Du befindest Dich hier: Geschichten > Geschichten frei bis 16 > Fich > Beherrsche nicht > Beherrsche nicht Teil 9 bis 14

Beherrsche nicht Teil 9 bis 14

8. Ich will dich nicht verlieren

Sag ihm, dass ich ihn immer noch liebe?

Wieder und wieder hämmerten die Gedanken in Kintas Kopf.

Warum?

Sein Vater?

Dieser Kage?

...immer noch liebe…

Dass es begonnen hatte zu regnen, spürte Kinta nicht. Dass er mit gesenktem Kopf Passanten anrempelte, die ihm Beleidigungen hinterher warfen, ignorierte er. Alles was zählte, waren diese Worte – so kleine unschuldige Worte, die so viel offenbarten.

Seine Füße trugen ihn, ohne dass er wusste wohin.

~*~

Die Tür fiel schwer ins Schloss, als Kage sein Apartment erreicht hatte. Seit dieser Junge hier gewesen war, hatte er nicht geschlafen, viel zu viel nachgedacht und die ganze Nacht trainiert. Es war mittlerweile die einzige Möglichkeit, die er noch hatte, um seinen Kopf frei zu bekommen. Nicht einmal anonymer Sex mit einer Schönheit brachte ihm noch die Entspannung, die er ab und an suchte.

Es war damals drei Tage nach Hiroses Verschwinden gewesen. Er hatte viel zu viel geweint, viel zu viel gegrübelt und viel zu lange versucht, sich etwas zu erklären, an dessen Lösung er sich nicht versuchen brauchte, weil er sie nicht finden konnte.

Damals hatte er begonnen zu laufen – egal wohin. Die erste halbe Stunde hatten die Beine geschmerzt, irgendwann nach zwei Stunden war dieser Schmerz verflogen. Er hatte dank der körpereigenen Aufputschmittel, die bei Überbelastung ausgeschüttet werden, nicht mehr aufhören können zu laufen und das Gefühl war einfach unbeschreiblich gewesen, geradezu berauschend – der Kopf war total leer und er hatte das erste Mal nach Tagen wieder geschlafen, traumlos und erholsam.

Seit dem hatte Kage diese Methode für sich auserkoren, um Gedanken, deren Erklärung er nicht allein finden konnte, abzuschütteln, das Grübeln aufzugeben und sich selbst vor dem Wahnsinn zu schützen.

So wie letzte Nacht.

Er war zum Dojo gefahren und hatte sich umgezogen. Dann war er gelaufen, die leeren Straßen rauf und runter, kreuz und quer, hatte anfangs noch die Straßen gezählt und versucht sich zu orientieren. Irgendwann waren die Bilder der spärlich beleuchteten Viertel nur noch an seinen Augen vorbei geflogen, ohne dass er sie wirklich wahrgenommen hatte. Alles was er vor sich gesehen hatte, war Hirose gewesen, wie er vor ihm davonlief, das lange, blonde Haar wehte hinter ihm her wie ein Umhang.

Und so hatte Kage seinen Schritt beschleunigt, den gestählten Körper zu Höchstleistungen getrieben – die Füße waren nur so über den Asphalt geflogen, doch er war Hirose keinen Schritt näher gekommen. Egal wie schnell er war, er war nicht schnell genug.

Es war so frustrierend gewesen, als plötzlich der überlastete Kreislauf versagte und er ohnmächtig zu Boden gegangen war.

Lange konnte Kage dort nicht gelegen haben, denn die Wunde, die er sich beim Sturz am Knie zuzog, blutete noch sehr flüssig, als er wieder zu sich kam. Kage richtete sich auf und lehnte mit dem verschwitzten Rücken gegen die raue Hauswand.

Er hatte es doch fast verdrängt, es fast geschafft! Er hatte endlich wieder angefangen ein Leben zu führen, das man auch so nennen konnte. Weit ab vom Grübeln und Trauern, dem Nicht-wissen-warum, dem Fragen-was-dann.

Und dann?

Dann kam dieses Würstchen von Kerl und riss die alten, vernarbten Wunden auf!

Wütend über sich selbst hatte Kage begonnen die geballten Fäuste hinter sich in die Wand zu schlagen, den Schmerz willkommen geheißen, der die Gedanken benebelt hatte.

Er war zum Dojo zurückgelaufen, doch Hiroses Bild war nicht wiedergekommen. Mit nachlässig versorgten Wunden war er nach Hause gefahren und nun lehnte er noch immer mit wild schlagendem Herzen in seinem Flur an der Wand neben der Garderobe und hatte nicht einen seiner quälenden Gedanken verdrängen können.

Wütend über sich selbst machte sich der Schwarzhaarige auf den Weg in die Küche und griff wahllos in den Kühlschrank. Das kalte Wasser, das seine ausgetrocknete Kehle hinab rann, weckte Kages Lebensgeister. Nur nebenbei fiel sein Blick auf die Schüssel mit Reis und Gemüse, die seit gestern Abend hier standen. Er hatte sie gekocht, um sich einen gemütlichen Abend mit einem Buch zu machen - und war von dem kleinen, miesen Typen abgehalten worden es zu genießen.

Wütend warf er dem Essen noch einen letzten Blick zu, als er sich umwandte, das Tatami-Zimmer durchschritt und in der Bibliothek langsam die Treppe hinaufstieg. Sein Weg führte ihn zielstrebig auf den Wasserfall zu. Ohne es wirklich wahrzunehmen streifte Kage die Kleider von der bronzenen Haut und warf sie achtlos beiseite. Das massierende Wasser tat gut, das bereits getrocknete Blut löste sich und wurde langsam fortgespült.

Mit einem sanften Lächeln ging er hinüber zum Warmwasserbecken an der kurzen Seite des Badezimmers und ließ sich in die Wanne gleiten.

Dass sich das warme Wasser wie große streichelnde Hände auf seinem Körper anfühlte, konnte er nicht vermeiden. Es war zu angenehm, um sich gegen diesen Gedanken zu wehren.

„Hirose – komm endlich zurück zu mir ...“

~*~

„Mach dir doch nichts vor, Kevin!!“

Kinta stutzte.

Wo kam den Marisos Stimme auf einmal her? Er schüttelte ein bisschen den Kopf, als er sich umsah und Kevins Flur erkannte. In seiner Hand fand er noch immer die ID-Karte. Sein Freund hatte sie ihm heute Morgen gegeben, damit Kinta nicht vor verschlossner Tür stehen musste, wenn er reden wollte und Kevin mal wieder die Klingel nicht hörte.

„Ich mach mir nichts vor – Kinta ist ein Freund, ein guter Freund und nicht mehr!“

Das war Kevi, oder? Warum klang er so nervös? Kinta bewegte sich nicht, aus Angst aufzufallen. Er wusste nicht, was hier gespielt wurde und wollte erst einmal abwarten.

Plötzlich war Marisos heiseres Lachen zu hören. Es klang weder von Herzen noch echt, mehr gepresst, wie Kinta befand. Er fühlte sich mies, hier zu hocken und den beiden beim Streiten zuzuhören. Andererseits musste er mit Kevin reden! Unbedingt! Aber er wollte auch nicht stören. Mariso war doch schließlich Kevins Freundin, die Frau, die er liebte, mit der er sein Leben...

Ein spitzer Schrei riss Kinta aus seinen Gedanken. Er kam aus dem Wohnzimmer, dort wo Mariso und Kevin zu streiten schienen.

„Hör doch wenigstens auf zu lügen!“ Marisos Stimme wurde lauter und Kevin entgegnete ebenfalls sehr laut, er würde nicht lügen, Kini wäre ein Freund und nicht mehr. Warum betonte der Blonde das immer wieder und warum hatte Mariso plötzlich ein Problem damit?

„Ja klar – ein Freund! Ein Freund, mit dem du ins Bett steigst, der sich an dich kuscheln darf, der die zweite Karte zu deiner Wohnung hat ...“

Schuldbewusst blickte Kinta auf die Karte in seiner Hand und ließ sie fallen, als hätte er sich verbrannt. Verdammt, was ging denn hier ab? Stolperte er von einer Katastrophe in die nächste oder zog er sie einfach nur magisch an?

„...dessen Name du beim Sex stöhnst. Schon klar Kevin. Nur ein Freund.“

Mit einem unterdrückten Keuchen fiel Kinta mit dem Rücken gegen die Wand in seinem Rücken. Was…?

„Quatsch doch nicht so einen Mist. Das tu ich nicht!“ Man hörte regelrecht die Abwehrhaltung, die Kevin sicher eingenommen hatte. Die Stimme war gepresst.

Etwas ging zu Bruch.

„Ach nein? Dann hab ich mich wohl eben verhört oder was? ... Kini, Kini – oh, Gott, Kini .... kommt dir das nicht bekannt vor? Nein?“

Kinta hörte seinen Freund keuchen, doch Kevin sagte kein Wort. Kintas Herz begann zu rasen, hämmerte hart gegen seine Brust, als wollte es ihm den Brustkorb zertrümmern und sich befreien.

Was?

Verdammt, was passierte denn hier? Warum wachte er nicht endlich auf und dieser Alptraum wäre vorbei? Warum denn nur nicht?

„Na, Herr Diplom-Psychologe?“, ätzte Mariso. „Willst du es nicht noch ein bisschen abstreiten? Du weißt, was das heißt und du weißt, dass auch ich weiß, was das heißt. Du hast dich in Kinta verliebt und gut!“

„Hm ...“, es klang nachdenklich. „Vielleicht hast du Recht.“

Mehr hatte Kinta nicht mehr hören wollen. Er versuchte leise die Tür zu öffnen, neben der er immer noch an der Wand lehnte und ging. Sein Herz raste, sein Atem flatterte. Es wurde ihm schwarz vor Augen, als er den Fahrstuhl bestieg und den Knopf für das Erdgeschoss drückte.

Sag ihm, dass ich ihn immer noch liebe ... Du hast dich in Kinta verliebt ... vielleicht hast du Recht!

Kinta zersprang fast der Schädel. Er wollte nicht mehr denken – es sollte aufhören, einfach nur noch aufhören.

Seine Tränen konnte er nun nicht mehr zurückhalten. Sie kamen einfach und er wusste nicht einmal warum. Sie rollten über die glühenden Wangen und tropften auf seine Jacke. Doch kein Schluchzen entrang sich seiner Kehle. Kinta weinte stumm und lautlos, lehnte mit dem Rücken an der Wand und versuchte, die ihn erdrückenden Gedanken zurückzudrängen.

Du hast dich in Kinta verliebt...

Was sollte das bedeuten? Was meinte Mariso damit? Verdammt! Warum ergab denn seit ein paar Tagen nichts in seinem Leben mehr einen Sinn?

Warum sagte jetzt auch noch Kevins Freundin so seltsame Sachen?

Kinta stolperte aus dem Fahrstuhl und rannte! Lief einfach darauf los, als ginge es um sein Leben. Er wich keiner Pfütze aus. Der Regen war heftiger geworden, prasselte nun fast schon schmerzlich auf seine Hände. Der Wind peitschte ihm ins Gesicht. Fast automatisch nahm Kinta die Brille ab und steckte sie routiniert in die Tasche. Er sah ja bei dem Wetter sowieso nicht mehr viel.

Und er wollte auch nichts mehr sehen!

Verdammt, was ging hier nur vor? Warum wachte er nicht endlich aus diesem Alptraum auf? Warum ergab es keinen Sinn? Wo war die Logik, wo die Schlaufe, an der er ziehen musste, damit sich das Rätsel entfalten konnte?

Schwer atmend blieb Kinta stehen und blickte sich um. Den Weg von Kevin zu seiner Wohnung kannten seine Füße wohl im Schlaf. Oder auch nicht. Fakt war: Er stand nun vor seinem Haus und schob gerade mit tropfnassen Händen seine ID durch das Lesegerät.

Der Fahrstuhl brachte ihn in die Omega-Etage und als er die Tür seiner Wohnung endlich hinter sich geschlossen hatte, sank er auf die Knie und kam auf den Hacken zum Sitzen. Den Kopf gegen den Türrahmen zum Wohnzimmer gelehnt, schluchzte er nun endlich befreiend auf. Er war der Lösung keinen Schritt näher – hatte sich nur tiefer in Wirrungen verstrickt. Warum hatte er auch dieses blöde Buch holen müssen!

Sein Vater war doch an allem Schuld!

Ganz genau!

Hätte der die Informationen über den pH-Wert eher rausgerückt, hätte Kinta dieses unglücksselige Buch nicht holen müssen, hätte den Stein nie gefunden und seine Neugierde würde jetzt noch schlummern.

Wütend zog er das Buch aus seiner nassen Tasche und schleuderte es mit einem heiseren Fluch ins Wohnzimmer. Dabei sah er den Stein unter der Couch verschwinden, als das Buch offen liegen blieb und die leere Höhle ihn anklagend entgegen blickte.

Er würde seinen Vater immer noch nicht leiden können, aber er würde ihn nicht so sehr verabscheuen, weil er nicht wüsste, dass der sich mit einer männlichen Hure vergnügte.

Er hätte keinen Bluterguss, weil ein wild Fremder ihn geschlagen hatte, ohne ihm zu sagen warum.

Und er hätte noch einen Freund!

Die leise nagende Gewissheit, Kevin würde Mariso zuliebe seine Freundschaft zu ihm aufgeben, war doch nur logisch! Jede andere Reaktion seitens Kevins wäre irrational und nicht tragbar. Kinta lachte heiser auf, als ihm einfiel, dass dies wohl einer der Augenblicke war, in den Kevin sein „Kini, du und deine Scheiß-Logik“ losgelassen hätte.

Aber er tat es nicht, denn er war nicht hier. Er würde nie wieder hier sein.

„Und du kleines Weichei findest dich besser damit ab!“ Sein Kopf schlug einmal hart gegen den Türrahmen. „Ich versteh das alles nicht!“ Kintas Stimme war nur noch ein Flüstern, das Blut, das langsam aus der Wunde über dem Auge sickerte, ignorierte er, als seine Stirn langsam über die Wand kroch. „Kevi – das wollte ich nicht.“ Erneut flossen die Tränen ungehindert.

Er überhörte das Klingeln seines Telefons. Fünfmal. Sechsmal. Der Anrufbeantworter erklärte mit Kintas Stimme, dass keiner zu Hause wäre, aber gern eine Nachricht hinterlassen werden könne.

>Kinta – geh ans Telefon, eh ich mich vergesse!<

Kevin!

Kintas Kopf ruckte hoch und Schmerz durchzuckte ihn. Warum rief Kevin hier an? Was wollte er noch? Kintas Finger zitterten, als er sich am Türrahmen hochzog.

>Kinta – wenn du da bist, bitte geh ran!<

Nein! Er wollte nicht! Er wollte nicht von Kevin die Worte hören, die sein Leben zerstören würden! Er wollte das nicht! Kevin sollte auflegen und nie wieder anrufen! Bitte!

Mit wackligen Füßen schritt er zum Telefon, hob ab und legte gleich wieder auf. Das Band schaltete sich ab und Kinta atmete durch. „Bitte, Kevi, sag es nicht – bitte!“

Wieder klingelte das Telefon. Dreimal. Viermal. Mit zitternden Fingern griff Kinta abermals den Hörer und legte auf. Ihm fehlte die Kraft. Er wusste, dass es feige war, wusste dass es unfair war. Aber er wollte es nicht hören!

War es denn verwerflich, mal Egoist zu sein und nur an sich zu denken? Überleben zu wollen, auch wenn man noch nicht wusste wofür?

Er hatte doch auch ein Recht darauf...



Er musste eingeschlafen sein, denn die Türglocke riss Kinta aus einem verwirrenden Traum, in dem er lief und lief und nirgends ankam. Dann war er gefallen, ohne dass ihn einer aufgefangen hatte. Noch schlaftrunken ging er zur Sprechanlage und öffnete, ohne zu wissen, wem er da Einlass gewährte. Wo war eigentlich seine Brille? Verdammt? Hatte er die verloren? Doch dann fiel es ihm wieder ein und so machte er sich auf die Suche nach seiner Jacke und setzte gerade die Brille auf die Nase, als die Tür zu seiner Wohnung sich öffnete, weil Kinta sie nur angelehnt hatte.

Er eilte in den Flur zurück, um seinen Besucher zu empfangen und blickte in Kevins grüne Augen, die ihn anfunkelten. Kinta schluckte, er kannte diesen Blick nicht. Kevin war nicht wütend, nicht böse, nicht sauer. Er konnte nicht einordnen, was diese Augen widerspiegelten oder was sein Freund empfand. Tja, was empfindet man, wenn man eine Freundschaft kündigt, um seine Beziehung zu retten? Was?

Kinta zitterte, die Wand in seinem Rücken war seine einzige Stütze. „K-Kevin“, flüsterte er heiser und konnte sich einfach nicht bewegen. Wohin auch? Die Wohnung war zu klein, um sich zu verstecken und Kevin stand mitten in der Wohnungstür, Flucht unmöglich.

„Du hast alles gehört, hab ich Recht?“, eröffnete der Blonde den Schlagabtausch und strich sich eine feuchte Strähne aus dem Gesicht. Seine Kleider tropften den abgewetzten Teppichboden im Flur nass. Lächelnd deutete Kevin auf die feucht-dunklen Flecken. „So was hab ich auf meinem Teppich im Flur auch – gleich neben dem hier.“ Mit spitzen Fingern zog er die zweite ID-Karte zu seiner Wohnung aus der Jackentasche und reichte sie Kinta.

„Du warst da und hast alles gehört, stimmt’s, Kini? Und jetzt ekelst du dich vor mir.“

Kinta konnte noch immer nichts anderes tun als seinen Freund anzustarren. Das ergab keinen Sinn! Was dieser blonde Kerl sagte, ergab einfach meinen Sinn! Ekeln? Warum um Himmelswillen sollte es Kevin noch interessieren, ob es ihn ekelte oder nicht? Warum stellte er jetzt noch so unsinnige Fragen, deren Beantwortung nichts am Resultat ändern konnte?

So was Unlogisches!!

Aber Kevin war ja schon immer so gewesen – total direkt, total unlogisch, total Kevin eben.

Kinta war verwirrt. Er schob die Brille in die Haare und strich sich fahrig durch das Gesicht, kratzte ein paar Krümel getrocknetes Blut ab und blickte sie fragend an, als er sich die Hände vor das Gesicht hielt.

„Kevi – bitte geh. Ich verstehe, dass sie dir wichtig ist, aber brich mir jetzt nicht das Herz. Geh!“

Der Blonde weitete überrascht die Augen und blickte auf seinen zusammengesunkenen Freund, entdeckte die leicht entzündete Wunde über dem Auge, die zusammen mit den Blutfleck an der Wand wohl einen Sinn ergab, einen Sinn allerdings, der ihm absolut nicht gefiel.

„Kini, was quatschst du da für einen Mist?“, wollte Kevin deswegen lauter wissen, als es beabsichtigt war. Der Schwarzhaarige zuckte zusammen und schlang die Arme um seinen Oberkörper, blickte dabei schweigend zu Boden.

„Ich verstehe, dass du sie liebst und ich da störe. Also bitte – sag es nicht noch, geh einfach. Ich versteh es doch.“ Tapfer kämpfte Kinta die Schluchzer zurück und versuchte ruhig zu atmen. Doch es ging nicht. Sein Körper schrie geradezu nach Kevin, dass er ihm Trost spenden würde, dass er ihm sagen würde, alles wäre ein schlechter Scherz und sie würden sich lachend in die Arme fallen.

„Hast du alles gehört?“, wollte Kevin leise wissen.

„Alles?“ Kinta blickte auf. „Was meinst du mit: Alles?“

Kevin seufzte. „Kini, was Mariso vermutet hat ... dass ich dich ...“

Kinta nickte. „Ja, hab ich.“

„Und meine Antwort darauf? Hast du die auch gehört?“ Kevin schloss die Wohnungstür und legte die Jacke ab. Vorsichtig ging er auf Kinta zu und zog den Jungen in seine Arme. „Kleiner Idiot.“

Kinta brachte kein Wort hervor. Was passierte denn nun schon wieder? Was machte Kevin da? Wie stellte er es sich denn vor, eine Freundschaft zu...

Ein Paar weiche Lippen auf seiner Wange ließen ihn den Rest des Satzes vergessen. Ein Pickeln breitete sich in seinem Körper aus, füllte alles aus. Was geschah hier mit ihm? Das Blut rauschte in seinen Ohren, er hörte nur noch seinen Puls, der von Schlag zu Schlag schneller wurde. Eine Hand streichelte vorsichtig seine rechte Schläfe. Egal – es tat gut, die sich ausbreitende Wärme fühlte sich so vertraut an, so richtig.

„Wir sollten reden, Kini!“, flüsterte Kevin, als er Kinta fester gegen die Wand in dessen Rücken presste. Ein Finger strich vorsichtig über die Wunde über Kintas Auge. „Und das wirst du mir auch erklären, aber nicht jetzt.“

Mit einem Lächeln versiegelte er Kintas Lippen mit den seinen.


9. Lust auf einen zweiten Schlagabtausch?

Kevin saß auf der Couch und trocknete sich mit einem Handtuch die Haare. Währenddessen versuchte Kinta in der Küche, seine zitternden Finger dazu zu bringen, das kostbare Kaffeemehl in den Filter zu schütten und nicht auf der kleinen Arbeitsfläche zu verteilen.

Er versuchte sich zu beruhigen, zu verstehen. Zu verstehen, was geschehen war, was Kevin getan hatte, was er selbst getan hatte, warum sie es getan hatten. Doch er fand keine Antwort.

Ja, er mochte Kevin. Kevin war sein ein und alles, wenn er mal so richtig darüber nachdachte – er war Freund, Vater, alles in einem. Und doch war er so viel mehr … das musste Kinta jetzt einsehen.

Der Schmerz in der Brust, der Eisklumpen im Magen, wenn Mariso ins Spiel kam, hatten endlich eine Erklärung. Aber nur weil er jetzt wusste, dass er selbst für Kevin schon immer mehr empfunden hatte, als er sich hätte eingestehen wollen, machte es die jetzige Situation nicht leichter.

Er stand einfach nur in der Küche, Tränen in den Augen, und versuchte Kaffee für sich und seinen Freund zu kochen.

Als endlich Pulver und Wasser in der kleinen Maschine waren, atmete Kinta tief durch, griff sich die beiden letzten sauberen Tassen aus dem Schrank und stellte sie zusammen mit ein paar Vorratskeksen auf ein Tablett. Die Dinger schmeckten furchtbar, aber sie waren so ziemlich das einzige, was er noch im Haus hatte und sie machten satt. Denn seit dem Frühstück bei Kevin hatte er nichts mehr gegessen. Wann auch?

Vorsichtig balancierte er das Tablett in das Wohnzimmer und sah, wie Kevin automatisch den Couchtisch frei räumte, wie selbstverständlich er die Bücher alle mit einem Stück Papier als Lesezeichen versah und neben die Couch stapelte und die Blätter in zwei verschiedene Mappen sortierte. So gut kennt er mich also?, durchlief es Kinta wie ein Blitz, der ihm Hitze in den Körper trieb.

Er hatte das vorher nie beachtet, warum fiel ihm das ausgerechnet jetzt auf?

„Danke“, flüsterte er heiser und stellte die Tassen und die Kekse ab, griff sich eine der Backwaren und begann zu kauen, nicht weil er wirklich Hunger verspürte, sondern weil er mit seinen Händen nichts anzufangen wusste, nichts zu sagen wusste.

Kinta stand mitten in seinem Zimmer und blickte Kevin an, der das Handtuch über die Lehne der Couch gelegt hatte und ihn nun aus großen grünen Augen erwartungsvoll anblickte. Er verzog keine Miene, keine Lächeln, kein abfälliger Blick. Einfach nur abwartend.

„Kevin, ich ...“

„Seit wann nennst du mich Kevin? Kini, was ist denn los mit dir?“ Der Blonde streckte eine Hand nach Kinta aus und zog ihn vorsichtig zu sich, bis er auf seinem Schoß saß und ein Zittern nun nicht mehr unterdrücken konnte. „Kevin ... das…“

„Kini, was ist los?“ Eine Hand strich beruhigend über den schmalen Rücken. Alles was zu hören war, war Kintas leises Schluchzen und das Zischen der Kaffeemaschine. Kevin fühlte sich sichtlich unwohl. Hatte er alles falsch gemacht? Hatte er nun endgültig mit seiner direkten Art bei seinem Kleinen alles kaputt gemacht?

Kinta atmete noch einmal tief durch, dann blickte er Kevin an. „Ich verstehe dich nicht.“ Ein einfacher Satz, in dem doch so viel mehr steckte als nur diese vier Worte. Und er tat es wirklich! Er verstand Kevin nicht – verstand nicht, warum er ihn geküsste hatte, so schön es auch gewesen war. Er verstand nicht, warum der andere noch hier war, warum er ihm immer noch wie früher über den Rücken strich, ihn zu beruhigen versuchte.

Warum tat er das?

„Was soll das heißen: Du verstehst mich nicht?“ Eindeutig verwirrt hob der Blonde beide Augenbrauen fast bis zum Haaransatz und blickte sehr orientierungslos.

Kinta zuckte die Schultern. „Na ... alles eben. Mariso ... Die ID-Karte ... Du hast mich geküsst!“, erinnerte sich der Schwarzhaarige, als seine Hand vorsichtig seine Lippen berührte. Er hörte Kevin leise Grinsen und blickte ihn wieder an.

„Ich würde es wieder tun, Kini, denn es gefällt mir“, flüsterte Kevin heiser und näherte seinen Kopf Kintas, der ihn verklärt anblickte und dann einfach die Augen schloss. Egal ob es ihn verwirrte, es fühlte sich gut an und so sicher. Das weiche Paar Lippen auf den seinen zu spüren, die feuchte Zunge, die seine Lippen streichelte, fragend um Einlass bat. Die seine umwarb und zu einem anregenden Spiel zu sich lockte.

Doch der Kuss währte nicht lange. Viel zu intensiv konnte Kevin die Verwirrung in Kinta spüren. Der Junge hätte nicht bei strömendem Regen seine Wohnung aufgesucht, wenn er nicht unbedingt hätte reden wollen. Also musste das, was in Kevin tobte und endlich frei sein wollte, warten. Kinta war das Wichtigste im Augenblick – und dessen Probleme.

„Und“, flüsterte er nur in Kintas Ohr, „warst du bei deinem Vater?“

Warum wechselte Kevin jetzt das Thema? Kinta seufzte leise. Er begriff wirklich nichts mehr. Aber nun hatte er wenigstens etwas, was er berichten konnte, um das Nerven zerreibende Schweigen zwischen ihnen zu beseitigen.

Er rutschte von Kevins Schoß neben ihn, wehrte sich aber nicht, als der ihn in den Arm schloss und dicht an seine Brust zog, so dass Kinta fast schon auf ihm lag.

„Er hat es abgestritten. Wie erwartet.“ Kinta seufzte. „Aber die Wohnung hättest du sehen müssen. Na ja, mit dem was er jetzt verdient? Kein Vergleich zu früher. Das, was er mir als Wohnung finanziert, ist bei ihm nicht mal der Flur.“

Nein!

Er wollte nicht so denken! Er war zufrieden mit dem, was er hatte! Okay, ab und an konnten es ruhig ein paar Garant mehr sein, so dass er sich mal wieder eine leckere Pizza leisten konnte, aber er hatte ein Dach über dem Kopf und einen warmen Hintern. Das reichte. Und mehr Platz hätte er mit seinen paar Sachen sowieso nicht bewohnen können!

„Wo wohnt er jetzt?“, wollte Kevin wissen. Er hatte seine Hände unter Kintas Armen durchgeschoben und auf dessen Bauch gefaltet.

„In der Neustadt – wo wohl sonst.“ Die Worte klangen verächtlich, obwohl Kinta ihnen gar nicht diesen Klang hatte geben wollen. Es war das Recht seines Vaters, entsprechend seines Einkommens zu wohnen. Er hatte lange dafür gearbeitet, hatte viel dafür in Kauf genommen. Ja, zum Beispiel, dass er seinen Sohn nie wirklich kennen gelernt hat!, warf sein Zynismus-Zentrum ein und Kinta knurrte leise.

„Und was ...“ Kevin stoppte, schien mit sich selbst zu hadern, ob er diese Frage und die daraus resultierende Antwort hören wollte oder doch lieber nicht. War sein Meister eine Hure, die Kintas Vater die Gunst erwies? Und selbst wenn? Änderte dies etwas an der Person, an dem legendären Kampfkunstmeister des Drachendojos, den er verehrte? Ging das Privatleben dieses Mannes ihn überhaupt etwas an? Eigentlich nicht – aber wissen wollte er es dann doch. Er festigte seine Stimme und zog Kinta ein bisschen dichter gegen sich. „Und was ist mit Kage – kennt er ihn?“

„Er kennt ihn natürlich nicht“, schnaubte Kinta und schloss die Augen. „Und es ginge mich im übrigen auch nichts an. Der Kerl lügt, wenn er den Mund aufmacht.“

Kevin blickte von oben auf Kintas Gesicht. „Warum glaubst du, er lügt? Er ist dein Vater.“

Kinta fing an zu lachen, gepresst und humorlos. „Mein Vater – klar, der und mein Vater. Aber das Thema hatten wir schon.“ Er blickte in die warmen grünen Augen und schluckte, als ein Schauer ihn durchlief und er leise weiter zu sprechen versuchte. „Der lügt, glaube mir. Als er das Bild auf dem Stein sah, hat er den Mund verzogen. Er kennt das Zeichen also.“

„Kini, es ist das Zeichen unseres Dojos, vielleicht kennt er es daher?“, überlegte Kevin, doch sein Freund verdrehte die Augen. Diplom-Psychologe McCain und die Suche nach der potentiellen Unschuld.

„Hirose Hayoto – Wissenschaftler. Na? Glaubst du echt, der weiß was ein Dojo ist?“ Grinsend verzog Kinta das Gesicht, während er sich seinen Vater auf der Matte vorstellte, auf der er Kage das erste Mal gesehen hatte. Nein, das passte wie Erbsenpüree und Staubzucker – nämlich gar nicht!

„Und außerdem, Kevin … Kevi.“ Er schluckte, als er den Namen korrigierte, was ihm früher nie passiert wäre. Was geschah hier nur mit ihm?

Kinta atmete noch einmal tief durch und spürte dabei die Hände auf seinem Bauch intensiver. „Und außerdem sollte ich ihm den Schlüssel dalassen. Ich bin doch nicht blöde, damit er mit dem Kerl weiter rummacht? Nicht mit mir!“

„Warum?“, war alles, was Kevin wissen wollte. Ein simples Wort – mehr nicht.

„Warum?“, wiederholte Kinta verblüfft und setzte sich auf. Lag das nicht auf der Hand? Was stellte sein Freund für komische Fragen?

„Ja, Kini, warum bist du dagegen, dass er zu ihm geht?“

„Weil...“, brach es aus Kinta heraus, dann verstummte er. Warum? Gute Frage. Kevin hatte ein Gespür für so was, Finger auf Dinge legen, die Kinta gern verdrängte. So wie die Frage nach diesem warum. Warum wollte er nicht, dass sein Vater zu Kage ging?

„Weil ...“ setzte er noch einmal an.

„Bist du eifersüchtig, weil Kage dir gefällt?“, wollte Kevin leise wissen, er klang unsicher. Er hatte seiner Stimme Festigkeit geben wollen, doch seine Gefühle machten ihm einen dicken, fetten Strich durch die Rechnung.

Kinta hingegen war dies nicht aufgefallen, viel zu intensiv beschäftigte er sich mit der Frage nach diesem vermaledeiten warum.

„Nein“, sagte Kinta schließlich, „das ist es, glaube ich, nicht. Mehr weil ... er hat mich angelogen und erwartet trotzdem, dass ich ihm den Stein gebe? Das finde ich... scheiße!“, stellte er fest und verschränkte die Arme vor der Brust. Ja genau das war der Grund – sein Vater hielt ihn für blöd! Und das sah er einfach nicht ein.

„Trotzkopf.“

„Gar nicht wahr.“ Kinta steckte seinem Freund die Zunge raus und schmollte. Er war nicht trotzig! Er war im Recht.

„Doch Trotzkopf“, neckte Kevin wieder und lauerte auf Kintas Reaktion, die er genau vorhersehen konnte und deswegen das Kissen abwehrte, als sich der Schwarzhaarige auf ihn stürzte.

„Stimmt nicht“, stellte Kinta fest, als er plötzlich seines Kissens beraubt wurde und Kevin ihn dichter zu sich holte, sich dann auf die Seite kippen ließ und Kinta dadurch auf sich zog.

Der keuchte erschrocken auf und wusste nicht, was er tun sollte. Einerseits wollte er jetzt nichts anderes als Kevin küssen und andererseits spürte er, dass er gerade dabei war, einen Freund zu verlieren. Doch dieser schien seine Gedanken in diesen Moment, wie so oft, in Kintas blauen Augen ablesen zu können. Eine Hand auf Kintas Rücken legend, nahm er ihm mit der anderen die Brille ab.

„Kini – manchmal muss man eine Freundschaft aufs Spiel setzen, um etwas Größeres zu bekommen“, dann küsste er ihn wieder, sanft und zögerlich, fragend und doch auch bestimmend, eben einfach nur himmlisch.

~*~

„Was soll das heißen: sie können mir die Adresse nicht geben?“ Kage blickte den Palastmeister finster an, der über seinen Berg Bücher gebeugt etwas zu suchen schien.

„Ganz einfach, Kage. Ich darf Sie doch in Ermangelung eines Nachnamens so nennen?“

Der Schwarzhaarige nickte und setzte sich wieder in den alten Holzstuhl, vor dem Schreibtisch. Er versuchte sich zu beruhigen. Er wollte die Adresse des Jungen, der den Stein in Händen hielt, den eigentlich nur einer besitzen dürfte. Er wollte endlich wissen, woher diese kleine Ratte den Schlüssel hatte. Er hatte sich schon die letzten Tage dafür verflucht, dem Kleinen so arg zugesetzt zu haben, denn der kam einfach nicht wieder. Andererseits, wenn so ein harmloser Streit den Kleinen schon in die Flucht jagte, was war das denn dann für ein Holder?

Und nun hatte er gehofft, der Herr des Hauses könnte ihm helfen und musste einsehen, dass dieser dazu wohl nicht in der Lage war.

„Ich habe seinen Namen nicht. Er hat sich weder vorgestellt noch eingetragen. Als er das erste und einzige Mal hier gewesen war, machte er von unserem Etablissement einen sehr entsetzten Eindruck. Ich wusste, dass dieser junge Mann nicht wiederkommen würde.“

Kage schnaubte verächtlich. Oha. Einer der was gegen Huren hatte. Das Milchgesicht wusste also noch nicht mal, wo er hier gewesen war? Sicher noch jungfräulich. Er grinste fast etwas gehässig, als er sich vorstellte, was er mit so einem kleinen unerfahrenen Kerlchen alles hätte anstellen können.

Doch dann besann er seine Gedanken zurück auf das Wesentliche.

„Haben Sie denn gar nichts von ihm?“, beharrte er zu wissen und der Mann vor ihm schüttelte das weiße Haupt. „Oh, warten sie.“ Der Palastmeister rollte mit seinem Stuhl zwei Meter zum kleinen Tisch in der Ecke, über dem ein Flachbildschirm in der Wand eingelassen war. Schnell tippte er auf dem Gerät hin und her und ließ dann etwas ausdrucken, was er Kage reichte.

„Er hat den Kontakt zu uns über ihren Schlüssel gesucht. Wir haben ihn unter der ID seines PCs angeschrieben und da er hier her gekommen ist, gehe ich davon aus, dass dies die ID seines Terminals ist. Vielleicht lässt er sich anhand dieser Nummer finden.“

Wortlos griff der Schwarzhaarige den Zettel und erhob sich. Eine Terminal-ID. Wenn der Kleine keine Standleitung hatte, was durchaus denkbar war, nutzte ihm diese Nummer gar nichts! Sie wurden mit jeder Einwahl immer wieder neu vergeben. Das konnte jeder sein! Aber immer noch besser als gar nichts. Er wollte endlich wissen, woher die kleine Ratte den Schlüssel hatte!

~*~

„Und was wirst du jetzt tun, Kini?“ Kevin strich über den Rücken seines Freundes, der auf seiner Brust lag und endlich nicht mehr zitterte, sondern ihn nur glücklich anlächelte.

Zwei Stunden hatte Kevin gebraucht, Kinta begreiflich zu machen, dass Mariso wohl wirklich nicht das Wahre gewesen war. Doch mit der ID-Karte zu seiner Wohnung hatte sie wirklich Recht gehabt. Er hatte ihr diese Karte nie anvertraut. Kinta hingegen hatte er sie, ohne weiter darüber nachzudenken, zwischen Tür und Angel in die Hand gedrückt.

Wie lange war es schon so gewesen, dass er die Sekunden gezählt hatte, bis seine Freundin ging und er mit Kinta telefonieren konnte? Warum hatte er sich das nie eingestehen können?

„Nicht drüber nachdenken“, nuschelte Kinta und schloss die Augen. Seine Finger strichen über Kevins Gesicht. Ja, er wollte wirklich nicht darüber nachdenken, was er nun mit seinem Vater und dem Schlüssel zu Kages Wohnung anstellen sollte. Er wusste nur, er würde ihn Hirose Hayoto nicht aushändigen. Andererseits: wer war er, dass er darüber entschied, ob sich diese beiden Männer noch einmal sahen? Wer war er, dass er über das Schicksal zweier fast Fremder entschied, wie über das eigene? Er seufzte. Wenn es doch nur nicht so schwer wäre.

Lieber wollte er einfach noch eine Weile hier liegen und sich über den Rücken streichen lassen. Es war Samstag und den wollte er faulenzend ausklingen lassen.

„Ich weiß, dass du da nichts mehr mit zu tun haben möchtest. Aber jetzt, wo dein Vater weiß, dass du den Schlüssel zu der Wohnung seines ...“ Kevin stoppte und schluckte. Er sprach hier immerhin über Kintas Vater! Auch wenn Sohn und Vater nicht wirklich etwas verband.

„Geliebten – sag’s doch, Kevi, ist doch gar nicht so schwer.“ Kinta öffnete die Augen und blickte seinen Freund ernst an. „Du kannst das Wort ruhig verwenden, schließlich sagte er ... oder ich hab’s mir eingebildet, als die Fahrstuhltüren zugingen“, grübelte Kinta über die Worte, derentwegen er den ganzen Weg vom Apartment seines Vaters bis hin zu Kevins Wohnung an nichts anderes hatte denken können.

„Was?“, wollte Kevin wissen, während er mit den Lippen Kintas Schläfe streichelte.

„Mir war, als hätte er gesagt: 'Sag ihm, dass ich ihn immer noch liebe.'“ Kinta seufzte, eigentlich hörte sich das richtig romantisch an – trotz aller widrigen Umstände. Und er wollte sich den Beiden wirklich in den Weg stellen? Aber wenn sein Vater ihn doch so belogen hatte? Warum war er nicht zu seinem einzigen Verwandten ehrlich? War sein eigener Sohn ihm denn so wenig wert, dass er nicht einmal offen mit ihm reden konnte?

„Und trotzdem möchtest du dich den Beiden mit aller Macht in den Weg stellen?“ Noch immer kosteten Kevins Lippen die weiche Haut am Haaransatz. Die Zähne bekamen eine kleine Ecke des Pflasters zu fassen, das er Kinta über die Braue geklebt hatte. Allerdings nicht ohne seinem Kleinen zu sagen, es wäre nicht gesund, den Kopf gegen den Türstock zu schlagen. Was dieser auch reumütig eingesehen hatte und Besserung gelobte.

„Dein Vater ist seit langem alleine.“

Kinta zuckte die Schultern. Na und? Seine Mutter war in ihren letzten Jahren auch oft alleine gewesen. Das war ja jetzt mal nur gerecht!

„Denk noch mal drüber nach, Trotzkopf!“

„Bin kein Trotzkopf“, beharrte Kinta, ehe er sich ein weiteres Mal küssen ließ und seine Hände auf Kevins Wangen legte.

Der Kaffee war mittlerweile kalt und draußen ging die Sonne langsam ihren letzten Weg für heute, tauchte hinter die hohen Häuser und zauberte ein Farbenspiel an die gegenüberliegende Hauswand. Doch das entging den beiden jungen Männern, die sich langsam in ihrer neuen Situation verloren.

~*~

Kage war lange unterwegs gewesen, bis einer seiner Ex-Lover ihm hatte helfen können. Der war schon früher ein PC-Freak gewesen und hatte seine Fertigkeiten mittlerweile zu einer Kunstform verfeinert. Er war ein Hacker von der gefragtesten Sorte. Aber selbst dieser hatte fast drei Stunden gebraucht, um die Datenbanken und Internetprotokolle zu durchforsten.

Nun kannte Kage den Namen des jungen Mannes, seines Herrn: Kinta Hayoto – Sohn des Hirose Hayoto.

Über diese Erkenntnis hatte Kage lange nachdenken müssen. Er war zum Training in den Dojo gefahren und hatte dort mit Aufbautraining begonnen.

Kinta Hayoto – Ja, Hirose hatte oft von seinem Jungen erzählt – einem schüchternen, intelligenten Kerlchen.

Warum hatte er ihn nicht erkannt? Er hatte doch Hiroses Augen!

Als er die Tür seiner Wohnung hinter sich ins Schloss geschoben hatte, führte ihn sein erster Weg durch den Tatamiraum in die Bibliothek, wo sein Internetport stand. Eilig öffnete er ein Nachrichtenprogramm und tippte seine Botschaft:



Hey kleiner Hayoto,

Lust auf einen zweiten Schlagabtausch? Ich muss mit dir über deinen Vater reden – komm also vorbei.



Er tippte die Adresse von dem Zettel, den ihm sein Ex zugesteckt hatte und drückte auf senden. Ein leises >pling< bestätigte den Versand.


10. Geruhsame Nächte

Weil Kintas Haushalt wirklich völlig abgebrannt war, hatte Kevin ein paar Garant locker gemacht und für sich und seinen kleinen Freund Pizza geordert. Allein das strahlende Leuchten der Augen war Lob und Dank genug gewesen. Aber als dann auch das erbärmliche Knurren in Kintas Magen endlich aufgehört hatte und der kleine Schwarzhaarige endlich wieder richtig denken konnte, war Kevin mehr als zufrieden gewesen.

Ansonsten hatten sie sich nicht wirklich bewegt. Kaum dass einer zur Tür gegangen war, um die Pizza in Empfang zu nehmen, aber dann lagen sie doch wieder auf der Couch, einer in den Augen des anderen versunken. Kevin hatte Kinta gefüttert, Kinta hatte auch was von seiner Pizza abgegeben und immer wieder hatten sie zarte Küsse getauscht, mal intensiver, mal verspielter. Kinta konnte gar nicht sagen, wie er sich fühlte, es war einfach nur schön.

Er war ja schon immer gern bei Kevin gewesen oder hatte es genossen, wenn sein Freund hier war. Aber nun hatte dies alles doch einen ganz anderen Status. Er war nicht Kevins Freund, sondern ... na ja, Kevins Freund eben! Kinta konnte nicht anders, er lachte leise und Kevin wusste mal wieder nicht warum. Aber damit konnte er leben. So lange dieses viel zu oft viel zu ernste Gesicht Glück und Zufriedenheit zeichnete, wollte er nicht weiter fragen warum.

Doch wie jeder andere Tag auch, so forderte auch dieser seinen Tribut an den beiden jungen Männern und die Aufregungen des Tages hatten an Kinta tiefe Spuren hinterlassen. Immer wieder war er weggenickt, wieder hoch geschreckt und hatte in Kevins Augen gesehen, wie der ihn beobachtete, wie er ihn ansah.

„Gehen wir ins Bett, oder?“, schlug der Blonde vor, streckte sich, so gut das eben ging und gähnte verhalten. Auch Kinta war davon überzeugt, dass es vielleicht nicht verkehrt wäre, sich endlich der Nacht hinzugeben. Wenn er allein war, fürchtete Kinta jede einzelne Nacht, jede Stunde, die er schlafend verbrachte. Doch in Kevins Nähe war er sicher. Die Ängste waren wie verflogen und so rappelte sich Kinta langsam auf. Der Pappkarton ging zu Boden, in dem ein letztes Stück Pizza lauerte und so machte Kinta, immer noch auf seinem Freund sitzend, kurzen Prozess und führte auch dieses noch der vorgesehene Bestimmung zu.

Sich genießend die Finger leckend, grinste er Kevin an, der nur lachend den Kopf schüttelte. Es war erstaunlich, was in diesen kleinen Körper doch alles rein passte.

„Du hast aber nicht vor, mich auf der Couch pennen zu lassen, oder?“, lachte Kevin leise und entlockte Kinta somit einen roten Schatten auf seinen Wangen. Warum nur? Sie teilten schon so oft das Bett, kuschelten sich dicht aneinander und heute war ihm das peinlich? Es hatte sich doch nichts geändert, Kevin war Kevin, nichts anderes. Und doch war alles anderes.

Kevin liebte ihn! Und Kinta liebte Kevin, auch wenn es bei ihm wohl länger gedauert hatte, das zu begreifen, aber er konnte sich ein Leben ohne den Blonden gar nicht mehr vorstellen. Kevin gehörte zu seinem Leben und nun gehörte er auch zu ihm selbst.

„Na ja, wenn du mich nicht wieder aus dem Bett kickst, weil du mal aufs Klo musst, darfst du mit in mein Bett“, entschied Kinta, immer noch rot schattiert und sein Herz klopfte wie wild.

„Nie werde ich dich wieder loslassen, Kini. Versprochen. Wenn, dann fallen wir beide.“ Mit seinen Händen in Kintas Nacken zog er den Kleinen noch einmal zu sich, um die weichen Lippen auf seinen zu spüren, doch dann ließ ein Piepsen sie beide aufschrecken.

„Was war das denn?“ Auch Kevin setzte sich auf, hielt seinen Freund dabei aber an sich gedrückt.

„Eine Nachricht.“ Sich nach seinem Bildschirm umsehend, wandte Kinta den Kopf. Doch er wollte sie nicht lesen. Er hatte nur drei Leute, die ihm schrieben. Kevin, die einzigen Mails, die er gern las, hockte gerade vor ihm und auf Mails von seinem Vater legte er keinen Wert. Jetzt noch weniger als früher. Und der übliche Spam war das aufstehen nicht wert.

„Los Kleiner, guck nach – vielleicht ist es wichtig und dein Labor ist abgebrannt. Ich verschwinde im Bad.“ Und schon fand sich Kinta alleine auf der Couch wieder. Er fühlte sich seltsam kalt. Doch er startete den Monitor und rief seine Nachrichten ab. Dreimal Spam, was gleich gekillt wurde und dann eine Nachricht mit einem Absender, den er nicht lesen konnte. Die Zeichen glichen denen auf dem Stein, was Kinta veranlasste, ohne zu wissen warum, unter die Couch zu kriechen und den Stein zu suchen.

„Kini, ich ...“ Kevin kam noch einmal zurück, weil er ein Handtuch suchte und alles was er sah war der kleine Hintern, der vor der Couch wackelte, mehr nicht. Es war einfach zu verlockend drauf zu schlagen. Doch Kevin ließ es bleiben, stattdessen glitt nur einer seiner Finger die Spalte entlang, auch wenn er selbst nicht wusste warum er das tat.

Wie erwartet schreckte Kinta auf, stieß sich den Kopf am Couchgestell und fluchte leise, während er mit einer Hand den Stein vorwarf. Genießend ließ er sich von Kevin etwas trösten, ehe der wieder im Bad verschwand und Kinta sich samt dem Stein am Tisch sortierte. Nein, er hatte sich getäuscht. Die Zeichen auf dem Stein sahen anders aus, aber sie waren so ähnlich. Was war das? Nun doch neugierig, öffnete er die Nachricht und las halblaut:



„Hey kleiner Hayoto,

Lust auf einen zweiten Schlagabtausch? Ich muss mit dir über deinen Vater reden – komm also vorbei.“



Mehr nicht. Diese simplen Worte. Was sollte das denn? Lust auf einen zweiten Schlagabtausch? Wann hatte er den ersten gehabt? Kinta saß steif vor seinem PC, kein Muskel regte sich und sein Hirn lief auf Hochtouren. Erst als er massierende Hände auf seinen Schultern spürte und weiche Lippen an seinem Ohr, kam Kinta wieder zurück. Doch er war nicht schlauer als vorher. Bis Kevin rief, „Hey, das ist doch die Adresse des Drachemeisters. Er hat dir geschrieben? Was schreibt er?“, wollte er ganz aufgeregt wissen, denn seine Hände gruben sich fester in die schmalen Schultern seines Freundes.

„Hä?“, machte Kinta nicht gerade intelligent. Wenn sein Vater ihn erleben würde, wie begriffsstutzig sein Sohn manchmal war, er würde sich die Sache mit der Institutsnachfolge wohl noch einmal überlegen. Nicht dass Kinta wirklich böse darüber wäre. „Wie jetzt?“ Na ja, auch nicht gerade intelligenter.

„Da.“ Kevins Finger deuteten auf den Bildschirm und auf die Zeichenfolge in Kintas Posteingang. „Die Adresse meines Meisters. Das ist sie, da bin ich mir sicher.“

Okay, Kage no Jonetsu, die Hure aus dem Steinpalast oder wie immer sich diese seltsame Institution auch nannte, hatte ihn zu sich beordert, zu einem Schlagabtausch? Hatte der Kerl wieder Lust auf Schwächere einzuprügeln? Brauchte er jemanden, den er fertig machen konnte? Nein. Er hatte wirklich keine Lust da noch mal aufzutauchen.

„Was wollte er?“ Dafür war Kevin gerade Feuer und Flamme, das gefiel Kinta gar nicht. „Lies halt“, murmelte er nur und tippte auf dem Bildschirm etwas herum, bis die schon bekannte Nachricht wieder auftauchte.

„Oh!“ Auch nicht gerade besser als Kintas Reaktion. Das beruhigte den Schwarzhaarigen schon etwas.

„Lass uns ins Bett gehen.“ Kinta hatte keine gesteigerte Lust, sich darüber jetzt den Kopf zu zerbrechen. Seine Entscheidung stand fest, er würde sich da nicht noch einmal blicken lassen – nicht nach seinem peinlichen Abgang gestern. Lieber wollte er sich an Kevin schmiegen und den Albträumen die lange Nase zeigen.

Doch so leicht war das nicht. Sein Bett war viel schmaler als Kevins und so wäre er zweimal fast von der Kante gefallen. Kevin war auch nicht wirklich bei der Sache, schien viel zu sehr in Gedanken und merkte gar nicht, wie er den halb nackten Kinta auf sich zog und dann einfach mit den Armen umklammerte.

„Gehst du morgen hin? Morgen ist Sonntag, da hast du ja auch frei.“ Man merkte Kevin an, dass es an ihm nagte, dass es fraß und ihn nicht los ließ. So saß Kinta ganz schön in der Zwickmühle. Er selber hatte keine Lust – nicht für alles Geld der Welt – sich noch einmal dort blicken zu lassen. Kevin hingegen bedeutete es wohl viel und es brannte ihm unter den Nägeln. Dieser Kage war sein großes Vorbild, sein Idol und gerade wackelte der Sockel ganz gewaltig, auf den sein Freund seinen Meister gestellt hatte.

„Sag schon, Kini, gehst du hin?“, kam es noch einmal leise und Kevins Hände strichen über den schmalen Rücken Kintas.

„Also eigentlich wollte ich ja nicht, weil ich auf meinen Alten so wütend bin, aber ... na ja, dir scheint es …“

„Nein“ Kevin presste seinen Freund dichter an sich und ließ ihn zwischen seine eigenen Beine gleiten. Kinta lief wieder rot an und atmete tief durch, „wegen mir musst du gar nichts, Kini. Ich … nein, nein, musst du nicht.“

Doch Kinta hatte sich entschieden. Er schenkte Kevin noch einen letzten Kuss für heute und ließ seine Hände durch das lange blonde Haar streichen. Dann schlief er zufrieden ein.

~*~

„Ist doch zum Kotzen. Scheiß Datenschutz.“ Wütend sank Kage auf seinem Sessel zusammen. Seit geschlagenen vier Stunden versuchte er nun schon über die Daten von Kinta Hayoto auch an die Angaben seines Vaters zu gelangen. Das konnte doch nicht schwer sein, herauszubekommen, wo der Vater dieses Jungen wohnte! Doch wenn man nicht wusste, wo man suchen sollte, dann war die Flut an Informationen, die mal filtern musste, nicht gerade gering.

Selbst auf der Institutsseite, auf der sich die Mitarbeiter, und somit auch der Leiter, vorstellten, war nichts Privates herauszubekommen. Alles was Kage herausgefunden hatte, war, dass Hirose wohl neuerdings die Haare kurz trug. Schade, das lange blonde Haar hatte ihm immer so gut gestanden. Aber Kage konnte es nicht abstreiten, auch der Kurzhaarschnitt konnte diesen Mann nichts entstellen. Hirose war älter geworden, vom Leben gezeichnet. Aber immer noch attraktiv.

Sich selbst verfluchend, richtete sich Kage wieder auf. Er hatte es so lange durchgehalten, hatte Hirose schon fast vergessen und dann kam da dieser kleine Bastard, der nicht mal daran dachte, auf eine Herausforderung zu reagieren, und riss die alten Wunden auf. Dieser kleine Mistkerl! Er hatte ihn dazu gebracht, Himmel und Hölle und alte Bande in Bewegung zu setzen, nur um heraus zu finden, wer der kleine Sack war und siehe da – er war Hiroses Sohn!

Dieses Wissen alleine hatte ausgereicht, wieder Hoffnung zu schöpfen, doch noch einmal Zugang zu Hirose zu finden. Das war krank – aber wirklich!

„Ach leckt doch die Welt am Arsch“, zischte er und drückte auf den Bildschirm, um ihn zu löschen. Er hatte weder Lust sich weiter Hiroses Bild anzusehen, ohne zu wissen, wo er ihn finden konnte, noch wollte er sich daran erinnern, dass es immer noch möglich war, im Institut vorzusprechen und zu hoffen, Hirose würde ihn anhören.

Doch da war sein Stolz dagegen. Er wollte sich nicht anbiedern und dann vielleicht vor aller Augen abgeschoben werden. Er wollte Hirose alleine erwischen und ihm die Chance geben … Verdammt, was dachte er denn schon wieder?

Ein Bad – er brauchte ein Bad und zwar schnell und dann endlich mal wieder was essen. Vielleicht hatte er nach einem entspannenden Bad den Elan kurz vor Mitternacht noch Miso-Suppe zu kochen und seine Gedanken wieder in Bahnen zu lenken, die weder von Hirose noch von seinem verklemmten Balg tangiert wurden.

~*~

Der Morgen kam, wie der Abend gegangen war. Kinta lag noch immer auf Kevins Brust. Eines seiner Beine hatte sich mit denen seines Freundes verknotet und die Hände auf seiner Hüfte hielten ihn und bewahrten ihn vor Schlimmerem. Zufrieden seufzte Kinta nur, als er sich langsam – weil er noch nicht wirklich wach war - alles wieder in Erinnerung rief. Erst diesen Stein, dann diesen Mann, seinen Vater und Kevin.

Verliebt und zufrieden ließ er seine Finger über Kevins Gesicht gleiten und nahm die Konturen in sich auf. So bewusst hatte er sich seinen Freund noch nie angesehen. Ja, unbestritten: Kevin war schön, er sah richtig gut aus. Und er wollte ganz allein Kinta.

„Meins“, murmelte er und ließ seinen Kopf wieder auf Kevins Schulter sinken.

„Ja, deins“, kam die leise Antwort und Kinta zuckte zusammen. „Kevi, du schläfst ja gar nicht.“ Es klang fast wie ein Vorwurf, doch das Lächeln auf Kintas Lippen machte alles wieder wett. Sich einen Kuss raubend, richtete sich Kevin etwas auf und gähnte ungehalten. Eigentlich war das noch gar nicht seine Zeit gewesen, aber die Aufregung und die Angespanntheit hatten ihn nicht wirklich schlafen lassen.

„Nein, ich hab auf dich aufgepasst“, lachte er leise und strich Kinta durch die über und über verwüsteten Haare. Sie standen in alle Richtungen, da war nicht mehr viel zu retten.

Zufrieden rollte sich Kinta zusammen und lag plötzlich ganz still, als er unbewusst Kevins Schritt streifte und er erschrocken aufstöhnte. Es fühlte sich anders an als sonst, so viel konnte Kinta schon mal sagen. Und weil er auch kein kleines Kind mehr war, wusste er, was passiert war. Nur warum es passiert war, das verstand er nicht.

Kevin lag doch nur mit ihm hier, was machte ihn da so an? Er wagte kaum zu atmen und blickte entschuldigend zu Kevin auf. Doch der grinste ihn nur frech an. „Jetzt tu mal nicht so, als hättest du noch nicht gemerkt, dass ich so auf dich reagiere. Das war doch gestern Morgen nicht anders gewesen.“

Kinta, etwas verwirrt, setzte sich auf und blickte auf Kevin hinab. „Alles an was ich mich erinnere ist, dass du mich unter das Bett geworfen hast“, gestand er und atmete tief durch. Was erwartete sein Freund von ihm? Was erwartete jemand, den man erregt hatte? Kinta war so nervös wie lange nicht.

Nicht mal die Erinnerung an die Verteidigung seiner Arbeiten machte ihm solches Bauchflimmern. Denn im Gegensatz hierzu, wusste er bei diesen Verteidigungen ganz genau was er tat und wovon er da redete. Von dem hier hatte er null Ahnung – er hatte ja damals bei Jane schon wenig Ahnung gehabt, aber von dem was ein Mann wollen konnte, hatte er keinen blassen Dunst. Echt nicht.

Seufzend sank Kinta in sich zusammen und Kevin zog ihn einfach wieder auf sich. „Will ich wissen, was du gerade denkst?“, flüsterte er leise und hauchte einen Saum von Küssen über Kintas Gesicht. Er fühlte sich frei. Das erste Mal musste er sich keine Gedanken darüber machen, Kinta raus zu werfen, ehe Mariso zu ihm kam. Heute konnte er mit Kinta den ganzen Tag im Bett liegen bleiben, wenn er wollte. Er konnte ihn küssen so oft er wollte und er konnte ihn an sich drücken so fest er wollte. Keiner würde kommen und ihn davon abhalten.

„Ich hab nichts zum Frühstück da“, murmelte Kinta, als ihm gerade aufging, dass man ja nicht nur von Luft und Liebe leben konnte, auch wenn die Poeten vergangener Tage das gern mal behaupteten. Er war Realist, er wusste, dass dies nicht ging!

„Und was will uns der Dichter damit sagen? Dass mein Kini verhungern muss, jetzt wo ich ihn endlich habe“, lachte Kevin und drehte sich geschickt mit seinem kleinen Freund auf dem viel zu schmalen Bett, brachte den Schwarzhaarigen damit unter sich. Kinta sah nur verlegen weg und versuchte die Nähe zu ignorieren.

Sie war nicht unangenehm, ganz im Gegenteil, sie ließ Hitze durch Regionen peitschen, von denen er nicht wusste, dass er dort etwas empfinden konnte! Das war der pure Wahnsinn, was Kevin in ihm auslöste. Warum war ihm das früher nie aufgefallen? Es war doch nicht das erste Mal, dass sie ein Bett teilten, sie sich nahe kamen und kuschelten.

„Du hast mich schon immer gehabt, ich laufe ja nicht weg“, murmelte Kinta nur leise. Es war ihm auf eine seltsame Art peinlich, dass Kevin so eine Aufregung um ihn machte, ihn so wertschätzte und sich um ihn sorgte. Nicht dass sein Freund das nicht auch schon früher getan hatte, aber nun, da sie beide wussten, woran sie waren, hatte dies alles eine andere Bedeutung, zumindest für Kinta.

„Gut zu wissen“, flüsterte Kevin nur rau und sein Kopf kam immer tiefer. Das lange Haar fiel ihm über die Schultern und schirmte sie beide von allem ab. Es gab nur noch sie beide und den zarten Kuss, den sie tauschten. Wieder und wieder und wieder. Mal nippte Kevin nur verboten sanft an Kintas Lippen, mal eroberte er sie im Sturm, als wolle er seinen kleinen Freund verschlingen. Und Kinta ließ diese Wogen und Stürme mit wild klopfendem Herzen über sich ergehen.

„Wie sieht’s aus. Ich hab Lust auf ein großes mexikanisches Frühstück. Schön scharf und feurig. Kommst du mit, ich lade dich ein.“ Kevin wusste, dass diese Frage nur rhetorisch gewesen war, Kinta nicht. Der hielt gleich dagegen und erklärte, Kevin hätte schon die Pizza bezahlt und es wäre nicht seine Aufgabe, Kinta durchzufüttern. So sah sich Kevin in der Veranlassung, seinen Freund zum Schweigen zu bringen. Konnte sich ja keiner mit anhören. Als ob er verantworten konnte, dass sein Liebling verhungerte.

Ein letzter Kuss, dann erhob sich Kevin etwas beschämt, weil nun seine Reaktion auf Kinta nicht mehr zu übersehen war. „Ich bin im Bad“, erklärte er fix und dann lag der Schwarzhaarige allein in seinem Bett, starrte an die Decke und wusste noch immer nicht, was eigentlich los war. Aber er fühlte sich auf angenehme Art zufrieden.


11. kein Zurück mehr

Doch auch die schönsten Augenblicke vergingen irgendwann, da konnte man sich noch so sehr wünschen, die bliebe Zeit stehen und dieses Gefühl verging nie. Auch Kinta konnte irgendwann nicht vermeiden, dass ihn die Unruhe trieb. Denn je länger er hier lag, umso mehr drängten sich Dinge in seinen Kopf, die er eigentlich nicht haben wollte.

Vor allem die Mail von gestern Abend – dieser Kage aus dem komischen Palast, der doch wirklich allen Ernstes die Frechheit besessen hatte, ihn zu sich zu bestellen. Nicht zu fragen oder zu bitten, sondern zu fordern! Wenn man bedachte, was der Weißhaarige, der sich Palastmeister schimpfte, behauptet hatte, nämlich Kinta wäre der Herr dieses Typen – was immer das auch bedeuten mochte – dann war dieses Verhalten aber mehr als ungebührlich. Ob er ihn rügen sollte für diese Unverfrorenheit?

„Kini, du liegst ja immer noch lang“, lachte Kevin, als er wieder in das kleine Schlafzimmer zurückkam. Er war frisch geduscht, die Haare noch zum Zopf zusammen gebunden, damit sie nicht nass wurden und außer einer Short, die er als regelmäßiger Übernachtungsgast in Kintas kleinen Schrank deponiert hatte, trug er nicht viel. Mit Schwung warf er sich wieder auf das Bett, landete aber gezielt auf allen Vieren, so dass der zierliche Körper seines Freundes zwischen Händen und Knien lag. Kurz stahl er sich noch einen Kuss, dann war er auch schon wieder weg.

„Komm schon, du Murmeltier, ich habe Hunger.“

Es schien, als würde Kevin von der Idee, frühstücken zu gehen und Kinta weiter durchzufüttern, nicht abgehen. Und weil auf Kintas Karte nicht mehr genug Geld war, weil erst in drei Tagen wieder gezahlt wurde, konnte er nicht mal sagen „das geht auf mich“. Er fühlte sich einfach nur unbehaglich, das konnte er gar nicht vermeiden.

Er mochte es nicht, wenn Leute Geld für ihn ausgaben, egal wie gern sie es taten oder wie nah sie ihm standen. Er mochte es nicht, weil er wusste, er konnte sich nicht revanchieren. Am liebsten hätte er die Decke wieder über den Kopf gezogen und so getan, als wäre er nicht da. Doch Kevin kannte ihn schon viel zu gut. Er griff sich einfach den Zipfel der Decke und zerrte sie mit sich ins Wohnzimmer, weit weg von Kinta, der ziemlich schnell anfing zu frieren und murrend hinterher kam.

„Du bist fies“, murmelte Kinta nur und startete, weil es Gewohnheit war, wenn er das Wohnzimmer morgens zum ersten Mal betrat, den PC. Doch dann lief nichts mehr so, wie er es gewohnt war. Er sank nicht auf dem Stuhl zusammen und bemitleidete sich selbst für einen neuen beschissenen Tag, sondern wurde von Kevin in dessen Arme gezogen und sein Nacken mit weichen Küssen geradezu verwöhnt.

„Husch, duschen und anziehen. Sonst sterbe ich vor Hunger.“ Zur Verdeutlichung biss er seinem Freund in den Nacken und kicherte leise, als der quietschte. Es war wohl wirklich gesünder, Kinta beeilte sich ein bisschen, bevor sein Freund noch zum Kannibalen wurde.

„Kannst du mal den Posteingang checken? Ob mein Alter was will oder dieser Kage?“, rief Kinta noch, als er schon auf dem Weg zur Dusche war. Und kaum dass er nackt darunter stand klopfte es. Doch die Tür blieb geschlossen. Kevin wusste was sich gehörte. „Der Drachenmeister hat noch vier Mails geschickt. Warum du dich nicht meldest und so. Er scheint wohl wirklich ziemlich daran interessiert, dass du dich mal blicken lässt. Er klingt... na ja, ich meine ich kenne ihn ja.“ Kevin lehnte neben der Badtür an der Wand und redete und redete, einfach nur, um sich abzulenken.

„Er ist eigentlich immer sehr beherrscht. Dass er so drängt und fordert, kenne ich gar nicht von ihm. Er ist immer korrekt. Ich glaube, ihm ist es wichtig, dass du … irgendwie … ach ich weiß auch nicht.“

Kevin redete und redete, lauschte auf das Rauschen, lauschte, als es wieder verstummte. Redete so lange, bis Kinta wieder vor der Tür erschien. Sauber, noch etwas nass und in neue Klamotten gehüllt.

„Ich habe doch gesagt, ich werde hingehen. Willst du mit?“ Von unten durch den langen Pony blickte Kinta zu seinem Freund nach oben. Man sah, dass der Kleinere bettelte. Er wollte da nicht alleine hin, er wollte hin – ja. Aber nicht alleine. Vielleicht wurde der Kerl ja nicht gewalttätig, wenn einer seiner Schüler dabei war?

Aber vielleicht redete er auch nicht, wenn einer dabei war, der Respekt vor ihm haben sollte? Vielleicht sollte Kinta abwägen, was ihm wichtiger war und das war nicht automatisch seine Gesundheit. Denn wenn seine Neugier erst einmal angestachelt war, versagte seine Logik gänzlich. Diese Erfahrung hatte er in den letzten paar Tagen mehr als einmal machen müssen.

„Ich weiß nicht“, gestand Kevin, während er sich in seine Schuhe kämpfte, die noch immer ein bisschen nass waren vom gestrigen Regen und blickte dann wieder auf Kinta. „Soll ich?“

„Wenn ich’s wüsste, würde ich dich ja nicht fragen, Kevi.“ Auch Kinta wusste nicht so richtig weiter. Vielleicht doch erst mal essen und langsam über die Sache nachdenken. Kurz überlegte er, Kage zurück zu schreiben, dass er kommen würde, doch dann siegte der Trotz. Wenn der Kerl diesen Ton anschlug, dann hatte er keine Antwort verdient.

Zufrieden auch mal hart geblieben zu sein und nicht nachgegeben zu haben, zog auch er sich warme Sachen über und folgte Kevin aus seiner Wohnung.

~*~

Kinta wollte den Weg zum Palast von seiner Wohnung in der 112ten bis hinüber zu 802ten Straße doch allen Ernstes zu Fuß laufen. Kevin hatte irgendwie schon das Gefühl gehabt, er würde seinen Entschluss, sich Kage zu stellen, doch noch umwerfen, aber er hatte auch nichts dazu gesagt.

Sie waren essen gewesen und hatten sich unterhalten, ab und an verstohlene Küsse getauscht, aber irgendwann hatte Kevin die Neugier unruhig werden lassen.

Obwohl er die Mail-Adresse seines Meisters deutlich erkannt hatte, konnte er immer noch nicht glauben, was Kinta alles erzählt hatte. Sein stolzer Meister sollte eine Hure sein? Er musste es wohl mit eigenen Augen sehen, um es wirklich zu glauben.

Kinta hingegen drängte es weniger zum Aufbruch. Sein Kopf arbeitete auf Hochtouren. Was wollte dieser Kerl von ihm? Bestellte ihn zu sich wie einen Dienstboten und Kinta ging auch noch. Er wusste ja nicht mal warum, denn dass er wirklich interessiert daran wäre, was dieser Kerl ihm zu sagen hatte, das war es nicht.

Dieser Kerl war schließlich dran schuld, dass seine Mutter damals im Krankhaus allein gestorben war. Heute ahnte Kinta, sein Vater war nicht verhindert gewesen, keine Experimente mussten zu ende gebracht werden, von denen die Zukunft der Fakultät abhingen, so wie er damals immer behauptet hatte. Nein, dieser Mistkerl war bei seiner Hure gewesen und hatte seine Frau einsam in einem anonymen Krankenhaus sterben lassen – so sah es doch aus.

„Kini“, wisperte Kevin leise, als sich seine Hände um Kintas legten. Die kleinen Finger hatten sich schmerzlich verkrampft, so als wäre sein Freund in schweren Gedanken versunken. „Lass mich teilhaben, ich will wissen, wenn es dir nicht gut geht“, flüsterte er leise und strich sanft mit seinem Daumen über Kintas Handrücken.

Doch der blickte ihn nur an und schüttelte enttäuscht den Kopf. Er konnte nicht. Er konnte Kevin doch nicht sagen, was dieser Kerl getan hatte! Seinen Vater vom Totenbett seiner Mutter fern gehalten. Was warf denn das für ein Bild auf Kevins Vorbild? Gar kein gutes und das wollte Kinta nicht. „Später mal, lass uns gehen“, erklärte er sanft und hauchte seinem Freund einen Kuss auf die Finger. „Ich will’s hinter mich bringen.“

Nickend nahm es Kevin hin. Es war nicht die Antwort gewesen, die er von seinem Freund erwartet hatte. Vertraute er ihm nicht? Nein, das konnte es nicht sein. Kinta hatte schon immer Vertrauen in ihn gehabt, seit sie Kinder gewesen waren. Das konnte es also nicht sein. Er zog seine Karte durch den Leseschlitz am Tisch, bestätigte die Summe mit seinem Daumenabdruck und erhob sich langsam.

Aufmunternd lächelte er Kinta zu und zog ihn dann einfach in eine stumme Umarmung, ehe sie unter dem einen oder anderen skeptischen Blick das altertümliche Lokal verließen. Die Sonne stand schon weit oben am Himmel, schien in die schmalen Gassen zwischen den hohen Häusern, aber den Boden erreichte sie einfach nicht.

Kinta fest im Arm, weil der Wind durch die engen Gassen zog, gingen sie eine Weile schweigend nebeneinander her. Aber Kevin ging dies alles zu langsam. Ohne lange darüber nachzudenken, zog er seinen Freund mit sich zur Haltestelle der Stadtbahn und so dauerte es kaum eine halbe Stunde, bis sie vor dem Haus standen, was sich Palast nannte.

„Das ist es also?“, wollte Kevin wissen und Kinta nickte nur. Er musste schlucken. Er war viel zu schnell hier gewesen, er wusste noch immer nicht, was er dem Kerl sagen wollte. Er konnte sich auch nicht vorstellen, was dieser Typ von ihm wollte. Am liebsten wäre er diesem Mann nie begegnet!

Kinta blickte neben sich. Kevin wirkte nervös und aufgelöst. Was er wohl dachte? „Du musst nicht mit, wenn dir nicht wohl dabei ist“, erklärte Kinta und griff schnell die Hand seines Freundes. Er drückte sie fest, denn er wollte ihm zeigen, dass er nicht allein war.

„Ich will es wissen, ich will wissen, was los ist und warum er hier ist. Ich begreif das immer noch nicht“, murmelte Kevin und griff nach dem schweren Ring an der Tür, um zu klopfen.

Wie erwartet dauerte es auch nicht lange, bis Sebastién die Tür öffnete und Kinta anblickte. „Guten Tag, Herr! Habt ihr beschlossen, es noch einmal zu versuchen?“, lächelte er und verbeugte sich, als er Kinta und Kevin herein bat.

Eilig nickte der Schwarzhaarige nur, er hatte keine Lust zu erklären, warum er eigentlich hier war. Sein Key rief und er sprang. Da war er nicht gerade stolz drauf. Außerdem fühlte er sich hier immer noch unwohl. Die schummrige Atmosphäre, die dunkelroten Teppiche, der unbearbeitete Stein an den Wänden.

Es war noch immer wie vor ein paar Tagen – nichts hatte sich geändert. Nur wusste er jetzt auf wen er sich da einließ und wie viel Kraft dieser Mann hatte. Der – nicht zu vergessen – seinen Vater kannte und der wiederum ihn!

„Kannst du uns zu dem Zimmer des Leidenschaftsschattens bringen? Wir haben zu reden“, erklärte Kinta mit fester Stimme und folgte dem Diener, der nur stumm nickte und dabei tanzte der Zopf des jungen Mannes über seinen Rücken. „Hier entlang, die Herren.“

Kinta wunderte sich nicht einmal darüber, dass sich keiner dagegen wehrte, weil er noch jemanden mitbrachte. Was waren denn das für Sitten hier? Und hier wohnte dieser Kerl? Was war denn das für einer!

Seine Wut auf seinen Vater stieg mit jeder Stufe, die er dem Zimmer näher kam. Er hatte jetzt schon wieder das Gefühl des Holzes in seinem Rücken. Wie er sich dagegen drängte und dieser Kerl massig und überlegen vor ihm stand und tobte. Verdammt, das war nicht gut. Gar nicht gut.

Ohne es selbst zu merken, wurde Kinta immer langsamer. So griff sich Kevin die Hand seines Freundes und drückte sie wieder. „Ich pass auf dich auf, Kleiner, er wird dir nichts tun“, flüsterte er und war sich selber nicht mehr so sicher, ob es nicht doch eine dumme Idee gewesen war, Kinta spüren zu lassen, wie viel ihm selbst daran lag, die Situation zu klären. Er schien Kinta damit unter Druck gesetzt zu haben.

Doch der Schwarzhaarige festigte seine Gestalt wieder und schüttelte nur den Kopf. Er war kein Kind mehr, auch wenn sein Vater das noch immer nicht begriffen hatte. Er war ein junger Mann und er konnte seine Probleme lösen. Und dieser Kerl war ein Problem, seit er diesen vermaledeiten Stein in dem bekloppten Buch seines dämlichen Vaters gefunden hatte und sein Leben aus den Fugen gerissen worden war.

Das musste wieder ins Lot, sonst kam Kinta nie wieder in seinen gewohnten Tritt. Seit Tagen stimmte seine Logik nicht mehr, gar nichts stimmte mehr – jeder benahm sich nur noch unlogisch – nicht nachvollziehbar. Das musste aufhören und zwar schnell. Er hatte eine Doktorarbeit die er vorantreiben musste.

„Da wären wir, Herr Hayoto. Den Schlüssel haben sie dabei?“, fragte Sebastién und verbeugte sich wieder ein wenig. Als er neben der Tür Stellung bezog und den Herrn des Keys kurz ansah.

Kinta nickte, eine Hand auf seiner Tasche und atmete noch einmal tief durch. „Du kannst gehen“, erklärte er mit zittriger Stimme. Es war nicht seine Art zu befehlen, es machte ihn unsicher, aber noch weniger wollte er, dass der Diener sah, wie seine Hände zitterten, wenn er den Schlüssel in die Aussparung legte. Mit einem Nicken verschwand der junge Mann und ließ sie beide auf dem Flur allein.

„Nun gibt es also kein Zurück, rein da“, murmelte Kinta und hielt den Stein in seiner Hand, doch Kevin zog ihn wieder in seine Arme. „Nein, das stimmt nicht. Wir können auch wieder gehen, Kini. Wir müssen das nicht.“

Doch Kinta machte sich los und straffte sich wieder. „Nein, wir gehen nicht. Wir gehen da jetzt rein und der Kerl wird mir sagen, was er mit meinem Alten zu schaffen hat, sonst dreh ich ihm dieses Mal den Hals um“, knurrte Kinta und zuckte zusammen, als sich die Tür hinter seinem Rücken öffnete, ohne dass er sie auch nur berührt hatte. Im nächsten Augenblick erschien Kage in der Tür und blickte ihn herausfordernd an, stutzte aber, als er Kevin erkannte.

„So, so“, erklärte der Drachenmeister aber nur spöttisch, „du willst mir also den Hals umdrehen. Interessant.“ Die dunklen braunen Augen funkelten sichtlich amüsiert. „Du bist witzig, kleiner Hayoto.“ Kage wirkte sichtlich amüsiert, aber auch zufrieden.

Der Kleine war seinem Ruf also gefolgt und hierher gekommen. Aber dass er einen seiner Schüler im Schlepptau hatte, war eigentlich nicht geplant gewesen. Sein Privatleben ging keinen etwas an, schon gar nicht seine Schüler.

„McCain, was willst du hier“, erklärte er mit fester Stimme und blickte über Kinta hinweg, der nur leise knurrte, weil er gänzlich aus dem Interessengebiet zu rutschen schien. ER war der Herr! Mit IHM hatte sich Kage abzugeben. Was sollte das denn hier? Er blickte auf und sah wie fest sich die beiden Männer in die Augen sahen.

„Ihr habt meinen Freund geschlagen, Meister. Ich werde nicht zulassen, dass dies noch einmal passiert.“ Besitz ergreifend legte Kevin seine Arme um Kinta, wich dem Blick seines Meisters aber nicht für einen Wimpernschlag aus.

„So so, dein Freund“, erklärte Kage nur und trat zur Seite, um die Tür freizugeben. „Dann kommt rein, ich habe mit Hayoto zu reden.“ Kage kümmerte sich nicht weiter um seine Gäste, sie würden folgen, das wusste er.

So schritt er langsam in das Tatami-Zimmer; auf dem kleinen Tisch in der Mitte standen Schalen und Tee und dahinter ließ sich Kage nieder, wies mit einer Hand den beiden anderen sich ebenfalls zu setzen.

Kevin ließ sich, wie sein Meister auch, auf die Knie fallen und setzte sich auf seine Fersen, während Kinta sich im Schneidersitz setzte, weil er gar nicht einsah, diesem Kerl etwas gleich zu tun.

Er mochte Kage nicht – er mochte ihn einfach nicht. Vergessen war das Gefühl der Bewunderung, als er den Drachenmeister das erste Mal im Ring des Dojo gesehen hatte, vergessen die Hitze, die aufgestiegen war, als er ihn bewundert hatte. Dieser Kerl war brutal, und vor allem war er schuld daran, dass seine Mutter so einsam gestorben war – ganz allein!

Eine Weile herrschte Schweigen. Kevin und Kage maßen sich mit Blicken und Kinta fragte sich gerade, warum er hier war und was der ganze Mist eigentlich sollte.

„Also“, murmelte er und blickte Kage herausfordernd an.

„Was?“, fragte der Mann doch allen Ernstes und grinste auch noch. Er wirkte sichtlich zufrieden und Kintas Wut wuchs. Hatte ihn der Kerl gerade vorgeführt? Er rief und Kinta kam und nun saß er hier und wartete auf dessen Wohlwollen?

„Du hast mich herbestellt, schon vergessen? Wenn du mir nichts zu sagen hast, kann ich auch wieder gehen.“ Wütend erhob sich Kinta. Er hatte es satt, wie ein kleines Kind behandelt zu werden und Kevin erhob sich mit ihm. Kinta und seine Gefühle waren einfach wichtiger, als zu wissen, welches Geheimnis den Drachenmeister mit Herrn Hayoto verband. Kevin konnte es sich denken, mehr brauchte er nicht zu wissen. Aber wenn sein Freund sich hier nicht wohl fühlte, dann würde er ihn sofort hier raus bringen.

„Bleib!“, schnitt Kages Stimme durch den Raum und er erhob sich ebenfalls, kam dicht auf Kinta zu und blickte auf ihn hinab. Kinta wich instinktiv zurück. Zu gut konnte er sich an die Schmerzen in seinem Kopf erinnern, als Kage das letzte Mal mit diesem Blick auf ihn zugekommen war. Doch der Mann schien sich zu besinnen, denn er trat wieder einen Schritt zurück.

„Verzeiht, mein Herr“, erklärte er plötzlich unterwürfig und fiel auf ein Knie. Kinta wusste nicht, was los war. Musste er sich jetzt auch noch verarschen lassen? Das war doch das allerletzte!

„Ich gehe – ich hab’s satt“, knurrte er nur, doch Kage griff ihn an der Hose, als er wieder zu ihm aufblickte.

„Ich bitte euch inständig, mein Herr, bleibt, ich muss mit euch reden.“

Kinta konnte nur schweigend nicken. Er schluckte hart. Was war passiert – und vor allen Dingen warum? Irgendwie wurde ihm das alles zu viel. Langsam sank er in sich zusammen und schmiegte sich dichter an Kevin, der ihn einfach im Arm hielt und an seine Brust zog.

„Danke“, erklärte Kage mit fester Stimme, als er sich erhob, um Tee einzuschenken. Er hatte Kinta wohl falsch eingeschätzt.


12. Komm her!

Noch immer herrschte Schweigen in dem kleinen Raum. Nur ab und an war das Rascheln der Reisstrohmatten zu hören, wenn sich jemand ein wenig bewegte. Aber sonst herrschte Ruhe. Der Duft des grünen Tees zog durch den kleinen Raum und jeder der Drei schien für ein paar Augenblicke seinen eigenen Gedanken nachzuhängen.

„Also“, versuchte es Kinta noch einmal, als ihm das alles langsam auf die Nerven ging. Er bog seine Finger, versuchte sich krampfhaft auf etwas anderes zu konzentrieren, aber es ging einfach nicht. Sonst half es immer, die ersten 136 Primzahlen herzubeten oder Wurzelbrüche im Kopf zu berechnen. Aber heute brachte dies alles gar nichts.

Eine Frage hämmerte immer wieder in seinem Kopf. Was hatte dieser Kerl mit seinem Vater zu schaffen, dass er einen Mann wie Hirose Hayoto zu Worten wie 'das ich ihn immer noch liebe' bewegen konnte. Wer war dieser Typ und woher kannte er ihn? „Und komm mir nicht wieder mit Was?, denn dann geh ich wirklich. Ich bin hier, weil du eine Unterredung wolltest. Also rede. Ich höre zu.“

Aber Kinta blickte nicht auf, er schmiegte sich einfach dichter an Kevin, egal was dieser Kage von ihm halten mochte. Der brauchte sich gar nicht so aufzublasen – war er doch selber mit seinem Vater verbunden und arbeitete dazu noch als Hure.

„Wie geht es ihm?“, wollte Kage wissen und führte die Teeschale zu seinen Lippen. Kurz blies er darüber und nahm einen kleinen Schluck. Doch seine Augen lagen auf Kinta.

„Wen … Wen meinst du?“, wollte Kinta wissen und seine blauen Augen wirkten hinter der Brille nervös. Was machte er hier? Er wusste doch selbst, von wem Kage da sprach. Warum spielte er so mit diesem Mann? Oder spielte er gar nicht, sondern versuchte das Unausweichliche nur hinauszuzögern?

Tief durchamtend stellte Kage seine Schale wieder auf den Tisch. „Ich halte dich für ein ausgeschlafenes Bürschchen, Kleiner, also verarsch mich nicht. Wenn du auch nur ein wenig nach deinem Vater kommst, dann hast du Nachforschungen angestellt und weißt, was und wer ich bin. Also sag mir, wie geht es Hirose“, wollte er wissen, die Stimme betont ruhig gehalten.

Er mochte es gar nicht, von einem solch kleinen Kerl verscheißert zu werden. Der Kleine sollte nicht glauben, nur weil er der Herr seines Zimmers war, konnte er machen was er wollte. Kage war nur aus einem Grund hier. Er wartete auf Hirose. Er war keinem anderen verbunden – nur ihm.

„Keinen Schimmer, ich hab den Bastard kaum noch gesehen“, murmelte Kinta. Na ja, ganz die Wahrheit war es ja nicht. War er doch gestern erst bei ihm gewesen. Aber das ging Kage nichts an! Was bildete dieser Kerl sich ein?

„Kleiner Hayoto, mäßige deine Wortwahl. Ich kenne Hirose als einen warmherzigen, liebevollen Menschen“, zischte Kage. Er mochte es gar nicht, dass so über Hirose gesprochen wurde. Hirose war ein liebevoller Mann und ein verdammt guter Liebhaber gewesen. Keiner – auch nicht oder schon gar nicht sein Sohn – hatte das Recht, so über ihn zu sprechen.

„Ich?“ Kinta sprang auf und stieß sich in seiner Hektik das Knie am Tisch und fluchte leise. „Ich kann über dieses Arschloch reden wie ich will, ist das klar!“ Kinta schrie, er war außer sich. Was bildete dieser Mann sich ein? Hirose Hayoto? Liebevoll und warmherzig? Das war ja wohl ein Witz – sie konnten unmöglich von dem gleichen Mann reden! Warum war er nie zu ihm so gewesen? Warum kannte er ihn nicht als warmherzigen, treu sorgenden Vater, sondern nur als Schatten und Namen, der kaum daheim war? Warum?

Kintas Wut wuchs und er funkelte Kage wütend an. „So lange du keinen Schimmer davon hast, wie dieser Drecksack mit seiner Familie umgegangen ist, während er dir den Himmel auf Erden vorgelogen hat, so lange halt deine Klappe“, schrie er und lief zur Tür. Tränen standen in den Augen und Kinta sah kaum noch wohin er lief.

Die Tür stoppte seinen Lauf, denn er wusste noch immer nicht, wie sie zu öffnen war. Eine Klinke hatte er das letzte Mal schon vergeblich gesucht. Wütend schlug er gegen das Holz und spürte nur Augenblicke später wieder vertraute Arme, die sich um ihn schlossen und gegen Kevins Brust zogen. Sein Freund gab sich alle Mühe Kinta wieder zu beruhigen. So aufgelöst hatte Kevin ihn Freund lange nicht erlebt. Nicht seit dem Tod seiner Mutter.

Kage selbst war viel zu überrascht von Kintas Reaktion. Was wusste er nicht? Wovon sprach der Junge denn da? Langsam erhob er sich und sah den Beiden hinterher. So hatte das nicht laufen sollen. Er wollte fragen – der kleine Hayoto sollte antworten – und alles wäre geklärt. Er wollte zu Hirose gehen und ihn sprechen, aber das hier war ein Albtraum.

Das erste Mal nach Jahren fing er an, wirklich über Hirose nachzudenken und Gedanken zuzulassen, die er nicht wahrhaben wollte. War Hirose wirklich nicht der Mann, den er kannte, denn er kennen und lieben gelernt hatte? Das konnte nicht sein. Er hatte ein Gespür für Menschen und vor allem für Lügner. Er enttarnte jeden und ausgerechnet bei seinem Geliebten sollte er gescheitert sein? Nein, das konnte und das wollte Kage nicht glauben.

Aber Kintas Worte ließen ihn auch nicht ganz kalt.

Warum sprach ein Sohn so über seinen Vater? Selbst als Oto-san ihn verstoßen und aus der Familie ausgestoßen hatte und Kages Wut auf ihn nicht hätte größer sein können, wäre er nie auf die Idee gekommen, ihn zu hassen. Aber Kinta Hayoto war voller Hass. Er war so voller Hass, dass er dem Jungen selbst durch die Brille hindurch aus den Augen sprang. Er war greifbar, gewachsen und tief verwurzelt.

Sprachen sie beide wirklich von ein und derselben Person?

„Kleiner Hayoto?“, rief er fragend in den Flur, in dem es verdächtig still war. Kein Wort wurde gesprochen und von Kinta war hinter Kevins Körper kaum noch was zu sehen. Nur seine Finger, die sich verzweifelt in den Stoff von Kevins Hemd schlugen. So war es auch nicht verwunderlich, dass Kinta nicht reagierte, sondern Kevin. Er wandte sich um und blickte seinen Meister neutral an.

„Es tut mir leid, McCain. Ich wollte das nicht“, erklärte Kage und senkte den Kopf. Kevin nickte nur. Er wusste, sein Meister meinte seine Worte ernst. Er entschuldigte sich selten, es musste ihm also sehr viel daran liegen.

So saß der Blonde mal wieder zwischen den Stühlen und wusste nicht, was er tun oder sagen sollte. Kinta in seinen Armen klammerte sich immer fester. Er wollte gehen, das war augenscheinlich. Aber was brachte es denn, immer wieder wegzulaufen? Es würde ihn einholen – wieder und wieder und wieder. Es brachte doch nichts.

„Kini, sag ihm, was dich bedrückt“, flüsterte er leise und strich seinem Freund wieder über den Rücken. Seine Lippen nippten immer wieder an den Schläfen unter dem schwarzen Haar. Doch Kinta schüttelte nur den Kopf. „Will nicht“, murmelte er und wischte sich nachlässig ein paar Tränen weg.

Er war nicht mehr nur wütend und enttäuscht. Er war wie vor den Kopf geschlagen. Es gab also Leute, die es seinem Vater wert gewesen waren, liebevoll behandelt zu werden. Warum war seine Familie nie so jemand für ihn gewesen? Warum? Was hatte er falsch gemacht, dass er nie in den Arm genommen worden war? Warum hatte er in den Augen seines Vaters nie etwas richtig gemacht? Warum?

Und dann kam da diese Hure und bekam alles, was Kinta nicht kannte. Wärme, Zuwendung, Aufmerksamkeit und jetzt wunderte sich dieser Scheißkerl, dass Kinta nichts von ihm wissen wollte? Das war nicht fair, wirklich nicht.

„Meister, ist euch nie in den Sinn gekommen, dass es einen Grund hat, warum Hirose Hayoto sich nicht mehr meldet?“, fragte Kevin den Drachenmeister. Er konnte sich seinen Meister einfach nicht als einen so selbstsüchtiger Kerl vorstellen. Er war doch ein Mann mit Tugenden und Prinzipien. Wie passte es denn da hinein, eine Familie zu entzweien, nur für die eigene Zufriedenheit? Sein Meister war nicht so ein Mensch – er konnte es einfach nicht sein. Er quälte nicht Schwächere, nur zu seinem eigenen Nutzen!

„Ja, ist es – McCain. Und genau diesen Grund will ich endlich von ihm erfahren. Ich will wissen, warum er mich vom einen auf den anderen Tag verlassen hat und dieses leidliche Kapitel endlich abschließen“, erklärte Kage und schenkte sich Tee nach.

Eigentlich beruhigte ihn der leicht herbe Geschmack immer etwas, doch heute nicht. Heute war er aufgelöst, denn er war seinem Ziel so viele Schritte näher, er hatte das Ziel geradezu vor Augen. Hiroses Sohn müsste nur den Mund aufmachen und sagen, wo er ihn finden konnte!

Aber nein, der brüllte ihn ja lieber an, sagte Dinge über Hirose, die gar nicht sein konnten und lag nun in den Armen eines seiner Schüler, um sich wieder zu beruhigen.

Er durfte nicht gehen! Wenn Kinta jetzt ging, kam er garantiert nicht wieder und Kage würde niemals Ruhe finden. Also musste er seinen Stolz beiseite stellen und versuchen, Kinta wieder dazu zu bringen, mit ihm zu sprechen.

Aber wie brachte man einen wütenden, enttäuschten Jungen dazu über seinen Vater zu reden? Wo er sich doch wohl alle Mühe gab, so wenig Berührungspunkte mit ihm zu haben wie es nur ging.

„Alles was ich möchte, ist es hinter mich zu bringen, ein Kapitel in meinem Leben endlich zu einem Abschluss zu bringen“, erklärte Kage noch einmal und strich sich das lange schwarze Haar über die Schulter zurück. „Bitte hilf mir.“

Schnaubend sah Kinta an seinem Freund vorbei auf dem Mann, der noch immer am Tisch kniete. „Hilf mir?“, wiederholte er die Worte, aber sie wirkten abfällig und gepresst. „Hilf mir? Hast du mir geholfen, als meine Mutter starb? Als sie in einem anonymen Krankenhauszimmer das Leben aufgab und mein Alter nicht an meiner Seite war? Wo war er da?

Bei dir, nicht war? Er hat seine Frau sterben lassen und sich mit dir vergnügt? Und so einer erwartet Hilfe von mir? Das ist ja wohl das Letzte“, zischte Kinta.

Die Wut in ihm wurde übermächtig. Es schien, als würde Kage sich alle Mühe geben, genau das falsche zu sagen. Doch Kevin begriff schnell, wie schockiert sein Meister war. Er hatte es im Laufe der Jahre gelernt, die kleinen Regungen in diesem meist stoischen Blick zu deuten und jetzt wirkte er gänzlich irritiert.

„Ihr habt es nicht gewusst, habe ich recht, Meister?“, fragte er und Kage blickte ihn noch immer schockiert an.

Was sagte der Junge da? Was sollte das heißen? Das war doch gelogen! Hirose hatte seine Frau geliebt, genau wie ihn. Es war ihm schwer gefallen, sich entscheiden zu müssen und er hatte es nie geschafft. Immer wieder hatte er von seiner Frau und seinem kleinen Jungen erzählt, stolz und so warmherzig. Wie passten all die hasserfüllten Worte dieses kleinen Jungen heute hier her? Sie sprachen von einem gänzlich anderen Mann!

„Kini“, flüsterte Kevin leise und suchte Kintas Aufmerksamkeit. Und tatsächlich blickte sein Freund mit verweinten Augen zu ihm auf. Kevin nahm ihm die Brille ab und strich die Tränen fort. „Du weißt, dass es nur einen gibt, der…“

„Nein“, herrschte Kinta. Er dachte doch nicht einmal im Traum dran, seinem verlogenen Vater noch mal unter die Augen zu kommen. Im Augenblick konnte er die tiefe Verachtung nicht mal in Worte fassen, die er für ihn übrig hatte.

„Kini, hör mir doch mal zu“, versuchte es Kevin doch Kinta schüttelte nur den Kopf.

„Nein, nein, nein! Ich war gestern bei ihm und er hat weiter gelogen. Er hat gesagt er kennt ihn nicht und gut. Also!“, schnauzte Kinta und in dem Augenblick war es ihm sogar egal, dass es Kevin war, der Blitzableiter für seine Wut wurde.

Kage hob nur eine Braue. So, so – der Kleine hatte also sehr wohl noch Kontakt zu seinem Vater, zumindest hatte er ihn gestern besucht. Warum gab er das nicht einfach zu? Seine Finger schlossen sich um die Schale und er führte sie wieder zum Mund. Am liebsten hätte er sich erhoben und diesen kindischen, verstockten Kerl so lange geschüttelt, bis er ihm sagte, was er wissen wollte. Aber er verbot es sich so ungehalten zu reagieren. Es war seiner einfach nicht würdig.

„Kini, du weißt, das stimmt nicht ganz, sonst hätte er dir nicht gesagt, dass du ihm etwas ausrichten sollst“, erklärte Kevin und blickte sich um, als er hektisches Rascheln auf den Tatami hinter sich hörte.

Kage hatte sich erhoben. Er glaubte sich verhört zu haben. Der kleine Bastard sollte ihm etwas ausrichten und dachte gar nicht daran? Schnellen Schrittes kam er auf Kinta zu, doch Kevin hüllte ihn wieder gänzlich ein, um ihn abzuschirmen.

„Ich hab doch gesagt, da hab ich mich nur verhört, hörst du mir gar nicht zu.“ Kinta hatte sich wieder etwas gefangen, zuckte aber zurück, als er Kage so nah hinter Kevin erblickte. Was wollte dieser Kerl denn nun schon wieder? Wollte er ihn wieder schlagen? Warum funkelten die Augen so? Er sollte weg gehen! Kinta wollte ihn nie wieder sehen – nie, nie, nie wieder!

„Was“, brachte Kage zwischen zusammengepressten Zähnen heraus. Es wurde immer schwerer sich zu beherrschen. Dieser Kerl war der Schlüssel zur Lösung und er weigerte sich einfach.

„Halt – alle beide!“ Kevin stellte sich zwischen die Beiden und blickte immer wieder von rechts nach links und zurück. „Ich bin dafür, dass wir uns wieder setzen und in Ruhe reden.“ Weiter kam er nicht, weil Kinta intervenierte, er möge gehen – es wäre alles gesagt.

Kage glaubte sich verhört zu haben! Doch er atmete nur tief durch, was auch Kevin nicht entging. Er nickte seinem Meister zu und strich Kinta durch die Haare. „Komm schon, Schatz, ich bitte dich, mir zuliebe.“

Er sah, wie Kinta mit sich rang und er selbst fühlte sich auch nicht gerade gut dabei, Kintas Zuneigung zu ihm gegen den Jungen zu verwenden, doch es ging nicht anders. Schlussendlich war es doch auch zu Kintas Bestem! Er würde es verstehen, wenn sich alles geklärt hatte, so hoffte Kevin zumindest. Flehend sah er seinem Freund in die blauen Augen und lächelte ihm aufmunternd zu. „Komm schon, Schatz, hm?“

Kage blickte sie beide an. Schatz? Kevin McCain war also der Freund von diesem Kerl? Sollte er da nicht noch viel besser verstehen können, wie es in Kage aussah? Seine Finger prickelten, seine Füße fingen an zu vibrieren. Am liebsten wäre er jetzt trainieren gegangen, so lange, bis er umfiel, denn sein Körper stand unter Hochspannung.

Er hasste dieses Gefühl, er hasste es wirklich. Aber jetzt gehen, hieß die einzige Chance zu zerstören, die er noch hatte, um sein Leben wieder in den Griff zu bekommen – und endlich die Antworten zu bekommen, die er seit Jahren suchte. Er musste lernen, sich auch ohne einen Ausgleich zu beherrschen.

„Was sollst du mir sagen, Hayoto, sag schon.“ Man hörte Kages Stimme an, wie gepresst er versuchte sich zu beherrschen. Er musste es einfach wissen!

„Das geht dich einen Scheiß an, alles geht dich einen …“

„Kinta, es reicht – ruf Hirose an, sag ihm, er soll hierher kommen …“, stoppte er seinen kleinen Freund in seiner wilden Raserei. Kinta konnte es gar nicht fassen und riss die Augen weit auf. Ignorierte Kage dabei gänzlich.

„Kevi, fällst du mir jetzt etwa auch noch in den Rücken?“ Völlig fassungslos blickte Kinta auf seinen Freund. Warum tat Kevin das? Warum stellte er sich gegen ihn und versuchte nicht mal ihn zu verstehen? Er stemmte sich gegen seinen Freund, um ihn von sich zu schieben, doch Kevin ließ das nicht zu. „Kini, ich stelle mich nicht gegen dich – aber willst du ewig so weiter machen? Dich zwischen sie stellen? Deinen Vater unglücklich …“

„Pf“, machte Kinta nur. Also wenn es ihn bei einem einzigen Menschen auf dieser Welt nicht interessierte, ob er glücklich war oder nicht, dann war es wohl Institutsleiter Hirose Hayoto! Ihm war es egal, ob er sich gerade aufführte wie ein bockiges Kind oder nicht. Er war wütend, er war verletzt und der Letzte, den er sehen wollte, war sein Vater. Warum sollte er diesem Kerl einen Gefallen tun? Wann hatte er das letzte Mal seinem Sohn einen Gefallen getan?

„Kinta bitte, sei nicht so stur“, redete Kevin weiter auf ihn ein und strich seinem Geliebten immer wieder über das feine Gesicht und die Schultern. Es fiel auch ihm nicht leicht, diese Gratwanderung zu unternehmen. Aber ein Gefühl sagte ihm einfach, es musste sein. Es ging nicht anders! Sie waren alle schon zu tief verwickelt.

Kage indes lehnte an der Wand im kleinen Flur und versuchte zu verstehen, dass der Weg zu Hirose nur über dieses bockige Kleinkind ging, der gar nicht begriff, was er in Händen hielt. Das war doch wirklich nicht fair. Immer wieder wanderte sein Blick zu den beiden und so wunderte es Kage schon sehr, als der Junge sein Telefon griff und etwas tippte.

„Was tust du?“, wollte Kevin wissen und las leise: „635./ 802. – Komm her. Kinta“ Er blickte seinen Freund verständnislos an. Was sollte das denn? Doch Kinta schüttelte nur den Kopf. Kevin sollte jetzt nichts sagen. Warum er seinem Vater die Nachricht schickte wusste Kinta selbst nicht. Er tat es und gut. Der Rest lag dann nicht mehr in seiner Hand.

„Sag mir, dass ich das Richtige tue“, murmelte er nur leise und Kevin nickte.

„Ja Schatz, du tust das Richtige“, erklärte er mit einem warmen Lächeln und küsste Kinta sacht, dann immer intensiver, als sich sein Freund an ihn klammerte wie ein Ertrinkender. Deswegen reagierte er auch nicht gleich, als sein Telefon in seiner Hand sich meldete und eine nervende Melodie um Aufmerksamkeit verlangte.

„Ja“, knurrte Kinta nur, weil er sich denken konnte, wer das war. Er hatte mit Informationen ziemlich gegeizt, aber das war Absicht. „Was denn?“ Er hörte der Stimme seines Vaters zu, der zu wissen begehrte, was der Blödsinn sollte, ob er keinen Anderen fände, um seine blöden Späße auszuleben.

„Komm einfach her – wenn du Kage sehen willst. Ich bin nicht dein Laufbursche, sag ihm selber, dass du ihn noch immer liebst, das ist nicht mein Job. Beeil dich. Ich warte nicht ewig.“

Kevin fielen fast die Augen aus dem Kopf als er Kinta so reden hörte. Das sah seinem Freund gar nicht ähnlich. Doch Kinta legte ihm nur einen Finger auf die Lippen.

„Ich bin so wütend auf den Scheißkerl, ich könnte ihm den Hals umdrehen. Und da ich das nicht an dir auslassen will, wird er jetzt dafür bluten“, knurrte Kinta entschlossen. Kevin hatte verdammt Recht. Es musste etwas passieren – so konnte das nicht weiter gehen. Und weil diese verfahrene Situation nicht noch schlimmer werden konnte, wurde es Zeit, dass ein paar Dinge endlich gesagt wurden.

Als Kinta sich kurz umsah, starrte ihn Kage fassungslos an. Was war denn nun schon wieder?

„Sag das noch mal“, flüsterte der Drachemeister nur, er glaubte sich verhört zu haben. Hirose? Hirose hatte ihm durch seinen Sohn ausrichten lassen wollen, dass er ihn noch immer liebte? Und der kleine Mistkerl rückte damit nicht mal raus? Doch Kage atmete tief durch und straffte seine Gestalt. „Sag schon. Was solltest du mir ausrichten“, wollte er wissen und die Augen flammten Kinta entgegen.

Der schluckte nur. „Dass er dich liebt, na und? Bin ich euer Postbote?“, murmelte er leise und verbarg sich wieder ganz hinter Kevin. Doch Kage lächelte nur und Kinta war gänzlich verwirrt. Er hatte dieses Gesicht noch nie so sanft gesehen. Es wirkte so weich und ruhig. Was war das?

„Kommt er wirklich?“, wollte Kage wissen. Er konnte seine Aufregung nicht verbergen.

Hirose!

Er fing an durch das Zimmer zu laufen. Die Reisstrohmatten unter seinen Füßen knirschten immer wieder leise. Er konnte es nicht fassen. Hirose liebte ihn noch immer. Die Jahre der Hoffnung waren nicht umsonst gewesen. Und nun war er sicher auf dem Weg hierher? Er war doch auf dem Weg hierher, oder?

„Ich warte an der Palasttür, ohne den Schlüssel wird er nicht eingelassen“, erklärte Kinta. Er wollte jetzt alleine sein. Er wollte mit sich selbst ins Reine kommen und für sich befinden, dass es der richtige Weg war, den er ging.

Kurz küsste er Kevin noch einmal und bat Kage, die Tür zu öffnen. Es war ihm egal, dass sein Abgang wie eine Flucht wirkte. Er musste jetzt einfach mit sich ins allein sein.


13. Ich muss hier raus

Kinta wartete nicht. Er wollte Kevin nicht die Chance geben, ihm jetzt zu folgen. Er sollte ihn so nicht sehen – nicht jetzt.

All die letzten Jahre seit dem Tod seiner Mutter hatte er den Kontakt zu seinem Vater auf das notwendigste beschränkt, hatte immer wieder - wenn auch kläglich gescheitert - versucht, sich seiner Macht und seinem Einfluss zu entziehen. Aber wenn man immer noch finanziell von seinem Erzeuger abhängig war, war dies leider gar nicht so leicht, wie man anfangs einmal idealistisch gedacht hatte.

Und je mehr er versuchte diesen Mann aus seinem Leben zu drängen, umso massiver kam er zurück. Mittlerweile beherrschte er seine Gedanken in einer Art, die Kinta gar nicht gefiel. Seufzend sank er kurz gegen die Wand des Flures und atmete tief durch.

Was war das nur für ein bescheuerter Tag? Er trat seine Prinzipien gerade mit Füßen. Dabei hatte er sich doch mal geschworen, seinem Vater keinen Gefallen mehr zu tun, und nun?

Nun stand er hier, war auf dem Weg zur Tür, um seinem Vater Zugang zur Räumlichkeit seines Geliebten zu gewähren, des Mannes, in dessen Armen er wohl lag, als sich seine Mutter in Schmerzen und Morphium-Delirium gewunden hatte und Kinta vor Angst nicht mehr aus noch ein gewusst hatte.

Diesem Mann gab er gerade das Einzige zurück, was ihm noch etwas bedeutete. „Ich bin doch echt bescheuert“, murmelte Kinta vor sich hin.

Endlich hatte er die Mittel in der Hand, um seinen Vater zu verletzen, ihn zu demütigen und ein wenig von der Rache zu erfüllen, die er schon so lange in sich verspürte, aber nein, er rief ihn an und lockte ihn da hin, wo er seinen abartigen Freund wieder in die Arme schließen konnte.

Und jetzt war ihnen nicht einmal mehr seine Mutter im Weg. Scheiße, der Gedanke tat wirklich weh! Oh ja, Kinta würde ihn endlich damit konfrontieren, vor den Augen dieses Typen. Sein Vater sollte endlich den Mund aufmachen – er sollte reden! Und endlich mal die Wahrheit sagen und nicht immer nur Schweigen oder Ausweichen.

Entschlossen nickte sich Kinta selbst zu und machte sich auf den Weg, die Treppen hinab. Sebastién kam ihm entgegen und nickte ihm freundlich zu, verbeugte sich und eilte dann einen Gang entlang. Kinta ging weiter. Die Teppiche unter seinen Füßen schluckten seine Schritten und zeigten so nicht, dass er langsamer wurde, weil er immer noch nicht wusste, ob er das Richtige tat.

Er warf seine einzige Chance weg, seinen Vater so zu quälen, wie er sie gequält hatte. Er warf sie einfach weg! „Weichei“, murmelte er nur vor sich hin, als er langsam durch die Vorhalle zur Tür schritt. Kurz öffnete er sie und blickte hinaus, doch die Straße vor der Tür lag gänzlich leer.

So setzte sich Kinta auf einen der Vorsprünge, die aus dem Fels gearbeitet waren und wartete. Er konnte nicht vermeiden, dass er langsam wieder nervös wurde. Wie würde sein Vater auf die Respektlosigkeit reagieren? Würde er ihn maßregen? Ihn wieder anfahren und ihm mit Worten zeigen, wie nutzlos er war? Würde es laufen wie immer?

Bestimmt – warum auch nicht. Hirose Hayoto war viel zu sehr in seinen eigenen Schranken gefangen, als dass er zulassen würde, selbst auszubrechen. Er war viel zu selbstbeherrscht.

„Was grüble ich über den Spinner nach. Ich bin froh, wenn das alles vorbei ist und ich wieder mit Kevin nach hause kann“, murmelte Kinta leise und hatte wohl das erste Mal in den letzen 24 Stunden Zeit, darüber wirklich nachzudenken – allein und nur für sich.

Kevin, sein Kevin, hatte sich für ihn von seiner Freundin getrennt. Kevin liebte ihn und Kinta konnte nicht leugnen, dass auch er Kevin mochte, gern hatte, ja sogar liebte. Kevin war alles für ihn und würde nun nicht mehr von seiner Seite weichen.

Vielleicht war dies der Grund, warum er seinem Vater diese Chance einräumte, mit einem geliebten Menschen an seiner Seite endlich wieder den Weg ins Leben zu finden, ein anderes Leben neben seiner Arbeit.

Kinta zuckte zusammen, als es kräftig an der Tür klopfte. Sein Herz raste wie verrückt. Sicher war dies sein Vater. Wer sonst? Sebastién eilte den Flur entlang, doch Kinta rief ihn zurück, erklärte wer das war und dass er sich da selbst drum kümmern würde. Der Brünette nickte, aber blieb in gebührender Entfernung stehen, um zur Hilfe zu eilen, sollte dies nicht der von Herrn Hayoto erhoffte Besuch sein.

Langsam ging Kinta zur Tür und öffnete das schwere Holz. Er erblickte genau das, was er erwartet hatte. Hirose Hayoto. Aber der Blick, den sein Vater zutage brachte, war Kinta gänzlich unbekannt. Er war warm, seltsam unbekannt und doch auch vertraut. „Junge, was sollte der Mist“, empfing er seinen Sohn, wie üblich ohne ein Hallo. Sebastién nickte nur und ging, als er merkte, er wurde nicht benötigt.

„Komisch – kaum fällt sein Name, lässt du alles stehen und liegen und eilst hier her. Als ich dich anrief, dass Mama stirbt, hast du dich nicht blicken lassen, du Mistkerl“, zischte Kinta nur und wandte sich um. „Komm mit!“

Doch Hirose war viel zu perplex, um zu begreiffen, was passiert war. Was sagte Kinta da? Er war viel zu überrascht, um verbal reagieren zu können. Die ganze Zeit hatte er nur Kage im Kopf gehabt, hatte sich sein Lächeln wieder vor Augen gerufen, den straffen Körper, die wunderschöne Tätowierung, von der er nie hatte genug bekommen können und sein Sohn schlug ihn in den Magen.

Es schmerzte so intensiv, dass Hirose glaubte Sterne zu sehen. Im blieb die Luft weg und ihm wurde kurz schwarz vor Augen. Was sollte das? „Junge“, rief er ihm hinterher, doch sein Sohn ging einfach weiter. Er sah nicht zurück, blieb nicht stehen, ging einfach weiter und erwartete wohl, er würde ihm folgen. Und so tat er auch. Hirose versuchte aufzuschließen und Kinta nicht zu verlieren, aber der Vorwurf schmerzte. Glaubte Kinta das wirklich?

„Junge warte, wir sollten da etwas klarstellen.“ Doch sein Sohn ging weiter. Stur trottete er die Treppen hinauf, bog um eine Ecke und Hirose musste sich beeilen, um ihn nicht zu verlieren. „Junge, jetzt bleib doch mal stehen!“ So kannte er seinen Sohn nicht. So stur und verstockt und bissig hatte er ihn noch nicht erlebt.

Was war hier passiert, von dem er nichts wusste? Er musste es erfahren – aber Kage war hier. Hier wohnte er! Es fiel Hirose nicht leicht, seine gegenläufigen Gedanken zu bündeln und zu sortieren. Er war wirklich versucht Kinta zu ignorieren, wenn er nicht reden wollte, warum auch? Zwingen konnte er ihn nicht. Alles was noch zählte war Kage! Er war hier!

„Hier lang“, hörte er Kintas Stimme aus einer Richtung, die er nicht vermutet hatte und blickte sich um. Sein Sohn war nicht weiter die Treppen hinauf gestiegen, sondern in einen der unzähligen Flure abgebogen. Er schien sich hier schon auszukennen.

„Ja“, erklärte der Blonde nur und versuchte endlich aufzuschließen. Aber Kinta war schneller.

Die Wut trieb den jungen Mann. Nun hatte er seinen Vater schon damit konfrontiert, aber der hatte nicht mal was zu seiner Verteidigung zu sagen! Er hatte nicht einmal abgestritten, dass es so gewesen war, wie sein Sohn ihm vorwarf. Der Kerl war wirklich das Letzte! Warum tat er ihm dann also diesen Gefallen?

Je eher Kinta selber aus dieser Sache raus war, umso besser. Seine bebenden Finger zerrten den Stein aus der Hosentasche, fast hätte er ihn, in seiner Eile vor seinem Vater wegzulaufen, noch fallen lassen. Aber er bekam ihn mit dem Knie und einer Hand zu packen und schob ihn hastig in die Aussparung, drehte und die Tür öffnete sich.

Doch er blickte nicht wie erwartet in Kevins Augen, der auf ihn wartete, sondern Kage kam zur Tür gelaufen. Er wirkte nervös und diese Eigenschaft wollte so gar nicht zu dem erhabenen Drachemeister passen. Es schmerzte, dass er gar keine Augen für Kinta hatte, er blickte über ihn hinweg und wirkte verstimmt, als er wohl nicht sah, was er erwartet hatte.

„Er kommt gleich, meine Güte“, zischte Kinta. Er gab sich nicht einmal mehr ansatzweise Mühe, seine schlechte Laune zu verbergen. Warum auch – waren diese beiden Männer doch der Grund dafür. Ohne ein weiteres Wort schob er sich an Kage vorbei und auf Kevin zu, der ihn mit einem sanften Lächeln in die Arme schloss und vorsichtig küsste.

Aber Kinta wollte nicht vorsichtig geküsst werden, er wollte spüren, dass er lebte, wollte spüren, dass es noch Menschen gab, die ihn für voll nahmen, die ihn liebten, und brauchten und auch schätzten, wenn es sein Vater schon nicht tat.

Doch dann zuckte er hoch, als er Kages kräftige Stimme leise flüstern hörte. „Hirose“, murmelte der Schwarzhaarige und ging einen Schritt auf die Tür zu, als sich die große, blonde Gestalt näherte. „Hirose, bist du es wirklich?“

Der Blonde war viel zu verblüfft, als dass er hätte reagieren können. Da stand er und lächelte ihn unschuldig an. Kage! Sein Kage – er hatte all die Jahre auf ihn gewartet. Er machte einen Schritt auf ihn zu und streckte die Hand nach dem ebenmäßigen Gesicht aus.

Die Augen hatten sich kein bisschen verändert. Selbst die grünen Sprenkel in der braunen Iris leuchteten wie früher. Die bronzene Haut, die unter seinen eigenen blassen Händen immer so verführend gewirkt hatte, sie hatte nichts von ihrer Schönheit verloren.

„Kage“, flüsterte er leise und schloss die Tür hinter sich, während seine andere Hand langsam über das so lange vermisste Gesicht strich. „Kage“, so als müsste er seine eigenen Worte erst einmal verstehen und begreifen müssen.

Das war kein Traum – Kage war hier! Hier bei ihm und er konnte ihn wieder berühren. Er verschwand nicht, wenn Hirose die Augen öffnete. „Es tut mir so Leid“, flüsterte er und seine zweite Hand legte sich auf die andere Wange des Drachenmeisters. Ungläubig strichen seine Daumen über die Wangen, zu den Lippen. Er war es wirklich! Jede kleine Einzelheit erkannte er wieder. Kage war reifer geworden, älter, wirkte nicht mehr so knabenhaft wie damals. „So Leid.“

Kinta schnaubte. Das war wirklich nicht zu ertragen. Bei diesem Typen wusste sein Vater plötzlich, wie man sich entschuldigte, bei ihm wusste er wie man Gefühle zeigen musste. Wenn er nicht mit einem der kunstvoll auf einem Ständer drapierten Katanas auf seinen Alten losgehen wollte, dann musste er hier raus, und zwar schnell.

„Lass uns gehen, Kevin, ehe ich das Kotzen kriege“, knurrte er nur leise und atmete tief durch. Begeistert war Kevin davon nicht, aber er konnte es verstehen. Wer sah schon gern den Menschen, wegen dem die eigene Mutter so hatte leiden müssen? Er konnte es Kinta nicht verübeln. Sein Kleiner war über seinen Schatten gesprungen und hatte den Beiden den Weg zurück geebnet, er konnte stolz auf ihn sein und Kevin war es auf jeden Fall.

Leise flüsterte er ihm dies ins Ohr und küsste Kinta noch einmal sanft, merkend, dass Hirose es wohl nicht einmal bemerkte. Seine Welt schien sich nur um Kage zu drehen, den er langsam in seine Arme und an seine Brust zog. Er folgte Kinta, der langsam in den Flur ging und sich an den beiden Männern vorbei schleichen wollte. Bei Kinta ging das noch, den bemerkten sie kaum. Bei Kevin war dies schon etwas schwerer.

„McCain, wo willst du hin?“, wollte Kage wissen. Seine Hände strichen über Hiroses Haar, doch sein Blick durchbohrte seinen Schüler fast. Deswegen zog dieser auch den Kopf etwas zwischen die Schultern.

„Ich bringe Kinta heim. Ihr hattet was ihr wolltet. Ich glaube nicht, dass er sich das hier noch antunen will oder muss.“ Kevin konnte ja verstehen, wie sehr man sich auf ein Wiedersehen freute und die Gefühle mit einem durchgingen, aber in anbetracht dessen, was damals passiert war, hätte man wohl doch dem eigenen Sohn gegenüber etwas mehr Takt wahren können. Langsam verstand Kevin wirklich, warum Kinta so auf seinen Vater reagierte.

„Hier geblieben, kleiner Hayoto. Hier wird nicht gekniffen. Wollst du deinem Vater nicht den Hals umdrehen oder so ähnlich?“, grinste er und sah wie Hirose die Augen weitete. Aber Kage strich ihm sanft durch das Haar. Es war ungewohnt. Die langen Flechten waren damals durch seine Hände geflossen wie flüssiges Gold, aber die weichen, kurzen Strähnen fühlten sich auch nicht übel an.

„Wie bitte?“, wollte Hirose wissen und Kinta beeilte sich zur Tür zu kommen. Doch er wusste noch immer nicht, wie und wo man den Öffnungsmechanismus bediente.

„Lassen sie ihn ja in Ruhe. Sie beide haben ihm genug zugesetzt“, mischte sich Kevin ein und stellte sich vor Kinta, der in einer Ecke kauerte und gar nicht wusste, wie ihm geschah.

„McCain, geh aus dem Weg. Wenn die Zwei das nicht klären, wird das nie was. Eine bessere Gelegenheit wird sich wohl kaum bieten.“ Natürlich war es interessanter, mit Hirose allein zu sein, es gab so viel, was er fragen wollte, wissen, was ihn interessierte und ihm unter den Nägeln brannte.

Aber das musste einfach warten. Zwischen den beiden Hayotos herrschte eine Verstimmung, die sich wohl schon über Jahre zog. So konnte das nicht weiter gehen. Hirose war hergekommen, er hatte ihn in den Arm genommen, er würde nicht einfach wieder verschwinden. Er hatte so viele Jahre gewartet, jetzt konnte er es auch noch ein paar Minuten.

„Kleiner Hayoto, setz dich bitte an den Tisch. Hirose du auch – ihr solltet endlich reden.“ Seine Hände strichen über Hiroses Hals und der schloss kurz die Augen. Es hatte sich wohl nichts daran geändert, dass er dort besonders sensibel war.

„Alles was du willst, mein Herz, ich bin doch froh, dass ich dich wieder gefunden habe.“ Hirose blickte in die braunen Augen und ließ sich von Kage zum Tisch in dem aufgeräumten Tatami-Zimmer geleiten. Kurz nur wanderte sein Blick über die Einrichtung. Es interessierte ihn brennend, wie Kage wohnte, aber noch mehr wollte er endlich wissen, was für einen Schwansinn sich sein Sohn einbildete und von dem er nicht abging.

„Junge, komm her“, forderte er in einem Ton, der wieder gänzlich an Institutsleiter Hayoto erinnerte und Kage sah ihn strafend an. Die Zwei hatten wohl einfach nicht gelernt miteinander zu reden.

Im Flur sah Kinta seinen Freund nur flehend an. Er wollte nicht. Er wollte da nicht rein, er wollte nicht die gleiche Luft wie diese Typen amten und er wollte heim. „Kevi, bitte“, flehte er und drängte sich dichter an ihn, „bring mich hier weg, ich will hier weg.“

Kevin schnürte es die Kehle zu. Was sollte er denn tun? Es schmerzte, Kinta so zu sehen, aber zu wissen, dass Ungereimtheiten immer zwischen ihm und seinem Vater stehen würden, war auch nicht gerade toll. Kinta sollte loswerden was ihn fraß, sollte endlich rausrücken damit. Es war doch besser. „Kleiner, bitte“, murmelte er nur und zog die Arme um seinen kleinen Schatz fester.

„Junge, kommst du jetzt endlich!“ Hirose klang ärgerlich und seine Stimme ließ Kinta zusammenzucken. Kevin wurde wütend, aber Kage kam ihm zuvor, denn der Mann hier erinnerte ihn kein bisschen an den liebevollen Mann, den er gekannt hatte.

„Hirose, was soll das? Wie redest du mit ihm? Du hast mir immer erzählt, wie lieb du deinen kleinen Jungen hättest, warum behandelst du ihn dann so? Hast du ihm jemals das gesagt, was du mir immer gesagt hast?“, wollte er wissen. Dass seine Stimme dabei wie ein Vorwurf klang, war reine Absicht und es wirkte.

Kevin konnte kaum glauben, was er sah. Hirose Hayoto zog den Kopf ein und blickte zu Kage hinüber. Verdammt, wer war dieser Mann? Wer war sein Drachenmeister, dem es gelang, einen gestandenen Mann so in die Schranken zu weisen? Oder lag es eher an Hirose, der alles tun würde, um Kage nie wieder zu verlieren?

Kevin wusste es nicht genau, aber er zog Kinta langsam mit sich. Der bewegte zwar seine Füße, aber nur widerwillig. Er setzte sich auch weit weg von seinem Vater und ließ sich von Kevin in die Arme schließen. Hirose hob eine Braue und blickte auf die Beiden. Doch Kages Hand auf seinem Knie ließ ihn wieder durchatmen. „Was sollte das vorhin an der Tür, Junge?“, wollte er wissen und sein Sohn zuckte zusammen.

„Ich hab nur die Wahrheit gesagt. Kaum sage ich dir, dass der da …“

„Der da, hat einen Namen, Junge. Hast du denn gar keine …“, fiel ihm Hirose ins Wort und Kages Hand krampfte sich um dessen Knie.

„Lass ihn reden. Er ist stink wütend auf dich und ich will wissen warum. Ich will wissen, ob ich dich immer nur in einem strahlenden Licht gesehen habe und du eigentlich ganz anders bist oder ob du immer noch der Mann bist, den ich damals getroffen habe“, erklärte Kage ruhig und forderte Kinta auf zu reden.

„Is doch egal, der da hört mir doch eh nicht zu.“

Hirose knurrte, aber er sagte nichts. Warum musste sich Kinta aufführen wie ein kleines Kind? Störrisch? Verbockt? Das sah ihm doch gar nicht ähnlich! Und das auch noch in Kages Gegenwart. „Red schon“, murmelte er und blickte Kinta fest an, bis sein Sohn den Blick senkte.

„Wo warst du, als Mama starb. Bei ihm? Ich habe dich angerufen. Du hast gesagt, deine Experimente können nicht waren - sie ist gestorben, ohne dass du sie noch einmal gesehen hast oder sie dich! Und du? Du Drecksack? Hast dich in seinen Armen gewunden, hm? Warst froh, dass Mama endlich aus dem Weg war, oder was?“

Kinta zuckte erschrocken zurück, als Hiroses Hand auf den Tisch schlug, bis das Holz ächzte. Er hatte sich das angehört und nichts gesagt, hatte sich das bieten lassen, ohne zu explodieren, aber auch er hatte ein Limit, egal was Kage von ihm dachte.

„Du hast doch keinen Ahnung, Kinta, absolut keine Ahnung. Red nicht so einen Mist, wenn du keine Ahnung hast.“ Hirose zischte nur durch die Zähne. Es war schwer, sich zu beherrschen und nicht gleich zu explodieren, sehr schwer. Aber er versuchte es. Wie kam sein Junge auf diesen Schwachsinn? Was hatte er getan, damit sein Sohn auf diese abartigen Ideen kam und mit ihnen lebte?

„Ich habe sie geliebt. Dora war mein Ein und Alles gewesen und ich habe sie vergöttert. Alles was ich getan habe, war ihr ihren letzten Willen zu erfüllen“, flüsterte Hirose leise. Er musste schlucken, als die Erinnerungen wieder hochkamen und ihn überspülten. Er konnte den Blick nicht heben, als er weiter sprach.

„Sie wollte, dass ich sie so in Erinnerung behalte wie sie war, lebensfroh und stark. Nicht von der Krankheit gezeichnet. Sie hat mir das Versprechen abgenommen, sie so in Erinnerung zu behalten und sie nicht zu besuchen. Was hätte ich dir sagen sollen, Junge, was?“ Nun sah er doch auf und streifte seinen Sohn mit Blicken. Er konnte ihm nicht in die Augen sehen. „Du warst zwölf, Junge. Wie hätte ich dir das erklären sollen?“

Kinta konnte man es ansehen: er verstand kein Wort. Was redete sein Vater da für einen gequirlten Mist? Seine Mutter wollte alleine sterben? Wer wollte denn bitteschön alleine sterben? Glaubte er diesen Mist, den er erzählte?

„Und weil du sie ja so sehr geliebt hast, da treibst du dich mit dem da rum? Sag mal schämst du dich gar nicht, noch über ihren Tod hinaus zu lügen? Das ist ja wohl das allerletzte“, zischte er und drängte sich dichter an Kevin. Er musste ihn jetzt einfach spüren.

„Es ist nicht gelogen, Kinta, ja es stimmt – ich habe mich auch mit Kage getroffen, aber Dora wusste davon“, versuchte Hirose zu erklären, aber Kinta sprang wutentbrannt auf.

„Willst du mich für dumm verkaufen? Sie wusste, dass du zu einem anderen gehst, dass du fremdgehst? Das kannst du einem erzählen, der glaubt, die Erde sei eine Scheibe, aber nicht mir. Du hast uns immer behandelt wie Aussätzige. Hast uns allein gelassen, dich tagelang abgesetzt und willst mir erzählen, du hättest Mama geliebt? Lügner, widerlicher, abartiger Lügner!“

Die Wut sprach aus seinen Worten und schlug Hirose hart entgegen. Er erkannte seinen Sohn kaum wieder. Was hatte da nur die letzten Jahre geschlummert und gegärt? Kannte er seinen eigenen Sohn so wenig?

„Kleiner Hayoto, mäßige dich in deinem Tonfall. Das muss wirklich nicht …“, versuchte Kage einzugreifen, doch er wurde von Kinta nur angefahren, er hätte sich da rauszuhalten.

„Ich werde mich bestimmt nicht raushalten. Was glaubst du, wie eifersüchtig ich auf euch war? Immer wenn wir uns trafen, redete Hirose nur von euch – von seiner kranken Frau, die er so sehr liebte und von der er nicht wusste, wie er ohne sie leben sollte und von seinem kleinen cleveren Sohn, auf den er so stolz war. Was glaubst du, wie ich mich da gefühlt habe?“, fragte er und zwang Kintas Blick in seinen, doch der Junge wich aus.

„Hast du eine Ahnung, wie scheißegal mir das ist, du… ach…“ Kinta wandte sich ab. Da war ihm gerade alles über den Kopf gewachsen. Sein Vater verbreitete Lügen und der Typ daneben versuchte sein Mitleid zu erwirken. Das war doch echt nicht mehr zum Aushalten.

„Kevin, lass uns endlich gehen. Ich wusste doch, dass es Schwachsinn war, hier zu bleiben. Die da haben doch jetzt, was sie wollen. Da stören wir nur.“ Kinta blickte nicht zu Boden, er ging aus dem Zimmer und griff sich seine Schuhe.

„Kini, glaubst du nicht, du solltest das erst mal wirklich klären? Dir geht’s nicht gut.“ Aber auch Kevin erhob sich. Er würde Kinta auf gar keinen Fall alleine gehen lassen.

„Was denn? Schlägst du dich jetzt auch noch auf die Seite von denen da?“ Kinta war auf Krawall gebürstet, das spürte Kevin. Nun hieß das Motto Schadensbegrenzung, ohne dabei selbst zum Angriffsziel zu werden. „Ich bin auf niemandes Seite als auf deiner, aber vielleicht solltest du doch mal zuhören. Es ist nicht alle so schwarz oder weiß, wie du es sehen willst.“

„Kage, öffne die Tür“, forderte Kinta und überging seinen Freund gänzlich. Er überging auch seinen Vater, der sich schon wieder über Kintas Ton beschweren wollte, doch Kage hielt ihn zurück. Immerhin war Kinta sein Herr, er trug den Schlüssel und er hatte seinem Herrn zu folgen. „Überleg's dir doch noch mal.“, murmelte Kevin hoffnungsvoll.

Doch Kinta schüttelte nur den Kopf. Er wollte sich nichts mehr überlegen, er wollte raus hier und gut. Hastig griff er den Stein aus seiner Tasche und drückte ihn Kage in die Hand. Er konnte sich kaum noch beherrschen. Seine Lippen zitterten, seine Haut fühlte sich heiß an und er war den Tränen nahe, ohne wirklich zu wissen warum.

Hastig wandte sich der Junge um, als die Tür offen war und stürmte ohne einen Gruß hinaus, Kevin beeilte sich hinterher zu kommen. „Pass auf ihn auf, McCain, du bist der einzige, der es kann“, sagte Kage und drückte seinem Schüler kurz die Schulter. Der Blonde nickte nur und war aus der Tür, lief Kintas verhallenden Schritten hinterher und holte ihn an der Biegung des Flures endlich ein.


14. Katzenjammer und Krokodilstränen

„Kini“, rief Kevin entsetzt, als er sah, wie sein Freund stolperte und die Treppe hinabzustürzen drohte. Doch er war schnell genug bei ihm, griff Kinta am Arm und riss ihn mit Schwung zu sich zurück. „Kini“, flüsterte er und versuchte Ruhe in seine Stimme zu bringen. Doch sie zitterte. Die letzten Minuten waren so unwahr gewesen, so unglaublich. Kevin hatte selber noch immer daran zuknabbern, was zur Sprache gekommen war.

„Kini, bitte“, flüsterte er immer wieder, lehnte dabei mit dem Rücken am rauen Fels der Wände, während sich seine Arme schützend um Kinta schlossen. Sein Freund lag in seinen Armen und konnte nicht verhindern, dass Schluchzer seinen schmalen Körper erbeben ließen.

„Dieser Bastard“, hauchte Kinta nur. Seine Stimme, so leise und schwach sie war, zeugte von Wut und Verzweiflung. „Dieser verlogene, dreckige Bastard!“ Immer wieder kamen die Worte über seine Lippen, zwischen zusammengebissenen Zähnen hindurchgezischt. Seine Hände klammerten sich sicher schmerzlich in Kevins Seiten, doch der Blonde sagte nichts, strich sich nur eine der langen Strähnen zurück und sein Gesicht sank in Kintas Haar.

„Kini, bitte“, flüsterte er wieder und atmete tief durch. „Beruhige dich doch.“

Doch Kinta wollte sich gar nicht beruhigen. Wie ein störrisches Kind schüttelte er den Kopf und presste die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen. Er hatte wieder versagt. Er hatte gegen seinen Vater verloren – wie immer, wie jedes verdammte Mal zuvor auch. Hirose hielt in Händen, was er gewollt hatte und wagte es zum Dank auch noch, Lügen über seine Mutter zu verbreiten, nur um selber in einem besseren Licht dazustehen. Zog hier eine Show vor dieser Hure ab, dass einem schlecht werden konnte.

„Dreckiger, verlogener Bastard.“ In Gedanken wünschte er seinem Vater noch so einiges an den Hals, aber er schwieg.

„Kini, komm schon – kann es nicht doch sein, dass…“

„Nein“, schrie Kinta und löste sich ruckartig von seinem Freund. Er blickte Kevin in die grünen Augen und schnaubte. „Ganz bestimmt nicht. Du brauchst den Satz gar nicht zu beenden. Ich find's so scheiße von Dir, dass du dich auf seine Seite schlägst.“ Kinta schrie noch immer und taumelte gegen die gegenüberliegende Wand, sank langsam an ihr herunter und stoppte nicht mal, als das Hemd, das er trug, zerriss.

„Kini, wie oft noch – ich schlage mich auf keine andere Seite als auf deine, aber glaubst du denn wirklich, dass er so ein schlechter Mensch ist und seine Frau alleine sterben lassen würde?“

Ruckartig blickte Kinta auf und stieß sich dabei den Kopf an der Wand hinter sich. Kevin zuckte zusammen bei dem Geräusch, doch Kinta sah ihn nur an. „Hör auf, mit dem Psycho-Gewäsch, Kevi. Diesem Bastard trau ich alles zu. Während Mama stirbt, vergnügt der sich mit einem Kerl – mit dem da. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen und jetzt wo Mama sich nicht mehr wehren kann, da erzählt er solch einen Mist und labert von großer Liebe. Verdammte Scheiße, wenn er sie so geliebt hätte wie er sagt, warum war er dann bei ihm und nicht bei ihr, hm?“

Kevin senkte den Kopf und kam langsam hinab, um mit Kinta auf Augenhöhe zu sein. Dessen Blick folgte ihm langsam und starrte ihn vorwurfsvoll an.

„Kini, auch wenn es dir nicht schmeckt, ich kann mir durchaus vorstellen, dass er Dora geliebt hat – bis zum Ende. Und ich glaube ihm, auch … Kini!“

Der kleine Schwarzhaarige war hochgeschossen und wandte sich einfach um, Kevin musste sich strecken, um ihn noch an der Hand gefasst zu bekommen. „Kini, bitte, lauf doch nicht weg. Du kannst nicht ewig weglaufen – jetzt nicht mehr. Zu viel ist gesagt, als dass du es wieder verdrängen könntest und zu wenig, als dass du es verarbeiten könntest.“

„Lass los, Kevin, ich weiß was jetzt kommt. Rede mit ihm – aber ich sag dir mal was, Kevi, ich will nicht. Ich will diesen verlogenen alten Sack nie wieder sehen, verstehst du? Nie, nie wieder!“ Kinta war überraschend ruhig und beherrscht, fast beängstigend und Kevin richtete sich auch langsam wieder auf, um ihn besser ansehen zu können.

„Schatz, es tut mir weh, dich so zu sehen. Du bist doch mit dir selber nicht zufrieden. Geh rein, brüll ihn an, so lange, bis es dir besser geht, aber bitte, friss es nicht in dich rein.“ Langsam schlossen sich Kevins Arme um seinen Freund, das lange Haar, was er heute ausnahmsweise mal offen trug, fiel ihm über die Schultern. Doch er warf es nicht zurück. Es umschloss sie wie ein heilender Nebel und er wollte sich in dieser Illusion belassen.

„Das ist es ja, Kevi, ich weiß es nicht“, kam es leise von Kinta und er konnte nicht verhindern, dass stumm die Tränen liefen. „Das schlimme ist, ich bin auch fast versucht ihm zu glauben. Mama hat ihn wirklich geliebt, vielleicht wollte sie wirklich nicht, dass er sah, wie sie leidet und trotz seiner Forschungen nichts für sie tun konnte.

Vielleicht, vielleicht, vielleicht – und dieses vielleicht, dieses Zweifeln an der Endgültigkeit nimmt mir meine Grundlage ihn zu hassen. Kevi. Ich weiß, dass er mich ankotzt, aber jetzt ist es grundlos?“ Kinta redete einfach, alles was ihm gerade in den Kopf kam. Er wusste von früher, dass sein Freund durchaus in der Lage war sich das wichtige herauszusuchen und zu sortieren.

„Komm schon, Süßer, schlaf 'ne Nacht drüber. Ich weiß, es klingt abgedroschen, aber morgen sieht vielleicht wirklich alles anders aus.“ Kevins Nase strich immer wieder durch das Haar seines Freundes und er streichelte sanft über die schlanken Arme, die sich um seine Taille geschlungen hatten.

Eine Weile herrschte Schweigen, dann nickte Kinta und blickte zu ihm auf. Mit einem Lächeln nahm Kevin ihm die Brille von der Nase und wischte die Tränen dahinter sanft weg, ehe er nicht widerstehen konnte und den immer noch zitternden Lippen einen beruhigenden Kuss schenkte.

„Hm“, machte Kinta nur und spitzte erneut die Lippen. „Mehr“, murmelte er leise und lehnte sich wieder gegen Kevin. „Aber ich will ihn auch weiterhin nicht leiden können“, erklärte er schmollend und ließ sich noch einmal sanft küssen.

„Wegen mir, wenn’s dir dann besser geht, aber ich bin ja schon froh, wenn deine Hass ein wenig abschwillt“, erklärte Kevin und legte einen Arm um Kinta, während er ihn langsam zurück zur Treppe führte. „Wir kaufen Pizza und ziehen uns einen Film aus der Bibliothek, was hältst du davon?“

Kinta nickte nur und schmiegte sich dichter. Das letzte Mal ging er die Treppen hinab, das letzte Mal den Flur entlang und das letzte Mal schluckte der Teppich seine Schritte. Ohne den Stein würde er nicht zurückkehren können – und er wollte es auch nicht. Der, dem der Schlüssel gehörte, nannte ihn nun wieder sein Eigen. Was er damit tat, konnte Kinta egal sein.

Ein klein wenig zufrieden schmiegte er sich an seinen Freund und zog den Kopf etwas tiefer, als sie auf die Straße in den Regen traten.

~*~

„Dass er mit mir nicht klar kommt, wusste ich – wir sind beide keine großen Redner, wenn es um Gefühle geht.“ Hirose lehnte an der Wand im Flur. Er war kein neugieriger Mensch, wirklich nicht, aber Kinta so emotional zu erleben und dann dieser uneinsichtige Abgang. Was hatte nur alles in seinem Sohn geschlummert? „Aber dass er mich so hasst? Dass er glaubt, ich hätte Dora im Stich gelassen? Das schmerzt irgendwie. Ich weiß auch nicht.“

Langsam wandte er sich zu Kage um, der ihn anlächelte. „Das möchte sein, dass es schmerzt, Hirose, er ist dein Sohn, dein Fleisch und Blut, Hirose.“ Er war ihm in den Flur gefolgt und war auch bereit gewesen, die Tür zu öffnen, doch Hirose hatte nur den Kopf geschüttelt. Er wollte Kinta nicht hinterher. Der Junge war alt genug, selbst zu entscheiden, was er glauben wollte und was nicht.

„Ich glaube, jetzt habe ich den Draht zu ihm endgültig verloren, ihm den Glauben an meine Schuld zu nehmen“, murmelte Hirose und schloss die Augen, als Kages Hand sanft seine Wange streichelte.

„Oder ihr habt beide die Chance auf einen Neubeginn, es ist niemals zu spät.“

Die blauen Augen öffneten sich wieder und Hirose sah seinen Geliebten lächelnd an. „Ja, es ist nie zu spät. Hoffe ich zumindest. Gibst du mir altem Esel noch eine Chance? Ich verspreche auch, ich werde nicht mehr vor meinen Gefühlen davon laufen.“ Unsicher hob er eine seiner Hände an Kages Wange und strich zart darüber, lächelte, als sich eine der bronzefarbenen Hände über seine legte und sie hielt wo sie war.

In die andere legte Kage den Stein, den er noch immer in der Hand hielt. „Du hast noch immer mein Herz in deiner Hand, Hirose, auch wenn ich es lange nicht wahr haben wollte. Versprich mir, dass es nie wieder in einem Buch verstaubt, nie wieder.“ Kage wusste selbst nicht, warum er so aufgeregt war, aber seine Stimme klang belegt und seine Fingerspitzen fingen an zu zittern. Beide Hände schlossen sich um Hiroses Hand, die den Stein barg und er blickte ihm fest in die Augen.

„Ja, Kage, ich verspreche es. Ich werde nicht weglaufen und ich werde immer gut auf dein Herz aufpassen, es ist das einzige, was mir geblieben ist.“ Auch er was sichtlich nervös. Sein Mund wurde ganz trocken und er wagte kaum zu schlucken, auch wenn er das dringende Bedürfnis hatte.

Anspannung lag in der Luft und irgendwann hielt Kage es nicht mehr aus. Er überwand die letzte Distanz zwischen ihnen und presste seine Lippen sanft auf Hiroses. Der Mann mochte älter geworden sein, aber er schmeckte noch immer so gut wie früher. Kage seufzte zufrieden und drängte sich dichter, bis Hirose gegen die Wand in seinem Rücken sank und die Arme fest um ihn schloss.

Ihr erster Kuss seit so vielen Jahren – und er hatte nichts von seinem Feuer verloren.


Epilog

Fünf Monate waren vergangen, seit Kinta dem Palast der Tränen den Rücken gekehrt hatte, fünf Monate, in denen er viel mit Kevin geredet hatte und immer mehr auch mit seinem Vater. Vielleicht war er nicht bereit ihm zu verzeihen, aber er fing langsam an ihn zu verstehen. Ihr Verhältnis war noch lange nicht herzlich, aber es wurde besser.

Unter anderem auch weil Kage seinem Freund immer wieder mal auf den Hinterkopf schlug, wenn er sich störrisch aufführte und Kevin es übernommen hatte, Kinta zu maßregeln, wenn er schmollen wollte. Es geschah selten, dass sie etwas zusammen unternahmen, aber heute war so ein Tag. Die Dojo-Meisterschaften, an denen auch Kevin und Kage teilnahmen, schließlich hatten die Drachen ihren Titel zu verteidigen.

„Ja!“ Kinta schoss von seiner Bank hoch, als Kevin seinem Gegner einen Punkt abrang. Es hatte lange gedauert und Kevin eine Menge Geduld gekostet, aber langsam hatte Kinta begriffen, was ein Punkt war, was ein Foul und nun teilte er sein Wissen mit seinem Vater, der neben ihm saß und auf den Ring starrte, in dem sich zwei Männer nur halb bekleidet gegenseitig mit Tritten traktierten.

Es war nichts, wofür sich Hirose begeistern konnte, aber Kage in all seiner Kraft bewundern zu können, wie der fein gestochene Drache auf seinem Rücken sich bei jeder Bewegung majestätisch gebärdete, war ein Anblick, von dem er nicht genug bekommen konnte. Und er war der Einzige, der wusste, an was für einer verlockenden Stelle dieser Drache endete.

„Setz dich wieder hin“, murmelte Hirose, doch Kinta schüttelte nur den Kopf. „Bis du doof? Es ist vorbei. Die Drachen haben gewonnen. Ich will zu Kevin in die Umkleide.“ Und schon war Kinta jubelnd aus der Reihe gelaufen und mit seinem speziellen Ticket auf dem Weg zu Kevin. Hirose folgte ihm langsamer. Er wusste, dass der Drachenmeister auch seinen Fans gehörte, Kage hingegen gehörte nur ihm.

Er hatte gelernt zu warten, denn es lohnte sich. Mit einem sanften Lächeln schritt Hirose den Flur entlang und konnte nicht leugnen, dass er noch immer aufgeregt war, wenn er Kage in den Arm schließen durfte. Hoffentlich ebbte dieses unbeschreibliche Gefühl niemals ab.

Kurz strich seine Hand über den Stein in seiner Tasche. Er war alles, was von den letzten Jahren übrig geblieben war. Kage hatte sein Zimmer im Palast geräumt und eingewilligt, zu Hirose zu ziehen und diesen damit sehr glücklich zu machen. Es verging kein Tag, an dem sie sich dies nicht innig bewiesen.

„Beherrsche nicht, was man nicht beherrschen kann“, flüsterte er leise die Inschrift und begriff …