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Das M?rchen vom Bauernsohn und dem Drachen

Original/ Fantasy [PG] [abgeschlossen]

[Märchen]

Einteiler

Inhalt:
In einem ruhigen Ort in Narsca verschwinden eines Tages immer mehr Kinder. Der unbeliebte Bauernsohn Oria macht sich auf den Weg um sie zu suchen.

 


 

 

Das Märchen vom Bauernsohn und dem Drachen 

Es war einmal, in einem Land, das vielleicht weit weg, vielleicht auch ganz in der Nähe lag. Keiner weiß dies mehr so genau, weil es vor so langer Zeit geschah, dass sich kaum jemand mehr daran erinnert. Der Name dieses Landes ist in Vergessenheit versunken, vielleicht hatte es auch nie einen. Ich werde es einfach Narsca nennen, denn dieser Name ist so gut wie jeder andere. In der Zeit, in der es Narsca noch gab, regierten noch Könige, zauberten noch Hexen und mutige Ritter kämpften gegen Feuer speiende Drachen.



Dort lebte ein Bauer mit seiner Frau. Er hatte lange um sie gekämpft, denn ihre Haare waren so schwarz wie der Abendhimmel und ihre Augen strahlten wie die Sterne, ihr Lächeln war wie der Sonnenschein an einem Frühlingstag und ihr Lachen perlte wie ein Bergbach. Wegen dieser Schönheit und wegen ihrer Sanftmut und ihrer Liebe zum Leben hatten viele Könige sie zur Braut haben wollen. Doch wie ein armer Bauer es geschafft hatte, ihr Herz für sich zu vereinnahmen, ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden.



Dieser Bauer hatte zwei Söhne. Beide waren etwas ganz Besonderes. Der Älteste war so stark wie ein Ochse. Die Rinder konnten sich im Stall und auf den Wiesen ausruhen, denn statt ihnen zog der älteste Sohn den Pflug seines Vaters. Seine Stärke war im ganzen Land bekannt und die Menschen erzählten sich viele Geschichten über ihn. Er liebte die Arbeit auf dem Hof und wollte sein Erbe gerne antreten, sollte sein Vater einmal sterben. Dieser Sohn hieß Karmes und seine Eltern waren sehr stolz auf ihn.



Sein jüngerer Bruder war längst nicht so stark, aber er war schlau. Seine Intelligenz war im ganzen Land bekannt und es verging kein Tag, an dem nicht ein Bote mit einer Frage an den schlauen Jungen kam. Ob es nun um Strategie, um Liebe, oder um das alltägliche Leben ging, er wusste immer einen Rat, der den Leuten weiterhalf. Er liebte die Welt und wollte gerne alles von ihr sehen. Dieser Sohn hieß Tarmak und auch auf ihn waren seine Eltern sehr stolz.



Eines Tages bat die Mutter der beiden Karmes darum in den nächsten Ort zu gehen und etwas für sie bei einem Händler zu holen. Der Junge machte sich sofort auf den Weg. Genau zwischen den beiden Städten begegnete er dem Händler, dessen Karren im Schlamm stecken geblieben war. Das Pferd war erschöpft und konnte sich kaum mehr auf seinen Beinen halten. Der Händler bat den jungen Mann Hilfe zu holen, damit er auf seine Sachen im Wagen Acht geben konnte. Da der Wagen genau zwischen den beiden Städten lag und deswegen jeder Weg der längere gewesen wäre, schirrte Karmes das erschöpfte Pferd ab und ergriff selbst das Geschirr. Ganz allein zog Karmes dann den Karren aus dem Schlamm, den das Pferd nicht hatte bewegen können.



Der Händler war so glücklich darüber, dass er dem jungen Mann zum Dank das Bild einer Prinzessin schenkte. Sie galt als das schönste Kind, das je das Licht der Welt erblickt hatte und lebte in dem Königreich Sarmas, das genau neben Narsca lag. Ihre Schönheit war auf der ganzen Welt bekannt, weswegen ihr Vater jeden, der um ihre Hand anhalten wollte, wieder von seinem Hof warf. Derjenige, der seine Tochter heiraten wolle, müsse erst beweisen, dass er sie auch schützen könne.



Dies Geschenk war kein guter Dank, denn Karmes verliebte sich unsterblich in dieses Bild. Er aß nichts mehr, er arbeitete nicht mehr und er schlief nicht mehr. Sondern saß nur noch in seinem Zimmer und betrachtete das Bild der Prinzessin. Seine Eltern bekamen Angst um das Leben ihres Erstgeboren und wollten ihn retten. Deswegen gaben sie ihm ein schnelles Pferd und ihren Segen. Kaum hatte Karmes den Segen seiner Eltern, verließ er den Hof und machte sich nach Sarmas auf, um den Vater der Prinzessin zu beeindrucken und das Mädchen zur Frau zu nehmen. Wie er es geschafft hat und schließlich König von Sarmas wurde, ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden.



Ein Jahr nachdem Karmes fortgezogen war, kam ein Bote des Königs Dimmrich zu dem kleinen Hof. Der König hatte von dem jungen Tarmak gehört, der da gerade 16 war. Trotz seines jungen Alters war Tarmak schon überall im Land für seine Klugheit bekannt. Die Eltern ließen den Boten in ihrem Haus übernachten, ohne zu wissen, warum er gekommen war. Der Fremde stellte dem jungen Mann einige Frage, die er alle richtig beantworten konnte. Da erst gab der Bote sich zu erkennen. Er war der oberste Gelehrte und Vertraute des Königs Dimmrich.



Dieser suchte schon lange verzweifelt nach einem jungen Mann, der es mit der Intelligenz seiner Tochter aufnehmen konnte. Diese wies seit geraumer Zeit jeden Menschen ab, der ihre Fragen nicht beantworten konnte. So traf sie keinen anderen Menschen mehr, sondern blieb in ihrer Kammer und lernte weiter, stellte sich selbst Aufgaben, damit sie sich nicht langweilte.



Als Tarmak dies hörte, wollte er unbedingt dieses ungewöhnliche Mädchen kennen lernen. Auch konnte er sich nicht vorstellen, dass die Prinzessin ohne Gesellschaft von anderen glücklich sein könnte. Das wollte er gerne ändern und der Prinzessin etwas mehr Menschlichkeit einbläuen, die nun mal zur Klugheit dazu gehörte. Dennoch weigerte er sich mit dem Boten mitzugehen, denn dann hätten seine Eltern keinen Erben mehr für den Hof gehabt und das wäre für einen solch kleinen Hof schrecklich gewesen.



Doch Tarmaks Eltern sahen, wie stark sein Wunsch war, das Mädchen zu treffen. Er hatte sich wie sein Bruder auf die Ferne verliebt, auch wollte er unbedingt mehr von der Welt sehen, denn bisher war er noch nie weiter als eine Tagesreise vom Hof weg gewesen. Schweren Herzens ließen seine Eltern ihn ziehen. Denn sie wussten, dass ihr Sohn hier nicht glücklich werden würde und wollten sein Unglück nicht.



So verließ auch der zweite Sohn mit dem Segen seiner Eltern und einem Rappen aus dem Stall den Hof seines Vaters. Tarmak kam an den Königshof und wurde bald der oberste Berater des Königs, auch verliebte er sich unsterblich und nur durch seine Klugheit bekam er schließlich eine Braut, auf die schon viele Männer gehofft hatten. Aber dies ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden.



Nun lebte das alte Ehepaar wieder alleine auf ihrem Hof. Zwei Söhne hatten sie aufgezogen und beide hatten sich verliebt und waren fortgezogen. Die beiden freuten sich für ihre Kinder, doch sie hatten Angst um die Zukunft, denn nun hatten sie keinen Erben. Täglich beteten sie um ein Kind, das ihr Erbe antreten würde können. Und ihr Wunsch wurde erhört. Als die Tage begannen kürzer zu werden, bemerkte die Frau, dass sie schwanger war.



Das Glück der beiden wurde von dem kommenden Winter überschattet. Der Sommer war regnerisch gewesen und der Winter versprach hart zu werden. Nicht das Beste für eine schwangere Frau, die die besten Jahre schon hinter sich hatte. Dennoch freuten sich die beiden ungemein. Täglich betete die Frau, dass ihr Kind ein Mädchen sei, damit sie nie wieder sehen müsse, wie eines ihrer Kinder den Hof verließ. Als der Mann das hörte, wurde er wütend. „Liebling“, sagte er zu ihr, „wenn du ein Mädchen bekommst, kann es uns nicht auf dem Hof helfen, wie es ein Junge könnte.“



Die Frau verstand ihn und daraufhin beteten beide gemeinsam zu den Göttern und Geistern, dass ihr Kind ein Junge werde und er sich nie in ein Mädchen verliebe, damit er den Hof weiterführen könne, wenn beide einmal zu den Geistern gegangen wären. Die Geister schienen Mitleid mit dem Ehepaar zu haben. Denn im Frühjahr, noch bevor die erste Saat ausgebracht werden musste, schenkte die Frau einem kleinen Jungen das Leben.



Aber der Winter war hart gewesen und die Schwangerschaft schwer. So starb die Frau kurz nach der Geburt ihres dritten Sohnes. Auch ihr Sohn war so schwach, dass sein Leben an einem seidenen Faden hing. Der Bauer wurde vor Trauer ganz krank, er hatte seine Frau geliebt wie das Leben selbst, nun war sie gestorben und damit auch der Sinn in seinem Leben. Einzig der Gedanke an seinen kleinen Sohn erhielt ihn noch am Leben. Er nannte ihn nach seiner Frau Oria und übergab ihn den Frauen im Dorf, damit sie sich die ersten Jahre um ihn kümmern konnten, denn er selbst konnte nicht für das Kleinkind sorgen.



So wuchs Oria die ersten Jahre seines Lebens bei den älteren Frauen im Dorf auf. Bald wurde deutlich, dass auch er, wie seine Brüder, ein besonderes Kind war. Er hatte zwar nicht Karmes Stärke, oder Tarmaks Intelligenz, aber er hatte die Schönheit seiner Mutter geerbt. Außerdem sang er wie eine Nachtigal, so schön, dass die Menschen, die ihn hörten, lachten und weinten vor Glück. Auch konnte er so schöne Geschichten erzählen, dass die Menschen, die seinen Worten lauschten, alles um sich herum vergaßen.



Trotzdem mochten ihn die anderen Kinder im Dorf nicht. Er hatte nicht nur die Schönheit und den Namen seiner Mutter, sondern auch ihr feminines Aussehen und ihre schmale Gestalt geerbt. Viele der Jungen beschimpften ihn als Mädchen und wollten nichts mit ihm zu tun haben. Nur die alten Leute hörten im gerne zu, denn er konnte sie verzaubern.



Als Oria 8 Jahre alt war, holte ihn sein Vater wieder auf den Hof zurück. Oria lernte alles, was notwendig war, um das Gut alleine zu bewirtschaften, außerdem musste er seinem Vater versprechen, den Hof nie zu verlassen. Dies alles versprach Oria mit Freuden, denn er liebte das Land und wollte den Hof gerne erhalten. Als der Junge 15 war, starb sein Vater.



Er starb nicht an einem Unfall oder einer Krankheit, er starb an gebrochenen Herzen. 15 Jahre hatte er ohne seine geliebte Frau durchgehalten, um seinen Jungen zu versorgen, jetzt wo Oria sich alleine durchschlagen konnte, verließ er diese Welt, um seiner Frau zu folgen.



Bei der Beerdigung traf Oria zum ersten Mal in seinem Leben seine Brüder. Karmes regierte in der Zwischenzeit Sarmas zusammen mit seiner geliebten Prinzessin. Tarmak hatte die Prinzessin von Narsca geheiratet und war nun der oberste Berater des Königs. Beide waren glücklich mit ihren Familien und ihren Aufgaben. Karmes hatte zwei kleine Söhne und Tarmaks Frau hatte ihm einen Sohn und eine Tochter geschenkt. Beide reisten mit ihrem gesamten Hofstaat an. Was die Leute im Dorf sehr beeindruckte.



Die beiden Brüder wollten Oria mit zu sich nehmen, damit er eine gute Ausbildung und ein reiches Leben bekommen sollte. Doch Oria weigerte sich, denn er wollte sein Versprechen nicht brechen. So blieb er alleine auf dem Hof seiner Eltern zurück. Denn die Brüder hatten nicht bleiben können, ihre Amtsgeschäfte hatten sie gerufen.

Oria pflügte die Felder mit dem alten Ochsen, er verteilte die Saat und erntete im Herbst die Früchte seiner Arbeit. Der Junge tat die Arbeit, die im Haushalt anfiel, mit der gleichen Freude, wie diejenige im Feld oder im Stall. Nur manches Mal kam in ihm der Wunsch nach einer zweiten Person und einer helfenden Hand auf.



Die Jahre zogen an dem kleinen Dorf mitten in Narsca vorbei. Oria wurde älter, seine Stimme wurde tiefer, blieb aber so wundervoll wie immer. Er wurde kräftiger, aber er war immer noch schmal und so schön wie seine Mutter. Noch immer verzauberten seine Geschichten diejenigen, die sie hören wollten.



Doch nicht viele Menschen wollten sie überhaupt hören. Die Leute im Dorf misstrauten ihm. Sie glaubten, er habe mit Schuld am Tode seiner Eltern. Auch meinten sie, es sei besser sich nicht mit ihm einzulassen, weil seine Brüder so hohe Leute waren. Niemand wollte mehr als unbedingt nötig mit dem seltsam, schönen Jungen reden.



So blieb Oria fast immer alleine. Bis auf die wenigen Tage im Jahr, in denen ihn einer seiner Brüder besuchte, kam ihm das Haus zu groß und zu leer vor. Aber Oria war dennoch nicht unglücklich. Die Kinder des Dorfes scherten sich nicht um die Regeln der Erwachsenen und besuchten ihn trotzdem, um seine Geschichten zu hören. Oria liebte die Kinder, denn sie warfen ihm keine seltsamen Blicke zu. Und die Kinder liebten ihn, denn er hörte ihnen zu und kannte so viele Geschichten, dass er keine zweimal erzählte.




Obwohl die meisten damals mit 16 heirateten, blieb Oria alleine. Er schien einfach kein Interesse an irgendjemanden zu haben. Dieser Umstand brachte die Leute noch mehr zum Tuscheln über ihn.

„Dieser seltsame Kerl scheint sich ja überhaupt nicht für eine Frau zu interessieren.“

„Wer würde ihn auch schon nehmen wollen?“

„Er sieht doch aus wie eine Frau, warum sollte er dann noch eine wollen?“

„Er ist mit Sicherheit ein Fluch. Seine Mutter hat er in den Tod getrieben und sein Vater starb, als er gerade alt genug war, für sich selbst zu sorgen. Da stimmt doch etwas nicht.“

„Er hat so viele Gaben bekommen, die alle so nutzlos sind. Wahrscheinlich war da ein böser Geist am Werk.“

„Er sieht aus wie eine Frau und hat den Namen seiner Mutter. Vielleicht ist er eine Frau im falschen Körper.“

„Wir sollten unsere Kinder von ihm fern halten, fehlt nur noch, dass er sein Unglück auf sie überträgt.“



Niemand wagte es den Bruder von Königen direkt anzugreifen, aber es sprach auch niemand mit ihm. Manches mal war Oria so einsam, dass er sich nachts in den Schlaf weinte und sich wünschte, er hätte seinem Vater nie etwas versprochen. Dann träumte Oria sich in seine Geschichten hinein: Er dachte an Prinzen, die auf weite Reisen ganz alleine aufgebrochen sind und dennoch siegreich waren. Er dachte an Prinzessinnen, die alleine mit Drachen gelebt hatten, aber dennoch nie einsam waren. Wenn er so an seine Geschichten dachte, konnte Oria wieder hoffen und die Welt um sich herum vergessen.



Als der junge Mann seinen 20ten Frühling vollendet hatte, geschah im Dorf etwas Seltsames. Kinder verschwanden. Eines nach dem anderen, das zum Spielen in die Hügel hinter dem Dorf lief, kam nicht zurück. Die Menschen hatten Angst und schickten einen Suchtrupp in die Berge. Es waren gestandene Männer und jeder von ihnen hatte den Mut eines Löwen. Doch auch sie blieben verschollen.



Die Menschen im Dorf berichteten von einem Drachen, der in den Bergen hinter dem Dorf lebte. Sie hatten Angst und verriegelten ihre Türen und Fenster des Nachts. Mütter ließen ihre Kinder nicht mehr vor der Tür spielen. Die Saat wurde zu spät ausgebracht, denn es gab nun zu wenige Männer im Dorf.



Doch wie Kinder nun mal sind, schlichen sich manche nach draußen. Sie wollten den Drachen sehen und liefen zu den Bergen. Auch sie verschwanden und so hatten die Leute immer mehr Angst. Langsam gaben sie Oria die Schuld. Er hätte mit seinen seltsamen Geschichten die Kinder verhext. Ja, wahrscheinlich hatte er erst den Drachen angezogen und dieses Monster sei nur wegen ihm gekommen. Jetzt redeten die Leute offen gegen den jungen Mann. Oria wurde gemieden, wo es nur ging. Bei den Markständen wurde er nicht mehr bedient, die Leute warfen ihm böse Blicke zu und redeten in seinem Beisein so über ihn, als wäre er nicht anwesend.



Oria wurde so traurig, dass auch seine Geschichten ihm nicht mehr halfen. Mit den Kindern waren seine letzten Freunde verschwunden und er hatte Angst um sie. Als die Saat ausgebracht war, beschloss Oria, dass er nun genug für den Erhalt des Hofes getan hatte. Jetzt wollte er sich um die Kinder kümmern. Er hatte Angst, aber dennoch beschloss er zu den Hügeln aufzubrechen und die Kinder zurückzuholen, denn er wollte nicht akzeptieren, dass sie schon nicht mehr leben könnten.



Oria gürtete sein Schwert Mänrum um, das hatte ihm Karmes zum achtzehnten Geburtstag geschenkt. Dieses Schwert war aus dem Eisen der Götter geschmiedet, es wurde im Feuer der Hölle erhitzt und in einem Gemisch aus Blut und Tränen wieder abgekühlt. Seine Klinge wurde nie stumpf und durchschnitt auch den härtesten Stahl. Wie es allerdings in die Hände Karmes gekommen war, das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden.



Auch griff Oria nach Lampe Katra, die ihm Tarmak bei einem seiner Besuche geschenkt hatte. Sie barg in sich das Licht der Sonne, denn sie war von Geistern geschmiedet worden, die diese über alles vermissten. Wenn man sie darum bat, entzündete sie sich selbst. Dann strahlte sie so hell, als wäre es wieder Tag geworden und man konnte seinen Weg selbst unter den schwierigsten Bedingungen finden. Wie Tarmak allerdings zu Katra gelangt war, nun dies ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden.



Oria ging durch das Dorf, wo er nur vergitterte Fenster und verriegelte Türen sah. Das sonst so belebte Dorf war wie ausgestorben, nur leises Weinen drang aus manchen Häusern. Die Frauen weinten um ihre Kinder und Ehemänner, die sie an den Drachen verloren hatten. Als Oria an den Hügel kam, sah er schon die Spuren der Kinder und des Suchttrupps im Gras. Vorsichtig folgte er ihnen.



Doch bald wurde der Abhang steiler und der Boden felsiger. Es war schwer den Spuren weiter zu folgen, doch Oria gab nicht auf. Er dachte an die Geschichte eines Mannes, der Tag ein Tag aus die ganze Welt auf seinen Armen hielt. Oria lieh sich dessen Geduld und suchte weiter nach Spuren.



Doch langsam ging die Sonne unter und es wurde schwer den Spuren in der Dunkelheit zu folgen. Er wollte die Lampe nicht entzünden, um sich nicht zu verraten. Da dachte Oria an die Geschichte eines Mannes, der in eine Eule verwandelt worden war. Dieser wurde zwar wieder zurückverwandelt, aber er hatte noch immer die scharfen Augen einer Eule. Von ihm lieh sich Oria die Augen. Jetzt begannen seine in der Dunkelheit zu leuchten, aber er konnte die Spuren wieder erkennen.



Bald kam Oria an ein schwarzes Loch mitten im Hügel. Überall sah er kleine und große Statuen stehen. Er ging näher an die Höhle heran und erkannte in den Statuen die verschwundenen Kinder und die Leute vom Suchtrupp, der sie hatte finden sollen. Alle Statuen waren von dem Eingang der Höhle abgewandt. Etwas Schreckliches musste geschehen sein, denn die Gesichter der Statuen waren vor Angst verzerrt.

/Was auch immer ihnen das angetan hat, es ist in der Höhle. Es hat sie von hinten angegriffen und alle getötet./



Oria starrte wie versteinert auf die Statue eines kleinen Mädchens. Sie war erst zweimal bei ihm gewesen, weil ihre große Schwester sie mitgebracht hatte. Marlon war ihr Name. Sie war noch keine 5 Jahre alt, aber Oria konnte jetzt schon sagen, dass sie Geschichten einmal so lieben würde wie er. Doch jetzt war ihr kleines Gesicht vor Entsetzen verzerrt und ihre Augen blickten weit aufgerissen ins Leere. Kaltes Eis rann durch Orias Adern. /Welches Monster hat dies nur getan?/



Lautlos zog er das Schwert Mänrum und griff mit der anderen Hand nach Katra. Es war in der Zwischenzeit so dunkel, dass er kaum die Hand mehr vor Augen sehen konnte und in der Höhle würde es sicherlich noch dunkler werden. Dennoch bat er sie noch nicht zu scheinen, denn er wollte das Monster überraschen.



Oria schlich sich immer weiter nach vorne. Er versteckte sich hinter den Statuen und versuchte immer in Deckung zu bleiben. Bald hörte er ein leises Geräusch. Beinahe als würde etwas ständig auf die Steine tropfen. Auch hörte er immer wieder leises Rascheln von Leder und Atem, der zu laut war, um von einem Menschen zu stammen. Die Höhle machte eine Biegung und plötzlich waren keine Statuen mehr da, hinter denen Oria sich hätte verstecken können. Er stand inmitten der dunklen Höhle, irgendwo vor sich das Monster, das die Menschen in Stein verwandelt hatte.



Plötzlich erklang vor ihm eine tiefe Stimme. „Bitte drehe dich nicht um.“ Sie hörte sich rau an, als hätte ihr Besitzer sie lange nicht mehr benutzt, oder viele Stunden geweint. Oria schrak bei dem plötzlichen Durchbrechen der Stille so sehr zusammen, dass er sein Mänrum fallen ließ. Mit lautem Klappern schlug es auf dem felsigen Boden der Höhle auf. Oria wollte weglaufen, einfach immer weiter. Er war kein Kämpfer wie sein Bruder Karmes und er war auch kein Stratege wie Tarmak, er hatte einfach Angst und wollte fliehen. Dennoch blieb er wie gelähmt stehen, vor Angst konnte er sich nicht bewegen. Da ertönte die seltsam Stimme wieder in der Dunkelheit vor ihm.



„Ich kann deinen Atem hören, kleiner Mensch. Ich kann deinen Körper riechen, aber ich kann dich nicht sehen. Also bist du sicher, bis die Sonne aufgeht. Deswegen bitte ich dich, nicht fortzulaufen und auch deine Lampe nicht anzumachen. Es ist die Lampe Katra, nicht wahr?



Ich kann die Sonne in ihr riechen.“



Die Stimme klang so beruhigend und sanft in Orias Ohren, dass er sich langsam ein Herz fasste. Statt wegzulaufen nahm der junge Mann Mänrum wieder auf und verstaute es in seiner Scheide. Er wusste nicht warum, aber er spürte, dass von dem Wesen vor ihm keine Gefahr ausging. Dennoch war er auf der Hut. „Warum hast du die Menschen in Statuen verwandelt?“ Oria hörte seine eigene Stimme in der Höhle widerhallen, nicht wie sonst schön und kräftig, sondern klein, ängstlich und zittrig. Vor ihm erklang ein herzzerreißendes Schluchzen.



Noch bevor Oria wirklich wusste, was er tat, war er schon einige Schritte nach vorne getreten und hatte dem Wesen beruhigend seine Hand auf den Körper gelegt. Die Haut fühlte sich schuppig und glatt an, aber das war dem jungen Mann egal. Viel wichtiger war, dass er spüren konnte, wie der Körper des großen Drachens vor Schluchzern erbebte.



Als der Drache die warme tröstende Hand auf seinem Körper spürte, hörte er vor Schreck auf zu weinen. Vorsichtig beugte er den Kopf nach unten und berührte den Menschen sanft mit seiner großen Schnauze. Oria wollte erst zurückzucken, als der Kopf, der so lang war wie seine Beine, ihn anstupste, aber er hielt sich zurück. Denn außer der Größe des Drachen spürte er noch etwas anderes. Er fühlte die Tränen, die der Drache geweint hatte. Vorsichtig umarmte der junge Mann den großen Kopf des Drachens. Lange standen sie so schweigend in der Dunkelheit, beide blind für den anderen und doch langsam ohne Angst.



„Was ist geschehen?“, fragte Oria schließlich leise. Der Drache schluchzte noch ein letztes Mal, dann riss er sich zusammen. „Sie sind alle bei Tageslicht gekommen. Alle haben mich gesehen und sind vor Schreck zu Stein geworden, gerade in dem Moment, indem sie fliehen wollten.“ Er brach ab und schwieg eine Zeit lang, bis er schließlich den Mut fasste weiterzureden. „Du bist der erste Mensch seit Jahrhunderten, der mit mir redet, ohne zu schreien und zu Stein zu erstarren.“



Oria lächelte sanft in der Dunkelheit. Er glaubte dem Drachen und wünschte sich, ihn irgendwie fröhlich zu machen. Vorsichtig setzte der junge Mann sich und bettete den Kopf des Drachen auf seinen Schoß. Er kannte nur eine Möglichkeit, die Leute wieder froh zu machen, also wollte er es versuchen. „Soll ich dir eine Geschichte erzählen?“, fragte er leise und streichelte dabei dem Drachen über dem Kopf. Glücklich stimmte der Drache zu, nur eine Bedingung stellte er: Oria sollte gehen, bevor die Sonne aufgehen würde, denn er wollte nicht, dass der junge Mann zu Stein erstarrte.



So begann Oria zu erzählen. Er erzählte die ganze Nacht hindurch, schmückte die Höhle durch seine Worte mit bunten Bildern aus. Brachte sich und den Drachen in fremde Länder. In dieser Nacht kämpften die beiden an der Seite von Königen, Prinzen, Rittern und armen Bauern. Oria erzählte dem Drachen von Fabelwesen, von Zauberern und Hexen, von guten und von bösen Menschen, von Göttern und Geistern. Mit seinen Worten vertrieb er die Traurigkeit aus dem Herzen des Drachen. Als der Morgen nicht mehr fern war, lachte das Ungetüm sogar wieder.



Die beiden waren so gefangen von Orias Erzählungen, dass sie nicht bemerkten, wie der Morgen immer näher rückte. Als die ersten Sonnenstrahlen schon auf den Höhlenboden fielen, war es zu spät für Oria, sein Versprechen einzulösen. Erschrocken zog der Drache die Luft ein und wollte sich in die hinterste Ecke verkriechen. Doch das musste er gar nicht mehr, denn Oria war, vom Erzählen vollkommen erschöpft, auf dem Kopf des Drachen zusammengesunken und schlief.



Vorsichtig löste sich der Drache von dem Menschen und betrachtete die schlafende Gestalt. Noch nie hatte er ein so schönes Wesen gesehen. Die Haare des Jungen waren schwarz wie Ebenholz, seine Haut war weiß wie Mondlicht und seine Lippen wie kleine Rosen. Doch der Drache wusste auch, dass Oria noch eine andere Schönheit besaß, er strahlte von innen heraus. So viel Ruhe, Verständnis und Phantasie hatte der Drache noch bei keinem anderen Wesen dieser Welt gefunden. Mit den Zähnen ergriff er den Mantel des jungen Mannes und deckte ihn damit zu.



Vorsichtig machte er sich auf den Weg, aus der Höhle heraus. Er wollte nicht in Orias Nähe sein, wenn dieser aufwachte, denn er wusste genau, dass dieser dann versteinert werden würde und lieber würde er sich selbst das Herz herausreisen, als das diesem Menschen etwas geschehe. Auch musste er Nahrung besorgen, damit der junge Mann, der so plötzlich zu ihm gekommen war, auch bleiben konnte.



Erst als die Sonne schon hinterm Horizont verschwunden war, kehrte der Drache in die Höhle zurück und fand einen ziemlich wachen Oria vor. Dieser rannte sofort auf das große Wesen zu, als er es hörte. „Verdammt noch mal. Mach das nie wieder! Ich hab mir Sorgen gemacht!“, rief er laut und umarmte den Drachen stürmisch. Dieser schwieg verblüfft erst einen Moment lang, dann umarmte er den jungen Mann mit seinen Flügel, bis dieser sich wieder beruhigt hatte.



Schweigend setzten sie sich nebeneinander. Der Drache reichte Oria das Essen in der Dunkelheit und schweigend aßen sie. Schließlich fragte Oria wieder, ob er ihm eine Geschichte erzählen solle. Glücklich stimmte der Drache zu und der junge Mann erzählte wieder die ganze Nacht lang. Als der Morgen graute, war er wiederum vollkommen erschöpft eingeschlafen. Wieder ging der Drache fort und kehrte erst nach Sonnenuntergang zurück.



So verging ein Tag nach dem anderen. Eines Nachts jedoch bat Oria den Drachen seine Geschichten zu erzählen. Erst wollte das große Wesen nicht, doch schließlich begann er doch von seinem Leben zu berichten und Oria hörte ihm gespannt zu. Traurig hallte die Stimme des Drachen durch die Höhle und es schien, als würden selbst die Steinstatuen lauschen.



(Kann übersprungen werden)



„Ich wurde in einem Land geboren, von dem ich nicht einmal mehr weiß, wo es liegt, denn es ist schon zu lange her. Es hieß, glaube ich, Framek, aber sicher bin ich mir nicht. Ich war der erstgeborene Sohn meines Vaters. Als ich zwei Jahre alt war, setzte er mich auf einen seiner Lieblingshengste und schlug ihn. Natürlich galoppierte das Pferd sofort los und ich wurde abgeworfen. Seit diesem Tag hat er mich kein einziges Mal mehr angeschaut. Er hasste Schwäche und in seinen Augen war ich schwach. Er verstieß meine Mutter, weil er glaubte aus ihrem Schoß könnten keine starken Kinder kommen. Seine nächste Frau gebar ihm nur eine Tochter, also verstieß er sie auch. Seine dritte Frau gebar ihm endlich zwei Zwillinge. Auch sie setzte er mit 2 Jahren auf einen seiner Hengste. Nur mit Glück konnten sie sich festhalten, sie überstanden den Ritt unbeschadet.



Mein Vater war überglücklich, endlich die starken Söhne gefunden zu haben, die er sich so sehr gewünscht hatte. Sie bekamen alle Vorzüge von Königskindern, während ich von einem armen Hauptmann aufgezogen wurde. Ich hasste meine Brüder und meinen Vater und sie verachteten mich. Meine Brüder spukten auf mich, wenn ich meine Waffenübungen auf dem freien Hof machte. Ich liebte meinen Ziehvater, aber ich wollte von meinem wirklichen Vater beachtet werden. Mein Ziehvater bestand darauf, dass ich in eine Schule ging und viele Dinge lernte. Doch mein Vater liebte nur die äußere Stärke eines Menschen. Also lernte ich zu kämpfen.



Ich trainierte täglich, aber egal wie stark ich wurde, mein Vater sah mich nicht. Ich drehte fast durch vor Trauer und Schmerz. Meine Brüder hassten mich aus tiefster Seele. Sie mochten das Waffen- und Kampftraining nicht und hatten Angst, mein Vater könnte eines Tages entdecken, dass ich doch stärker wäre als sie. Sie wussten genau, dass er die Erbfolge wieder verändern und sie an meiner statt verstoßen würde. Deswegen töteten sie ihn.

Sie gaben ihm nicht einmal die Chance ehrenvoll in einer Schlacht zu sterben. Sie bestachen einen der Köche und dieser mischte Gift in das Essen. Später töteten sie auch den Koch. Ich erfuhr dies, weil meine Schwester in der Küche arbeiten musste, um sich und ihre Mutter durchzubringen.



Mein Ziehvater drängte mich zu fliehen, aber ich war genau wie mein Vater, ich glaubte an meine Stärke und dachte nicht nach. Ich hielt ihn für einen schrecklichen Feigling. Statt mein Heil in einem anderen Land zu suchen, griff ich nach dem Schwert und zog es gegen meine Brüder. Ich dachte, dass ich in einem fairen Kampf gegen sie gewinnen könnte. Aber ich habe es nie erfahren. Denn meine Brüder kämpften nicht fair, sie ließen Bogenschützen um den Kampfplatz Stellung beziehen. Angeblich um alle anderen daran zu hindern in den Kampf einzugreifen. Doch mitten im Kampf zogen sich meine Brüder plötzlich zurück.



Ich wollte schon anfangen zu jubeln, denn ich dachte, ich hätte sie besiegt. Doch plötzlich wurde ich mit einem Pfeilhagel bedeckt. Wahrscheinlich wäre ich nicht mit dem Leben davongekommen, wenn meine kleine Schwester mir nicht geholfen hätte. Erinnerst du dich daran, dass ich Katra an ihrem Geruch wieder erkannte? Diese Lampe gehörte einst meiner Schwester. Wenn man sie bei Tageslicht anruft, strahlt sie dennoch so hell wie die Sonne selbst.



Meine Schwester hatte sich auf den Kampfplatz geschlichen um zu sehen, ob sie mir helfen könnte. Als die Bogenschützen nun schossen, rief sie die Lampe an. Diese strahlte so hell, dass sie die Schützen für einen Moment lang blendete und diese an mir vorbei schossen. Nun wusste ich, dass mir nichts anderes übrig bleiben würde, außer zu fliehen. Also ergriff ich die Hand meiner Schwester und wir flohen von unserer Heimat. Ich wusste, dass meine Brüder wütend auf uns beide waren und sie hatten die Eigenschaft meines Vaters geerbt nicht lange zu zögern, sondern ihre Wut sofort auf andere zu verteilen.



Noch bei unserer Flucht vom Kampfplatz und aus dem Schloss verlor meine Schwester Katra, doch es war uns beiden egal, wir mussten uns um unser Leben kümmern. Wir stahlen ein Pferd und machten uns auf den Weg. Als wir an das Haus meines Ziehvaters kamen, war dieser schon geflohen, er hatte seinen eigenen Rat befolgt. Jetzt erschien er mir nicht mehr wie ein Feigling, sondern wie ein weiser Mann. Wir ritten die ganze Nacht hindurch, doch als wir am Morgen rasteten, entdeckte ich das wirkliche Unglück, das uns widerfahren war. Meine Schwester, Rima, war erblindet.



Sie hatte zu dicht an der Lampe gestanden. Meine Brüder und ihre Soldaten würden für einige Tage nichts sehen können, ich hatte meine Augen abgeschirmt und deswegen war mir nichts geschehen. Aber Rima hatte ihren Blick genau auf die Lampe gerichtet gehabt, das Licht war zu stark für ihre Augen gewesen, die an das schummrige Licht der Palastküche gewohnt waren. Sie machte mir keinen Vorwurf, aber ich warf mir selbst vor, für ihre Blindheit verantwortlich zu sein. Ich schwor mir selbst eine Möglichkeit zu finden, die sie wieder sehend machen würde.



Wir zogen einige Jahre durch die Lande, immer versucht den Häschern unserer Geschwister zu entkommen. Eines Tages half ich einer alten Frau über einen breiten Fluss. Rima teilte außerdem noch das wenige Essen, das wir hatten mit ihr. Sie war immer so gütig. Als Dank berichtete die Frau uns von einer Hexe, die Rimas Augenlicht vielleicht wiederherstellen könnte. Aber sie warnte uns auch, die Gegenleistung, die die Hexe fordern würde, sei vielleicht zu hoch, um sie zu bezahlen.



Dennoch schlug ich den Weg ein, den uns die alte Frau beschrieben hatte. Für mich konnte keine Bezahlung zuviel sein, wenn nur Rima ihr Augenlicht wiederbekommen würde. Wir brauchten 3 Monate, um an den Fuß des Berges zu kommen, auf dem die Hexe lebte. Ich schlug ein Lager am Fuß des Berges auf und bat Rima dort zu bleiben, damit sie sich nicht der Gefahr aussetzen müsste, den Berg zu ersteigen. Sie tat mir den Gefallen, nicht ohne mich nicht noch einmal gebeten zu haben doch bei ihr zu bleiben und nicht zu der Hexe zu gehen. Doch ich machte mich daran den Berg zu erklimmen.



Manche Stellen des Berges waren so steil, dass es Wände hätten sein können. Ich brauchte 3 Tage, um schließlich vollkommen erschöpft oben anzukommen.

Dort erblickte ich einsam auf dem Gipfel stehend eine kleine Hütte. Vorsichtig klopfte ich an und bat darum die Hexe zu sprechen. Diese hörte mir schweigend zu und schien Mitleid mit mir und meiner Schwester zu haben.



Sie gab mir 2 Fläschchen. Die eine war mit einer roten, die andere mit einer blauen Flüssigkeit gefüllt. „Hör gut zu“, sagte sie zu mir und ihre Stimme krächzte wie die eines Raben. „Die rote Flüssigkeit ist für die Augen deiner Schwester, träufle ihr in jedes Auge genau die Hälfte von der Flüssigkeit hinein, dann wird sie wieder sehen können. Die blaue Flüssigkeit bekommst du, um dich zurückzuverwandeln. Sie wird Wasser des Lebens genannt, denn sie kann Tote wieder auferstehen lassen und verwandelt Menschen wieder zurück in ihre menschliche Gestalt. Du brauchst sie dringend, denn die rote Medizin verdirbt schnell und du würdest zu lange brauchen, um sie als einfacher Mensch deiner Schwester zu bringen. Deswegen verwandle ich dich in einen Drachen, dann kannst du ihr schnell genug ihre Medizin hinunterbringen.“



Ich bedankte mich bei ihr und fragte, was sie denn als Gegenleistung verlangen würde. Doch die Alte lachte nur und sagte mir, ich solle nur darauf achten, meiner Schwester so schnell wie möglich das Mittel zu geben. Dann verwandelte sie mich in diesen Körper, in dem ich jetzt noch stecke.



So schnell wie mich meine neu gewonnenen Flügel trugen, so schnell flog ich zu meiner kleinen Schwester. Noch immer saß sie wie versprochen in dem kleinen Lager und wartete darauf, dass ich zurückkehren würde. Ich flog zweimal um das Lager herum, um Feinde zu suchen, die sich ihr vielleicht genähert haben könnten, dann erst landete ich. Meine Schwester war überglücklich, als sie meine Stimme hörte. Sie hatte etwas Großes um das Lager herum fliegen hören und schreckliche Angst bekommen. Dass ich dieses große Etwas war, konnte sie ja nicht wissen.



Ich dachte nur daran, meiner Schwester ihr Augenlicht wiederzugeben. Deswegen träufelte ich ihr ohne weitere Erklärungen die Flüssigkeit in die Augen. Zuerst geschah nichts, dann blinzelte sie einige Male und ich sah, wie sich ihre trüben Augen wieder klärten. Das erste, was Rima mit ihrem wiedergewonnenen Augenlicht erblickte, war mein Gesicht. Sie schrie und noch während sie schrie, wurde ihr Körper vor Schreck zu Stein. Ich hatte ihr nicht gesagt, dass ich im Moment die Gestalt eines Drachen hatte, denn ich wollte ihr das Mittel so schnell wie möglich geben.



Ich starrte lange auf meine versteinerte Schwester, deren Augen wieder hatten sehen können und die diese sehenden Augen jetzt vor Schreck weit aufgerissen hatte und nie wieder schließen würde. Ich weiß nicht, wie lange ich vor Trauer und Schrecken wie gelähmt war. Vielleicht waren es Stunden, Tage oder auch nur Minuten. Schließlich erinnerte ich mich an das Mittel der Hexe, das jede Verwandlung wieder rückgängig machen würde. Vorsichtig band ich meiner Schwester also die Augen zu und bespritzte sie mit der blauen Flüssigkeit aus der Flasche. Beinahe sofort konnte ich sehen, wie ihr Brustkorb sich wieder hob und senkte.



Aber sobald wieder Leben in ihren Körper gekommen war, drehte sie sich trotz der Augenbinde schreiend um, lief fort von mir. Wer könnte es ihr verübeln, jahrelange Blindheit und das erste was sie erblickt, ist etwas so grausames wie mein Gesicht.

Ich war voller Trauer, denn ich wusste, dass ich meine Schwester wahrscheinlich nie wieder sehen würde. Nur eine kleine Chance blieb mir noch, also flog ich den Berg wieder hinauf, um die Hexe um ein weiteres Fläschchen mit dem Wasser des Lebens zu bitten.



Doch die alte Frau wollte mir gar nicht mehr helfen. Sie sagte mir, dass, wenn ich so unvorsichtig mit ihren Geschenken umgehen würde, ich sie auch nicht verdient hätte. Also frage ich sie, was ich tun könnte, um von ihr wenigstens zu erfahren, wie ich mich wieder zurückverwandeln könne. Die Alte grinste ihr zahnloses Grinsen und sagte mit einem gierigen Glitzern in den Augen ich bräuchte ihr nur meine Schuppen, die an der Unterseite meines Bauches wuchsen, zu überlassen, dann würde sie mir den Rat geben. Also riss ich mir freiwillig die Schuppen auf meiner Bauchseite heraus. Als ich sie der Hexe halb verblutet überreichte, schmierte sie mir ein Mittel auf meine Wunden, die beinahe sofort heilten, nur die Schuppen wuchsen nie nach.



(Ab hier wird’s wieder wichtig.)

Sie sagte zu mir, dass sie jetzt auch keinen Weg mehr wisse, mich zurück zu verwandeln, denn ich steckte schon zu lange in der Gestalt eines Drachen fest. Dadurch hätte sich ihr Zauber in einen Fluch verwandelt. Er wird erst brechen, wenn die Person, die ich liebe, mich ohne Angst anschauen würde.“ Der Drache lachte resigniert auf.

„Aber ich bin ein Ungeheuer, nie wird mich jemand ohne Angst anschauen können, geschweige denn lieben.“ Beide saßen eine Weile lang schweigend in der Dunkelheit. Schließlich hielt der Drache die Stille nicht mehr aus und erzählte weiter.



„Ich flog Jahrhunderte lang durch die Welt, aber überall, wo ich hinkam, wurden die Menschen versteinert. Ich wurde müde immer vor allen wegzulaufen. Deswegen bin ich hier in dieser Höhle geblieben, denn ich habe gehofft, hier würde mich niemand finden. Aber dann kamen die Kinder und ich konnte nicht mehr fliehen, denn sonst hätten mich noch mehr Leute gesehen. Ich wollte es nicht. Glaubst du mir, Oria? Du weißt nun alles über mich, glaubst du mir, dass ich nichts Böses wollte?“



Oria hörte die Verzweiflung des Drachen und lächelte sanft in die Dunkelheit hinein. „Noch weiß ich nicht alles von dir. Noch immer kenne ich deinen Namen nicht“, sagte er leise. Der Drache schwieg einen Moment lang verwirrt, aber schließlich antwortete er leise. „Garmes, mein Name lautete Garmes. Jedenfalls soweit ich weiß. Es ist schon so lange her, dass mich jemand so genannt hat.“



Orias Lächeln wurde breiter, er streichelte Garmes sanft über den Kopf und flüsterte leise den Namen des Drachen. Schließlich sagte er etwas lauter: „Garmes, schließ die Augen.“ Als Oria seinen eigenen Befehl befolgt hatte, sagte er mit fester Stimme in die Dunkelheit hinein: „Katra, gib uns Licht. Leuchte uns in der Dunkelheit und erhelle unseren Weg.“ Kaum hatte Oria diese Zauberworte gesprochen, da tauchte die Lampe die gesamte Höhle auch schon in helles Tageslicht. Als Garmes begriff, was Oria da getan, hatte schrie er entsetzt auf. „NEIN!!! Das darfst du nicht. Lass die Augen zu, Oria. Ich will nicht, dass dir etwas geschieht.“



Doch Oria hörte nicht auf den Drachen. Langsam öffnete er die Augen, die schon gar nicht mehr an die Helligkeit der Sonne gewöhnt waren und schaute das riesige Ungetüm vor sich an. Garmes starrte entsetzt zurück. Er wollte sich umdrehen und fortlaufen, damit sein geliebter Mensch nicht versteinert werden würde, aber er wusste, dass es schon zu spät dafür war.



Seine Hässlichkeit war erschreckend, das stimmte. Einen Moment lang spürte Oria Kälte nach seinem Herz greifen, er konnte fühlen, wie seine Glieder vor Schreck immer schwerer wurden und sich nicht mehr bewegen ließen. Er war kurz davor, versteinert zu werden wie all die anderen Menschen, die Garmes je erblickt hatten. Doch da blickte Oria in die braunen Augen des Drachen. Er sah den Geist hinter dem Körper, den Menschen in dem Monster und er war nicht hässlich. Nein, sein Geist strahlte so viel Mut und Trauer und vor allem Menschlichkeit aus, dass er wunderschön war. „Garmes“, flüsterte Oria leise. Anstatt vor ihm zu fliehen, ging er auf den riesigen Drachen zu.



Eine Träne lief über Garmes’ Gesicht, zum ersten Mal, seit er ein Drache geworden war, war es eine Träne, die aus Freude geboren wurde, nicht aus Trauer. Oria streckte sich und fing sie noch in der Luft mit seiner Hand auf. „Weine nicht, Garmes. Bitte weine nie wieder. Jetzt bist du nicht mehr allein.“ Sanft legte der junge Mann seine von der Träne feuchte Hand auf den Körper des Drachen, um ihn zu streicheln, wie er es schon oft blind in der Nacht getan hatte.



Auf einmal breitete sich ein Leuchten unter Orias Hand aus. Schnell zog er sie weg, aber das Leuchten blieb. Es breitete sich über die bloße Haut auf Garmes Bauch aus und wanderte weiter. Es fuhr unter den Schuppen entlang und in jede Nervenfaser. Oria trat noch einen weiteren Schritt zurück und starrte entsetzt auf das Schauspiel, das er anscheinend ausgelöst hatte. Die ganze Gestalt des Drachen schrumpfte, seine Flügel zogen sich wieder in seinen Körper zurück. Die Schuppen wurden wieder durch menschliche Haut ersetzt. Auf seinem Kopf begannen Haare zu wachsen. Er wurde so schnell kleiner, dass es aussah, als würde er fallen. Am Ende blieb wirklich nur noch ein Mensch zurück. Er taumelte und schien nicht mit seinem Körper zurechtzukommen.



Mit einem Satz war Oria bei dem jungen Mann und fing ihn auf. Er störte sich nicht daran, dass der andere vollkommen nackt war, sondern hielt ihn fest an sich gepresst. „Oh Garmes, es ist vorbei. Ich weiß nicht warum, aber du bist erlöst“, flüsterte er leise in Garmes’ braune Haare. Dieser erwiderte die Umarmung erst vorsichtig, schließlich genauso fest wie Oria. „Ich glaube, ich weiß es“, flüsterte er genauso leise an dessen Halsbeuge.



Doch plötzlich schloss Garmes die Augen und sein Körper erschlaffte. Oria konnte seinen Atem nicht mehr spüren. Kaltes Eis floss auf einmal durch seine Adern. Er schüttelte den Prinzen, aber der rührte sich nicht. „Nein. Garmes, nein!“ krächzte der Bauernsohn beinahe lautlos. Wut stieg in ihm auf. „Du kannst mich nicht einfach verlassen, nicht jetzt wo ich weiß, wie sehr ich dich liebe.“ Schrie er den Prinzen an und schüttelte ihn noch heftiger. Doch dieser lag weiterhin bewegungslos in seinen Armen. Da presste Oria den leblosen Körper fest an sich. Tränen liefen über sein Gesicht, das vor Schmerz verzerrt war.



Er wusste nicht, wie lange so saß, ob Minuten oder Stunden, und es war ihm auch ganz egal. Schließlich legte Oria Garmes auf seinen Mantel und deckte ihn damit zu. Er beugte sich nach vorne und hauchte dem leblosen Körper einen Kuss auf die Lippen. Noch während Oria die Lippen des Prinzen mit den seinen gefangen hielt, spürte er, wie der Garmes Brustkorb sich wieder hob und er atmete. Erschrocken wollte Oria sich zurückziehen, aber Garmes griff mit einer Hand in seine schwarzen Haare und zog ihn zu sich hinunter. Keiner von beiden wollte diesen Lebensspenden Kuss wieder unterbrechen.



Plötzlich erklangen vom Eingang der Höhle Stimmen und kurz darauf stürmten eine Horde Kinder und der Suchtrupp in die kleine Grotte. Oria hatte gerade noch Zeit, sich von Garmes zu lösen und seine Tränen wegzuwischen, als die Kinder auch schon mit tausend Fragen auf ihn einstürmten. Oria lachte sie an und begann eine wilde Geschichte von Garmes zu erzählen und wie dieser todesmutig mit dem Drachen gekämpft und sie alle gerettet hätte. Dabei schaute er seinen Geliebten verzeihungsheischend an. Aber dieser lächelte nur und seine Augen strahlten voller Verständnis und Liebe, dass Oria zum ersten Mal in seinem Leben bei einer Erzählung ins Stocken kam.



Als die Sonne im Osten über den Horizont kletterte, machte sich die ganze Truppe wieder auf den Weg ins Dorf. Oria und Garmes liefen ganz hinten, dicht beieinander. Kurz vor dem Dorf blieb Oria plötzlich stehen. Gamres sah ihn verwundert an. Oria biss sich auf die Lippen und wusste erst nicht, was er sagen sollte. Schließlich fasste er sich doch ein Herz. „Du bist ein Königssohn und ich bin nur ein Bauer. Es tut mir Leid, Garmes, aber ich kann den Hof hier nicht verlassen, ich habe meinem Vater versprochen mein Erbe anzutreten.“ Die Frage, die ihm auf der Zunge lag, wagte Oria allerdings nicht auszusprechen.

Doch Gamres hatte verstanden. Er lächelte seinen Geliebten glücklich an. „Du hast Recht. Ich bin der Sohn eines Königs. Dass heißt wohl, du musst mir beibringen, wie man ein Bauer ist, denn dieses Leben kenne ich nicht.“ Vergnügt griff er nach Orias Hand und die beiden machten sich hinter den anderen hinterher auf den Weg ins Dorf.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute auf einem kleinen Bauernhof irgendwo im Lande Narsca.