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Pizza Amore Teil 1 bis 2

Kapitel 1

Es war wie als würde ihn etwas rufen,.. absurd aber wahr,... dieser Zettel rief ihn auf irgendeine Art und Weise. Mit gerunzelter Stirn, den Kopf schief gelegt als würde er einer leisen Melodie lauschen trat der Blondhaarigen vor. Zu seinem Glück, denn die Türen der U- Bahn schlossen sich fast im selben Moment hinter seinem Rücken. Durch den plötzlichen Luftzug und dem lauten Piepsen quietschte der junge Mann erschrocken auf, hüpfte etwas weiter vor und erwachte aus seiner Starre.

„Verdammt...,“ keuchte er und sah erschrocken der roten U- Bahn hinterher. Sein Herz pochte schnell, doch seine Sinne wurden wieder von dem schwarzen Brett vor ihm in Anspruch genommen. Der Zettel war klein, zerknittert, halb verdeckt durch eine riesige Stellenanzeige einer Computerfirma. Doch er sah nur diesen kleinen Zettel. Er trat einen Schritt weiter vor, merkte nicht wie ihn jemand anrempelte. Geistesabwesend hob er die Hand und nuschelte ein „Entschuldigung!“ Seine Umhängetasche rutschte ihm von der Schulter, nahm einen Teil seiner Jacke mit und landete dann in seiner Armbeuge. Die Tasche über den Boden schleifend stand er jetzt direkt vor dem schwarzen Brett, schob die riesigen Stellenanzeige beiseite und löste den kleinen Zettel von dem Brett. Das war irgendwie genau das was er brauchte. Ein riesen Grinsen schlich sich auf sein Gesicht.

Blätter die über die Straße gefegt wurden, Scheppern von Mülltonnendeckeln in denen sich Katzen amüsierten, dunkle Seitengassen und vermummte Gestalten. Würde jetzt noch von irgendwo her ein Schuß kommen wäre die Gangsterszene perfekt. Unsicher sah sich Kevin um und schlug den Kragen seiner Jacke hoch, irgendwie schien das sicherer zu sein. In der richtigen Straße war er jedenfalls. Er kontrollierte es noch einmal auf dem Zettel und ging dann weiter.

Ooo

„War das dann alles?“ hektisch sah sich Toni um, kontrollierte zum tausendsten Mal mit geübtem Blick die Gegend. Sein Gegenüber, der in schwarze Sachen gehüllt war nickte nur schweigend und schnell verstaute Toni die braune Plastiktüte in seinem Rucksack. Mit einem Nicken gab er dem anderen zu verstehen das ihre Aktion beendet war und dieser machte sich auch gleich aus dem Staub, indem er einfach im Schatten verschwand. Der schwarzhaarige junge Mann sah sich noch einmal prüfend um bis er ebenfalls rückwärts im Schatten verschwand.

OoO

Prüfend und mit schief gelegtem Kopf sah Kevin sich das Gebäude an... eindeutig eine Pizzabude. Ein altmodisches Schild hing im inneren der Eingangstür auf dem CLOSED stand. Besser gings ja nicht. Vorsichtig klopfte Kevin an die Tür, und hoffte das er einmal Glück haben würde. Als sich nichts rührte lugte er durch die milchigen Scheiben und erhaschte einen Lichtstreifen, der wahrscheinlich aus der Küche des ‚Restaurants‘ zu kommen schien. Also war doch jemand da... er klopfte noch etwas heftiger gegen die Scheibe doch wieder keine Reaktion. Probehalber drückte er die Klinke... wird schon schiefgehen. Als diese aber aufschwang lächelte er nur dümmlich und huschte schnell in das Innere.

Ein leckerer Geruch schlug ihm entgegen und er ging vorsichtig weiter.

Ha, hatte er Recht gehabt, leise italienische Musik kam ihm entgegen als er sich etwas näher traute und um die Ecke lugte wo das Licht herkam.

„Ähm Hallo?“ Ein bisschen Schiss hatte er ja schon, dennoch wagte er sich tapfer etwas vor und spähte um die Ecke.

„Hallo!“

„Oh....... Wer bist du?“

„Whaa!“

„Hä?“

Unsanft landete Kevin auf dem Hosenboden, starrte den schwarzhaarigen Mann vor sich entgeistert an, er wusste ja wie emotional Italiener waren aber gleich mit einem Messer auf Wehrlose losgehen?

Er starrte ängstlich auf das riesigen Fleischermesser, das der Mann vor seinen Körper hielt, weiter wanderte sein Blick zu der rot verschmierten Schürze. Er wollte noch nicht sterben. Der Mann folgte seinem Blick, runzelte die Stirn..

/Oh bitte, lass mich laufen/

...und brach dann in lautes Gelächter aus. Verwirrt, ob der Mann jetzt den Verstand verloren hatte, sah Kevin ihn an, das Lachen machte das Gesicht doch gleich um einiges sympathischer. Auch wenn die große Narbe unterhalb des rechten Auges etwas abtörnend wirkte.

„Oh was musst du nur denken!“ Mit einem Schlag sprach der Italiener perfektes Deutsch, ohne den Mafia- Dialekt. Er hatte anscheinend gemerkt was sein Anblick in Kevin auslöste und schnell legte er das Messer auf den Tresen neben sich.

„Keine Sorge, ich habe nicht vor dich abzuschlachten!“ , er kicherte kindisch, hielt Kevin dann aber freundlich lächelnd die Hand hin.

Mit einem etwas verwirrtem Gesichtsausdruck nahm Kevin die Hand und lies sich mit viel Schwung hoch helfen. Beim näheren Hinsehen erkannte er auch, dass das Rote auf der Schürze Tomatenmark war und innerlich knallte er sich gegen die Stirn. Er hatte leider manchmal eine etwas zu lebhafte Fantasie! Er lächelte schüchtern und kratzte sich am Hinterkopf.

„Du bist wahrscheinlich wegen dem Aushilfsjob hier!“ Wieder sah Kevin den Mann irritiert an, welcher dann aber auf das Blatt in seiner Hand zeigte.

„Ähm ja! Klar! Ich hoffe ich komme nicht ungelegen! Es steht zwar geschlossen an der Tür, aber da Licht war hab ich mir gedacht, reinkommen und fragen kostete ja nichts!“ er gestikulierte wild mit seinen Armen damit der Italiener nicht auf die Idee kam er könnte hier eingebrochen sein.

„Na, dann hast du Glück gehabt, die letzten Kanditaten sind meistens beim Anblick von Franco abgehauen der sonst immer hier ist, und da stand OPEN an der Tür! Ich bin Carlo!“ Er wischte sich die Hand an der Schürze ab und reichte sie Kevin lächelnd. /Hübsch/ bemerkte Kevin als Carlo in so anlächelte, die Narbe verschwand und man nur noch die dunklen Augen leuchten und das breite Lächeln sah. Carlos musste ungefähr 3 Jahre älter sein als er, wenn nicht mehr. Kevin hatte festgestellt das er einfach grottenschlecht darin war das Alter von anderen zu beurteilen!

Ein weiterer Pluspunkt war das Carlos keinen fettigen Italiener- Zopf hatte, sondern kurze, flotte, wuschelige Zotteln. Das gefiel ihm.

„Ich bin Kevin! Und ja ich bin wegen dem Aushilfsjob hier!“

„Na dann hat wahrscheinlich irgend jemand da oben unsere Gebete erhört!“ lachend zeigte Carlo nach oben und nahm wieder das Messer von der Decke. „Lass uns in die Küche gehen! Da redet es sich besser! Hast du Lust auf eine Pizza?“

Kevin stellte in den nächsten Minuten fest das Carlo anscheinend ‚immer‘ am lächeln, grinsen und kichern war. Er stellte ihm die unmöglichsten Fragen und Kevin konnte nicht anders als jedesmal in Gelächter auszubrechen!

„Welche Pizza magst du am liebsten?“

„Magherita!“

„Banause!“

„HAHA, okay okay, Funghi mag ich auch!“

„Na wenigstens etwas! Dicker Boden oder dünn!“

„So dick wies geht!“

„Ach, ich bin gerührt! Ein Genießer!“ Carlo hatte theatralisch die Hände auf seine Brust gedrückt und sah Kevin aus leuchteten Augen an, der verhalten kicherte.

„Okay! Wie viele Geschwister hast du?“

„Was hat das mit dem Job zu tun?“

„Ich will nur wissen ob du mit Stress zurecht kommst!“

„Ich hab drei Stück!“

„Perfekt! Hast du was gegen Schwule?“ Bei dieser Frage staunte Kevin, konnte aber voller Überzeugung und mit reinem Gewissen sagen:

„Absolut nicht!“

„Hach, du bist perfekt!“ Und wieder prusteten sie los.



Die Küche, war ein gemütlicher aber auch ein sehr ordentlicher und sauberer Raum. Es gab den klassischen Holzofen und natürlich den grauen Stahlofen , für die dies schneller wollten.

„Okay, nun noch eine Frage! Wann kannst du anfangen?“

„Echt jetzt?“, Kevin strahlte über das ganze Gesicht und klatschte begeistert in die Hände! „Natürlich, sonst würde ich ja wohl kaum fragen! Die anderen waren irgendwie suspekte Leute!“ Carlo schüttelte sich bei der Erinnerung.

„Ich habe Schule! Ansonsten kann ich ab 15 Uhr und am Wochenende zu jeder Zeit!“

„Wir bräuchten eigentlich jeden Tag jemanden zum helfen! Also, wenn du morgen anfangen kannst komm um 15 Uhr. Wenn du jeden Tag arbeitest bekommst du das Wochenende frei, außer du willst einen extra Bonus dann kannst du auch Samstags kommen, das kannst du dir einteilen wie du willst!“ Auch Carlos strahlte jetzt und mit einem Handschlag besiegelten sie die Sache.

„Morgen kannst du dann auch deinen Vertrag unterschreiben! Außerdem sind auch die anderen da, aber erschrick nicht wenn du sie sieht, sie sehen zwar gefährlich aus, sind aber lieb!“ Kevin sah ihn nur irritiert an.

„Sie sehen gefährlich aus?“

„Naja!“, Carlos kicherte über Kevins Gesicht und zeigte auf seine Narbe, „Das hier ist noch das harmloseste! Aber keine Sorge, sie tun dir nichts! Und wenn ein Typ da ist der dich nur böse ansieht! Das ist Franco, am Besten du sprichst ihn gar nicht an dann kann dir auch nichts passieren!“

„Hast du nicht gesagt sie sind ungefährlich?“ Er hatte die Hände in die Hüfte gestemmt und sah Carlo skeptisch an, auf Schlägertypen hatte er nun wirklich keine Lust.

„Keine Sorge! Komm einfach!“ Carlos klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter und öffnete ihm die Türe! „Ich bin morgen ganz sicher da! Also.. bis morgen!“

„Alles klar, ich freu mich!“ Kevin winkte heftig zum Abschied und bemerkte mit einem Blick auf die Uhr das er ziemlich viel Zeit hier verbracht hatte, bald würde der letzte Bus in seine Wohngegend fahren. Mit einem letzten Blick auf Carlo, der noch in der Tür stand winkte er noch einmal und rannte los, direkt in eine andere Person.

„Oh Verzeihung!“ Er sah nur noch in zwei verwundert aufgerissenen schwarze Augen und nahm den Geruch von Zimt mit als er weiterlief.

„Kein Problem!“, rief ihm derjenige noch hinterher, doch Kevin hörte ihn schon gar nicht mehr da sein Bus gerade an seiner Haltestelle einfuhr.

Etwa irritiert sah Toni dem blonden jungen Mann hinterher, drehte sich dann zu Carlo um der noch lächelnd in der Tür der Pizzeria stand.

„Kennst du den?“ , fragend sah er seinen Bruder an, der auf einmal mit verschränkten Armen in der Türe lehnte und ihn böse anfunkelte. „Was?“

„Wo warst du?“

„Weg!“ antwortete Toni nur schnippisch und wollte sich an ihm vorbei in die Pizzeria drängen.

„Was stellst du schon wieder an?“ Carlos hatte ihn am Arm gepackt und zischte ihm die Worte entgegen.

„Das geht dich überhaupt nichts an!“ fauchte Toni zurück und riss seinen Arm los. Schnell stürmte er durch die Pizzeria, durch einen Tür und dann die Treppe hinauf in die Wohnung. Carlos sah ihm nur seufzend hinterher und massierte sich die Stirn. Verdammt, er machte sich doch nur Sorgen!

+

„Na los! Ab ins Bett!“ mit seiner quietschenden Fracht unter dem einem Arm und der strampelten über seiner Schulter wankte Kevin lachend in das kleine Zimmer seiner beiden Geschwister.

„Achtuuuung, abladeeenn!“ Er schmiss sich aufs Bett und legte dort seine kichernde Beute ab. „Na los. Schlafen!“ Seine Schwester Tina und sein Bruder Max wanden sich unter seiner Kitzelattacke und gaben dann japsend auf. „Gehst du morgen arbeiten?“ Tina schnappte sich ihren Teddybären und krabbelte in ihr Bett hinüber.

„Ja, ich arbeite jetzt jeden Tag in dieser Pizzeria!“

„Den gaanzen Tag!“ mit großen Augen machte Max mit seinem Armen eine lange Bewegung um zu fragen wie ‚gaaaaaaanz’ denn genau. „Nach der Schule bis abends, aber am Wochenende hab ich frei, keine Sorge!“ mit dieser Antwort gaben sich die beiden blonden Wuschelköpfe zufrieden und krabbelten unter ihre Decke.

„Gute Nacht!“ flüsterte er und schloss die Tür. Er schaute noch schnell in das Zimmer seiner Mutter, die geschafft von ihrer Arbeit schon im Bett lag.

„Ich bin stolz auf dich!“ flüsterte sie ihm als Gute Nacht Gruß zu, er lächelte sie sanft an und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. „Hab dich lieb!“ wisperte er leise bevor er dort ebenfalls die Tür schloss und leise in sein Zimmer tapste, das er sich mit dem zweiten Sohn der Familie teilte.

„Hey Tiger!“ Er wuschelte seinen schlaftrunkenen Bruder Armin durch das braune Haar und machte dessen Nachttischlampe aus.

In ihrer kleinen Wohnung musste selbst er als der Ältere ein Zimmer mit seinem kleinen Bruder teilen, doch er tat das gerne, er konnte es sich gar nicht anders vorstellen, vor allem da sie schon immer in kleinen Wohnungen lebten und früher sogar zu viert in einem Zimmer geschlafen hatten.

Er war sehr froh mit diesem Job seiner Mutter ein wenig unter die Arme greifen zu können, /Vielleicht kann ich dann endlich meinen Traum erfüllen/

Mit einem seligen Lächeln zog er sich schnell um und schlüpfte unter die Bettdecke. „Kriegen wir dann kostenlos Pizza?“ erklang die schlaftrunkene Stimme von Armin.

Kevin musste ein kichern unterdrücken, wie immer dachte Armin nur ans Essen.

„Vielleicht! Ich weiß nicht, morgen ist ja erst mein erster Arbeitstag!“ flüsterte er zurück, konnte aber schon die gleichmäßigen Atemgeräusche seines kleinen Bruder hören.

Zufrieden mit sich und der Welt drehte er sich in seinem Bett hin und her und war dann mit einem seligen Lächeln auf den Lippen bald eingeschlafen.



Kapitel 2

„Du arbeitest jetzt in einer Pizzabude? Is ja geil!“ Mit einem Grinsen hörte Kevin seinem besten Freund zu, der neben der Begeisterung für seinen neuen Job mit voller Hingabe ein Joghurt aß. „Und wo? Gehst du heute das erste Mal da hin? Wie viel bekommst du dafür?“

Neben jedem Löffel schaffte es Patrick Kevin mit einem Arsenal aus Fragen zu bombardieren, der nur geduldig abwartete bis Patrick den Mund voller Joghurt hatte und antwortete dann: „Du kennst doch die Maximilianstraße? Da hinten, bei dem Kreisverkehr, sie heißt irgendwas mit A.. hab ich leider vergessen mir genauer anzusehen!“ Verlegen kratzte er sich am Kopf und packte nebenbei seine Bücher in seine Tasche. Sie hatten gerade 10 Minuten Zwischenstundenpause und nutzten die Zeit um einen kleinen Snack zu vertilgen. Was bei Patrick hieß: zwei Kirschjoghurts, ein Apfel, eine Birne und sein Käse- Schinken- Sandwich.

„Ich soll heute mal vorbei kommen um den Rest zu klären, aber wenn alle so nett sind wie Carlos dann mach ich mir da keine Sorgen!“ Mit einem leichten Lächeln dachte er an den sympathischen Italiener.. Ja mit so einem Kollegen oder sogar Boss würde es bestimmt Spaß machen in der Pizzabude zu arbeiten.

„Ahhhh is er süß? Schnuckelig? Italiener sollen ja sehr heißblütig sein! Und.. erzähl“

„Was du schon wieder denkst!“ Kevin schüttelte mit gerunzelter Stirn den Kopf. „Er ist 1. viel älter als ich und 2. ist er mehr wie ein großer Bruder! Mehr wird da nicht laufen!“

Etwas enttäuscht darüber das Kevin ihm keinen Stoff für wilde Spekulationen und Gerüchte geliefert hatte biss Patrick in seinen Apfel und meinte kauend: „Hätte ja sein können!“ Er gestikulierte wild mit den Armen herum und Kevin musste dem fliegenden Apfel ausweichen.

„Ups!“

„Herr Meisner! Herr Freyberger! Leider muss ich sie enttäuschen, ein fliegender Apfel wird mich wohl kaum ins Koma befördern und ihnen eine Stunde ohne Mathe bescheren!“

„Oho!“ Schnell packte Kevin seine Sachen weg und schubste Patrick auf dessen Platz.

„Entschuldigung Frau Mayer- Kindley!“ sagten sie im Chor auf und Kevin duckte mit einen roten Schimmer den Kopf, was zur allgemeinen Erheiterung der Klasse beitrug. Schnell kramte er seine Mathesachen heraus. Seufzend hörte er seiner Lehrerin zu, die es schaffte die Klasse zu beruhigen und ihnen einiges in den nächsten 45 Minuten abverlangte.

„Ich kann nicht mehr!“ geschafft lies er seinen Kopf gegen die Tischplatte knallen und sah Patrick leidend an.

„Bald haben wirs ja geschafft,“ nuschelte dieser nur, der schon wieder einen Apfel zwischen den Zähnen hatte.

Die letzten beiden Stunden gingen schleichend voran und Kevin hätte dem Geschichtslehrer am liebsten das Buch aus der Hand gerissen als dieser sich mit sich selbst stritt wann denn nun Napoleon sich selbst gekrönt hatte. „Na endlich!“, murrte er als der erlösenden Gong kam und er hastig seine Bücher und Hefte in den Rucksack packte.

„Wir sehen uns morgen!“ rief er dann noch Patrick zu und lief so schnell er konnte zur Bushaltestelle. Er schaffte es gerade noch sich in den vollgequetschten Bus zu zwängen bevor sich die Türen schlossen und der Bus sich in Bewegung setzte.

Er liebte seine kleinen Geschwister wirklich sehr aber diese ganzen Kniebeisser mit ihren Mörderbüchertaschen raubten ihn noch den letzten Nerv.

/Ich.will.hier.raus/ so schnell wie möglich quetschte er sich an der nächsten Bushaltestelle aus dem Bus und holte erst einmal tief Luft. Das hätte er keine Sekunde mehr ausgehalten. Er sah dem Bus hinterher an dessen Fenster diverse Nasen gequetscht wurden.

Voller Tatendrang schulterte er seinen Rucksack und sah erst einmal an dem Bushaltestellenschild nach in welcher Straße er überhaupt war. Da er noch Zeit hatte konnte er gemütlich zu Fuß zur Pizzeria laufen.

~+~

„Verdammt noch mal du weißt das Papa dir verboten hat diese Typen wieder zu treffen!“

„Ach, und wer sagt das ich mich mit ihnen treffe?“, verärgert schmiss Toni seine Büchertasche in die Ecke seines Zimmers, wirbelte herum und funkelte Carlo wütend an.

„Ach ja, und denkst du wirklich ich nehme dir das ab!“, Carlo fauchte in gleicher Manier zurück. Die Ähnlichkeit der beiden Angelo- Brüder war verblüffend.

„Oh Mann kannst du nicht mal aufhören??“ Mit einem Knurren drehte sich Toni abermals um und schmiss sich auf sein Bett.

„Kümmer´ dich doch lieber um das Restaurant und lass mich in Ruhe!“

„Ich werde dich erst in Ruhe lassen wenn du mit deinem kindischen Scheiß aufhörst!“, drohte Carlo ihm, spießte noch ein paar Sekunden seinen Rücken auf und rumpelte dann hinunter ins Restaurant.

„Deinem kindischen Scheiß!“ äffte ihn Toni gehässig nach und schnappte schnaubend nach seinem Rucksack. Wütend kramte er nach einen Schokoriegel und biss trotzig davon ab. Sein Bruder konnte ihn mal kreuzweise.



Mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend öffnete Kevin die Tür zum Restaurant, in dem merklich mehr los war als gestern. Ein leises klingeln von Glocken über der Tür kündigte sein Kommen an und er spürte so sämtlich alle Blicke auf sich . Er schob sich schüchtern ganz in das Gebäude hinein und sah sich erst einmal nach Carlo um. Wie sollte er es jemals bis zur Küche schaffen wenn man ihn vorher zerfleischen würde. Unsicher drückte er seinen Rucksack an die Brust und schlich sich näher an den Tresen.

„Kann ich dir helfen!“ die barsche und dunkle Stimme lies Kevin heftig zusammen zucken. Mit großen Augen sah er den riesigen Mann dem die Stimme gehörte an. Er schluckte eingeschüchtert.

Ein Riese von einem Mann stand mit verschränkten Armen hinter dem Tresen und sah ihn kühl an. Eiskalte graue Augen, schwarze Haare, fest zu einem Zopf gebunden, eine Narbe die etwa zehn Zentimeter vom rechten Ohr bis zum Hals verlief.

Als ihn Kevin einfach weiter anstarrte wanderte spöttisch eine Augenbraue nach oben, was die ganze Situation nicht im geringsten besserte.

„Ähm!“, war das einzige was Kevin herausbrachte. Innerlich plante er seinen Rückzug, als auf einmal eine bekannte Stimme schrie:

„Kevin! Da bist du ja!“



Ein ganzer Steinhaufen viel Kevin vom Herzen als Carlo mit einem riesen Grinsen auf ihn zu kam und ihn herzlich umarmte. Kaum merkten die restlichen Gäste das Kevin ein Bekannter war widmeten sie sich wieder ihrer Pizza, Drogengeschäften und Schachspielen.

„Hallo!“, hauchte Kevin zur Begrüßung und lies sich auf weichen Knien in Richtung Küche schieben.

„Wer war der finstere Mann am Tresen?“ flüsterte er ein wenig verlegen.

„Der finstere Mann? Das war Franco!“ kicherte Carlo genauso leise zurück.

Es gab schon viele Ausdrücke für Franco aber finsterer Mann hatte noch keiner zu ihm gesagt.

„Vor ihm brauchst du dich nicht fürchten, vor keinen der hier arbeitet oder isst, sie sehen zwar gefährlich aus sind aber herzensgut,“ teilte er dem eingeschüchterten Kevin mit und öffnet mit Schwung die Türe zur Küche.

„Herhören Jungs!“

Wenn er könnte würde Kevin noch röter anlaufen, als er es schon war. In Sekundenbruchteilen ruhte die gesamte Aufmerksamkeit des Küchenpersonals auf ihm, während er vor Verlegenheit seine Schuhe studierte.

Freundschaftlich hatte Carlo den Arm um seine Schulter gelegt und teilte der Angelo- Crew mit:

„Das hier ist Kevin, er wird ab heute unsere Aushilfe sein, seit nett zu ihm!“

„Oh Bello, was hast du denn da für ein Schnuckelchen angeschleppt!“

Kevin glaubte sich verhört zu haben, doch kaum sah er auf, umarmte ihn jemand auf der Höhe seines Bauchnabels.

Ein kleiner dicker Mann strahlte ihn von unten regelrecht an und drückte ihn erst einmal heftig .

Kevin konnte nicht anders als zu grinsen.

„Hey Nicò! Lass uns von dem Kleinen noch was übrig!“, lachte Carlo und schlug dem kleinen, temperamentvollem Italiener auf die Schulter.

Der löste sich auch gleich von Kevin und streckte ihm strahlend die Hand entgegen und sprach mit italienischem Akzent: „Ich bin Niccoló, aber jeder nennt mich nur Nicò, ich bin hier für den Teig und den Belag der Pizza verantwortlich.“

Kevin konnte das Strahlen nur erwidern, selten hatte er so einen netten Gnom kennen gelernt.

Carlo fuhr ihn etwas weiter in die Küche und stellte ihm die anderen vor.

„Das da hinten ist Nino, er ist unser Spühlmann!“ Kevin winkte einen schmächtigen Jungen zu, der ihm grinsend seine Zahnlücken präsentierte.

„Unser Pirat ist Peppo, er kümmert sich um die Salate. Der große Muckiman ist Remó und sein Schatten heißt Vico, die beiden kümmern sich um die Sachen die nichts mit Pizza zu tun haben, also Pasta und Lasagne und so weiter.“

Ein großer Mann mit einer Augenklappe winkte ihm freundlich lächelnd zu, die tiefen Furchen in seinem Gesicht bewegten sich dabei auf eine gruselige Art und Weise.

Erschrocken war Kevin mehr von dem wirklich großen Mann, der zwar Muskeln hatte aber in Kevins Augen nicht aussah wie ein Bodybuilder, Vico der ‚Schatten‘ hielt sich wirklich eng an dessen Seite auf und warf ihm ein freundliches Lächeln zu. Er war wahrscheinlich genauso alt wie Kevin und Nino.

„Hi,“ flüsterte Kevin noch einmal allen zu und sah wieder betreten zu Boden.

„Na komm, nicht so schüchtern!“ Carlo legte ihm wieder eine Hand auf die Schulter.

„Ich werde dir Franco vorstellen!“

Er zog Kevin mit einer Hand mit sich und trat wieder aus der Küche heraus.

„Hey Franco! Das ist Kevin!“ Und schon stand er dem großen, grauäugigen Mann gegenüber, der immer noch irgendein Glas putzte und ihn abermals abschätzend musterte.

„Also, Franco.. Kevin!“ Carlo sah etwas unschlüssig zwischen den beiden hin und her.

„Ähm.. Hi!“ versuchte Kevin einen Anfang und lächelte leicht. „Hallo!“ wurde ihm entgegengebrummt und der Riese drehte sich wieder um.

„Mach dir nichts draus, er ist immer so!“ flüsterte Carlo ihm zu und schob ihn wieder zurück in die Küche.

„So Leute, heute ist Kevins erster Tag, was kann er tun? Weißt ihn einfach ein und wenn ihr Hilfe braucht dann holt ihn euch,“ ordnete Carlos an und drückte Kevin eine Schürze in die Hand, „Deinen Rucksack kannst du da hinten hinlegen!“ er zeigte auf einen Stapel Kisten in der Ecke , „Ich muss ins Büro, Abrechnungen machen!“ Carlos verzog das Gesicht und machte damit deutlich wie wenig er sich darauf freute. Mit einem letzten aufmunternden Lächeln ging er an Remó und Vico vorbei, die einträchtig Seite an Seite irgendein neues Gericht zauberten, durch eine Tür die anscheinend in das Büro führte.

Schnell legte Kevin seinen Rucksack auf den Stapel Kartons und band sich die Schürze über, und kaum hatte er sich umgedreht schrak er zusammen, weil Nico strahlend vor ihm stand.

„Du kannst mir helfen,“ meinte er fröhlich und klatschte sogleich begeistert in die Hände, als Kevin lächelnd nickte. Der kleine italienische Gnom war wirklich lieb und Kevin hatte ihn schon in den ersten Minuten ins Herz geschlossen. Neugierig trat er näher an Nicos Arbeitsplatz und lernte unter allgemeinem Gelächter den Teig für die Pizza in der Luft zu formen.

„Ich geb auf!“, kicherte er unzählige Versuche später, als sein Teig mal wieder mehr einem Schweizer Käse ähnelte, als einem runden Pizzaboden. Hoffnungslos legte er den Teig zurück und verteilte, als er sich über die Stirn strich, ein wenig Mehl in seinem Gesicht. Allgemein sah er schon weißer aus als seine Schürze.

„Geb nicht so an!“ murrte er als Nico neben ihm den Teig herumwirbeln lies, „Angeber!“ schmollte er und griff nach dem Nudelholz. Sorgfältig walkte er den Teig in eine runde Form. Er griff nach der Tomatensoße: „Originalé von de Mamma ause Italia“, hatte ihm Nico stolz erzählt, und das die Zusammenstellung natürlich das größte Geheimnis war.

Nur Nico und seine Mamma kannten die Zutaten. Kevin wars recht, Hauptsache er musste nicht wieder Teig durch die Luft wirbeln.

Eigentlich ging das arbeiten mit Nico flott von der Hand, obwohl sie schwatzten wie zwei alte Waschweiber und er bald die ganze Familiengeschichte von dem kleinen Italiener kannte. Es machte ihm unglaublichen Spaß neben Nico zu arbeiten. Der Italiener lachte viel und gerne und brachte auch Kevin immer wieder zum prusten.

+*+

Toni wusste nicht was er machen sollte, er wusste das Luigi ihn heute sehen wollte und er kommen musste wenn er keinen Ärger wollte, aber er war sich sicher das wenn er die Treppe runterkam sofort Carlo bereit stand um ihn auszuquetschen. Musste sich sein großer Bruder in so eine Glucke verwandeln?. Das hatte ja nicht einmal seine Mutter gemacht. Und alles nur weil der Typ zu viel Liebe zu verschenken hatte. Toni streifte seinem Rucksack einen bösen Blick. Er konnte ja runter gehen, ein bisschen lieber, reumütiger Bruder spielen und dann klammheimlich abhauen. Ja, das war eine gute Idee, außerdem hatte er Hunger.

Pfeifend hüpfte er die Treppe hinunter und winkte erst einmal Franco zu, der wie immer grummelig Gläser putzte, oh ja die sexuell Frustrierten, er konnte sich ein grinsen nicht verkneifen.

Gekonnt stieß er die Tür zur Küche auf und grüßte erst einmal in die Runde.

„Hey, wo ist Carlo?“

„Im Büro,“ kam es ihm einträchtig entgegen.

Flink flutschte er zwischen Vico und Remó hindurch und entging frech grinsend einem Klaps des muskulösen Italieners. Doch dann stutzte er. Verwirrt huschte er zurück und bückte sich.

Kevin fühlte sich auf einmal beobachtet, er bückte sich ebenfalls und sah direkt in ein gerunzeltes Gesicht.

Den kannte er doch. Toni legte den Kopf schief und der blonde Junge ihm Gegenüber machte es ihm gleich. Eine Zeitlang starrten sie sich an.

„Hi!“, meinte Kevin nach einigen Sekunden und hob die Hand. Toni musterte nur weiter das Gesicht des anderen. Hübsch... wenn nicht zu sagen ziemlich attraktiv.

„Was machst du hier?,“ fragte er und erhob sich um durch das andere Regal den fremden Jungen zu taxieren.

„Ähm.. ich.. arbeite hier?“ Kevin sah sich verwundert um, er fragte sich eher wer der Typ war, der ihn so unverschämt musterte.

„Ahaaaa,“ meinte Toni nur gedehnt und sein Blick wanderte weiter runter. Sehr, sehr ansprechend das Ganze. Und das Mehl, das überall verteilt war, schnuckelig.

„Bist du fertig mit deiner Musterung oder soll ich mich noch ausziehen?“, fragte Kevin ironisch und verschränkte die Arme. Er hasste es angestarrt zu werden

.

„Das ist Antonio, Carlos Bruder,“ ertönte es gutgelaunt neben ihm und Nico wirbelte mit in der Luft fliegenden Pizzaböden um ihn herum.

Kevin sah den schwarzhaarigen Jungen vor sich an. Stimmt, die Ähnlichkeit war nicht zu übersehen. Die gleichen braunen Augen, auch wenn Antonios ein wenig schalkhafter glitzerten und nicht so freundlich wie die von Carlo.

„Tach! Kannst mich aber Toni nennen!“ Tonis schlechte Laune war angesichts dieser neuen Perspektive wie weggeblasen. Er streckte Kevin durch das Regal die Hand entgegen und lächelte entwaffnend.

„Und ich bin Kevin. Ab heute die neue Aushilfe,“ antwortete Kevin und nahm die Hand.

„Dann sehen wir uns wohl öfter,“ meinte Toni gut gelaunt und hielt Kevins Hand ein wenig länger als nötig. Er musterte ihn noch einmal und drehte sich dann um, um fröhlich pfeifend zum Büro seines Bruders zu gehen.

Kevin lies er etwas verwirrt zurück. Diese Italiener, einer sah besser aus als der andere. Vielleicht sollte er Patrick mal mit hierher nehmen, der würde sich wie im Paradies fühlen. Kevin war da ein wenig schüchtern, es dauerte ja schon ewig bis er sich eingestand wenn er jemanden toll fand. Wenn derjenige dann auch noch ein impulsiver, leidenschaftlicher Italiener war, ging alles doppelt so schwer. Nicht das Kevin kein Temperament hatte, aber so wie er die anderen in der Küche kennen gelernt hatte, fiel das bei denen doppelt aus.

Er sah noch einmal in Richtung Büro in das Toni gegangen war, schüttelte lächelnd den Kopf und machte sich weiter daran die Pizzaböden zu belegen. Für sowas hatte er nun wirklich keine Zeit.

Fortsetzung folgt