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Wolfsgesetz

Original/ Fantasy [PG-12] [abgeschlossen] 

keine Warnungen

Einteiler

Inhalt:
Jareck ist ein Werwolf, er darf von keinem Menschen gesehen werden, trotzdem verliebt er sich in einen.

 


 

 

Wolfsgesetz


Ich beobachte dich. Jedes mal wenn ich der Stadt nah genug kommen darf. Was leider nicht sehr oft ist. Die Rudelgesetze sind streng, wir dürfen uns nicht mit Menschen einlassen.

Du bist ein schöner Mensch, selbst in meinen Augen. Nicht so stark wie die Rüden in meinem Rudel, sondern fein und beschützenswert. Du liebst den Wald, dass konnte ich sofort an dir sehen.

Es ist früher Morgen. Wieder habe ich mich von meinem Rudel weggeschlichen. Wenn der Rudelführer erfährt wo ich bin werde ich wahrscheinlich gehen müssen. Aber ich habe das Gefühl dich sehen zu müssen, will eigentlich immer in deiner Nähe sein. Ich bin froh darüber, dass dein Schulweg in Waldnähe verläuft, sonst könnte ich dich nur sehen wenn du wieder tagsüber die Wälder durchstreifst.

Du siehst traurig aus. Immer wieder schweifen deine Blicke in meine Richtung. Doch ich weiß, dass du mich nicht siehst, Menschenaugen sind nicht sehr aufmerksam. Wahrscheinlich wünschst du dir in den Wald zu kommen. Ich sehe wie du jede freie Minute darin verbringst, auch wenn du nicht sehr viel freie Zeit hast. Ich wünschte ich könnte dich dort raus holen. Aus dem Leben in dieser Stadt, bei Menschen die dich nicht zu lieben scheinen. Fort von dem Leben das dich einengt, in die Freiheit des Waldes.

Doch das Rudel ist streng. Ich muss zurück bevor sie bemerken, dass ich dich beobachtet habe. Wir sind Jäger. Immer schneller, eins mit dem Wald, eins mit dem Rudel. Das Blut rauscht in den Adern. Ich bin noch jung, dennoch alt genug um mit den anderen zu jagen. Dies ist ein Gefühl, dass ich dir gerne zeigen würde. Genau dort zu sein wo man hingehört. Aber du bist ein Mensch, und ich bin es nicht. Scharfe Reißzähne die sich in das noch warme Fleisch graben, Fell durchdringen und Knochen brechen können. Wir sind schnell, wir sind tödlich.

Doch das ist es nicht was ich dir zeigen möchte. Es gibt andere Dinge in unserem Leben, die es lebenswert machen. Die Wärme eines Rudels. Das gemeinsame Heulen in der Nacht, dass Menschen erschauern lässt. Hier hat jeder genug zu essen, keiner wird ausgeschlossen. Wir können nur im Rudel leben, weiterleben, überleben. Die Jagd ist gemeinsam, das Fressen ist gemeinsam, wir teilen unser Leben. Ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Doch wenn sie erfahren, dass ich es dir zeigen möchte, werden sie mich ausschließen. Damit das Rudel überleben kann sind die Gesetze streng.

Ich kann dich riechen. Du bist hier im Wald. Meine Geschwister sind müde von der Jagd, sie liegen schlafend im Gras. Ich bin nicht müde, denn ich habe dich gerochen. Ich laufe durch den Wald. Er ist alt, so alt wie unsere Rasse. Kaum ein Mensch traut sich ihn zu betrete. Doch du kommst hier her um dich vor Menschen zu verstecken. Am Rande einer Lichtung bleibe ich stehen.

Du sitzt unter einem Baum. Deine Haare glänzen im Licht der untergehenden Sonne. Sonst sie so schön hell, beinahe weiß. Deine Augen sind geschlossen. Ich höre, dass dein Atem ruhig geht. Du bist eingeschlafen, mitten im Wald. Ich schleiche mich vorsichtig näher. Würde ich mich verwandeln, hättest du sicher weniger Angst, aber ich wäre nackt.

Ich sehe die Tränenspuren auf deinem Gesicht. Du hast dich in den Schlaf geweint. Was ist geschehen? Wer hat dir das angetan? Mit einem fast lautlosen Satz bin ich bei dir. Schnüffle an deiner Kleidung, kann aber keine Verletzungen riechen. Sanft lecke ich mit meiner rauen Zunge die Spuren von deinem Gesicht. Ich weiß, dass du wach werden könntest, aber ich will dich so gerne trösten.

Dein Atem verändert sich. Du schlägst die Augen auf. Sie sind hell und voller Angst. In dieser Gestalt kann ich keine Farben sehen, so wie ich in der anderen Gestalt nicht gut riechen kann, deswegen kann ich die Farbe deiner Augen nicht erkennen. Deine Augen weiten sich überrascht als du siehst was dir das Gesicht reinigt. Ich weiß für Menschen bin ich ein Grund zur Flucht. Du keuchst auf, ich kann die Angst riechen die du hast. Plötzlich verengen sich deine Augen, dein Gesichtsausdruck wird nachdenklich. Ich spüre wie du mich genau musterst. Jetzt bin ich derjenige der Angst hat.

Ich habe mich einem Menschen gezeigt. Keiner von euch wusste, dass unser Rudel in den Wäldern lebt. Wenn du fliehst, es ihnen sagst werden wir gejagt. Wenn sie bemerken, dass wir keine normalen Wölfe sind werden sie uns mit Silber oder Feuer töten. Deswegen dürfte ich nicht hier sein. Deswegen sind die Gesetze des Rudels so streng. Um unsere Jungen zu schützen, unsere gesamte Rasse, müsste ich dich töten. Doch du fliehst nicht. Schaust mich nur aus deinen hellen Augen an. Ist deine Angst so einfach verschwunden?

"Du bist ein Wolf." deine Stimme klingt fest in meinen Ohren, schöner als jeder Rudelgesang. Du schaust mir fest in die Augen, scheinst keine Angst vor mir zu haben. Plötzlich seufzt du, reibst dir mit einer Hand über die Augen. "Ich weiß nicht ob Wölfe Menschen fressen. Aber wenn du vorhast mich zu töten, tu dir keinen Zwang an. Es ist ohnehin nichts wert, mein Leben meine ich. Nur tu es schnell, ich mag den Schmerz nicht besonders." deine Worte klingen so traurig, so völlig ohne Lebenswillen. Aber ich kann dich nicht töten. Du bist so sanft, so beschützenswert, wie ein Welpe.

Sanft lecke ich mit meiner Zunge wieder über dein Gesicht. Ich will dir den Lebenswillen zurückgeben. Du sollst nicht mehr einsam sein. Ein Lachen perlt aus deiner Kehle. Du grinst mich an. "Du scheinst mich nicht töten zu wollen. Du hälst mich wohl nicht für wertvoll genug für eine Mahlzeit?" Auf einmal greifen deine Hände nach meinem Fell, ziehen mich zu dir. Du hältst mich fest, deine Arme eng um mich geschlungen. Wenn ich doch nur auch Arme hätte, mit ihnen könnte ich dich halten, dich umarmen und trösten. Doch dir scheint es erstmal genug zu sein, dass jemand bei dir ist. Leise beginnst du in mein Fell zu weinen, kaum hörbar, völlig ohne Schluchzen. Darfst du sonst nicht laut weinen, schöner Welpe? Darfst du in deiner Welt überhaupt weinen?

Erst nach einer Weile löst du dich wieder von mir. "Entschuldige Wolf." Ich lecke dir wieder die Tränensuren vom Gesicht. Hätte ich einen Mund, würde ich nun aufmunternd lächeln, aber mit einer Wolfschnauze ist das nicht möglich. Du kicherst leise, doch die Trauer ist aus deinen Augen nicht verschwunden. Du blickst in den Himmel und zuckst zusammen. Auf einmal springst du auf. "Es tut mir leid Wolf aber ich muss gehen. Sie werden Ärger machen wenn ich nicht rechtzeitig bin. Ich soll ja eigentlich nicht in den Wald." Ich lege den Kopf schief und schaue dich bittend an. Du grinst, deine Haare wehen leicht im Sommerwind. Du kniest dich hin und schlingst deine Arme um meinen Körper. "Du bist wunderschön Wolf. So stark. Wenn ich darf werde ich Morgen wieder kommen." Ich will dir antworten, doch in diesem Körper kann ich es nicht, kann dir nur noch einmal über das Gesicht lecken bevor du im Unterholz verschwindest.

Lautlos verfolge ich dich bis zum Waldrand. Dort bleibe ich stehen und beobachte wie du über eine Wiese in ein großes Haus gehst. Andere Jungen spielen auf der Wiese Fußball. Als sie dich entdecken lachen sie ohne einen Grund, den ich erkennen könnte. Deine Schultern sacken ab, dein Gesicht wird noch trauriger. Schöner Welpe, du bist im falschen Rudel. Hier gehörst du nicht hin.

Als du das Haus beinahe erreicht hast, schreien dir ein paar der Jungen Wörter hinterher. Ich kann sie mit meinen Ohren gut hören, auch den Tonfall ihrer Stimmen, der mir verrät dass es Beleidigungen sind, doch für mich ergeben die Wörter keinen Sinn. Ich will dir helfen, doch ich darf es nicht und ich verstehe auch nicht warum die anderen dich beleidigen.

Traurig wende ich mich ab und laufe durch den Wald zu meinem Rudel zurück. Bevor ich dort ankomme springe ich in einen der kleinen Bäche. Auch wenn ich mich wasche wird der Menschengeruch nicht ganz von mir verschwinden. Aber er wird schwächer werden. Mein Rudel wird glauben, dass ich wieder zu nahe an die Siedlung gekommen bin. Es wird dunkel im Wald. Die Vögel singen und langsam legt sich alles zur Ruhe. Friedlich ist es zu dieser Zeit des Tages, friedlich und wunderschön. Wie sehr wünsche ich mir dieses Leben hier zeigen zu können.

Meine Geschwister schauen mich seltsam an. Ich war zu lange weg, das Rudel bleibt immer zusammen. Es gibt keinen Wolf der einzeln läuft. Sie begrüßen mich auf Wolfsart, doch wirklich freuen kann ich mich nicht. Müde lege ich mich zu den frisch geborenen Welpen. Sie haben die Augen noch nicht geöffnet. Aber sie werden einmal stark werden. Mit meiner Zunge lecke ich über die Schnauze unserer Mutter, begrüße sie so. Sie ist schon lange das Alphaweibchen, wird es noch lange sein.

"Du warst lange weg Jareck." flüstert sie leise. Es ist kein Vorwurf in ihrer Stimme zu hören, nur leichte Sorge. Ich beginne damit der kleinen Maru das Fell zu lecken, sie knurrt leise im Schlaf. Unsere Mutter beobachtet mich lächelnd. "Du magst die Welpen. Nicht wahr? Ein sanftes Kind wollte ich immer haben." Ich lächele meine Mutter fröhlich an. "Es stimmt ich liebe die Welpen. So klein, sie sind es wert, dass sie beschützt werden." Ich sehe dein trauriges Gesicht vor mir. Wie gerne würde ich dich auch beschützen.

"Du bist traurig mein Junges. Bleib ein wenig bei den Welpen, sie werden dich trösten." sanft leckt mir meine Mutter über die Schnauze, dann steht sie auf und geht zu meinem Vater. Sie hat nicht gefragt warum ich traurig bin. Aber ich weiß, dass sie sich wünscht mein Herz wäre nicht so schwer. Mit schweren Gedanken an dich dämmere ich ein.

Noch vor der Sonne wache ich auf. Wieder schleiche ich mich vom Rudel weg. Laufe durch den Wald, trabe am Ende nur noch. Ich muss Kräfte sparen, denn später werden ich sie für die Jagd brauchen.

Wieder stehe ich nahe am Waldrand. Warte darauf, dass du wieder hier vorbei kommst. Will dich wenigstens sehen. Der Waldrand ist dicht. Mein Fell ist so gefärbt, dass es mich perfekt verbirgt. Als du um die Ecke kommst, schleicht ein Knurren aus meiner Kehle. Deutlich kann ich die Verfärbung um dein Auge sehen. Zwar kann ich keine Farben sehen, doch weiß ich, dass dein Auge blau ist. Jemand hat dich geschlagen. Wut kriecht in mir hoch, mein Knurren wird lauter. Wer hat dir das angetan? Ich will ihn töten. Meine Augen glimmen auf. Doch ich muss mich zurück halten. Meine Instinkte dürfen nicht mit mir durchgehen. Weder das Rudel noch du wären damit einverstanden.

Du bleibst wieder an der Stelle stehen. Deine Augen suchen den Waldrand ab. Die Luft weht von dir zu mir herüber. Ich atme deinen Geruch tief ein, rieche die Tränen die du wieder vergossen hast. Ich vergesse das Rudelgesetz und laufe zum Waldrand. Deine Augen strahlen auf, als du mich entdeckst. Dein Gesicht verzieht sich zu einem Grinsen, du winkst mir mit einer Hand zu. Mein Herz macht einen kleinen Sprung. Hätte ich einen Mund würde ich breit grinsen, hätte ich eine Stimme würde ich dir Mut zusprechen.



Ich höre Schritte in der Ferne. Das Geräusch bringt mich wieder zur Vernunft. Ich habe das Rudelgesetz zum zweiten mal gebrochen und mich freiwillig einem Menschen gezeigt. Blitzschnell drehe ich mich um und springe in den Wald zurück, erst als man mich vom Weg nicht mehr erkennen kann, drehe ich mich um. Du suchst mit einem traurigen Blick den Wald ab. Wie gerne würde ich zu dir laufen, doch zwei Menschen biegen um die Kurve. Sie sehen dich und beginnen zu grinsen. Auch du hast sie gesehen. So schnell wie du kannst rennst du vor ihnen davon. Doch die beiden Jungen lachen nur. Ich drehe mich um. Das Rudel wird bald aufbrechen, um zu jagen. Ich werde mit ihnen laufen müssen.

Wieder liegt meine Familie im Wald herum. Die Jagd war erfolgreich, alle sind wieder satt geworden. Die Knochen haben wir vergraben. Wölfe machen das eigentlich nicht, aber wir sind keine Wölfe. Menschen würden uns jagen wenn wir Spuren zurücklassen. Wir konnten nur überleben, weil wir keine Wölfe sind. Und wir können hier leben weil wir keine Menschen sind. Ich schleiche mich vom Rudel weg. Natürlich würden sie mich bemerken, aber ich will sie nicht unbedingt wecken. Dass meine Mutter mir nachschaut bemerke ich nicht.

In der Hoffnung, dass du wieder hier bist laufe ich zu der Lichtung. Schon bald rieche ich deinen Geruch. Du bist wieder gekommen. Mein Herz macht einen Freudensprung und ich renne schneller. Du sitzt wieder unter dem Baum. Die Knie eng an den Körper gezogen und den Kopf darauf gelegt. Dein Atem geht unregelmäßig, du schläfst nicht. Mit wenigen Sätzen bin ich bei dir. Du schaust auf und lächelst mich traurig an. Deine hellen Augen glänzen, doch nicht vor Tränen, sondern vor Freude. Du freust dich wirklich mich zu sehen? Wie sehr ich mich erst freue dich zu sehen! Deine Schultasche liegt neben dir im Gras. Du bist gleich nach der Schule zu mir gekommen, nicht erst in dieses große Haus gegangen in dem du lebst.

Du kraulst mir das Fell, es fühlt sich wunderbar an. Ich schmiege meinen Kopf in deine Hand, du lächelst. "Wie soll ich dich nennen? Wolf geht nicht. Du bist das erste Wesen das nett zu mir ist, da kann ich dich nicht einfach wie alle deiner Rasse nennen. Du bist etwas Besonderes." Ich lächele in mich hinein. Wir sind Wölfe, wir brauchen keine Namen. Aber wir sind auch Menschen und Menschen brauchen Namen. Ich habe einen Namen, ein Name der mir gefällt. Aber noch kann ich ihn dir nicht sagen. Du greifst nach einer handvoll Fell und schaust es dir genau an. "Dein Fell ist so braun wie Haselnüsse. Der lateinische Name für Haselnuss ist Corylus. Wie wäre es mit Corry?" Der Name gefällt mir. Er ist schön, obwohl ich jeden akzeptiert hätte, außer vielleicht Fido oder Fiffi. Zum Zeichen meiner Anerkennung lecke ich dir wieder über das Gesicht. Dein Kichern, das darauf folgt, ist so schön. Ich würde es gerne öfter hören, doch du wirst sofort wieder traurig.

"Du bist wirklich mein einziger Freund. Ab jetzt werde ich jeden Tag herkommen, wenn du es mir erlaubst. Die anderen im Waisenhaus mochten mich von Anfang an nicht. Frag mich nicht warum, ich weiß es nicht." Aber ich weiß es, schöner Welpe. Du bist schmal und nicht kräftig genug um dich zu wehren. Sie haben einfach ein gutes Opfer gefunden. Doch du bist schön, anders als ich und meine Brüder. Deine Haare sind so hell, sie würden im Wald auffallen. Deine Stimme und deine Gesten sind so sanft. Aber du bist nicht schwach, denn sie haben dich nicht gebrochen.

"Aus meinem alten Waisenhaus musste ich weg. Es war von Nonnen geführt. Die sahen aus wie Pinguine." Du grinst leicht, in Erinnerungen von glücklicheren Tagen gefangen. Schweigend sitzt du eine Weile da, beobachtest die Sonne wie sie vorüberzieht. Ich will mehr von dir erfahren, aber die Zeit schwindet. Ich lecke dir leicht über die Lippen, um dich dazu zu bewegen weiter zu sprechen. Du lächelst, doch es ist ein trauriges Lächeln. "Willst du mehr von mir hören?" Ich lege als Antwort den Kopf schief, hoffe darauf, dass du mich verstehen wirst, weiter erzählst.

Für einen kurzen Moment ist in deinen hellen Augen Freude zu sehen, aber der Funke verglüht. "Du bist der erste, der mehr über mich wissen will, weißt du? Auch wenn du nur ein Tier bist, ist es schön jemanden zu haben dem ich alles erzählen kann." Nun steigt auch Trauer in mir auf. Du willst mit einem Menschen reden, einen der deinen Art haben, dem du Vertrauen schenken kannst. Ich bin ein Werwolf, kein Mensch, kein Tier. Wir sind Zwischenwesen. Wirst du mir auch noch dein Vertrauen schenken, wenn du es erst einmal erfahren hast?

Doch noch weißt du nicht was ich bin. Noch habe ich dein Vertrauen. Noch sprichst du mit mir.

"Sie haben das Waisenhaus aufgelöst. Deswegen bin ich hier. Aber hier ist es anders. Eigentlich ist es ein Heim für Jugendliche mit denen ihre Eltern nicht klar kommen. Ich bin dort der Kleinste und Schwächste." Vorsichtig tastend fährst du mit der Hand über dein Auge, zuckst bei dem Schmerz zusammen. Ich fange deine Hand mit meinen Zähnen ab, lecke den Bluterguss auf Wolfsart. "Danke Corry. Aber ich glaube nicht, dass es viel helfen wird." Du lächelst, und diesmal ist dein Lächeln echt.

Ich springe auf und packe deine Hand mit meinen Fängen. Wölfe können sanft sein. Ohne dich zu verletzen ziehe ich dich mit hoch. Spielerisch schnappe ich nach deinen Füßen, du springst zur Seite. Verwundert schaust du mich an, dann erhellt ein Lächeln dein Gesicht. "Du willst wohl spielen, Corry?" Ja ich will spielen. Deine trüben Gedanken durch ein Spiel vertreiben, weil ich sie anders noch nicht vertreiben kann. Wir tollen auf der Lichtung herum, bis du völlig erschöpft im Gras liegst. Erst jetzt nehme ich die Vogelstimmen um uns war. Wieder ist es Abend geworden, wieder bin ich zu lange von meinem Rudel entfernt gewesen.

Ich lecke über dein Gesicht, um deine Aufmerksamkeit zu erregen. Auch du musst wieder in das große Haus, in dem du so ungern bist. Dein Gesicht verzieht sich. "Ich weiß, dass ich gehen muss, Corry. Ich wünschte nur ich könnte bleiben oder du könntest mit mir kommen." Traurig schüttle ich den Kopf. Ich wünschte auch, du könntest bleiben. Auf deinem Gesicht erscheint wieder ein trauriges Lächeln. "Morgen sehen wir uns wieder. Aber etwas später als Heute, ich habe Nachmittagsunterricht." Ein letztes mal schlecke ich über dein Gesicht, dann drehe ich mich um und renne in den Wald.

Noch bevor ich den Lagerplatz erreiche erwartet mich meine Mutter. "Ich habe gesehen wo du jeden Tag hinläufst Jareck. Vertraust du diesem Menschen?" fragt sie mich statt einer Begrüßung. Ich erstarre vor plötzlicher Angst. Doch meine Mutter leckt mir über die Schnauze. "Natürlich vertraust du ihm mein Junges. Sonst hättest du dich ihm nicht gezeigt. Ich fühle, dass dich etwas an diesen Menschen bindet, es geht nicht von deiner Wolfsseite aus." Ich nicke wie in der Art der Menschen, es ist einfacher. "Er weckt meinen Beschützerinstinkt in der Wolfsseite. Aber was meine menschliche Seite an ihm findet weiß ich nicht." Meine Mutter lächelt und dreht sich um. "Komm Junges wir schauen nach den Welpen. Vielleicht solltest du ihm als Mensch begegnen, wenn du deine menschliche Seite nicht verstehst."

Ihm als Mensch begegnen. Das würde ich gerne, doch fehlt mir Kleidung, die für Menschen so wichtig ist. Die Mitglieder des Rudels verwandeln sich nicht mehr oft, es ist nicht notwendig und manchmal sogar gefährlich. Auch kann ich mich nicht nah an die Stadt ranwagen um Kleidung zu stehlen.

Zwei der Welpen haben bereits die Augen geöffnet. Bald wird meine Mutter das Rudel wieder auf die Jagd begleiten. Andere Wölfe werden die Jungen schützen, damit das Alphaweibchen jagen kann. Beim letzten Wurf durfte ich diese Aufgabe übernehmen. Wir transportieren das Futter nicht wie normale Wölfe, auch wenn es den meisten nicht gefällt, eine gewisse Pietät haben wir von unserer Menschenseite übernommen.

Die Jagd war schwer. Den ganzen Vormittag haben wir den Bock durch den Wald gejagt. Er war schon alt, aber gerade das machte ihn schlauer. Völlig erschöpft sinkt das Rudel ins Gras. Meine Mutter hatte uns schon sorgevoll erwartet, sie hatte Hunger und es war recht ungewöhnlich, dass das Rudel so lange auf der Jagd blieb. Während sie fressen geht, bleibe ich bei den Welpen. Dieses Jahr hat Mutter 4 geworfen. Sie sind noch zu klein um Menschengestalt anzunehmen, aber ihre Augen sind schon offen. Sie balgen sich wie wild und klettern auf meinem Fell herum.

Die meisten des Rudels schlafen nach der anstrengenden Jagd, nur ich und zwei Wächter sind noch wach. Das Rudel ist groß, bald wird es zu Machtkämpfen kommen. Wahrscheinlich wird dann einer meiner Jagdbrüder mit dem Teil des Rudels weiterziehen, der mit ihm gehen will. Ich werde es nicht sein, dass weiß ich genau. Zu einem müsste ich dann meinen schönen Welpen allein lassen, zum anderen will ich keines der Weibchen nehmen. Ich bin zwar der Stärkste aus meinem Wurf, trotzdem werde ich mich nicht an den Kämpfen beteiligen.

Es ist immer eine zwiespältige Sache wenn ein Rudel sich aufteilt. Es ist schön, dass unsere Zahl wieder wächst, aber es ist schade sich von seinen Rudelgefährten zu trennen. Selten trennen sich Wölfe von ihrem Rudel und niemals würden einzelne Wölfe freiwillig ihr Rudel verlassen. Wir sind Werwölfe, deswegen wird bei uns kein Wolf ausgeschlossen nur weil es zu wenig Nahrung gibt oder er zu schwach ist, nur wenn jemand die Gesetze bricht.

Einsamme Wölfe überleben oft den nächsten Winter nicht. Manche hungern sich zu Tode, weil sie die Einsamkeit nicht ertragen können. Mein schöner Welpe ist ein einsamer Wolf, obwohl um ihn ein Rudel ist gehört er nicht dazu. Unruhig schaue ich mich um. Ich will zu meinem Menschen. Die Jagd war lang und er wird wieder bei Sonnenuntergang gehen müssen.

Meine Mutter kommt durch das Unterholz gelaufen. Erst als sie bei mir ist erhebe ich mich. Welpen purzeln von meinem Rücken auf den Erdboden durcheinander. Mutter leckt mir nur kurz über die Schnauze, bevor sie mich anknurrt, "Lauf schon Jareck, suche deinen Menschen." Ich danke jappend und renne durch den Wald. Noch kann ich dich nicht riechen. Unruhe macht sich in mir breit. Als ich auf der Lichtung ankomme ist sie leer. Du wolltest später kommen. Daran halte ich mich fest, damit ich nicht deine Spur vom Vortag verfolge, mich so vielleicht in Gefahr begebe.

Ich kann dich riechen und hören bevor ich dich sehen kann. Du rennst durch den Wald, so dass du nicht zu überhören bist. Doch nicht die Geräusche die du machst machen mir Sorgen, sondern das Blut und die Tränen, die ich an dir riechen kann. Du stürmst auf die Lichtung, ohne auf die Kratzer zu achten die das Unterholz bei dir verursacht. Als du mich erblickst wirfst du deine beiden Taschen ins Graß und rennst auf mich zu. Was ist nur geschehen, schöner Welpe? Was habe sie dir wieder angetan? Du schlingst deine Arme um mich und weinst wieder in mein Fell. Sanft lecke ich die Tränen von deinen Wangen, das Blut von deinen Lippen und deiner Stirn.

Es dauert lange bis du dich wieder beruhigt hast. Wie gerne würde ich die töten die dir das angetan haben, aber Werwölfe sind keine Mörder und die Menschen würden uns jagen. Dann hättest du nicht nur keine Feinde mehr, sondern auch keinen Freund mehr. Sanft nehme ich deinen Kiefer zwischen meine Fänge, um zu zeigen wie gern ich dich habe. Nach einem erschrockenen Keuchen lässt du es zu, fängst sogar an zu kichern. Ich stehe auf und trotte langsam zu den Taschen. An derjenigen die du gestern nicht mit hattest rieche ich interessiert, sie riecht nach deinem Schweiß und ein wenig nach Blut, einige Tropfen sind darauf gefallen.

"Das sind meine Sportsachen, wenn es dich interessiert." Sacht streichst du über die Blutflecken. "Nach Sport haben sie mir aufgelauert." wisperst du leise. Ich drehe mich zu dir um und lecke noch einmal sanft mit meiner rauen Zunge über dein Gesicht. Du kicherst leise, schaust mich aus deinen hellen Augen glücklich an. Wieder drehe ich mich zu der Sporttasche. Sie ist meine Chance dir meine wahre Gestalt zu zeigen. Zwar werden deine Sachen mir zu klein sein, aber besser als dir nackt gegenüber zu stehen. Ich schnappe nach den Trägern der Tasche und renne mit ihr in den Wald, bevor du mich aufhalten kannst.

"Hey Corry, wo willst du hin? Corry komm zurück!!!" Deine Rufe werden leiser. Ich laufe nicht zu tief in den Wald, doch tief genug um mich vor dir zu verbergen. Die Verwandlung ist angeboren, sie tut uns nicht weh. Ich kann jeden einzelnen Muskel in meinem Körper fühlen, kann spüren wie sie sich verändern. Mein Fell zieht sich in die Haut zurück. Ich wachse und werde breiter. Die Haare auf meinem Kopf sind braun-schwarz, sie haben die gleiche Farbe wie mein Fell, nur sind sie völlig verfilzt und reichen mir bis zur Hüfte, da ich sie noch nie geschnitten habe. Auch meine Augen haben ihre Farbe nicht verändert, sie sind grau wie Sturmwolken.

Ein wenig ungeübt öffne ich deine Tasche. Dein T-Shirt kann ich mir gerade so überstreifen. Zum Glück hast du eine Jogginghose, die sehr dehnbar ist, allerdings ist sie bei mir eher eine kurze Hose. Die Schuhe probiere ich erst gar nicht an, sie würden mir nie passen. Ich laufe schnell durch den Wald zurück zur Lichtung. Immer noch bewege ich mich beinahe lautlos, aber mein Gehör und mein Geruchssinn sind lang nicht mehr so gut, dafür kann ich wieder Farben sehen. Als ich auf die Lichtung stürme sitzt du wieder unter deinem Lieblingsbaum. Ich sehe die Angst in deinen Augen aufblitzen. Als ich auf dich zugehe rappelst du dich auf und weichst an den Stamm zurück.

Jetzt erst wird mir klar wie ich für dich aussehen muss. Ein beinahe zwei Meter großer, kräftiger junger Mann mit ungepflegten langen Haaren, in deiner eigenen Kleidung kommt mitten im Wald auf dich zu. Verdammt so einen Eindruck wollte ich mit Sicherheit nicht hinterlassen. Wie vom Donner berührt bleibe ich stehen. Du zitterst wie Espenlaub und drängst dich dichter an den Stamm. "Ganz ruhig. Ich werde dir nichts tun." meine Stimme klingt rau, weil ich sie so wenig benutzt habe. Verdammt ich weiß nicht einmal deinen Namen. Ich lasse die Tasche fallen und hebe die Hände um zu zeigen, dass ich dir nichts tun werde. Doch als ich einen weiteren Schritt auf dich zumache drehst du dich plötzlich um und spurtest los.

"Verflucht bleib stehen. Ich will dir nichts tun, Welpe!" wenn ich dich jetzt entkommen lasse wirst du vielleicht nie wieder kommen. Noch bevor du den Waldrand erreicht hast, habe ich dich erreicht. Erst will ich dich mit einem Sprung zu Fall bringen, bevor mir klar wird wozu ich Hände habe. Ich ziehe dich an mich, schlinge meine Arme um deinen zarten Körper. Durch den plötzlichen Stopp fallen wir beide. Ich lasse dich nicht los, sondern versuche dich mit meinem Körper vor dem Aufprall zu schützen.

Du fängst an dich in meiner Umarmung zu winden, trittst und schlägst nach mir. Ich halte dich eng an mich gepresst, bin Schmerzen als Wolf und als Mensch gewöhnt. Es dauert lange bis du vor Erschöpfung aufgibst, doch schließlich wirst du ruhig. Vorsichtig löse ich meine Umklammerung etwas, bereit sofort zu zupacken wenn du fliehen willst. Doch du bleibst still liegen, zitternd, anscheinend erwartest du geschlagen zu werden. Sanft streiche ich dir deine Haare aus dem Gesicht, jetzt kann ich ihre Farbe erkennen, sie sind blond beinahe schon weiß.

Keine Träne ist auf deinem Gesicht, jetzt bin ich wieder ein Fremder und vor fremden Menschen zeigt man keine Schwäche. Ich kenne die ungeschriebenen Gesetze der Menschen, auch wenn mein Volk sie oftmals nicht einhält. Du schlägst die Augen auf, sie sind hellblau, wie ein Sommerhimmel. Doch sie sind auch kalt und misstrauisch. "Versprichst du mir nicht weg zu laufen, damit ich die Sache erklären kann?" langsam gewöhne ich mich wieder an meine Stimme, sie wird weicher und sanfter. Du nickst nur stumm. Vorsichtig lasse ich dich aus meinen Armen gleiten, beinahe schmerzlich vermisse ich das Gefühl dich zu halten, doch noch mehr schmerzt, dass du sofort zurück weichst. Aber ich muss dein vertrauen erst wieder gewinnen.

"Ich bin Jareck. Ich beobachte dich schon eine Weile." deutlich sehe ich wie du zusammenzuckst. Trotzdem spreche ich weiter, ich will dir die Wahrheit sagen, selbst wenn du mich danach nie wieder sehen willst. "Vor einigen Tagen habe ich dich hier auf der Lichtung entdeckt, du sahst so traurig aus. Ich wollte dir ein Freund sein. Also bin ich zu dir gekommen, obwohl ich wusste, dass ihr Menschen oft Angst vor uns habt. Ich habe wohl einfach gehofft, dass du anders bist. Du hattest auch keine Angst aber nur weil du dien Leben für wertlos geachtet hast. Das konnte ich nicht zulassen. Du bist ein so schöner Mensch, so sanft und beschützenswert wie ein Welpe, obwohl du sicher schon ein Jährling bist und bald ausgewachsen."

Ich sehe wie du rot wirst bei dem Kompliment, aber auch wie es in deinem Kopf arbeitet. Du kannst erahnen was ich bin, willst aber noch Gewissheit haben. "Ich weiß nicht ob ich dir den Willen zu leben wieder gegeben habe. Ich kann mir nur wünschen, dass es so ist.

Ich bin ein Werwolf, wie du dir sicher schon denken kannst. Ich hätte mich gleich am Anfang in meiner menschlichen Gestalt gezeigt, aber ohne Kleidung..." Ich weiß es ist nicht leicht zu akzeptieren. Aber ich bin was ich bin und kann mich nicht ändern.

Du starrst schweigend vor dich hin. "War das alles?" deine Stimme ist nur ein Flüstern. "Alles was ich dir im Moment erzählen kann, schöner Welpe." Du stehst langsam auf und schaust auf mich herab. Eigentlich müsstest du mein Herz hören können, so laut schlägt es, voller Angst, dass du ohne ein weiteres Wort gehen könntest. Doch du lächelst leicht, es ist ein gezwungenes Lächeln aber immerhin ein Lächeln. "Gib mir ein wenig Zeit. Wenn ich Morgen wieder hier bin, hast du meine Antwort. Wenn ich nicht hier bin, kann es sein, dass die Idioten mich wieder eingesperrt haben, also warte auf mich, bitte." Ich springe auf, hätte dich beinahe wieder in die Arme genommen, kann mich aber zurück halten. "Natürlich werde ich warten, schöner Welpe."

Grinsend legst du den Kopf in den Nacken. "Könnte ich dich um etwas bitten? Hör bitte auf mich schöner Welpe zu nennen, das ist nicht gerade ein Name den ich tragen möchte. ich heiße Marcel. Ach und könnte ich vielleicht meine Sachen wiederhaben? Natürlich erst wenn du dich verwandelt hast." dein Gesicht wird puterrot. Ich nicke dir nur zu und laufe in den Wald. Kurz darauf komme ich als Wolf wieder, deine Kleidung im Maul tragend. Ich lege sie dir vor die Füße und gehe dann zwei Schritte zurück, falls du mir nicht mehr nahe sein willst. Du stopfst die Kleidung ohne ein Wort zu sagen in deine Tasche, dann drehst du dich um und gehst einfach, ohne einmal zu mir zurück zu blicken.

Ich bleibe stehen und starre auf die Stelle, wo du im Unterholz verschwunden bist. Auch als deine Schritte selbst für meine Ohren unhörbar geworden sind, stehe ich noch immer da und starre in den Wald. Ich weiß nicht ob du wiederkommen wirst, oder ob ich dich Heute das letzte mal gesehen habe.

Ein Rascheln lässt mich zum Waldrand hinter mir schauen. Meine Mutter steht dort und blickt mich traurig. "Du hast dich verwandelt, ich kann es an dir riechen, Jareck. Wie hat er es aufgenommen?" die Sorgen die sie sich macht sind deutlich aus ihrer Stimme zu hören. Mit gesenktem Kopf trotte ich zu ihr. "Ich weiß es nicht." antworte ich ehrlich, "Morgen wird sich zeigen ob er mit einem Werwolf befreundet sein kann."

Sanft leckt meine Mutter über meine Schnauze, lehnt sich an mich und spendet mir so Trost. "Lass uns ein wenig jagen, Jareck. Hasuf passt auf die Jungen auf und die Jagd wird dich vergessen lassen." Froh stimme ich zu. Die Jagd wird meinen Kummer verdrängen, verlassen wird er mich nicht bis Marcel wiederkehrt. Hasuf, meine kleine Schwester, musste wirklich lernen besser mit den Welpen umzugehen. Die Sonne ist schon seit einer Weile untergegange, doch für uns ist das Licht hell genug.

Zwei Hasen haben wir erlegt. Ich habe meinen den Welpen und Hasuf überlassen. Schließlich habe ich nur gejagt um zu vergessen und die Welpen müssen früh lernen mit richtigen Futter umzugehen. Hasuf war deutlich genervt von den Kleinen, sie wäre lieber jagen gegangen.

Heute habe ich Wachdienst. Die Nacht ist ruhig und klar. Die einzigen Wesen die unterwegs sind gehören auch in der Nacht in den Wald. Noch bevor die Sonne ganz aufgegangen ist werden wir wieder zur Jagd aufbrechen. Dass bedeutet ich werde heute nicht am Waldrand warten können bis du vorbei kommst.

Das Rudel ist zu groß um auch nur eine Jagd auszulassen. Noch gibt es in diesen Wäldern genug Wild um alle zu sättigen, auch wenn wir bald weiter ins Waldesinnere ziehen müssen. Doch das wird erst im Herbst geschehen und das Rudel wird sich erst trennen, wenn im Frühling fest steht ob das Alphaweibchen wieder einen so großen Wurf erwartet.

Die Jungen unseres Volkes wachsen langsam, erst mit 18 hören sie auf Jährlinge zu sein. Wir altern so langsam, dass wir eigentlich unsterblich sind. Ein Rudel besteht aus mindestens 5 Werwölfen, steigt die Zahl über 20 an muss sich das Rudel meist trennen, da es nur sehr wenige Jagdgebiete gibt die eine so große Anzahl an Werwölfen ernähren kann. Es ist nicht leicht ein Gebiet zu finden in dem ein Rudel bleiben kann. Die Menschen sind zu weit vorgedrungen. Unser Rudel hat es mit diesem Gebiet gut getroffen. Zwar liegt der Wald nah an einer Stadt aber er hat viel Wild, da ihn die Menschen meist in Ruhe gelassen haben. Normale Wölfe könnten hier nicht überleben, aber wir sind klüger als sie, auch wenn wir die gleichen Instinkte besitzen.

Die Jagd war dieses mal sehr erfolgreich. Wir haben einen großen Eber erwischt, der genug Fleisch für alle hatte. Ich habe kaum etwas gegessen, irgendwie fehlt mir der Appetit. Gleich nach der Jagd mache ich mich auf den Weg zur Lichtung, obwohl es eigentlich viel zu früh ist. Natürlich bist du noch nicht da. Ich laufe hin und her, fange an Mäuse zu jagen. Als all diese kleinen Wesen in ihren Löchern verschwunden sind schnappe ich nach Insekten. Ich bin zu unruhig um einfach zu warten und zu stolz um auf und ab zu laufen. So bekomme ich wenigstens ein wenig Training in Schnelligkeit und Wendigkeit.

Als ich Schritte höre die sich der Lichtung nähern horche ich auf. Ich erkenne deine Schritte sofort, höre auch wie sehr du dich beeilst. Auch Heute kann ich frisches Blut an dir riechen, aber keine Tränen. Endlich stehst du auf der Lichtung. Deine Nase blutet und das blaue Auge hat ein fast gleiches Spiegelbild bekommen, trotzdem lächelst du. Jetzt kenne ich deine Antwort. Ich stürme auf dich zu, werfe dich mit meiner Attacke beinahe um. Sanft lecke ich dir wieder über das Gesicht. Den Geschmack von Blut bin ich gewöhnt, auch wenn dein Blut das letzte ist was ich schmecken möchte.

Du lächelst und wehrst mich mit einer Hand ab. "Warte doch mal, Jareck. Ich hab dir Klamotten mitgebracht, dann können wir uns unterhalten." Du streckst mir eine Tasche hin. "Sie sind nichts besonderes, aber das bedeutet auch, dass du sie behalten kannst. Hoffentlich passen sie." Schnell schnappe ich mir die Tasche und lauf in den Wald. Die Verwandlung geht beinahe noch schneller als gestern. In der Tasche von Marcel finde ich eine Jeans, die zwar etwas kurz ist, aber sonst gut passt. Auch ein T-Shirt liegt darin und, wie ich grinsend bemerke, eine Bürste. Schnell laufe ich zu dir zurück.

Du sitzt unter deinem Lieblingsbaum und beobachtest wie gestern den Waldrand. Aber im Gegensatz zu Gestern springst du Heute fröhlich auf als du mich siehst. Jetzt kann ich endlich das machen, was ich mir seit unserer ersten Begegnung wünsche. Mit wenigen Schritten bin ich bei dir und schließe dich fest in die Arme. Überrascht keuchst du auf, schlingst dann aber auch deine Arme um mich. Glücklich schaue ich auf deinen blonden Haarschopf, der sich an meine Brust schmiegt und wünsche mir der Moment würde ewig währen. "Danke." flüstere ich leise. Verwundert schaust du auf. "Wofür? Ich habe nichts getan." "Dafür, dass du hier bist. Dass du bei mir bist." Ein breites Lächeln legt sich auf mein Gesicht, als deine hellblauen Augen aufstrahlen.

Vorsichtig hebe ich dich hoch und trage dich zu deinem Baum. Ich lehne mich an den Stamm an und platziere dich auf meinem Schoß. "Hey, ich bin doch keine Puppe." kommt ein leichter Protest von dir. "Also ich finde das nur gerecht. Sonst hast du mich auf deinem Schoß gehabt." grinse ich. Dann werde ich wieder ernst, ziehe dich näher an mich. "Wer hat das getan?" Ich streife mit einem Finger über dein neuestes Veilchen.

Du senkst den Blick, willst mir nicht in die Augen schauen. "Ich wollte dich nicht traurig machen, aber ich will dich beschützen und du kommst jedes mal mit neuen Wunden hier her." Wütend starrst du mich an. "Ich bin nicht so schwach, dass du mich beschützen musst. Ich bin stark genug um in dieser verdammten Welt zu überleben. Ich bin kein Welpe!" deine Stimme ist nur ein Zischen.

Ich zucke zusammen, weiß einen Moment nicht was ich sagen soll. "Okay, du bist stark genug. Ich werde dir nicht helfen bis du mich darum bittest, oder bis dein Leben in Gefahr ist. Das verspreche ich dir." Du schaust mich ernst an und nickst nur. "Dann kann ich es dir ja sagen. Es sind die Jungs aus dem Heim und ein paar meiner Klassenkameraden. So schlimm ist es nicht, es ist zu ertragen."

Trotz deiner Worte siehst du so schrecklich traurig aus. Ich will dich trösten, kenne aber nur eine Art. Sanft lecke ich mit meiner Zunge über dein Gesicht. Verwundert starrst du mich an. "Was soll das?" in deiner Stimme ist nur Verwunderung zu hören, keine Abscheu. Verlegen schaue ich dich an "Tut mir leid, es ist die Wolfsart um zu zeigen wie sehr man jemanden mag. Ich kenne nichts anderes, mein Volk verwandelt sich nicht mehr oft in Menschen, hat beinahe all eure Gepflogenheiten vergessen."

Plötzlich lächelst du mich an. "Soll ich dir eine Art der Menschen beibringen, wie sie sich zeigen wie sehr sie sich mögen." Ich kann nur nicken. Dann spüre ich deine Lippen auf den meinen. Deine Zunge streift über meine Lippen und ich öffne sie. Du gleitest mit deiner Zunge in meine Mundhöhle forderst meine Zunge zum Spiel heraus. Verrückte Gefühle entstehen in mir. Es fühlt sich an wie die Antwort auf eine Frage die ich gar nicht gestellt habe.

Nur langsam lösen wir uns voneinander. Du lächelst leicht. Ich lege den Kopf schief und lecke mir noch einmal über die Lippen um dich zu schmecken. "Das ist die Art wie Menschen sich zeigen wie lieb sie sich haben? Gefällt mir: Können wir das noch mal machen?" Ich will mehr davon wissen. Ich will dieses Gefühl noch einmal in mir spüren, ich will dich ganz auskosten, nahe bei dir sein. Grinsend nickst du.

Der Nachmittag geht viel zu schnell vorüber. Zu schnell kam der Sonnenuntergang. Schneller als die Tage davor. "Die Sachen kannst du behalten. Sie haben sie weggeschmissen, im Heim. Morgen ist Freitag, dann haben wir das Wochenende Zeit. Zwei ganze Tage, außer der Zeit die du beim Rudel verbringen musst." Verlegen kratzt du dich am Kopf. "Wenn die Betreuer Morgen Abend es vielleicht erlauben kann ich länger hier bleiben." Langsam drehst du dich um und gehst, heute schaust du am Waldrand noch einmal zurück und winkst.

Ich verwandle mich wieder und laufe zum Rudel. Die Kleidung lasse ich in der Nähe der Lichtung zurück, ich brauche sie nur wenn du bei mir bist. Mein Vater ruft mich zu sich. Es muss etwas geschehen sein. Aber mit Sicherheit hat er nicht meinen Verstoß gegen die Gesetze bemerkt, sonst würde ich ohne viel Federlesen aus dem Rudel scheiden. "Jareck? Du kommst spät." Ich senke den Kopf und präsentiere meinen Nacken als Zeichen der Unterwerfung. "Es tut mir leid Vater. Ich streifte durch den Wald und erfuhr erst jetzt, dass du mit mir sprechen wolltest."

Er schaut mich lange prüfend an. "Du entfernst dich in letzter Zeit sehr oft vom Rudel. Willst du uns verlassen Junges?" Schrecken macht sich in mir breit. "Ich kann dir nicht sagen warum ich mich so oft vom Rudel entferne. Aber du hast mein Wort das Rudel nimmt an meinem tun keinen Schaden." Lange schaut mich der Rudelsführer ernst an. Er hat dieselben sturmgrauen Augen wie ich, doch er ist älter und weiser. Dennoch kann ich ihm nichts von Marcel erzählen, kann mir bei ihm keinen Rat erhoffen. "Du hast meine Frage nicht beantwortet, ob du das Rudel verlassen willst.

Aber es ist in Ordnung. Entweder du weißt es noch nicht oder du weißt es kannst es mir aber nicht sagen und willst mich nicht anlügen. Ich vertraue darauf, dass du dem Rudel wirklich keinen Schaden zufügst."

Er wendet sich ab und starrt in die Ferne. Ich weiß nicht was du siehst Vater, aber du kannst mir nicht ins Herzen sehen und wenn du es könntest würdest du dann verstehen? Auch ich wende mich ab und gehe zu meinen Geschwistern zurück. Es braucht nicht viel Überredung und ich kann mit Hasuf den Wachdienst gegen den Welpendienst tauschen. Heute Nacht möchte ich nicht allein auf einem Felsen sitzen und darauf achten, dass kein Mensch in unseren Wald eindringt. Heute Nacht brauche ich die Nähe und die Wärme meiner kleinsten Geschwister.

Die Nacht verfliegt schnell auch wenn ich kaum schlafen konnte. Vater ruft zur Jagd und das Rudel gehorcht. Bei uns sind nur wenige Alte, keiner der zu alt ist um zu jagen. Nur die Welpen und der Welpenwächter bleibt zurück, heute ist es wieder Hasuf, auch wenn sie nicht will, muss sie lernen mit den Welpen umzugehen. Die Jäger laufen durch den Wald. Wir suchen nach frischen Spuren und Gerüchen. Wenn ein Jäger etwas entdeckt laufen alle los. Das Rudel jagt gemeinsam. Die Fährte eines Rehbockes wurde gerochen. jetzt beginnt die wirkliche Jagd. Schlanke graue, braune und schwarze Leiber sprinten durch den Wald.

Das Wild flieht vor uns, aber wir sind schneller. Wir sind viele und wir sind ausdauernd. Der Bock wird müde, man kann seine Angst riechen. Jetzt wissen wir, dass die Jagd erfolgreich sein wird. Wenn man die Angst des Wilds riechen kann ist es beinahe erlegt. Doch der Bock muss müde werden bevor wir ihn reißen können. Zu müde um zu kämpfen, er darf uns nicht gefährlich werden. In einem leichten Kreis gruppieren sich die Jäger um den Bock.

Er versucht zu fliehen immer wieder aus dem Kreis auszubrechen. Als der Bock einen kurzen Moment zu Ruhe kommt springt einer der Jäger in seinen Nacken. Der Bock schreit auf, versucht den Wolf abzuschütteln. Ich springe vor und hänge mich an die Kehle des Ree´s. Sein Tod ist schnell und blutig. Er stirbt noch bevor er auf dem Boden aufschlägt. Das Rudel hat wieder zu Essen.

Die Jäger weichen zurück von dem Kadaver. Das Alphamännchen, von den meisten in diesem Rudel der Vater, schreitet nach vorne und beginnt aus der Kehle des Tieres zu trinken. Erst als der seinen größten Durst gestillt hat, schlitzt er das Tier an der Bauchseite auf. Vater nimmt sich das erste Stück, dann dürfen auch wir fressen.

Die Jäger sind satt noch bevor der Bock zur Neige geht. Die beiden Hinterläufe blieben übrig. Ich nehme den einen, eine meiner Jagdschwestern nimmt den anderen. Vorsichtig traben wir zu unserem Lager zurück. Die anderen Wölfe bleiben da, beseitigen die Spuren unseres Tötens. Ich lasse nur kurz den Schenkel im Lager zurück, dann laufe ich zu der Lichtung. Wie nicht anders zu erwarten bist du noch nicht da. Seufzend verwandle ich mich in einen Menschen. Mein ganzer Körper ist voll Blut. Eine erfolgreiche Jagd hinterlässt Spuren. Doch was würdest du sagen, wenn du mich so siehst?

Ich will mir die Kleidung holen und entdecke, dass du auch die Bürste dagelassen hast. Als Wolf braucht man solche Hilfsmittel nicht. Aber als Mensch kann ich nicht mal mit meiner Hand durch meine Haare fahren, ohne hängen zu bleiben. Also heißt es wohl oder übel Baden. In der Nähe gibt es einen kleinen Bach den ich nutzen kann. Als ich wieder auf die Lichtung komme bist du immer noch nicht da. Ich setze mich in die Sonne und lasse meine Haare trocknen. Die Zeit vergeht aber du kommst nicht. Ob dir etwas geschehen ist? Unruhig laufe ich auf und ab. Als Mensch habe ich nichts anderes um meine Unruhe auszudrücken.

Mit dem Sonnenlicht schwindet auch meine Hoffnung dich heute noch zu sehen. Trotzdem behalte ich die menschliche Gestalt bei bis ich nicht einmal bis zum Waldrand sehen kann. /Vielleicht haben ihn seine Betreuer nicht gehen lassen/ versuche ich mich selbst zu beruhigen. /Vielleicht haben sie ihn auch wieder erwischt./ meldet sich eine kleine sorgenvolle Stimme in mir. Es ist einerlei, egal warum du heute nicht gekommen bist, ich habe versprochen nicht einzugreifen. Wütend schmeiße ich die Kleidung in die Ecke, verändere meine Gestalt so schnell, dass es fast weh tut.

Ich renne durch den Wald zu meinem Rudel zurück. Ich laufe einen weiten Umweg, kann mich ein wenig abreagieren. Die Wächter sind bereits auf ihren Plätzen. Ich nicke ihnen zu und schleiche durch das Lager zu den Welpen. Meine Mutter erwartet mich. Sie wirft mir einen traurigen Blick zu. "Er ist nicht gekommen. Oder?" "Nein er ist nicht gekommen." bestätige ich und lecke ihr über die Schnauze. Sie nickt nur. "Leg dich zu den Kleinen, sie trösten jeden Schmerz." Ich lächele, such wenn die Welpen heute nicht die Leere in mir füllen können.

Ich muss geschlafen haben, denn der leise Ruf: "Menschen im Wald." weckt mich auf. Das gesamte Rudel ist sofort hellwach. "Die beiden Wächter bleiben bei den Welpen! Der Rest kommt mit mir!" kommt der leise befehl von meinem Vater. Das Rudel verteilt sich zwischen den Bäumen. Kaum zu sehen laufen wir in die Richtung in der die Wächter einen Menschen gewittert haben. Schnelle Schemen die durch die Dunkelheit huschen, in Richtung Stadt. Genauer gesagt laufen wir in die Richtung in der unsere Lichtung liegt. /Scheiße/ Ich laufe dem Rudel voraus.

Jetzt habe ich auch den Geruch des Eindringlings in der Nase. Es ist dein Geruch, gemischt mit dem Geruch von Angst, Schmerz und Blut. Ich hole jedes bisschen Kraft aus meinem Körper raus und renne schneller als mein Vater. Als ich auf die Lichtung stürme kann ich dich sofort erkennen. Du bist an dem Stamm deines Baumes zusammengesunken. Dein Atem geht flach und unregelmäßig, dein Arm ist auf eine seltsame Weise verdreht, Blut klebt in deinen Haaren und auf deiner Kleidung. Ich stürme zu dir. Deine Augen sind geschlossen, unter dem Blut ist dein Gesicht zu hell um eine gesunde Farbe zu haben.

Hinter mir erklingen die Geräusche des Rudels. Sie brechen durch das Dickicht und stellen sich in einem lockeren Kreis um den Baum auf. Mit gebleckten Lefzen stelle ich mich vor dich. "Er gehört mir." meine Stimme knurrt so tief, dass sie kaum zu hören ist. Die Anführer stellen sich mir Gegenüber, Vater einen halben Schritt weiter vorne. "Nein! er gehört dem Rudel. Er ist nachts in unser Gebiet eingedrungen. Wir können ihn nicht leben lassen!" Auch er hat die Zähne gebleckt, droht mir mit einem Kampf.

Mein Blick fällt auf meine Mutter, sie schaut traurig zu mir und zu dir. Sie weiß wer du bist, sie weiß dass ich dich nicht hergebe. "Er ist beinahe ein Welpe. Er braucht Schutz. ER! GEHÖRT! MIR!" Meines Vaters Augen verengen sich. "DIR? DU meldest Besitzansprüche an einen Menschen? Warum? Was bedeutet ein Mensch dir, dass du dein Rudel für ihn verrätst?" Was du mir bedeutest? Jetzt in diesem Moment? "Er ist mir mehr Wert als mein Leben."

Ich bedecke meine Zähne und senke den Kopf. es hat keinen Sinn gegen meinen Vater zu kämpfen, er ist größer, stärker und hat mehr Erfahrung. Vielleicht kann ich dein Leben anders retten. "Vater ich bitte dich um Ausschluss aus dem Rudel. Ich bitte dich demütigst um das Recht diesen Menschen bis zum Morgengrauen aus unserem Revier zu vertreiben." Auch mein Vater gibt die Kampfhaltung auf. Er hat nun denselben traurigen Blick wie Mutter.

Er wendet den Blick ab. "Du bist aus unserem Rudel ausgeschlossen, weil du die Gesetze missachtet und dein Rudel in Gefahr gebracht hast. Wenn du bis zum Morgengrauen nicht unser Revier verlassen hast, wirst du für Vogelfrei erklärt. Was du mit diesem Menschenjungen tust sei dir überlassen, so wie es aussieht wird es die Nacht nicht überstehen. Dann hast du für einen Kadaver dein Rudel verraten und dein Leben geopfert." Ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen wendet er sich ab.

Das gesamte Rudel zieht sich langsam in den Wald zurück. Keiner von ihnen hat mir einen weiteren Blick zugeworfen nachdem mein Vater das Urteil gesprochen hat. Nur meine Mutter dreht sich am Waldrand noch einmal um. Sie darf nicht mehr mit mir sprechen, das ist ein Gesetz der ausgestoßenen, doch mit ihren Lippen formt sie Worte wie Menschen es manchmal bei Stummen tun. "Wir werden dich vermissen. Du weißt was zu tun ist. Er kann es aushalten." Dann verschwindet auch sie in den Wald. Die Lichtung ist beinahe leer im Mondenschein.

Ich drehe mich zu dir um. Deine Augen sind offen, doch sie glänzen fiebrig. Ich bin kein Arzt, doch ich bin Jäger, deswegen weiß ich wann ein Wesen den Tod erwartet. Bei dir ist er nicht mehr fern. Meine Mutter hatte Recht ich weiß was zu tun ist. Es ist die einzige Chance, damit du gerettet wirst. Dein Hemd hängt in Fetzen an deinem Körper, ich reiße die Reste auch noch herunter. Dann lege ich meine Pfote auf deine Brust. Jedes Rudel hat seine eigene Art aus Menschen Werwölfe zu machen. Doch ich gehöre zu keinem Rudel mehr, ich muss meine eigene Art finden.

Mit meinen Krallen ritze ich dir einmal quer über die Brust, tief genug damit Blut hervortritt aber nicht zu tief, damit sie dir nicht auch noch gefährlich werden können, neben den ganzen anderen Wunden. Dann hebe ich die Pfote an meine Fänge und reiße sie auf. In jeden der Kratzer lasse ich ein wenig von meinem Blut laufen. Beinahe sofort schließen sich die Kratzer. Einen Werwolf kann man nur mit Feuer oder Silber töten. Wenn diejenigen die dir das angetan haben, keines dieser Dinge verwendeten wirst du nach der Verwandlung nicht einmal körperliche Narben zurück behalten. Ob du die Verwandlung überstehst ist eine ganz andere Sache.

Sofort nachdem sich die Kratzer geschlossen haben verwandle ich mich in meine menschliche Form, streife die Kleidung über die noch immer versteckt am Baum lag. Gerade rechtzeitig als bei dir die Krämpfe beginnen werde ich fertig. Ich presse deinen schmalen Körper eng an mich, renne in den Wald. Du krampfst und wehrst dich gegen meinen Griff, ob wegen dem falschen Blut in deinen Adern oder deinem Fieber von den Verletzungen kann ich nicht sagen. Der Weg ist schwierig für einen Menschen, doch bis zum Morgengrauen müssen wir aus dem Revier raus sein und als Wolf kann ich dich nicht tragen.

Ich werde mit dir nicht in die Stadt flüchten, jetzt gehörst du dort nicht mehr hin. Weiter im Norden, in den Bergen, müsste es Gebiete geben die für zwei Wölfe ausreichend Nahrung bieten, aber zu klein sind um von einem ganzen Rudel beansprucht zu werden. Mein Volk besitzt keinen Gott, dennoch bete ich dafür das du die Wandlung überstehst.

Ich schaffe es nicht rechtzeitig bis zur Morgendämmerung. Aber rechtzeitig genug, dass mein Vater keine Späher aussenden wird. Als die Sonne ein Handbreit über dem Horizont steht halte ich an einem kleinen Bach an. Wir werden nicht lange hier bleiben können. Zwar sind wir vom Revier meines Rudels fort, aber dadurch in ein anderes Revier eingedrungen. Kein Rudel würde es wagen einen Vogelfreien und einen Frischling, wie neue Werwölfe so schön genannt werden, aufzunehmen. Deine Krämpfe haben aufgehört, dein Atem geht tiefer und gleichmäßiger. Anscheinend hat mein Blut Wirkung gezeigt und unsere Ahnen haben dich akzeptiert. Deine Augen sind geschlossen, friedlich schläfst du auf dem Moos neben dem Bach, während dein neu entstandenes Blut seine Arbeit tut und dich von innen heilt

Ich beginne mit dir zu reden, obwohl du schläfst. Einfach weil ich Nähe vermisse, deine Nähe und die des Rudels. "Ich hätte dich gerne vorher gefragt. Ich hätte dich gerne mit in mein Rudel aufgenommen. Aber jetzt bleibt dir keine Wahl. Jetzt kann ich dir nicht mal ein Rudel versprechen, das dich freundlich aufnimmt. Keinen Rudelgesang, keine Welpen, keine starke Führung der du vertrauen kannst, keine leichte gemeinsame Jagd. Auch keine Städte, denn von Menschen müssen wir uns nun beide fern halten. Jetzt habe ich dich zu einem einsamen Wolf gemacht und mich mit dazu. Vielleicht finden wir nicht einmal ein kleines Revier sondern müssen ständig weiterziehen."

Seufzend stehe ich auf. Wir müssen weiter, dieses Rudel wird uns mit Sicherheit höchstens einen Tag und eine Nacht Zeit geben um ihr Revier zu durchqueren und ich weiß nicht einmal wie groß es ist. Gerade als ich dich wieder hochhebe schlägst du die Augen auf. Deine Augenfarbe hat sich verändert, sie haben nicht mehr die Farbe eines Sommerhimmels, sondern sind so dunkel wie das Meer. Aber das fröhliche Leuchten in ihnen ist unverändert geblieben.

"Du hast mich also wirklich gerettet. Mich zu einem Werwolf gemacht? Und dafür dein eigenes Rudel aufgegeben?" Ich kann nur stumm nicken. Dein Lächeln verbreitert sich. "Mein Gott!! Und du glaubst ich wäre ein einsamer Wolf!!!" dein Ausruf überrascht mich wirklich. "Aber wir haben doch nun beide kein Rudel mehr."

Ich verstehe dich nicht, Menschen brauchen eine Gruppe doch genauso wie Wölfe. Du grinst mich nur breit an. Dann schlingst du deine Arme um meinen Hals. "Ich scheiß auf alle Rudel dieser Welt. Hauptsache ich hab dich." Ein Lächeln überzieht mein Gesicht. "Dito" flüstere ich an deine Halsbeuge. dann beginne ich wieder zu laufen. Nach Norden wo wir vielleicht ein Revier finden, vielleicht sogar ein Rudel das zwei Flüchtige aufnimmt, vielleicht auch gar nichts.