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K?hles Wasser Teil 1 bis 6

1. Jamal

„Bleib stehen du Bastard!“

Gehetzt rannte Jamal durch die Straßen, zog die Kapuze seines Umhangs tiefer ins Gesicht.

Schließlich musste man ihn – den einzigen Blonden in Tikuna – nicht gleich erkennen.

„Du sollst stehen bleiben, hab ich gesagt!“

Er wagte es nicht zurückzusehen. Er wusste was ihm drohte, wenn sein Herr ihn noch einmal erwischen würde. Zweimal hatte er bis jetzt versucht zu fliehen – zweimal hatte Kaschim ihn wieder eingefangen. Und Jamal wollte nicht mit einer Silbe mehr daran zurückdenken, was der große Mann mit ihm getan hatte.

Noch heute – nach einem halben Jahr, zierten die Narben seinen schmalen Leib.

„Ein Sklave hat zu gehorchen, du kleines Bastard!“

Die Stimme kam näher, Jamal versuchte die Beine schneller zu bewegen. Doch Kaschim hatte letzte Nacht ganze Arbeit geleistet. Jamals Becken brannte, der verdreckte, derbe Leinenstoff schabte über die offenen Wunden, die abgekaute Nägel in der letzten Nacht in das Fleisch der schmalen Hüften gerissen hatten. Doch der junge Mann ignorierte den Schmerz, wissend, dass, wenn er Kaschim noch einmal in die Hände fallen würde, dieser Schmerz nur ein billiger Abklatsch dessen sein würde, was er dann zu spüren bekäme.

Gehetzt bog er in eine Seitengasse. Noch zweihundert Meter und er würde den Markt erreicht haben – noch zweihundert Meter und er würde untertauchen können. Die schweren Schritte der Reitstiefel hallten in der hohlen Gasse, nicht einmal der Sand unter den Füßen konnte die Schritte dämpfen.

Die orientalische Stadt am Rande der Yuhana-Wüste bot vielen Herberge, sie fragte nicht, was die Menschen an den Rand der todbringenden Wanderdünen getrieben hatte, sie öffnete ihre Pforten für jeden der Obdach suchte.

Auch Jamal wäre es vor über zehn Sommern wohl ähnlich ergangen.

Nur noch schwach konnte er sich an ein anderes Leben erinnern, ein Leben in einem anderen Land – fern des alltäglichen Sandes, kühler und angenehmer. Heute zeugten nur noch die weißblonden Haare und die funkelnden blauen Augen davon, dass der junge Mann hier nicht hingehörte, dass er verschleppt und verkauft worden war.

„Bleib stehen, Jamal!“

Näher!

Die Stimme kam immer näher! Hallte zwischen den geduckten Lehmhütten mit den flachen Dächern, wurde in der leeren Gasse noch verstärkt.

Barfuss rannte der Blonde weiter, die Lunge stach, das Blut pulsierte durch seinen Leib, hämmerte in den Ohren.

Kaschim hinter ihm fluchte. Sein bester, sein teuerster Sklave machte sich gerade aus den Staub. Stolz war er damals gewesen, als Indir ihm diesen Jungen zum Verkauf anbot – ein kleiner blonder Kerl, den man unter den ganzen Mädchen anfänglich nicht als solchen ausgemacht hatte. Schmächtig, mit weichen Gesichtszügen, die blauen Augen strahlten schüchtern und verängstigt. Die weiße Haut war schmutzig und gerötet, zeugte von Peitschen, Fesseln und gnadenloser Sonne.

Es hatte den Besitzer des Freudenhauses viel Geld gekostet, Indir davon zu überzeugen, den Jungen nicht zu versteigern, sondern direkt an ihn zu verkaufen.

„Jamal, verdammt!“

Wie ein Wiesel huschte der Junge durch die verwinkelten Gassen. Er konnte von Glück reden, dass der Markt um diese Zeit gut besucht war. Ein großer, breiter Mann wie Kaschim würde dort länger brauchen um sich hindurchzuwinden als er selbst, für seine 19 Sommer etwas klein und schmächtig, konnte er den Leuten durch die Beine schlüpfen, wand sich geschickt wie eine Schlange durch Leiber und Sand, vorbei an Ständen und Tonkrügen. Und es roch so gut. Jamals Magen machte ihm deutlich, dass er seit gestern morgen nichts mehr hatte zu sich nehmen dürfen.

Er hatte seinen Herrn aus den Augen verloren und gestattete es sich, unter dem Stand eines Obsthändlers zu verschnaufen. Schnell war er im Gewühl der Leiber unter der Decke verschwunden, atmete erleichtert tief durch. Seine Augen begannen zu leuchten, als sein Blick auf ein Bündel Feigen fiel, dass wohl vom Tisch gerollt und nicht bemerkt worden war. Zitternde Finger griffen danach, gierig rissen die Zähne die Schale auf, das saftige Fleisch wanderte in Jamals Mund. Er kaute nur nachlässig, verschluckte sich, zwang sich nicht zu husten. Er würgte den Bissen hinunter, der ihn fast die Luft nahm, Tränen traten in die wässrigen Augen. Er konnte sich nur mit einem heftigen Klopfen gegen die Brust Linderung verschaffen.

/Seit wann? Seit wann hat er mich hungern lassen?/

Wieder glitt das Bild vor Jamals geistiges Auge: er saß nackt auf einem großen Seidenkissen, das Halsband, verbunden mit einer Leine, hing an Kaschims rechtem Handgelenk, in dessen Hand eine Schüssel Obst balancierte. Gehässig hatte der bärtige Mann gelacht, die schwarzen Augen hatten hinterhältig gefunkelt, als er den Magen des Jungen hatte knurren hören. Doch der Anblick des zitternden Jamals hatte ihn nicht Mitleid empfinden lassen – im Gegenteil ...

Schnell schüttelte Jamal den Kopf, wollte vergessen was letzte Nacht – wie die davor – und die davor – und auch die davor – wie eigentlich jede Nacht, seit er bei Kaschim leben musste, passiert war. Noch immer fiel das Sitzen schwer, er kniete unter dem Tisch und schlang die Früchte heißhungrig hinunter, sein Magen dankte es mit einem wohligen Völlegefühl, als sich der Junge genüsslich den letzen Saft von den schmutzigen Fingern leckte.

„Jamal!“, hörte er immer wieder die tiefe, bedrohliche Stimme, die nie etwas anderes als Angst in den blonden jungen Mann ausgelöst hatte.

Dieser Mann hatte ihn damals gekauft – wie ein Stück Vieh gekauft. Aber damit nicht genug. Ob seiner exotischen Züge, die helle Haut, die weißen Haare, die blauen Augen, war er hier in der Wüste unter all den braungebrannten, dunkelhaarigen Gestalten aufgefallen. Er hatte Aufsehen erregt und sein Herr genoss es, wenn er mit seinem neuen „Haustier“ an einer Leine durch die Gassen schritt.

Einst war ein Kaufmann auf Kaschim zugetreten, Jamal hörte heute noch in manch trister Nacht die Stimme, die seinen Herrn fragte, ob er sich den Kleinen nicht mal ausborgen könnte, er würde auch gut zahlen.

Erst da war der große Mann auf die Idee gekommen, Jamal als Lustsklaven ausbilden zu lassen.

„Wo ist dieser Bastard?“

Dicht neben sich hörte der junge Mann den anderen toben, konnte von seinem Versteck aus die Stiefel dicht neben sich ausmachen, die schmerzliche Tritte austeilen konnten, wie sie sich abwandten, ein Stück gingen, wieder zurückkamen.

„Hast du den weißen Bastard gesehen?“

„Nein.“

Das musste die Stimme des Obsthändlers gewesen sein, denn auch sie vernahm Jamal dicht neben sich, während er zitternd und betend unter dem langen Tisch hockte. Wenn er jetzt erwischt wurde, würde das wohl sein Todesurteil sein. So versuchte er sich zu beruhigen, atmete tief durch. Doch das Adrenalin in seinem Körper puschte den Puls, ließ das Blut in Jamals Ohren rauschen. Er saß wie eine Raubkatze zum Sprung bereit, lauerte auf jede Regung des Tischtuches, auf jedes Wort, jedes Geräusch, jeden Schritt.

„Wenn ich die kleine Ratte erwische!“ Kaschim schien sich gegen den Stand gelehnt zu haben und Jamal schluckte trocken. Er saß in der Falle, wie ein Tier. /Wie passend – gekauft wie ein Tier, gehalten wie ein Tier, gejagt wie ein Tier! /, dachte er sarkastisch, schluckte trocken, als er wieder die Stimme hörte. „Ich schlag die Ratte tot, wenn ich sie erwische!“

Schmale Finger gruben sich in den weichen Sand zu seinen Füßen. /Totschlagen willst du mich? So gnädig willst du sein?/ Was konnte am Tod schon anders sein als an dem, was er tagtäglich hatte durchleiden müssen? Was konnte am Tod schlimmer sein als die Schmerzen, die Tortouren, die Beschimpfungen?

Ein kleines, getigertes Tier erregte seine Aufmerksamkeit, es schien eine verwilderte Hauskatze zu sein, die immer wieder um die Beine des Obsthändlers strich – haarige Beine in ausgetretenen Sandalen, dicke Waden, die auf ihren Besitzer schließen ließen. Mit einem kläglichen miauen wurde das Fellknäuel zur Seite gestoßen und verschwand lautlos um eine Hausecke. Unter der tief hängenden Tischdecke hatte Jamal alles beobachtet, fühlte Mitleid mit der Kreatur, der es doch schlussendlich nicht anders ging als ihm, die dahinvegetierte, die ... /eine Seitengasse, die ich nicht gesehen habe?/ Er betrachtete die Lücke zwischen zwei Lehmhäusern genauer und stellte fest, dass ihm außer dem Händler keiner würde folgen können. Der Stand verstellte den schmalen Gang, der sicher auf ein paar Hinterhöfe führte, auf ein weiteres Dach, in die Freiheit.

Mit Stakkato klopfendem Herzen und angehaltenen Atem krabbelte der junge Mann unter dem Stand bis zum Ende der Tischdecke. Langsam und zögerlich hob er die Decke ein wenig. Nur zwei Meter – zwei Meter trennten ihn von seiner Flucht. Er ließ die Decke sinken und konzentrierte sich auf sein Umfeld.

„Wenn du ihn findest – bring ihn zu mir! Ich werde dich reich belohnen.“

Sich eine Hand auf den Mund pressend riss Jamal die Augen auf. Er war unvorsichtig gewesen, das wusste er jetzt. Er hatte sich zu weit vorgewagt, seine Hand zu weit nach vor geschoben. Ein schwerer Stiefel, der bei Kaschims Herantreten an den Stand unter das Tischtuch glitt, presste Jamals Hand unnachgiebig in den Sand, die schweren Sohlen prägten das Muster in die weiche, schmutzige Haut.

Tränen glitten über die verschmierten Wangen, wuschen Rinnsale, die unter der Dreckschicht leuchteten, ihn verraten wollten. Zum Glück schien sein Herr es eilig zu haben. Der wandte sich um und ging.

Mit schmerzverzerrtem Gesicht nahm Jamal seine Hand wieder an sich, wollte sie gegen sich pressen, doch der Schmerz durchzuckte ihn bei der Berührung, brannte höllisch, ließ ihn leise stöhnen. Er blickte auf das Muster des Stiefelprofils, das rot und mittlerweile blutunterlaufen seine schmale Hand bizarr aussehen ließ.

/Dieser Mistkerl!/ Noch mehr Tränen stiegen in den Jungen auf.

Wie hatte das alles passieren können?

Wie hatte er nur hier herein geraten können?

/Lass mich endlich sterben./, seufzte er tonlos, lag auf der Seite, die schmerzende Hand vor sich im Sand.

Auf seiner Flucht musste er das Haarband verloren haben, das sein mittlerweile hüftlanges Haar zusammengehalten hatte. Jetzt legte es sich über ihn, hüllte ihn ein, versuchte dem ausgemergelten Körper Schutz zu bieten.

/Ich kann hier nicht bleiben./, sickerte es träge in seinen Geist. Sich auf die unverletzte Hand stützend setzte er sich erneut auf, krabbelte wieder vorsichtig auf die Seitengasse zu. /Jetzt oder nie – wenn ich schnell bin .../, und er hatte noch nicht zu ende gedacht, als er unter dem Stand hervorschnellte.

Er hörte den Obsthändler aufschreien, schnell schien er Jamal zu erkennen, denn er griff nach ihm, riss den Jungen an einem Ellenbogen zu sich herum. Doch wenn die Nächte mit fremden Freiern ihn eines gelehrt hatten, dann, sich zu wehren. Reflexartig zog Jamal ein Knie an und rammte es dem Älteren erst in den Magen, dann tiefer, und riss gleichzeitig an seinem Arm. Erschrocken ließ der Schwarzhaarige ihn los und sank laut aufschreiend zusammen. Sein Tuch, das Schutz vor der Sonne bieten sollte, glitt zu Boden. „Haltet den Kerl fest, dass ist Kaschims Sklave!“

Und waren sie bis jetzt noch recht unbeobachtet gewesen, weil jeder mehr mit sich selbst zu tun hatte, so richtete sich nun all das Augenmerk auf sie. Tikuna war die Stadt des Abschaums, wer hier strandete hatte es bereits überall versucht und nirgends Glück gehabt. Hier gab es nur zwei Sorten Mensch: zum einen die, die hier waren, weil sie hier straffrei leben konnten, und zum anderen die, die hierher verschleppt worden waren, hier wie Vieh gehalten, nicht flüchten konnten.

Kaschim hatte sich in dieser Stadt ob seiner Skrupellosigkeit und seiner Geldgier schnell einen Namen gemacht, jeder kannte seine Sklaven, ihre Vorzüge und vor allem ihren Preis.

Entsetzt registrierte Jamal die Gier, die in den dunklen Augen aufblitzte, wie sich jeder schon im Geiste die Belohnung bei seinem Herrn holte. Wie er wieder zurück musste, hungern würde, Schmerzen erleiden müsste, den Zorn seines Herr würde ertragen müssen.

Nein!

Nie wieder – das hatte er sich geschworen, als er heute morgen, noch immer mit blutenden Wunden am Leib, aufgewacht war, als er über die Dächer geflüchtet, als er durch die Menschenmassen geglitten war. Das konnte – das durfte nicht alles um sonst gewesen sein!

Und noch ehe der Obsthändler wieder nach ihn greifen konnte, war Jamal in der Seitengasse verschwunden.


2. Unheimliche Begegnung

Und Jamal hatte Recht behalten. Die Seitenstrasse war nicht wirklich eine Strasse gewesen, mehr ein kleiner Gang, gerade breit genug einen Leib aufzunehmen, schlängelte sie sich durch die dicht an dich gedrängten Häuser. Die Gassen in diesem Teil der Stadt waren enger, schmutziger, und er musste sich vorsehen, dass er nicht in etwas trat. Die nackten Füße waren dreckig, durch das ständige Laufen im Sand aufgeschürft.

Sich immer wieder umblickend hetzte der Blonde durch die Enge, die Kapuze war von seinem Kopf geglitten, doch er nahm sich nicht die Zeit, sie wieder zu richten, musste erst fort hier. Sein einziger Gedanke galt der Flucht. Weit hinter sich hörte er die tobende Menge, die sich das Kopfgeld, dass sein Herr auf ihn ausgesetzt hatte, nicht entgehen lassen wollte.

Sein Weg führte ihn auf einen Hinterhof, von allen Seiten von Häusern eingekreist lag er wie eine Oase im Sand. Palmen spendeten Schatten, ein Brunnen lud zum vereilen ein. Doch Jamal hatte keine Zeit, konnte nicht bleiben, musste weiter, musste entkommen.

Panisch sah er sich um, als ihm klar wurde, dass er sich selbst in eine Falle getrieben hatte, dass sein einziger Ausweg die enge Gasse war, durch die der tobende Mob näher kam, durch die er die lauten Stimmen hörte, die sich bereits ausmalten, was sie mit dem Kopfgeld machen würden.

/Nein./, hämmerte es immer wieder in seinem Schädel. /Nein, das darf so nicht enden!/

Er spürte die Tränen in den Augen, spürte, wie sie sich ihren Weg bahnen, wieder über die bereits gewaschenen Spuren auf seinen Wangen glitten. /Nein – ich will doch nur zurück – nach England – zu meinen Eltern./ Er kauerte sich hinter einen Busch und presste die verletzte Hand an sich. Die Stille wurde nur durch die Rufe unterbrochen; der Mob, der ihn suchte kam näher.

Nein!

Jamal wollte nicht aufgeben, nicht hier und jetzt, sein Schicksal akzeptieren. Gehetzt blickte er sich um, seine Aufmerksamkeit erweckte eine Tür. So richtete er sich auf, stolperte nach vor und stützte sich mit den Händen auf, schrie, als der Schmerz der linken Hand seinen Körper durchflutete, Impulse durch die gereizten Nervenbahnen jagte und als heller Fleck hinter den Augen explodierte. Er ging zu Boden, schlug auf die Knie und blieb mit dem Gesicht im Staub liegen. Die Tränen ließen sich nicht mehr unterdrücken, ließen sich nicht zuordnen, ob sie nun dem Schmerz galten oder der Verzweiflung oder beidem.

Resigniert bleib er liegen und schloss die brennenden Augen, als jeglicher Mut aus seinem Körper wich, er nur noch Schwere spürte, die ihm das Laufen unmöglich machte, die ihn zu Boden presste.

/Ergeben – zurückgehen und alles über mich ergehen lassen./ Dann entschwand ihm auch das Bewusstsein.



Berührungen erweckten ihn wieder, ein panisches Rütteln an seiner Schulter. Jamal spürte, wie er auf die bleischweren Beine gezogen wurde, wie rechts und links Hände seinen Leib griffen, ihn zu der Tür schleppten. Er schloss die Augen wieder, die Bilder verwirrten ihn, passten nicht in den Traum, passten nicht in seine Erwartungen. Er kicherte leise, musste die Anspannung loswerden, die seinen Körper einerseits puschte bis zum zerreißen, zum anderen lähmte, dass die Gestalten neben ihm ihn nur schleppen konnten, ohne dass er selbst einen Fuß vor den anderen setzen konnte.

Er hörte eine Holztür zuschlagen und Dunkelheit umfing ihn. Nur langsam gewöhnten sich seine Augen an das Dämmerlicht, das den Raum, in dem sie sich ohne Zweifel befanden, nur spärlich erhellte. Jamal schloss die Augen wieder, öffnete sie ein weiteres Mal. Das Bild hatte sich nicht verändert. Sie schienen eine Art Flur betreten zu haben, denn der Raum war schmal, ohne Fenster und alles was er erkennen konnte, waren zwei Türbögen, die wohl in andere, hellere Räume führten, und eine Treppe, die in das Obergeschoss führen mochte. Er hörte Stimmen, gedämpft, hektisch, aber seltsamerweise nicht bedrohlich.

Noch immer versuchte er zu begreifen, wo er hier war.

„Bringt ihn hoch in Levis Bett.“, hörte er die helle Stimme einer Frau. Und dann sah er eine Gestalt – mehr ein Schatten – die Treppe hinaufeilen, er folgte ihr auf wundersame Weise. Arme legten sich um seine Taille und hoben ihn an, er jammerte leise, als seine verletzte Hand mit der Wand in Berührung kam, registrierte kaum die genuschelte Entschuldigung.

„Hier – legt ihn hier her.“

Wieder diese weiche, helle Stimme, die sich in Jamals Geist zu einem Engel manifestierte – ein Wesen, geboren um zu helfen, geboren um zu beschützen. Eine tiefere, sicher einem Mann gehörende, Stimme bestätigte noch etwas, sprach aber zu schnell, als dass Jamal ihr hätte folgen können. Seit zehn Jahren vernahm er nichts anderes als diese Sprache, aber er beherrschte sie immer noch nicht wirklich.

Er spürte, wie er noch einmal angehoben, dann auf ein weiches Lager gebettet und vorsichtig zugedeckt wurde. Endlich öffnete er wieder die Augen, es war hell, und als er den Kopf drehte, konnte Jamal auch einen genaueren Blick auf das Zimmer werfen. Es war spärlich eingerichtet, wie jede der Lehmhütten in dieser Gegend der Stadt. Aus hartem Lehm hatte man unter das Fenster eine Erhöhung gemauert, gepolstert mit Stroh und Decken, die das Bett darstellte. Am anderen Ende des Zimmers lagen weiche Felle und ein paar Kissen, ein niedriger Tisch und eine Truhe. Mehr konnte er nicht erkennen. Eine Tür besaß das Zimmer nicht.

Langsam schloss Jamal wieder die Augen, sein Kopf schmerzte und das helle Licht brannte in den Augen. Warum war er zusammengebrochen?

Langsam versuchte er sich aufzurichten, stützte sich unachtsam auf die linke Hand und zuckte zusammen. /Richtig – Kaschim./ Er besah sich die mittlerweile geschwollene Hand, noch immer war unter Blutergüssen das Profil des Stiefels zu erkennen. /Arschloch./

„Bist du wach?“, hörte er es leise aus Richtung Tür. Er drehte den Kopf und erblickte eine junge Frau. Jamal konnte nur nicken, als sie näher glitt. „Warum war denn der Pöbel hinter dir her?“, fragte sie mehr aus Verlegenheit über die Stille, als sie sich Jamals Hand besah. „Das sieht böse aus, aber diese Salbe wird dir helfen.“, redete sie weiter, als Jamal die Augen schloss und den Kopf von ihr abwandte. Im Geiste befand er jedoch, dass sie eine Antwort verdient hatte und sprach leise: „Sie wollen das Kopfgeld.“ Der Blonde zuckte zusammen, als er eine warme Hand spürte, die vorsichtig, und erstaunlich sanft, etwas kühles auf seiner Hand verstrich.

„Auf einen schmächtigen Jungen wie dich ist ein Kopfgeld ausgesetzt?“. Ihre Stimme klang so ungläubig, dass Jamal sich zu ihr umwandte und in das dunkle, hinter einem blauen Schleier verborgene Gesicht blickte. Mehr als die Augen sah er nicht, aber die waren ausdrucksstark, ein paar schwarze Strähnen lugten unter dem Kopftuch hervor und rahmten die Augen ein. Ihre Hautfarbe, soweit Jamal das sehen konnte, war bronze, wie die aller hier lebenden Menschen. Die Sonne musste sie gefärbt haben. Im Gegensatz zu seiner. Gehalten wie ein Tier im Käfig hatte er nur selten die Sonne gesehen.

„Mein Herr will mich wiederhaben, ich war teuer.“, gestand Jamal, als ihn die freundlichen dunklen Augen anblinzelten.

„Willst du zu ihm zurück?“

Heftig schüttelte Jamal den Kopf. Nein! Um alles in der Welt, nein! Er wollte sicher nicht zurück. Er wollte endlich nach Hause – zu seinen Eltern. /Ob sie mich schon vergessen haben?/

„Was macht ein Junge wie du hier? Du bist doch sicher nicht von hier.“

Jamal schüttelte nur den Kopf. Tränen traten wieder in seine Augen. Die Erinnerungen verblassten zwar von Tag zu Tag mehr. Aber ein paar davon waren noch lebendig, hielten ihn am Leben, die Hoffnung auf eine Rückkehr hatte ihn jeden Morgen die Kraft aufbringen lassen, die Augen zu öffnen und weiterzuatmen.

„Wie heißt du, Kleiner?“

Noch immer verstrichen kleine Hände Salbe auf der geschundenen Hand. Tapfer biss Jamal die Zähne zusammen, auch wenn die Berührung Schmerz verursachte, wollte er das diese Fremde nicht spüren lassen.

„Jamal.“, gab er leise zurück.

„Und weiter?“

„Tja – und weiter. Eigentlich heiße ich Jeremias Noubier. Aber Indir konnte das nicht aussprechen.“, erinnerte er sich an den Tag, der alles verändert hatte.

„Indir?“, fragte die junge Frau ungläubig. „Indir der Sklavenhändler?“

Jamal nickte. „Ich habe vor zehn Jahren mit meinen Eltern Urlaub gemacht, sie wollten unbedingt nach Nordafrika – ich nicht. Als ich zu einer Erkundungstour aufbrach und meine Eltern im Hotel blieben, bekam ich eines auf den Kopf, dann wurde es schwarz, und als ich wieder zu mir kam, saß ich halb nackt in einem Käfig mit drei weiteren Menschen.“ Jamal schluchzte leise. Auch wenn dieser Tag schon so weit zurücklag, machte es ihn immer noch traurig. Anfangs hatte ihn diese Erinnerung immer wütend gemacht, doch mittlerweile war die Wut zusammen mit der Hoffnung verblasst, geblieben war nur die Trauer.

„Wie schrecklich.“ Sie strich eine verschwitzte Haarsträhne aus den hellen Augen, als sie sich tiefer beugte und das Gesicht betrachtete. „Nenn mich Tifa.“, sagte sie leise, als ihre geschickten Finger das Gesicht abtasteten. Außer Schmutz fanden sie nichts – keine Verletzung, keine Wunden.

„Danke Tifa.“ Jamal wandte das Gesicht ab und atmete tief durch.

„Erzähl mir mehr von dir, bitte.“

/Warum? Was interessiert sie das?/ Doch noch ehe er den Kopf schütteln konnte, sprach er leise weiter: „Ein fetter Einheimischer stellte sich vor, ich hörte nur `Indir` und nahm an, es sei sein Name. Er reiste mit uns von Stadt zu Stadt, die Mädchen, die mit im Käfig saßen, wechselten fast täglich, bis ich begriff, dass er sie verkaufte und ankaufte.“

Er schloss die Augen und legte die rechte Hand auf seine Stirn, dass der Handrücken die Augenlider berührte. „Langsam begriff ich, dass ich wohl einem Sklavenhändler in die Finger gefallen war. Nur warum er mich nicht anbot, begriff ich nicht.“

Jamal stockte und schluckte schwer, als ihn die Erinnerungen seiner ersten Begegnung mit Kaschim überfluteten. „Das begriff ich erst, als er mich in ein Haus brachte – wie ein Stück Vieh an einer Kette hinter sich herschleifte. Ein großer Mann mit Bart, stechend kalten Augen und einem edel wirkendem Gewand empfing uns. Mit einer Peitsche ließ Indir mich niederknien, wie immer seit er bemerkt hatte, dass ich seine Sprache nicht verstand.“

Er hörte Tifa leise murmeln und öffnete die Augen. „Ich war damals noch nicht einmal neun Jahre und stand nackt vor einem Kerl, der anfing mich zu betatschen. Ich hab mich geekelt, ihn von mir gestoßen und Prügel bezogen. Die Peitsche traf auf meinen Rücken, riss mir das Fleisch auf. Und so ließ ich es über mich ergehen. Und so sehr ich den Käfig gehasst habe, nichts hatte ich mir in diesem Augenblick sehnlicher gewünscht als wieder darin zu verschwinden, diese Hände, die nach mir griffen, mich überall berühren, nicht mehr spüren zu müssen. Du kannst dir sicher mein Entsetzen vorstellen, als ein Beutel Gold den Besitzer wechselte, Indir ohne mich ging und der Kerl mich hinter sich her schleifte zu seinem Ruhelager ... und ...“, schluchzend brach Jamal ab.

Er spürte eine Hand auf seiner Schulter, die sie leicht drückte, dann über die Haare strich. „Sprich es nicht aus, wenn es schmerzt, ich kann es mir denken. Es gibt nur einen, der junge Männer und Knaben kauft – du gehörst sicher zu Kaschims Sklaven.“

Jamal setzte sich mit Tifas Hilfe auf. „Ja, Kaschim. ... ich war der einzige, den er nicht verborgen wollte, den er nur für sich selbst haben wollte.“ Seine gesunde Hand strich die Decke über seinen Beinen gerade. „Er hat mich ausbilden lassen – zu einem Liebessklaven.“ Jamal wusste nicht, warum er Tifa das alles erzählte, er sah doch, dass die junge Frau bereits weinte, dass sie mit ihm litt. Aber er wollte es loswerden, endlich einmal alles erzählen, alles von sich werfen und mit jemandem teilen, jemandem der zuhören wollte. /Diese vier Monde waren die Hölle!/, erinnerte er sich an den Schmerz, die Qual, die Pein und die Scham.

Er spürte schlanke Finger in seinem Nacken, wie sie etwas festbanden. Verwirrt blickte er auf und griff reflexartig an seinen Hals, zog den Gegenstand zu sich, noch ehe Tifa die Bänder hatte verknoten können.

„Was ist das?“, fragte er, als er das Stück Metall in der Hand wog. Kleiner als ein Handteller schien es ein Amulett zu sein.

Ein Stern – sieben Zacken.

Es musste ein fremdes Metall sein, denn jeder Strahl des Sternes leuchtete in einer anderen Farbe. /Wie ein Regenbogen./, durchzog es Jamals Geist.

„Ein Glücksbringer.“

Tifa hatte sich auf den Rand des Bettes gesetzt und beobachtete den blonden jungen Mann, der noch immer das Amulett betrachtete. Seine Finger strich über die Gravur in der Mitte – es schien eine Blüte darzustellen, eine Schwertlilie. /Die hat Mutter immer am meisten geliebt./

Seine Finger fuhren über das weiche Leder, mit dem das Amulett am Hals befestigt werden konnte.

„Ich möchte ihn dir schenken, du wirst Glück brauchen, Jamal.“

„Aber ich kann das nicht annehmen, er sieht wertvoll aus!“

Tifa lachte leise. „Jamal, die Prinzessin der Diebe macht nur wertvolle Geschenke.“

„Gestohlen?“ Der Blonde riss die Augen auf und reichte das kostbare Stück zurück. „Es reicht, dass ich als entflohener Sklave gesucht werde, da muss ich mich nicht noch als Dieb steinigen lassen.“

Das Lächeln in den dunklen Augen irritierte ihn.

„Es war ein fliegender Händler – schon längst in der nächsten Stadt. Ich habe ihn letzte Woche belauscht, wie er versuchte, das Stück einem reichen Kaufmann aus der Südstadt anzudrehen – für eine Menge Geld. Das weckte mein Interesse.“ Sie nahm das Amulett wieder an sich und beugte sich dichter zu Jamal. „Er sagte Dinge wie: es bringt viel Freude, es macht dich glücklich, du wirst den Kauf nicht bereuen.“

Ihre schlanken Finger versuchten erneut, das Lederband in Jamals Nacken zu verknoten. Und der wehrte sich nicht mehr dagegen.

„Hab vielen Dank. Wie kann ich dir für all das danken?“

„Tifa.“

Die junge Frau schreckte zurück und wandte sich um. „Akim? Was ist?“

„Ich habe etwas Suppe für den Fremden.“ Ein älterer Mann mit leicht ergrautem Haar kam gebückt näher und stellte, ohne Jamal eines Blickes zu würdigen, eine bunt verzierte Keramikschüssel neben das Bett, um lautlos wieder durch die Tür zu verschwinden.

„Mein Bruder – Akim. Er ist etwas mürrisch, aber ein lieber Kerl.“ Tifa reichte dem jungen Mann die Schüssel. „Iss, und dann schlaf.“

Dankbar nahm Jamal die Speise entgegen und spürte seinen Magen knurren, als er den leckeren, ihn lockenden Duft, tief einatmete.

„Gemüsebrühe mit Hammelfleisch – iss.“

Hastig schlang Jamal die warme Suppe hinunter, verbrannte sich bei den ersten Löffeln noch den Mund, störte sich aber nicht daran. „Hm, das ist lecker.“, lobte er mit vollem Mund.

„Ich muss in die Stadt, iss in Ruhe und dann schlaf.“ Noch einmal strich sie über das feuchte Haar, dann ging sie.

Jamal hörte auf zu essen und blickte sich um. „Sollte ich wirklich endlich Glück haben?“ Er stellte die Schüssel neben sich und strich mit einer Hand über das Amulett, das sich bereits seiner Körperwärme angeglichen hatte. /Glück./

Langsam sank er zurück und schloss die Augen.


3. Die Träume

Ein heller, lichtdurchfluteter Raum.

Das leise Plätschern von Wasser ließ ihn nach links sehen. Und tatsächlich! Ein Wasserfall ergoss sich aus der Wand neben der Tür, entließ seine Wässer in einen kleinen Teich – bewachsen mit wunderschönen Blumen. Auf den kleinen Wellen wogen sich Seerosen und Lotos im Rhythmus der Bewegungen, an den Rändern des Teiches lagen Steine, große, kleine, zum sitzen einladend. Es war wunderschön, das Wasser versprühte eine angenehme Kühle in dem großen, weiten Raum.

Langsam sah er sich weiter um. Neben dem Teich an der linken Wand zweigte eine weiter Tür ab. An der rechten Wand stand ein riesiges Bett. Es maß sicher drei mal drei Meter, war mit Satin in hellen Pastelltönen bespannt, Kissen rundeten das Erscheinungsbild ab, luden zum träumen ein.

Der Tür gegenüber erkannte er eine ausladende Fensterfront – die Rahmen reichten von der Decke bis zum Boden. Eher glich es einer Verandatür. Zwei Flügel, verglast und mit Seidengardinen in hellem beige verhängt, bildeten die Tür. Sie standen weit offen und der Wind spielte mit dem leichten Stoff. Durch die wehenden Gardinen wurde der Blick auf eine Terrasse freigegeben.

Jamal spürte eine Hand auf seiner Schulter und das Bild begann zu verblassen. Die weichen Farben verschwammen und nur schemenhaft nahm er eine Person wahr – groß und impulsiv stand sie im Gegenlicht in der Tür, sodass Jamal das Gesicht nicht erkennen konnte. Langes Haar klebte feucht an den ausdefinierten Oberarmen, die nassglänzende Haut schimmerte wie Bronze. Er hörte nur seinen Namen.

Nur widerwillig öffnete der Blonde die Augen, seine Neugier war geweckt, er wollte wissen wer diese stattliche Person war, die wohl um einiges größer war als er, muskulös und nur in eine weite Stoffhose gekleidet. Das Letzte, an was sich Jamal noch erinnern konnte, war die Farbe der Hose – ein weicher, warmer, heller Braunton.

„Jamal.“

Vorsichtig wandte der junge Mann den Kopf und blinzelte Tifa an, die neben dem Bett stand.

„Hast du etwas schönes geträumt? Du hast gelächelt.“

Er spürte wie ein feuchtes Tuch über sein Gesicht glitt.

„Tifa, hab dank für alles. Aber ich bin nicht krank, ich kann mich auch allein säubern.“, flüsterte er etwas verlegen und spürte die Röte in seinem Gesicht. „Es ist mir unangenehm von Fremden berührt zu werden.“ Mit sanftem aber bestimmtem Griff hielt er Tifas Hand fest. „Bitte.“

„Oh natürlich.“ Sie reichte ihm den Lappen und stellte die Schüssel auf die Bettkante; und Jamal tauchte den Lappen erneut ein. Er spürte das raue Leinen zwischen seinen Fingern und die kühlende Wirkung des Wassers auf seiner immer noch schmerzenden Hand. Dann wrang er den Lappen ein wenig aus, um das Bett nicht zu benetzen und wischte sich über Gesicht und Hals, wanderte auch unter das verschlissene Shirt, biss die Zähne zusammen, als der feuchte Stoff über frische Wunden glitt und den Schorf löste. Zischend zog er die Luft ein.

„Zieh die Sachen aus.“ Tifa hatte sich abgewandt.

Unsicher blickte Jamal sich um. „Tifa – ich ...“

„Hör auf zu reden, um so schneller du bist, um so eher sind die Sachen trocken und du hast sie wieder.“

„Aber ich ...“

„Jamal. Zieh die dreckigen Kleider aus!“

Der junge Mann klammerte sich mit einer Hand an der Decke fest und schien in einem Augenblick abzuschätzen, wie hoch er hier war und wo das Fenster hinführen würde.

Tifa wandte sich wieder zu ihm um. „Kleiner, sie suchen dich immer noch. Du kannst also eh nicht auf die Strasse. Da kann ich auch so lange deine Sachen waschen, okay?“ Sie lächelte, das konnte er an den funkelnden Augen über dem blauen Tuch sehen. „Auf dem Tisch da drüben liegen frische Kleider, sie werden dir zu groß sein, aber besser als nichts.“

„Du gibst nicht auf, bis du nicht hast was du willst, oder Prinzessin?“ Auch Jamal musste lächeln, so sehr hatte sich noch kein Mensch um ihn gekümmert. Außer seine Eltern, aber das war schon so lange her, dass er sich kaum noch daran erinnern konnte.

Hastig glitt er ganz unter die Decke und entledigte sich seiner verschlissenen und verdreckten Kleider, wickelte sich dann eng in die Decke und reichte sie aus dem Bett. Etwas schief grinsend musste er gestehen, dass die Sachen es wohl wirklich nötig hätten.

„Schlaf noch ein wenig, das wird dir gut tun.“ Tifa zwinkerte ihm zu. „Und träum wieder hübsch. Du bist süß, wenn du lächelst.“

Beschämt senkte Jamal die Lider und zog die Decke noch etwas höher. „Ich bin nicht süß.“, protestierte er kleinlaut. Einen Mann von 19 Sommern sollte man doch nicht mehr süß nennen. Gut, er war eher klein für sein Alter, aber sicher nicht süß!

„Schlaf.“, bestimmte Tifa noch einmal, als sie den Vorhang zur Seite schob und durch die Tür aus dem Zimmer verschwand. Nun war Jamal wieder allein. Die sich langsam senkende Sonne lachte durch das glaslose Fenster, das eher einem Loch in der Wand glich, und tauchte das kleine lehmbraune Zimmer in verschwenderisch goldene Töne.

/Was war das für ein Traum – so ein wunderschönes Zimmer? Und dieser Mann?/

Mit der vagen Hoffung noch einmal in das Zimmer tauchen zu dürfen, schloss Jamal die Augen. Das schwere Leinen des Lakens und der Decke schabte bei jeder Bewegung über die malträtierte Haut. Leise stöhnend schob sich der junge Mann auf dem ausgelegnen Lager zurecht, rutschte aber immer wieder zurück in die bereits in das Stroh gepresste Kuhle. Er versuchte still zu liegen, konnte aber auf dem Rücken liegend nicht mehr einschlafen. Er fühlte sich nackt und unwohl. Wieder stiegen Erinnerungen auf, die er nicht haben wollte, die er vergessen und nie wieder sehen wollte. Große Hände, die nach ihm griffen, Fesseln, die sich schneidend um die Gelenke verengten, ihn daran hinderten die Beine zusammenzupressen, die Hände schützend vor das Gesicht zu legen. „Ich will das nicht mehr.“, flüsterte er leise, Tränen rannen aus den Augenwinkeln, verschwanden ungesehen, unbeklagt im weichen Kissen, als er sich auf die Seite drehte, sich zu einer Kugel zusammenrollte, Schutz suchte. Die geschwollene Hand lag vor ihm auf dem Laken.

Die Augen noch immer geschlossen ging sein Atem langsam gleichmäßiger und es dauerte nicht lange, da stand er wieder in dem lichtdurchfluteten Zimmer. Dieses Mal hielt er sich nicht mit der Einrichtung auf, die kannte er nun zum großen Teil. Er wollte wissen wer hier wohnte, warum er von einem Ort träumte, den er nicht kannte, nie gesehen hatte, nicht einmal wusste, ob er existierte.

Eiligen Schrittes trat er durch den Raum und spürte das hölzerne Parkett angenehm warm unter seinen nackten Füßen. Die Sonne, die durch das Oberlicht über dem Bett fiel, hatte das Holz sanft geküsst. Erstaunt blieb er stehen und ging weiter auf das Bett zu, ließ sich niedersinken und blickte hinauf. Eine Hand legte sich schützend über die Augen, die warme Sonne streichelte das schmale Gesicht. Lächelnd schloss Jamal die Augen und strich mit der anderen Hand über die erwärmten Stoffe unter sich. Die Laken fühlten sich glatt und sauber an.

Ein Schatten, der sich auf ihn legte, ließ ihn erschrocken aufblicken. Wieder stand diese Person vor ihm – um die schlanke Taille hing locker eine Hose aus leichtem Stoff. Jamal konnte sehen, wie der Wind, der noch immer durch das offene Fenster von der Terrasse in das Zimmer wehte, mit dem leichten Stoff spielte, die weiten Hosenbeine mal dicht an die Beine presste und so die Muskeln erahnen ließ, dann wieder die weiten Beinkleider blähte und alles verhüllte.

Langsam glitt Jamals Blick höher. Um die Taille sah er Strähnen langen hellen Haares, er konnte nicht genau sagen welche Farbe es hatte, es schien sich in jeder Sekunde für eine andere zu entscheiden. Die schmale Taille ging in einen trainierten Bauch über. Jamals Blick glitt noch höher, streifte die breite, unbehaarte Brust und die breiten Schultern.

Endlich wagte er, dem anderen in das Gesicht zu sehen. Ein sanftes Lächeln lag auf schmalen, weichen Lippen, dunkle Brauen weckten sein Interesse, standen sie doch im Kontrast zu den hellen, schimmernden Haaren. Das faszinierendste an diesem Mann aber waren seine Augen: violett stachen sie aus dem makellosen Gesicht, eingerahmt von dunklen, langen Wimpern, schienen sie Jamal zu beobachten, schienen auf etwas zu warten. Ein wenig war es dem Blonden, als würde der Schalk in ihnen blitzen.

Jamal kroch auf das Bett und rutschte instinktiv etwas weiter nach hinten, versuchte Platz zwischen sich und den Anderen zu bringen. Er war zweifellos hübsch aber auch unübersehbar stark. Jamal würde sich gegen ihn nicht wehren können. Noch immer starrte er in das ihn beobachtende Gesicht, die Lippen des Fremden öffneten sich, schienen ihn etwas zu fragen ...

Ehe die Konturen verschwammen. Leise seufzend streckte Jamal die Hände nach dem Anderen aus. Er wollte nicht weg, er wollte hier bleiben, in diesem wunderschönen Zimmer, bei diesem Mann. Warum auch immer er das Verlangen verspürte, bei ihm zu bleiben, nicht wissend, ob er überhaupt existieren würde. Nur drei Worte sickerten zu ihm durch ... `Durchquere die Wüste´ ... hatte ER das gesagt?

Langsam öffnete Jamal wieder die Augen, sah, dass er seine Hände immer noch suchend von sich gestreckt hatte. Die Decke war über die Brust geglitten, lag gerade noch über dem Schoss.

Neben dem Bett stand Tifa – die Augen in Entsetzen aufgerissen. „Jamal – oh mein Gott. Wer hat dir diese Wunden zugefügt?“

Erschrocken blickte der Blonde an sich hinab und zog die Decke wieder über sich. Er presste die Lippen aufeinander und wandte sich schweigend ab.

„Ist okay Jamal, du musst nicht reden.“

„Tifa?“ Noch immer blickte er auf die Wand, unfokussiert und leicht verträumt. „Was liegt hinter dieser Wüste?“

Er hörte wie sich die junge Frau näherte, sich auf das Bett setzte und ein wenig die Decke glatt strich. „Warum willst du das wissen?“

„Ich weiß nicht – ist sicher albern. Aber ich habe von einem Zimmer geträumt – von einem Mann – wunderschön. Alles was er sagte war `Durchquere die Wüste`.“

Er hörte die junge Frau lachen und musste zugeben, dass sie eine sehr angenehme Stimme hatte. Nicht zu hoch – nicht zu tief. „Wegen einem Traum willst du durch die Wüste?“

„Ich weiß, das klingt albern. Aber ich habe jetzt – heute – schon zweimal von ihm geträumt. Das muss doch etwas bedeuten. Und ich will wissen was.“ Langsam wandte er Tifa das Gesicht zu. „Also, was liegt hinter der Wüste?“

Die Prinzessin der Diebe schüttelte den Kopf. „Keine Ahnung Kleiner, aber ich höre mich gern ein bisschen bei den Händlern um, wenn du möchtest. Willst du mit einer Karawane ziehen oder allein?“

Jamal schluckte, „Wenn du was machst, machst du es richtig, hm?“

„Halbe Sachen sind verschwendete Zeit, Jamal. Wenn du etwas willst, tu es, oder lass es. Aber versuch es nicht!“ Wie nebenbei legte sie die bunten Kleider auf das Bett, die sie vor ein paar Stunden auf den niedrigen Tisch in der mit Kissen dekorierten Sitzecke gelegt hatte.

„Du hast dich noch nicht einmal angezogen. Warst du so wild darauf, einzuschlafen und ihn wiederzusehen?“ Sie lächelte und strich über eine Wange des jungen Mannes, der errötete und beschämt auf das Bett sah. Seine Finger spielten verloren mit einer Kordel, die wohl zu einem Hemd gehörte, wie es hier alle Männer trugen – eng um die Seiten, über Brust und Bauch geschnürt, weite Ärmel, die weit über die Hände reichten.

„Zieh dich an und komm runter. Wir wollen zu Abend essen.“

Beschämt griff Jamal nach der Hand der jungen Frau, spürte unter seinen Fingern die vielen Armreife, die immer wieder leise klirrten, wenn sie sich bewegte – ein angenehm beruhigendes Geräusch, wie Jamal zugeben musste.

„Du hast schon so viel für mich getan, ich kann dir nichts dafür geben!“

„Ich will nichts von dir, wo drei satt werden, wird auch ein vierter satt, sagte meine Mutter immer. Also, zieh dich an und komm.“



***



Nun waren es bereits drei Tage, die er in Tifas Haus verbracht hatte. Er hatte sich nützlich gemacht so gut es nur ging. Er war den Brüdern beim Wasserholen behilflich gewesen, hatte zusammen mit Tifa die Tiere versorgt, war verhüllt zusammen mit der jungen Frau auf den Markt gegangen.

Tifa hatte ihn an Ecken und in Tavernen geführt, die bekannt dafür waren, dass die Leute dort viel redeten. Bei einem Glas Tee verweilten dort die Händler, die den Weg durch die Wüste kamen, um hier ihre Waren anzubieten.

Stundenlang hatte Jamal abends hier gesessen und zugehört. Er wusste nicht, was er suchte, was er hören wollte, was er zu erfahren hoffte. Was wusste er denn schon? Nur ein einziges Mal hatte er in den letzten Tagen noch von dem Mann geträumt, der in diesem Zimmer wohnte, welches über und über mit Pflanzen bewachsen war. Wieder hatte er sich nicht der Einrichtung widmen wollen sondern dem Bewohner, doch der war nicht da gewesen, so hatte sich Jamal auf einen Stein gesetzt, der am Ufer des Teiches lag und mit einer Hand im Wasser gespielt. Er hatte mehr Zeit gehabt, sich den Pflanzen zu widmen. Im flachen Wasser wuchs Zyperngras, Sumpfdotterblumen brachten Farbe in das weiche Grün. Weiter hinten blühten Schwertlilien – in allen Farben. Selbstvergessen hatte er sich zwischen die Blüten gekniet, sie mit den Fingern berührt, ertastet, ihre Schönheit in sich aufgenommen.

In sich und die Blütenpracht versunken hatte er nicht bemerkt, dass sich jemand hinter ihn gekniet hatte, Hände auf seine Schultern gelegt wurden. Er hatte sich erschrocken, als heißer Atem seinen Hals gestreift hatte. Doch Jamal hatte sich nicht bewegen können. Wie erstarrt saß er im weichen grünen Gras, das sich an das Teichufer anschloss, in dem Blüten in frohen Farben Akzente setzten. Seine Finger schlossen sich zu fest um eine Blüte, ein violettes Blütenblatt ging zu Boden, der Wind, der noch immer, wie jedes mal, durch das Zimmer streifte, trug es mit sich fort, ließ es in den Teich fallen, auf der sich kräuselnden Oberfläche tanzen. Jamal hatte die Augen geschlossen, als fremde Hände über seine Arme geglitten waren, seine eigenen Hände griffen.

Doch diese Nähe, so angenehm sie war, so verführerisch dieser Fremde roch, so sehr ihn dessen Nähe erregte, sie machte ihm auch Angst. Angst sich nicht wehren zu können, Angst wieder Schmerz erfahren zu müssen. Und eine andere Form der Angst schwang mit. Angst, sich in etwas zu verlieren, was es nicht gab ...

Sacht schüttelte Jamal den Kopf, vorsichtig, darauf bedacht, dass die Kapuze nicht von seinen blonden Haaren glitt und ihn wohlmöglich noch verriet. Noch immer ließ sein Herr nach ihm suchen, das Kopfgeld war auf eine widerliche Art aufgestockt worden. Instinktiv hatte Jamal die Beine zusammengepresst, als er zwei Gauner hatte reden hören, was Kaschim dem Finder gewähren würde. /Mistkerl!/

Der Blonde zwängte sich wieder in seine Ecke, ein Glas Pfefferminztee in der Hand lauschte er auf die Stimmen, die vom Tisch unweit der Tür zu ihm herübergetragen wurden. Es war ein seltsamer Dialekt, doch nach einiger Zeit gelang es den jungen Mann, auch diesen Worten zu folgen. Sie sprachen von etwas, was sie den ´Palast der Blüten´ nannten.

Mit Begeisterung schien einer der Händler zu berichten, Jamal verfluchte das schnelle Tempo, in dem der andere sprach, sodass er nur wenig verstand. Aber es schien eine Art Freudenhaus zu sein. Wunderschöne Zimmer und exotische, junge Männer standen aber nur einem zur Verfügung – dem Besitzer des Zimmerschlüssels. Angeblich würde kein anderer zu den Sklaven vorgelassen.

Jamal schüttelte den Kopf. So ein Blödsinn. Ein Freudenhaus, wo jeder der Sklaven nur von einem einzigen aufgesucht werden konnte? Sie wurden nicht bezahlt? Wie wollte der Eigentümer denn so Geld machen? /Da hab ich wohl einiges falsch verstanden./ Er nippte an seinem Tee, der mittlerweile kalt war, und versuchte weiter den Männern zuzuhören, die nun schon wieder ein anderes Thema ausdiskutierten, sich über die niedrigen Preise für ihre Waren ereiferten.

/Palast der Blüten ... Schwerlilien./

Die blauen Augen geschlossen lehnte sich Jamal gegen die Säule zu seiner rechten.

/Er sah nicht aus wie ein Sklave./

Langsam glitt Jamal wieder in die Erinnerung, ihm war es, als könnte er den Duft in der Nase spüren, den die prächtigen Blüten verströmt hatten. Wieder hatte er das weiche Gesicht vor Augen – die frechen, indigofarbenen Augen, die außer lächeln nichts anderes taten.

/Und selbst wenn es stimmen sollte, er in diesem Palast wohnt – ohne den Schlüssel kann ich nicht zu ihm./

„Jamal?“ Tifa hatte sich neben ihn niedergekniet. „Hast du etwas erfahren?“

Er schüttelte nur den Kopf. „Sie erzählten von einem Palast, in dem Sklaven für Freude sorgen sollten. Aber es würde nicht mit Geld honoriert. Nur mit einem bestimmten Schlüssel käme man in die Zimmer.“ Der Blonde seufzte leise und zog die Kapuze weiter in das jetzt wieder blasse und saubere Gesicht. „Mein Arabisch ist so mies.“ Er schüttelte den Kopf, und auch Tifa stimmte zu. Das ergab keinen Sinn – ein ganzer Palast und nur ein einziger sollte Zugang zu den Sklaven haben? Und der Eigentümer sollte kein Geld dafür erhalten? Das entsprach nicht der Mentalität ihres Volkes.

Doch sie lächelte Jamal an. „Waheli, der Händler, bricht morgen auf. Er will durch die Wüste und würde dich mitnehmen. Ich habe ihn gefragt. Wenn du dich um die Tiere kümmerst, wenn ihr rastet, will er keine Bezahlung von dir.“ Sie strich den jungen Mann über die Wange. „Sei trotzdem vorsichtig. Der Mann ist ein Schlitzohr, aber keiner kennt die wenigen Wege durch die todbringende, Yuhana-Wüste so gut wie er. Waheli ist ein Sohn der Wüste, mit den Instinkten eines Tieres. Leider hat er auch den Charakter eines Tieres.“ Die junge Frau richtete sich auf. „Komm, ich bringe dich zu ihm. Er wird heute Nacht noch aufbrechen.“

Jamal blickte sie von unter her an. „Dann heißt es wohl jetzt Abschied nehmen, kleine Prinzessin?“

Er sah die junge Frau nicken, als er selbst sich erhob, sich an der Säule hochzog und wieder feststellte, dass er selbst nicht größer war als sie.

„Komm.“

Schnell hatte sie Jamals Hand gegriffen und eilte mit dem verdutzten Jungen durch die jetzt nur noch von wenigen Menschen bevölkerten Gassen. Aus manchen Fenstern sah man Licht scheinen, aus anderen hörte man Stimmen, die lachten, schimpften oder erzählten. Auch wenn die Gassen sich leerten, sobald die Sonne den Horizont küsste, war die Stadt hinter ihren schützenden Mauern noch sehr lebendig.

Die Stände waren restlos geräumt, nur die kahlen Holzgerippe standen in den Nischen. Wenn die Dunkelheit ihre verhüllenden Schleier über die Stadt legte, regierte das Gesetz der Strasse, das Gebot der Gewalt. Geld wechselte zu dieser Zeit oft unfreiwillig den Besitzer, und meist war es nicht nur das Geld.

„Hier hat er Herberge bezogen.“, hörte er Tifas leise Stimme, die ihn aus seinen Erinnerungen an diese Stadt riss. Als er noch Kaschims Sklave war, war er nie zu dieser Zeit auf der Strasse gewesen. Aber die anderen Sklaven, die ihn wuschen, ihm die Wunden versorgen, wenn sein Herr ihn wieder besucht hatte, die berichteten von dem Leben außerhalb der Mauern.

Jamal ließ sich in ein unscheinbares Haus führen, er konnte den angeschlossenen Stall riechen, blieb aber dicht hinter Tifa, als sie auf ausgetretenen Stufen eine enge Treppe hinaufstieg. Auf der Hälfte blieb sie stehen. „Zeig so wenigen wie möglich dein Gesicht und die hellen Haare, Jamal. Mit einem Exoten wie dir lässt sich auf jedem Sklavenmarkt viel Geld machen! Das dürftest du langsam wissen.“

Jamal nickte verstehend und griff die junge Frau bei den Schultern. Er presste sie eng an sich und spürte, wie auch sie ihre Arme um ihn legte, den Kopf auf seiner Schulter platzierte. „Danke Tifa, danke für alles.“

„Rede nicht – finde lieber deinen Prinzen.“

Dann löste sie sich eilig und hastete die letzten Stufen hinauf. Vorsichtig klopfte sie an eine Tür und trat gleich darauf ein. Fahles Kerzenlicht fiel auf den dämmrigen Flur, Jamal blieb unsicher im Türstock stehen. Nur wenige Häuser in dieser Gegend leisteten sich den Luxus von Holztüren, um den Eigentümern Privatsphäre zu gönnen.

„Waheli – ich bringe dir den jungen Mann, der mit dir durch die Wüste reisen möchte.“ Tifa griff Jamals Hand und zog ihn in das Licht.

Die Kapuze tief ins Gesicht gezogen sah der Blonde sich suchend in dem Zimmer um, mehr als ein Bett und ein Tisch mit zwei Stühlen fand er nicht. Auf einem der Stühle, über ein reichhaltiges Mahl gebeugt, saß ein Mann um die vierzig, ein langer, schwarzer Bart gab ihm den Anschein von Dominanz. Instinktiv wich Jamal einen Schritt zurück, als schwarze Augen unter buschigen Brauen ihn musterten.

„So, du willst mit durch die Wüste?“ Der Mann erhob sich und wuchs zu einer impulsanten Erscheinung. „Bist du nicht etwas zu schwächlich für diese anstrengende Reise? Tifa, was mach ich, wenn er mir wegstirbt?“, richtete er sich an die Prinzessin der Diebe.

„Er wird es nicht, der junge Mann ist zähn.“

„Wenn du das sagst!“ Waheli hob den Becher zum Mund und trank die letzten Schlucke gierig. „Hat der junge Mann auch einen Namen oder soll ich ihn einfach ´junger Herr´ nennen?“, erkundigte sich der Händler, und der Sarkasmus war nicht zu überhören.

„Er hat einen Namen ... nenn ihn Jamal.“

Die dunklen Brauen in dem braungebrannten, von der Sonne ausgetrockneten Gesicht hoben sich. „Na geht doch.“ Langsam schritt er an den beiden Anderen vorbei, „Folgt mir!“

Am unteren Treppenabsatz angekommen schritt er eilig nach rechts, durch einen schmalen Gang und öffnete eine Tür. „Tifa meinte, du würdest dich um die Tiere kümmern.“, erinnerte er den jungen Blonden daran und der nickte.

„Dann schlaf hier bei ihnen, ich wecke dich, wenn es los geht.“ Dann verließ er den Stall wieder.

Jamal blickte sich um. Sieben Kamele dösten stehend vor sich hin.

„So, ich lass dich jetzt allein, Jamal. Tu mir einen Gefallen.“ Sie drückte noch einmal seine Hände. Das blutunterlaufene Profil auf der linken Hand war verblasst.

„Jeden, Prinzessin – jeden.“ Er lächelte sie an.

„Überlebe – egal was passiert, überlebe.“

„Versprochen.“

Und dann war er allein. Nur das leise Klappern von Zaumzeug hüllte ihn ein.

/Warum tu ich das alles?/

Noch einmal sah der Blonde sich um, schob etwas frisches Heu zusammen und legte sich nieder. Und kaum hatte er die Augen geschlossen, tanzten lange, glatte Strähnen durch seinen Geist, weißes Haar, das bei jeder Bewegung in einer anderen Farbe schillerte, dem Regenbogen Konkurrenz zu machen schien. Lächelnd sank Jamal in einen seichten Schlaf.


4. Vertraue niemandem!

Jamal lag auf einem Bett – weiche Pastelltöne schmeichelten seiner blassen Haut. Langsam schob er die Decke von seinen Hüften und schwang die Beine von der Matratze. Doch da hatten ihn bronzene Hände um die Taille gegriffen, ihn gegen eine warme weiche Brust gezogen. Lippen kosteten seine Haut im Nacken.

Langsam ließ er sich zurück in die seidigen Laken drücken, ein großer Körper kuschelte sich gegen ihn. Das Licht, das durch das Oberlicht fiel, brach sich auf langem, weißem Haar, das im Schein des Lichtes zu schillern begann, golden wirkte, im nächsten Moment violett schimmerte, sich den leuchtenden Amethysten anglich.

Jamal genoss es, sich in diesen Augen zu verlieren, als warme Hände über seine schmale Brust strichen. Die sinnlichen Lippen bewegten sich, doch Jamal verstand nicht was sie sagten, hatte sich in den violetten Augen verloren. Um nichts in der Welt wollte er jetzt aufwachen und aus der sinnlichen Umarmung gerissen werden.

Eine Hand glitt über seine Seite, wanderte über die Hüfte zur Lendenwirbelsäule, ... Schmerz ließ Jamal die Augen weit aufreißen.



Die Sonne war noch nicht aufgegangen, als der junge Mann einen schmerzlichen Tritt in die Nierengegend verspürte. Gequält stöhnte er auf und blinzelte. Es dauerte eine Weile, bis sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, doch Waheli war sichtlich nicht bereit, dem Jungen diese Zeit zu gewähren. Brutal riss er ihn am Arm auf die Füße.

„Bind die Kamele zusammen, du kleiner Hurensohn!“

Die dunkle Stimme machte deutlich, dass dieser Mann nicht vor hatte, lange um etwas zu bitten. „Ich nehme dich nur mit, weil die Prinzessin der Diebe mich darum gebeten hat! Erwarte keinen Luxus!“ Mit einer Peitsche trieb der Mann die Tiere aus den Boxen und machte auch vor Jamal nicht Halt.

Der Junge wollte die Zähne zusammenzubeißen, dem Drang zu schreien nicht nachgeben. Die schmale Gerte schnitt in die geschundene Haut, nicht dass das Gefühl neu für ihn gewesen wäre. Aber es war etwas, an das man sich wohl nie gewöhnen würde, so oft man es auch erfahren musste. Jamal wich instinktiv zurück, griff sich die Stricke und Halfter, die neben ihm an der Wand hingen, und ging auf das erste Tier zu.

Ein großer Kamelhengst musterte ihn misstrauisch, die dunklen Augen unter den langen weichen Wimpern funkelten ihn an. „Ich tu dir nichts.“, versicherte Jamal leise, als er eine Hand beruhigend über den langen Hals tätscheln ließ.

Erschrocken schrie er auf, als die Peitsche das zweite Mal auf dem Tier niederging, es sich erschrak und Jamal gegen die Boxenwand zu pressen drohte. Geistesgegenwärtig tauchte er unter dem Bauch des Tieres hindurch und warf sich in das Stroh.

„Du sollst die Viecher zusammenbinden und nicht verhätscheln! Es sind Arbeitstiere!“

Waheli war zurückgekehrt und vier ebenfalls bärtige Männer begleiteten ihn. „Dies sind unsere Träger, sie werden den Proviant und das Wasser tragen, die Tiere werden mit den Waren beladen und du wirst neben ihnen hergehen und aufpassen! Ist das ein Problem für dich?“

Jamal schüttelte den Kopf. Nein, das war kein Problem für ihn. Langsam ging er wieder auf das Leittier der Herde zu und tätschelte ihn noch einmal besänftigend. Und ihm war es, als hätte ihn das Tier verstanden. Langsam rieb es seine Schnauze an Jamals Brust und schloss die Augen, ließ sich das Zaumzeug anlegen, während einer der Träger die Ruhe des Tieres nutzte um es zu satteln.

Jamal kraulte noch einmal durch die lange Mähne und eilte dann unter Wahelis stechendem Blick zum nächsten Tier. Eindeutig eine Stute, war sie doch kleiner als das Leittier. Narben auf den Flanken zeugten von den Worten, die sein Führer vorhin gebraucht hatte. /Arbeitstiere./

Jamal kraulte auch dieses Tier ein bisschen hinten den Ohren und durfte feststellen, dass sie sehr wohl darauf reagierte, den Kopf schief legte und die Augen schloss. Und so band er mit Geschick einhändig das Zaumzeug fest, mit der zweiten Hand verwöhnte er das geschundene Tier noch ein bisschen.

Dann huschte er in die nächste Box.

Nach gut zehn Minuten waren alle Tiere gezäumt, gesattelt und zu einer Karawane verbunden.

„Hilf den Männern beim Beladen der Tiere, du kleine Ratte!“

Jamal schluckte die Beleidigung runter, auch dies war, wie die Schläge, nichts neues für ihn. Wenn er ehrlich war, kannte er das Leben doch gar nicht mehr anders. Es bestand doch nur noch aus Schlägen, Beleidigungen und Vergewaltigungen. Und so lange die Kerle sich das Letztere verkneifen würden, wäre das hier noch allemal besser, als zurück zu Kaschim zu müssen.

Eilig hastete er hinter den großen Männern her. Einheitlich gekleidet hüllten sie sich in helle Stoffe. Einfaches Leinen, lange, weite Gewänder verhüllten sogar noch die Füße. Beim gehen konnte er darunter einfache Sandalen erkennen. Auf den Köpfen trugen sie Tücher, auch weiß sollten sie die sengende Sonne reflektieren.

Und dagegen er – barfuss und mit seinen, wenn jetzt auch sauberen, zerschlissenen Leinenkleidern. Das Hemd hielt nur noch an wenigen Stellen, die Kapuze war schon lange abgetrennt und wurde wie eine Mütze getragen. Die Haare hatte Tifa geflochten und festgesteckt. Die Hosenbeine waren viel kürzer als anfänglich. Immer wieder hatte Kaschim seine Kleider kürzen lassen, um mehr sehen zukönnen.

„Steh nicht nur in der Gegend rum, Bursche! Greif zu!“, brüllte ihm einer der Männer entgegen, als er Jamal mit einem großen, mit Tüchern und Stricken zusammengehaltenen Paket entgegenkam. Es sah schwer aus und trieb dem Mann trotz der kühlen Temperaturen am Morgen den Schweiß auf die Stirn.

Eilig machte sich Jamal daran, sich hinter den großgewachsenen, schlanken Männern einzugliedern, sich vom Lagerarbeiter eines der bunten Pakete auf die Schultern und den gebeugten Rücken legen zu lassen und ächzte unter der Belastung. Die Beine begannen zu zittern, wollten nachgeben. Die dicken Stricke, aus grobem Hanf gezwirbelt, drückten sich unter der Last des Paketes in Jamals Rücken, pressten sich auf alte Narben und frischere Wunden. Seine Hände griffen hinter sich, wollten das Paket daran hindern, von dem schmalen Rücken zu gleiten. Ein Lachen hinter ihm machte ihn wütend. Er versuchte einen Fuß vor den anderen zu setzen, scheiterte aber kläglich. Der am Boden verbliebene Fuß knickte um und mit einem erbärmlichen Schmerzenslaut wurde Jamal unter dem großen Bündel begraben.

Er hörte Waheli fluchen. Die Träger lachten noch immer...

Durch das erschrockene Einatmen hatte sich Sand in seine Atemwege gedrängt, kläglich versuchte Jamal zu husten. Tapfer kämpfte er die Tränen zurück, schluckte schwer. Das Gewicht auf seinem Rücken nahm ihm die Luft zum atmen. Sandkörner stachen in der trocknen Kehle. Doch er wollte nicht um Hilfe flehen, nicht noch mehr Schmach ertragen.

Tapfer hielt er aus, bis er Erleichterung verspüren konnte. Die Männer mussten das Paket von ihm gehoben haben. Eine Hand schloss sich schraubstockartig um seinen Oberam und unvermittelt wurde Jamal wieder auf die Beine gezogen. „Kannst du denn gar nichts richtig machen?“

Selbst in der dunklen Lagerhalle konnte Jamal das beängstigende Funkeln der verengten Augen spüren, als der Mann sich dicht über ihn beugte. Der Atem war schwer von Wein und Opium.

Der junge Mann schluckte schwer, als er instinktiv zurückwich, einen Balken im Rücken spürte, der wohl die zweite Ebene des Lagerhauses stützte. „Halt die Tiere, damit sie beladen werden können, und Gott sei deiner verkommenen Seele gnädig, wenn du auch dabei versagst!“

Jamal konnte sich nicht rühren, die Angst hatte ihn sich verkrampfen lassen. Die Nägel in das Holz hinter sich gegraben starrte er in die finsteren Augen. Ein Schlag auf die rechte Wange löste den Bann. Erschrocken schluchzte der junge Mann auf. Einer der schweren Goldringe auf Wahelis Handrücken hatte eine Wunde gerissen, er spürte das Blut über die Wange fließen und hatte doch nicht den Mut, es wegzuwischen. Eilig hastete er an seinem Führer vorbei.

Noch vor einer halben Stunde hatte er in den Armen dieses Mannes gelegen, seines Prinzen, wie Tifa ihn genannt hatte. Nur um ihn zu finden, nahm er all das hier auf sich, ging mit diesen Männern nicht nur durch die Wüste sondern sicher auch durch die Hölle. Wusste noch nicht, wo er hin sollte, wenn er die andere Seite der Wüste würde erreicht haben.

Und nun? Nun stand er neben Inri, wie er das Leittier getauft hatte, und hielt ihn fest bei den Zügeln, während die Träger das arme Tier schwer bepackten. Besänftigend strich er über die Nüstern und flüsterte ihm beruhigende Worte ins Ohr. Ungeduldig trat das Trampeltier von einem Fuß auf den anderen. Jamal musste sich vorsehen, dass er nicht getroffen wurde. Einmal wäre es fast so weit gewesen, aber Inri hatte ihn wohl gespürt und den Huf zurückgezogen.

Als die Sonne über die ersten Dächer blickte und einmal mehr die kleine Stadt am Rande der Yuhana-Wüste in vergängliche, aber verschwenderische Goldtöne hüllte, zarte rotschimmernde Bänder auf die Kämme der Sanddünen zauberte, /Zartes Rot – ob sein Haar auch so glänzen würde in diesem Licht?/, erwachte langsam das Leben.

Inri stupste Jamal mit der Nase gegen die Brust, weckte ihn aus seinem Traum und schien ihn zu Fatma zu dirigieren, die als nächstes beladen wurde. Fast schien es, als würde sich das große Tier um den schmächtigen jungen Mann kümmern – nicht umgekehrt.

„Okay, ich geh ja schon.“, kicherte Jamal leise, als er die Zügel der kleinen Stute griff.

Als das vierte Paket auf sie geladen werden sollte, konnte der blonde Junge deutlich sehen, dass die Beine zu versagen drohten. Leise wies er die Männer drauf hin, die ihn lautstark zu beschimpfen begannen.

Waheli, durch die lauten harten Worte neugierig geworden, trat aus dem Lagerhaus und erkundigte sich, was los wäre. Schnell, aber mit brüchiger Stimme, wies ihn Jamal darauf hin, dass dieses Tier nicht so viel tragen könne wie der Leithengst. Und erstaunlicherweise gab der Händler ihm recht.

Erleichtert atmete der Blonde auf, zog die Kapuze wieder tiefer und streichelte das Tier noch einmal liebevoll über den Hals.

Und endlich konnte es losgehen.

Waheli ritt auf einem weißen Araberhengst, der langsam vor den Männern und den Kamelen hertänzelte, laufen wollte und dieses langsame Tempo sichtlich nicht mochte.

Ihm folgten die Träger mit dem Proviant und dahinter ging Jamal, hatte Inris Halfter in der Hand und führte die Tiere sicher durch den Sand – immer den fünf Männern hinterher.

Sechs Tage würden sie brauchen, hatte Waheli gesagt. Und so versuchte der Junge, Kräfte zu sparen, gleichmäßig zu atmen. Doch die sengende Sonne, die schon bald nach ihrem Aufbruch erbarmungslos brannte, machte ihn trunken, mehr war es Inri, der Jamal führte, als dass der Junge die Tiere leitete.

Das große Kamel legte diesen Weg nicht zum ersten Mal zurück, er kannte die Wege, die Oasen, die tückischen Wanderdünen und den Treibsand. Sicher geleitete er seine Herde und seinen Pfleger, der immer wieder wegzunicken drohte. Ein Stupser gegen die Schulter des Jungen ließ ihn die Augen öffnen, sich erschrocken umsehen, weiterlaufen.

Jamal konnte nicht sagen, wie lange sie unterwegs gewesen waren, als Waheli halten, jeden etwas trinken ließ und die Tiere ruhen. Doch nicht lange, dann ging es weiter. In der gleichen Richtung, in der gleichen Reihenfolge, in der gleichen Langeweile. Nichts als Sonne, Hitze und Sand.



***



Fünfmal hatte er das schwarze Firmament über sich beobachtet, aus Angst einzuschlafen, die Sterne bewundert die glänzten wie poliert, sich gefragt, ob sein Prinz wohl die selben Sterne sehen würde. Langsam wollte er nicht mehr glauben, dass dies alles nur Einbildung war, wie er ihn berührte, ihm Trost spendete. Und so hatte Jamal es doch wieder und wieder getan – einzuschlafen wider besseren Wissens.

Fünf Nächte hatte Jamal gezählt, staunte selbst, dass er noch lebte. Und das hatte er eindeutig Inri zu verdanken. In der zweiten Nacht hatte einer der Männer versucht, sich den Jungen, von dem sie nun wussten, dass er weiß und blond war, gefügig zumachen. Jamal hatte geschrieen, hätte es doch besser wissen müssen, dass ihm keiner der Anderen zu Hilfe eilen würde. Wohl eher ihm Gegenteil. Nur einer hatte seine verzweifelten Rufe gehört, denn Inri hatte den Mann böse getreten, dass er sich im Sand wälzte und jammerte. Schnell hatte sich der Junge wieder die Kleider übergezogen und sich in die Sicherheit des brauen Felles gekuschelt, Inri hatte seinen langen Hals um ihn gelegt und so hatten sie nun jede Nacht verbracht.

Erstaunlicherweise hatte Waheli den Mann bestraft, als er versuchte, das Kamel zu schlagen. Sicher war der Händler kein Menschenfreund, aber er war auch nicht dumm. Würde das Kamel verletzt oder sterben, wären die schweren Waren verloren. So musst er darauf achten, dass die Tiere die Reise unbeschadet überstanden. Wohingegen er auf die Träger mittlerweile gut verzichten konnte. Die Pakete mit dem Proviant waren fast aufgebraucht und nun verbrauchten die Männer nur noch unnütz Wasser ohne etwas dafür zu tun.

Es war noch kühl, als Jamal mit einem heftigen Schlag gegen die Schulter geweckt wurde. Einer der Träger musste das große Kamel geschlagen haben, denn Inri hob erschrocken den Kopf und traf den noch schlafenden Jungen.

„Erhebt euch, ihr faulen Viecher!“

Jamal öffnete die Augen, die Kapuze war von seinem Haar geglitten und der geflochtene Zopf war nur noch ein Schatten seiner selbst. Unordentlich hingen nur noch wenige Strähnen des hüftlangen Haares in dem schwarzen Lederband, das Tifa ihm geschenkt hatte. Übereilt griff Jamal in die zerzauste Pracht, die Haare waren schmutzig und brüchig, die Sonne und das trockene Klima hatten ihnen zugesetzt.

„Du benimmst dich wie ein Weib.“, hörte er Waheli, der bereits aufgestiegen war und die Träger und die Tiere zum eilen mahnte. Er wollte die kühlen Morgenstunden ausnutzen und den schwierigen Weg zu einer Oase hinter sich bringen, ehe die erbarmungslose Mittagsonne sich über ihre Opfer hermachen, die Hitze die Lebensgeister rauben würde.

Jamal hatte sich gerade die Zügel gegriffen und führte Inri neben sich hinter den Trägern her, als er Wahelis Blick auf sich spürte. Er kannte diesen Blick genau, hatte ihn wieder und wieder an Kaschim gesehen, an dessen Freunden, die mit seinem Herrn zu Abend gegessen hatten, während Jamal nackt auf einem der Kissen neben Kaschim hatte warten müssen, bis sein Herr gedachte, auch ihm Nahrung zukommen zu lassen.

Jamal wusste genau, was dieser Blick zu bedeuten hatte, spürte ihn auf seiner Haut, wie er abschätzend betrachtet wurde. Waheli ließ sich hinter die Träger zurückfallen, ritt nun neben dem Blonden her, der sich dichter an Inri drängte, die Zügel so fest umklammerte, dass sich die Nägel in den Handballen gruben. Er versuchte Waheli nicht anzusehen, er wollte das lüsterne Glitzern nicht sehen, wollte einfach nur durch diese Meere aus Sand und gnadenloser Glut, um endlich zu finden was sein Herz suchte.

„Du bist hübsch – warst du teuer? Du warst doch ein Sklave, oder?“

Jamal schluckte, nickte nur. „Ja, ich war Sklave, wie teuer ich war, weiß ich nicht.“ Das war gelogen. Er wusste genau, wie wertvoll er für seinen Herrn gewesen war, was er ihn alles gekostet hatte. Aber das musste er ja diesem schmierigen Kerl nicht auf die schweißglänzende Nase binden.

„Aha.“ Der Araber gab seinem Pferd die Sporen und preschte mit ihm auf den Kamm der nächsten Düne. Dort hielt er an und ließ das weiße Ross sich drehen. Die gebündelte Kraft der Pferdemuskeln zitterte unter der Anstrengung, der schweißfeuchte Hals glänzte in der Sonne.

Jamal war es, als könnte er selbst auf diese Entfernung Erleichterung in dem Gesicht des Anderen erkennen, der, als er wieder zurück geritten kam, verkündete, dass sie das nächste Ziel erst einmal erreicht hätten und er dort ein Geschäft abschließen würde.

/Menschen – endlich andere Menschen./

Jamal spürte, wie sich das Band, das sein Herz schnürte, lockerte. Wie er langsam wieder wagte tiefer zu atmen.

Nur langsam schleppten sich die erschöpften Tiere durch den losen Sand, sanken immer wieder tief ein, trotz ihrer breiten Hufe. Wind wehte feinsten Sand über die Düne, trug sie ab, türmte sie neu, zerstörte und erschuf. Doch für all das hatte Jamal kein Auge, er wollte nur noch vorwärts, andere Menschen sehen – sich endlich wieder mit jemandem unterhalten.

Doch kaum hatte der Händler die Krone der Düne erneut erklommen, stand wie aus dem nichts ein Reiter vor ihm. Ganz in schwarze Gewänder gehüllt, eine enge Hose aus feinem Leinen, ein enges Hemd auf dem Bauch geschnürt, das Gesicht durch ein Tuch verhüllt saß er auf einem großen, schwarzen Pferd und stellte sich Waheli in den Weg.

Jamal sah, wie die beiden ungleichen Männer hitzig diskutierten, Waheli laut wurde, ab und an hörte Jamal den Händler fluchen, doch der Wind trug die Worte davon. Den Fremden vernahm er gar nicht, auch schien er sich durch Wahelis Ausbrüche nicht aus der Ruhe bringen zu lassen.

Schlussendlich schien man sich geeinigt zu haben, denn der Reiter ließ sein Pferd zur Seite tänzeln und offerierte den erschöpften Reisenden durch eine Verbeugung den Weg weiter zu gehen.

Endlich hatten auch Jamal und die Tiere den tückischen Hang erklommen, der den Blonden immer wieder straucheln ließ, und der junge Mann blieb fasziniert stehen. Vor ihm, in einem Tal lag eine Oase, wie er sie noch nie gesehen hatte. Sie war sehr groß und bunt, weit ausladend erstreckte sie sich im Wüstensand. Überall grünte und blühte es, dicht wuchsen Bäume und Ranken. Kleine Teiche glitzerten blau durch das saftige Grün.

Er konnte Vögel singen hören, hörte einen Wasserfall rauschen. Vorsichtig rieb er sich über die geröteten, von Sand und Sonne schmerzenden, Augen. Doch das Bild blieb das selbe – eine wunderschöne Pracht aus Farben, Formen, Geräuschen und Düften.

Ja!

Jamal war es, als könnte er die aberhundert Blüten bis hier hin riechen. Süßlich und betörend luden sie ihn ein, sich unter ihren Blättern in den Schatten zu legen, die müden Glieder zu strecken und sich zu erholen, die ausgetrocknete Haut in einem der klaren Seen zu benetzen. Ihm war es, als würde er gerufen – gelockt – magisch angezogen.

Der Fremde ritt nun neben Jamal und musterte ihn. Doch dem war das egal. Er tätschelte Inris Hals und setzte sich mit den Tieren in Bewegung, folgte seinem Führer und den Trägern hinab in das Tal.

Das letzte Stück war er gerannt, hatte die Tiere allein gelassen und ließ sich mit Schwung in das weiche saftige Gras fallen. Laut lachend rollte er sich über die Wiese.

Endlich!

Der Sand war bezwungen, die Wüste überstanden.

Endlich!

Jamal lag auf dem Rücken, die Augen geschlossen genoss er das frische Gras unter sich und die kühlenden Schatten der großen Palmenwedel über sich. Zu spät spürte er die Fesseln, die an seine Füße gelegt wurden. Er wollte aufstehen und sich wehren, doch eine große Hand schubste ihn zurück auf den Rücken.

„Tja Kleiner, es kostet was, wenn man hier handeln möchte. Und da ich die Waren alle teuer gekauft habe und die Kamele noch brauche, werde ich wohl dich hergeben.“ Waheli lachte, als er das entsetzte Gesicht des Jungen sah, wie er die blauen Augen weit aufriss, das mittlerweile leicht gebräunte Gesicht alle Farbe verlor. „Schau mich nicht so an, in der Wüste ist sich jeder selbst der Nächste! Aber vielleicht kriege ich für dich auch noch ein paar Goldstücke!“

Jamal ließ sie wie betäubt auf die Füße stellen. Er versuchte zu laufen und wurde gehindert. Man hatte ihm die Füße so zusammengebunden, dass er zwar noch selber laufen konnte, aber nur ganz kleine Schritte hätte machen können. Weglaufen war so unmöglich, das wusste er, schließlich hatten sie so jede Nacht die Kamele gesichert.

Schmerzlich wurden seine Arme auf den Rücken gedreht, in Höhe der Lendenwirbelsäule zusammengebunden.

Noch immer war Jamal sicher zu träumen, sein Körper fühlte sich an wie betäubt. Das durfte doch alles nicht war sein. Hatte er all das auf sich genommen, nur um wieder verkauft zu werden? Nein das durfte doch nicht sein! /Ich wollte doch meinen Prinzen finden./

Langsam schloss Jamal die Augen, als Waheli ihn auf das Pferd hob, ihn vor sich über den ungesattelten Pferderücken legte. Wie hätte er sich auch wehren sollen? So ergab er sich, wie er es immer getan hatte. Zum Sklaven erzogen hatte man es ihm ausgetrieben, sich zur Wehr zu setzen.

Die Wirbelsäule des Tieres schmerzte bei jedem Schritt, sodass Jamal die Augen wieder öffnete und seinem Schicksal entgegen sah. Sie durchquerten einen dichten Dschungel, Lianen rankten sich zwischen den Stämmen der hohen dichtwachsenden Bäume und machten ein schnelles Vorwärtskommen unmöglich. Der Fremde, der sie noch immer begleitete, ritt ihnen voraus und schlug einen Weg in das dichte Unterholz. Und auch wenn Jamal zu träumen glaubte, so sah er doch mit eigenen Augen, wie sich der Pfad hinter ihnen wieder schloss, als wären nie zwei Reiter dort hindurchgeritten.

Ein letzter Schlag mit dem Säbel und sie betraten eine Lichtung –Jamal stockte der Atem. Ein Palast lag vor ihnen – flach, nur auf einer Ebene gebaut. Vor ihnen lag das weite Portal, dessen Tür stark an eine stilisierte Lilienblüte erinnerte. Erbaut war der Palast aus hellem Sandstein, der das Sonnenlicht reflektierte, reich verziert mit Ornamenten jeglicher Größe. Aber immer stellten sie stilisierte oder naturgetreue Blüten dar. Rosen vermeinte Jamal zu erkennen, und Baumblüten, Margariten und Sonnenblumen. Erstaunt riss er den Mund auf. Solche Pracht!

Solche Pracht mitten in der Wüste!

Die Flügel des Palastes waren auch in Form einer Lotosblüte errichtet, teilten sich sternenförmig von der Haupthalle ab.

Hinter dem Palast rauschte ein Wasserfall und Jamal fragte sich, wo in dieser trockenen Landschaft wohl genügend Wasser für dieses Naturschauspiel hergenommen würde.

Er hörte Waheli anerkennend pfeifen und etwas sagen, doch er hörte nicht darauf. Er ließ sich noch immer vom Anblick des Palastes verzaubern.

Langsam ritten sie näher und hielten endlich vor dem weißen Portal. Rechts und links standen zwei Knaben – sicher nicht älter als dreizehn Sommer. Sie trugen kurze, mit Lilien bestickte Westen aus blauem Samt. Die braune Brust und der flache Bauch waren frei. Um die Hüften trugen sie einen breiten Gürtel aus tiefblauer Seide, in dem vorn und hinten Seidentücher gesteckt waren, die so Schoss und Po verdeckten. Sonst trugen sie nichts. Ihre großen braunen Augen waren auffällig geschminkt und sie lächelten den Fremden freundlich entgegen. Während einer sich verbeugte und auf sie zutrat, verschwand der zweite ohne ein Wort des Grußes im Portal.

Jamal wurde vom Pferd gehoben und auf seine eigenen Füße gestellt, die Hüfte schmerzte, sicher hatte sich dort durch diesen Transport ein Bluterguss gebildet.

Auch Waheli war abgestiegen und dabei, die Treppen hinaufzueilen, doch der schwarze Reiter hielt ihn davon ab.

„Mustafa – wer sind diese Leute?“, hörte Jamal eine sanfte Stimme. Die Aussprache zeugte von einem ausländischen Dialekt. Neugierig wandte er sich in die Richtung, aus der er sie vernahm und erblickte einen jungen Mann. Sicher nicht älter als er selbst – und wenn, dann nicht viel.

Der Fremde, der aus dem Portal getreten war, hatte dunkles Haar, aber nicht schwarz. Es war kurz und wurde durch einen weißen Turban in Form gehalten, so dass die etwas zu langen Ponyfransen nicht die braunen Augen verdecken, nicht in das anmutige Gesicht fallen konnten.

/Schön./, war das erste, was Jamal durch den Kopf ging. Der junge Mann war sicher einen Kopf größer als er, aber sehr schlank. Er trug eine Art Unform, hoch geschlossen, langärmlich und mit langen Beinen. Wie der Turban war auch sie weiß, schlicht mir Goldapplikationen besetzt. Die Knopfleiste schimmerte hell in Perlmut. Die Füße steckten in spitzen Pantoffeln.

/Indisch./, statuierte der Blonde, während er spürte, wie der Fremde ihn musterte.

„Herr, sie sind Reisende, die hier Rast machen wollen. Um den Meister milde zu stimmen, übergeben sie Euch diesen jungen Mann für den Palast.“

Jamal spürte, wie er dichter zu dem Inder geschoben wurde.

„Ihn wollte Ihr uns überlassen?“, richtete er emotionslos das Wort an Waheli, der zu nicken begann.

„Er ist schön, etwas schmutzig von der Reise aber sichtlich exotisch. Er ist schmal und bereits als Liebessklave ausgebildet. Ihr würdet die Ausbildung also sparen.“

Erschrocken riss der junge Blonde die Augen auf. Waheli wusste also genau, wer er war? Er hatte von Anfang an vorgehabt, ihn als Unterpfand hier zu lassen?

„Was macht Euch so sicher, Fremder, das dieser junge Mann das richtige für den Palast der Blüten ist?“

/Palast – Palast der Blüten? Es gibt ihn wirklich?/

„Er ist hübsch, ausgebildet und begehrt. Was wollt Ihr mehr?“

„Tritt vor, Junge.“

Jamal versuchte immer noch zu verstehen, dass er vor diesem sagenumwobenen Palast stand, der Palast wo die Sklaven nur einen einzigen Herrn hatten. Unsanft ging er in die Knie, als er von Waheli in die Seite gestoßen wurde.

„Antworte, wenn dieser Herr dich etwas fragt.“

Jamal hob müde den Kopf.

„Verrate mir deinen Namen.“, begehrte der Fremde noch einmal.

„Jamal, Herr.“

„Jamal – das klingt hübsch.“

Er ging den Anderen entgegen die Treppe hinab und blieb vor dem Blonden stehen. „Zeig mir, was du zu bieten hast.“

Jamal verstand nicht gleich, und so zog Waheli sein Messer und schlitzte das Gewand auf, das den blassen Oberkörper nur noch spärlich bedeckte.

„Seht.“ Er grinste breit in das Gesicht des Inders und sah mit Entsetzen, wie dieser vor Jamal auf die Knie fiel.

„Verzeiht mir, Herr des Schwertlilienkeys – ich habe Euch nicht gleich erkannt!“


5. Der Palast

Sichtlich schockiert blickte Waheli auf den Jungen, der den Inder zu seinen Füßen anstarrte.

„Mustafa – löse die Fesseln des Herrn und geleite diese Fremden aus meiner Oase. Sie sind hier nicht mehr willkommen. Und Ihr, Herr“, er wandte sich immer noch mit gesenktem Blick an Jamal „Bitte folgt mir in den Palast.“

Er erhob sich, noch immer verbeugt, griff er Jamals schmutzige Hand und hauchte einen Handkuss darauf. „Nennt mich Lathyrus, Herr. Stets zu Diensten.“ Er klatschte in die Hände und rief etwas in einer Sprache, die Jamal nicht verstand. Sofort standen die beiden Knaben, die die Tür bewacht hatten, rechts und links von Jamal, griffen ihn bei den Händen und geleiteten ihn durch das weiße Portal.

Er spürte die kühlen Fliesen unter seinen Füßen, als er die Vorhalle betrat. Auch sie war, wie die ganze Oase – über und über mit wunderschönen Pflanzen bewachsen. Nach wenigen Schritten gingen die weißen Marmorfliesen in einen Kiesweg über, eindeutig das selbe Material. Aber entgegen aller Erwartungen schmerzte der Kies nicht unter Jamals nackten Füßen, es war eher wie eine angenehme Fußsohlenmassage.

„Wir haben euch nicht erwartet, mein Herr.“, brach Lathyrus die Stille. „Der letzte Holder dieses Keys hatte fluchtartig das Gebäude verlassen. Wir haben nie erfahren warum.“

Leise knirschte der Kies unter den Pantoffeln des Inders. Er bog ein paar Zweige zur Seite, damit Jamal bequem durch die hell durchfluteten Grünpflanzeninseln schreiten konnte. Der Blonde konnte nicht anders. Er musste einfach stehen bleiben und sich umsehen. Hinter ihm liefen die beiden Knaben, die Köpfe gesenkt. Den Raum, den er durchschritt, konnte er nicht wirklich erkennen. Durch das viele Blattwerk waren die Wände nicht zu sehen. Nur durch das Oberlicht, das er ab und an durch die Blätter erkennen konnte, fiel Sonnenlicht in den Raum. Er schätzte ihn auf gute zwölf Meter Höhe.

/Beeindruckend./

„Herr Jamal, bitte folgt mir.“

Lathyrus war stehen geblieben, als er das monotone Knirschen des zweiten Paars Füße hinter sich nicht mehr vernahm.

„Ja natürlich.“, Jamal beeilte sich aufzuschließen, und schritt Augenblicke später wieder hinter dem Inder her.

Der führte ihn in eine weitere Halle, bei weitem größer als die Vorhalle. Sie war rund, die Decke weitete sich zu einer ausladenden Kuppel, in der Schmetterlinge tanzten, in der ein Blumengarten zu schweben schien. Über und über mit Blüten bedeckt fiel nur wenig Licht durch das verglaste Dach bis zum Boden der Halle. Dafür flutete das Sonnenlicht durch die großen Fenster, die sich rings um die Halle mit abzweigenden Gängen abwechselten. Immer war da ein dunklerer Gang – ein helles Fenster – gefolgt von einem dunkleren Gang – an den sich wieder eine helles Fenster anschloss.

Jamal hatte sich bestimmt bereits das dritte Mal im Kreis gedreht, den Blick über das Dach, die Wände, die schlichten Mosaike an den Wänden schweifen lassen. Erst jetzt fiel sein Blick auf den Boden. Er stand in mitten eines riesigen versteinerten Blumenstraußes – ein kunstvolles Mosaik.

Anfänglich bestaunte er nur die Größe und die Farbpracht, aber dann erkannte er, dass in die großen Blütenköpfe Gesichter eingelassen waren.

„Herr Jamal, ich möchte sie bitten, sich einen Augenblick zu setzen.“

Der Inder verbeugte sich tief, während seine Hand auf eine kleine Treppe wies, die ihn bis jetzt nicht aufgefallen war. Er blickte die flachen Stufen hinauf und erkannte eine zweite Ebene, die sich nur über eine kleine Ecke der Halle erstreckte, aber eine aus Korb geflochtene Sitzecke enthielt und zum verweilen einlud.

/Wo bin ich hier und warum nennt dieser Fremde mich Herr?/

Jamal nickte und schritt auf das Geländer zu, er griff zu, spürte das warme Holz unter seiner Hand. Eilig erklomm er die ebenfalls aus hellem Holz geschnitzten und mit Blütenornamenten verzierten Stufen und lehnte sich über das Geländer.

Erst von hier aus erkannte er die volle Schönheit des großen Mosaiks im Boden. Die Blüten erstrahlten in allen nur erdenklichen Farben, und ein paar der Blumen kannte er. Zum einen war das eine Kirschblüte, aus deren Mitte ihm ein blonder Junge mit blauen Augen entgegenblickte. Daneben erkannte er ein Gänseblümchen – grüne Augen blitzten unter braunem Haar.

Jamal konnte sich einfach keinen Reim darauf machen.

/Warum zieren die Gesichter hübscher Männer die Blüten dieses Straußes? Und was hat der Inder gesagt? Ich sei der Herr des Schwertlilienkeys? Was ist denn ein Key?/

Jamal setzte sich in einen der Sessel und betrachtete weiter das Bild.

/Schwertlilienkey – ob da auch ... ja ... nein ... das glaube ich nicht!/

Erneut sprang Jamal auf. Er glaubte seinen Augen nicht zu trauen. Am rechten Rand des Straußes hatte er eine violette Iris erkannt, abgesetzt mit gelben Rändern, doch das war nicht das, was ihn so faszinierte. Es waren die violetten Augen unter weißem Haar.

/ER!/

Jamal spürte, wie sein Magen zu flattern begann.

/ER!/

Seine Knie gaben nach und seine schmalen, schmutzigen Finger gruben sich in das Geländer.

In seinem Kopf drehte sich alles, als er erschöpft auf einem Sessel zusammensank.

„Herr Jamal?“

Eine weiche Stimme in reinem Arabisch schien ihn zu suchen.

So machte er sich durch ein leises „Ich bin hier oben.“, bemerkbar.

Wenige Augenblicke später stand ein weiterer junger Mann vor ihm. Er hatte Ähnlichkeit mit Jamal: langes blondes Haar war in einem langen Zopf geflochten. Auch seine Augen waren blau, aber dunkler als Jamals. In einer Braue trug er einen schlichten silbernen Ring. Die Brauen waren fein gezupft und dunkel gefärbt. Die Kleidung ließ seine Vorliebe für Grün erkennen. Durchscheinender, lindgrüner Stoff umspielte schlanke Beine, ein langer dunkelgrüner Gürtel war von der Hüfte bis kurz unter die untersten Rippen gewickelt, darüber trug er eine Weste aus grünem Samt – dunkel war sie und mit weißen Stickereien abgesetzt.

Im linken Ohr trug er einen langen Ohrring – ein silberner Stab der in einem Smaragd endete, der kurz über der Schulter hing.

Er verbeugte sich tief vor Jamal, beugte ein Knie und legte die Hände rechts und links neben einem baren Fuß auf den Boden. „Ich bin Euer ergebener Diener. Man nennt mich Ilecz. Ich bin angehalten, Euch jeden Wunsch von den Augen abzulesen, sie zu erfüllen noch ehe Ihr sie ausgesprochen habt.“

Es war Jamal sichtlich unangenehm, dass er hier so zuvorkommend behandelt wurde. Er wusste nicht, wie er sich nun verhalten sollte. Eilig erhob er sich und reichte Ilecz die Hand, um ihm aufzuhelfen. Doch der verweigerte die Hilfe höflich aber bestimmt und sah sich suchend um, während er sich erhob. „Ihr Gepäck, Herr?“

Oh ja. Natürlich. „Tut mir leid, Herr Ilecz, ich reise ohne Gepäck.“

Er sah, wie der Andere, der ein paar Zentimeter größer zu sein schien als er selbst, schluckte.

„Herr, ich bin nur Euer unwürdiger Diener. Ich bitte Euch, mir nicht solche Titel zukommen zulassen.“ Er verbeugt sich noch einmal, dann glitt er anmutig und geräuschlos die Treppe hinunter. „Ich bitte Euch, Herr, folgt mir.“

Eilig sprang auch Jamal die Holzstufen wieder hinab und quietsche erschrocken, als die kalten Fliesen die jetzt warmen Füße erschreckten.

Schon war Ilecz bei ihm und erkundigte sich nach dem Befinden. Errötend gestand Jamal, dass die kühlen Fliesen ihn erschreckt hätten. Sofort hatte sein Diener nach einem weiteren Bediensteten geklatscht und der hatte Pantoffeln für Jamal gebracht, die er eilig anzog, um die beiden jungen Männer nicht zu beschämen. Auch wenn er seit Jahren solche Art Kleidungsstücke nicht mehr getragen hatte.

„Bitte Herr, kommt noch einmal zu mir.“, hörte er Ileczs Stimme und blickte sich um. Der Blonde stand vor dem Bodenmosaik und wies auf die Schwertlilie, die Jamal schon entdeckt hatte. Erst jetzt erkannte er, dass von dem Strauß farblich unterschiedliche Linien in die Fliesen eingearbeitet wurden.

„Diese violette Linie, Herr, ist nur für Euch. Sie geleitet Euch von der Halle zu eurem Zimmer, sie weist Euch den Weg in den Garten, in die Bibliothek und ist dazu gedacht, dass Ihr den Weg findet, solltest Ihr einmal meine Anwesenheit nicht wünschen.“

Der junge Mann verbeugte sich und schritt dann voraus. „Bitte folgt mir, Herr. Ich geleite Euch nun in das Schwertlilienzimmer. Ihr werdet müde sein. Euer Key wird sich um Euch kümmern und Euch den Aufenthalt hier so angenehm wie nur möglich gestalten.“

Langsam schritt Ilecz auf einen Korridor zwischen zwei großen Fenstern zu und blieb nur Augenblicke später vor einer Tür stehen. Sie war schlicht gehalten – Holz, wie alles hier in diesem Palast. Die Tür war mit einer Blüte verziert und in der Mitte erkannte er das gleiche Symbol, dass ihm Tifa als Glücksbringer um den Hals gehängt hatte.

„Ihr müsst das Amulett, das Ihr dort um den Hals tragt, in die Aussparung einpassen und drehen. Dann wird sich die Tür öffnen.“ Mit einer Hand wies der junge Mann auf Jamals Brust mit der anderen auf die Vertiefung in der Tür – ein siebenstrahliger Stern.

„Mir selbst ist es untersagt, das Zimmer ohne Eure Erlaubnis zu betreten. Solltet Ihr mich dennoch brauchen, ein Knopfdruck auf die Blüte neben der Tür oder neben dem Bett genügt, und ich stehe vor der Tür.“

Jamal nickte, aber wirklich verstanden hatte er nicht.

„Ähm ... Ilecz, richtig?“

Der Andere verbeugte sich wieder und nickte.

„Was genau soll ich hier?“

Noch immer verbeugt antwortete ihm sein Diener: „In diesem Zimmer findet Ihr den Key, den Ihr teuer erstanden habt. Er wird Euch erfreuen. Er gehört Euch – Ihr könnt mit ihm machen, was immer Euch behagt. Genau wie mit mir. Auch ich gehöre ganz Euch, Herr, was immer Ihr von mir erwartet: ich werde es tun. Braucht Ihr mich noch oder soll ich mich entfernen?“

„Öhm ... ich glaube, ich komme alleine klar.“, gab Jamal kleinlaut zurück, als er versuchte, das Lederband zu lösen. Ohne dass Jamal einen Blick oder Laut hätte an seinen Diener richten müssen, ging der ihm helfend zur Hand. Jamal fiel auf, dass Ilecz ihn nicht berührte.

Und kurz darauf hielt er Tifas Amulett in der Hand. Mit zitternden Fingern schob er den Stern in die Aussparung und drehte langsam. Und wirklich gab die Tür leise knarrend nach.

„Ich werde mich zurückziehen, Herr.“

Jamal nickte nur und verbeugte sich, als Ilecz sich entfernte. Dann schob er die Tür weiter auf.

Wie ein Deja vú umfing ihn das leise Plätschern des Wasserfalles. Er brauchte sich nicht umzusehen um zu wissen, wie das Zimmer aussah – er erkannte es wieder.

Mit vor Aufregung zitternden Fingern schob er langsam die Tür ins Schloss /Bin ich wirklich hier?/ und lehnte sich tief durchatmend dagegen. Und da war auch das breite Bett – immer noch in weiche Pastellfarben getaucht. Noch immer standen die Flügel der verglasten Verandatür weit offen, der Wind spielte mit den beigefarbenen, durchsichtigen Vorhängen.

Erst jetzt bemerkte Jamal die Kissen, die in allen Farben des Regenbogens auf dem Boden verteilt lagen. Sein Blick glitt weiter. Das Zimmer war mit Parkett ausgelegt, ging vor dem Teich erst in Kies, dann in eine Grasbepflanzung über. Und da waren auch die Schwertlilien, die Jamal so in ihren Bann gezogen hatten.

Langsam machte er einen Schritt in das Zimmer hinein. Er spürte den Kies unter den Pantoffeln. Nur zwei Schritte, dann erreichte er das Parkett. Hinter der Tür, die er neben dem Wasserfall immer nur als Schemen hatte wahrnehmen können, erkannte er im vorbeigehen ein Bad – hell, geräumig und auch in weichen Farben gefliest.

Und da war auch das Oberlicht – über dem Bett lockte es das Sonnelicht in das helle Zimmer. Gedankenverloren blickte er auf die Reflektierungen, die das Licht auf dem glänzenden Satin hinterließ, nahm nur am Rande wahr, dass die Vorhänge seinen Arm streiften.

Nur eine weiche Stimme vom Fenster her weckte sein Interesse.

„Ich heiße Euch willkommen, Herr.“

Ruckartig wandte der junge Mann sich um und wirklich – wie in seinem ersten Traum stand der großgewachsene Mann im Gegenlicht der Tür, dass man nur die Statur erahnen konnte. Fasziniert ließ Jamal seinen Blick über den Anderen schweifen – er war es wirklich!

„Mein Name ist Ayame – aber ich werde auch auf jeden anderen Namen gehorchen, den Ihr mir gnädigerweise geben werdet, Herr.“

Jamal stockte der Atem, diese Stimme ließ ihm Schauer über die Rücken wandern. Aber anders als in seinem Traum machte der Fremde ihm Angst. Die Größe seines Gegenübers und die offensichtliche Kraft, die hinter den entblößten Muskeln lauerte, machte ihm unwahrscheinliche Angst. So wich er instinktiv zurück, als der Andere, der sich als Ayame vorgestellt hatte, auf ihn zutrat und sich vor ihn auf das Parkett kniete. Das weiße Haar ergoss sich über das helle Holz, schimmerte in jeder Farbe des Regenbogens, als Ayame sich bewegte.

„Befehlt Herr, ich folge.“

„Ähm ... ich.“ Langsam sank Jamal zu Boden.

Wo war er hier?

Warum war er hier?

Und warum bezeichnete ihn dieser Mann als Herr?

„Ich versteh das alles nicht.“, gestand er, als er auf den Knien zurückwich, über das glatte Parkett glitt bis er die Wand an den Fußsohlen spürte. Langsam traten Tränen in die blauen Augen, als er Ayame anblickte. Und auch die violetten Augen blickten ungläubig, verstanden das Verhalten seines neuen Herrn offensichtlich nicht.

„Wie wäre es, wenn ich Euch erst einmal bade, Herr, Ihr scheint eine lange Reise hinter Euch zu haben.“

„Nein!“, schrie Jamal aufgebacht und sprang auf. „Das kann ich alleine. Fasst mich nicht an!“

Und im nächsten Moment war er aufgesprungen und im Bad verschwunden, hatte die Tür zugeschlagen und lehnte schwer dagegen. Die Arme auf den Knien weinte er bitterlich.

/Was ist nur los? Ich bin für ihn durch die Wüste gegangen – und jetzt flüchte ich vor ihm? Warum macht er mir Angst?/


6. Wasser – Quell des Lebens

Jamal konnte sich nur langsam beruhigen. Durch die Tränenschleier erkannte er das Bad nur schemenhaft. So wischte er die letzten Salztropfen fort und blickte sich um, während er sich unsicher an der Wand hochstemmte.

Das Bad war geräumig, sauber und hell. Von der rechten Seite durch ein großes Fenster fiel Licht in den gefliesten Raum. Auch hier waren die Vorhänge beige, passten sich unaufdringlich den Kacheln an. Direkt zu seinen Füßen fiel eine Treppe ab, die Mitte des Raumes lag etwa anderthalb Meter tiefer.

So sah er sich erst einmal auf der oberen Ebene um, ein Gang mit silbernem Geländer, der das Bad umrundete – vielleicht zwei Meter breit. Rechts und links neben dem Fenster standen Korbstühle, wie er sie auch aus der Empfangshalle kannte und wusste, wie bequem sie waren. In der Ecke stand ein großes, ebenfalls geflochtenes, Regal, auf dem sich allerlei Badeutensilien befanden: Handtücher, Schwämme, Tiegel mit wohlduftenden Ölen, Flaschen mit Badezusätzen.

Ayame musste das Wasser lieben, wenn er so viel Aufmerksamkeit darauf richtete. Er ging weiter auf der Ebene entlang, die sich um den tiefergelegten Teil des Bades legte wie eine Galerie. Auf der der Tür gegenüberliegenden Seite befanden sich ein großer Spiegel und ein Waschtisch, in der nächsten Ecke eine geräumige Duschkabine mit anschließendem Sitzbad.

Jamal beendete den Weg durch das obere Bad und ging dann die breite, flache Treppe hinab. Hier unten stand eine große Eckbadewanne, die von Pflanzen umwachsen und von alten, wachsvertropften Kerzenständern gesäumt wurde, die in den Boden eingelassen und so leicht zu betreten war.

/So viel Luxus./

Ein vorsichtiges Klopfen erinnerte ihn daran, dass dieses Zimmer jemandem zu gehören schien und er hier nur Gast war.

„Herr,“, hörte Jamal die kräftige sanfte Stimme. „Soll ich Ilecz anweisen, Euch etwas zu essen zu bringen?“

Jamal überlegte und sein Magen fällte die Entscheidung. „Ja Ayame, das wäre sehr nett von Euch, wenn es keine Umstände macht.“

Schnell eilte er die Stufen wieder hinauf, griff sich eines der hellen Handtücher und einen Tiegel, der nach Flieder duftete, und entledigte sich seiner Kleider. Beschämt legte er sie auf einem der Sessel zusammen. Wie schäbig er Ayame vorkommen musste in diesem Lumpen, verdreckt, ausgehungert.

Wieder fühlte er die Tränen aufsteigen, konnte sie nicht zurückdrängen. Doch er blinzelte sie fort und duschte sich eilig, bedachte auch das lange Haar mit ausgiebiger Pflege.

Sauber und etwas entspannt wickelte er sich das Handtuch um die Hüften und blickte auf seine schmutzigen Kleider. /Ich sollte sie wenigstens waschen./ Und so ließ er Wasser in das Waschbecken, träufelte etwas von der Seife dazu und weichte die schweren Leinenstoffe in dem warmen Wasser ein.

Immer noch feucht glänzend machte er sich auf den Weg zur Tür und stutzte, als er Ayame immer noch auf dem Boden knien sah.

Sofort erhob sich der Größere und schickte sich an, Jamal das Handtuch abzunehmen und ihn trocken zu reiben. Doch der quietschte entsetzt, schlug die helfende Hand bei Seite und rettete sich zurück ins Bad.

Sichtlich verwirrt blickte Ayame ihn an. So hatte sich noch keiner benommen, eher im Gegenteil. Jeder einzelne seiner Holder hatte darauf bestanden, dass Ayame ihm bei jedem Handgriff zur Seite zu stehen hatte.

Und dieser junge Mann? Verschüchtert wie ein geschlagenes Tier.

Jamal spürte die kalten Fliesen im Rücken und schüttelte den Kopf. /Was habe ich getan? Ich habe ihn geschlagen!/ trat es in sein Bewusstsein.

Verunsichert steckte er den blonden, jetzt wieder gekämmten Schopf aus der Tür. „Ayame es tut mir leid, verzeiht! Ich wollte Euch nicht schlagen.“, erklärte er kleinlaut, und fixierte das Violett, das ihn von mal zu mal irritierter anblickte.

„Herr, es ist mir unangenehm, wenn Ihr mich auf Eure Stufe hebt, und es steht mir nicht zu. Ich bin ein Diener und so Eurer Willkür untergeben. Wenn Ihr mich schlagen wollt, so ist das Euer Recht!“

„Schwachsinn.“ Jamal zwängte sich durch die Tür und schloss sie hinter sich, entblößte seinem Key so den geschundenen, vernarbten Rücken.

//Wer hat ihm denn so was angetan?//

Mit zitternden Händen hielt er das Handtuch fest, als er sich umblickte. „Darf ich mir ein paar Sachen von dir leihen, bis meine Kleider getrocknet sind? Ich hab sie im Waschbecken eingeweicht und wasch sie gleich aus.“

Der Größere erhob sich und ging auf eine Kiste zu, die vor dem Fußende des breiten Bettes stand. Schnell zog er eine luftige Hose und ein Hemd hervor und reichte es seinem Herrn. Schon beim kleinsten Anzeichen, dass Ayame ihm zu Hilfe gehen wollte, wehrte der Junge ab. „Nein ... bitte, bitte Ayame. Nicht anfassen.“, flüsterte er heiser und versuchte sich zu erklären. „Mich packt dann immer die Panik, mein Magen verkrampft sich, der Adrenalinspiegel schnellt hoch und ich gehe in Abwehrhaltung.“

//Er kauft sich einen Key und will nicht angefasst werden?//

Schnell verschwand Jamal wieder im Bad und streifte sich die Kleider über, die viel zu groß waren. Das Hemd, das wohl über die Brust geschnürt getragen wurde, konnte er ganz schließen, sich vollständig verhüllen. Und die Hosenbeine musste er umkrempeln, dass er nicht drauftrat und stürzte. Zum Glück konnte man die Hose in der Taille festbinden, sonst hätte er sie wohl verloren.

Um das Hemd nicht zu befeuchten, wickelte er ein Handtuch um die immer noch tropfnassen Haare und verließ nun mutiger das Zimmer, als es klopfte.

Ayame eilte zur Tür und nahm das Tablett entgegen, dass Ilecz ihm reichte. Ohne ein Wort schloss er die Tür und stellte das Tablett auf die Truhe vor dem Bett. Dann setzte er sich auf die Matratze und blickte Jamal an, der unsicher in seinen neuen Kleidern im Zimmer stand und versuchte, Herr der Lage zu werden.

„Ich wollte... also Ayame, ich wollte nur sagen, tut mir wirklich leid und ich wollte Euch nicht schlagen.“

Nun hielt es der Andere sichtlich nicht mehr aus. „Erlaubt mir Herr, frei sprechen zu dürfen.“

Jamal nickte und Ayame fuhr fort.

„Wisst Ihr, wo Ihr hier seit, was das hier ist?“

„Der Palast der Blüten.“

Ayame nickte. „Und wisst Ihr, was ich bin?“

„Ilecz und der nette Inder bezeichneten dich als meinen Key – was immer das auch sein mag. Ilecz sagte, ihr beide würdet mir gehören – verstanden habe ich das nicht.“ Seufzend ließ sich Jamal auf eines der Kissen zu Boden sinken und konnte sehen, wie sich Ayame blitzartig vom Bett erhob und sich geschmeidig zu seinen Füßen niederließ.

„Wir sind Sklaven, ausgebildet in allen Formen des Umganges. Wie beherrschen jegliche Form der Konversation genauso wie jegliche Form der körperlichen Liebe.“ Ayame senkte den Blick, als er sah, wie sein neuer Herr errötete. „Was immer Euch behagt Herr, ich bin dazu da, es Euch zu erfüllen. Was immer Ihr in diesem Zimmer begehrt, es gehört Euch – einschließlich mir.“

Jamal blickte hungrig auf das Tablett und fragte „Darf ich?“

Ayame, immer noch den Kopf gesenkt, //Hört der mir denn gar nicht zu?// verdrehte die Augen. „Natürlich Herr, es gehört Euch.“

Große Augen blickten erst auf den anderen Mann, dann auf das Essen, „Danke.“, und schon im nächsten Moment wanderten Trauben, Feigen und Reis in Jamals Mund.

Ayame traute seinen Augen nicht. Wie konnte ein Mensch so schnell essen? „Herr, esst langsam. Das bekommt Euch nicht. Keiner wird Euch etwas wegnehmen.“

Jamal blickte auf. „Entschuldigt, wo habe ich nur meine Manieren. Bitte, greif zu.“

Doch der Andere schüttelte den Kopf, das lange Haar tanzte in der Sonne und spielte mit den Farben des Regenbogens. „Nein Herr, es steht mir nicht zu.“

„Aber sagtest du nicht, ich befehle und du folgst?“, wollte Jamal wissen. Er sah Ayame nicken und lächelte. „Dann hör mir jetzt zu Ayame, hier ein paar Regeln: erstens, nenn mich Jamal – nicht Herr. Das löst ein paar nicht wirklich angenehme Erinnerungen in mir aus. Zweitens, iss wann immer du willst und drittens, lass dich nicht von mir abhalten, deinen Interessen nachzugehen. Ich bin hier nur Gast und mehr nicht.“

Es ging nicht mehr anders, Ayame musste lachen. „Verzeiht Herr, aber Ihr seid schon etwas mehr als nur ein Gast. Und es ist mir bei Strafe verboten, Euch nicht geziemend anzusprechen.“

„Bei Strafe, kriegt doch eh keiner mit.“, nuschelte Jamal in sich hinein. Noch immer ging nicht in seinen Kopf, was Ayame hier erzählte. Dieser Mann, dieser wunderschöne Mann, sollte ihm gehören? Einfach so? Verdammt, wo war der Haken?

Immer noch grübelnd schob er das Tablett auch in Ayames Reichweite. „Bedien dich, ist für mich eh zu viel.“ Verträumt spielte er mit der umgekrempelten Hose und überlegte.

Er konnte sehen, dass Ayame zwar aß, ihn aber nicht aus den Augen ließ, als würde er jeden Augenblick eine neue Order erwarten.

„Du magst mich nicht, oder?“, wollte Jamal wissen, als er Ayames misstrauischen Blick nicht länger auf sich spüren wollte.

„Herr, es obliegt mir nicht zu urteilen. Ihr seid mein Holder, ich bin Euer Sklave – da ist für Emotionen und Sympathien nicht wirklich Platz, glaubt Ihr nicht auch?“

Jamal schluckte trocken, seine Träume, die Fantasien die ihn am Leben gehalten, die ihn die Wüste hatten durchqueren lassen, zerplatzten. Er war für diesen Mann also nicht mehr als ein Herr – einer der befahl und dem er folgte. Ausgebildet in der Liebe gab er sich wohl jedem hin, der ihn kaufte. Resigniert schüttelte er den Kopf und erhob sich seufzend.

„Tu, was immer du tust, wenn ich nicht da wäre. Ich brauche dich nicht.“, entgegnete er kühler als bisher, griff sich den Schlüssel, der noch immer auf dem Bett lag und ging aus dem Zimmer.

//Ist er jetzt sauer? Was hat er denn gedacht, was ich antworte?//

Ayame schüttete ob des Verhaltens seines Herrn nur den Kopf. „Das ist vielleicht ein seltsamer Kerl – aber süß auf seine Art.“, musste er grinsend zugeben, als er sich die Hose von den Hüften streifte und auf die Veranda ging.

Nichts tat er lieber als durch das Wasser des Pools zu gleiten, anmutig durch die Wellen zu tauchen, Runde um Runde seinen Körper zu fordern bis er nicht mehr konnte.

Er versuchte sich einen Reim auf seinen neuen Herrn zu machen. Ein Junge – offensichtlich! Sicher jünger als er selbst, bei weitem kleiner und schmaler. Er hatte keine Ahnung vom Palastleben und benahm sich selbst wie ein Key, manche Gesten und Handlungen wirkten so routiniert, dass sie schon Instinkt sein mussten, tausendfach antrainiert. Und dann diese Wunden!

Ayame trieb auf dem Rücken, ließ das kühle Nass, das nur spärlich von der Sonne über dem schattenspendenden Blätterdach erwärmt wurde, über die Handflächen gleiten. Er erreichte den Rand des Beckens und lehnte den Kopf auf ein weiches, dort vorsorglich deponiertes, Handtuch und konzentrierte sich. Seine Augen wurden immer heller, bis die Iris mit dem Augapfel verschmolz und nicht mehr zu unterscheiden war, dann wölbte sich die Wasseroberfläche. Ein großer Tropfen erhob sich und schwebte über der sich kräuselnden Wasseroberfläche. Langsam wuchs aus dem Tropfen erst ein, dann ein zweiter Arm, Hände formen sich, Finger trennten sich. Der Tropfen schnürte sich ein – ein Kopf teilte sich ab, hüftlanges Haar. Auch der untere Teil des Tropfens verlängerte sich, halbierte sich in zwei Beine und schwebte langsam zum Rand des Pools.

„Ihr seid ein seltsamer Mensch, Herr. Aber ich komme noch hinter Euer Geheimnis.“

Mit einem lauten Platschen zersprang die flüssige Gestalt in aberhundert Tröpfchen und glitt zurück in den Pool. Jeder einzelne Tropfen gehorchte Ayame und suchte sein Heil im sicheren Schoss des Wassers.



***



„Seid Ihr unzufrieden, Herr Jamal?“

Der Blonde blickte sich um, Lathyrus stand hinter ihm, als er die Vorhalle durchschritt. „Nein.“ Jamal versuchte zu lächeln. „Ich wollte mir nur mal fix die Bibliothek ansehen. Nur mal so.“, log er mehr schlecht als recht. Doch der Inder schien ihm das abzunehmen. Eiligen Schrittes durchmaß er einen Korridor und bedeutete dem Blonden ihm zu folgen.

Nach wenigen Augenblicken standen sie vor einer Tür – auch in ihr war der Blumenstrauß aus der Vorhalle eingelassen. Nur sah man hier nicht die Gesichter der jungen Männer, die wohl hinter jedem Key standen, sondern Aussparungen. Er erkannte den siebenzackigen Stern und legte wie selbstverständlich den Schlüssel in das Schloss, die Tür sprang auf.

„Ich danke Euch, Lathyrus.“, verabschiedete sich Jamal, als er durch die Tür glitt und diese hinter sich schloss.

Er schien allein zu sein und so ging er eher gelangweilt durch die Regale.

Eine untere Reihe erweckte seine Neugier. Nur selten benutzt häufte sich der Staub auf ihnen. Andächtig blies der Junge die dicke Schicht Vergangenheit von den alten Büchern und nahm eines davon an sich. Es war in seiner Muttersprache – englisch – und berichtete über alte Mythen rund um das Wasser, von Nixen und Seeungeheuern bis hin zu Atlantis. „Das kann ich ja lesen, das lenkt mich sicher von Ayame ab.“, beschloss er, als er das Buch an sich drückte und den Weg zurück in sein Zimmer suchte – immer der violetten Linie in den Fliesen folgend.

Schnell öffnete er die Tür seines Zimmers und trat ein, als er die Hitze in sich aufsteigen spürte. In der Tür der Veranda stand Ayame – nackt und feucht glänzend schritt er durch das Zimmer zum Bad. Als er bemerkte, dass Jamal zurück war, verbeugte er sich kurz. „Willkommen Herr, ich hoffe, ich habe Euch nicht verletzt mit meinen Worten?“

Als Jamal nicht antwortete, blieb er stehen und wandte sich zu ihm um, sah in das gerötete Gesicht und lächelte. „Wenn Euch dieser Anblick unangenehm ist, so kann ich mich auch nur noch bekleidet zeigen, Herr.“

Der Blonde, der sich immer noch an sein Buch klammerte, konnte nur den Kopf schütteln. „Nein, ... schon ... schon okay. Wenn du dich so wohl fühlst.“, versicherte Jamal und spürte doch selbst, dass seine Worte nicht wirklich sprachen, was er empfand. Es war ihm sichtlich unangenehm, Ayame so zu sehen, aber nicht weil der Andere hässlich war – eher im Gegenteil – sondern weil er selbst auf den Anblick zu reagieren begann. So wandte er sich eilig ab und setzte sich auf einen der Steine am Teich.

Der Größere zuckte die Schultern und setzte seinen Weg ins Bad fort.

Jamal schlug lustlos das Buch auf, begann gelangweilt zu lesen. Lange hatte er diese Buchstaben nicht mehr gesehen, die ersten Sätze sickerten nur langsam in sein Hirn. Aber schnell hatte sich das Bewusstsein an die andere Sprache gewöhnt. Und so begann er mit mehr Interesse die Worte zu ergründen, schnell hatten ihn die Seiten so in ihren Bann gezogen, dass er fieberhaft Seite um Seite verschlang. Alles um ihn herum war vergessen, er tauchte in die Welt dieses Buches, bemerkte weder, dass sein Key ihn ausgiebig studierte und musterte, noch dass er ihn ansprach, bemerkte nicht wie die Zeit verging, erst als die Sonne soweit hinter den Bergen verschwunden war, dass er im Gras sitzend kaum noch die Buchstaben erkennen konnte, legte Jamal seufzend das Buch zur Seite.

Er richtete sich auf aus seiner verkrampften Lesehaltung und sein Rücken protestierte. Die Nackenmuskeln waren sichtlich verspannt und er versuchte, sie mit ein paar ungeschickten Griffen zu lösen. Doch er bereitete sich nur noch mehr Schmerz und jammerte leise.

„Soll ich Euch massieren, Herr? Ich bin geübt darin.“, erkundigte sich der Key. Doch Jamal wehrte mit weit aufgerissenen Augen ab.

//Ich hab vergessen, dass er nicht angefasst werden möchte. Warum auch immer – aber so wie die Wunden an seinem Leib aussehen ...// Ayame verbot sich, diesen Satz zu Ende zu denken, das Schicksal seines Herrn tiefer zu ergründen als der es ihm gestattet hatte.

„Danke nein, das wird schon wieder.“, wehrte Jamal ab und erhob sich, klingelte nach Ilecz. „Möchtest du auch noch etwas essen?“ Der Junge wandte sich nicht um, er hatte sich vorgenommen, das Beste aus der Situation hier zu machen. Hier war er sicher, keiner würde über ihn herfallen, so hoffte er. Auch wenn er Ayame immer noch nicht wirklich traute. Viel zu kräftig und muskulös wirkte er, als dass er sich wirklich von einem schmächtigen Jungen wie ihm etwas sagen lassen würde. Viel zu stolz blickten die Augen, wirkte seine ganze Gestalt, als dass er sich von einem kleinen Kerl würde rumscheuchen lassen.

Was hatte Lathyrus gesagt? Der letzte Holder hätte fluchtartig das Zimmer verlassen – keiner wisse warum?

„Ja gern.“, hörte er Ayames Stimme dichter hinter sich als ihm lieb war.



Nur Minuten nachdem Jamal seine Bestellung aufgegeben hatte, klopfte es erneut an der Tür und Ilecz reichte das Abendmahl, wünschte eine angenehme Nacht und erkundigte sich, ob der Herr ihn noch brauchen würde.

Der verneinte, als er das Tablett entgegen nahm und die Tür wieder schloss. Schweigend stellte er seine Schalen auf den niedrigen Tisch, der in einer Ecke links neben der Verandatür stand und von ein paar großen, runden und quadratischen Kissen umlagert war. Das Tablett stellte er auf die Truhe.

Wieder wich er Ayames Blicken aus, der mit Erstaunen beobachtete, was sein Herr dort tat. Der Junge stapelte Kissen in einer Ecke, aß zwischendurch etwas, richtete weiter Kissen, kuschelte sich rein, war nicht zufrieden, zog alles wieder auseinander. Schließlich schien er zufrieden und blieb, tief zwischen zwei himmelblaue Kissen gekuschelt, liegen. Im Dämmerlicht der Kerzen, die Ayame lautlos überall im Zimmer entzündet hatte, beobachtete er den Größeren beim essen. Elegant und nur mit einer grünen Satinhose bekleidet saß er im Schneidersitz auf der Matratze, beugte sich leicht nach vorn um das Tablett zu erreichen. Das Flackern der Kerzen ließ das Haar wieder in den weichen Tönen des Regenbogens erstrahlen, was Jamal bewunderte, so oft er es bemerkte.

Auch der Key ließ seinen neuen Herrn, der sich so seltsam benahm und doch mehr als jeder andere vor ihm sein Interesse und seine Neugier geweckt hatte, nicht aus den violetten Augen.

//Wenn Ihr weiter so schüchtern seid, weckt Ihr meinen Spieltrieb, Herr.//, musste Ayame sich eingestehen, auch wenn das die Regeln des Palastes verboten.

Jamal entzog sich des stechenden Blickes und schob das Gesicht in die Kissen. „Gute Nacht.“, nuschelte er zwischen den Falten der Seide und überhörte Ayames leise Proteste, dass dem Herrn das Bett zustünde und er ...

Der Blonde schloss die Augen und schaltete ab, drückte den Rücken gegen die mit zwei roten Kissen abgepolsterte Wand und versuchte, gleichmäßig zu atmen.

Er hörte, wie Ayame durch das Zimmer ging, die Schüsseln vom niedrigen Tisch aufsammelte, wenig Momente darauf nahm er leise Stimmen an der Tür wahr. Augenblicke später setzte sich Ayame wohl auf das Bett, denn die Federn ächzten ganz leise. Dann war Ruhe.

Minuten später quietschte leise das Bett, Ayame musste sich erhoben haben, denn Schritte glitten fast lautlos auf die Terrasse. Vorhänge raschelten, als sie zur Seite geschoben wurden.

Neugierig öffnete Jamal doch noch mal ein Auge und linste über einen Kissenzipfel. Im fahlen Licht, das der Vollmond auf die Terrasse warf, glänzte die bronzene Haut des Keys, als er sich geschmeidig bewegte. Jamal konnte die technisch ausgeklügelten, langsamen, aber eindeutig kraftvollen, Bewegungen nicht einordnen, hielt es für eine Art Kampfsport. Und er musste zugeben, dass sie vor Erotik nur so prickelten. Er schluckte und schloss die Augen wieder. Das Letzte was er jetzt noch gebrauchen konnte war, dass ihm dieser Mann, der ihm nur diente und ihn nicht mochte, noch mehr gefiel.



//Tja, bei ihm werde ich wohl sehr viel Zeit für meine Interessen haben. Er wird nicht auf die Idee kommen, mich die ganze Nacht in die Matratze zu pressen.// Ayame erlaubte sich einen verirrten Blick auf seinen vermeintlich schlafenden Herrn und lächelte. Nein, so ein Kerl war ihm wirklich noch nicht untergekommen. Jeder war hier her gekommen, hatte ihn begehrt, geliebt. Wollte nur ihn und nichts anderes. Und dann kommt da dieser kleine Junge – niedlich und schüchtern –, will ihn nicht anfassen, will nicht angefasst werden und schürte mit seinem unschuldigen Verhalten geradezu Ayames Stolz. Es gab wirklich einen Mann, der ihm widerstehen konnte?

//Herr, ich kriege Euch – Ihr werdet Euch noch nach mir verzehren.//, beschloss er, als er sich langsam durch das Zimmer ins Bad bewegte, ausgiebig duschte und sich für die Nacht fertig machte.

Ein Schrei ließ ihn einen Tiegel fallen lassen. Entsetzt stürmte er aus dem Bad und blickte automatisch nach links, wo sich sein Herr zur Ruhe gebettet hatte.

Der wälzte sich in seinen Kissen, versuchte etwas abzuwehren, nuschelte Namen und Gebete. Immer noch nackt sank Ayame auf die Knie, das lange Haar glitt über die Schultern, als er sich zu Jamal hinabbeugte, versuchte beruhigend auf ihn einzuwirken. Doch seine Worte drangen nicht zu ihm durch.

//Er will nicht angefasst werden.//, erinnerte sich der Key immer wieder. Aber es ging nicht anders. Der Junge musste einen scheußlichen Alptraum durchleben, Tränen liefen über das Gesicht, er schwitzte vor Angst.

So strich er eine paar Haare aus dem feuchten Gesicht und streichelte den Hals hinunter über den Oberarm.

„Schlagt mich morgen dafür, Herr. Aber so kann ich Euch hier nicht liegen lassen.“ Eilig hob er den Jungen auf die Arme und war entsetzt, wie leicht er war. Er brachte ihn ins Bett und deckte ihn zu, ehe er die Schlafstatt umrundete und sich auf die andere Seite legte, seinen Herrn nicht aus den Augen lassend. Noch einmal beugte er sich zu ihm, da griff Jamal seinen Oberarm mit beiden schmalen Händen, grub die Nägel tief in die dunkle Haut und ließ nicht mehr los. Seufzend ließ sich Ayame in die Kissen sinken und ließ zu, dass sein Herr sich an ihn kuschelte, noch immer die Nägel ängstlich in die Muskeln getrieben. Den Schmerz ignorierend schloss er die Augen. //Wer hat diesen Jungen nur so zerstört?//

Er hörte Jamal nur noch leise schluchzen, das Zittern ließ nach, und so gestattete sich auch der Key, endlich in Morpheus´ Armen Trost und Geborgenheit zu suchen.

//Morgen Herr – morgen werden wir reden müssen.//