Du befindest Dich hier: Geschichten > Geschichten frei bis 16 > Iliahna > Esquecer I > Esquecer I- Neville und Elia Teil 1 bis 5

Esquecer I- Neville und Elia Teil 1 bis 5

Kapitel 1

Das laute Hämmern des Basses und das Stimmengewirr war schon von weitem zu hören, wenn man in dieser Sternklaren Nacht in Richtung des angesagtesten Clubs der Stadt fuhr. Man sah zahlreiche unterschiedliche Gestalten,- meist fein rausgeputzt-, in die gleiche Richtung pilgern und alle hatten nur ein Ziel: Vergessen!

Während des ausgelassenen feierns, das Abtauchen, auch wenn nur für ein paar Stunden, in eine andere Welt, das Flirten, das ‚sich frei fühlen‘, dass alles bot sich in einem einzigen Club:

Esquecer!

Vergessen...

Die Schlange der aufgestylten Menschen endete erst um die nächste Straßenecke und mit einem freundlichen Lächeln und die Frage auf den Clubausweis lies der wuchtige, gorillahafte Türsteher die Mitglieder durch die hohe Tür in den Club. Zahlreiche Leute versuchten durch Überredung in den Club zu gelangen doch selbst Bestechungsgeld half nichts. Nur wer einen Clubausweis hatte durfte in die Räumlichkeiten des Esquecer!

Die Eingangshalle war ein Traum aus Gold und Rot und man kam sich hier wie ein VIP vor wenn lächelnde, in Anzügen gekleidete Angestellte um die Jacken baten und sie in die abgeschlossenen Garderobe zu bringen.

Auf vier verschiedenen Tanzflächen tobten sich die Leute aus, in einer Ecke mit seriösen Ledersesseln tranken Business- Leute ihren Whiskey, in der Techno- Ecke bumberte der Bass. Für jeden Tanztyp war etwas dabei und selbst das Essen war eine Vorzüglichkeit.

„Darf ich mal? Oh hups, bitte vorbeilassen!“ Wie ein kleiner Wirbelwind, immer ein freundliches Lächeln auf den Lippen huschte ein schwarzhaariger Gummiball zwischen den Tischen hin und her, brachte das Tablett voll Gläser zu den Gästen und jeder Zweite fragte sich wie diese zierliche Gestalt es so leicht aussehen lies, die schweren Getränke zu balancieren.

„Man ist hier wieder viel los?“, stöhnte der Gummiball namens Neville und reichte dem Barkeeper Mario die Bestellung der neuen Gäste.

„Tja, es ist Freitag und Freitags.-!“

„Wird Geld gemacht, ich weiß!“ lachte Neville ihm entgegen und wartete zappelig darauf das Mario die Gläser füllte.

Beide hatten die schwarzen Stoffhosen und die weißen Hemden an, die für die Angestellten im Esquecer Pflicht waren. Neville zippelte dennoch immer wieder an seinem Hemd herum, er konnte sich einfach nicht an den Stoff gewöhnen. Grinsend sah Mario dem Wirbelwind hinterher, der sich flucks das Tablett schnappte und zu den Gästen abwetzte. Mit einem wachsamen Augen überblickte Mario seinen Tresen gab den restlichen Angestellten per Augenkontakt Hinweise für neue Gäste oder leere Getränke.

Schnell wies er einem der Sicherheitsleute auf ein Problemfeld hin und bevor die Sache eskalieren konnte waren die Gäste nach draußen gebracht um sich abzukühlen. Dafür war das Esquecer bekannt und geachtet. Diskretion, Anonymität wenn man wollte und vor allem eine lockere Atmosphäre. Jeder war hier willkommen der Lust zum Tanzen und Flirten hatte. Ein breites Grinsen schlich sich auf seine Züge, als er in die Obere Etage sah, zu einer Tür, die halb vom Schatten versteckt war.

Ein markantes Gesicht, umrahmt von kohlschwarzen Haaren wurde zur Hälfte beleuchtet und hätte Mario dieses Gesicht nicht gekannt wäre er vor Schreck wahrscheinlich zurückgezuckt. Der Chef des Esquecer merkte nicht das ihn sein bester Freund und Angestellter beobachtete, doch Marios Blick folgte seinem und als er sah wen sein Boss da mal wieder ansah grinste er noch breiter.

Mit einem spitzbübischem Grinsen griff er nach seinem Headset und flüsterte in den kleinen Hörer.

„Pass auf sonst fängst du noch an zu sabbern!“

Deutlich sah er seinen Boss zusammenzucken, der erschrocken nach seinem Ohr griff in dem sein Teil des Headsets steckte.

Suchend sah er über die Menge. Mit verengten Augen funkelte er Mario an der ihn nur ein Victory- Zeichen gab und das Headset wieder in eine Schublade steckte.

Mit einem geschnaubtem ‚Spinner‘, verlies Elia Zacha seinen Beobachtungsposten und der Boss des Esquecer verschwand wieder in seinem Büro.

„Mario, ich brauche einen Wodka- O!“ Das Beobachtungsopfer war schon wieder zurück und richtete Mario die Bestellung aus.
Ungeduldig trommelte Neville mit den Fingern auf die holzene Platte und bewegte seine Füße fast unmerklich zu der harten Techno- Musik. Er mochte es zwar nicht wirklich auf dieser Ebene zu arbeiten aber manche Lieder waren dennoch erträglich.

„Wann glaubst du dürfen wir wieder rüber?“ fragte er deshalb gleich mal Mario, der mit flinken Fingern einen Cocktail mixte.

Mit Drüben meinte er die dritte Tanzfläche des Esquecer. Sie nannten es gern das Mischmaschviertel. Verschiedenste Musik wurde gespielt und für fast jeden war etwas dabei. Auf dieser Tanzfläche waren die meisten gemischten Paare. Aber vor allem viele schwule Paare. Neville mochte es die Leute zu beobachten, zu sehen wie sich Liebespaare bildeten und er alles mitbekam, vom ersten Flirt bis zur 1. Jährigen Feier.

Mit einem kurzem Blick auf die Angestelltentafel in der Kasse antwortete Mario: „Wenn nichts schiefgeht müssen wir das ganze nur noch zwei Tage aushalten!“ Neville griff wieder nach dem Tablett und da wieder eine ziemlich laute Nummer gespielt wurde zuckte er nur mit den Schultern und rollte mit den Augen, um verständlich zu machen wie sehr er sich das wünschte.

Durch die vier verschiedenen Ebenen gab es auch vier perfekt eingespielte Teams, die sich im Wochentakt die Tanzflächen teilten. Dennoch war der Stammbereich von Mario und seinem Team die ‚Normale‘ Tanzfläche wo sie sich auch am wohlsten fühlten.

Als die meisten Gäste mit Getränken versorgt waren und sie sich sowieso die meiste Zeit wild zuckend auf der Tanzfläche befanden, gönnte sich Neville eine Pause und setzte sich an eine Ecke der Bar mit einem Cola in der Hand. Sicher von den Augen der anderen hüpfte er schnell in den Hinterraum und kramte nach seinem Rucksack. Schnell hatte er ein Buch das schwer nach Mathematik aussah und einen Block zur Hand. Mit den Sachen verzog er sich wieder zur Bar und öffnete das Buch an einer gekennzeichneten Stelle. Bald war er in die mathematischen Formeln vertieft und kritzelte eifrig auf den Block.

Mario bemerkte die Abwesenheit des Kellners und lächelte nachsichtig. In nächster Zeit brauchte er den Gummiball auch gar nicht, sollte er ruhig für die Abendschule lernen.

Neville arbeitete konzentriert die Aufgaben durch bis ihn ein Räuspern zucken lies. Irritiert sah er sich um und hoffte innerlich das nicht der Chef höchstpersönlich mal wieder hinter ihm stand. Doch hinterm Tresen stand nur Horatio und putzte mit unbewegter Miene ein Weinglas.

„Du solltest vorsichtiger sein!“ kam die nüchterne Erklärung für sein räuspern und Horatio blickte ihn kurz und kühl an.

„Sorry, war so vertieft! Nur noch ne halbe Stunde!“, bat er zerknirscht.

Mit einem Nicken holte sich Horatio noch ein paar Weingläser und trocknete sie ab. Das war für Neville das Zeichen das der kühle Blonde aufpassen würde, dass der Chef nicht vorbei kam.

Das liebte Neville insgeheim an seiner Arbeit. Er ,Mario und Horatio waren ein eingespieltes Team, sie waren die besten Freunde. Neville fragte sich oft was er ohne die Beiden tun würde. Schnell korrigierte er seine Aufgaben und packte seine Sachen wieder in den Hinterraum.

„Da bin ich wieder!“ grinste er Horatio an, der sich nun aus der abgelegenen Ecke des Tresens entfernte und für Mario ein paar neue Getränke mixte.

Neville schüttelte schon lange nicht mehr den Kopf über den kühlen Horatio, er hatte seine Eigenarten, genauso wie er und Mario. Schnell packte Neville das voll gestellte Tablett und verschwand in die angegebene Richtung.

Er schluckte als er sah wer in der Sitzecke saß, berüchtigte Hähne, so nannten die Angestellten der Esquecer Leute, die ihre Finger nicht bei sich behalten konnten und so taten als wären sie die Hähne im Korb und könnten über die Angestellten bestimmen.

Schnell straffte er sich und trat mit festen Blick auf die Gruppe der vier Männer zu.

„Da hätten wir zwei Pina Coladas, ein Colaweizen und nur eine Cola!“ So schnell wie möglich stellte er die Getränke bei den nickenden Männern ab und versuchte die dreckig grinsenden Gesichter zu ignorieren.

Mit einem seriösen Lächeln wollte er sich schleunigst aus dem Staub machen doch er kam nicht weit, eine starke Hand hielt ihn an der Hüfte fest und er wurde auf einen Schoß gezogen.

„Wa!“ erschrocken wollte er sich frei machen, doch die Hand hielt ihn eisern fest.

„Na Süßer, willst du dir nicht ein bisschen Trinkgeld verdienen!“, hauchte ihm eine ekelerregende Stimme ins Ohr, die so nach Alkohol und Zigaretten stank das es ihm den Magen umdrehte.

„Mister würden Sie mich bitte loslassen!“ Angestrengt und noch einigermaßen höflich wollte er sich aus der Umklammerung losmachen und strampelte heftig mit den Beinen.

Hilfe suchend sah er zur Bar wo Mario seine Situation schon erkannt hatte und ein Sicherheitsangestellter wollte sich gerade seinen Weg durch die wild tanzende Meute bahnen, doch für Neville ein wenig zu spät.

Kaum hatte es der Arsch gewagt mit den verschwitzten Händen in sein Hemd zu fahren, ging jede Vernunft verloren und mit einen wütenden Aufschrei, sowie mit einem Ellebogencheck konnte er sich befreien und gab dem Schwein erst einmal eine schallenden Ohrfeige. Wütend und mit heftigen Atem wollte er sich auf den Perversling stürzen als eine kühle und arrogante Stimme fragte:

„Ist hier irgend etwas nicht in Ordnung!“ Schnell und fahrig drehte sich Neville um und starrte in die dunklen Augen seine Chefs.

„Er.. er hat mich....“, doch schon kam Neville der Sicherheitsmann zur Hilfe der mit blitzenden Augen knurrte:

„Boss ich hab alles gesehen und wollte Neville gerade zur Hilfe kommen, dieser Typ an ihn begrapscht!“

„Na dann, ich denke sie haben genug getrunken. Viktor, Pete geleitet sie die Herren doch bitte zur Tür!“ Sofort stand der andere bullige Security neben Viktor und unter betrunkenem Gebrummel führten sie die vier Männer diskret zum Ausgang.

Neville seufzte erleichtert, fuhr sich dann aber schnell und nervös durch das Haar als Elia ihn musterte.

„Tu..Tut mir Leid!“ murmelte er hastig strich sich verlegen das Hemd glatt und suchte so schnell wie möglich das Weite. Elia sah ihm nur mit unbewegter Miene hinterher.

„Alles in Ordnung?“ besorgt sah Mario ihn an als Neville hinter den Tresen kam und sich auf einen Hocker setzte.

Nach einigen Minuten meinte er inbrünstig: „Ich hasse solche Kerle!“ Er schauderte kurz und trank einen tiefen Schluck von seiner Cola.

„Ja, die sind wirklich widerlich, wahrscheinlich hatten sie sowieso nur irgendwo eine einmalige Einladung stibitzt. Zum Glück haben wir sie auf der Kamera, dann kann sie Viktor das nächste mal gleich vor der Tür abweisen.“

„Die sollten kastriert werden!“, gab Horatio seinen üblichen trockenen Beitrag zur Unterhaltung, was Neville dankbar lächeln lies.

„Naja, zum Glück gibt es solche Kerle nur maximal einmal im Monat hier!“, seufzte Neville und strich sich durchs Haar.

„Naja, ab ins Getümmeln!“ mit einem gequälten Lächeln und einem unsicheren Blick in die Richtung in der vor kurzem noch Elia stand, packte er sich das Tablett und verschwand wieder in die Richtung irgendwelcher Gäste.

~+~

„Langsam krieg ich echt noch die Krise, ich mein ich weiß nie, ob ich den Chef jetzt nerve, ob er mich überhaupt nicht leiden kann oder ob er mich leiden kann, aber eine komische Art hat es zu zeigen!“ Nach Verständnis heischend sah Neville seine beiden Freunde an und biss dann verdrießlich in die Spitze seines Hörnchens. Mit gerunzelter Stirn kaute er vor sich hin und nuschelte dann: „Ich mein nicht mal lernen lässt er mich und ich hab ihm mehr als einmal gesagt das ich zur Abendschule muss!“ Ein weiterer Bissen, und trotziges Kauen.

Mario rieb sich die müden kleinen Augen und nahm einen tiefen Zug seiner Zigarette. Manchmal wünschte er sich er könnte Neville sagen wie verquer Elia war und das dessen Denkweise mehr als kompliziert verlief, doch es wusste niemand das er mit dem Chef des Esquecer schon im Sandkasten gespielt hatte. Und sie hatten beide vereinbart das es so bleiben sollte.

„Neville, hast du schon mal gesehen das er mit den anderen freundlicher umgegangen ist? Es ist nun mal... seine Art,“ versuchte er zu erklären und legte seine Zigarette ab, griff dann nach seinem schwarzen Kaffee und nahm einen tiefen Schluck.

„Mit mir redet er gar nicht,“ gab Horatio als einzigen Kommentar ab und machte damit weiter seine Semmel mit unbewegter Miene auszupullen.

„Siehst du!“

„Trotzdem,“ schmatzte Neville. Es konnte einfach nicht nachvollziehen was er seinem Boss getan hatte. War es weil er ab und zu lernte? Aber dann hätte er ihn doch schon oft feuern können, so oft wie er ihn schon erwischt hatte. Er kam einfach nicht dahinter und das wurmte ihn.

Die Uhr, die in der Bäckerei hinter dem Tisch hing, an dem die drei frühstückten zeigte 5 Uhr morgens an. Es war ihr Ritual, seit sie sich zu einem Team zusammen gerauft hatten. Kaum öffnete ihr Lieblingsbäcker, um halb fünf, konnten sie hier abschalten. Ihr Dienst war dann seit einer halben Stunde zu Ende und sie konnten noch vollgeladen mit Adrenalin frühstücken bevor sie sich auf den Weg nach Hause machten. Grübelnd schmierte er sich die nächste Hälfte Semmel und sah geistesabwesend dabei zu wie die Butter in dem noch warmen Innenteig langsam zerfloss.

Er wollte nicht das der Boss ihn hasste. Oder das er schlecht von ihm dachte. Nur, Elia hatte so eine Art an sich , dass er sich immer ganz klein vor kam. Vor allem gestern Nacht als dieser Kerl in begrapscht hatte. Es war nicht seine Schuld gewesen aber kaum hatte Elia ihn mit diesem bestimmten Blick angesehen schämte er sich und wollte nur noch so schnell wie möglich weg. So als wäre er ein Flittchen. Was er ganz bestimmt nicht war.

Er hatte schon lange keine Beziehung mehr gehabt, und auf One- Night- Stands stand er nicht. Er mochte es mit demjenigen den er liebte, zusammen aufzustehen und zu frühstücken, es würde ihm nicht passen wenn die Nachtbekanntschaft noch in der Morgendämmerung verschwand und er alleine im Bett aufwachte.

Und egal was Mario sagte Elia bedachte nur ihn mit diesem ganz bestimmten Blick. Und das wurmte ihn ungemein.

Etwa eine Stunde später stieg er gerade aus der S-Bahn und verabschiedete sich von Horatio der noch ein paar Stationen weiter musste. Mario hatte als einziger von ihnen ein Auto, wenn auch ein klappriges altes Ding das nur mit zwei Augenzwinkern durch den TÜV ging. Da er außerdem in der ganz entgegengesetzten Richtung von Horatio und Neville wohnte, lehnten beide den Chauffeurdienst von Mario ab. Schützend schlug er sich den Kragen seiner Jacke hoch und schlang sich die Arme um den Körper. Egal ob Sommer war, und die Sonne schon um 6 Uhr früh schien und alles warm war, er war eine Frostbeule, ihn fror es immer und überall. Mit schnellem Schritt trabte er die Treppen des S- Bahnhof hinunter und fing an zu joggen. Er wollte so schnell wie möglich in seiner kleinen Wohnung sein, um diese Uhrzeit gab es wenigstens noch ausreichend Wasser in dem Mietshaus und er musste nicht zwischendurch zehn Minuten warten bis es weiterging. Während er mit klammen Fingern den Schlüssel im Schloss umdrehte hörte er schon hinter der Tür das Begrüßungsgemaunze seiner beiden Katzen. Schnell schlüpfte er durch die Tür in seine warme Wohnung.

„Ja Hallo!“ Sofort war er auch schon in der Hocke und begrüßte seine beiden Stubentiger, die ihm wild schnurrend um die Beine strichen. „Na? Habt ihr mich vermisst?“, ausgiebig beschmuste er seine beiden Katzen und hängte erst dann seine Jacke an die Garderobe.

„Ich bin Hundemüde ihr beiden!“ wisperte er als Entschuldigung als er den beiden nur schnell etwas zu essen hinstellte und ins Bad verschwand.

Die beiden warteten schon in seinem Bett auf ihn als er zurück kam.

Die Sonne ging schon auf und er lies schnell die Rollos runter, er lächelte mal wieder über seinen etwas verqueren Tagesrythmus, schloss aber dann mit einem Schmatzen die Augen und war sogleich eingeschlafen.

~+~

„Okay.. Bruno du kannst gehen!“ Mit einem kühlen Kopfnicken verabschiedete Elias sich von seinem letzten Sicherheitsangestellten und tippte, als dieser durch die Tür verschwunden war, den Sicherheitscode in die Alarmanlage. Schnell sah er sich noch um, ob die Aschenbecher ausgeleert waren, die Böden nicht klebten und die Flaschen sicher und kühl gelagert hinter den Bars standen. Die Feinheiten an Sauberkeit würden dann ein zwei Stunden vor Öffnung des Esquecer ein Putzpersonal machen. Er stapfte noch mal hoch in sein Büro und sah nach ob die Türe geschlossen war.

Es war sein kleines Königreich, nicht einmal Mario durfte unbeaufsichtigt da rein. Er setzte sich, während er aus dem Hinterausgang stieg, die Sonnenbrille auf und gewöhnte sich kurz an das helle Licht der aufgehenden Sonne. Im Sommer war es immer am schwierigsten sich an den Unterschied zwischen der Dunkelheit des Clubs und der Helligkeit draußen zu gewöhnen. Er pfiff sich mit Leichtigkeit ein Taxi und stieg in seiner unnachahmlichen Art und Geschmeidigkeit in das gelbe Gefährt. Er nannte dem Fahrer seine Adresse und sah dann hinaus aus dem Fenster. In dem Spiegel sah ihm ein markantes Gesicht entgegen. Er sah älter aus als er war. Ein perfekt antrainiertes Pokerface.

Er konnte an einer Hand abzählen wie viele Leute ihn schon mal fröhlich gesehen hatten. Man konnte wahrlich nicht behaupten das er schlecht aussah, er selber fand schon das er doch recht attraktiv war, was nicht viele Leute zu Gesicht bekamen. Er war die meiste Zeit in seinem Büro im Esquecer oder die restlichen Zeit in seiner Wohnung.

Daheim zog er sich erst einmal um und tapste barfuß und nur mit Boxershort und Unterhemd bekleidet in seinen Lieblingssessel. Zusammen mit einem Glas Rotwein genoß er den herrlichen Ausblick aus seinem Panoramafenster. Dennoch, er würde das ganze, seine tolle Wohnung mit dem atemberaubendem Ausblick, den Erfolg mit dem Esquecer und natürlich das Geld sofort eintauschen wenn er nur den einen an seiner Seite hätte.

Er wusste nicht einmal mehr wann das ganze angefangen hatte, oder wie es überhaupt dazu kam das Neville bei ihm arbeitete. Damals hatte er es Mario überlassen die Angestellen für die vierte Ebene auszuwählen. Sie hatten gerade neu angebaut und das ganze Esquecer ein wenig modernisiert. Er hatte alle Hände voll zu tun gehabt und gewusst das Mario schon die richtigen Leute aussuchen würde.

Und dann wollte er die Neuen begutachten und dieser schmächtige Junge viel ihm sozusagen direkt in die Arme. Es gab nicht mal mehr dieses Klischeehafte PENG. Es war einfach die total nüchterne und sachliche Erkenntnis das er gerade eben den Mann, der für ihn bestimmt war im Arm hielt.

Er wusste er war in Gefühlssachen so gut wie ein Fisch, das hatte Mario ihm schon immer vorgehalten, aber egal, er wusste es einfach. Dieser junge schwarzhaarige Mann, der ihn ängstlichen und gleichzeitig ein wenig trotzig ansah war sein Schicksal, schlicht und ergreifend. Von da an schien Elia Aufgabe darin zu bestehen Neville mit Blicken zu folgen, er war überall wo Neville war und meistens auch wenn dieser es nicht merkte. Vielleicht fand er es unfair wenn Elia mal wieder ankam und ihn rügte weil er lernte, aber er lies ihm immer gerade so viel Zeit das er das was er lernte konnte und tauchte dann wie aus dem Nichts hinter ihm auf. Nur heute, heute hatte er nicht verhindern können das dieser schmierige Kerl Neville betatscht hatte.

Es klirrte laut und mit einem verwirrtem Augenaufschlag registrierte Elia die kühle Nässe die über seinen Arm lief und sich langsam tröpfchenweise auf seinem Oberschenkel verteilte. Er hielt ein paar Scherben in der Hand. In seiner Wut hatte er das Weinglas zerdrückt.

Er hatte eine so dermaßene Wut auf diesen schleimigen, ekelhaften perversen Typen das er regelrecht ausflippen konnte. Würde er den Kerl jemals in einer dunklen Seitengasse begegnen dann Gnade ihm Gott.

Schnaufend fuhr er sich durchs Haar und fluchte. Blöder Rotwein. Heute war wirklich nichts mehr mit ihm anzufangen. Er entledigte sich seiner restlichen Kleidung. Die Rotweinflecken konnte seine Putzfrau wegmachen, wenn er wieder ins Esquecer ging. Es machte KLICK als er die Automatik seiner Rollos betätigte, und sie mit einem leisen Summen die Sonne aus der Wohnung ausschloss.



Kapitel 2

Ein leises Maunzen, gepaart mit behaglichem Schnurren, weckte Neville. Gemütlich regte er sich, lächelte leicht und griff zielsicher nach seiner Katze, die schon sehnsüchtig auf Streicheleinheiten wartete.

Seine andere, kaum hatte sie bemerkt das Neville wach war, maunzte kläglich aus der kleinen Küche um deutlich zu machen das sie am Verhungern war.

„Dezember! Ich komm doch gleich“, murrte er in sein Kissen hinein und griff gleich mal nach seinem Wecker, der in einigen Sekunden angefangen hätte laut zu schrillen. Das Schnurren auf seinem Bauch verstärkte sich als er sich bewegte. „Steh doch schon auf.“ Etwas desorientiert strampelte er die Decke vom Körper. Sein Katze wurde dabei regelrecht aus dem Bett geschmissen, worüber sie sich natürlich lauthals beschwerte.

„Sorry Fake,“ nuschelte Neville und schwang sich aus dem Bett. Ohne Schwung ging bei ihm nichts, sonst würde er sofort wieder faul ins Bett fallen. Der Digitalwecker im Bad zeigte an das es 15 Uhr nachmittags war, eigentlich viel zu früh um aufzustehen, aber er musste mal wieder einkaufen gehen. Sein Kühlschrank hatte bei der letzten Inspektion deutlich an Gewicht verloren. Schnell duschte er sich, versorgte seine Katzen und schnappte sich ein Brötchen. Mit einem Blick in seinen Geldbeutel beschloss er noch bei der Bank vorbei zuschauen.

„Macht mir keinen Ärger,“ rief er Dezember und Fake noch zu die einträchtig schmatzend in der Küche saßen. Nachdem er letzten Monat sein Fahrrad zu Schrott gefahren hatte, blieb ihm nichts anderes übrig als mit Bus und Bahn zu fahren. Naja, dann bekam er endlich was von der Außenwelt mit. Im alltäglichen Nachmittagsverkehr lies er sich mit dem Strom von Pilgern Richtung Einkaufszentrum treiben.

~+~

Elias war immer der Erste der das Esquecer betrat und der Letzte der es verlies. Hinter ihm drängte sich die Putzkolone hinein und begann, unter lautem Geschnatter, das Esquecer zu reinigen.

Elias kümmerte sich gar nicht um sie, sondern ging, mit der Post in der Hand, hoch in sein Büro. In den vertrauten vier Wänden fühlte er sich gleich viel besser. In seiner Wohnung überkam ihn immer diese seltsame melancholische Stimmung. Wahrscheinlich hatte Mario mit seiner Aussage er wäre ein Bürohengst recht, egal dann musste er wenigstens nicht über andere Dinge nachdenken.

Während er die Post durchging, die bis auf ein paar Rechnungen nichts wichtiges enthielt, hörte er den AB ab, dessen Lämpchen ihm schon hektisch entgegengeblinkt hatte.

„Hey Elli Altes Haus! Hier Mario, da ich weiß das du in exakt zehn Minuten dein Büro betreten wirst hab ichs mir gespart bei dir daheim anzurufen. Deine Mum hat meine Mum kontaktiert, und nächstes Wochenende sollen wir beide zum allmonatlichen Zacha und Gruber Familienenessen antreten. Verdreh nicht die Augen (Elia fühlte sich augenblicklich ertappt) diesmal musst du kommen, und wenn ich dich eigenhändig hinschleifen muss. Ich halt das alleine nicht aus. Tschau, bis später.“

Elia hatte deutlich die unterschwellige Drohung aus Marios Worten herausgehört. Es stimmte, Mario hatte wochenlang nicht mit ihm geredet weil er letztes Jahr geschwänzt hatte. Dennoch, die Zacha und Gruber Familientreffen waren ein graus. Zumindest fand er es. Man wurde unter falschen Gründen hingelockt, nur damit man ihm genüsslich vor anderen ausfragen konnte. Und da man nicht die eigene Familie in Verlegenheit bringen wollte indem man seiner kleinen Schwester den Rotkohl über den Kopf schüttete musste man Rede und Antwort stehen. Und es war jedes Mal das gleiche.....er hasste es. Vielleicht könnte er sich krank melden.... nun ja, das würde ihm sowieso keiner abkaufen.

Der Tag war mit dieser Hiobsbotschaft im Eimer, da konnte er sich eigentlich gleich um die Buchhaltung kümmern. Seufzend und sich und die Welt im allgemeinen bedauernd schnappte er sich die Ordner und setzte sich an den Computer.

~+~

„Oh man, warum haben so viele Leute eigentlich so viel Freizeit? Haben die Samstags nichts besseres zu tun?“, maulte Neville, als er drei Zettel aus seiner Tasche kramte und sie Mario hinlegte. „Außerdem, kann ich nicht mal hinter die Bar?“

Mario grinste ihn nur an und machte sich daran die Wünsche der Gäste zu erfüllen.

„Es gibt mehrere Gründe. 1. Du weißt was passiert wenn du hinterm Tresen stehst,“ Mario kicherte, „du wirst so abwesend, weil du die Tanzenden beobachtest, dass du gar nicht mitbekommst wenn wir eine Bestellung abgeben und was fallen lässt wenn wir dich anstupsen. Und 2. Vergrault Horatio mit seiner Art die Gäste.“

„Gar nicht wahr,“ antwortete Neville und schob trotzig das Kinn nach vorne. „Ich brauch nur Übung, dann kann ich das alles auch, ich will dich mal sehen wie du acht Stunden lang durch die Gegend rennst mit nem schweren Tablett.“ Mit diesen Worten schnappte er sich die Getränke, schenkte Mario noch einen bösen Blick und verschwand.

War doch wahr. Dauernd durfte er hier den Diener spielen. Klar, er war hier nun mal angestellt und das Servieren gehörte zu seinem Job aber er war immer derjenige der entweder begrapscht oder blöd angemacht wurde. Er stapfte zu der Gruppe Gästen und stellte ihnen mit blitzenden Augen die Getränke hin.

Schmarotzer, die sollten lieber arbeiten, als sich hier zu betrinken. Er rauschte wieder von dannen und bahnte sich, brummend einen Weg durch die Menge. Jetzt würde er sich auf jeden Fall eine Pause gönnen.

Er verkündete sein Vorhaben Horatio, der ihn nur amüsiert ansah und stapfte in den Personalräume. Das Dröhnen der Musik wurde leiser und der Rauch lichtete sich, die Luft wurde wieder erträglicher.

Gerade als er sich eine Zigarette anzünden wollte, sah er etwas das ihn erstaunt die Augenbraue heben lies. Mario hatte wohl gerade Snack Nachschub geholt, als aus einer dunklen Ecke, wie aus dem Nichts, der Chef auftauchte.

Neville´s Augen wurden größer... was war denn das? Mario grinste immer breiter während Elias, anscheinend verärgert, auf ihn ein redete. Als der Chef geendet hatte kniff er ihm in die Wange und Elias schien nicht einmal verärgert darüber. Beinahe hätte Neville seine Zigarette fallen gelassen als Elias Mario auch noch am Arm schnappte und mit sich, die Treppe hoch in sein Büro schleppte.

Neville starrte einfach nur die Treppe an.....also... Mario konnte ihm wirklich nicht erzählen, dass er Elias nicht kannte. Etwas in ihm fing an zu brodeln, er fühlte sich verraten. Wütend stapfte er in den Umkleideraum und holte sich seinen Rucksack. Horatio, den er anknurrte das er früher heim musste wegen Kopfschmerzen sah ihn nur irritiert hinterher.

Grübelnd stapfte Neville durch die kalte Nacht und brummte verärgert vor sich hin. Sämtliche Gedanken in ihm kreisten um das vertraute Bild das Elias und Mario abgegeben hatten. Schön, was ging es ihn am ob die beiden sich kannten? Pff. Ging ihn ja auch überhaupt nichts an, nur dieses vertraute Bild hatte seinen verkorksten Tag erst den Rest gegeben.

Eigentlich war der Tag ja in Ordnung gewesen, bis er ins Esquecer kam, auf einmal war er so angepisst, dass er sich fragte warum er sich das alles antat. Kaum hatte ihn Mario gegrüßt war eine riesen Welle Genervtheit über ihn hinweggerollt, und selbst Horatio, mit seiner schweigsamen Art brachte ihn auf die Palme. Und dann das...... der Chef und der Barkeeper in trauter Zweisamkeit.

Wütend trat er gegen eine Coladose, die laut scheppernd auf die Straße fiel, und sah genüsslich dabei zu wie ein Auto darüber fuhr. Wirklich, ein unglaublich großer Klotz aus Wut hatte sich in seinem Bauch gebildet. Er hatte das animalische Bedürfnis irgendwas zu zerreissen oder zu verdreschen.

In der S-Bahn pfefferte er sich in den Sitz und starrte hinaus in die Nacht.... doch das einzige was er sah war sein eigenes Spiegelbild und in seinem Kopf Elias und Mario.

Zuhause angekommen fauchte er erst einmal seine Katzen an, die in gleicher Manie zurückfauchten. Toll hatte er auch noch Stress mit seinen Haustigern. Verärgert lag er schließlich im Bett und starrte, einen Arm auf der Stirn liegend, hinauf zur Zimmerdecke.

Ein Gedankenblitz durchzuckte ihn und auf einmal saß er kerzengerade im Bett. Wie konnte er nur so blöd sein? Das war doch offensichtlich. Der Chef und Mario waren ein Paar.

Was das ganze für ihn nicht besser machte. Etwas geschockt über die gewonnen Erkenntnis lies er sich zurückfallen.

War ja klar das Mario behauptete er kenne den Chef gar nicht, schließlich sollte nicht der Eindruck erweckt werden, dass Elias ihn in irgendeiner Weise bevorzugte.

„Verdammte Scheiße!“

In Neville zog sich etwas schmerzhaft zusammen und verbissen verkniff er die Augen. Er spürte den Blick von Elias, wie er ihn musterte, langsam an ihm rauf und runter glitt.... und der Duft wenn er an ihm vorbeiging, der ihn irgendwie immer so eingelullt hatte.

„Scheiße scheiße scheiße,“ schnell biss er in sein Kissen und rollte sich zusammen. Das ging doch nicht, das konnte doch nicht sein. Eine Träne entschlüpfte dem zusammengekniffenem Auge. Er durfte und konnte sich einfach nicht in seinen Chef verliebt haben.

Das Bild des Paares hatte sich in seinem Kopf zusammengesetzt und eine kleine Stimme lachte ihn höhnisch aus. Er musste sich eingestehen das er sich irgendwie schon Hoffnungen gemacht hatte. So versteckt.... wie man es immer macht wenn einem ein gut aussehender Mann über den Weg läuft. Er verzog sein Gesicht, kuschelte sich noch tiefer in seine Decke und versuchte jegliches Denken aus seinem Kopf herauszubekommen.

~+~



Die schwarzen Augenbrauen waren ärgerlich zusammen gekniffen und die Lippen zu einem schmalen Strich verzogen. Elias verfluchte den Tag an dem Krawatten erfunden wurden. Lästige Dinger. Als hätte er nichts besseres zu tun, als sich für den Familienabend herauszuputzen. Es ging ihm gegen den Strich da hinzugehen. Ihm entkam ein frustriertes Knurren und er betrachtete sich und den kläglichen Versuch des Krawatte binden im Spiegel.

Es klingelte und mit einem letzten vernichtenden Blick ging er zur Tür. Er betätigte den Summer und wartete ungeduldig bis Mario die Treppe hochgejagt kam.

„Bind mir die Krawatte!“

„Oh, was für eine Begrüßung, ja es freut mich auch die zu sehen“, meinte Mario gutgelaunt und klopfte Elias auf die Schulter. Die manchmal ruppige Art des anderen kratzte ihn schon lange nicht mehr. Am Anfang zickte er Elias regelmäßig an, was dieser natürlich immer nur mit einem schnauben kommentierte.

„Ich meins ernst, bind mir die Krawatte!“ Grummelnd hatte sich Elias einfach umgedreht und ging wieder zurück in sein Schlafzimmer.

Mario stand etwas verloren in der Tür und rollte mit den Augen. Er entledigte sich seiner Jacke und den Schuhe und ging Elias schnell nach. Er lachte amüsiert auf, als er das Desaster sah das im Schlafzimmer herrschte. Elias war noch nie ein Mensch gewesen der sich darum scherte was er anhatte. Er lies sich Anzüge plus Hose schneidern, hängte sich zusammen in den Schrank und zog sie dann gemeinsam an. So musste er nicht entscheiden ob diese Farbe zu der des Jacketts passte. Nur bei der Krawatte versagte er jedesmal. Mario beobachtete noch einen Moment lang wie Elias mit dem widerspenstigen Ding kämpfte, erbarmte sich dann aber und trat hinter seinen besten Freund.

„Da kann man ja wirklich nicht mehr zugucken. Das ist ja schon fast eine Vergewaltigung die du da dem armen Kleidungsstück antust.“

Elias schnaubte: „Würdest du nicht darauf bestehen das ich zu diesem grässlichen Treffen mit muss hätten wir das Problem mit der Krawatte nicht.“

„Und würdest du endlich mal lernen wie man sie bindet hätten wir es genauso wenig,“ konterte Mario gutgelaunt, drehte Elias zu sich um den Kragen zu richten.

„Ich will da trotzdem nicht hin.“ In Elias krümmte sich alles zusammen wenn er an seine Verwandtschaft dachte.

„Reg dich nicht auf, du drückst dich doch sowieso vor den meisten Treffen, also kannst du dich einmal im Jahr zusammenreissen.“

Elias unterdrückte eine Antwort. Er würde viel lieber etwas anderes machen, mit einem Wein im Wohnzimmer hocken, vor sich hin träumen.. vor allem von ihm träumen und sich selbst bemitleiden.

„Außerdem, wenn du dich nicht so dämlich anstellen würdest, würde dir jetzt jemand anderer beim anziehen helfen,“ nuschelte Mario und sah Elias skeptisch an. Das Thema Neville war immer so eine heikle Sachen bei ihm.... entweder Elias schnauzte ihn an weil es ihn nichts anging, oder er wurde melancholisch, seufzte tief und sah aus dem Fenster, oder er fing an zu schwärmen. Von letzterem hatte Mario aber langsam mehr als genug.

Doch Elias schien ihn nicht gehört zu haben, denn er strich sich abwesend durch sein dunkles Haar und seufzte wehmütig.

„So fertig.“ Zufrieden strich Mario noch ein paar Falten glatt und musterte seinen besten Freund. „Siehst mal wieder zum anbeißen aus.“

„Toll,“ brummte dieser und schnappte sich sein Jackett, „Gehen wir, nicht das wir zu spät kommen.“ Sein finsterer Gesichtsausdruck bekräftigte den letzten Satz nicht geraden.

Als sie im Auto saßen, ein leise Musik aus dem Radio schallte, stützte er den Kopf in seine Hand und starrte hinaus auf die Landschaft, die von den letzten Strahlen der Sonne erhellt wurde.

Er hatte die Worte von Mario vorhin schon gehört, nur wusste er langsam nicht mehr was er darauf antworten sollte. Wäre er wirklich schon längst am Ziel wenn er sich mal zusammenreissen würde und Neville einfach anspräche? Aber was konnte so ein süßer Wirbelwind schon von ihm wollen. Jemand der kaum über seine Gefühle sprach, sich kühl gegenüber allen verhielt und sogar dem den er liebte.

Ein Klaps auf den Hinterkopf holte ihn aus seinen Überlegungen.

„Aua!“ Empört sah er Mario an, der nur grinsend hinter Steuer saß. „Hör auf zu grübeln. Ich sehe doch wies hinter deinem hübschen Kopf mal wieder rattert. Du solltest vielleicht endlich mal handeln, mehr als nein sagen kann er ja nicht.“

Elias betrachtete das Profil seines Freundes.

Er seufzte schwermütig. „Was für eine Aussicht. Und genau vor diesem Nein hab ich fürchterliche Angst. Ich will einfach nicht von ihm zurückgewiesen werden.“ Wirklich, er könnte sich nichts schlimmeres vorstellen. Ihm ging es ja schon an die Nieren wenn Neville ihn ängstlich ansah.

Und er wusste selbst das er ein Nein nicht akzeptieren konnte, er würde einfach nicht aufhören können Neville anzusehen, ihm Nahe zu sein oder zu versuchen Neville umzustimmen. Aber er wollte nichts erzwungenes, er wollte Neville mit Haut und Haaren. Und das dieser von sich aus eine Annäherung starten würde war mehr als Zweifelhaft.

Er ergriff ja schon die Flucht wenn Elias die Treppe von seinem Büro herunter kam.

„Er hat in den nächsten Tagen eine Prüfung... weißt du wann?“

Mario setzte den Blinker und bog in die Straße ein, in der das Haus stand in dem Elias aufgewachsen war, nun ja, es war mehr eine Villa als ein Haus. Zu Elias Frage nickte er: „Ja, am Mittwoch, Mathe und bis dahin hat er jeden Tag die volle Schicht.“

Schon waren sie am schmiedeeisernem Tor angekommen, das in etwa widerspiegelte was Elias so an seiner Familie hasste. Ihr verdammtes Geltungsbedürfnis. Alles was sie besaßen, was sie anhatten oder was sie kauften, es musste entweder Sau teuer sein oder besonders wertvoll. Mario tippte einen Code in ein kleines Kästchen, das fast versteckt neben dem Gitter angebracht war. Sanft schwang das Tor auf, und sie fuhren die lange Auffahrt hinauf.

Als der Butler die Treppen hinuntergestürzt kam um ihnen aus dem Wagen zu helfen hoffte Elias, dass seine Mutter einen starken Scotch im Hause hatte.

OoOOoo

Neville hasste die Welt, er hasste Elias und Mario.. vorwiegend Elias, weil der ihn in dieses emotionale Tief gestoßen hatte und das Esquecer mit den Grapscherleuten hasste er auch und vor allem hasste er Tom Hanks, der einfach starb. Und Antonio Banderas alleine lies.

Schniefend kam er aus seinem Decken- und Kissenberg hervorgekrochen und angelte nach Tempotaschentüchern. Das ihn dieser Film auch immer so mitnahm.. er war sonst nicht der Mensch der bei Filmen heulte, zum Beispiel bei Titanic, er war im Kino gehockt, die Frau neben ihm benutzte schon das Hemd ihres Freundes als Taschentuch und er saß da und stopfte Popcorn in sich rein. Der Typ starb am Schluss... toll. Er fand es keinen großen Verlust.

Während die letzten Szenen des Films 'Philadelphia' über den Bildschirm flimmerten schneuzte Neville sich hingebungsvoll und kräuselte die kleine Nase. Er war fertig, fix und alle. Scheiß Verliebtsein, er hasste es. Ha noch ein Punkt auf seiner Liste.

Murrend schaltete er den Fernseher aus und runzelte die Stirn. Irgendwie hatte er jetzt Lust, aber dazu müsste er aufstehen. Und seine Katzen waren aufs bringen noch nicht dressiert. Die liesen sich überhaupt zu rein gar nichts dressieren. Dann musste er mal wieder selber ran. Schnaufend packte er seine Decke und wickelte sich darin ein, rollte über sein Bett und stapfte eingemummt in die Küche. Die beiden Katzen auf dem Sofa blinzelten ihn nur einmal an und schliefen dann weiter. Ihr Herrchen war nun einmal ab und zu verrückt, als Katze konnte man da ja schließlich kaum was machen.

Nach einigen Minuten im Kühlschrank hielt Neville triumphierend eine Dose Eiscreme in der Hand. Wieder im Bett angekommen fing er erst einmal an diese zu vernichten. Warum sollte er auch auf sein Gewicht achten? Für wen denn? Zufrieden stopfte er sich den ersten Löffel in den Mund. Wenn er schon einer unglücklichen Liebe nachtrauerte dann aber richtig.

In den nächsten Tagen versuchte er dem Chef und Mario aus dem Weg zu gehen. Da er jedoch mit Mario zusammen arbeitete gestaltete sich das ein wenig schwierig. Außerdem wollte er nicht das jemand mitbekam das er wusste was zwischen Elias und Mario lief. Was wenn die anderen Angestellten anfingen über Mario herzuziehen? Oder wenn Elias ihn feuerte, weil er meinte Neville könnte ihr Geheimnis ausplaudern? Neville wollte weder seine Freundschaft zu Mario noch seinen Job verlieren. Also hielt er sich so gut wie möglich im Hintergrund und bemerkte die traurigen Blicke von Mario nicht, der nicht wusste warum Neville ihm aus dem Weg ging.

Neville stapelte den leeren Bierkasten auf die anderen und wischte sich ächzend den Schweiß von der Stirn. Seit zwei Stunden räumte er das Lager auf, überprüfte die Bestände an Bier und Knabbereien und versuchte zu verdrängen, das er ein weiteres Mal gesehen hatte wie Elias Mario in sein Büro entführte. Seit dem Vorfall vor ein paar Tagen schien Neville sensibilisiert zu sein, er merkte immer mehr wie gut sich die beiden anscheinend kannten und wie nahe sie sich standen. Was das stechen in seinem Bauch nicht gerade beruhigte. Mehrmals am Abend zog er sich zurück in den hinteren Bereich um sich einzureden, dass er keinen Grund und auch kein Recht hatte so Eifersüchtig zu reagieren.

Hinzu mischte sich auch noch die Nervosität vor morgen, die alles entscheidende Matheprüfung stand an und seit Wochen war er nur am büffeln gewesen. Entschlossen lies er Lager Lager sein und machte sich auf die Suche nach seinem Rucksack, gab Horatio mal wieder ein Zeichen und verschwand um sich ein paar Übungen zu widmen.

Elias fand das Opfer seiner Begierde über seinen Block gebeugt, zwischen Kisten mit Gummibärchen im Lagerraum wieder. Er nahm sich kurz Zeit, das Bild das Neville abgab in sich aufzusaugen. Die Strähnen die ihm ins Gesicht fiel, die Zunge zwischen den Lippen und immer bevor er etwas aufschrieb kräuselte er seine Nase.

Elias fand diesen jungen Mann einfach nur anbetungswürdig. Er hatte das Bedürfnis, sich neben Neville hinzusetzten, ihm zärtlich die Strähnen aus dem Gesicht zu streichen und ihn minutenlang zu küssen. Doch statt diesem Drängen in ihm nachzugeben räusperte er sich nur.

Neville schreckte hoch.

Verwirrt drehte er den Kopf und als er sah wer in der Tür stand rappelte er sich eilig auf.

„Tut mir leid, ich hab völlig die Zeit vergessen, ich....ich geh sofort wieder an die Arbeit,“ versuchte er hastig seine Lage zu erklären. Scheiße scheiße scheiße. Das musste aber auch immer nur ihm passieren. Fahrig stopfte er seine Sachen in seinen Rucksack.

Es verletzte Elias zu sehen wie viel Angst Neville vor ihm hatte, sicher, er wusste wie seine Erscheinung manchmal auf andere Leute wirkte, aber das Neville anscheinend dachte Elias würde ihn jetzt zusammen stauchen, das kratzte schon arg an seinem Innerem.

Er erinnerte sich an Marios drängende Worte vorhin in seinem Büro, deswegen ging er auch nicht auf Nevilles Gestotter ein, sondern meinte: „Du schreibst morgen eine wichtige Matheprüfung?“

Neville war nur noch mehr verwirrt.

„Ja,“ sagte er vorsichtig.

Und dann geschah etwas womit er nie im Leben gerechnet hätte, einen Augenblick wurde er noch von Elias gemustert, dann lächelte ihn sein Boss an und sagte: „Das Lager ist nicht gerade der beste Ort um zu lernen, du kannst mein Büro benutzen.“

Verblüfft stand Neville mit offenem Mund da und vergaß fast seinem Chef zu folgen. Schnell stolperte er ihm hinterher, mit weichen Knien und heftig klopfendem Herzen. Elias hatte ihn angelächelt, und heilige Scheiße was für ein Lächeln, nicht dieses Geschäftsmäßige das er an den Tag legte wenn er mit den Getränkehändlern diskutierte, nein ein ehrliches, einfach herrliches Lächeln. Dieser Mann war schon so heiß, mit diesem Lächeln schien er gar vor Attraktivität zu brennen.

Den Rucksack fest an die Brust gedrückt folgte er Elias die Treppen hinauf und stand dann, nervös schluckend vor der Bürotür seines Chefs. Dieser öffnete die Tür und bedeutete ihm mit einer Geste einzutreten.

Ehrfürchtig ging Neville dicht an seinem Chef vorbei, sog dabei den unverkennbaren Duft von Elias ein, suchte scheu dessen Blick, senkte aber schnell die Augen als er die dunklen des anderen gefunden hatte.

Er würde ganz bestimmt an Herzversagen sterben wenn er auch nur eine Stunde zusammen mit Elias in einem Raum verbrachte.


Kapitel 3

Verstohlen sah sich Neville im Büro um. Eigentlich hatte er es sich etwas anders vorgestellt, ungewöhnlich persönlich. Es passte nicht Recht zu Elias Auftreten und Art. Er hätte Leder erwartet: Business Like. Und keinen einfachen Schreibtisch, sogar mit Bildern, eine cremefarbene Couch, die gerade dazu einlud sich draufzufläzen. Etwas unsicher und ziemlich verloren stand er inmitten des Raumes und hoffte nicht gleich durch das Piepen seines Weckers aus diesem Traum gerissen zu werden.

Er stand hier, im Zimmer des Chefs. Dem Typen, wegen dem er wohlgemerkt eine ganze Dose Eiscreme in sich hineingestopft hatte.

Elias konnte sich ein kleines Lächeln nicht verkneifen, als er Neville beobachtete. Außer Mario und ein paar Sicherheitsangestellten hatte auch noch nie jemand sein Büro betreten.

„Du kannst dich aufs Sofa setzen, ich hoffe der Tisch ist hoch genug,“ meinte er und seine Stimme klang etwas rauh. Er hatte einen Kloß im Hals und versuchte sich unauffällig zu räuspern.

Neville war so in seinen Gedanken versunken das er etwas zusammen zuckte. „Danke,“ flüsterte er schüchtern und tapste schnell auf die Couch zu. Definitiv, er würde an Herzversagen sterben. Man sollte dem Schicksal verbieten einen mit dem Schwarm, dem bereits vergebenem Schwarm, in so eine Situation zu bringen.

Während ihm sein Herz bis zum Hals schlug machte er es sich auf dem Sofa bequem.

„Danke schön, ist wirklich nett von ihnen das ich hier lernen darf,“ sagte er und lächelte seinen Chef fröhlich an. Zwar würde er sich in der Gegenwart von seinem Schwarm nicht gerade konzentrieren könne, aber die Geste zählte.

Elias nickte nur und setzte sich seinerseits an seinen Schreibtisch, er hatte dort seinen Laptop stehen und ein paar Geldangelegenheiten wartete auf seine Aufmerksamkeit.

Es verlieh dem Raum irgendwie eine andere Atmosphäre wenn Neville nur wenige Meter vor ihm auf dem Sofa hockte. Der Raum erhellte sich und wirkte freundlicher.

Es konnte natürlich auch an seiner Verliebtheit liegen, Elias grinste ein wenig über sich selbst und beschloss die Präsenz von Neville, wenn er seine Konzentration nicht verlieren wollte, erst einmal zu ignorieren.

Eine Weile arbeitete sie still neben einander her, und nur das Tippen von Elias Fingern auf der Tastatur war zu hören, oder das energische radieren von Neville wenn er Stirnrunzelnd an einer Aufgabe festsaß.

Dennoch konnte keiner von beiden verhindern das ihre Blicke immer mal wieder zum anderen abschweiften und sie einige Sekunden in dem Anblick schwelgten.

Und obwohl in Neville der Schmerz immer größer wurde, kam er nicht umhin Elias zu bewundern, wie er in seinem Stuhl saß, die schlanken Finger, die über die Tastatur rasten, das schwarze Haar das ordentlich unordentlich aussah und ihm nie ins Gesicht fiel.

Er wusste das es nicht gut war so von seinem Chef, zu denken und es schnürte ihm die Luft ab, aber der Anblick von Elias war für ihn eine Art Ablenkung, wenn er bei einer Aufgabe nicht weiterkam. Und das geschah in diesem Raum ziemlich oft.

Immer öfter fiel sein Blick auf die Bar, die direkt hinter der Tür eingebaut war, ein Glas Wasser so zur Abkühlung wäre jetzt wirklich nicht schlecht.

Sollte er Elias fragen? Überlegend kaute er auf seinem Stift herum. Aber was wenn er Elias bei etwas wichtigem störte? So wie der die Tastatur malträtierte....Dennoch, er hatte wirklich Durst. Oder sollte er einfach frech sich selbst was zu trinken holen? Lieber nicht. Ein letzter sehnsüchtiger Blick zur Bar und er widmete sich wieder seinen Aufgaben.

Dann erhob sich Elias plötzlich und Neville zuckte erschrocken zusammen.

Elias blieb an der Tür stehen, runzelte die Stirn und sah zu Neville, so als hätte er erst jetzt registriert das er da war.

„Ich geh mal schnell runter und schau nach dem Rechten, du kannst dir was zu trinken nehmen wenn du durstig bist,“ sagte er und zeigte auf die Bar.

Neville grinste und nickte. Kaum schloss sich die Tür stand er auf und huschte zur Bar. Teuer aussehender Whiskey, zehn verschiedene Weine und Biersorten standen ordentlich sortiert im Schrank. Neville entschied sie für Wasser. Auch wenn etwas Hochprozentiges ihm dabei geholfen hätte hier nicht zu hyperventilieren. Naja... wenn er betrunken wäre würde er sich erst Recht an Elias Hals schmeißen.

Er gähnte, strich sich durchs Haar und ging zurück zur Couch. Ein paar Aufgaben noch, dann könnte er wieder gehen. Und um so schneller er hier raus war umso besser.

Also, volle Konzentration voraus.

„Bring mir irgendwas mit viel Alkohol,“ brummte Elias als er bei Mario an der Bar angekommen war. Geschafft lies er sich auf einen Barhocker nieder und seufzte gequält.

„Gefühlsausbruch in der Öffentlichkeit?? Mr. Zacha, ich bin erschüttert“, witzelte Mario und schenkte Elias ein Glas Sherry ein. Zurück bekam er nur einen biestigen Blick.

„Ich halt das echt nicht aus. Heute hab ich nicht mal das viertel von dem geschafft was ich sonst schaffe,“ murmelte er mit gesenkter Stimme.

„An wem das wohl liegt,“ nuschelte Mario. Er wollte wirklich nicht in Elias Wunde bohren, aber wie der sich anstellte.... Und jetzt litt auch noch Marios Freundschaft zu Neville. Und ja, er schob es Elias in die Schuhe. Eisklotz, Emotionskrüppel.

Schön, es war eine schwierige Angelegenheit, Chef und Angestellter, trotzdem: Irgendwie ist das doch hinzubekommen!

Horatio stand am anderen Ende der Bar und war mal wieder am Gläser putzen. Etwas irritiert sah er seinem Chef beim trinken zu. Neville war also im Büro von Elias...... interessant. Während er ein Glas gegen das Licht hielt um die Sauberkeit zu prüfen machte er sich seine ganz eigenen Gedanken zu dieser Sache.

Neville gähnte. Das Adrenalin, das ihn sonst immer durch die Nacht jagte fehlte und machte sich per Müdigkeit bemerkbar. Eine halbe Stunde war um und noch immer kein Zeichen von Elias. Es würde sicher nichts ausmachen wenn er sich ein paar Minuten aufs Sofa legen würde. Träge strich er sich die Schuhe von den Füßen und kuschelte sich in die weiche Couch. Er würde es schon merken wenn Elias wieder kommen würde. Und kaum hatte er die Augen geschlossen, schlief er ein.

Eine weitere halbe Stunden später merkte er nicht wie sich die Tür des Büros öffnete.

Elias stapfte langsam die Treppe hinauf, seine Beine fühlten sich bleischwer an. Ein Zeichen für den Alkohol den er intus hatte. Er trank eigentlich nie etwas, und wenn dann schlug es sehr schnell an. Gequält rieb er sich das Gesicht. Er wollte nicht in dieses Büro hinein und wissen das die Person die dort zu finden war nicht zu ihm gehörte. Beziehungstechnisch gesehen.

Also starrte er eine Minuten lang die Tür an. Verdammt er hatte es schon so lange geschafft dem Drang zu widerstehen, da würde diese Situation nicht gerade dazu führen das er sich gehen lies.

Als er die Tür öffnete und suchend die Gestalt auf der Couch erblickte, schwankte seine Selbstbeherrschung.

Leise schloss er die Türe und schlich sich näher an die schlafenden Gestalt.

Ein sanftes Lächeln zierte sein Gesicht als er sich auf den Tisch setzte und sich über Neville beugte. Er musste ziemlich geschafft sein, den ganzen Tag für die Schule lernen, und dann auch noch abends arbeiten. Elias bewunderte den jungen Mann dafür.

Und dafür, das er im Esquecer eigentlich ziemlich viel verdiente, lebte er in bescheidenen Verhältnissen, wie er aus Mario herausquetschen konnte.

Er seufzte. Die Liste warum Neville einfach der einzige für ihn war, war lang. Und erweiterte sich um jede Minute die er in Nevilles Gegenwart verbrachte. Sanft strich er dem Schlafendem eine Strähne aus dem Gesicht. Er konnte nicht anders, es war wie ein innerer Instinkt der ihn leitete. Zumindest konnte er sich noch soweit beherrschen, dass er Neville nicht küsste.

Missmutig lies er von ihm ab und sah sich dessen Hefte an.



Ein nerviges Piepsen riss Neville aus seinem Schlaf. Murrend fuhr er sich durchs Gesicht. Er wollte nicht aufstehen. Doch auch das Piepsen hörte nicht auf. Schnell streckte er seine Hand aus um den Wecker den Garaus zu machen doch das einzige was er fand war...nichts. Prüfend tastete er mit seiner Hand weiter, doch das einzige was er füllte war Luft. Irritiert öffnete er die Augen. Blinzelnd sah er sich um, nur um dann erstickt aufzuschreien und mit einem lauten Plumps vom Sofa zu fallen.

„Ouch...“

Stöhnend lag er verheddert in einem Jackett auf dem Boden. Wo war er? Erstmal befreite er sich aus dem Jackett und rieb sich ächzend seinen Hosenboden. Okay.... ein Tisch, nicht seiner. Ein Boden, nicht seiner. Dieser Raum: Ganz bestimmt nicht seiner!!!

Es dauerte einige Sekunden bis er kapierte warum er hier war.

„Scheiße,“ hauchte er und rappelte sich hoch. Er war hier eingeschlafen.

EINGESCHLAFEN!!!!!!

Was wenn Elias hier gewesen war, ihn gesehen hatte. Hektisch sah er sich um. Kein Chef.... nervös fuhr er sich durchs Haar und setzte sich auf die Couch. Wie lange hatte er überhaupt geschlafen? Das ihn plötzlich ein Sonnenstrahl blendete lies ihn erstarren.

Sonnenstrahl...Sonne.. es ist Tag..

„SCHEIßE!“ Schnell durchsuchte er seine Sache nach seiner Uhr. Die Prüfung. Fuck er hatte doch heute seine Prüfung. Er wollte gerade nach seiner Uhr greifen als ihm ein Blatt Papier auffiel.

„Guten Morgen,

Habe einen Wecker gestellt damit du pünktlich aufwachst. Schließe bitte den Club ab und nimm den Schlüssel mit.

Viel Glück bei deiner Prüfung

Elias“

Ein warmes Gefühl durchflutete ihn. Wenn er nicht schon längst in seinen griesgrämigen Chef verliebt wäre dann hätte es ihn jetzt voll erwischt.

Schnell packte er seine Sachen zusammen, schnappte sich den Schlüssel der neben dem Zettel gelegen hatte und sprintete aus dem Raum.

Es war komisch durch das vollkommen leere Esquecer zu laufen. Er sah sich noch einmal um, aktivierte die Alarmanlage und schlüpfte dann aus dem Personalausgang. Er sperrte ab, schultere seinen Rucksack und rannte los.

Mit dem Hochgefühl in seinem Bauch würde er die Prüfung mit links bestehen.

OoO

„Stell dir vor, sie hat doch tatsächlich zugegeben sich die Brust vergrößert hat lassen...“

Warum war er eigentlich ausgezogen ?

„Obwohl ich und Carrie ja der Meinung sind, dass das noch nicht alles war...“

Sie fanden ihn doch sowieso überall.

„Du musst dir mal ihre Wangen näher anschauen, da ist ganz sicher was gemacht worden...“

Warum brachte ihm dieser Kellner nicht endlich seinen Whiskey? Oder Strohrum..irgendwas womit er sich die Birne wegätzen könnte.

Während seine Schwester genüsslich ihren Salat ('Ich muss ja auf mein Gewicht achten, nicht das ich das nötig hätte, aber man sollte das ja nicht herausfordern...') in sich hineinschaufelte und über die hiesige High Society herzog, saß Elias ihr gegenüber und versuchte sich die Kopfschmerzen wegzumassieren.

Ziemlich klug von ihr ein gut besuchtes Restaurant auszusuchen, da konnte sie sicher sein das er sie nicht einfach erwürgte. Er hätte viel wichtigeres zu tun, als sich von hier zuschwafeln zu lassen. Zum Beispiel an Neville zu denken, der jetzt in seiner Prüfung saß. Ob er rechtzeitig aufgewacht war? Den Zettel gefunden hatte? Hoffentlich.

Seine Augen wurden warm als er das schlafenden Gesicht zurück dachte. Die leicht geöffneten Lippen, der friedliche Gesichtsausdruck. Am liebsten hätte er sich daneben gekuschelt und Neville nie mehr losgelassen. Weswegen er das Büro dann auch fast schon fluchtartig verlassen hatte. Irgendwann hätte er sich nicht mehr zurückhalten können.

Dennoch, hätte er gewusst welches Biest ihn in seine Klauen gefangen genommen hätte, wäre er in seinem Büro geblieben, den GANZEN TAG!!!

Er stocherte in seinem eigenem Salat herum.

Aus seinen Überlegungen wurde er gerissen, als eine ungewöhnliche Ruhe einkehrte. Seine Schwester ( namens Amelia) musste den Mund wegen eines großen Salatblattes halten.

„Also“, nutzte er die Gunst der Stunde, „Was genau willst du?“

Amelia verschluckte sich.

„Wieso kommst du darauf das ich was will?“, empörte sie sich. Elias sah sie bedeutend an und griff nach seinen Zigaretten.

„Wir reden seit Jahren nur noch das nötigste, also..was willst du?“, fragte er kalt.

Sie sah ihn genauso kalt an und wischte sich dann ihre perfekt geschminkten Lippen an einer Serviette ab.

„Schön... es geht um Dad. Er war gestern beim Notar und hat sein Testament beglaubigen lassen.“

„Ist er etwa krank?“

„Nein,“ geschäftlich überschlug sie ihre Beine und lehnte sich zurück, „er doktert seit Jahren an seinem Testament herum und jetzt hat er es schon wieder geändert.“

„Und? Ist nichts neues!“ Elias war genervt, konnte diese Schlange nicht mal auf den Punkt kommen.

„Diesmal hat er aber gesagt das es endgültig ist, die Papiere sind schon auf den Weg in den Tresor. Tja, und jetzt kommst du ins Spiel, er will dir neben Mum den größten Teil vererben. Ich bin damit nicht einverstanden. Du hast schon deinen Klub..“

„Diesen Club hab ich ohne Dads Hilfe aufgebaut, ohne sein Geld und ohne das Geld irgendeines anderen Familienmitglieds, wenn ich dich erinnern darf war es vorher eine kleine Kneipe. Ich allein hab sie soweit gebracht was sie heute ist;“ unterbrach er sie barsch. Kühl funkelten sie sich über den Tisch an.

„Ich will das du auf dein Erbe verzichtest.. schon weil du seit Jahren die Familie nicht unterstützt.. und wegen deines Lebenswandel,“ zischte sie ärgerlich.

„Ich lege keinerlei Wert auf das Geld dieser Familie.. wenn es dich glücklich macht rede ich mit Dad.“

„Diese Familie, wie kannst du nur so verächtlich reden. Diese Familie hat dich dorthin gebracht wo du jetzt stehst.“ Empört stand Amelia auf und warf die Serviette auf den Tisch, mit einem letzten verächtlichem Blick stapfte sie auf ihren hochhackigen Schuhen aus dem Restaurant.

Weiß traten seine Fingerknochen hervor, seine Hand war in die Lehne des Stuhl gekrallt und nur mühsam beherrscht er sich.

Diese Familie hatte ihn zu gar nichts gebracht. Seit sie begriffen hatten wie sehr sein Schwulsein ihrem Ruf schadete, hatten sie ihn noch weniger als sonst schon unterstützt.

Tief atmete er ein und aus. Schön, wenn er mit seinem Vater redete und auf sein Erbe verzichtete würden sie ihn wahrscheinlich endgültig in Ruhe lassen.

Wäre zu seinem Vorteil. Er rief nach dem Ober um die Rechnung zu bezahlen.



Kapitel 4

„Gut, legen Sie die Stifte beiseite, überprüfen sich noch einmal ob Sie auf alle Blätter Ihren Namen geschrieben haben und legen Sie die Blätter vorne auf Ihr Pult“, ordnete der schnauzbärtige Mann im karierten Sakko an. Seufzend legte Neville seinen Stift beiseite und fuhr sich mit den schwitzigen Fingern durchs Haar. Seine Beine fühlten sich wie Pudding an, sein Magen rumorte ungesund und seine Hände zitterten.

Dennoch, im Allgemeinem hatte er ein gutes Gefühl. Als der Prüfer seinen Bogen einsammelte konnte er endlich ausatmen und lehnte sich in seinem Stuhl zurück.

War ja eigentlich ganz gut gelaufen. Schnell packte er seinen Kram zusammen. Kaum trat er aus dem Gebäude raus und die Sonne strahlte ihm ins Gesicht fing er an zu grinsen.

„YEAH!“, schrie er und hüpfte die Stufen hinunter. Verdammt fühlte sich das gut an. Er ignorierte die befremdeten Blicke umstehender Passanten und rannte zur S-Bahn.

Er würde sich heute eine Massage gönnen und sich dann im Esquecer in die Arbeit stürzen. Es gab was zu feiern.... auch wenn er noch nicht wusste wie die Prüfung ausfiel. Schon allein das er hier an diesem Punkt stand, es geschafft hatte, das war ein Grund zu feiern.

Der Himmel war auf einmal viel blauer, die Sonne schien heller und allgemein schien der Sommer endlich auch ihn erreicht zu haben.

Lachend stieg er aus der S-Bahn. Bäume ausreisen, ja, das müsste für ihn möglich sein. Als er daheim ankam, knuddelte er erst einmal seine Katzen ordentlich durch und verging sich an seinem Kühlschrank.

„So, bin weg...“, rief er seinen Katzen zu. Bevor er jedoch aus der Wohnung verschwand fiel sein Blick auf den Kalender und einen rot eingerahmten Tag. Es war mal wieder soweit... zumindest hatte er jetzt etwas zu erzählen. Pfeifend machte er sich auf den Weg zu einer wohltuenden Massage.

OoO

Die schöne, schwerfällige Stimmung hatte sich endlich seiner Bemächtigt. Naja, endlich... er kippte ja schon um wenn er eine Flasche Wein nur schief ansah. Träge ruckelte er sich auf seinem Sofa zurecht und betrachtete das Weinglas.

Er sollte aufpassen, in letzter Zeit wuchs sein Hang zum Alkohol.

Dennoch.... sein Gesicht verfinsterte sich, diese Schlange von einer Schwester. Was hatte sie schon jemals geleistet? Sie lebte glücklich mit dem Geld ihrer Familie, lies sich aushalten, würde irgendwann einen reichen Mann heiraten und hätte noch keinen ihrer perfekt manikürten Finger dafür gehoben.

Elias knurrte und nahm noch einen Schluck Wein. Und dann kam sie an, machte ihn an weil er schwul war und verlangte auf sein Erbe zu verzichten. Auf das er sowieso verzichten könnte. Es war ihm egal wie viel ihm sein Vater auf einmal vermachten wollte. Konnten ihn doch alle mal kreuzweise..... sein Onkel war der einzige gewesen, der ihm etwas zugetraut hatte. Er hatte ihn gefordert, ihm die Chance gegeben etwas eigenes aufzubauen. Da sollte Amelia mal von ihrem hohen Ross runter kommen.

Er verzog seinen Mund zu einer Schnute, stellte das Glas weg und griff sich ein Kissen.

Außerdem war ihm sowieso alles egal, er wollte nur den einen:

NEVILLE!!

Seufzend drückte er das Kissen, wenn ihn jetzt jemand sehen könnte, wie er sich bemitleidete, sich betrank und vor Liebeskummer zerfloss. Selbst Mario würde wahrscheinlich erschrecken und der kannte ihn schon sein Leben lang.

Was machte er eigentlich? Verdammt, er hatte sich noch nie so gehen lassen. Schwerfällig richtete er sich auf.

Bis jetzt hat er immer alles bekommen was er haben wollte.

Grimmig stand er auf, schwankte und kicherte etwas dümmlich. Ha, wer brauchte seine Familie? Mit denen hatte er schon vor Jahren abgeschlossen.

Er torkelte zum Telefon und wählte mit zusammengekniffenen Augen eine Nummer.

„Hey Mario!! Du musst mir helfen,“ nuschelte er in den Hörer, als sich sein bester Freund am anderen Ende meldete.

OoO

Mario kicherte und lies sich gegen die Kante von Elias Schreibtisch sinken.

„Wirklich... langsam zweifle ich ernsthaft an deinem Verstand.“

Der Ausgelachte knurrte nur, stöhnte dann aber als sein Kopf ihm das rucken übel nahm. Er lag auf seiner Couch im Büro und hatte einen Beutel voller Eiswürfel auf seiner Stirn liegen, die die ungeheuerlichen Schmerzen in seinem Kopf lindern sollten.

„Oho,“ stöhnte er abermals und schwor sich nie wieder in seinem Leben auch nur einen Tropfen Alkohol anzurühren.

Mario konnte wieder nichts anderes tun als zu lachen und tat es auch ausführlich. Aber sein großer, kühler Freund war schon so einer.

„Ach, am liebsten hätte ich das Gequatsche aufgenommen, das du am Telefon von dir gegeben hast“, verkündete er vergnügt.

„Dein, wie du so schön gesagt hast, absolut brillanter Plan Neville zu erobern.“ Mario schüttelte lachend den Kopf. „Dein Gebrabbel war wirklich einmalig, schön das ich das noch erleben durfte.“

„Halt die Klappe und sei leise,“ knurrte Elias abermals und schalt sich einen Dummkopf. Nicht nur das er überhaupt keine Ahnung mehr hatte wie sein brillanter Plan ausgesehen hatte, nein dieser Mario machte sich auch noch voller Freuden über ihn lustig. Der kann was erleben wenn er mal wieder wegen einer Gehaltserhöhung bei ihm angetanzt kam.

Grummelig runzelte er die Stirn, drehte sich vorsichtig und schielte zu Mario, der auf den Boden gerutscht war vor lauter Lachen.

„Hey Witzbold.... wie sah der Plan aus“, fragte er leise. Neugierig war er ja schon was sein geniales Hirn in seinem Suff ausgebrütet hatte.

Mario wischte sich die Lachtränen aus den Augen und sah Elias fröhlich an.

„Ein absoluter genialer, und stichhaltiger Plan“, erklärte er, prustete aber ob der Erinnerung wieder los und lies sich zur Seite fallen.

Elias schnaubte und rollte mit den Augen. Aus dem konnte er heute auch nichts mehr rausholen.

„Hör auf zu lachen und hol eine Aspirin“, befahl er. Mario tat schnell was sein Chef von ihm verlangte und verlies breit grinsend dessen Büro. Aber irgendwann konnte er sich nicht mehr zurückhalten und würde Neville brühwarm erzählen wie Elias so wegen ihm drauf war.

Der stand ahnungslos an der Bar und unterhielt sich mit Horatio. Im Esquecer war diesmal unter der Woche nicht sehr viel los. Beide hoben verwundert den Kopf, als Mario kichernd die Treppe vom Büro herunter kam.

Neville runzelte kurz die Stirn, tat dann aber so als hätte er nichts bemerkt. Das er den Kugelschreiber fast zum verbiegen brachte, so fest wie er ihn hielt bemerkte er nicht.

Aber wirklich, wenn sich Mario noch auffälliger aufführte würde bald irgendjemand Verdacht schöpfen, vielleicht sollte er doch mal mit ihm reden und ihm sagen das er Bescheid wusste. Er könnte ihnen den Rücken freihalten, oder sich bei den anderen umhören ob schon Gerüchte im Umlauf waren. Murrend durchstrich er sein Männchen das er auf seinen Block gekritzelt hatte. Eigentlich wollte er Mario und Elias gar nicht helfen, er wollte das alles rauskam und Mario gefeuert wurde. Und für diese Gedanken bekam er schon Bauchschmerzen vor lauter schlechtem Gewissen. Langsam sollte er sich zusammenreisen. Wenn die beiden sich wirklich liebten, würde Elias wahrscheinlich eher die rausschmeißen, die sich gegen sie stellen würden. Ja, so stellte er sich das vor. Elias der für seine Liebe kämpfte. Das anstatt Mario er die Rolle der geretteten Prinzessin einnahm verdrängte er. Träumen durfte ja noch erlaubt sein.

Er schnaufte ungehalten, als Mario hinter die Theke trat und in den Schubladen anfing zu suchen. Schnell machte Neville sich vom Acker. Fröhlichkeit konnte er auf einmal nicht mehr abhaben.

Es dauerte zwei Wochen bis die Prüfungsergebnisse von Neville bei seiner Abendschule vorlagen und bis dahin schien es als würde die Kluft zwischen ihm und Mario/Elias immer größer werden.

Freilich, ein Außenstehender würde kaum bemerken, dass das Dreiergespann Horatio, Neville und Mario nicht mehr das war was es einmal war. Sämtliche gemeinsamen Aktivitäten beschränkten sich in diesen zwei Wochen radikal auf das absolute Minimum. Keine mitternächtlichen Rundrufe von Mario der den beiden einen irren Traum erzählen wollte und die Frühstücksrunden fielen ganz aus. Horatio verstand die Welt nicht mehr, denn zumindest er konnte sich auf das Verhalten von Mario und Neville keinen Reim machen. Es war klar das zwischen den beiden etwas nicht stimmte. Er war schließlich der stille, coole Beobachter und so wie die beiden umeinander rumschlichen war das langsam nicht mehr heilig.

Doch er konnte auch nichts tun, als seine beiden besten Freunde schmerzlich zu vermissen und zu warten. Zu Hoffen das sich doch noch alles klären würde. Und wenn das passierte dann würde er ihnen einen Tritt in den Hintern verpassen, das sie drei Wochen nicht mehr sitzen konnten.

Der Tag am dem Neville sein Ergebnis gesagt bekam, und somit eigentlich geklärt war ob er bestanden hatte, war ein sonniger Freitag. Der Sommer war auf einem Siegesfeldzug quer durch die Stadt und in der Hitze konnte sich Neville eigentlich was besseres vorstellen, als durch die Stadt zu laufen, sämtliche Eisdielen zu ignorieren, und in ein Gebäude zu gehen, das nicht einmal eine Klimaanlage hatte.

Seine Aufregung tat das Übrige. Dreimal war er versuchte einfach umzudrehen und sich in seiner Wohnung im Bett zu vergraben und nie wieder heraus zu kommen. Doch irgendwie hatten seine Beine ein Eigenleben und trugen ihn schnurstracks zur Volkshochschule¹. Eigentlich hatte er ja ein gutes Gefühl bei der ganzen Sache, aber irgendwie war er darauf gefasst, dass irgendwas schief gehen würde.

Zwei Stunden später platzte er in das Esquecer hinein:

„ICH HABE BESTANDEN!!!!!“

Gläser und Flaschen gingen zu Bruch..... Horatio, der gerade unter Aufbringung aller akrobatischen Kräfte ein Tablett balancierte hatte, tauchte nass und Splitter überströhmt hinter dem Tresen wieder auf.

„Was machst du da?“

„Spielen?“, knurrte Horatio zurück und machte sich auf den Weg den Wischmopp zu holen.

Neville zuckte nur mit den Schultern und grinste weiterhin breit. Ein Gefühl, wie flüssiges Glück das durch ihn hindurch floss.

Als Horatio wieder kam, warf er sich ihm einfach um den Hals.

„Bestanden, bestanden...“ jubilierte er und zertrat die Scherben, als er von Horatio wieder abließ und einen Siegestanz aufführte. Er könnte die Welt umarmen, sein Abschluss war so gut wie in der Tasche. Was konnte da noch schiefgehen??

Was für ne blöde Frage, ein Mario der fröhlich aus dem Büro des Chefs herunterkam. Schlagartig verschwand das Grinsen auf Nevilles Gesicht und ein dumpfes Gefühl breitete sich in seinem Bauch aus.

Fröhlich trabte Mario zu ihm herunter: „Ich hab dich schreien hören, hast du bestanden?“

„Jepp,“ um ein Lächeln bemüht kramte Neville seinen Bogen aus dem Rucksack und deutete Stolz auf die volle Punktzahl.

„Das sollte gefeiert werden,“ sagte Mario und umarmte Neville. Er war wirklich stolz, Neville hatte so hart gearbeitet und nun geschafft.

„Nein nein.. ist schon okay,“ beeilte sich Neville zu sagen und schälte sich verlegen lächelnd aus der Umarmung.

„Ich habe heute viel zu tun,“ erklärte er noch und packte seine Prüfung wieder weg.

OoO

Elias Herz ging schnell, zu schnell zu diesem Zeitpunkt, und es sah auch nicht so aus als würde es sich in den nächsten Stunden wieder beruhigen. Wie ein Tiger im Käfig lief er vor seiner Tür auf und ab.. sollte er oder sollte er nicht?

Warum war das ganze auch so kompliziert? Grummelnd fuhr er sich durchs Haar und stapfte zu seiner Bar. Während er sich einen Whiskey einschenkte atmete er tief durch.

Einfach nicht verrückt machen lassen. Er hatte schon oft Männer zum essen eingeladen, und nie einen Korb bekommen.

Okay, bei den meisten stand auch nicht so viel auf dem Spiel wie hier.

Schnell leerte er das Glas auf einen Zug.

Das ganze konnte er nur angetüttelt hinbekommen.

Er sah auf die Uhr, straffte sich und sprach sich noch einmal Mut zu. Was konnte schon schief gehen? Außer das man ihm das Herz in tausend Stücke brach..

Verdammt seit wann war er so ein Waschlappen. Mit gerunzelter Stirn riss er die Tür auf und ging aus seinem Büro.

Wäre ja gelacht wenn er das nicht hinbekommen würde.

Während die letzten Gäste sich noch einen gehörigen Kater antranken, sie sich auf der Tanzfläche verausgabten, begannen die Angestellten in der Bar schon damit die letzte Runde auszurufen und Knabbereien sowie die Getränke aufzuräumen.

Fest den Blick auf das Opfer seiner Begierde gerichtet ging Elias auf Neville zu. Er wusste nicht wie er wirkte. Seine große Gestalt, das er die Stirn immer noch gerunzelt hatte und somit noch mehr aussah wie ein Rächer auf Rachefeldzug.

Neville spürte seine Präsenz schon von weitem. Irritiert sah er auf, direkt in die dunklen Augen seines Chefs. Bei ihrem Ausdruck zuckte er zusammen.

Was hatte er getan? Hatte er irgendwas angestellt? Urplötzlich wünschte er sich die Erde würde aufgehen und ihn verschlucken, doch das tat sie natürlich nicht. Nur Elias kam näher, mit einem Gesichtsausdruck zum fürchten.

Schnell stellte Neville die letzten Kästen auf ihren Platz und wappnete sich innerlich für das was kommen konnte. Was es auch immer war! Aber er rechnete schon mal mit dem Schlimmsten.

Er fuhr sich durchs Haar, strich sein Hemd glatt und lächelte Elias an , als dieser bei ihm angekommen war.

„Hallo!“

Elias räusperte sich...Fuck, seine gesamte Konzentration plus Selbstbewusstsein war gerade den Bach runtergegangen, dieses Lächeln war ja zum töten.

„Ähm... ich habe gehört du hast deine Prüfung bestanden?“, haspelte er drauf los, fuhr sich nervös durchs Haar, seine Hände waren Schweißnass und das seltsame Rumpeln in seinem Magen nahm zu.

„Ähm ja.. hab ich,“ antwortete Neville genauso nervös und sah in sämtliche Richtungen nur nicht in Elias Gesicht. Sonst wäre ihm wahrscheinlich der Mund offen geblieben und er wäre in der Betrachtung versunken. Selbst eine Bombe, die direkt neben ihm hochginge würde ihn dann nicht mehr aus seiner Träumerei herausholen.

„Meinen Glückwunsch..“ wünschte Elias mit einem ehrlichem, offenem Lächeln und hielt ihm die Hand hin.

Was ein irgendwie taktischer Fehler war. Denn Neville ergriff sie.

Spürte der andere auch dieses erhebende, kribbelnde Gefühl, angefangen von den Fingerspitzen, das sich hocharbeitet bis es die Nackenhaare hochstehen lies. Ob der andere auch auf einmal dieses warme Gefühl im Bauch hatte, das sich gar nicht beschreiben lies, und das man nie mehr wegdenken konnte? Würde er nach diesem Handdruck seine Hand auch mehrere Wochen lang wie hypnotisiert anstarren?

Es dauerte nur ein paar Sekunden, während sich ihre Hände berührten, doch es war wie das auftauchen nach tauchen im Meer, wenn man tief einatmet. Das erste Mal Eis im Sommer. Die ganze Umgebungen war getaucht in neue Farben.

¹ Volkshochschule: Ich weiß nicht ob sowas in anderen Bundesländern auch gibt ^^°. Eine Volkshochschule ist keine Schule wie man sie sich allgemein vorstellt. Das ist ein Gebäude in dem man verschiedene Kurse besuchen kann. Zeichnen, Sprachen, Musik und vieles vieles mehr.

Und gefangen in diesen dunklen Augen, die auf einmal so viel versprachen wusste Neville das er einfach nichts mehr dagegen unternehmen konnte. Vielleicht war er ein widerlicher, egoistischer, falscher Freund aber Mario konnte ihm mal den Buckel runter rutschen. Er wollte diesen Mann vor ihm , wie er noch nie jemanden zuvor gewollt hatte.

Und dieser, trotz der Nervosität die in ihm tobte, konnte er die Worte aussprechen die er Neville sagen wollte: „ Ich würde dich zur Feier des Tages gerne zum Essen einladen.“

Und ohne das Neville sein Gehirn eingeschaltet hatte, gefangen immer noch in seinem Traumland, kam ein selbstverständliches, fast schon jubilierendes :

„Ja...gerne,“ über seine Lippen.

Plötzlich war er für 20 Uhr zum essen eingeladen. Während er auf Elias Rücken starrte, der zurück in sein Büro ging und nur schwer ein breites Lächeln unterdrücken konnte fragte er sich was genau da gerade in ihn gefahren ist?

Das triumphierende und auch erleichterte Grinsen von Mario bekam er schon gar nicht mehr mit so schnell musste er nach Hause.

OoO

„Ich habe rein gar nichts anzuziehen,“ jammerte Neville in sein Telefon und zog das tausendste Hemd aus seinem Schrank. Die tausend anderen, die schon in seinem Schlafzimmer verstreut lagen und sogar diverse Katzen unter sich begruben erwähnte er nicht.

„Es wird ja wohl nicht so schwer sein, sich eine Hose und ein passendes Hemd dazu auszusuchen,“ dröhnte es genervt aus dem Hörer an dem Horatio dran war.

„Hey, ich hab schließlich keine Ahnung in welches Restaurant wir gehen. Was wenn da Krawatte Pflicht ist? Scheiße,“ Neville durchforstete seinen Schrank, „Ich weiß gar nicht ob ich überhaupt eine habe.“

Horatio brummte.

Das konnte was werden. Ein Hyperaktiver auf Outfit suche....toll und er war der Depp am Ende der Leitung.

„Er hätte dir sicher gesagt wenn es ein piekfeines Restaurant wäre!“, behauptete er um Neville wenigstens in der Krawattenfrage zu helfen.

„Aber wenn es ein wenig fein ist? Da kann ich doch nicht mit T-Shirt und Jeans auftauchen.“ Und schon ging das jammern weiter.

Während er sich verschiedene Outfits vor den Körper hielt und sich dabei im Spiegel begutachtete, knabberte er nervös an seiner Unterlippen.

Er würde am liebsten vor Freude in die Luft gehen oder sich vor Nervosität in einem dunklem Eck verkriechen. Das konnte in Sekunden wechseln.

Er schaltete Horatio auf Lautsprecher.

„Weißt du noch, diese schwarze Stoffhose...wie findest du die?“

„Die wir gekauft haben, als Mario mal wieder einen seiner Liebeskummeranfälle hatte?“

„Genau die,“ bestätigte Neville und zog sie probehalber an.

„Find ich gut, ist eigentlich genau perfekt. Damit kannst du ins Mcdoof gehen und ins Oberklasseschikeriarestaurant,“ bestimmte er, damit Neville nicht auf die Idee kam an dieser Hose was auszusetzen, sonst würde das noch Stunden weiter gehen.

Kritisch betrachtete Neville sich von allen Seiten. Er mochte diese Hose, sie machte so einen Knackarsch. Schnell bekam er rote Ohren und unterdrückte ein Kichern. Nicht das er seinen Chef mit seinem Knackarsch bezirzen wollte. War ja schließlich kein Date.....

Whaaaaa. Schnell schüttelte er den Kopf und kniff sich in die gerötete Wange.

An was er schon wieder dachte. Die Pubertät hatte er doch schon längst hinter sich. Anfangen sich erwachsen zu benehmen das war die Devise.

Er atmete tief durch und kramte weiter.

„Denkst du ein T-shirt und drüber ein Hemd ist okay?“

„Mhm.“

„Das dunkelblaue Shirt mit dem Schriftzug?“

„Das ohne,“ befahl Horatio

„Und das etwas hellere blaue Hemd...“

„Mhm..“

„Sehr gesprächig, wie immer,“ sagte Neville während er sich die Sachen anzog.

Er konnte richtig sehen wie Horatio am anderen Ende die Zigarette ausdrückte und mit den Schultern zuckte.

Neville verdrehte die Augen über seinen Freund und zupfte sein Hemd zurecht.

Plötzlich erstarrte er.

„Oh Scheiße,“

„Was ist?“, fragte Horatio alarmierend, Neville machte nämlich sehr gerne aus einer Mücke einen Elefanten.

„Meine Haare,“ hauchte Neville und fasste sich an die Wuschel.

„Was ist mit denen?“

„Die sind fürchterlich...“

Und schon rauschte Neville ab ins Bad um sich seinen Wuschelkopf zu betrachten, der sich nie bändigen lies.

„Ein Desaster,“ quengelte er ins Telefon, (Horatio hat er natürlich mitgenommen) wie konnte er sich damit sehen lassen?

„Sieht Elias dich nicht immer mit dieser.......Frisur?“, fragte Horatio nach.

„Das verdient die Bezeichnung Frisur gar nicht,“ brummte Neville und zog an einer Zottel. Energisch griff er nach der Tube Haargel und schmierte sie sich großzügig ins Haar.

Fassen wir es kurz zusammen:

Es half nichts!

Rein gar nichts.

Neville war nahe dem Nervenzusammenbruchs und seine Haare standen mittlerweile etwas grotesk vom Kopf ab.

Sie waren im Laufe der Minuten auch noch steinhart geworden. Wenigstens etwas was sich, wie die Tube versprach, bewahrheitete.

Wie erstarrt lies er sich auf seinen Badewannenrand nieder und hauchte in den Hörer: „Ich sterbe!“

Horatio schnaubte nur und erwiderte: „Wasch sie, und dann föhn sie. Lass am besten ganz die Finger von irgendwelchem Stylingzeugs.“

So schnell wie möglich ging Neville dieser Aufforderung nach. In Windeseile wusch er sich die Haare, versuchte das klebrige Zeug herauszubekommen. Teilweise hielt er Haarbüschel in der Hand, was ihn fragen lies ob er dank des Gels eine Glatze bekam.

Eine halbe Stunde war sein Haar endlich Gelfrei und während er sie föhnte, putzte er sich noch schnell die Zähne.

„So, da du jetzt fertig bist, könntest du mich bitte erlösen und auflegen?“, fragte Horatio schon reichlich mit den Nerven am Ende.

OoO

Neville hatte sich ein Taxi genommen und starrte während der Fahrt nervös aus dem Fenster. Wenn das so weiterging würde er wieder anfangen an den Nägeln zu kauen.

Als er an dem Restaurant ausstieg, fiel ihm ein Stein vom Herzen. Es war eine kleine Pizzeria, also kein Nobelschuppen.

Er schluckte den Kloß in seinem Hals hinunter, atmete noch einmal tief durch.

Das schaffst du schon, sprach er sich Mut zu. Das ist nur ein Essen... mit seinem Boss, in den er verliebt ist. Aber egal, er lächelte kläglich. Herzrasen kann man ja immer mal bekommen. Er strich sich sein Hemd glatt, und obwohl mal wieder sein Kopf und diesmal auch Herz abhauen wollten, trugen ihn seine Beine durch die Eingangstür hinein in die Pizzeria.

Leckere Düfte und gedämpftes Gemurmel bestimmte die Atmosphäre, als Neville hinein ging.

Ein freundlich lächelnder Kellner kam auf ihn zu und strahlte ihn so herzlich an, als würde mit Nevilles Erscheinen sein Leben gerettet. Neville lächelte scheu zurück und lies sich aus der Jacke helfen.

„Ein Tisch für eine Person,“ fragte der Kellner mit diesem typischen italienischen Akzent, den Neville so toll fand.

„Nein, ich treffe hier jemanden... Elias Zacha,“ erklärte er und sah sich unsicher um.

„Einen Moment bitte,“ mit diesen Worten drehte sich der Kellner um und blätterte in einem Buch.

„Ah, er ist schon hier, folgen sie mir Bitte,“ forderte er Neville dann auf und führte ihn die Tische entlang.

Neville stockte der Atem. In der lauschigen Nische wartete Elias.

Ein Traum von einem Mann, legere im weißen Hemd, eine Stoffhose. Ein kleines Lächeln auf dem Gesicht. Wäre er Eis würde Neville dahinschmelzen.

Er lächelte zurückhaltend, fuhr sich noch einmal durchs Haar und grüßte Elias.

„Hallo, ich hoffe du hast nicht zu lange gewartet?“

„Nein, ich bin auch erst vor ein paar Minuten gekommen,“ beruhigte Elias ihn und stand gentlemanlike auf.

„Setz dich doch,“ forderte er ihn auf.

Schnell tat Neville wie ihm geheißen und setzte sich auf den Stuhl Elias Gegenüber. Es war schon eine komische Situation. Seiner ganzen Nachdenkerei zum Trotz saß er nun doch hier, fast wie bei einem Date und freute sich auch noch.

Doch er schwor sich von seiner Seite aus, war es nur ein Dankeschön, das er in den letzten Stunden vor der Prüfung in aller Ruhe in Elias Büro lernen durfte.

Der Kellner, ganz in seinem Element, schien bei ihrem Anblick noch breiter zu grinsen. Elegant reichte er ihnen die Karte und fragte ob sie schon etwas zu trinken haben möchten.

Neville entschied sich für einen Cola und Elias für eine Weinschorle.

Un je länger der Abend wurde, das Essen kam und sie beiden aßen bekam Neville Bauchschmerzen. Und einen Verdacht der sich mit jeder Minuten erhärtete:

Der Kerl flirtete mit ihm...

Eindeutig.

Außer Neville wurde schon so lange nicht mehr angemacht, das er die Zeichen nicht mehr erkannte.

Aber dieses Schnurren in der Stimme, die anscheinend zufälligen Berührungen, das glitzern in den Augen.... Er wurde hier nach allen Regeln der Kunst angemacht. Unbehaglich wandt er sich auf seinem Stuhl, stocherte in seinem Salat herum und das Grummeln in seinem Bauch wurde immer stärker.

Egal wie sehr er es genoss von Elias umworben zu werden, verdammt der Kerl war mit Mario zusammen. Seinem besten Freund.

Ihm kam auf einmal ein schrecklicher Gedanke. Was wenn Elias immer so war, wenn er darauf spezialisiert war seine Angestellten zu verführen. Hatte er Mario etwa auch bei einer wichtigen Sache geholfen, ihn mit Freundlichkeit überschüttet und ihn dann zu einem Date eingeladen.

Verstohlen musterte er Elias, der gelöst wirkte und genussvoll seine Lasagne aß. Konnte er wirklich so ein Mensch sein?

So falsch und berechnend? Er konnte es sich beim besten Willen nicht vorstellen.

„Und warum macht er dich dann so offensichtlich an,“ wisperte eine kleine gemeine Stimme ihm zu.

Vielleicht bemaß er der Sache zu viel bei? Vielleicht war das kein Flirten, sondern Freundlichkeit. Vielleicht war er immer so.

„Und die zufälligen Berührungen unter dem Tisch, sein Knie kann nicht sooft ausversehen an meines stoßen.“

Und in genau diesem Moment, berührten sich ihre Knie wieder. Ein kleines Kribbeln zog sich durch seinen Körper und gleichzeitig spürte er ein unangenehmes Ziehen.

Mit roten Ohren rückte er ein wenig vom Tisch ab, damit Elias keine Chance hatte ihre Knie wieder zusammen zubringen.

Was sollte er nur tun??

„Hast du sonst noch Prüfungen?“, fragte Elias gerade und sah ihn interessiert an. Konnte das gespielt sein?

„Nein, das war die letzte.“

„Bist du dann mit der Abendschule fertig?“

„Ja, dann hab ich meinen Abschluss.“

Neville wurde es immer unangenehmer, je interessierter sich Elias nach seinem Leben erkundigte.

Hastig griff er nach seiner Cola und quietschte beinahe auf, als ihn Elias mit seiner Hand an den Fingern berührte.

Erschrocken sah er in das lächelnde Gesicht seines Gegenübers.

„Ich würde dich gerne wieder einladen, ohne einen Grund. Wir könnten auch ins Kino gehen!“

Neville blieb der Mund offen stehen.

„Also doch,“ hauchte er und starrte auf die Hand, die anfing seine Finger zu streicheln.

Schnell zog er seine Hand zurück und schüttelte heftig den Kopf.

„Das wird nicht gehen,“ sagte er fest und starrte auf die Tischdecke.

„Stimmt, abends wird’s wohl kaum zu schaffen sein, da müssen wir beide ja arbeiten. Aber nachmittags,“ schlug Elias gut gelaunt vor.

Wieder schüttelte Neville heftig den Kopf.

„Nein,“ brachte er aus wütend zusammengekniffenen Lippen heraus. Wie hatte er sich in Elias nur so täuschen können?

„Warum nein,“ nun klang dieser ehrlich verblüfft.

Neville wurde eher noch wütender. Wie konnte er da noch fragen?

Er hob den Kopf und sah Elias aus wütend blitzenden Augen an.

„Warum nein? Das ist ja wohl die Höhe!“, erboste er sich und schmiss seine Gabel auf den Teller.

„Ich hätte nie gedacht das du auch so ein Arschloch bist.“

„Arschloch?“ Sichtlich verwirrt legte Elias sein Besteckt ebenfalls weg und sah ihn aus großen Augen an.

„Ja, genau das bist du ich.... ich hätte das echt nie gedacht, dass du sowas Mario antust.“

„Mario... was hat Mario damit zu tun?“

Verdammt was war hier los? Elias fühlte sich wie im falschen Film. Es lief gerade so gut, er hatte sich aufgerappelt Neville nach einem richtigen Date zu fragen und jetzt flippte er total aus.

„Du bist einfach das Letzte,“ zischte Neville und stand schnell auf. Er zitterte fast vor Wut und konnte sich nur schwer beherrschen nicht zu schreien.

Mit einem letzten vernichtendem Blick auf einen sprachlosen Elias ging er, rannte fast den Kellner um und schnappte sich seine Jacke.

Nur weg hier.

„Oh Mr. Zache, was ist denn passiert,“ fragte der Kellner bestürzt.

„Ich weiß es nicht Roberto, ich weiß es wirklich nicht,“ murmelte Elias und fuhr sich verwirrt durchs Haar.

Neville hatte sich ein Taxi genommen und während er nach Hause gefahren wurde, wippte er ungeduldig und wütend mit dem Fuß. Konnte dieser Taxifahrer nicht schneller fahren?

Er sah rot, er musste unbedingt Mario anrufen und ihm sagen was los war. Er war sein bester Freund verdammt.

Kaum daheim angekommen rannte er in seine Wohnung und tippte mit wütend, zitternden Händen die Nummer in sein Telefon.

Ungeduldig lief er auf und ab.

„Mhm....“, erklang es müde aus dem Hörer. Mario hatte anscheinend geschlafen.

„Mario??“, schrie Neville fast schon in den Hörer.

„Was?? Hää? Neville?“

„Dein Freund betrügt dich!“, haspelte er schnell in den Hörer damit er es sich nicht noch einmal anders überlegte.

„HÄÄÄ?“

„Oh ja, dein lieber Freund hat mich voll angemacht.!!“

„...Mein Freund?“, erklang es verwirrt aus dem Hörer. Mario wusste gar nicht was Neville von ihm wollte.

„Ja, Elias Zacha, dein Freund mein Boss hat mich angemacht, ich dachte das würdest du gerne wissen!!“ Neville war immer noch auf 180. Wie konnte Mario nur so ruhig sein, nachdem er ihm das erzählt hatte?

„Warum lachst du?“, fragte er misstrauisch, als am anderen Ende Marios Gelächter erklang.

„Du hast die ganze Zeit gedacht er wäre mein Freund?“

Einen Moment lang setzte Nevilles Herzschlag aus.

„Er ist nicht ...dein Freund?“, hauchte er entsetzt in das Telefon.

„Nein,“ Mario klang amüsiert und lachte immer noch herzhaft, „War er nie und wird er auch nie werden, wir sind alte Sandkastenfreunde.“

Seine Beine fühlten sich auf einmal an wie Pudding und stehen konnte er nicht mehr. Mit einem lauten Plumps sackte Neville zu Boden und starrte mit aufgerissenen Augen die Wand an.

Das konnte doch nicht wahr sein!!



Kapitel 5

(Nach seinem Geschimpfe traut sich Neville nicht mehr zur Arbeit und will sogar kündigen, [Elias redet mit seinem Vater] Elias fährt zu seiner Wohnung um ihn umzustimmen)

Das Telefon klingelte, klingelte... und klingelte. Die Katze auf dem Sofa zuckte mit dem Schwanz und warf dem schwarzen Ding einen trägen und bösen Blick zu. Als das Geklingel endlich aufhörte schloss sie zufrieden die Augen.

Das Knäuel aus Decken, Kissen und diversen, leeren Eisdosen begann sich zu regen. Ganz langsam grub sich eine Hand aus dem Gewühl und bald kam auch der schwarze Haarschopf zum Vorschein, der dazu gehörte.

Mit zusammengekniffenen Augen robbte er weiter vorwärts bis er beim Telefon angekommen war. Mit einem triumphierendem Grunzen schlug er auf den Knopf ein und schaltete so den Anrufbeantworter aus.

Seufzend lies er sich wieder zurück plumpsen.

Das war jetzt schon das.... Neville runzelte die Stirn und überlegte...genau, das vierzehnte Mal. Wenigstens war es weniger geworden.

Gestern hatte es im Minutentakt geklingelt.

Als ihm der Grund dafür einfiel stöhnte er auf und vergrub sich wieder in seinem Deckenberg. Das war doch alles scheiße.

Seit er herausgefunden hatte, das alles woran er geglaubt hatte, dass Mario und Elias ein Paar waren, das er die Freundschaft mit Mario wegen nichts und wieder nichts aufs Spiel gesetzt hatte.

ER HATTE ELIAS ARSCHLOCH GENANNT!!!

„Verdammt verdammt,“ wimmerte er in sein Kissen. Seit drei Tagen verschanzte er sich nun schon in seiner Wohnung, ging nicht an die Tür, ging nicht ans Handy und ging auch nicht zur Arbeit. Er gammelte in seinem Schlafanzug auf dem Bett rum und verspachtelte eine Eisdose nach der anderen.

Seine Augen waren verquollen und seine Haare standen im Kopf ab. Das einzig nennenswerte was er tat, war seine Katzen zu füttern.

Die Rollläden waren zugezogen und die Sonne schien durch die Spalten nur spärlich in das Zimmer herein. Es erzeugte eine Art von schmuddeliger Atmosphäre in der sich Neville ziemlich gut fühlte.

So konnte er sich ziemlich gut in Mitleid suhlen.

Er war ja so blöd, wie konnte er Elias all die Sachen an den Kopf werfen. Der wusste ja nicht einmal was er meinte.

Er war so doof, so doof, so doof. Träge schlug er mit der Faust auf die Matratze.

Das konnte er doch nie wieder gut machen. Elias musste sonst was von ihm denken, und Mario muss ziemlich beleidigt sein. Schließlich waren sie so etwas wie beste Freunde, er hätte Mario doch einfach fragen können.

Aber er in seiner Verliebtheit und seiner blöden Eifersucht hatte alles kaputt gemacht.

Eigentlich war er das alles nichts wert, das Mario mit ihm befreundet war, das Elias ihn bei sich arbeiten lies und ihm auch noch sein Büro zur Verfügung gestellt hatte. Horatio war erst recht viel zu gut für ihn.

Er würde sich einfach hier in seiner Wohnung verschanzen und nie wieder rauskommen. Dann konnte er wenigstens nichts mehr anstellen und super netten Leuten Gemeinheiten an den Kopf werfen.

Er drehte sich auf den Rücken und starrte an die Decke. Das hatte er wirklich ziemlich verbockt.

Seit drei Tagen ging er nicht mehr zur Arbeit, er rechnete schon jeden Tag damit, das ihm ein Kündigungsschreiben ins Haus flatterte. Man konnte seinen Arbeitgeber schließlich nicht ungestraft 'Arschloch' nennen. Außerdem konnte er ihm sowieso nicht mehr unter die Augen treten.

Und das tat so verdammt weh, wenn er daran dachte, dass Elias nie mit Mario zusammen war, also ihn um ein echtes Date gebeten hatte, dass es zwischen ihnen vielleicht etwas hätte werden können, dann zog sich etwas in ihm zusammen. Er hatte permanent Magenschmerzen und würde am liebsten kotzen.

Er hasste sich selber.

„Macht mich zu Müll,“ murmelte er niedergeschlagen.

Er lies niemanden an sich heran, sogar als Horatio an seine Tür klopfte und ihm drohte sie einzutreten. Was er nicht tat. Horatio zerstörte nicht gern Eigentum von anderen. Oder tat sich selber weh. Aber das er ihn anschrie war schon was neues. Horatio schrie nie, wenn dann murrte er.

Was ihn noch mehr Bauchschmerzen bereitete.

Seufzend zog er seine Beine an den Körper und rollte sich zusammen. Am liebsten würde er einschlafen und nie mehr aufwachen.

OoO

Der Kies unter den Rädern knirschte als Elias mit seinem Wagen die Auffahrt zur Villa seiner Eltern hochfuhr.

Sein Blick war stoisch auf die weiße Fassade gerichtet, auch wenn er gar nichts wahrnahm.

Automatisch stoppte er, stellte den Motor ab und blieb in dem Auto sitzen.

Was verdammt noch mal war da eigentlich passiert?

Schon die ganze Zeit lief vor seinem innerem Auge der ganze Abend ab, immer und immer wieder, ohne Unterlass und Unterbrechungen. Wie ein schrecklicher Alptraum den er einfach nicht aus dem Kopf bekam.

Er hatte überhaupt keine Ahnung was er getan hatte.

Wie war es nur dazu gekommen das Neville auf einmal aufsprang und ihn beschimpfte? Er hatte die ganze Zeit das Gefühl gehabt das alles super lief. Warum hatte er wohl nach einem 'richtigem' Date gefragt?

Aufgewühlt fuhr er sich mit allen Fingern durchs Haar.

Der kam einfach nicht drauf was er falsch gemacht hatte.

Was hatte Neville dazu veranlasst ihn so wütend anzusehen, so verraten.

„Ich hätte nie gedacht, dass du so ein Arschloch bist!“

Was hatte er damit gemeint und was verdammt noch mal hatte Mario damit zu tun? Mit seinem Freund zu reden, dazu war er noch nicht gekommen, aber gleich nach dem Gespräch mit seinem Vater würde er Mario überfallen und ihn ausquetschen.

Er atmete tief durch und nahm sich vor sich für das Gespräch zusammen zu reißen. Er seufzte leise und stieg schnell aus.

Mit langen Schritten ging er über die Auffahrt und stieg die Treppen hinauf zur Eingangstür.

Für diese Villa gab es keinen Schlüssel, zumindest nicht für die Vordertür, denn wenn diese Tür einen Schlüssel hätte, dann könnte seine Mutter ja keine Haushälterin einstellen, die die Tür öffnete.

Also drückte er die Klingel und wartete bis ein gedämpftes Tackern erklang.

Schon wurde die Tür geöffnet und das Mädchen, in piekfeiner schwarz-weißer Uniform zuckte zusammen. Eine neue, stellte er fest, naja dann kannte sie seinen Blick noch nicht wenn er das Haus betrat.

Ihr blieb für einen Moment der Mund offen und Elias erlöste sie.

„Ich bin Elias Zacha, der Sohn ihrer Herrschaften,“ half er weiter.

„A-aber sicher, Verzeihen sie. Ihr Vater erwartet sie schon,“ sagte das Mädchen schnell und machte einen Geste, das er ins Haus kommen soll. Fast schon zögerlich kam er herein, und seine Schuhe wurden fast komplett von dem dicken Teppich verschluckt, denn seine Eltern einmal aus Indien mitgebracht hatten.

Er sah sich kurz um. Alles beim Alten. Schon in der Eingangshalle standen Sockel herum, auf denen teure Vasen und Figürchen standen, die Decke zierten goldene Borken und die Gemälde an der Wand schrieen einem die Millionen gerade zu ins Gesicht. Sein Gesicht verdüsterte sich. Am liebsten würde er sofort wieder kehrt machen, doch das Hausmädchen verschloss gerade die Tür.

Er hoffte nur für Amelia, dass sie ihm nicht über den Weg lief.

„Folgen sie mir bitte,“ bat sie ihn mit einem verlegenem Lächeln und lief voran. Elias vergrub die Hände in seine Hosentaschen und gehorchte. Als würde er sich nicht mehr in dem Haus zurechtfinden in dem er aufgewachsen war.

Das Mädchen geleitet ihn in eine Art Vorzimmer und Elias lies sich gleich auf das Sofa fallen, sein Vater würde ihn nicht in sein Büro rufen, das wusste er. Dort konnte er nicht gut genug im Kreis herumlaufen. Er bat um ein Glas Wasser und das Mädchen eilte geschäftig weg.

Wieder allein und damit wieder Gelegenheit über den gestrigen Abend nachzudenken.

Was für ein Desaster.... aber er musste zugeben das Neville heiß aussah wenn er wütend war. Er schmunzelte und dachte daran wie verlegen er ausgesehen hatte, als er zu seinem Tisch kam.

Er überlegte ob er irgendetwas gesagt oder getan hatte, weswegen Neville so wütend wurde. Vielleicht schon im Voraus.

„Ich weiß es einfach nicht,“ murmelte er niedergeschlagen und starrte seine Hände an. Gut er hatte ihm über die Hand gestreichelt, vielleicht mochte Neville das nicht, aber.... sein Missfallen darüber zu äußern, das ging auch ohne Beleidigungen.

Vielleicht hatte er sich auch in Neville geirrt. Aber, er war es immer noch. Der Mann in den er sich so Hals über Kopf verliebt hatte. Er könnte es sich nicht ausreden, oder vergessen. Es ging einfach nicht. Neville ging ihm einfach nicht mehr aus dem Kopf.

Das Hausmädchen lies ihn aus seinen Gedanken schrecken und dankbar nahm er einen tiefen Schluck aus dem Glas. Er stellte es dann auf den Tisch vor sich und sah die restliche Zeit dabei zu wie einzelne Wassertropfen am Glas herunterliefen.

Ein lautes Krachen ertönte, die Tür vom Büro seines Vaters war aufgeflogen und sein Vater stand strahlend dahinter.

„Mein Junge,“ tönte er und breitete die Arme aus.

Elias konnte ein Grinsen nicht verkneifen und stand auf.

Sein Vater, Michael Zacha war ein großgewachsener Mann, mit dem gleichen vollen schwarzem Haar, das Elias von ihm geerbt hatte. Doch man sah ihm sein Alter schon ein wenig an. Er hatte einen kleinen Bauchansatz und die grauen Haare, voran an den Schläfen waren auf dem Vormarsch. Eigentlich hatte Elias alles von ihm geerbt, auch die grauen Augen, um die sich bei seinem Vater schon kleine Fältchen bildeten.

Doch sein Vater hatte mehr ein rundliches Gesicht, Elias war markanter. Er trat auf Michael zu und umarmte ihn kurz.

Er wunderte sich schon in was für einer prächtigen Laune sich sein Vater befand. Er war Anwalt und hatte immer gesagt ein Anwalt hatte nicht viel zu lachen. Jetzt schien er vor guter Laune beinahe überzuquellen.

„Schön das du mich besuchen kommst, setz dich setz dich,“ sagte er und Elias wurde wieder auf seinen ursprünglichen Platz auf dem Sofa befördert.

„Hast du schon was zu trinken?“

„Ja. Habt ich ein neues Mädchen eingestellt?“, fing Elias mit einem unbefangenem Thema an und nahm noch einen Schluck.

Die Miene seines Vaters verdüsterte sich: „Ja,“ brummte er und lies sich auf den Sessel Elias gegenüber nieder.

„Ach und warum?“

„Deine Mutter meinte Julia wäre nicht konsequent genug... mit mir,“ murrte Michael weiter.

„Inwiefern?“

„Deine Mutter hat ich auf Diät gesetzt. Eigentlich sollte ich Dr. Vöckler verklagen, das er Marie über meinen Befund in Kenntnis gesetzt hat.“

Elias musterte seinen Vater der ihn gequält ansah.

„Seit Wochen bekommen ich keinen anständigen Scotch mehr, ich muss dieses widerlicher Zeugs namens Vitaminsaft trinken. Und ein Hase bekommt abwechslungsreicheres Futter als ich!“ Man sah ihm seinen Unmut an.

„Ich weiß schon gar nicht mehr wie ein Kuchen aussieht, geschweige denn wie Wein schmeckt.“

„Tja in solchen Sachen ist Mutter konsequent,“ bemerkte Elias und zuckte mit den Schultern. Sein Vater hatte einen angeborenen Herzfehler und durfte bestimmte Sachen nicht Essen, aber ob er sich daran hielt war eine andere Sache. Elias hatte früher als kleiner Junge immer als Alibi erhalten müssen und hortete für seinen Vater in seinem Nachtschränkchen Schokoladenriegel.

Es war ihr kleines Geheimnis gewesen.

„Und die neue lässt dich also nicht mehr aus den Augen?“, fragte er amüsiert.

„Pf, sie hat sogar von Marie die Erlaubnis bekommen in meinem Schubladen kontrollieren zu dürfen ob ich etwas verstecke,“ seufzte Michael, „aber egal... was führt dich zu mir?“

Lieber er kam gleich zum Thema. Er stellte das Glas wieder hin und meinte: „Amelia hat mir einen Besuch abgestattet,“ fing er an und schmunzelte als Michael einen Augenbraue hob.

„Sie hatte etwas mit mir zu besprechen, wegen deines Testaments.“

„Ah,“ nickte sein Vater und verschränkte die Arme vor der Brust, „was hat sie gesagt?“

„Sie hat mir erzählt, das du dein Testament geändert hast, stimmt das?“

„Stimmt, der Notar hat es unterschrieben und deine Mutter hat sogar beglaubigt das ich klar bei Verstand bin,“ versuchte er zu scherzen und wackelte mit den Augenbrauen, „Es liegt bereits im Tresor.“

Elias sah seinen Vater ausdruckslos an, irgendwie kam er nicht mit dessen Grinsen klar.

„Sie hat außerdem klar gemacht das sie es nicht gut findet, wenn ich neben Mutter den größten Anteil bekomme, sie hat verlangt das ich das Erbe nicht annehmen werde.“

„Ach hat sie das?“ Sein Vater klang amüsiert.

„Um ehrlich zu sein wundert es mich doch das ich überhaupt etwas Erbe,“ stellte Elias klar.

„Ach, und warum das?“

Elias war nahe dran die Augen zu verdrehen. Auf dieses kleine Spielchen hatte er nun wirklich keine Lust. Er sah Michael kühl in die Augen. Er wusste ganz genau was er meinte.

„Meine Güte schau mich nicht so an,“ grinste sein Vater und stand ächzend auf.

„Es ist nun mal so das ich nicht jünger werde. In letzter Zeit haben ich und deine Mutter mehr miteinander geredet als in den letzten Jahren zusammen,“ während er redete lief er auf und ab.

War er jetzt in die verspätete Midlife Crisis gekommen?

„Deine Mutter und ich sind uns einig wenn wir eingestehen das Amelia schon jetzt mehr als genug auf ihrem Konto hat, wie wir sie kennen wird sie bald jemand Reichen heiraten und glücklich shoppen gehen für den Rest ihres Lebens. Tja nur bei dir, ist das anders. Du hast dich schon immer unterschieden von Amelia oder den anderen Kindern unsere Freunde“

„Du meinst diese verwöhnten Satansbraten?“, wiederholte Elias die Worte seines Vaters, wenn der über die Kinder seiner Freunde sprach.

Michael überging das gekonnt und machte weiter, „Genauso wie der Sohn der Grubers, Mario. Du hast es alleine geschafft. Das Esquecer läuft, soweit ich das mitbekommen mehr als gut und ich bin wirklich stolz auf dich.“

„Aha.“

Elias gab nicht sehr viel darauf ob sein Vater stolz auf ihn war oder nicht. Er wollte diese Sache nur schnell erledigen und dann seine Schwester nie wieder sehen müssen.

„Also wirst du deine Meinung bezüglich des Testaments nicht ändern?“

„Nein,“ sagte Michael mit einer strengen Stimme, die keinen Widerspruch duldete.

„Dann sag das Amelia,“ verlangte Elias und stand ebenfalls auf.

„Ich werde mit ihr reden,“ versprach er. „Musst du wieder zurück?“

„Ja.“

Nach diesem kurzen Gespräch verabschiedete er sich von seinem Vater, der nachdem das Hausmädchen das Glas abholte, auf diese einredete ihm doch endlich den Schlüssel für die Bar zurückzugeben.

Er ging zurück zu seinem Auto und fuhr dann schnurstracks zum Esquecer. Mario hatte ihm ein paar Fragen zu beantworten. Was er rausbekam war nicht gerade hilfreich, denn Mario wusste anscheinend auch nicht was mit Neville los war. Es wurde auch nicht besser als Neville drei Tage nicht bei der Arbeit erschien. Langsam wuchs seine Hilflosigkeit in dieser Sache der Wut.

Was dachte der sich eigentlich dabei? Das er seine Gefühle mit Füßen treten konnte? Ihn beschimpfte und dann einfach nicht mehr auftauchte?

Schlecht gelaunt lief er am dritten Tag nach dem 'Desaster' in seinem Büro auf und ab und starrte mit schlecht gelaunter Miene vor sich hin.

Wenn er Neville nicht so gern hätte, dann würde er ihm so was von in den Arsch treten, das dieser nicht mehr sitzen konnte. Wie konnte er sich sowas erlauben? Ohne irgendeine Erklärung ihn einfach sitzen lassen? Jeder andere würde von Elias was zu hören bekommen.

Frustriert knurrte er auf, das war doch zum verrückt werden. Gerade als er runter zu Mario stürmen wollte knallte der ihm beim aufmachen der Tür gegen die Brust.

„Was soll das?“, fuhr Elias ihn gereizt an, wurde aber sofort gestoppt als er sah das Mario ganz außer Atem war. Ist er etwa die Treppe hochgestürmt wie ein Irrer?


Mario hielt ihm ein Blatt entgegen und keuchte nur: „Fax.... gerade gekommen... Neville....will kündigen,“ mit diesen Worten drängten er sich an Elias vorbei und lies sich japsen in dessen Stuhl fallen.

Entgeistert starrte Elias ihn an riss ihm dann das Blatt aus der Hand und überflog die wenigen geschriebenen Worte.

Das konnte doch nicht.... seine Augen verengten sich zu Schlitzen.

Oh nein, das würde er Neville nicht so einfach machen.

„Das kann er vergessen,“ knurrte er und schob Mario vom Schreibtisch weg. Er zerknüllte das Blatt und warf es hinter sich, als er im Computer nach der Adresse von Neville suchte.

„Du hast die Verantwortung fürs Esquecer, ich weiß noch nicht wann ich zurück komme,“ befahl er Mario noch, der mehr schlecht als recht nach Atem rang.

Seine grauen Augen verdunkelten sich und mit wütendem Stechschritt raste er aus dem Esquecer hinaus zu seinem Wagen.

Sich einfach davon machen... das würde er nicht zulassen. So leicht kam ihm der Kleine nicht davon.

Mit quietschendem Reifen, raste er vom Parkplatz los in Richtung Nevilles Wohnung.

OoO

Neville hatte sich fertig gemacht. Nun ja, wenn man die Katzenwäsche so nenne konnte und die Jogginghose plus T-shirt die er sich anzog.

Er sah zwar noch nicht Taufrisch aus aber auch nicht mehr wie ein Gammelmensch. Er hatte gerade seine Katzen gefüttert, als sein Blick auf den Kalender fiel. Der heutige Tag war rot umkreist. Erschrocken hatte er auf die Uhr gesehen und sich schnellst möglich fertig gemacht.

Bei allem Liebeskummer diesen Termin durfte er auf gar keinen Fall verpassen. Was er dann tat, daran dachte er lieber nicht mehr zurück.

Die ganzen Tage hatte er sich in seinem Bett hin und hergeworfen. Mit der Frage was er denn jetzt tun sollte?

Den Entschluss den er fasste, war schwerwiegend und ja gab er trotzig zu, feige. Aber das war ihm egal. Er hatte eine Email verfasst mit den Standardworten und sie dann an Mario geschickt. Es vergingen beinahe zehn Minuten bis er sich traute auf den Senden Button zu klicken. Ein fetter Klos saß in seiner Brust und lies ihn nicht mehr gescheit atmen.

Dann hatte er geklickt und schnell von seinem Computer aufgesprungen. Während er aus dem Haus raste wischte er sich schnell übers Gesicht. Nein, er würde jetzt nicht anfangen zu weinen.

Mit verkniffenem Gesicht stieg er in den Zug ein und wartete still schweigend bis er an seinem Ziel aussteigen musste. Es waren dann nur noch wenige Meter bis zum den Gebäude zu dem er wollte.

Es war riesig und ein riesiger Zaun umschloss das gesamte Gelände.

Neville atmete noch einmal durch und ging dann auf den Kontrollposten zu.

OoO

Elias raste wie noch nie zuvor in seinem Leben. Normalerweise war er ein rücksichtsvoller Autofahrer doch jetzt überholte er mit quietschenden Reife, fuhr über Rot und hätte beinahe eine Gruppe Pfadfinder auf seiner Motorhaube mitgenommen. Fast schon Hollywood reif hielt er in der Straße vor Nevilles Wohnung und sprang schon beinahe aus seinem Auto. Drei Treppen auf einmal nehmend hielt er endlich vor Nevilles Tür.

„Neville? Ich bins Elias, mach die Tür auf,“ befahl er in seiner autoritärsten Stimme und klopfte und klingelte gleichzeitig.

„Neville!!!“; knurrte er aufgebracht und hämmerte gegen die Tür. Doch nichts geschah, hinter der Tür blieb es ruhig.

Elias versuchte es noch einige Male, doch nichts rührte sich.

„Verdammt,“ fluchte er und gab der Tür einen herzhaften Tritt. Jetzt war er schon so schön in Fahrt und kein Neville weit und breit.

Dann klingelte sein Handy. Sauer sah er aufs Display.

Es war Mario.

„Was gibt’s?“, bellte er.

„Neville ist nicht da stimmts?“, tönte es ihm entgegen.

„Woher weißt du das?“, fragte Elias misstrauisch. Er hatte sowieso schon die ganze Zeit den Verdacht gehabt, das Mario mehr wusste als er zugab.

„Du wolltest doch eine Spende dieser Cerica Anstalt überweisen oder?“

„Ja.“ Was hatte denn das jetzt damit zu tun?

„Bring es persönlich vorbei, jetzt sofort auf der Stelle,“ drängte Mario.

„Warum sollte ich?“, blaffte Elias ihn an.

„Vertraut mir einfach, stelle den Scheck aus, fahr zu dieser Anstalt und dann wirst du schon sehen.“

„Ich hab jetzt wirklich keine Zeit für deine Scherze,“ Elias wurde immer gereizter.

„Verdammt das ist kein Scherz, tu einmal was ich dir sage,“ drängte Mario immer weiter und irgendwas in seiner Stimme lies Elias die Stirn runzeln.

„Du wirst mir nicht den Grund sagen warum ich das tun soll oder?“

„Nein,“ klang Mario auf einmal fröhlich.

„Aber es ist nur zu deinem besten, glaub mir.“

„Und es wäre zu deinem besten wenn das auch stimmt,“ murrte Elias, „sag schon wie lautet die Adresse?“

*Fortsetzung folgt*