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Kinder des Himmels Teil 1 bis 2

Prolog

Mystra zitterte. Nicht vor Kälte, in den Gängen unter dem Haupthaus war es sogar sehr warm, er zitterte aus Angst, man könne ihn entdecken. Seine Neugier hatte ihn hier hinunter getrieben und er wusste nicht, was geschehen würde, wenn ein Erwachsener ihn entdecken würde. Dennoch hatte er wissen wollen, warum die Eingeweihten durch die verbotenen Türen des Haupthauses der Gemeinschaft gingen. Mystra wusste, dass ihn niemand vermissen würde, im Moment war Freistunde und alle Kinder seines Alters durften diese Zeit des Tages nutzen, wie sie wollten. Er liebte die Freistunde, nur dann konnte er den strengen Augen der Betreuer für eine Weile entkommen. Natürlich wusste er, dass er glücklich sein sollte, dass die Gemeinschaft auf ihre Kinder Acht gab, aber er konnte es beim besten Willen nicht.

Mystra war noch nie in diesem Teil des Gemeinschaftsanwesens gewesen. Der Gang war breit und dunkel. Weder Lampen noch elektrische Leitungen waren irgendwo zu sehen. Der Boden war mit Sand bedeckt und die Wände direkt aus dem Fels gehauen. Mystra hatte das Gefühl direkt ins Mittelalter zurückversetzt zu sein. Er versuchte seinen Atem ruhig zu halten und schlich dicht an die Wand gedrängt einige Schritte weiter nach vorne. Der Junge konnte kaum etwas erkennen und stieß sich einige Male seine Füße an der Mauer. Jedes Mal biss er sich in die Hand, um keinen Laut von sich zu geben. Von weiter vorne hörte er leise singende Stimmen. Die Sprache kannte er, alle Eingeweihten der Kinder des Himmels unterhielten sich in ihr, aber verstehen konnte er sie nicht. Mystra konnte erkennen, dass der Gang am Ende eine Biegung machte. Er beschleunigte seine Schritte, seine Neugier siegte wieder einmal über seine Angst.

Mystra lugte vorsichtig hinter der Gangbiegung hervor. Genau vor ihm war eine dunkle wellige Wand, aus der der Gesang zu kommen schien. Mystra runzelte die Stirn, er war zwar ein Kind, aber er wusste, dass aus Wänden kein Gesang kommen konnte. Langsam hob er seinen sonnengebräunten Arm und berührte behutsam die Wand. Zu seiner größten Überraschung gab sie leicht nach. Er verfluchte sich selbst, als er seinen Irrtum erkannte. Die Wand bestand aus dunklem, dicken Stoff, den er in der Dunkelheit für festes Gestein gehalten hatte. Lautlos ließ Mystra sich zu Boden gleiten. Er hob den Stoff an der unteren Kante nahe der Wand ein kleines Stück an und lugte hinein.

Hitze schlug ihm entgegen. Vor ihm erstreckte sich ein unterirdischer Raum. Das einzige Licht kam von offenen Feuern, die in einem Kreis angeordnet in großen Metallschalen brannten. An den von Ruß geschwärzten Wänden steckten außerdem noch Fackeln. An den Seiten des Raumes entlang standen Männer und Frauen in dunklen Kutten. Die Kapuzen ihrer Kutten fielen ihnen bis ins Gesicht, so dass sie ihn unmöglich sehen konnten. Alle hatten den Kopf gesenkt und bewegten die Münder. Mystra erkannte, dass sie diesen unheimlichen Gesang machten. Er kannte diese Menschen, es waren die Eingeweihten der Gemeinschaft. Soweit er wusste, gehörten jeweils 2 Leute zu einem, der im Rat der Acht saß.

Mystra konnte noch drei weitere Eingänge wie seinen erkennen. Sie waren jeweils auf einer Seite des runden Raumes. In der Mitte des Raumes stand eine Frau mit nacktem Oberkörper. Ihre langen nachtschwarzen Haare reichten ihr bis zur Hüfte und verdeckten auch ihre Brust. Sie trug einen dunkelblauen Rock mit goldenem Besatz. Er reichte bis zum Boden und verdeckte ihre Füße. Über ihre ganze Haut waren Zeichen gemalt, die sich an ihren Händen trafen. Zu ihren beiden Seiten standen noch weitere 5 Personen, die alle die gleiche Kleidung trugen.

Mystra schluckte trocken, als er sie erkannte. Es waren die Himmelsweisen, die Höchsten in ihrer Gemeinschaft. Früher waren noch andere bei ihnen gewesen. Der Rat der Acht war nur selten vollständig, im Moment bestand er nur aus: Venus, Mars, Jupiter, Uranus, Neptun und Pluto. Venus machte ihm am meisten Angst. Ihr Gesicht war wie immer kalt und abweisend.

Vor ihr stand ein kleines Kind. Er schätzte ihn auf etwa 4 oder 5 Jahre alt. Es war schwierig, das genau zu sagen, denn es hatte den Kopf rasiert bekommen. Seine Haut war pergamentweiß, deswegen glaubte Mystra nicht, dass es zur Gemeinschaft gehörte. Die Kinder der Gemeinschaft mussten, nachdem sie das erste Lebensjahr vollendet hatten, in Gruppen draußen spielen und lernen. Selbst der Unterricht für die älteren Kinder fand unter freiem Himmel statt.

Die Miene des Jungen verriet keine Angst, aber er erkannte selbst von seinem Versteck aus, dass seine hellblauen Augen glasig waren. Der Junge trug nichts außer kurzen, schwarzen Hosen. Ein kurzes Aufblitzen lenkte Mystras Aufmerksamkeit wieder auf Venus. Sie hielt einen schmalen Dolch in ihrer bemalten Hand. Seine gebogene Klinge schimmerte im Feuerschein. Unwillkürlich hielt der Junge den Atem an. Pluto und Mars erschienen plötzlich an ihrer Seite. Beide mit freiem Oberkörper und langen Haare, die zum Teil ihre Brust verdeckten. Auf der langsam schrumplig werdenden Haut von Pluto waren viele Narben zu sehen. Mars trug eine kleine Schale, da Mystras die Szene von der Seite beobachtete, konnte er nicht erkennen, was Pluto in den Händen hielt.

Venus legte dem kleinen Jungen vor ihr sanft beide Hände auf die Schultern. Das Messer in ihrer Hand hielt sie dabei so, dass es ihn nicht verletzte. Noch immer schaute der Junge nicht auf. Er wehrte sich auch nicht, als Venus ihn umdrehte, damit er mit dem Rücken zu ihr stand. Sanft aber bestimmt drückte die große Frau seinen Kopf nach vorne. Dann ließ sie ihn wieder los. Langsam hob sie das Messer, das im Schein der Feuer unheimlich blitzte. Die Geweihte hoben ihre Stimmen an und ihr Gesang wurde nachdrücklicher. Mystra hielt den Atem an. Er wollte aufspringen und Venus von dem abhalten, was auch immer sie vorhatte, aber er konnte sich nicht bewegen.

Ihre Stimme hallte laut durch die Kammer, sie übertönte sogar den Gesang. "Ich bitte um die Kraft der Sonnen im Universum, lasst uns zurückkehren." Plötzlich fuhr sie mit der Hand nach unten und traf den Jungen am Nacken. Mystra zuckte zusammen. Noch bevor er reagieren konnte, traf Venus das Kind noch einmal mit dem Messer zwischen den Schulterblättern. Schnell und gekonnt setzte sie verschiedene Schnitte an dem Rücken des Jungen. Das Kind stand immer noch vollkommen unbeweglich da. Es zuckte nicht zusammen und verzog keine Miene. Er erkannte, dass Venus den Jungen nicht töten wollte. Langsam ließ er die Luft wieder entweichen.

Plötzlich hörte die Frau auf, dem Jungen Schnitte zu verpassen. Sie ließ das Messer fallen und betrachtete den Kleinen. Mystra folgte ihrem Blick. Der Rücken des Jungen war bedeckt mit Blut, es lief zwischen den Schulterblättern nach unten. Mystra zog die Luft ein, das leise Geräusch wurde von den lauten Gesängen verdeckt. Er biss sich auf die Lippen, bis er Blut schmecken konnte. Venus nickte und wandte sich Pluto zu, den Mystra nicht richtig sehen konnte. Er gab ihr ein blaues Tuch. Die Frau wischte dem kleinen Jungen ungerührt über den Rücken. Als sie das Tuch wieder zurückgab, waren dunkle Flecken darauf.

Mit ungerührter Mine wandte Venus sich Mars zu. Mystra konnte nicht glauben, wie die Leiterin ihrer Gemeinschaft nicht einmal zögerte, ein kleines Kind zu verstümmeln. Die Frau nahm die Schale nicht, sondern griff hinein und holte eine Hand voll von dem Inhalt heraus. Sie hob die volle Hand wieder über ihren Kopf. Der Gesang wurde schneller und drängender. Dann rief Venus plötzlich laut: "Merkur bring uns nach Hause!"

Sie streute das schwarze Pulver, das sie aus der Schale genommen hatte, schnell auf den Rücken des kleinen Kindes. Dann rieb sie es tief in seine Wunden ein. Die beiden Himmelsdiener an ihrer Seite traten zurück. Der Gesang der Eingeweihten wurde immer leiser. Ein Mann in einer langen, dunkelblauen Robe trat aus dem Kreis der Eingeweihten. Venus trat einen Schritt zu Seite, damit er genau hinter dem Kind stehen konnte. Er schlug die Kapuze zurück. Mystra erkannte ihn, es war Neptun. Er war der einzige der acht, der meistens sein Gesicht bedeckt hielt.

Seine blauen Augen schauten traurig auf den rot-schwarzen Rücken des Jungen. Seine langen, weißen Haare fielen um sein Gesicht wie ein Heiligenschein. Er war etwa vierzig, aber die weißen Haare hatte er, seit Mystra denken konnte. Neptun legte beide Hände auf den Rücken des Jungen und fing an leise Worte zu murmeln. Ein blaues Leuchten erschien unter seinen Handflächen. Eine Spannung erfüllte den Raum, und Mystras Nase begann zu laufen. Das Murmeln von Neptun wurde lauter, bis er nur noch schrie. Dann brach er plötzlich ab. Er strich noch einmal über den Rücken des Jungen und trat dann zurück. Wieder traten Mars und Pluto an den Jungen heran.

Sie wuschen seinen Rücken mit sanften Bewegungen kurz ab. Als sie fertig waren, drehten sie den Jungen vorsichtig im Kreis. Seine Wunden hatten sich geschlossen. Frische Narben waren an ihre Stelle getreten, sie schimmerten blauschwarz und sahen beinahe wie gewöhnliche Tätowierungen aus. Als die Männer das Kind einmal im Kreis gedreht hatten, griffen sie nach seinen Schultern und führten ihn langsam auf der anderen Seite des Gewölbes hinaus. Noch während sie gingen, trat Venus in den Kreis.

Alle Augen waren auf sie gerichtet. Ihr Gesicht strahlte vor unterdrückter Freude. "Ein neuer Merkur wurde geboren. Wenn er in der Welt seine Prüfungen bestanden hat, wird er zu uns zurückkehren und uns den Weg zu den Sternen zeigen.", sagte sie mit fester Stimme. Die Versammelten atmeten auf. Die Spannung wich aus dem Raum. Mystra hatte das Gefühl, dass diese Versammlung sich bald auflösen würde. Er wollte schnell weg, bevor sie ihn entdecken würden. Außerdem wollte er seinen Freunden so schnell wie möglich von dem gesehenen berichten.

Langsam zog er seinen Kopf unter dem Vorhang wieder hervor und richtete sich auf der anderen Seite wieder auf. Nach dem hellen Licht, in das er die ganze Zeit gesehen hatte, war der Gang beinahe nachtschwarz. Gerade als er sich umdrehen wollte, hörte er die laute Stimme von Venus. "Dort draußen steht ein Junge, der uns beobachtet hat. Ich kann ihn spüren." Mystras Herz setzte einen Schlag lang aus. Noch bevor er die Schritte der Geweihten hören konnte, rannte er los. Seine Augen hatten sich an die Helligkeit des von Feuern beleuchteten Raumes gewöhnt. In dem dunklen Gang war er fast blind.

Mehr tastend als sehend versuchte er den Weg zurückzufinden. Hinter sich hörte Mystra schwere Schritte. Dass ließ ihn noch schneller werden. Sie hatten nicht lange gezögert, das durfte er auch nicht. Plötzlich stolperte er über eine Bodensenke, die er in der Dunkelheit nicht hatte erkennen können. Sand kam ihm in Mund und Nase. Hustend rappelte er sich auf, aber es war schon zu spät.

Eine große Hand griff nach seiner Schulter und hielt ihn unbarmherzig fest. Mystra blieb wie versteinert stehen. Er wusste, es hatte keinen Sinn mehr sich zu wehren. Sie hatten ihn erkannt und selbst wenn er jetzt fliehen würde, die Gemeinschaft war klein, sie würden ihn jederzeit finden können. Seine Hände wurden ihm schmerzhaft auf den Rücken gedreht. Jemand warf ein Tuch über seinen Kopf. Mystra hörte immer mehr Leute näher kommen. Dann vernahm er die laute, klare Stimme von Venus. "Bringt ihn in das Haus der Vernunft. Ich will später mit ihm reden", befahl sie kalt. Der Junge wurde hochgehoben und weggetragen. Leise hörte er noch die dunkle Stimme von Neptun. "Was wird mit ihm geschehen?" Doch die Antwort der Himmelsweisen konnte er nicht mehr verstehen.

Mystra zitterte am ganzen Körper. Kalter Schweiß stand ihm auf der Stirn. Er hörte mehrere Türen auf und wieder zugehen. Dann spürte er warmen Sonnenschein auf seiner Haut. Sie waren in den Hof getreten. Mystra hörte Menschen leise miteinander sprechen. Sie verstummten sofort, als sie der Eingeweihten ansichtig wurden. Mystra wusste, wie lang der Weg zum Haus der Vernunft war, es stand weniger als 500 Meter vom Haupthaus entfernt. Aber heute kam es ihm vor, als würde es genau daneben stehen.

Er hatte vor diesem Haus mehr Angst als vor den strafenden Händen seiner Oberin. Als er hörte, wie die Tür hinter ihm zufiel und der wärmende Sonnenschein verschwand, begann Mystra um sich zu treten. Es war ihm egal, dass es nichts nützen würde, er wollte nur hier wieder raus. Plötzlich ließen die Hände, die ihn trugen, los. Er fiel so hart auf den Boden, dass die Luft aus seinen Lungen gepresst wurde. Eine Tür fiel hinter ihm laut krachend ins Schloss. Er war allein in einem der Bestrafungsräume.

Mystra riss das Tuch von seinem Gesicht und sah sich angstvoll um. Er hatte hier schon einmal drei Tage verbringen müssen, weil ihn seine Neugier zu einer verbotenen Zeit in die Bücherei getrieben hatte. Danach hatte er sich geschworen, nie wieder etwas zu tun, das ihn hierher bringen würde. Seitdem hatte der kleine Raum sich nicht verändert. Er war immer noch vollkommen kahl, seine grauen Wände schienen Mystra zu erdrücken.

Das einzige Fenster war vergittert und Mystra wusste, dass es nach Norden führte, so dass man daraus nie die Sonne sehen konnte. Eine kleine Pritsche stand gegenüber der Tür, auch sie war grau. Auf dem Nachttischchen daneben lag einzig ein kleines mit Sternen verziertes Buch. Der Sternenkodex, das einzige Buch, das die Leute im Haus der Vernunft lesen durften. Sonst war nichts in dem Raum. Mehr hatte darin auch nicht Platz. Die Tür bestand aus dickem Eisen, auf der Innenseite war nicht einmal eine Klinke angebracht. Mystra kauerte sich in eine Ecke und umschlang seine Beine. Sein Zittern ließ nur langsam wieder nach. Er dachte an den kleinen Jungen. Egal wie lange er hier in diesem schrecklichen Raum bleiben müsste, er würde nie das Gesicht des Jungen vergessen.

Die Schatten wurden schon länger, als ein Geräusch an der Tür Mystra aufschreckte. Er hatte die ganze Zeit in einer Ecke gekauert. Aus Angst sich zu bewegen oder auch nur einen Laut von sich zu geben. Mystra sprang auf und presste sich an eine Wand. Seine Glieder waren steif und sein Gesicht spannte. Verwundert fuhr er mit der Hand darüber. Er hatte geweint ohne es zu merken.

Die Tür öffnete sich langsam und Mystra versuchte noch mehr mit der Wand zu verschmelzen. Im Türrahmen stand Venus. Sie trug ihr normales, dunkelblaues Gewand und hielt eine Kerze in der Hand. Ihr kaltes Gesicht wurde von dem warmen Kerzenschein erhellt. Ihre Haare und ihre Hände waren jetzt mit goldenem Schmuck behängt. Mystra fiel auf die Knie, wie es der Brauch in der Gemeinschaft war. Er hätte alles dafür gegeben, nicht hier sein zu müssen.

Draußen schrie die erste Eule der Nacht. Der Junge wagte es nicht den Kopf zu heben. Er hörte wie Venus die Tür schloss und langsam auf ihn zuging. Schweigend tippte sie ihm auf die Schulter. Mystra wusste, was von ihm verlangt wurde, aber er wagte es nicht sich zu rühren. Venus seufzte. "Steh auf, Mystra. Ich will, dass du mich ansiehst, wenn ich mit dir rede", sagte sie ungewohnt sanft. Mystra richtete sich vorsichtig auf und wich wieder an die Wand zurück. Er ließ sich nicht von der sanften Stimme der Himmelsweisen täuschen, ihre Augen waren immer noch pures Eis. Die oberste Frau der Gemeinschaft stellte die Kerze auf den Nachttisch neben den Kodex des Himmels. Sie runzelte unwillig die Stirn. "Warum hast du nicht darin gelesen?"

Mystra schluckte trocken. Er wusste nicht, was er sagen sollte, es gab keine Rechtfertigung, warum er nicht beim Kodex Hilfe gesucht hatte. "Entschuldigt", flüsterte er leise. Beschämt senkte der Junge den Kopf. Wieder seufzte Venus. "Wie kommt ein Achtjähriger dazu, sich in ein geheimes Treffen der Eingeweihten einzuschleichen? Kannst du mir das verraten, Mystra? Du lebst seit deiner Geburt in unserer Gemeinschaft. Du kennst die Regeln. Warum hast du sie gebrochen?" Mystra schwieg. Er wusste nicht, welche Antwort Venus zufrieden stellen würde, denn die Wahrheit tat es meistens nicht.

Plötzlich änderte sich Venus' Stimmung. Ihre Stimme wurde hart und unbarmherzig. "Warum bist du hinuntergegangen, Mystra? Und wie hast du die Türen aufbekommen?" Er sah überrascht auf. Er presste sich noch stärker an die Wand, sein Zittern kehrte zurück. "Ich... ich war nur neugierig. Die... die Türen gingen ganz leicht auf. K… k… keine Ahnung warum." Er spürte, wie ihm wieder Tränen in die Augen stiegen. Venus runzelte die Stirn. "Mars hat die Türen dreimal versiegelt", flüsterte sie leise. Dann fasste sie sich schnell wieder.

"Du hast nun die Wahl, Mystra. Entweder du verlässt die Gemeinschaft für immer, oder du gehst bei einem der Eingeweihten in die Lehre und wirst nie wieder mit jemandem außerhalb der Gemeinschaft reden. Du kannst die Nacht über darüber nachdenken. Morgen früh erwarte ich deine Entscheidung." Sie stand auf. Mystra fiel wieder auf die Knie und berührte mit seiner Stirn den Boden. Venus beachtete ihn schon nicht mehr, wie eine Königin schwebte sie aus dem Zimmer.

Erst zehn Minuten später wagte es Mystra wieder aufzuschauen. Seine Glieder schmerzten ihn und er hatte Durst. Vorsichtig setzte er sich auf die harte Matratze in dem Raum. Mit zitternden Händen griff er nach dem Himmelskodex. Es war bisher das einzige Buch, das er jemals hatte lesen dürfen. Erst ab 12 Jahren war es den Kindern der Gemeinschaft erlaubt andere Bücher zu lesen. Es war zu dunkel, um auch nur den Einband zu erkennen, Venus hatte die Kerze wieder mitgenommen. Mystra presste das Buch eng an seine Brust.

Er brauchte nicht die ganze Nacht, um über seinen Entschluss nachzudenken. Mystra war hier in dieser Gemeinschaft geboren, er hatte die 8 Jahre mehr oder weniger glücklich verbracht. Er kannte die Welt außerhalb der Gemeinschaft nur von den Erzählungen derjenigen, die neu dazu gekommen waren und es hörte sich an, als wenn sie schrecklich wäre. Sein Blick irrte zum Fenster, zwar konnte er tagsüber daraus keine Sonne sehen, aber in der Nacht hatte er wenigstens das Licht der Sterne.

Hier kannte er wenigstens die Regeln, von der Welt außerhalb der Gemeinschaft wusste er nicht mal, wie man sich verhielt. Die Gesichter der Jungen in dem Schlafraum, in dem er jetzt schlief, erschienen vor seinem inneren Auge. Wenn er gehen würde, würde er sie nie wieder sehen. Sie wurden von dem Gesicht des kleinen Jungen überlagert, wenn er bleiben würde, dann könnte er vielleicht herausfinden, warum sie ihm das angetan hatten. Mystra würde hier bleiben. Selbst das entbehrungsreiche Leben eines Eingeweihten wäre besser, als ins Ungewisse gestoßen zu werden. Vielleicht, schlich sich ein Gedanke in seine Überlegungen, vielleicht kann ich den Kleinen wieder sehen.

Als die Tür am frühen Morgen wieder aufging, war Mystra darauf gefasst. Er hatte die Nacht nicht geschlafen. Mit dem Himmelskodex eng an die Brust gepresst saß er noch immer hungrig, müde und durstig auf dem Bett und starrte aus dem Fenster. Venus war nicht alleine. Neptun war bei ihr. Beide trugen blaue Gewänder mit stilisierten Planeten darauf. Venus ihres war etwas dunkler.

Neptun war ein großer Mann mit breiten Schulter und weichen Augen. Seine weißen Haare fielen leicht zerzaust um den Kopf. Venus blickte Mystra hart an. Als sie das Buch in seiner Hand entdeckte, wurde ihr Blick etwas weicher. Er sprang auf und fiel wieder auf die Knie mit der Stirn an dem Boden, den Kodex ließ er trotzdem nicht fallen.

"Nun", durchschnitt die harte Stimme der Himmelsweisen das morgendliche Vogelgezwitscher, "hast du dich entschieden?" Mystra blickte auf. "Ich werde in der Gemeinschaft bleiben und ihre Regeln befolgen, verehrte Venus", krächzte er leise. Venus nickte und drehte sich um. Sie schaute Neptun an. "Er ist jetzt euer Schüler, kümmert euch um ihn." Neptun nickte, die beiden hatten lange diskutiert und beschlossen, die offensichtlich vorhandenen Fähigkeiten des Jungen, der keiner von ihnen war, für sich zu nutzen.

Er wartete, bis die Frau den Raum verlassen hatte, dann betrachtete er seinen Schüler eingehend. "Steh auf", befahl er leise. Mystra sprang auf die Beine und schaute den Magier neugierig an. Neptun sah den Wissensdurst in seinen grünen Augen und lächelte. Er wusste, dass Mystra ein guter Schüler werden würde. Auch wenn die Lehrzeit nicht leicht werden würde. Die dunkelblaue Hose und das vom Sand noch schmutzige Hemd würde der Junge gegen eine Kutte eintauschen müssen. Auch würde er nicht mehr in dem Schlafsaal der Jungen schlafen dürfen. Die kurzen schwarzen Haare würde er ihm abrasieren müssen, bis sie weiß nachwachsen würden.

Neptun bedauerte und beneidete den Jungen, er wusste um sein starkes magisches Potential, aber er hätte ihm lieber ein normales Leben außerhalb der Gemeinschaft gewünscht. /Wenigstens ist er ein Mensch, spätestens mit dem Ende seines kurzen Lebens wird er alles vergessen./ dachte er neidvoll. Neptun hatte sich gewünscht, dass der Jungen anders entscheiden würde. Aber vielleicht würde er ihm wenigstens einen gesunden Skeptizismus beibringen können, er schien ja auch nicht allzu viel von Regeln zu halten. "Komm Mystra, ich zeige dir dein neues Zimmer", sagte der Mann leise und ging hinaus, den Jungen dicht auf den Fersen.



Der dunkle Asphalt glänzte im Schein der Straßenlaternen. Seit Stunden hatte es geregnet und die Menschen von den Straßen getrieben. Der Himmel war noch immer wolkenverhangen, nicht einmal das Mondlicht konnte sich seinen Weg durch die Wolken bahnen. Die Straße lag in einer ziemlich großen Stadt irgendwo an deren Rand. Der Lichtkreis einer Straßenlaterne reichte nicht ganz bis zu dem der nächsten. In so einem Zwischenraum standen zwei Gestalten.

Eine große Frau und ein kleiner Junge. Der kleine Junge umschlang seinen Oberkörper mit den schmalen Armen. Wasser lief über sein Gesicht und in sein dünnes weißes Hemd, das ihn kaum vor der Kälte schützte. Schweigend schaute er ernst zu der großen Frau an seiner Seite. Sie trug einen langen Mantel, um ihre Kutte zu verbergen; dass ihre Füße nur in Sandalen steckten, konnte aber selbst der Mantel nicht verbergen. Ihre langen braunen Haare waren im Nacken mit einem Lederband zusammengenommen. Mit der ausgestreckten Hand zeigte sie auf ein großes Haus am Ende der Straße.

"Siehst du das Haus dort hinten? Das mit den weißen Wänden und den dunklen Fensterläden?" Der Junge spähte durch die Dunkelheit und erkannte das Haus im Mondenschein. Er nickte ernst. "Dort wirst du jetzt bleiben. Geh hin, neben der Tür ist ein kleiner Knopf, wenn du dort drauf drückst, werden Menschen kommen und dich hineinholen." Wieder nickte der Junge ernst.

Die Frau schaute sich angstvoll um. Sie standen genau zwischen zwei Straßenlaternen, so dass man ihr Gesicht nicht erkennen konnte. Kurz beugte sie sich vor und küsste den Jungen auf den kahlen Kopf. "Mach es gut, Merkur." Dann drehte sie sich schnell um und verschwand um die Straßenecke. Merkur sah ihr einen Moment nachdenklich nach, dann setzte er sich in Bewegung.

Seine bloßen Füße patschten auf den nassen Asphalt, sein Atem kondensierte in kleinen Wolken vor seinem Gesicht. Eine Gänsehaut überzog seine Beine, die nur in einer kurzen, schwarzen Hose steckten. Er wünschte sich wieder in dem Auto zu sitzen, dass ihn hierher gebracht hatte. Dort war es wenigstens warm gewesen. Unbeirrbar suchten seine kleinen Füße seinen Weg, bis er vor einem schmiedeeisernen Tor stand. Merkur betrachtete einen Moment nachdenklich die Klinke daran. Schließlich stellte er sich auf die Zehenspitzen und versuchte sie nach oben zu drücken.

Nichts bewegte sich. Merkur runzelte die Stirn und zog probeweise an der Klinke. Wieder bewegte sich nichts. Merkurs Augen verdunkelten sich. Er trat einen Schritt zurück und besah sich das Tor noch einmal genauer. Nirgends war ein Knopf zu erkennen. Also musste er nach innen und an der Tür dort den Knopf finden. Merkur musterte die Klinke noch einmal. Langsam begann er den Mechanismus zu begreifen. Mit einem Ruck hängte sich Merkur an die Klinke, bis sie endlich nachgab. Mit seinen schmalen Schultern stemmte er das schwere Tor auf und betrat den Vorhof des großen Hauses.

Mit einem dumpfen Knall fiel hinter ihm das Tor wieder zu. Mit einer Hand wischte Merkur sich die Regentropfen von der Glatze und aus dem Gesicht. Es brachte nicht viel, er wurde sofort wieder nass. Der Garten war dunkel und sah geheimnisvoll aus. Merkur wünschte sich, ihn anschauen zu können. Aber die Frau hatte gesagt, er solle den kleinen Knopf neben der Tür drücken. Vielleicht würde er später noch den Garten anschauen können, aber erst musste er das tun, was ihm gesagt worden war. Merkur stieg die Stufen zu der großen Holztür hinauf und tat dann dasselbe wie bei dem Gartentor, er musterte die Türe genau. In der Dunkelheit war nicht allzu viel zu erkennen.

Merkur entdeckte den kleinen Knopf. Seine hellblauen Augen blitzten kurz auf, sonst änderte sich nichts an seinem Gesichtsausdruck. Er musste sich auf die Zehenspitzen stellen, um den Klingelknopf zu erreichen, der neben der Tür angebracht war. Das Schild #Waisenhaus zur heiligen Anna# daneben sagte ihm nichts. Drinnen ertönte ein lautes Klingeln. Schritte erklangen, jemand öffnete an der Tür eine Klappe. Merkur sah nach oben, aber die Frau, die durch die Klappe schaute, blickte nicht nach unten. "Wer ist der Witzbold, der hier mitten in der Nacht klingelt?", fragte sie wütend. Merkur trat einen Schritt zurück, um in das Blickfeld der Frau zu treten. Seine Glieder begannen langsam taub zu werden und die Stelle zwischen seinen Schulterblättern begann zu schmerzen. Mehr als alles andere wünschte er sich im Moment in die Wärme zu kommen.

Die Frau zog überrascht die Luft ein, als sie den kleinen, kahlen Jungen im Regen stehen sah. "Mein Name ist Merkur", sagte der Junge leise. Noch bevor er zu Ende gesprochen hatte, riss die Frau die Tür auf und zog den Jungen hinein. "Armer Wurm, wer hat dich nur in diesen Sommersachen mitten in einer Herbstnacht hier draußen stehen lassen?", rief sie und zog ihn in eine Küche. Merkur wollte antworten, dass er das nicht wüsste, aber die Frau ließ ihm keine Zeit dazu. Sie zog ihm seine nassen Sachen aus und wickelte ihn in eine dicke Decke.

Beim Anblick der Tätowierung stöhnte sie. Sie hatte nie verstehen können, wie Menschen so etwas einem kleinen Kind antun konnten. Als der Junge eingewickelt und mit einem heißen Kakao in der warmen Küche saß, betrachtete sie ihn lange. Sein kahlrasierter Kopf ließ ihn jünger aussehen, aber seine Augen wirkten uralt. Sie wusste, dass er wahrscheinlich schon mehr erlebt hatte als so mancher Erwachsener, das hatten die meisten Kinder in diesem Haus. Auch Merkur beobachtete sie. Im Gegensatz zu den Menschen, die er bisher gesehen hatte, trug sie keine Kutte, sondern ein normales Hemd und eine Jeans. Ihre braunen Augen wirkten sehr sanft. "Wer war das nur, armer Spatz?", flüsterte sie leise.

Der Junge hatte sie trotzdem gehört. Er stellte seine Tasse kaum hörbar auf den großen Holztisch und sah die Waisenhausmitarbeiterin ernst an. "Ich bin weder ein Wurm, noch ein Spatz. Mein Name ist Merkur", sagte er leise aber bestimmt. Seine Augen glitten in der großen Küche herum. Er hatte so etwas noch nie gesehen. Die Bewegungen der Zeiger einer Uhr weckten seine Aufmerksamkeit. "Eine Frau hat mir gesagt, ich solle an dieser Tür klingeln und ich würde ab jetzt hier bleiben. Ich weiß nicht, wer sie war." Sein Blick fand wieder zu der Frau zurück, die ihm die Tür geöffnet hatte, sie starrte ihn an. Noch nie hatte sie ein Kind erlebt, das wie ein Erwachsener sprach. Vor allem keines, das höchstens vier Jahre alt war.

Der Junge hob die Tasse und streckte sie ihr hin. "Könnten sie mir vielleicht noch etwas von diesem Getränk geben? Es wärmt", fragte er ernst. Die Frau nickte leicht geschockt. Sie arbeitete schon lange in dem Waisenhaus, aber ein solches Kind hatte sie noch nie erlebt. Während sie einen weiteren Kakao machte, versuchte sie etwas mehr aus dem Jungen herauszubekommen. "Wie bist du hierher gekommen, Merkur?" fragte sie sanft. Merkur betrachtete immer noch die Zeiger der Uhr und antwortete leise im Rhythmus ihres Tickens. "Ich bin in einem Auto an das andere Ende der Straße gefahren worden. Eine Frau sagte mir ich solle hierhin gehen und klingeln. Das habe ich getan."

Die Frau gab ihm eine weitere Tasse Kakao, die Merkur dankbar entgegen nahm. Sie setzte sich ihm gegenüber hin. "Und wo warst du, bevor du mit dem Auto hierher gebracht wurdest?", fragte sie so sanft wie möglich. Merkur runzelte die Stirn. "Davor? Ich weiß nicht." Verstört nippte er an seinem Kakao. "Ich bin in dem Auto aufgewacht. Die Frau saß neben mir. Vor ihr saß noch jemand, aber den konnte ich nicht erkennen, er schien mit etwas beschäftigt zu sein." Merkur schwieg wieder, das war alles, an das er sich erinnerte. Die Frau nickte und lächelte ihn an.

Für diese Nacht wollte sie es genug sein lassen. Wenn der Junge hier blieb, würde man ihm ohnehin Therapiestunden verordnen, dessen war sie sich sicher. Schon wegen den Tätowierungen und dem kahlrasierten Kopf, alles deutete auf gewalttätige Eltern hin. "Komm Merkur, ich werde dir zeigen, wo du die Nacht schlafen kannst." Merkur nickte und stand auf. Er versuchte das Lächeln der Frau zu imitieren, aber es gelang ihm nicht so recht. /Das muss ich noch üben, es scheint wichtig zu sein./ überlegte er und folgte der Frau.


Teil 1

Erklärung:
Es ist 14 Jahre her, seit Mystra beobachtet hat wie der junge Merkur seine Tätowierung bekommen hat. Jetzt sind beide (mehr oder weniger) Erwachsen.


Mystra versuchte seine Haare etwas in Ordnung zu bringen, bevor er die Eingangshalle des Hotels betrat. Wie immer gelang es ihm nicht. Seufzend strich er sich die weißen Strähnen nach hinten. Ein Blick in das große Fensterglas, das die Straße widerspiegelte, bestätigte seine Annahme, er hatte Ähnlichkeit mit dem Erfinder der Relativitätstheorie auf einem seiner berühmtesten Bilder. "Als wäre ich noch nie in die Nähe eines Kammes gekommen", flüsterte er missmutig. Die Sonne brannte heiß vom Himmel und Mystra war froh endlich angekommen zu sein, noch eine weitere Stund Fahrt hätte er wahrscheinlich nicht ausgehalten. /Du bist weich geworden./ warf er sich in Gedanken selbst vor. /Früher hätten dir einige Stunden Feldarbeit auch bei brütender Hitze nichts ausgemacht./
Seufzend wandte er sich von seinem undeutlichen Spiegelbild ab und dem Hotel zu. Die fast neue Fassade des Hauses hatte einen guten Eindruck gemacht. Das war eigentlich der einzige Grund, warum er sich für dieses Haus entschieden hatte. Dies und der Umstand, dass es nicht auffiel.

Mystra durchschritt die Eingangstür mit erhobenem Kopf. Er hatte schnell gelernt, dass es außerhalb der Gemeinschaft kaum darauf ankam, was man konnte oder wer man war, sondern nur darauf, wie man sich benahm und wie viele dieser kleinen bunten Scheine man sein Eigen nannte. In der Gemeinschaft hatte man keine Zahlungsmittel gebraucht. Man bekam alles, was man zum Leben brauchte und früher hätte er auch gesagt, dass dies die beste Art zu leben sei. Aber sein Denken hatte sich in dem letzten dreiviertel Jahr auf der Flucht sehr verändert.

Mystra schaute sich nicht lange in der Eingangshalle des Hotels um. Diese Häuser waren eigentlich alle gleich aufgebaut: Eine Rezeption genau gegenüber des Einganges, ein paar Pflanzen in der Halle verteilt, ein Aufzug, daneben eine Tür zum Treppenhaus, mehr oder weniger versteckt weitere Türen zu Privat- oder Geschäftsräumen, außerdem meistens noch eine kleine Sitzgruppe. Das einzige, das sich änderte, waren in den bisherigen Hotels, in denen Mystra geschlafen hatte, die Größe der Halle, der Einrichtungsstil und die Anzahl der Pflanzen gewesen. Er blieb meistens in den mittelgroßen Hotels, die weder zu teuer noch zu billig waren, in denen ein Gast, der bar bezahlte, gern aufgenommen wurde und es nicht auffiel, wenn er möglichst schnell und manchmal zu den seltsamsten Zeiten wieder verschwand. Dies war genauso eines. Eines von vielen in dieser Stadt.

Die Eingangshalle sah frisch renoviert aus. Anscheinend mochte der Besitzer die Farbe grün in all ihren Variationen. Überall standen Pflanzen, man hatte sogar so etwas wie einen kleinen Park auf dem Flachdach angelegt, wenn Mystra dem Plakat neben der Rezeption glauben schenken durfte. Niemand war im Foyer zu sehen, weder Gast noch Angestellter. Um diese Uhrzeit war es eher selten, dass neue Gäste in ein Hotel einchecken wollten. Mystra hätte auch lieber noch ein paar Stunden gewartet um nicht aufzufallen, aber er war zum Umfallen müde und wollte endlich in ein Bett.

Selbst die Rezeption war in einem freundlichen Grün gestrichen. Niemand war zu sehen, trotzdem hielt Mystra seine Farce aufrecht. Unmutig runzelte er die Stirn und sah sich ungeduldig um. Auf dem Rezeptionstisch stand eine kleine Klingel. Mystra betätigte sie und tappte ungeduldig mit dem Fuß auf, bis endlich jemand kam. Eine Frau mittleren Alters erschien an der Tür hinter der Rezeption. Ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus, als sie Mystra sah.

Der Flüchtende hatte lange gebraucht um sein Aussehen zu vervollständigen. Jetzt wirkte er in seinem dunklen Anzug wie ein junger aufstrebender Geschäftsmann, der genügend Geld hatte um alles zu bezahlen. Die kleine, modische Brille auf seiner Nase gab ihm Seriosität. Sein fein geschnittenes Gesicht wirkte anziehend und seine grünen Augen strahlten immer noch genauso neugierig und lebenshungrig wie vor 14 Jahren. Auch wenn er jetzt übermüdet war und dunkle Ringe unter ihnen hatte, wirkte er noch immer Vertrauen erweckend. Seine langen schneeweißen Haare stellten das einzige Problem dar, er konnte sie weder abschneiden noch färben, ohne einen Großteil seiner Magie zu verlieren.

"Guten Tag, mein Herr. Was kann ich für sie tun?", fragte die Dame und strich sich einige Falten an ihrem Kostüm zurecht. Mystra lächelte freundlich. "Ich möchte gerne ein Zimmer auf unbestimmte Zeit." Die Frau nickte und tippte ein wenig in dem Computer, in dem die Zimmer verzeichnet waren. "Die genaue Länge des Aufenthalts wissen sie noch nicht?", fragte sie freundlich, aber etwas verwundert. Mystra verneinte.

Er sagte sonst nichts, er hatte entdeckt, dass wenn man eine Lügengeschichte auftischte um glaubhafter zu erscheinen, sich schnell in seinen Lügen verstrickte. Eine unbedachte Äußerung eine falsche Frage und schon hatte man das, was man vorher vermeiden wollte - die Menschen misstrauten einem. Es war besser wenig von sich preis zu geben und das wenige selbst nur Lügen sein zu lassen. "Wir haben leider keine Einzelzimmer mehr, das sie nicht schon morgen wieder räumen müssten. Aber ein Doppelzimmer mit Bad im dritten Stock." Die Frau sah etwas gequält aus.

Mystra nickte nur. "Natürlich, ich nehme dieses." Die Frau lächelte erleichtert. Sie hatte anscheinend schon Angst gehabt einen zahlenden Kunden zu verlieren. "Ich bräuchte dann natürlich noch ihren Nahmen und ihren Ausweis", sagte sie geschäftstüchtig. Nun sah Mystra etwas gequält aus. "Mein Name ist kein Problem, Markus Nilson. Allerdings habe ich meinen Ausweis verloren", sagte er in entschuldigendem Tonfall. Die Rothaarige runzelte unwillig die Stirn.

"Ich werde das Zimmer natürlich bar bezahlen", setzte Mystra schnell hinterher. Sofort glätteten sich die Stirnfalten der Frau. "Das ist etwas Anderes. Wir hätten den Ausweis nur als Sicherheit gebraucht. Dann möchte ich sie bitten eine Vorauszahlung für zwei Nächte zu leisten, das ist hier so üblich." Mystra nickte und griff nach seiner Tasche. Er holte einen kleinen Beutel heraus und gab der Frau die gewünschte Anzahl Scheine, außerdem noch etwas extra. Auch bis er herausgefunden hatte, dass Trinkgeld die Menschen wesentlich freundlicher stimmte, hatte es lange gedauert.

Noch immer fiel es ihm schwer, die richtige Menge zu bestimmen. Zu viel machte die Leute auf ihn aufmerksam, zu wenig ließ wütend werden. Die Frau lächelte und steckte das Geld in die Kasse, neben dem Computer. Sie drehte sich um und griff nach einem der wenigen Schlüssel, die noch an dem Bord hingen. "Zimmer 307, neben dem Aufzug gleich links. Frühstück gibt es von 7 bis 10 Uhr. Zum Abendessen müssten sie sich anmelden. Die Bar hat bis 23 Uhr geöffnet. Eine Minibar gibt es selbstverständlicherweise auf dem Zimmer. Ich wünsche ihnen einen schönen Aufenthalt."

Mit einem Lächeln überreichte sie Mystra den Schlüssel. Mystra lächelte zurück und nahm ihn mit einem Kopfnicken an sich. "Dankeschön." Er steuerte sofort auf den Aufzug zu. Auch er schien neu renoviert worden zu sein. Mystra betrachtete sich während der Fahrt in dem Spiegel auf der Rückseite. Seit einem dreiviertel Jahr war er auf der Flucht. Während dieser Zeit hatten sich schon die ersten Fältchen in seinem Gesicht gebildet. Es war anstrengend gewesen, vor allem das erste halbe Jahr.

Er hatte nicht gewusst, wo oder wie er zu Recht kommen könnte, nur dass er von der Gemeinschaft weg kommen musste, das war ihm klar gewesen. Mystra verfluchte sich in Gedanken kurz. Er dachte von dieser Sekte immer noch als die Gemeinschaft als seine wirkliche Heimat. Das Öffnen der Fahrstuhltüren unterbrach gnädigerweise seine Gedanken.

Mystra schüttelte kurz den Kopf und fuhr sich mit einer Hand über das Gesicht. Er war die ganze Nacht durchgefahren um mögliche Verfolger abzulenken und um in diese Stadt zu kommen. Jetzt brauchte er vor allem anderen erstmal Schlaf. Der Gang war zu beiden Seiten seines Zimmers gut einsehbar, in der Nähe seiner Zimmertür war das Treppenhaus. Ein zusätzlicher Pluspunkt auf Mystras Liste. Es wäre nicht das erste Mal, dass er ein Hotel sehr schnell verlassen müsste.

Auf der hellgrünen Zimmertür waren die goldenen Zahlen 307 angebracht. Mystra öffnete sie mit einem zufriedenen Gefühl. Das Zimmer war in einem frischen Grünton gestrichen. Das Fenster führte auf die Straße hinunter. Ein Doppelbett stand in der Mitte, es war frisch mit weißen Laken und Decken bezogen. Auf jeder Seite waren ein Nachttisch und eine kleine Lampe angebracht. Mystra ließ seine schwere Reisetasche auf eine Betthälfte plumpsen. Er dachte nicht daran sie auszuräumen. An der Wand neben der Tür war ein Kleiderschrank angebracht. Gegenüber vom Bett waren eine weitere Tür und ein weiterer kleiner Schrank aus dunklem Holz. Ein Fernseher stand darauf. Neugierig ließ Mystra sich auf die Knie sinken und öffnete den Schrank. Er erblickte gut gekühlte Getränkeflaschen. Das Angebot war bunt gemischt würde aber mit Sicherheit für ein kleines Besäufnis reichen. Mystra nahm sich nur ein Wasser.

Er trank beinahe die Hälfte der Flasche aus, bevor er das Bad inspizierte. Es war klein und erschien im Gegensatz zum restlichen Hotel nicht renoviert worden zu sein. Mystra gähnte und hörte mit der Zimmerinspektion auf. Er schloss die Zimmertür nicht ab, hängte aber das "Bitte nicht stören"-Schild nach draußen. Vielleicht konnte er sich selbst die Zeit nicht leisten, die es brauchen würde die Zimmertür wieder aufzuschließen. Mystra zog noch die Brille von der Nase und ließ sich dann mit einem Seufzen aufs Bett fallen. Noch bevor er die Matratze berührt hatte, war er schon eingeschlafen. Er hatte sich noch nicht einmal die Schuhe ausgezogen.



Merkur schwang sich auf sein Fahrrad und winkte seiner Mutter noch kurz zu. Sie stand im Garten und war dabei die Rosen zu schneiden. "Hey, wart doch mal, Merk. Fährst du zum Training, Schatz?", rief sie ihm mit ihrer hellen klaren Stimme hinterher. Merkur bremste mitten im Fahren ab und hielt vor der Gartentür. "Ja Sophia, ich komm erst spät wieder." Merkurs Mutter wischte sich die Hände an ihrer Schürze ab und schaute ihren Sohn streng an. "Wir essen um sieben, keinen Augenblick später. Dein Vater bringt Gäste mit nach Hause. Also sei pünktlich." Merkur lächelte. Er liebte seine Mutter. "Werde ich Sophia. Bis später." Sophia hob die Hand und winkte ihrem davonfahrenden Sohn kurz hinterher. Sie liebte ihn von ganzem Herzen und hätte alles für ihn getan, auch wenn er nicht ihr eigenes Kind war. Am Anfang war es schwer gewesen, er hatte sich nicht so benommen wie andere Kinder, eigentlich tat er es jetzt noch nicht, aber er hatte sich angepasst und war jetzt etwas ganz Besonderes, nichts Seltsames mehr.

Merkur trat kräftiger in die Pedalen. Der Himmel begann sich zu verdunkeln und er wollte vor dem Regen bei der Halle ankommen. Er liebte es die lange Strecke zum Karateclub mit dem Fahrrad zu fahren, obwohl er schon einen Führerschein hatte. Er nahm es einfach als zusätzliches Training. 40 Minuten später hielt Merkur vor dem Clubhaus, in dem er täglich trainierte. Seine Eltern hatten sich schon beschwert, aber Merkur weigerte sich einen anderen Sport außer Kampfsport auch nur auszuprobieren, er wusste, dass er seine Fähigkeiten einmal brauchen würde.

Mit viel Schwung sprang er vom Fahrrad und nahm seine Tasche herunter. Merk nickte ein paar Leuten beim Reingehen kurz zu und verschwand in den Umkleiden. Er hatte keine Lust heute mit jemanden zu reden. Schnell zog er den weißen Kampfdress an. Einen Moment lang betrachtete er sich im Spiegel. Er hatte breite Schultern und einen muskulösen Körper, von dem man sah, dass er ihn auch benutzte. Seine hellblauen Augen versteckten sich halb unter seinen glatten schwarzen Haaren. Sein schmaler Mund wirkte ernst wie immer.

Merkur wandte sich von seinem Spiegelbild mit einem Schaudern ab. Seit einiger Zeit hatte er jedes Mal, wenn er in den Spiegel blickte, das Gefühl, dass etwas nicht stimmte. Er konnte aber nie den Finger darauf legen. Er sah nicht schlecht aus und laut seiner Mutter hätte er schon 10 Mädels an jeder Hand haben können, wenn er nicht immer so ernst wäre, aber er selbst hatte das Gefühl etwas an ihm stimme nicht. Nicht nur sein Gesicht, sondern sein ganzer Körper kam ihm manchmal fremd vor. Merkur versuchte die Gedanken abzuschütteln und ging aus den Kabinen zum Training.

Seine Kämpfe absolvierte er schweigend. In einem Ernst, den man sonst nur bei Wettkämpfen erleben konnte. Irgendetwas hatte ihm heute die Laune verdorben, ohne dass er sagen konnte, was genau dies wäre. Der Schwarzhaarige nickte seinem letzte Trainingspartner für heute zu. Es war der Leiter des Hauses, der kämpfte immer, wenn sich ihm die Gelegenheit dazu bot und er nicht zu viel mit der Verwaltung zu tun hatte. Beide Kämpfer verbeugten sich und gingen in Ausgangsstellung.
Noch bevor Merkur beginnen konnte, blitzte ein Bild vor seinem inneren Auge auf. Die Halle um ihn herum verschwand und etwas anderes drängte sich in sein Bewusstsein.

Ein Mann saß auf einem Bett in einem Zimmer. Es schien kein persönliches Zimmer zu sein, eher in einem Hotel oder einer Pension.
Zuerst dachte Merkur, es sei ein alter Mann, denn seine Haare waren schlohweiß, doch dann drehte der Mann sich um und Merkur konnte sein Gesicht sehen. Er konnte unmöglich älter als 25 sein. Seine grünen Augen waren auf einen großen Stadtplan gerichtet. In seinen Händen hielt er ein Pendel. Neben dem Stadtplan lag eine Brille und standen verschiedene Becher und Glasgefäße. Merkur konnte alles so erkennen, als ob er genau vor dem Mann stünde.

Er konnte die grüne Farbe der Wände ausmachen und erkannte, dass der Mann gerade erst aufgestanden sein musste. Seine Haare waren vollkommen durcheinander, das Bettzeug war zerwühlt und seine Kleidung war zerknittert. Selbst den leicht süßlichen Geruch des offenen Saftes auf dem Nachtschränkchen konnte er riechen. Als würde Merkur selbst in diesem Zimmer stehen.
Das Deckenlicht war eingeschaltet worden, obwohl es draußen erst zu dunkeln begonnen hatte. Der Mann ließ das Pendel langsam über den Stadtplan schwingen, er bemerkte Merkur nicht und schien ganz und gar in sein Tun vertieft zu sein. Plötzlich erschien ein Lächeln auf seinem Gesicht und der Mann hob den Kopf. Er hatte das Pendel dort liegen lassen, wo es sich zu letzt hinbewegt hatte.
Schnell ging der Mann zu seiner Tasche und holte etwas daraus hervor. Er schrieb den Lageplatz des Pendels auf. Merkur runzelte die Stirn. Es war seine Adresse, das Haus, in dem er seit 12 Jahren bei seinen Eltern wohnte.

Der Mann setzte sich wieder und schien nachdenken zu wollen. Merkur fragte sich schon, was er hier mache. Er hatte schon öfter Visionen gehabt, aber sie waren immer sehr wichtig gewesen. Sie hatten ihm mehr als einmal das Leben gerettet, aber, obwohl er spürte, dass der Mann wichtig für ihn war und sein würde, tat sich nichts Besonderes.

Merkur wollte schon versuchen in seinen Körper zurückzukehren, als die Tür aufgerissen wurde. Männer in schwarzen Mänteln stürmten in das Zimmer. Der Weißhaarige zuckte zusammen und starrte sie mit aufgerissenen Augen. "NEIN!", schrie er. Einer der Männer erreichte ihn und schlug ihn mit der Faust voll ins Gesicht.
Der Weißhaarige taumelte und fiel auf die Knie, Blut lief aus seiner Nase und tropfte auf den grünen Teppich.
"Das hast du davon, Mystra!", zischte der Mann und drehte sich zu seinen Kumpanen um. "Wir bringen ihn hier schnell weg, vergesst seine Sachen nicht. Nichts darf an ihn oder an uns erinnern", befahl er streng. Merkur begann zu zittern, er wollte dem Weißhaarigen helfen, aber er konnte nichts tun.

Mystra lief Blut aus dem Mundwinkel. Er presste den Zettel mit der Adresse an seine Brust, als wäre er besonders wichtig. Der grobschlächtige Kerl vor ihm bemerkte es. Er riss an Mystras Arm um ihn dazu zu bringen den Zettel loszulassen. Mystra presste ihn noch enger an sich. Der Mann gab ein Grunzen von sich und ließ Mystra fallen, dann trat er ihn mit voller Wucht in die Seite. Der Weißhaarige keuchte auf und riss die Augen auf. Er ließ den Zettel aus der zitternden Hand gleiten. Der Mann bückte sich danach und gab ein zufriedenes Grunzen von sich, als er ihn las.

Plötzlich stand einer der anderen Männer neben ihm. "Wir sind fertig." Der Mann schaute sich in dem Zimmer um. Es erinnerte wirklich nichts mehr an den Gast, sogar das Bett schien frisch bezogen zu sein. "Gut gemacht. Wir sind gerade noch rechtzeitig gekommen, er hatte ihn gerade gefunden." Der Mann griff nach dem am Boden liegenden Weißhaarigen und zog ihn am Hemd hoch. "Verdammte Ratte, du wirst ihn nicht bekommen", knurrte er. Der Weißhaarige schüttelte mühsam den Kopf.

Er brauchte zwei Anläufe um sprechen zu können. Merkur sah, dass der Mann ihm einen Zahn ausgeschlagen hatte. "Er wird sich wieder weigern. Merkur ist anders", krächzte er leise. Der Mann schnaubte nur und gab ihm noch einen Schlag, diesmal auf den Hinterkopf. Der Weißhaarige stöhnte nur kurz und verlor endgültig das Bewusstsein. Merkur spürte, wie er in seinen Körper zurückgezogen wurde. Er versuchte sich zu weheren und in der Vision zu bleiben. Er wollte dem Weißhaarigen helfen, aber er konnte nicht.
Das letzte, das er erkennen konnte, war eine goldene Zimmernummer 307 auf der Tür zu dem Zimmer, dann umfing ihn Dunkelheit.

Merkur wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war. Als er die Augen wieder öffnete, erblickte er eine weiße Decke. In seinen Kopf schienen hunderte Bergarbeiter mit ihren Hämmern beschäftigt zu sein. Seine Augen tränten und jeder einzelne Knochen tat ihm weh. Merkur versuchte zu erkennen, wo er war.
Er fluchte, als er es erkannte.
Sie hatten ihn in ein Krankenhaus gebracht. Sein Blick fiel auf das Fenster. Allein den Kopf zu drehen tat schon weh. Die Sonne würde etwa noch eine Stunde zum Untergehen brauchen. Noch hatte er Zeit.
Merkur kannte seine Visionen, sie waren nie weit in der Zukunft und sie lagen nie falsch. Was auch immer er genau gesehen hatte, es würde geschehen und es würde heute geschehen.

Die Tür ging auf und eine Schwester betrat das Zimmer. Sie war noch jung, wahrscheinlich noch nicht lange in diesem Beruf. Als sie sah, dass Merkur wach war, lächelte sie. "Schön, dass du wieder unter den Lebenden bist." Plötzlich wurde ihr Gesicht wieder ernst. "Ich habe deine Eltern verständigt, sie sind bald hier." Merkur schwieg.

Der Schwester schien das nicht zu gefallen. "Wie geht es dir?", fragte sie in einem schon weniger freundlichen Ton. Merkur versuchte zu lächeln. "Mir geht es gut. Es war wohl nur ein kleiner Schwächeanfall. Wie lange muss ich hier bleiben?" Die Schwester runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf. "Du wirst nirgendwohin gehen, junger Mann. Jedenfalls nicht bis der Arzt dich untersucht hat." Merkur nickte ergeben und ließ sich in das Kissen zurückfallen.

Er hatte nicht vor zu bleiben, aber das sollte er der resoluten Schwester wohl kaum erzählen. Die Frau schien mit seinem Verhalten zufrieden zu sein. "Brauchst du irgendetwas?", fragte sie sanft. Merkur schüttelte den Kopf. "Ich werde am besten ein wenig schlafen. Könnten sie meine Eltern noch einmal anrufen und ihnen sagen, dass sie nicht herkommen sollen? Sie kennen diese Anfälle, es ist nichts Schlimmes. Jürgen soll mich bei den Gästen entschuldigen. Es wäre sehr lieb, wenn sie das für mich tun könnten." Merkur versuchte so freundlich wie möglich zu sein.

Die Schwester runzelte die Stirn. "Es würde aber besser sein, wenn sie kommen würden. Du warst immerhin zwei Stunden bewusstlos. Außerdem meinte deine Mutter am Telefon, die Gäste hätten abgesagt. Sie schien gewusst zu haben, dass du sie aufhalten willst." Merkur versuchte erleichtert zu nicken, während er innerlich fluchte. Die Schwester lächelte und verließ mit einem letzten "Schlaf gut" das Zimmer.

"Verdammt", flüsterte Merkur leise. Jetzt würde er auch noch Ärger mit seinen Eltern bekommen. Noch immer fluchend setzte er sich auf und sah sich in dem kleinen Zimmer um. Er kannte die Zimmer des örtlichen Krankenhauses, dies war nicht seine erste starke Vision gewesen.
Es war ein Doppelzimmer, aber nur sein Bett war belegt. Auf einer Seite des Bettes stand seine Sporttasche. Merkur blickte an sich herab und fluchte nochmals, sie hatten ihm eines dieser Krankenhaushemden angezogen. Das bedeutete, dass sie auch seine Tätowierung gesehen haben mussten.

Er hatte vielleicht noch eine knappe Stunde um das Hotel zu finden und diesen weißhaarigen Mystra dort raus zu holen. Dieser Typ hatte seinen Namen gekannt und Merkur wollte wissen, woher ihn jemand kannte, den er noch nie in seinem Leben gesehen hatte. Der Name Merkur war nicht gerade weit verbreitet. Außerdem hatte der Typ gesagt, er sei anders. Der Junge wusste nicht wie, aber er musste den Weißhaarigen finden, möglichst bevor die anderen ihn finden würden.

Merkur versuchte aufzustehen und musste sich am Bett festhalten. In seinem Kopf hämmerten die Bergleute und anscheinend hatten die Ärzte irgendein perverses Experiment an ihm ausprobiert, denn er war sich sicher, dass seine Beine aus Gummi bestanden. Merkur biss die Zähne zusammen und schwankte zu dem kleinen Bad am anderen Ende des Zimmers.

Er schlüpfte in die kleine Nasszelle und drehte den Hahn auf "eiskalt". Ein Keuchen entfuhr ihm, als der Wasserstrahl ihn traf. Erst als sein Kopf wieder klar war, stellte Merkur das Wasser ab. Die Nachwirkungen einer Visionen waren durchaus mit einem ausgewachsenen Kater vergleichbar, aber sie hielten wenigstens nicht so lange. Nur sein Körper würde einige Tage noch geschwächt sein. Das war ein weiterer Grund, warum er so hart trainierte, er musste jederzeit mit einer Vision rechnen. Mit geschlossenen Augen entledigte er sich des vollkommen durchnässten Nachthemdes, das Licht tat zu sehr in seinen Augen weh, um diese zu öffnen.

Erst im Zimmer zurück öffnete er sie wieder. Hier war wenigstens nicht die grelle Neonröhre, die das Licht in dem kleinen Bad so unerträglich machte. Noch immer leicht schwankend ging er zu seiner Tasche und öffnete sie. Er hatte Glück, nicht nur sein Trainingsdress, sondern auch seine normale Kleidung war darin. Schnell zog er sich Jeans und sein schwarzes Hemd an, als ihm etwas klar wurde.

Er wusste nicht, wo er den Weißhaarigen finden sollte. Es war eindeutig ein Hotel gewesen und Merkur hätte wetten können, dass es in dieser Stadt war. Er hatte bisher noch nie etwas gesehen, was er nicht hätte verhindern können. Merkur verdrängte den Gedanken erstmal nach hinten. Erst musste er aus diesem Krankenhaus raus.

Der Junge warf noch einen prüfenden Blick in den Spiegel. Sein Gesicht war weiß, aber er konnte als gesund durchgehen, wenn ihn niemand sah, der wusste, dass er eigentlich in dem Bett liegen sollte. Schnell wandte er den Blick wieder von seinem Spiegelbild. Seine Augen hatten ein beinahe sanftes Nachglühen gehabt, das ihm Angst machte. Immer nach einer Vision wollte ihn niemand anschauen, weil seine Augen die Menschen ängstigen, selbst ihn.

Vorsichtig öffnete Merkur die Türe. Auf dem Gang war niemand zu sehen. Er schloss kurz die Augen und rief sich ins Gedächtnis, wo die Fahrstühle sein müssten. Das letzte Mal war er vor 2 Jahren in diesem Teil des Krankenhauses gewesen, aber so etwas konnte sich wohl kaum ändern. Schnell lief er den Gang entlang und wandte sich an seinem Ende nach rechts. Heftig aend kam er bei den Fahrstühlen an. Er musste nicht lange warten, bis eine Kabine ankam. Dann verließ ihn sein Glück. In der Kabine stand die Schwester, die ihn beim Aufwachen begrüßt hatte.

Sie öffnete den Mund um etwas zu sagen, aber Merkur hatte schon auf den Türe-schließen-Knopf gedrückt. Lautlos glitten die Türen des Fahrstuhls vor seinen Augen wieder zu, anscheinend war die Schwester zu erstaunt und wütend gewesen um sie daran zu hindern. Einen Moment fragte Merk sich, wann seine Glücksträhne wohl nachlassen würde, er hoffte, dass es nicht allzu bald wäre, er konnte im Moment jedes Fitzelchen Glück gebrauchen, das er kriegen konnte.

Mit Schwung drehte Merk sich um und rannte zum Treppenhaus. Immer zwei Stufen auf einmal nehmend raste er nach unten. Erst in der Tiefgarage stoppte er wieder und riss die dortige Feuerschutztüre auf. Seine Füße fanden beinahe von alleine den Weg nach zum Ausgang. Sein Atem ging so schnell, als wäre 2 Stunden so gerannt und Merk war wieder einmal dankbar für sein Training.

Noch während er rannte, zog Merkur sein Handy aus der Hosentasche und klappte es auf. Auf dem Vorplatz des Krankenhauses wandte er sich nach rechts und verschwand in einer Seitengasse. Er kannte die Gegend hier und die Leute im Krankenhaus würden kaum ein Suchkommando nach ihm losschicken. Noch während des Laufens tippte Merkur eine Nummer in sein Handy. Er speicherte nie eine Nummer, sondern merkte sich jede einzelne. Nicht dass sich jemand für die Nummern interessiert hätte, die er normalerweise anrief, er wollte nur sicher gehen

"Merkur?", fragte die Stimme am anderen Ende sofort. "Es ist wieder passiert", rief Merkur anstatt einer Begrüßung. Sein Gesprächspartner fluchte. "Wie schlimm?" Merkur grinste im Laufen. Zill wusste sofort, was er meinte und wahrscheinlich konnte er ihm auch die nötigen Informationen beschaffen. "Ich war 2 Stunden weg und bin gerade aus dem Krankenhaus getürmt", antwortete er ruhig.

Zill pfiff durch die Zähne. "Nich schlecht. Wie viel Zeit hast du noch?", fragte er genauso ruhig. Merkur warf einen Blick auf den Himmel. "Nicht mal mehr eine halbe Stunde. Aber ich weiß nicht wohin." Wieder fluchte Zill. "Wenn du im Marienhospital warst, bist du ganz in meiner Nähe. Lauf zur Lerchengasse, ich fahr dir entgegen. Und erzähl mir derweil, was du gesehen hast. Vielleicht kenn ich den Ort." Merkur nickte zu sich selbst, drehte um und lief in die Richtung zurück, aus der er gekommen war. Bei der nächsten Kreuzung lief er nach links in eine Nebengassee, die zur Lerchengasse führte.

Die ganze Zeit beschrieb er Zill das Hotelzimmer, das er gesehen hatte. Gerade als er fertig war, entdeckte er Zill, der ihm auf seinem Fahrrad entgegen kam. Merkur schaltete das Handy aus. Zill schaute etwas blöd auf seines, dann hob er den Kopf und erblickte Merkur. Merkur beschleunigte noch einmal und kam knapp vor Zill zum Stehen. "Fällt dir was ein?", fragte er sofort, schwer atmend. Zill grinste und reichte ihm erstmal eine Wasserflache, die an seinem Fahrrad festgemacht war. "Es müsste das Callgari sein. Das wurde erst vor einem Jahr renoviert. Der Besitzer liebt Pflanzen, er hat selbst auf dem Dach einen Garten anlegen lassen. Sonst fällt mir nichts ein", sagte er, während Merkur trank.

Seine kurzen blauen Haare standen in Spikes von seinem Kopf. Seine Kleidung war nachtschwarz und mehrere Ringe zierten sein Ohr. "Es ist nicht allzu weit von hier. Mit dem Fahrrad vielleicht 20 Minuten." Merkur verzog das Gesicht. "Dann brauche ich dein Fahrrad", sagte er bestimmt. Zill nickte und lächelte ihn an. "Klar Schätzchen, für meinen kleinen Übersinnlichen tu ich doch alles." Noch während er sprach, stieg er vom Fahrrad und schob es zu Merkur. Der verdrehte die Augen.

"Danke Zill. Ich ruf dich wieder an." Er schwang sich auf das Fahrrad seines Kumpels und fuhr los. Dass Zill ihm hinterher winkte, sah Merkur schon nicht mehr. Er raste die Straßen entlang, als wäre der Teufel persönlich hinter ihm her. Merkur kannte die Stadt wie seine Westentasche. Er hatte sich vor Jahren mal zwei Wochen Zeit genommen und war in der Stadt herumgeirrt. Er war in jeder Straße gewesen, hatte in jede Kneipe und jedes Kino geschaut. Er hatte sich angeschaut, wo welche Menschen verkehrten und war in jedes Kino gegangen, ohne sich einen Film anzuschauen. Danach hatte er die Stadt in und auswendig gekannt, jedenfalls von außen. Von innen kannte er die Häuser natürlich nicht.

Er hatte keinen Ort vergessen, jeden hätte er aus dem Gedächtnis genau beschreiben können. Merkur vergaß nie etwas. Das war in den meisten Fällen sehr gut, aber manchmal auch sehr schmerzhaft. Jetzt konnte er kleinere Nebenstraßen nehmen, um schneller zu sein. Mehr als einmal schnitt er einem Auto die Vorfahrt ab. Einmal rettete ihn nur eine Kurzvision das Leben. Merkur wäre beinahe in einen Laster gerast, hätte er ihn nicht früher gesehen, als es eigentlich möglich gewesen wäre.

Keine 20 Minuten nachdem er aus dem Krankenhaus abgehauen war, kam Merkur vor dem Hotel an. Er bremste so hart, dass die Bremsen seltsame Geräusche von sich gaben, die wenigen Passanten drehten sich verwundert nach dem jungen Mann um. Doch er achtete nicht auf sie. Merkur hielt sich nicht damit auf das Fahrrad abzuschließen, sondern lehnte es nur an die Wand.

Er stürmte sofort in die Eingangshalle und rannte zu der Rezeption. Die Frau dahinter sah ziemlich erschrocken aus. Merkur keuchte, er stützte sich einen Moment mit den Händen auf den Knien ab. Schweiß lief ihm in Bächen über die Stirn, schnell wischte er ihn mit einer fahrigen Handbewegung wieder ab. "Sind. sind ihre Zimmernummern nach Stockwerken geordnet?", fragte er, seinen Redefluss immer wieder durch heftiges Atmen unterbrechend. Die Frau hinter der Rezeption sah ihn verstört an. "Ja, aber."

Merkur hörte schon nicht mehr, was sie noch sagen wollte. Er rannte schon auf das Treppenhaus zu. Treppen waren ihm lieber als Fahrstühle, sie waren schneller. Die Tür war nicht abgeschlossen, verwundert registrierte Merkur nebenher, dass auch sie grün war, anscheinend hatte der Besitzer einen ziemlich seltsamen Geschmack. Aber er hatte eindeutig keine Zeit sich über solche Sachen Gedanken zu machen. Immer zwei Treppenstufen auf einmal nehmend rannte er nach oben.

Trotz seiner guten Kondition hätte er die drei Stockwerke nicht geschafft. Bei jedem Absatz warf Merkur einen Blick aus dem Fenster. Es wurde immer dunkler, seine Zeit lief ab. Als er endlich oben angekommen war, war Merkur sich sicher nicht mehr als 10 Minuten zu haben, bis diese seltsamen Männer das Zimmer 307 überfallen würden. Er sprintete wieder los.
Vor der Zimmertür kamen ihm die ersten Zweifel. Was, wenn hier gar niemand wohnen würde? Was sollte er sagen um ihn dazu zu bewegen, das Zimmer zu räumen? Was, wenn sich seine Visionen zum ersten Mal getäuscht hätten?

Entschlossen atmete Merkur einmal tief durch und schob alle Zweifel beiseite. Darum würde er sich kümmern, wenn sie einträfen. Er klopfte an die Tür. "Entschuldigen sie, Herr Mystra? Zimmerservice", rief er laut. Hinter der Tür hörte er etwas herunterfallen. Jemand warf sich von der anderen Seite gegen die Tür. "Wie haben sie mich gefunden?", rief eine junge, ängstliche Stimme. Merkur runzelte die Stirn. Seine Taktik schien nicht funktioniert zu haben. Woran hatte der Typ nur erkannt, dass er nicht der Zimmerservice war?

Mystra zitterte hinter der Tür. Er hatte gerade herausgefunden, wo es am Besten wäre Merkur zu treffen und schon hatten diese Mistkerle ihn entdeckt. Er wusste, was geschehen würde, wenn die Kinder des Himmels ihn in die Finger bekommen würden. Vor allem was geschehen würde, wenn sie Merkurs jetzige Adresse herausbekommen würden. Er würde sich eher umbringen als den Jungen in Gefahr zu bringen. Mit seiner ganzen Kraft stützte er sich gegen die Tür, mit einer Hand die Adresse fest an die Brust gepresst.

Wie konnten sie nur so bescheuert sein und ihn mit seinem richtigen Namen anreden? So dumm waren sie doch sonst nicht! "So leicht bekommt ihr Mistkerle mich nicht. Und Merkur werdet ihr auch nicht bekommen", schrie Mystra wütend. Ihm fiel nur eine Möglichkeit ein sich zu verteidigen. Aber er würde jede einzelne von ihnen ausprobieren. Sie würden ihn entweder tot oder gar nicht bekommen!

Leise trat Mystra einen Schritt von der Tür zurück und hob seine Hände. Er betrachtete den Zettel in seiner Hand. Wenn es sein musste, würde er Merkurs Adresse eher vernichten, als sie den Himmelskindern überlassen. Aber jetzt noch nicht, sein Gedächtnis war zu schlecht und er wusste nicht, wann er es wieder schaffen würde diese Adresse in die Hand zu bekommen.

Langsam wurde es Merkur zu bunt. Er wollte den Mann dort drinnen retten und ihn nicht fertig machen. Außerdem wollte er wissen, was der Kerl mit ihm zu tun hatte. Er trat einen Schritt zurück und warf sich mit aller Gewalt gegen die Tür. Da niemand mehr hinter der dünnen Hoteltür stand, gab diese sofort nach. Merkur stolperte in den Raum.

Mystra lenkte die magische Energie, die er aufgebaut hatte, sofort um, als er erkannte, dass niemand von der Sekte die Tür eingeschlagen hatte. "Scheiße!", schrie er erschrocken auf. Hell leuchtend verließ der Energieball seine Hände, Mystra schloss geblendet die Augen und hoffte nur noch, dass er den Eindringling verfehlt hätte. Mit einem Zischen schlug der Energieball in die Wand neben der Tür und hinterließ ein kopfgroßes rundes Brandloch. Das Zimmer war für kurze Zeit von einem beißenden Rauchgeruch erfüllt, der den beiden Männern Tränen in die Augen trieb.

Merkur richtete sich auf und starrte einen Moment fassungslos auf das Loch in der Wand, dann wandte er sich dem Weishaarigen wieder zu. "Damit solltest du vorsichtig sein. Das könnte ins Auge gehen und ich wette, dann ist nicht mehr viel von dem Auge übrig", sagte er voller Ernst. Irgendwie schaffte er es nicht, verwundert zu sein. Vielleicht war es auch einfach nur der Schock.

Mystra starrte den Eindringling schweigend an. Sein Gesicht war käseweiß und er taumelte einen halben Schritt zurück. "Ich hätte dich umbringen können", flüsterte er vollkommen entsetzt. Merkur warf noch einen Blick auf das Brandloch. Er zuckte mit dem Schultern. "Hast du aber nicht", meinte er lakonisch. Sein Blick fiel auf den Zettel in Mystras Hand. "Verdammt, du hast die Adresse schon aufgeschrieben. Wir müssen hier sofort weg!", rief er aus.

Verdattert warf Mystra einen Blick auf den Zettel. "Wie bitte?", fragte er entsetzt. Er wich noch einen Schritt zurück. Mystra stieß mit den Kniekehlen gegen das Bett und fiel so automatisch darauf. Er starrte auf den fremden Jungen, der soeben seine Zimmertür eingetreten hatte.

Merkur beachtete ihn nicht weiter. Er hatte schon früher mitbekommen, dass es wenig brachte zu erzählen, dass er wegen einer Vision hier war und warum man besser tat, was er sagte. Die Leute glaubten einem so etwas nie. Stattdessen griff er nach den Sachen des Zauberers und schmiss sie in die Tasche, die neben dem Bett stand.

Mystra schaute ihm einen Moment geschockt zu, dann fing er sich wieder. "Was soll das? Du kannst doch nicht einfach hier reinkommen und meine Sachen nehmen", schrie er wütend. Merkur musterte ihn kurz, schwieg aber. "Wir müssen hier weg, entweder kommst du freiwillig, oder ich brauche Gewalt", sagte er ernst. Mystra starrte ihn an. "Wie käm ich denn dazu? Natürlich werde ich nicht einfach mit dir gehen. Du könntest ein Kind des Himmels sein." Seine Stimme überschlug sich fast.

Merkur hatte sich schon wieder seinen Sachen zugewandt. "Ich glaube, es ist besser, wenn du nichts zurück lässt", murmelte er. Mystra sah ihn entsetzt an. "Sag mal, spinnst du?" fragte er. Langsam hatte er das Gefühl, vor einem Geisteskranken zu stehen.
Merkur sah ihm ernst in die Augen. Er glaubte, schon die Schritte der Männer zu hören. "Ich kann es dir nicht erklären. Bitte vertrau mir einfach." Die Stimme des Schwarzhaarigen nahm einen fast flehenden Ton an.

Mystra schaute nachdenklich in die hellblauen Augen, die ihm so bekannt vorkamen. Schließlich nickte er, fast vorsichtig. Mehr Bestätigung hatte Merkur nicht erwartet, er packte sich Mystras inzwischen volle Tasche und griff nach seinem Handgelenk. Mystra gab ein erschrockenes Keuchen von sich, der Zettel entglitt ihm seiner Hand, doch noch bevor er danach greifen konnte, hatte Merkur ihn schon aus dem Zimmer gezerrt.

Merkur schaute sich auf dem Gang keine Sekunde lang um. Er schlug sofort den Weg entgegengesetzt zum Treppenhaus ein. Dorther würden die Männer kommen und er wollte ihnen nicht in die Arme laufen. Mystra wehrte sich zum Glück nicht mehr. Merkur hatte sein Handgelenk umklammert, als würde er es nie wieder loslassen wollen. Während sie den Gang hinunterstolperten, probierte Merkur jede Tür, an der sie vorbeikamen. Keine von ihnen ließ sich öffnen. Er fluchte leise, ihm Gang gab es nichts, wo sie sich verstecken würden können.

Merk verzog das Gesicht zu einer Grimasse. Jetzt konnte er wirklich die Schritte der Männer hören. "Scheiße, verdammte." Sie waren am Ende des Flures angekommen, nicht mal 50m von Mystras Zimmertür entfernt. Dort war nichts weiter als ein kleines Fenster, das auf einen Seitenhof hinunterging. Merkur versuchte den letzten Türknauf zu drehen, aber auch der ließ sich nicht bewegen. Er ließ die Tasche fallen und drehte sich zu Mystra um. "Hier kommen wir nicht weiter. Ich hab gesehen, dass du zaubern kannst. Kannst du uns verstecken?", fragte er außer Atem.

Mystra schüttelte den Kopf. Er schien immer noch nicht zu wissen, woran er war. Völlig verstört sah er Merkur an. Dieser fluchte schon wieder und schob den Zauberer hinter sich. Wenn es zu einem Kampf kommen sollte, war er wahrscheinlich besser trainiert. /Warum mach ich das eigentlich?/
Noch bevor er eine Antwort auf seine Frage finden konnte, öffneten sich die Fahrstuhltüren mit einem leisem Pling, kurz danach stürmten Männer in schwarzen Anzügen aus dem Fahrstuhl.

Merkur fluchte leise und wollte sich wieder in Kampfstellung aufstellen, als ihn etwas an Arm packte und zur Seite zog. Der Schwarzhaarige verlor das Gleichgewicht und knallte auf den Boden. Er verlor kurzzeitig die Orientierung und schüttelte den Kopf. Langsam hörte das Zimmer wieder auf sich zu drehen, Merk bekämpfte seine Übelkeit. Er sollte sich nach einer so starken Vision wirklich nicht so sehr anstrengen.

Eine Tür wurde leise ins Schloss geworfen. Mystra lehnte sich dagegen und atmete langsam aus. Er hatte nicht verstanden, was der Junge wollte, bis er die Sektenmitglieder aus dem Fahrstuhl hatte stürmen sehen. Als ihm endlich klar geworden war, warum er auf den Schwarzhaarigen hören sollte, hatte er einen Energiestoß durch das Schloss der Tür geschickt. Dieser hatte wie ein Schlüssel gewirkt. Der Weißhaarige schaute auf den am Boden liegenden Jungen und lächelte über dessen verwirrten Gesichtsausdruck. Merkur rappelte sich wieder auf, aber blieb gleich auf dem Boden sitzen, jetzt wo das Adrenalin langsam wieder abklang, wurden die Nachwirkungen seiner starken Vision wieder fühlbar. Die Bergarbeiter in seinem Kopf fingen auch schon wieder an ihre Hämmer zu schwingen.

Mystra schaute sich kurz im Zimmer um. Nirgends standen Gepäckstücke, das Bett war nicht bezogen und die Vorhänge waren zugezogen, anscheinend war das Zimmer unbewohnt. /Wenigstens etwas klappt./ Er bemerkte, wie Merkur das Gesicht verzog und schmerzvoll die Augen schloss. Schnellstens war er bei seinem seltsamen Retter. "Ist alles in Ordnung mit dir?", fragte er sorgenvoll. Merkur nickte bloß, seine Kopfschmerzen machten es ihm im Moment unmöglich zu antworten. Dennoch versuchte er sie so gut wie möglich zu ignorieren.

Als er die Augen öffnete, waren sie wieder kalt wie Eis. "Ich will erstmal wissen, wer du bist und woher du mich kennst", sagte Merkur in befehlenden Tonfall. Die Übelkeit und die Schmerzen hatte er ganz nach hinten in sein Bewusstsein geschoben. Erschrocken über die Veränderung wich Mystra einen halben Schritt zurück. Der Junge vor ihm hatte auf einmal fast die gleiche Ausstrahlung wie Venus. Vor allem machte er ihn genauso unsicher wie sie.

"Wieso soll ich dich kennen? Du hast mich doch gefunden", stotterte er. Merkur zog die Augenbrauen zusammen und rappelte sich auf, seine Laune war rapide am Sinken und seine Kopfschmerzen steigerten sie nicht unbedingt. "Ach, du kennst mich nicht? Du weißt meine Adresse und hättest den Männern gesagt, dass ich anders bin. Du musst mich ausspioniert haben und das mag ich gar nicht", zischte er den Kleineren wütend an.

Mystra zuckte bei jedem Wort zusammen. Der Junge hatte wirklich Ähnlichkeit mit der Himmelsweisen. "Deine Adresse? Wieso >hätte< ich ihnen gesagt? Ich bin diesen Männern doch gar nicht begegnet." Merkur seufzte und ließ sich aufs Bett fallen. Er starrte den Weißhaarigen aus eisigen Augen an. "Du hättest ihnen gesagt, dass ich anders bin, wenn du ihnen begegnet wärest. Oder meintest du vielleicht der Planet wäre anders?", knurrte er im bissigen Ton. Er dachte nicht einen Moment daran, dass Mystra vielleicht gar nicht verstehen würde, was er sagte, zu sehr war er damit beschäftigt seinen körperlichen Zustand nicht zu zeigen.

Mystra starrte den Jungen an. "Merkur?", flüsterte er leise. Merkur verdrehte die Augen. "Derselbige", meinte er trocken. Die Reaktion, die er damit bei Mystra hervorrief, erstaunte ihn. Die grünen Augen des Magiers weiteten sich überrascht, er öffnete den Mund, ohne etwas zu sagen, schloss ihn wieder, öffnete ihn wieder und ließ ihn schließlich offen stehen.

Er wich einige Schritte von Merkur zurück, bis er mit dem Rücken an der Tür stand. Merkur runzelte die Stirn, er verstand nicht, was hier los war und langsam hatte er auch genug davon. Wütend wollte er Mystra anfahren, als vom Flur draußen schwere Schritte erklangen. Jemand pochte anscheinend mit der geschlossenen Faust an die dünne Türe. Erschrocken schrie Mystra auf und sprang wieder einen halben Schritt auf Merkur zu. Draußen erklang ein leises Lachen, dann eine tiefe, laute Stimme

"Entschuldigen Sie bitte, aber wir suchen einen flüchtigen Verbrecher, er hält sich in diesem Hotel auf, ist aber anscheinend geflüchtet, kurz bevor wir ihn fassen konnten. Könnten wir kurz hereinkommen und ihr Zimmer durchsuchen?" Mystra begann zu zittern. Merkur sah ihn irritiert an. War er ein Verbrecher auf der Flucht? Sollte er ihm dann helfen? Seine Vision kam ihm in den Sinn. Mystra war aus irgendeinem Grund wichtig für ihn, sonst hätte er nie so eine starke Vision von dem Weißhaarigen gehabt. Außerdem hatte er ihm schon geholfen, er würde jetzt nicht damit aufhören.

"Einen Moment bitte", schrie er nach draußen. Mystras Augen weiteten sich wieder, diesmal vor Angst, sein Gesicht wurde aschfahl. "Bitte verrate mich nicht", flüsterte er leise. Merkur schüttelte den Kopf und lief zum Fenster. Er schob die Gardinen zur Seite und warf einen Blick hinunter, seine Hoffnungen schwanden. Es ging drei Stockwerke glatte Wand hinunter, außerdem stand unten ein schwarzer Mercedes, neben ihm zwei Männer in schwarzen Anzügen.

Merkur fluchte wieder leise, er hatte auf eine Feuerleiter, oder etwas Ähnliches gehofft. Suchend sah er sich im Zimmer um. Wie alle Hotelzimmer in diesem Hotel war es in Grüntönen eingerichtet.
Ein Doppelbett stand an der einen Seite des Raumes, es war allerdings nicht bezogen. Auf jeder Seite des Bettes stand ein kleiner Nachttisch mit einer Lampe darauf, auf einem war außerdem ein Telefon. Ein kleiner Tisch und zwei Stühle standen neben dem Fenster.

Daneben, gegenüber dem Bett, war die Tür zum Badezimmer. Merkur wusste aus Erfahrung, dass dort kein Versteck zu finden war. Neben der Tür stand allerdings ein großer Kleiderschrank, der seine Aufmerksamkeit erregte. Er bedeutete Mystra sich daneben zu stellen. Der Magier sah ihn stirnrunzelnd an, tat aber was der jüngere verlangte. Merk schloss die Augen und versuchte in die Zukunft zu sehen. Bilder blitzten vor seinem inneren Auge auf, er sah nicht nur, das, was geschehen würde, sondern jede Möglichkeit, die die Zukunft für die nächsten 10 Minuten bereithielt.

Er sah sich selbst diesen Leuten den Zutritt verweigern, daraufhin schlugen sie die Tür ein und traten mit gezogenen Waffen ins Hotelzimmer, sie würden Mystra finden und ihn niederschlagen. Merkur sah tausend Möglichkeiten, wie er sich verhalten konnte, wie die anderen sich verhalten könnten. Als er wenige Sekunden später die Augen wieder öffnete, waren seine Kopfschmerzen auf ein langsam unerträgliches Maß angewachsen und er wusste, was er tun musste, um Mystra und sich selbst zu schützen. Noch einmal würde ihm dieser Trick heute nicht gelingen, das wusste er mit Sicherheit, jetzt waren seine Energien endgültig ausgetrocknet. Wahrscheinlich würde es einige Tage dauern, bevor er sich überhaupt wieder wohl fühlen würde.

Schnell stellte er Mystra Reisetasche in den Schrank und nickte dem Magier, der daneben stand aufmunternd zu. Dann hob er noch mal den Finger an die Lippen, um ihn dazu zu bringen wirklich still zu sein. Mystra schien einen Moment zu überlegen, schließlich nickte er und schloss die Augen. Merkur lächelte kurz bei dem Anblick, dann ging er zur Tür.
Schwungvoll riss er sie auf. "Entschuldigen Sie, dass es so lange gedauert hat, aber ich musste ein dringendes Telefonat beenden."

Er deutete mit der Hand hinter sich auf das Telefon. Merkur stutzte kurz, er war es gewöhnt größer als andere Menschen zu sein, aber dieser Mann war sogar noch 5 Zentimeter größer als er selbst. Seine hellgrünen Augen bohrten sich in die Merkurs. Er schien jedem Menschen von vornherein zu misstrauen. Seine schwarzen glatten Haare waren im Nacken zu einem Zopf zusammengebunden, seine Haut war weiß wie Papier. Sein schwarzer Anzug sah wie für ihn geschneidert aus und wirkte er sehr teuer, allerdings schien der Mann sich darin nicht sehr wohl zu fühlen.

/Er muss mir ähnlich sehen./ schoss es Merkur durch den Kopf. Er setzte ein falsches Lächeln auf, doch der Mann reagierte nicht darauf. "Wir suchen einen flüchtigen Verbrecher, der in diesem Hotel untergekommen ist. Dürfen wir ihr Zimmer durchsuchen?" Es klang nicht wie eine Frage, sondern wie ein Befehl. Der Mann hatte eine schneidende Stimme und man hörte heraus, dass er es nicht nur gewohnt war, Befehle zu geben, sondern auch, dass diese ohne Widerspruch befolgt würden. Merkur runzelte die Stirn. "Natürlich Mister, aber könnte ich zuerst ihren Dienstausweis sehen?" Sein Lächeln war verschwunden und man konnte jetzt deutlich Merkurs Misstrauen aus seiner Stimme heraushören.

Der Mann runzelte de Stirn, griff aber unter sein Jackett und zog eine kleine schwarze Brieftasche heraus. /Hat der denn keine anderen Farben?/ schoss es Merk unwillkürlich durch den Kopf. Der Fremde ließ die Brieftasche aufspringen und zeigte seinen Ausweis, zu kurz um den Namen darauf zu erkennen. Sofort änderte sich Merkurs Verhalten. Er lächelte freudestrahlend, anscheinend froh, der Polizei helfen zu können. Schwungvoll öffnete er die Tür so weit, dass sie gegen den Schrank schlug. Genau wie geplant war Mystra nun hinter der Tür und dem Schrank eingeklemmt. Merkur hoffte, dass dies reichen und der Magier keinen Laut von sich geben würde.

Er selbst blieb vor der Tür stehen, in der Hoffnung, dass die Männer, die jetzt ins Zimmer stürmten, nicht auf die Idee kämen, die Tür wieder zu zumachen. Er hörte Mystra hinter sich atmen, sein eigenes Herz schlug bis zum Hals hinauf und es fiel ihm schwer äußerlich kühl zu bleiben. Seine Übelkeit und die Kopfschmerzen halfen ihm auch nicht gerade dabei. Der Anführer winkte die Männer in bestimmte Richtungen des Zimmers. Alle schienen zu wissen, worauf es ankam. Erstaunt beobachtete Merkur, wie die Leute alle Schränke öffneten, selbst die, die zu klein waren, um auch nur einem Kind ein Versteck zu bieten.

Schweigend beobachteten er und der Anführer die Szenerie eine Weile. Schließlich drehte der Schwarzhaarige sich zu Merkur um. "Darf ich fragen, warum das Bett nicht bezogen ist und ihre Reisetasche zwar im Schrank steht, aber nicht ausgepackt ist?", fragte er drohend. Merkurs Herzschlag beschleunigte sich noch mal wesentlich. Alleine das Wissen, dass Mystra hinter ihm, ihm sein Leben anvertraute, ließ ihn nicht durchdrehen. "Ich weiß zwar nicht, was sie das angeht, aber ich bin gerade erst angekommen. Dies ist eines der letzten Zimmer, das frei war. Ich wollte es schnell haben, deswegen hatte das Personal wohl keine Zeit mehr, das Bett zu beziehen. Und ich hatte noch keine Zeit auszupacken", sagte er, plötzlich wieder ganz kalt, die Augen gespielt unwillig zusammengekniffen. Der Mann vor Merkur sah ihn prüfend an, aber Merkur wich seinem Blick nicht aus.

Schließlich nickte der Anführer und winkte seinen Leuten zu. Diese trabten unverzüglich aus dem Zimmer. Sofort wurde Merkur klar, dass diese Menschen unmöglich zur Polizei gehören konnten, sie benahmen sich eher wie Soldaten. "Wenn sie den Verbrecher sehen, sagen sie uns bitte Bescheid. Er ist leicht zu erkennen, obwohl er erst 22 ist, hat er weiße Haare." Der Schwarzhaarige reichte Merkur eine kleine Visitenkarte. "Wenn sie ihn sehen, rufen sie bitte sofort diese Nummer an, und passen sie auf, er ist gefährlich." Merkur lächelte wieder freundlich. "Ich hoffe, sie kriegen ihn bald", meinte er zum Abschied. Der Schwarzhaarige nickte und verließ in steifen Gang das Zimmer. Die Zimmertür rastete mit einem leisen Klicken hinter ihm ein.

"Arschloch!", murmelte Merkur. Dann drehte er sich wieder zu Mystra um. Der sah ihn groß an. Merkur sagte nichts, sondern ging zu dem Kleiderschrank. Innerlich zählte er die Sekunden. Sein Kopf dröhnte, wie der Bass bei einem Metallicakonzert, aber noch waren sie nicht außer Gefahr. Als er sich bückte um die Tasche aufzuheben, erschienen schwarze Flecken vor seinen Augen. Merkur verharrte in der gebückten Haltung den Arm nach der Tasche ausgestreckt, das Gesicht vor Schmerz verzerrt. /Nur noch ein kleines Weilchen, dann kann ich ausruhen./

Wie von weiter Ferne hörte er Mystras sanfte Stimme. "Merkur, ist alles in Ordnung mit ihnen? Was ist los?" Merkur griff nach der Reisetasche und lächelte gequält. "Zu viele Visionen hintereinander. Ich werde die nächsten zwei, drei Tage nicht mehr freiwillig in die Zukunft sehen." Er sprach leise, selbst laute Geräusche bereiteten ihm noch mehr Schmerzen. Mystra sah ihn erstaunt an. Merkur war anders, als die anderen seiner Art. "Wollen sie sich dann nicht besser ausruhen", fragte er ängstlich um Merkurs Gesundheit besorgt.

Merkur runzelte die Stirn und sah den Magier an. Dieser hatte den Kopf gesenkt und schaute ihn ängstlich aus den Augenwinkeln an. Als er bemerkte, dass Merkur ihn offen ansah, verbeugte er sich beschämt. "Entschuldigen Sie bitte, ich wollte nicht respektlos sein." Merkur starrte einen Moment irritiert auf den Weißhaarigen. Dann zuckte er mit den Schultern, sie konnten alles später klären, jetzt war erstmal etwas Anderes wichtiger. Er griff endgültig nach der hellbraunen Reisetasche und schloss die Schranktüren.

"Wir müssen sofort hier weg", sagte er, während er schon die Hand nach der Türklinke ausstreckte und sie ohne weiter auf Mystra zu achten öffnete. Merkur spähte über den Flur. Alles war ruhig. Nichts deutete auf die seltsamen Männer hin, die kurz zuvor das Hotel durchkämmt hatten. Merkur warf einen letzten aufmunternden Blick auf Mystra, dann lief er schnell den Flur entlang. Mystra rannte hinter dem seltsamen Himmelskind hinterher.

Er verstand nicht ganz, warum sie weiter fliehen mussten, aber seit seiner Geburt hatte er gelernt, Himmelskindern zu gehorchen und es fiel ihm immer noch schwer diese Verhaltensweise zu ändern. Mystra war wesentlich kleiner als Merkur. Wenn dieser lief, musste er anfangen zu rennen. Merkur stoppte vor der Treppenhaustür und horchte mit einem Ohr daran. Nichts war hören. Er öffnete die Stahltür und horchte noch mal die Treppen rauf und runter. Diesmal konnte er sie hören.

Von unten kamen Schritte. Es waren nicht die Schritte eines normalen Gastes, der zur körperlichen Erbauung die Treppe und nicht den Fahrstuhl genommen hatte, es waren militärisch korrekte Schritte, die genau aufeinander abgestimmt die Treppe hinaufliefen. Merkur konnte nicht sagen, wie viele Leute von unten kamen, da sie alle zur gleichen Zeit auftraten.

Er biss sich auf die Lippen, während er innerlich diese Leute mit tausend Flüchen belegte. Merk schaute zu Mystra, der an der Tür stand. Sein Gesicht zeigte Merkur deutlich, dass er wusste, was da auf sie zukam. Es war aschfahl. Merkur deutete nach oben und bedeutete ihm leise zu sein. Mystra nickte, doch er lief nicht los. Merkur schüttelte den Kopf, er deutete wieder nach oben, dann auf den Magier. Endlich begriff Mystra, dass er vorgehen sollte. Er nickte und schlich die Treppen so schnell, wie er es ohne Laut konnte, hinauf. Merkur wartete einen Moment, dann lief er ihm nach. Er wollte sich selbst zwischen Mystra und diesen seltsamen Leuten wissen, es erschien ihm sicherer.

Nach einer Treppe hörte er wie die Tür im dritten Stock geöffnet wurde. Merkur lief schneller. Die Männer würden bald entdecken, dass das Zimmer, das sie vor kurzem durchsucht hatten, jetzt leer war. Und zwar ganz leer, ohne Menschen und vor allem ohne Gepäck. Das Hotel hatte fünf Stockwerke, auf jedem Treppenabsatz war ein Fenster angebracht. Merkur schaute aus den zwei verbleibenden hinaus. Nirgends war eine Feuerleiter oder etwas Ähnliches zu sehen.

Er fluchte unhörbar und rannte weiter. Vor der schweren Eisentür, die auf das Flachdach führte, stand Mystra und wartete auf ihn. Merkur runzelte die Stirn. Der Magier schien, seit dem er wusste, wer er war, ständig eine Bestätigung von ihm zu brauchen. "Schnell nach draußen!", rief er wütend. Mystra zuckte zusammen und senkte den Kopf. Er öffnete die schwere Eisentür, während Merkur sich noch die letzte Treppe hoch schleppte. Wenn Merk nicht bald seine Kopfschmerzen auskurieren würde können, würde er sich lieber freiwillig diesen Typen stellen, statt weiter zu fliehen.

Mystra wartete, bis Merkur durch die Tür ging, bevor er selbst hinter ihm herkam. Merkur runzelte über das seltsame Verhalten die Stirn, sagte aber nichts. Beim Anblick der Dachterrasse blieb der Größere erstaunt stehen. Er hatte höchstens einen kleinen Park erwartet, aber das hier war kein Park, das war beinahe ein dichter Wald.

Vor ihm schlängelte sich ein Weg aus Kieselsteinen zwischen den verschiedensten Gewächsen entlang. An seinem Rand waren Lampen aufgestellt, die allerdings nur den Weg beleuchteten. Merkur lächelte, das war genau das, worauf er gehofft hatte. Neben den Weg waren die verschiedensten Büsche und Gräser angepflanzt. Zwischen dichtem Wachholder, dessen Früchte noch immer grün waren, standen Hagebuttensträucher, in voller Blüte.

Außer diesen konnte Merkur noch Johannesbeeren erkennen. Die Namen der anderen Pflanzen kannte er nicht. Was ihn Moment auch mehr interessierte als die Botanik des Dachgartens, war die Versteckmöglichkeiten, die sich in ihm boten. Er lief den Weg einige Meter entlang, dann warf er die schwere Tasche zwischen die Büsche und kroch hinterher.

Die Reisetasche immer vor sich herschiebend versuchte sich Merkur durch das Gestrüpp zu winden. Hinter sich hörte er Mystra kriechen. Fluchend kam er nach einigen Minuten auf einer kleinen Lichtung 20 Meter vom Weg entfernt an. Warum hatte der Hotelbesitzer auch unbedingt Himbeeren und Brombeeren pflanzen müssen?

Der Magier kroch noch immer hinter ihm her. In der Dunkelheit stieß er gegen Merkur, der sich müde gegen die Reisetasche gelehnt hatte. "Nicht so stürmisch", murmelte Merkur leise. Mystra zuckte sofort zusammen. "Entschuldigt, Merkur", sagte er schnell und wich sofort von dem sitzenden Schwarzhaarigen zurück. Ein leises "Autsch" war in der Dunkelheit zu hören. Merkur schlug sich gegen die Stirn, Mystra war genau in eine Brombeere gekrochen.

Merk grinste und richtete sich wieder auf, er kroch auf Mystra zu und half ihm dabei sich vorsichtig aus dem Gewächs zu befreien. Als sie endlich die Kleidung des Magiers aus den Dornen befreit hatten, fing Merkur an zu kichern. Mystra sah ihn erstaunt an, aber Merkur hörte einfach nicht auf vor sich hin zu lachen. Sein Körper hatte haufenweise Adrenalin produziert und irgendwie musste er es wieder loswerden.

Irgendwann fing auch Mystra an zu grinsen, das Himmelskind gefiel ihm, Merkur war so natürlich, anders als alle Himmelskinder, die er bisher kennen gelernt hatte. Als Merkur sich wieder beruhigt hatte, hatte er Tränen in den Augen. Er legte den Kopf in den Nacken und versuchte durch das Blätterdach den Mond zu erkennen, um wenigstens eine ungefähre Vorstellung der Zeit zu haben. Zu seiner Verwunderung konnte kaum eine Stunde vergangen sein, seitdem er im Hotel angekommen war.

Verwirrt runzelte er die Stirn, es schien zu viel geschehen zu sein, als dass eine Stunde ausgereicht hätte um alles zu fassen. Schweigend schauten die beiden jungen Männer sich eine Weile an. Keiner wusste, was er sagen, oder wie er anfangen sollte. Schließlich ergriff Mystra das Wort. "Ich danke ihnen, Merkur", sagte er vorsichtig. Merkur runzelte die Stirn. "Kannst du bitte mit dem ,Sie' aufhören? Bevor du meinen Namen kanntest, ging es doch auch ohne." Merkur klang leicht genervt.

Kaum dass er etwas Ruhe hatte, waren seine Kopfschmerzen zurückgekehrt. Im Moment war ihm sogar egal, woher der seltsame Mann vor ihm seinen Namen kannte und warum er ihn eigentlich gerettete hatte. Er wollte nur noch sich mit einem Aspirin sich ins Bett legen. Dass heißt, er wollte die Aspirin nehmen und dann mindestens 10 Stunden schlafen wie ein Toter.

Aber wie würden sie von diesem Hotel wegkommen? Diese Leute warteten sicher unten, er konnte sich jedenfalls nicht vorstellen, dass sie einfach so aufgegeben hatten. Diese Männer hatten nicht so ausgesehen, als ob sie einfach so aufgeben würden. Müde vergrub Merkur den Kopf in seinen Händen. Er wollte einfach nur noch nach Hause. In die Siegengasse 10 zu seinen Eltern, die sich bestimmt schon Sorgen machten. In das kleine Reihenhaus am Stadtrand, wo es keine seltsamen Männer in schwarzen Anzügen gab und irgendwie alles immer in Ordnung zu sein schien.

Auf einmal wurde alles schwarz um ihn herum, Merkur begann zu zittern, er spürte seinen Körper nicht mehr, schien in der Dunkelheit zu schweben, er war wieder mitten in einer Vision.


Teil 2


Kommentar der Autorin:
Mystra hat endlich das Himmelskind Merkur gefunden, das er so lange gesucht hat, doch jemand will nicht zulassen, dass es den beiden so einfach gemacht wird.

Das Telefon auf dem mit goldenen Zeichen verzierten Schreibtisch begann mit einem leisen und melodischen Ton zu klingeln. Ein solches Gerät war teuer und niemand, der es benutzte, wollte von dem disharmonischen Schrillen eines normalen Telefons gestört werden. Nicht nur das Kommunikationsgerät oder der Schreibtisch zeigten den Reichtum des Besitzers dieser Räumlichkeiten an. Das große Zimmer war mit den edelsten und feinsten Möbeln eingerichtet, die es für Geld zu kaufen gab. Die Wände waren mit dunkelblauem Seidenstoff bespannt, obwohl die Decke ganz aus Glas bestand, was bedeutete, dass die Wandbespannung alle zwei Jahre spätestens ausgelaugt und bleich sein würde.

Nach dem zweiten Läuten blinkte ein kleines rotes Licht neben der Anzeige der Nummer auf. Sofort legte die Frau, die hinter dem Schreibtisch saß, ihren vergoldeten Füllfederhalter aus der Hand und auf eines der Dokumente, die sie gerade bearbeitet hatte. Sowohl Licht als auch die feine Melodie erstarben, als sie den Hörer an ihr Ohr hielt.
"Ja?" Die dunkle Stimme, die die Stille des Zimmers durchschnitt, wollte nicht so recht zu der feingliedrigen Person passen, der sie gehörte.

"Wir haben das Hotel gefunden, in dem die Ratte abgestiegen ist, Venus", erwiderte eine männliche Stimme am anderen Ende der Leitung. Sie klang kontrolliert und bar jeder Emotion.
Die Frau richtete sich bei dieser Information ein wenig in ihrem Stuhl auf. Mehr war jedoch nicht von ihrer Aufregung zu sehen und auch nicht in ihrer Stimme zu hören.
"Und?"

Der Mann schien einmal tief Atem zu holen, bevor er antwortete.
"Die Ratte hat sich aus dem Staub gemacht, aber dafür hat sie uns etwas dagelassen. Die Adresse, die wir brauchen. Wir haben den Wohnort des Jungen. Er scheint in einem Einfamilienhaus zu wohnen. Mit Garten und allem drum und dran. Uranus sagt, seine Adoptiveltern sind zu Hause und machen sich Sorgen. Er meint außerdem, das Innere des Hauses sähe aus, als ob Merkur wirklich etwas an seinen Eltern und seinem Haus (liegt", berichtete der Mann schnell.

Die Frau schwieg eine Zeit lang und ihr Gesprächspartner wartete geduldig, bis sie ihre nächsten Sätze formulierte.
"Ist Saturn bei euch?", fragte die Frau, anscheinend unbeeindruckt von den Nachrichten.
"Ja."
"Dann werden wir es versuchen", sagte Venus kalt.
"In Ordnung", erwiderte ihr Gesprächpartner ebenso kalt.
"Wir sind auf dem Weg", meinte die Frau. Es klang wie ein Abschiedsgruß.
"Auf unserem Weg", erwiderte der Mann in demselben Tonfall. Kurz darauf war nur noch leises Tuten aus dem Telefon zu hören.

Mit einer geschmeidigen Bewegung ließ die Frau den Hörer beinahe geräuschlos auf die Gabel gleiten. Ohne in ihrer Handbewegung zu stoppen schaltete sie die Schreibtischlampe, die die einzige Lichtquelle in dem Zimmer bildete, aus.
Langsam, fast schon genießend lehnte Venus sich in ihrem Stuhl zurück und richtete ihren Blick durch die durchsichtige Decke auf den klaren Sternenhimmel.
"Nicht mehr lange", flüstere sie leise und ihre Stimme nahm einen beinahe zärtlich sehnsuchtsvollen Klang an. Etwas, dass sie sich nur erlaubte, wenn sie alleine in der Dunkelheit saß und den Sternenhimmel betrachtete. "Nicht mehr lange…"

Mystra fröstelte, er zog die Beine eng an den Körper und schlang die Arme darum. Er starrte einen Moment lang blicklos vor sich hin, bis sich die ersten Gedanken langsam in seinem Kopf bildeten. Sie hatten ihn also gefunden. Immerhin hatte er beinahe ein dreiviertel Jahr durchgehalten. /Gar nicht so schlecht für jemanden, der diese Welt nicht mal sehen dürfte./

Er seufzte. Ein dreiviertel Jahr auf der Flucht, ein dreiviertel Jahr lang, nein eigentlich seit 14 Jahren, hatte er ihn gesucht. Das Himmelskind, das anders war als alle anderen. Und jetzt? Nach dieser langen Zeit hatte Merkur ihn gefunden. Der, den er vor der Sekte retten hatte wollen, hatte ihn gerettet. Ironie des Schicksals, wenn es so etwas wie das Schicksal überhaupt gab.

Schließlich hob er den Kopf und betrachtete das Himmelskind. Er nahm die Anspannung in dem Körper war, außerdem wie Merkur die Stirn runzelte. Plötzlich fiel es Mystra wie Schuppen von den Augen. /Er muss Schmerzen haben! Aber warum hat er nichts gesagt?/

Noch bevor der junge Magier seine Hilfe anbieten konnte, verdrehte Merkur auf einmal die Augen und klappte zur Seite. Mystra stockte der Atem, sein Herz setzte für kurze Zeit aus, nur um dann in doppelter Stärke wieder gegen seine Rippen zu schlagen. Vor Entsetzen erstarrt betrachtete der Magier das am Boden liegende Himmelskind, das sich nicht mehr rührte. Er wusste nicht, was er tun sollte, im Moment konnte er nicht mal seinen Körper dazu bringen sich zu bewegen.

Merkur war wieder in dem Zimmer 307, aus dem er Mystra herausgeholt hatte, bevor die Männer kamen. Er sah sich selbst, wie er nach Mystras Hand griff und an ihm zerrte. Aber das Bild war so unscharf, dass er es kaum erkennen konnte, weder Farben noch Geräusche waren vorhanden, dennoch sah Merkur die einzelnen Bewegungen überdeutlich. Vor allem den Zettel, der aus Mystra Hand fiel und langsam zu Boden schwebte. Gerade als die Tür ins Schloss fiel, blieb er auf dem Boden, mitten im Zimmer, liegen. Merkur starrte ihn ungläubig an.

Merkur Sanders
Siegengasse 10
Stuttgart

War gut lesbar darauf zu sehen. Merkur starrte auf die Adresse, die er so gut kannte. >Nein< hallte es in seinem Kopf wieder. Der Zettel wurde vom Boden gehoben. Merkur folgte ihm mit den Augen. Es war der Anführer dieser seltsamen Männer, der den Zettel gefunden hatte.

Ein Lächeln erschien auf seinem Gesicht. Es war weder warm noch herzlich, eher machte es Merkur Angst. <Was habe ich getan?> fragte sich der Junge noch, bevor seine Sicht verschwand. Er raste durch die Zeit. Merkur wusste, dass er jetzt nicht mehr die Vergangenheit, sondern die Gegenwart sehen konnte, vielleicht war es auch die Zukunft, aber er war sich sicher, dass es nicht die Vergangenheit war. Woher er das wusste, hätte er nicht sagen können, aber er wusste es einfach.

Er stand mitten in einem Zimmer. Ein Sofa stand unter einem Fenster, schräg gegenüber stand ein Fernseher, neben einem Kamin, in dem ein Feuer brannte. Merkur konnte weder das Knistern des Feuers hören, noch irgendeine Farbe sehen. Dennoch wusste er sofort, wo er war und das machte ihm noch mehr Angst. Ein Mann stand vor einem Schrank neben dem Sofa, eine Frau saß in einem Sessel, der auf der anderen Seite stand. Sie unterhielten sich, aber Merkur konnte nicht hören, worum es ging. Das war auch nicht wichtig für ihn, denn er wusste es schon.

Dies war sein Zuhause und das waren seine Eltern, die er kannte, seit sie ihn adoptiert hatten. Er wusste, dass sie sich Sorgen um ihn machten, deswegen würde er wohl ihr Gesprächsthema sein. Plötzlich brach die Frau in Tränen aus, der Mann war sofort bei ihr und versuchte sie zu beruhigen. Merkur wäre gerne zu ihr gegangen und hätte sie in den Arm genommen, aber er konnte sich nicht bewegen.

Plötzlich erschien ein Schatten vor dem Fenster. Jemand schien davor zu stehen. Merkur wollte seinen Eltern eine Warnung zurufen, doch noch bevor er versuchen konnte, etwas zu sagen, fing auf einmal der Teppich am Rand des Zimmers genau vor der Tür Feuer. Merkur starrte ungläubig darauf.

Es hatte einfach so angefangen zu brennen, ohne jeglichen Grund. Er wollte zu seinen Eltern rennen, ihnen zurufen, dass sie das Haus sofort verlassen mussten, aber er konnte nichts tun. Das Bild verschwamm und wurde immer unschärfer. Merkurs Kräfte ließen nach, bisher hatte nur noch seine Willenskraft dieses Bild aufrechterhalten, jetzt reichte nicht mal mehr diese aus. Das Letzte, das er erkennen konnte, war das vor Angst verzerrte Gesicht seiner Mutter und wie die Gardinen Feuer fingen, dann überlagerte ein helles Licht, das kurz aufblitzte, die Vision.

Mystra wusste nicht, wie lange er auf den unbeweglichen Jungen gestarrt hatte, er wusste nur, dass es zu lange war. Als er sich endlich aus seiner Erstarrung losreißen konnte, robbte er so schnell wie möglich auf das Himmelskind zu und kniete sich neben ihn. "Merkur? Bitte, können Sie mich hören? Ich bitte Sie inständig, antworten Sie doch!", rief Mystra leise, mit zitternder Stimme. Doch der Junge reagierte nicht, er lag nur da, seine Hände zitternden leicht, das und die kaum fühlbare Bewegung des Torsos waren das einzige, was verriet, dass das Himmelskind nicht tot war.

Mit fliegenden Fingern begann der Magier Merkur zu untersuchen. Die Atmung war flach und unregelmäßig, den Puls konnte er kaum spüren, so schwach war er. Doch was Mystras Herz beinahe wieder zum Stocken brachte, war die Eiseskälte, die von Merkurs Körper ausging und der kalte Schweiß, der sich plötzlich auf der blassen Stirn des Jungen gebildet hatte. Sanft hob Mystra ein Augenlid an, um zu schauen, wie die Pupillen des Jungen aussahen. Nur das Weiße war in Merkurs Augen zu sehen.

Der Magier hatte genug gesehen. Die Lehre, die ihm von seinem früheren Meister immer und immer wieder eingetrichtert worden war, brauchte gar nicht an der Oberfläche seines Kopfes aufzutauchen, denn sie war nie von dort verschwunden. Ohne weiter über die Folgen für seinen eigenen Körper nachzudenken schickte Mystra einen heißen Energieschlag durch den Körper des Jungen.

Scharfer Schmerz durchfuhr Merkur und er wollte laut aufschreien, doch seine Stimmbänder gehorchten ihm nicht mehr. Er schluckte und fing schmerzhaft an zu husten. Vom Hustenreiz und Krämpfen geschüttelt richtete der Junge sich halb auf und stützte sich mit beiden Händen auf dem trockenen Erdboden ab.

Mystra war zurückgewichen, damit der Junge sich aufrichten konnte. Mit dieser heftigen Reaktion hatte er allerdings nicht gerechnet. Wieder reagierte er nach seiner jahrelang eingetrichterten Regeln, die langsam zu einem Reflex geworden waren. Ohne auf die Schmerzen, die sich in seinem Kopf breit zumachen begannen, zu achten, sammelte der Magier wieder seine Kraft und streckte beide Hände nach dem hustenden Himmelskind aus.

Plötzlich waren warme, weiche Hände auf Merkurs Schultern, der sanfte und dennoch feste Druck beruhigte ihn etwas. Noch ein Blitz durchfuhr seinen Körper, dieser jedoch bereitete ihm keine Schmerzen, sondern ließ sie verschwinden. Sein Körper wurde nicht taub, sondern seine Erschöpfung und die Schmerzen verschwanden einfach, als wären sie nie da gewesen, genauso wie der Hustenreiz. Noch immer nahm er heftig keuchend die Luft auf und stieß sie beinahe mit Gewalt wieder aus seinen Lungen, doch nach und nach beruhigte sich seine Atmung wieder und sein Gehirn setzte wieder ein.

Er musste seine Eltern retten. Dieser Gedanke schien alles andere zu überlagern. Jegliche Angst vor diesen seltsamen Männern, die wahrscheinlich die Ursache der Gefahr für seine Eltern waren, jeden Gedanken an den seltsamen Mann, den er gerettet hatte. Alle Fragen und alle Unsicherheit verdrängte er weit hinter sich. Mit einem Ruck erhob sich Merkur und wollte schon aus den Büschen stürmen, als ihn etwas am Hosenbein festhielt. Verwirrt blickte er auf den Magier, den er bis gerade eben vergessen hatte.

Mystra schaute genauso verwundert zu Merkur auf. Er verstand nicht mehr, was los war und er wollte eine Erklärung, bevor das Himmelskind wieder aus seinem Blick verschwand. Hellblaue Augen, die in der Dunkelheit der Nacht sanft leuchteten, starrten auf ihn herab. Der Magier erkannte, dass Merkur nicht nur Angst hatte, sondern in eine solche Panik verfallen war, die jeden anderen Gedanken ausblendete und nur noch Handeln als Option übrig ließ. "Meine Eltern… das Feuer", flüsterte der Schwarzhaarige mit krächzender Stimme. Mystra runzelte die Stirn, doch bevor er etwas sagen konnte, hatte Merkur sich schon losgerissen und war durch die Büsche gestürmt.

Er achtete nicht auf die Zweige und Wurzeln, die anscheinend alle gemeinsam versuchten ihn aufzuhalten, die Schmerzen der Kratzer, die die Pflanzen ihm an jeder freien Hautstelle verursachten, nahm Merkur nicht mal wahr. Er sah nur noch den Weg vor sich, den er nehmen musste um zu seinen Eltern zu gelangen. Was er gesehen hatte, durfte auf keinen Fall geschehen.

Mit leisem Krachen brach Merkur durch den Rand der Büsche. Er stürmte den Weg entlang und riss die Dachtüre mit einem Ruck auf. Ganz ohne sein Zutun fanden seine Füße den Weg nach unten. Ohne zu bremsen rannte Merkur durch die Eingangshalle. Er wich Menschen aus, manchmal noch bevor sie sich ihm überhaupt in den Weg stellten. Diejenigen, die ihn sahen, wichen ängstlich einen Schritt zurück. Ein völlig aufgelöster junger, großer Mann rannte mit wehenden schwarzen Haaren und bleichem Gesicht durch die Einganghalle des Hotels, so etwas sah man nicht alle Tage. Doch nicht die ungewöhnliche Erscheinung machte den Menschen Angst, es waren Merkurs Augen. Seine Pupillen waren so klein geworden, dass sie kaum mehr als ein Nadelstich waren, seine Iris strahlten in einem so hellen Blau, dass er mit Sicherheit ohne Licht nachts würde lesen können.

Vor der Drehtür des Eingangs blieb Merkur einen Augenblick stehen. Er starrte auf den Boden und blieb genauso regungslos stehen, wie er zuvor schnell gerannt war. Vorsichtig wollte sich ein Mann dem aufgebrachten und schwer atmenden Jungen nähern, als dieser plötzlich einen Schritt nach vorne machte und in die rechte Seite der Drehtür trat.

Kaum hatte Merkur sie betreten, begann die Türe sich auch schon zu drehen, es war nicht festzustellen, ob sie von dem Jungen in Bewegung gesetzt worden war, oder von einem anderen Gast. Zwei Männer traten aus der linken Seite der Drehtür, gerade als Merkur auf der anderen Seite das Hotel verließ. Wie er den richtigen Zeitpunkt gewusst hatte, würde er später selbst nicht sagen können, ja, er würde sich nicht mal an die beiden Männer erinnern können, vor denen er wieder erfolgreich geflohen war.

Mit einem Satz war Merkur bei seinem Fahrrad, das zum Glück noch immer dort stand, wo er es zurückgelassen hatte. Obwohl er so schnell und so rücksichtslos fuhr wie noch nie zuvor in seinem Leben, geschah dem Jungen nichts. Jedem Hindernis, dass sich ihm auch noch so plötzlich in den Weg stellte, wich er in einer Geschwindigkeit aus, die eigentlich gar nicht hätte möglich sein sollen.

Irgendetwas an seiner Wahrnehmung hatte sich verändert. Merkur sah jede mögliche Zukunft und gleichzeitig die Gegenwart. Er brauchte keinen Moment um zu überlegen, was er tun sollte, denn genau in diesem Moment hatte er es schon getan. Die Welt wurde für ihn zu einem Tunnel aus Bildern, der so schnell an ihm vorbei floss, dass er die einzelnen Teile von ihm gar nicht mehr wahrnahm. Er konnte sich nicht auf ein einzelnes Bild konzentrieren, sondern raste durch sie hindurch, in weitere Tunnel mit weiteren Bildern. Jedes Mal, wenn er ein Bild durchquerte, verwandelte sich Zukunft in Gegenwart um sofort zur Vergangenheit zu werden.

Einmal bremste er scheinbar ohne Grund scharf an einer Straße ab und wartete an der Kreuzung noch immer mit starren Blick und angestrengten Atem. Sekundenbruchteile später schoss ein Auto aus der dunklen Straße. Nur zwei Sekunden später war Merkur wieder auf seinem Fahrrad und trat kräftig in die Pedalen.

Mystra hatte minutenlang der verschwindenden Gestalt des Jungen hinterher gestarrt. Erst das Geräusch der Dachtür holte ihn wieder in die Realität zurück. "Bei allen Gestirnen!", knurrte der junge Magier wütend, wobei ihm nicht ganz klar war, ob er diese Wut auf sich selbst bezog oder auf den Jungen. Mit einem Satz sprang er auf die Füße, er nahm sich gerade noch Zeit die Tasche zu packen, bevor Mystra Merkur hinterher rannte.

Wesentlich geschickter, aber fast genauso schnell wie das Himmelskind schlängelte sich Mystra durch die Büsche. Den Umstand, dass Merkurs Spur sehr deutlich zu sehen war, half dem jungen Magier ebenfalls wesentlich. Er war zwar nicht so schnell wie der Schwarzhaarige, aber dafür wesentlich unauffälliger und vorsichtiger, als er die Eingangshalle betrat.

Die wenigen Menschen, die sich dort aufhielten, standen in kleinen Gruppen zusammen und unterhielten sich angeregt. Ab und zu warfen sie einen unsicheren Blick auf die beiden Männer in schwarzer Kleidung, die an der Theke standen und mit dem älteren Herrn redeten, der jetzt dahinter stand. Mystra zog die Augenbrauen zusammen und murmelte einen leisen Fluch vor sich hin. Er hatte eigentlich damit gerechnet freien Weg zu haben. Was hatte die Leute von der Sekte nur dazu gebracht wieder hierher zu kommen? Und was hatte Merkur nur dazu gebracht so schnell wegzurennen?

Hinter einer Säule vor dem Treppenaufgang verborgen beobachtete Mystra die beiden Männer an der Theke. Was auch immer sie den Herrn fragten, es schien länger zu dauern. Außerdem konnte er sich nicht sicher sein, dass sie nach diesem Gespräch die Hotelhalle wirklich verließen und nicht etwa sich ihm zuwandten. Der Magier blickte sich nochmals genauer in dem Gang um, in dem er stand. Die Fahrstühle und die Tür zum Treppenhaus waren die einzigen Ausgänge, die der kleine Gang zu bieten hatte. Keine Fenster, keine Dienstboteneingänge, einfach kein Ausgang, zu dem er gelangen könnte, ohne an den beiden Sektenmitgliedern vorbeigehen zu müssen.

"Das darf doch alles nicht wahr sein!", stöhnte Mystra und nahm seine Tasche von der Schulter. Schnell und leise öffnete er den Reißverschluss und hatte nach kurzer Zeit einen Stein und eine kleine Flasche in der Hand. "Noch besser, der letzte", stieß der Magier wütend zwischen den Zähnen hervor, während er die Flasche mit den selbigen entkorkte. Er ließ nur wenige Tropen des goldbraunen Öles auf den großen, fein geschliffenen Bergkristall fallen. Schnell verkorkte er die Flasche wieder und ließ sie in die Tasche fallen, die er wieder aufnahm.

Schmerzen flammten in seinem Kopf auf, als der Weißhaarige seine Magie zum wiederholten Male an diesem Tag weckte. Leise flüsterte er einige Worte in einer Sprache, die außer ihm nur wenige Menschen auf dieser Welt überhaupt kannten und noch weniger verstanden. Magie floss aus Mystras Fingern direkt in den Kristall. Als dieser ganz mit seiner Kraft angefüllt war, ließ der Magier den Zauberspruch wieder los. Der Kristall glühte nun in einem dunklen beständigen Licht.

"Oh ihr Gestirne, lasst es funktionieren", flüsterte Mystra mit den Augen zum Himmel gewandt. Er hatte diesen Zauber im letzten dreiviertel Jahr öfter benutzt als in seiner gesamten Lehrzeit zusammengerechnet. Aber auch wenn ein Bergkristall mächtig war, so war er selbst ausgelaugt und hatte auch in den letzten Tagen keine Zeit gehabt den Stein in die Morgensonne zu legen, damit dieser seine Kräfte wieder auffrischen konnte. Aber wo es keine Wahl gab, konnte man auch nicht wählen, also trat Mystra aus seinem eher schlechten Versteck in die Eingangshalle.

Mit schnellen, aber gemessenen Schritten durchquerte der Magier das Foyer. Den Stein hielt er in einer Hand, hoch über seinem Kopf. Obwohl er so mindestens genauso auffällig war wie Merkur, der vor kurzem durch die Halle gehetzt war, beachtete ihn niemand. Zwar blickten Menschen in seine Richtung, sogar einer der beiden Männer an der Theke schaute sich nach ihm um, aber alle ließen ihre Blicke weiter schweifen, als wäre er nicht ungewöhnlicher als eine Fliege an der Wand und würde genauso viel Aufmerksamkeit bedürfen.

In dem kleinen Zimmer hätte Mystra diesen Zauber nicht anwenden können, aber hier war er alleine, außerdem gab es genügend andere Dinge, die das menschliche Auge ablenken würde. Die Zeit schien sich zu dehnen und immer langsamer zu fließen, während Mystra sich bemühte nicht das geringste Geräusch zu verursachen, während er durch die Halle lief. Vielleicht würde den Männern die sich plötzlich ohne jeden Grund bewegenden Drehtür auffallen, aber für eine andere Lösung hatte Mystra jetzt wirklich keine Zeit.

Kaum dass er die Straße betreten hatte, zog Mystra seine Magie aus dem Halbedelstein zurück. Sie war schwächer geworden und er ärgerte sich, dass er keinen Kraftstein mehr hatte, in dem er sonst immer einen Teil seiner Kraft speicherte. Schnell lief er einige Straßen weiter, bevor der Magier in eine Seitengasse einbog. Genau zwischen zwei Straßenlaternen und somit möglichst in der Dunkelheit stand ein dunkelblauer BMW. Es war kein großer und kein auffälliger Wagen, er war auch nicht mehr sonderlich neu, aber er war schnell.

Mystra schloss die Fahrertüre auf, schmiss die Tasche auf den Rücksitz und stieg ein. Er schloss die Augen und atmete einmal tief durch, versuchte sich zu fassen und den nächsten Schritt zu überdenken. Er musste das Himmelskind Merkur wieder finden und er musste es tun, bevor die Sekte ihn, oder noch schlimmer diejenigen, die Merkur etwas bedeuteten, finden würde. Was hatte Merkur gesagt? "Meine Eltern?", murmelte Mystra leise.

Angestrengt versuchte er sich an die Adresse des Jungen zu erinnern. In einer Siegengasse war es gewesen, aber welche Hausnummer… Es wollte ihm einfach nicht mehr einfallen. Wo war nur der Zettel, auf den er sie geschrieben hatte? Er war sich sicher ihn noch in der Hand gehabt zu haben, als Merkur in sein Zimmer gestürmt war. Der Junge hatte ihn am Arm gepackt und der Zettel… "Nein!", flüsterte Mystra entsetzt und riss die Augen weit auf. Das durfte einfach nicht sein!

Der Magier griff nach der Tasche und kramte schnell seinen Stadtplan heraus. Kaum, dass er das gesuchte Planquadrat gefunden hatte, startete Mystra den Motor und trat aufs Gaspedal. Immer gerade so am Geschwindigkeitslimit raste der Weißhaarige durch die Stadt. Er musste sich zusammenreißen, damit er nicht alle Vorsicht fallen ließ, aber er wusste nicht, ob sein gefälschter Führerschein der nächsten Überprüfung standhalten würde und ausprobieren wollte er es mit Sicherheit nicht. Außerdem kannte er sich in dieser Stadt nicht aus, genau wie in jeder anderen eigentlich.

Der Junge hatte von Feuer gesprochen, fuhr es Mystra durch den Kopf. Nur Saturn konnte Feuer entstehen lassen. Wenn die Sekte sie hierher geholt hatte, sah es übler aus, als Mystra bisher gedacht hatte. Er konnte nur hoffen vor Merkur anzukommen. Auch wenn er vor Saturn ankommen würde, sie war keine Gegnerin, der er sich in seinem Zustand stellen wollte, vor allem, weil sie mit Sicherheit nicht alleine war.

Fortsetzung folgt