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Engelsfall

Original/ Fantasy [PG-12] [abgeschlossen]

[angst][lime][sap][Blasphemie]

Teile: 7

Inhalt:
Im Himmel ist Logik das Höchste. In der Hölle sind keine Gefühle erlaubt. Deswegen lebt Mares in der Menschenwelt. Dort trifft er auf den Engel Lironai, der ihm helfen soll.

 


 

 

- 1 -


Zwei Gestalten erschienen in der Dunkelheit der Nacht. Sie standen mitten in der Luft und betrachteten die Stadt unter sich. "Schau, dort hinten bei dem Museum." Die erste Gestalt deutete über die Häuser hinweg. Die zweite wandte den Blick in die Richtung. Sie beobachtete einen Mann, der im dritten Stock an besagtem Museum vor einem Fenster hing. "Mit ihm verbringst du also deine Zeit wenn du nicht bei mir bist?" fragte die zweite Gestalt leicht eifersüchtig. Die erste Gestalt drängte sich an die zweite. "Sei doch nicht so. Er braucht Hilfe. Du weißt, dass ich nur dich liebe." Die zweite Gestalt nickte "Natürlich weiß ich das. Es gefällt mir nur nicht, dich mit anderen zu teilen." Sie schlang die Arme um die erste Gestalt und gab ihr einen langen Kuss. Die beiden Gestalten verblassten langsam und verschwanden in der Dunkelheit

Leicht lächelnd ließ der junge schwarzhaarige Mann seine Magie in den Stromkreislauf fließen. Mares kappte eine Verbindung nach der anderen. Er wusste genau in welcher Reihenfolge er vorgehen musste, damit er keinen Alarm auslöste. Schließlich war das nicht sein erster Einbruch und würde auch nicht sein letzter werden. Der junge Dieb schaute sich suchend um. Als er die Wächter vor dem Eingang des Museums entdeckt verwandelte sich sein sanftes Lächeln in ein fieses Grinsen. /Sie haben also die Wachen verstärkt. Als würde das mich aufhalten. Sind schließlich nur Menschen./

Leise lachend glitt der Dieb durch das Fenster, das er gerade von der Alarmanlage gelöst hatte. Mares war sich sicher, dass ihn niemand sah. Er hatte seine tiefschwarze Arbeitskleidung angelegt. Außerdem würde kein normaler Mensch vermuten, dass der "Lautlose Dieb" in ein Fenster im dritten Stock einsteigen könnte. Mares breitete seine Schwingen aus und glitt lautlos in die Tiefe. Zum Glück war der Weg kurz, hier in dem engen Gang konnte der Halbdämon nicht wirklich fliegen. Mares blieb dennoch völlig lautlos. Er schaffte es, seinen Sprung so abzubremsen, dass er für ihn eher ein kleiner Schritt war, keine Tiefe, wie für jeden Menschen.

Schnell drehte sich der Schwarzhaarige zum Fenster um. Seine sonst grünen Augen blitzen kurz blutrot auf, als er es mit seiner Magie verschloss. Kein Nachtwächter, der zufällig dorthin gesehen hätte, würde bemerken, dass etwas nicht stimmte. Mares seufzte; als er in die Stadt gekommen war, hatte er diese Vorsichtsmassnahmen nicht gebraucht. Vor knapp 2 Jahren hatte niemand hier Angst vor Dieben. Eigentlich sollte er stolz sein, dass die Museen so schnell ihr Personal umgeschult hatten. Doch Mares ärgerte sich darüber, es machte seine Arbeit nur schwerer.

Vorsichtig den Lichtschranken ausweichend lief Mares in die Ausstellungshalle. Mit seinen Dämonenaugen blieben ihm weder die Lichtschranken noch die Raumtemperaturkontrolle verborgen. Der Halbdämon lächelte sacht. Mit einem "Sie werden es nie lernen" auf den Lippen, senkte er seine Körpertemperatur so weit, dass er keinen Alarm auslösen würde, betrat erst danach die große Halle.
Seine beinahe 2 Meter großen Schwingen ausbreitend, stieß Mares sich vom Boden ab. Er wusste genau, dass niemand in diesem Raum sein konnte. Ein Mensch hätte sofort den Temperaturalarm ausgelöst. Der Dieb blieb gekonnt immer außerhalb der Kameras. Er flog an jede einzelne so dicht heran dass er sie abschalten konnte. Jetzt konnte er sich frei in dem großen Raum bewegen.

Geschmeidig drehte der junge Dämon eine Runde nach der anderen. Endlich entdeckte Mares die Figur die er für seinen Vater stehlen sollte. Er faltete seine Schwingen wieder zusammen und ließ sich sanft zu Boden gleiten. Genau vor der Vitrine, in der eine kleine Anubis Figur lag, kam er lautlos auf. Mit einem Grinsen auf dem großen Gesicht schnitt Mares den Glaskasten auf. Er brauchte keinen Glasschneider, seine Fingernägel genügten. Vorsichtig griff er nach der Figur. Mares wartete einen Moment, bis er sicher sein konnte, dass kein Energieschlag ihn treffen würde. Seit er diese kleinen Kostbarkeiten für seinen Vater stahl, hatte er schon mehr als einen Energieball abbekommen. Der junge Mischling wusste genau wie gefährlich diese harmlos aussehenden Figuren für Dämonen sein konnten.

Schnell verschwand die kaum 20 Zentimeter große Figur in seiner Tasche. Jetzt würde Mares keine Magie mehr benutzen können, außer er wollte mit dieser Figur kämpfen. So lautlos wie er gekommen war, verschwand Mares wieder durch das Fenster. Leise seufzend sprang er aus dem dritten Stock in die Tiefe. Der Halbdämon liebte es, zu fliegen, dummerweise war es tagsüber zu gefährlich. Dann waren sowohl Menschen als auch Engel unterwegs. Zwei Strassen weiter kam er auf dem Boden auf, gerade als er Polizeisirenen aufheulen hörte.

"Wow, sie sind schneller geworden." grinsend verwandelte Mares sein Aussehen wieder in das eines Menschen zurück. Seine roten Augen färbten sich langsam grün, die Schwingen schrumpften, bis sie schließlich ganz in seinem Rücken verschwanden, seine hüftlangen blutroten Haare schienen sich in seinen Kopf zurückzuziehen, sie veränderten langsam ihre Farbe, wurden immer dunkler, seine ganze Gestalt schrumpfte etwas, außerdem wurden seine Muskeln weniger. All das spürte Mares wie ein Zittern am ganzen Körper. Er hasste diesen Vorgang, doch es war notwendig um in dieser Welt zu leben.

Schnell zog er sein dünnes Lederhemd aus. Es war zwar wesentlich bequemer als jedes Kleidungsstück das er in dieser Welt bekommen konnte, aber es würde zu sehr auffallen, besonders die beiden großen Schnitte auf dem Rücken für seine Schwingen waren alles andere als gewöhnlich. Erst nachdem der junge Halbdämon sein T-Shirt aus der Tasche angezogen hatte, ging er aus der Seitengasse, in die er sich verzogen hatte. Pfeifend machte Mares sich auf den Weg nach Hause. Er hatte sich wieder drei Monate Zeit in der Menschenwelt verdient. /Jetzt *nur noch* das Gespräch mit Vater, dann endlich eine Weile Pause./

Er lief gerade durch den Stadtpark, als die Sonne aufging. Mares blieb stehen um das Schauspiel zu beobachten. Das war einer der vielen Gründe warum er lieber in der Welt der Menschen lebte. In der Hölle gab es keine Sonnenaufgänge, keinen Regen, keinen Schnee, eigentlich gab es dort nichts was Mares jemals als schön empfunden hatte. Obwohl es dort etwas wie Tag und Nacht zu geben schien, standen doch weder Mond noch Sonne oder Sterne am Himmel Gehennas. Genau genommen gab es nicht mal einen Himmel.

Als die ersten Strahlen der Morgensonne die Welt in ein strahlendes Rot tauchten, wusste Mares ganz genau, dass er die richtige Entscheidung getroffen hatte. In dieser Welt wollte er bleiben, obwohl er eigentlich nicht hierher gehörte. Der Halbdämon ging erst weiter, als die Sonne schon zwei Handbreit über dem Horizont stand. Ihm war zwar die Nacht lieber, doch am Tag fiel er einfach nicht so sehr auf. Nicht Aufzufallen war für Mares immer die einzige Möglichkeit zu überleben gewesen, seit sein Bruder von Engeln verschleppt wurde.

Mares beherrschte diese Kunst beinahe perfekt. Seine jüngeren Geschwister hätten ihn sonst getötet. Nicht weil sie ihn hassten, sonder einfach weil Mares ihnen in der Hierarchie der Hölle im Weg war. Sein Vater hielt sie nicht auf, eher im Gegenteil. Er konnte sich keinen schwachen Sohn leisten. Hier in der Welt der Menschen war Mares relativ sicher; kein Dämon wollte mehr als unbedingt nötig hier sein. Den einzigen Dämon den Mares je vermissen würde war einer seiner älteren Brüder. Raneck hatte ihn als Kleinkind vor Engeln gerettet, Renack hatte ihm den Schwertkampf gelehrt, Raneck hatte ihn vor seinen Brüdern geschützt und er hatte ihm die Menschenwelt gezeigt. Letzteres eigentlich nur aus Versehen, als er seinen kleinen Bruder wieder vor einem Anschlag schützen wollte. Doch Raneck war von Engeln verschleppt worden und seit drei Dekaden hatte Mares seinen Bruder nicht mehr gesehen.

"Hallo Marcel!" Eine fröhliche Kinderstimme, die seinen Menschennamen rief, riss ihn aus seinen Gedanken. Das Mädchen, das in der Wohnung gegenüber wohnte kam auf ihn zugelaufen. Ihre schwarzen Haare wehten hinter ihr her, wie immer trug sie Kleidung in den schrillsten Farben. Mares hatte dieses Kind noch nie traurig erlebt und in dunkler Kleidung konnte er sie sich erst recht nicht vorstellen. "Guten Morgen Jana. Musst du schon zur Schule?" schnaufend kam das Kind vor ihm zum stehen. "Ja, " lachte sie ihn vergnügt an "Zweitklässler haben es nicht leicht."

Jana entdeckte die Tasche an seiner Seite. "Du hattest wohl wieder Nachtschicht?" plötzlich sah sie sehr ernst aus. "Das heißt du musst wieder zu deiner Familie." Mares senkte die Augen. "Tut mir leid, dass ich dir nichts gesagt habe. Ich denke aus unserem Treffen heute Nachmittag wird leider nichts." Aber Jana lachte schon wieder. "Macht nichts, für dich ist es schlimmer als für mich. Ich seh' doch, dass du keine Lust hast hinzugehen. Wir sehen uns wenn du wieder da bist. Tschau!" lachend drehte sie sich um und lief in die Richtung der Schule.

Mares sah ihr traurig hinterher. Er mochte dieses Kind wirklich. Sie stellte nie zu viele Fragen und schien immer genau zu wissen wie es ihm ging. Eigentlich war es ihm etwas peinlich, doch sie war die einzige Freundin die er in den 2 Jahren die er in dieser Stadt lebte gefunden hatte. Am Ende der Strasse blieb Jana stehen und drehte sich zu ihrem Nachbarn um. "Weißt du Mares manchmal ist nicht alles so schlimm wie es scheint. Und Unverhofft kommt oft." damit drehte sie sich um und verschwand hinter der nächsten Straßenecke. Mares musste lachen. Seine Laune hatte sich schlagartig gebessert. Eigentlich brachte ihn Jana mit ihren teilweise blöden Bemerkungen völlig aus der Fassung.
Immer noch vor sich hin lachend betrat der junge Halbdämon seine Wohnung. Erst als sein Blick auf seine Lederuniform fiel erstarb sein Lachen. Er hatte sie schon gestern Abend rausgelegt um heute auf keinen Fall zu spät zu kommen. Mares konnte es sich einfach nicht erlauben seinen Vater zu verärgern. Seufzend warf er einen Blick auf die Uhr die an der Wand hing, Zeit hatte er noch genug. Mares legte zuerst seine Tasche ab und verstaute die Anubisfigur sicher in einer Ledertasche.

Erst als er die Ledertasche mit allen schützenden Zaubersprüchen belegt hatte, die er kannte, fühlte sich Mares sicherer. Diese Figur war zwar nicht eine der Stärksten gewesen, die er je hatte stehlen müssen, doch als schwach konnte man sie auch nicht bezeichnen. Und in der Welt in, die Mares jetzt gehen musste, konnte ihre alte Macht plötzlich losbrechen. Ihm wäre es egal gewesen, doch sein Vater würde ihm mit Freuden das Herz aus der Brust reißen, sollte Mares auch nur den kleinsten Fehler machen.

Sein Vater hasste ihn nicht. Das hätte sich der Stellvertreter Luzifers nie erlauben dürfen. Belzeck verachtete seinen schwächsten Sohn ganz einfach. Er verachtete Mares für sein, für einen Dämon, zu weiches Herz, er verachtete ihn dafür, dass seine Mutter eine Menschenfrau gewesen war; er verachtete ihn dafür, dass sein ältester Sohn Raneck von Engeln verschleppt worden war, als er versuchte Mares zu schützen, er verachtete ihn wegen vieler Dinge doch vor allem davor dass Mares noch nie getötet hatte.

Doch ohne guten Grund durfte er Mares nicht töten, und so sehr Belzeck auch gesucht hatte, seit Mares offiziell auf den Anspruch auf die Stellung seines Vaters verzichtet hatte, gab es keinen Grund mehr, Mares zu töten. Die persönliche Abneigung des Dämonenfürsten reichte einfach nicht aus. Mares hatte sich entschieden, in die Menschenwelt zu gehen. Um seine Familie los zu sein und um vielleicht einen Engel zu fangen und ihn solange zu foltern, bis er ihm den Ort verriet, wo sein Bruder gefangen gehalten wurde. Mares hätte Raneck gerne wieder gesehen. Er war der einzige Dämon gewesen, der es gewagt hatte, Gefühle zu zeigen.

Mares schloss die Tür ab und legte noch eine große Kette davor. Sollte jemand in diese Wohnung kommen während er weg war, bedeutete das sein Todesurteil. Mares konnte das Tor zu Gehennah nicht von innen verschließen, außer, er wollte für immer dort bleiben. Wenn er einen Menschen die Möglichkeit gäbe, nach Gehennah zu kommen, hätte sein Vater einen guten Grund gefunden, Mares zu töten.

Mit einem mulmigen Gefühl zog Mares seine Kleidung bis auf die Unterwäsche aus. Seit 3 Monaten hatte er seine Familie nicht mehr gesehen, und auch keinen Augenblick vermisst. /Wie viel meiner Brüder wohl noch leben?/ Nicht mehr alle, dessen war der junge Dämon sich sicher. Wer seinen Namen ablegen und den Titel Belzeck annehmen wollte, durfte in der Hölle nicht zimperlich sein. Auch sein Vater musste jeden Tag damit rechnen dass einer seiner Söhne ihn töten würde. Der Posten des Stellvertreters Luzifers wurde durch Erbfolge weitergegeben. Das Dämonenvolk würde einen schwachen Herrscher nicht akzeptieren, ein Belzeck, der sich ermorden ließ, war somit zu schwach für seinen Posten gewesen.

Mit dem wohlbekannten Zittern im ganzen Körper verwandelte sich Mares von einem Menschen wieder in einen Dämon. Als er vor etwa 3 Dekaden nach Assiah gekommen war, erschien ihm sein Dämonenkörper viel bequemer. Jetzt nahm er ihn nur noch selten an, er hatte sich einfach an sein menschliches Aussehen gewöhnt. Seufzend zog Mares die schwarze Uniform an. Obwohl ihm die engen Hosen aus Leder und das eng anliegende Lederhemd gut standen, mochte er diese Kleidung nicht. Mares legte sie nur an wenn, er zu seiner Familie musste. Allein das war schon Grund genug, die Uniform zu hassen.

Gekonnt flocht er seine Haare, so dass sie ihn bei einem möglichen Kampf nicht behindern würden. Zwar hatte er sein Geburtsrecht abgelegt, doch eher würde er einem Engel als seiner Familie trauen. Als letztes band sich Mares sein Schwert um. Er besaß keine Verzierungen an seiner Kleidung. Das war für Dämonen, die ihr Geburtsrecht abgelegt hatten, Vorschrift. Jeder wusste dass er der Sohn Belzecks war, kein Dämon würde ihn wie einen Diener behandeln.

Mares warf einen letzten Blick in den Spiegel. Der ganze Eindruck seiner Person hatte sich geändert. Mares schauderte leicht, als er sein Spiegelbild erblickte. Er war es einfach nicht mehr gewohnt, ein Dämon zu sein. Mares Gesicht war zwar für einen Dämon sehr sanft, doch einem Menschen hätte er damit den Schreck seines Lebens eingejagt. Seine Augen hatten die Farbe von getrocknetem Blut angenommen. Seine Haare reichten bis zu seiner Hüfte und sahen aus wie frisches Menschenblut. Mares Schwingen reichten bis weit über seinen Kopf in ihrem tiefen Schwarz rahmten sie seine Gestalt perfekt ein. Der Dämon versuchte sich mit einem Lächeln selbst aufzumuntern. Es misslang da seine Fänge in der Mittagssonne aufblitzten, sie erinnerten ihn daran, dass er in dieser Form bald frisches Blut brauchen würde.

Langsam ging Mares in eines der hinteren Zimmer. Dort hatte er alles gelagert, was ihn als Dämon entlarven könnte. Auch die Tür nach Gehennah war dort drinnen. Sie war von innen wie von außen verschließbar, doch von innen konnte Mares sie mit seiner Macht nicht öffnen. Ebenso hätte er versuchen können, eine Tür in die Engelwelt zu öffnen. Noch ein letztes Mal blickte Mares sich in dem kleinen Zimmer um. Die Wände waren mit Regalen voll gestellt. Überall standen Bücher herum, alle in der Dämonenschrift geschrieben. Eine zweite Uniform hing in der Ecke. Außerdem lag daneben seine volle Jagdmontur, die er nur dann brauchte, wenn er wieder versuchte, einen Engel zu fangen.

Schließlich fasste sich Mares ein Herz und öffnete die Tür nach Gehennah. Gleißendes schwarzes Licht strahlte ihm entgegen, er konnte nicht erkennen, was hinter dieser Tür lag. Kälte schlug ihm entgegen, denn alle Wärmeenergie wurde gebraucht, um das Tor offen zu halten. Gemessen schritt Mares durch das Tor. Er war schon oft hindurch gegangen und jedes Mal wünschte er sich, es könnte das letzte Mal sein.

Kälte umfing Mares. Sein Körper schien zu erfrieren. Die Farben verblassten, wurden wieder stärker und schienen sich neu zu ordnen. Jede Helligkeit schien aus ihnen verschwunden zu sein. Plötzlich umfing ihn Hitze. Mares Körper verbrannte fast. Die gesamte Welt begann sich zu drehen, die Farben sich zu vermischen. Es existierte kein Hell und Dunkel mehr. Hier, irgendwo zwischen den Welten gab es weder Tag noch Nacht, noch Gut und Böse. Hier war alles eins. Doch dann schien die Helligkeit zu verschwinden. Die Farben teilten sich wieder, wurden klarer. Konturen erschienen.

Mares konnte seine Umgebung wieder klar ausmachen. Das Zimmer in dem er stand schien genau das zu sein, das er gerade verlassen hatte. Doch ein paar Dinge hatten sich verändert: das Licht war hier blasser, keine noch so leisen Straßengeräusche waren zu hören und die Luft roch leicht nach Schwefel. Er war wieder in dem Palast seines Vaters, der Ort, wo er sich in allen Welten am wenigsten wünschte zu sein. Wieder in Gehenna.

Mares ging schnellen Schrittes durch die Gänge des Palastes. Er musste sich beeilen. Sein Vater hatte sicher schon Mares Durchschreiten des Tores bemerkt. Würde er den Belzeck warten lassen, hätte dieser einen Grund ihn zu töten, zwar keinen besonders Guten, doch seinem Vater würde es genügen. Vor der Tür zu Thronsaal blieb Mares stehen. Er betrachtete die schwarze, mit
Totenschädeln verzierte Tür einen Moment und versuchte sich zu sammeln. Um diese Zeit hielt sich sein Vater immer hier auf. Deswegen würde Mares ihn nie zu einem anderen Zeitpunkt aufsuchen. Länger an diesem Ort zu bleiben, nur weil er Belzeck nicht finden konnte, wäre einfach nur lächerlich gewesen. Problematischerweise bedeutete das, dass er auch seinen Brüdern über den Weg laufen würde. Diese hätte Mares nur zu gerne gemieden.

Mares öffnete die Tür, die völlig lautlos aufschwang und betrat, ohne zu zögern, den Saal. Wie zu erwarten, saß Belzeck auf seinem Thron. Einige von Mares Brüdern standen neben ihrem Vater. Sie musterten ihn abschätzend. In den Gesichtern seiner älteren Brüder lag Verachtung, in denen seiner Jüngeren Unverständnis. Sein Vater betrachtete ihn erstmal gar nicht. Mares war sich nicht sicher, ob er sich freuen sollte, dass sein Vater immer noch Belzeck war. Mit Sicherheit hätte er nicht getrauert, wenn einer seiner Brüder sich Belzecks entledigt hätten, doch er wusste nicht, ob sie ihn auch in der Menschenwelt bleiben ließen.

Sein Vater war recht groß und als Mensch wäre er mit Sicherheit als ansehnlich bezeichnet worden, wenn nicht sogar als schön. Seine Haare waren tiefschwarz, er hatte sie am Hinterkopf zusammengebunden. Am ganzen Körper trug er Schmuck, beinahe soviel, dass die Lederkleidung verdeckt wurde. Seine ganze Erscheinung drückte Macht aus, die hatte ihn vielleicht so anziehend für Mares Mutter gemacht. Doch er hatte etwas Kaltes, Grausames an sich, was Mares immer schaudern ließ. Seine ganze Familie war so veranlagt. Nur Raneck war anders gewesen, und das auch nur in Mares Nähe.

Mit gesenktem Kopf ging Mares auf seinen Vater zu. Genau 5 Schritte vor dem Thron blieb er stehen. /Denk jetzt nicht an Raneck. Jetzt darfst du keine Schwäche zeigen!/ befahl er sich selbst. Mares kniete sich nieder und starrte auf den Boden. er würde darauf warten müssen, dass Belzeck ihm erlaubte den Blick zu heben. Doch dieser beachtete seinen ungewollten Sohn erstmal nicht. Mares war das gewöhnt, das letzte mal hatte er beinahe fünf Stunden hier gekniet bis sein Vater mit ihm gesprochen hatte.

Mares hatte seinen Stand mit seinem Namen abgegeben, Belzeck war nicht gezwungen ihn zu beachten. Anscheinend hatte sein Vater heute noch viel zu tun, er sprach schon nach zehn Minuten die erlösenden Worte: "Steh auf und sie mich an." Mares tat wie ihm geheißen. Es machte ihm nichts aus, Belzeck mit dem nötigen Respekt zu begegnen. Er hatte früh gelernt, dass alles andere sein Tod sein konnte. Mares wollte nicht wegen einer solchen Kleinigkeit wie einem falschen Blick sein Leben verlieren.

Mares betrachtete kurz seine Brüder. /Sharek, Noreck, Phareck, Thoreck...Loreck ist entweder auf Reisen oder tot./ Mares sah mit einem Blick, dass sich die Machtverhältnisse wieder ein Mal geändert hatten. Anscheinend stand Phareck seinem Vater im Moment am Nächsten somit war er für Belzeck im Moment am gefährlichsten. Das Amt des Belzecks wurde nicht unbedingt an den ältesten sondern meist an den stärksten Sohn des Belzecks weitergegeben.

"Bist du hier um deinen Namen Mareck wieder anzunehmen, oder um das Ergebnis deines Auftrags abzuliefern?" die Stimme Belzecks entbehrte jeder Emotionen. Mares erschauderte innerlich, ließ jedoch nichts nach außen dringen. Schwäche war hier nicht angebracht. "Ich bin hier um die Figur zu liefern, wie ihr mir befohlen hattet. Belzeck-o-sama" Er sah seinen Vater fest an. Würde Mares jetzt zur Seite blicke, konnte Belzeck dies als Beleidigung auffassen. Der Stellvertreter Luzifers nickte. Es schien als habe er nichts anderes erwartet. "Stell sie dort hin und hol dir dann bei meinem Stellvertreter einen neuen Auftrag ab." Belzeck deutete mit einer Hand auf ein kleines Tischchen neben seinem Thron.

Mares nickte leicht. Er beachtete die verständnislosen Blicke seiner Brüder nicht. Sie strebten nach Macht und hätten nie die Namensendung -eck und damit ihr Geburtsrecht abgelegt. Aber Mares hatte die Macht fürchten gelernt und nichts in der Welt hätte ihn dazu gebracht so zu werden wie sein Vater, jedenfalls hoffte er das. Mares tat, was sein Vater ihm aufgetragen hatte, dann verbeugte er sich noch ein mal tief und ging rückwärts auf das Thor zu. Sein Vater beachtete ihn schon nicht mehr. Er machte deutlich, dass ein Belzeck sich um mehr zu kümmern hatte als um einen Sohn auf Abwegen.

Draußen angekommen lehnte Mares sich erschöpft gegen die Wand. Er hatte nicht gedacht, dass die Kälte Belecks ihn noch so fertig machen konnte. Eigentlich hatte Mares nichts anderes erwartet, jedes ihrer Treffen lief ähnlich ab. /Er wollte nicht einmal meinen Namen aussprechen./ Mares dachte er hätte es schon längst aufgegeben darüber zu sinnieren, aber anscheinend tat es immer noch weh. Wütend auf sich selbst stieß Mares sich von der Wand ab. Er würde sich dieser Schwäche nicht hingeben. Schließlich hatte Belzeck ihn noch nie mehr als unbedingt nötig beachtet. Und schließlich war Aufmerksamkeit von seinem Vater auch nicht nötig für sein Überleben. /Raneck, ich vermisse dich./

Tränen stiegen ihm in die Augen, doch hier konnte Mares sich diese Schwäche nicht leisten. Mares machte sich schnell auf den Weg zu Herkas. Er wollte wieder aus Gehennah heraus sein, bevor es in Assiah Nacht wurde. Also sollte er den Auftrag schnell abholen. Außerdem wollte Mares aus diesem Körper wieder heraus sein, bevor er frisches Blut brauchte, um zu überleben. Durch düstere Gänge, vorbei an Fenstern, die keinen Himmel zeigten, lief Mares zu Herkas. So schnell, dass er gerade nicht rannte. Er wollte fort aus dieser Finsternis, die einmal sein Leben bestimmt hatte.

"Mares, warte einen Moment." die Stimme von Loreck ertönte hinter ihm. Also war er doch nicht getötet worden. /Mist/ Mares lief schneller. Er mochte Loreck nicht und er hatte keine Zeit für seine Spielchen. Mares hörte ein Rauschen, er fluchte leise. Dann stand Loreck vor ihm. Seine ungewöhnlich hellen Augen blitzten wütend auf. "Spinnst du? Mich einfach nicht zu beachten." fauchte Loreck wütend. Mares hob fragend eine Augenbraue, so kannte er Loreck gar nicht. Dieser beruhigte sich auch sofort wieder, Gefühle bedeuteten in dieser Welt Schwäche. Es war nicht direkt verboten, welche zu besitzen, doch wenn ein Dämon seine Gefühle offen zeigte wurde er als schwach angesehen. Mares kannte seine Brüder, sie waren nicht schwach. Gerade Loreck hatte er selten so erlebt.

Sein Bruder entschuldigte sich nicht für seinen Ausbruch. Loreck überging seine Wut einfach als sei nichts gewesen. "Wir haben letzte Woche einen Engel gefangen. Er starb recht schnell" Unruhig fuhr Loreck sich durch seine kurzen schwarzen Haare. Dann sah er seinem Bruder ernst an. "Im Himmel scheint es Ärger zu geben. Es könnte auch auf die Menschenwelt übergreifen. Ich kann dich nicht abhalten wieder hinzugehen. Aber vielleicht solltest du die Jagd eine Weile ruhen lassen. Ich... ähm... du... äh... Pass auf dich auf." Schnell drehte Mares Bruder sich um breitete seine Schwingen aus und flog ohne ein weiteres Wort davon.

Geschockt starrte Mares ihm einen Moment lang nach. Das hatte er mit Sicherheit nicht von seinem Bruder erwartet. Von keinem seiner Familie eigentlich. Dass Dämonen Engel fingen, um Informationen von ihnen zu bekommen, geschah recht oft. Meistens starben die Engel auch sehr schnell unter der *Behandlung* der Dämonen. Doch eigentlich teilten Dämonen die so gewonnenen Erkenntnisse nicht mit anderen. Und warnen taten sie einander erst recht nicht. Entweder war Loreck krank oder verrückt geworden. Der einzige Dämon, der sich je um Mares gesorgt hatte, war Raneck gewesen.

Der Gedanke an Raneck brachte Mares wieder auf die Warnung von Loreck. Er sollte die Jagd für eine Weile lassen. Das war der dümmste Vorschlag, den er Mares hätte unterbreiten können. Ohne Jagd könnte Mares nie einen Engel fangen, ohne Engel kein Dimensionstor zum Himmel und ohne Dimensionstor hatte er nicht die geringste Chance, Raneck wiederzuholen. Es war zum Teil seine Schuld gewesen, dass Raneck nun in den Händen der Engel war. Mares wollte ihn unbedingt befreien. Er war sich sicher, dass sein Bruder noch am Leben war. Engel konnten einen gefangen Dämon sehr lange am Leben erhalten. Im Gegensatz zu Dämonen die Gefangene recht schnell töteten.

Ohne es zu bemerken war Mares beim Quartier von Herkas angekommen. Er schollt sich für seine Unvorsichtigkeit. So wie er sich im Moment benahm, wäre Mares selbst auf der Erde in Gefahr gewesen, ganz zu schweigen von Gehenna. Mares klopfte kurz an die kleine Tür und trat ein, ohne auf eine Antwort zu warten. Herkas war dies von ihm gewohnt.

Herkas blickte von seinen Unterlagen auf und lächelte kurz, als er den Sohn Belzecks erkannte. "Auch mal wieder hier?" er schien tatsächlich erfreut zu seinem, Mares zu sehen. Mares erlaubte sich ein kurzes Lächeln, er vertraute Herkas nicht. Immerhin war diese der Stellvertreter Belzecks, in diese Position kam man nicht ohne Leichen auf der Karriereleiter zu lassen. Und Herkas hatte sich von ganz unten herauf gearbeitet.

"Ich brauche einen neuen Auftrag in Assiah." Mares war stolz darauf das seine tiefe Stimme kaum verriet wie durcheinander er von der Warnung Lorecks war. "Also bleibt ihr vorerst Mares?" es klang mehr wie eine Feststellung denn wie eine Frage. Mares nickte nur. Er versuchte das Alter seines Gegenübers zu schätzen. Es war schier unmöglich. Wie die meisten Dämonen hatte Herkas den Alterungsprozess seines Körpers zwischen 20 und 30 gestoppt. Doch anders als bei den meisten Dämonen verrieten nicht mal seine Augen sein wirkliches Alter. Er war genauso undurchsichtig wie eine Schlammpfütze. Mares gefiel der Vergleich, er passte irgendwie zu Herkas.

"Eine weitere Statue, derjenigen ähnlich die du heute gebracht hast, wird bald in der Stadt eintreffen, in der du deinen Wohnsitz gewählt hast. Sie ist stärker und wahrscheinlich wird sie sich wehren. Doch die Magie sollte für einige Zeit halten." Mares verzog keine Miene, es war ihm egal wie stark die alte Magie in dem Gegenstand war. Bisher hatte er noch jedem seinen Willen aufzwingen können. "Wie lange?" Herkas musterte einen Moment das Dokument in seiner Hand. Er runzelte die Stirn. "Sagen wir 3 Monate. Damit tu ich dir aber einen Gefallen." Mares hob überrascht die Augenbrauen. Es war weder Herkas Art anderen einen Gefallen zu tun, noch hatte er es nötig. Wahrscheinlich hatte er einfach gelogen.

Mares nickte und ging. Er hatte alle Informationen bekommen die er für seinen Auftrag brauchte. Sollte diese Magie wirklich stärker sein als die der letzten Statue, würde er sie spüren wenn sie im Umkreis von 50 km wäre. So schnell wie er konnte lief er zum Torraum zurück. /Wie ich diese Welt hasse./ Er wollte schnell wieder nach Assiah. Er achtete nicht auf die Diener die sich ängstlich an die Wand drängten. Mares war wütend. Er würde sich erst wieder beruhigen wenn er in der Menschenwelt war. Dort waren zwar nicht alle nett, bei weitem nicht, aber sie durften Gefühle zeigen.

Er verfluchte Satan und seine letzten Worte. Sie waren der Grund warum Gehenna so kalt war. Bevor Luzifer verschwunden war hatte er noch einmal seinen Vertreter zu sich gerufen. Was alles an diesem Tag besprochen wurde wusste niemand so genau. Der damalige Belzeck war wenige Jahrhunderte später von seinem Nachfolger getötet worden. Doch die wichtigsten Worte wurden von den Belzecks an ihre Familie weitergegeben. So hatte Mares sie erfahren als er alt genug war um zu sprechen. der Grund warum Niemand in Gehenna Gefühle zeigen durfte war, dass wegen Gefühlen Luzifer verschwunden war. Er hatte damals zu seinem Belzeck gesagt, dass er sich verliebt hätte und deswegen gehen müsste. Als Luzifer nach Jahrhunderten des Wartens nicht zurückkehrte, beschloss der damalige Belzeck, dass kein Dämon mehr Gefühle haben dürfe.

Mares hatte damals gelacht als er diese Geschichte erfuhr. Er hatte es als Witz empfunden, dass jemand meinte Gefühle ließen sich einfach so abstellen. Doch er hatte schnell gelernt, dass diese Sache nicht witzig war. Man hatte den jungen Dämon für sein Lachen geschlagen, dann für die Tränen die er wegen den Schlägen vergossen hatte. Wut, Zuneigung, Abneigung, Hass, Liebe, Trauer... jedes Gefühl war verboten. Jeder Dämon lernte schon in jungen Jahren seine Gefühle zu verstecken. Als Mares das erste mal nach Assiah gekommen war, war es wie eine Offenbarung gewesen. Er hatte jede Macht in der Hölle abgelegt um dort bleiben zu können.

Vielleicht lag es an seiner Menschenmutter, aber als er das erste mal gesehen hatte wie eine Frau ihr weinendes Kind in den Arm genommen hatte, wusste Mares wohin er gehörte. Mit einem glücklichen Seufzer durchschritt er das Tor nach Assiah. Erst als er hindurch war, legte Mares seine Dämonengestalt wieder ab. Gerade rechtzeitig genug, denn schon hatte Mares den Hunger nach Blut gespürt. Es war anscheinend schon Nachmittag geworden. Schnell legte Mares seine Dämonenuniform ab. Ein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass Jana bald nach Hause kommen würde. Er wusste allerdings nicht wie viele Tage vergangen waren. Die Zeit im Dämonenreich verlief anders als in Assiah.

Mares begann seine Jagdgeräte zu putzen. Die Zeit bis Jana kommen würde reichte nicht um auf die Jagd zu gehen. Außerdem war er im Moment sowieso zu müde für längere Rundflüge, oder mentale Suchen. Mares dachte über Jana nach. Er hatte sie vor 2 Jahren kennen gelernt. Kurz nachdem er hierher gezogen war. Sie war einfach eines Abends vor seiner Tür gestanden und hatte erklärt das sie jetzt Nachbarn wären, sie hatte ihm einfach so ihre Freundschaft angeboten. Mares war damals einfach überrumpelt gewesen. Das sechsjährige Kind hatte ihn völlig aus der Fassung gebracht. Jana hatte ihm erklärt dass ihre Eltern nie Zeit hätten und als sie entdeckte dass Mares täglich zu Hause war verbrachte sie die Nachmittage kurzerhand bei ihm.

Seitdem sah er die Kleine täglich. Der Umgang mit ihr war einfacher für Mares als mit einem Erwachsenen. Die ganzen Fragen die sich den Menschen aufdrängten blieben einfach aus. Wo kommst du her? Wie verdienst du dein Geld? Was sind das für seltsame Nachtschichten? Warum kannst du deine Familie nicht leiden? Auf all diese Fragen hatte Mares nie eine Antwort gewusst. Jana überging diese Dinge einfach. Und dafür war Mares ihr sehr dankbar.

Ein Klingeln an der Tür ließ ihn auffahren. So schnell er konnte stürzte Mares zur Tür. Er riss sie beinahe auf. Ein kleiner Wirbelwind stürzte ihm in die Arme und ließ Mares nach hinten taumeln, anscheinend hatte Jana ihn genauso vermisst wie er sie. "Schön das du wieder da bist." rief sie auch gleich und ließ von Mares ab. "Schön wieder hier zu sein." er lächelte das Mädchen an. Ihre schwarzen Locken waren auch heute offen. Janas Kleidung war wieder einmal in allen Farben des Regenbogens. Sie sah aus wie die pure Lebendigkeit.

Dann entdeckte Mares hinter ihr einen unscheinbaren Jungen. Fragend schaute er Jana an. "Hey Luke, komm her ich möchte dir Mares vorstellen." rief Jana über die Schulter zu ihrem Begleiter. Langsam kam der Junge näher. Als hätte er Angst ergriff er die Hand des Mädchens. Mares lächelte freundlich und versuchte nicht zu überrascht auszusehen. Jana hatte nie Freunde erwähnt. /Du Idiot! natürlich hat sie Freunde. Schließlich ist hier nicht Gehennah./

"Luke das ist Marcel. Marcel das ist Luke, mein Freund." Luke und Mares musterten sich gegenseitig. Der Junge war das totale Gegenteil von Jana. Er hatte glatte blonde Haare und braune Augen. Luke wirkte sehr ernst und etwas zurückhaltend. Seine Kleidung war insgesamt dunkel, fast schon düster. Der Blick des Jungen war durchdringend und Mares hatte das Gefühl er würde nicht nur von außen sondern auch von innen betrachtet werden. Plötzlich gab Jana Luke einen Stoss und dieser senkte den Kopf. Sofort verschwand das seltsame Gefühl.

Mares schüttelte sich innerlich. Er fing sich schnell wieder. /Es ist nur ein Kind. Er ist nur Janas Freund./ Mares hielt dem Kleinen seine große Hand hin. "Es freut mich dich kennen zu lernen, Luke." Luke nickte, als hätte er nichts anderes erwartet. Dafür bekam er von Jana noch einen Stoß. Schließlich lächelte er ebenfalls und ergriff die Hand des Erwachsenen. "Es freut mich auch. Jana hat viel von ihnen berichtet." Mares runzelte die Stirn, solche Floskeln der Menschen kannte er. Aber nicht von Kindern, dennoch hörte es sich an als würde der Junge es ernst meinen.

Er schob den Gedanken an den seltsamen Kleinen erstmal beiseite. "Wollt ihr etwas trinken? Oder irgendwas unternehmen?" Mares meinte es todernst. Er würde sich durch den Kleinen nicht den Nachmittag verderben lassen. Doch Jana sah ihn traurig an. "Es tut mir leid Marcel. Aber die Zeit wird knapp. Wir dürfen nicht bleiben. Ich wollte dich nur Luke vorstellen." unsicher blickte sie noch einmal zu dem Jungen neben sich. Luke schüttelte sacht den Kopf und Jana seufzte leise. Zwischen den Kindern schien es mehr zu geben als Mares erkennen konnte. /Was ist los mit ihr?/

"Wir werden gehen. Erinnerst du dich an das was ich dir sagte bevor du gegangen bist?" Mares nickte nur. Er war gelinde gesagt verwirrt. Jana sprach plötzlich gar nicht mehr wie eine Achtjährige. "Denk daran." ihre Worte waren leise, es schien als habe sie Angst davor schon zu viel gesagt zu haben. Ohne ein weiteres Wort drehte sie sich um und ging die Treppe hinunter. Der blonde Junge folgte ihr schweigend. Auf dem ersten Treppenabsatz drehte er sich noch einmal um. Einen Moment musterte er Mares, dann nickte er leicht. "Viel Glück" rief Luke noch nach oben, dann war auch er verschwunden.

Mares stand einfach da und schaute den Kindern hinter her. Das war wohl eins der seltsamsten Gespräche gewesen die er jemals mit Jana geführt hatte. Kopfschüttelnd ging der Dämon wieder in seine Wohnung. Das Tageslicht schwand langsam und Mares war hungrig und müde. Wie viele Tage in der Menschenwelt vergangen waren wusste er nicht, doch Mares hatte eine schlaflose Nacht und einen anstrengenden Tag in Gehennah hinter sich.

Aus dem fast leeren Kühlschrank nahm Mares ein rohes Stück Fleisch. Er schnitt es kurz in kleine Happen und setzte sich damit auf das Wohnzimmersofa. Mares konnte Menschenessen essen wenn er wollte, das war eines der besseren Dinge die er von seiner Mutter geerbt hatte. Andere Dämonen hatten nicht so viel Glück, sie mussten Blut trinken, oder konnten nur rohes Fleisch vertragen. Zwar gab rohes Fleisch Mares am meisten Stärke und seine Dämonengestalt konnte er nicht lange ohne frisches Blut durchhalten, aber es war einfach unauffälliger normales Essen zu essen. Er hatte sich daran gewöhnt. Blut trank er nach Möglichkeit gar nicht mehr und rohes Fleisch aß Mares nur wenn er so erschöpft war wie jetzt.

Mares saß auf dem Sofa und starrte nach Westen bis die Sonne untergegangen war. Er konnte es einfach nicht lassen er liebte Sonnenunter- und Aufgänge. Erst als der Himmel so dunkel wurde das Mares nichts mehr im Zimmer erkennen konnte stand er auf. Mares wollte kein Licht anmachen und verwandelte seine Augen wieder in die eines Dämons. Einen Moment lang dachte er daran einen kleinen Rundflug zu machen. In so einer Neumondnacht würde ihn niemand sehen, eigentlich wäre selbst das Wetter perfekt. Doch als er sein Bett betrachtete verwarf er diesen Gedanken schnell wieder, Mares war einfach zu müde.

Schnell zog der junge Dämon sich um. Sein Schwert legte Mares auf seinen Nachttisch. Zwar war er zu müde um Engel zu jagen, das hieß aber nicht dass sie zu müde waren um ihn zu jagen. Da Mares keinen Wecker brauchte war auf dem Nachttisch viel Platz für das große Schwert. Es war nicht gerade leicht gewesen eine Wohnung zu finden, deren Wohnzimmer nach Westen und deren Schlafzimmer nach Osten ging. Doch für Mares war es die Mühe wert gewesen, jetzt wurde er jeden Morgen von den ersten Sonnenstrahlen geweckt. Mares wusste das er hoffnungslos romantisch war, aber er hatte ja Niemanden dem das auf die Nerven gehen konnte. Noch bevor Mares wirklich die Matratze berührt hatte war er schon eingeschlafen. Zu tief um zu Träumen, wofür er dankbar war.



- 2 -

Lironai flog so schnell er konnte. Den gebrochenen Arm eng an die Seite gepresst. Er war müde und verwirrt, doch im Moment wäre Langsamkeit sein Todesurteil gewesen. Er warf einen Blick über die Schulter. Sie waren immer noch hinter ihm. Er würde ein Versteck brauchen. Lironai verschwand hinter einem Haus. er wusste dass dies die Soldaten nicht lange aufhalten würde, aber vielleicht lang genug. Der Engel versenkte sich in Trance. Er suchte nach einem Wesen dem er vertrauen konnte. Das außerdem stark genug wäre ihn zu schützen. /Kein Mensch, dass gäbe nur Ärger./ Seine Magie war schon immer stark gewesen. Auch nachdem er das Dimensionstor geöffnet hatte blieb ihm noch genug Kraft für eine mentale Suche.

Lironai wurde von einem Wesen angezogen. Seine Magie wurde schwächer, er konnte nicht bestimmen was dieses Wesen genau war, nur das es kein Mensch sein konnte. Außerdem fühlte er keine böse Absicht und im Moment reichte ihm das. Er hatte keine Zeit wählerisch zu sein. Beinahe zu schnell riss sich Lironai aus der Trance, gerade rechtzeitig um einen Pfeil auszuweichen, den ein Cherub auf ihn schoss. Er drehte sich um und flog in die Richtung in der er das Wesen gespürt hatte. Er hatte keine Wahl mehr.

Lironais Flügel wurden müde, als er endlich angekommen war. Lange konnte er sich nicht mehr in der Luft halten. Dann sah er das Fenster vor sich. Wie wild schlug er dagegen. Die Schmerzen machten Lironai fast wahnsinnig. Die Cherub waren mit Sicherheit hinter ihm, doch Lironai traute sich nicht sich umzudrehen.

Ein unbekanntes Geräusch weckte Mares. Er sprang so schnell wie möglich aus dem Bett und hatte nach seinem Schwert gegriffen bevor er richtig aufgewacht war. Mares blinzelte etwas irritiert in die Dunkelheit. Das Geräusch wiederholte sich. Es war ein Klopfen und es kam vom Fenster. Mit einem Ruck drehte Mares sich um. Er starrte halb verblüfft halb entsetzt auf das Fenster. Seine Wohnung lag im dritten Stock, da war das Fenster nicht der Eingang von dem man nette Gäste erwartet hätte. Vor dem Fenster schwebte ein weißer Schatten. Mares verwandelte seine Augen schnell in die eines Dämons.

Eine dunkle Gestalt regte sich im Zimmer. Lironai warf einen Blick zurück. er sah dass seine Verfolger wieder näher gekommen waren. /Oh, bitte mach das Fenster auf. Bitte mach auf!/

Da Draußen flog tatsächlich ein Engel. Er sah schrecklich aus. Seine Kleidung war blutverschmiert und hing in Fetzen an seinem schmalen Körper. An der Stirn hatte er eine Platzwunde und sein rechter Arm hing verdreht an seiner Seite. All das registrierte Mares in einem Augenblick. Auch dass das helle Gesicht des Engels von Schmerz und Angst völlig verzehrt war. Er warf einen Blick über die Schulter. Was er auch immer dort sah, es schien ihm Angst zu machen. Sein Blick wurde fast flehend und sein Klopfen eindringlicher.

Mares riss sich aus seiner Starre los und stürzte zum Fenster. Wie er es von seinem Bruder gelernt hatte schaltete der Dämon alle Gedanken und Zweifel aus, bis Zeit war sich um sie zu kümmern. Mit einem Ruck riss Mares das Fenster auf. Die kalte Nachtluft traf seinen Körper völlig unvorbereitet. Er trug nur ein T-Shirt und Shorts, doch an Kälte war jetzt nicht zu denken. Er war kampfbereit und darauf gefasst dass der Engel ihn sofort angreifen würde.

Unglaubliche Erleichterung durchströmte Lironai, als das Fenster endlich geöffnet wurde. Er fiel nach vorn.

Der Engel griff ihn nicht an, er stürzte direkt in seine Arme. Mares hatte gar keine Zeit sein Schwert zur Verteidigung hoch zu reißen. Das war auch gar nicht nötig. Der Engel war nicht nach vor gestürzt um den Dämon anzugreifen, er war einfach zusammen gebrochen. Ein leises "Danke" wehte noch in Mares Richtung, dann verlor der Engel das Bewusstsein. Mares starrte einen Moment geschockt auf den bewusstlosen Engel zu seinen Füßen. Er hörte ein Surren und wandte sich wieder dem Fenster zu. Ein Pfeil schoss knapp an dem Kopf des Dämons vorbei. Wäre der Engel noch vor dem Fenster geflogen, hätte ihn der Pfeil genau in den Rücken getroffen.

Drei weiße Gestalten flogen in einiger Entfernung am dunklen Nachthimmel. /Engel. Warum?/ Mit einem schmerzvollem Keuchen ließ Mares seine Schwingen wachsen. Die schnelle Verwandlung tat weh. Sein schwarzes T-Shirt zerriss und fiel in Fetzen auf den Boden. Mares legte die Schwingen schützend um sich und den Engelskörper. Es gab nur wenig das Dämonenschwingen verletzen konnten. Mares hoffte dass Engel keine solchen Pfeile mitgenommen hatten, wo sie doch auf der Jagd nach einem anderen Engel waren.

Mit einem einzigen Satz war Mares auf das Fensterbrett gesprungen. Wütend starrte er die Engel an. Mit seinen Dämonenaugen konnte er sie genau erkennen, obwohl die Engel knapp 500m weg waren.
Mares breitete seine Schwingen so weit aus das sie den ganzen Rahmen bedeckten. Diese Engel würden seinem Gefangenen nichts mehr antun. Aber diese Vorsicht war unbegründet. Die Jäger senkten ihre Bögen, sobald sie Mares sahen. Sie fingen an zu lachen. Anscheinend kam es ihnen gerade recht dass ihre Beute in den Händen eines Dämons war. Ein Jäger hob spöttisch grüßend die Hand, dann flogen die drei davon. Mares unterdrückte ein knurren. Nicht einmal Dämonen sprangen so mit ihren Opfern um. er hasste das Engelsvolk. /Das waren mindestens Cherubin. Vielleicht von noch höherem Rang./

Kopfschüttelnd wandte er sich dem bewusstlosen Engel zu. Mares war ratlos. Er verstand weder warum Engel einen Artgenossen jagten, noch warum dieser gerade bei einem Dämon Schutz gesucht hatte. Mares war verwirrt aber glücklich. Engel zeigten sich nicht oft in Assiah. Er hatte fast 3 Dekaden mit der Jagd nach einem zugebracht. Jetzt war ihm einfach einer vor die Füße gefallen. /Er wird mich zu Raneck führen/ Mares betrachtete das bewegungslose Bündel auf dem Schlafzimmerteppich. /Wenn er überlebt./
Immer noch floss rotes Blut aus den Wunden des Engels. sanft hob Mares ihn auf und trug ihn zu seinem Bett. Er dachte nur noch daran dass der Engel überleben musste. Mares selbst besaß keine Heilmagie, dafür einen Verbandskasten. Nach einigem Suchen hatte er diesen auch gefunden. Mares machte Wasser heiß und versuchte bei all diesen Tätigkeiten seine Grübeleien zu unterdrücken bis der Engel versorgt wäre.

Als der Dämon ins Zimmer zurückkehrt war sein Gefangener noch nicht erwacht. Sorgsam begann Mares den Engel vom gröbsten Schmutz und Blut zu reinigen. Dabei hatte er endlich Zeit sich seinen Patienten genauer zu betrachten. Sein Gesicht war beinahe weiß und sah jetzt in der Bewusstlosigkeit sehr sanft aus. Die Platzwunde an der hohen Stirn war zum Glück nicht so tief, dass Mares sie hätte nähen müssen. Die Haare schienen schulterlang zu sein, standen aber vom getrockneten Blut in alle Richtungen ab. Mares beschloss sie später zu waschen. Jetzt war ihre Farbe nicht zu erkennen, doch sie wirkten leicht violett. Mares wusch jede Wunde sorgfältig aus. Er entkleidete den Engel und warf die zerstörten Sachen auf den Boden.

Als Mares den rechten Arm berührte stöhnte der Engel vor Schmerzen auf. Mares zuckte bei diesem Geräusch zusammen Zum Glück blieb der Engel bewusstlos. /Glatter Durchbruch/ stellte der Dämon fest. Er machte sich Sorgen. Es war nicht das erste mal das er einen gebrochenen Knochen richtete. Im Gegenteil, er hatte es sogar schon bei sich selbst machen müssen. Doch Engelsknochen brachen wesentlich schneller, und er wollte diesem Wesen nicht mehr Schmerz zufügen als unbedingt nötig. /Warum nicht? Er ist schließlich ein verdammter Engel./ Mares war wütend auf sich selbst. Er empfand Mitleid mit einem Engel. Für Dämonen konnte Mitleid tödlich sein. Und Mitleid für Engel war abnormal. Ohne in seiner Wut zu bemerken was er tat renkte Mares den Knochen mit einem Ruck wieder ein. Es gab ein knirschendes Geräusch und der Engel schrie vor Schmerz leise auf. Sofort ließ Mares den Arm los.

Schon wieder überfielen Mares Angst und Mitleid, Gefühle die er sonst erfolgreich unterdrückte. Leise auf sich selber fluchend betrachtete Mares den Arm genauer. Der Knochen war wieder eingerenkt und an keiner weiteren Stelle gebrochen. Ein Gefühl des Glücks durchströmte Mares, er verstand es nicht doch er ließ es zu. Vorsichtig und routiniert schiente er den Arm. Keine der anderen Wunden des Engels waren so schwer. Mares konnte ihn nicht auf den Bauch drehen um seinen Rücken zu untersuchen, die Flügel waren im Weg. Sie waren beinahe 2 m groß, am Fußende ragten sie über das Bett hinaus. Nachdenklich betrachtete Mares die Flügel. Zwar waren sie zerzaust und einige Federn waren ausgefallen, doch unter den blutigen Spritzern waren sie schneeweiß und das schönste was Mares je gesehen hatte. Ein Lächeln stahl sich unbemerkt auf seine Lippen.

Nachdem Mares endlich fertig war den Engel zu verarzten, sah dieser aus wie eine Mumie. Kopfschüttelnd betrachtete Mares ihn einen Moment, dann zog er die Decke über den schmalen Körper, darauf achtend, dass er den rechten Arm nicht bewegte. /Wenn du kein Selbstheiler bist, wird die Sache erst richtig schwierig./ Er seufze und blickte zu dem geschlossenen Fenster. langsam wurde der Himmel heller, die Sonne würde nicht mehr lang auf sich warten lassen. Doch bevor er den Sonnenaufgang genießen konnte, hatte Mares noch einiges zu tun.

Mares räumte die Fetzen, die der Engel anhatte, ins Bad. Dann säuberte er die gröbsten Blutspuren aus dem dunklen Teppich. Nachdenklich betrachtete Mares das Fenster und entschied sich dieses auch noch zu reinigen. Die Blutspritzer auf der Scheibe gefielen ihm nicht. Als er endlich diese Arbeiten erledigt hatte, stand die Sonne schon 2 Handbreit über dem Horizont. Mares schlich zu dem Engel auf seinem Bett. Er war immer noch bleich, doch sein Atem schien stärker zu sein. Er war nicht mehr bewusstlos sondern schlief. Mares beschloss seinen gewohnten Tagesablauf aufzunehmen, nur das er jetzt nicht mehr auf die Jagd gehen musste.

Grinsend kochte Mares Tee. Er mochte den Geschmack, obwohl das nicht sonderlich Dämonisch war. Noch während der Tee zog begann Mares mit seinen täglichen Übungen. >Du musst immer geschmeidig bleiben. Vernachlässige nur einmal dein Training und entweder unsere Brüder oder die Engel werden dich töten. Du musst nicht nur stark werden, du musst auch stark bleiben um hier zu überleben< Mares hörte die Stimme von Raneck als würde er neben ihm stehen. Sein Schwerttraining wurde noch verbissener. /Ich bin stark geworden. So stark wie du es wolltest. Ich bin stark geblieben. Du warst immer der Stärkere von uns beiden trotzdem haben sie dich gekriegt/ Mares wollte sich nicht an den Tag erinnern an dem er seinen Bruder das letzte Mal gesehen hatte.

Seine Bewegungen wurden schneller und unkoordinierter. Mares kämpfte so lange bis die Erschöpfung alle Gedanken aus ihm verbannte. Keuchend brach er auf dem Wohnzimmerboden zusammen. Erst nach einigen Minuten raffte Mares sich wieder auf. Mit einem Zug lehrte er den mittlerweile kalten Tee. Nach einer ausgiebigen Dusche kochte er neuen. Mares trug den Tee ins Schlafzimmer und stellte ihn auf seinen Nachttisch. Er nahm sich eine Tasse und setzte sich in einen Sessel gegenüber dem Bett.
Langsam wurde es Zeit über die Geschehnisse des letzten Tages nach zu denken.

Mares fielen Janas Worte wieder ein: >Unverhofft kommt oft. <Ob sie etwas gewusst hatte. Schnell verwarf er den Gedanken wieder, wenn Jana ahnte, dass er keines Menschen war, so konnte sie trotzdem nicht von dem Engel wissen. Er dachte an die Warnung von Loreck. Nun auf die Jagd musste er nun nicht mehr gehen, seine Beute war zu ihm gekommen. Anscheinend war dieser Engel ein Opfer der Unruhen im Himmel. Was war nur da oben los dass sie einen hohen Engel jagten. Dass sein Gefangener einen hohen Stand besaß dessen war Mares sich sicher. Die Kleidung die er angehabt hatte, war aus feinstem Stoff gewesen, außerdem strahlten seine Flügel regelrecht vor Reinheit, auch wenn sie nicht sauber waren. Eigentlich konnte es ihm egal sein wie der Engel hier her gelangt war. Er war Mares erste Möglichkeit seit langer Zeit wieder Hoffnung für seinen Bruder zu schöpfen.

/Schmerz. Dunkelheit./

Der Engel begann unruhig zu werden. Anscheinend würde er bald aufwachen. Mares stand lautlos auf. Er setzte sich ruhig auf eine Bettkante. Vorsichtsmaßnahmen waren im Moment nicht angebracht, wenn der Engel sich überhaupt würde bewegen können, dann nur unter Schmerzen. Sanft strich Mares dem Schlafenden eine Strähne des glatten Haares aus der Stirn. Verblüfft starrte er einen Moment seine Hand an, die sich anscheinend selbstständig gemacht hatte.

/Licht. Eine Hand. Wärme. Schön/ Lironai wollte nicht erwachen, doch weder der Schmerz noch die Wärme ließen sich ignorieren. verstört öffnete er langsam die Augen. Sein Blick klärte sich. Lironai sah direkt in die grünen Augen eines Menschen. Er hatte nicht genug Kraft Gefühle zu spüren, aber er sah die Besorgnis in den Augen des andren stehen. /Mist, ich bin bei einem Menschen gelandet. Wie konnte das nur geschehen?/

Der Blick des Engels traf ihn. Er war anscheinend aufgewacht als Mares ihn berührt hatte. In den violetten Augen stand keine Angst. /Hat er nicht bemerkt das ich ein Dämon bin?/ Mares lächelte beruhigend, ob für sich selbst oder für den Engel wusste er nicht. Dummerweise entblößte das Lächeln seine Fangzähne, die ihn mehr als deutlich als Dämon auswiesen. Der Engel zuckte zusammen und versuchte sich aufzurichten. Mit einem Schmerzenslaut brach er zusammen. Mares drückte ihn sanft nach unten. Er hatte die Veränderung sofort bemerkt und sah die Angst in den Augen des Engels. "Nun gut. Du weißt jetzt, dass du bei einem Dämon Zuflucht gesucht hast. Verrätst du mir auch warum?" Der Engel schwieg und sah Mares mit schreckgeweiteten Augen an.

/Ein Dämon? NEIN NEIN NEIN/ Lironais Hoffnung schwand. Er wusste was Dämonen mit ihren Gefangenen taten. Lironai wollte sein Volk nicht verraten. Er würde nichts sagen! Panik begann sich in ihm zu sammeln. Krampfhaft versuchte Lironai sie zu unterdrücken. Er musste sich so schnell wie möglich heilen. er musste hier raus, bevor der Dämon auch nur eine Chance hatte ihn zu brechen. Trotz der Schmerzen begann Lironai Heilmagie um sich zu sammeln.

Mares zuckte mit den Schultern, es hatte keine Eile. Er ging aus dem Zimmer und holte eine weitere Tasse für seinen Patienten. Als er zurück kam hatte der Engel die Augen geschlossen und das Gesicht vor Schmerz verzogen. Mares spürte die Magie die der Engel anwandte. Anscheinend war er wirklich ein Heiler. Mares ließ den Engel gewähren. Seine Wunden waren so schwer, dass er nicht alles in einer Sitzung würde heilen können. So geschwächt wie er war würde er wahrscheinlich nicht einmal die leichtesten Wunden ganz verschließen können. Lautlos trat Mares an das Bett. Er goss Tee in die Tasse und wartete bis der Engel aufgab.

Lironai musste zu schnell aufhören. Die Schmerzen waren übermächtig geworden. Im schwirrte der Kopf. Lironai hatte es gerade geschafft, die Grundlagen zu legen. Wenigstens war die Panik der Müdigkeit gewichen. Was zum Nachteil hatte, dass er immer noch keine Gefühle spüren konnte.

Wenige Minuten danach bemerkte Mares die Veränderung in der Luft. Es war als würde die Spannung aus dem Zimmer entweichen. Der Engel öffnete die Augen und sah ihn ernst an. Zwar war die Angst nicht ganz aus seinem Blick verschwunden doch er war wesentlich ruhiger als vorher. Wieder versuchte Mares es mit einem Lächeln. "Ich habe hier Tee wenn du welchen möchtest. Wahrscheinlich bist du nicht kräftig genug um zu trinken." Mares stellte die Tasse ab und setzte sich wieder zu dem Engel. Mit einer Hand umfasste er die schmalen Schultern und zog ihn sanft in eine sitzende Position. Der Engel stöhnte leicht vor Schmerzen. "Entschuldige" murmelte Mares. Der Engel sah ihn überrascht an. Mares grinste, dass sich ein Dämon bei einem Engel entschuldigte war sicher auch nicht normal. Er schob sich hinter den Engel und stützte ihn mit seinem Oberkörper. Jetzt konnte Mares zwar nicht das Gesicht seines Patienten sehen, aber er hatte beide Hände frei.

Lironai hatte Angst vor diesem seltsamen Dämon. Auch wenn der es ihm nicht leicht machte. Es war trotzdem schrecklich. Die Dämonen von denen er bisher gehört hatte, verhielten sich so anders. Dieser hier behandelte ihn nicht wie einen Gefangenen, eher wie einen Freund der sich verletzt hatte. /So sanft.../

Mares hob die Tasse an die Lippen des Engels. Dieser rührte sich nicht. "Na komm schon. Es hilft niemanden wenn du verdurstest. Der Tee ist mit Sicherheit nicht vergiftet." Der Engel schien sich etwas zu entspannen und nahm einen kleinen Schluck aus der Tasse. Mares lächelte, er hatte es geschafft. Bevor er es sich anders überlegen konnte hatte Mares dem Engel schon den restlichen Tee eingeflösst. "Na siehst du war doch nicht so schlimm." Mares lachte leise, es fühlte sich gut an den Engel in den Armen zu halten. Trotzdem ließ er ihn wieder zurück in die Kissen sinken.

"Ich würde vorschlagen, du versuchst sobald nicht mehr Heilmagie einzusetzen, dein Körper ist dafür zu geschwächt." Abschätzend betrachtete Mares den Engel. Er sah völlig zerschlagen aus. "Schlaf jetzt lieber. Oder hast du Hunger?" Ein Kopfschütteln antwortete ihm. Mares hatte nichts anderes erwartet. "Wenn du wieder erwachst bring ich dir was zu Essen. Mein Name ist übrigens Mares Lahrcent." Er erwartete nicht, dass der Engel ihm antworten würde. Mares sah auch kein Erkennen in den violetten Augen. Wahrscheinlich war die Nachricht, dass einer der Söhne Belzecks seinen Namen abgelegt hatte nicht zu den Engeln vorgedrungen. Mares war froh darüber, es hätte dem Engel nur in größere Angst versetzt zu wissen wer er war.

/Mares Larcent? Ein Dämon der seinen Geburtsstand abgelegt hat? Das ist seltsam./ Lironai war müde. Er wollte eigentlich noch über seine Situation nachdenken, doch Schwärze umfing ihn schneller als verhindern konnte.

Eine Weile lang betrachtete Mares seinen schlafenden Patienten. Der Engel sah wesentlich gesünder aus als gestern Nacht. Allerdings würde es mit Sicherheit Tage dauern bis er wieder fliegen konnte, geschweige denn fliehen. Mares musste sich noch keine Sorgen machen. /Was sag ich nur Jana?/ Seufzend stand er auf und begab sich in die Küche. Was auch immer er Jana sagen würde, es konnte warten bis sie vorbei kam. Mares begann neuen Tee zu machen und etwas zu Essen zu kochen. Wenn der Engel das nächste mal erwachte würde er mit Sicherheit hungrig sein. Es war gar nicht so einfach etwas zu finden was ein Dämon und ein Engel essen konnten. Wieder einmal war Mares seiner Mutter sehr dankbar.

>>>"Eonai was tust du hier? Vater wollte doch nur mich sprechen." /Seine Augen sind so kalt. Wieso fühle ich keine Emotionen. /Kalte Berechnung? HASS?/ "Vater flieh. mit Eonai stimmt etwas nicht!" /Ein Schwert? Was will er mit dem Schwert? NEIN.NEIN/ <<<<

Ein Schrei klang aus dem Schlafzimmer in die Küche, gerade als Mares den Auflauf in den Ofen schob. /Scheiße!/ Mares rannte voller Sorge ins Schlafzimmer. Der Engel warf sich von einer Seite auf die andere. Seine Flügel waren verschwunden. Sein Gesicht war von Angst und Schmerz verzehrt. Er rief immer wieder einen Namen. "Eonai, Eonai warum hast du das getan?" Plötzlich begann er um sich zu schlagen, als wollte er sich gegen unsichtbare Feinde wehren. Mit einem Satz war Mares bei dem Engel. Er zog ihn in eine enge Umarmung. Um ihn zu beruhigen und aufzuhalten. "Shhh, beruhige dich. Es war nur ein Alptraum. Ganz ruhig du bist in Sicherheit." Gleich nachdem Mares die Worte ausgesprochen hatte wusste er wie bescheuert sie waren. Er erzählte einem gefangenen Engel er sei bei einem Dämon in Sicherheit. /Ja klar. Es gibt keinen sichereren Ort./Doch zu seiner eigenen Verwunderung beruhigte sich der Engel wieder. Nur noch ein leises Wimmern war von ihm zu hören. Mares begann unbewusst ein Kinderlied zu summen.

/Wärme? Sicherheit? Wieso werde ich nicht gejagt?/ Lironai wollte nur noch vergessen. In dieser Umarmung alles vergessen. Doch das Vergessen wollte sich nicht einstellen. Im Gegenteil, die Erinnerung kam zurück. Im wurde schlagartig bewusst wer ihn da umarmte. Wieso hatte der Dämon ihn getröstet? Lironai wünschte sich er wäre stark genug um Mares Gefühle zu spüren. So schwach wie er im Moment war konnte er nicht einmal die stärksten Emotionen empfangen.

Nach einer Ewigkeit, wie es ihm schien, erstarb auch das Wimmern des Engels. Er wand sich aus der Umarmung und starrte Mares durchdringend an. Mares konnte das völlige Unverständnis in den violetten Augen des Engels sehen. Er lächelte ihn sanft an. /Frag nicht warum ich das getan habe. Ich weiß es selber nicht./ Doch der Engel machte keine Anstalten zu sprechen. Er senkte den Blick und starrte auf seine Hände herab.

Mares beschloss die Szene einfach zu übergehen. Obwohl ihm eine Menge Fragen auf der Zunge brannten. "Gut das du aufgewacht bist." sagte er mit gespielter Fröhlichkeit. "Das Essen ist bald fertig. Es gibt Gemüselasagne." Der Engel schaute ihn ziemlich überrascht an. Mares lachte. "Ich kann dich doch nicht verhungern lassen. Kannst du aufstehen?" Der Engel schüttelte den Kopf. Mares hatte auch nichts anderes erwartet, Engel heilten schnell, doch so schnell mit Sicherheit nicht. Ein eindeutiger Geruch drang plötzlich in Mares Nase. Fluchend sprang er auf. Mares rannte in die Küche, einen ob des plötzlichen Abtritts leicht verstörten Engel zurücklassend.

/Essen? Wie bitte?/ Lironai sah dem so plötzlich verschwundenen Dämon überrascht hinter her. Irgendetwas ging hier eindeutig nicht mit rechten Dingen zu. Lironai zog die Luft tief ein. Es roch herrlich, nach Gemüse. Er hatte zwar gedacht, dass ihn an diesem Dämon gar nichts verwundern könnte, aber anscheinend hatte er sich getäuscht. Ein Dämon der Gemüse aß, so etwas hatte er noch nie erlebt. /Oder hat er etwa nur für mich gekocht?/

Fast wäre der Auflauf angebrannt. Schnell drapierte Mares alles auf einem Tablett. Er kochte seit 2 Dekaden für sich selbst, und in der Zwischenzeit war er recht gut darin. Lächelnd trug der Dämon das Tablett ins Schlafzimmer. Der Engel hatte sich wieder hingelegt. Mares stellte das Tablett ab und trappierte die Kissen so um den Engel das dieser gut sitzen konnte. Er betrachtete die schmale Gestalt einen Moment. "Ich würde sagen du musst eindeutig mehr essen. Du bist viel zu dünn." Der Engel sah ihn zweifelnd an und schwieg. "Meine Güte wie schrecklich gesprächig wir heute wieder sind." meinte er sarkastisch. Langsam nervte Mares die Schweigsamkeit des Engels.

Lironai starrte auf den Teller. Er hatte nicht vor etwas zu essen. /Er ist mein Feind/ Sein Magen knurrte. Die Kräfte die er zur Heilung verbraucht hatte wollten ersetzt werden. Doch Lironai war sich nicht sicher ob er es sich erlauben konnte diese Schwäche zuzugeben. Er wusste nicht ob der Dämon ihn vergiften wollte.

Vorsichtig stellte Mares das Tablett vor den Engel. Dieser machte keine Anstalten das Essen anzurühren. Mares sah Hunger in den violetten Augen aufblitzen. Doch er konnte die Angst des Engels fast spüren. Mares stöhnte innerlich auf. "Ich mache dir einen Vorschlag. Wir haben hier 2 Teller mit Essen. Du suchst dir einen aus, den anderen esse ich. So kannst du dir sicher sein, dass ich dich nicht vergifte." Der Engel sah ihn prüfend an. Mares versuchte dem Blick nicht auszuweichen. Langsam wich die Angst aus den tiefvioletten Augen. Schließlich griff der Engel nach einem der Teller. Er blickte Mares interessiert an, als würde er auf eine Erlaubnis des Dämons warten. Doch Mares hatte langsam genug von den Spielchen. Er schnappte sich den verbliebenen Teller und setzte sich auf den Boden. "Guten Appetit." Ohne den Engel weiter zu beachten begann Mares zu essen.

Nach einiger Zeit hörte Mares wie der Engel ebenfalls zu essen begann. Er warf einen kurzen Blick nach oben und lächelte den anscheinend sehr hungrigen Engel an. Als Mares fertig war mit essen saß er einfach da und sah dem Engel zu. Dieser bemerkte ihn nicht und aß stumm weiter. Ein sanfter Ausdruck lag auf seinem Gesicht. Dennoch konnte Mares die Anspannung fühlen die der Engel zu verbergen versuchte. Es machte ihn traurig. Mares wusste zwar nicht warum, aber er wollte, dass der Engel ihm vertraute. /Er ist wirklich niedlich./ Mares seufzte kaum hörbar. Der Engel blickte plötzlich auf. Mares wich erschrocken zurück. /Hab ich das laut gesagt?/

Lironai hörte den Seufzer und sah überrascht auf. Nicht zum letzten mal, da war er sich sicher, wünschte er sich stark genug zu sein um seine emphatischen Fähigkeiten einzusetzen. Der Dämon schien überrascht zu sein, doch Lironai war sich nicht sicher. er kam mit der Situation nicht zurecht. Der Dämon war einfach zu nett. Unsicher senkte Lironai den Blick wieder auf den fast leeren Teller.

Mares sprang auf die Füße. Er hielt es nicht mehr in dem Zimmer aus. Beinahe gehetzt lief er in die Küche. Er blieb stehen und lehnte sich an die Wand. Wie kam es nur das diese violetten Augen ihn so durch einander bringen konnten. Er war zwar nie der gefühlloseste Dämon gewesen, doch jetzt wünschte er sich, dieser Engel würde so schnell wie möglich wieder gesund werden. /Denk an Raneck. Du darfst dir keine Schwäche erlauben./ Mares versuchte sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass er diesen Engel vielleicht würde foltern müssen um den Verbleib seines Bruders zu erfahren. Er konnte es nicht. /Verdammt reiß dich zusammen. Er ist ein Engel und du ein Dämon. Irgendwie wirst du ihn schon zum Sprechen bringen/ Aber Mares hatte vor erst alles andere zu versuchen, bevor er auch nur ernsthaft Folter in Betracht ziehen würde.

Lironai fühlte sich gestärkt. Der Dämon schien tatsächlich auf sein Wohlergehen bedacht zu sein. Engel vertrugen Fleisch nicht besonders gut. Es schwächte sie mehr als das es ihnen Kraft gab. Lironai wollte sich am liebsten bedanken, doch er kannte sich. Wenn er einmal anfangen würde mit dem Dämon zu reden, würde er mit Sicherheit nicht mehr Schweigen können. Er beschloss sich so schnell wie möglich zu heilen. Damit auch seine emphatischen Fähigkeiten zurückkommen würden. Lironai wollte endlich wissen woran er bei diesem Dämon war.

Genervt und wütend auf sich selbst ging Mares ins Schlafzimmer zurück. Er sah den Engel nicht an sondern nahm nur den leeren Teller um ihn aufzuräumen. Als Mares die Küche aufgeräumt hatte kam er ins Schlafzimmer zurück. Schon beim Eintreten konnte er die Spannung spüren. Der Engel versuchte sich wieder selbst zu heilen. Mares seufzte entnervt. /Der Idiot hört auch auf keinen Ratschlag./ Er setzte sich dem Engel gegenüber aufs Bett und wartete ruhig. /Na schau´n mir mal wann du erschöpft zusammenbrichst./

Keine 10 Minuten später gab der Engel keuchend auf. Er sackte in sich zusammen und die Spannung im Raum ließ merklich nach. Schweigend wischte Mares dem Engel mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn. Überrascht blickte dieser auf, er schien nicht bemerkt zu haben dass Mares in den Raum gekommen war.

Mares sah den Engel ernst an. Man konnte deutlich sehen wie erschöpft dieser war. Auch wenn es lächerlich klang, ein Heiler konnte sich bei dem Versuch zu gesunden, selbst töten. "Was meinst du wie lange du dass noch durchhältst?" Schweigen "Ich weiß das du schnell wieder gesund werden willst. Aber es bringt doch nichts wenn du dich dabei tötest" Schweigen "Oder willst du gerade dass?" Schweigen Entnervt söhnte Mares auf. Er hätte schreien können. /Okay Engelchen. Andere Taktik./

Mares begann den Engel anzustarren. Er wusste das es nichts gab was einen mehr nerven konnte. Der Engel versuchte den Dämon zu ignorieren. Er sah aus dem Fenster, dann an die Decke, schließlich auf seine Hände. Mares gab auch nach einer Stunde nicht auf. /Du wirst mich nicht klein kriegen Engelchen./ Der Engel schien seine Taktik zu ändern und begann zurück zu starren. Mares versuchte sich nicht irritieren zu lassen. Der Engel gab den Blickkontakt schnell wieder auf. Mares begann sich zu langweilen. /Warum Jana Heute wohl nicht gekommen ist? Vielleicht war sie bei Luke. Seltsamer Junge. Wie lange Engelchen wohl noch durch hält? Oh, Mann ich will wenigstens seinen Namen wissen, dieses >Engelchen< wird langsam lächerlich. Aber er sieht wirklich süß aus. Wie alt er wohl ist?/

Lironai wusste nicht was er davon halten sollte. Dieser Dämon sah ihn jetzt seit Stunden an. Nichts schien zu helfen. Er konnte seinen Blick auf der Haut spüren, beinahe darunter. Er versuchte sich selbst abzulenken, aber weil Lironai am liebsten nicht nachdenken wollte, fiel ihm das sehr schwer. Er warf einen Blick zu Mares. Er entdeckte dass seine Augen wieder blutrot waren. Es sah nicht drohend aus, aber lies ihn die Blicke noch deutlicher spüren. /Was ist das für ein verrücktes Spiel. Was will der Typ?/

Das Licht verfärbte sich langsam, die Sonne begann unter zu gehen. Mares begann im Geiste alle Lieder zu singen an die er sich noch erinnern konnte. Er wandte den Blick nicht von dem Engel. Der wurde langsam nervös, er warf immer wieder einen Blick auf Mares, als er wollte sich versichern dass Mares ihn noch immer anstarrte. Mares wusste das der Engel langsam müde wurde. Aber er würde mit Sicherheit nicht einschlafen können während Mares dasaß und ihn anschaute.

Müdigkeit fraß sich in Lironais Knochen. Sein Kopf begann zu schmerzen. Doch er konnte keine Ruhe finden. Der Blick des Dämons stach bis unter die Haut. langsam begann er wütend zu werden. Wütend auf sich selbst, weil er den Dämon nicht einfach ignorieren konnte, wütend auf die Umstände die ihn so schwach gemacht hatten und vor allem wütend auf diesen Dämon der so ruhig dasaß als könne ihn kein Wässerchen trüben. Leichte Panik schlich sich in seine Gedanken. /Was will der von mir. Er soll aufhören./ Lironai konnte sich nicht mehr unter Kontrolle halten.

"HÖR AUF ZU STARREN!!!" die laute Stimme riss Mares aus seinen Gedanken. Nicht mehr lange und er hätte den Versuch aufgegeben, einfach weil er langsam selbst müde geworden war. /Sieh an Engelchen spricht/ Mares grinste wie ein Honigkuchenpferd. Der Engel sah ihn wütend an. Sein Gesicht war hoch rot geworden. "Wow, du kannst sprechen." bemerkte Mares trocken. Die Wut des Engels wandelte sich in Verlegenheit, als ihm klar wurde wozu ihn das Gestarre gebracht hatte.

"Ich... ach Mist" Wütend grummelte der Engel vor sich hin. Mares grinste. "Ich würde vorschlagen, nachdem du es nun endlich geschafft hast zu sprechen, verrätst du mir deinen Namen." sein Grinsen wurde eine Spur fieser. "Oder ich such dir einen aus."

/Verdammt jetzt habe ich doch gesprochen! Er will mir einen Namen aussuchen?/ Was für einen Namen ein Dämon sich für einen Engel aussuchen würde konnte sich Lironai vorstellen. Manchmal wünschte er sich nicht so viel Vorstellungskraft. Lironai beschloss lieber seinen richtigen Namen zu sagen. Sollte der Dämon sich doch Hoffnungen machen, einen hochgestellten Engel gefangen zu haben. Er wusste ja nicht dass der jetzige Gabrilai wahrscheinlich einiges daran setzte um ihn zu töten.

Der Engel blickte ihn einen Moment abweisend an, schließlich entspannte er sich etwas. "Lironai Shamoel" seine Worte waren so leise dass sie Mares kaum verstehen konnte. Mares entglitten einen Moment die Gesichtszüge. /Er bist ein -ai. Verdammt das bedeutet er muss der Sohn des Gabrilai sein/ "Der Sohn des Engelsfürsten?" in Mares Stimme lag Entsetzen.

Lironai nickte, dann schüttelte er den Kopf. "Ich bin nicht der Sohn des Gabrilai. Sondern sein Bruder. Eonai hat die Macht im Himmel ergriffen und unseren Vater getötet." er klang schrecklich resigniert und traurig. Lironai starrte auf seine Hände, ganz in Erinnerrungen gefangen.

Lironai wurde unvermittelt wieder in die Erinnerungen gezogen. Er wollte sich nicht erinnern, er wollte alles vergessen. Doch er konnte nicht. Lironai hatte seine Umgebung völlig vergessen. Er sprach einfach weiter, wollte alles loswerden.

"Er wollte nicht mehr länger warten. Mein Vater und ich standen ihm im Weg um Fürst zu werden. Er hat ihn einfach getötet. Ich war bei ihm als es geschah. Eonai kam ins Zimmer unsres Vaters, zog sein Schwert und stach zu. Einfach so, ohne jede Gefühlsregung. Ich bin Emphat, ich habe es gespürt. Da war nichts außer kalter Berechnung. Es schien ihn nicht zu interessieren dass er ein Leben auslöschte, geschweige denn das Leben seines Vaters. Ich bin der Ältere. Eigentlich hätte mir der Thron gehört. Ich wollte ihn nicht unbedingt, aber ich wurde mein ganzes Leben darauf vorbereitet. Eonai sah mich nur an und meinte, wenn ich nicht auch so Enden wolle sollte ich abhauen. ich wusste, dass er mich auch töten würde, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Ich bin kein guter Kämpfer und Eonai war schon immer stärker als ich. Also bin ich um mein Leben geflogen. Ich wollte nur so schnell wie möglich weg vom Palast. Doch Eonai schickte mir seine Soldaten hinter her. Ich floh in die Menschenwelt. Aber ich konnte das Dimensionstor nicht mehr rechtzeitig schließen. Einer brach mir den Arm, so dass ich die Beschwörungsgeste nicht ausführen konnte. Also floh ich hier weiter. Ich suchte nach einem Wesen dass kein Mensch war, aber stark und freundlich genug um mich zu beschützen. Anscheinend war mein Scan nicht besonders gründlich."

Lironai schwieg, er starrte blicklos vor sich hin. Der Engel hatte den ganzen Bericht emotionslos vorgetragen. Nur seine Augen waren dunkel vor Schmerz. Es tat weh, so schrecklich weh. Wie eine Wunde die nie wieder heilen konnte. Lironai hatte seinen Vater wirklich gemocht, sein Tod schmerzte. Doch was noch mehr weh tat war Eonais Verrat. Er hatte seinem Bruder vertraut. Lironai gab sich die Schuld daran. Er hätte sehen müssen, wie sehr sein Bruder nach Macht hungerte. Doch er hatte die Unzufriedenheit die er stets in Eonais Gedanken gespürt hatte immer anderem zugeschrieben.

Mares schwieg auch, er wusste nicht was er sagen sollte. Er wollte den Lironai gerne trösten, doch er wusste nicht wie. In der Hölle war es normal, dass Dämonen sich gegenseitig töteten. Im Himmel sah die Sache anders aus, es war nicht direkt verboten, es gehörte sich einfach nicht. Als Sohn des Gabrilai war Lironai wahrscheinlich sehr behütet aufgewachsen. Mares hob die Hand und legte sie Lironai tröstend auf die Schulter. Der Engel sah schrecklich verlassen und schwach aus.

Lironai spürte die Hand auf seiner Schulter. Er fuhr erschrocken aus seinen Erinnerungen. Die roten Augen des Dämons musterten ihn besorgt. Er fühlte sich plötzlich wieder in die Gegenwart zurück katapultiert. Diese war zwar nicht so grässlich wie seine Erinnerung, aber sie machte Lironai auch Angst. Lironai schüttelte Mares Hand ab und starrte ihn entsetzt an. /Ich habe 'ihm' alles erzählt? Ich habe mein Volk verraten!/

Mares konnte sehen wie sich Lironai in sich selbst zurück zog, seine Augen wurden abweisend und kalt. Aus irgendeinem Grund tat Mares die Abweisung in seinem Blick fast weh. Er seufzte. Dann lächelte Mares den Engel beruhigend an. Er konnte ihn nicht vergessen lassen, auch wenn er es sich wünschte. "Du solltest jetzt schlafen. Die Sonne ist unter gegangen und dein Körper ist geschwächt. Vor den Engeln deines Bruders bist du in Sicherheit, ich werde dich beschützen."

Fast hätte Lironai laut losgelacht. Hatte Mares gar nicht gemerkt wie lächerlich diese Aussage klang? Doch wie lächerlich es auch war, irgendwie fühlte Lironai sich dadurch besser. Er wollte sich sicher fühlen. Doch er wusste dass er das nicht durfte.

Lironai verzog das Gesicht. Man sah deutlich wie verrückt er die Aussage fand. Mares wurde rot. Er kam sich kindisch vor. /Er ist ein Engel. Er wird mir nie vertrauen. Was Besseres ist dir nicht eingefallen?/ Mares stand auf und ging zur Tür. Er sah Lironai nicht noch einmal an. "Schlaf gut." Lironai antwortete nichts, doch Mares konnte hören wie er sich in die Kissen kuschelte und fast sofort einschlief. Mares stand im Wohnzimmer und wusste nicht was er tun sollte. Er hatte alles für diesen Tag erledigt, und wollte eigentlich auch schlafen gehen. Doch er wusste nicht wo. /Wundervoll. In meinen Bett schläft ein Engel, meine Brüder würden sich vor Lachen nicht mehr einkriegen./ Sein Sofa war einfach nicht groß genug für ein Wesen mit seinen Ausmaßen.

Nach einigen überlegen, entschied Mares sich einfach neben den Engel zu legen. Nach einer schnellen Abendwäsche kam er zurück ins Schlafzimmer. Lironai hatte sich im Schlaf wie ein Fötus zusammen gerollt. Bei dem Anblick huschte über Mares Gesicht ein Lächeln. Irgendwie sah Lironai im Schlaf noch schutzbedürftiger aus als sonst. Mares warf einen Blick auf die Uhr. Es war kurz vor zehn und er konnte beinahe im stehen einschlafen. /Ich verbringe eindeutig zu viel Zeit als Mensch./ Er legte sich hin und brachte seinen Körper in einen Schlaf-Wachzustand. So würde er zwar ausgeruht sein, aber bei der kleinsten Bewegung des Engels aufwachen.

Eine Gestalt erschien vor dem Fenster und sah auf die Schlafenden hinab. Sie hatte keine Flügel und schien einfach in der Luft zu schweben. Sie betrachtete die beiden Schlafenden, der Engel in Fötushaltung und der Dämon steif wie ein Brett, mit leichten Unbehagen. Eine zweite Gestalt erschien neben ihr. "Bist du schon wieder hier?" fragte sie die erste mit eifersüchtigen Unterton. Die erste Gestalt zuckte mit den Schultern. "Was soll denn aus unseren Kindern werden, wenn wir uns nicht um sie kümmern?" fragte sie leise zurück. Die zweite Gestalt zuckte mit den Schultern. "Es gab andere die es auch ohne unsere Hilfe geschafft haben." Sagte sie kalt. "Und ich vermisse dich." Fügte sie in weicheren Ton an. Die erste Gestalt wandte den Blick von den Schlafenden ab und sah die zweite Gestalt liebevoll an. "Ich vermisse dich auch. Aber sie sind bisher die jüngsten." Die zweite Gestalt zog die erste in eine feste Umarmung. "Du weißt, dass es Dinge gibt bei denen wir unseren Kindern nicht helfen können." Die erste Gestalt nickte traurig und ohne ein weiteres Wort verschwanden die beiden.


- 3 -

Mares erwachte wie jeden Tag, bei den ersten Sonnenstrahlen. Auf seiner linken Seite war es angenehm warm. Er warf einen erstaunten Blick auf Lironai, der sich im Schlaf an ihn gekuschelt hatte. Mares grinste, damit hatte er wirklich nicht gerechnet. Da es auch keine Bedrohung gewesen war, war er anscheinend auch nicht wach geworden.

Mares wand sich aus den Bettlacken und ging zum Fenster. Egal wie schön es war neben Lironai zu liegen, den Sonnenaufgang wollte er auf keinen Fall verpassen. Mares öffnete das Fenster. Es war recht warm, nach einem Blick auf den schlafenden Engel setzte er sich wie jeden morgen auf die Fensterbank. Mares lies seine Beine im Wind baumeln. Er liebte diese Morgenstunden, wenn kaum ein Mensch unterwegs war, wenn die Vögel begannen zu singen und vor allem wenn die Sonne aufging. Jana hatte mal über ihn gesagt, er wäre unausstehlich wenn er den Sonnenaufgang verpassen würde. Mares gab es ungern zu, aber sie hatte Recht. Der Himmel verfärbte sich langsam von violett zu rot, zu orange. Die Farben schienen miteinander zu kämpfen, obwohl von vornherein klar war, dass am Ende ein helles Blau gewinnen würde. Mares war so gebannt dass er nicht mitbekam wie Lironai erwachte. Er spürte auch nicht wie der Engel schon wieder Kraft sammelte um sich zu Heilen.

Lironai grinste als er bemerkte wie gebannt der Dämon von diesem Naturschauspiel war. Alle seine Wunden waren verheilt, auch wenn er Narben zurück behalten würde. Auch seine Emphatischen Fähigkeiten waren wieder gekehrt.

Jetzt blieb nur noch die Schwäche, die es Lironai für mindestens zwei Wochen unmöglich machen würde seine Flügel zu benutzen. Die Flügel eines Engels waren der Speicher für seine magischen Kräfte, Lironai hatte seine beinahe aufgebraucht. Er betrachtete den gebannten Dämon eine Weile. /Ob er es weiß? Wenn nicht wird er mich während meiner Gefangenschaft nicht mehr allein lassen./ Lironai versuchte aufzustehen. Er wollte wissen was bei dem Dämon ein solches Glücksgefühl und solche Faszination auslöste das er ihn vergessen hatte. Seine Beine fühlten sich schwach an, beinahe hätten sie ihn nicht getragen. Lironai biss die Zähne zusammen und erhob sich, eine Hand an den Bettpfosten geklammert. Nicht nur Dämonen durften während ihres langen Lebens keine Schwäche zeigen.

Bei einem leisen Keuchen fuhr Mares herum. Er sah wie Lironai dastand. Anscheinend kaum fähig sich lange auf den Beinen zu halten. Mit einem langen Satz war er bei ihm. Mares ergriff fast grob seinen Arm und stützte Lironai ab. De Engel hatte wirklich so ausgesehen als würde er im nächsten Moment wieder auf dem Boden liegen. Verwundert blickte der Engel Mares an. Wieder konnte Mares nicht erkennen was genau in seinen violetten Augen stand. "Du solltest noch nicht aufstehen. Du musst dich erst noch ausruhen." Echte Besorgnis klang in seiner Stimme. Vorsichtig zog er den Engel zurück auf sein Bett. Lironai starrte ihn wütend an.

/Was denkt sich dieser Dämon nur?/ Lironai saß ein wenig verstört auf dem großen Bett. Er blickte direkt in besorgte rote Augen. /Warum macht der sich Sorgen um einen Engel. Will er mich etwa verkaufen?/ Lironai hatte davon gehört, manchmal waren gefangene Engel gute Handelsware bei den Dämonen, manchmal auch einfach Geschenke an den Belzeck oder eins seiner Kinder. Angst stieg in ihm auf. Belzeck und seine Kinder galten als die grausamsten und gefährlichsten Dämonen in Gehennah. Jeder im Engelsreich wusste dies. Lironai spürte die Angst wie einen Klos im Hals sitzen, doch er hatte mit Sicherheit nicht vor dem Dämon etwas merken zu lassen. "Warum sollte es für dich wichtig sein, dass es mir gut geht. Du bist ein Dämon, wann fängst du mit dem Foltern und Ausfragen an?" seine Stimme klang so kalt wie ein Gletscher.

Mares sah die verschiedenen Gefühle in den Augen des Engels, bevor er sie wieder vor ihm verschloss. Lironais Worte taten ihm mehr weh als er es zu zeigen bereit war. Mares drehte den Kopf weg um den Engel nicht ansehen zu müssen. Auf die Frage warum er sich um Lironai sorgte wusste er selbst keine Antwort. Aber auch das wäre er nicht bereit zu zugeben, es war Schwach und er wusste es. "Ich brauche dich noch. Am besten im gesunden Zustand. Ich brauche die Hilfe eines höheren Engels. Wenn du mir hilfst, lass ich dich wieder frei. Das Verspreche ich dir." Mares versuchte so wenige Emotionen wie möglich in seine Stimme mit einfließen zu lassen. Nur aufgrund seiner jahrelangen Übung schaffte er es.

Lironai sah den Dämon neben sich groß an. Er konnte die Gefühle des anderen spüren. Auch wenn er im Moment sehr geschwächt war, Mares schien kaum nennenswerte Schilde gegen eine Abtastung oder einen Angriff zu besitzen. Lironai konnte die Gefühle kaum glauben die er da empfing. /Unsicherheit, Wärme, Sorge, leichte Angst, leichter Schmerz, Hoffnung, GLÜCK??? und noch etwas, dass ich nicht kenne, das er aber auch nicht zu lassen will. Verdammt wie so kann ich seine Schilde so leicht durchdringen?/

Lironai prüfte seine eigenen mentalen Schilde und bemerkte mit erschrecken dass sie weit offen standen. Deswegen hatte er die Emotionen des Dämons so genau spüren können. In diesem Zustand war er schrecklich angreifbar und das machte ihm Angst. er versuchte sich selbst vor den Emotionen des anderen zu schützen, versuchte ihn aus seinem Kopf heraus zu bekommen. Leider bekam Lironai davon nur Kopfschmerzen. Er gab auf. /Wenigstens hasst er mich nicht und seine Sorge scheint echt zu sein./ Lironai entschied sich trotz Mares Einwänden die Sache mit dem Aufstehen noch einmal zu versuchen. Eigentlich hatte er keine Wahl.

Mares sah auf als er hörte dass Lironai schon wieder versuchte sich zu erheben. Entsetzt sprang er auf. "Bitte lass das doch." flehte er den Engel an. Der stand an die Wand gelehnt, man sah deutlich wie viel Kraft es ihn kostete. Er lächelte Mares schwach an. Dann sprach er in sachlichem Tonfall: "Wenn du nicht willst das deinem Bett ein Unglück geschieht solltest du mich ins Bad lassen." Mares wurde rot, daran hatte er wirklich nicht gedacht. Schweigend griff er nach Lironais Arm und führte ihn durch die große Wohnung. Im Bad zeigte er ihm kurz wie man die Wasserhähne bediente und ließ ihn dann allein. "Ich werde Frühstück machen." meinte Mares leise und sah dabei auf den Boden. "Vielleicht solltest du ein Bad nehmen."

Lironai blickte einen Moment verwundert auf die geschlossene Badezimmertür. Er fragte sich immer mehr ob dieser Mann wirklich ein Dämon war, so freundlich wie er ihn behandelte. Lironai wusste wohl dass wer sich in der Menschenwelt befand, Gehennah hätte sich einfach anders angefühlt. Nachdem Lironai sich kurz erleichtert hatte, wobei er eine ganze Weile versuchte mit der Klospülung zurecht zu kommen, ließ er sich ein Bad ein. Die verdreckte Unterwäsche warf er einfach in die Ecke. All diese Handlungen konnte Lironai nur mit Mühe verrichten, er wünschte sich nicht mehr als frei und stark zu sein. Als das Wasser endlich eingelaufen war, legte Lironai sich erschöpft hinein.

Er hatte endlich Zeit genauer über den Dämon nach zu denken. Das war auch bitter nötig stellte Lironai fest als er in sich hineinhorchte. Dieses Wesen verwirrte ihn immer mehr. Je mehr Lironai von dem Dämon wusste um so mehr wunderte er sich dass er ein Dämon sein konnte. Man hatte der Wohnung angesehen dass Mares schon länger darin lebte. Dennoch hatte sie nichts mit dem gemein von dem Lironai über Gehenna berichtet worden war. Die beiden Zimmer die er gesehen hatte waren groß und hell. Obwohl sie in den Grundfarben eher Braun und grün hatten wirkten sie doch nicht düster. /Er hat selbst Vorhänge!!/ Außerdem hatte Lironai keine böswillige Absicht bei Mares gespürt. /Na ja, ich habe schließlich nach einem freundlichen Wesen gesucht, vielleicht habe ich es ja gefunden./Alles in ihm schrie danach seinen eigenen Worten zu glauben, doch Lironai wollte sich keine Hoffnungen machen. Er legte sich zurück und beschloss das wirklich nötige Bad zu genießen, ohne störende Gedanken.

Mares stand in der Küche, an die Arbeitsplatte gelehnt. Er wusste nicht was er tun sollte. Der Engel hatte ihm durchaus klar gemacht wie lächerlich er sich benahm. /Und dann sag ich ihm noch ich werde ihn freilassen wenn er mir hilft. Was bin ich eigentlich für ein Dämon?/ Niemand schrieb Dämonen vor grausam zu sein, aber sein Verhalten würde jeder andere Dämon als schrecklich verweichlicht erkennen. Mares starrte blicklos vor sich hin. /Was macht mich nur so schwach?/ ungewollt erschienen fragende violette Augen vor ihm. Mares schüttelte jeden Gedanken daran ab. Er versuchte sich mit Arbeit abzulenken. Mit geübten Händen bereitete er das Frühstück, diesmal für 2. Mares drapierte alles schön auf dem Tisch und hätte beinahe noch Blumen mit in die Mitte gestellt. /Verdammt, bist du denn von allen bösen Geistern verlassen?/ Am liebsten hätte Mares sich selbst eine Ohrfeige verpasst. Er verhielt sich unbewusst ständig so, wie er sich nicht verhalten sollte.

Ein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass der Engel schon über 20 Minuten im Bad war. /Vielleicht hört er ja auf mich und nimmt ein Bad./ Mares schlich an die Badezimmertür und hörte tatsächlich das Plätschern von Wasser. Er nickte zu sich selbst. /Engelchen hat es wirklich verdammt nötig gehabt. Welche Farbe seine Haare wohl unter all dem Blut und Dreck haben?/ Plötzlich fiel Mares ein dass der Engel ja nichts anzuziehen hatte. /Dann sollte ich ihm wohl besser etwas holen./ Ungewollt erschien das Bild eines nackten Lironai vor ihm. Wütend auf sich selbst wischte Mares es beiseite. Er wollte schließlich Raneck retten und nichts mit einem Engel anfangen. Mal ganz abgesehen davon, dass es ohnehin verboten war. Soweit er wusste auch bei den Engeln.

Mares hatte in seinem Kleiderschrank kaum etwas was zu dem Engel passte. Zwar war Lironai nur wenige Zentimeter kleiner, doch wesentlich schmaler und feiner gebaut als Mares. Außerdem besaß Mares beinahe nur dunkle Kleidung und etwas in ihm weigerte sich einen Engel in schwarz zu kleiden. Besonders diesen Engel. er entschied sich schließlich für ein hautenges Muskelshirt und eine helle enge Stoffhose, in der Hoffnung diese Sachen wären Lironai nicht zu groß. Mares stand vor der Badezimmertür und kam sich schrecklich bescheuert vor. Er wollte nicht einfach hinein gehen, doch draußen stehen bleiben konnte er auch nicht. Gerade als er anklopfen wollte ging die Tür auf.

Lironai starrte überrascht auf den Dämon der direkt vor ihm stand. Er hatte ein großes Tuch um sich geschlungen und konnte sich kaum auf den Beinen halten. Seine schulterlangen hellblauen Haare hingen in feuchten Strähnen um sein Gesicht. Mit einer Hand versuchte er das Tuch festzuhalten mit der anderen hatte er die Tür geöffnet. Als er direkt vor Mares stand kam er irgendwie aus dem Tritt und stolperte in seine Arme. Innerlich aufschreiend versuchte Lironai sich wieder aufzurichten. Entdeckte aber, dass der Dämon als erste Reaktion seine Arme um ihn geschlungen hatte.

Mares war nicht weniger überrascht als Lironai. Er starrte den Engel an. Der sah wirklich niedlich aus, mit den vom heißen Bad geröteten Wangen, den verstrubelten blauen Haaren und dem verdutztem Gesichtsausdruck. Als Lironai gestolpert war, hatte er kurzerhand die Kleidung fallen lassen um ihn festzuhalten. /Doch noch nicht so kräftig wies aussieht./ Mares beachtete den seltsamen Gesichtsausdruck des Engels nicht. Er hob ihn einfach kurzerhand hoch. /Wenn er nicht laufen kann wird er getragen./ Er lächelte den Engel kurz an, der krampfhaft versuchte das Handtuch um sich zu halten. /Wirklich zu leicht/ entschied Mares. Er trug ihn ohne Schwierigkeiten ins Wohnzimmer und setzte ihn auf die Couch. Lironai wurde beinahe sofort von einer Gänsehaut überzogen. /Verdammt, ihm muss ja kalt sein./

Mares rannte beinahe ins Schlafzimmer um eine Decke zu holen. Er lächelte dem Engel sanft zu, der sich in das Handtuch gekuschelt hatte als wollte er sich darin verkriechen. Mares deckte ihn einfach zu. Ohne auf irgendwelche die Proteste zu achten, die der Engel bei der Bevormundung von sich gab. "Warte einen Moment." Mares lief in die Küche und machte sich daran das gesamte Frühstück ins Wohnzimmer zu verlegen. Lironai schien schon wieder halb eingeschlafen zu sein. Er erschrak sichtlich als Mares den Raum betrat. Als er das volle Frühstückstablett sah schien er glücklich überrascht zu sein.

Lironai betrachtete das Frühstück, das vor ihm auf dem Wohnzimmertischchen stand. Der Dämon hatte sich ihm gegenüber hin gesetzt und schien auf etwas zu warten. Vorsichtig griff Lironai nach einem Brot, er war bereit seine Hand jederzeit zurück zu ziehen, sollte der Dämon etwas tun. Doch Mares betrachtete ihn nur lächelnd. Den Blick nicht von dem Dämon wendend biss Lironai von dem Brot. Mares Lächeln wurde breiter. Lironai konnte spüren dass er sich wirklich freute. Er nahm noch einen Bissen. Es schmeckte anders als das Brot im Engelreich, wenn auch nicht sehr. Hungrig nahm sich Lironai mehr davon, er hatte immer noch Kraftreserven aufzufüllen. Aus den Augenwinkeln beobachtete er wie Mares begann zu essen. Lironai hatte beschlossen sich von diesem Dämon nicht mehr durch einander bringen zu lassen. Er harte einfach der Dinge die da kommen würden.

Das Frühstück verlief schweigend. Sowohl Engel als auch Dämon hingen ihren eigenen Gedanken nach, die sich größtenteils um die Person auf der anderen Seite des Tisches drehten. Lironai wurde als erster fertig. Er lehnte sich zurück und sah Mares erwartungsvoll an. Doch Mares beachtete ihn vorerst gar nicht. Er aß in Ruhe zu Ende, dann räumte er das Geschirr in die Küche und dort ein wenig auf. Der Engel verfolgte jede seiner Bewegungen durch die offene Tür. Doch es dauerte nicht lange und Mares hörte an den veränderten Atemgeräuschen wie Lironai einschlief. Still lächelte er vor sich hin. Er hatte gewusst dass der Engel sich nicht lange wach halten konnte.

Mares kehrte ins Wohnzimmer zurück. Er deckte den Schlafenden richtig zu, dabei strich er wie zufällig über seine Wange. Mares starrte seine Hand an, die sich schon wieder selbstständig gemacht hatte. /Mit ihm in einem Raum dreh ich noch durch./
Mares stand auf und setzte sich an seinen Computer der in der Ecke stand. Er hatte seine Arbeit den ganzen gestrigen Tag vernachlässigt. Eigentlich schon länger wenn er die Zeit in Gehennah mitrechnete. Er grinste als er sich ein paar Mails seiner Geschäftspartner durchlas. Für einen Dämon war es wirklich lächerlich einfach hier in dieser Welt an Geld zu kommen. Die meisten Dämonen blieben während ihres Aufenthalts in Assiah beim Stehlen. Doch Mares zog einen stylvolleren Weg vor. Er hatte gleich nach dem Ablegen seines Geburtsnamens, und dem damit verbundenen Bleiben in Assiah, wenige teure Schmuckstücke gestohlen.

Mit dem Kapital aus deren Verkauf hatte er sich als erstes eine kleine Wohnung gesucht und einen Computer mit Netzanschluss gekauft. Mares war mit dem gesamten verbleibenden Kapital ins Aktiengeschäft eingestiegen. Damals war dieser Markt noch nicht so bekannt gewesen. Umso leichter zu erobern. Besonders für einen Dämon mit der Fähigkeit Elektrizität zu orten und teilweise zu verändern. So hatte er ohne großen Aufwand genug Geld gemacht um seine Lebensweise zu finanzieren, gleichzeitig war er aber nicht reich genug geworden um aufzufallen.
Mit halbem Ohr lauschte Mares ständig auf den Engel, er wollte auf keinen Fall verpassen wenn dieser aufwachte.

Doch er brauchte sich keine Sorgen zu machen, Lironai schlief bis die Sonne am Untergehen war. Mares hatte es sich gerade wieder auf der Fensterbank bequem gemacht, um wie jeden Abend das Naturschauspiel zu beobachten. Er hatte an diesem Tag viele Geschäfte nachzuholen gehabt. Den ganzen Tag war Mares am Computer gesessen, doch wenigstens hatte er damit einiges an Geld wieder auf sein Konto gewirtschaftet. Jetzt saß er einfach nur da und genoss den Sonnenuntergang, der beinahe so schön war wie der schlafende Engel

Lironai erwachte von den seltsamen Gefühlen, die er plötzlich von dem Dämon empfing. Verwundert sah er sich in dem großen Zimmer um. Lironai entdeckte Mares auf dem Fensterbrett. Er schien wieder einmal gebannt zu sein von etwas was er außerhalb der Wohnung sah. Lironai beobachtete ihn einen Moment. Der Engel grinste, als er bemerkte dass selbst er ganz aus den Gedanken des Dämons verbannt war. /Was begeistert ihn nur so sehr?/ So leise wie möglich stand Lironai auf. Er schlich sich näher an den Dämon heran. Als er hinter ihm stand konnte Lironai durch das geöffnete Fenster erkennen was Mares so wundervoll fand.

Der Himmel schien zu brennen, wie ein riesiger Flammenball versank die Sonne am Horizont. /Wow/ So etwas hatte Lironai noch nie gesehen. Er war Zeit seines Lebens kaum in der Menschenwelt gewesen und im Himmel gab es keine Sonne. Auch wenn der Anblick herrlich war, Lironai konnte die Faszination des Dämons dennoch nicht verstehen. Er trat näher an ihn heran. Die kühle Luft die aus dem geöffneten Fenster ins Zimmer strömte ließ ihn frösteln. Dadurch bemerkte Lironai, dass er keine Kleidung mehr trug, doch Lironai kümmerte sich nicht sonderlich darum "Na, was ist denn so faszinierend?" flüsterte Lironai dem Dämon zu, um auf sich aufmerksam zu machen.

Mit einem Ruck drehte sich Mares um. Er starrte Lironai verwundert an. Der Engel hatte sich nichts angezogen. Seine blasse Haut wirkte strahlend im Licht der untergehenden Sonne. Seine blauen Haare sahen aus wie ein Heiligenschein. Vor Schreck über das Auftauchen des Engels und dessen Aufzug verlor Mares das Gleichgewicht. Er kippte nach hinten. Lironais Hand schoss nach vorne. Er hielt Mares am Arm fest. Mares keuchte erschrocken auf. Ihm wurde plötzlich klar, dass sein Gefangener ihn davon abhielt aus dem 3 Stock in die Tiefe zu stürzen. Seltsamerweise hatte er keine Angst davor, dass Lironai ihn loslassen könnte. Mares sah seinen Retter einen Moment verträumt an, bis dieser ihn wieder auf die Fensterbank, und damit in Sicherheit, zog.

Lironai keuchte schwer. Anscheinend war die Anstrengung schon wieder zu viel für seinen geschwächten Körper gewesen. Auf einmal fing er an zu zittern, er spürte die Kälte viel deutlicher als vorher. Die Brust des Engels wurde von einer Gänsehaut überzogen. Sofort spürte Lironai Sorge in Mares aufkeimen. Der Dämon sprang von der Fensterbank. Er ergriff den verdutzten Lironai und führte ihn zum Sofa zurück. Dort angekommen verpackte er ihn schweigend wieder in die Decke. Dann ließ er ihn sitzen und ging einfach hinaus.

Lironai starrte auf die Tür. /Warum habe ich das gemacht? Warum habe ich ihn gerettet? Der Sturz hätte ihn nicht umgebracht. Das ist sicher. Aber ich hätte vielleicht die Chance gehabt zu fliehen. Warum habe ich das getan? Und warum war er schon wieder besorgt um mich? Er ist ein Dämon. Er sollte sich einfach keine Sorgen um einen gefangenen Engel machen. Moment mal... ich bin ein Engel ich sollte nicht mal auf die Idee kommen einen Dämon zu retten. Dennoch habe ich es ohne Nachzudenken getan. Vielleicht geht es ihm genau so: Er denkt einfach nicht nach sondern handelt nur./

Mares Erscheinen unterbrach seine Gedanken. Lironai beobachtete den Dämon genau. Er lauschte auf jedes Gefühl, das von ihm ausging. Er wollte unbedingt wissen warum er sich so undämonisch verhielt. Äußerlich schien Mares ruhig zu sein. Sein Gesicht war starr wie eine Maske. Doch die Gefühle die Lironai empfing waren so durcheinander, dass egal wie sehr er sich konzentrierte sie nicht zuordnen konnte. Dankbarkeit, Schuld, Sorge, Glück, Trauer, Wut, Angst und immer noch dieses Gefühl das der Dämon versuchte zu unterdrücken. Lironai hatte so etwas noch nie gespürt. Wenn der Dämon dieses Gefühl nicht zu lassen würde, würde Lironai nie herausfinden um was es sich handelte, dass wusste er genau.

Mares ging direkt auf Lironai zu. Er hatte die Kleidung geholt die noch immer vor der Badezimmertür gelegen hatte. er gab sie dem Engel der sich in die Kissen kuschelte. Er sah schrecklich niedlich und irgendwie schutzbedürftig aus. "Du solltest dir etwas überziehen." sosehr er es versuchte, Mares schaffte es nicht einen sorgenvollen Ton aus seiner Stimme zu verbannen. Er hoffte inbrünstig darauf, dass der Engel seine Gefühle nicht heraushören konnte. Mares wusste das ein Engel es als schwach angesehen hätte. Und vor Lironai wollte er nicht schwach erscheinen.

Der Engel blickte ihn schweigend an. Schließlich griff er nach den Kleidern. Immer noch schweigend zog er sich an. Dabei beobachtete er Mares genau. Dieser wurde langsam unruhig. Auch wenn er sich äußerlich nichts anmerken ließ, das Schweigen irritierte ihn. "Danke dass du mir vorhin geholfen hast." Mares wollte sich am liebsten die Zunge abbeißen. Die Worte waren ihm so raus gerutscht. Obwohl er echte Dankbarkeit verspürte, wollte er vor Lironai nicht als Schwächling dastehen der Hilfe nötig hatte. Lironai sah ihn abschätzend an. Er schien zu überlegen was er von dem Dank halten sollte. "Es war nur ein Reflex." murmelte er schließlich. Diese Worte stimmten Mares traurig, auch wenn er nicht wusste warum. "Dann danke für den Reflex." meinte er leise und drehte sich um.

/Er hat sich bedankt? Er hat sich bei mir bedankt?? Bei einem Engel??? Dieser Kerl ist eine einzige Seltsamkeit!/ Lironai starrte dem Dämon hinterher, der sich abgewandt hatte um das Fenster zu schließen. Sein breiter Rücken hob sich gegen den noch hellen Himmel dunkel ab. Langsam wurde Lironai schon wieder müde. Das ständige Gedankenspüren erschöpfte ihn rasch. Doch er wollte unbedingt wissen was in dem undurchschaubaren Dämon vorging.
>"Lironai, du benimmst dich schon wieder unlogisch. Was habe ich dich gelehrt?"
"Logik ist für einen Engel das höchste, Vater. Alles was der Logik zuwider handelt ist verboten."
"Genau vergiss es nicht."<
Die Lektionen die man Lironai stundenlang eingetrichtert hatte erschienen in seinem Geist. Beinahe sofort ließ er seine emphatischen Fähigkeiten los. Es war unlogisch sich selbst wegen eines Dämons so fertig zu mache. Wenn es ihm wieder besser ging konnte er immer noch versuchen ihn zu verstehen.

Mares kam zu dem Engel zurück. /Er sieht schon wieder fertig aus. Hoffentlich wird er bald wieder gesund. Ich brauche seine Hilfe./ Mares setzte sich neben den Engel, der wenigstens nicht mehr versuchte sich so tief wie möglich in der Decke zu verkriechen. Mares Sachen schlotterten um seinen schmalen Körper. Sie waren mindestens 3 Nummern zu groß. Die violetten Augen sahen ihn misstrauisch an. Eine Weile saßen sie sich einfach schweigend gegenüber, hielten sich gegenseitig mit ihren Blicken fest. Es war zwar kein Machtkampf, doch keiner konnte sich von dem Blick des andren lösen.

Schließlich schaute Lironai weg. Er beobachtete den Dämon aus den Augenwinkeln. Obwohl seine Augen wieder die rote Farbe angenommen hatten, sahen sie seltsam lebendig aus. Lironai war nahe daran seine emphatischen Fähigkeiten wieder einzusetzen. Mares räusperte sich, ihm schien die Situation nicht zu gefallen. Lironai schaute zu ihm herüber, mit dem festen Vorsatz sich nicht wieder von dem Glitzern in seinen Augen einfangen zu lassen. "Ich denke wir sollten einige Dinge klarstellen." seine Stimme klang unsicher. Mares nickte nur stumm, er blickte ihn fragend an. Lironai stöhnte innerlich genervt auf. "Ich meine warum hältst du mich hier gefangen? Anscheinend willst du mich nicht foltern und töten." er grinste leicht. "Nicht das ich etwas gegen deine nette Gastfreundschaft einzuwenden hätte."

Auch Mares musste Lächeln. "Gastfreundschaft? Sicher mein Haus ist dein Haus." er schien kurz zu überlegen. "Allerdings müsst ich dann erst mal ein Haus kaufen, wenn du noch ne Woche oder so wartest..." Der Engel lachte auf. Das Lachen war ansteckend. Zwar war das Rumgeflaxe nicht wirklich witzig gewesen, aber ihr beider Lachen nahm etwas von der Spannung die in der Luft lag. Leider konnte man nicht ewig lachen, und die Frage stand noch immer unbeantwortet im Raum. Mares wünschte sich er müsste Lironai nichts davon erzählen dass er seinen Bruder retten wollte, wo doch Lironais Bruder ihn vor kurzem verraten hatte. Doch anscheinend hatte er keine andere Wahl. "Ich brauche die Hilfe eines hohen Engels. Eines Engels der Dimensionstore öffnen kann."

Lironais Blick wurde abweisen. "Du willst also in den Himmel. Woher willst du wissen, dass ich Dimensionstore öffnen kann. Und selbst wenn, warum sollte ich für dich eines öffnen? Außerdem würden die anderen Engel sofort spüren wenn sich ein Wesen der Dunkelheit in ihrem Reich befindet. Selbst wenn du nur eine halbe Stunde dort bist wird dir die ganze Arme auf den Fersen sein. Egal was du vorhast es ist beinahe unmöglich." /Außerdem würde ich mein Volk verraten. Obwohl... das kann mir eigentlich egal sein. Sie haben mich ja auch verraten./ Er blickte den Dämon fragend an. In dessen blutroten Augen lag noch mehr Entschlossenheit als zuvor. Vorsichtig fühlte Lironai nach seinen Gedanken, er hatte das Gefühl Mares verberge etwas vor ihm.

Mares fühlte sich wie zurück gestoßen. Doch für ihn gab es keine andere Wahl. Er musste den Engel überzeugen. "Du musst Dimensionstore öffnen können. Denn die Engel die dich gejagt haben werden es wohl kaum für dich getan haben. Es stimmt ich will in das Engelsreich. Ich muss dort hin. In die Verließe genauer gesagt. Jemand der mir viel bedeutet wurde vor ein paar Dekaden gefangen." Sein Blick wurde leer. Mares konnte beinahe wieder den Schmerz spüren, den er empfunden hatte als er einsehen musste das es keinen anderen Ort als das Engelsreich gab wo sein Bruder sein konnte. Die Wut seines Vaters darüber weil er seinen stärksten Sohn verlor für seinen Schwächsten.

Lironai spürte den Schmerz und die hilflose Wut in dem Dämon. Er zuckt unter den starken Gefühlen zusammen. Aber noch etwas andres war in Mares zu spüren: Hoffnung; verzweifelte Hoffnung, für die es keinen Grund gab, aber an die er sich aber klammerte. /Seit Dekaden?/ Lironai wollte es nicht doch er bewunderte Mares dafür, dass er nicht aufgegeben hatte. /Seit Dekaden mit diesem Schmerz allein. Allein??/ Die Erkenntnis traf ihn plötzlich. Auch er war jetzt allein. Sein Vater war tot. Sein Bruder hatte ihn verraten und sein Volk hatte Eonai als Nachfolger akzeptiert, wahrscheinlich sogar begrüßt. Es würde nichts ausmachen wenn er sein Leben einem Dämon anvertraute, denn es war im Moment nichts mehr Wert. /Lieber die verzweifelte Hoffnung für einen Dämon sein, als gar Nichts./ "In Ordnung, ich öffne dir ein Himmelstor. Unter einer Bedingung: Ich werde mit dort hinkommen. Ich traue dir nicht."

Mares hatte nicht mit einer Zusage gerechnet. Er war froh, auch wenn der Engel ihm nicht traute. /Schließlich hat er ja auch keinen Grund dazu./ "Danke Lironai. Wie lange wird es noch dauern bis du wieder so weit bist deine magischen Kräfte voll zu nutzen? Nachdem du dich so übertrieben schnell geheilt hast, dürften sie ziemlich ausgetrocknet sein."

Lironai wurde rot. Ihm war in zwischen klar, dass wenn er gewartet und sich Zeit gelassen hätte, seine körperliche und magische Verfassung jetzt um einiges besser wäre. "Es wird noch etwa 3 Tage dauern bis ich körperlich wieder fit bin. Dann etwa noch 5 Tage bis ich meine vollen magischen Kräfte erreicht habe." /Gott wird das langweilig. Die ganze Zeit in der kleinen Wohnung. Vor allem in der Gesellschaft./Ihn schauderte. Auch Mares sah nicht sehr glücklich drein. Das Gedankenfühlen hatte Lironai wieder aufgegeben. Es ermüdete ihn zu sehr.

Mares sah den Engel abschätzend an. Wenn Lironai wirklich in 8 Tagen wieder gesund wäre, wäre er ein sehr schneller Selbstheiler. Doch der Engel schien sich sicher zu sein, also beließ er es dabei. Er nickte dem Engel zu und verließ das Zimmer um etwas zu essen zu machen. Sein Blick fiel auf die verbleibenden Vorräte. Er würde bald neue brauchen, doch Mares wollte den Engel nicht alleine lassen und ihn mitnehmen verbot schon sein jetziger Zustand. /Kommt Zeit, kommt Rat/ Er kam zurück ins Wohnzimmer, gerade als Lironai sich seine CD-Sammlung besah. Mares stellte das Tablett auf den Tisch und trat hinter den Engel.

"Das sind CDs. Darauf speichern die Menschen Musik. Such dir eine aus die können wir uns dann anhören." Lironai hatte sich umgedreht und sah Mares groß an. "Musik? Davon habe ich schon gehört. Im Engelsreich gibt es so etwas nicht, es wäre unlogisch." er griff wahllos nach einer CD und hielt sie Mares hin. Der lächelte. Während er die CD in die Stereoanlage legte begann er zu erzählen. "In Gehennah gibt es auch keine Musik. Sie drückt zu viele Gefühle aus." er warf einen Blick auf die CD die Lironai ausgewählt hatte. "Obwohl diese hier eher witzig als gefühlvoll ist. Ist im Engelsreich Logik das höchste?"

Lironai beobachtete ihn genau. Einen Moment wusste er nicht ob er dem Dämon davon erzählen sollte. Doch eigentlich war es ja egal wie viel Mares über den Himmel erfahren würde. "Logik nehmen Engel sehr wichtig, gleich darauf folgt Schönheit und dann erst die Stärke. Die meisten Engel sind der Meinung in einem schönen Körper wohne auch ein schöner Geist." Er musste an seinen Bruder denken der so viel schöner war als er und dennoch seinen Vater getötet hatte und ihn jagen ließ. Das Volk würde ihn trotzdem lieben, denn er war wunderschön außerdem tödlich logisch. Lironai verzog sein Gesicht.

Die ersten Klänge zogen leise durch den Raum. Lironai mochte die Musik auf Anhieb. Er schloss die Augen und versuchte hinter den Sinn der Worte zu kommen, die gesungen wurden. Er glaubte nicht das die Sänger alles ernst meinten was sie da sangen. Als Lironai nach dem Ende des Liedes die Augen öffnete, blickte er genau in zwei dunkelrote Seen. Mares schien ihn die ganze Zeit beobachtet zu haben. /Er sieht so ernst aus./ "Woher kommt diese Musik? Ich habe gehört Menschen machen sie zum Zeitvertreib." Er versuchte seine innere Unruhe zu überspielen.

Mares lächelte, das Gesicht des Engels der der Musik lauschte hatte wunderschön ausgesehen. So ruhig und entspannt, trotzdem gleichzeitig aufmerksam lauschend. Als er dann die violetten Augen geöffnet hatte, hatte Mares keine Angst darin gesehen. /Wenn Schönheit ein Statussymbol für Engel ist, bist du wahrscheinlich der mächtigste unter ihnen./ Ein bisschen zu spät registrierte er die Frage die der Engel ihm gestellt hatte. "Ja Menschen machen diese Musik. Diese hier ist von einer Gruppe die sich 'Die Ärzte' nennt."

Lironai lächelte. "Sie gefallen mir, auch wenn ich nicht alles verstehe von dem sie singen. Die Ärzte? Heilen sie auch?" Er grinste und Mares lächelte zurück. "Weiß nicht, hab mir noch nie Gedanken darüber gemacht." Er lachte leise auf. "Vielleicht heilen sie die Seele." meinte er dann nachdenklich. Mares zuckte mit den Schultern, er wollte jetzt nicht darüber nachdenken. Der Dämon deutete auf den gedeckten Tisch. "Wollen wir?" er sah den Engel fragend an.

Lironai blickte noch einen Moment nachdenklich vor sich hin. Mares Worte gingen ihm nicht aus dem Kopf. Konnte man eine Seele heilen. Verletzen konnte man sie auf jeden Fall. Doch wie sollte sie wieder heilen? Selbst der beste Heiler konnte das nicht, dessen war er sich sicher. Erst als Mares ihn sanft an der Schulter schüttelte schrak Lironai aus seinen Gedanken hoch. Er lächelte in das besorgte Gesicht des Dämons. "Was hast du gesagt? Ich war einen Moment abwesend."

Mares grinste, als er sah, dass es dem Engel nicht schlechter ging. "Das habe ich bemerkt." meinte er trocken. "Essen ist fertig." Mit viel Schwung führte er Lironai zu Wohnzimmertisch. Der Engel sah einen Moment verdattert auf die vielen Nahrungsmittel. "Du willst mich wohl mästen?" Mares grinste und zwickte Lironai in die Seite. "Klar was sonst?" meinte er leichthin. Lironai setzte sich leicht grummelnd. Er schaute sich interessiert auf dem Tisch um, bei einer Schüssel rohen Fleisches stutzte er. Ihm war eingefallen das er Mares bisher kein Fleisch essen sehen hatte. "Kannst du ohne Blut überleben?" fragte er leichthin.
Mares hatte sich dem Engel gegenüber gesetzt. Er schaute nachdenklich drein. Auch er war sich nicht sicher wie viel er Lironai anvertrauen durfte.

"Ich kann lange ohne Fleisch auskommen auch wenn es mich schwächt. Meine Mutter war ein Mensch, meine Essgewohnheiten sind ein Teil ihres Erbes der mir gefällt." /Im Gegensatz dazu, dass ich kaum Magie nutzen kann und meine Gefühle nicht sehr gut im Zaum halten kann/ Aber das würde er Lironai wohl kaum auf die Nase binden. "Und wie sieht's bei dir aus?"

Lironai grinste. "Ich kann jahrelang ohne Fleisch überleben" Mares verzog das Gesicht, er hatte etwas ganz anderes gemeint. "Nein, lass nur ich weiß was du willst", unterbrach ihn Lironai bevor Mares auch nur ansetzten konnte etwas zu sagen. "Ich vertrage kein Fleisch. Ich bin ein reiner Engel, auch wenn ich nicht weiß wer meine Mutter war." Mares nickte, er hatte nichts anderes erwartet. Persönliche Bindungen waren auch im Engelsreich nicht erlaubt. Dennoch erkannten die Engel den Bedarf an Nachkommen, vor allem bei ihrem Gabrilai. Anders als bei Dämonen, die einfach gerne Sex hatten.

Während des Essens erzählten beide ein wenig von ihrem Leben. In der Zwischenzeit war es beiden egal wie viel der andere über ihr Leben wusste. Es schien einfach nicht mehr wichtig zu sein, dass sie verschiedenen Rassen angehörten. Danach saßen sie einfach neben einander und lauschten der Musik. "Es ist schade dass es so etwas nicht im Himmel gibt." meinte Lironai leise. Mares konnte dem nur zustimmen. Engel und Dämon saßen im Dunkeln, das für ihre Augen nicht dunkel war, bis Lironai eingeschlafen war. Schweigend hob Mares Lironai auf und brachte ihn ins Schlafzimmer. Er deckte in gut zu und betrachtete das entspannte Gesicht des Engels einen langen Moment. Dann ging auch er schlafen, einfach weil er sonst nichts Besseres zu tun hatte.

Zwei Gestalten erschienen vor dem Schlafzimmerfenster. Sie standen zu dicht beieinander als das es Zufall sein konnte. "Meinst du sie schaffen es." fragte die eine. Die andere Gestalt betrachtete die Schlafenden lange. "Sie werden Hilfe brauchen." meinte sie. "Wir hatten auch keine." sagte die andere Gestalt. Die Gestalt drehte sich vom Anblick der Schlafenden fort. Sie gab der Gestalt neben sich einen langen Kuss. "Ich weiß." flüsterte sie "Aber wir hatten auch Jahrhunderte Zeit." Die erste Gestalt griff nach ihrer Hand und gab ihr einen sanften Kuss auf den Handrücken. "Es hat sich gelohnt." meinte sie leise. Die andere Gestalt lacht auf. Sie umarmten sich und verschwanden bevor einer der Schlafenden sie bemerkt hätte.


- 4 -

Die nächsten Tage verliefen ähnlich. Lironai schlief den größten Teil der Zeit. Wenn er mal nicht schlief redeten er und Mares manchmal stundenlang mit einander. Auch die restlichen CDs von Mares führte er dem Engel vor. Dieser war sichtlich von der Musik begeistert. Manchmal sang er sogar einfach mit. Mares gefiel dass, Lironai hatte die schönste Stimme die er jemals gehört hatte. Sie verstanden sich prächtig. Doch langsam wurde Mares unruhig. Er vermisste es Draußen zu sein. Sonst war er fast nie zu Hause, jetzt fühlte er sich wie ein Gefangener. Auch wurden die Vorräte immer weniger. Was ihn allerdings am meisten irritierte war dass er Jana seit 4 Tagen nicht gesehen hatte. Sonst war sie fast jeden Nachmittag hier, jetzt kam sie einfach nicht. Er hätte sie zwar im Moment auch nicht gebrauchen können. Aber er machte sich langsam Sorgen.

Lironai beobachtete Mares schon seit einer Weile. Er schien nicht bemerkt zu haben, dass sein Engel aufgewacht war. Sonst wäre er mit Sicherheit sofort hergekommen um ihn zu fragen ob er etwas wolle, wie die letzten 3 Tage. Jetzt allerdings ging er unruhig im Zimmer auf und ab. In der Zwischenzeit konnte Lironai seine emphatischen Fähigkeiten schon wieder recht gut nutzen. Vor allem weil Mares geistige Schilde praktisch nicht vorhanden waren, hatte Lironai es sehr einfach. Er spürte die innere Unruhe und leichte Sorge noch mehr als er sie sehen konnte, außerdem immer noch dieses verdammte Gefühl das er nicht zuordnen konnte. Lironai hatte es mittlerweile akzeptiert, es gehörte einfach zu Mares dazu.

Leise stand Lironai auf, er hoffte das Mares ihn nicht bemerken würde. Zwar hätte er keinen Trainingskampf durchstehen können, aber Lironai fühlte sich fast wieder gesund. Er trat hinter Mares der gerade Gedankenverloren aus dem Fenster starrte und den Engel gar nicht wahrnahm. Sanft legte Lironai eine Hand auf Mares Schulter. "Was ist los Mares? Du bist so unruhig wie ein Engelchen vor seiner ersten Prüfung."

Mares zuckte bei der feinen Berührung leicht zusammen. Dennoch drehte er sich nicht um. Die warme Hand auf seiner Schulter gab ihm seine Ruhe zurück und er fühlte sich gleich besser. "Lironai? Ich habe dich gar nicht gehört. Entschuldige. Ich bin es nur nicht gewohnt so lange in dieser Wohnung zu sein. Es erinnert mich zu sehr an Gehennah. Ich mag es nicht, lange in geschlossenen Räumen zu sein." Schließlich drehte sich Mares doch noch um, allerdings so dass Lironais Hand auf seiner Schulter liegen blieb. Er lächelte den Engel beinahe traurig an. "Ich vermisse die frische Luft, die Sonne und die Sterne. Außerdem dauert es nicht mehr lange und wir haben nichts mehr zu essen."

Langsam zog Lironai die Hand zu rück. Es machte ihn traurig Mares so reden zu hören. traurig weil Mares ihm nicht vertraute und traurig weil er wegen ihm unglücklich war. Er trat ans Fenster und blickte auch hinaus. Der Himmel war mal wieder wolkenlos. Er spürte Mares Gestalt neben sich. Beide standen eine Weile einfach neben einander und sahen nach draußen. Schließlich begann Lironai leise zu reden. "Wenn... wenn du mich einfach einschließt? Dann könntest du doch in Ruhe nach Draußen gehen. Zum Fliegen bin ich im Moment ja zu schwach." er konnte es nicht verhindern, dass seine Stimme traurig und enttäuscht klang.

Mares warf einen überraschten Blick auf den Engel. Er griff nach seinem Gesicht und drehte ihn sanft um bis die violetten Augen ihn fragend anblickten. "Was würde es denn nützen dich einzuschließen? Sie würden einfach das Fenster zertrümmern." klares Unverständnis klang in seiner Stimme. Die Jäger die auf den Fersen des Engels waren würden sich mit Sicherheit nicht von einer Glasscheibe abhalten lassen. Mares war sich sicher dass sie noch nicht aufgegeben hatten. Schließlich war Lironai ein Risikofaktor in der Rechnung seines Bruders.

Lironai sah ihn ebenso verständnislos an. Die Hand die der Dämon nicht von seiner Wange genommen hatte unterstützte ihn nicht gerade beim Nachdenken. Beinahe hätte er sich an sie geschmiegt. Er konnte spüren dass sich Mares Sorgen um ihn machte. Nicht Sorgen darum dass er abhauen könnte, sondern Sorgen um ihn, um seine Sicherheit. Langsam dämmerte es Lironai was Mares mit den Worten meinte. "Du meinst sie könnten wiederkommen?" /Du hast keine Angst dass ich weglaufen könnte? Warum? Wieso vertraust du mir?/

Mares nickte und nahm seine Hand von Lironais Wange. Einen Moment lang fühlte sich die Stelle wo Mares ihn berührt hatte seltsam kalt und leer an. Lironai schüttelte das irritierende Gefühl ab. Es reichte wenn er Mares nicht verstand, da sollte er sich wenigstens seiner eigenen Gefühle sicher sein. Lironai senkte den Blick und schaute zu Boden. Er atmete tief durch. "Eigentlich bin ich soweit wieder gesund, dass ich mit hinaus gehen könnte." Er spürte Freude und Sorge bei Mares, allerdings deutlich mehr Freude.

/Ich könnte ihm die Stadt zeigen. Das Museum; den Stadtpark; den Zoo; die Bücherei; den Nachthimmel; die Sternwarte..../ Tausend Dinge schossen Mares durch den Kopf bevor er sich zusammen reißen konnte. Er wusste das der Himmel ähnlich wie Gehennah ohne Sonne Mond oder Sterne war, es gab keine Jahreszeiten keinen Regen oder Schnee, keine Sonnenuntergänge, meistens konnte man dort Draußen nicht von Drinnen unterscheiden. Deswegen fühlte er sich in einem Raum auch so schnell wie in Gehennah. Dennoch überwog die Sorge nach einer Weile. "Bist du dir sicher dass du mit hinausgehen kannst?" Lironai nickte nur stumm. Mares traute ihm zu seinen Zustand selbst richtig einschätzen zu können.

Er musterte den Engel mit hochgezogener Augenbraue. Die blasse Haut, die anscheinend nicht von der Schwäche herrührte, die hellblauen halblangen Haare, die so wundervoll sein Gesicht umrahmten und einfach herrlich zu den violetten Augen passten zuletzt die Kleidung die er im Moment trug. Diese war zu dunkel für die helle Gestalt, aber vor allem war sie zu groß. Man konnte fast meinen Lironai wäre am Schrank seines Vaters gewesen. Er wirkte in ihnen klein, krank und schwach. Mares runzelte die Stirn, sie würden auffallen so viel war sicher.

Lironai ließ die Musterung ohne ein Wort über sich ergehen. Unwillkürlich fragte er sich ob es Mares gefiel was er da sah. Er begann ihn selbst zu mustern. Seine Haare waren wie immer rot, allerdings nur auf Schulterlänge, obwohl Lironai fand, dass sie ihm bis zur Hüfte reichend sehr gut standen. So umrahmten sie sein breites maskulines Gesicht. Die roten Augen blickten ihn fragend an, sie schienen irgendwie unfokussiert, als wäre er ganz in die Betrachtung Lironais versunken. Mares Kleidung war dunkel, es hätte auch gar nichts anderes zu ihm gepasst fand der Engel. Sie lag eng an und die Muskeln darunter waren deutlich zu sehen. Die ganze Gestalt wirkte groß und stark. Lironai konnte sich gut vorstellen wie klein und schwach er daneben aussah.

Mares schloss die Betrachtung bei den nackten Füssen des Engels ab. "Du kannst dich nicht in einen Menschen verwandeln, oder?" es war eine eindeutig rhetorische Frage, Lironai war reinrassig und damit hatte sich die Sache eigentlich schon geklärt. Mares konnte eigentlich schon froh sein, dass Lironai seine Flügel verschwinden lassen konnte. Wie erwartet schüttelte Lironai den Kopf "Wäre ja auch zu schön gewesen." murmelte Mares. "Deine Haare können noch durchgehen. Aber wunder dich nicht über blöde Blicke die die Leute dir zu werfen. Bloß deine Augen und die Klamotten, da müssen wir etwas unternehmen. Schuhe brauchst du auch noch."

Lironai hatte der Aufzählung schweigend zu gehört. Das Leben auf Assiah schien komplizierter zu sein als er bisher angenommen hatte. Entsetzt riss Lironai die Augen auf. Neue Kleidung, dass konnte er verstehen doch Schuhe, er hatte in seinem gesamten Leben noch nie Schuhe getragen. "Warum denn Schuhe?" Lironai klang eindeutig genervt, beinahe schon entsetzt. Mares grinste, er schien den Engel sehr amüsant zu finden. "Was spricht denn dagegen? Warte einen Moment." Er ließ den verdutzten Engel einfach vor dem Fenster stehen. Dieser hatte jedoch nicht vor ihn allein gehen zu lassen. Er lief Mares schnell hinterher.

Er fand ihn im Schlafzimmer vor dem großen Kleiderschrank. Mares hatte seinen halben Oberkörper in diesem Schrank. Er schien angestrengt nach etwas zu suchen. Lironai schaute ihm eine Weile interessiert zu. der Dämon schien ganz darin versunken zu sein. Plötzlich spürte Lironai eine Welle von Freude. Er grinste, anscheinend hatte Mares gefunden wonach auch immer er gesucht hatte. Lächelnd hielt der Dämon Lironai einen schwarzen seltsamen Gegenstand hin. Er schaute ziemlich irritiert.

Grinsend betrachtete Mares den Engel, der anscheinend nichts mit einer Sonnenbrille anfangen konnte. Kurzerhand klappte er sie auseinander und setzte sie vorsichtig Lironai auf. Der schaute noch verwunderte, hob die Hand vor die Augen um zu sehen ob wirklich alles dunkler geworden war. "So jetzt machen deine Augen keine Probleme mehr." meinte Mares stolz. Er drehte sich wieder zum Schrank um. Nach einigem Suchen hatte er auch ein paar Sandalen gefunden, die ihm viel zu klein waren. Sie würden zwar immer noch zwei Nummern zu groß sein, aber für den Anfang gingen sie gerade so. /Ein Glück haben wir Hochsommer./ Mit einem Lächeln reichte er die Sandalen Lironai.

Der betrachtete die Schuhe unglücklich. Mares Begeisterung ihn neu einzukleiden machte ihm langsam Sorgen. Der Dämon hatte sich schon wieder zu dem unerschöpflichen Kleiderschrank umgedreht. Dies mal brauchte er länger. Einige Kleidungsstücke warf er einfach hinter sich. Was auch immer er suchte, es musste tiefer liegen. Schließlich präsentierte ihm Mares freudestrahlend weitere Klammoten, die diesmal allerdings wesentlich enger waren. Sie sahen fast so aus als ob sie ihm passen könnten. Lironai schwieg. Er spürte die Freude des Dämons und wollte ihn nicht enttäuschen.

Doch Mares sah deutlich den Unwillen in Lironais Gesicht. er deutete ihn allerdings falsch. "Keine Sorge wir gehen gleich als erstes Einkaufen, dann musst du die Sachen nicht all zu lange tragen. Probier´s doch mal an." Der Engel betrachtete die Sachen kritisch. die Aussicht den Nachmittag von Mares durch ein Einkaufszentrum geschleppt zu werden gefiel ihm gar nicht. Ein Blick in die roten Augen seines Gegenübers machte Lironai allerdings deutlich dass er keine Wahl hatte. Seufzend zog er sich die Sachen an. Lironai ließ noch eine kritische Musterung von Mares über sich ergehen. Anscheinend fiel sie dieses Mal besser aus. Er nickte glücklich und ergriff Lironais Hand.

Mares zog den Engel vor den Flurspiegel, damit Lironai sich selbst davon überzeugen konnte, dass dieser Aufzug wesentlich besser war. Die violetten Augen waren hinter der Sonnenbrille verschwunden. Die Kleidung war ihm zwar immer noch zu groß aber er würde nicht sonderlich auffallen damit. Auch die Sandalen passten nicht ganz, doch wer achtete schon so genau auf Schuhe? Das einzige Problem konnten die hellblauen Haare geben und die Ausstrahlung die Lironai ganz automatisch hatte. Mares schob es darauf dass er ein Engel war, er hoffte Menschen wären nicht so sensibel dafür.

Mares nickte zu sich selbst, in dieser Welt war es am wichtigsten nicht aufzufallen wenn man seine Ruhe haben wollte. Er nahm seine Schwertscheide und befestigte sie auf seinem Rücken. Der Engel sah ihn groß an. "He, wie soll ich dich denn ohne Schwert beschützen?" Lironai verzog das Gesicht "Ach ja? Das wird auch gar nicht auffallen." meinte er sarkastisch. Mares lächelte nur freundlich. Er nahm seinen weiten Mantel und zog ihn über das Schwert. "Zufrieden?" Lironai nickte nur. "Sollten sie mich wirklich angreifen werden die Leute schnell bemerken dass mit uns etwas nicht stimmt." Mares warf noch einen Blick in den Spiegel. Seine Haare waren wieder schwarz, seine Augen grün, der weite Mantel verbarg das Schwert alles in allem sah er wieder wie ein Mensch aus.

Mares besaß kein Auto. Er hatte sich nie wirklich an diese Dinger gewöhnen können. Für längere Strecken hatte er seine Flügel oder er ging durch ein Dimensionstor und durch das nächste wieder hinaus. Für kürzere konnte er genauso gut den Nahverkehr nutzen. So saßen die beiden nebeneinander in der S-Bahn und wurden von beinahe allen Leuten aus den Augenwinkeln beobachtet. Lironai sah sich alles ganz genau an, er wollte sich nichts entgehen lassen. Schließlich würde er wahrscheinlich in der Menschenwelt leben müssen. Wie Mares angekündigt hatte schleppte er Lironai tatsächlich von einem Bekleidungsgeschäft zum nächsten.

"Sag mal Mares, für wie lange willst du mich eigentlich einkleiden?" fragte Lironai belustigt und deutete auf die riesigen Taschen die Mares in der Zwischenzeit schleppte. Mares schaute überrascht auf. Lironai bemerkte seine leichten Schulgefühle, als er ihn anblickte. Wahrscheinlich sah er mal wieder aus wie eine wandelnde Leiche. "Tut mir leid" meinte Mares betreten "Einkaufen ist meine Leidenschaft" Lironai grinste. /Ein Dämon mit der Leidenschaft Einkaufen. Er ist niedlich./ "Schon gut können wir vielleicht nach Hause gehen. Langsam werde ich schon wieder müde."

Mares sah regelrecht erschrocken aus. Er blickte auf die nächste Uhr. "Scheiße! Wir sind ja schon seit Stunden unterwegs." Er sah Lironai genauer an. Der Engel wirkte nicht sonderlich fit. Mares zuckte mit den Schultern, jetzt war es zu spät um sich Vorwürfe zu machen. Er musste Lironai nur so schnell wie möglich heimbringen. Mares war froh, dass seine Wohnung in der Nähe der S-Bahn Haltestelle lag. Das letzte Stück des Weges hing Lironai mehr oder weniger in seinen Armen. Vor dem Haus blieb Mares kurz stehen und sah nach oben. Seine Wohnung nahm beinahe den ganzen dritten Stock ein, bis auf den Platz für das Treppenhaus. /Kein Aufzug. Mist/ Mares stellte die Taschen ab und nahm den nur schwach protestierenden Lironai auf den Arm. Oben angekommen legte er den schon wieder eingeschlafenen Engel erstmal aufs Sofa, dann holte er die Einkäufe.

Mares betrachtete den schlafenden Engel. Eine Beschäftigung der er in letzter Zeit häufiger frönte. Lironai hatte sich mal wieder zusammen gerollt. Er schien vollkommen erschöpft zu sein. Mares bewunderte den Engel dafür, dass er es schaffte lange durchzuhalten und dann nicht einfach immer müder zu werden sondern zusammenzuklappen. Es schien eine Eigenschaft zu sein die Lironai perfekt beherrschte. /Außerdem überall schlafen zu können./ Mares grinste, er ließ den schlafenden Engel, Engel sein und begann die Einkäufe zu verstauen.

Ohne es wirklich zu bemerken räumte er alles ordentlich in seinen Kleiderschrank. Es war wirklich ein bisschen viel gewesen, gab er sich selbst gegenüber zu. Aber wenigstens hatten sie alles bekommen. Sogar ein weißes Seidenhemd mit Einschnitten für Lironais Flügel am Rücken. Auch wenn die Verkäuferin sie ziemlich seltsam angesehen hatte. Doch für genügend Geld bekam man in dieser Stadt alles.

Lironai schien die Stadt auch sehr gefallen zu haben. Das Bild wie der Engel sich in der Sonne streckte würde Mares wohl nie wieder aus seinem Geist bekommen. Mares beschloss Lironai die ganze Stadt zu zeigen, oder wenigstens die schönen Orte. Sie hatten ja ohne hin 5 Tage Zeit, bevor Lironai seine vollen Kräfte wieder hatte. /Dann werde ich Raneck wieder sehen./ Die Erinnerrungen holten ihn ohne Vorwarnung wieder ein.

>Eine dunkle Gasse. In irgendeiner Stadt, in irgendeinem Hinterhof. Raneck hatte ein Dimensionstor geöffnet. Es klebte leuchtend an der Mauer, wie ein heller Fleck in der Dunkelheit. Rotes Licht fiel hindurch und beleuchtete die Szene. Raneck musterte seinen kleinen Bruder ernst. "Du willst wirklich hier bleiben?" Mareck nickte ernst. So sehr er seinen Bruder liebte so sehr hasste er die Hölle. Raneck nickte traurig. "Es ist wohl so das Beste. Wir werden uns schon wieder sehen." Plötzlich wirbelte er herum und starrte in die Dunkelheit. Nur wenige Augenblicke später spürte Mareck es auch. Ein Engel war in der Nähe. Ein starker Engel. Raneck sah sich gehetzt um. "Mareck flieh!" Mareck schüttelte nur den Kopf und zog sein Schwert. Er stellte sich neben seinen Bruder, bereit ihn zu verteidigen. Raneck warf ihm nur einen kurzen Blick zu. Er hatte sein Schwert nicht gezogen.
"Mareck gib auf. Hier hat es keinen Sinn zu kämpfen." Mareck warf seinem Bruder einen verwunderten Blick zu, Raneck kämpfte sonst sogar wenn die Chance eins zu einer Million stand. Jetzt wollte er aufgeben obwohl sie den Gegner noch nicht einmal gesehen hatten? Mareck spürte den Engel näher kommen. Es war wie ein Kreischen in seinem Kopf. Eine weiße Lichtgestalt schoss um die Ecke. Sie blieb am Ende der Gasse stehen und kam langsam näher. Die Flügel waren ausgebreitet von einer Häuserseite bis zur anderen. In der Dunkelheit wirkten sie beinahe grau. Ihre Kleidung wies sie als Cherub aus. Auch die Gestalt hatte keine Waffen gezogen. Sie schien sich über irgendetwas zu wundern.
Raneck drehte sich zu seinem Bruder um. "Hau ab Mareck. Du kannst mir hier nicht helfen." Mareck schüttelte nur stumm den Kopf. Raneck warf einen Blick auf die Engelsgestalt. Er gab ein unwilliges Knurren von sich. Raneck ergriff seinen widerspenstigen Bruder am Kragen und warf ihn mit Schwung durch das Dimensionstor. Alles ging zu schnell als das Mareck reagieren konnte. Er knallte in Gehennah an die gegenüberliegende Wand, Sterne tanzten vor seinen Augen. Als Mareck sich wieder aufgerappelt hatte, war das Dimensionstor geschlossen. Nur eine kalte glatte Wand war zu sehen. Mareck verfluchte seine geringen magischen Fähigkeiten und rannte los.

Er sprang durch das nächste Dimensionstor dass er erreichen konnte. Mareck landete wieder in Assiah, keine 50 Kilometer von der Stelle entfernt wo er es so unsanft verlassen hatte. Mareck breitete seine Schwingen aus und stieß sich vom Boden ab. Er flog so schnell dass seine Schwingen schmerzten und fast zu brechen drohten. Keine 30 Minuten später erreichte er die Gasse die er, wie ihm es schien, vor einer Ewigkeit verlassen hatte.

Nichts war zu sehen. Kein Engel, kein Raneck nicht ein mal Spuren eines Kampfes, kein Blut, keine Federn einfach nichts. Mareck schickte seinen Geist aus, er suchte. Er suchte im Umkreis von 200 Kilometern nach irgendwelchen Schwingungen die auf Engel oder Dämonen hingedeutet hätten. Doch er fand nichts. Sein Bruder war verschwunden und es war seine Schuld. Ein lang gezogenes Heulen entrang sich seiner Kehle. <

Kurze Zeit später hatte er seinen Namen abgelegt. Lange Zeit war Mares durch ganz Assiah gereist, um Engel zu suchen die ihm helfen könnten. Doch Engel kamen nicht oft nach Assiah. Nach einer Dekade hatte Mares seine Suche aufgegeben. Er ging immer noch fast jede Nacht auf die Jagd doch innerlich hatte er jede Hoffnung begraben.

Lironai wurde von einer Welle des Schmerzes und Schuldgefühlen geweckt. Er brauchte einen Moment um zu erkennen dass er sie von Mares empfing. Sofort sprang der Engel auf und folgte den Gefühlswellen. Er fand Mares im Schlafzimmer, er saß auf dem Boden und wirkte wie ein Häufchen Elend. Lironai war mit einem Sprung bei ihm. "Mares! Mares! Was ist denn los?" Der Dämon zitterte, er schien Lironai gar nicht zu registrieren. Er hatte die Hände um die Knie geschlungen und presste sie fest an sich. Auch die Augen waren zusammen gekniffen.

Lironai wusste nicht was er tun sollte, der Dämon hörte ihn nicht mal. /Ich muss ihm helfen!/ Vorsichtig streckte er die Hand aus und legte sie auf Mares Schulter. Er schüttelte ihn leicht. Zuerst reagierte Mares gar nicht, dann warf er sich plötzlich an Lironais Brust. Die einzige Reaktion die Lironai darauf einfiel war den Dämon zu umarmen. So umschlungen saßen sie eine Weile da. Lironai spürte wie die Schuldgefühle langsam abklangen. Sie wurden nicht weniger, Mares versteckte sie nur tief in sich. Ihn schauderte, irgendetwas machte dem Dämon gehörig zu schaffen.

Langsam kämpfte Mares sich aus seinen Erinnerungen. Die warmen Arme die ihn umfingen beruhigten ihn. Er kuschelte sich etwas tiefer an die andere Gestalt. /Warme Arme? Wer/ Mares sah überrascht auf. Er blickte in vertraut violette Augen. Der Engel lächelte sanft. /Er hat mich getröstet. Er ist nicht abgehauen./ Die Erkenntnis traf Mares überraschend. Er drückte den Engel Dankbar an sich, atmete tief den feinen Duft seiner Haare ein.

Lironai spürte die Dankbarkeit wie einen wohligen Schauer. Er ächzte unter der festen Umarmung des Dämons auf. Sofort wurde die Umarmung sanfter ohne ihn jedoch los zu lassen. Sanft strich Lironai über Mares Rücken, Lironai hätte ewig so sitzen bleiben können. Doch auf einmal sprang Mares auf und zog Lironai mit sich. Er schien wieder ein fröhliches Energiebündel zu sein wie am Nachmittag. /Wie hat er das geschafft?/

"Was hältst du davon wenn ich uns etwas zu Essen mache und dann zeig ich dir die Stadt?" Lironai warf einen Blick nach draußen und lachte laut auf. "Ähh Mares? Falls du es noch nicht bemerkt haben solltest. Es ist Dunkel!!!" Mares warf einen kurzen Blick aus dem Fenster dann sah er wieder den Engel an. "Ups." Lironai kicherte los. Der Dämon hatte auch einen zu dämlichen Gesichtsausdruck wenn man ihn durcheinander brachte.
Grummelnd zog Mares Lironai in die Küche. "So. Als Rache bring ich dir jetzt Kochen bei." drohte er. Und er machte die Drohung wahr.

Eine Stunde später waren auch die restlichen Lebensmittel im Haus verbraucht. Die Küche sah aus wie ein riesiges Schlachtfeld. Mares und Lironai waren von oben bis unten mit Tomatensoße voll gespritzt. Aber dafür gab es ein leckeres Abendessen. Mares lobte Lironais völlig verkochte Spagetti hoch in den Himmel und Lironai schwor sich öfters über Mares zu kichern wenn der mit solchen Drohungen kam. Es war einer der schönsten Tage die Beide seit langem erlebt hatten. Und es wurde die schönsten 4 Tage. Mares schaffte was er sich vorgenommen hatte und zeigte Lironai beinahe die ganze Stadt.

Am Abend des 4 Tages gingen sie in die Sternwarte. Als alle Menschen schon gegangen waren schauten die Beiden immer noch in den künstlichen Nachthimmel. Beide mussten an den nächsten Tag denken. "Bist du wirklich bereit?" Mares Gefühle waren undeutbar. Lironai nickte. Er hatte schon seit Gestern seine Fähigkeiten wieder, nur hatte er das Mares nicht sagen wollen. "Dann bleibt uns wohl keine Wahl." flüsterte Mares so leise dass Lironai nichts verstehen konnte. Er war traurig und wusste nicht warum. Er stand auf und sah sich in der Sternwarte um. "Ich wünschte...." Eigentlich wusste er gar nicht was er sich wünschen sollte. Dass sie noch mehr Zeit hätten? Dann würde er seinen Bruder nie wieder sehen. Dass er Lironai bei sich behalten könnte? Dann würde er sein Versprechen brechen. Er blickte auf Lironai herunter und lächelte aufmunternd. Ob für sich oder für den Engel wusste er nicht.

Lironai spürte die Trauer in Mares. Sie wurde von einem anderen Gefühl überlagert. Dieses Gefühl, dass er nicht einordnen konnte, das in den letzten Tagen immer stärker geworden war. Lironai war so glücklich gewesen, endlich richtig frei zu sein. Er wollte nicht in den Himmel zurück. /Ich wünschte....?/ Was auch immer er sich wünschte es könnte genauso wenig in Erfüllung gehen wie Mares Wünsche, denn die Zeit kann man nicht anhalten. Er lächelte dem Dämon zu, doch das Lächeln erreichte nicht seine Augen. Sobald Mares weg blickte erlosch Lironais Lächeln, als hätte es jemand ausgeschaltet. Lironai stand auf und berührte den Dämon sanft an der Schulter. "Wir sollten besser nach Hause gehen. Nicht wahr?"

Mares hatte zu dem künstlichen Himmel empor geblickt. Als der Engel ihn berührte fuhr er herum. Er lächelte und diesmal ehrlich. "Nein, ich denke wir machen zuerst einen Spaziergang." Lironai sah ihn verwundert an. Mares grinste in sich hinein. Er hatte bei all ihren Ausflügen immer darauf bestanden früh nach Hause zu gehen. Einfach weil er sich ständig Sorgen um Lironais Gesundheit gemacht hatte. Doch dem Engel schien es wunderbar zu gehen. Und Mares wollte wenigstens am letzten Abend etwas Besonderes machen. Lächelnd ergriff Mares Lironais Hand und zog ihn aus der Sternwarte. Auch draußen ließ er Lironai nicht los. Hand in Hand gingen sie durch die Stadt. Vor einem teuren Restaurant blieb Mares stehen. Er lächelte Lironai zu. "Heute musst du mal nicht meine bescheidenen Kochkünste ertragen."

Lironai besah sich das Haus vor dem sie standen. Es war hell erleuchtet und sah einfach nur teuer aus. Zweifel stiegen in ihm auf. "Mares? Dir ist schon klar, dass ich eine Sonnenbrille trage? Ich glaube dass das auffällt." Mares lächelte nur. er zog ihn in das Haus. Drinnen nahm Mares ganz galant Lironais Mantel ab, worauf dieser sofort rot wurde. Mares wechselte einige wenige Worte mit dem Consierge. Dieser führte sie in einen kleinen Raum. Kein anderer Gast war hier zugegen. Lironai sah Mares zweifelnd an. Das musste ein Haufen Geld gekostet haben. Mares Gefühle waren mal wieder total durch einander doch konnte Lironai nicht die geringste Spur Bedauern darin spüren. /Er tut das alles für mich?/ Glücklicher und verwirrter hätte Lironai nicht sein können.

Mares sah das Lachen des Engels. Er freute sich diesen Einfall gehabt zu haben. Mares entschied dass er nichts Schöneres kannte als Lironais Lachen. /Ich wünschte.../ Beinahe verzweifelt brach Mares den Gedankengang ab. Eigentlich wolle er gar nicht wissen was er sich wünschte er hatte viel zu viel Angst davor. Ein Kellner kam und Lironai senkte den Blick damit er seine Augen nicht bemerkte. Mares bestellte schnell und sagte dann dass sie den Abend nicht gestört werden wollten. Der Kellner verneigte sich leicht "Natürlich mein Herr. Wenn sie noch etwas wünschen, neben dem Tisch ist ein Klingelknopf. Ich wünsche ihnen einen schönen Abend." Als der Kellner gegangen war schaute Mares zu Lironai. Der Engel hatte den Blick immer noch gesenkt, doch Mares spürte die Traurigkeit die sich auf ihn gelegt hatte.

"Lironai ist alles in Ordnung mit dir?" seine Stimme klang besorgt. Er wollte doch dass der Engel den letzten Abend genoss. Lironai schaute auf, seine Augen waren beinahe schwarz vor Trauer. "Tut mir leid. Ich habe an meinen Bruder gedacht." murmelte er leise. "Der Verrat schmerzt nicht wahr?" Lironai nickte nur.

Mares legte seine Hand auf Lironais Schulter. Er wollte ihm so gerne Trost spenden, wenn er nur gewusst hätte wie. Leise begann Lironai zu sprechen, nicht wie beim ersten mal wo er nicht einmal gewusst hatte wem er was erzählte, sondern in der Hoffnung, dass Mares ihn verstand. "Ich habe ihm vertraut. Ich hätte es verhindern können, wenn ich nur schneller gewesen wäre." Mares hörte die ganzen Schuldgefühle die Lironai sich machte aus seiner Stimme heraus. Er trat hinter den Engel und schlang seine Arme um ihn.

"Das darfst du nicht glauben Engelchen. Es ist nicht deine Schuld sondern die deines Bruders. Er ist verantwortlich." Mares hörte wie seine Stimme vor Wut bebte. Er wollte diesem Eonai am liebsten den Hals umdrehen, dafür dass er Lironai so wehtat. Mares drückte den Engel näher an sich und Lironai schmiegte sich in seine Arme. Ein Klopfen an der Tür ließ die beiden auseinander fahren. Als der Kellner eintrat sah er Lironai mit rotem Kopf und gesenktem Blick am Tisch sitzen, Mares betrachtete interessiert die völlig leere Wand. Er hob nur eine Augenbraue, stellte das Essen hin, wünschte einen guten Appetit und verschwand wieder.

Das Essen verlief im Schweigen, keiner wusste was er sagen sollte. Als sie schließlich beim Dessert waren fragte Mares "Wirst du Morgen im Engelsreich bleiben oder wieder hier her kommen?" Lironai schien einen Augenblick überlegen zu müssen was der Dämon meinte. Dann schüttelte er den Kopf. "Ich kann nicht im Engelsreich bleiben. Er würde mich töten."

Mares nickte, er hatte schon so etwas gedacht. Eine leichte Hoffnung begann in ihm zu keimen, doch er unterdrückte sie schnell, noch bevor er sie richtig erfassen konnte. "Lass uns gehen." meinte er leise und stand auf. Im Vorbeigehen drückte er auf den kleinen Knopf, sofort erschien der Kellner wieder. Mares nickte ihm zu. Der Kellner verschwand sofort wieder und brachte die Rechnung. Mares zahlte ohne wirklich auf den Betrag zu achten. Er hatte diese Woche ohnehin mehr ausgegeben als in den letzten drei Monaten, aber es war ihm egal. Lächelnd half er Lironai wieder in den Mantel, ergriff dann sofort seine rechte Hand.

Lironai lächelte den großen Dämon an. Er fühlte sich wohl in seiner Nähe, dennoch würde er Morgen gehen. Schon um zu sehen ob Mares sein Versprechen wirklich halten würde. Er wollte ihm glauben, doch er erlaubte es sich selbst nicht. Wenn sein Bruder ihn schon verriet, warum sollte er dann einem Dämon glauben den er kaum zwei Wochen kannte. /Dennoch bleibst du bei ihm obwohl du fliehen könntest. Er wird dich verraten und du weißt es./ sagte eine kleine gemeine Stimme in ihm.

Lironai schaute Mares genau an, seine Gefühle bekam er ohne hin schon genau mit, in der Zwischenzeit sogar wenn er seine mentalen Schilde oben hatte. Mares schien traurig zu sein, eine gewisse Hoffnungslosigkeit haftete ihm an. /Warum wohl? Morgen sieht er doch die Person wieder für die er sogar sein Leben riskiert. Er müsste eher aufgeregt als Hoffnungslos sein. Wer es wohl ist. Er wollte mir nichts sagen. Traut er mir nicht? Lironai sei nicht dumm. Warum sollte er die trauen, schließlich bist du nur ein Engel./

Ohne es zu bemerken waren sie vor Mares Wohnung angekommen. Lironai entdeckte zwei kleine Gestalten die an der Haustür lehnten. Er stoppte sofort. Mares drehte sich fragend zu ihm um. Mit einer Handbewegung deutete Lironai auf das Haus. Er hatte Angst, davor dass seine Verfolger ihn gefunden hatten. Doch Mares ging furchtlos auf die Beiden zu. Er schien sie zu kennen. Lironai versteckte sich halb hinter ihm. Auch wenn Mares keine Furcht hatte, musste das ja nicht für ihn dasselbe heißen.

Mares erstarrte einen Moment als er sie Gestalten erkannte. Dann ging er mit ausschweifenden Schritten auf sie zu. "Jana, Luke? Was tut ihr denn hier." Seine Stimme klang gepresst. Jana löste sich aus dem Schatten. Sie ging langsam auf die beiden zu, Luke trottete hinter ihr her. "Guten Abend Marcel. Wer ist den dein Begleiter." Sie lächelte offen. Irgendwie hatte Mares plötzlich das Gefühl Lironai schützen zu müssen. Aber Lironai trat einen Schritt nach vorne.

Er sah Jana direkt an. "Mein Name ist Li..." Mares knuffte ihn kurz in die Seite. Der Name Lironai Shamoel war zu auffällig in dieser Gegend. "Er heißt Li." meinte er schnell. "Er ähm kommt nicht von hier." Jana nickte nur. Plötzlich grinsten sie und fiel Mares um den Hals. "Tut mir leid dass wir uns so lange nicht gesehen haben. Aber ich habe dich mit ihm zusammen gesehen und wollte nicht stören. Außerdem" sie löste sich aus der Umarmung und warf einen Blick auf Luke.

"Er meinte wir sollten uns nicht einmischen. Und ich tue immer was er sagt. Na ja meistens. Oder sagen wir oft." Auch Luke grinste. "Wenigstens in diesem Fall." meinte er leise. Jana knuffte ihn in die Seite. "Sei doch nicht so." grollte sie spielerisch. Dann wurde sie ernst. Sie warf Lironai einen langen Blick zu, nickte dann kaum merklich. "Marcel wir müssen wieder los. Ich wünsche euch beiden alles Glück der Welt. Ihr könnt es gebrauchen. Ach wenn ihr mal unsere Hilfe braucht, wir werden da sein." Beide drehten sich unisono um und verschwanden in der Dunkelheit. Mares starrte ihnen einen Moment lang hinter her, dann drehte er sich zu Lironai.

Der stand wie versteinert. Er starrte in die Dunkelheit in der die Kinder verschwunden waren. In Lironais Kopf wirbelten tausend Gedanken durch einander. Er hatte nichts gespürt bei den beiden Kindern. Nichts, Mares Gefühle hatte er überdeutlich war genommen, doch diese Kinder konnten sich entweder perfekt abschirmen oder sie hatten keine Gefühle. Lironai entschloss sich Mares nichts davon zu sagen, der Dämon hatte schließlich erzählt er wäre mit dem Mädchen schon seit 2 Jahren befreundet. Lironai wollte das nicht in Frage stellen. Er drehte sich zu Mares um und bemerkte wie dieser ihn anstarrte. "Ist irgend etwas?" fragte Mares unsicher. Lironai schüttelte den Kopf, er konnte schon wieder die leichte Sorge und das seltsame Gefühl bei Mares spüren.

"Du magst sie sehr, nicht wahr?" Mares lächelte, er warf noch einen Blick in die Richtung in der die beiden Kinder verschwunden waren. "Ja. Auch wenn sie sich in letzter Zeit etwas seltsam benimmt." Mares gähnte verhalten. Auch Lironai spürte die wohlbekannte Müdigkeit in sich aufsteigen. "Wir sollten schlafen gehen." meinte er leise. Er fügt nicht an das Morgen ein schwerer Tag werden würde, denn das wussten beide und keinem der Beiden gefiel es.

Mares ließ Lironai den Vortritt im Bad. Er suchte derweil seine Kampfausrüstung heraus. Dieselbe die er immer in Gehennah trug. Seufzend legte er alles zurecht und begann das Schwert zu schärfen, auch wenn es kaum nötig war. Nach einer Weile spürte er einen Blick im Nacken. Mares drehte sich um und entdeckte Lironai der an dem Türrahmen lehnte.

Sein Gesichtsausdruck war undeutbar. "Du wirst töten. Nicht wahr?" Es war weniger eine Frage als eine Feststellung. Mares sah ihn einen Moment lang an, dann senkte er den Kopf. "Nur wenn ich keine andere Wahl habe." meinte er ernst. /Oder wenn ich deinen Bruder finde/ fügte er in Gedanken genauso ernst hinzu. Mares tötete nicht gerne, aber dieser Engel hatte seinem Lironai so wehgetan, dass er einfach nichts besseres verdiente.

Lironai stieß sich vom Türrahmen ab und ging auf Mares zu. Er hob mit einem Finger sein Kinn hoch und blickte ernst in die blutroten Augen. "Das werde ich auch. Sie werden vielleicht versuchen mich zu töten. Und ich will noch nicht sterben." Er nickte Mares zu, dann senkte er selbst den Kopf und ging ins Schlafzimmer.

Mares schaute noch einen langen Moment auf die geschlossene Zimmertür. Lironai hatte ihm gerade gesagt er würde Wesen seines eigenen Volkes töten. Mares konnte ihn nur zu gut verstehen. Er beeilte sich im Bad. Als Mares ins Schlafzimmer kam lag Lironai in der Mitte des großen Bettes. Gerade so dass Mares ihn beim Schlafen nicht berühren musste wenn er nicht wollte. Sein Atem ging ruhig, doch etwas unregelmäßig. Er schlief noch nicht. Mares legte sich dicht an den Engel ohne ihn jedoch zu berühren. Lironai blickte kurz auf. Mares nickte leicht auf die stumme Frage. Der Engel kuschelte sich näher an den Dämon heran und Mares legte einen Arm um ihn. In dieser Nacht wäre alleine sein das schlimmste gewesen. "Schlaf gut Engelchen." murmelte Mares und dämmerte weg.

Wieder erschienen die zwei Gestalten vor dem Schlafzimmerfenster. Mit gemischten Gefühlen schauten sie auf die beiden Schlafenden. "Was meinst du?" fragte die erste Gestalt ohne den Blick von Bild das sich ihnen bot zu wenden. Sie griff nach der Hand der zweiten Gestalt und zog sie näher zu sich, als würde sie die Nähe brauchen. Die zweite Gestalt schmiegte sich an die erste und schwieg. "Der morgige Tag entscheidet." meinte die erste wieder. "Nein." widersprach die zweite. "Die Beiden entscheiden." Die erste Gestalt lächelte, überging den Versuch eines Witzes aber. "Sollen wir ihnen helfen?" fragte sie ernst. Die zweite Gestalt schaute nach oben und gab ihr einen sanften Kuss auf die Nasenspitze. "Nur wenn sie sich richtig entscheiden und ihre Entscheidung nicht erkennen wollen." flüsterte sie an den Lippen der ersten Gestalt. Die erste Gestalt beugte sich herunter und gab der zweiten einen langen Kuss. Beide lösten sich erst nach einer Weile wieder von einander. Sie warfen noch einen Blick auf die aneinander gekuschelten Schlafenden. "Ich glaube sie haben schon entschieden." meinte die erste Gestalt leise. Die beiden verblassten langsam. Niemand hatte sie entdeckt, denn niemand hätte sie sehen können.



- 5 -

Ausnahmsweise wachte Lironai als erster auf. Es war noch dunkel. Er betrachtete den schlafenden Dämon, auch Engelsaugen können im Dunkeln gut sehen. /Ich könnte einfach gehen. Aber dann werde ich nie erfahren ob er sein Versprechen hält oder nicht. Er ist ein so seltsamer Dämon. Ganz anders als ich immer von den Dämonen berichten hörte. Ob nur er anders ist, oder ob die Berichte einfach falsch waren und alle Dämonen so sind? Er hat so viel für mich getan. Nun heute wird sich die Sache entscheiden. So oder so wir hatten eine wunderschöne Woche. Ich wünschte nur ich wüsste welches Gefühl ich ständig bei ihm spüre, selbst jetzt während er schläft ist es jetzt noch vorhanden. Es muss wichtig sein./

Lironai zuckte mit den Schultern. Es gab für Heute nicht all zu viele Möglichkeiten. Wenn sie es nicht schafften würden beide sterben, wenn sie es schafften würde sich heraus stellen ob er Mares trauen konnte oder nicht. Wenn ja würde er einfach gehen, wenn nein würde er versuchen den Dämon zu töten. So oder so Heute war der letzte Tag den er mit Mares verbringen würde.

Leise stand Lironai auf. Er wollte Frühstück für Mares und sich machen. Wenigstens als kleines Dankeschön, wenn er sonst schon nichts konnte. Lironai warf einen Blick in den Kühlschrank, er war wieder gut gefüllt. Mares hatte beinahe für Monate eingekauft, alles was Lironai wollte. Lironai lächelte bei dem Berg von Gemüse. /Wie viel hat er eigentlich gedacht esse ich? Oder meinte er ich würde so lange bleiben?/ Er nahm sich dass heraus was er am liebsten aß, wie immer am besten roh. Dann griff Lironai nach dem Fleisch. Auch wenn Mares die letzten Tage kaum welches gegessen hatte, würde er Heute Kraft brauchen. Er verzog angewidert das Gesicht, dennoch schnitt er es in kleine Streifen und legte es blutig wie es war in eine Schüssel. Lironai goss das heiße Wasser auf die Teeblätter, beinahe hätte er sich dabei verbrannt.

Sinnierend betrachtete Lironai einen Moment den Frühstücktisch. Es sah schon etwas seltsam aus, mit der Schüssel mit blutigem Fleisch auf der einen und dem klein geschnittenen rohem Gemüse, dazwischen die Teetassen und die Kanne. Lironai zuckte mit den Schultern egal wie seltsam es für Menschen erschien, für Engel und Dämonen gab es kaum etwas Besseres. /Fehlt nur noch Mares./ Leise schlich er ins Schlafzimmer. Wie sollte er ihn nur wecken?

Mares hörte wie der Engel stehen blieb. Er war schon die ganze Zeit wach gewesen. Hatte im Bett gelegen, auf Lironais leises Summen in der Küche gelauscht und darüber nachgedacht warum sein Engelchen nicht abhaute. Mares hörte wie Lironai immer näher schlich. Er versuchte die Augen nicht zu öffnen. /Dir ist schon klar das er dich töten könnte? Einfach so?/ fragte eine kleine miese Stimme in ihm. /Nein nicht Lironai. Nicht mein Engelchen./ widersprach Mares sich selbst.

Er spürte einen Lufthauch im Ohr, der immer stärker wurde. Lironai pustete ihm tatsächlich ins Ohr um ihn zu wecken. Mares blinzelte ein paar Mal um möglichst verschlafen zu wirken. Lironais Gesicht war ganz dicht über seinem. Die violetten Augen blitzten vor Schalk. "Aufstehen Schlafmütze." flüsterte er. Sprang dann auf und lief zur Tür. "Essen ist fertig." meinte er Freude strahlend, und draußen war er. Mares kam immer noch etwas verschlafen in die Küche. Lironai stand da und goss gerade Tee ein. /Er hat sich noch nicht einmal umgezogen./ stellte Mares belustigt fest. Er sah an sich herunter /Okay ich auch nicht./Dann wurde ihm erst richtig klar was der Engel für ihn getan hatte. Tiefe Freude und Dankbarkeit durchströmte ihn. Es war eine so einfache Geste, doch niemand hatte bisher je so etwas für ihn getan.

Lironai strahlte ihn an. Er spürte die Dankbarkeit des Dämons und es freute ihn Mares so einfach eine Freude gemacht zu haben. Als der Dämon nach einer Weile immer noch nicht anderes tat außer auf den Tisch zu starren schnappte sich Lironai einfach seine Hand und zog ihn dorthin. Mares lobte das Frühstück in den höchsten Tönen. Es schmeckte gut, doch er hätte es auch gelobt wenn es scheußlich gewesen wäre.

Lironai starrte ihn während des ganzen Essens an. Er fragte sich immer noch, wie er nur einem Dämon vertrauen konnte wenn sein eigener Bruder ihn verraten hatte. Schließlich schob er den Gedanken von sich fort. "Ich werde das Tor direkt in die Kerker öffnen. Das ist sicherer. Dort gibt es Aufzeichnungen über jeden Dämon der jemals von Engeln gefangen wurde und der seinen Namen verraten hat." /Das haben die meisten, zumindest nach einer Weile. Wenn sie dann noch sprechen konnten./

Mares nickte, sie berieten noch eine Weile, schmiedeten neue Pläne verwarfen alte. Am Ende blieben sie bei dem Plan den sie schon am Vortag ausgemacht hatten. Es gab nichts mehr zu sagen und keine Zeit mehr hinaus zu schinden. Mares zog seine Rüstung an. Er schloss die Augen und verwandelte sich langsam in einen Dämon. Er konnte spüren wie er wuchs, seine Haare länger und seine magischen Kräfte zu ihm kamen. Er spürte die Reißzähne wachsen und wusste dass seine Haare wieder die Farbe von frischem Blut hatten. Mit einem leisen Seufzen ließ er seine Schwingen frei, die Verwandlung war abgeschlossen.

Mares öffnete die Augen und erblickte ein strahlend weißes Wesen mit riesigen Flügeln. Mares starrte Lironai einen Moment irritiert an. Er trug die Kleidung die Mares extra dafür gekauft hatte. Sie war strahlend weiß und betonte seine schmale Figur. Lironais violette Augen leuchteten, seine Flügel waren riesig obwohl er sie noch zusammen gefaltet hatte. Seine feine Gestalt wirkte plötzlich mächtig, aber trotzdem vertraut. Mares brachte kein Wort heraus.

Lironai spürte die Bewunderung die Mares empfand. Obwohl es ihm peinlich war freute er sich darüber dem Dämon zu gefallen. Der selbst auch gut aussah. Die langen roten Haare waren leicht geflochten, so dass sie ihn bei einem Kampf nicht behindern würden. /Die enge schwarze Hose, die hohen Stiefel, selbst die Schwertscheide, alles passt perfekt zu ihm./ Beide standen einen Moment einfach nur da und betrachteten ihr Gegenüber. Schließlich senkte Lironai den Blick. Mares schien aus seiner Erstarrung aufzuwachen.

"Wir sollten los." obwohl die Worte nur geflüstert waren kamen sie Mares unnatürlich laut vor. Lironai sah auf und nickte. Mares spürte das Ansammeln von Macht, viel stärker als bei Lironais Heilung. Ein kribbeln lief durch seinen ganzen Körper. Mares beobachtete Lironai genau. Dieser hob die Hände und vollführte einige komplizierte Gesten.

/Er muss stundenlang dafür geübt haben./ Ein violettes Leuchten erstrahlte um Lironais Hände und Gesicht. Mares schlug die Hände vor die Augen, das Licht tat schrecklich weh. Als er wagte sie wieder herunter zu nehmen sah ein mannsgroßes Tor mitten in seinem Wohnzimmer. Sie würden es ohnehin wieder schließen müssen deswegen hatte es keinen Sinn das Tor extra zu sichern. Die Temperatur im Zimmer war um einige Grade gesunken. Die Ränder des Tores waren nicht scharf abgetrennt, sie verliefen sich im Raum.

Lironai keuchte leicht, doch sonst entdeckte Mares keine Anzeichen von Schwäche oder einem drohenden Zusammenbruch. Er legte dem Engel beruhigend die Hand auf die Schulter. Lironai blickte und lächelte. Mares lies die Hand herunter gleiten, streifte dabei kurz Lironais Flügelansätze. "Wie lange?" fragte er leise. Doch Lironai schüttelte den Kopf. "Es ist keine gute Stelle. Ich werde es nicht offen halten können. Ich muss auf der anderen Seite ein weiteres öffnen." Mares nickte, das war die Unbekannte in ihrem Plan gewesen, es war zwar nicht gut aber sie würden es trotzdem schaffen. Durch das Tor konnte er einen langen hellen Gang sehen, kein Engel war in Sicht.

Mares wollte gerade durch das Thor gehen als Lironai ihn zurück hielt. "Auf einen Engel werden sie nicht so schnell schießen." meinte er nur. Lironai schritt durch das Tor ohne Mares die Chance auf Widerspruch zu geben. Der Übergang fühlte sich an wie immer wenn er in die Engelswelt zurückgekehrt war. Die Farben verblassten langsam, verschwammen und vermischten sich. Sein Blut begann zu kochen, als ob er in einem Vulkan stecken würde. Seine Umgebung begann zu verschwimmen. Lironai konnte weder hell noch dunkel ausmachen, diese Welt hier war älter als solche Einteilungen, Gut und Böse existierten hier einfach nicht.

Lironai wünschte er könnte ewig dort bleiben und eigentlich kam es ihm auch so vor wie eine Ewigkeit in einen kleinen Moment gepresst in dem er diesen Schritt zwischen den Welten machte. Trotzdem war der Übergang schnell vorüber. Lironai kam in einem Gang heraus der ihm weniger bekannt war. Es war hell, doch das sagte nichts über die Tageszeit aus, denn im Himmel war es immer unnatürlich hell. Lironai beobachtete den Gang und wartete darauf das Mares nachkommen würde.

Mares war einen Moment wütend auf den Engel, er wollte ihn nicht zuerst gehen lassen. Selbst wenn Engel nicht sofort schießen würden, schießen würden sie und er wollte nicht das Lironai verletzt würde. Als er sich sicher war dass Lironai nicht plötzlich zurück springen würde, um einer Gefahr auszuweichen tat auch er den Schritt zwischen die Welten. Mares hatte sich darauf eingestellt es würde etwa derselbe Übergang sein wie zwischen Assiah und Gehennah, doch das hier war ganz anders.

Die Farben wurden immer intensiver bis er sie kaum mehr ertragen konnte sie nahmen Licht und Dunkelheit einfach mit sich fort. Mares keuchte auf als ihn unerwartet Hitze traf, dann war auch diese Verschwunden. Er war in der Zwischenwelt. So schmerzhaft der Übergang auch gewesen sein mochte hier war alles unverändert. Keine Farben, kein Licht, keine Dunkelheit, kein Leben. Doch er konnte nicht mehr weiter, die Zwischenwelt wollte Mares nicht gehen lassen. Es war als weigere sie sich einen Dämon in den Himmel zu lassen. Mares mobilisierte alle Muskeln, er stemmte sich gegen die unsichtbaren Fesseln die ihn hielten. /Verdammt. Ich muss Raneck dort rausholen. Außerdem wartet Lironai auf mich./ Plötzlich war Mares frei. Er stolperte in den Gang in dem Lironai schon stand. Der schaute ihn mit erhobener Augenbraue ob seines Auftritts an. "Frag lieber nicht." knurrte Mares leise.

Lironai drehte sich wieder um "Wie kämt ich denn dazu?" flüsterte er belustigt zurück. Lironai warf noch einen letzten Blick auf den Gang bevor er sich umdrehte und dem Tor zuwandte. Es war einfacher es zu schließen, als es zu öffnen. Schnell hatte er sich wieder zu Mares umgedreht der mit gezogenem Schwert den Gang bewachte. Lironai kannte sich in diesen Gängen nicht besonders gut aus, was bedeutete sie mussten den Hauptweg nutzen und das möglichst schnell.

Ein Dämon im Engelsreich war mental auffällig wie ein bunter Hund. In spätestens einer halben Stunde würden sie von Engeln verfolgt werden. Lironai nickte Mares zu und lief voraus. Er spürte Mares Missfallen, kümmerte sich aber nicht weiter darum. Sie kamen unbeschadet durch die Gänge, bis zu dem Engel der die Gefangenen verwaltete.

Hier im Kerkerbereich hörte man überall unterdrücktes Stöhnen und manchmal auch leises Wimmern und Schreie. Lironai schauderte, er spürte Mares Mitleid und Entsetzen. Doch als er sich zu ihm umdrehte lies sich sein Gesicht mit einem Eisklotz vergleichen. Seine Augen waren kalt und ohne jedes Gefühl, so hatte Lironai ihn noch nie erlebt. Mares sah ihn einen Moment lang traurig an, dann konnte Lironai seine Gefühle wieder nur spüren und nicht mehr sehen. Er drehte sich zu der Tür um. /Wie kannst du nur so sehr deine Gefühle verbergen?/ Die Tür war nicht besonders groß.

Ein Gefangenenwärter hatte keinen besonders hohen Stand. Eigentlich sogar den niedrigsten da es keine Henker im Himmel gab. Offiziell töteten Engel nur wenn es sich nicht vermeiden ließ. Inoffiziell waren die gefangenen Dämonen hier nichts weiter als Spielzeug, das zu lustig war um es kaputt zu machen. Lironai griff nach der Tür. Sie besaß keine Klinke sondern konnte nur mit Magie geöffnet werden, eine Vorsichtsmaßnahme falls ein Gefangener ausbrechen sollte.

Mares stellte sich neben Lironai, so dass er von drinnen nicht gesehen werden konnte. Lironai wollte zuerst seine vielleicht noch vorhandene Macht als erster Prinz ausspielen um den Engelswärter dazu zu bringen Gefangenen Dämon freiwillig heraus zu bekommen. Mares hatte ihm den Namen nur widerstrebend verraten. Das -eck am Namensende würde verraten dass sie versuchten einen Sohn des Belzeck zu befreien. Doch Lironai hatte ihn nur einen langen Moment schweigend angesehen dann genickt. Mares hatte nicht erkennen können was er sich dabei gedacht hatte.

Lironai öffnete ohne viele Probleme die Tür. Es war eine recht einfache Magieart, die jeder Engel verwenden konnte. Der Wärter blickte von seinem Schreibtisch auf. Es war eine ältere Frau. Im Gegensatz zu den meisten Engel hatte sie ihr Wachstum nicht in der Jugendzeit aufgehalten sondern erst mit 30 gestoppt. Nicht viele Engel taten dies, doch manche fühlten sich in ihren jungen Körpern einfach nicht wohl. Sie war groß und schmal. Ihre Flügel lagen eng am Körper an, doch Lironai konnte sehen das sie gestutzt waren, sie tat diese Aufgabe also als Strafe. Der Schreibtisch und ein Stuhl auf dem sie saß waren die einzigen Möbelstücke in dem Zimmer.

Als sie ihn erkannte sank die Wächterin auf den Boden. "Was kann ich für euch tun mein Prinz?" fragte sie mit gesenkten Kopf. Ihre ganze Haltung drückte tiefe Unterwürfigkeit aus und Lironai spürte den alt bekannten Ekel in sich aufsteigen. Doch jetzt war nicht die Zeit um Weltverbesserer zu spielen, jetzt musste er Prinz sein. "Ich suche einen Dämon der vor etwa 3 Dekaden in Assiah gefangen wurde. Sein Name lautete damals Raneck." Die Wärterin nickte eifrig "Natürlich, mein Gebieter. Wenn ihr euch einen Moment gedulden wollt."

Die Frau sprang auf und lief zu ihrem Schreibtisch. Sie suchte schnell die Unterlagen für die entsprechende Zeit heraus. Lironai betrachtete sie stirnrunzelnd. Er musste an den Computer denken den Mares ihm gezeigt hatte, und welche Verbesserung er doch darstellte.
Es dauerte jedoch nicht lange bis sie zu ihm zurück kam und sich vor ihn hinkniete. "Gebieter es existiert kein Dämon mit dem Namen Raneck in unseren Unterlagen. In dem Jahr das ihr angegeben habt wurde nur ein junges Dämonenmädchen gefangen, die an den Folgen ihrer Gefangenschaft letztes Jahr gestorben ist."

/Verdammt daran haben wir gar nicht gedacht/ Lironais warf einen kurzen Blick zur Tür. /Was sag ich ihm jetzt?/ "Such die Unterlagen der entsprechenden Dekade heraus ich möchte sie mitnehmen."

Die Frau schien sich völlig auf die Unterlagen zu konzentrieren, doch plötzlich spürte Lironai einen mentalen Ruf der direkt an den Teil des Himmels ging der dem Gabrilai gehörte. Sie waren entdeckt! Lironai schlug mental zu. Was die meisten Engel nicht wussten war, dass sich die emphatischen Fähigkeiten eines Wesens auch umdrehen ließen. Die Frau schrie vor Schmerzen auf. Er hatte ihr eine Mischung von Schwäche Angst und Panik gesandt, lange würde sie nicht durchhalten.

Mares hörte den Schrei und kam ins Zimmer gestürzt. Er spürte sofort die Spannung die von Lironai ausging. Der Engel wendete nicht den Blick von der Wächterin die sich am Boden wand. Mares packte ihn an der Schulter, er spürte einen kurzen stechenden Schmerz als er in die leuchtenden Augen des Engels blickte. Doch es war schnell wieder vorbei und Mares konnte das Entsetzen in Lironais Blick sehen.
"Was ist geschehen?" Er warf einen Blick auf die Frau die apathisch da lag. Lironai schaute ihn immer noch entsetzt an. Mares ergriff seine Schulter und schüttelte ihn. "Lironai? Engelchen? Sag mir was geschehen ist." er machte sich wahnsinnige Sorgen um den Engel.

Lironai schüttelte die ungläubige Starre von sich. Das Entsetzen das er gespürt hatte legte sich langsam. Mares war nichts geschehen, obwohl Lironai nicht verstand warum Mares nicht sofort zusammen gebrochen war, war er sehr froh darüber. "Ich musste sie ruhig stellen. Sie hat uns verraten." meinte er leise. /Er hat sich direkt meinem Blick ausgesetzt es müsste ihm noch schlimmer gehen als der Frau. Er hätte zusammenbrechen müssen. Meine Kräfte sollten noch stärker auf Dämonen wirken./ Plötzlich traf ihn eine Erkenntnis. "Die Cherub werden kommen. Wir müssen hier weg."

"Was ist mit Raneck?" Mares wollte seinen Bruder nicht zurücklassen. Lironai deutete auf die Unterlagen die auf den großen Schreibtisch lagen. "Er steht nicht da drin. Das heißt er kam nie hier an." Mares wollte widersprechen. Raneck musste hier sein, es gab keine andere Möglichkeit. Doch Lironai schüttelte den Kopf, "Engel sind penibel, sogar verdammt penibel, ein gefangener Dämon wird sofort registriert. Wenn sie einen Sohn des Belzecks getötet hätten würde das mit Sicherheit auch hier stehen." In Mares zerbrach etwas, das letzte für das er bereit gewesen war zu leben. Seinen Bruder wieder raus zu holen. Raneck hatte ihm mehr als einmal das Leben gerettet und jetzt würde er ihn nie wieder sehen. Er starrte Lironai an ohne ihn wirklich zu sehen.

Lironai schüttelte ihn an der Schulter. "Mares? Ich weiß es ist schwer aber wir müssen jetzt gehen. Wenn wir wieder in Assiah in Sicherheit sind dann können wir..." /Ja was eigentlich? Trauern? einen neuen Plan schmieden? einfach aufhören zu hoffen?/ Er hatte gespürt wie die letzte Hoffnung in Mares zerbrach, dass war eines der schlimmsten Gefühle gewesen die Lironai je empfangen hatte. Er wollte ihm gerne Trost spenden, aber jetzt war keine Zeit dafür, sie mussten aus dem Himmel bevor die Cherub kommen würden.

Mares versuchte sich wieder zu konzentrieren. Lironai hatte recht er hatte nicht die Zeit um zu trauern, oder was auch immer. Er wollte Lironai schützen. Es war klar dass sie nicht hier bleiben konnten. Er nickte Lironai zu. Der Engel schien erleichtert zu sein. Wieder ging Lironai voraus um Angreifer vielleicht zu verwirren. Die Gänge schienen immer länger zu werden. Aber sie mussten an ihren Eintrittspunkt zurück. Mares versuchte mental auf Engel zu lauschen, doch hier waren einfach zu viele um zu hören welche näher waren und gefährlich werden konnten.

Die hellen Farben taten in seinen Augen weh. Plötzlich blieb Lironai stehen. Mares sah mindestens 10 Cherub auf sie zukommen. Sie trugen Kriegerrüstung, 6 hatten gespannte Bogen, die anderen teilten sich in Magier und Schwertkämpfer auf. Statt stehen zu bleiben rannte Lironai auf die Gruppe zu. "Nur noch ein paar Meter. Gib mir Deckung." rief er über die Schulter zurück

Der Gang war zwar nicht besonders breit, aber hoch genug dass Mares über Lironais Kopf Hinwegspringen konnte um vor ihn zu kommen. Mit einem dumpfen Knall kam er auf dem ebenen Boden auf. Ohne langsamer zu werden rannte Mares weiter, er hatte schon oft genug in seinem Leben Kämpfen müssen um zu wissen worauf es ankam. Die Engelsgruppe schien einen Moment zu brauchen bis sie registriert hatten dass Lironai nicht alleine war. Mares sah auf nicht wenigen Gesichtern Entsetzen.

Er hörte wie Lironai stehen bleib und wurde langsamer, drehte sich aber nicht um. Der Engel musste die Stelle ereicht haben die er gesucht hatte. Mares spürte wie sich hinter und vor ihm Macht ansammelte. Hinter ihm versuchte Lironai das Thor zu öffnen, vor ihm sammelten die beiden Magier ihre Kräfte. Die Engel umgab plötzlich ein gelber und hellroter Lichtschein. Sie hatte magische Barrieren aufgebaut. Mares würde nicht hindurch kommen, aber das war auch gar nicht nötig, er musste nur Lironai schützen bis das Thor aufgebaut wäre.

Mares blieb stehen und hob sein Schwert. Er lächelte, weder warm noch freundlich. Die Engel warteten einen Moment. Als er immer noch keine Anstalten machte anzugreifen, bemerkten sie ihren Irrtum. Der gelbe Schutzschild fiel weg, die Bogenschützen hoben ihre Waffen. Mares Lächeln verblasste nicht. Seine Brüder hatten ihm einmal zu zehnt aufgelauert, alle bis an die Zähne bewaffnet. Damals war er wesentlich jünger gewesen und hatte wesentlich schlechter gekämpft als jetzt, dass er noch lebte zeugte davon dass er gewonnen hatte.

Mares konzentrierte sich, seine Magie war zu nicht viel gut, aber Gefahren konnte er wie jeder Dämon spüren. Die Engel schossen schnell, danach senkten sie einfach die Bögen und warteten. Mares sah die sechs Pfeile auf sich zurasen, doch er spürte das nur von vieren Gefahr ausging. /Scheint als könnten sie nicht besonders gut zielen./ Er begann sein Schwert zu drehen, so schnell das kaum etwas davon zu sehen war. /Ihr werdet schon sehen mit wem ihr euch angelegt habt./ dachte Mares siegessicher.

Doch plötzlich wurde ihm etwas klar, die beiden gefahrlosen Pfeile waren gar nicht schlecht gezielt, sie sollten Lironai treffen. Mares hatte noch nie mit einer anderen Person zusammengekämpft die sich nicht verteidigen konnte, er war es nicht gewohnt jemanden zu beschützen. Innerhalb von Sekundenbruchteilen breitete er seine Schwingen aus.

Die vier Pfeile die auf seinen Körper gezielt waren konnte er ohne Probleme mit dem Schwert abwehren, ein Schmerz durchzuckte seine Schwingen. Ohne hinzusehen wusste Mares genau dass er in beide getroffen war. Anscheinend benutzten die Engel dieses mal Pfeile die ihn verwunden konnten. Mares war wütend das er nicht angreifen konnte, aber er musste Lironai schützen.

Mares wartete einfach bis der nächste Angriff kommen würde. Er musste nicht lange warten. Ein Engel schrie wütend auf und stürmte mit seinem Schwert nach vorne. So schnell dass der Magier es fast nicht geschafft hätte den Schutzschild hoch zu heben. Der Cherub schlug nach Mares ohne viel Können zu zeigen. Mares runzelte die Stirn und parierte den Schlag ohne Probleme.

/Wie kommt ein so schlechter Kämpfer zu den Cherub?/ doch er musste schnell erkennen das der Engel nicht schlecht Schwert kämpfen konnte sondern einfach nur wütend gewesen war. Er führte einen schnellen Schlag nach dem anderen durch. Mares hielt sich defensiv doch er brauchte immer länger um die Schläge zu parieren, seine Kondition ließ langsam nach. "Lironai? wie lange noch?" schrie er über die Schulter ohne den anderen Engel aus dem Blick zu lassen. "Gleich." kam die unbefriedigende Antwort.

Mares schrie auf als ihn das Schwert seines Gegners in die rechte Schulter traf. Er biss die Zähne zusammen und wechselte die Schwerthand. Der Engel grinste. Mares hätte ihm am liebsten die Fresse eingeschlagen. /Ich darf nicht auf meinem Blut ausrutschen./ Er parierte immer noch jeden Schlag. Der Engel, der anscheinend gedacht hatte er hätte mit dem Treffer gewonnen, schlug immer heftiger zu. Auf einmal spürte Mares wie die Kraft in seinem Rücken zusammenfiel. Lironai hatte es geschafft das Thor zu öffnen. "Mares komm schon." hörte er hinter sich. /Was glaubt der denn? Ich bin der Kämpfer./ "Geh du zuerst, ich halte sie auf." schrie er zurück.

Mares wartete bis er spüren konnte dass der Engel seine Weisung befolgt hatte. Er versuchte einen letzten verzweifelten Ausfall, gleichzeitig spürte er von den anderen Engeln eine Gefahr. Ohne einen Blick auf sie geworfen zu haben, sprang Mares in die Luft und gleichzeitig rückwärts. Ein Trick für den er stundenlang hatte trainieren müssen. Brennende Pfeile zischten unter ihm vorbei und zerbrachen an der gegenüber liegenden Wand. Ein Pfeil jedoch traf seinen Gegner in den linken Oberschenkel. Seine Kameraden hatten nicht auf ihn geachtet, als sie versuchten den Dämon zu treffen.

Mares konnte zwar mit den Wunden nicht fliegen, aber wenigstens seinen Sturz lenken. Mit einem unterdrückten Schmerzenslaut kam er vor dem Thor auf. Er drehte sich um und warf einen letzten Blick auf die Engel, diese legten schon wieder neue Pfeile an, der Schwertkämpfer hingegen war zu seinem verwundeten Kameraden geeilt. Kalt lächelnd trat Mares einen Schritt zurück.

Der Übergang war wesentlich leichter als das letzte Mal. Die Zwischenwelt wollte ihn, warum auch immer, diesmal nicht festhalten. Mares sprang einige Schritte von dem Tor weg kaum das er angekommen war. Lironai glitt fast sofort an seine Stelle. Er verzog das Gesicht und schloss das Tor. Es ging genauso schnell wie in der Engelswelt. Lironai atmete schwer, sein Gesicht war von Schweiß bedeckt. Mares wollte auf ihn zu gehen. Aber plötzlich spürte er die Wunden stärker. Im Kampf hatte das Adrenalin den Schmerz zurückgehalten, jetzt schlug er zu. Mares klappte zusammen, er setzte sich einfach auf den Boden.

Er beobachtete scheinbar gelangweilt wie das schwarze Blut aus seiner Wunde auf den Teppich lief. Es tat so sehr weh dass er den Schmerz kaum spürte. /Wofür auch weiterleben? Raneck ist tot./

Plötzlich war Lironai neben ihm, er legte ihm leicht eine Hand auf die verletzte Schulter. Mares zuckte bei dem neuerlichen Schmerz nicht mal zusammen. Der Engel hatte das Gesicht vor Anstrengung verzogen. /Was tut er denn jetzt schon wieder?/ fragte sich Mares irritiert, dann spürte er die Auswirkungen von Lironais Heilkräften. Warme Energie durchfloss seinen ganzen Körper, sammelte sich in seiner Schulter und seinen Flügeln. Es fühlte sich verdammt gut an. Mares sah den Engel nicht nur er spürte auch seine Anwesenheit dicht neben sich, fast als wäre Lironai ein Teil von ihm. Als die Wunden geschlossen waren löste Lironai nur zögerlich die Verbindung.

Er ließ seine Hand auf Mares nun geheilte Schulter liegen. Lironai lächelte und Mares durchzuckte ein anderer Schmerz als körperlicher. Er würde ihn gehen lassen müssen, er hatte es Lironai versprochen. Mares hatte schon früher sein Wort gebrochen, doch diesmal war es etwas anderes. Lironai war schon einmal verraten worden, Mares wollte ihm das nicht auch noch antun.

Er rappelte sich auf. Lironai starrte ihn verwundert an. Mares starrte auf den Boden, er hatte nicht die Kraft in violette Augen zu sehen. "Ich...Danke." seine Stimme brach. Er hielt es nicht mehr aus. Mares trat einen Schritt zurück. Es hatte keinen Sinn. Er hatte keine Wahl. "Du kannst dir alles mitnehmen was du willst." flüsterte Mares.

Er hörte wie Lironai einen Schritt auf ihn zutrat. /Nein!! wenn du näher kommst werde ich mich nicht beherrschen können./ Mares trat noch einen Schritt zurück. Er sah die Wohnungstür in den Augenwinkel. Mares hörte wie Lironai noch einen Schritt auf ihn zuging. Jetzt hatte er nur zwei Wahlmöglichkeiten: Lironai greifen und für immer festhalten oder...

Mares wirbelte herum und riss die Tür auf. Seine Schwingen schrammten an der Wand entlang als er die Treppen hinab lief. Die Haustür hielt seine Flucht auf, aber nicht für lange. Mares ließ seine Schwingen verschwinden und stürmte weiter. Er wollte nur noch weg, um nicht sehen zu müssen wie Lironai ihn verließ.


- 6 -

Lironai starrte auf die geschlossene Wohnungstür. Mares hatte sie so schnell aufgerissen, dass sie an die Wand geschlagen war, dann von dem Rückstoss knallend ins Schloss fiel. Feine Risse auf der hellen Oberfläche waren von dieser Behandlung zu sehen. Mares Schritte im Treppenhaus verklangen, sie waren nun selbst für Engelohren nicht mehr wahrnehmbar.

/Er ist gegangen. Einfach so. Er hat sein Versprechen gehalten. Er hat mich einfach alleingelassen./ Lironai wusste nicht, ob er glücklich darüber sein sollte, dass er anscheinend dem richtigen vertraut hatte, oder eher traurig, weil er jetzt wieder ganz alleine war. Erstmal war er nur verwirrt.

Er hatte Mares' Angst und Trauer gespürt. Lironai war sich sicher, dass Mares um den Dämon trauerte, den sie hatten befreien wollen. Doch wovor hatte er Angst gehabt? /Vor mir? Er hat gesehen, was mit der Wächterin geschehen ist. Er hat sicherlich Angst vor mir. Dann wird mir nichts übrig bleiben, als zu gehen./ Lironai seufzte auf und riss sich von dem Anblick der Tür los. Er würde gehen, er wollte Mares nicht zur Last fallen, vor allem nicht, wenn dieser Angst vor ihm hatte. Tiefe Trauer erfasste ihn, er wusste nicht, woher sie kam, doch ließ er sie zu.

Lironai ging langsam wie ein Schlafwandler durch die Wohnung. Ihm kam alles so vertraut vor. Die großen Fenster, aus denen man immer die Sonne sehen konnte.

/Wann hat es begonnen?/

Die hellen Vorhänge, der Tisch, an dem sie so oft gegessen hatten.

/Wann habe ich aufgehört, mich vor ihm zu fürchten?/

Das Schlafzimmer, in dem er das erste Mal voller Angst erwacht war.

/Wann habe ich angefangen, ihm zu vertrauen?/

Lironai blieb vor dem Kleiderschrank stehen. Er war groß und ganz aus Holz, der Engel öffnete ihn, er besah sich, ohne es wirklich zu sehen, jedes Kleidungsstück, das Mares für ihn gekauft hatte.

/Wann habe ich aufgehört, ihn als Feind zu betrachten?/

Er nahm jedes heraus und legte es auf das Bett.

/Wann habe ich begonnen, ihn als Freund zu sehen?/

Lironai starrte auf das Bett.

/Warum?/

Er konnte keine Antwort auf seine eigenen Fragen geben. Sein Kopf war leer, es schien, als ob er alle Wünsche vergessen hatte.

/Er hat sein Versprechen nicht gebrochen./

Ein lautes Klingeln durchdrang die Stille der Wohnung. Lironai riss sich aus seiner Erstarrung und rannte zur Wohnungstür. /Mares ist wieder da./ Doch vor der Tür stand nicht Mares. Ein kleiner bleicher Junge stand in dem erleuchteten Treppenhaus. Er trug schwarze Kleidung, seine Haare waren blond, sie umrahmten das kleine beinahe weiße Gesicht. Alles an ihm war hell, bis auf die schwarze Kleidung und seine braunen Augen. Lironais Lächeln verblasste, als er erkannte wer vor ihm stand. "Guten Tag, Luke. Marcel ist nicht hier." Der Junge lächelte nicht. Das war eigentlich, das auffälligste an ihm, Lironai spürte keine Gefühle. Selbst seine Stimme klang glatt und emotionslos. "Ich wollte auch nicht zu Marcel, sondern zu dir. Ich glaube, ihr beide habt einiges zu klären.

Mares rannte durch die Stadt.

/Warum hat er mir geholfen?/

Er sah nicht, wohin er lief.

/Er hätte mich schon die ganze Zeit töten können./

Die verwunderten Blicke der Leute um ihn herum sah er nicht einmal.

/Warum wünsche ich, dass er bleibt?/

Mares Lungen begannen zu schmerzen, doch er verlangsamte seine Schritte nicht.

/Warum habe ich dieses dumme Versprechen gegeben?/

Seine geflochtenen Haare lösten sich langsam und wehten wie ein roter Schleier hinter ihm her.

/Warum bringt er mich so durcheinander?/

Keuchend blieb Mares an einer Wand gelehnt stehen.

/Warum?/

Langsam rutschte er an der Wand herunter und starrte blind vor sich hin.

Der Stadtteil, in dem Mares in der Zwischenzeit war, war ihm völlig unbekannt. Es war eine der übelsten Gegenden der Stadt. Mares bemerkte, dass die Sonne gerade unterging, doch er achtete nicht darauf. Er bemerkte auch nicht die Mülltonen um sich herum oder die kleine Gestalt, die sich ihm näherte.

Sie blieb genau vor ihm stehen und besah sich ihn kopfschüttelnd. "Marcel? Ich muss mit dir reden." Mares schaute auf. Er wollte dem Eindringling in seine Gedanken am liebsten angreifen. Ein kleines ernstes Gesicht blickte ihm entgegen, braungebrannt, mit blauen Augen, die ausnahmsweise mal nicht lächelten. Die schwarzen glatten Haare fielen wie ein Schleier um das Gesicht.

"Jana?!" Jana nickte, dann sah sie sich in der verfallenen Gasse um. "Wollen wir hier reden oder ein Stück gehen?" Mares wusste, dass er nicht wirklich eine Wahl hatte, er musste mit seiner kleinen Freundin reden. Schweigend rappelte er sich auf. Er schaute auf das kleine Mädchen herab. "Wie hast du mich gefunden?" Ein Lächeln huschte über Janas Gesicht. "Ich bin der Verwirrung nachgegangen."

Lironai hatte Luke herein gelassen, er wusste nicht wirklich warum, denn der Junge war ihm unheimlich. Jetzt saßen sie sich in der Küche gegenüber. Luke musterte den Engel genau. Lironais Gesicht wurde heiß. Ihm fiel ein, dass er weder eine Sonnenbrille trug, noch seine Rüstung abgelegt hatte /Wenigstens keine Flügel/ Er stand auf. "Möchtest du einen Tee oder so etwas?" Luke schaute ihn kurz an. "Setz dich wieder!"

Lironai bemerkte, wie seine Beine dem Befehl folge leisteten, noch bevor er wirklich darüber entscheiden konnte. Als Lironai sich an den Tisch gesetzt hatte, fuhr Luke mit der Musterung fort. Lironai stöhnte innerlich auf. Er sah an Luke vorbei aus dem Fenster. Die Sonne ging gerade unter, ließ ihn an Mares denken. Die roten Augen, die so lebendig wirkten, wie er sich vor ihn gestellt hatte, nur um ihn zu schützen. "Li?", fraß sich eine sanfte Stimme in seine Gedanken. "Warum bist du nicht bei Marcel?" Lironai starrte den Jungen einen Moment irritiert an.

/Marcel, wie er wohl zu dem Menschennamen gekommen ist?/ Dann zuckte er mit den Schultern. "Ich weiß es nicht." Luke sah ihn direkt in die Augen. Lironai wand sich etwas unter dem Blick, es war nicht unbedingt unangenehm, er hatte aber das Gefühl, er könne vor dem kleinen Menschen nichts verbergen. Schließlich blickte Lironai als erster weg. "Ich weiß es wirklich nicht!" murmelte er.

Luke seufzte. "Du weißt es. Du willst es nur nicht erkennen.", meinte er ernst. "Genauso wie sie." fügte Luke so leise an das Lironai es kaum verstehen konnte. Lironai stand auf. Er wollte dennoch Tee machen, nur um Lukes Blick auszuweichen. "Ich weiß nicht, was du meinst.", seine Stimme zitterte. Luke seufzte noch mal. "Li, bist du schon mal gefallen? Ich meine, hast du schon mal den freien Fall mit gemacht?"

Über Lironais Gesicht zuckte ein Lächeln, als er sich an den Tag erinnerte. "Ja.", flüsterte er leise. Jeder junge Engel versuchte dieses Spiel; so hoch zu fliegen wie möglich und dann einfach seine Flügel verschwinden lassen, kurz bevor man auf dem Boden aufschlägt, lässt man die Flügel wieder erscheinen. Es war eine Art Mutprobe, wie weit man herankam. Es gab wenige, die vergaßen ihre Flügel wieder erscheinen zu lassen. Sie starben einfach. Dieser Fall war gefährlich, aber er machte mehr Spaß als alles andere im Himmel.

Luke stand auf und stellte sich hinter den Engel. "Erinnerst du dich noch an das Gefühl, das du damals gehabt hattest?" Lironai nahm den Wasserkessel vom Herd. Er drehte sich um und blickte Luke direkt an. "Ja, ich erinnere mich daran." Lukes Augen sahen nicht mehr braun aus, in dem roten Licht der Abendsonne wirkten sie fast golden.

Lironai schluckte, doch er wandte den Blick nicht ab. "Wie war dieses Gefühl? Und wie ist das Gefühl, wenn du direkt in Marcels Augen schaust?" Lironai erstarrte. /Das Gefühl wenn man fällt? Mares? Es ist ähnlich. Aber etwas fehlt./ "Li? ich muss jetzt gehen." Lironai sah auf. Luke stand an der Küchentür, ausnahmsweise lächelte er. "Weißt du, für manche Dinge lohnt es sich zu fallen. Vor allem wenn man aufgefangen wird." Seine Augen leuchten golden. Luke hob grüßend die Hand und verschwand zur Tür hinaus.

Lironai starrte auf die Stelle, wo Luke vor kurzem gestanden hatte. /Für manche Dinge lohnt es sich zu fallen?/ Er hörte auf einmal wieder Stimmen aus der Vergangenheit.

>Gefallene Engel haben keinen Grund zum Leben...

Sie sind des Lebens nicht wert...

Gefallene Engel erleiden tausend Qualen...

Sie können nicht fliegen...

Es ist die höchste Strafe des Himmels....

Engel sind Geschöpfe des Lichts, Dämonen Geschöpfe der Dunkelheit,

gefallene Engel sind gar nichts...

Engel, die lieben, fallen<

Den letzten Satz hatte er öfter gehört als alles andere in seinem Leben. /Engel, die lieben? Dasselbe Gefühl wie der freie Fall. Was fehlt?/ Eine Erkenntnis traf Lironai. /Die Angst fehlt. Ich habe keine Angst, wenn ich bei ihm bin. Keine Angst Schwäche zu zeigen. Keine Angst mich so zu verhalten wie ich wirklich bin. Fallen ohne Angst. Dasselbe Gefühl? Engel, die lieben... Ich liebe ihn? Ich habe mich in einen Dämon verliebt? Nein. Ich habe mich in Mares verliebt./

Auf einmal hielt Lironai es nicht mehr in der Wohnung aus. Er sprang auf und rannte die Treppen hinunter. Er stürzte auf die Straße ohne auf die Menschen um sich herum zu achten. Lironai wollte nur noch den Dämon finden, seinen Dämon.

Eine Gestalt erschien an der Tür zu Mares Wohnung. Sie schüttelte kurz den Kopf und sah dem rennenden Engel hinter her. Dann drehte sie sich um und schloss die Wohnungstür. Leises Lachen und ein gehauchtes "Viel Glück." drang durch die Stille des Treppenhauses, bevor die Gestalt wieder verschwand.

Sie liefen schon eine Weile durch die immer dunkler werdende Stadt. Mares warf Jana immer wieder einen Blick zu. Ihre Kleidung war knallig bunt, wie sonst auch, nur ihr Schweigen irritierte Mares. "Wohin wollen wir denn gehen, Jana?" Sie sah ihn kurz an, dann schüttelte sie den Kopf. "Nur noch ein Stück, keine Sorge." Langsam kam Mares die Gegend wieder bekannt vor, was ihn nicht unbedingt beruhigte. /Warum treibt sich Jana in so einer Gegend rum?/ Doch er schwieg dazu, Mares wusste nicht genau, ob er das Mädchen nicht vielleicht erst hierher geführt hatte

"Marcel?", riss ihn plötzlich Janas Stimme aus seinen Gedanken. Sie war stehen geblieben und sah ihn ernst an. Dazu musste sie den Kopf in den Nacken legen, denn Jana reichte ihm gerade bis zur Hüfte. "Warum bist du so traurig?" Mares sah auf das kleine Mädchen zu seinen Füßen. Sie legte den Kop schief und sah ihn fragend an. Er seufzte, dann drehte er sich um und starrte ins Leere. "Ich habe heute eine jahrelange Hoffnung begraben müssen."

Langsam gingen die Straßenlaternen um sie herum an. "Nein. Das ist es nicht.", meinte Jana hart. Sie zog Mares an seinen Haaren, die immer noch Hüftlang waren. Mares fuhr herum und funkelte das Mädchen böse an. "Was soll es denn sonst sein?", zischte er /Was weißt du schon./ "Tut mir leid.", meinte Jana versöhnlicher. "Aber du bist mein Freund und ich möchte nicht, dass du trauerst." Sie zögerte einen Moment. "Manchmal tut die Wahrheit weh, aber eine Lüge ist meistens schlimmer." Sie drehte sich um und deutete auf eine Bank, die auf

der anderen Straßenseite stand. "Komm setzen wir uns, dann erzählst du mir, was dich wirklich traurig macht." Sie lief schon los und achtete nicht mehr auf Mares.

Mares hatte sich neben Jana gesetzt und starrte auf den Boden, leise begann er zu sprechen. Er war versucht seiner kleinen Freundin die ganze Wahrheit zu sagen. Doch das hätte ihr und sein Todesurteil sein können. "Ich habe Li vor 2 Wochen. na ja, man kann sagen ich habe ihn gefunden. Eigentlich ist er mein Feind, weißt du? Aber er hat Hilfe gebraucht und ich ehrlich gesagt auch. Ich habe ihm geholfen und versprochen, wenn er mir hilft, lass ich ihn wieder gehen. Er hat es versucht, wirklich versucht, doch es hat nichts genützt. Er hat mir nicht helfen können. Aber ich habe ihm versprochen, ihn gehen zu lassen und da er mir anscheinend nicht helfen kann, musste ich mein Versprechen halten.", seine Stimme verklang. "Du hast ihn gehen lassen?" Es war keine Frage, sondern mehr eine Feststellung. Mares nickte.

Jana seufzte genervt. "Marcel, es gibt Zeiten, in denen man auf sein Herz hören sollte.", meinte sie streng. Plötzlich kicherte sie los. "Meine Güte, ich höre mich schon an wie Lu. Aber meistens hat er Recht, na ja manchmal, wenigstens in diesem Fall."

Mares starrte immer noch vor sich hin. /Auf mein Herz hören? Wenn ich nur wüsste, was es zu mir sagt./ Jana stand auf und baute sich vor ihm auf. "Geh schon und such ihn. Frag ihn, ob er nicht bei dir bleiben will. Wenn ja, höre auf seine Worte und bringe sie mit deinem Herz in Verbindung. Dann wirst du verstehen, was es dir schon seit Wochen sagen will." Mares blickte auf. "Aber ich kann dich doch hier nicht alleine lassen.", meinte er ernst.

Jana schlug sich an die Stirn, sie sah aus, als würde sie gleich anfangen zu schreien. "Marcel, hier ist eine Bushaltestelle, falls du es noch nicht bemerkt haben solltest. Und falls du die Güte hättest dich umzudrehen, auf dem Plan hinter dir steht sogar, dass der Bus in 1 Minute kommt.", sagte sie so liebenswürdig wie möglich.

Mares schaute sich zum ersten Mal seine Umgebung wirklich an. Er hatte wirklich nicht bemerkt, dass sie an einer Bushaltestelle saßen. "Oh", bekam er nur heraus. Jana brach in lautes Gelächter aus.

"Mann Marcel, du bist unglaublich." Der Bus bog um die Ecke. Mares wollte nach seinem Geldbeutel greifen, um Jana wenigstens die Heimfahrt zu bezahlen. Mit Erschrecken entdeckte Mares, dass er noch immer seine Kampfrüstung trug. Mit einer kurzen mentalen Überprüfung, stellte Mares fest, dass er insgesamt noch die Dämonengestalt trug. /Wenigstens keine Schwingen/ dachte er seufzend, er drehte sich zu Jana um, um sich bei ihr für seinen Aufzug zu entschuldigen.

Doch das Mädchen war verschwunden, von dem Bus war auch nichts mehr zu sehen. Mares zuckte mit den Schultern, er machte sich keine Sorgen um die Kleine, er hatte ihr genug beigebracht um selbst mit einem Erwachsenen fertig zu werden. Wahrscheinlich war sie einfach in den Bus gestiegen und schon auf dem Weg nach Hause.

Mares setzte sich wieder auf die Bank, er verfiel in eine Starre. Sein Geist hatte seinen Körper verlassen. Es war nicht schwer, aber gefährlich, eigentlich tat man so etwas nur, wenn der Körper an einem sicheren Ort bewahrt wurde. Doch Mares hatte dafür keine Zeit und keine Geduld. Er wollte Lironai finden, noch bevor dieser zu weit weg gehen könnte. Mares vertraute Jana, ihre Ratschläge waren meist richtig. Auch wenn er sie nicht immer verstand, bis er sie ausprobiert hatte.

/Höre auf seine Worte und bringe sie mit deinem Herz in Verbindung. Selten etwas so seltsames gehört./ Sein Geist wanderte durch Straßen und Gassen der Stadt, schneller als er selbst mit Fliegen gewesen wäre. Mares suchte nach dem Engel, nach seinem Engel. Er wurde von etwas Bekanntem angezogen, wie eine Motte vom Licht. Immer schneller flog Mares auf es zu, bis er Lironai erkennen konnte.

Der Engel saß auf einer Bank, irgendwo in einem Stadtpark. Mares erkannt den Park in dem er Lironai zum ersten Mal die Sterne gezeigt hatte. Der Engel hatte gestaunt wie ein kleines Kind. Jetzt war nichts mehr von dieser Freude zu sehen. Tränen liefen über das schöne Gesicht des Engels. Sie glitzerten im Mondlicht. Mares wollte ihn berühren und trösten, er wollte den umbringen, der sein Engelchen fertig gemacht hatte. Innerhalb eines Wimpernschlages war Mares in seinem Körper zurück, er sprang auf. Mares stieß sich vom Boden ab und ließ ohne auf die Schmerzen zu achten seine Flügel in einem Augenblick wachsen. Er flog so schnell, wie er konnte um zu Lironai zu gelangen.

Zwei Gestalten erschienen neben der Bank. Eine schaute stirnrunzelnd in den Himmel, die andere betrachtete sie verliebt. "Waren wir jemals so verrückt?", fragte die Gestalt, die in den Himmel schaute. Die zweite Gestalt warf nun auch einen Blick auf den davon eilenden Dämon, dann drehte sie sich zu der anderen um. "Ja, wir waren so. Und eigentlich sind wir es noch immer.", meinte sie mit fester Stimme. Dann ging sie auf die andere Gestalt zu und nahm sie fest in die Arme. "Dafür bin ich gegangen.", murmelte sie in die Haare der Gestalt. Diese erwiderte die Umarmung fest. Sie lächelte sanft und fuhr mit den Händen über den Rücken der Gestalt. "Ja, und dafür bin ich gefallen." Langsam verblassten die beiden Gestalten, verschwanden wieder, woher sie gekommen waren.

Lironai saß in dem Park und starrte in den Himmel. Viele Sterne waren nicht mehr zu sehen, langsam zogen Wolken auf. Wäre der Engel mit dem Wetter auf der Erde vertrauter gewesen, hätte er das drohende Sommergewitter mit Sicherheit erkannt. So nervte es ihn nur, dass er die schönen Sterne nicht mehr sehen konnte. Wenn ihn das überhaupt interessierte.

Lironai hatte stundenlang nach Mares gesucht. Natürlich hatte er gleich am Anfang eine mentale Suche gestartet. Jedenfalls als er die Sinnlosigkeit seines Herumrennens eingesehen hatte. Aber er hatte ihn nicht finden können. Irgendetwas hatte Mares abgeschirmt. Jetzt war er vollkommen erschöpft und hätte nicht mal durch die einfachsten Schilde dringen können. Lironai stöhnte und fuhr sich mit den Händen übers Gesicht. Verwundert schaute er auf seine Handflächen, sie waren nass. /Woher kommt das Wasser?/

Auf einmal fuhr eine Hand sanft über seine Wange und wischte die Tränen fort. Lironai sah auf und erblickte Mares. Einen Moment setzte sein Herz aus, nur um dann mit der doppelten Stärke gegen seine Rippen zu hämmern. Lironai keuchte leise auf und schmiegte sich an die Hand an seiner Wange. "Du bist nicht gegangen.", flüsterte Mares leise. Lironai schaute ihn an, als ob er verrückt geworden wäre. /Wie hätte ich gehen können?/

Doch der Dämon wandte sich ab. "Wirst du hier bleiben?", flüsterte er leise. Lironai konnte seine Gefühle einfach nicht verstehen, Mares schien total durcheinander zu sein. Der Engel wusste nicht, wie er Mares alles klar machen konnte, was er selbst fühlte. Er kannte nur einen Weg für Empathen. Dieser wurde allerdings nie gegangen aus Angst sich zu verlieren. Doch Lironai hatte keine Angst mehr.

Er stand auf und trat an Mares heran. Er betrachtete den breiten Rücken vor sich, ließ die Hand sanft durch die langen roten Haare streifen. Mares erschauerte unter der Berührung, doch er drehte sich nicht zu dem Engel um.

Lironai schmiegte sich an Mares Rücken. Er schlang die Arme um ihn und hielt ihn fest. Dann öffnete er seinen Geist um Mares alles spüren zu lassen, was er selbst fühlte. Lironai empfing und sendete gleichzeitig. Dennoch hatte er nicht das Gefühl sich selbst zu verlieren, eher im Gegenteil. In Mares etwas zu finden, was ihm bisher gefehlt hatte, ohne dass er es überhaupt wusste.

Mares hielt die Luft an, als er die Umarmung des Engels fühlte. Als Lironai ihn seine Gefühle spüren ließ, keuchte Mares auf. Er spürte bei dem Engel dasselbe, was auch er empfand. Nur Lironai übertrug ihm auch einen Namen dafür. /Liebe?/

Langsam, beinahe zaghaft löste Lironai die Verbindung wieder. Er hatte seine empathischen Fähigkeiten mit dieser Aktion verloren, sie alle auf einmal eingesetzt. Er taumelte zurück.

Mares drehte sich blitzschnell um und hielt den Engel fest. Er drückte ihn an sich, als wolle er ihn nie wieder loslassen. Lironai schaute nach oben, er fühlte wie sein Herz einen kleinen Freudensprung machte. Auch ohne emphatische Fähigkeiten war Mares Gesichtsausdruck überdeutlich. Mares beugte sich herab und ihre Lippen berührten sich, unsicher und flüchtig wie Schmetterlingsflügel. Mares schaute auf seinen Engel herab, er sah das Glück, das in Lironais leicht verschleierten Blick stand, spürte dasselbe Glück in sich. Wieder fanden sich ihre Lippen und diesmal lösten sie sich lange nicht mehr von einander.

Weit oberhalb des Parks erschienen zwei Gestalten. Sie standen genauso eng umschlungen, wie die beiden unter ihnen. "Eine seltsame Lösung hat Li-chan gefunden.", flüsterte die erste. "Ja. Aber eine wirkungsvolle.", meinte die zweite. Sie warfen einen Blick auf die Liebenden unter sich. "Du darauf hätte ich jetzt auch Lust.", murmelte die eine. "Du hast immer darauf Lust.", flüsterte die andere und gab der ersten Gestalt einen langen Kuss. "Aber wir haben jetzt keine Zeit dafür.", wehrte sie bedauernd ab. Die erste Gestalt seufzte. "Warum müssen sie es uns immer so schwer machen?", fragte die erste. Die zweite Gestalt sah auf den Dämon und den Engel herab. "Warum müssen unsere Kinder es sich selbst immer so schwer machen?", flüsterte sie traurig. Die andere Gestalt seufzte. "Es gibt Dinge, die selbst wir nicht ändern können.", sagte sie bedauernd. Die beiden Gestalten verschwanden.

Mares sah glücklich auf den Engel, seinen Engel. Lironai hatte die Augen geschlossen. Mares beugte sich herab und gab ihm noch einen Kuss. Er ließ seine Zunge leicht über Lironais Lippen gleiten, der öffnete sie fast sofort. Sanft fuhr Mares über die Zahnreihen, glitt dann tiefer in die Mundhöhle ein. Ihre Zungen begannen miteinander zu spielen. Es dauerte lange, bis sie sich wieder von einander lösen konnten. "Vielleicht sollten wir nach Hause gehen.", flüsterte Mares rau. Lironai grinste. "Dasselbe wollte ich gerade auch vorschlagen.", meinte er leise. Eng umschlungen liefen sie nach Hause immer wieder vom Küssen unterbrochen. An einer Ampel verpassten sie zwei Grünphasen ohne es wirklich zu bemerken.

Als sie am Haus ankamen fluchte Mares leise. Er trug noch immer seine Rüstung und in der hatte er mit Sicherheit keinen Schlüssel. Mares sah Lironai fragend an, doch dieser schüttelte bedauernd den Kopf. "Gomen", meinte er leise. "Ich hab nicht nachgedacht. Ich wollte dir einfach nur hinterher." Mares gab ihm einen langen Kuss. "Macht nichts, Li-chan.", flüsterte er. Er drehte sich zur Tür um und sammelte seine Magie.

"Li-chan?" fragte Lironai hinter ihm mit hoch gezogener Augenbraue. Mares grinste, seine Augen leuchteten rot auf. Langsam ließ er seine Magie in das Sicherheitsschloss fließen, suchte die richtige Druckstelle. Die Tür ging mit einem Klicken auf. Mares drehte sich zu seinem Engel um. "Li-chan passt zu dir.", meinte er und erstickte jeden Widerspruch mit einem Kuss, gegen den Lironai gar nichts einzuwenden hatte. "Wie hast du das gemacht?", fragte er leise. Mares lächelte. "Ich bin eben ein Dieb." Lironai zog die Augenbraue hoch, er wusste nicht, ob es ihm gefiel, aber im Moment war es unbestreitbarer Vorteil.

Vor der Wohnungstür versuchte Mares dasselbe. Hier war es wesentlich schwieriger. Er hatte nicht wenige Sicherheitsschlösser an der Tür. Außerdem störten Lironais Hände seine Konzentration, weil sie immer wieder über seinen Körper glitten. Schließlich bekam er die Tür auf. Mares verbeugte sich tief und ließ Lironai den Vortritt. Lironai lachte ihn an und streifte ihn im Vorbeigehen.

Mares folgte ihm dichtauf. Die Wohnung war dunkel, nirgends war ein Lichtschimmer zu sehen. Mit einem Fußtritt schloss Mares die Tür. Er drehte sich zu Lironai um und sah, dass er erschrocken ins Wohnzimmer starrte. Mares runzelte die Stirn und trat neben seinen Engel. Das Wohnzimmer war verwüstet. Der Computer eingeschlagen, der Tisch zerbrochen, die Regale von den Wänden gerissen, überall lagen Teile der Couch verstreut, das Fenster war eingeschlagen und kalte Nachtluft strömte durch die Öffnung.

Zwischen den Trümmern standen Engel. Es waren keine Cherub, es waren Seraphin, stärker und mächtiger als Cherubin. Lironai schluckte hart. Wie versteinert starrte er einen der Engel an. Mares folgte seinem Blick, der Engel fiel auf. Er wollte auffallen, das sah man deutlich. Seine blonden welligen Haare waren wie ein Heiligenschein um sein Gesicht drapiert, sie flossen über den Rücken, bis fast auf den Boden. Seine Kleidung bestand aus schillernden Stoffen. Seine Gestalt war groß, beinahe so groß wie Mares, die Gesichtszüge fein geschnitten, die hellgrünen Augen blitzten. Er wäre wunderschön gewesen, doch Mares spürte eine Kälte von ihm ausgehen, die er nicht verstand.

Lironai beachtete die Seraphin nicht. Sie würden sich nicht bewegen, bis Eonai den Befehl dazu geben würde. Er trat einen Schritt nach vorn auf den schönen Engel zu, damit ging er auch einen Schritt von Mares weg, was ihm schmerzlich bewusst wurde. Er schaute dem Engel direkt in die Augen, die genauso kalt waren, wie er sie kannte. "Bist du gekommen um zu beenden, was du begonnen hast, Eonai? Oder soll ich dich jetzt Gabrilai nennen?"

Lironai hörte, wie Mares hinter ihm aufkeuchte. /Früher wäre dir das nicht passiert. Habe ich dich so schwach gemacht?/ Er wandte den Blick nicht von seinem Bruder. Eonai lächelte sanft. "Ich bin hier um dich aus den Klauen dieses Dämons zu befreien. Und um dir zu verzeihen. Komm zu uns zurück, Bruder."

Lironai besah sich seinen Bruder genau. Er war so schön wie eh und je, doch Lironai bemerkte kleine Anzeichen von Müdigkeit. Außerdem schien er unsicher zu sein. Lironai vermisste seine empathischen Fähigkeiten nicht, auch diese konnte man täuschen, und Eonai hatte bewiesen, dass er es konnte. Lironai lächelte kalt. "Du bietest mir an ins Himmelreich zurück zu kehren? Mit all meinen Rechten?", fragte er interessiert.



- 7 -

Mares gefiel der Verlauf des Gesprächs nicht. Er wollte Lironai nicht an seinen Bruder verlieren, vor allem weil er Eonai nicht traute. Der schöne Engel war kalt wie Eis. Eonai seufzte, er sah tatsächlich ein wenig gequält aus. "Ich verzeihe dir, dass du vor mir geflohen bist. Warum solltest du mir verzeihen?"

Er zuckte mit den Schultern. "Ich habe nur getan, was nötig war. Wenn der Alte nicht gestorben wäre, hätte ich nie an die Macht gekonnt, es war nur logisch. Leg den ersten Herrscheranspruch ab und komm mit mir. Das Leben als zweiter Prinz ist angenehmer als das auf der Flucht. Es wäre logischer."

Er betrachtete Mares mit einem Blick. "Ich weiß, du kannst nichts für die Sache im Kerker. Dieses Vieh hat dich dazu gezwungen. Aber keine Sorge, er wird bald selbst in den Kerkern landen. Du musst ihn nie wieder sehen." Seine Worte spotteten seiner sanften Stimme.

"Keine Angst, Onii-san, jetzt bin ich für dich da, lass uns in den Himmel zurückkehren, du bist jetzt frei von diesem ekelerregenden Geschöpf." Mares erstarrte, nicht wegen der Beleidigung, sondern aus Angst Lironai könnte das Angebot annehmen. /Es wäre besser für ihn. Es wäre besser für ihn. Es wäre besser für ihn./ Alles Einreden nutzte nichts. #Geh nicht!#, schrie er aus voller Kraft mit seinem Geist.

#Keine Angst. Ich bleibe bei dir.# Hatte er das nur gehört oder war es wirklich Lironais Stimme in seinem Kopf gewesen?

Lironai wäre beinahe unter dem mentalen Schrei von Mares zusammen gezuckt. Er konnte sich gerade noch zurück halten. Er beobachtete seinen Bruder, wenn Eonai ihn wirklich zurück in den Himmel holen wollte, dann mussten die Engel ihn nicht akzeptiert haben. Eonai lächelte noch immer auf seine sanfte verlogene Art, er hatte also nichts von der Verbindung von Mares und ihm mitbekommen. Lironai lächelte seinen Bruder an.

"Ich danke dir, Gabrilai, für dieses großartige Angebot. Es wäre wirklich logischer in den Himmel zurück zu kehren." Sein Bruder wirkte erleichtert. "Das Vieh, das dich gefangen gehalten hat, können wir später noch töten. Komm her zu mir, Onii-chan." Es war keine Bitte, sondern mehr ein Befehl. Lironais Lächeln blieb in seinem Gesicht, auch wenn er innerlich aufschrie.

Er nickte seinem Bruder zu. Lironai machte nur einen kleinen Schritt nach vorne, Eonai kam einige Schritte auf ihn zu. Sein Bruder hatte ein siegessicheres Lächeln auf dem Gesicht. Lironai hielt den Blick gesenkt, er wusste, dass es seinem Bruder gefiel ihn schwach zu sehen. Eonai streckte die Hand aus und Lironai ergriff sie. Sein Bruder grinste. /Nicht mehr lange. Arschloch!/

Lironai zog ihn näher zu sich, als wolle er ihn umarmen. Plötzlich hob er das Knie und rammte es in Eonai Genitalien. Sein Bruder keuchte auf, er hing auf einmal schwer in Lironais Armen. Lironai lächelte. "Es war unlogisch, mich zu unterschätzen. Es war unlogisch, zu glauben, ich käme freiwillig in ein verdammtes Gefängnis zurück, nachdem ich die Freiheit gespürt habe.", flüsterte er seinem Bruder zu. Dann ließ er ihn einfach los. Eonai glitt zu Boden, er hob den Kopf. Sein schönes Gesicht war schmerzverzerrt. "Warum?", keuchte er.

Mares hatte verwundert zugesehen. Der lose Stoff von Eonais Umhang hatte Lironais Aktion verborgen. Sein Engel drehte sich zu ihm um. #Jetzt sollten wir schnell verschwinden.#, meinte Mares beinahe belustigt. Lironai warf einen besorgten Blick auf seinen Bruder. #Ich sollte seine Frage nicht unbeantwortet lassen#, sendete er leise.

#Wir sind hier nicht allein#, warnte Mares mit einem Blick auf die anderen Engel. #Keine Sorge, sie werden erst etwas tun, wenn Eonai es sagt.#, versuchte Lironai ihn zu beruhigen. Er drehte sich wieder zu seinem Bruder um und lächelte nachsichtig wie zu einem kleinen Kind, das einfach nicht weiß, was gut für es ist. Eonai hatte sich langsam auf alle Viere aufgerappelt. "Eonai?", fragte Lironai genauso sanft, wie er vorher mit seinem Bruder geredet hatte. Eonai hob den Blick, Tränen liefen über sein Gesicht.

Lironai wusste nicht, ob wegen des körperlichen Schmerzes, oder weil er jetzt der Verratene war. Eonai gab den Seraphin kein Zeichen zum Angriff, er sah seinen Bruder einfach nur fragend an. "Willst du eine Antwort?", fragte Lironai sanft. Sein Bruder nickte.

Lironai seufzte. Er schloss die Augen und ließ seine Flügel wachsen. Mares starrte sie an, Lironais Flügel waren nicht mehr strahlend weiß. Vom Flügelansatz bis zu den Spitzen zogen sich dünne violette Bahnen. Jede einzelne Feder hatte ihren Schimmer verloren. Nur die violetten Bahnen schimmerten noch, sie hatten die gleiche Farbe wie seine Augen.

Eonai keuchte erschrocken auf. Selbst die Seraphin schienen verwundert zu sein. Mares trat neben Lironai, er strich sanft mit der Hand über die Flügel. "Li-chan? Was ist geschehen?“, fragte er erschrocken. Eonai starrte den Dämon hasserfüllt an. "Er ist gefallen", schrie er plötzlich auf, "deinetwegen ist er gefallen.", kreischte er.

Jetzt kam Bewegung in die Seraphin, was sie mit gefallenen Engeln tun sollten, wussten sie. Zwei stürmten nach vorne, um sich auf Lironai zu stürzen, die anderen drei stellten sich um Eonai herum, um ihn zu schützen. Mares ergriff Lironai an den Schultern und stieß sich vom Boden ab. Er sprang auf das Loch zu, wo vor kurzem noch ein Fenster gewesen war.

Lironais Federn wurden an seiner Brust zerdrückt, aber er hätte sie ohnehin nicht nutzen können. Die Seraphin schauten ihnen nur einen kurzen Augenblick hinter her, normalerweise können gefallene Engel nicht fliegen, so hatten sie nicht mit einer Flucht durch die Luft gerechnet. Doch bald stießen auch sie sich vom Boden ab und flogen den beiden Fliehenden hinter her. Zwei Engel blieben zum Schutz bei Eonai zurück.

Mares versuchte so schnell zu fliegen, wie es ihm möglich war. Lironai hatte in der Zwischenzeit seine Flügel wieder verschwinden lassen. Er klammerte sich an Mares Hals und versuchte sich so leicht wie möglich zu machen. Mares atmete bereits schwer, das ungewohnte Gewicht des Engels machte ihm zu schaffen. #Tut mir leid.#, flüsterte Lironai leise in seinen Gedanken. #Warum hast du mir nicht gesagt, dass du fällst?#

Mares fand das es wesentlich einfacher war in Gedanken zu sprechen, als gegen den Wind anzukämpfen, der einem jedes Wort von den Lippen riss. Lironai schwieg einen Moment, er reckte sich ein Stück, um über Mares Schulter zu schauen, was er dort sah, ließ ihn erschauern. #Was hättest du denn dann getan?#, fragte er dann leise. #Ich weiß es nicht. Vielleicht wäre ich weggegangen, damit du nicht fällst.# Lironai seufzte, er schmiegte sich dichter an die Brust des Dämons. #Dann weißt du, warum ich nichts gesagt habe.# Seine Worte klangen voller Liebe.

Mares seufzte, er hatte eigentlich schon gewusst, was sein Engel ihm antworten würde. Er schaute auf das angespannte Gesicht Lironais herunter. #Wie lange?#, flüsterte er leise. Lironai reckte sich noch einmal. #Bald. Sie sind wesentlich schneller. Wenn ich es dir sage, lass dich fallen, einer spannt einen Bogen.# Mares nickte, er hatte nicht erwartet, dass sie mit ihrer Flucht viel erreichen würden. Seraphine gaben ihre Seele für den Kampf. Sie konnten keine eigenen Entscheidungen mehr fällen, dafür waren sie die besten Kämpfer, die es gab.

#Runter!!#, rief Lironai. Mares legte seine Schwingen dicht an den Körper und ließ sich fallen. Sie stürzten gemeinsam dem Boden entgegen. Mares hörte einen Pfeil dicht über ihnen vorbei rauschen, er hatte nicht einmal die Gefahr spüren können, so schnell hatten sie geschossen. Lironai presste sich dicht an ihn.

Mares breitete seine Schwingen aus, doch das zusätzliche Gewicht machte es ihm unmöglich weiter zu fliegen. Der Dämon schaffte es ihren Sturz zu bremsen, doch höher steigen konnte er nicht. #Li, wir haben ein Problem.# Lironai hob den Kopf und sah in Mares rote Augen. #Ich weiß.#, flüsterte er.

Plötzlich schrie er auf, Mares drehte sich um. Er spürte einen scharfen Schmerz im Flügel. Er schlug verzweifelt mit ihm, doch der Pfeil hatte zu tief getroffen. Hätte Lironais Schrei ihn nicht gewarnt, wäre Mares genau in den Rücken getroffen worden. #Sie verstehen ihr Handwerk#, keuchte er auf. Nun glitten sie nicht mehr sanft zur Erde, sondern fielen wie Steine, die Seraphin dicht hinter ihnen.

Lironai versuchte noch im Fallen den Dämon zu heilen, aber er hatte nicht genug Zeit dafür. Mares schlang seine gesunde Schwinge um Lironai, um ihn vor dem Aufprall zu schützen. Die andere ließ er verschwinden, damit sie nicht auch noch brach. Mares schloss die Augen, er wollte den Boden nicht auf sie zurasen sehen. Lironai wimmerte auf und Mares presste ihn noch fester an sich. Sie würden sterben, dessen war er sich sicher. /Wir sind zu hoch geflogen, jetzt fallen wir um so tiefer./ #Ich liebe dich#, flüsterte Mares seinem Engel zu. #Ich liebe dich auch und ich bereue nichts#, hörte er Lironais Worte in seinem Geist. Es waren die letzten Worte, die er hören konnte.

°°°*°°°

Blinzelnd schlug Lironai die Augen auf. Alles um ihn herum war angenehm warm. Er fühlte sich erfrischt und ausgeruht, gleichzeitig noch müde genug, um einfach liegen zu bleiben. Glücklich kuschelte sich der Engel an die Gestalt, die bei ihm lag. Mit halb geschlossenen Augen betrachtete er den Dämon.

Mares lag friedlich schlafend da. Seine Haare waren immer noch rot, allerdings nur schulterlang. Sein Gesicht war mehr das eines Menschen als das eines Dämons. Lironai beugte sich vor und gab ihm einen leichten Kuss. Er kuschelte sich wieder an die nackte Brust des größeren. Lironai schloss die Augen und wollte wieder einschlafen. Plötzlich fiel ihm die letzte Nacht ein. Entsetzt riss er die Augen auf und richtete sich auf. /Wir müssen tot sein./ Erschrocken sah er sich um.

Das Zimmer war groß, beinahe so groß wie Mares Wohnzimmer. Zu beiden Seiten des Raumes gab es Fenster. Sie waren genau neben dem Bett, fast so groß wie Lironai selbst. Durch eines fiel der Schein der Morgensonne auf das Bett, auf dem sie lagen. In der Ecke des Zimmers stand ein Kleiderschrank, er war aus hellem Holz und ohne jede Verzierung. Überhaupt war das ganze Zimmer ohne irgendwelchen Schnickschnack. Beinahe so als wäre es nur für Gäste, oder als müsste es noch eingerichtet werden.

Eine Holztür führte aus dem Raum, sie war genau gegenüber dem Bett. Lironai blicke noch einmal auf den schlafenden Dämon. Der Sonnenschein würde bald sein Gesicht erreichen, dann würde er aufwachen, dessen war Lironai sich sicher. Er wunderte sich kurz, warum Mares überhaupt noch schlief. Eine schreckliche Ahnung kam Lironai. Er beugte sich nach vorne und legte seinen Kopf auf Mares Brustkorb. Der gleichmäßige Herzschlag und die ruhigen Atemzüge beruhigten ihn.

Leise stand Lironai auf. Er ging einige Schritte vom Bett weg und betrachtete das Bild, das sich ihm bot. Das Bett war riesig, es nahm die gesamte Wand ein. /Da ist Platz für vier Personen./ Die Bettwäsche war hell, aber nicht weiß. Mares hob sich deutlich von ihr ab, etwas grummelnd rollte er dort hin, wo Lironai gerade noch gelegen hatte. Lironai grinste leicht und drehte sich dann um, um das Zimmer genauer unter die Lupe zu nehmen.

Der Kleiderschrank stellte sich nach einer kurzen Überprüfung als gefüllt heraus. /Unsere Kleidung?/ Lironai zog die Stirn kraus. Er ging zum Fenster und sah hinaus. Erst konnte er gar nichts erkennen, die helle Sonne blendete ihn. Dann sah er einen schönen Garten. Überall standen Nutzpflanzen und Blumen, alles gab ein schrecklich idyllisches Bild ab.

Lironai starrte eine Weile erwundert nach draußen. /Ich würde sagen, wir sind im Himmel. Aber ich kenne den Himmel und er ist grässlich./ Nachdenklich drehte er sich um und umrundete das Bett. Das Bild im anderen Fenster war genauso friedlich. Eine Wiese erstreckte sich einige Meter weit, bis ein Wald anfing. Lironai runzelte die Stirn. Es war wunderschön, unbestritten, aber konnte es wahr sein? Durfte er hoffen?

"Li?" Eine leise Stimme ließ ihn herum fahren. Mares hatte sich aufgerichtet. Er betrachtete den Engel versonnen. Lironai war nackt und einfach wunderschön. Der Engel schaute an sich herunter und bemerkte anscheinend erst jetzt seine Natürlichkeit. Er errötete leicht. Mares lächelte seinem schüchternen Engel zu. Er erhob sich und ging auf Lironai zu.

Mares war genauso nackt wie der Engel, doch ihn störte es nicht. Sanft nahm er Lironai in die Arme. Sacht küsste Mares seinen Engel. #Ich würde das ja gerne ausnutzen. Aber ich glaube, wir sollten erstmal herausfinden, wo wir sind und warum wir noch leben#, meinte er bedauernd, dann löste er sich wieder von dem Engel.

Lironai wurde bei den Worten noch röter. Er drehte sich schnell zum Kleiderschrank um. Er verschwand halb hinter der Tür, was Mares den Blick auf seine Kehrseite versperrte. Der Engel kam wieder hervor, mit einem langen T-Shirt bekleidet und weiteren Sachen auf dem Arm. Mares runzelte die Stirn. "Das sind ja unsere eigenen.", meinte er nachdenklich. Unsicher zog er sich an. Lironai griff nach seiner Hand.

Er blickte entschuldigend zu Mares auf. #Tut mir leid.#, murmelte er leise. #Ich brauche jetzt deine Nähe.# Mares Lächeln wurde weicher, er zog Lironai dichter zu sich. #Dafür brauchst du dich nicht entschuldigen, Engelchen, ich brauche deine genau so.# Er ging zur Tür, eine Hand noch immer um Lironai geschlungen. Mares griff nach der Türklicke. "Bereit?", fragte er leise. Lironai nickte nur. Mares drückte die Klinke herunter und schob langsam die schwere Holztür auf.

Er wusste nicht, womit er gerechnet hatte, vielleicht mit einem grinsenden Tod vor sich, vielleicht mit seiner alten Stadt, aber mit Sicherheit nicht mit einem alten Gang, der aussah, als würde er zu einem Bauernhaus gehören und leiser Musik. Kaffeeduft durchströmte das Haus, irgendwo lachte jemand leise auf, Stimmen waren zu hören, zu leise, um sie zu verstehen. Durch eine offen stehende Tür fiel Licht in den Gang, von dort her kamen auch die Stimmen, die Musik und der Kaffeeduft. Weitere Türen zweigten von dem Gang ab, alles war grob weiß verputzt, die Türen in helles Holz gehalten.

Mares schaute auf Lironai herab. Der Engel zuckte nur mit den Schultern. Er schaute zu Mares auf. #Gehen wir nachschauen?# Mares nickte. Sie gingen auf die geöffnete Tür zu. Hier draußen waren mehr Verzierungen als in dem Zimmer, in dem sie aufgewacht waren. Überall hingen Bilder und standen kleine Statuen, manches war Dämonen-, manches Engel- und anderes Menschenkunst. Aber alle hatten eines gemeinsam, wie Mares schnell bemerkte, alle stellten Personen dar.

Die meisten lachten, manche wirkten nachdenklich, doch keiner war unglücklich. #Wo auch immer wir sind, es scheint hier schön zu sein.#, sendete er. Lironai nickte, er betrachtete eines der Bilder nachdenklich.

#Der Dämon darauf erinnert mich an dich.#, murmelte er. Mares schaute auf das Bild. Ein Dämon, der in den Armen eines Engels hielt, lächelte glücklich dem Betrachter entgegen. Es war eine Fotographie, wahrscheinlich von einem Menschen gemacht. Mares erkannte den Dämon sofort, obwohl er ihn seit Dekaden nicht mehr gesehen hatte. "Raneck", flüsterte er kaum hörbar. Lironai schaute ihn überrascht an. Mares betrachtete das Bild eine lange Zeit, dann drehte er sich zu seinem Engel um. "Lass uns heraus finden, was das hier soll.", meinte er fest. Doch Lironai spürte, wie sich die Hand um seine Hüfte verkrampfte. Mit schnellen Schritten gingen sie nebeneinander zu der offenen Tür.

Der Raum ging nach Osten. Die Morgensonne fiel auf den riesigen Tisch in der Mitte des Zimmers. Zwei Gestalten saßen eng umschlungen auf dem Tisch, die Sonne stand direkt hinter ihnen, so dass Mares ihre Gesichter nicht erkennen konnte. Eine Frau saß auf einem Stuhl neben ihnen, sie hatte die Arme auf der Tischplatte verschränkt und den Kopf darauf gelegt. Sie beobachtete eine weitere Frau die am Herd stand und gerade Frühstück machte. Es war anscheinend eine Küche. Mares fragt sich unwillkürlich, wie viele Leute hier leben mochten, denn an dem Tisch hatten mindestens 26 Personen Platz. Er trat einen weiteren Schritt in die Küche hinein, um die Leute auf sich aufmerksam zu machen.

Auf einmal hob eine der Gestalten auf dem Tisch den Kopf. Sie stieß die andere an. Diese schaute kurz zu ihr, dann zur Tür. Mit einem Freudenschrei sprang sie auf und rannte auf Mares zu. "Mares, ich bin so froh, dass ihr beide es geschafft habt.", rief sie und schlang ihre Arme um seine Leibesmitte. Mares starrte auf das Kind herab.

"Jana?" Sie löste sich wieder von ihm und lachte ihn an. Die andere Gestalt hatte sich in der Zwischenzeit auch zu ihnen gesellt. Es war Luke. Er lächelte den Dämon und den Engel an. "Sie hat Recht, kaum einer hat so lange gebraucht, um zu begreifen wie ihr." Mares starrte die Kinder an. "Was tut ihr hier?", fragte er völlig entsetzt.

Die Frau am Herd lachte. Luke schaute sie wütend an. "Komm schon, Sophie, ihr beide habt euch nicht anders verhalten.", meinte er leicht gereizt. Die Frau am Tisch stand auf und schaute ihn verzeihungsheischend an. Doch Luke lächelte schon wieder. Die Frau trat zu Sophie und nahm sie in den Arm, sie flüsterte ihr etwas ins Ohr und die beiden verschwanden zur Tür hinaus.

Jana seufzte kurz. "Setzt euch erstmal. Wir werden versuchen, euch die Sache zu erklären." Sie ergriff Mares Hand und zog ihn zum Tisch. Er ließ Lironai nicht los, sondern zog ihn mit auf seinen Schoß. Jana betrachtete die Szene lächelnd. Sie schaute verliebt zu Luke. Die beiden setzten sich wieder auf den Tisch. "Was wollt ihr zu erst wissen? Was geschehen ist oder warum es geschehen ist?"

"Wie wär’s mit beidem?" fragte Lironai und kuschelte sich näher an Mares.

Luke nickte. "Es ist wohl das Beste, wir fangen mit unseren wirklichen Namen an. Dann werden schon einige Fragen beantwortet sein. Ihr echter Name ist Jahwe, meiner lautete Luzifel, aber den habe ich freiwillig abgelegt, heute nenne ich mich selbst Luzifer." Mares starrte die beiden Kinder an. /Gott und Satan?/

Jahwe und Luzifer schwiegen. "Wo sind wir?", fragte Mares schließlich. "In einer anderen Dimension. Sie ist eine Mischung aus Himmel, Hölle und Erde. Als wir in Assiah ankamen gefiel uns dieser Ort. Er war genau das, was wir gesucht hatten.", begann Jahwe zu erzählen. Sie schaute kurz zu Luzifer und er sprach nahtlos weiter. "Wir versuchten diese Welt zu kopieren und selbst etwas so schönes zu erschaffen. Ich habe die Hölle gemacht. Das Ergebnis habt ihr ja erlebt. Nicht besonders berauschend." Er klang tatsächlich etwas traurig.

Jahwe legte ihm die Hand auf die Schulter. "Ich hab den Himmel geschaffen. Etwa zur gleichen Zeit. Er war genauso falsch. Wir dachten, es würden einfach Lebewesen fehlen, die unsere Reiche schön machen würden.

So wurden Engel und Dämonen erschaffen, nach dem Abbild der Menschen. Wir wollten beide besser sein als der andere.

Deswegen haben wir so oft gegen einander gekämpft." Sie seufzte leicht. Luzifer schlang einen Arm um Jahwes Gestalt, er lächelte sie verliebt an. "Wir haben verdammt lange gebraucht, bis wir bemerkt hatten, warum wir den anderen unbedingt beeindrucken wollten." Er schaute wieder zu dem Engel und dem Dämon. "Wir haben versucht, es unseren Kindern zu sagen. Aber weder Dämonen noch Engel wollten auf uns hören. Sie hatten schon ihre eigenen Regeln aufgestellt. Also sind wir gegangen." Man hörte den leichten Vorwurf gegen sich selbst deutlich in seiner Stimme. Jana drückte ihn an sich.

"Wir haben Jahrhunderte lang versucht, diese Welt hier aufzubauen. Sie ist beinahe so schön wie Assiah. Sie war unser Zufluchtsort. Irgendwann haben wir die ersten gefunden, die genauso auf der Flucht waren wie wir. Seitdem laden wir alle Engel und Dämonen, die sich verliebt haben, zu uns ein. Natürlich mit ihren Partnern, ob Mensch oder ein anderes Wesen. Wir haben es geschafft, dass hier alle beinahe ewig leben. Euch beide haben wir schon eine Weile lang beobachtet. Dennoch wären wir am Ende fast zu spät gekommen. Kurz bevor ihr auf dem Boden aufgeschlagen seid, haben wir ein Tor geöffnet. Luzi hat euch hierher gezogen und ich habe euch geheilt. Hier seid ihr in Sicherheit." Sie schaute etwas betreten drein. "Natürlich nur, wenn ihr bleiben wollt."

Lironai stand auf. Er warf einen langen Blick auf Luzifer und Jahwe. "Lasst uns einen Moment Zeit, bitte." Jahwe nickte. "Ihr könnt in euer Zimmer zurück, wenn ihr länger reden wollt. Es ist eine Entscheidung für immer.", meinte sie. Mares stand auf und schaute auf seine langjährige Freundin herab. Er nickte den beiden Kindern auf der Tischplatte kurz zu und drehte sich um. Lironai war schon vorgegangen.

An der Tür blieb Mares stehen und schaute zurück. "Ist mein Bruder auch hier?", fragte er leise. Jahwe nickte. "Er konnte nicht zurück, ihr könnt auch nur noch ein Mal zwischen dieser Welt und Assiah hin und her reisen. Dann bleibt ihr für immer in der Welt, die ihr gewählt habt. Es tut uns leid, aber unsere Kraft reicht nicht aus, um die Tore öfter zu öffnen, ohne dass diese Welt zusammenbricht. Ich wünschte, es wäre anders.", meinte sie leise. Mares drehte sich um und ging in das Zimmer zurück. Er fand Lironai auf dem Bett liegend vor.

Der Engel starrte an die Zimmerdecke. Mares beugte sich über ihn. #Li-chan? Was wirst du tu?# Er versuchte so wenig ängstliche Hoffnung in seine Stimme zu legen wie möglich. Lironais Augen fokussierten Mares Gesicht. Lächelnd hob er den Kopf und gab Mares einen sanften Kuss. #Was wirst du tun, Koi?#, fragte er leise. Mares seufzte, er rollte sich neben den Engel und kuschelte sich nah an ihn.

#Es ist unfair, eine Frage mit einer Gegenfrage zu beantworten, ich habe zuerst gefragt#, murmelte er leise. Er hatte das Gefühl, selbst ein lauter Gedanke würde die Ruhe in dem Zimmer zerstören. #Ich weiß es nicht.#, antwortete Lironai.

#Ach Mares, sie haben uns belogen. Du weißt, wie allergisch ich darauf reagiere.# Lironai schwieg wieder, er starrte weiter an die Decke. #Die beiden bieten uns den Himmel an.#, meinte Mares ernst. #Was ist mit denen, die zurückbleiben?#, fragte Lironai.

Mares konnte nicht sehen, was er dabei dachte. Er seufzte. #Könnten wir denn etwas ändern, wenn wir zu ihnen gingen? Hätten denn die anderen von hier etwas bei uns ändern können? Ich glaube, Liebe kann man nicht lehren, die beiden haben es doch versucht.# Mares musste daran denken, wie leer sein Leben ohne Lironai gewesen war, dennoch hatte er nichts davon bemerkt. Er zog den Engel näher zu sich.

/Man weiß die Dinge nicht zu schätzen, die man nicht kennt./ Mares gab dem Engel einen Kuss auf die Wange #Egal, wie du dich entscheidest, ich komme mit dir. Aber sieh es einmal so: Nicht nur sie haben uns belogen, wir haben die beiden auch belogen. Und was hätten wir beide getan, wenn sie die Wahrheit gesagt hätten? Wir hätten gelacht oder wären weggelaufen. Außerdem habe ich dich auch belogen.#

Lironai drehte sich blitzschnell zu Mares um. Er rückte ein Stück von dem Dämon weg, der betreten drein sah. #Was war gelogen?#, fragte Lironai scharf. Mares schaute ihm direkt in die Augen #Der Dämon, den wir aus dem Himmel holen wollten. Er ist mein Bruder.# Lironai beugte sich nach vorn und gab ihm einen Kuss. #Das weiß ich doch schon längst. Ich hatte Angst, du meintest, du hättest gelogen, als du gesagt hast, dass du mich liebst.# Mares lächelte. #Nun#, meinte er verschmitzt, #die ganze Wahrheit habe ich da auch nicht gesagt.#

Lironai wollte schon wieder zurückweichen, aber Mares hielt ihn fest. #Ich habe vergessen anzufügen, mehr als mein Leben.# Er versuchte seine ganzen Gefühle in diesen Satz zu legen und war verwundert, dass es klappte. Lironai keuchte überrascht auf, als ihn wieder eine Gefühlswelle von Mares traf, die Worte verstand er nicht richtig, die Gefühle schon. #Gomen Mares, du hast Recht wir bleiben hier.# Nach einem weitern langen Kuss standen sie auf, um ihre Entscheidung den anderen mitzuteilen.


Wenn Engel lieben,
fallen sie

Kein Boden zu sehen
Ohne Glauben vergehen
Nichts hält mich mehr
Die Welt trostlos und leer

Was haben wir denn getan?
Was war Sünde daran?

Ich kann den Sturz nicht lenken
Muss immer wieder an dich denken
Die Zeit mit dir war mein Untergang
Dennoch denke ich gerne daran

Ich liebe Dich
Kann es nicht lassen
Und ist es mein Untergang
Ich kann dich nicht hassen

Starke Arme umschlingen mich
Glücklich blicke ich in dein Gesicht

Liebende Engel fallen
Doch Glück ist mit ihnen allen
Liebende sind immer zu zweit
Und einer ist zum Fangen bereit