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Wie der namenlose Prinz zu seinem Namen kam und seine Liebe fand

Original/ Fantasy [PG] [abgeschlossen]

[Märchen]

Einteiler

Inhalt:
Wie das bei Märchen so ist sagt der Titel eigentlich schon alles, aber wer es trotzdem wissen will: Namenlos ist der Prinz des Landes Kimanre, er ist ein halber Geist und zieht mit seinen beiden Zwillingsbrüdern aus um einen Namen für sich und ein Königreich für die beiden zu finden. Auf dem Weg begegnet er noch mehr Geistern in Tiergestalt, die ihm helfen und denen er hilft.

 


 

 

Wie der namenlose Prinz zu seinem Namen kam und seine Liebe fand

Vor so langer Zeit, dass sich niemand mehr daran erinnert, in einem kleinen Land, dass so weit weg war, dass es unsere Welt schon beinahe verlassen hatte, lebte ein weiser aber harter König. Der Name des Landes war Kimanre und der König Drosa regierte sein Land mit gerechter Hand. Die Untertanen mochten ihn, denn er gab dem kleinen Land Sicherheit und Stärke.

Die Frau des Königs gehörte dem Geschlecht der Naturgeister an. Als sie eines Tages in ihrer menschlichen Gestalt auf der Erde weilte, verlor sie ihr Herz an den damals noch jungen König. Drosa musste viele Aufgaben bestehen und viele Kämpfe bestreiten, bis sein Schwiegervater ihnen endlich die Erlaubnis gab zu heiraten. So wurde die Geisterfrau Jicha sterblich und blieb in dem kleinen Land Kimanre.

Überall in Kimanre war die Königin beliebt, denn sie war genau wie ihr Mann sehr gerecht und liebte genauso wie er das Land und die Leute in ihm. Schon 1 Jahr nach der Hochzeit gebar Jicha ihrem Mann einem wunderschönen Sohn.

Sofort nach der Geburt seines ersten Sohnes ließ der König ein großes Fest ausrichten. In den Palast kamen Schausteller und Spielmänner. Von den umliegenden Königreichen kamen Abgesandte und Adlige, sie alle brachten große und mächtige Geschenke für den kleinen Jungen. Ein nachtschwarzes Fohlen, das einmal ein schneller Hengst sein würde, kam aus dem Königreich Geras. Es wurde Hisra gerufen und war aus dem Geblüt der Königsrasse.
Das Königreich Semra sendete ein Schwert, das blitzte wie Mondlicht und scharf wie ein Sonnenstrahl war. Luret war sein Name und nur der königliche Schmied von Hisra konnte solch feine Schwerter herstellen.

Fünf Tage und fünf Nächte feierte das ganze Land die Geburt. Es wurde gegessen und getrunken. Wein floss in Strömen und der König ließ seine Schatzkammern öffnen und verteilte ein Zehntel an alle Armen seines Landes.

Nach Ablauf der 5 Tage stellte sich Drosa vor sein Volk, seinen kleinen Jungen im Arm. Wie es Sitte war, bat der König das versammelte Volk laut um einen Namen für den Prinzen. Nicht lange brauchte das Volk, um einen Namen für den kleinen Jungen herauszufinden. Frames sollte er heißen. Dankbar nahm der König den Namen für sein Kind an und kehrte ins Schloss zurück.

Nicht lange blieb der kleine Prinz alleine. Jichas Bauch schwoll bald wieder an. Als im Frühjahr die ersten Knospen der Kirschen an den Bäumen aufsprangen, wurden dem Königspaar zwei gesunde und wunderschöne Jungen geboren. Die beiden Neugeborenen jedoch waren so unterschiedlich, dass niemand sie für Zwillinge gehalten hätte. Beide waren schön, wie Geister, aber jeder auf eine andere Weise. Der eine war von dunkler Gestalt und so schön wie die Nacht, der andere war hell und strahlend wie der Tag.

Auch zur Geburt der Zwillinge richtete König Drosa ein riesiges Fest aus. Fünf Tage und fünf Nächte feierte das ganze Land die Geburt. Wieder sendeten die benachbarten Königreiche Geschenke für die Neugeborenen. Aus Geras kam eine junge Stute - schwarz wie die Nacht und schnell wie der Morgenwind - für den hellen Prinzen. Ihr Name lautete Teres. Der dunkle Prinz hingegen bekam einen jungen Hengst - weiß wie Schnee und schnell wie der Abendwind. Sein Name war Seret. Auch diese beiden Prinzen erhielten vom Königreich Semra zwei wundervoll gearbeitete Schwerter, die sich in nichts unterschieden. Ihre Klingen waren wie blankes Eis und so scharf, dass sie Spinnweben in der Luft zerschnitten.

Fünf Tage nach der Geburt der Prinzen trat König Drosa wiederum vor sein Volk. Den dunklen Prinz auf dem linken, den hellen auf dem rechten Arm. Ehrfürchtig verbeugte sich das Volk vor dem König. Drosa tat es ihnen gleich, um zu zeigen, wie sehr er sie achtete, dann hob er den rechten Arm und bat sein Volk seinem Sohn einen Namen zu geben. Schnell war für den hellen Prinzen ein Name gefunden. Sesaret sollte er lauten. Da hob der König den linken Arm und bat sein Volk noch einmal um einen Namen, diesmal für den dunklen Zwilling. Auch für ihn wurde schnell ein Name gefunden, mit Terases waren alle einverstanden. Glücklich kehrte der König in sein Schloss zu seiner Familie zurück.

Nicht einmal zwei Jahre vergingen in dem kleinen Land, als ein weiterer kleiner Prinz dem Königspaar geboren wurde. Sogleich nach der Geburt erkannte die Geistfrau Jicha, dass ihr Sohn etwas Besonderes war. Er war kleiner als seine Brüder und schien nicht ganz von dieser Welt zu sein. Die Königin spürte, dass dieses Kind ein ganz besonderes Kind werde würde, denn im Gegensatz zu seinen Brüdern war der kleine Prinz mehr mit der Welt der Geister verbunden. Die Jicha bekam Angst um ihren Sohn, denn Geistwesen hatten ein schweres Leben und nur diejenigen, die sich bewehrten, wurden wirklich glücklich.

Doch sie verdrängte ihre Sorgen und feierte mit allen fünf Tage und fünf Nächte. Auch diesem Prinzen wollten die umliegenden Königreiche ein Geschenk machen. Das Königreich Geras sendete wiederum eines ihrer berühmten Füllen. So schnell wie der Wind und so grau wie Regenwolken. Als der kleine Prinz das Pferd sah, lachte er voller Glück und wollte nach dem Tier greifen. Da lachten die Besucher aus Geras und schlugen vor, den kleinen Jungen doch seinen Willen zu lassen und ihn auf das Pferd zu setzen.
Die Eltern des Jungen hatten Angst, doch sie stimmten den Abgesandten zu, wenn sie ihn gut festhalten würden.

Kaum hatte man den Knaben auf das Fohlen gesetzt, da brach das junge Tier schon aus. König Drosa schrie erschrocken auf, denn er glaubte seinen Sohn für immer verloren zu haben. Doch der Junge hielt sich an der langen Mähne des Tieres fest und brachte es so unter Kontrolle. Hoch aufgerichtet ritt der Knabe einmal um den Platz, auf dem gefeiert wurde, herum, dann blieb er wieder vor seinem Vater stehen. Erschrocken hoben die Eltern das kleine Kind von dem Rücken des Pferdes herunter.

Die Abgesandten aus Geras starrte ungläubig auf das Pferd und auf den kleinen Jungen. Als sie endlich ihre Sprache wieder gefunden hatten, meinten alle einstimmig. "Das Pferd bekommt von uns keinen Namen. Der Junge ist jetzt schon zu stark. Was soll erst werden, wenn er auch noch mehr Kraft durch einen Namen bekommt?" Den beiden Eltern blieb nichts anderes übrig, als dieses hinzunehmen. So wurde das Pferd des Jungen Prinzen nur noch >Namenlos< genannt. Nun war sich seine Frau Jicha sicher, dass ihr Sohn ein Kind der Geister sei.

Wieder trat König Drosa nach Ablauf der fünf Tage Feier mit dem kleinen Prinzen vor sein Volk. Er hob das kleine Kind in die Luft, um es seinen Untertanen zu zeigen. Der kleine Junge strahlte über das ganze Gesicht. Seine weißgrauen Haare glänzten im Sonnenlicht und grünen Augen schienen jeden einzelnen der Versammelten genau zu mustern. Laut und deutlich klang die Stimme des Königs über den Platz. "Ich bitte euch mein Volk, gebt meinem Sohn einen Namen, damit er stark werden kann."

Doch das sonst so laute und fröhliche Volk, das schnell die Namen der anderen Prinzen gefunden hatte, schwieg nun. Nochmals bat der König sein Volk, dem jüngsten Prinzen einen Namen zu geben, damit er stark werden könne. Doch niemand der Versammelten sprach auch nur ein Wort. Der kleine Prinz hörte auf zu strahlen und schaute die versammelten Menschen ernst an. Da bekamen es die Leute noch mehr mit der Angst zu tun.


Eine Stimme aus der Menge rief dem König zu: "Von uns wird er keinen Namen bekommen. Er ist jetzt schon zu stark." Die Wachen des Königs versuchten den Sprecher auszumachen, doch niemand trat nach vorne. Im Gegenteil, langsam verstreute sich die Menge, bis nur noch der König selbst mit seinen Wachen und seinem Sohn auf dem Arm in der Mitte des Platzes standen. Traurig wandte sich König Drosa wieder dem Schloss zu, an dessen Eingang schon seine Frau mit den anderen kleinen Prinzen wartete.

"Hab keine Angst", sagte Jicha zu ihrem Gemahl. "Er wird ein guter und starker Junge werden." Der König nickte ihr lächelnd zu. Plötzlich zupfte ihn jemand am Bein. Lächelnd schaute Drosa nach unten, zu seinem dreijährigen Sohn Frames. "Vater, wie heißt unser Bruder jetzt?"

Ein Stich durchfuhr das Herz des Königs und er konnte einen Moment lang nicht antworten. Stattdessen sprach seine Frau für ihn. "Du kannst ihn Namenlos nennen, Frames. Vorerst wird er keinen anderen Namen bekommen." Sie schaute den König wieder ernst in die Augen. "Er ist unser Sohn und niemand muss davor Angst haben, dass er zu stark werden könnte", sagte sie voller Überzeugung. König Drosa nickte heftig, doch auch er bedachte seinen jüngsten Sohn mit zwiespältigen Gefühlen.

Die vier Prinzen wuchsen zusammen auf und lernten gemeinsam, was es bedeutete einmal König zu werden. Egal welche Prüfungen oder Kämpfe sie hatten, immer war Namenlos der Beste unter den vieren. Doch niemals kam Neid unter den Prinzen auf, denn sie liebten ihren kleinen, etwas seltsamen Bruder. Doch das Volk von Kimanre weigerte sich weiterhin dem jüngsten Königssohn Respekt zu zollen, oder ihm einen Namen zu geben. So wurde der Jüngling weiterhin Namenlos gerufen und wurde von allen gemieden, die ihm nicht nahe standen.

Eines Tages betrachtete die Königin ihre Söhne, wie sie im Garten des Schlosses mit Pfeil und Bogen übten. Alle vier waren keine Kinder mehr. Frames war zu einem nachdenklichen, jungen Mann herangereift, der immer erst dachte, bevor er sprach und sich nie unüberlegt entschied. Die welligen, braunen Haare, die er von seinem Vater geerbt hatte, reichten ihm bis zu den Schultern. Er war groß und kräftig und hatte sein Herz am rechten Fleck.

Auch Sesaret und Terases waren erwachsen geworden. In ihrem Aussehen waren sie immer unterschiedlicher, in ihrem Wesen aber immer ähnlicher geworden. Beide waren gute Taktiker und konnten für sich und ihre Familie immer das Beste herausschlagen, sei es bei einem Handel, einem Kampf oder einer Prüfung. Sesarets kurze, hellblonde Haare bewegten sich kaum, als er seinen Pfeil auf das weit entfernte Ziel abschoss und kurz darauf hinlief, um ihn wieder herauszuziehen. Wie immer hatte der junge Mann getroffen, nicht ganz in die Mitte, aber knapp daneben. Seine hellblauen Augen strahlten, als er zu seinen Brüdern zurücklief.
"Na los, Terases, mach es mir nach!", rief der helle Prinz übermütig.

Sein Bruder lachte ihn an. Er hatte seine halblangen, schwarzen Haare zurückgebunden, damit sie ihm nicht in die dunkelbraunen Augen fielen. Ohne ein Wort zu der Aufforderung seines Zwillings zu sagen, legte der dunkle Prinz mit einem Grinsen auf dem Gesicht an und schoss den Pfeil ab. Wie nicht anders zu erwarten, traf er genau die Stelle, die sein Bruder auch schon erwischt hatte. Alle vier Prinzen lachten.

"Ihr werdet euch nie schlagen können", lachte Frames, dann schaute er sich suchend um. Als er seinen jüngsten Bruder entdeckte, musste er schmunzeln. Namenlos stand vor einem Kirschbaum neben dem Schussfeld und starrte gedankenverloren auf einen kleinen Vogel, der auf dem untersten Ast saß. Jicha war dem Blick ihres ältesten Sohnes gefolgt und betrachtete den Prinzen, der von all ihren Kindern die größte Ähnlichkeit mit ihr selbst hatte.
Namenlos war mehr als einen Kopf kleiner als seine Geschwister. Er sah fein aus, fast als würde die Sonne durch ihn hindurch scheinen, sobald sie auf ihn fallen würde. Seine weißgrauen Haare reichten ihm bis zur Hüfte, meistens trug er sie, so wie jetzt auch, mit einem dünnen Lederband zusammen. Seine hellgrünen Augen waren fest auf den kleinen Vogel gerichtet und nur Jicha verstand, was in ihrem Sohn vorging.

Namenlos konnte nicht nur hören, wie der Vogel sang, er konnte auch fast verstehen, was er sang. Jicha verstand jedes einzelne Wort des kleinen Wesens, aber ihr Sohn war ein halber Mensch, noch konnte er die Tiere nicht verstehen. Wahrscheinlich würde er sie verstehen können, wenn er die Kraft eines Namens hätte, aber so war er zu schwach dazu.

"Hey Namenlos! Du bist dran. Lass den Vogel in Ruhe und komm schießen!", rief Frames seinem Bruder zu. Der jüngste Prinz drehte sich schnell zu seinem Bruder um. Es schien, als wäre er gerade aus einem Traum wieder aufgewacht.
Die Königin wandte sich vom Fenster und dem Ausblick auf ihre Söhne ab. Sie wusste, dass Namenlos das beste Ergebnis der Brüder haben würde.

"Meine Liebe, warum schaust du so traurig zu unseren Kindern?", ertönte die Stimme des Königs von seinem Thron aus. Jicha lächelte ihren Mann an. Selbst nach 22 Jahren liebte sie ihn noch immer wie am ersten Tag ihrer Begegnung, der Fluch und der Segen der Geistwesen. Doch im Moment machten ihr andere Dinge mehr Sorgen.

"Es wird Zeit, mein Geliebter, einen von ihnen zu bestimmen, der deine Nachfolge antreten soll", sagte sie ernst und trat zu ihrem Mann. Da seufzte der König schwer, denn das Land Kimanre war zu klein, um es für die Prinzen aufzuteilen und es war zu arm, um 3 Prinzen durchzufüttern, die keine Aufgabe hatten. Drei von seinen Kindern würden gehen müssen.
"Du hast Recht, meine Gemahlin, doch wie sollen wir wissen, wer von ihnen der beste König werden wird? Alle vier sind gute Kinder und würden keine schlechten Herrscher sein. Aber für mein Volk wünsche ich mir den besten und wer von ihnen wird es sein?"

Die Geistfrau lächelte traurig. "Prüfe sie doch einfach, mein Gemahl. Prüfe sie auf alles, was für Könige wichtig ist. Der beste wird dein Nachfolger und die anderen drei werden gehen müssen." Der König stimmte dem Vorschlag sofort zu und beide berieten lange Zeit, in was die Prinzen geprüft werden sollten und von welchen Prüfungen sie erfahren sollten.

Am nächsten Tag ließ der König seine vier Söhne rufen. Er selbst saß neben seiner Frau auf dem Thron und wartete, bis seine Kinder in den großen Saal eingetreten waren. Wie immer schritt Frames als Erster durch die Türe. Obwohl die Kinder ohne die gewöhnlichen Regeln der Thronfolger erzogen worden waren reihten sie sich immer in der Art und Weise auf, wie es ihrem Stand entsprach.

Nacheinander verbeugten sich die 4 jungen Männer vor ihren Eltern und warteten darauf, dass ihnen gesagt wurde, warum sie gerufen worden waren.
Der König musste einige Male tief Luft holen, es fiel ihm sichtlich schwer seinen Söhnen etwas zu sagen. Er liebte sie alle vier, auch wenn Namenlos ihm manchmal noch immer Angst machte.

"Ihr seid eigentlich schon seit einer Weile erwachsen, meine Kinder. Es wird Zeit, dass ihr euch eurer Verantwortung stellt, die euch in die Wiege gelegt wurde." Drosa blickte seine Kinder der Reihe nach an. Frames erwiderte seinen Blick, er schien schon zu wissen, was auf sie zukommen würde, keine Unsicherheit oder Angst lag in den braunen Augen. Die Zwillinge waren bei dem Wort >Verantwortung< unruhig geworden. Sie musterten sich etwas unsicher. Namenlos allerdings sah aus, als hätte sein Vater ihm gerade sein Todesurteil verkündet. Er schaute den König nicht an, sondern sein Blick suchte den seiner Mutter, die über die Angst in den Augen des Jungen nur die Stirn runzeln konnte.

Auch der König verstand die ängstliche Reaktion seines jüngsten Sohnes nicht, aber er machte sich nicht viel daraus. Es gab nur wenige Momente, in denen er Namenlos verstand, meistens machte ihm der Junge unsicher. Was ihn noch unsicherer machte, war das Gefühl, dass der Junge zu wissen schien, wenn er ihn nicht verstand, obwohl er es immer zu überspielen versuchte.

"Wir lieben euch alle vier", sprach nun die Königin weiter, da ihr Mann anscheinend in Gedanken versunken war, "aber das Land ist zu klein für vier Prinzen. Wir werden es nicht aufteilen können und es kann sich drei weitere Prinzen einfach nicht leisten. Deswegen werden drei von euch gehen müssen und nur einer wird regieren können." Nun sah man auch die Angst in den Gesichtern der drei älteren Prinzen. Eine Weile lang sprach keiner in dem Saal auch nur ein Wort. Schließlich raffte sich Frames auf und sprach zu seinem Vater:

"Wer von uns wird gehen müssen, Vater? Und wann werden wir getrennt?"
Der König nickte seinem Ältesten zu und begann die Bedingungen des Wettkampes zu erklären. Schon eine Stunde später begannen die Wettstreite in Bogenschießen, Jagen, Schreiben, Taktik und Rechnen.

Egal in welchen Kämpfen oder Disziplinen die Jungen geprüft wurden, immer stellte sich Frames als der Beste heraus, kurz hinter ihm kamen die Zwillinge, nie schaffte es einer der beiden besser zu sein als sein Gegenstück. Nur Namenlos enttäuschte seine Eltern, er gewann keinen einzigen der Wettkämpfe, er brachte beim Lesen kein Wort heraus und beim Schreiben machte er so viele Fehler wie noch nie.

Zehn Tage lang wurden die jungen Männer in allem geprüft, was ein König wissen und können müsste. Dann gingen die Lehrer der Kinder zu dem Königspaar und legten ihnen die seltsamen Ergebnisse vor. Umso mehr der König erfuhr, desto wütender wurde er auf seinem jüngsten Sohn.

"Er denkt wohl, dies sei alles nur ein Spiel! Er will uns wohl an der Nase herumführen", schrie er vollkommen aufgebracht an dem Abend seine Frau an. Doch Jicha schwieg nur und schüttelte leicht den Kopf. Sie wartete still ab, bis ihr Mann sich wieder beruhigt hatte und legte ihm dann eine Hand auf den Rücken. "Lass mich mit ihm reden", sagte sie ruhig. Sofort wurde der König sanft, wie immer wenn er die schöne Stimme seiner Gemahlin hörte. "Ja, Geliebte, sprich mit ihm, ich werde auf dich warten."

Niemand sah Jicha, als sie sich in das Gemach ihres Sohnes schlich, nicht mal er selbst bemerkte sie, als sie schon dicht hinter ihm stand.
Namenlos saß auf der Fensterbank in seinem Zimmer und hatte sein Gesicht dem Himmel zugewandt. Der Nachtwind kühlte sein Gesicht, aber er konnte nicht seine Gedanken vertreiben. Seine Augen suchten traurig nach dem Mond, der am Himmel stand und ein Seufzer entfloh seinen Lippen. So gefangen in seinen eigenen Gedanken zuckte Namenlos erschrocken zusammen, als seine Mutter ihn ansprach.

"Was siehst du dort draußen?", fragte sie leise.
Der Junge entspannte sich schnell wieder, als er erkannte, wer hinter ihm stand. "Kimanre und den Himmel darüber", antwortete er leise. Seine Mutter trat näher an ihn heran. "Und warum willst du dieses Land nicht regieren, mein Sohn?", fragte sie sanft.

Namenlos zuckte mit den Schultern. "Vielleicht will ich es ja regieren und bin nur zu dämlich und zu ungeschickt, um meine Brüder auszustechen", meinte er lapidar.
"Lüg mich nicht an! Warum willst du den Thron nicht?", zischte Jicha.

Namenlos seufzte lautlos, er hatte seine Mutter noch nie anlügen können, und eigentlich war er auch dumm es zu versuchen, schließlich konnte niemand ein Geistwesen belügen, nicht mal ihn selbst konnte man leicht hinters Licht führen.

"Was würde geschehen, wenn ich alle Wettkämpfe gewinnen würde, Mutter?" Er wartete erst gar keine Antwort ab, sondern sprach sofort weiter. "Frames, Sesaret und Terases würden gehen müssen und ich wäre König von Kimanre. Das Volk würde mich hassen und hätte Angst vor mir. Sie würden denken, ich allein sei Schuld, dass die beliebten Prinzen das Land verlassen mussten und dass nur der seltsame, von dem man noch nicht mal genau weiß, was er eigentlich ist, geblieben ist. Wenn ich den Thron gewinnen würde, würden alle anderen verlieren und das will ich nicht. Außerdem", fügte er mit einem kleinen Lächeln an, "hast du schon mal von einem König ohne Namen gehört? Ich will dieses Land nicht regieren, sondern in die Welt ausziehen und vielleicht einen Namen für mich finden, wenn mein Volk schon nicht bereit ist mir einen zu geben."

Namenloses Mutter seufzte leise, sie verstand ihren Sohn nur zu gut, auch die Dinge, die er nicht gesagt hatte. "Du fühlst dich hier nicht wohl", stellte sie fest. "Du kannst es nicht genau benennen, aber etwas zieht dich fort von hier. Die Sache mit dem Vertrauen deines Volkes und dem Namen würde zu regeln sein, aber du willst es nicht einmal versuchen, mein Sohn. Und das sieht dir gar nicht ähnlich!"

Namenlos drehte sich blitzschnell um und starrte seine Mutter an. Er erwartete Wut und Enttäuschung in ihrem Gesicht zu sehen, konnte aber nur Verständnis entdecken. Einen Moment lang konnte er nichts sagen, sondern sie nur anschauen. Seine hellgrünen Augen suchten nach dem Verständnis für ihn, dass ihm selbst fehlte. "Woher?" Seine Stimme war nur noch ein Flüstern.

Die Königin lächelte. "Ich hätte es dir früher erklären sollen, aber ich hoffte, dass es dir nicht so ergehen würde wie mir. Ich dachte, deine menschliche Seite wäre stärker, so wie bei deinen Brüdern." Sie wandte den Blick von ihrem Sohn ab und suchte mit den Augen einen bestimmten Stern am Himmel.

"Du bist mir so ähnlich wie keiner deiner Brüder. Beinahe schon kein Mensch mehr, aber eben noch nicht ganz, sonst würdest du wissen, was dich von uns fort zieht. Geister, wie ich und auch fast du, verlieben sich nur ein einziges Mal in ihrem Leben. Bis dahin streifen sie in der Welt umher, um diese eine Person zu finden, ohne die sie dann nicht mehr leben können. Deswegen konnte meine Familie mich auch nicht aufhalten, als ich mit deinem Vater fort gehen wollte. Ich wäre gestorben, hätte ich es nicht getan. Dir wird es eines Tages genauso gehen; bis dahin wirst du auf der Suche sein. Deine Brüder werden vielleicht nicht so sehr suchen, aber ich denke, auch sie werden sich nur ein einziges Mal in ihrem Leben verlieben und dann alles für ihre Liebe tun."

Jicha strich ihrem Sohn über den Kopf und verließ dann so leise sein Zimmer, wie sie gekommen war. Namenlos blieb verwirrt am Fenster stehen und wünschte sich, seine Mutter hätte Worte für ihn gehabt, die sein Herz beruhigen würden, aber schon ihr Verständnis hatte ihm gut getan.

Am nächsten Morgen fanden sich die Prinzen wieder früh im Thronsaal ihres Vaters ein. Drosa schaute seine Söhne nachdenklich an. Schon jetzt war klar, dass Frames den Thron bekommen würde, doch auch die Zwillinge sollten noch eine letzte Chance haben. Aber wahrscheinlich würden sie sich ohnehin nicht sonderlich anstrengen, da sich keiner von beiden vorstellen konnte, von dem anderen getrennt zu werden.
"Ihr werdet heute jagen gehen. Seid pünktlich zum Abendessen wieder hier, denn es ist das letzte Mahl, das wir gemeinsam einnehmen werden. Morgen werden drei von euch gehen müssen."

Schweigend verbeugten sich die Prinzen und verließen den Saal. Erst als alle vier ihre Pferde gesattelt hatten und aus der Stadt geritten waren, fing Namenlos an zu sprechen. "Frames, ich wünsche dir viel Glück. Du wirst es brauchen können, denn ein guter König hat es nicht einfach."

Frames runzelte die Stirn und schaute seinen kleinen Bruder verwundert an. Namenlos schien so sehr hier in den Wald zu passen, wie er in der Umgebung des Schlosses unpassend war. "Warum sollte ich König werden? Warum nicht du? Oder Sesaret oder Terases?", fragte er mit unsicherer Stimme.

Namenlos lächelte nur und antwortete ihm nicht, stattdessen trieb er sein Pferd an und setzte sich von seinen Brüdern ab. Den ganzen Vormittag ritt er durch den dichten Wald, in der Hoffnung etwas zu finden, was sich lohnen würde zu jagen. Aber nicht mal die Spuren eines Hasen waren zu sehen.

Zur Mittagszeit erklang plötzlich genau über seinem Kopf der Ruf eines Vogels. Namenlos zügelte sofort sein Pferd und lauschte dem kleinen Flügelwesen. Wie schon so oft zuvor hatte er das Gefühl, ihn verstehen zu können, wenn er nur noch ein wenig genauer zuhören können würde. Was auch immer der Vogel ihm sagen wollte, es war wichtig, das konnte er ganz genau spüren.

Langsam, um das Tier nicht zu erschrecken, hob Namenlos den Arm und wartete, bis das kleine Wesen auf seine Hand geflogen war. Es war nichts weiter als ein kleiner braungefiederter Spatz, mit opalschwarzen Augen und einem aufgeweckten Blick. Er starrte den Jungen eindringlich an und stieß noch einige, spitze Töne aus, bis er sich in die Luft erhob und plötzlich losflog.

Namenlos wartete nicht lange, er wusste zwar nicht warum, aber schnell trieb er sein Pferd an, um dem kleinen Tier zu folgen. Immer tiefer drang er in den Wald vor. Die Bäume standen immer dichter und die Sonne wanderte weiter über den Himmel, ohne dass er es bemerkte. Bald wurde der Wald so dicht, dass Namenlos von seinem Pferd steigen musste, weil er nicht mehr weiter reiten konnte. Ohne auch nur einmal unsicher zu werden, folgte er dem Vogel, als wurde er jeden seiner Laute verstehen können.

Der Vogel führte ihn immer weiter, bis zu einer kleinen Lichtung mitten im Wald. Dann flog das kleine Wesen plötzlich so schnell davon, dass Namenlos ihm nicht mehr folgen konnte. Doch im Moment wollte er ihm gar nicht mehr folgen. Er war viel zu erschrocken über das Bild, das sich ihm auf der Lichtung bot.

Mitten auf der Lichtung lag ein Hirsch, so stattlich wie Namenlos noch keinen gesehen hatte. Das Geweih des Tieres war so riesig, dass keine drei Männer es hätten hochheben können. Neben dem Hirsch saß ein Wolf, der so groß war, wie Namenlos noch keinen gesehen hatte. Erst dachte der Prinz, der Wolf würde den Hirsch angreifen, aber er tat es nicht, stattdessen leckte der Wolf über die Flanke des liegenden Tieres. Vorsichtig trat Namenlos einen Schritt näher an die seltsamen Gestalten heran. Jetzt konnte er auch sehen, dass ein Pfeil in der Seite des Hirsches steckte und dass immer wieder frisches Blut aus der Wunde lief, auch hörte er nun das leise Wehklagen des Wolfes.

"Mein Geliebter, was soll ich nur tun? Nur weil ich meine Schwester und ihre Kinder sehen wollte, bist du nun verletzt. Mein Geliebter, was soll ich nur tun?", flüsterte der Wolf immer wieder und leckte dabei über die Flanken des Hirsches, um die Wunde zu reinigen.
Als Namenlos die Klage des schönen Tieres hörte, zog sich ihm sein Herz zusammen und ohne nachzudenken ging er auf die beiden Tiere zu. "Lass mich euch helfen. Ich bitte euch."

Der Wolf drehte sich blitzschnell um, weil er dachte, die Jäger wären zurückgekehrt. Doch vor ihm stand nur ein Junge, so schön wie das Mondlicht und genauso sanft. In seinen grünen Augen war keine Bosheit zu lesen, sondern nur echte Sorge. Der Wolf runzelte die Stirn, denn der Prinz kam ihm bekannt vor, doch er sagte nichts, sondern trat nur einen Schritt von seinem Geliebten zurück, um den fremden Menschen handeln zu lassen.

Schnell ging Namenlos zu dem verwundeten Tier und besah sich die Wunde. Es sah schlimm, aber nicht unheilbar aus. Schnell zog der Junge den Pfeil aus der Wunde und riss sein Hemd in Streifen, um die Flanke des Tieres damit zu verbinden.
Als er endlich die Blutung gestoppt hatte und der Hirsch wieder aufstehen konnte, war seine restliche Kleidung mit Blut und Dreck beschmiert. Namenlos wollte sich von den beiden Tieren abwenden, die wieder so eng wie möglich beieinander standen, doch die Stimme des Wolfes hielt ihn zurück.

"Ich danke dir, dass du meinen Geliebten gerettet hast… Mensch." Der große Wolf ging mit langsamen Schritten auf den jungen Prinzen zu. Namenlos ging in die Knie und erwartete den Wolf. Es verwirrte ihn etwas, aber er hatte absolut keine Angst vor dem gefährlichen Tier. Nicht nur wegen dem seltsamen Verhalten des Raubtieres seiner eigentlichen Beute gegenüber, eigentlich aus überhaupt keinem rationellen Gedankengang. Er spürte einfach, dass ihm das Tier nichts tun würde.

"Es war mir eine Freude euch zu helfen", antwortete er voller Respekt vor dem schönen Tier. Der Wolf musterte ihn aus seinen bernsteinfarbenen Augen ernst, schließlich stieß ihn der Hirsch von hinten an und das Raubtier schüttelte sich, als wäre es erst jetzt wieder erwacht.

"Verrätst du uns deinen Namen, Mensch?", fragte nun der Hirsch sanft. Der Prinz erhob sich schnell wieder. Sein Gesicht war rot wie die Abendsonne, die gerade im Westen unterging. "Es tut mir leid, werte Herren, aber ich habe keinen Namen. Ihr könnt mich Namenlos nennen, das tut jeder."

Wolf und Hirsch sahen den Prinzen verwirrt an. "Warum besitzt du keinen Namen, Junge?", fragte schließlich der Hirsch.
Namenlos erzählte ihnen die Geschichte, die er selbst erfahren hatte, als er das erste Mal seine Mutter gefragt hatte, warum er selbst keinen Namen besaß. Als er fertig war, sahen sich die beiden Wesen nachdenklich an. Namenlos hatte das Gefühl, sie würden sich unterhalten, aber er konnte keine Laute hören. Schließlich nickte der Wolf und wandte sich wieder dem Prinzen zu.

"Wenn du einen Namen willst, dann geh nach Osten, wo die Sonne aufgeht. Bis du an das Land der Tränen und der Trauer kommst. Erst wenn du dieses Land wieder glücklich gemacht hast, wirst du deinen Namen bekommen. Vielleicht wirst du dort auch mehr finden, als nur einen Namen. Lebewesen, die bei ihrer Geburt keinen Namen bekommen haben, müssen ihn sich verdienen. Vor allem Wesen wie du." Der Hirsch wandte sich schon um, während sein Geliebter diese Worte an den Prinzen richtete. Als er zwischen dem Unterholz des Waldes verschwand, wurde der Wolf ganz unruhig und warf immer wieder einen Blick in die Richtung.

"Wir können nicht lange getrennt sein", meinte er erklärend auf den fragenden Blick des Prinzen. Plötzlich drehte sich der Wolf um und stürzte dem anderen Wesen hinterher. "Sag Jicha einen Gruß von mir", hörte Namenlos noch, dann waren die beiden verschwunden.
Einen Moment lang stand er noch wie versteinert auf der Lichtung und starrte auf die Stelle im Unterholz, an der die beiden Wesen verschwunden waren. Plötzlich fröstelte ihn und er entdeckte mit Schrecken, dass die Sonne schon eine Zeit lang untergegangen war. Ihm wurde klar, dass er zu spät nach Hause kommen und seinen Eltern schreckliche Sorgen bereiten würde.

Auch hatte er den ganzen Tag nichts gejagt und konnte keine Beute vorweisen. Sein Vater würde sehr wütend sein. Schnell griff der Prinz nach den Zügeln seines namenlosen Pferdes und machte sich auf den Weg zurück nach Hause. Egal wie sehr er sich beeilte, es war zu spät. Schon längst hatte das abendliche Bankett begonnen, als er endlich am Hof ankam.

Es wurde gefeiert und getanzt, nur seine Eltern saßen mit missmutigen Gesichtern vor ihren Tellern, auch seine Brüder schienen nicht gerade glücklich zu sein. Namenlos warf sich vor seinem Vater vor die Füße und versuchte ihn um Vergebung zu bitten.
"Entschuldige Vater, dass ich zu spät komme, doch…"

"Schweig!!!", herrschte der König seinen Jüngsten wütend an. "So sehr liebst du also deine Familie? Du kommst nicht nur zu spät, nein, du bist auch von oben bis unten dreckig!"
Erst jetzt dachte Namenlos wieder an das Blut und den Dreck, der an seinen Kleidern klebte, ganz davon abgesehen, dass ihm sein Oberhemd fehlte, weil er es zu Verbänden zerrissen hatte. Wütend auf sich selbst und voller Angst vor der Reaktion seines Vaters biss sich der jüngste Prinz auf die Lippe, um nicht laut heraus zu schreien.

"Wenn du nicht sofort eine gute Erklärung für deinen Affront geben kannst, verschwinde lieber schnell aus meinem Blickfeld. Am besten du gehst gleich ganz. Was soll Kimanre denn mit einem solchen Prinzen?"

Namenlos biss sich auf die Lippe, bis diese zu bluten begann, er wagte es nicht seinen Vater anzusehen, aber dennoch würde er die Wesen im Wald nicht verraten. Er wusste es tief in seinem Herzen, dass er das nicht durfte. Nur eine einzige Person durfte wissen, was er im Wald erlebt hatte, und das war seine Mutter und niemand sonst.
König Drosa wartete nicht lange. Als sein Sohn keine Antwort gab, wendete er sich von ihm ab und blickte traurig auf seinen Teller.

"Geh, Namenlos. Verlasse dieses Schloss und komme nie wieder. Wenn es dir so wenig bedeutet, dann lass es hinter dir." Plötzlich klang seine Stimme alt, aber immer noch fest, ohne einen Widerspruch zu dulden.
Namenlos verbeugte sich noch einmal vor seiner Familie. Er warf einen letzten bittenden Blick auf seine Mutter, dann verließ er mit hängenden Schultern den Saal, indem gerade die Musik wieder einsetzte und neue Tänzer die Tanzfläche betraten.

Schnell hatte er seine sieben Sachen gepackt, sein Schwert umgeschnallt und sein namenloses Pferd gesattelt. Seiner Mutter hatte er die Grüße des Wolfes auf einen Zettel geschrieben, und seinen Brüdern einen weiteren Brief, indem er Frames viel Glück wünschte und den Zwillingen sagte, dass er sie am Osttor erwarten würde.

Schweigend ritt Namenlos mitten in der Nacht aus dem Schloss, durch die Stadt, bis er zu dem Tor kam, in das die ersten Sonnenstrahlen fielen.

Lange brauchte der Prinz nicht warten. Zwei Tage nach seiner stillen Abreise, hörte er Trauerrufe und Hufgetrappel hinter sich. Die Zwillinge hielten schweigend an seiner Seite. Der eine wie der Tag, der andere wie die Nacht, Namenlos zwischen ihnen, wie ein Mondstrahl in der Dunkelheit.

Er sah zuerst zu dem einen, dann zu seinem anderen Bruder. Die beiden sahen ihn genauso schweigend an. Namenlos trieb sein Pferd voran und die drei ungleichen Brüder machten sich auf den Weg nach Osten, um ihr Glück dort zu suchen, wo es der Wolf, ihr Onkel, es Namenlos geraten hatte. Zwei von ihnen hofften auf eine Prinzessin, die sie heiraten, und damit ein Land regieren konnten, und einer hoffte auf einen Namen.

Lange Zeit reisten die drei Prinzen durch die Lande. Sie durchquerten Flüsse, erstiegen Berge, durchkämmten Wälder und ritten durch weite Steppen. Immer Richtung Osten, der Morgensonne entgegen. Viele Königreiche hatten sie durchquert, zwischen einigen herrschte Krieg, andere waren schon lange ohne Thronfolger, aber keines von ihnen war in so großer Trauer, wie der Wolf gesagt hatte. Namenlos sagte seinen Brüdern nicht, warum sie weiter nach Osten unterwegs waren und den beiden fiel auch keine bessere Route ein.

Die Sonne hatte den Zenit schon überschritten, als die Prinzen eines Tages in ein Land kamen, in dem alle Fenster mit schwarzen Tüchern verdeckt waren. Kein Mensch war zu sehen und nirgends war ein Laut zu hören.

Verwirrt ritten die Drei weiter über Straßen, die von niemand anderen genutzt wurden, zwischen Feldern, die zwar bestellt waren, auf denen aber niemand arbeitete. Tagelang begegneten die Prinzen keiner Menschenseele. Weder in den Dörfern, noch in den größeren Städten. Überall waren schwarze Tücher gespannt, und alles war still wie in einem Grab.
Erst als sie nach sieben Tagen in die Hauptstadt des Landes kamen, sahen die drei Reiter die ersten Menschen. Schweigend hatte sich eine Menschenmenge auf dem Marktplatz versammelt.

Alle trugen schwarze Kleidung, einige pressten sich schwarze Taschentücher an ihre Gesichter. Ein paar Frauen schluchzten laut auf. Namenlos wusste, dass er das Land, das er schon so lange suchte, gefunden hatte.

Schweigend, um die trauernden Menschen nicht zu stören, stieg er von seinem Pferd und trat an einen Mann, der am Rande der Menge stand, heran. "Sagt guter Mann, warum trauern die Menschen hier so sehr?", flüsterte der Prinz dem Mann vor sich zu.

Dieser drehte sich erschrocken zu dem Fremden um und bedeutete ihm mit einer Geste ruhig zu sein. Namenlos gehorchte und gab auch seinen Brüdern ein Zeichen, kein Wort zu sagen.
Es dauerte nicht lange und die Glocke im Kirchturm schlug 13 tiefe dunkle Schläge, kurz darauf löste sich die Menschenmenge auf. Genauso schweigend wie sie zuvor gemeinsam auf dem Marktplatz gestanden hatte.

Der Mann bedeutete den Prinzen ihm zu folgen, was diese auch schnell taten. Erst nachdem er die Pferde in den Stall gebracht und die Türe des Hauses hinter sich und den dreien geschlossen hatte, atmete der Mann wieder auf und begrüßte die Prinzen in der gebührenden Weise. "Es tut mir Leid, werte Herren. Doch in unserem ganzen Land Zurares herrscht seit 2 Jahren tiefe Trauer. Der König hat uns verboten zu lachen, zu singen, oder zu pfeifen. Nichts, was irgendwie Freude bereitet, dürfen wir mehr. Die meisten wollen auch gar nicht, denn sie trauern mit dem Königshaus."

Die Prinzen sahen sich verwirrt an. Doch der Mann, der sich als Rumar, vorgestellt hatte, lud sie zuerst an seinen Tisch ein, wie es die Regeln der Gastfreundschaft befahlen, bevor er ihnen weiter von der Trauer des Landes berichtete.

Erst als die Prinzen sich nach der langen Reise gestärkt hatten, erzählte er ihnen von der schönen Königstochter. "Seit nunmehr zwei Jahren liegt das arme Mädchen in einem tiefen Schlaf, aus dem sie niemand mehr erwecken kann. Der König hat schon die besten Ärzte, Hellseher, Sterndeuter, Wahrsager und Zauberer kommen lassen, doch niemand konnte dem armen Kind helfen. Ihr müsst wissen, der König liebt seine Kinder über alles, deswegen hat er auch diese Gesetze erlassen. Er hofft, wenn das gesamte Volk an seine Tochter denkt, wird sie wieder erwachen. Deswegen versammeln wir uns jeden Tag für mehrere Stunden auf dem Marktplatz und schweigen gemeinsam, damit vielleicht unsere Gedanken die Prinzessin erreichen."

Rumar schwieg nachdenklich und starrte vor sich hin. Man sah deutlich, dass er die Hoffnung schon aufgegeben hatte und nur noch Trauer geblieben war. Namenlos dachte daran, dass es wahrscheinlich den meisten Menschen in diesem Land so ging, und er dachte an die Worte des Wolfes. Er wollte nicht nur einen Namen bekommen, sondern vor allem diesem armen Menschen helfen.

"Ich werde zum Schloss gehen und versuchen die Prinzessin zu erwecken", sagte er mit fester Stimme und erhob sich, bereit sofort aufzubrechen. Seine Brüder starrten ihn erschrocken an, sie überlegten erst einige Zeit lang, bevor auch sie aufstanden und sich zu ihm stellten. "Wir werden mit dir kommen und versuchen dir zu helfen."

Da sprang Rumar plötzlich auf und starrte die fremden Prinzen erschrocken an. "Das könnt ihr nicht tun! Der König wird euch einsperren, wenn ihr es nicht schafft", rief er erschrocken. "Schon unzählige Prinzen haben versucht die schöne Prinzessin zu erretten, aber keiner von ihnen hatte Erfolg. Alle sind sie in den Kerkern gelandet."

Die Zwillinge sahen sich erschrocken an, aber Namenlos blieb standhaft. "Dennoch werde ich gehen und versuchen die Prinzessin zu retten. Dieses Land hat genug getrauert!", sagte er mit fester Stimme, drehte sich um und verließ mit einem Wort des Dankes das Haus um sich in Richtung Schloss aufzumachen. Sein Mut gab auch seinen Brüdern die Kraft ihm zu folgen, so dass die drei Reiter das Schloss erreichten, als die Sonne gerade unterging.

Das Schloss erhob sich wunderschön, traurig, dunkel gegen den roten Abendhimmel. Auch hier waren die Fenster mit schwarzem Stoff verhängt. Keine Fahnen wehten im Abendwind, sondern schwere, schwarze Banner hingen an den Fahnenmasten herunter.
Dennoch ritt Namenlos ohne zu zögern weiter. Die drei Prinzen wurden nur von einem Hausdiener empfangen, der ihre Pferde abnahm und ihnen riet, so schnell wie möglich wieder zu verschwinden, damit sie nicht wie die anderen Prinzen im Kerker landen würden.

Wiederum lehnte Namenlos rundheraus ab, auch wenn seine Brüder immer unsicherer wurden. Auch innerhalb der Schlossmauern war kaum ein Laut zu hören und alles war mit dunklen Stoffen verhängt. Leises Schluchzen war in manchen Gängen zu hören, an denen sie ein Diener vorbeiführte.
Es dauerte lange, denn das Schloss war wesentlich größer als Kimanres, bis sie den Saal des Königs erreicht hatten.

Klein und ohne wirkliche Kraft saß auf dem Thron ein Mann, dem man ansah, dass er einmal groß und stark gewesen war, dass ihn aber der Kummer gebeugt hatte.
Namenlos, Sesaret und Terases verbeugten sich genau fünf Schritte vor dem Thron, wie es ihnen gelehrt worden war. Sie verhielten in ihrer Verbeugung, bis der König sein Wort an sie richtete, erst dann erhoben sie sich und schauten ihn wieder an.

"Wer seid ihr und warum stört ihr unsere Ruhe und unsere Trauer?", fragte der König hart, seine Stimme klang alt, aber noch immer steckte Kraft hinter ihr.
Namenlos schaute schnell zu seinen Brüdern, aber keiner von ihnen schien sprechen zu wollen, also trat er einen Schritt vor und verbeugte sich abermals. "Oh werter König von Zurares, wir grüßen euch. Wir waren einst Prinzen des Landes Kimanre, nun sind wir Reisende ohne Heimat. Meine Begleiter sind auch gleich meinen Brüder, ihre Namen sind Sesaret und Terases, sie sind Zwillinge und somit beide die Zweitgeborenen. Ich selbst bin der jüngste Sohn des Königs Drosa und seiner Geistfrau Jicha. Man nennt mich Namenlos, da ich noch nicht das Glück habe, einen Namen mein eigen zu nennen.

Weder eure Ruhe noch eure Trauer wollten wir jemals stören. Wir kamen lediglich in eure Landen und entdeckten die tiefe Trauer, in der sich euer Volk und wohl auch ihr selbst befinden. Dies weckte den Wunsch in uns euch, werter König, zu helfen und unsere bescheidenen Dienste anzubieten", brachte Namenlos mit seiner schönen Stimme hervor. Doch der König schien gänzlich unbeeindruckt von der schönen Rede des jungen Prinzen. "Vagabunden, die sich versuchen wollen, nun gut", murmelte er vor sich hin. Dann rief er nach einem Diener.

"Geleite sie in das Gemach von Miranda. Vielleicht können sie etwas ausrichten. Gib ihnen alles, was sie brauchen, um meine Tochter zu heilen. Wenn sie es innerhalb von fünf Tagen nicht schaffen, dann werden sie wie die anderen in den Kerker geworfen", befahl er dem Diener. Darauf wandte er sich wieder den Prinzen zu. "Ihr habt die Bedingungen gehört. Noch könnt ihr fliehen. Schafft ihr es allerdings meine Tochter zu erwecken, dann bekommt ihr die Hand eines meiner Kinder und das halbe Königreich obendrauf. Doch lasst euch gesagt sein, die Kerker sind jetzt schon fast voll mit jungen Männern, die versucht haben meinen kleinen Augenstern zu erwecken."

Die Prinzen verbeugten sich schweigend, nachdem der König sie so entlassen hatte und folgten dem Diener, der sie auch schon in den Thronsaal geführt hatte.
Wieder liefen sie lange durch das große Schloss, bis der Diener sie endlich zu einer kleinen vergoldeten Tür geführt hatte. Er verbeugte sich kurz vor den Prinzen und öffnete dann die Tür um sie hineinzulassen.

Das Zimmer war riesig und wohl das einzig Helle in dem ganzen Schloss. Die großen Fenster waren ohne Gardinen und der Mondschein konnte ungehindert eindringen. Überall standen Kerzen der verschiedensten Art, Farbe und Größe. Ihr Licht brach sich in den unzähligen, goldenen Verzierungen, die die Wände bedeckten. Das größte Möbelstück war ein riesiges Bett mitten im Raum, so gestellt, dass das Mondlicht ungehindert darauf fallen konnte.
Doch in dem Raum gab es etwas, das noch schöner war als alles Gold und alle Edelsteine der Welt. Das waren die zwei Gestalten, die neben dem Bett saßen und die des Mädchens, die in dem Bett lag. Überwältigt von der Schönheit und traurigen Ruhe dieser Menschen blieben die Prinzen wie versteinert in der Türe stehen.

Auf der linken Seite des Bettes saß ein Mädchen, die ihren Blick bei dem Geräusch der sich öffnenden Tür von dem Gesicht ihrer Schwester wandte und die Prinzen erblickte. Ihre schwarzen Locken fielen ihr bis über die Schultern, ihr feines Gesicht war so schön wie der Mond und ihre schwarzen Augen blinkten wie die Sterne in der Nacht. Verärgert zog sie die Stirn zusammen, als sie die Prinzen erblickte. Ihr Blick jedoch blieb nicht mit Wut auf Sesarets hängen, ihre Blicke trafen sich und Namenlos konnte spüren, wie Liebe zwischen dem hellen Zwilling und der schönen dunklen Prinzessin zu keimen begann.

Der Junge auf der rechten Seite des Bettes hatte den Kopf nicht gehoben, sondern weiterhin seine schlafenden Schwester in dem großen Bett angeschaut. Seine braunen Haare waren so lang, dass Namenlos sein Gesicht nicht erkennen konnte, doch schon allein seine kräftige Gestalt war von einer inneren Schönheit, die das Herz des Prinzen zusammenziehen ließ.

Schnell wandte er den Blick von dem Prinzen ab und schaute zu der schlafenden Miranda. Ihr Gesicht war so weiß wie Schnee, ihr Haar breitete sich wie Sonnenstrahlen über die Kissen auf dem Bett aus. Einen Moment lang glaubte Namenlos schon das Mädchen wäre gestorben, denn sie war so fein wie ein Geist und ein silberner Schimmer lag über ihrem Körper. Doch noch atmete sie, auch wenn der silberne Schimmer nicht verschwinden wollte.

Namenlos warf einen Blick zu seinen Brüdern und entdeckte, dass anscheinend nicht nur Sesaret, sondern auch Terases sich verliebt hatten. Der dunkle Zwilling schien seinen Blick nicht von dem schlafenden Mädchen wenden zu können.

Es dauerte eine ganze Weile, bis jemand in dem Raum etwas sprach. Es war die Prinzessin, die am Bett ihrer Schwester gewacht hatte. "Flieht! So schnell ihr könnt. Ihr werdet meiner Schwester nicht helfen können und ich möchte nicht, dass du, dass ihr in die Kerker geworfen werdet." Während sie die Sätze mehr hervorstieß als sagte, war ihr Blick die ganze Zeit nicht von Sesarets Gesicht gewichen. Nun regte sich auch der Prinz auf der anderen Seite des Bettes.

"Schwester, wie kannst du das nur sagen? Sie sind vielleicht die Rettung für Miranda, vielleicht die einzige, die sie hat. Außerdem riskieren sie freiwillig ihr Leben, lass sie doch", brauste der junge Mann wütend auf. Er hatte noch immer nicht den Blick von seiner schlafenden Schwester gehoben, so dass niemand sein Gesicht sehen konnte. Doch Namenlos hörte die tiefe Trauer in ihr und er wünschte sich nichts mehr, als dem Jungen die Trauer zu nehmen und ihn lachen zu sehen.

Noch bevor die Prinzessin etwas erwidern konnte, trat Namenlos nach vorne und verbeugte sich. "Euer Bruder hat Recht, werte Prinzessin. Wir sind vielleicht die einzige Rettung für dies schöne Kind und wir sind auf jeden Fall freiwillig hier." Er warf aus den Augenwinkeln einen Blick auf den Prinzen. Dieser hatte bei dem Klang von Namenloses Stimme endlich den Kopf gehoben und sah zu den Prinzen.

Seine Harre konnten nun nicht mehr sein schönes Gesicht und vor allem seine tiefen grünen Augen verbergen. Bei dem Anblick setzte das Herz des jüngsten Prinzen einen Moment lang aus, nur um dann so laut weiter zu hämmern, dass er Angst hatte, seine Brüder könnten es hören. Noch nie hatte er jemanden gesehen, der so schön war. Selbst in seiner tiefen Trauer so wunderschön wie die Erde selbst. Namenlos musste einige Male heftig schlucken, um sich wieder zu fangen, bevor er sich aufrichten konnte. Krampfhaft versuchte er den Prinzen nicht anzusehen, um nicht von seinem Blick gefangen genommen zu werden.

Stattdessen wandte er sich der Schwester des Prinzen zu. Diese jedoch hatte nur Augen für Sesaret, wie dieser nur Augen für sie hatte. Er verbat sich ein Lächeln und noch mehr verbat er sich zu dem Prinzen zu schauen. Stattdessen ging er zu Mirandas Bett, sein Bruder dicht hinter ihm.

Der silberne Schimmer war nicht verschwunden, im Gegenteil, dort wo kein Licht hinfiel, schien er sogar stärker geworden zu sein. Verwundert betrachtete Namenlos sich das seltsame Licht genauer. Es führte vom Körper der Prinzessin weg nach Osten. Namenlos runzelte die Stirn und drehte sich wieder zu seinem Bruder um. "Terases, kannst du die Kerzen ausblasen, damit wir diesen seltsamen Schimmer besser betrachten können?", fragte er leise. Der dunkle Zwilling reagierte nicht. Erst nachdem Namenlos ihn angestoßen hatte und seine Frage wiederholt hatte, sah Terases seinen kleinen Bruder verständnislos an. "Welchen Schimmer, Kleiner?"

Namenlos runzelte die Stirn, er warf einen Blick auf das Mädchen, das silberne Licht war noch immer da. Es kam von Osten, durch die Wände des Zimmers und legte sich über die Gestalt des Mädchens, drang durch Mund und Nase in den Körper ein und schien es von innen her zu vergiften.

"Siehst du es nicht?", fragte Namenlos verwundert. Sein Bruder schüttelte nur den Kopf, riss sich aber vom Anblick des schlafenden Mädchens los und begann die Kerzen zu löschen, wie sein kleiner Bruder es ihm aufgetragen hatte. Er wusste, dass Namenlos mehr sah und hörte als normale Menschen.

"Was wollt ihr tun?", fragte der Prinz, und Namenlos konnte den Ton seiner Stimme unmöglich deuten. Er schaute von dem schlafenden Mädchen auf, direkt in die grünen Augen des Prinzen. Wie erstarrt konnte er unmöglich den Blick von den wunderschönen Augen wenden, die wie zwei Sterne in seine Seele schienen und sie mit Licht erhellten. Namenlos wurde gefangen genommen von der Trauer, dem Misstrauen und der versteckten Zuneigung in den Augen seines Gegenübers.

Selbst als das Zimmer immer dunkler wurde, weil Terases eine Kerze nach der anderen löschte, konnte Namenlos sich nicht von dem Anblick lösen. Sein Herz schlug schneller und plötzlich stand ihm Schweiß auf der Stirn. Die Stimme seiner Mutter ertönte plötzlich in seinem Kopf: >Geister verlieben sich nur ein einziges Mal in ihrem Leben.<

Aber Namenlos wollte sich gar nicht verlieben, schon gar nicht in einen Prinzen, den er nicht kannte. Er wollte ihn nur gerne lachen sehen, oder wenigstens lächeln. Er wollte seine Augen sehen, wenn sie vor Glück und nicht vor Trauer strahlten. Er wollte ihn in den Arm nehmen und nie wieder loslassen, aber er wollte sich nicht verlieben. Krampfhaft versuchte Namenlos sich vom Blick des Prinzen wieder loszureißen, aber er schaffte es nicht.

Erst als sein Bruder ihn in die Seite stieß, kam der jüngste Prinz wieder zu sich. Erschrocken sah er sich in dem Zimmer um. Sein Bruder hatte in der Zwischenzeit alle Kerzen gelöscht und auch Sesaret hatte sich von dem Anblick der Prinzessin losgerissen. Alle Augen waren erwartungsvoll auf ihn gerichtet. Namenlos schaute zu der schlafenden Prinzessin, dann folgte sein Blick dem silbernen Schimmer in der Luft, der immer dünner wurde und am Ende des Zimmers nicht mehr als ein Faden war. Es muss ein Fluch sein, fuhr es ihm durch den Kopf. Sofort wusste er, was er zu tun hatte, damit das Mädchen aufwachen und ihr Bruder wieder lachen würde.

Er würde dem silbernen Faden folgen müssen und hoffen, dass es für das Mädchen noch nicht zu spät sein würde.
"Sie ist mit einem Fluch belegt. Erst wenn derjenige stirbt oder den Zauber bricht, den er auch angerichtet hat, dann wird sie wieder erwachen. Ich werde losziehen und ihn jagen", sagte Namenlos mit fester Stimme. Einen Moment lang war es still in dem Zimmer, dann stieß der Prinz plötzlich hervor: "Warum sollten wir dir glauben? Was ist, wenn du sie nur sehen wolltest und jetzt erkannt hast, dass du nichts für sie tun kannst? Jetzt willst du dich einfach aus dem Staub machen, aber hier gibt es keine Chance ohne Risiko. Du wirst hier bleiben, so wie die anderen, die behauptet haben, meine Schwester heilen zu können!", schrie der Prinz wütend.

Namenlos sank immer weiter in sich zusammen, er hatte so sehr auf das Vertrauen des Prinzen gehofft. Noch bevor er etwas antworten konnte, schrie auch schon Mirandas Schwester ihren Bruder an. "Wie kannst du es nur wagen, Serius? Sie kamen hierher und haben uns ihre Hilfe angeboten! Es sind gute Menschen und sie wollen Miranda nur helfen." Nun mischte sich auch Sesaret in den Streit mit ein. "Wie könnt ihr nur so etwas von meinem Bruder annehmen, Prinz? Er würde nie jemanden betrügen, erst recht euch nicht, wo er euch doch vom ersten Augenblick an…"

Schnell drehte Namenlos sich wieder um und stieß seinen Bruder so sehr an, dass dieser zurückstolperte. Er wusste, dass seine Brüder sofort gemerkt hatten, dass er dabei war, sich in den Prinzen zu verlieben, so wie er auch ihre Liebe zu den beiden Mädchen sofort gespürt hatte. Seine Augen glühten einen Moment lang vor Wut, doch genauso schnell wie sie gekommen war, verflog sie auch wieder. "Lass es Bruder, er hat wahrscheinlich allen Grund uns nicht zu trauen", zischte er. Nur seine Augen verrieten, wie tief ihn Serius Worte getroffen hatten. Sesaret schwieg, aber er funkelte den Prinzen weiterhin wütend an.

Namenlos seufzte, dann wandte er sich an die Prinzessin: "Nur ich werde gehen. Meine beiden Brüder werden hier bleiben, als Versicherung, dass ich wieder zurückkehren werde. Ich bitte euch, behandelt sie gut und sperrt sie nicht ein."

Ohne auf die Widerrede seiner Brüder zu achten, die beide einstimmig der Meinung waren, dass es fiel zu gefährlich für Namenlos alleine war, wandte sich der jüngste Prinz Serius zu. "Ist das genehm, werter Prinz?", fragte er, ohne ihn anzuschauen. Er sah nicht, wie sich die Augen des Prinzen wieder vor Trauer verdunkelten, wie seine Miene plötzlich tiefe Schuld und grenzenloses Vertrauen zeigte, beide Gefühle aber schnell wieder in sich verschloss.

"Fünf Tage, ab Morgen, die gleiche Zeit wie alle anderen bekommen haben, dann werden sie mit den Kerkern Bekanntschaft schließen, wie alle anderen", waren seine harten Worte.
Namenlos biss sich auf die Lippen, als er die kalte Stimme des Prinzen hörte, die ihm direkt ins Herz schnitt. Er verbeugt sich ein weiteres Mal. Kurz umarmte der jüngste Prinz noch die älteren Zwillinge und versuchte ihre Sorgen zu beruhigen, dann drehte er sich schnell um und verschwand aus dem Zimmer und bald auch aus dem Palast.

"Wir müssen schneller sein, schneller als der Wind, schneller als der Morgen, mein namenloser Liebling", flüsterte Namenlos seinem Pferd ins Ohr, kaum dass sie die Stadtgrenze erreicht hatten und er den silbernen Faden noch immer sehen konnte. Er wand sich über die Ebene in Richtung der Berge, immer weiter nach Osten, dorthin wo bald die ersten Sonnenstrahlen fallen würden. Das namenlose Ross lief so schnell los, dass nur noch ein grauer Schatten in der Luft zu sehen war. Namenloses weißgraue Haare wehten im Wind, wie ein Umhang bauschten sie sich hinter ihm auf. Seine hellgrünen Augen verließen nie den silbernen Faden, der sich über ihm hinwegschlängelte, und nie warf er einen Blick zurück.

Die ganze Nacht hindurch ritt er so schnell, wie es ihm möglich war, dann begann der Faden in den Strahlen der Morgensonne langsam zu verblassen, bis Namenlos ihn gar nicht mehr sehen konnte. Wütend hielt er sein Pferd an, es war von Schweiß bedeckt und brauchte dringend Ruhe, die ihm Namenlos auch, gezwungner Weise, gab. Den ganzen Tag ruhten sie. Das Pferd stand im Schatten und rupfte Gras, sein Herr versuchte einige Stunden zu schlafen. Mit offenen Augen lag Namenlos da und dachte an den Prinzen Serius, und an die Worte seiner Mutter. Sie hatte ihm nicht gesagt, was geschehen würde, wenn die Person, die der Geist liebte, ihn nicht liebte und er wollte es auch gar nicht herausfinden.

Als die Sonne endlich soweit untergegangen war, dass er den Faden wieder erkennen konnte, sprang Namenlos auf sein Pferd und ritt in gleicher Eile weiter, immer weiter auf die Berge zu.
Drei Nächte lang folgte Namenlos dem Faden in einer Geschwindigkeit, die sonst kein Reiter durchgehalten hätte. In den drei Tagen dazwischen hatte er kaum geschlafen, sondern nur gegrübelt und an den Prinzen gedacht.

Endlich in der Nacht des vierten Tages sah er, woher der Faden kam. Das silberne Band hatte seinen Ursprung in einer kleinen Hütte am Fuß der Berge. Die winzige Hütte war windschief, nicht ein einziger rechter Winkel schien darin zu sein, nicht eine gerade Wand. Das Dach bestand mehr aus Löchern als Ziegeln und die Fenster waren mit Brettern vernagelt um den Wind draußen zu halten. Verwundert zügelte Namenlos sein Pferd, er konnte sich nicht vorstellen, dass in dieser Hütte jemand wohnen könnte, der die Macht besaß einen solchen Spruch über die Prinzessin zu legen. Aber von dort kam der silberne Faden, mit dem der Spruch verbunden war.

Vorsichtig stieg der Prinz von seinem Pferd und näherte sich der Hütte. Ohne zu zögern klopfte er an die altersschwache Türe. Es dauerte eine Zeit lang, bevor sie geöffnet wurde. Verwundert trat Namenlos einen halben Schritt zurück und verbeugte sich ehrerbietig. Vor ihm stand eine Frau, die einmal so schön wie der Morgen gewesen sein musste, doch jetzt hatte sich ihr Gesicht vor Hass und Trauer verzerrt. Aber noch immer sah Namenlos, dass sie eine Geistfrau war. Jemand seiner Verwandtschaft, der hier in dieser erbärmlichen Hütte wohnte. Auch die Geisterfrau erkannte sofort, dass sie keinen gewöhnlichen Menschen vor sich hatte.

"Gnädige Frau, dürfte ich wohl um eure Gastfreundschaft bitten? Es ist spät und mein Weg war weit", fragte Namenlos vorsichtig. Nichts an seinen Worten war gelogen, auch wenn sie nicht ganz der Wahrheit entsprachen. Doch wenn sie wirklich eine Frau aus dem Volk der Geister sein sollte, würde sie sofort merken, wenn er sie anlügen würde und das wollte er nicht riskieren.

Schweigend trat die Frau einen Schritt zur Seite und ließ den Prinzen ein. Das Innere der Hütte hielt, was ihr Äußeres versprach. Nichts weiter als ein schmales Bett und eine kalte Feuerstelle, einen Tisch und einen Stuhl beinhaltete sie. Am Ende des Bettes stand noch eine mit Schnitzereien verzierte Truhe, aber das waren auch schon die einzigen Möbelstücke in dem kleinen Zimmer. Namenlos erkannte sofort den silbernen Faden wieder, der aus der Truhe in Richtung Westen hinauslief. Er wollte schon auf die Truhe zugehen, als das Geräusch der zufallenden Türe hinter ihm ihn zur Besinnung brachte. Egal wie harmlos und schwach die Frau hinter ihm aussah, sie war eine aus dem Volk der Geister, es war besser ihr nie den Rücken zu zudrehen. Blitzschnell wandte sich der Prinz wieder um und betrachtete die Frau genauer.

Die einzige Lichtquelle in dem Raum war der schimmernde Faden, dennoch konnte er das Gesicht der Fremden gut erkennen. Ihre Haut war beinahe so weiß wie Schnee und ihre Haare waren sogar länger als die seinen, sie schimmerten silbern und fielen glatt bis zum Boden. Ihr schmaler Mund war rot wie Rosenblätter, aber er war von Hass so verzerrt, wie es die ganze Hütte war. Sie war vor der Tür stehen geblieben, als wollte sie ihn davon abhalten zu fliehen. Aufmerksam schaute sie den jungen Prinzen an und als sich ihre Blicke trafen, presste sich die Geistfrau noch weiter an die Tür. Einen kurzen Moment glaubte Namenlos Angst in ihrem Gesicht zu erkennen, doch der Augenblick verflog so schnell, wie er gekommen war, und nur noch Hass, Wut und eine Spur von Trauer schauten ihn aus ihren grauen Augen an.

"Was willst du hier, Kind? Ein Quartier für die Nacht gibt es auch an schöneren Orten, vor allem da die Nacht schon so alt ist wie diese hier", flüsterte sie misstrauisch.
Namenlos biss sich auf die Lippen. Er wusste nicht, was er sagen sollte, also sagte er einfach die Wahrheit. "Ich habe zwei Fragen an dich und einen Auftrag. Wenn ich die Antworten habe und den Auftrag erfüllt habe, dann erst werde ich wieder gehen." Seine Stimme klang wesentlich sicherer, als er sich fühlte. Die Frau lachte und löste sich plötzlich von der Tür.

Mit müden Schritten ging sie zu dem einzigen Stuhl und setzte sich. "Es wird nicht mehr lange dauern, bevor ich dorthin zurückgehe, wo wir alle einmal waren und wo wir alle wieder hinkommen, deswegen stelle deine Fragen schnell, denn ich glaube, deinen Auftrag kenne ich bereits, aber beantworte mir vorher meine Fragen." Sie sprach mit leiser melodiöser Stimme, als würde sie ihrer eigenen Stimme nicht trauen lauter zu sprechen. Noch einmal verbeugte sich Namenlos leicht. Er hatte verstanden, was sie meinte und wollte die sterbende Frau nicht weiter quälen. "Stellt mir eure Fragen", willigte er in ihre Bedingungen ein.

Die Frau lächelte, sie hatte nun ihren Kopf auf ihre Arme abgestützt. Trotz ihres jungen Aussehens benahm sie sich wie eine müde alte Frau, was sie wahrscheinlich auch war.
"Meine Fragen? Wir werden sehen, ob du sie beantworten kannst. Wie lautet der Namen deiner Eltern, mein Kind?" Namenlos runzelte über die ungewöhnliche Frage die Stirn, beantwortete sie aber wahrheitsgemäß.

"Mein Vater hieß Drosa, er war der König Kimanre und meine Mutter hieß Jicha, sie war eine Geistfrau, die seine Gemahlin wurde."
Die Frau schüttelte leicht den Kopf, als hätte er etwas Falsches gesagt, aber statt etwas dazu zu sagen stellte sie die nächste Frage.

"Wie lautet dein Name, Kind von Jicha?", stellte sie die Frage, die Namenlos immer am meisten in seinem Leben gehasst und gefürchtet hatte. Ohne Namen war er ein Nichts, hatte eigentlich nicht einmal das Recht zu existieren, denn er war ohne Seele, die ihm Kraft gab.
"Ich besitze keinen Namen. Niemand gab mir einen. Die meisten Leute nennen mich Namenlos."

Das ließ die Frau aufhorchen. Sie setzte sich kerzengerade hin und starrte den Jungen vor sich an. "Kein Name? Du besitzt keinen Namen??", fragte sie vollkommen geschockt. Namenlos schloss einen Moment lang die Augen und atmete tief durch, dann lächelte er nachsichtig. "Nein, ich besitze keinen Namen, denn mein Volk wollte mir keinen geben und nach dem Brauch unseres Landes kann nur das Volk kurz nach der Geburt den Prinzen oder Prinzessinnen ihre Namen geben."

Die Augen der Frau verengten sich vor Wut. "Wie können sie nur? Sie haben kein Recht dazu, einen unserer Rasse so etwas anzutun. Diese Menschen gehören vernichtet." Plötzlich war ihre Stimme so voller Kraft, Hass und Wut, dass Namenlos erschrocken einen Schritt zurücktrat und sein Schwert ein Stück aus der Scheide zog. Das Alter und die Schwäche schienen von der Frau vor ihm abgefallen zu sein.

"Sie hatten jedes Recht dazu! Es ist ihr Brauch und sie haben mir eben nicht genug vertraut, um mir einen Namen zu geben!", sagte er ruhig, aber mit sehr viel Überzeugungskraft hinter seinen Worten. Die Frau starrte ihn an, als hätte sich Namenlos plötzlich in ein Monster verwandelt. "Warum hältst du zu ihnen? Es sind doch nur Menschen. Menschen, die unserem Volk soviel Leid bringen", fragte sie leise und voller Unglauben.

Namenlos schob sein Schwert wieder in die Scheide zurück, schaute die Frau aber weiterhin misstrauisch an. "Ich habe keinen Grund sie zu hassen, nur weil ein paar von ihnen mir nicht vertraut haben. Außerdem sagte mir jemand, dass ich noch Hoffnung auf einen Namen und damit eine Seele habe, dass ich aber beides mir selbst verdienen werde müsse." Plötzlich lachte die Frau auf. "Ja, du hast noch Hoffnung, das ist es! Wenn deine Hoffnung erstmal stirbt, wird auch bei dir der Hass zu leben beginnen. Nun stelle deine Fragen, ob du deine Aufgabe erfüllen wirst können, das werden wir sehen", sagte sie resigniert und sackte wieder auf dem Stuhl zusammen.

"Warum habt ihr die Prinzessin mit dem Spruch des ewigen Schlafes belegt?", fragte Namenlos rundheraus. Er hatte das Gefühl, dass die Zeit knapp werden wurde und er sich besser beieilen sollte.

Wieder fuhr die Frau auf, doch dieses Mal war außer dem Hass auch noch Belustigung und Verwunderung in ihren Augen zu sehen. "Also bist du wirklich deswegen hierher gekommen. Warum fragst du mich erst, nach dem warum anstatt mich sofort zu töten? Was ist, wenn ich es nur aus Spaß getan hätte? Was für einen Sinn hätte deine Frage dann noch? Aber du hast deine Frage gewählt und du wirst auch eine Antwort bekommen. Du weißt, wie es Geistern mit der Liebe geht? Natürlich weißt du es, du bist selbst einer. Es ist eine ganze Weile her, jedenfalls für Menschen, für einen Geist ist es kaum mehr als wenige Tage, da habe ich die Geistfrau gefunden, ohne die mein Leben wertlos wäre.

Schau nicht so verwundert! Hat man dir denn gar nichts erklärt? Bei uns Geistwesen zählt nur die Seele, es ist vollkommen egal, welche Hülle diese Seele hat. Oder warum glaubst du, dass es nur so wenige von uns gibt. Nur aus jeder dritten Liebe entstehen auch neue Wesen. Aber das ist nicht wichtig. Sie war schöner als jeder Stern am Himmel und ihre Seele strahlte heller als die Sonne selbst. Jurasa war einfach die Schönste in beiden Welten.

Sie liebte das Abenteuer, genau wie ich. Deswegen streiften wir auch lange Zeit gemeinsam über die Erde. Sie in der Gestalt einer Fähe und ich in Gestalt einer Raubkatze. Selbst als Fähe war sie einfach wunderschön. Ihr Fell war so weiß wie reines Mondlicht und nie hätte sie einem lebenden Wesen etwas zuleide getan. Doch die Menschen glaubten es nicht. Sie hatten Angst vor ihr. Weil sie größer war als jeder andere Wolf, den sie bisher gesehen hatte, hielten sie sie auch für gefährlicher als jeden anderen. Sie jagten sie und über kurz oder lang schossen sie sie auch. Der König selbst, der damals noch ein junger Prinz war, schoss sie. Jetzt kennst du den Grund. Er soll genauso leiden, wie ich leide."

Ihre Stimme war immer leiser, immer verbitterter geworden, bis am Ende ihrer Geschichte Namenlos Schwierigkeiten hatte sie zu verstehen. Trotz seinem Mitgefühl wurde er wütend. "Vielleicht hat der König eure Liebste getötet, aber er tat es ohne Wissen. Und was tut ihr?! Ihr nehmt ihm sein Liebstes im vollen Bewusstsein. Schlimmer noch! Ihr lasst die arme Prinzessin langsam vor sich hinsiechen, im vollen Wissen, was ihr tut."

Er wollte die Frau vor sich anschreien, aber er konnte es nicht. Er konnte sie trotz allem verstehen, ihre Hass und ihre Trauer verstehen, auch wenn er ihre Handlungsweise nicht unterstützen würde, schon allein wegen Serius nicht. "Ihr zerstört damit nicht nur einen Menschen, sondern das ganze Land, das krank vor Trauer ist", fuhr er leise fort.

Die Frau starrte ihn an. "Du verstehst nicht", flüsterte sie kaum hörbar. "Sie ist nicht tot. Dann würde sie wenigstens wiedergeboren werden. Oh nein, dieser verdammte König hat sie nicht getötet. Er hat Jurasa vergiftet. Seit diesem Tag liegt sie einfach als Fähe da und wartet auf den Tod, oder das Leben, doch beides will nicht zu ihr kommen. Würde sie sterben, würde ich auch sterben und alles wäre vorbei. Doch sie kann nicht sterben und sie kann nicht leben. Deswegen soll dieser Mensch nun genauso leiden. Es hat lange gedauert, bis ich die richtige Beschwörung zusammen hatte und eigentlich war sie für seine Frau gedacht, doch diese ist gestorben, also blieb mir nur eines seiner Kinder." Ihr Gesicht war vollkommen ausdruckslos, nur ihre Augen verrieten noch den tiefen Schmerz, den ihre Seele barg.

Namenloses Gedanken drehten sich im Kreis. Er sah wieder den verletzten Hirsch vor sich und den Wolf, der nicht wusste, was er tun sollte, obwohl die Antwort so einfach war. Konnte es tatsächlich sein, dass Geistwesen so wenig von den irdischen Verletzungen verstanden? Konnte es sein, dass die Fähe, ihre Geliebte, noch lebte und zu retten war? Einen Versuch war es auf jeden Fall wert.

"Wo ist sie?" Die Geistfrau sah ihn verständnislos an. "Ihr werdet sie kaum in diesem kleinen Raum versteckt haben, also wo ist eure Geliebte?"
Die Frau runzelte die Stirn. "Was willst du von ihr? Machst du etwa mit den Menschen gemeinsame Sache?"

Namenlos verspürte plötzlich das Bedürfnis seinen Kopf gegen eine Wand zu schlagen. Wie kam es nur, dass in den letzten Tagen ihm immer diejenigen misstrauen, denen er helfen wollte? "Du kannst die Lüge genauso riechen wie ich, oder? Ich will ihr helfen, glaube mir."
Die Geistfrau sah ihn nachdenklich an, schließlich nickte sie langsam und stand auf.

Mit wenigen Schritten war sie bei dem Kamin und lehnte sich von der Seite dagegen. Erst jetzt erinnerte sich Namenlos daran, dass er keinen Schornstein außerhalb des Hauses gesehen hatte. Mit einem leicht schabenden Geräusch glitt der Kamin zur Seite und offenbarte einen großen von Kerzen erhellten Raum. Er erinnerte Namenlos an den Raum, indem im Schloss die Prinzessin lag, aber das erwähnte er lieber nicht.

Auf dem Bett lag eine Fähe mit weißem Fell. Ihre Augen waren geschlossen, aber ihre Fänge waren leicht geöffnet, als würde sie jeden Moment zuschnappen.
Namenlos erkannte sofort, warum das Tier wie tot dalag. In ihrer Seite steckte ein Pfeil. Noch immer lief Blut aus der Wunde, doch es war nur ein dünnes Rinnsal, und der größte Teil war um die Wunde herum verkrustet. Anscheinend hatte wirklich keiner der Geistwesen auch nur die geringste Ahnung, wie er eine Wunde versorgen konnte. Ein normales Tier wäre an dieser Wunde schon gestorben, mal ganz von der Zeit abgesehen, die seitdem vergangen sein musste. Aber das hier war kein normales Tier, sondern ein Geist. Der Pfeil musste sie vergiftet haben, einfach deswegen, weil er von Menschen stammte, mehr brauchte es nicht.

Namenlos drehte sich zu der Geistfrau um, die noch immer in der Tür stand und ihn anstarrte. "Warum hast du ihr nicht geholfen, verdammt? Ihr könnt doch nicht wirklich so dämlich sein!" Die Frau wich ein Stück zurück. "Aber ich habe es doch mit jeder Beschwörung versucht, die ich hinbekommen habe. Jede einzelne", stotterte sie. Namenlos seufzte resigniert. Ihm war klar, dass die Frau wahrscheinlich nicht einmal wüsste, was sie tun sollte, wenn er sie um heißes Wasser bat.

Jemand, der seit einer ganzen Weile in so einer Hütte lebte und noch nicht einmal einen Kamin hatte, würde wahrscheinlich nicht mal etwas zu Essen kennen. Vorsichtig nahm er das Lacken von der Fähe und begann es in Streifen zu reißen. Die Geistfrau war wieder näher gekommen. "Was tust du da?", fragte sie vorsichtig, nicht sicher, ob sie ihn stören durfte. Namenlos verzog das Gesicht, sah aber nicht von seinen Bemühungen auf. "Ich werde versuchen sie zu heilen. Etwas, was du schon vor Jahren hättest tun können", sagte er hart, voller Wut in seiner Stimme.

Dann konzentrierte er sich ganz auf die Wunde der Fähe. Sie rührte sich nicht, als er ihr mit kaltem Wasser aus seiner Feldflasche die Wunde reinigte, auch nicht als er sie auf die Seite drehte, um besser an die Wunde ranzukommen. Erst als er den Pfeil mit einem Ruck herausgerissen hatte und dabei war die Wunde zu verbinden, begannen ihre Augenlider zu flackern und ein Knurren entwich ihrer Kehle. Mit einem Ruck setzte sich die Fähe auf und starrte Namenlos an.

"Jurasa!", schrie eine freudige Stimme von der Tür und ein heller Schatten flog an Namenlos vorbei und umarmte die Fähe kurz darauf heftig. Wenn sie schon auf dieser Welt umher streifen, sollten sie ein wenig über sie wissen, dachte der Prinz und ging zurück in die kleine Hütte. Er fragte sich nicht, warum hinter der kleine Hütte ein so großer Raum passte. Es gab wichtigere Dinge über sein Volk, die er noch nicht wusste, als ihre Art den Raum zu verdrehen und nach ihren Wünschen zu gestalten. Im Moment gab es ohnehin wichtigere Dinge als alles andere.

Mit wenigen Schritten war er an der Truhe, aus der der silberne Faden kam und hatte sie mit Schwung geöffnet. Etwas darin fiel ihm sofort ins Auge. Es war eine kleine Figur der Prinzessin Miranda, die mit einem silbernen Faden umwickelt war. Der Faden ging von der Figur weg, begann etwa nach 5 Zentimetern zu schimmern und zu Licht zu werden. Namenlos runzelte die Stirn, er wusste nicht, wie er den Zauber brechen konnte, er würde die Geistfrau brauchen. Wütend richtete er sich auf und schaute in die jetzt silbernen Augen seiner ‚Gastgeberin'. Noch immer konnte er Trauer darin sehen, aber diese war nun von Freude überdeckt. "Es könnte sein, dass es zu spät ist", flüsterte sie leise.

Namenlos zog erschrocken die Luft ein. "Mach es rückgängig und zwar sofort!", knurrte er sie an. Die Geistfrau nickte und schob ihn von der Truhe fort. "Geh derweil zu Jurasa. Sie will mit dir sprechen", meinte sie leise. Namenlos nickte und ging wieder zu der Fähe, die noch immer auf dem Bett lag. Diesmal aber mit geöffneten Augen und einem wachen Blick.


"Du hast mich also gerettet. Ein Halbmensch ohne Namen macht gut, was ein Mensch, dessen Namen ich nicht kenne, angerichtet hat", sagte Jurasa ohne ihren Blick von ihm zu nehmen. Der Prinz wurde ganz unsicher unter dem Blick der Geistfrau. Er nickte vorsichtig. Plötzlich schaute die Fähe schuldbewusst drein. "Vergib meiner geliebten Hylia. Sie ist noch jung und war das erste Mal in dieser Welt. Sie wusste nicht, was sie tun sollte, also hat sie Rache genommen für etwas, was nicht mal ein wirkliches Verbrechen war."

Namenlos nickte, er würde ihr verzeihen, wenn Miranda wieder aufwachen und Serius wieder lachen würde. "Ich stehe tief in deiner Schuld, Halbmensch ohne Namen. Sag mir, welchen Wunsch ich dir erfüllen soll und ich werde es tun." Sie lächelte traurig. "Leider wird es nur ein Wunsch sein, denn mehr steht nicht in meiner Macht. Also, was ist, wie wäre es mit einem Namen? Den hättest du dir wirklich verdient."

Namenlos erstarrte, sein Atem setzte für einen Moment aus und er wusste nicht, was er sagen sollte. Seit er verstanden hatte, was es bedeutete keinen eigenen Namen zu besitzen, hatte er sich gewünscht einen zu bekommen. Einen Namen, der ihm eine vollständige Seele geben würde. Einen Namen, der ihn stärker machen würde, als er jetzt war. Einen Namen, mit dem ihn die Leute rufen würden können. Was ihm nie wieder jemand nehmen würde können. Das Gefühl endlich ganz zu sein. Endlich die Kraft zu haben, nicht nur zu erahnen, was die Tiere um ihn herum sagten, sondern es wirklich zu hören. Aber trotz allem hielt ihn etwas davon ab sofort ja zu sagen. Es war das Bild von Serius, wie er trauernd am Bett seiner Schwester saß.
Namenlos schluckte einmal heftig. Manchmal muss man Prioritäten setzen, schoss es ihm durch den Kopf und seine Prioritäten waren klar verteilt.

"Nichts habe ich mir in meinem Leben mehr gewünscht als einen Namen, aber ich will etwas anderes. Wenn es geht, dann gebt mir eine Medizin, die sicher macht, dass Miranda wieder aufwacht. Mehr will ich nicht." Die Worte fielen ihm unglaublich schwer, und obwohl er sie fest und ohne Zweifel hatte sagen wollen, klang seine Stimme in seinen eigenen Ohren nur hohl.

Die Fähe aber lächelte ihn freundlich an. "Hylia, du hast seinen Wunsch gehört, ich bitte dich, erfülle ihn", flüsterte sie leise. Ihre Stimme war schon wieder schwach von der Anstrengung. Vorsichtig legte sie sich hin und Namenlos sah, wie sie in Schlaf fiel. Diesmal nicht den halbtoten Zustand wie zuvor, sondern einen Erholungsschlaf, den sie dringend nötig hatte.
Namenlos drehte sich zu Hylia um, die am Türrahmen gelehnt stand und ihn auf eine seltsame Weise musterte.

"Du bist eines der ungewöhnlichsten Wesen, das mir je untergekommen ist, Karmes", sagte sie ruhig. Namenlos runzelte die Stirn. "Wie hast du mich genannt? Ich wollte doch gar keinen Namen, sondern die Medizin haben."

Die Geistfrau lächelte, winkte ihm kurz, dass er ihr folgen sollte, dann drehte sie sich um und ging schweigend in den anderen Raum zurück. Dort hielt sie ihm ein kleines Fläschchen mit hellblauer Flüssigkeit hin.

"Es ist die Medizin für Miranda, Karmes. Bevor du nochmals fragst. Karmes ist dein Name. Ein Name ist etwas sehr wichtiges. Erst wenn vollkommen klar ist, welches Wesen du wirklich bist, kannst du auch deinen Namen erhalten. Als Neugeborenes strahlt dein Wesen aus dir heraus, deswegen ist es dann auch leicht den richtigen Namen zu finden, jeder kann das. Aber wenn du älter wirst, verändert sich dein Wesen, deswegen wollte Jurasa dich erst testen, bevor sie dir diesen Namen verlieh. Karmes, du hättest das wichtigste in deinem Leben für eine andere Person aufgegeben, deswegen hast du dir diesen Namen wirklich verdient." Sie lächelte und umarmte den geschockten Prinzen kurz. Dann schob sie ihn dem Ausgang entgegen.

"Und jetzt reite zu. Denn obwohl dein Pferd nun den Namen Licha besitzt und dadurch schneller ist, wirst du auch mit dem schnellsten Pferd der Welt nicht ankommen, wenn du nicht losreitest." Ohne auf eine Antwort zu warten schob Hylia den noch immer verwirrten Prinzen nach draußen. "Danke", flüsterte sie noch leise, bevor sie die Tür schloss.

Die Sonne ging gerade auf und die Vögel begannen in den umliegenden Bäumen ihr Morgenkonzert, als Karmes die kleine Hütte mehr oder weniger freiwillig verließ. Erschrocken blieb er stehen. Zum ersten Mal in seinem Leben konnte er verstehen, was die Vögel sangen. Er hörte ihre Dankbarkeit dafür, dass die Sonne wieder aufgegangen war in Worte gekleidet und nicht nur das, er konnte sie am ganzen Körper spüren, als wäre er selbst Teil des Ganzen. Licha trabte auf ihn zu und frage, wo er so lange gesteckt hätte. Sie war schrecklich froh ihn wieder zu sehen und vergrub ihre Schnauze in seinem Haar.

Da schreckte Karmes hoch. Die ganzen Eindrücke, die auf ihn eingeprasselt waren, rückten auf einmal in den Hintergrund und sein Verstand setzte wieder ein. "Wir müssen uns beeilen, Licha. Du musst schneller laufen als der Wind, schneller als die Sonnenstrahlen. Sonst werden Sesaret und Terases im Kerker landen und wir werden sie nie wieder sehen. Komm, lass uns laufen ohne zu rasten." Es war der Sonnenaufgang des vierten Tages, seit er das Schloss verlassen hatte und er wollte nicht, dass seine Brüder auch nur eine Nacht im Kerker verbringen würden müssen.

Licha lief schneller als der Wind über die Ebene hinweg. Schneller als auf dem Herweg, schneller als sie jemals gelaufen war. Karmes trieb sie mit lieben Worten immer weiter an, bis die Sonne unterging. Dann hatten sie die Hälfte der Strecke geschafft, doch Licha konnte nicht mehr weiter. Sie stolperte über jeden Stein, der am Boden lag und jede Wurzel brachte sie beinahe zu Fall. Schnell stieg Karmes ab. Er streichelte ihr noch einmal über die Mähne. "Ruhe dich aus, ich werde alleine weiter rennen. Komm nach, wenn du ausgeruht bist."
Das Pferd stimmte ihm nur zögernd zu, doch es sah ein, dass es nicht mehr weiter konnte und Karmes aufzuhalten war ihm ohnehin unmöglich.

Der Prinz rannte durch die nächtliche Landschaft. Er lief so schnell, wie er konnte. Nicht ein einziges Mal kam ihm in den Sinn anzuhalten und sich auszuruhen. Er hätte es auch gar nicht gekonnt, dafür war seine Sehnsucht zu stark. Immer hatte er Serius Bild vor den Augen, wie er am Bett seiner Schwester saß, stark und dennoch voller Trauer.

Als der Morgen graute, war Karmes so erschöpft, dass er mitten auf dem Weg zusammenbrach. Er wollte weiter, wenigstens kriechend, aber er konnte nicht mal mehr das.
Plötzlich berührte ihn etwas an der Schulter. "Du bist verrückt, mein kleiner Neffe", hörte er eine bekannte Stimme sagen. Unter der größten Anstrengung hob Karmes den Kopf und sah in die ruhigen Bernsteinaugen des Wolfes. "Ich muss weiter", brachte er gerade noch hervor. Der Wolf seufzte und drehte sich zu seinem Begleiter, dem Hirsch, um. Der zuckte nur mit den Schultern. "Ist schon gut, Garest. Ich werde dem Sohn deiner Schwester helfen", sagte er lächelnd. Sie wussten beide von dem Gefühl, von der Person getrennt zu sein, an die sie mit ihrem Leben gebunden waren.

Vorsichtig nahm der Hirsch den erschöpften Prinzen auf seine Schaufeln und ließ ihn auf seinen Rücken gleiten. "Ruh dich ein wenig aus, Karmes. Timra wird dich wohlbehalten bis zur Grenze der Siedlungen tragen, dann sollte uns Licha auch wieder eingeholte haben", sagte der Wolf zu dem schon schlafenden Prinzen. Er lächelte seinen Gefährten noch kurz an, dann setzten sie sich in Bewegung.

Der Hirsch lief ohne den Prinzen von seinem Rücken fallen zu lassen mehrere Stunden lang. Erst als die Sonne schon den Zenit überschritten hatte, hielt die kleine Truppe an. Die ersten Häuser waren in Sicht gekommen und es war zu unsicher für die beiden Geister weiter zu laufen. Vorsichtig ließ das große Tier den Prinzen von seinem Rücken gleiten. Karmes blieb auf dem Rücken liegen. Seine Augen waren geschlossen und sein Atem ging flach.

"Kleiner Neffe, wie lange hast du nicht mehr geschlafen? Seit wann hast du nicht mehr gegessen? Du bist auch ein halber Mensch, du brauchst Dinge, die Menschen brauchen, egal ob mit oder ohne Namen", flüsterte der Wolf. Aber er wusste genau, Karmes war auch ein Geist und er brauchte etwas, ohne dass er genauso sterben würde, wie ohne Nahrung. Er brauchte die Seele, die er liebte in der Nähe.

Vorsichtig stupste Timra den Prinzen mit der Schnauze an, sein Gefährte leckte ihm über das Gesicht. "Jetzt ist noch nicht die Zeit um zu ruhen. Du musst weiter, Karmes", flüsterte er. "Bis die Sonne untergeht, musst du im Schloss sein. Sonst ist es zu spät."
Da regte sich der junge Prinz wieder, langsam schlug er die Augen auf.
"Sesaret und Terases", flüsterte er leise und stöhnte auf. Schon allein zu sprechen war anstrengend. "Ja, mein kleiner Neffe, aber nicht nur sie. Serius. Du musst ihn wieder sehen, sonst wird es nicht mehr lange dauern, bis ein Teil von dir stirbt. Schon jetzt wirst du schwächer."

Karmes versuchte sich aufzurappeln. Seine Glieder schmerzten und sein Herz tat weh. Es zog ihn nach Westen zurück zu dem Menschen, der ihm jetzt die Kraft zum Leben gab. "Warum hilft mein Name nicht? Er sollte mich doch stärker machen", brachte er mühsam hervor. In der Ferne war Hufgetrappel zu hören.

"Licha kommt", sagte Timra ruhig, nahm aber nicht den Blick von dem Neffen seines Geliebten. Garest fuhr Karmes noch mal mit der Zunge über sein Gesicht. "Dein Name macht dich stärker. Aber er gibt dir auch die restliche Kraft unseres Volkes, denn du hast ihn von einem unseres Volkes bekommen. Deine Brüder bekamen ihre Namen von dem Volk der Menschen, du nicht, du bist uns näher als sie. Deswegen hast du nicht nur unsere Stärken, sondern auch unsere Schwächen bekommen. Wenn du wieder bei Serius bist, wirst du stärker sein als je zuvor", versicherte er Karmes. Dieser rappelte sich langsam auf. Seine Augen suchten den Waldrand ab, an dem er lag. Er hörte sein Pferd, aber noch konnte er es nicht sehen, und noch waren seine Fragen nicht beantwortet.

"Was mache ich, wenn Serius mich hasst?", fragte er leise die Frage, die am schwersten auf seinem Gemüt lastete. Ein letztes Mal stupste sein Onkel ihn an. "Denk nicht darüber nach, dein Herz hat gewählt, seine Wahl kann nicht falsch sein", versicherte er dem verstörten Jungen. Ein Geräusch erklang am Waldrand. Überrascht blickte der Prinz auf. Licha stand dort. Ihr graues Fell glänzte im Sonnenlicht, sie trabte auf ihn zu und Karmes konnte erkennen, dass sie wieder genügend Kraft geschöpft hatte, um ihn schnell und sicher zu tragen. So schnell, wie es ihm möglich war, saß der Prinz auf. Er wollte noch einen letzten Blick auf seinen Onkel werfen, doch er sah nur noch die Schwanzspitze des Wolfes im Unterholz verschwinden.

"Danke."

Wieder trug ihn Licha schnell wie der Wind der Stadt entgegen. Timra hatte ihn schon so nahe wie möglich getragen, aber noch immer waren sie beinahe einen Tagesritt von der Hauptstadt und damit dem Palast entfernt. Doch lief sie so schnell, wie sie konnte. Ihre Beine berührten den Boden kaum, sie umging kleinere Städte und Dörfer einfach, so dass sie nicht langsamer werden mussten. Umso näher sie dem Palast kamen, desto besser ging es auch Karmes. Er wurde langsam wacher und seine Kraft schien zurückzukehren. Stattdessen wurde er jetzt unruhig. Er trieb Licha immer mehr zur Eile, bis sie ihn wütend anschrie und sich weigerte weiter zu laufen, bis er sich entschuldigt hatte. Was Karmes so schnell wie möglich auch tat. Trotz solcher Schwierigkeiten erreichten die beiden den Palast gerade, als die Sonne daran war unterzugehen und die Tore geschlossen werden sollten.

Karmes ritt im vollen Galopp in den Hof und sprang erst dort vom Pferd. Er gab Lichas Zügel einem Knecht, der sich um sie kümmern würde, dann stürmte er weiter.
Der Haushofmeister kam ihm schon an der Tür entgegen. Er starrte voller Verwunderung auf die dreckige, abgemagerte Gestalt vor ihm, die nur noch schwer als der Prinz von vor fünf Tagen zu erkennen war. Einzig die langen, weißgrauen Haare gaben einen sehr guten Hinweis, sie waren nicht gerade weit verbreitet unter der jüngeren Bevölkerung. "Ihr seid zurückgekehrt?", fragte der Diener verwundert. Karmes nickte nur kurz, er wollte so schnell wie möglich zu dem Prinzen.

"Aber der Prinzessin geht es noch nicht besser und eure Brüder, sie werden gerade in die Kerker gebracht", informierte ihn der Hofmeister ganz aufgeregt. Karmes blieb stehen, als hätte ihn ein Schlag in die Magengrube getroffen. Er hatte absolut nicht mehr an die Situation gedacht, weder an die Prinzessin Miranda, noch seine Brüder. Nur Serius war in seinen Gedanken zugegen gewesen, sonst hatte nichts darin Platz gehabt. Innerlich fluchend drehte er sich zu dem Haushofmeister um. "Lasst meine Brüder wieder frei und bringt mich zu der Prinzessin Miranda. Ich habe etwas, was sie retten wird." Der Haushofmeister sah den jungen Prinzen skeptisch an, doch er tat, wie er ihm befohlen hatte.

Die Prinzessin lag noch immer in dem gleichen Zimmer, indem sie Karmes schon das erste Mal gesehen hatte. Doch dieses Mal waren nicht nur ihre Geschwister, sondern auch ihr Vater bei ihr.

Er musterte den Prinzen von oben bis unten und sein Blick zeigte deutlich die Ablehnung, die er für den körperlichen Zustand empfand, in dem sich Karmes befand. Dieser hingegen versuchte krampfhaft nicht zu dem Prinzen oder auch nur ungefähr in dessen Richtung zu schauen, auch wenn sein Herz seine Schläge verdoppelt hatte, sobald er das Zimmer betreten hatte.

"Ihr seid also zurück. Ihr kommt spät, aber ihr kommt. Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass es jemanden gibt, der freiwillig in den Kerker geht, nur um seinen Brüdern Gesellschaft zu leisten. Aber wie es scheint gibt es jemanden, Prinz ohne Namen", sagte der König mit schneidender Stimme, die voller Misstrauen steckte. Karmes jedoch sah ihn offen an. "Ich habe versprochen zurückzukommen und ich bin wieder hier. Spät, ich weiß, aber dafür mit einem Heilmittel für die Prinzessin. Außerdem habe ich nun einen Namen, aber davon später. Erst will ich wissen, ob ihr euer Versprechen haltet. Die Hand eines eurer Kinder für den Retter von eurer Tochter Miranda und dazu das halbe Königreich?"

Der König verzog das Gesicht, doch dann nickte er. "So habe ich es gesagt und so werde ich es auch halten. Die Hand eines meiner Kinder und das halbe Königreich."
Karmes nickte befriedigt. Er hatte nicht erwartet, dass der König ein Mann wäre, der sein Wort brechen würde. Die einzige Frage war noch, wie weit er es würde biegen können.
"Dann holt meine Brüder aus dem Kerker, denn ich werde sie brauchen und jemand muss mir sagen, ob mit Miranda am gestrigen Tage etwas Ungewöhnliches geschehen ist."

Der König verengte die Augen. Aber die anderen, die behauptet hatten, seine Tochter retten zu können, hatten schon ungewöhnlichere Aufträge gegeben und letztendlich waren sie alle im Kerker gelandet. Er nickte schweigend und gab seinem Sohn einen Wink.
Serius verließ den Raum, um die beiden Prinzen zu holen, aber nicht ohne sich nochmals nach Karmes umzuschauen.

"Gestern Nacht", begann die Prinzessin langsam und unsicher ob sie es überhaupt erzählen durfte, "es hat so ausgesehen, ob sie erwachen würde, aber dann ist sie doch wieder eingeschlafen. Vielleicht habe ich es mir nur eingebildet, es war schon beinahe wieder Morgen, da können einem die Augen einen Streich spielen. Vielleicht wissen deine Brüder etwas, sie saßen die ganze Zeit bei mir." Ein Lächeln erhellte ihr Gesicht wie ein Sonnenstrahl, der durch düstere Wolken bricht.

Karmes lächelte ihr zu und trat an das Bett der Schlafenden heran. Der silberne Faden war verschwunden, doch das Mädchen war noch immer von einem silbernen Licht erstrahlt, das Karmes jetzt noch deutlicher wahrnahm als zuvor. Er hoffte, dass dies von der Kraft seines Namens kam und nicht, weil der Spruch nun noch stärker geworden war.


"Löscht ein paar Lichter, der Raum muss dunkler sein, aber löscht nicht alle. Nur wenige Leute können gut im Dunkeln sehen", befahl Karmes leise. Er konnte hören, wie der König scharf einatmete, aber Karmes hatte nicht vor einen unterwürfigen Ton anzunehmen. Er würde später jedes Bisschen Autorität brauchen, das er bekommen konnte.

Die Prinzessin machte sich daran einen Teil der Kerzen zu löschen und noch bevor sie ganz fertig war, ging auch schon die Türe auf und die drei vollkommen ungleichen Prinzen traten ein. Noch bevor Karmes die Zeit hatte sich richtig umzudrehen, fühlte er sich auch schon in eine feste Umarmung gerissen. Die Zwillinge hielten ihren kleinen Bruder fest, als wollten sie ihn gar nicht mehr loslassen. "Wir haben uns Sorgen gemacht, Kleiner", flüsterte Sesaret und Terases fügte hinzu: "Warum bist du zurückgekommen?"

Karmes lächelte und schloss seinerseits beide Arme um seine Brüder, die beide fast einen Kopf größer waren als er. Einen Moment lang wünschte er sich, Serius so umarmen zu können, aber er verdrängte den Gedanken ganz schnell wieder.

"Ihr müsst mir helfen", flüsterte Karmes so leise, dass nur seine Brüder ihn hören konnten, dabei presste er sie noch stärker an sich, damit sie ihn nicht losließen und seinen ganzen Plan verderben würden. "Wie?", flüsterten Sesaret und Terases gleichzeitig. "Ihr müsst mir helfen, damit wir alle bekommen, was wir wollen. Die Medizin für Miranda habe ich, aber wenn es nicht so aussieht, als ob ihr beide mir helfen würdet, dann wird mein Plan nicht funktionieren", flüsterte Karmes weiter.

"Was für ein Plan?", fragten die Zwillinge wieder gleichzeitig. Noch bevor der jüngste Bruder antworten konnte, fuhr auch schon die Stimme des Königs dazwischen. "Genug der Wiedersehensfreude, wenn ihr nicht bald fertig werdet, dann könnt ihr euch im Kerker alle drei ausgiebig begrüßen", sagte er schneidend kalt. Sofort ließen die drei Prinzen sich wieder los. Karmes traute es dem König durchaus zu, sie einfach so einzusperren, weil sie Zeit vertrödelt hatten.

Der jüngste Prinz nickte seinen Brüdern zu und schaute sie flehend an, dann deutete er auf das Bett. Die Zwillinge verstanden sofort und stellten sich jeder auf einer Seite des Bettes auf. Karmes stellte sich an den Kopf des Bettes und schaute auf die schlafende Miranda hinunter. "Erinnert ihr euch an den Hofzauberer? Versucht so etwas in der Art", meinte er so leise wie möglich zu den Zwillingen. Diese hatten ihren Bruder gehört und sahen sich einen Augenblick lang verwundert an, dann knieten sie sich gegenüber auf das Bett, neben Miranda, jeder auf einer Seite.

Karmes nickte aufmunternd und versuchte ein Grinsen zu unterdrücken. Seine Brüder sahen entweder sehr eindrucksvoll, oder aber sehr dämlich aus. Er hoffte inständig, dass sie bei dem König den ersten Eindruck hinterließen. Leise begannen die Zwillinge gleichzeitig irgendwelche seltsamen Worte zu intonieren, die Karmes noch nie gehört hatte und von denen er sich sicher war, dass sie sie selbst erfunden hatten. Er beneidete seine beiden Brüder manchmal darum, dass sie fast immer wussten, was der jeweils andere dachte. Nur sie konnten es schaffen, eine Sprache zu erfinden und sie im Augenblick ihres Entstehens auch noch gleichzeitig auszusprechen.

Jetzt sahen sie nicht mehr lächerlich aus, sondern nur noch eindrucksvoll. Der eine hell wie das Licht selbst, der andere dunkel wie alles fehlen von Licht, sahen sie aus, als würden sie eine alte Magie beschwören, die mächtiger war als alles andere.

Selbst Karmes musste sich von dem Bild losreißen, dass seine Brüder gaben. Vorsichtig holte er das kleine Fläschchen raus, das bis jetzt in der Tasche seines Wamses gesteckt hatte. Die blaue Flüssigkeit erstrahlte so hell, dass er einen Moment lang die Augen schließen musste. Den anderen in dem Raum schien es nicht so zu gehen, bis auf Serius sah ihn niemand an. Mit aller Kraft versuchte Karmes sich auf die Prinzessin zu konzentrieren und ihren Bruder zu ignorieren.

Schnell entfernte er den Korken der Flasche und gab den gesamten Inhalt der schlafenden Miranda zu trinken. Seine Brüder beobachteten ihn aus dem Augenwinkeln und als Karmes die Flasche wieder eingesteckt hatte, hörten sie mit ihrem Sprechgesang auf und standen wieder auf. Alle drei traten einen Schritt vom Bett zurück und Karmes betete, dass das Mittel, das Hylia ihm gegeben hatte, auch wirklich das Richtige war und dass er es nicht falsch verwendet hatte. Plötzlich begann die Prinzessin zu husten. Sie riss die Augen auf und wurde von einem Hustenkrampf geschüttelt, der stärker gar nicht hätte sein können. Mit einem Satz war Terases bei ihr, um sie zu stützen.

Karmes musste grinsen, damit hatte der König mit Sicherheit nicht gerechnet, dass zwischen seiner Tochter und einem ihrer Retter wirkliche Liebe entstehen könnte. Auch Mirandas Familie stürzte jetzt zu dem Bett, indem die Prinzessin lag.
Karmes war müde, er wollte die glückliche Familie nicht stören, aber er konnte nicht anders, die einzige Möglichkeit seinen Plan funktionieren zu lassen, war den König jetzt zu erwischen, wenn sein Herz noch vor Dankbarkeit überquoll.

"König? Eure Tochter ist wieder wach. Wir haben die Bedingungen erfüllt, nun haltet auch ihr euer Versprechen. Die Hand eines eurer Kinder und das halbe Königreich für den Retter eurer Tochter?"

Nur langsam löste sich der König von seiner Tochter und starrte den jungen Prinzen an. "Gut, ich werde mein Versprechen halten. Aber nur, wenn mein Kind auch einverstanden ist. Ich will nicht gegen den Willen meiner Kinder handeln." Karmes nickte, er wusste, dass dann auf jeden Fall seine Brüder bald ihre Liebsten im Arm halten würden, was aus ihm wurde, war nicht sicher.

"Gut, das wäre auch nach meinem Willen. Aber wir haben eure Tochter zu dritt gerettet. Wir verdienen alle drei den gleichen Lohn", sagte der junge Prinz mit schneidender Stimme. Der König erstarrte, auf einmal wurde es im Zimmer so still, wie in einem Grab. Selbst die beiden Zwillinge sahen ihren Bruder ungläubig an. Der König lachte plötzlich beinahe hysterisch auf. "Wie soll DAS denn gehen? Ich habe nur zwei Töchter und ein Königreich. Will einer von euch meinen Sohn ehelichen? Und wie wollt ihr aus dem einen Königreich drei Hälften bekommen. Ihr seid verrückt, Prinz!"

Karmes lächelte einen Moment nachdenklich, dann wandte er sich an Miranda und beachtete den König im Moment nicht weiter. "Ich hoffe, ihr hattet einen angenehmen Schlaf, Prinzessin. Es tut mir Leid euch schon so kurz nach dem Erwachen mit dieser Frage zu überfallen, aber würdet ihr meinen Bruder Terases, der euch immer noch in seinen Armen hält, heiraten? Ihr habt unser Gespräch gehört und müsstet wissen, was auf dem Spiel steht." Der Prinz sprach ruhig und freundlich und sah dabei unverwandt die Prinzessin an. Diese beachtete ihn nach den ersten Worten schon gar nicht mehr, sondern schaute nur noch seinen Bruder an, der sie sanft hielt.

"Du musst dich entscheiden, Miranda", flüsterte Terases sanft. Die Prinzessin schaute ihn eine ganze Weile nachdenklich an, bevor sie sich an Karmes wandte. "Ja, ich werde ihn heiraten, vollkommen freiwillig", sagte sie mit ruhiger Stimme. Der Halbmensch grinste seinen strahlenden Bruder an, dann wandte er sich zu der anderen Prinzessin, doch noch bevor er fragen konnte, fiel sie ihm schon ins Wort. "Ich werde Sesaret auch heiraten, und mit Sicherheit freiwillig." Sie stand auf und ging ohne zu Zögern zu dem hellen Prinzen.

"Vorausgesetzt er will mich haben." Sesaret lächelte nur und nahm seine Braut in die Arme.
Karmes schluckte schwer und wandte sich zu Serius um. Jetzt würde die schwierigste Frage für ihn überhaupt kommen. Zum ersten Mal, seit er wieder in dem Schloss war, wagte er es Serius offen anzusehen. Sofort versank Karmes wieder in den grünen Augen des Prinzen, die nun statt voll Trauer voller Freude waren. >Ich wollte nur, dass er aus vollem Herzen lacht und dass seine Augen wieder strahlen, aber jetzt will ich soviel mehr<, fuhr es Karmes durch den Kopf.

Sie starrten sich eine ganze Weile einfach nur an, bis der König die stillen Blicke unterbrach. "Und nun Prinz? Nur mein Sohn ist übrig geblieben. Wollt ihr etwa einen Mann zur Braut. Ich teile gern mein Königreich zwischen diesen neuen Paaren, aber was ist mit euch? Ihr werdet keinen Lohn erhalten."

Karmes lächelte traurig, doch er wandte seinen Blick nicht von Serius Gesicht. "Nein, hier in dieser Welt werde ich keinen Mann zur Braut nehmen. Aber ich möchte euch bitten Prinz, mich als Waffengefährten zu begleiten." Es hörte sich falsch an. Sogar in seinen eigenen Ohren hörte es sich falsch an, und er sah es in den grünen Augen seines Gegenübers, dass dies nicht die Worte waren, die er sich erhofft hatte und auch nicht die, die er beantworten wollte. Aber im Moment waren es die einzigen Worte, die er in Anwesenheit des Königs fragen durfte.

Serius Augen verdunkelten sich, er wandte den Blick ab und sah zu Boden. "Lass mich bis Morgen darüber nachdenken, ich bitte dich", flüsterte er leise. Karmes nickte langsam und auch der König schien mit dem Vorschlag zufrieden zu sein. "Ein Diener soll euch ins Bad und später in eure Gemächer geleite", meinte der König und wandte sich von Karmes ab. Dieser nickte und warf noch einen langen Blick auf Serius, bevor er sich abwandte und dem Diener folgte, der schon an der Türe wartete.

Nachdem Karmes gebadet und gespeist hatte, bat er den Diener, der ihn eigentlich in seine Gemächer führen wollte, ihn lieber zu den Räumen des Prinzen zu bringen. Es war spät, schon längst war über die Hälfte der Nacht verstrichen, aber er musste mit dem Prinzen reden, noch bevor dieser seine Entscheidung bekannt geben konnte, vielleicht noch bevor dieser sie überhaupt gefällt haben würde. Leise schickte er den Diener weg, der ihn mit einem seltsamen Blick bedachte. Fast unhörbar klopfte Karmes an die reich verzierte Tür vor sich. Dennoch wurde sie nur einen Moment später von Serius selbst geöffnet.

Schweigend standen sich die beiden Prinzen gegenüber. Endlich trat Serius einen Schritt zur Seite und ließ den Kleineren in sein Gemach eintreten.

"Ich hoffe, ich habe nicht eure Ruhe gestört", flüsterte Karmes, nervös strich er seine Haare zurück. Er hörte, wie Serius die Tür schloss, obwohl das Geräusch kaum wahrnehmbar war, kam es ihm wie ein Donnerschlag vor. Er wagte es nicht, sich zu dem Prinzen umzudrehen, aus Angst Ablehnung in seinem Gesicht zu sehen. Plötzlich spürte er einen warmen Körper dicht hinter sich. Karmes hatte nicht gehört, wie der Prinz näher gekommen war, aber ihn jetzt so dicht an sich zu spüren, ließ sein Herz höher schlagen. Er schluckte einige Male heftig.
"Nein, ihr habt mich nicht gestört. Ich habe selbst keine Ruhe gefunden, denn eine Frage ist mir nicht aus dem Kopf gegangen."

Karmes biss sich auf die Unterlippe. "Welche Frage? Vielleicht kann ich bei der Beantwortung helfen", flüstert er leise. Seine Stimme klang rau und er ärgerte sich über die Unsicherheit, die er selbst darin hören konnte. Der Prinz stand so dicht hinter ihm, dass er ihn fast berührte und dass erleichterte sein Denken nicht gerade. "Um ehrlich zu sein, seid ihr wohl der einzige, der mir diese Frage beantworten kann", flüsterte der Prinz genauso leise und senkte den Kopf um an Karmes Haaren zu riechen.

"Welche Frage?", stieß der Kleinere mühsam hervor. Wenn der Prinz so weitermachte, würde er ihn entweder küssen oder fliehen.

"Warum NUR als Waffengefährte? Warum haltet ihr das Versprechen nicht, das mir eure Augen gaben?", hörte er Serius an seinen Haaren wispern. Das war zu viel für Karmes.
Mit einem Ruck drehte er sich um und schlang beide Arme um den größeren Prinzen. Er presste sich so eng, wie es ihm möglich war, an die breite Brust des Menschen, atmete seinen Geruch ein und war für einen Moment von allen Gedanken befreit. Noch bevor Zweifel in ihm aufsteigen konnte, ob er das Richtige tat, spürte Karmes schon, wie sich starke Arme um seinen feinen Körper schlossen und der Prinz die Umarmung erwiderte.

Es dauerte lange, bis die beiden Prinzen sich wieder voneinander lösten. Die Sonne warf schon ihre ersten Strahlen in die Gemächer des Prinzen, als Karmes leise flüsterte: "Ich halte immer meine Versprechen", und seinem Gefährten einen langen Kuss gab.

Wenige Tage später wurde die Hochzeit der beiden Prinzen mit den beiden Prinzessinnen gefeiert. Das ganze Volk feiert sieben Tage und sieben Nächte so ausgiebig, dass die beiden Prinzen, die das Land verließen nicht weiter auffielen.
Nebeneinander regierten die beiden Paare ihre beiden Königreiche, als würden sie zu viert ein einziges regieren. Karmes und Serius allerdings wurden in der Welt der Menschen nur noch wenige Male gesehen. Vielleicht ziehen sie noch heute durch die Landen.