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What about gods?

Original/ Fantasy [PG-12] [abgeschlossen]

[sap][death]

Teile: 5

Inhalt:
Der Gott des Lernens darf für 20 Erdenjahre unter den Menschen leben um mehr über Gefühle zu lernen ... dass er Jonathan trifft, war wohl nicht geplant.

 


 

 What about gods?

- Prolog -

In einer Dimension, die gar nicht so weit von der unsrigen entfernt ist, leben die Götter.

Es gibt deren viele. Ihre Zahl reicht an die tausend. Für jede Tätigkeit des Menschen existiert ein Gott. Jeden Tag entstehen neue Götter, denn die Menschen erfinden neue Tätigkeiten. Jeden Tag sterben alte Götter, denn die Menschen vergessen alte Tätigkeiten.
Der älteste der Götter ist der Gott der Gefühle. Er wird von allen Göttern als Oberhaupt anerkannt. Er vereint alle Gefühle der Menschen in sich. Dieser Gott versteht die Menschen am Besten, doch er ist kalt und vollkommen logisch. Denn die vielen Gefühle haben ihn von innen heraus aufgefressen. Sein Wort ist Gesetz, denn auch die Götter können nicht ohne Gesetze auskommen. Der Gott des Kampfes würde immer wieder Streit beginnen, der Gott des Suizids würde ständig versuchen, Selbstmord zu begehen, doch Götter können sich nicht selbst töten.
Jeder Gott verbringt den Tag damit, das zu tun, zu dem er geboren wurde. Obwohl geboren vielleicht der falsche Begriff ist; Götter entstehen einfach.

Der Gott des Lernens lernte den ganzen Tag. Doch es kam die Zeit an der er alles wusste und es kein Buch in den Dimensionen gab, welches er noch nicht auswendig konnte. Es gab keine Tätigkeit, die er nicht perfekt beherrschte und keine Idee oder Tatsache, die er noch nicht kannte.
So ging er zu dem Gott der Gefühle und bat in darum, in die Menschendimension wechseln zu dürfen. Der Gott der Gefühle erkannte, dass der Gott des Lernens mehr begreifen musste, so ließ er ihn auf die Erde ziehen.

Nach 200 Jahren kehrte der Gott des Lernens wieder in die Götterdimension zurück. Er hatte viel gesehen und viel über Menschen gelernt. Doch er hatte nicht alles verstanden. Darum ging er wieder zum Oberhaupt der Götter und bat darum, ihm die Gefühle Hass und Liebe zu erklären.

Der Gott der Gefühle tat sein Bestes, doch mit Worten konnte er diese Gefühle nicht erklären. Der Gott des Lernens bat ihn darum, als Mensch auf die Erde zu gehen, um diese Gefühle kennen zu lernen. Das Oberhaupt der Götter erlaubte ihm, die Erde als Mensch zu besuchen, doch waren an diesen Besuch 3 Bedingungen geknüpft.

Erstens würde der Gott des Lernens für seine Zeit auf der Erde alles vergessen, was er in der Götterdimension gelernt hatte.

Zweitens würde er nur zwanzig Jahre auf der Erde Zeit bekommen, denn seine Aufgaben in der Götterdimension durften nicht zu lange ruhen.

Und Drittens würde er zuerst die Liebe und dann den Hass kennen und verstehen lernen.

Der Gott des Lernens willigte ein, denn keine dieser Bedingungen erschienen ihm besonders schlimm. Der Gott des Sterbens wurde gerufen. Er stieß dem Gott des Lernens das Wiedergeburtsschwert in den Leib. Der Gott des Wegfindens führte die Seele des Gottes des Lernens in einen Menschenfötus ein, der in der Nähe einer verwandten Seele geboren werden sollte. So kam der Gott des Lernens als Mensch in die Dimension der Menschen, um dort die Liebe und den Hass kennen zu lernen.


- 1 -

"Librè, hey Libré wach auf. Wir müssen in die Schule! Hast wohl wieder die ganze Nacht durchgelernt? Wann merkst du endlich wann du genug hast?" Die schrille Stimme seiner Schwester fraß sich in Librés Kopf. Er öffnete die Augen und sah sein Matheheft. /Verdammt, nicht schon wieder!/ Er schien wieder beim Lernen eingeschlafen zu sein. Verschlafen blinzelte der blonde Junge seine Schwester an. "Sag Mom bitte nichts." Er wusste sie würde ihm den Gefallen tun, er hielt ja auch bei ihren Fehlern dicht. Monika schnaubte nur. "Beeil dich, sonst merkt sie´s sowieso. Wir ham schon 7:00"


"Shit." Libré sprang auf und stieß dabei den Schreibtischstuhl um. "Warum hast du mich nicht früher geweckt?" Er raste ins Bad, die Antwort seiner Schwester wusste er sowieso schon. Nach einer Katzenwäsche zog er sich in Rekordzeit an. Seine Sachen waren eh jeden Tag die gleichen. Schwarze Hose schwarzes Hemd und Turnschuhe. Keine zehn Minuten nach dem Moni ihn geweckt hatte machten sich die beiden auf den Weg in die Schule.


Moni zündete sich wie immer eine Zigarette an, sobald sie um die Straßenecke gebogen waren. "Das Warten bringt doch nichts, sie werden dich so oder so irgendwann erwischen." Libré sah seine Schwester resigniert an. Sie würde nicht mit Rauchen aufhören und keiner von Beiden würde es den Eltern sagen. Monika seufzte. "Jeden Tag dieselbe Leier. Ich hab´s dir hundert Mal gesagt. Ich hör mit Rauchen auf, wenn du mit deinem krankhaften Lernen aufhörst. Du musst auch mal auf Partys gehen."

Monika kannte das Gespräch auswendig, sie führten es jeden Morgen. Sie warf ihrem älteren Bruder einen schrägen Blick zu. Eigentlich sah Libré nicht aus wie ein Streber. Er lernte zwar die meiste Zeit seines Lebens, ging aber trotzdem täglich Joggen, so dass sein Körper gut durchtrainiert war. Seine blonden Haare fielen ihm bis über die Schultern. Er hätte sie zu einem Zopf flechten können, würde er nicht jeden Tag zu spät aufstehen. Seine grünen Augen blitzten voller Lebensfreude, die man bei so einer Leseratte wirklich nicht erwartet hätte. Librés Gesicht war fein, fast feminin. Er war weder besonders klein noch besonders groß, etwa 1.75 m. Obwohl ihr Bruder nur 2 Jahre älter war, strahlte er manchmal eine Erfahrung aus, die Monika nicht verstehen konnte.

Libré hätte beinahe jedes Mädchen auf ihrer Schule haben können, wenn er nicht den ganzen Tag zu Hause sitzen und lernen würde. Und das mit knapp 19! Libré war ihr die Antwort noch schuldig geblieben. "Hey Brüderchen aufwachen!" So etwas war Monika bei Libré gewöhnt; er war manchmal einfach mit seinen Gedanken abwesend. Sie gab dem vielen Lernen die Schuld. "Okay, ich mach's." Librés Stimme klang als hätte er gerade über sein eigenes Todesurteil entschieden.

"Was machst du?" Monikas Stimme war nur ein Zischen. Sie hasste es wenn sie nicht wusste wovon ihr Bruder mal wieder sprach. "Na ich geh mit zu einer deiner Partys wenn du bis dahin mit dem Rauchen aufhörst." Monika fiel vor Schreck die Zigarette aus dem Mund. "Hey, mit so einer schnellen Zusage hätte ich nicht gerechnet." witzelte Libré.

Moni starrte ihren älteren Bruder entsetzt an. "Wiederhol das noch mal!" Ihre Stimme überschlug sich beinahe. Mit allem hätte sie gerechnet, aber nicht mit einer Zusage von ihrem Bruder. "Na, ich hab drüber nachgedacht. Eigentlich hast du ja recht, vielleicht sitze ich wirklich zuviel zu Hause rum. Und wenn du eine Party weißt, zu der ich mit hin gehen könnte. Na ja warum nicht."

Er sah seine vor Schreck erstarrte Schwester verlegen an. Er hatte sich die Sache gründlich überlegt. Schließlich machte Moni jeden Tag denselben Vorschlag. Und Libré hatte ihn eigentlich immer abgelehnt. Aber in letzter Zeit war es ihm so vorgekommen, als ob ihm etwas fehle. Libré hatte einfach das Gefühl, dass den ganzen Tag zu lernen nicht mehr genug wäre. Aber jetzt war er sich nicht mehr so ganz sicher, ob das so eine gute Idee war.

Monika war schon weitergelaufen. Sie warf ihrem Bruder immer wieder von der Seite schräge Blicke zu. Einen Libré, der auf Partys ging, konnte sie sich gar nicht vorstellen. "Nächsten Freitag." begann sie vorsichtig. "Wäre Jonathans Geburtstag. Mit dem würdest du dich mit Sicherheit gut verstehen. Die Feier wird sicher groß genug, dass du nicht sonderlich auffällst. Ich weiß, dass du das nicht leiden kannst." Langsam begann sie sich richtig für die Idee zu begeistern. "Wenn du es schaffst bis... sagen wir 3:00 zu bleiben, rühr ich für 4 Wochen keine Zigaretten mehr an."

Libré wusste, dass seine Schwester dieses Versprechen halten würde. Er kannte sie zu gut und hätte es mitbekommen, wenn sie ihn belügen würde. "Okay und für jede weitere Stunde eine Woche länger. Wie ist dieser Jonathan denn so?" Vielleicht würde es gar nicht so schlimm werden und bis 3 sollte er es eigentlich aushalten.

"Ach Jonny ist ein Freund von Thorsten, eigentlich ganz in Ordnung. Ich glaube, er studiert schon. Vielleicht siehst du ihn auf der Party gar nicht; seine Feste sind immer ziemlich groß. "Libré wusste, dass Monika stundenlang über solche Feiern reden konnte, deswegen klinkte er sich einfach aus bis sie in der Schule angekommen waren. Freitag also, noch 2 Tage, auf was hatte er sich da nur eingelassen.


"Das kann ich auf keinen Fall anziehen Moni." Libré starrte entsetzt in den Badezimmerspiegel. Monika stand neben ihm und beobachtete ihn kritisch. "Was denn jetzt schon wieder." Sie hatte seit 2 Tagen nicht mehr geraucht und jeder kleine Ärger brachte sie zum explodieren. "Das sieht gut aus und das behältst du an." Sich in sein Schicksal ergebend senkte Libré den Kopf. Er wusste, dass er Moni bei der Stimme nichts entgegen zu setzen hatte. Trotzdem waren ihm die Sachen irgendwie zu eng. Das T-Shirt war zwar wie immer in Schwarz doch es schien irgendwie zu glitzern und versuchte, ständig nach oben zu rutschen. Und die schwarze Hose saß für seinen Geschmack viel zu weit auf den Hüften.

Aber wenn er Moni so ansah, war Libré eher underdressed. Seine Schwester hatte sich in einen engen Jeans-Minirock gezwängt und ihr Oberteil zeigt eher mehr als es verbarg. Libré bereute seine Entscheidung schon jetzt. Aber selbst ihre Mutter hatte glücklich ausgesehen, als Moni ihr gesagt hatte, dass Libré mit ihr mitgehen würde. /Na toll, alle denken es wäre das Richtige und ich will die Flucht ergreifen./

"Kopf hoch!" befahl Monika, in ihrem Gesicht hatte sich ein entschlossener Ausdruck breit gemacht. Eine Bürste in der einen, eine Schminktasche in der anderen Hand kam sie auf Libré zu. "In einer halben Stunde fahren wir, und bis dahin muss noch etwas mit deiner Frisur getan werden. Keine Widerworte, so nehm ich dich jedenfalls nicht mit." Bevor Libré etwas erwidern konnte, hatte sie ihn schon auf den Badewannenrand gedrückt und begann behände an ihm herumzuwerkeln.

"Was heißt hier: Du mich mitnehmen. So weit ich weiß, hast du noch keinen Führerschein und ich fahre." Libré konnte es einfach nicht lassen, seine Schwester immer wieder damit aufzuziehen. "Motz hier nicht rum. Schließlich muss ich meinen verrückten Bruder all meinen Kumpels vorstellen. Mach mir bloß keine Schande." Eigentlich hatte Monika ja Recht und das störte Libré. Alle hielten ihn für ein bisschen durchgeknallt. Das machte ihm im Grunde nichts aus, aber in letzter Zeit sahen ihn selbst die Lehrer schräg an, wenn er mal wieder mehr wusste als sie. Was konnte er denn dafür, dass er so gern lernte.

"So fertig." Librés Schwester sprang auf und eilte selbst zum Spiegel, um ihre Schminke noch einmal nach zu prüfen. Libré kam langsam hinter ihr her, um zu sehen, wie ihn seine Schwester verunstaltet hatte. Seine blonden Haare fielen in einer großen Wolke um sein Gesicht. Irgendwie hatte Moni es geschafft, dass seine grünen Augen noch stärker leuchteten als sonst. Libré seufzte leicht, sie hatte ihn also tatsächlich geschminkt.

Ein Blick in Monis Gesicht genügte, um ihm zu sagen, dass er es nicht mehr ändern konnte. Libré mochte Streit nicht und am allerwenigsten Streit mit seiner Schwester, sie gewann sowieso immer. "Komm schon, wir müssen gehen." Monika ergriff seine Hand und zog ihn aus dem Badezimmer. Im Flur hing ihre Mutter schon wieder am Telefon. Librés Vater war ständig auf Geschäftsreise. Er rief jeden Abend an, angeblich um seiner Familie zu zeigen, dass er an sie dachte. Libré glaubte eher um seine Frau zu kontrollieren. Sie fuhren mit dem Familienauto, ihre Mutter würde es nicht brauchen, sie fuhr nie abends weg.

Gegen 21 Uhr kamen sie auf der Feier an. Sie fand auf einem Gartengrundstück, ein wenig außerhalb der Stadt, statt. Biertischgarnituren und Pavillons waren aufgebaut, außerdem lief eine laute Musikanlage und ein paar Leute tanzten schon. Libré runzelte die Stirn, wie sollte er es nur bis um 3 hier aushalten. Monika lief gleich auf eine Gruppe von Leuten zu die einfach nur dastanden und sich unterhielten. Die Jugendlichen begrüßten Librés Schwester ausgelassen. Sie schien jeden zu kennen und jeder kannte sie. Ein wenig verloren stand Libré neben Monika. Sie schien sich ja köstlich zu amüsieren, nur er wollte wieder nach Hause.

"Hey Moni hast du einen neuen Freund?" Thorsten sah ein wenig enttäuscht aus. Monika lachte ihn gewinnend an. "Nein, dass ist mein Bruder Libré." Monikas Freundin lächelte Libré lasziv an. "Wo hast du ihn denn bisher versteckt. So einer wäre mir mit Sicherheit im Gedächtnis geblieben." /Eindeutig zu viel Alkohol/ beurteilte Libré den Zustand von Monikas Freunden. Schnell setzte er sich ab und verzog sich in den hinteren Teil des Gartens. Hier würde er von niemandem bemerkt werden. Bei dem Deal mit Monika hatte schließlich niemand gesagt, dass er sich amüsieren müsse.

Libré entdeckte ein paar seiner Klassenkameraden. Die waren allerdings viel zu sehr mit ihren Freunden oder Freundinnen beschäftigt, um ihn zu bemerken. Je weiter die Party voranschritt, umso ruhiger wurde die Musik. Monika begann mit Thorsten zu tanzen. /Na wenigstens einer hat was er will/ Libré beobachtete seine Schwester eine Weile. Sie waren sich zwar äußerlich ähnlich, aber vom Wesen her sehr unterschiedlich. Monika liebte diese Feiern und Menschenmassen im Allgemeinen. Sie erzeugte gern Wirbel und schaffte es auch meistens. Libré dagegen bekam bei zu vielen Menschen Panik und wäre sein ganzes Leben am liebsten nicht beachtet worden.

Monika verschwand jetzt mit Thorsten im Schatten der hinteren Bäume. Libré wäre nie auf die Idee gekommen die beiden zu stören. Er wandte den Blick ab. Es war nicht so, dass es ihm egal war was seine Schwester tat, sie war alt genug, um das selbst zu wissen. Außerdem wartete sie auf Thorstens Aufmerksamkeit schon fast ein Jahr.

Die Bank neben Libré knarrte. Libré blickte überrascht auf. Er hatte nicht erwartet, dass sich hier jemand her verirren würde. Ein braunhaariger junger Mann hatte sich neben ihn gesetzt. "Dir scheint die Feier ja nicht besonders zu gefallen." meinte der Fremde. Libré lächelte in die Augen seines Gegenübers. "Doch, es ist nur..." Er wusste selbst nicht, was er sagen sollte. Vor einem Moment hätte Libré dem Anderen noch vorbehaltlos zugestimmt, doch irgendwie schien es ihm hier jetzt gar nicht mehr so unangenehm.

Vorsichtig musterte er den Fremden. Der junge Mann musste etwa so alt sein wie er selbst. Seine Gestalt war eher schmal. Der Andere war wohl ein paar Zentimeter größer als Libré. Seinen schmalen Mund umspielte ein feines Lächeln. Die Augenfarbe konnte Libré nicht so ganz erkennen, das Kerzenlicht von den Windlichtern war einfach zu schummrig dazu. Er trug ein eng anliegendes weißes T-Shirt das wunderbar zu seiner gebräunten Haut passte. Dazu nicht ganz passend eine Jeans, die wahrscheinlich für diese Gartenfeier besser war als eine weiße Hose. Wieder wanderte Librés Blick zu den Augen des Fremden. Obwohl er die Augenfarbe nicht ganz feststellen konnte wirkten sie doch irgendwie anziehend. /Schön.../

"Hab ich was im Gesicht?" die ruhige Frage des anderen holte Libré wieder zurück in die Realität. "Nein... Ich.. Ähm, tut mir leid. Du hast nur sehr schöne Augen." Libré hätte sich selbst Ohrfeigen können. Was sollte *das* nun schon wieder. Seit wann sagte er so etwas einem Fremden, und dazu noch einem Mann. Egal ob es stimmte oder nicht. /Jetzt geht er sicher gleich./ Ein wenig enttäuscht senkte Libré den Kopf.

Er spürte eine warme Hand an seinem Kinn. Sanft drückte der Andere Librés Kopf wieder nach oben, bis sich ihre Blicke wieder trafen. Das Bedürfnis, sich sofort an die warme Hand des Fremden zu schmiegen, konnte Libré gerade noch erfolgreich unterdrücken.

"Ich danke dir für das Kompliment. Und gebe es gerne ohne Umschweife zurück." Der Braunhaarige lächelte sanft. Ein leicht belustigter Ton schlich sich in seine Stimme. seine Augen blitzten. Libré wurde sofort rot. Was sollte er jetzt nur tun. /Hatte der etwa nicht bemerkt, dass ich ein Junge bin? Oder flirtete der gar nicht? Und wenn er es bemerkt hat und trotzdem flirtet... Verdammt und ich habe auch noch angefangen! Sag etwas unverfängliches!!/

"Eigentlich gefällt mir die Party ganz gut. Nur kenne ich kaum jemanden. Meine Schwester hat mich mit hierher geschleppt" Er grinste leicht, das hörte sich selbst in seinen Ohren dämlich an. Doch der Braunhaarige lächelte nur. Irgendwie machte ihn das Lächeln noch schöner, fand Libré. Ohne es zu merken lächelte er offen zurück. "Ich finde es schön, dass sie dich angeschleppt hat." Meinte der Andere." Du bist wenigsten nicht so verrückt wie die anderen." Er deutete mit dem Daumen auf eine Gruppe von Leuten, die ausgelassen tanzte. "Außerdem scheinst du keine Freundin zu haben. So kann man sich wenigstens halbwegs normal unterhalten."

Librés Lächeln schwand. /Normal unterhalten! Na toll jetzt wird es nur noch um Frauen oder Autos oder Fußball gehen./ Wie er das hasste, seine männlichen Mitschüler schienen keine anderen Themen zu kennen. Der Braunhaarige schien seinen Stimmungswechsel sofort zu bemerken. "Habe ich etwas Falsches gesagt?" bildete Libré sich das ein oder klang die Stimme des Braunhaarigen wirklich erschrocken. /Ach Quatsch, warum sollte ihn meine Stimmung interessieren?/

Libré lächelte tapfer. "Ist schon okay." /Oh bitte! Lass es schnell drei werden./ "Nein es ist nicht okay." meinte sein Gegenüber entschieden. "Ich möchte, dass sich auf meiner Party alle amüsieren." Er schien noch etwas sagen zu wollen, ließ es dann aber bleiben. "Deine Party? Dann bist du Jonny? Na dann: Happy Birthday." Die letzten beiden Worte waren ihm seltsam sanft und leise über die Lippen gekommen. Aber falls Jonathan etwas bemerkt hatte, schwieg er dazu.

Libré strahlte sein Gegenüber an. /Monika hat doch gesagt, er studiert. Vielleicht kann man mit ihm normal reden./ Irgendwie blickte Jonny ihn ziemlich verklärt an. Sein Blick schien sich in Librés Gesicht festgesogen zu haben. /Was hat er nur?/ Libré spürte keine aufkeimende Panik wie normalerweise, wenn man ihm zuviel Aufmerksamkeit widmete. Und zuviel Aufmerksamkeit war normalerweise für ihn schon ein langer Blick. Die einzige Person bei deren Aufmerksamkeit er keine Panik bekam, war bisher immer nur Monika gewesen, aber jetzt...

"Ist alles in Ordnung mit dir?" langsam begann sich Libré wirklich Sorgen zu machen. "Jonathan?" Der Angesprochene schien plötzlich aus seiner Erstarrung zu erwachen. "Was hast du gesagt?" Seine Stimme klang etwas rau, als hätte Libré ihn aus einem langen Schlaf geweckt. Schräg grinste der Blonde Jonathan an. "Hey Träumerle, aufwachen." ahmte er die Stimme seiner Mutter nach, die diesen Satz schon so oft zu ihm gesagt hatte.

Jonathan Gesichtsfarbe konnte jetzt durchaus mit einer Tomate konkurrieren. Libré musste lachen. Der Mann vor ihm war einfach zu niedlich, wenn er verlegen war. /Was für einen Mist denke ich denn da! Libré, schlag dir das aus dem Kopf./ Er konnte gerade noch seine Gesichtszüge unter Kontrolle halten. Dass Jonathan mitbekam, dass er sich für ihn interessierte, hatte Libré gerade noch gefehlt. /Waahh ich interessiere mich doch nicht für einen Jungen!!/

"Tut mir leid, ich war für einen Moment einfach abwesend." Jonathan lächelte verlegen. "Das habe ich gemerkt." meinte Libré trocken. Wenn das überhaupt möglich war wurde Jonnys Gesichtsfarbe noch röter. Er sieht wirklich niedlich aus, wenn er verlegen ist, gestand sich Libré ein. /Aber langsam sollte ich aufhören ihn zu triezen./ "Sag mal, Moni hat mir gesagt, du studierst. Was denn?" versuchte der Blonde schnell abzulenken, sowohl Jon von seiner Verlegenheit als auch sich selbst von seinen Gedanken.

Jon sah ihn einen Moment so an als wüsste er nicht was die Frage bedeuten sollte. Dann lächelte er. "Biologie, für dich wahrscheinlich ziemlich langweilig." Libré lächelte zurück. "Nein, ist bestimmt sehr spannend. Erzähl doch." Eigentlich war es ihm egal wovon Jonathan sprechen würde, Hauptsache er konnte ihm weiter zuhören. Jonnys Stimme klang so schön weich in seinen Ohren. Er hätte genauso von Autos, Frauen oder Fußball reden können, Libré hätte im Moment einfach allem interessiert gelauscht.

Jonathan erzählte von seinem Studentenleben, den manchmal sehr seltsamen Professoren und den Vorlesungen. Es schien für Jonathan leicht gewesen zu sein umzuziehen und neue Freunde zu finden, was Libré an ihm bewunderte. Verwunderlich war das nicht, Jonny hatte eine Art zu reden, von der Libré sicher war, dass sie jeden in den Bann ziehen würde.

"Äh Libré?" Monikas Stimme unterbrach Jonnys Redefluss. Libré drehte sich erschrocken um. Die Sonne war schon am Aufgehen, sogar ein paar Vögel hatten zu singen begonnen. Er hatte gar nichts davon mitbekommen. Jonnys Erzählungen hatten ihn anscheinend stundenlang gefangen gehalten. Überrascht sah er auf seine Uhr. Schon kurz vor 6:00. /Verdammt!/ Er blickte sich entschuldigend zu Jonathan um.

/Blau! Dunkelblau!/ Jetzt konnte Libré Jonnys Augenfarbe genau erkennen. Libré saß mit dem Rücken zur aufgehenden Sonne, und plötzlich war er sehr dankbar dafür. Jons Gesicht war in die Strahlen der Morgensonne getaucht. In Librés Augen sah er einfach wunderschön aus. Seine Augen blickten ein wenig traurig auf Libré. /Ob er traurig ist, dass ich gehen muss? Oder weil er die Feier mit mir verschwendet hat?/ Jonathans braune Haare glitzerten in der Morgensonne.

"Es tut mir leid aber wir müssen jetzt fahren." In Librés Stimme war aufrichtige Traurigkeit zu hören. Monika blickte ihren Bruder erstaunt an. Nicht nur dass er drei Stunden länger geblieben war als ausgemacht, er schien auch noch gerne dableiben zu wollen! Ob mit ihm wirklich alles in Ordnung war? Oder lag es an dem Freund von Thorsten, diesem Jonathan?

"Danke für die tolle Feier. Aber wenn unsere Mutter bemerkt, dass wir erst am Morgen zurück gekommen sind, dreht sie durch." versuchte Monika Jonny zu erklären. Dieser riss sich nur kurz von Librés Anblick los. "Klar" er blickte sich kurz um, anschienend ebenso erstaunt wie Libré, dass die Zeit so schnell vergehen konnte. "Wir sehen uns doch wieder?" In Jonathans sonst so sichere Stimme schlich sich ein ängstlicher Unterton.

Libré konnte nur stumm nicken. Er versuchte zu lächeln, doch er konnte spüren, dass weder Monika noch Jonny ihm das abnehmen würden. Langsam stand er auf und sah sich noch einmal genauer um. Kaum ein Mensch schien noch unterwegs zu sein. Auf dem improvisierten Parkplatz auf der Nachbarwiese standen nur noch wenige Autos. Ein paar Betrunkene lagen in einem der Pavillons und schliefen. Er blickte zu Jonathan, der in verträumt ansah.

"Danke für den schönen Abend Jonathan." Libré schaffte es, doch noch zu lächeln. Der Abend war wirklich wunderschön gewesen. Jonathan sah ihn überrascht an. "Es hat dir wirklich gefallen?" Langsam erhob auch er sich und blickte Libré tief in die Augen. Der Blonde lächelte noch tiefer. "Ja." Für ihn gab es keinen Grund, noch mehr zu sagen. Libré sah Jonnys Augen aufleuchten. Oder hatte er sich das nur eingebildet?

Jonathan hob die Hand und strich sanft eine Haarsträhne aus Librés Gesicht. "Libré ich..." Libré hatte den Atem angehalten, als er Jons Hand an seiner Wange spürte. Er wollte so gern etwas sagen, aber er brachte kein Wort über die Lippen. "Libré" begann Jonathan noch einmal. "Hey Brüderchen komm endlich!" Monikas Stimme zerstörte die gespannte Stimmung, die sich zwischen den Beiden breit gemacht hatte.

Ruckartig drehte sich Libré nach ihr um. Anscheinend war Monika schon zu ihrem Wagen gegangen. /Zum Glück hat sie nichts mitbekommen. Was mitbekommen? War da etwas? Wollte Jonathan etwas, oder hoffe ich das nur? Eins nach dem anderen./

"Ich komme gleich." schrie er Monika erstmal zu. Dann drehte er sich wieder zu Jonathan um. Dieser blickte zu Boden. Er sah traurig aus. Libré wünschte sich, er könnte seine Hand auf Jonathans Wange legen, doch ihm war bewusst geworden, dass seine Schwester sie beobachtete. Er beugte sich nach vorne "Auf Wiedersehen Jonathan." flüsterte er. Jonathan blickte erschrocken auf. "Immer wenn du willst." fügte Libré hinzu und lächelte Jon an. Bevor dieser noch etwas erwidern konnte, drehte sich der blonde Junge um und ging zu seiner Schwester.

So selbstsicher wie seine Worte geklungen hatten fühlte sich Libré längst nicht. Monika sah ihn seltsam an, sagte aber nichts. Schweigend fuhren sie nach Hause, doch in Librés Kopf schrieen tausend Fragen nach Antworten. Es fiel ihm wahnsinnig schwer, sich auf den Straßenverkehr zu konzentrieren. Zu Hause angekommen gingen beide so leise wie möglich in ihre Zimmer. Monika würde sofort einschlafen, dessen war Libré sich nach einem Blick auf ihr müdes Gesicht sicher.

Er selbst schleppte sich auch nur noch ins Bett. Die durchwachte Nacht zeigte ihre Wirkung. Trotz seines Gefühlschaos schlief er ein, fast noch bevor sein Körper die Matratze berührt hatte.


- 2 -

Libré erwachte aus unruhigen Träumen. In denen Bilder von braunen Augen vorherrschend gewesen waren. Die Sonne schien ihm direkt ins Gesicht. Wie immer wusste er sofort wo er war und was an dem gestrigen Tag geschehen war. Libré konnte sich nicht erinnern, jemals morgens orientierungslos aufgewacht zu sein. Sein Blick flog zum Wecker auf seinem Nachtischchen. /14:35. Na toll./

Libré rappelte sich auf. Er war gestern einfach zu müde gewesen um seine Kleidung zu wechseln. Jetzt musste er dringend etwas gegen seinen verschwitzten und verknitterten Zustand tun. Er schnappte sich neue Klamotten und schlurfte immer noch verschlafen ins Bad. "Morgen Brüderchen!" begrüßte ihn eine für seinen Geschmack viel zu wache Monika, die gerade aus ihrem Zimmer kam. Sie schien schon länger wach zu sein.

"Morgen" knurrte Libré. Er ging sonst nie so spät, oder besser gesagt so früh ins Bett. Außerdem hasste er es erst am Nachmittag aufzuwachen. Monika warf ihm einen erschrockenen Blick nach, den Libré geflissentlich ignorierte. Er wollte sich jetzt einfach nicht mit ihr auseinandersetzen. Wahrscheinlich würde sie ihn später sowieso genau darüber ausfragen was er am gestrigen Abend getan hatte.

Er schlug die Badezimmertür hinter sich mit einem Knall zu. Schnell entledigte er sich seiner Kleidung. Ein kurzer Blick in den Spiegel bewies ihm, dass er besser kalt duschen sollte. /So hab ich mir immer Poltergeister vorgestellt. Keine Menschen/ Erschrocken japste Libré auf als ihn der eiskalte Wasserstrahl traf. Schnell drehte er die Dusche wieder auf Heißwasser. Das hielt ja kein Mensch aus!

Wenigstens hatte das kalte Wasser seine Lebensgeister wieder geweckt. Dummerweise hatten sich dadurch auch seine Gedanken wieder geklärt. Und natürlich schweiften sie sofort zur gestrigen Nacht. Die Party hatte genauso begonnen wie Libré befürchtet hatte. Zu laute Musik und zu viele Menschen, die zu viel Alkohol getrunken hatten. Alle schienen in so guter Stimmung zu sein, er hatte sich einfach unpassend gefühlt. Deswegen hatte er sich in den hinteren Teil des Gartens verzogen. Er hatte Moni einfach nicht die Stimmung verderben wollen. Aber er wollte auch nichts weiter als seine Ruhe haben. Dann war Jonathan erschienen.

Irgendwie hatte sich Libré in seiner Nähe einfach wohl gefühlt. Es war schön gewesen ihm zuzuhören. Er hätte ewig dort sitzen können. Wenn Monika nicht aufgetaucht wäre, wären sie Beide wahrscheinlich erst mittags nach Hause gekommen. /Hoffentlich hat Moni nicht bemerkt dass... Ja was eigentlich? Hatte es denn etwas gegeben was sie hätte bemerken können?/ Libré stritt weiter mit sich selbst. Selbst wenn er sich eingestand dass er etwas von Jon wollte, wie konnte er sich sicher sein, dass es umgekehrt genauso war. Und bevor er sich das eingestand musste er sich erstmal eingestehen dass er anscheinend schwul war.

"Schatz? Ist alles in Ordnung mit dir?" Die besorgte Stimme seiner Mutter riss ihn aus seinen Gedanken. "Ja Mom, alles klar." versuchte er sie zu beruhigen. "Du bist jetzt schon fast eine Stunde im Bad. Ist wirklich alles klar?" /Eine Stunde? Shit!/ Schnell drehte Libré das Wasser ab. "Glaub mir es ist wirklich alles in Ordnung" Verdammt, jetzt machte er nicht nur sich selbst sondern auch noch seiner Mutter Sorgen.

"Du kannst immer mit mir reden Libré, das weißt du nicht wahr?" klang es von der anderen Seite der Tür. Warum mussten Eltern immer solche Sätze ablassen. /Als würde sie mich verstehen können. Wenn ich mich noch nicht mal selbst verstehe./ Er seufzte und begann sich abzutrocknen. Libré konnte nur hoffen seine Mutter würde dieses Gespräch später vergessen. Groß waren seine Hoffnungen allerdings nicht.

Frisch geduscht und mit frischer Kleidung fühlte er sich halbwegs in der Lage dem neuen Tag zu begegnen, oder wenigstens dem was davon übrig war. Er lief die Treppe herunter um sich in der Küche etwas zu trinken zu holen, irgendwie hatte er einfach keinen Hunger. Seine Mutter stand am Herd und kochte schon wieder irgendwas. Meistens hasste er es sie so zu sehen. Libré hatte einfach das Gefühl, dass etwas nicht stimmen konnte wenn jemand in diesem Zeitalter noch Hausfrau war. Aber ihr schien es zu gefallen.

"Guten Morgen Mom" begrüßte Libré seine Mutter. Er ging zum Kühlschrank, an dem immer noch Kinderbilder von ihm und seiner Schwester hingen, um sich eine Flasche Wasser zu holen. "Morgen? Es ist fast wieder Abend." in ihrer Stimme lag kein Vorwurf. Libré hatte das auch nicht erwartet, seine Mutter war in dem Sinne wirklich perfekt. Sie wollte immer nur eins: Dass ihre Kinder ehrlich zu ihr und zu sich selbst waren. Über den Rest könne man immer noch reden meinte sie.

An der Küchentheke lehnend beobachtete er Karen wie sie Teig knetete. Ihre blonden Haare hatte sie zu einem Zopf zurück gebunden. Libré sah seiner Mutter sehr ähnlich, für seinen Geschmack zu ähnlich. Allerdings bevorzugte seine Mutter es wie seine Schwester es aufzufallen, wenn sie darin auch nicht ganz so gut war wie Monika.

"Haben wir dich geweckt als wir nach Hause gekommen sind?" fragte Libré besorgt. Seine Mutter lächelte ihn an. "Natürlich habt ihr das, du weißt doch was für einen leichten Schlaf ich habe." /Verdammt daran hatte er nicht gedacht./ "Es war schon hell nicht war? Hat Moni dich überredet so lange zu bleiben?" Was sollte Libré darauf nur antworten? Das er gerne noch länger geblieben wäre weil er einen süßen Jungen getroffen hatte? Sicher nicht.

"Ach es war doch noch ganz lustig." meinte Libré leicht hin. "Ich sollte vielleicht noch etwas für die Schule machen, entschuldige mich bitte." Er floh beinahe aus der Küche. In seinem Zimmer angekommen schmiss er sich auf sein großes Bett. Er hatte wirklich keine Lust irgendetwas zu tun. Libré drehte sich auf den Rücken und starrte zur Decke empor. Die Aussicht war nicht gerade berauschend, irgendwie hatte er nie Poster in seinem Zimmer aufgehängt.

Jeder freie Platz an den Wänden war mit Bücherregalen zugedeckt. Libré besaß keine Romane sondern nur Nachschlagewerke. Er fand es entspannend solche Bücher zu lesen, alle anderen fanden ihn dadurch nur seltsam. /Ob Jon mich auch seltsam findet?/ Er musste immer wieder an Jonathans leuchtende Augen denken, als er ihm auf Wiedersehen gesagt hatte. /Hoffentlich hat er es nicht falsch verstanden. Und wenn er es richtig verstanden hat und mich gar nicht Wiedersehen will? Will ich ihn denn Wiedersehen? Und was mach ich dann?/

Er grübelte bis ihn seine Schwester zum Abendessen holte. "Du hast nicht gelernt?" fragte sie Libré erstaunt als sie ihn auf dem Bett liegen sah. Libré lächelte seine Schwester an. "Nein ich musste nachdenken." Sie nickte nur leicht sah ihn aber immer noch verwirrt an. "Hat dir die Feier gefallen?" fragte sie auf dem Weg ins Erdgeschoß. "Ja war recht nett." meinte Libré lakonisch, seine Gedanken weilten immer noch bei Jonathan.

Monika runzelte die Stirn. Dass ihr Bruder öfters abwesend war kannte sie, doch dass er zudem auch noch nichts lernte war ihr neu. Sie beschloss ihn die nächsten Tage genau zu beobachten. Er begann sich wirklich seltsam zu benehmen. Das Abendessen verlief für Libré grausam. Abwechselnd erzählte Monika von der Feier und ihrem neuen Freund Thorsten. Seine Mutter wollte wie immer alles wissen und Moni konnte in der Beziehung eine richtige Labertasche sein. Libré schob sein Essen mit der Gabel von einer Seite des Tellers zur anderen. Er hatte einfach keinen Hunger!

Monis graugrüne Augen huschten immer wieder besorgt zu ihrem Bruder. Er benahm sich so seltsam! Ihre Mutter schien nichts zu bemerken, oder sie bemerkte es und schob es mal wieder auf die Pubertät. Irgendwie schaffte sie es alle Probleme ihrer Kinder der Pubertät zuzuschreiben. Wahrscheinlich weil sie sich dann nicht darum kümmern musste. Libré sah wirklich nicht gut aus. Er war eindeutig zu blass, in seinen schwarzen Klamotten sah er damit eher aus wie ein Gespenst, statt wie ein Mensch. Seine blonden Haare waren zu einem straffen Zopf zurückgebunden. Das tat er immer nach dem er sie gewaschen hatte, aber normalerweise löste er den Zopf nach genau einer Stunde. In manchen Dingen war ihr Bruder ein richtiger Pedant.

"Schatz? Hast du keinen Hunger?" Die besorgte Stimme seiner Mutter unterbrach Librés Gedanken. Er seufzte, dann lächelte er seine Mutter gequält an. "Nein Mom, tut mir leid." Mit einer entschiedenen Bewegung schob er den Teller von sich. Wenn er sich weiter so benahm würde seine Mutter noch Verdacht schöpfen. Das schmale Gesicht der blonden Frau drückte wirklich Besorgnis aus. "Was hast du den Tag denn so gemacht?" versuchte er sie schnell abzulenken, wirklich interessieren tat es ihn nicht. Seine Mutter runzelte die Stirn. "Das habe ich doch gerade erzählt." /Na toll, super gemacht/ Jetzt sah ihn auch noch Moni so besorgt an. "Vielleicht solltest du dich besser hinlegen." meinte seine Mutter. Libré nickte. Es würde ihm wirklich nicht schaden früh ins Bett zu gehen. Vielleicht konnte er ja sogar schlafen.

Unruhig drehte Libré sich hin und her. Immer wieder warf er einen genervten Blick auf seinen Wecker. Die Minuten schienen nur schleichend zu vergehen. Jetzt lag er schon stundenlang wach. Seine Mutter war längst ins Bett gegangen. Monika war natürlich von Thorsten abgeholt worden. Sie würde irgendwann in der Früh nach Hause kommen. Libré wollte nicht einschlafen. Er wollte nicht schon wieder von braunen Augen und mehr träumen.

Libré sprang mit einem genervten Seufzen aus dem Bett. Egal ob nun schon kurz vor 2 Uhr nachts war. Er konnte und wollte nicht schlafen. Er hatte sich damit abgefunden anscheinend schwul zu sein. Aber musste er sich unbedingt in einen Jungen verknallen den er nur ein paar Stunden kannte? Libré ging in seinem Zimmer auf und ab. Als seine Zimmertür leise ins Schloss fiel blickte er erschrocken auf.

Monika stand vor ihm. Sie lehnte an der Zimmertür und sah ihn ruhig und besorgt an. Sie schien gerade erst wieder nach Hause gekommen zu sein. Selbst ihre leichte Sommerjacke hatte sie noch nicht abgelegt. Sie strich sich ihre zerzausten Haare aus dem Gesicht, anscheinend hatte Thorsten sie mit dem Motorrad hergefahren. Libré sah sie unruhig an. Hatte sie etwas mitbekommen? Plötzlich kam er sich wie ein gehetztes Tier vor. Beide sahen sich schweigend an. Schließlich brach Monika die Stille. "Was ist los mit dir?" Diese kleine Frage machte Libré klar wie seltsam er sich benommen haben musste. "Nichts" log er trotzdem. Der blonde Junge drehte den Kopf weg. Er wollte die Fragen seiner Schwester nicht beantworten. Vor allem dann nicht, wenn er die Antworten selbst nicht kannte.

Seine Schwester seufzte, sie wusste, sie konnte ihren Bruder nicht dazu zwingen, ihr etwas zu sagen. "Es scheint ein Fehler gewesen zu sein, dich mitzunehmen. Tut mir leid." meinte sie leise und wandte sich um, um aus dem Zimmer zu gehen. Libré betrachtete immer noch die Wand. "Es ist nicht deine Schuld sondern meine." sagte er leise zu sich selbst, als seine Schwester das Zimmer schon verlassen hatte. Als sein Körper so weit erschöpft war, dass Libré gar nicht mehr träumen konnte schlief er endlich ein.

Libré erwachte sehr früh, viel zu früh für einen Sonntagmorgen. Er hätte nichts lieber getan als sich umzudrehen und weiterzuschlafen. Aber er konnte einfach keine Ruhe finden. Seufzend wand er sich aus seinem großen Bett. Wie kamen Eltern nur auf die Idee einem zum 18 Geburtstag ein Bett zu schenken in dem beinahe 3 Leute Platz hatten. Libré hatte den Wink mit dem Zaunpfahl gesehen und ignoriert. Wenn sie etwas von ihm wollten sollten sie es ihm ins Gesicht sagen. Außerdem fand er solches Verhalten von Eltern einfach nur bescheuert. Seiner Meinung nach hatten sie sich nicht in sein Liebesleben einzumischen, auch wenn er gar keines hatte.

Seufzend schlich er in die Küche, so früh war sonntags noch keiner auf und Libré wollte seine Familie mit Sicherheit nicht wecken. Von besorgten Gesichtern hatte er genug. Auf dem Küchentisch fand er den Aufgabenzettel seiner Mutter. Sie schrieb einen für jede Woche, um auf keinen Fall etwas zu vergessen. Libré begann Kaffee zu kochen und las sich den Zettel durch. Er würde heute selbst Gartenarbeit machen um nicht an Jonathan zu denken.

Tatsächlich stand auf dem Zettel ganz groß UNKRAUT JÄTEN an erster Stelle. Libré seufzte aber was hatte er im Frühsommer erwartet. Wenigstens konnte er seiner Mutter eine Freude machen. Leicht genervt sah er auf die Uhr an der Wand. sie zeigte kurz nach 6 Uhr morgens an. Das bedeutete es war kurz nach 7, niemand hatte je herausgefunden wie man diese Uhr auf Sommerzeit umstellte. Auf Librés Gesicht stahl sich ein Lächeln. Es würde sowohl seine Mutter wie auch seine Schwester gehörig durcheinander bringen wenn er jetzt schon in den Garten gehen würde.

Als er einen Blick in den Flurspiegel auf dem Weg in sein Zimmer warf wurde ihm klar dass er etwas Sonne wirklich gebrauchen konnte. Sein Gesicht war so blas wie im Winter und unter seinen Augen prangten tiefschwarze Ringe. Libré stöhnte und fuhr sich mit einer Bürste durch die Haare. Es war vielleicht wirklich besser wenn seine Familie ihn erstmal nicht sah. Schnell zog er sich alte Klamotten an und verschwand im Garten, dort würde ihn mit Sicherheit niemand suchen.

Erst als die Nahe Kirchturmuhr die Mittagsglocke läutete hörte Libré auf in der Erde zu scharren. Sein ganzer Körper tat ihm von den ungewohnten Bewegungen weh. Er wandte sich dem Haus zu, um sich etwas zu trinken zu holen. An einem der oberen Fenster stand seine Schwester. Sie trug immer noch ihren Schlafanzug und schien ihn beobachtet zu haben. Verdammt jetzt konnte er nicht ins Haus zurück. Wenn er jetzt Monika begegnen würde, würde sie nicht locker lassen bis sie den Grund für sein seltsames Verhalten herausgefunden hätte. Den ganzen Morgen war es Libré gelungen Jon aus seinen Gedanken zu verbannen. Er wollte nicht über ihn nachdenken, am liebsten wollte Libré gar nicht mehr nachdenken.

Die Haustür wurde geöffnet. Libré registrierte, dass er anscheinend schon wieder ins Leere gestarrt hatte. Lange genug damit Moni sich anziehen und raus kommen konnte. Er verfluchte sich selbst. Libré wandte sich wieder dem Beet zu. Eigentlich gab es kaum noch etwas zu tun, aber alles war besser als seiner Schwester ins Gesicht zu sehen.

"Libré, wir müssen reden." ihre Stimme klang hart. Heute würde sie sich nicht so einfach abwimmeln lassen. "Du sagst mir jetzt was dich dazu treibt freiwillig Gartenarbeit zu machen. Wo du sonst doch fliehst sobald auch nur die Rede davon ist." Libré antwortete nicht, es hatte sowieso keinen Sinn. "Ich habe dich beobachtet" fuhr Monika fort, "Du lernst nicht, du isst nichts, du schläfst nicht stattdessen stürzt du dich in Arbeit die du sonst hasst oder starrst ins Leere. Verdammt noch mal Libré sprich endlich mit mir!" Libré hörte die Verzweiflung in ihrer Stimme und sah erschrocken auf. Das hatte er nicht gewollt! Weder seine Schwestern noch seine Mutter sollten wegen ihm Kummer haben.

/Was soll ich ihr sagen? Die Wahrheit? Vielleicht hilft das./ Libré setzte sich auf den Boden. Seine Kleidung war eh schon dreckig da machte das auch nichts mehr aus. Er seufzte und blickte zu Monika auf. Sie sah ihn erwartungsvoll an. "Ich glaube..." Libré stockte. Wie sollte er das sagen? Monika schwieg, sie würde ihn nicht unterbrechen. "Ich glaube ich habe mich verliebt." brachte Libré endlich heraus. Monika starrte ihn fassungslos an, dann begann sie zu kichern.

"Mehr nicht?" brachte sie unter einer Lachsalve hervor. Libré wurde rot. Wie konnte seine Schwester das nur auf die leichte Schulter nehmen. Er sprang auf und wollte in sein Zimmer laufen. "Warte Brüderchen, so war das nicht gemeint." Libré drehte sich langsam um. Er sah seine kleine Schwester prüfend an. Monika lächelte immer noch. "Tut mir Leid, aber ich verstehe das Problem nicht ganz." entschuldigte sie sich. /Natürlich wie sollte sie auch. Ich Ochse/ "Wer ist denn die Glückliche?" fragte Moni vorsichtig als Libré auf ihre Entschuldigung nichts erwiderte.

Jetzt war es an Libré zu lachen. Sein Lachen klang allerdings mehr nach Verzweiflung als nach Belustigung. "Die Glückliche? Genau das ist das Problem." Monika sah ihn verständnislos an. "Hat sie einen Freund?" Libré schüttelte nur den Kopf. "Will sie nichts von dir?" Libré zuckte mit den Achseln. "Vielleicht" flüsterte er und ließ den Kopf hängen. "Ist sie zu alt?" Kopfschütteln. "Zu jung?" Kopfschütteln. "Lesbisch?" Kopfschütteln mit leichtem verzweifeltem Lachen. "Was dann?" langsam hatte Monika genug von ihrem Bruder.

Libré lächelte seine Schwester traurig an. Sie verstand ihn nicht und dieses mal würde sie ihn auch nicht verstehen können. Er drehte sich um und ging mit hängenden Schultern zum Haus zurück. Im Garten schien es kein Versteck mehr zu geben, weder vor seiner Schwester noch vor seinen Gedanken. Moni sah ihm verständnislos nach. Er hatte ihr doch immer alles erzählt, warum jetzt nicht?

Langsam, tief in Gedanken versunken ging Monika hinter ihrem Bruder her. Es gab so viele Dinge die sie einfach nicht an ihm verstehen konnte. Aber Libré war für Monika immer abschätzbar gewesen. Wie er sich jetzt benahm war einfach nicht normal. Wer konnte es nur sein der ihrem Bruder so den Kopf verdreht hatte? Es musste doch am Freitag passiert sein. In Gedanken zählte sie alle Leute auf mit denen sie Libré auf der Feier gesehen hatte. Es waren nicht gerade viele gewesen. Derjenige mit dem ihr Bruder am längsten geredet hatte war eigentlich....

Moni stürmte los als ihr schlagartig klar wurde warum ihr Bruder so aufgebracht und leicht verzweifelt war. Ihre Mutter sah ihr verwundert nach als Moni die Treppe zu Librés Zimmer hochrannte. Leicht schnaufend blieb sie vor seiner Tür stehen. Plötzlich zögerte sie. Lag sie denn wirklich richtig? sollte sie sich überhaupt einmischen? Monika starrte auf die unverzierte Tür ihres Bruders. Dann strafte sie ihre Schultern und griff nach der Klinke. Sie dachte an Libés Gesicht als er sich von Jonathan verabschiedet hatte, und plötzlich war sie sich sicher dass sie nicht falsch lag.

Warum hatte sie dass nicht früher bemerkt? War es so unwahrscheinlich dass ihr Bruder sich in einen Jungen verliebt? Nein, eigentlich hatte sie einfach gar nicht damit gerechnet dass Libré sich überhaupt in jemanden verknallen konnte. Monika seufzte und drückte endlich die Türklinke herunter. Ihr Bruder saß auf seinem Bett und war anscheinend in die Betrachtung der Wand vertieft. Sein Gesicht sah leicht verzehrt und übermüdet aus. /Ob er überhaupt geschlafen hat?/

Monika setzte sich vor ihren Bruder auf das große Bett. Libré schien nicht mal bemerkt zu haben dass sie überhaupt ins Zimmer gekommen war. Was sollte sie jetzt nur mit ihrem Bruder machen? /Bitte, ich will dir doch so gern helfen/ Wie hatte er sich nur so schnell in diesem Jonathan verlieren können. Libré hob plötzlich den Kopf und sah seine Schwester traurig an. Monika starrte ihn erschrocken an. Sie hatte ihren Bruder noch nie weinen sehen, doch jetzt schien er kurz davor. Libré lächelte leicht, aus irgendeinem Grund wirkte er dadurch noch verlorener.

"Es ist Jonathan nicht wahr?" Monika musste sich endlich Gewissheit verschaffen. Das Lächeln ihres Bruders war wie weggewischt. Libré nickte nur stumm. Er wandte sich von seiner Schwester ab, als könne er ihren Anblick nicht mehr ertragen. Sie hatte also Recht gehabt, es war tatsächlich der junge Mann der Libré so sehr verwirrte. "Wirst du es ihm sagen?" Libré starrte sie erschrocken an. "Spinnst du?" Seine Stimme war heißer. Seine grünen Augen blitzten vor Wut und unterdrückter Panik.

Monika nickte nur leicht. Sie hatte nichts anderes von ihrem Bruder erwartet. Er hatte sich noch nie anderen Menschen aufgedrängt. Hatte immer Angst gehabt seine Gefühle zu zeigen, als wären sie sein Schwachpunkt. Nur Monika wusste dass sie wirklich sein Schwachpunkt waren. Mit Schaudern dachte sie an sein wutverzerrtes Gesicht vor 2 Jahren zurück. Aber jetzt war nicht die Zeit für Erinnerungen. "Was willst du denn sonst tun?" fragte sie, obwohl Moni die Antwort schon genau kannte.

Libré seufzte. Er wusste weder was er tun wollte noch was er überhaupt tun konnte. Libré lächelte seine Schwester sanft an. "Ich weiß nicht. Vielleicht geht es ja irgendwann wieder vorbei." Wieder starrt er vor sich hin. Er spürte genau dass die Sache nicht so einfach ist. Doch Libré wollte seine Schwester nicht beunruhigen. Monika sah ihn skeptisch an. Sie nahm ihm das Lächeln wirklich nicht ab. Auch wusste sie genau dass Libré seine Gefühle mit Sicherheit nicht abstellen konnte. Doch im Moment schien es ihm gut zu gehen.

Monika sah ihren erschöpften Bruder ernst an. "Ich lass dich jetzt in Ruhe. Vielleicht fällt mir ja später etwas ein." Langsam stand sie auf. Schalk blitzte in ihren Augen "Wenn du dich das nächste Mal Hals über Kopf in den Kumpel meines Freundes verliebst... rede gleich mit mir Libie." Schnell lief sie aus dem Zimmer.

Libré blickte ihr erstaunt hinterher. Er wusste nicht genau ob er wütend oder belustigt sein sollte. /Libie?/ So hatte sie ihn seit ihrer Kinderzeit nicht mehr genannt. /Ich benehme mich auch wie ein Kind./ Wütend auf sich selbst und seine verwirrten Gefühle stand Libré auf. Er schnappte sich seine Schwimmsachen. Wenn er sich schon nicht auf eine geistige Tätigkeit konzentrieren konnte, wollte Libré sich wenigstens mit etwas Sinnvollem ablenken. Die nächste Woche würde er schon irgendwie Rumbringen. /Vielleicht nimmt Moni mich ja am Freitag wieder mit. Vielleicht ist Jonathan ja auch dort.../ Dass Monika zu einer Party gehen würde stand für Libré außer Frage, er kannte sie schon lang genug. Libré beschloss mit seiner Schwester zu reden, sobald er wieder rationeller denken können würde.

Doch Libré musste das Thema gar nicht anschneiden. Monika machte denselben Vorschlag, lange bevor Libré fand dass sein Denken wieder klar genug war. So saß er am Freitagabend wieder auf dem Badewannenrand und ließ die Schminkversuche seiner Schwester über sich ergehen. Libré war sich nicht ganz sicher ob eher Ängstlich, Hoffnungslos, Aufgeregt oder Hoffnungsvoll sein sollte. /Wahrscheinlich nur müde und verliebt/ entschied er sich schließlich.

Müde war er wirklich. Die letzten Tage hatte Libré nicht gerade viel Schlaf gefunden. Eher gar keinen. Den sorgenvollen Blicken seiner Familie konnte Libré zum Glück immer wieder ausweichen. Dennoch hatte Monika mindestens zehn Mal gefragt ob er heute wirklich mitgehen wollte. Er sah in der Zwischenzeit wirklich aus wie ein wandelndes Gespenst. Selbst sein Klassenlehrer hatte den Vorschlag gemacht er solle nach Hause gehen und sich krank schreiben lassen .Und dass wo dieser Kerl meinte man könne noch mit 38,5 Fieber gut Klassenarbeiten mitschreiben.
Libré betrachtete das konzentrierte Gesicht seiner Schwester. Er traute ihr zu dass sie sein Gesicht so hinbekommen würde dass niemand etwas von seinem Zustand bemerken würde. /Seit fünf Tagen kaum mehr als ein oder zwei Stunden geschlafen. Wie lang ich das wohl noch durchhalte?/ Doch wenn er ausgeruht genug war um zu träumen, schlich sich jedes mal Jonathan in seine Träume. Libré konnte es kaum aushalten, er wünschte sich im Moment nur wieder bei dem jungen Mann zu sein.

"Hey Libré ich rede mit dir." erschrocken sah der angesprochene auf. "Oh, Mann, wenn das so weiter geht dreh ich noch durch. Im schlimmsten Fall baggerst du ihn heute einfach ganz profan an. Verdammt noch mal. Es ist ja nicht zum aushalten mit dir." Leise fluchend dreht sich Monika nun selbst dem Spiegel zu um sich zu schminken. Libré sprang entsetzt auf. "Spinnst du?" schrie er beinahe "Ihn einfach anbaggern? Was ist wenn er mich wegstößt? Sich ekelt? Oder einfach kein Interesse hat?"

Fauchend drehte sich Monika von dem alten Badezimmerspiegel weg. Sie ging langsam auf ihren großen Bruder zu. "Hör endlich auf dich so bescheuert zu benehmen! Ich habe langsam aber sicher genug davon! Seit dem du diesen Kerl gesehen hast benimmst du dich wie ein Irrer. Nicht das du vorher schon normal gewesen währest. Aber jetzt übertreibst du es ein bisschen oder?" Wütend baute sie sich vor ihm auf. Libré wäre am liebsten im Erdboden versunken. Moni bekam nur selten solche Wutanfälle und wenn dann heftig. "Tut mir leid Monika. ich weiß doch selbst nicht was mit mir los ist." Libré ließ den Kopf hängen. Er wollte sich im Moment am liebsten in seinem Zimmer verkriechen und erst wieder raus kommen wenn er normal denken konnte. Auch wenn Libré nicht glaubte, dass das in nächster Zeit sein könnte.

Monika drehte sich mit einem Schnauben um. Sie stellte sich wieder vor den Spiegel. Erst als sie ihren Lippenstift aufgetragen hatte, schaut sie wieder zu ihrem Bruder. "Soll ich mal für dich ausloten wie die Chancen stehen? Thorsten weiß das bestimmt." Libré sah seine Schwester verblüfft an, sie hatte sich erstaunlich schnell beruhigt. Monikas graue Augen blitzten warnend. Sie hatte sich noch nicht beruhigt, nur wieder unter Kontrolle. Libré atmete tief durch, er versuchte so kooperativ wie möglich auszusehen. "Ich wäre dir sehr dankbar." murmelte er leise. Monika nickte ihm zu und drehte sich wieder um. Ohne ein weiteres Wort ging sie aus dem Badezimmer.

Libré seufzte und stand auf. Er warf noch einen Blick in den Spiegel und schnitt seinem Gesicht eine Grimasse. Entweder würde dies der schönst oder der schlimmste Abend seines Lebens werden, entschied er sich. Die Sache lag allein bei Jon. Monika saß schon im Auto als er heraus kam. Sie starrte aus dem Fenster und blickte auch nicht auf als ihr Bruder sich setzte. Schweigend startete Libré den Wagen. Erst als sie aus der Einfahrt heraus waren traute er sich wieder etwas zu sagen. "Ähh Moni? Wohin fahren wir eigentlich?" Monika starrte weiter aus dem Fenster. "Ins Purple" murmelte sie schließlich. Das war einige der wenigen Diskos in die sie gerne ging. Immer wenn sonst keine Feier geplant war. Libré fuhr in Richtung Stadtzentrum.

Vor dem Purple standen mehrere Jugendliche. Nach einigem Suchen entdeckte Moni Thorsten. Mit einem Freudenschrei lief sie auf ihn zu und fiel in seine Arme. Während die beiden einen langen Kuss austauschten stand Libré daneben und kam sich ziemlich bescheuert vor. Er sah sich in der Menschenmenge um, konnte Jon aber nicht entdecken. Geduldig wartete er darauf bis Monika ihm wieder ihre Aufmerksamkeit schenken würde. Als das Paar sich endlich voneinander lösen konnte, sah Thorsten Libré etwas irritiert an. "Ich dachte du würdest nicht gerne aus gehen." meinte er fragend. Libré errötete leicht und Moni begann zu kichern.

"Ich habe nur Monika hier her gefahren." meinte Libré ernst. Er hatte sich schon entschieden wieder zu gehen, wenn Jonathan nicht hier wäre.
Eine Diskonacht grundlos über sich ergehen lassen wollte er wirklich nicht. Thorsten sah beinahe enttäuscht aus. "Schade, Jon würde dich glaube ich gerne wieder sehen. Aber wenn du nur Fahrer warst kann man da nichts machen." Librés Herz setzte einen kurzen Moment aus. /Jonathan ist hier? Ich Trottel!/ Er wusste nicht wie er sich aus dieser Situation heraus winden sollte, ohne dass Thorsten Verdacht schöpfen würde. Hilfe suchend warf Libré seiner Schwester einen flehenden Blick zu.

Moni reagierte sofort. "Aber Libré du kannst doch nicht einfach so gehen." meinte sie theatralisch. "Du musst unbedingt hier bleiben. Wie soll ich denn sonst nach Hause kommen. Mom hat mir doch verboten mich von Thorsten bringen zu lassen." Kein Wort von dem was sie sagte entsprach der Wahrheit, und Libré musste ein Grinsen unterdrücken. Er nickte und seufzte leicht in der Hoffnung dass man ihm seine Erleichterung nicht anmerkte. Thorsten schien ziemlich erleichtert zu sein und stellte keine weiteren Fragen. "Kommt schon. Jon wartet drinnen."


- 3 -

Die Disko war voll mit Leuten und entsprechend stickig. Thorsten und Monika ließen Libré beinahe sofort stehen. Sie wollten sich anscheinend so schnell wie möglich in eine stille Ecke verdrücken. Ein wenig enttäuscht sah Libré den Beiden nach. Er hatte einen kurzen Moment das Gefühl einsam zu sein, obwohl hier so viele Menschen waren. Seufzend ging er zu der Bar. Libré hatte nicht vor sich zu betrinken, aber von dort konnte man am Besten den Raum überblicken, außerdem hatte er das Gefühl sonst nichts zu tun zu haben. Libré bestellte sich einen O-Saft, wobei ihn der Barkeeper seltsam ansah. /Hier trinkt man wahrscheinlich eher Alkohol./ Libré zuckte innerlich mit den Schultern, es war ihm egal was andere hier taten, er mochte den Geschmack von Alkohol einfach nicht.

Libré stellte sich in eine Ecke, die gerade von einem Liebespaar frei wurde. Er ließ seinen Blick über die Tanzfläche streifen. Die Musik dröhnte in seinen Ohren, anscheinend gefiel sie den Gästen, denn die Tanzfläche war bis zum Bersten gefüllt. Auch das schummrige Licht schien niemanden zu stören, eher im Gegenteil. Libré suchte angestrengt in der Menge, doch er konnte Jon nicht entdecken. Er nippte an seinem Saft, eigentlich mehr um sich an etwas fest zu halten. Wieder ein Mal kam Libré sich unpassend vor, er beobachtete die tanzende Menge und entschied einfach nicht hier her zu gehören. Plötzlich hatte er das Gefühl jemand würde ihn beobachten.

Er ignorierte es und beobachtete die Menge weiter. Nicht dass es ihm gefallen würde von irgendjemand angestarrt zu werden, er hatte nur gelernt nicht darauf zu reagieren. Meistens brachte selbst höffliches Interesse nur noch mehr Aufmerksamkeit mit sich, ganz zu schweigen von einer direkten Absage. Jon konnte er nirgends entdecken, nur ein Haufen Jugendlicher die versuchten sich mehr oder weniger rhythmisch zur Musik zu bewegen. Er konnte seine Schwester ausmachen. Sie tanzte enger und langsamer mit Thorsten als dass es zur Musik gepasst hätte. Die Beiden standen eng umschlungen auf der Tanzfläche und wiegten sich nur sanft. Unwillkürlich musste Libré wieder an Jonathan denken. /Verdammt schlag dir das aus dem Kopf./

"Hallo" flüsterte eine leise Stimme an Librés Ohr. ruckartig drehte er sich um. Jonathan stand neben ihm. Ein seltsames Gefühl breitete sich in Librés Magen aus. Ein Lächeln stahl sich auf sein Gesicht, Jon erwiderte das Lächeln ohne Umschweife. Er beugte sich wieder nah zu ihm hin. Jonathans Haare streiften seine Wange und Libré hielt unbewusst den Atem an. "Hier ist es ziemlich laut. Wollen wir vielleicht nach Draußen gehen?" Jons Worte erreichten Libré nur leise. Die Musik war einfach zu laut für ein normales Gespräch. Libré nickte. Er sah erfreut wie das Lächeln auf Jons Gesichtszügen breiter wurde. Wie selbstverständlich ergriff Jonathan Librés Hand und zog ihn zum Ausgang. Fast sofort kam in Libré der Wunsch auf, Jon möge ihn nie wieder los lassen.

Die Nacht war warm und der Vorplatz der Disko war beinahe menschenleer. Nur zögerlich ließ Jon Librés Hand wieder los. Entschuldigend sah er den Kleineren an. Obwohl nur wenige Straßenlaternen brannten, war hier Draußen das Licht wesentlich besser als in der Disko. Eine Weile lang sahen sich die beiden jungen Männer einfach nur an. Jonathan war heute ganz in weiß gekleidet. /Die Kleidung passt zu ihm, gibt einen guten Kontrast zu seiner Haut./ Libré bemerkte die dunklen Ringe unter Jons Augen, er schien in der letzten Woche genauso wenig geschlafen zu haben wie er selbst. Obwohl Libré annahm dass es dafür völlig andere Gründe gab. Jonathan lächelte immer noch leicht, er schien irgendwie entrückt zu sein. "Woran denkst du?" Libré schlug sich sofort die Hand vor den Mund, es war sonst nicht seine Art genau das auszusprechen woran er gerade dachte.

Jonathan fasste sich plötzlich wieder. Sein Lächeln verbreitete sich noch ein wenig, gleichzeitig senkte er jedoch den Kopf, so dass Libré ihm nicht mehr in die Augen sehen konnte. /Komisch letzten Freitag war er nicht so schüchtern./ "Es tut mir leid ich wollte nicht unhöfflich sein." meinte Jon leise. "Wollen wir vielleicht ein Stück gehen? Monika und Thorsten werden uns als Fahrer bestimmt erst später brauchen." fuhr Jon dann sichtlich gefasster fort. Libré nickte wieder nur stumm, dann erst fiel ihm etwas an Jons Worten auf. "Du bist wohl auch nur als Fahrer hier?" noch bevor die Antwort kam ging Libré schon los. In der Nähe war ein kleiner Stadtpark, in dem er am liebsten war. Jonathan lief ein Paar Schritte um ihn einzuholen.

"Ich bin nicht nur als Fahrer hier her gekommen." murmelte er leise. Libré beobachtete ihn genau. Jon sah enttäuscht aus. /Habe ich etwas gesagt was ihn verletzt hat? Oder hat er auf jemanden gewartet und der ist nicht gekommen?/ Schweigend gingen sie nebeneinander her bis der Park in Sicht kam. Plötzlich fing Jon an zu sprechen: " Ich wollte Heute Abend eigentlich jemanden wieder sehen." Er schaute weiter gerade aus, schien Libré gar nicht mehr zu beachten. Durch Librés Magen fuhr ein kalter Stich. /Dann ist er doch nicht wegen mir gekommen. Seine Verabredung ist nicht gekommen, deswegen hat er vorhin so enttäuscht geklungen./ Beinahe erschrocken bemerkte Libré das er tatsächlich enttäuscht war, dass bedeutete er hatte sich Hoffnungen gemacht, etwas was er unter jeden Umständen hatte vermeiden wollen. /Ich Idiot!!!/ Er warf einen Blick auf Jon, der immer noch interessiert den Boden betrachtete.

Innerlich seufzend, beschloss Libré wenigstens höfflich zu sein, wenn schon alles andere nicht klappen konnte. "Ist deine Verabredung nicht gekommen?" fragte er beinahe kalt. Jon schaute ihn nicht an. "Es war keine Verabredung, jeden Falls nicht deutlich für heute Abend." Er blieb plötzlich stehen und starrte in den Himmel. Verdutzt drehte sich Libré zu ihm um, warf selbst einen kurzen Blick nach oben, um zu sehen ob dort irgend etwas sei was Jons Aufmerksamkeit auf einmal so fesseln konnte. Er konnte nach seinem kurzem aber heftigen Studium der Astronomie jedes Sternbild erkennen und beinahe jeden Stern beim Namen nenne. Aber beim besten Willen konnte Libré nichts entdecken, das Jon dazu gebracht haben könnte stehen zu bleiben.

Libré wartete eine Weile ob Jonathan weitersprechen, oder wenigstens den Kopf wieder senken würde. Doch Jon stand einfach da und betrachtete den klaren Sternenhimmel. Vorsichtig hob Libré eine Hand und legte sie an Jonathans Wange. "Hey Träumerle, aufwachen." flüsterte er sanft. Ruckartig senkte Jon den Kopf, er schien wirklich wie aus einem Schlaf aufgewacht zu sein. /An wen er wohl gedacht hat?/ Jonathans braune Augen drohten ihn wieder gefangen zu nehmen, deswegen drehte Libré sich schnell um. Er ging einige Schritte von Jon weg. "Was war es sonst?" versuchte er wieder an das Gespräch von vorhin anzuknüpfen. "Wie bitte?" Jon schien nicht ganz mit zu kommen. Grinsend drehte sich Libré um.

"Ich meine: Was war es sonst, wenn es keine Verabredung war? Die Person die du zu treffen gehofft hast." versuchte er Jon klar zu machen. Der schüttelte kurz den Kopf, um ihn wieder frei zu bekommen. "Ich weiß nicht was es genau ist. Die Person hat gesagt wir würden uns wieder sehen, immer wann ich möchte. Doch ich weiß nicht ob du es auch ernst gemeint hast." Libré wurde schlagartig klar, dass Jon ihn meinte. Heiße Blitze schossen durch seinen Körper. Er taumelte zwei Schritte zurück und stieß mit dem Rücken an einen Baum. "Meinst du mich?" Librés Stimme erklang nur als ein Flüstern. Er räusperte sich, "Du wolltest mich wieder sehen?" fragte er in normaleren Tonfall. Jonathan nickte nur stumm. Libré erstarrte, er wollte zu Jonathan gehen ihm erklären, dass er ihn genauso wieder sehen wollte, aber er konnte sich kaum bewegen.

Jon ging auf ihn zu, er hob die Hand und strich sanft über Librés Wange. "Ich wollte dich seit letzten Freitag wieder sehen." flüsterte er atemlos, nur um sich gleich darauf wieder zu verbessern. "Nein, dass stimmt nicht ganz. Ich wollte dich gar nicht erst gehen lassen." Langsam ließ er seine Hand über Librés Schulter herab gleiten. Dann trat er plötzlich einen Schritt zurück. Jon senkte den Blick "Tschuldige, ich wollte das nicht." meinte er leise. In Librés Kopf drehte sich alles, die Stelle an der Jon ihm berührt hatte brannte wie Feuer. /Er wollte mich wieder sehen! Er hat mich gestreichelt! Er hat sich entschuldigt?/ Libré wurde klar, dass er Jon noch mit keiner Geste gezeigt hatte was er fühlte, dass er ihm nicht einmal gesagt hatte dass er ihn auch wieder sehen wollte. /Ich Idiot! Ich Riesendepp! Natürlich entschuldigt er sich da!/

Ohne auf seine innere Stimme zu achten die ihn wieder einmal vor einer Enttäuschung warnte, ging Libré auf Jon zu und legte seine Hand in den Nacken des größeren Jungen. "Entschuldige." flüsterte er mit einem Glitzern in den Augen. Dann zog er den überraschten Jonathan zu sich herab und küsste ihn sanft. Jon riss die braunen Augen auf, nach einem kurzen Moment erwiderte er den Kuss jedoch. Libré schloss die Augen, am liebsten wollte Jon nie wieder los lassen. Jonathan schien ähnlich zu denken, denn er legte die Arme um Libré und zog ihn enger an sich. Erst als sie Stimmen in der Nähe hörten lösten sich die Beiden wieder voneinander. Jon trat einen halben Schritt zurück, ließ ihn aber nicht los. "Darf ich annehmen, dass du mich auch wieder sehen wolltest?" fragte er grinsend. Auch Libré grinste glücklich. Sein Magen schlug Purzelbäume, aber die Spannung die er in den letzten Tagen verspürt hatte war einem so überwältigendem Glücksgefühl gewichen, dass er am liebsten gesungen hätte. "Darauf kannst du Gift nehmen." meinte er immer noch leicht atemlos.

Die Stimmen wurden lauter und ein Pärchen kam eng umschlungen um die Wegbiegung gelaufen. Beinahe sofort ließ Jonathan Libré los. Ein kalter Stich fuhr durch Librés Magen. Kaum das Jon die Hände von ihm gelassen hatte, vermisste er ihn. Sie sahen sich schweigend an bis das Paar wieder verschwunden war. "Du willst nicht dass andere davon wissen?" fragt Libré leicht enttäuscht. Er hätte am liebsten der ganzen Welt erzählt wie sehr er Jon liebte, wie glücklich er im Moment war. Jonathan sah ihn etwas verwirrt an. "Ich dachte du..." dann brach er plötzlich in Gelächter aus und zog Libré wieder eng an sich. "Ich bin ein Idiot. Entschuldige. Wir können ihnen gerne hinterher laufen und es sagen." meinte er dann ohne jeglichen Ernst.

Libré zog ihn erneut zu sich herunter und küsste ihn. "Wir können es der ganzen Welt sagen." flüsterte er an Jons Lippen. Dann wich er etwas zurück. "Verrate mir nur eines. Wie hast du es geschafft mich in der wenigen Zeit so sehr zu verwirren?" fragte Libré ernsthaft. Er verstand sich selbst nicht mehr, seine Gefühle kamen ihm so seltsam vor, gleichzeitig fühlte sich alles so richtig an. Jonathan zog ihn in eine enge Umarmung. "Ich weiß es nicht." meinte er leise an Librés Ohr. "Wie hast du es bei mir geschafft?" Er knabberte an Librés Ohr und fuhr dann mit seinem Mund sie Haut bis zu den Lippen entlang. Nur um dort wieder in einem langen Kuss zu versinken. Eine kleine Wolke von Schmetterlingen explodierte in Librés Magen, er seufzte unter dem Kuss wohlig auf.

Nur ungern löste er sich wieder von Jonathan. "Wir sollten zurückgehen, bevor Monika sich Sorgen macht Obwohl sie sich´s vielleicht schon denken kann." flüsterte er leise. Libré wusste welche Glucke seine kleine Schwester manchmal sein konnte. Jon nickte zögerlich, ließ ihn dann aber trotzdem nicht los. "Ich will nicht schon wieder eine Woche auf dich warten müssen." meinte er leise. Libré hörte die Angst die in Jonathans Stimme schwang. Er konnte ihn gut verstehen, er selbst hatte ja die Woche auch nicht gerade gut hinter sich gebracht. Libré seufzte und wand sich aus der Umarmung. Er sah Jon fest in die Augen. "Ich werde mit Sicherheit keine Woche ohne dich aushalten. Vor allem jetzt." meinte er ernst. Libré hatte das Gefühl er würde es kaum 12 Stunden ohne Jon in seiner Nähe aushalten.

Der größere Junge schlang den Arm um Libré und zog ihn eng an sich. Sie versuchten wieder aus dem Park heraus zu laufen und mussten entdecken, dass es beinahe unmöglich war so nah beieinander zu gehen, ohne ständig zu stolpern. Mit einem leisen Fluch nahm Libré seine Hand von Jons Hüfte. Er grinste ihn an und nahm Jons Hand und hauchte einen Kuss darauf. "Ich glaube wir sollten uns auf Händchenhalten beschränken." Jon nickte nur. Vor dem Ausgang des Parks blieb er plötzlich stehen. Libré sah ihn erstaunt an. "Du willst es wirklich allen sagen?" fragte Jon ernst. Libré nickte nur. Für ihn hatte es keinen Sinn irgendetwas geheim zu halten. "Was spricht dagegen?" fragte er mit einem Schulterzucken. Jetzt war es an Jon ihn verwundert anzustarren.

"Weist du denn gar nicht was geschehen könnte? Deine ganzen Freunde könnten dich im Stich lassen! Deine Eltern könnten dich rausschmeißen! Du kannst dir nicht einmal sicher sein wie deine Schwester reagieren wird!" Sein Gesicht schien vor Schmerz verzerrt zu sein. /Ist es wirklich dass was dir Angst macht? Du sorgst dich um mich?/ Libré kam nicht umhin Jon für sein Verhalten noch mehr zu lieben. Er zog ihn eng an sich und gab ihm einen tiefen Kuss. "Jon" flüsterte er ernst. "Ich weiß nicht was bei deinem Comming out geschehen ist. Aber ich kann mir in ein paar Dingen sicher sein: Erstens, meine Schwester weiß schon dass ich dich liebe, sie wird sich einfach schrecklich freuen. Zweitens, meine Eltern würden mich nie im Leben wegen so etwas rausschmeißen, wenn du sie kennen lernst mach dich auf etwas gefasst: Sie sind total irre und mit Sicherheit nicht prüde. Und drittens: Es macht mir einen Scheißdreck aus, was meine Umgebung von mir denkt, es hat mir bisher nichts ausgemacht und wird mir auch in Zukunft nichts ausmachen. Ich liebe dich. Ich habe zwar keine Ahnung warum, aber wie gesagt: es kann die ganze Welt erfahren!" Libré wartete gar nicht auf eine Erwiderung Jons, er stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn um seine Argumente zu festigen.

Jonathan hatte die Augen aufgerissen. Er schien so überrascht zu sein, dass er gar nichts sagte. Schließlich fing er sich wieder. "Du liebst mich?" flüsterte er atemlos. /Scheiße!!!/ Libré versuchte es mit einem schiefen Lächeln. "Äh.... Ich.... Ja.... Äh... Ich glaube schon" stotterte er. Jonny lachte leise auf, "Du bist süß, vor allem wenn du so unsicher bist." Er beugte sich zu Libré herab und küsste ihn. "Ich bin so glücklich. So schrecklich glücklich. Ich glaube ich liebe dich auch." flüsterte er leise. Jon schlang seine Arme um Libré und zog ihn eng an sich. Erst nach einer Weile lösten sich die beiden wieder voneinander. "Lass uns zurück gehen." meinte Libré plötzlich voller Tatandrang, er wollte unbedingt seiner Schwester von Jon erzählen.

Als sie an der Disko ankamen, war der Parkplatz davor beinahe leer. /Wir müssen verdammt lang unterwegs gewesen sein/ Er entdeckte Monika an der Wand des Hauses gelehnt, Thorsten stand nah bei ihr und rauchte eine. Als sie wenige Meter entfernt waren schaute Thorsten auf. Er grinst und stupste Monika in die Seite. Sie sah ihren Bruder nur kurz an, dann grinste sie übers ganze Gesicht. Moni hob einen Daumen hoch und kam grinsend auf das frische Pärchen zu, Thorsten folgte ihr. "Na ein Glück. Noch so eine Woche mit dir würde ich nicht aushalten. Hallo Jon. Pass ja gut auf mein Brüderchen auf. Wenn du ihm das Herz brichst reiß ich deines raus." Trotz ihres erfreuten Lächelns bemerkte man dass sie es durchaus ernst meinte. Libré verzog sein Gesicht zu einer Grimasse. "Moni!!! Ich will nichts davon hören!" Jon lächelte unsicher. "Ich werde ihm nie etwas antun und alle die es versuchen legen sich mit mir an." Moni nickte sie war sich sicher, dass ihr Bruder in guten Händen war. "Ihr strahlt stärker als ein Kernreaktor." kam der trockene Kommentar von Thorsten. Er schien mit der Situation mehr als zufrieden zu sein. Moni stieß ihn in die Seite. "Du tust gerade so als hättest du alles eingefädelt." meinte sie gespielt wütend.

Libré horchte auf. "Was eingefädelt?" fragte er mit drohendem Unterton. Moni sah ihn Verzeihungsheischend an. "Nicht nur du warst letzte Woche kaum zum aushalten. Jonny hat sich anscheinend genauso benommen. Da hab ich Thorsten halt den Vorschlag gemacht, dass wir euch hierher bringen und dann verschwinden um zu sehen was draus wird." Sie gab Thorsten einen Kuss, dann drehte sie sich wieder grinsend zu ihrem Bruder um. "Hat doch wunderbar geklappt." Libré stöhnte auf. Er zog Jonny enger an sich, um zu verhindern dass er sich auf seinen Kumpel stürzen konnte. Wäre er nicht so glücklich gewesen hätte er Moni eine Kopfnuss verpasst.

"Ich schlage vor wir fahren getrennt nach Hause." meinte Monika resolut. Libré zog Jonny noch enger an sich. "Ich finde das eine schreckliche Idee." stimmte Jon ihm zu. "Wieso? Ich fahre mit Thorsten und du mit Libré. Ich finde dass eine tolle Idee." grinste Moni ihn an. Thorsten nickte bekräftigend. Libré stimmte schneller zu als das Jon nein sagen hätte können. Er gab seiner Schwester einen schnellen Kuss. "Sei Morgen halbwegs pünktlich zu Hause. Paps kommt." Sie grinste ihn nur an. "Sei Morgen wieder halbwegs pünktlich wach. Du musst deinen Freund noch vorstellen."

Die Fahrt dauerte nicht lange. Um diese Uhrzeit war kaum ein Mensch unterwegs und alle Straßen waren frei. Als Libré in die Einfahrt fahren wollte, stand dort schon ein anderes Auto. Er grinste Jonathan schief an. "Es sieht so aus als würdest du meine Eltern beide Morgen kennen lernen." Jonny schien sich wieder unbehaglich zu fühlen. "Bist du sicher, dass du dass willst. Ich meine wegen mir könnten wir noch warten bevor wir´s ihnen sagen." Libré brauchte nicht einmal einen Moment lang nachzudenken. "Glaub mir meine Eltern werden dich akzeptieren. Gott!! Moni hat schon viel schlimmere Typen heimgeschleppt!" Jonathan schaute ihn gespielt wütend an. "Was heißt hier viel schlimmere Typen? Was bin ich dann?" Libré grinste und gab ihm einen Kuss sagte aber nichts.

Leise schlichen sie durchs Haus. Libré zog Jonathan mehr oder weniger hinter sich her. Er öffnete seine Zimmertür und ließ Jonny ein. /Wie es ihm wohl gefällt?/ Libré versuchte sein Zimmer mit den Augen eines Fremden zu sehen. Das große Bett, das mit dem Schreibtisch beinahe den ganzen Platz im Zimmer einnahm. An den Wänden wo weder Schreibtisch noch Bett standen war alles mit Regalen voller Bücher vollgestellt. Ein Schrank stand gegenüber des Bettes, das genau unter dem Fenster stand. Jonathan drehte sich einmal im Kreis und schaute auf Libré herab. "Wow, das Bett ist riesig." war das einzige was er heraus brachte.

Libré grinste breit. "Stimmt. Es war ein Geburtstagsgeschenk meiner Eltern, zum Achtzehnten. Sie meinten ich hätte zu wenig Besuch bisher gehabt, deswegen haben sie mir ein Doppelbett geschenkt. Jetzt fängt es an mir zu gefallen." Jonny lächelte seine Augen hatten sich leicht verklärt. "Ich glaube mir gefällt es auch." murmelte er und gab Libré einen Kuss der lange brauchte um abzubrechen. Libré hörte auf zu denken, er wollte Jonathan nur noch eng an sich spüren. Libré zog seinen Geliebten zum Bett und war wirklich froh, darüber dass die Wände isoliert waren.

Die ersten Sonnenstrahlen des Morgens fielen Libré ins Gesicht. Langsam und vor allem ungern erwachte er. Nur einen kurzen Moment fragte Libré sich ob die Nacht Gestern nur einer seiner Wunschträume gewesen war, aber die Wärme die er spürte belehrte ihn eines besseren. Er wollte nicht aufstehen. Libré kuschelte sich noch enger an Jonathan. Es war eindeutig viel zu warm und viel zu schön um jetzt aufzustehen. Er lächelte zu seinem Freund und entdeckte, dass dieser ihn schon aus wachen braunen Augen anschaute. Auch Jonathan lächelte. "Guten Morgen, Schatz" flüsterte er und gab Libré einen Kuss. "Schatz?" Libré schaute Jonny etwas überrascht an. Der nickt sehr ernst. "Klar wie sollte ich dich sonst nennen. Libie?" Libré musste nicht lange überlegen. "Ich glaube Schatz gefällt mir am Besten." meinte er leicht grinsend.

Er richtete sich auf. "Wie lange bist du schon wach?" Jonny lächelte verlegen. "Etwa eine Stunde." Libré klappte die Kinnlade herunter. "Eine Stunde? Warum hast du mich nicht geweckt? Oder bist aufgestanden?" Jonny wurde noch verlegener. Er starrte auf seine Hände. Was Libré dazu brachte sich vor ihn hinzuknien um in seinem Blickfeld zu bleiben. Er nahm Jonathans Hände und platzierte einen schnellen Kuss darauf. Jonny lächelte ihn an. "Dich wecken wollte ich nicht. Und aufstehen habe ich mich nicht getraut. In einer fremden Wohnung und so..." Er sah einfach nur niedlich aus, fand Libré. Er stürzte sich auf seinen Freund und schlang die Arme um ihn. Er spürte Jonathans Herz schneller schlagen, genau wie sein eigenes. "Du bist schrecklich süß. Weißt du dass?" Libré küsste seinen Freund sanft.

"Komm wir gehen Frühstück machen." meinte er dann voller Elan. Jonny sah ihn, ob des plötzlichen Stimmungswechsels, etwas verwundert an. Er nickte vorsichtig. Libré sprang auf und zog sich schnell um. Jonathan brauchte nur wenig länger, er zog einfach die Sachen vom Vortag wieder an. /Ein Glück, dass wir gestern schon geduscht haben. Er musste schmunzeln, /Es war auch wirklich nötig/ Libré zog Jonathan schon wieder mehr oder weniger mit sich. Er wollte am liebsten seinen Eltern sofort von seinem großen Glück erzählen.

Librés Eltern waren wie nicht anders zu erwarten schon wach. "Morgen." rief Libré fröhlich in die Küche. Seine Mutter schaute ihn etwas verwundert an. "Libré mein Schatz geht's dir wieder besser?" fragte sie halb erstaunt halb glücklich. Libré grinste und trat völlig in die Küche um Jonathan Platz zu machen. Eher vorsichtig folgte er ihm. "Guten Morgen. Ich bin Jonathan" meinte er leise. Librés Mutter sah ihn erstaunt an. Dann grinste sie plötzlich. "Frank!" schrie sie durchs halbe Haus. "Fraaank, ich habe gewonnen." Aus dem Wohnzimmer ertönte eine laute Stimme, "Verdammt!!! Aber eigentlich ein Glück. Wer ist es denn?" Libré beobachtete aufmerksam Jonathans Mienenspiel, seine Eltern waren etwas, was nicht einmal alle Freunde von Monika so einfach verkraftet hatten.

Jonathan hatte die braunen Augen weit aufgerissen. Er schaute zwischen seinen Freund und seiner Mutter hin und her. Libré grinste, irgendwie machte es ihm Spaß seinen Freund durcheinander zu bringen. "Komm her und schau ihn dir doch selber an." schrei seine Mutter ins Wohnzimmer. Dann wandte sie sich wieder Libré zu. "Freut mich für dich. Freut mich wirklich. Was wollt ihr frühstücken?" Sie verfrachtete die beiden ohne Umstände zusammen auf die Eckbank. Libré wollte schon protestieren, er wollte seinem Jonathan lieber selbst das Frühstück machen, aber ein Blick in die Augen seiner Mutter ließ ihn lieber schweigen. Selten hatte er sie so fröhlich und voller Tatendrang erlebt. Sie grinste ihn an und schrie dann wieder ins Wohnzimmer. "Fraaank. Komm endlich her und beglückwünsche deinen Sohn. Der Typ den er sich geangelt hat ist wirklich niedlich, wenn auch etwas schweigsam."

Jonathan wurde rot. Libré schaute ihn liebevoll an und kuschelte sich an ihn. "Die beiden musst du so nehmen wie sie sind. Ich habe es schon lange aufgegeben sie zu erziehen." meinte er laut genug, dass seine Mutter ihn hören konnte. Sie grinste ihren Sohn an und gab ihm eine Kopfnuss. "Was heißt hier uns erziehen? Sollte die Sache nicht andersrum laufen?" "Das hätte ich sehen wollen. Wie ihr eure Kinder erzieht." Libré hörte wie Jonathan scharf die Luft einzog. Seine Mutter wandte sich um, und rief scheinbar gequält: "Womit habe ich das verdient. Mein eigener Sohn und solche Aussprüche." "So hast du ihn erzogen:" kam es von der Tür her. Librés Vater stand darin. Er lehnte am Türrahmen und grinste seine Frau an. Dann schaute er zu seinem Sohn hinüber.

"Schön dass du wieder hier bist Dad. Darf ich vorstellen Jonathan das ist mein Vater Frank. Paps das ist Jonathan mein Freund." Librés Vater lächelte wenn das überhaupt möglich war noch breiter. "Ich hab mir schon gedacht, dass der Junge Jonathan ist. Herzlichen Glückwunsch Libré, vielleicht wird er dich endlich vom Lernen abhalten wenn ich es schon nicht hinbekommen habe." Frank gab seiner Frau einen Kuss. "Und was wünschst du dir für die gewonnene Wette?" Libré sah seinen Vater aufmerksam an. Er hatte grünblaue Augen und braune Haare. Dummerweise hatte er auch die Eigenschaft nicht lügen zu können. "Paps? Warum habt ihr gewettet und vor allem warum hat Mom gewonnen?"

Frank wollte sich vor der Antwort drücken, dass sah man deutlich. Libré schwante übles aber er wollte unbedingt wissen was los war. "Karen erklär´s ihnen. Ich glaube ich kriege nur Ärger." Librés Mutter sah ihren Mann wütend an. "Ach und wenn ich Ärger mit ihm bekomme ist das nicht so schlimm? Immerhin bist du fast die ganze Zeit weg. Und ich muss mich dann mit einem wütenden Sohn rumschlagen." Libré wurde immer unruhiger, er konnte spüren wie wenig es Jonathan gefiel hier zu sein. Er konnte ihn gut verstehen, es sah immerhin so aus als würden seine Eltern gerade einen Streit anfangen. Libré drehte sich zu seinem Freund um und lächelte verzeihungsheischend.

"Das ist normal bei denen. Warte einen Moment ich möchte zu gern wissen warum sie gewettet haben." Libré gab Jon einen Kuss und sah dann wieder zu seinen Eltern, die sich immer noch nicht geeinigt hatten wer ihm jetzt die Sache mit der Wette erklären sollte. "Es ist mir ziemlich egal wer von euch beiden endlich etwas erklärt, aber wir wollten eigentlich nicht den ganzen Tag in der Küche verbringen. Immerhin sind wir beide noch jung." Er neigte einen Moment dazu <im Gegensatz zu euch> noch anzufügen, aber das hätte nur zu einer weiteren fruchtlosen Diskussion zwischen den beiden geführt, warum er so frech wäre. Librés Mutter drehte sich wieder zum Herd. "Erklär du´s ihm ich mach schon das Frühstück für die beiden." Librés Vater seufzte schwer, es war ihm vom Anfang an klar gewesen, dass er es sagen musste.

Frank setzte sich dem Pärchen gegenüber an den Tisch. "Sie," Er deutete über die Schulter auf seine Frau, "hat mir von deinem Verhalten in der letzten Woche erzählt. Ich habe gesagt du hättest nur wieder mal zu viel gelernt, deine Mutter meinte du wärest verliebt. Ich wollte ihr nicht glauben, also habe wir gewettet ob du nun verliebt bist, oder ob du irgendetwas anderes hast. Wies aussieht hat sie gewonnen." Er seufzte gepeinigt auf. Libré grinste seinen Vater an. Eigentlich war er wütend auf seine Eltern, aber irgendwie schien ihm dass im Moment unwichtig zu sein. "Was Blöderes ist euch nicht eingefallen? Ich führ mich die ganze Woche wie ein Verrückter auf und was tut ihr: Wetten." Libré drehte sich zu seinem Freund um. "Hab ich es dir nicht gesagt; sie sind einfach nur irre."

Jonathan lächelte und nahm ihn in den Arm. "Ist doch nicht so schlimm. Mein Vater hat mich ohne Umschweife aus dem Haus geworfen, als ich ihnen sagte, dass ich schwul bin. Die Reaktion von deinen gefällt mir eindeutig besser." Librés Mutter war regelrecht erschrocken. "Die können dich doch nicht so einfach raus werfen. Wo wohnst du denn jetzt? Da fällt mir ein: Was machst du überhaupt? Wie alt bist du; und Wie, Wo und Wann habt ihr euch kennen gelernt?" Libré stöhnte laut auf. "Mom, spinnst du? lass ihn doch in Ruhe mit deinen Fragen."

Jonathan schüttelte den Kopf, "Ich denke sie hat wirklich ein Recht darauf zu erfahren wer sich in ihren Sohn verliebt hat." Libré grinste, "Vergisst du da nicht etwas, schließlich hat sich ihr Sohn auch in dich verliebt." Er küsste Jonathan sanft. Libré drehte sich wieder zu seinen Eltern um, die ihn grinsend beobachteten. "Seit bloß ruhig!" drohte er ihnen, dann fuhr er resigniert fort. "OK Mom löchre ihn schon mit deinen Fragen, aber nur solange er antworten will." Seine Mutter drehte sich seufzend wieder dem Herd zu. Sie handwerkte etwas herum und stellte schließlich einen Berg von Pfannkuchen auf dem Küchentisch ab. "Zur Versöhnung." meinte sie grinsend. "Außerdem redet es sich beim Essen vielleicht leichter." Libré seufzte kaum hörbar und kuschelte sich enger an Jonny, er wusste was jetzt kommen würde und hätte es Jonathan am liebsten erspart. Librés Mutter konnte eines besonders gut, die Wahrheit aus Menschen rausholen, die meisten erzählten ihr mehr als sie wollten.

Doch noch bevor Karen etwas sagen konnte hatte Jonny angefangen zu erzählen. "Ich bin letzte Woche 20 geworden, das wäre schon mal eine Frage. Auf meiner Geburtstagsparty haben wir uns kennen gelernt. Ich glaube ich habe mich sofort in Libré verliebt." Libré schaute ihn glücklich an, auch Jonathan hatte gerade den Kopf gesenkt. Die braunen Augen nahmen Libré sofort gefangen. Jonathans Haare bildeten einen braunen Schleier um sein Gesicht. Ein sanftes Lächeln umspielte seine Lippen, die in Libré sofort den Wunsch aufbrachten sie wieder zu schmecken. Ein Räuspern riss ihn aus den Gedanken. Libré schaute auf und sah seine Eltern sie wieder grinsend beobachten. "Ich will euch ja nicht unterbrechen. Aber die Pfannkuchen werden kalt und Jonathan hat aufgehört zu reden." meinte seine Mutter trocken. Libré wurde rot und Jonathan fing etwas stotternd an zu sprechen.

"Was? ähm ... ja ... Wie war noch mal die Frage?" Librés Mutter grinste, wenn das überhaupt möglich war noch breiter. "Darf ich für dich weiter erzählen? Wenn ich mir euch so ansehe, schätze ich du hast dich die letzte Woche genauso aufgeführt wie mein kleiner Sohnemann." Jonathan wurde rot, was für Librés Mutter Antwort genug war. Libré unterbrach sie allerdings. "Gestern haben wir uns in der Disko getroffen. Wenn du es genau wissen willst, war die Sache von Moni und Thorsten eingefädelt. Und was danach passiert ist, willst du nicht am Frühstückstisch besprechen. Auf jeden Fall will ich es nicht." Seine Mutter verzog das Gesicht zu einer Grimaße, dann grinste sie schon wieder. "Wie wär's jetzt mit den anderen Fragen?" Librés Vater meldete sich zu Wort. "Schatz ich glaube es reicht langsam oder. Lass die Jungs doch erst mal Essen." Libré schaute seinen Vater dankbar an. Der zwinkerte kurz und griff nach einem Pfannkuchen.

Aber Jonathan wehrte ab. "Ist doch nicht so schlimm. Ich kann deine sie verstehen schließlich bin ich eigentlich ein Fremder." Er lächelte Librés Eltern freundlich an. "Ich lebe im Moment mit Thorsten und Max in einer WG. Ich studiere Biologie. Meine Mutter bei einem Unfall umgekommen als ich 12 war. Ich bin letztes Jahr mehr oder weniger ausgezogen, mein Vater wollte mich aus dem Haus haben sobald ich mit dem Abitur fertig war. Er ist sehr altmodisch und katholisch. Das wäre glaube ich die Kurzzusammenfassung meines bisherigen Lebens. Sonst noch Fragen?" Librés Mutter schüttelte etwas kleinlaut den Kopf. "Ich denke es ist auch wirklich genug." meinte Libré hart. Er mochte seine Eltern, aber anscheinend hatten sie sich mal wieder zu viele Sorgen gemacht. Librés Vater warf seinem Sohn einen entschuldigenden Blick zu. Das restliche Frühstück verlief schweigend.

Libré und Jonathan verzogen sich bald in Librés Zimmer zurück. Sie saßen gemeinsam auf dem großen Bett, weil keine anderen Sitzgelegenheiten mehr da waren und weil man dort eng beieinander sitzen konnte. Libré war sich sicher, dass er noch nie so glücklich war wie genau in diesem Moment. Er wünschte dieser Moment würde ewig andauern. Jonathan strich im durchs Haar. "Ich wünschte ich könnte genau jetzt die Zeit anhalten." murmelte er. Librés Herz machte einen kleinen Sprung. /Er denkt genau wie ich!/ "Ich liebe dich." sagte er ernst. Plötzlich klopfte es an die Tür, ohne auf eine Antwort zu warten, wurde die Türe aufgerissen und Monike stürzte hinein. Sie grinste ihren Bruder an. "So ein großes Bett und ihr beide braucht so wenig Platz." kommentierte sie grinsend den Zustand, dass Libré und Jonathan eng aneinander gekuschelt da lagen.

Libré stöhnte auf. "Was willst du Moni?" fragte er genervt. Seine Schwester grinste noch breiter. "Eigentlich wollte ich fragen ob Jonny nicht Lust hätte mit ins Kino zu gehen, denn du liebes Bruderherz willst ja ohnehin lieber lernen." Libré griff nach einem Kissen und warf es nach Monika. "Wenn Jonathan hingeht gehe ich auch mit. Natürlich nur wenn du nicht lieber allein sein willst." wandte er sich sofort an seinen Freund. Jonny grinste nur. "Stimmt ich will lieber allein sein. Allerdings mit dir." Grinsend schloss Monika die Tür und ließ die beiden Turteltauben alleine. /Na da haben sich zwei gefunden!/ Die konnten sich auf jeden Fall auch alleine die Zeit vertreiben.


- 4 -

Libré hatte das Gefühl, diese Schulstunde würde niemals vorbei gehen. Wie können Lehrer auch ernsthaft versuchen, in der letzten Stunde vor den Herbstferien noch Unterricht zu machen. Libré saß genau neben dem Fenster, ganz vorne. Für ihn war es einfach der perfekte Platz. Irgendwann hatte er herausgefunden, dass Lehrer die Schüler nicht beachten, die in der ersten Reihe sitzen. So konnte er im Unterricht teilweise andere Dinge machen. Dass er gerne lernte hieß nicht, dass er gerne für die Schule lernte. Libré lernte alles. Er graste jedes Gebiet penibel genau ab, bis er glaubte darüber alles zu wissen, dann interessierte er sich nicht mehr dafür.

Libré warf einen Blick auf die Uhr. Noch zehn Minuten. /Eigentlich müssten sie bald kommen/ Ungeduldig schaute er aus dem Fenster. Gegenüber der Schule war ein großer Parkplatz. Er war nicht gerade überfüllt, so dass Libré nicht lange brauchte, um den grünen Golf von Thorsten zu entdecken. Als die Beifahrertür aufging, breitete sich auf Librés Gesicht ein strahlendes Lächeln aus. Er hatte den braunhaarigen Mann sofort als Jonathan erkannt. /Sie haben also tatsächlich die letzte Vorlesung geschwänzt. Warum kann ich das nicht auch?/

Er warf einen kurzen Blick nach vorne, die Lehrerin erklärte irgendeine Grammatik, die ihn absolut nicht interessierte. Lieber betrachtete er seinen Freund. Jonathan suchte mit den Augen das Schulgebäude ab. Als er Libré entdeckte, lächelte er breit. Er hob die Hand und winkte, dann warf er ihm eine Kusshand zu. Libré grinste und erwiderte die Geste. Plötzlich fing ein Teil der Klasse an zu lachen. Erschrocken sah Libré auf.

Frau Donnemann stand vor ihm und sah nicht sehr glücklich aus. "Herr Kaleck. Dürfte ich sie fragen, warum sie ihre Aufmerksamkeit nicht dem Unterricht zuwenden? Ob sie es glauben oder nicht: Englisch ist eine wichtige Fremdsprache." Die Lehrerin sah aus, als würde sie gleich platzen. "Aber lange nicht so wichtig wie meine Freund." Erschrocken zog Frau Donnemann die Luft ein. Libré war nicht minder erschrocken, das hatte er mit Sicherheit nicht laut sagen wollen. Ein paar in der Klasse sahen in überrascht an. Libré spürte, wie sein Kopf immer roter wurde. Seine Englischlehrerin schaute ihn entsetzt an. „Wissen sie eigentlich was, sie gerade gesagt haben?“ knurrte sie.

Die Klingel erlöste ihn zum Glück. Die Schüler stürmten nach draußen. Auch Libré wollte seine Sachen packen. "Herr Kaleck. Als Strafarbeit machen sie Nummer 12 und 13 im Buch. Und wehe, ich höre noch einmal eine solche Antwort von ihnen!" Wütend drehte sie sich zu ihrem Pult um und begann, ihre Tasche zu packen. Libré schaute die Lehrerin überrascht an. Frau Donnemann war eigentlich niemand der Strafarbeiten aufgab. Aber ihm konnte es egal sein. Er machte alle Aufgaben in den Büchern schon in den ersten Wochen des Schuljahres. So nickte Libré nur stoisch und lief dann schnell aus der Klasse.

Draußen standen noch einige seiner Klassenkameraden. "Hey Libré, jetzt hast du die Donnemann aber durcheinander gebracht. Warum bist du denn sonst so still im Unterricht." Libré schaute sie überrascht an. Seine Klassenkameraden sprachen selten mit ihm, dafür hatte er eigentlich gesorgt.

"Ich habe nur gesagt was ich gedacht habe." sagte er leise. Er fühlte sich unwohl in der Gruppe, die ihm plötzlich soviel Aufmerksamkeit schenkte. Seine Klassenkammeraden lachten und Libré hatte das unsichere Gefühl, dass sie über ihn lachten.

Libré entdeckte Jonathan am Ende des Korridors. "Jonny!" Er rannte auf ihn zu und schlang seine Arme um ihn. Jonathan lachte und gab ihm einen langen Kuss. "Hallo mein Schatz." flüsterte er leise. Libré lächelte glücklich. Sie waren jetzt ein halbes Jahr zusammen und noch immer kam es ihm so vor, als würde die Sonne erst auf gehen, wenn er seinen Freund sah. "Ich habe dich vermisst." Frau Donnemann ging mit einem missbilligendem Schnaufen an ihnen vorbei. Jonny sah ihr verwundert nach "Was hat die Frau denn?"

Libré grinste breit. "Ich hab gesagt du bist wichtiger als Englisch, glaub das hat ihr nicht gefallen." Jonathan sah ihn gespielt wütend an. "Ich hab dir doch gesagt, du sollst denken bevor du sprichst." meinte er ernst. Libré grinste noch breiter, er gab seinem Freund einen Kuss. "Ich habe gedacht, bevor ich etwas gesagt habe. Ich habe an dich gedacht." verteidigte er sich nicht sehr erfolgreich. Jonny schüttelte nur den Kopf, dann griff er nach Librés Hand.

"Komm wir holen Moni noch ab und dann gehen wir einkaufen. Schließlich müssen wir einiges für deinen Geburtstag vorbereiten." Libré seufzte. Sie hatten das Thema oft genug diskutiert. Jonathan hatte darauf bestanden, dass er dieses Jahr seinen Geburtstag feierte. Und Libré konnte ihm fast nie einen Wunsch abschlagen. Nur einige Male war er standhaft geblieben. Und selbst da war er lieber Kompromisse eingegangen, als mit Jonny lange zu streiten.

Obwohl sie zu viert waren, dauerte das Einkaufen beinahe den ganzen Nachmittag. Der Wagen war voll beladen und quoll beinahe über vor Knabbersachen und Getränken. Libré saß auf neben einer Getränkekiste, beinahe auf Jonathans Schoß, was beide nicht gerade störte. Sie vertrieben sich die Zeit, indem sie sich sinnlose Kosenamen gaben. Monika und Thorsten halfen noch kurz beim Ausladen und tranken noch einen Kaffee mit Karen zusammen, dann machten sie sich wieder auf den Weg zur WG. Jonathan blieb bei Libré.

Librés Mutter betrachtete die beiden nachdenklich. "Jedes Wochenende tausche ich meine Tochter gegen einen weiteren Sohn." stellte sie grinsend fest. Libré schaute sie überrascht an. "Gefällt es dir nicht, Mom? Wir können auch mit in die WG wenn du deine Ruhe haben willst." meinte er ernst. Jonny nickte zustimmend. Doch Frau Kaleck winkte ab. "Seid ihr denn verrückt? Natürlich bleibt ihr hier, wenn Monika schon nicht will. Und jetzt nach oben mit dir, Libré. Ich brauch deinen Freund einen Moment für die Vorbereitung deiner Feier." Grummelnd stand Libré auf und verließ die Küche.

Jonathan sah ihm grinsend hinterher. "Er mag es nicht besonders, wenn wir etwas vor ihm verbergen." Librés Mutter sah ihn nachdenklich an. "Ich habe von Monika gehört, was du ihm schenken willst. Ehrlich gesagt, bin ich ein wenig besorgt." Jonathan sah nicht sehr glücklich drein. "Moni ist eine ziemliche Klatschbase." Er seufzte leise. "Warum bist du besorgt. Wir sind immerhin ein halbes Jahr zusammen." Karen drehte sich zum Küchenregal um und holte ein Tortenbackbuch heraus. Sie setzte sich neben Jonathan und schlug das Buch auf. "Ein halbes Jahr ist keine lange Zeit, im Vergleich zu einem ganzen Leben, meinst du nicht?" Sie fing an, in dem Buch zu blättern, um eine Geburtstagstorte für ihren Sohn zu suchen.

Jonathan beobachtete sie eine Weile. Ihm war klar, dass die Mutter seines Freundes ihn nicht aufhalten würde. Sie hätte sich auch jeden Kommentar verkniffen, wenn sie sich nicht wirklich Sorgen machen würde. Gerade deswegen wollte er sich die Antwort gut überlegen. "Es stimmt, gegen ein ganzes Leben ist die Zeit, die wir zusammen sind, wirklich kurz, aber... ich weiß nicht wie ich es sagen soll. Es war die schönste, die längste und gleichzeitig die kürzeste Zeit in meinem Leben. Und ich will, dass sie andauert. Ich will immer mit Libré zusammen sein, unser ganzes Leben lang." Er schaute gespannt auf Karen, Jonathan wollte unbedingt wissen, ob sie einverstanden war.

Doch Librés Mutter blätterte weiter in dem Backbuch. Jonathan wurde unruhig. "Jetzt sag schon was." bat er ungeduldig. Überrascht schaute Frau Kaleck auf. "Jonny was soll ich denn sagen? Das ihr beiden meinen Segen habt? Das ich dagegen bin? Würde irgendein Satz von mir deine Meinung ändern? Wenn ja, dann solltest du dir die Sache wirklich überlegen. Und wenn nicht, dann würde ich eine Feier im Frühling vorschlagen, ungefähr zur Kirschblütenzeit." Dann deutete sie auf das Backbuch. "Was hältst du von Sachertorte als Geburtstagskuchen? Dafür habe ich alles da und Libré mag sie eigentlich sehr."

Jonathan hatte sich schon lang an die Art seiner baldigen Schwiegermutter gewöhnt. Er betrachtete das Backbuch nachdenklich. "Ich würde eine Mandarinentorte vorschlagen, die mag er noch mehr." schlug Jonny vor. Librés Mutter sah ihn nachdenklich an. "Stimmt." meinte sie und schlug das Backbuch zu. Jonathan hatte das seltsame Gefühl, einen Test bestanden zu haben. Karen stand auf und begann, Zutaten zusammenzusuchen. "Eigentlich freut es mich für euch beide. Ich habe meinen Sohn noch nie so glücklich erlebt wie im letzten Jahr. Ihr habt meinen Segen. Und ich würde mich sehr wundern, wenn Libré nicht begeistert Ja sagen würde."

Jonathan lächelte und stand auf. Er bot seine Hilfe bei der Torte nicht an, Karen würde ihn ohnehin nicht helfen lassen. "Danke." sagt er leise und wollte aus der Tür verschwinden. "Hey Jon. Was für einen Ring hast du überhaupt?" Jonathan lächelte und drehte sich um. "Einen goldenen mit grünem Stein, passend zu seinen wunderschönen Augen." Karen grinste. "Du romantischer Irrer. Wie hast du den denn bezahlt?" Verlegen kratzte sich Jonathan am Kopf. "Ich hab einen Job am Dienstag angenommen, weil wir uns da nicht sehen können. Für mein Studium und Lebensunterhalt kommt zum Glück noch immer mein Vater auf." Er zuckte mit den Achseln. Selbst wenn sein Vater ihn nicht in seiner Nähe haben wollte, so fühlte er sich doch für ihn verantwortlich.

Librés Mutter sah ihn lächelnd an. "Lauf schon nach oben. Aber denk dran, er hat erst Morgen Geburtstag." Jonathan lächelte nur. Er drehte sich schnell um und lief zu Libré. Er kam ohne anzuklopfen ins Zimmer, das ihm in der Zwischenzeit zur zweiten Heimat geworden war. Libré saß an seinem Schreibtisch über ein Buch gebeugt. Er las konzentriert und machte sich nebenher Notizen. Jonathan lächelte, sein Geliebter konnte es einfach nicht lassen zu lernen. Leise, um ihn nicht zu stören, ging er zur Stereoanlage in der Ecke des Zimmers und legte eine seiner Lieblings-CD´s ein. Dann griff sich Jonathan auch eines seiner Bücher für die Uni und legte sich damit aufs Bett.

Libré streckte sich und gähnte. Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr. /Schon halb 12. Sind die denn noch nicht fertig mit besprechen?/ Er wollte aufstehen und zur Tür gehen als er Jonathan sah. Verwundert drehte Libré sich zu seinem Bett um. Jonathan lag da und las in einem seiner Bücher. /Verdammt ich hab ihn überhört!/ "Tut mir leid Jonny. Hab ich dich wieder übersehen? Ich war so vertieft in das Buch über Schachspielen." Er ging zum Bett und setzte sich neben seinen Freund.

Jonathan sah auf und lächelte ihn an. "Ist doch nicht schlimm Liebie. Wir wollten uns doch Heute sowieso einen gemütlichen Abend machen. Und so hab ich einen Teil meiner Hausarbeit schon fertig." Libré lächelte glücklich. Von seinem Freund machte ihm der Spitzname Liebie nichts aus. "Du bist wunderbar Jonny, wie kannst du nur in einen Bücherwurm wie mich verliebt sein?" Jonny grinste und richtete sich auf, um ihm einen Kuss zu geben. "Ich bin gar nicht in dich verliebt." wisperte er an Librés Lippen. Dieser schaute ihn überrascht an. "Warum bist du dann hier?" Jonathan schlang seine Arme um ihn. "Weil ich ohne dich nicht leben kann. Ich bin völlig vernarrt in dich." meinte er völlig ernst.

Libré grinste und gab ihm eine Kopfnuss. "Hör auf, so etwas zu sagen." Er sprang auf, wenn Jonathan in so einer Stimmung war, konnte man nicht mit ihm reden. "Ich geh duschen." meinte Libré kurz und verließ das Zimmer. Jonathan sah ihm lächelnd nach. Er starrte einen Moment nachdenklich vor sich hin. Dann raffte er sich auf und begann das Zimmer etwas umzugestalten.

Als Libré mit T-Shirt und Shorts bekleidet zurückkam, erwartete ihn ein Zimmer voller Kerzen. Jonathan hatte das Licht ausgeschaltet und auf beinahe jeder freien Stelle Teelichter aufgestellt. Er selbst saß auf dem Fensterbrett und hatte die Füße auf das Bett gestützt. Libré schloss die Tür und sah sich skeptisch in dem kleinen Zimmer um. "Erwartest du Dracula zu Besuch? Oder haben wir einen Stromausfall, von dem ich bisher nichts wusste."

Jonathan stöhnte auf. "Liebie! Du kannst auch jegliche romantische Stimmung verderben. Wirf doch mal einen Blick auf die Uhr." Er tat wie geheißen. Es war viertel nach zwölf. Libré lächelte und schüttelte den Kopf. "Jonny, ich hab nur Geburtstag. Wir heiraten doch nicht oder so." Mit einem Satz war Jonathan aus dem Bett gesprungen und stand zwei Schritte vor seinem Freund. Er sah unsicher aus. Was selten genug vorkam, aber zudem noch ein wenig ängstlich. Libré schaute einfach auf seinen so plötzlich verstummten Freund und wartete, dass er wieder etwas sagen würde.

Schließlich fasste Jonathan sich ein Herz. "Liebie ich.. wollte dich fragen ob... ich meine würdest, nein... willst du... Ach verdammt. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag." damit zog er ein kleines Kästchen aus seiner Hosentasche und gab es Libré. Ein wenig skeptisch beäugte Libré erst seinen Freund und dann das Kästchen in dessen Händen. Er hatte Jonny noch nie so unsicher erlebt. Vorsichtig griff er nach dem kleinen Ding in Jonathans Hand. Jonathan sah ihn erwartungsvoll an. Langsam öffnete Libré das Kästchen und warf einen Blick hinein. Ein feiner goldener Ring mit einem kleinen grünen ovalen Stein in der Mitte blitzte im Kerzenlicht.

Überrascht starrte Libré das kleine Ding an. Er konnte einfach nicht glauben, was er da sah. Libré sank auf das Bett und schaute zu Jonny auf. "Ist es das was ich glaube was es ist?" fragte er leise. Jonathan sah ihn ängstlich an. Er nickte nur. Libré blickte wieder auf den Ring. Sein Magen schlug Purzelbäume und er konnte auf einmal gar nichts mehr denken. Jonathan sank langsam vor ihm auf die Knie. "Wenn du nicht willst..." begann er stockend.

Einen Moment starrte ihn Libré entsetzt an dann schlang er seine Arme um Jonathans Hals. "Bist du von allen guten Geistern verlassen? Natürlich will ich." Jonathan lächelte breit und zog ihn eng an sich. Dann hob er seinen Freund hoch und legte ihn aufs Bett. "Wir sollten die Kerzen löschen." flüsterte Libré, "Offenes Feuer ohne Aufsicht ist gefährlich." murmelte er. Jonny lächelte und erhob sich wieder. Er pustete eine Kerze nach der anderen aus und langsam wurde es dunkel im Zimmer.

Zur Abwechslung erwachte Libré vor Jonathan. Lautlos wand er sich aus den Armen seines Verlobten. Er prüfte das Wort in Gedanken und fand, dass es sich einfach wundervoll anhörte. Leise nahm er sich seine Sachen und schlich aus dem Zimmer. Er zog sich erst im Bad an, um Jonathan nicht zu wecken. Als er in die Küche kam, stand seine Mutter schon wieder am Herd. "Morgen Mom." sagte er leise.

Verwundert schaute ihn die Angesprochene an. "Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag mein Kleiner. Sag mal bist du krank? Seit wann bist du früher wach als Jonny?" Libré lächelte und strich leicht über seinen linken Ringfinger, wie um sich zu versichern, dass der Ring noch da war. "Ich bin viel zu aufgeregt, um noch länger liegen zu bleiben." sagte er. Seine Mutter sah ihn prüfend an. "Libré, Libré, du machst ja einem kaputten Reaktor Konkurrenz so wie du strahlst. Lass mich raten: Jonathan hat nicht bis Heute warten können, und du hast natürlich sofort ja gesagt?" Theatralisch warf sie die Hände in die Luft. "Wo soll das nur mit euch beiden enden?"

Libré grinste noch breiter. "Ach Mom, ich weiß doch, dass du dich freust! Also tu nicht so." Karen grinste ihn an. "Woher kennst du mich nur so gut?" Lirbré grinste zurück. "Es könnte damit zusammenhängen, dass ich dein Sohn bin, ist aber auch nur eine Vermutung." Seine Mutter gab ihm eine Kopfnuss. "Bevor du weiter blöde Bemerkungen verteilst würde ich vorschlagen, du machst dich nützlich, wenn du schon mal vor Mittag wach bist. Gehst du zum Bäcker und holst die Brötchen fürs Frühstück und die Sachen, die wir für heut Abend vorbestellt haben?"

Libré lächelte und ging, ohne ein weiteres Wort zu sagen, aus der Küche. Er zog sich schnell Schuhe und Jacke an. Libré wollte bald wieder zurück sein und zur Abwechslung Jonny mal mit einem Frühstück überraschen. Draußen war es zum Glück noch nicht so kalt. Immer wieder schaute er während des Weges auf seine linke Hand. Libré hatte das Gefühl, niemand könne glücklicher sein als er. Die Blätter verfärbten sich langsam und die ersten begannen schon, von den Bäumen zu fallen. Dementsprechend waren die Strassen ziemlich glatt.

Die Bäckerei war voll. Mindestens 10 Leute standen vor ihm. Als Libré endlich an die Reihe kam, war die Verkäuferin ziemlich genervt. Trotzdem bedachte sie ihn mit einem freundlichen Lächeln. Mit einem Blick auf seine große Bestellung, meinte sie grinsend. "Das wird ja eine große Party." Libré lächelte; "Das will ich hoffen. Es ist mein Geburtstag und meine Verlobungsfeier. "Die Frau sah ihn erstaunt an. Sie konnte wohl nicht ganz glauben, dass der junge Mann vor ihr schon verlobt war.

"Tja“, meinte sie gespielt traurig. "Schon wieder einer vom Markt." Libré grinste noch breiter. Er hatte nicht vor, die Frau zu verbessern und ihr zu sagen, dass eigentlich zwei vom Markt waren, die nie richtig auf dem Markt gewesen waren. Man musste den Leuten ja nicht alles auf die Nase binden. Als er bezahlen wollte schenkte die Frau ihm noch zwei Liebesherzen, die er mit einem freundlichen Lächeln entgegen nahm.

Libré wartete ungeduldig, dass die Ampel für die Fußgänger endlich grün wurde. Die Taschen wurden langsam schwer und er wollte zu Jonathan zurück. Die Ampel sprang um und Libré lief los. Plötzlich kam ein Auto um die Ecke geschossen, zu schnell, als dass er ausweichen konnte. Die Tüten mit dem Brot flogen durch die Luft, Librés Körper schlug hart auf dem Boden auf. Er hatte nicht mal Zeit gehabt zu schreien. Das Letzte, was Libré spürte war ein stechender Schmerz in seinem Kopf, dann umfing ihn Dunkelheit.

Jonathan setzte sich im Bett auf. Verwundert blickte er auf die leere Seite neben ihm. /Seit wann wird mein Langschläfer denn vor mir wach?/ Lächelnd dachte er an die letzte Nacht. Schließlich quälte Jon sich doch noch aus den Kissen. Als er in die Küche kam, stand Karen am Tisch und las etwas im Kochbuch nach. "Guten Morgen, Jon oder soll ich dich jetzt Schwiegersohn nennen?"

Er grinste leicht. "Morgen. Ich hab aber bis zwölf gewartet. Wo ist mein Verlobter denn?" Karen bedachte ihn mit einem Lächeln. "Bis zwölf hast du es sogar ausgehalten, hätt ich dir nicht zugetraut. Libré ist schon seit einer Weile beim Bäcker, er wird bestimmt gleich zurück sein." Jonathan sah unruhig zur Tür. "Irgendwie mach ich mir Sorgen, Karen." Karen sah ihn verwundert an, dann grinste sie. "Das ist normal bei Frischverlobten. Aber keine Angst, er kommt ja gleich wieder." Doch da täuschte sie sich.

***

Dem Gott des Lernens waren nur zwanzig Jahre gegeben worden, dann starb sein menschliches Behältnis. Er hatte bei dem Menschen gelebt, er hatte sie verstehen gelernt. Der Gott hatte die Liebe kennen gelernt, nun musste er zurück um seine göttlichen Aufgaben wieder nach zu gehen.

***


- 5 -

Libré erwachte aus der Dunkelheit. Er versuchte, sich zuerst mit geschlossenen Augen zu orientieren. Zum ersten Mal in seinem Leben wusste er nach dem Aufwachen nicht sofort, wo er war. Es war weder kalt noch warm, wo auch immer er sich befand, auch Geräusche waren keine zu hören. Libré fühlte keine Schmerzen, was ihn verwunderte. /Das Auto... ich müsste tot sein/

Er öffnete die Augen und blickte in kalte blaue Augen, die ihn musterten. "Er ist wach." Der Mann, der sich über ihn gebeugt hatte, richtete sich auf und drehte sich um. "Gut" meinte eine weiche Stimme. Eine Frau mit langen schwarzen Haaren erschien in Librés Blickfeld. Sie hatte goldene weiche Augen und sah ihn sanft an. "Kannst du dich aufsetzen, Lernen?" fragte sie freundlich. Ihre Stimme klang angenehm und ein wenig einschläfernd. Libré schaute sie ängstlich an. "Wo bin ich hier? Wo ist Jonny? Und Warum nennst du mich Lernen? Mein Name ist Libré Kaleck."

Vorsichtig setzte Libré sich auf, er verspürte noch immer keine Schmerzen. Die Frau sah ihn ein wenig traurig an. Dann schaut sie zu dem Mann mit den stechend blauen Augen. "Gefühl? Er kann sich an nichts erinnern. Anscheinend ist Lernen noch in seiner menschlichen Existenz gefangen." Libré schaute von einem zum anderen. Er hatte keine Ahnung, worüber sie redeten. Gespannt sah er sich in dem Zimmer um, in dem er war. Die Wände waren mehr oder weniger grau, sie veränderten ständig ihre Schattierung und schienen ungreifbar wie Nebel zu sein. Das Zimmer war nicht sehr groß, vielleicht doppelt so groß wie die Unterlage, auf der er lag. Libré blickte an sich herab. Wie die anderen beiden in diesem Zimmer trug er ein langes graues Gewand ohne jede Verzierung. Allerdings hatte sein Kleidungsstück ein großes Loch im Brustteil.

Beinahe hätte er angenommen, dass er in einem Krankenhaus war, allerdings war das 'Bett', auf dem er lag, eine Steinplatte. Sie passte perfekt, schien für ihn gemacht zu sein, auch sie war unverziert. Am Fußende lag ein großes Schwert, quer zu seinen Füßen. Libré schluckte schwer. /Wo zum Teufel bin ich?/ Er konnte an den Wänden weder Türen noch Fenster entdecken, trotzdem war es in dem Raum taghell. "Was willst du tun? Sterben?" fragte der Mann. Er hatte weiße Haare, aber sein Alter konnte Libré nicht einschätzen. Gefühl schien jung zu sein, aber die Kälte, die ihn umgab, ließ ihn älter wirken.

Die schwarzhaarige Frau warf ihm einen beruhigenden Blick zu. "Wir werden Erwachen holen, er hätte uns von Anfang an helfen sollen. Lernen muss seine Aufgaben wieder übernehmen." Ohne Umschweife schritt die Schwarzhaarige auf die graue Wand zu. Sie ging durch die Wand,als wäre sie aus Nebel. Libré zuckte bei dem Anblick zusammen. Seine Angst wurde mit jedem Atemzug größer. Der weißhaarige Mann betrachtete ihn kalt. "Ich habe dich gewarnt. Aber du musstest ja unbedingt alles lernen und begreifen wollen. Tja Lernen, manchmal ist Unwissenheit ein Segen."

Die Frau kam zurück, hinter ihr ging ein junger Mann mit lebhaften Schritten. Er hatte genau wie der andere weiße Haare und trug ein graues Gewand. Seine Augen waren hellgrün, die Farbe erinnerte Libré an das erste grün des Frühlings. "Hey Lernen!" grüßte er fröhlich "Bist du auch mal wieder unter den Lebenden? Schön dich wach zu sehen!" Libré wich ein Stück vor dem fröhlichen jungen Mann zurück. "Ganz ruhig. Wir kriegen dich schon wieder hin" mit diesen Worten setzte er sich Libré gegenüber und streckte die Hände aus. Libré sprang auf. Er hatte nicht vor sich von einem Fremden anfassen zu lassen, während er nicht mal wusste, wo er war und ein verdammtes Nachthemd trug.

Libré stolperte in die Hände des anderen Mannes, der direkt hinter ihm stand. Gefühl schnaufte abfällig und hielt ihn fest. Libré versuchte sich zu wehren, doch der Griff des Mannes war zu fest, um sich daraus zu winden. Der Grünäugige lachte belustigt und sprang von der Steinplatte. "Aber, aber Lernen. Ich bin es doch; Erwachen. Okay wir konnten uns noch nie besonders leiden, aber wir Götter tun uns doch gegenseitig nichts an." er kam immer näher auf Libré zu, der verzweifelt versuchte, sich aus dem Griff von Gefühl zu winden.

Erwachen legte ihm die Hände an beide Schläfen. Libré verspürte einen plötzlichen Schmerz im Kopf. Es war,. als würde sich ein Vorhang im Kopf lichten. Wissen stürmte auf ihn ein. Libré schrie schmerzvoll auf, als ihn das Wissen von Jahrhunderten traf. Er schaffte es endlich sich aus dem Griff von Gefühl zu winden, aber es nützte ihm nicht mehr viel. Libré sank auf die Knie, die Hände fest an die Schläfen gepresst. Der Schmerz war kaum erträglich. Libré wand sich auf dem Boden.

Plötzlich war alles vorbei. Libré lag immer noch auf dem Boden, die Hände fest an den Kopf gepresst. Er hörte jemanden kichern. Vorsichtig öffnete Libré die Augen und hob den Kopf. Die drei Gestalten, die er jetzt als Götter erkannte standen um ihn herum. Erwachen wie immer mit einem leichten Grinsen auf seinem Gesicht, Sterben mit einem sanften sorgenvollem Blick, und Gefühl, der Herrscher der Götter, kalt mit leichtem Missfallen. Libré richtete sich auf.

Er erinnerte sich an alles. An die Jahrtausende voller Lernen, an die wenigen Jahrhunderte als körperloser Geist auf der Erde, und an sein Leben als Mensch. Auch spürte er jetzt etwas was ihm früher als Gott nie aufgefallen war: Einsamkeit. Erst das Leben als Mensch hatte es ihm gezeigt, Götter waren einsam. Und sie wussten nicht mal etwas davon. Er hatte Jahrtausende gelebt. Er war beinahe einer der ältesten Götter, aber jetzt schienen einzig die letzten 20 Jahre von Bedeutung. Und von diesen 20 Jahren war es nur das letzte Halbe, was ihm wirklich wichtig erschien.

Libré stand auf und schaute die wenigen Götter der Reihe nach an. Sein Blick blieb auf Gefühl hängen. "Schick mich zurück." flüsterte er heiser. Gefühl schaute ihn verwirrt an. "Lernen, Du erinnerst dich?" dann verfinsterte sich sein Blick plötzlich. "Nein, du hast die Bedingungen akzeptiert. Du bist ein Gott. Du wirst hier bleiben!" Libré starrte ihn an. "Lass mich zurück! Ich gehöre nicht mehr hier her, du verdammter Mistkerl!" seine Stimme überschlug sich. Sterben legte ihm die Hand auf die Schulter. "Ganz ruhig Lernen. Du bist ein Gott. Vergiss die Menschen, ich hole sie ohnehin zu schnell." Libré fuhr herum. "Es ist mir egal! Und Jonny holst du nicht." Sterben hob nur eine Augenbraue. "Ich hole alle irgendwann. Du bist nur ein wenig durcheinander, du musst diesen Menschen einfach vergessen. In ein paar Jahrhunderten bist du über ihn hinweg."

Libré starrte sie an. Er konnte nicht mehr antworten. Sein ganzer Kopf war wie leergefegt. Er drehte sich einmal im Kreis. Das Zimmer schien auf einmal zu klein zu sein, es schien zu schrumpfen. Libré schüttelte die Hand von seiner Schulter, er konnte die Nähe der anderen Götter nicht mehr ertragen. Blindlings lief er durch die Wand.

Libré erinnerte sich an die Wege in dieser Welt, aber er wusste nicht wo er hin sollte. Er rannte durch Gänge, die sich in ihrer grauen Farbe nicht voneinander unterschieden. Alles sah gleich aus. Jeder Gott sollte nur für seine Aufgabe da sein, sich auf keinen Fall ablenken lassen.

Librés Gedanken waren nur auf eines gerichtet /Ich muss zurück, ich muss zu Jonathan./ Er stolperte über sein Gewand und lag einen Moment keuchend am Boden. Plötzlich hörte er auf zu Atmen, erstarrte in jeglicher Bewegung. Libré horchte in sich hinein. Leise Geräusche, die man als Mensch kaum wahrnimmt, die aber dennoch vorhanden sind, waren einfach nicht mehr da. Er hörte weder sein Blut rauschen oder sein Herz schlagen, noch fühlte er seine Körpertemperatur.

Götter brauchen keinen Sauerstoff, sie brauchen keine Nahrung und sie werden auch nicht müde. Libré richtete sich auf. Neue Kraft durchströmte ihn. Er hatte die Kraft eines Gottes und den Willen eines Menschen. Damit musste sich etwas anfangen lassen.

Langsam drehte er sich um und ging in die Richtung zurück, aus der er gekommen war. Er hatte nicht vor, seine Aufgaben als Gott wieder aufzunehmen. Er wollte immer noch zu Jon zurück, wenigstens ihn sehen. Und er wusste, wie er das bewerkstelligen konnte.

Schnell lief Libré durch die Gänge. Hier gab es kein Drinnen oder Draußen, keine wirklichen Farben, nichts was nicht für die Effizienz der Götter wichtig war. Aufgaben erfüllen, darauf war ihre ganze Existenz ausgerichtet. Die Götter lebten nicht im Himmel, das hatte Libré jetzt erst begriffen, sie lebten in der Hölle. Und sie wussten es nicht einmal.

Libré trat durch eine der grauen Wände. Sie unterschied sich durch nichts von den anderen, an denen er vorüber gegangen war. Allerdings unterschied sich der Raum dahinter von den übrigen dieser Dimension. Er war groß und ohne Schmuckstücke, wie alles hier. Aber die hintere Wand war nicht grau. Sie schimmerte in allen Farben und schien die Konsistenz von Quecksilber zu haben. Auch wenn die Wand senkrecht war, kräuselten sich leichte Kreise auf der Oberfläche. Sie war der Weltenspiegel.

Die Oberfläche bewegte sich an bestimmten Stellen. Libré wusste aus Erfahrung, was dies zu bedeuten hatte. Sterben und Suizid waren in der Welt der Menschen unterwegs. Die Beiden waren die einzigen, die täglich in der Welt der Menschen zu tun hatten. Als Libré näher an den Spiegel trat, sah er sein Spiegelbild darin. Obwohl die Wand in allen Farben erstrahlte, sah er sich doch so deutlich wie in einem normalen Spiegel. Ein bleiches, unscheinbares Gesicht blickte ihm entgegen. Die Haare waren weiß und fielen völlig glatt bis zu seinen Schultern. Seine Augen hatten die grüne Farbe behalten, aber kein Funke war mehr darinnen zu sehen. Libré legte den Kopf schief und betrachtete sich einen Moment. /Wie eine lebende Leiche/ Er schluchzte trocken auf und schloss die Augen. Sein gesamter Körper tat weh, obwohl Libré als Gott keine Nerven dafür besaß.

Langsam hob er die Hand und berührte den Spiegel. Erst als Libré die kalte wasserartige Oberfläche spürte, öffnete er die Augen wieder. Konzentrische Kreise breiteten sich von seinen Fingerspitzen über den Spiegel aus. Langsam färbte sich die Fläche in ein dunkles Blau. Erst als die Farbe die letzten Ecken der Wand erreicht hatte, trat Libré einen Schritt nach vorne. Soviel er diesen Spiegel als Gott auch studiert hatte, Libré hatte nie herausgefunden, wie er funktionierte. Trat ein Gott hindurch, und soweit er wusste, war nie ein andres Lebewesen durch diesen Spiegel getreten, dann fand er sich an der Stelle auf der Welt wieder, an die er wollte.

Libré blinzelte in den hellen Sonnenschein, der ihn erwartete. Er stand in der Strasse vor seinem Haus. Obwohl ´er stand´, wohl der falsche Begriff ist. Eigentlich berührten seine Füße den Boden nicht. Wind bewegte die Blätter an den Bäumen und einige segelten auf den Boden. Librés Kleidung rührte sich nicht und die Blätter, in deren Flugbahn er stand, schwebten einfach durch ihn durch. Libré schaute ihnen traurig hinterher. Erst als das letzte den Boden berührt hatte, wandte er sich wieder dem Haus zu. Langsam glitt er in Richtung Eingangstür. An der Tür hing ein kleiner schwarzer Kranz, dem man deutlich ansah, dass Karen ihn selbst gemacht hatte.

Libré streckte die Hand aus, um mit den Fingern über das kleine Ding zu fahren. Seine Finger glitten durch die Tür hindurch. So schnell, als hätte er sie sich verbrannt, zog Libré seine Hand zurück. Er starrte panisch auf die Tür. Das hier war nicht mehr seine Welt, egal wie sehr es sich wünschte. Libré holte einmal tief Luft, auch wenn es nicht nötig war, dann schritt er durch die Tür.

Das Haus war so still, wie er es schon lange nicht mehr erlebt hatte. Es hatte sich nicht viel verändert, seit Libré fort war. /Wie lange überhaupt?/ Er konnte sich selbst keine Antwort geben. Leises Schluchzen geleitete Libré in die Küche. An der breiten Eckbank saß seine Mutter und starrte auf ein Foto in ihren Händen. Libré hatte sie noch nie so gesehen. Ihre Haare waren ungewaschen und statt farbenfroher Kleidung trug sie schwarz. Karens Gesicht war schmerzverzerrt und sie schien sich seit Tagen in den Schlaf geweint zu haben. Libré wollte zu ihr gehen und sie in die Arme schließen, sie irgendwie trösten. Aber bevor er auch nur näher schweben konnte, ging hinter ihm die Tür auf und Frank trat herein.

Sein Vater sah nicht viel besser aus als seine Mutter. Aber wenigstens wirkte er gefasster. Mit wenigen Schritten war er bei seiner Frau und schloss sie in die Arme. Er sagte nichts, sondern strich nur mit seiner Hand über ihr Haar. Karen drängte sich an ihn wie eine Ertrinkende. Das Bild entglitt ihr und fiel auf den Boden. Libré senkte langsam den Blick, um es anzusehen. Auf dem Bild waren zwei lachende junge Männer zu sehen, beide in Badehosen. Der große Braunhaarige hatte den Arm um den kleinen Blonden geschlungen. Seine braunen Augen schauten träumerisch auf den kleineren, dieser hatte den Blick breit grinsend der Kamera zugewandt. Im Hintergrund waren Berge zu sehen. Libré kannte das Bild. Es war letzten Sommer gemacht worden. Sie alle waren zusammen im Urlaub gewesen.

Plötzlich wurde das Bild aus seinem Blickfeld entfernt. Überrascht sah Libré auf und erkannte, dass es draußen schon dunkel geworden war. Sein Vater hielt das Bild nachdenklich in den Händen. Karen stand am Herd; und Libré nahm an, dass sie nur etwas zu tun haben wollte. Dennoch tröstete ihn der Anblick seltsamerweise. Die Welt schien wieder ein Stück weit in Ordnung zu sein. Frank trat hinter seine Frau und legte den Kopf auf ihre Schulter. "Wie geht es Jonny?" seine Stimme klang unsicher, als ob ihm nicht ganz klar wäre, ob er so etwas überhaupt fragen durfte.

Karen seufzte. "Ich fürchte es geht ihm nicht gut. Er will nicht mehr vorbeikommen. Monika sagt, er verlässt kaum mehr das Haus. Anscheinend will er nichts mehr von allem wissen. Du weißt ja wie, die beiden waren." Libré starrte entsetzt auf die Gestalten seiner Eltern. Eis rann durch seine Adern. Ohne auch nur ein weiteres Wort hören zu wollen, drehte er sich um und floh aus dem Haus.

Der Weg durch die nächtlichen Straßen der Stadt war nicht lange. Libré war so schnell wie noch nie in der WG von Jonny, dennoch kam es ihm wie eine Ewigkeit vor. Wieder blieb er unsicher vor der Tür stehen. Er warf einen Blick nach oben. Im allen Stockwerken brannte Licht, aber das in Jonathans Zimmer war ausgeschaltet. Hätte Libré ein Herz gehabt, es hätte laut genug geschlagen, dass es auf der anderen Straßenseite noch zu gewesen wäre.

Libré starrte auf die geschlossene Tür und traute sich nicht, sich zu bewegen. Plötzlich wurde die Tür aufgerissen und ein leicht angetrunkener Mann torkelte heraus. Libré wusste, dass er im dritten Stock wohnte, aber er hatte ihn kaum zu Gesicht bekommen. Wie gewohnt trat er einen Schritt zur Seite. Dennoch streifte der Mann seinen Arm. Mit einem Schaudern sah Libré wie, seine Hand in dem Arm des Mannes verschwand und auf der anderen Seite wieder hervorkam. Schnell wendete er den Blick ab. Der Mann, der nichts mitbekommen hatte, torkelte die Straße hinunter und sang dabei ein Sauflied, das Libré nicht verstand.

Die Türe stand offen, und obwohl es für Libré eigentlich keinen Unterschied machte, war es ihm doch wichtig, nicht wieder durch eine geschlossene Tür zu gehen. Es machte ihn menschlicher und er wollte ein Mensch bleiben. Libré hatte Angst, mehr und mehr seine Gefühle zu verlieren, wenn er ein Gott werden würde.

Er lief die Treppen hoch, ohne eine der Stufen zu berühren. Im dritten Stock blieb er vor der Wohnungstür stehen. Sie war natürlich geschlossen und Libré wollte nicht hindurchgehen. Das automatische Licht im Flur verlosch und er stand in der Dunkelheit vor der geschlossenen Tür seines Freundes. Libré schwebte zwei Zentimeter über dem Boden, ohne es irgendwie zu bemerken, und kam sich langsam aber sicher lächerlich vor. Er schloss die Augen und versuchte sich zu erinnern, wie man etwas anderes erfand außer Trauer und Verlassensein. Es fiel ihm nicht ein.

Libré streckte langsam die Hand aus und griff nach der Türklinke. /Was soll ich tun?/ Seine Hand glitt durch die Klinke und die Tür, ohne auch nur einen Schimmer zu hinterlassen. Er hob seine Hand vor sein Gesicht. Sie verlor langsam an Farbe, wurde durchscheinend und irgendwie weniger fest. /Ich verliere mich./ Wenn er länger ohne Aufgabe auf der Erde bleiben würde, würde Libré nicht weiter existieren können. Er würde einfach weniger werden, ohne etwas dagegen tun zu können.

Entschlossen trat Libré einen Schritt nach vorne durch die Tür. Er wollte Jonathan sehen, bevor er diese Welt wieder verlassen musste. Wenn er ihn schon nicht berühren konnte, wollte er ihn wenigstens sehen. Vorsichtig glitt Libré durch die Wohnung. Nichts war zu hören und alles war dunkel. Auch vor der Tür seines Freundes zögerte er nicht, sondern glitt sofort hindurch.

Das Zimmer, das ihm so vertraut war, hatte sich nicht verändert. Das schmale Bett stand gegenüber der Tür, ein Regal und ein Schrank waren auf der linken Seite, auf der rechten direkt unter dem Fenster stand Jonathans Schreibtisch. Kein Licht leuchtete und Libré brauchte einen Moment, um die dunkle Gestalt auf dem Schreibtisch zu erkennen. Es war Jonny. Er saß im Schneidersitz auf der Holzplatte und starrte aus dem Fenster. Seine Augen schienen leer und getrocknete Tränenspuren waren auf seinem Gesicht zu sehen.

Libré hatte das Gefühl, als würde sein Herz stehen bleiben. Die tiefe Trauer im Gesicht seines Freundes bereitete ihm mehr Schmerzen als sein eigener Tod es getan hatte. „Jonathan“ flüsterte Libré, obwohl er genau wusste, dass Jonny ihn nicht hören konnte. Mit einem Ruck drehte sich Jonathan um und starrte in die Dunkelheit des Zimmers. Libré glaubte schon, er könnte ihn sehen, aber dann drehte Jonny sich wieder um und richtete seinen Blick auf das Fenster.

Der Braunhaarige schüttelte den Kopf. „Ich werde noch verrückt.“ Flüsterte er leise. Libré trat einen Schritt nach vorne, genau in den Schreibtisch hinein. /Er kann mich hören. Oh bitte…/ „Jonathan hörst du mich. Bitte sprich mit mir.“ Er schrie in Jonathans Ohr; versuchte so laut zu sein wie möglich. Doch Jonathan bewegte sich nicht mehr. Er ließ seinen Blick auf das Fenster gerichtet und schien gar nichts zu hören.

Libré stand neben ihm und wünschte sich, ihn irgendwie trösten zu können, ihn wenigstens berühren zu können, irgendwie zu zeigen, dass er noch hier war und ihn immer liebte. Tiefe Trauer stieg in Libré auf, als ihm klar wurde, wie dumm er gewesen war. Er konnte seinen Liebsten sehen, aber das tat noch mehr weh, als ihn nicht zu sehen. Dennoch wollte er, nein konnte er nicht gehen, zu sehr hing er an Jonathan.

Libré blieb neben seinem Freund stehen und war fest entschlossen an Jonnys Seite zu bleiben, bis er endgültig aus dieser Welt verschwand. Jonathan bewegte sich die ganze Nacht nicht mehr. Irgendwann hatte er wieder angefangen zu weinen. Völlig lautlos liefen, von ihm unbemerkt, Tränen über seine Wangen. Libré wünschte sich, sie wegwischen zu können oder wenigstens mit ihm zu weinen. Aber nicht einmal das war ihm als Gott vergönnt. Er konnte nur neben ihm stehen und hoffen, dass Jonathan irgendwann aufhören würde zu trauern.

Als die Sonne im Osten aufging, kam zum ersten Mal Bewegung in Jonathan. Er sackte in sich zusammen und Libré glaubte schon, er wäre eingeschlafen. Libré trat zwischen das Fenster und Jonathans Gesicht, um ihn besser sehen zu können. Jonathans Gesicht war vollkommen ausdruckslos. Er schüttelte den Kopf und flüsterte etwas, das Libré nicht verstehen konnte. Jonathan raffte sich auf und glitt vom Schreibtisch. Er stolperte zur Tür, anscheinend waren seine Glieder so steif, dass er sie kaum benutzen konnte. Libré glitt hinter ihm her, er fühlte sich einfach bescheuert, nur zuschauen zu können, ohne etwas zu tun.

Jonathan ging in die Küche. Moni und Thorsten saßen dort beim Frühstück. Überrascht sahen sie auf, als Jonathan herein kam. „Guten Morgen Jon. Wie geht es dir?“ fragte Monika einfühlsam. Libré blieb in der Tür stehen und betrachtete seine Schwester. Das einzige Wort was ihm zu ihrem Aussehen einfiel war: Müde. Nicht von einer durchgemachten Nacht, einfach nur müde, ohne einen Grund dafür zu sehen.

Jonathan nickte den beiden schweigend zu und trat an den Küchenschrank. Thorsten runzelte die Stirn. „Anscheinend redet er immer noch nicht.“ Flüsterte er zu Monika. Sie zuckte nur mit den Achseln und schaute Jonathan sorgenvoll an. Jon schien gefunden zu haben, was er suchte. Er nickte den beiden zu und verließ die Küche. Dabei wäre er beinahe mit Libré zusammengestoßen, der im letzten Moment zurückweichen konnte. „Jon was willst du denn mit der Schere?“ rief Moni aus der Küche.

Noch bevor sie weiterfragen konnte hörte Libré schon die Haustür schlagen. Jonathan hatte ohne ein weiteres Wort die Wohnung verlassen. Verdutzt flog Libré ihm hinterher. Jon hatte weder Jacke noch Schuhe angezogen. Wie ein Schlafwandler lief er durch die Strassen, wurde ständig von Leuten angerempelt und schien kein bisschen auf seinen Weg zu achten.

Libré folgte ihm. Er konnte nichts anderes tun, außer seinen Freund zu beobachten. Als sie dem Stadtrand näher kamen erschien ein trauriges Lächeln auf Jonathans Gesicht. Seine Schritte wurden fester und er schien seine Umgebung wieder wahr zu nehmen. Vor einer hohen Steinmauer mit schmiedeeisernem Tor blieb er stehen.

Libré entdeckte eine kleine Tafel am Rand des Tors. Städtischer Friedhof, stand darauf. Mit leicht zitternden Fingerspitzen strich Jonathan über die Tafel. Libré hätte zu gern gewusst, was gerade jetzt in ihm vorging. Dann gab Jonathan sich einen Ruck und öffnete das Tor. Libré folgte ihm mit einem beklemmenden Gefühl in den Friedhof. /Was tu ich eigentlich hier? Er wird mit Sicherheit mein Grab besuchen./

Tatsächlich ging Jonathan zwischen den Gräberreihen entlang, bis er auf ein relativ frisches Grab stieß. Libré brauchte keinen Blick auf den Grabstein zu werfen, um zu wissen, dass es sein Grab war. Jon kniete sich hin und betrachtete den Grabstein. „Es tut mir Leid, dass ich bei deiner Beerdigung nicht dabei war. Aber ich habe es einfach nicht geschafft, hierher zu kommen und zu sehen, wie sie dich in die kalte Erde stecken. Du kennst mich ja.“ Er seufzte und schwieg einen Augenblick. Noch nie hatte Libré seinen Freund so trostlos erlebt.

Jonathan griff sich in die Tasche und holte die Schere heraus. Er lächelte sein trauriges Lächeln. „Hier mein Schatz, sie haben dir doch so gefallen, und ich brauche sie nicht mehr.“ Mit diesen Worten schnitt sich Jonathan ein Haarbüschel nach dem anderen ab. Libré erstarrte, als er sah, wie Jonathans lange braune Strähnen auf sein Grab fielen. „Nein.“ Flüsterte er, in der irrigen Hoffnung, Jonathan könnte ihn hören.

Jonathan lachte leise auf. „Ich lasse sie nicht mehr wachsen. Ich halte es einfach nicht mehr aus. Deine Schwester hat alles versucht,um mich wieder nach oben zu bringen, aber es geht einfach nicht. Ich weiß nicht wie ich das Gefühl beschreiben soll… Ich fühle mich so leer ohne dich, wie ein halber Mensch, das Wichtigste fehlt einfach.“ Jons Stimme brach und er richtete sich schwerfällig auf. „Ich kann nicht mehr.“ Flüsterte er leise und drehte sich um.

Wieder folgte Libré seinem Verlobten. Er hatte Angst um ihn und wollte nicht nur dabeistehen, sondern wünschte sich endlich, etwas tun zu können. Jonathan lief schnell, er rannte fast den Weg entlang. Libré hatte zwar kein Problem, ihm hinterher zu fliegen, aber ein Mensch hätte ihn nur schwerlich wieder eingeholt. Plötzlich blieb Jonathan stehen. So plötzlich, dass Libré durch ihn hindurch flog und sah, warum Jon stehen geblieben war.

Sie standen auf einer Brücke. Jonathan ging langsam ans Geländer, das beängstigende Lächeln noch immer auf seinem Gesicht. Libré sah zwei Gestalten über dem Wasser schweben. „Nein.“ Flüsterte er, als ihm klar wurde wer dort stand. Ein Schrei entrang sich seiner Kehle. „Das dürft ihr nicht. Ihr könnt ihn mir nicht wegnehmen.“ Sterben lächelte ihn an. „Es ist nicht unsere Entscheidung, und du weißt es, Lernen.“ Sagte sie sanft.

Suizid drehte sich zu ihm um. „Du kannst ihn nicht aufhalten. Du kannst ihn nicht berühren oder dich irgendwie bemerkbar machen.“ Seine langen weißen Haare wehten in einem Wind, den sonst niemand spüren konnte. Sein Gesicht war schmerzverzerrt und aus seinen silbernen Augen liefen Tränen. „Ich kann ihn auch nicht aufhalten, nicht einmal für dich Bruder.“ Jonathan begann, aufs Brückengeländer zu klettern.

Libré flog vor ihn. Er schwebte nun auch über dem Fluss und schrie seinen Geliebten an. „Das kannst du mir nicht antun, Jon. Bleib hier. Bleib am Leben, damit ich dich wenigstens sehen kann. Bitte!“ Aber Jonathan hörte ihn gar nicht. Das Lächeln auf seinem Gesicht verlor sich langsam. „Es tut mir leid.“ Murmelte er. „Aber ich liebe dich einfach zu sehr, um ohne dich hier weiter zu leben.“ Eine einzelne Träne lief über sein Gesicht, dann ließ er sich nach vorne fallen.

Libré streckte die Hände aus um nach ihm zu greifen, aber sie glitten einfach durch Jons Körper hindurch. Langsam fiel Jonathan nach unten. Seinen Aufprall auf das Wasser wurde von Librés Schrei übertönt. „NEEEEEEEEIIIIIIIIIIIN“


Wie viel Zeit vergangen war, konnte Libré nicht sagen, seine Glieder waren schwer. Der Fluss floss wie unberührt weiter. Libré starrte immer noch auf die Wasseroberfläche. Nichts verriet, dass sich ein Mensch hineingestürzt hatte. Libré wollte nicht glauben, was er gesehen hatte. Unverständliche Worte kamen über seine Lippen, während sein Gehirn vollkommen leer zu sein schien.

Eine tröstende Hand legte sich auf seine Schulter. „Lernen? Warum bist du hier? Du musst zurück in die Götterwelt. Du kannst nicht hier bleiben.“ Sterbens Stimme fraß sich sanft in seine Überlegungen. „Lernen? Hörst du mich?“ fragte sie leicht unsicher, als er nicht reagierte. Langsam wandte Libré seinen Kopf zu ihr. „Mein Name ist Libré. Merk dir das bitte.“ Zischte er gefährlich leise.

Sterben trat einen Schritt zurück, Librés Gesichtsausdruck machte ihr Angst. „Lern…Äh Libré was ist mit dir. Du musst ihn vergessen und deine Aufgaben in unserer Welt wieder aufnehmen. Gefühl hat es dir schließlich befohlen.“ Libré lächelte, er fühlte in sich nichts außer Kälte. Er nickte Sterben zu und drehte sich um. Ohne ein weiteres Wort durchschritt Libré das Tor zur Götterwelt, das die ganze Zeit hinter ihm war.

Er wusste jetzt was er zu tun hatte. Er musste den finden, der Schuld daran hatte, dass Jonathan nicht mehr lebte. Libré lief durch die Gänge der Welt, die er einst als Heimat gesehen hatte. Er wollte den finden, der ihn hintergangen hatte. Der ihn nicht gewarnt hatte. Er suchte nach dem Herrscher der Götter. Libré suchte nach Gefühl. Er trug die Schuld daran, er hätte ihn warnen sollen, er hätte ihn zurückschicken können.

Seine heiße, rote Wut hatte etwas anderem Platz gemacht. Etwas kaltem, das stärker war. Wie eine kalte, blaue Flamme loderte der Hass in ihm. Die Gänge verschwammen zu einer grauen Masse. Tränen trübten seinen Blick. Mit einem ärgerlichen Knurren wischte sie Libré weg. Er wollte nicht schwach sein, er wollte Rache. Rache für seinen toten Geliebten, Rache für seinen eigenen Tot, Rache für sein verlorenes Glück.

Eine Gestalt trat ihm in den Weg. Ohne zu sehen, wer es war, schlug Libré zu. Zum ersten Mal in ihrer Existenz wurde ein Gott von einem anderen angegriffen. Sie hatten nie gelernt, sich zu verteidigen. Libré kämpfte nicht gut, aber sein Gegner kämpfte gar nicht. Mit einem lauten Knacken brach der Unterarmknochen von Schreiben. Libré ließ ihn liegen, ohne sich noch einmal umzudrehen. Er lief weiter die Gänge hinab, weiter um zu dem zu gelangen, der ihn verletzt hatte.

Plötzlich stand er vor einer Wand, durch die er nicht hindurch konnte. Gefühl schien seine Räume schon versperrt zu haben. Immer wieder warf sich Libré gegen die Wand, aber sie gab nicht nach. Er fluchte lauthals in allen Sprachen, die er kannte und das waren alle, die es auf der Welt gab. Dann drehte er sich plötzlich um. Die Tür war nur ein kleines Hindernis auf seinem Weg; er würde eine andere Möglichkeit finden.

Götter standen in dem Gang vor ihm. Sterben stand ganz vorne. Libré erstarrte, das war schon ein größeres Hindernis. „Lasst mich durch.“ Rief er laut und vernehmlich. Sterben sah ihn traurig und ungläubig an. „Nein.“ Flüsterte sie leise. „Du bist nicht Herr deiner Sinne. Du weißt nicht, was du tust.“ Obwohl ihre Stimme nur ein Flüstern war, konnte Libré sie doch deutlich vernehmen. Nur, ihre Worte ergaben keinen Sinn in seinen Ohren. Er lachte laut auf. „Ich war noch nie so klar wie jetzt, Sterben. Ich weiß was ich tue und ich weiß warum ich es tue.“

Sterben schüttelte den Kopf, sie wollte nicht aufgeben. „Warum hast du Schreiben verletzt? Er hatte dir nichts getan.“ Libré zögerte einen Moment. Zweifel stiegen in ihm auf. Es stimmte er hatte einen Unschuldigen verletz, einen anderen Gott, einen Bruder. Plötzlich erschienen Bilder Jonathans vor ihm, wie er mit Tränen in den Augen die Brücke hinunterstürzte, sein fröhliches Lächeln, als er Ja zu dem Heiratsantrag gesagt hatte; mit gerunzelter Stirn völlig in ein Buch vertieft; wie unsicher er vor seiner Mutter gewesen war; wie er einfach lachte und Libré nicht einmal wusste warum. Libré schüttelte den Kopf, um die Bilder zu vertreiben. Wieder standen Tränen in seinen Augen.

Sterben wich einen halben Schritt zurück. Noch nie hatte ein Gott geweint. Was war Libré überhaupt? Er verletzte, er trauerte, er weinte? Er konnte kein Gott mehr sein! Aber war er dann ein Mensch? Sterben gab es nicht gern zu, aber sie hatte Angst vor ihrem früheren Bruder. Sie hatte Angst vor dem, was aus ihm geworden sein könnte. „Lernen“, flüsterte sie, und Trauer stieg in ihr auf. „Komm zu uns zurück, bitte.“ Libré schüttelte den Kopf. Er hatte keine Wahl mehr.

Mit gesenktem Kopf stürmte er nach vorne. Die Götter sprangen zur Seite, sie waren Pazifisten, sie hatten nie gelernt zu kämpfen, oder jemanden fest zu halten. Wieder lief Libré durch die Gänge, die nie ein Ende nehmen würde. Es gab nur eine Möglichkeit, um zu Gefühl durchzukommen, und diese würde er ergreifen.

Hinter Libré ertönten Stimmen, aber er achtete nicht auf sie. Jetzt war ihm klar, dass die Götter ihn nicht aufhalten würden. Libré lief den langweilig, grauen Gang ohne weitere Verzögerung entlang. /Er wird dafür bezahlen!/ Schließlich stand er vor einer Wand, die sich durch nichts von den anderen unterschied. Nur diese war verschlossen. Diesmal konnte er es spüren und rannte nicht wie blöd dagegen. Libré blieb einen halben Meter vor der Wand stehen und fing an, sich zu konzentrieren.

Ein Zittern lief durch seinen Körper. Seine Kraft war stärker geworden, sie wurde durch seinen Hass verstärkt. Aber anstatt, dass die Wand zu Seite glitt, kam eine Gestalt aus ihr hervor. Sie war kräftig und ihre weißen Haare waren in einem Zopf zusammengebunden. Libré stand dem einzigen Gott gegenüber, der ihm gefährlich werden konnte. „Geh mir aus dem Weg, Kämpfen! Ich muss an das Schwert.“ Kämpfen grinste nur. Er streckte seine starken Arme und schob die Ärmel seiner grauen Tunika nach oben.

Kämpfen schüttelte den Kopf und stellte sich in einer eindeutigen Kampfhaltung hin. Ein ehrliches Lächeln erschien auf seinem Gesicht. „Komm nur Lernen, ich hatte schon lang keinen ordentlichen Kampf mehr. Du bist der erste Gott, der gegen mich antreten will. Hier kommst du jedenfalls nicht rein, Gefühl hat mir befohlen, das Schwert zu bewachen.“

Libré erwiderte nichts, jede Unterhaltung würde ihn nur unnötig von seiner Rache abhalten. Er holte aus und zielte auf Kämpfens Gesicht. Kämpfen drehte sich weg und schlug gleichzeitig zu. Ein scharfer Schmerz in seinem Gesicht ließ Libré aufkeuchen. Er hörte ein lautes Knacken und spürte einen warmen Strom aus seiner Nase laufen. Libré leckte sich die Lippen und schmeckte den metallischen Geschmack seines eigenen Blutes. Er spuckte Kämpfen sein Blut vor die Füße. „Ist das alles was du kannst?“ fragte Libré kalt, nach dem ersten Schmerz des Schreckens fühlte er nichts mehr als Kälte in sich. Noch immer flatterte Jonathans Bild vor seinen Augen und ein quälender Schmerz in seiner Brust ließ jeden anderen Schmerz unwichtig erscheinen.

Kämpfen sah ihn etwas durcheinander an. Doch Libré wartet erst gar nicht, bis sich der andere Gott von seiner Überraschung wieder gefangen hatte. Er schlug zu, und diesmal zielte er tiefer. Kämpfen trat rasch einen Schritt zurück, so dass er nur leicht von Librés Faust gestreift wurde. Das Lächeln auf seinem Gesicht war nicht verschwunden. Er tauchte unter Librés ausgestrecktem Arm weg, schneller als dieser reagieren konnte. Kämpfen packte Librés Hände und verdrehte sie auf seinem Rücken. „Du hast mich nicht verstanden Lernen. Ich werde das Schwert bewachen bis zum Tod. Auch wenn es dein Tod sein wird.“

Libré gab ein unwilliges Geräusch von sich. Er warf seinen Kopf nach hinten und hörte Kämpfens Schmerzensschrei, als er zielgenau seine Nase traf. Libré bekam sich wieder frei. Anstatt sich zu Kämpfen umzudrehen rannte er nach vorne direkt durch die Wand.


Libré stolperte in eine kleine Kammer. Mitten in ihr lag ein verziertes Schwert auf einem Steinsockel. Keiner der Götter, nicht einmal Gefühl, der der erste war, wusste woher es kam oder warum sie es besaßen. Aber eines war allen klar, es konnte nicht vernichtet werden und es war das einzige Mittel, einen Gott vor seiner Zeit zu töten. Die Götter nannten es Korma. Libré griff nach dem Schwert, das außer Kämpfen keinen anderen Schutz hatte. Es lag wie für ihn gemacht in seiner Hand. Jetzt hatte er endlich die Macht für seine Rache. Einen Moment betrachtet er das Schwert nachdenklich. Libré fasste einen Entschluss, er würde versuchen, den anderen Göttern nichts anzutun; nur ein Gott trug die Schuld an allem und diesen Gott würde es schlecht ergehen. Mit einem blutverschmierten, grimmigen Gesicht machte Libré auf den Weg, Gefühl zu suchen.

Kämpfen stand draußen, genau gegenüber der Wand, er schien auf Libré gewartet zu haben. Kein Muskel regte sich in seinem starken Körper, anscheinend hatte er nicht vor, Libré anzugreifen. Er nickte Libré kurz zu. „Ich habe versagt und konnte das Schwert nicht schützen.“ Sagte er gleichmütig, dann drehte sich Kämpfen um und ging in die andere Richtung. Libré schaute ihm nur einen kurzen Moment nachdenklich hinterher. Kämpfen war ein Gott, der seine Aufgabe hatte, alles andere interessierte ihn nicht.

Libré zuckte kurz mit den Schultern, es war ihm egal, ob die anderen Götter sich an ihn erinnern würden oder ob sie sich ändern würden, wenn er weg wäre. Im schnellen Laufschritt schlug er den Weg in Richtung Gefühls Gemächer ein. Niemand begegnete ihm, bis er die Wand sah, die in Gefühls Räume führte. An der grauen Wand gelehnt stand Sterben. Sie betrachtete ihn mit einem traurigen sanften Blick. Libré hob das Korma. „Wirst du versuchen mich aufzuhalten?“ fragte er drohend. Sterben schüttelte den Kopf.

„Nein Libré, ich bin zur Ausübung meiner Pflicht hier.“ Antwortete sie sanft. Ihre weichen goldenen Augen schimmerten fast, als wäre sie traurig. Libré schüttelte den Gedanken ab, es war bestimmt nicht möglich, dass ein Gott trauerte. Als er an ihr vorbeigehen wollte, flüsterte Sterben ihm leise zu: „Es tut mir leid, dass ich ihn holen musste, ich wünschte, es wäre anders gekommen.“ In Libré krümmte sich etwas zusammen. Er blieb kurz stehen, Tränen stiegen in seine Augen, der Schmerz in seinem Inneren drohte ihn zu überwältigen. Dann schüttelte er alles ab. Er durfte jetzt nicht trauern, nicht, so lange Gefühl noch lebte.

Ein Ruck ging durch Librés Körper. Er hob das Korma und stieß es in die graue Wand vor ihm. Wie durch Butter schnitt das heilige Schwert durch das letzte Hindernis zwischen ihm und Gefühl. Als Libré ein Stück Wand, so groß wie sein jetziger Körper, herausgeschnitten hatte, zerfiel das Innenstück einfach. Er schaute in das Zimmer dahinter. Gefühl stand in dem beinahe leeren Raum. Er schien auf Libré gewartet zu haben. Er hatte die Hände vor der Brust verschränkt und sein Gesicht war kalt wie immer.

Libré hob das Korma, um Gefühl anzugreifen. „Du bist an allem Schuld.“ Flüsterte er. Gefühl schüttelte sanft den Kopf. „Warum hängst du nur so sehr an diesem Menschen? Was bedeutet schon dieses niedere Wesen? Du bist ein Gott. Menschen sind viel weniger wert als wir. Kümmere dich nicht weiter um sie.“

Libré schluckte schwer. /Niederes Wesen? Mein Jonathan?/ „Für diese Worte und deine Taten wirst du büßen.“ Schrie Libré. Sein Blick galt allein Gefühl, für etwas anderes hatte er jetzt keinen Sinn mehr übrig. Auch nicht für Sterben, die ihm in den Raum gefolgt war und der eine einsame Träne über die Wange lief.

„Du verdammter Mistkerl.“ Schrie Libré auf. Er stürmte auf Gefühl zu und holte mit dem Korma aus. Gefühl hatte sich nicht bewegt, sondern einfach abgewartet. Er zuckte auch nicht zusammen, als das Schwert auf ihn zu schwang. Das Korma prallte an dem Herrscher der Götter ab, ohne auch nur eine Schramme zu hinterlassen. Es flog Libré aus den Händen und schwebte in der Luft. Gefühls Miene war kalt. „Wer das Schwert ergreift wird durch das Schwert umkommen.“ Flüsterte er leise. Das Korma fuhr auf Libré zu und traf ihn in der Brust.

Libré taumelte zwei Schritte zurück. Er starrte entsetzt auf das Schwert in seiner Brust. „Was…“ Seine Beine gaben nach und er sackte auf den Boden. Plötzlich war Sterben über ihm, ihre sanften Augen blickten ihn traurig an. Irgendwo weiter hinten hörte er Gefühls kalte Stimme. „Wir erhielten das Schwert von ihm, vor langer Zeit, als die ersten Menschen lernten, aufrecht zu gehen. Wir sind die ältesten, alleine wir wissen was es mit dem Schwert auf sich hat. Er kehrte später auf die Erde zurück und sagte den Menschen diese Worte, aber die meisten verstanden ihn nicht. Auch als sie ihn töteten, war Sterben dabei.“

Sterben lächelte sanft, ihre goldenen Augen füllten sich mit Tränen. Vorsichtig griff sie nach dem Schwert und zog es mit einem Ruck aus Librés Brust. Libré hustete, Blut lief aus seinem Mundwinkel. „Wer?“ brachte er mit letzter Anstrengung hervor. Sterbens Lächeln wurde ehrlich und erreichte sogar ihre Augen. „Der, der über den Göttern steht. Ihr habt viel gemeinsam.“ Sie hob die Hand und fuhr sanft über seine Augen. Libré schloss die Augen, er wurde auf einmal unglaublich müde. „Viel Glück, Libré“ hörte er von beiden Göttern. Kurz wunderte Libré sich, dass Gefühls Stimme nicht mehr so kalt klang und dass er gar keine Schmerzen verspürte. Dann viel er in gnädiges Vergessen.



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Libré spürte eine streichelnde Hand auf seinem Haar. Er seufzte wohlig auf, was dem Streichler ein sanftes Lachen entlockte. Libré kannte sie Stimme, er kannte sie sogar sehr gut. Er schlug die Augen auf und blickte in ihm wohlbekannte braune Augen. Mit einem Ruck setzte er sich auf und stieß mit Jonathans Kopf zusammen. „Au“ keuchten sie gleichzeitig. Jon grinste schelmisch. „Na dass nenn ich doch eine nette Begrüßung,“ meinte er sarkastisch. Libré schaute ihn überrascht an. Jonathan sah aus wie immer. Seine Haare waren dunkelbraun und fielen glatt bis zu seinen Schultern. Seine Haut war sonnengebräunt und kontrastierte wunderbar mit seiner weißen Kleidung. Seine Augen blitzen, als er Libré ansah und seinen Mund umspielte ein leichtes Lächeln. Nichts erinnerte mehr an den depressiven Menschen, den er nur kurze Zeit auf der Erde gesehen hatte.

„Ich dachte, du bist tot.“ brachte Libré hervor. Jon lächelte, das war sein Schatz, er redete nie lang um etwas herum. „Stimmt, bin ich auch. Genau wie du und alle die hier sind.“ Libré schaute sich überrascht um. Sie saßen auf einer großen Wiese, überall saßen und standen andere Menschen, nur wenige waren alleine. In einiger Entfernung begann ein Wald, irgendwo dahinter stieg Rauch auf. Libré spürte instinktiv, dass es hier vollkommen friedlich war. „Wo sind wir hier?“ fragte er Jonathan erstaunt. Jonathan lächelte. „In Nangijala. Hier kommen alle Menschen hin, die gestorben sind. Monika, Thorsten, Karen, alle werden irgendwann einmal hier her kommen.“

Libré schüttelte leicht den Kopf, irgendwie war alles zu viel für ihn. „Aber Jonathan, ich bin doch gar kein Mensch“ sagte er zaghaft. Irgendwie hatte Libré das Gefühl, dass sein Verlobter dies schon wusste. Jonathan ergriff seine Hand und hauchte einen sanften Kuss auf den Verlobungsring, den Libré plötzlich wieder trug. „Ich weiß nicht, wo Götter hingehen, wenn sie ihre Welt verlassen. Aber du durftest dich entscheiden und du hast Nangijala gewählt.“ Flüsterte er.

Libré erschauerte bei dem sanften Kuss. Sein Herzschlag setzte für einen Moment aus, zu lange hatte er diese Zärtlichkeiten missen müssen. Plötzlich sprang Jonathan auf. „Aber du möchtest bestimmt zu erst Nangijala kennen lernen.“ Meinte er fröhlich. Vehement zog ihn Libré wieder nach unten. „Ich möchte jetzt gar nichts lernen, ich will dich hier erstmal begrüßen.“ Sagte er entschieden und gab seinem Schatz einen langen Kuss.