ Der Blonde grinste breit und warf die feuchten, langen Strähnen über den Rücken.

„Hi Kevi... ich seh dich doch lieber ganz nackt!“, scherzte er seinem besten Freund entgegen. Das war so eine Sache, die sie schon lange betrieben. Eigentlich hatte alles mit einem seltsamen Scherz für seinen Vater angefangen, den sie glauben machen wollten, sie wären ein schwules Pärchen. Aber entgegen der Erwartung Kintas, hatte sein Vater nicht den gewünschten Herzinfarkt bekommen und hysterisch aufgeschrieen wie geplant, sondern nur verstehend genickt und sich wieder seinen Unterlagen gewidmet.

Kevin war schon sein bester Freund, so lange Kinta denken konnte. Er war gute vier Jahre älter als er selbst und hatte damals im Nachbarhaus gewohnt. Eines Tages hatte der fette Eddie es auf Kintas Eis abgesehen, das der damals Vierjährige von seiner Mutter bekommen hatte.

Der große Junge hatte es ihm weggenommen und Kinta hatte laut geweint, geschrieen, nach dem Anderen getreten. Und da war Kevin gekommen, hatte dem Kleinen sein Eis zurückerobert und ihn tröstend in den Arm genommen.

Und seit dem war Kevin sein bester, sein einziger, Freund, zu dem er auch mal unter die Zudecke krabbeln konnte, wenn er diese Welt so satt hatte, bei dem er sich ausweinen konnte und der Kinta eine gescheuert hatte, dass dem Schwarzhaarigen die Ohren schlackerten, als er meinte, er wäre unnütz, sollte einfach seinem Leben ein Ende setzen und Ruhe wäre.

Seit diesem Tag ließ Kevin den Jüngeren kaum noch aus den verwaschen grünen Augen, auch wenn seine Freundin Mariso das mit gemischten Gefühlen beäugte und schon mehr als einmal gefragt hatte, ob sie wirklich nichts miteinander hätten. Aber das konnten beide ruhigen Gewissens verneinen.

Und genau dieser Kevin goss sich gerade ein Glas blaue Brause ein, die der Blonde liebte wie nichts anderes und rubbelte sich die Haare trocken, während Kinta von dem Buch berichtete und was er wissen wollte. Er zeigte den Stein in die Kamera, doch es war nichts zu erkennen.

„Scann ein und schick.“

Kinta nickte. „Okay.“ Und schon im nächsten Augenblick tastete der Strahl die glatte Fläche ab und das digitalisierte Bild wurde auf Kevins Bildschirm übertragen.

„Wow – alte japanische Schriftzeichen – cool. Wo haste das Ding denn her?“

Kinta hörte Kevin nur, denn auch auf seinem Bildschirm prangte nun groß der Schriftzug des Steines und der Drache blitzte ihn wieder vorwurfsvoll an, als hätte er ein Geheimnis verraten, etwas Heiliges entehrt.

„Na aus dem Buch“, erinnerte Kinta seinen Freund und konnte nun auch Kevin wieder sehen, der sich mittlerweile in Shirt und Jeans geworfen hatte und die nassen, verfilzten Strähnen zu kämmen versuchte.

„Ich such mal das Zeichenwörterbuch – alles kenn ich auch nicht... irgendwas mit 'beherrschen'!“

Und im selben Augenblick klingelte bei Kinta das Telefon.

„Anruf annehmen“, befahl der Schwarzhaarige, stellte die Verbindung zu Kevin auf lautlos und hörte im nächsten Augenblick schon die Stimme seines Vaters. „Kinta, na endlich!“ Man hätte Erleichterung in der Stimme vermutet, aber selbst Kinta, der diesen Mann seit Jahrzehnten kannte, fand einfach nichts, was auf eine Emotion, eine Gefühlsregung, hingedeutet hätte.

„Ja, die Bahn hatte Verspätung und ich war ...“

„Hör mal, ich hab gesehen, deine Kulturen sind eingegangen.“

Woher hat er das schon wieder?, durchfuhr es Kinta. Langsam machte dieser alles wissende, alles bemerkende Mann ihm Angst.

„Das Substrat war zu sauer.“

Bitte? Kinta überlegte, suchte mit einer Hand in seiner Tasche nach dem Palm mit seinen Notizen und Zwischenergebnissen.

„Kinta, bist du noch dran?“

„Ja.“

„Ich hab heute Morgen den pH-Wert überprüft. Das vertragen sie nicht. Du musst den Wert anheben.“

Und warum sagst du mir das nicht zum Beginn meines Versuches, anstatt die armen Viecher erst verrecken zu lassen?, dachte Kinta, „Okay, mach ich!“, versicherte er aber schnell, als er Kevin wieder auf dem Monitor erkannte, der mit den Armen wedelte und grinste, als Kinta die Augen verdrehte und mit einer Hand herumfuchtelte, als wollte er sagen: der Alte nervt, aber kicken kann ich ihn auch nicht.

Und während Kinta seinem Vater zuhörte und sich ein paar, zugegeben, doch recht brauchbare Hinweise holte über Selbstzehrung, Eigenkonservierung und Biomassewachstum, zog Kevin Grimassen, schrieb was auf ein Blatt und hielt es in die Kamera.

„Ähm ... können wir das morgen besprechen? Ich komm in dein Büro. Ich hab Hunger, bin gerade erst rein.“, würgte er dann nach fünf Minuten doch das Gespräch ab. Sein Vater tendierte dazu sich selbst gern reden zu hören.

„Okay, Junge, mach das. Iss, das ist wichtig. Warte“ Herr Hayoto schien kurz seinen Planer zu befragen. „Bis halb vier hab ich Vorlesung. Könntest du dir auch anhören. Zellkernmanipulation zur Adaption – könnte dir nicht schaden.“

Kinta verdrehte die Augen und bedeutete Kevin, noch nicht zu gehen. Und endlich war sein Vater fertig und Kinta legte auf. Gut, er wusste jetzt zwar immer noch nicht, wann es seinem Herrn Vater morgen genehm war, ihn zu empfangen, aber er wollte momentan etwas anderes viel brennender wissen. „Und?“, schrie er fast, als er die Leitung zu Kevin wieder normalisierte.

„Beherrsche nicht, was man nicht beherrschen kann“

Kinta stutzte. „Hä?“

„Beherrsche nicht, was ...“

„Ja, hab ich gehört – was heißt das?“

Kevin zuckte die Schultern. „Bin ich der Wissenschaftler oder du? Ich bin nur für die Übersetzung zuständig.“

„Na prima, Herr Diplompsychologe! Da schreibt einer diesen Spruch in Stein, verziert ihn mit wertvollen Metallen und versteckt alles in einem alten Werk meines Vaters. Was sagen sie als Fachmann für Bekloppte und geistig Minderbemittelte dazu?“

„Dass du mal deinen Vater fragen solltest“, kam es prompt zurück.

Kinta lachte.

Klar.

Sein Vater!

Sein Vater, der Logiker, versteckte Steine in seinen heiligen Büchern! „Kevi – du spinnst!“

Der wackelte nur mit den Augenbrauen. „Was hast du jetzt damit vor, Kleiner?“

„Weiß nicht“, gestand Kinta und nahm den Stein vom Scanner, legte ihn kühl in seine Hand. „Ich will wissen, wo er herkommt.“ Er legte den Finger an die Lippen und tippte immer wieder dagegen, eine Eigenart, die er hatte, so lange er denken konnte.

„Süß“, hörte er es von Kevin. „Kini denkt!“

„Blödmann!“

Beide grinsten, doch dann hatte Kevin eine Idee. „Hast du das gescannte Bild gespeichert? Jag es mal durch die Bildersuchmaschine.“

Ungläubig beäugte der Schwarzhaarige den Stein. „Und du meinst, die findet was?“

„Werden wir morgen sehen. Mariso bringt mich um, wenn ich nicht in drei Minuten angezogen vor der Tür bin.“

„Hä?“

„Kino.“

„Und das sagst du mir erst jetzt?“ Entrüstet sprang Kinta auf. „Und da lässt du dich von mir zulabern?“

Kevin grinste wieder dieses unwiderstehliche Grinsen, dem nicht einmal Kinta etwas entgegenzusetzen hatte.

„Na los, verschwinde. Ich mail dir, wenn ich fündig geworden bin.“

Kinta trennte die Verbindung und lud das Bild in die Suchmaschine für digitale Bilder. Das Fenster sagte ihm, dieser Vorgang könne bis zu fünf Stunden dauern und der Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass er das nicht vor hatte abzuwarten. So verschwand er in der Küche und suchte in einem der Schränke nach etwas Essbarem. Wie er dieses Fertigfutter hasste. Aber es war billig, es war praktisch und es war lange lagerbar. Drei nicht von der Hand zu weisende Vorteile, wenn man mehr Zeit in seinem Labor als in seiner eigenen Wohnung verbrachte, nie genau wusste, wann man die gekauften Lebensmittel aufbrauchen würde.

Als Jane noch hier gewohnt... Nein, er wollte sich nicht mehr daran erinnern. Es war vorbei, sie war fort und er wieder allein. Allein wie immer. Und wenn es dieses Mal mit Kevins Freundin was Ernstes war, würde der wohl auch bald viel weniger Zeit für ihn haben.

Warum also war er noch hier?

Warum bewohnte er eine der eh raren, preiswerten Wohnungen?

Warum verschwendete er das Geld seines Vaters, indem er wohnte, aß und im Labor arbeitete?

Nein! Kinta schüttelte den Kopf. Nie wieder diese Gedanken! Nie wieder! Er hatte es Kevi versprochen – nie wieder!

Mit einem Instantgericht, das er nur mit kochendem Wasser übergießen musste und angeblich Pasta Carbonara war, wohl eher wie eingeweichte Socken schmeckte, aber ungemein satt machte, in der einen und einer Tasse Tee, den er wohl während des Grübelns gekocht haben musste, in der anderen Hand, ging er zurück in das Wohnzimmer, das er dank der ausziehbaren Couch auch als Ersatzschlafzimmer nutzen konnte, wenn er zu faul war, extra bis in dieses Zimmer zu gehen und lieber bis zum Einschlafen fern sehen wollte.

So wie heute. Er wollte Ablenkung. Viel zu sehr hatte ihn heute seine Vergangenheit eingeholt, zu intensiv waren die Schmerzen in der gemarterten Seele, die Narben gebrannt auf ein verwundbares Kinderherz.

Nein, er wollte nicht das Licht ausmachen und an die Decke starren. Auch wenn der Flachbildschirm, der die Decke bildete und programmiert werden konnte, momentan das Grün eines tropischen Blätterdaches zeigte und Geborgenheit vorgaukelte und ihn abzulenken wusste. Nein, er wollte nicht die Augen schließen und die grünen Striche wieder sehen, die das Leben seiner Mutter zeigten, die im Rhythmus ihres schwach schlagenden Herzens zuckten und irgendwann aufhörten ...

Er wollte nicht Tränen wegen eines Mannes vergießen, der seiner Mutter nicht würdig war, der sie in ihrer schwersten Stunde nicht begleitet hatte. Er wollte einfach nicht denken müssen, nicht so logisch sein und auf jede noch so abwegige Frage eine schmerzende Antwort finden.

Wie paralysiert starrte Kinta auf den leicht flimmernden Monitor, wo ein Balken anzeigte, dass die Suche wohl noch einige Zeit dauern würde. So drückte er zwei Tasten auf der Tastatur und war vom Internetmodus in den Satellitenempfangsmodus gewechselt.

Ja, etwas schwachsinnige Unterhaltung, bis ich einschlafe und wenn ich Glück habe, nicht mehr aufwache, dachte er zynisch und wusste es doch besser. Er würde wieder aufwachen, wie jeden verdammten einsamen Morgen.

~*~

Wie eigentlich jede Nacht, soweit Kinta sich erinnern konnte, schlief er auch diese nur unruhig, warf sich von einer Seite auf die andere, verwühlte das Laken, dass er nachlässig über die ausgeklappte Couch geworfen hatte, um sich darauf zu legen und auf den Schlaf zu warten, der ihn wie immer ereilte, Sicherheit versprach und noch nicht eine einzige Nacht sein Versprechen gehalten hatte.

Schweißnass wachte Kinta auf und versuchte sich zu orientieren. Der Griff neben sich auf den Nachttisch ging ins Leere. Na eben – bin ja im Wohnzimmer!, schoss es ihm durch den Kopf. Er tastete sich blind zum Tisch vor und griff sich die Brille. Doch auch ohne die Gläser hatte er erkennen können, dass er wieder einmal nicht durchgeschlafen hatte. Ein Blick auf die Leuchtziffern der Uhr zeigte ihm, dass er noch gut vier Stunden hätte schlafen können, sein Geist diese nie enden wollenden Träume aber nicht mehr ausgehalten hatte. Er griff sich gedankenverloren an den Hals, der immer noch zu schmerzen schien. Er hatte geträumt, gewürgt zu werden. Und er wusste nicht warum, er wusste nicht von wem, wusste nicht wo und wie er dort hinkam.

Ein Schluck abgestandener Tee von gestern Abend spülte die ausgetrocknete Kehle, als sein Blick im dunklen Zimmer auf den immer noch hell erleuchteten Monitor fiel. „Mist – die Stromrechnung wird explodieren!“ Mürrisch machte sich der junge Mann auf, das Gerät auszuschalten, als eine blinkende Kurzmitteilung ihm signalisierte, dass eine elektronische Nachricht für ihn eingegangen wäre. „Klasse, Vater, ist dir noch was eingefallen, um mir meine Dummheit vor Augen zu führen?“

Er war versucht, die Mail ungelesen zu löschen, doch der Absender war nicht die Adresse seines Vaters oder des Zentralrechners in der Universität, sondern etwas, das sich `Tränenpalast´ nannte.

„Scheiß Werbung!“ Wütend schüttete Kinta den letzten Schluck kalten Pfefferminztee hinunter und blickte noch einmal auf den Bildschirm.

Für Werbung war diese Mail eindeutig zu groß! Und nun war Kinta neugierig geworden. Er klickte sich durch die Fenster und hatte endlich den Text vor sich, schaute nicht schlecht, als er auch ein Bild fand, auf dem ein Stein zu sehen war – einer, der seinem Fundstück glich, wie ein sprichwörtliches Ei dem anderen. Aber am Hintergrund des Bildes ließ sich erkennen, dass es sich bei dem Stein nicht um seinen eigenen Scan handelte.

Aufgeregt begann er zu lesen.

>Sie sind also auf der Suche nach Kage no Jonetsu …<

„Ich bin auf der Suche nach was?“ Kinta stellte die Tasse beiseite und besah sich noch einmal das Bild, zog den Stein zu sich und wog ihn in der Hand. „Kage no Jonetsu?“, murmelte Kinta leise. Eine Hand strich die Brille in das wirre Haar und Finger drückten sich neben den Augen in die weiche Haut, strichen langsam Richtung Nase. Eigentlich war er so todmüde, dass er sicher noch im Stehen einschlafen würde. Aber sobald er die Augen schloss, kamen sie wieder …. Seine Dämonen.

Kinta schüttelte den Kopf, las noch einmal den ersten Satz und dann weiter. >Da Sie im Besitz des Schlüssels sind, würde ich Sie gern einladen, unseren Palast der Tränen aufzusuchen, wenn Sie mehr wissen möchten<

Eine Adresse folgte.

635te Straße Ecke 802te – das lag im ganz neuen Stadtteil.

Seufzend ließ Kinta sich im Stuhl zurücksinken, zog ein Bein an den schmalen Oberkörper und schlang die nackten Arme darum.

Schlüssel?

Was für ein Schlüssel?

Er fröstelte. Aus Geldgründen hatte er die Heizung so eingestellt, dass sie von abends neun bis morgens fünf nicht heizte. Wenn er schlief, brauchte er keine warme Wohnung. Wie er es hasste, jeden Garant zweimal umdrehen zu müssen, ehe er ihn ausgab, immer zwischen etwas zu essen und etwas zum Vergnügen abwägen zu müssen. Aber bald! Ja, als Doktor Hayoto ...

Kinta lachte. Er wusste nicht, zum wievielten Male er nun schon seinen Vater verfluchte und sich selbst, weil er sich von dem herrischen Mann hatte dazu nötigen lassen, den gut bezahlten Job bei GD Inc. abzulehnen und stattdessen ohne einen Garant Nebenverdienst seinen Doktor zu machen, um eines Tages vielleicht unter Umständen – wenn sein Herr Vater sich nicht doch noch etwas Neues überlegte und weiter sein Leben verplante, als wäre es das eigene – das Institut zu leiten.

Kage no Jonetsu – ob das auch japanisch ist?, versuchte Kinta sich abzulenken. Er wusste mit so negativen Gedanken konnte er beileibe keinen Schlaf finden und schlich morgen wieder wie tot durch die Flure der Labore.

Tränenpalast.

Kinta nahm die Brille ganz ab, rieb sich noch einmal über die übermüdeten Augen, ehe er den Monitor ausschaltete und wieder unter die nun ausgekühlte Bettdecke kroch.

Am liebsten würde ich jetzt zu Kevi krabbeln. Dort fühle ich mich immer noch am sichersten., ging es ihm durch den Kopf. Er lächelte, als er sich dran erinnerte, wie liebevoll der Ältere ihn immer in den Arm nahm, ihm sanft durch die Haare streichelte, bis Kinta ganz ruhig lag und schlief.

Nur in diesen wenigen Nächten, wenn er behütet und geschützt vor seinen Dämonen in Kevins Armen hatte Ruhe finden können, schlief er durch und war erholt und frisch in den Tag gestartet. So hatte er seine Prüfungen überstanden.

Kinta lächelte. Ja Kevin – sein Kevin. Was würde er machen, wenn er auf seinen besten Freund eines Tages verzichten musste, weil der ein eigenes Leben führte? Weil der auch lieber seine Freundin an sich kuschelte, als einen dürren Kerl mit viel zu großen Kinderaugen und immer verwüsteten Haaren.

Seufzend griff sich Kinta sein Kissen, knotete es so lange zusammen, bis er bequem darauf liegen konnte und schloss die Augen. Schlaf fand er, aber erholt war er am nächsten Morgen nicht.


3. Der Drachenmeister

Er hatte Recht behalten, Schlaf – erholsamen Schlaf – hatte Kinta in dieser Nacht nicht mehr finden können. So kam es ihm wohl ganz gelegen, dass die Sonne bereits durch das einzige Fenster in der Wohnung schien und das kleine Wohnzimmer in verschwenderische Farben tauchte, nur um sie im nächsten Moment noch mehr erstrahlen zu lassen und dann über die Dächer zu verschwinden.

Gequält stöhnte Kinta auf, legte wie zum Schutz die Arme über die übermüdeten Augen, um sie vor der Helligkeit zu schützen. Er streckte sich ausgiebig und strampelte die Decke weg. Die glitt zu Boden und Kinta erhob sich, blickte sich um und griff dann erst einmal nach der Brille.

Ein Morgen wie jeder, so gut wie jeder, so schlecht wie jeder. Er war also wieder erwacht, obwohl er nicht darum gebeten hatte und musste sich nun einem weiteren Tag seines verwirkten Lebens stellen. Ob sich das einmal ändern würde, ob er irgendwann einmal aufwachen und Gott dafür danken würde, dass er lebte, dass er leben durfte und dieses Leben genießen? Kinta wusste es nicht, hatte, seit sich Jane aus seinem Leben geschlichen hatte bei Nacht, nicht mehr darüber nachdenken wollen.

„Och Kinta, du Idiot. Kannst du nicht einen einzigen Tag mal mit angenehmen Gedanken beginnen?“ Schlaftrunken war er in das kleine Bad geschwankt und stand nun unter der kalten Dusche – auch eine Geldsparmaßnahme, aber eine, die seine Lebensgeister weckte und die negativen Gedanken wieder zurück in den Abgrund seiner dunklen Seele verbannte.

Eilig, und mit dem Gedanken bei seiner Bakterienkolonie, hatte er die Morgentoilette erledigt, auch wenn seine Haare wüst abstehend das Gegenteil behaupteten. Frische Kleider waren schnell gefunden. Er musste nicht lange suchen, denn er besaß nicht viel. So stieg er in einen schwarzen Slip, streifte ebenfalls schwarze Socken über die Füße und schlüpfte in die verwaschene Hose aus schwerem, dunkelblauem Stoff.

Ein weißes Hemd zog er nachlässig über den Kopf, während er mit der anderen Hand versuchte, einen Kaffee zu kochen. In einer Schüssel daneben standen Frühstücksflocken und lachten ihn trocken und staubig an. Sie standen schon seit vier Tagen da, sahen aber immer noch frisch aus. Es lebe die Lebensmittelchemie!

Kinta hatte sie am Montag stehen lassen, weil er keine Milch mehr im Haus gehabt hatte und heute musste er sie stehen lassen, weil er noch immer nicht dazu gekommen war, etwas zu bestellen, was dann in seinem Schließfach neben der Tür deponiert wurde, wo er es nur noch abzuholen brauchte.

Na ja, er würde schon noch einen Tag ohne auskommen, heute Abend wollte er seine Bestellung aufgeben und hoffen, dass auf seinem Konto noch so viel Geld zu finden war, dass er für das Wochenende einkaufen konnte. Unter der Woche war das nicht wirklich ein Problem, für die Angestellten des Institutes war das Essen in der Universität frei. So konnte Kinta eine Menge Garants sparen, was ihm nur recht war.

Also würdigte er auch jetzt die trocknen Frühstücksflocken keines Blickes, stürzte nur den mittlerweile etwas abgekühlten Instant-Kaffee hinunter und griff sich seine Jacke und die Tasche. Das Buch, das darauf gelegen hatte, fiel zu Boden und zeigte dem schwarzhaarigen jungen Mann das Loch auf, das ihn fast anzuklagen schien, weil er den Stein, sein Heiligtum, entfernt hatte. Kinta wusste nicht warum, aber er griff nach dem glänzenden Drachen neben dem Scanner, legte ihn zurück in seine Höhle der Weisheit und steckte gedankenverloren das Buch in seine Tasche.

Warum? Es war völlig unlogisch! Er konnte das Buch ob der zerschnittenen Seiten nicht lesen, es war nutzlos, nahm nur Platz weg. Warum tat er das also?

Die nächste Station, die Kinta an diesem Morgen bewusst wahrnahm, war die Pforte zur Universität, als er vor der großen Stahltür stand. `Hayoto Institut´ war in übergroßen altlateinischen Lettern an die Tür geschrieben und wirkte in dieser Umgebung fast lächerlich, erinnerte Kinta aber wieder daran, wo er war und wo seine Gedanken eigentlich sein sollten. So schob er die Brille hoch und lehnte sich über den Sensor, blickte unfokussiert auf die Markierung und Sekunden später öffnete sich die große Tür überraschend leise. Da staunte der junge Mann immer wieder, wie diese Masse Stahl so lautlos und schwerelos in ihrer Schiene gleiten konnte. Ein Kraftfeld? Er würde das mal untersuchen.

Grinsend durchschritt Kinta die Tür, die sich bereits wieder zu schließen begann und machte sich auf in den Wissenschaftsbereich. Auf dem Weg in seine Biologie-Labore schritt er eilig über den Campus. Um diese Zeit waren noch kaum Studenten vor Ort. Sicher kamen sie erst mit der nächsten Bahn. Kinta schüttelte über sich selbst den Kopf. Was ging es ihn an? Waren das seine Studenten? Waren das seine Sorgen? Also! Was war heute nur mit ihm los? Warum funktionierte er nicht wie immer? Warum war er so unlogisch?

Endlich, nach dem Passieren mehrere Sicherheitsschleusen, hatte er sein Labor erreicht. Diese Sicherheits- und Geheimhaltungssache ging ihm so auf den Zeiger! Okay, er arbeitete an einer Sache, die das verseuchte Ödland außerhalb der Stadtgrenze von Portuna-City, außerhalb der sicheren, künstlichen Atmosphäre - unschädlich und wieder bewohnbar machen konnte. Aber musste sein Vater ihn deswegen wegschließen wie etwas Gefährliches?

Oder lag es einfach nur an der Tatsache, dass Herr Hayoto Angst hatte, ein anderer könnte seinem Sohn und somit ihm selbst die bereits bahnbrechenden Ergebnisse stehlen und vermarkten, seinen eigenen Profit schmälern und den Ruhm für diese Entdeckungen einstreichen?

Oder war Kinta einfach nur schizophren?

Kinta nickte sich zu, ja – er hatte den Grund gefunden, warum er Morgen für Morgen ganze elf Mal seine ID-Karte durch diverse Magnetlesegeräte ziehen musste. Morgen für Morgen, wieder und immer wieder. Es war bereits wie eine Subroutine, die ablief, die vom Hirn, das sich mit anderen Sachen befasste, schon gar nicht mehr wahrgenommen wurde.

Schweigend streifte sich der junge Mann die Jacke von den Schultern und legte seine Tasche, wie jeden Morgen, auf seinen Tisch in einer Ecke, direkt am Fenster, auf dem er genügend Licht für seine Kulturen hatte.

„Kinta!“ Eine fröhliche Stimme begrüßte ihn, als sich eine Hand auf Kintas Schulter legte.

„Ah – Tano!“, rief der Diplomand erfreut. Er mochte seinen Assistenten wirklich.

„Und?“ Der Blonde blickte auf Kinta hinab und überragte ihn dabei um fast einen Kopf. Kinta blickte verwirrt zurück. „Und?“

„Och, Kinta Hayoto! Was hast du rausgefunden!“ Nervös polkte Tano an seinem Kittel.

„Ach so – dass mein Vater mal wieder alles besser weiß“, klärte er seinen Assistenten auf, den Professor Hayoto ihm ob seiner Fähigkeiten und seines Spezialwissens auf dem Gebiet adaptierter Bakterienkulturen zur Seite gestellt hatte.

„War ja klar, der Alte weiß immer alles besser.“

Kinta nickte, als er sich in den Zentralrechner einloggte, um die Daten von gestern Abend noch einmal abzurufen und die Ergänzungen seins Vaters durchzusehen. Dann grinste er Tano an, der sich bereits wieder mit dem Füllen steriler Petrischalen beschäftigte. „Tano Miyugi, wir sind Idioten. Der pH-Wert!“

Der Blonde blickte erst verwirrt, dann grinste auch er über das ganze Gesicht. Die grünen Augen funkelten belustigt, das markante Kinn hob sich ein bisschen, als die schmalen Lippen sich zu einem breiten Lächeln verzogen. „Och nee! Da hätten wir weiß Gott drauf kommen können!“

„Na egal – neuer Ansatz. Ich hol mir ´n Kaffee, willst du auch einen?“

Tano nickte nur und so wanderte Kinta durch das Labor und über den Flur zum Automaten, als sein Handy anschlug. Ohne zu überlegen hob er ab. „Was gibt es Vater? Ich bin eben erst ins Labor gekommen!“ Am anderen Ende herrschte Ruhe – dann Lachen.

>Kini, so alt bin ich ja nun auch nicht, dass ich dein...<

„Kevi. Was machst du um diese Uhrzeit schon im Land der Lebenden?“, begrüßte er seinen besten Freund, während er seine Karte durch den Schlitz des Kaffeeautomaten zog und für Tano und sich ein Heißgetränk orderte, das Sekunden später dampfend in ihre angestammten Tassen plätscherte. Mit viel Zucker für Tano, mit viel Milch für Kinta.

>Du Kleiner, ich hab News!< Kevin klang sehr aufgeregt, also musste es etwas für ihn sehr wichtiges sein. >Zwei Sachen< Und er trommelte als Andeutung eines Tusches auf die Tischplatte, das konnte Kinta hören.

„Spuck´s aus, ich muss an die Arbeit.“

„Bist schon im Labor?“

Kinta murrte und nahm einen Schluck Kaffee.

>Okay, Kleiner. Also erstens: ich trete heute Abend doch auf dem Turnier an. Ryo hat sich den Knöchel verstaucht gestern Abend beim Training und... hab dein Bild durch die Datenbanken gejagt. Es scheint nicht nur ein Stein zu sein. Komm online< Dann hatte Kevin aufgelegt und Kinta starrte das kleine Gerät in seiner Hand verwirrt an.

„Komm online – du bist gut. Mein Herr Vater überwacht das Labor mit Kameras. Der bringt mich um.“

Aber die Neugier nahm Oberhand, ließ Kintas Hände vor Aufregung zittern, die Kaffeeoberfläche in den Tassen schlug kleine stehende Wellen. Was mochte Kevin herausgefunden haben? Hatte sich sein Freund seinetwegen die Nacht um die Ohren geschlagen, nur um etwas über einen albernen – zugegebenermaßen extrem schönen – Stein herauszufinden? Ob er auch auf diesen `Tränenpalast´ gestoßen war?

In Kintas Kopf drehte sich alles. Seit wann machte er sich Gedanken über so etwas? Seit wann nahmen ihn Nebensächlichkeiten wie Steine so ein? Warum hatte er die mutwillige Zerstörung eines der Bücher seines Vaters noch nicht gemeldet, sondern trug es mit seinem mysteriösen Inhalt nur mit sich herum wie ein Verschwörer?

„Kinta? Du kleckerst“ Tano nahm dem Jungen eilig die beiden Tassen ab und suchte sich auf dem überfüllten Schreitisch eine Ecke, auf die er die tropfenden Tassen stellen konnte, ohne einen Zettel mit wichtigen Daten oder eines der alten Bücher aus der Bibliothek zu beschmutzen. Es war nicht einfach.

„Tano – ich müsste mal via line Kevin anrufen. Geht das?“ Seine Finger verteilten den übergelaufenen Kaffee auf der blassen Haut und rieben dann die Handflächen aufgeregt gegeneinander. „Is wichtig“, setzte er noch hinzu. Doch Tano war das sowieso egal, er mochte den Jungen. Auch wenn er der Sohn des Chefs war, war er doch ganz anders.

„Mach, ich steh Schmiere“, lachte er, als er mit einem Draht Impfkulturen auf die frischen Nährböden setzte und etwas von der verseuchten Erde hinzutat.

Kinta nickte nur, griff sich seine Tasse und eilte zum einzigen Rechner im Labor, der eine Verbindung nach außerhalb hatte. Schnell war Kevins Nummer gewählt und der nahm auch sofort ab. Kinta saß noch nicht einmal, als Kevin schon auf ihn einredete.

>Wie gesagt, ich hab das Bild durch die Datenbanken gejagt. Pass auf, ich lese mal vor. ... Kage no Jonetsu. Der Schlüssel des Leidenschaftsschattens. Er ist ein temperamentvoller Key ...<

„Ey, was liest du da? Was soll das? Kage no Jonetsu – das hab ich gestern auch gelesen.“ Kinta schlürfte leise und überlegte angestrengt.

>Wo?<

„Ich hatte eine e-Mail von einem gewissen Tränenpalast, die mich zu sich eingeladen haben. Dort würde ich alles erfahren.“ Er konnte Kevins Überraschung sehen.

>Tränenpalast – genau das habe ich auch gefunden. Aber keine Aussagen, was dies für ein Haus ist oder was ein Key ist, warum Schlüssel. Ey Kleiner, das klingt spannend. Gehen wir auf Jagd?< Er grinste und die verwaschen grünen Augen strahlten.

„Du hast heute dein Tournier.“

>Ja genau, ich werde eine Karte für dich hinerlegen lassen. Kommst du?<

Eigentlich hatte Kinta gleich nach seiner Arbeit hier im Labor in die Neustadt fahren wollen, den angeblichen Palast suchen und sich mal schlau machen, warum so ein edler Stein in einem ...

„Ja oder nein?“ Kevin klang etwas gereizt. Doch Kinta nickt sofort. Der Stein konnte warten. Er hatte sicher Jahre in diesem Buch gelegen und würde nun auch noch einen Tag länger auf seine Entschlüsselung warten können. Heute war Kevins großer Tag, er hatte – wenn auch durch höhere Gewalt – über Ryo triumphiert und durfte seinen Dojo in den regionalen Meisterschaften vertreten. „Klar – wann und wo?“, wollte er begeistert wissen und Kevin wirkte auch etwas erleichterter.

>In der Drachenhalle unseres Dojis. Der Drachenmeister hat zum Wettstreit geladen. Und danke, dass du mitkommst. Mariso meinte, diese Prügelei und Zurschaustellung von Muskelprotzen würde sie sich nicht antun.<

Autsch!, dachte Kinta bei sich. Wenn sein Freund bei einer Sache keinen Spaß verstand, dann war es der Kampfsport. Kevin betrieb ihn schon lange nicht mehr allein aus verteidigungstechnischen Gründen, er war für den jungen Mann zu einer Lebenseinstellung, zu einer Art Religion geworden. Wenn Mariso das noch nicht begriffen hatte, dann war das gar nicht gut für ihre gemeinsame Zukunft. Aber das sprach Kinta nicht laut. Stattdessen fragte er nach. „Drachenmeister?“

„Ja, unser Meister.“

Eilig notierte sich Kinta die von Kevin durchgegebene Adresse in seinem Palm und wurde von einer schweren Hand auf seiner Schulter unterbrochen. „Guten Morgen, Junge. Wie ich sehe, bist du schon schwer bei der Arbeit.“ Und wieder tropfte die für einen Mann seines Alters recht jugendliche Stimme vor Sarkasmus, gab Kinta mal wieder – wie so oft in seinem Leben – das Gefühl von Unzulänglichkeit und Wertlosigkeit.

„Das war wichtig“, gab Kinta trotzig zurück, als er die Verbindung trennte und sich, ohne sich zu seinem Vater umzuwenden, wieder aufmachte, um Tano bei der Bestückung der Petrischalen zu helfen.

„Hast du dir die Werte angesehen? Ich hab die pH-Werte noch nachgetragen.“ Kinta nickte nur, wollte nicht nachdenken, nicht dass er noch etwas sagte, was er vielleicht nicht einmal bereuen würde.

So schnell, wie Herr Professor Hayoto gekommen war, war er auch wieder verschwunden, ohne wirklich etwas erledigt zu haben. Und wieder wusste Kinta, es war einer dieser Kontrollgänge gewesen, ein Besuch, nur um zu sehen, was sein Sohn tat, ob er auch fleißig war, ob er auch recht erfolgreich war, ob er seiner würdig war. Gut, das hatte sich wohl heute Morgen erledigt. Kinta grinste.

Ja, eigentlich war es ihm langsam egal, was sein Erzeuger von ihm dachte, denn ein Vater war er ihm schon lange nicht mehr. Viel wichtiger war es, heute Abend Kevin anzufeuern und hinterher würden sie sicher wieder in einem der Schnellimbisse an den Straßenecken des Hunderterbezirkes versacken.

Man nannte die Gegend so, weil damit die Straßen zwischen einhundert und zweihundert gemeint waren. In diesem Viertel hatten sich viele kleine Imbissläden angesiedelt, weil vor allem Zugezogene dort ihr Domizil hatten, dort ihre Kulturen lebten. Dort war Kinta am liebsten und Kevin sowieso, denn dort lag sein Dojo.

Kinta war gerade dabei, die angeimpften Schalen in die Brutkammer zu stellen und Tano forstete in den Datenbanken nach neuen Nährlösungen. So verging der Tag.



~*~



Um schnell fertig zu werden, alles zu erledigen, um rechtzeitig das Labor verlassen zu können, hatte Kinta heute auf das Mittagessen verzichtet, dementsprechend rumorte sein Magen und zog in der Magnetbahn das Interesse auf sich. Zu so früher Abendstunde war die Bahn voll, er musste stehen und klammerte sich an seiner Tasche fest.

Er hatte nicht mehr die Zeit, sich noch zu Hause umzuziehen, so fuhr er gleich bis zu 166ten Ecke 189te, wo er sich mit Kevin treffen wollte. Und ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass er schon wieder zu spät kam. Wie immer, es hätte fast eines von Kintas Hobbys sein können, wenn der junge Mann sich für etwas so leidenschaftlich interessiert hätte, dass man es guten Gewissens als Hobby bezeichnen wollte. Zu spät kommen tat er regelmäßig, immer wenn er mit Kevin verabredet war. Sein Freund war das schon gewohnt und bestellte seinen Kleinen mit dem niedlichen Kindergesicht einfach eine halbe Stunde früher als notwendig. So konnte er sicher gehen, dass Kini halbwegs pünktlich war.

So wie heute.

„Hi Kevi.“ Kinta winkte schon von weitem und ließ sich dann überschwänglich von seinem Freund begrüßen, in die Arme nehmen und kuschelte sich instinktiv dichter, als sich die starken, Schutz bietenden Arme um ihn schossen.

„Da bist du ja, Kleiner.“ Eine Hand wuschelte durch Kintas immer verwüstetes Haar. Dort konnte sie nicht mehr wirklich viel durcheinander bringen. „Hunger?“, riet der Blonde einfach mal und Kinta nickte. Ja, Kevin kannte ihn eben. Und ehe sich Kinta versah, zauberte sein Freund hinter sich eine kleine Pappschachtel hervor und die duftete so lecker nach ... Pizza!

Kinta machte einen Freudenhüpfer und stürzte sich auf das Essen. Er liebte das Zeug, hatte leider nur selten das Geld dazu. Und erst als zwei der vier Stücken in seinem Magen verschwunden waren und er sich genüsslich die Finger ableckte, blickte er schuldbewusst auf.

„Oh, magst du auch was?“

Der Blonde schüttelte nur den Kopf, hatte mittlerweile auf einer Bank unweit des Standes platz genommen und beobachtete den genießenden Jungen. „Ich muss gleich in die Arena – da kann ich doch nichts essen!“

Kinta schlug sich mit einer fettigen Hand vor den Kopf. „Der Kampf, was hocken wir noch hier?!“ Eilig machte er Anstallten, Kevin mit sich zu ziehen, ließ es ob seiner fettigen Finger dann doch sein und stürzte nur los.

Während Kinta sich seine Karte von der Abendkasse holte und sein letztes Stück Pizza heißhungrig verschlang, war Kevin durch den Angestellteneingang verschwunden.

Ein Gong ertönte, als Kinta sich gerade auf der Besuchertoilette die Hände reinigte und rief die Gäste auf ihre Plätze im Saal. Er folgte der Masse und ließ sich treiben, den Sitzplatz wusste er auswendig und so ließ er sich mitschleifen.

Irgendwann hatte auch er mit dem Strom den inneren Raum erreicht und staunte. Überall Drachen – wunderschön gearbeitete Drachen, die dem auf seinem Stein mehr als nur ähnlich sahen. Instinktiv klammerte er sich an seine Tasche und suchte seinen Sitz.

Der weitläufige Raum war hell. Er wurde durch indirektes Licht beleuchtet. Alles war in dunklem Grün und Rot gehalten.

In der Mitte, auf einer Erhöhung, sah man die Matte, auf der die Kämpfe ausgetragen wurden. Um sie herum waren die Sitzplätze kreisförmig und nach oben ansteigend angeordnet. Kinta ließ sich in seinen Sitz fallen und blickte sich suchend um. Rechts der Matte standen die Drachen, zu denen auch sein Freund gehörte. Ihnen gegenüber standen die Tiger, allesamt in tiefblaue Hosen gekleidet, die Oberkörper frei. Wie die Drachen, die ihre kunstvoll bestickten Oberteile ablegten und sich der Matte näherten.

Es war das erste Mal, dass Kinta die Anderen aus Kevins Dojo sah. Er hatte immer nur von Erzählungen gehört, wie sie waren, wo ihre Schwächen und Stärken lagen. Nicht dass Kinta wirklich Ahnung davon hätte, aber so lebendig wie Kevin erzählen konnte, war es ihm, als würde er die jungen Männer dort unten in ihren dunkelgrünen Hosen persönlich kennen, wie zum Beispiel Mocol, der mit seinem rot gefärbten Haar aus der Menge stach und ein begnadeter Springer war, gut im Angriff aber schwach in seiner Deckung. Oder Lacon, der schmächtige mit den grünen, fast knielangen Haaren. Die immer zu einem langen Zopf geflochtenen Haare konnten, wenn er sich schnell genug umwandte, eine schmerzliche Waffe sein.

Nur von einem hatte er noch nie gehört. Und dieser sprang ohne Anstrengung vom Boden hinauf auf die Wettkampfmatte und blickte sich einmal um.

Kinta schluckte. So einen Mann hatte er noch nie gesehen. Noch sah er nur dessen Rücken, aber der allein war faszinierend. Breite Schultern, umtanzt von pechschwarzem Haar. Im Takt der geschmeidigen Bewegungen schwang es weich und glänzend über den Rücken, gab so den Kopf eines umfangreichen Bildes frei. Kinta schob die Brille zurecht und bewunderte das Tattoo. Ein Drachen schien auf der Schulter des Mannes zu sitzen, sein Leib zog sich über den muskulösen Rücken und jede Regung des Fremden hauchte dem Bild Leben ein. Der Schweif des Tieres verschwand unter dem dunkelgrünen Stoff der Hose und Kinta erwischte sich dabei, wie er sich vorstellte, wo dieses Bild wohl endete. Errötend schüttelte er den Kopf und versuchte sich auf die Worte des Drachenmeisters zu konzentrieren.

Doch die leicht rauchige, tiefe Stimme machte es dem jungen Mann nicht einfacher, sich zu konzentrieren. Verdammt! Was war mit ihm los? Was geschah mit ihm? War das einer dieser Tage, an denen man neben sich stand und sich selbst nicht ausstehen konnte?

Er blickte auf den tätowierten Rücken eines Mannes.

Hallo Kinta! Das ist auch ein Kerl!, bemerkte sein Unterbewusstsein schnippisch und Kinta fragte sich allen Ernstes immer noch, wo diese Tätowierung enden würde, stellte sich den strammen Hintern ohne Stoff darüber vor. War das denn normal? Nein, ganz bestimmt nicht! Es wurde Zeit, sich mal wieder eine Freundin zu suchen und sein Sexualleben endlich mal in Schwung zu bringen. Aber in 19 Jahren seines Lebens hatte er entweder noch nicht die Zeit oder ... Ja, such wieder Ausreden, warum du noch unberührt bist., knurrte er sich selber lautlos an. Er konnte es nicht mehr abstreiten, dieser Mann weckte sein Interesse auf eine Art, die ihm mehr als unangenehm war.

Und als dieser sich umdrehte und sich nun der anderen Seite des Publikums widmete, so fast schwarze Augen offenbarte, von denen sich Kinta ertappt fühlte, von denen er glaubte, sie würden ihm in die Seele blicken, seine eben recht unzüchtigen Gedanken bemerken, machte es den Jungen noch nervöser.

Was war denn nur heute? Seit wann interessierte er sich für andere Menschen, für andere Männer?

Doch da waren die mandelförmigen Augen schon weiter geglitten, die tiefe, angenehme Schauer verursachende Stimme begrüßte noch immer das Publikum und Kinta hatte nicht ein einziges der gesprochenen Worte wirklich in sich aufgenommen und verarbeitet. Sein Magen flatterte, ob die Pizza nicht gut gewesen war?

Seine blauen Augen fixierten die Muskeln am Bauch des Mannes und er erwischte sich dabei, als er sich fragte, ob der Kämpfer wohl überall so makellos unbehaart war wie auf der Brust.

Das reichte!

Wie ein Pfeil schoss Kinta hoch und verließ fluchtartig den Raum. Dass fast schwarze Augen ihm hinterher blickten und sich in seinen schmalen Rücken bohrten, bemerkte er nicht mehr, als er die Tür aufriss und sich schwer atmend im Flur gegen die Wand lehnte.


4. Der Tränenpalast

„Kini?“

Der Schwarzhaarige schreckte hoch, als sich eine Hand auf seine Schulter legte. Aus den Augenwinkeln sah er, wie die Besucher den Dojo verließen. War er so lange hier draußen gewesen? Hatte er den ganzen Wettkampf hier draußen verbracht? Nein, das konnte doch nicht sein. So lange konnte er hier nicht gehockt haben. Doch sein sich beschwerender Rücken strafte ihn lügen.

„Kini?“, fragte Kevin noch einmal besorgt, als er sich vor seinem kleinen Freund niederkniete und das blasse Gesicht in beide Hände schloss. „Kini, ist dir nicht gut?“

Nur langsam kam Kinta wieder zu sich und realisierte die Welt um sich herum, eine Welt, nicht nur bestimmt von schwarzen Drachen, gestochen auf bronzener Haut. Er schüttelte den Kopf und schloss die Augen. „Geht schon, Kevi, keine Sorge.“

„Du hast mir aber Sorgen gemacht, Kleiner.“ Fast klang die Stimme des Blonden so, wie eigentlich die von Herrn Hayoto klingen sollte, wenn er mit seinem Sohn sprach – besorgt und fürsorglich. Doch Kinta lenkte ab.

„Habt ihr gewonnen?“

Kevin strahlte, präsentierte über dem Bund seiner dunkelgrünen Hose einen Bluterguss und streckte triumphierend einen Daumen hoch. „Klar, mit dem Drachenmeister können wir gar nicht verlieren.“

Nachdenklich strich Kintas Hand über die verfärbte Haut an Kevins Seite. Komisch. Kevin ist nicht minder halbnackt wie der Drachenmeister und …, grübelte er.

„Kini, mit dir stimmt doch was nicht!“ Langsam hatte Kevin die Nase voll und zog den Kleineren auf die Füße und mit sich in die Umkleidekabine. Er stieß die Tür auf und zog den verdutzten Jungen mit sich zu seinem Schrank. „Ich muss noch duschen, dann können wir los“, erklärte der Blonde und streifte sich gerade die Hose von den Beinen, wühlte im Schrank nach einem Handtuch und stutzte, als von seinem Kleinen keine freche Bemerkung kam.

Er blickte um die Tür seines Schrankes und sah Kinta, der auf der Holzbank zwischen den Spindreihen saß und wie paralysiert in eine Richtung starrte. Kevin folgte dem Blick und blieb an seinem Meister hängen, der sich gerade eine enge schwarze Hose über die Hüften zog, das Becken weiter vor drängte, um sie zu schließen. Eher gleichgültig stieg der in seine Stiefel, streifte sich das rote Hemd über und ließ es offen.

Das Klappern der Verschlüsse der schweren Lederjacke holte den Jungen aus seiner Trance, doch er sog das Bild weiter in sich auf, konnte sich nicht wehren, hörte nicht die leisen Worte seines Freundes. Er beobachtete den Schwarzhaarigen, wie er die Jacke schloss, den Reißverschluss, der sich diagonal über die Brust erstreckte und der Jacke etwas Wildes, Animalisches gab, bis hinauf zog und den Riemen um den Stehkragen schloss.

Die Jacke reichte nur bis kurz über die Taille und das Rot des Hemdes lugte darunter hervor. Einen letzten Blick konnte Kinta auf den breiten Rücken werfen, als der Meister sich umwandte, vom Schrank den Motorradhelm griff und ohne ein Wort die Gardarobe verließ. Nicht einmal seine Schüler verabschiedete er. Von Kinta hatte er überhaupt keine Notiz genommen.

„Hey Kleiner, klapp den Mund zu.“

Kinta schüttelte den Kopf und versuchte, die Dimension seiner Gedanken wieder in das Diesseits zu drängen. „Hä?“, fragte er sehr schlau nach und Kevin lachte. „Kini – was war das denn?“

Der wusste immer noch nicht, was sein Freund meinte. „Was war was?“

„Wie du den Meister angestarrt hast. Stehst auf ihn, oder?“ Kevin lachte und stupste den tief errötenden Jungen an die Schulter.

„Bist du blöde?“, ereiferte sich Kinta auch gleich. Zum Glück waren sie allein in dem Raum, keiner konnte seine Lüge hören. „So ein Schwachsinn, so ein hirnverbrannter Schwachsinn! Ich bin nicht verliebt.“

Kevin, der bis eben noch mit einem Handtuch schwenkend um Kinta und seine Bank herumgelaufen war und gejohlt hatte wie ein kleines Kind und dabei sehr erwachsen wirkte, eben wie ein diplomierter Psychologe, blieb abrupt stehen und blickte dem Jungen in die großen blauen Augen. „Kini – von verliebt habe ICH nichts gesagt.“ Er nahm das glühend heiße Gesicht in beide Hände und grinste. „Dich hat´s erwischt, aber vom Feinsten. Mein Kleiner ist verliebt!“

Der keifte nur. „Hörst du Hohlbirne mir gar nicht zu, ich sagte, ich wäre NICHT verliebt! Verdammt noch mal!“

Kevin nickte nur verstehend, sank dann gegen den Schrank hinter sich. „Klar, Kini.“

„Warum werd ich das Gefühl nicht los, dass du mir nicht glaubst?“ Kinta schloss ein Auge und beobachtete seinen besten Freund mit dem anderen.

„Weil’s so ist, Kini.“ Dann stieß sich Kevin ab und ging duschen, ließ Kinta mit seinen verwirrenden Gedanken, seinen unmöglichen Gefühlen alleine.

~*~

Eine halbe Stunde später saßen sie in Kevins Lieblingsimbiss und hatten einen Krug Alkoholisches auf dem Tisch stehen. Der war bereits zur Hälfte geleert und Kinta glühte schon auf den Wangen und hatte die Jacke abgelegt. Auch Kevin füllte sein Glas gerade wieder und hob an, die abgebrochene Diskussion weiterzuführen. Sein Kleiner lallte schon so schön, da würde der sich wohl sicher verquatschen. Kevin grinste. Sein Kini war endlich verliebt. Lange hatte es gedauert. Viel zu lange. Auch wenn der Gedanken, Kinta könnte sich verliebt haben, seltsam unangenehm war.

„Und? Wirst du es wagen?“, wollte er aber wissen und sein schwarzhaariger Freund wand den Blick von seinem Glas ab und Kevin zu.

„Klar – noch ein Glas.“

„Das mein ich nicht“, trällerte Kevin und kroch dichter zu seinem Freund. „Wirst du den Meister anquatschen, auch wenn er gerade ne Freundin hat – is doch egal.“ Er strich sich eine noch feuchte Strähne hinter das Ohr und grinste von einem Ohr zum anderen. Doch Kinta schüttelte den Kopf. „Keine Zeit, Kevi. Außerdem ist es unlogisch.“

Seufzend trank der Blonde einen Schluck. „Du und deine scheiß Logik, was stimmt denn jetzt schon wieder nicht?“

Kinta rührte in seinem Glas und sog dann am Strohhalm. „Eine Verbindung mit einem Mann – unlogisch und unzweckmäßig. Beziehungen sind allein zum Zeugen von Nachkommen und zum Erhalt der Rasse und nur zu diesem Zweck hat sich die Evolution daraufhin entwickelt. Sex mit einem Mann bringt keine Nachkommen, die Blutlinie stirbt aus ...“ Kevin schaltete ab, er hatte ja fragen müssen. Wusste er doch genau, dass etwas in der Art in Kinta gelauert hatte. Einwände wie diese hatte der Kleine immer parat, wenn Kevin versucht hatte, ihn zu verkuppeln. Warum wehrte sich Kinta so? Warum wollte er sich einfach nicht binden?

Es war offensichtlich gewesen, dass der Drachenmeister dem Kleinen mehr als nur gefiel. Allein die Tatsache, dass Kinta es so vehement abstritt.

„Trainiert er mit euch?“, riss eine Frage Kevin aus seinen Gedankengängen. Er blickte in Kintas verschleierte Augen und grinste. „Du willst wissen, ob es sich lohnt, öfter mal bei uns im Dojo vorbeizukommen?“ Warum konnte er einfach nicht aufhören, Kinta zu ärgern? Er wusste doch genau, wie der Kleine das hasste, wie er jede Situation hasste, über die er nicht die Kontrolle hatte.

So wie jetzt. Seine Hormone, seine Gefühle liefen Amok und Kinta wusste offensichtlich nicht warum. Und es war wohl nicht gerade das tollste Gefühl der Welt, in solch einer Situation von seinem besten und einzigen Freund verarscht zu werden. So schüttelte Kevin nur schnell den Kopf.

„Über ihn weiß keiner wirklich was. Er ist unser Meister, ihm gehört der Dojo. Er ist nur selten da. Und nein, ich kenne nicht mal seinen Namen, da wir ihn eh nur mit Meister ansprechen.“

Kinta nickte verstehend und widmete sich wieder seinem Getränk. Für ihn war das Thema gegessen, keine neuen Informationen – jedes weitere Wort darüber also verschwendet. Und so musste Kevin mit ansehen, wie sein kleiner Freund litt und sich einfach nicht helfen lassen wollte.

~*~

Nach langem mal wieder hatte Kinta durchgeschlafen und war erst durch den rumorenden Wecker wach geworden. Sein Kopf schmerzte und er konnte sich beim besten Willen nicht mehr daran erinnern, wie und ob... na ja, dass er ins Bett gekommen war, war offensichtlich, schälte er sich doch gerade aus seinem Bettzeug auf der schmalen Matratze. Aber wie um alles in der Welt ... Autsch! Nur nicht denken!, maßregelte er sich selbst.

Das Licht im Zimmer wurde automatisch heller, als sich Kinta bewegte und blendete den Schwarzhaarigen, der sich wieder zurückwälzte und mit dem Kopf unter dem Kissen verschwand.

Langsam kamen die Erinnerungen wieder – chronologisch ungeordnet. Er sah den Krug mit dem grünen, süffigen Getränk und stöhnte leise, sah sich in der vollen Magnetbahn. Im nächsten Bild war Kevin der Held, weil er etwas zu essen trug und dann trafen plötzlich schwarze Augen Kinta wie ein Peitschenhieb, dass er zusammenzuckte und den Kopf hochriss. Der Drachenmeister!, ging es ihm durch den schmerzenden Kopf und das Bild vervollständigte sich, obwohl er mit offenen Augen die weiße Wand vor sich anstarrte.

„Das ist doch krank“, schalt er sich und versuchte das betörende Bild zu löschen, was sich als eigentlich fast unmöglich erwies. Immer, wenn er die Augen schloss, wand sich ein langer Drachen über einen muskulösen Rücken. „Verdammt noch mal – das ist doch abartig. Ich hab keine Zeit für so was.“ Entschlossen richtete Kinta sich auf und schwankte mit schmerzendem Kopf ins Bad. Eine kalte Dusche würde das schon richten.

Wie er sich da geirrt hatte. Seine Gedanken kreisten weiter um den mysteriösen Mann, den keiner kannte, machten den Jungen fast wahnsinnig.

Was war das?

Was sollte das?

Warum funktionierte er nicht mehr?

Was war nur geschehen, ob er krank wurde?

Als er sich der Küche näherte, stieg ihm seltsamerweise der Duft von frisch gebrühtem Kaffee in die Nase, nicht das Instantzeug, was normalerweise morgens herhalten musste, weil es schneller ging, und Kinta blinzelte, als er sich endlich die rahmenlose Brille aus den Haaren auf die Nase setzte und eiligen Schrittes weiterging. Tatsächlich, eine Tasse Kaffee stand dampfend auf dem Tisch und ein Zettel. Lächelnd ging er auf das kleine Stillleben zu, jetzt wusste er, wie er ins Bett gekommen war.



>Guten Morgen Kleiner,

bin weg – muss ja noch bis in meine Praxis. Hast ja gestern noch ordentlich zugelangt.

Keine Sorge, die Kopfschmerzen vergehen – nimm die Tabletten,

die hinter der Tasse liegen und geh heute zum Tränenpalast.

Ich will alles über den Stein wissen, wenn ich heut Abend anrufe. Kevi<



Na eben! Über diesen mysteriösen Mann hatte er seinen Stein ganz vergessen. Eilig ging er hinüber ins Wohnzimmer, das sich durch einen breiten Durchgang direkt an die Küche anschloss. Nach etwas Suchen fand er seine Tasche und das Buch, griff hinein und wog den kühlen Stein in seiner Hand. Die Neugier wuchs fast schlagartig. Ob er heute blau machen sollte? Sein Vater würde ihn umbringen, so viel stand fest. Und noch eine Nummer wie gestern, als dieser ihn beim Telefonieren mit Kevin erwischt hatte, konnte er sich diese Woche wohl kein zweites Mal mehr leisten. Sein Vermieter hatte vor, die Nebenkosten zu erhöhen, da zwei der Türen in seinem Wohnblock schon wieder aufgebrochen worden waren und ersetzt werden mussten. Das musste er seinem Vater schonend beibringen. Da konnte er ihn ja wohl schlecht noch mehr verärgern.

So griff er sich hastig Jacke und Tasche, sprang in die Schuhe, griff sich auf dem Weg zur Tür die Tabletten und würgte sie mit einem Schluck Kaffee runter. Dann war er auch schon ihm Fahrstuhl.

~*~

Die Sonne war bereits hinter den hohen Dächern verschwunden, als sich Kinta durch die Straßen der Neustadt drängte, zusammen mit Hunderten anderer Menschen, die wie ein einziger, lebender Organismus reagierten. Dicht an dicht liefen, ohne sich zu berühren, wie auf Kommando an Straßen stehen blieben, sie überquerten. Einzelne Individuen bogen ab, neue gliederten sich in den pulsierenden Strom. Und mittendrin versuchte Kinta die Adresse wieder zu finden, die er sich aus der e-Mail abgeschrieben hatte.

635te Straße ... 635te Straße. Die musste doch hier irgendwo sein.

Und tatsächlich. Ein Schild an einer Querstraße zeigte ihm sein Ziel. Eilig wand er sich aus dem lebenden Organismus, der weiter pulsierte, ihn freigab, ohne sich um ihn zu scheren.

Kinta bog ab und blieb vor einem Haus stehen. Es passte ob seines Äußeren nicht in diese neue Wohngegend. Hier hatten sich erfolgreiche Leute neue, moderne Villen hingesetzt. Ganz anders, als in seiner Gegend, wo nur schmucklose, nach oben nicht enden wollende Wohnblocks auf kleinstem Grund genug Raum für viele Menschen bot. Aber dieses Haus hier war sichtlich alt, nicht neu gebaut und auf alt getrimmt, sondern eindeutig hatten diese Steine schon Jahrhunderte gesehen. Er kannte diesen Baustil nur aus Büchern, als er als kleiner Junge immer in den Geschichtsbüchern seines Vaters geblättert hatte. Man hatte sie damals Castles genannt und sie waren der Wohnsitz von Adelsgeschlechtern gewesen. Aber wie kam solch ein Haus in diese Gegend?

Geh rein, frag. Hier rumstehen und drüber nachdenken bringt dich der Lösung nicht näher, ganz logisch! Kinta schüttelte über sich selbst den Kopf und blickte an der steil aufragenden, grauen Fassade hinauf. Sie war schmucklos, im unteren Bereich fensterlos und wirkte mehr abschreckend als einladend. So, so. Und das soll ein Palast sein?, dachte er etwas enttäuscht. Er hatte mehr erwartet. Na ja, nicht mehr – vielleicht etwas anderes.

Er atmete noch einmal tief durch, versuchte die vom Wind zerzausten Haare noch etwas in Ordnung zu bringen und ging dann auf die Tür zu, griff nach dem schweren Ring, den ein kunstvoll gefertigter Löwenkopf im Maul trug und ließ ihn gegen das Holz schlagen.

Einmal – zweimal. Nach dem dritten Mal wurde bereits geöffnet und überrascht hielt Kinta noch immer den Ring fest und wurde so leicht nach vorn gezogen.

Ein junger Mann, sicher nicht älter als er selbst, blickte ihn fragend an. „Sie wünschen?“

Kinta versuchte zu lächeln, aber er konnte nicht verbergen, dass er sich bei dem Unternehmen unwohl fühlte. Was wünschte er? Schon mal eine wirklich gute, weil interessante Frage. Wenn der Brünette eine Antwort fand, konnte er sie Kinta auch mitteilen. Denn er wusste noch immer nicht, warum genau er hier war. Gut, er hatte ein e-Mail bekommen – mit dieser Adresse, und weiter?

„Kann ich Ihnen helfen, mein Herr?“, rief der Brünette sich in Erinnerung und lächelte den verwirrten Kinta freundlich an, löste dessen verkrampfte Hand vom Türklopfer und geleitete den jungen Mann in das Innere des Hauses. Die Stufe übersehend, die von der Tür in das Foyer führte, geriet er ins Stolpern, fing sich und bemerkte erst jetzt, dass der Andere ihn um mindestens einen Kopf überragte.

„Ich soll hier her kommen“, brachte Kinta endlich hervor und hatte so sämtliche Aufmerksamkeit des Anderen, der ihn mit seinen braunen Augen anblickte.

„So? Man hat Sie herbestellt, das ist ungewöhnlich!“ Leicht verwirrt drehte der Fremde seine Finger gegeneinander, war sichtlich nervös, auch aus dem Konzept gebracht. „Warten Sie bitte hier, ich werde Sie beim Palastmeister anmelden.“

Kinta nickte nur, kam nicht mehr dazu zu fragen, was denn nun schon wieder ein Palastmeister war und warum man ein Haus wie dieses frecherweise als Palast betitelte, wo es doch andere Worte gab, die solch eine Erscheinung besser bezeichneten. Aber da war der Fremde schon gegangen und hatte Kinta allein zurückgelassen. Der hatte nun Zeit, sich ein bisschen umzusehen. Fackeln erhellten das Gemäuer und ließen Schatten über die rauen Wände tanzen und erst auf den zweiten Blick erkannte Kinta, dass sich kein Russ bildete, keine Rauchsäulen aufstiegen. Es waren elektrische Fackeln – Beschiss! Der Teppich unter seinen Füßen dämpfte seine Schritte, das Rot war kräftig, komischerweise aber nicht aufdringlich.

„Wenn Sie mir bitte folgen möchten. Der Palastmeister wird Sie empfangen.“ Kinta blickte sich um und erkannte den Fremden von eben, der ihm winkte und gebot zu folgen. Seufzend tat der Schwarzhaarige, was verlangt wurde. Schließlich war er schon einmal hier, hatte sich die Mühe gemacht, bis hierher zu kommen. Da wollte er auch wissen, was es mit diesem Stein auf sich hatte. Und so wie die Wände aussahen, mochte der Besitzer etwas von Steinen verstehen.

Eiligen Schrittes folgte er also dem groß gewachsenen Brünetten, dessen langer Zopf hinter ihm herwehte. Vor einer unscheinbaren Tür allerdings blieb er stehen und klopfte, auf einen Geheiß öffnete er und ließ Kinta eintreten, schloss die Tür dann wieder hinter ihm.

„Tretet näher, junger Herr.“ Eine tiefe, ruhige Stimme lotste Kinta an einen Schreibtisch, hinter dem ein Mann mittleren Alters über einem Berg Büchern saß und ihn aus eisblauen Augen anblickte. „Sie sind also herbestellt worden, könnten Sie mir dies erklären?“

Kinta, der sich in dem karg möblierten Zimmer umsah, kam näher und reichte dem Palastmeister die Hand. „Eine e-Mail ... also ... ich hab ...“

„Oh, ich erinnere mich. Sie sind also der Herr des Leidenschaftsschattens. Einer unserer schönsten Keys. Er hat lange auf seinen Herrn gewartet.“

Kinta setzte sich auf den ihm gewiesenen Stuhl und blickte verwirrt. Herr? Key? Er wollte doch nur …Sein Stein fiel ihm ein und er suchte mit zitternden Fingern in seiner Tasche, tastete blind nach dem Stein und legte ihn mit der Reliefseite nach oben auf den Tisch. „Ich wollte nur wissen, was dies ist.“

„Der Schlüssel natürlich“ Unglaube über diese gestellte Frage sprach aus der Stimme. „Sie wissen nicht, wo Sie hier sind? Kann das sein?“

Kinta nickte beschämt. Musste er sich das gefallen lassen? Er hatte eine einfache Frage gestellt. Wo war das Problem, ihm eine einfache Antwort zu geben?

„Dies hier ist der Tränenpalast. Ein Haus, in dem junge Männer ihren Herren – den Besitzern ihrer Schlüssel – ihre Dienste anbieten.“

„Ihre Dienste?“ Kinta grübelte, ihre Dienste, das klang seltsam. Dann fuhr er entsetzt hoch. „Ein Bordell – käufliche Liebe? Wo um alles in der Welt bin ich hier gelandet?“ Entrüstung machte sich breit.

„Sie haben mich nicht ganz verstanden, junger Herr. Sie bieten all ihre Dienste an. Es obliegt allein dem Herrn, sie alle zu nutzen oder sie auf den Sex zu reduzieren. Jeder unserer Keys durchläuft eine einjährige Ausbildung und lernt alles, was eine Begleitung beherrschen sollte.“

Kinta setzte sich wieder und glühte vor Scham. Was hatte er diese abartigen Gedanken auch herausplatzen müssen, wurde er doch jetzt belehrt wie ein kleines Kind. Wütend über sich selbst griff er sich seinen Stein und wollte gehen, als der Palastmeister seine Hand festhielt. „Wollen Sie Ihren Key nicht sehen? Diese Palastschlüssel sind teuer, Sie müssen viel dafür bezahlt haben. Er wäre doch schade, oder?“

Kinta blickte auf seinen Stein, auf den Drachen, der nun in seiner Hand lag und ihn zu drängen schien, ihn seinem Eigentümer zurückzubringen.

„Ich sollte Ihnen zu Kage no Jonetsu noch etwas sagen. Er ist kein gewöhnlicher Key. Er ist der Einzige im Haus, der sich freiwillig hierher begeben hat. Warum, hat er uns nie gesagt. Wenn er Sie ablehnt, mein Herr, kann auch ich ihn nicht dazu zwingen, Sie als seinen Herrn zu akzeptieren.“

Auch wenn Kinta kein Wort verstand, er nickte, wollte raus hier, sich den Kerl mal angucken und dann auf nimmer Wiedersehen verschwinden. Was sollte er mit einer männlichen Hure? Er stand nicht auf ... ein breiter Rücken formte sich vor seinem geistigen Auge und strafte ihn im gleichen Atemzug lügen.

„Sebastién wird Sie führen!“, waren die letzten Worte, die sie wechselten, denn schon beugte sich das weiße Haupt wieder über die Bücher und widmete Kinta keine Aufmerksamkeit mehr.

Der stolperte mit seiner Tasche in der linken, mit seinem Stein in der rechten Hand zur Tür, vor der noch immer der Brünette stand und zu warten schien.

„Ihr seid also Kages erster Herr?“ Und schon war Sebastién auf einem Treppenabsatz verschwunden.

Erster Herr? Was will der denn von mir?, grummelte Kinta vor sich hin. Eilig hastete er dem Anderen hinterher, um nicht allein durch die unheimlichen Flure zu irren, die sich alle so glichen, zum Verlaufen geradezu einluden.

Vor einer Tür, wie jede andere auf diesem Flur, stoppte Sebastién und lächelte. „Da wären wir, viel Spaß mit ihm.“

Kinta begutachtete die Tür und suchte vergeblich nach einer Klinke, einer Magnetschiene oder einem Bewegungssensor und blickte den Brünetten fragend an. Der lächelte „Darf ich?“, und nahm Kinta den Stein aus der Hand. „Was glauben Sie, warum das kleine Dingelchen Schlüssel heißt?“ Er legte die Reliefseite des Steines in eine Aussparung in der Holztür und bewegte sie leicht nach rechts und im nächsten Augenblick sprang die Tür auf.

Kinta schluckte und Sebastién verabschiedete sich. Nun war er allein. Allein auf sich gestellt. Vorsichtig schob er die Tür weiter auf und stand in einem Vorraum. Die Wände waren mit warmem Holz getäfelt. Kevin hätte ihm sicher sagen können, was für Holz das war. Er selber hatte keine Ahnung, er wusste nur, dass es ihm gefiel, weil es Wärme ausstrahlte. Die weißen Zierleisten rundeten das Bild ab. Sein Blick schwenkte etwas zur Seite, blieb an Leder hängen. Eine Jacke mit silbernen Schnallen hing an einem Haken. Auf der anderen Seite standen mehrere Paare schwerer Stiefel auf einem niedrigen Regal. Noch immer stand Kinta verloren in der Tür und blickte sich unsicher um. „Hallo?“, brachte er schließlich vorsichtig hervor, ging tiefer in den kleinen Raum und schloss die Tür, nachdem er seinen Stein wieder an sich genommen hatte.

„Hallo? Ist hier jemand?“, machte er noch einmal auf sich aufmerksam, als er Geräusche hörte, die wohl aus einem anderen Zimmer zu kommen schienen.

Dann Schritte, die näher kamen – Schritte von nackten Füßen auf Parkett. Eine tiefe, rauchige Stimme, die ihm antwortete. „Hirose Hayoto – du hast mich lange warten lassen.“ Und dann stand der so genannte Key vor ihm: groß, bronzene Haut, schwarze Haare über fast schwarzen Augen, das rote Hemd offen über einer schwarzen, engen Hose.

„Drachenmeister“, flüsterte Kinta, bevor er mit weit aufgerissenen Augen rücklings gegen die Eingangstür sank.


5. „Raus!“

Kinta schluckte noch einmal, als ihn die dunklen Augen fixierten. Mit ruhiger, fester Stimme erkundigte sich sein Gegenüber, was er hier verloren hätte und vor allem, wie er an den Schlüssel gekommen sei. Immer noch starr vor Schreck, lehnte Kinta an der Tür, seine Nägel gruben sich in das Holz hinter ihm.

„Hey Kleiner, ich habe dich höflich gefragt, bekomme ich auch eine Antwort?“ Noch immer fixierten die stechenden Augen den Jungen.

„Also ich hab ... den Schlüssel ...“

„Ja, dass du den Schlüssel hast, sehe ich auch.“ Langsam kam die große Gestalt auf Kinta zu und blieb einen Schritt vor ihm stehen. „Ich frage dich, kleines Würmchen, noch einmal: woher hast du diesen Schlüssel?“

„Gefunden“, gestand Kinta und sah Wut in den dunklen Augen aufflammen, von denen er jetzt sehen konnte, das sie eigentlich gar nicht schwarz waren, sondern ein sehr dunkles, eigentlich recht angenehmes Braun inne hatten, durchwirkt von grünen Sprenkeln.

„Sag, dass das nicht wahr ist, das hat dieser Mistkerl nicht getan!“ Die Stimme wirkte gepresst, als er sich schwer gegen Kinta lehnte. „Sag, dass Hirose das nicht getan hat. Er serviert mich ab, lässt sich sechs Jahre lang nicht blicken und schickt dann ein kleines Kind zu mir, den ich mal ficken soll oder was?“ Außer sich vor Zorn, drückte der Fremde Kintas Schultern schmerzlich gegen das Holz. Der Junge stöhnte auf und schloss die Augen.

Verdammt, wo war er hier? Was wollte dieser Kerl von ihm? Was hatte dieser Hirose ... Halt! Hatte er ihn nicht mit Hirose Hayoto begrüßt? Mit dem Namen seines Vaters? Woher kannte dieser fremde Mann den Namen seines Vaters? Wie kam der Drachenmeister dazu, so über ihn zu sprechen? Wie auch immer er selbst zu seinem Vater stand, über ihn sprach, ihm selbst stand das zu, aber nicht diesem Fremden! Woher kannte eine Hure seinen Vater?

Alles in Kinta begann sich zu drehen. Es ergab keinen Sinn! Nichts ergab irgendeinen Sinn! Warum war er hierher gekommen? Warum hatte er das verfluchte Buch mit diesem unglücksseligen Stein nicht einfach zurückgebracht, seinen Vater um die Disk mit der Rohfassung seiner Abhandlung gebeten und sich wieder seiner Arbeit gewidmet? Warum hatte er den verfluchten Stein an sich nehmen und mehr darüber erfahren müssen? Verdammt, warum funktionierte er nur noch fehlerhaft?

Schwere Hände auf Kintas Schultern holten ihn aus seinen konfusen Gedanken, bevor er sich selbst vergaß.

„ ... dich geschickt und ist nicht selber gekommen?“

Kinta schluckte schwer, versuchte dem stechenden Blick des Fremden auszuweichen. „Rede, kleiner Mistkerl!“ Die rauchige Stimme war laut, bohrte sich tief in Kintas Seele, drängte sich in voller Präsenz in seinen Geist und schob alles andere von sich. Und abstruserweise erwischte sich der Schwarzhaarige dabei, wie er dem Anderen, der sichtlich außer sich war - warum auch immer - gar nicht zuhörte, sondern nur das schöne Gesicht studierte: die dunklen Augen mit den grünen Sprenkeln, die mandelförmig und leicht schräg in dem maskulinen Gesicht lagen, unter leicht geschwungenen Brauen, über einer geraden Nase und vollen schmalen Lippen, einem markanten Kinn. Wie alt er wohl sein mochte?

Jede noch so kleine Kleinigkeit sog er in sich auf. Dabei hatte er die brüllende Stimme, die dieses Bild störte, gänzlich ausgeblendet. Doch den Schlag der großen Hand, die sein Gesicht traf und es zur Seite warf, konnte er nicht mehr ausblenden. Ein Brennen durchzuckte sein Bewusstsein und holte ihn zurück.

„Sag mal, Bürschchen, willst du mich verarschen? Hat er dich geschickt, um mich weiter zu demütigen?“

Kinta hielt sich die Wange und blickte den Mann nur verständnislos an. Was geschah hier?

„Raus!“, hörte er es gepresst, als müsste der Key sich schwer beherrschen, nicht auf ihn loszugehen. Aber er atmete tief durch, ließ den Jungen los und stand mit vor der Brust verschränkten Armen im Vorraum. „Mach, dass du hier raus kommst, Kleiner und sag Hirose, ich bin es leid, von diesem Drecksack verarscht zu werden!“ Die dunklen Augen, die zu glühen schienen, duldeten keinen Widerspruch.

Suchend tasteten sich Kintas Finger über die glatte Holztür in seinem Rücken, suchten vergeblich eine Klinke. Eine Hand schoss abermals an seinem Gesicht vorbei, betätigte einen Mechanismus und ein Klacken signalisierte, dass der Weg in die Freiheit nah war.

„Und jetzt verschwinde und komm nie wieder.“ Mit einem Nicken wies er Kinta die offene Tür und mit der rechten Hand bedeutete er dem Jungen zu gehen. Das Letzte, was Kinta sah, war ein Ring: weißes und Feingold, ein gezahntes Muster trennte scharf die beiden Metalle. Sein Vater trug den gleichen.

Sich noch immer die Wange haltend, schlüpfte Kinta durch die einen Spalt breit offene Tür und verschwand im Flur, lief und lief, Treppe auf, Treppe ab. Tränen verschleierten seinen Blick und machten das Orientieren in diesen identischen Fluren noch schwerer.

Warum?

Warum war er gekommen? Was hatte er erwartet? Warum war er nicht einfach heute in seine Wohnung gefahren wie jeden Tag? Warum?

Immer noch mit verschleiertem Blick lief er aufgebracht in jemanden hinein, erschrak sich und taumelte zurück. Doch Sebastién hinderte ihn daran, die Treppe rückwärts hinabzustürzen. Diskret und Kintas Zustand nicht beachtend, führte er den Jungen durch die Gänge zur Tür, die er ohne ein Wort hinter dem Besucher schloss.



Endlich war Kinta wieder raus – raus aus diesem Gefängnis, diesem Irrenhaus. Was war passiert? Warum war es passiert? Wer war dieser Fremde, der ein Drachenmeister war und als Hure arbeitete? Und warum kannte er den Namen seines Vaters, warum trug er den Ring seines Vaters? Verdammt? Wer war dieser Kerl und warum ... müde sank Kinta an der Hauswand zusammen.

So viele Fragen, so viele unlogische Dinge, die nicht passten, keinen Sinn ergaben, nur verwirrten und nicht mehr aus seinem Kopf zu streichen waren. Die Wange schmerzte noch immer. Der Drachenmeister hatte einen verdammt harten Schlag. Kein Wunder, dass der noch keinen Wettkampf verloren hatte.

Schwer sank Kintas Kopf gegen die Mauer in seinem Rücken, als er versuchte, zu den Sternen hinaufzublicken. Doch er wusste nicht, wann er sie das letzte Mal wirklich gesehen hatte und sich nicht nur an ihr Funkeln erinnerte. Durch die künstliche Atmosphäre waren sie nicht zu sehen. Nur das Wissen, dass sie irgendwo dort oben waren, auf einem seine Mutter saß und über ihn wachte, ließ ihn sich selbst täuschen und sie sehen, sie zählen. Irrational und lächelnd.

Ein Summton holte ihn auf die Erde zurück. Die leise Melodie riss ihn erbarmungslos aus den glitzernden Himmelsdiamanten. Mehr lustlos kramte Kinta in seiner Tasche nach dem Telefon, zog seine Hand aber erschrocken zurück, als seine Finger den Stein berührten und es ihm war, als hätte er sich verbrannt. Sich selbst einen Idioten scheltend, griff er erneut zu und befreite das Telefon von seinem jämmerlichen Ton. „Hayoto“

>Kini – verdammt, wo bist du?< Kevin klang mehr als nur besorgt. >Ich hab’s im Labor versucht, bei dir zu Hause, hab dein ganzes Band voll gequatscht. Verdammt Kleiner, machst du gerade Mist?“

Kinta lächelte sanft; machte er gerade Mist? Er saß in einer kalten Nacht auf dem Bürgersteig in einer noblen Wohngegend, wo jeder, der rumlungerte, von den Sicherheitskräften inhaftiert wurde.

Machte er gerade Mist? Er wusste es nicht, noch schlimmer, es war ihm egal.

>Kini, verdammt, rede mit mir, was ist passiert?<

„Nichts, Kevi. Sollte etwas passiert sein?“ Kinta atmete tief durch und bog den Rücken weit durch, bis es knackte. Er musste länger hier gesessen haben, als er sich erinnern konnte. Wie gestern im Dojo, als er ... genau, Kage hieß er ... als er Kage das erste Mal gesehen hatte und ihm die Luft weggeblieben war, als er ...

>Kini!<

„Hm?“

>Ich hab dich gefunden. Bleib wo du bist, in zehn Minuten bin ich da!<

~*~

Noch immer wurde Kinta in seinem Handtuch warm gerubbelt, während Kevin ihm heißen Tee verordnet hatte. „Du bist so ein Idiot, Kleiner, weißt du das eigentlich?“

Doch Kinta reagierte überhaupt nicht. In seinem Kopf dreht sich noch immer alles nur um ein Wort: warum? Warum hatte er den Stein finden müssen, warum war Kage so ausgerastet, warum kannte der seinen Vater und warum war er so extrem wütend auf ihn?

Warum?

Immer wieder nur warum.

„Sag mal, redest du nicht mehr mit mir?“, hörte er seinen besten Freund besorgt fragen. Ein Zittern lag in der Stimme. „Du machst mir Angst, Kini, so hab ich dich bis jetzt erst einmal erlebt und habe gehofft, dich so nie wieder zu sehen.“

Umständlich schälte der Schwarzhaarige eine Hand aus seinem Handtuch und strich Kevin über die Wange. „Tut mir leid – ich weiß selber noch nicht, was los ist ... das passt alles nicht. Da stimmt doch was hinten und vorne nicht, da...“ Er brach ab, als er Kevins verwirrten Blick sah.

Dann setzte sich der Blonde zu Kinta auf das Bett, zog die Decke über sie beide und den schmalen Körper dichter zu sich. „Erzähl, vielleicht kann ich ja helfen und es passend machen.“ Eine Hand strich über Kintas feuchtes Haar und der kuschelte sich dichter, bettete das Kinn auf der muskulösen Brust und begann zu erzählen. Von der e-Mail, von seinem Weg zum Palast, von dem weißhaarigen Alten, von Sebastién. Dann stoppte er.

Sollte er Kevin erzählen, dass sein Meister in einem Bordell lebte? Und das er selbst, Kinta Hayoto – egal, ob der Mann ihn nun akzeptierte oder nicht –, dessen Herr war? Doch dann beschloss er, keine Geheimnisse zu haben, er hatte Kevin immer alles erzählt, sogar als er versucht hatte, mit Jane zu schlafen und das völlig daneben gegangen war und sie ihn ausgelacht hatte und endgültig aus seinem Leben verschwunden war. Er atmete noch einmal tief durch.

„Ehm ... das wird dir jetzt sicher nicht gefallen. Aber du kennst den Key.“ Kinta blickte in die verwaschen grünen Augen, die ihm zu sagen versuchten, dass er sich das beileibe nicht vorstellen konnte. Kevin hatte nichts gegen Huren, im Gegenteil, die meisten waren wunderschön und leider auch verdammt teuer. Aber dass er einen davon kennen sollte? Er nickte dem Kleinen auffordernd zu.

„Kage no Jonetsu“

Kevin verdrehte die Augen. „Kini!“, mahnte er. Der kicherte nur, auch wenn ihm eigentlich nicht zum Lachen war. „Kage – euer Drachenmeister heißt Kage.“

„Nein!“ Kevin riss die Augen auf und verstand offensichtlich kein Wort. „Du musst dich irren, Kini“, beharrte er und griff Kinta an den entblößen Schultern.

„Hey, glaube mir, wenn ich einen Mann unter Tausenden wieder erkenne, dann wohl den Drachenmeister“, nuschelte der Schwarzhaarige leicht errötend. „Aber er lebe dort freiwillig, meinte dieser Palastknilch und seit sechs Jahren bin ich wohl sein erster Herr. Was immer das auch heißt. Also hat er vorher sicher nicht ...“ Kinta brach ab. Das ergab doch keinen Sinn. Warum bekam Kage ein Zimmer in diesem Palast, wenn er doch keinen Herrn hatte? Nein, es machte wirklich keinen Sinn. Und je öfter er darüber nachdachte, umso weniger wurde es logisch.

„Und er kennt meinen Vater!“, erklärte Kinta seinem besten Freund, als wäre es die normalste Sache der Welt und zog dann die Decke weiter nach oben, kuschelte die kalte Nase hinein und hoffte, Kevin hätte es überhört. Das hätte sein Gewissen erleichtert, weil er nichts verheimlich hatte und gleichzeitig eine Menge unnötiger Fragen im Dunkel gelassen. Fragen, die sich Kinta nicht mehr stellen wollte, deren Antworten er einfach nicht hören wollte. Dass sein Vater nicht gerade ein heiliger Samariter war, war kein Geheimnis. Aber dass er ausgerecht fremdgegangen sein sollte, seine Mutter betrogen haben sollte mit einem Kerl – entschieden jünger als er selbst – das wollte sich Kinta einfach nicht vorstellen.

„Wie meinst du das, er kennt deinen Vater?“

Mist, Plan fehlgeschlagen. Kevin hatte zugehört, wie er immer zuhörte, wenn Kinta etwas erzählte, vielleicht war dies der Grund, warum er Kevin alles anvertraute, weil er wusste, er redete nicht gegen eine Wand.

„Erst hat er mich mit dem Namen meines Vaters begrüßt, so als hätte er ihn erwartet. Als er mich gesehen hat...“ Mit Schaudern erinnerte sich Kinta an die wütenden Augen, das Glühen in ihnen, „... wurde er wütend, hat geflucht, ihn einen Drecksack genannt und gefragt, warum der Mistkerl ein Kind schickt, was er ficken soll.“ Seufzend schlang er einen Arm um Kevins Brustkorb. „Und er trägt den gleichen Ring wie Vater.“

„Wow!“ Mehr konnte Kevin erst einmal nicht sagen. Sein Meister – der, vor dem er auf dieser Welt den meisten Respekt hatte – lebte als Hure in einem Bordell und hatte was mit Kintas Vater? Das war doch absurd! Das musste er verdauen. Und zwar gründlich.

„Er hat ihn erwartet? Treffen sie sich?“, mutmaßte er und strich Kinta über das Haar, legte die Hand in den schlanken Nacken und kraulte. Der Kleine schnurrte zufrieden. „Geht nicht. Die Tür geht nur mit meinem Schlüssel zu öffnen. Und so dick, wie die Staubschicht auf dem Buch gelegen hat, muss er dort schon Jahre gelegen haben.“

Es machte eben einfach keinen Sinn. Je angestrengter er über dies alles nachdachte, über den wunderschönen Mann, der ihn so wütend vor die Tür gesetzt hatte, der ihn ... Seine Hand glitt auf seine Wange und befühlte den leichten Bluterguss. Er war zum Glück kaum zu sehen, nur zu spüren. Was konnte den Mann nur so verletzt haben, dass ein routinierter Kampfsportler, deren oberstes Gebot es war, nie Schwächere anzugreifen, sich so dermaßen vergaß und die Beherrschung verlor?

Über der Grübelei und sich in der seidigweichen Haut seines Freundes unter sich verlierend, schlief Kinta ein. Er hörte nicht mehr Kevins leise Stimme, die ihn darum bat, das Streicheln auf seiner Brust sein zu lassen. Die Stimme, die von einem Flüstern in ein verhaltenes Stöhnen überging und Kevin es überhaupt nicht gefiel, wie diese zwischen ihnen ganz normalen Berührungen ihm plötzlich Magenflattern bereiteten, nicht gut! Gar nicht gut.

Verdammt, es war doch nicht das erste Mal, dass Kinta hier schlief und sie sich das Bett teilten, während der kleine Körper sich an ihn kuschelte und Schutz suchte. Warum reagierte sein eigener Körper heute so seltsam?


6. Entscheidung

Kage wusste nicht, wie lange er hier im Flur gestanden hatte, die Hände zu Fäusten geballt, die Nägel in die Handballen geschlagen.

Sein Kopf schien völlig leer. Nicht ein Gedanke ließ sich fassen, obwohl sie nur so durch ihn hindurch schossen. Wer war dieser Junge? Was wollte er hier? Woher hatte dieser miese kleine Mistkerl den Stein – seinen Stein, das letzte Geschenk an seinen Geliebten? Woher?

Er spürte nicht den Schmerz, der seine Hand durchzog, als sie ungebremst gegen die Wand im Flur schlug, spürte nicht den Widerstand des harten Materials. Nur Wut – grenzenlose Wut, die seine Seele überkochen ließ. Die ihm das Herz schwer machte, die seine Sinne vernebelte.

„Ahhh!“

Seine raue Stimme erfüllte den kleinen Raum, als die aufgestaute Energie sich einen Kanal suchte, als sie sich einfach befreien musste, um den straffen Körper nicht zu zerreißen.

„Warum, Hirose?“

Unglaube.

Langsam sank er gegen die Wand hinter sich und schloss die Augen. Warum?

Für diesen Mann hatte er seine Familie aufgegeben und mit den Traditionen gebrochen, war schlussendlich sogar verstoßen worden. Und nun? Hatte es nicht gereicht, dass Hirose vor sechs Jahren gegangen und nicht wiedergekommen war? Ihn allein gelassen hatte in seinem Schmerz und der Ungewissheit? Allein in dem damals viel zu schmalen Bett seiner ersten eigenen Wohnung? Einfach gegangen, ohne sich noch einmal umzusehen, ohne auf Kages endlose Monologe auf dem Anrufbeantworter zu reagieren, ohne seine Nachrichten zu beantworten.

All die Jahre in Besitz des Schlüssels und nicht einmal war Hirose vorbeigekommen, nicht ein einziges Mal. Hätte er da nicht schon aufgeben sollten, die Hoffung begraben und sich mit seinem Vater versöhnen?

Warum verdammt hatte er das nicht tun können? War diese Liebe so tief gegangen, so lang anhaltend? Scheinbar schon. Genauso wie sie aussichtslos war. Und Kage wusste es. Er wusste, dass er nach sechs Jahren das Warten und Hoffen hätte aufgeben sollen und nach Hause zurückkehren. Und doch hatte er nicht aufgeben wollen, nicht aufgeben können.

Langsam erhob sich Kage und ging zurück in das Empfangszimmer. Die Strohmatten unter seinen Füßen knisterten leise, als er den Raum durchschritt, mit dem Gedanken spielte, sich an den kleinen Tisch zu setzen und weiter nachzudenken und die beruhigende Wärme der weinroten Wände genießend auf sich wirken zu lassen. Doch dann entschied er sich dagegen.

Seine Schritte lenkten ihn nach links in die Küche, wo er eilig die Schale mit Reis und Gemüse griff, die er gerade mit sich hatte in die Bibliothek nehmen wollen, um auf seinem Lieblingssessel das Essen zu genießen. Er war groß und rot und weich, abgewetzt durch das stetige Benutzen. Im Gegensatz zu dem zweiten Ohrensessel, der noch unberührt – wie neu – neben dem seinen stand. Der, für den er gedacht war, hatte nie in ihm gesessen.

Mit einem angefangenen historischen Roman hatte Kage sich für heute zurückziehen wollen, doch dann war dieser kleine, miese Schwarzhaarige mitten in seiner Wohnung aufgetaucht, einfach so kam der hier rein gelatscht, als gehöre ihm die Welt und erwartete wohl noch, dass Kage sich freute? Aber so nicht!

Die Schale in seiner Hand begann zu zittern, ein paar der losen Reiskörner kullerten über den Rand und suchten ihr Heil in der Flucht. „Bastard“, flüsterte Kage bedrohlich, wusste nicht, wen von beiden er eigentlich meinte. Die Finger seiner anderen Hand legten sich fester um die Essstäbchen, drückten mit all ihrer Kraft zu und ein leises Knacken signalisierte: sie hatten dem Druck nicht standhalten können. Doch die wütende Hand öffnete sich nicht, im Gegenteil, schloss sich weiter, bohrte das gesplitterte Holz in die Haut der weichen Hände.

Mit schweren Gedanken beseelt stellte Kage die Schale Reis zurück auf den Küchenschrank. Sie war mittlerweile sowieso kalt. Der Schwung verteilte die weißen Körner und das klein geschnittene Gemüse rings um die Schale. „Ach, scheiß drauf!“

Hastig, als hätte er hinter sich etwas wahrgenommen, wandte Kage sich um, dabei peitschte das lange Haar um seinen Kopf und kam auf der linken Schulter zum liegen. Tief durchatmend versuchte er sich zu entspannen, ehe er einen Entschluss fasste. Das zerbrochene Essbesteck ließ er achtlos zu Boden fallen und ging zurück in den Empfangsraum, durchschritt diesen und gelangte so in die kleine aber umfangreich ausgestattete Bibliothek. Er hatte diesen Raum für Hirose eingerichtet. Er kannte diesen Mann fast immer nur mit einem Buch in der Hand. Und so sollte der Blonde auch hier nicht darauf verzichten müssen.

Aber dass Hirose nicht kommen würde, weil er wie vom Erdboden verschluckt war und Kage nicht den Mut hatte, nachdem er den Schlüssel zu dieser Wohnung in einem von Hiroses meist geliebten Büchern versteckt hatte, noch einmal das Institut zu betreten, dies war nicht geplant gewesen. So hatte Kage jeden Abend hoffend zwischen den geschriebenen Worten gesessen, nach und nach begonnen, die ersten Werke zu lesen, die Entspannung dabei genossen. Für ein paar Stunden hatte er der Realität entfliehen können.

Umso schmerzhafter war es jedes Mal aufs Neue gewesen, das Buch zu schließen, weil die Augen müde wurden und aus der Geschichte in die Realität zurückzukehren – einsam, kalt, verhasst.

Heute ließ er die übervollen Regale und die zwei weichen Ohrensessel hinter sich, als er sich eilig der Wendeltreppe zuwandte, schmal und aus Holz. Sie brachte ihn in die obere Etage, die der eigentliche Wohnbereich war und ausladender, als die unteren drei kleinen Räume auch nur ansatzweise erahnen ließen.

Das Ende der sich windenden Treppe war erreicht und Kage fand sich in einer kleinen Nische wieder, die sich in eine weite Badelandschaft öffnete. Der Raum maß fast dreißig mal fünfundvierzig Meter. Man hatte für ihn extra die Wände eines nebenliegenden Zimmers durchbrechen müssen, um seinen Wünschen zu entsprechen. Warum der Palastmeister dies zugelassen hat, obwohl er beim Verkauf von Kages Schlüssel nur ein einziges Mal verdient hatte, nämlich als Kage selbst ihn gekauft hatte, wusste der junge Mann nicht. Aber ihm war es auch egal. Er hatte bekommen, was er wollte. So wie er immer bekam, was er wollte.

Bis auf eine Sache.

Bis auf Hirose, das einzige, was er auch heute noch schmerzlich begehrte und nicht wusste, wo suchen. Denn der blonde Mann hatte seinen Wohnsitz verlegt. Als Kage vor drei Jahren endlich den Mut gefunden hatte, Hirose unter der ihm bekannten Adresse zu suchen, war die Wohnung leer gewesen – unbekannt verzogen.

Wütend darüber, sich schon wieder in der Vergangenheit – in der schmerzlichen Vergangenheit - verloren zu haben, schritt Kage weiter. Die kühlen Farben, hauptsächlich blau und wassergrün, versuchten Beruhigung zu schenken. Doch alles in ihm war so aufgewühlt, so durcheinander. Er hatte langsam vergessen können, … nein gerade belog er sich selbst. Er konnte Hirose nicht vergessen. Aber den Schmerz hatte er verdrängen können, sich wieder an die schönen Zeiten erinnern. Endlich hatte er wieder Freude am Leben, ging wieder öfter in den Dojo und sah mit Genugtuung, dass er wirklich ein paar Talente um sich geschart hatte, die den Kampfsport genau so sehr liebten wie er selbst, mit Leib und Seele dabei waren.

Und dann kam dieser kleine schwarzhaarige Wurm und riss alte Wunden auf, bohrte sich in sein vernarbtes Herz wie eine fette Made.

Kages nackte Füße schritten über die Mosaike am Boden, die sich kunstvoll zu einem Meer mit sanft wogenden Wellen und weichen Schaumkronen arrangierten. Auch Wände und Decke waren in liebevoller Handarbeit und in wochenlanger Fummelei aus kleinen bunten Steinen zu atemberaubend realistisch wirkenden Bildern zusammengesetzt worden. Dort wo die Wände die stilistischen Schaumkronen trafen, entstiegen Fabelwesen dem Meer und krochen langsam aber geschmeidig die Wände hinauf, den ziehenden Wolken an der Decke entgegen.

Doch all das beachtete Kage nicht, er schritt hastig auf die gegenüberliegende Seite des lang auslaufenden Raumes zu, wo sich die Wand in einer halbkreisförmigen weiten Glasfront weitete. Hinter sich im Rücken hörte er das ihn meistens beruhigende Plätschern des Wasserfalles, der sich aus drei Metern Höhe in ein kleines flaches Becken ergoss und mit seinem Wasser ein größeres Becken speiste, das sich über die gesamte schmale Seite des Zimmers erstreckte. Ein kleiner künstlicher Bach verband Wasserfall und Becken und gab dem Raum durch seinen leicht geschwungenen Lauf etwas Weiches, Anziehendes. Vereinzelte Palmen in großen Holzkübeln gaben dem Raum zusätzlich etwas Behagliches.

Es gab Tage, da saß Kage auf dem Rand des flachen Beckens und lauschte einfach nur dem Rauschen des Wasserfalles, dem Plätschern des kleinen Baches, wenn er über die Steine hüpfte, die Kage hineingelegt hatte. Sie waren alles, was von ihrem letzten gemeinsamen Tag am Strand übrig geblieben war.

Mittlerweile hatte Kage das gesamte Zimmer durchschritten, lehnte den schweren Kopf gegen das kühlende Glas und starrte hinaus auf den Himmel. Die Sonne senkte sich dem Horizont entgegen, hüllte alles in strahlend verschwenderische Farben, nur um dann ganz zu verschwinden und tiefes Grau in Grau zurückzulassen. Wie Hirose! Genau wie Hirose!

Seine Hand schlug hart gegen das Glas. „Mieser Drecksack!“

Nein, schlafen würde Kage jetzt nicht können. Es hatte also keinen Sinn, die aberhundert Perlenschnüre neben dem Wasserfall beiseite zu streichen und das dahinter liegende Schlafzimmer zu betreten.

Er hatte einen Entschluss gefasst und im nächsten Augenblick eilte er die Treppe wieder hinunter, durchmaß mit weiten Schritten die Bibliothek und streifte die prunkvollen Goldstickereien auf dem weinroten Stoff der Wände im Empfangszimmer mit keinem Blick. Er griff sich im Flur nur Jacke und Helm, schlüpfte in das erste paar Stiefel, das er greifen konnte und versicherte sich, die Kopie seines Schlüssels in der Jackentasche zu haben.

Dann eilte er über den Palastflur. Trainieren! Wenn nichts mehr ging – wenn nichts mehr Sinn machte: trainieren, bis zum umfallen, bis der Körper streikte, bis das Hirn weich war und er im Stehen einschlief.

Als er den Hinterhof erreichte, startete er die verchromte Maschine und verschmolz im nächsten Moment mit der Dunkelheit.

~*~

Kinta hatte so gut geschlafen wie lange nicht mehr, die ihn umgebende, ihn beschützende Wärme hatte sich über ihn gelegt und ihm erholsame Ruhe geschenkt. Keine Albträume, keine Panikattacken, einfach nur Ruhe. Und so war es nur logisch, dass er murrte und murmelte und quengelte, als diese Ruhe gestört wurde. Sein vermeintliches Kopfkissen bewegte sich, schüttelte ihn und Hände versuchten vorsichtig, den schmalen Körper beiseite zu schieben, ohne ihn zu wecken.

Doch wer ließ sich schon gern seiner Geborgenheit berauben? So krallte Kinta sich mit seinen schlanken Fingern in die weiche Unterlage und erntete ein Zischen und Fluchen und Seufzen.

„Kini, wach auf!“

Seine Decke sprach? Sein Bett sprach mit ihm? Blöder neumodischer Kram, wenn er den Schacht für die Batterien fand, ließe sich das sicher abstellen. Aber nicht jetzt, jetzt war es warm, weich, behaglich. Er wollte noch nicht aufwachen. Die Wattewolken, die ihn umgaben, waren so schön weiß und flauschig und schoben Kinta sanft zwischen sich her.

Aber wirklich Ruhe fand er nicht mehr, denn seine Matratze machte kurzen Prozess und ehe Kinta sich versah, landete er, nachdem er sich einmal um sich selbst gedreht hatte, mit der Decke auf dem Boden und Sekundenbruchteile später schlug die Zimmertür zu. Hä?

Es dauerte eine Weile, bis seine schwachen Augen sich auch ohne die Brille orientiert hatten. Die Drachenstickereien an den Wänden, die Klamotten, die überall herumlagen, eindeutig, er hatte mal wieder bei Kevin übernachtet. Und übrigens: Seit wann schmiss sein Freund ihn aus dem Bett?

Sich durch die völlig verwüsteten Haare streichend, bog Kinta den Rücken durch und streckte sich dann neben dem Bett wieder aus. Er sollte eben doch nicht mit nassen Haaren ins Bett kriechen und dann auch noch eine Decke drüberziehen. Er sah morgens immer aus wie ein explodiertes Sofa. Zumindest betitelte sein Freund ihn dann immer so liebevoll und es machte Kevin riesigen Spaß, an den abstehenden, nicht mal mit Gel und Haarspray zu bändigenden Strähnen zu ziehen. Klar, Kevin konnte das nicht passieren! Bei dieser blonden, hüftlangen, glatten Mähne war nicht viel durcheinander zu bringen. Wie auch?

Und überhaupt: Wo war Kevin eigentlich? Träge tastete sich eine von Kintas Händen abermals auf das Bett zurück, kam aber nicht weit, sondern blieb einfach auf der noch warmen Stelle liegen, die sie gefunden hatte. Da ging die Tür wieder auf. Leiser, ruhiger, fast etwas entspannt.

„Kini?“ Kevins Stimme klang etwas verwirrt. Hatte nicht eben noch der kleine schwarzhaarige Wuschel in diesem Bett gelegen? Und eine Decke? Und alles was jetzt noch da war, war eine blasse Hand? Eilig krabbelte er über die Matratze und blickte auf der anderen Seite auf den selig weiterschlummernden Jungen, der nackt und zusammengekugelt auf der Decke lag. Kevin schluckte und wurde rot. Verdammt – er sah das doch nicht zum ersten Mal. Was war denn nur los?

„Kini?“, versuchte er noch einmal, sich in Erinnerung zu bringen, wenn auch nur mit mittelmäßigem Erfolg. Der Angesprochene öffnete ein Auge und blinzelte.

„Wasch’n?“, nuschelte er noch, ehe er sich den Deckenzipfel vor seiner Nase griff und sich mit einer rollenden Bewegung in die Decke wickelte, somit gleichzeitig fast unter dem Bett verschwand.

Kevin fing unweigerlich an zu lachen. „Hey, Kleiner, ich weiß ja, dass du dich bei mir wohl fühlst, aber so?“ Er zerrte an der Decke und beförderte den langsam zu sich kommenden Jungen wieder hervor. „Na, einigermaßen geschlafen?“, wollte er mit einem Grinsen wissen, weil Kinta immer noch versuchte, ihn zu fokussieren. Ohne Brille war der Kleine eben wirklich nur ein halber Mensch. Sehr zu Kevins Glück, der so noch etwas Zeit hatte, das verräterische Glühen in sich abebben zu lassen.

„Komm noch mal ins Bett. Ist erst halb sieben und das an einem Samstag.“

Langsam kam der Schwarzhaarige wirklich zu sich, erinnerte sich aber gleichzeitig an den schmerzvollen Aufschlag auf dem Boden und so begehrte er erst einmal zu wissen, warum er das eigentlich über sich hatte ergehen lassen müssen.

„Hey, du kannst nicht einen Mann mit literweise Tee abfüllen und dann die ganze Nacht auf seiner Blase liegen, Kini. Das geht nicht! Am besten merkst du dir das schon mal, für deinen ersten Freund.“ Kevin fing an zu lachen und schlug sich das Kissen aufs Gesicht, als er einen schnaubenden, mit einer Decke bewaffneten Kinta auf sich und das Bett zustürzen sah.

Doch dann schien dieser sich eines besseren zu besinnen und kuschelte sich lieber auf der Matratze in die Decke und ignorierte den lachenden Blonden neben sich.

Der robbte langsam näher. „Hey, Kini.“ Verspielt drückte er seine Lippen auf den verwüsteten Haarschopf, der als einziges noch aus der Decke guckte. Auch wenn Kinta sein Shampoo benutzte, es roch so ganz anders an ihm, so... verführerisch. Kevin schüttelte erschrocken den Kopf. Schwachsinn.

„Kleiner!“

Der nuschelte irgendwas und kämpfte sich unter Luftmangel dann doch aus der Decke.

„Ach Kevi, ich hab herrlich geschlafen.“ Er drehte sich zurück, schien aber nachdenklich. „Aber ich hab vielleicht einen Mist geträumt! Stell dir vor.“ Kinta streckte sich ausgiebig und gab dabei wohlige Laute von sich, die fast ein Schnurren hätten sein können. „Ich war in einem Bordell und dort wohnte der schöne Drachenmeister, der was mit meinem Vater hat und mir ordentlich eine reingehauen hat.“ Er fing an zu lachen und schrie leise auf, als Kevins Finger sich auf den Bluterguss legten. „Tut mir leid, Kleiner, aber das war kein Traum.“

Kinta zuckte zusammen und schloss die blauen Augen wieder. „Ich hab’s befürchtet.“

„Geh duschen – ich mach Frühstück!“, hörte er noch Kevins Stimme. Aber die Worte perlten ab. Es war also wirklich kein Traum gewesen. Er hatte den Drachenmeister in diesem komischen Haus getroffen, der seinen Vater erwartete und der ihn wirklich geschlagen hatte. Fast etwas ungläubig befühlte er seine Wange und traf zielsicher die Blessur, zuckte zusammen und stöhnte auf.

Was sollte er tun? Was, um Gottes willen, sollte er jetzt tun? So viele Gedanken. So viele Fakten, die sich zu keinem Bild zusammenfügen ließen, egal wie er sie zusammensetzte. Es war wie ein Puzzlespiel, in dem das Schlüsselteil fehlte, ohne welches das Bild einfach nicht zu erkennen war. Und eine aufdringliche, hartnäckige, seit gestern in ihm nagende Stimme wies ihn immer wieder mit nervenaufreibender Vehemenz darauf hin, dass dieses Teil ihm nur sein Vater liefern konnte.

„Nö – mit dem red ich nicht! Der sagt mir eh nichts.“ Mit einer zur Faust geballten Hand schlug Kinta auf die Matratze unter sich. „Verdammt, was geht mich das alles an?“ Mit Kevins Kissen in der Hand rollte er nachdenklich über das Bett und überlegte: Wie frage ich meinen Vater nach einer Hure? Und wie erkläre ich ihm sein zerstörtes Buch. Der bringt...

„Kini, du liegst ja immer noch im Bett. Mach dass du ins Bad kommst, du Murmeltier.“

Kinta blickte sich erschrocken zur Tür um, wo Kevin immer noch nur in engen Shorts herumhüpfte und ein Messer schwenkte. „Los, du Faultier, Kaffee wartet und dann überlegen wir, was wir mit deinem Problem machen.“

Murrend erhob sich der Junge und versuchte noch einmal die Haare zu bändigen. Warum eigentlich? Die hatten eh ihren eigenen Willen. „Ich hab keinen Bock auf die Lösung meines Problems, das geht mich nichts...“

„Aber es zerfrisst dich schier, also rede, Kini, rede! Egal wie viel Mist dabei ist, ich sortiere das schon.“ Die grünen Augen blickten flehend. Kinta kannte diesen Blick und er wusste, was die nicht ausgesprochenen Worte bedeuteten, nämlich Angst um ihn, Angst, er machte ein weiteres Mal Mist.

„Dreh dich um, ich bin nackt“, fing Kinta plötzlich an zu lachen und warf ein Kissen. Doch das Kontra folgte auf dem Fuß. „Hey, du hast so nackt mit mir im Bett gelegen und an mir gefummelt – ich weiß also, wie du aussiehst, Depp.“ Er fing das Kissen, ließ es auf den Sessel neben der Tür fallen und verschwand lachend, ließ einen glühenden Kinta allein zurück.

Sich mit den Händen über den kleinen Nachttisch tastend, suchte sich Kinta seine Brille und setzte sie auf. Ja, endlich sah er wieder Formen, scharfe Konturen und nicht nur leicht verschwommene Farben. Wetten, Kevin schleift mich zu meinem allwissenden Herrn Vater, weil Professor Hayoto alles weiß, alles kann?, grübelte Kinta auf dem Weg ins Bad.

Voll schwerer Gedanken brachte der Junge Morgentoilette und Haare bändigen hinter sich und wanderte dann in Kevins Bademantel, den er auf seinem Weg ins Bad vor dem Bett eingesammelt hatte, in Richtung Küche, immer dem verlockenden Duft frischen Kaffees folgend, der ihn in die Küche lotste.

„Na los, der Kaffee wird kalt.“

„Kevin, eine Thermoskanne heißt so, weil sie, wie der Name schon sagt, in der Lage ist, die Temperatur ihres Inhaltes zu halten, ohne an die sie umgebende Luft übermäßig Energie in Form von Wärme abzugeben. Man bezeichnet es mit unter auch als quasi adiabatisches System, weil dem Übertragen von Energie nicht vollständig entgegen gewirkt werden kann. Kevi, was hast du eigentlich gelernt, in deinem Studium?“

Kinta schmierte sich das frisch aufgebackene Brötchen und leckte sich unbewusst die Lippen, überhörte das gelachte „Klugscheißer“ und löffelte dann Zucker in den Kaffee. Richtig echten Kaffee, den er selber nur dann brühte, wenn er Zeit hatte oder krank war. Also fast nie.

„Und, was wirst du heute noch anstellen?“ Kevin schmierte sich die zweite Hälfte seines Brötchens und musterte den kleinen, immer noch grinsenden Klugscheißer. Und der wurde ernst.

„Ich weiß es echt nicht, Kevi. Auf keinen Fall zurück zu diesem Kage, der nimmt mich auseinander. Ich habe Augen noch nie so voller Hass gesehen.“ Ein Schauer durchwanderte seinen schmalen Leib und ließ ihn zittern, dass die Tasse in seiner Hand die Ausläufer dessen nicht verbergen konnte. „Er wird nicht mit mir reden. Er hat mir verboten, seine Wohnung noch einmal zu betreten“, erinnerte sich Kinta wieder an die Angst, die seinen Körper durchlaufen hatte, als der Fremde ihm immer näher gekommen war, immer dichter. Das schwarze Haar, der anziehende Duft nach herbem Parfum, das Feuer in den Augen, die braune Haut. Kinta schüttelte den Kopf. Kage wollte ihn nicht noch einmal sehen und gut.

„Also gibt es nur einen Menschen, der Klarheit in die Sache bringen kann und ...“

„Den ich unter Garantie nicht fragen werde und wenn mich die Neugier bis auf die Knochen abnagt“, vollendete Kinta den Satz und blickte Kevin versucht finster an. Aber die grünen Augen ließen ihn schmunzeln. Ach ja, Kevin war eben doch der einzige, dem er nicht böse sein konnte, nicht mal, wenn der versuchte, ihn gerade zurück in die Wohnung seines Vater zu schicken. Nach dem Tod seiner Mutter bewohnte sein Vater irgendwo in dieser Stadt eine neue Wohnung, die Kinta noch nicht einmal betreten hatte und deswegen nicht wirklich traurig war.

„Kini, denk doch mal nach.“

„Och komm, du hört dich an wie mein Alter, der allwissende Schöpfer persönlich: Junge, streng deinen Kopf an! Junge, überleg doch mal selber, du bist doch so schlau! Danke.“ Seine Zähne schlugen sich in das halbe Brötchen und so ging der Rest in Nuscheln unter und entlockte Kevin ein Grinsen.

„Wasch’n?“

„Kini, du bist gerade ziemlich kindisch. Dass kannst du deinem Psychologen ruhig glauben.“

Der Schwarzhaarige zuckte nur die Schultern, murmelte was von 'egal' und 'nicht sehen wollen', 'nicht wissen, was sagen'. Ob der Junge eigentlich wusste, wie niedlich er war, wenn er so verlegen am Tisch saß und langsam in sich zusammen sank, weil er einfach weder aus noch ein wusste? Anscheinend nicht.

„Kini, auch nicht für mich?“

Kinta blickte auf und schaute in die leuchtend grünen Augen, schwieg sich aber erst einmal aus. Lieber folgte er den Lichtreflexen an der Wand mit den Augen.

Die Sonne stieg langsam über die Dächer hier in Uptown, schlich durch das kleine Wohnzimmerfenster in den spärlich möblierten Raum und weiter in die enge Küche. Auch Kevins Wohnung glich der seinen. Ein Wohnzimmer mit offenem Zugang zur Küche, ein kleiner Flur, ein winziges Bad und ein Schlafzimmer, in dem Kevins Computer stand. Das einzige Fenster der Wohnung lag auch bei Kevin im Wohnzimmer.

„Warum für dich?“, wollte er unsicher wissen und musterte das Gesicht seines Freundes.

„Kini, na ja…“ Kevin wirkte angespannt. „Er ist mein Meister, ich respektiere ihn sehr. Ich muss wissen, was mit ihm ist.“ Es klang nachdenklich.

Na prima, hatte Kinta also auch in seinem Freund Zweifel an seinem Glauben gesät? Konnte er nicht endlich mal selbstständig werden und seine Probleme alleine tragen? War er mit seinen fast zwanzig Jahren wirklich so unfähig, sein Leben allein zu leben und wann hatte Kevin eigentlich begonnen, das seinige mit zu leben? Warum konnte sein Freund in ihm lesen, wie in einem offenen Buch? Er war doch so was von erbärmlich!

Und nun saß sein bester Freund Kevin ihm gegenüber und begann an dem einzigen Menschen zu zweifeln, zu dem er aufgeschaut hatte. Nein, es musste etwas geschehen. Und wenn er seinem Vater schon die Zerstörung des Buches beichten musste und sich den Kopf abreißen ließ, konnte er auch gleich mal nach dem Stein und diesem Mann fragen. Dann verlor er den Kopf auf seinen Schultern wenigstens nicht ganz um sonst. So oder so würde sein Vater toben, egal was er alles zur Sprache brachte. Kinta schluckte noch einmal geräuschvoll.

Ja, er würde es tut, für Kevin würde er es tun.

Er seufzte, atmete noch einmal tief durch. „Ich geh zu meinen Vater. Jetzt – eh mich der Mut wieder verlässt.“


7. Sag ihm, dass ich ihn immer noch liebe

Natürlich hatten sie noch gut eine halbe Stunde gesessen und das Frühstück in der aufgehenden Morgensonne genossen. Kevin hatte dem Jungen noch ein Brötchen aufgeschwatzt und Kinta hatte unter dem strafenden Blick und den Worten, er esse sowieso zu wenig, alles verputzt. Allerdings nicht ohne ordentlich zu protestieren – so wie immer.

Doch dann hatte es Kinta nicht mehr ausgehalten. Die wieder und wieder aufsteigenden Fragen, auf die er und auch Kevin beim besten Willen einfach keine Antwort fanden, zermarterten ihm das Hirn. Er konnte es nicht abschalten. Zu allem Übel war auch noch Wochenende. Keiner war im Labor.

Wenn er ehrlich war: Er hatte ja schon mit dem Gedanken gespielt, einer Konfrontation wie immer lieber aus dem Weg zu gehen und anstatt sich seinem Vater zu stellen, sich in Arbeit zu verkriechen und es einfach zu ignorieren. Irgendwann würde die Neugier auch wieder abflauen, so redete er sich das jedenfalls ein.

Doch Kevins Augen – dieses intensive Grün, immer wenn er von seinem Meister sprach – war heute Morgen getrübt gewesen. Das gefiel Kinta nicht und dagegen wollte er etwas unternehmen.

So ging er nun seufzend die schmale Straße entlang. Es war die 251te Nebenstraße, die er, der Sonne entgegen, folgte, die ihn von Kevins Wohnung in Uptown in die Neustadt brachte.

Natürlich hätte er die Bahn nehmen können. Natürlich hätte er auch seinen Vater einfach anrufen können. Aber er kannte sich selbst schon viel zu gut. Er wusste, er würde vorher auflegen oder wieder nicht den Mut finden. Seit Jahren hatten sie sich nichts mehr zu sagen und Kinta konnte nicht sagen, ihm würde wirklich etwas fehlen. Er war es gewohnt, ignoriert zu werden. Er hatte sich damit abgefunden, dass von ihm erwartet wurde zu funktionieren und sich nicht wirklich jemand Gedanken darum machte, ob es wirklich an dem war.

„Oh Kinta – du bist so ein Häufchen Selbstmitleid.“ Er fing lauthals an zu lachen. Die wenigen Leute, die um diese Uhrzeit auf den engen Straßen in Uptown unterwegs waren, schlugen die Mantelkragen höher und versuchten den anscheinend Wahnsinnigen zu ignorieren. Das war nichts Seltenes hier. Die Einsamkeit und das stetige Pulsieren in diesem nie schlafenden Teil der Stadt trieben ihre Bewohner früher oder später in andere Stadtbezirke oder in den Wahn. Wer hier wohnte, tat das nicht freiwillig. Und die wenigen Leute, die um diese Zeit unterwegs waren, kamen oder gingen zur Arbeit. Sie hatten für ihre Mitmenschen kein Interesse.

Und Kinta war es egal. Wenn er schon nicht mehr richtig funktionierte, wollte er sich auch ein paar menschliche Züge leisten, Schwächen. War doch egal! Wen interessierte das schon?

Neben sich hörte er das leise Summen der Magnetbahn, die auf ihrer Schiene an ihm vorbei glitt, zweihundert Meter vor ihm an einer Haltestelle neue Passanten aufnahm und dann aus seinen Augen verschwand. Unaufhaltsam pulsierte die Lebenslinie der Stadt an ihm vorbei. Die Bahnen fuhren im Fünf-Minuten-Takt.

Ein Blick auf die Uhr auf seinem Palm machte ihm zwei Dinge klar: Erstens – es war noch nicht einmal acht Uhr an einem Samstag Morgen, zweitens – um diese Uhrzeit durfte er seinen Vater noch nicht aus dem Bett klingeln, ohne mit einer satten Portion Ärger zu rechnen. Deswegen hatte er auch beschlossen zu laufen – das kostete Zeit und sparte ganz nebenbei auch noch Geld.

Das Navigationssystem in seinem Handy hatte ihm den Weg zur Wohnung seines Vaters aufgezeigt und leitete ihn nun durch eine automatisierte Ansage in seinem Headset den Weg durch die Straßen.

Die Stadtviertel dieser synthetischen Stadt grenzten sich scharf gegeneinander ab. Und so fiel es jedem, er nur mit einem halboffenen Auge durch die Straßen schritt, auf, als er Uptown verlassen hatte und nun in der Ecke der Neureichen gelandet war. Okay, „Ecke der Neureichen“ hieß dieses Viertel nicht wirklich, sondern Middle-East. Aber hier wohnten meistens Leute, die zwar wenig hatten, aber es verstanden, es mehr aussehen zu lassen. Neureiche eben.

Kevin hatte für solche Exemplare der Gattung Mensch eine seltsame Begründung, hautsächlich gestützt auf Besitzneid und Prestigesucht. Oh ja, da hatten sie schon lange Gespräche drüber geführt.

Kinta grinste in sich hinein. Kevin – das war schon einer. Immer lieb, immer freundlich, selten laut. Der einzige Mensch, der ihm die Sicherheit bieten konnte, die Kinta suchte. Sicherheit, die eigentlich sein Vater ihm sollte geben können. Aber es war nicht an dem.

Und dass Kinta jetzt hier durch die fast leeren Straßen lief, tat er, wenn er ehrlich zu sich selbst war, auch nicht nur für sich, sondern für Kevin. Ja, er wollte wissen, war passiert war, welches Geheimnis diese beiden Männer verband, von denen einer sein Vater war. Aber nicht mehr wirklich nur für sich. Kinta hatte sich abgefunden mit der Tatsache, dass sein Vater einer männlichen Hure wohl seine Gunst erwiesen hatte oder vielleicht immer noch erwies. Sollte er doch. Es ging Kinta nichts an, es interessierte ihn eigentlich nicht mehr vorrangig. Zumindest redete er sich das vehement ein.

Je weiter er sich seinem Ziel allerdings näherte, umso weniger hatte er Lust, seinen Vater überhaupt noch zu sehen. Er konnte sich doch jetzt schon denken, wie das laufen würde. „Hallo Junge, was willst du hier."

Junge! Es war zum aus der Haut fahren! Er selbst hatte Kinta damals seinen Namen geben, das hatte ihm seine Mutter immer wieder erzählt. Und heute erinnerte er sich nicht einmal mehr daran?!

„Wahhh!“ Kinta schüttelte den Kopf, er hatte wohl ganz entschieden zu viel Zeit, wenn er schon wieder diesen Schwachsinn denken konnte.

So drückte er zwei Tasten an seinem Handy und lauschte einer sanften Melodie. Seit wann dieser Daten-Stick mit ein paar Liedern bereits in dem Gerät war, konnte Kinta auch nicht mehr sagen. Aber so alt, wie die Lieder waren, mochte er auf ein halbes Jahr tippen.

Aber: Es hatte den gewünschten Erfolg. Er sang leise mit, hörte nur noch die Texte, die er sich in Erinnerung zu rufen versuchte, um sie Wort für Wort wahrzunehmen. Zwischendrinnen folgten die Anweisungen des Navigationssystems – mehr nicht. Seine Füße folgten diesen automatisch. Der Kopf war leer. Leer wie selten.

Ein seltsames aber nicht unangenehmes Gefühl, wie er für sich befand, als das nächste Lied begann und er versuchte, sich an den Namen des Interpreten zu erinnern.

~*~

Seit einer Stunde stand er nun unter dem leichten Vordach des kleinen Straßencafés. Ja, wenn die Straßen so breit waren wie hier in der Neustadt, konnte man es sich wohl leisten, diesen Platz mit unnützen Sachen wie Bänken, Stühlen und Tischen voll zu stellen. Kinta blickte über die Straße, den Blick immer wieder durch einen vorbei fliegenden Gleiter unterbrochen. Das Glas Wasser neben sich perlte leise. Der Besitzer des Cafés hatte es ihm lächelnd gebracht und, als Kinta nach seinem Portemonnaie greifen wollte, nur abgewinkt. Er hätte noch nicht geöffnet, erzählte der Mann, und wenn ein junger Mann schon zu so früher Stunde unterwegs wäre, hätte er sicher einen schweren Gang vor sich.

Ob der Alte eigentlich wusste, wie Recht er damit hatte?

Kinta hatte wohl einen der schwersten Gänge vor sich, die er sich nur vorstellen konnte. Er beobachtete immer wieder die Fensterreihe in der dreiundzwanzigsten Etage. Wieder und wieder. Dort sollte er wohnen: Hirose Hayoto, sein Vater, dessen Adresse er noch irgendwo im Speicher seines Palm und deren Lage er nur durch einen interaktiven Stadtplan gefunden hatte. Tano hatte sie ihm mal gegeben, denn sein eigener Vater hatte es damals nicht für nötig befunden, ihm seine neue Anschrift mitzuteilen. Schließlich hätte sich der Junge diese ja auch aus der Datenbank des Universitätsrechners holen können, wenn es ihn interessiert hätte.

So lief das doch eigentlich schon seit Jahren.

Kinta lehnte sich in dem Stuhl zurück, das Holz ächzte leise. Er hatte lange nicht mehr auf Holz gesessen, eigentlich waren die Bäume rings um die künstliche Atmosphäre von Portuna-City viel zu kostbar, weil sie der Schadstoffkonzentration in der Luft trotzten, sich des sauren Regens erwehrten und deswegen von vier verschiedenen Lehrstühlen der Universität tagtäglich studiert wurden. Es gab nicht mehr viele von ihnen und die Nachzucht war langwierig. Bäume ließen sich nicht klonen. So wurden die letzten Exemplare studiert bis in die kleinste Wurzel und fast mit Gold aufgewogen. Nachts wurden sie bewacht – was für ein Aufwand!

Kinta hatte gelesen, dass man früher viel Holz benutzt hatte, sogar zum heizen der Wohnungen. Er schüttelte den Kopf. Wie hatte der Mensch so verschwenderisch mit dem kostbaren Gut umgehen können? Angeblich hatten sie Wälderweise überall auf dem Planeten gestanden. Wälder so dicht, dass man ihr Ende nicht sah – etwas, was Kinta sich kaum vorstellen konnte. Alte Bilder aus dieser Zeit hatten ihn staunen lassen.

Und nun saß er auf einem dieser sicher alten Stühle in diesem kleinen Café, das warme Material unter seinem Körper. Es brachte nichts, sich darüber jetzt den Kopf zu zerbrechen. Er was schließlich nicht zum Spaß hier. Mit einem tiefen Seufzen trank er das Glas leer, bedankte sich bei dem alten Mann, der ihm viel Glück wünschte und erhob sich entschlossen.

Kinta atmete noch einmal tief durch. Ohne den Blick nach rechts und links überquerte er die Straße und schritt auf den Hausaufgang zu. Durch die großen Abstände zwischen den Häusern in diesem Viertel wurde hier sogar die Straße von der Sonne beschienen. Ein seltsamer Anblick. In seiner Gegend reichte das Sonnenlicht nur selten tiefer als bis zur achten Etage.

Und noch ehe er auch nur einen einzigen Gedanken fassen konnte, der ihn noch einmal hätte zögern lassen, schritt Kinta auf die Klingelanlage zu und drückte den Knopf für die dreiundzwanzigste Etage: Hayoto, Hirose.

„Ich Depp!“, fluchte er auch schon, als er seinen Finger sah, der auf den Knopf drückte. Dank seines Fingerabdruckes wurden wohl bereits seine Daten auf dem Flüssigkristallbildschirm neben der Wohnungstür geladen. Somit wusste seinem Vater, sollte er bereits wach sein, wohl schon wer ihn sprechen wollte.

Umso überraschter wirkte die Stimme, als sich mit einem leisen Rauschen die Sprechanlage einschaltete und das Bild Hiroses auf einem kleinen Bildschirm erschien. „Junge, was machst du denn hier?!“

Oh, welch innige Begrüßung, herzlich wie immer!, dachte Kinta sarkastisch, antwortete aber leise: „Reden“, fügte dann aber noch etwas lauter ein „Guten Morgen“ an und formulierte sein Anliegen in einem Satz. Knapp, präzise, allumfassend, so wie die karge Kommunikation zwischen ihnen immer lief.

Noch bevor er den Satz wirklich zu Ende gesprochen hatte, glitten die beiden Hälften der großen Glastür neben ihm auseinander und gaben den Blick in eine helle Empfangshalle frei. Ein junger Mann in roter Uniform kam ihm lächelnd entgegen und blickte auf einen Monitor über den Aufzügen, der ihm wohl sagte, in welche Etage der junge Besucher mit den schwarzen zerwühlten Haaren wollte.

Schweigend aber immer noch lächelnd geleitete er Kinta zum Aufzug und gab mit einer ID-Karte, die er durch ein Lesegerät zog, den Weg frei. Und schon schlossen sich die Türen und der kleine Raum setzte sich in Bewegung.

„Jetzt gibt es kein Zurück. Ich werde ihn fragen“, versuchte Kinta sich selbst noch einmal Mut zu machen, als er leise schluckte, weil ihm das Buch wieder einfiel. Das Buch, das er nicht zerstört hatte, das aber kaputt in seiner Tasche lag. Instinktiv drückte er seine Umhängetasche dichter an sich. „Wird schon schief gehen.“

Es gab kein Zurück – keinen Fluchtweg. Unaufhaltsam brachte der Aufzug ihn seinem Schicksal näher. Was würde ihn erwarten? Was wollte er sagen? Was wissen? Wie anfangen?

Schnell tippte Kinta noch eine Nachricht in sein Handy, in der er Kevin mitteilte, er wäre jetzt da und würde sich melden, sobald er die Wohnung seines Vaters wieder verließ. Dann schaltete er das Gerät ab. Nichts sollte sie stören. Schließlich hatte sein Herr Vater ihm einiges zu erklären!

„Vorausgesetzt, er macht den Mund auf.“ Kintas linke Hand krampfte sich in der Jackentasche um die Ersatz-Karte für Kevins Wohnung, damit er sich nicht wieder den Finger wund klingelte, weil Kevin mit Köpfhörern in der Küche stand und den Abwasch mit der Hand erledigte. Das hatten sie schon mal erlebt und etwas daraus gelernt.

Ein leises >bing< riss Kinta aus seinen schon wieder abschweifenden Gedanken und Augenblicke später blickte er in die blauen Augen seines Vaters. Das Gesicht war noch von Müdigkeit gezeichnet. Sicher hatte sein Sohn ihn aus dem Schlaf geklingelt. Aber korrekt wie immer trug er bereits Hose und Hemd.

Eine Weile lang starrten sie sich nur an, bis die Türen des Fahrstuhles sich wieder schließen wollten und die leise Stimme seines Vaters Kinta in die Wohnung bat.

Sie ähnelte nicht im Geringsten den kleinen Räumen, in denen sie damals zusammen mit seiner Mutter gelebt hatten. Er betrat einen weiten Raum, erhellt durch eine ausladende Fensterfront. Dieser teilte sich auf zwei Etagen und wurde durch eine weitläufige, fast schwebende Treppenkonstruktion verbunden. Kinta wollte nicht neugierig sein und anfangen sich umzusehen, aber es ging nicht anders.

Allein in die flurähnliche Halle zwischen Fahrstuhl und Licht durchflutetem Wohnzimmer hätte seine ganze Wohnung gepasst.

„Leg ab, der Kaffee ist gleich durch“, sagte Hirose fast etwas zu leise, wandte sich um und schritt durch den Flur, durch das Wohnzimmer und dann nach rechts, wo Kinta die Küche vermutete. Also streifte er schnell die Schuhe ab und folgte seinem Vater.

Es war zu merken, Hirose versuchte Ruhe auszustrahlen. Aber er wirkte unsicher. Warum? Warum wirkte er unsicher? Hatte er etwas zu verbergen oder lag es einfach daran, dass Kinta etwas wollte, mit dem er nicht gerechnet hatte, weil sie es schlicht und ergreifend nie taten? Reden – wann hatten sie schon das letzte Mal geredet?

Schweigend wurden Tassen aus dem Schrank auf den Tisch gestellt. Ein Aufzug neben dem Herd blinkte unaufdringlich und als Hirose die Tür öffnete, stand dort ein Servierwagen mit einem einladenden Frühstück. Kinta schluckte, es sah verlockend aus. Aber nein. Er hatte mit Kevi gefrühstückt. Er war hier, um zu reden und nicht um sich den Magen zu verderben!

„Also, was willst du? Laufen die Versuche nicht oder fehlt dir noch Literatur?“

Kinta, der gerade ein paar Löffel Süßstoff in seinen schwarzen Kaffee rührte und mit einem Kopfschütteln das angebotene Frühstück verweigerte, blickte auf und funkelte seinen Vater an.

„Wer ist Kage no Jonetsu?“, wollte er wissen und versuchte, eine Regung in dem markanten Gesicht zu finden. Man hätte das Zucken der Augenbraue übersehen können, wenn man Hirose nicht kannte. Aber Kinta kannte ihn sehr wohl! Und es fiel ihm auf. Der Name sagte seinem Vater also was.

Doch entgegen dessen antwortete der Mann nur: „Was ist das? Sollte ich mit diesen Worten etwas anfangen können?“

Kinta schluckte ob dieser Kälte, mit der sein Vater ihm entgegen trat. „Das solltest du. Schließlich wohnt diese Hure in einem Bordell. Der Schlüssel zu seinem Zimmer lag in einem deiner Bücher und er sprach mich mit deinem Namen an! Er hat auf dich gewartet, Vater – was soll das alles?!“ Die Worte sprudelten nur so aus ihm heraus, er musste es loswerden, jetzt aussprechen, bevor ihn der Mut verließ.

Hiroses blaue Augen blitzten, als er sein Augenmerk von seinem Kontinentalfrühstück zu seinem Sohn verlagerte.

„Du bewegst dich gerade auf dünnem Eis, mein Lieber. Was willst du mir sagen? Dass ich es nötig habe, Huren aufzusuchen? Männliche noch dazu?“

Kinta schüttelte nur den Kopf. So viel Unverfrorenheit! „Mag sein, dass du glaubst, es ginge mich nichts an ...“, begann er deswegen so ruhig, wie es ihm nur möglich war, doch sein Vater fiel ihm ins Wort.

„Das glaube ich allerdings, Junge.“ Hirose setzte die Tasse Kaffee an die zitternden Lippen und trank in langen Zügen, goss sich nach und blickte nicht auf. Kinta saß ihm mit offenem Mund gegenüber und konnte es nicht glauben, obwohl er mit genau dieser Reaktion ja eigentlich gerechnet hatte. Was hatte er anderes erwartet? Dass sein Vater ihm sein Leben vor die Füße kotzte? Dass er freudestrahlend seine Vergangenheit vor Kinta ausbreitete? Wie er fremdgegangen war? Wie er seine Mutter betrogen hatte?

Wütend über sich selbst erhob sich Kinta. Er hatte es doch gewusst!

„Es geht mich also nichts an, wenn ein wildfremder, schwarzhaariger Kampfsportler mich schlägt, weil er wütend auf dich ist und mir was vom Ficken um die Ohren schleudert? Das geht mich nichts an? Ja?“ Kinta wusste selbst nicht, wo er all diese Energie auf einmal herholte, um seinem Vater seine Gedanken entgegen zu schreien. Noch weniger wusste er, wo all diese Emotionen plötzlich her kamen. Seine zitternden Finger krampften sich um den kalten Marmor des Tisches, als er seinen Vater immer noch anblickte, jetzt von oben herab auf den Mann sah, der mit Nerven zerreißender Ruhe sein Rührei aß. Am liebsten hätte Kinta ihm diesen Teller entrissen und gegen die Wand geschleudert, nur um endlich Aufmerksamkeit zu bekommen.

„Setz dich wieder hin und mäßige deinen Ton.“ Dann leerte Hirose die zweite Tasse Kaffee.

„Das glaube ich nicht“, flüsterte Kinta leise. „Das. Glaube. Ich. Nicht.“ Etwas lauter.

Mit zitternden Fingern zog er das Buch aus der Tasche und legte es – zusammen mit dem Stein – auf den Tisch. „Sagt dir das was?“, fragte er erstaunlich ruhig und schlug das Buch in der Mitte auf, zog das Seidentuch heraus und legte es auf den Tisch. Den Stein mit der Drachenapplikation darauf legte er daneben und setzte sich wieder. „Sag mir, dass dir diese Sachen nicht bekannt vorkommen, Vater.“

Die blauen Augen Hiroses wanderten vom Buch zum Stein, zurück zum Buch, wieder zum Stein und dann zu Kinta. „Wer hat mein Buch zerschnitten?“, begehrte die jetzt etwas kratzige Stimme versucht gefasst zu wissen.

„Ich nicht.“ Es war schon fast ein Reflex und Kinta verwünschte sich dafür, wegen seiner Angst, seiner Feigheit. Er hatte nichts Unrechtes getan, verdammt! Er stand hier nicht vor Gericht!

Zwei schlanke, blasse Finger strichen über die gold- und platinglänzende Drachenapplikation, als würden sie sie wieder kennen.

Ich hab’s doch gewusst! Der weiß genau, wer der Kerl ist!, schoss es Kinta durch den Kopf. Er rutschte nervös auf seinem Stuhl herum. Das schwingende Stahlgerüst ächzte leise. Verdammt Vater! Sag was – schmeiß mich raus, erkläre mit alles. Egal was – aber sag was!

Nervös ballte Kinta die Hände unter dem thekenartigen Tisch zu Fäusten, grub die Nägel in die Handballen und entspannte sich wieder, als der Schmerz zu stark wurde und ihn zurückholte. Doch dann hielt er die Anspannung nicht mehr aus. Er hatte es versucht, hatte alles offen gelegt. Wenn sein Vater nicht reden wollte, war er sicher nicht der jenige, mit dem Hirose reden wollte.

„Es ist besser, du gehst jetzt“, hörte er seinen Vater nach fast endlosen Minuten sagen. Die Stimme war leise, zitterte und wirkte bei weitem nicht wie Professor Hayoto, wirkte wie Kinta, wenn er nicht weiter wusste und Kevin trösten musste.

Was war geschehen? Hatte er etwas aufgerissen, von dem Hirose geglaubt hatte, es läge lange genug zurück?

Mit einem sichtlich schlechten Gewissen, welches Kinta eigentlich gar nicht haben wollte und sich selbst dafür verfluchte, griff er sich Buch und Stein und erschrak fast zu Tode, als sein Vater seine Hand festhielt. „Lass es hier.“

Kinta war so in sein Tun vertieft gewesen, dass er nicht bemerkt hatte, wie der blonde Mann aufgestanden war und den Tisch umrundet hatte.

Kinta schluckte. Die blauen Augen seines Vaters wirkten traurig. Aber seinen Stein hier lassen? Den einzigen Schlüssel zur Lösung dessen, was sein Vater ihm nicht sagen wollte? Nein!

Eilig steckte er den Stein in das Buch und das Buch in die Tasche. „Nein, ich bin sein Herr – und nur ich! Dich geht es nichts an, du kennst ihn nicht!“

Kinta rannte schon fast, als er zum Flur eilte, Jacke und Schuhe überzog und wieder und wieder auf den Knopf drückte, der den Fahrstuhl rief. Sein Herz raste und er wusste noch nicht einmal warum.

Langsam kam Hirose ebenfalls in den Flur und ließ seinen Sohn nicht aus den Augen. Sie starrten sich für Sekunden an, maßen sich mit Blicken, bis ein leises >bing< Kinta erlöste und er hastig, geradezu fluchtartig, in den kleinen Raum stieg, der ihn in die Freiheit bringen sollte.

„Leb wohl, Vater.“

Der nickte nur. Die Türen glitten langsam zu und Kinta wusste nicht, ob er die letzten Worte wirklich noch gehört hatte: Sag ihm, dass ich ihn noch immer liebe.

Doch da waren die Türen schon zu und der Fahrstuhl auf dem Weg nach unten.