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Wie der Wind entstand

Original/ Fantasy [PG] [abgeschlossen]

[Fantasy][Sage][angst]

Einteiler

Inhalt:
Seit einer Ewigkeit wandelt der Wind über die Erde, aber warum eigentlich?

Kommentar:
Die Geschichte ist ziemlich kurz, aber dafür, dass sie zu mir gekommen ist, kurz vor dem Einschlafen mitten im Nirgendwo auf einem verlassenen Zeltplatz bei Wind und Regen, ist sie gar nicht mal so schlimm.
Imani hat mir wie immer, mit ihrer gottgegebenen, wenn nicht göttlichen, Intelligenz aus meiner Patsche geholfen. Immer wenn ich mir sicher bin, da kommt kein Komma hin, steckt sie eins in den Text rinn.

 


 

Wie der Wind entstand


Vor einer langen Zeit, noch bevor die Völker der Menschen groß wurden und diese Welt bevölkerten, als die Magie noch reich war und in jedem Lebewesen steckte, da lebten auf dieser Welt zwei Liebende. Einer der beiden war so stark und mächtig, dass man ihn für einen Halbgott gehalten hatte, sein Name war Shijs. Sein Gefährte war so schön, dass selbst die Naturgeister neidisch auf ihn waren, sein Name war Phan. Sie liebten sich so sehr, dass es ihnen nicht möglich war ohne den anderen zu überleben. Tief im Wald hatten sie sich eine Hütte gebaut, weil Shijs Angst hatte jemand könnte seinen schönen Gefährten entführen, wenn er seine wundervolle Schönheit sähe. So bat er Phan darum nicht weit weg von der Hütte zu gehen. Weil Phan seinen Gefährten liebte, gehorchte er ihm und blieb bei der Lichtung vor der Hütte.

Viele Jahre lebten die beiden zusammen glücklich in ihrer kleinen Hütte, in dem alten Wald auf der jungen Welt. Keine Wolken trübten den Himmel und kein Wind wehte zu dieser Zeit auf der Welt.

Eines Tages musste sich Shijs auf den Weg zu seiner Familie machen, denn er hatte ihnen versprochen alle Jahrzehnte zu ihnen zu kommen, damit sie sich keine Sorgen machen mussten. Doch er hatte wie immer Angst um seinen Gefährten und ließ ihn nochmals das Versprechen ablegen nicht von der Hütte wegzugehen. Phan versprach es ihm und Shijs machte sich auf den Weg zu seiner Familie.

Als er dort ankam, musste Shijs feststellen, dass eine seiner Schwestern sehr erkrankt war, also blieb er dort um sich um sie zu kümmern und machte sich erst wieder auf den Weg zu seinem Gefährten, als sie wieder gesundet war.

Phan wartet derweil ungeduldig auf die Rückkehr seines Geliebten. Sonst hatte es immer nur kurze Zeit gedauert, bis Shijs wieder zu ihm zurückgekehrt war, aber dieses Mal schien eine Ewigkeit zu vergehen. Ängstlich um seinen Gefährten besorgt vergaß er sein Versprechen und verließ die Hütte um ihn zu suchen.

Den ganzen Tag lief Phan durch den alten Wald um seinen Gefährten zu finden, doch nirgends war eine Spur von Shijs zu entdecken. Als die Sonne schon untergegangen war und der Mond sich am Firmament zeigte, wurde Phan von einer tiefen Müdigkeit erfasst. Ohne weiter darüber nachzudenken, legte er sich an einen stillen See zum Schlafen nieder.

Das Schicksal wollte es, dass gerade in dieser Nacht die Wassergeister den See verließen um an seinem Ufer zu tanzen. Als sie den wunderschönen schlafenden Jüngling sahen, der vollkommen unbekümmert am Rande des Gewässers lag, riefen sie nach ihrer Königin, denn diese liebte die Schönheit aller Dinge. Die Königin stieg selbst aus dem See um den Jungen zu betrachten.

Ihre Gestalt glänzte nass im Mondlicht und als sie Phan erblickte, fiel sie sofort in tiefe Liebe zu ihm. Sie befahl ihren Diener den Jungen zu binden und ihn mitzunehmen. Als Phan wieder erwachte, war er tief auf den Grund des Sees eingesperrt, ohne jede Chance jemals wieder zu entkommen.

Der Jüngling tobte und schrie, denn er wollte ohne seinen Shijs nicht mehr leben. Weil die Königin Angst hatte, dass man ihn an der Oberfläche würde hören können, versetzte sie ihn wieder in tiefen Schlaf und ließ ihn von ihren Dienern aus dem See über Bäche und Flüsse ins Meer tragen, so tief unten, dass kein Sonnenstrahl und kein Mondlicht sein Gefängnis je würde erreichen können. Dort unten erfreute sie sich an der Schönheit des Jünglings, die auch in seiner Trauer hell erstrahlte.

Als Phan erkannte, dass ihm alles Toben und Schreien nichts helfen würde, begann er zu weinen. Die Bitterkeit seiner Tränen ließ das bis dahin süße Meerwasser salzig werden. Dennoch wurde es gleichzeitig durch ihn umso schöner, denn seine Schönheit ließ sich auch in der Tiefe nicht für immer verbergen.

Als Shijs endlich wieder nach Hause zurückkehrte, suchte er vergeblich nach seinem Geliebten. Weder in der Hütte noch in deren Nähe fand er eine Spur von Phan. Er lief durch den ganzen Wald, doch nirgends ein einziges Zeichen. Seine Angst und Trauer würde immer größer. Sollte Phan gestorben sein, würde Shijs seinem Weg folgen, nur um wieder mit ihm vereint zu sein. Auf der ganzen jungen Welt suchte Shijs nach seinem Geliebten, jahrelang, nie gab er die Hoffnung auf. Doch nirgends konnte er auch nur eine Spur von ihm entdecken.

Da lief Shijs sieben Jahre lang durch sieben Wüsten um zur Sonne zu gelange, in der Hoffnung sie hätte seinen Geliebten gesehen und könnte ihm sagen, wo er wäre. Als die Sonne von ihrer täglichen Reise zurückkehrte, sah sie den kleinen, für sie, unscheinbaren Menschen an ihrem Haus stehen. Sie erkannte in ihm eines der Erdenkinder und bekam Angst um ihn. "Ziehe deines Weges, Mensch Shijs. Fliehe schnell, denn sonst wird dich mein Licht blenden", rief sie ihm voller Sorge zu.

Doch Shijs blieb an ihrem Haus stehen und wartete weiter auf sie. Lieber wollte er blind bei Phan sein, als sehend ohne ihn auf dieser Welt. Die Sonne musste ihre Aufgabe erfüllen, deswegen kam sie immer näher, auch wenn sie nicht wollte, dass der Mensch blind werden würde. Schreckliche Schmerzen erfassten Shijs Augen, selbst als er sie zumachte, schien das Licht der Sonne nicht zu verschwinden. Erst als er sie wieder öffnete, war alles um ihn herum vollkommen schwarz. Die Sonne sah ihm mitleidig in seine verbrannten Augen und wünschte, sie könne etwas für den kleinen, mutigen Menschen tun.

"Gütige Mutter Sonne!", fing Shijs an. "Ich bitte euch, helft mir. Überall habe ich nach meinem geliebten Phan gesucht, doch nirgends kann ich ihn finden. Bitte sagt mir doch, habt ihr sein liebliches Antlitz auf euer weiten Reise über den Himmel erblickt?", flehte Shijs und fiel vor der Sonne auf die Knie.

Mitleid und Trauer stiegen im Herzen der Sonne auf, als sie den knienden Jüngling betrachtete, doch so sehr sie es sich auch wünschte, sie konnte ihm nicht helfen.
"Mein lieber Junge, ich kenne deinen Geliebten Phan. Nichts auf dieser Welt nimmt es mit seiner Schönheit auf, doch habe ich ihn schon seit Jahren nicht mehr auf der Erde unter meinem Licht wandern sehen. Ich wünschte, ich könnte dir helfen, doch ich kann es nicht."
Da weinte Shijs aus seinen blinden Augen und salzige Tränen flossen über sein verbranntes Gesicht. Das Mitleid der Sonne mit dem Jüngling wurde mit dem Anblick noch größer.
"Bleib bei mir, mein Kind. Ich werde gut für dich sorgen und du wirst deinen Geliebten vergessen", sprach sie zu Shijs.

Doch dieser schüttelte den Kopf und erhob sich wieder. "Es tut mir Leid, gütige Mutter Sonne, doch ich muss weitersuchen. Ich fühle, dass Phan nicht tot ist und wenn es die Ewigkeit braucht ihn zu finden, ich werde es versuchen."

Da lächelte die Sonne sanft und wünschte sich den Jüngling nicht nur mit ihrem Licht berühren zu können, sondern ihm mit einer Umarmung Mut zu machen. "Frage meinen Gefährten, den Mond, vielleicht kann er dir helfen. Ich sehe nur den Tag, er sieht die Nacht."
Shijs bedankte sich herzlich bei der Sonne und machte sich auf den Weg zum Haus des Mondes. Wieder lief er sieben Jahre durch die sieben Wüsten, dann lief er sieben Jahre durch sieben Wälder, bis er zum Haus des Mondes kam.

Shijs wartete, bis der Mond von seiner Reise zurückgekehrt war. Auch der Mond sah schon von weiten den kleinen Menschen an seiner Türe stehen und rief ihm zu: "Zieh deiner Wege Mensch Shijs. Fliehe schnell, denn sonst wird meine Stimme dich ertauben lassen", rief er Shijs eine Warnung zu. Doch der Jüngling blieb stehen und wartete auf den Mond, lieber wollte er taub sein, als Phan nie wieder bei sich zu haben.

Der Mond musste zu dem Jüngling kommen, denn wie seine Gefährtin musste er sich an die Gesetze des Himmels halten.
Tief verbeugte sich der kleine Mensch vor dem großen Mond. "Barmherziger Vater Mond. Ich bitte euch, helft mir. Ihr seid meine letzte Hoffnung meinen geliebten Phan wieder zu finden. Sagt doch, habt ihr sein Antlitz auf dieser Welt erblickt?"

Als der Mond antwortete, schrie Shijs leise vor Schmerzen auf. Er konnte die Stimme nicht mehr mit seinen Ohren hören, doch er konnte sie in seinen Knochen spüren.
"Mein mutiger Junge, ich kenne deinen Geliebten Phan. Doch habe ich ihn schon seit Jahren nicht mehr auf der Erde wandeln sehen. Das letzte Mal, dass ich ihn sah, fingen ihn die Diener einer Wasserkönigin ein, während er an ihrem See schlief. Sie wird ihn wohl nicht mehr hergeben, bis die Welt sich wandelt und alles Wasser vergangen ist. Wenn du bis dahin wartest, dann wird er wieder bei dir sein", dröhnte die Stimme des Mondes.

Da weinte Shijs wieder und salzige Tränen liefen über sein Gesicht, das von der Hitze der Sonne verbrannt und von der Kälte des Mondes erstarrt war. "Dann werde ich ihn wohl nie wieder sehen, denn Menschen leben nicht so lange", flüsterte er leise für sich selbst unhörbar.
Als er die tiefe Trauer des Menschen sah, bekam der Mond Mitleid mit dem Jüngling.
"Geh zu den Kindern von mir und meiner Gefährtin, den Sternen. Sie wachen über diese Welt. Vielleicht wissen sie einen Rat für dich", riet er dem Menschen und musste sich schon wieder auf den Weg über den Himmel machen.
Hoffnung keimte wieder in Shijs auf und wenn sie auch noch so klein war, er klammerte sich daran fest.

Wieder lief er sieben Jahre durch die sieben Wälder, die vor dem Haus des Mondes wuchsen, dann machte er sich auf den Weg sieben Jahre durch die sieben Steppen, bis er zu der Behausung der Sterne kam. Blind und taub musste er sich ganz auf seine Gefühle verlassen und er hörte auch nicht die Warnungen der Sterne, als er sich ihnen näherte.

Schweigend ging Shijs vor dem Haus der Sterne in die Knie. Da die Welt noch jung war, waren es auch die Sterne, denn sie waren zur gleichen Zeit geboren worden wie sie und sollten seit ihrer Geburt über sie wachen.
Shijs konnte nicht sehen, wie die Kinder sich um ihn herum im Kreis aufstellten. Lautlos berührte ihn eines an der Schulter, um ihn wissen zu lassen, dass sie da waren und ihm zuhören würden.

Der Jüngling erzählte den Sternen von seinem Gefährten und seiner Liebe zu ihm. Er erzählte ihnen von der Antwort des Mondes und der Sonne, ihren Eltern, er beschrieb die Schönheit seines Gefährten und wie ihn die Seekönigin entführte, er bat sie aus ganzem Herzen ihm zu helfen.

Lange Zeit kniete Shijs vor den Sternen, die er nicht sehen und nicht hören konnte. Nicht einmal ihre Wärme konnte er spüren, denn seine Haut war zu verbrannt von der Hitze der Sonne und zu gefroren von der Kälte des Mondes.

Die Sterne bekamen Mitleid mit dem Menschen und entschieden sich ihm zu helfen. Doch auch ihre Macht war begrenzt, sie konnten nur auf der jungen Erde wirken, aber ihren Geschöpfen nicht befehlen. Schließlich entschieden sie sich Shijs seinen Körper zu nehmen und ihm dafür die Ewigkeit zu geben, die er brauchen würde um auf seinen geliebten Phan zu warten.

Das Mitleid der Sterne mit dem Jüngling war so groß, dass sie fast alle Magie auf ihrer Welt darauf verwendeten ihn zu verwandeln.
Shijs, der das Urteil der Sterne nicht hörte und auch ihren Zauber nicht sehen konnte, wartete schweigend nachdem er seine Erzählung beendet hatte.

Plötzlich fühlte er seinen schmerzenden, erschöpften Körper immer leichter werden, Stimmen und Geräusche drangen an sein Ohr und Licht fiel wieder in seine Augen. Mit einem letzten Seufzen verlor er die Verbindung zu seinem ehemaligen Körper und erhob sich in die Lüfte. Freudig erkennend was geschehen war, wollte er den Sternen seinen Dank zurufen, doch statt Worten erklang nur ein leises dankbares Rauschen. Verwundert wollte Shijs an sich herab schauen, doch er fand sich nicht.

"Du bist jetzt in unserem Dienst", rief einer der Sterne.
"Jetzt hast du die Ewigkeit Zeit um nach deinem Geliebten zu suchen", setzte ein zweiter hinzu.
"Oder auf ihn zu warten", ergänzte ein Dritter.
"Wenn wir sterben, stirbt mit uns die Welt, dann wird der Zauber wieder vergehen", erklärte ein vierter.
"Spätestens dann wirst du deinen Geliebten wieder sehen", meinte ein fünfter.
"Wenn du ihn vorher findest, komm zu uns zurück", sagte ein sechster.
"Dann lösen wir den Zauber", fügte der siebte hinzu.

Shijs wollte ihnen danken, doch er hatte keine Stimme mehr, also machte er sich auf den Weg zur jungen Erde um seine jetzige Aufgabe zu erfüllen. Solange würde er über die Wälder, Wüsten, Meere und Steppen streifen, bis er Phan wieder sehen würde.

Immer wieder nimmt er das Wasser der Meere auf, in der Hoffnung irgendwann alles Wasser vom Gefängnis seines Geliebten geholt zu haben und ihn befreien zu können. Doch es ist zu viel und immer wieder verliert er seinen Griff und das Wasser regnete auf die Welt herab.

Manchmal streift er langsam und traurig über die Welt, weil er beinahe die Hoffnung aufgegeben hat, Phan je wieder zu sehen. Manchmal ist er wütend auf sich und die Welt, dann tobt er und schüttelt das Meer und die Bäume durch. Doch manchmal sind seine Erinnerungen so klar, dass er Phans Lachen im Rauschen der Bäume hören kann, dann lächelt er und streichelt die Bäume sanft, als Dank für die Illusion vom Lachen seines Geliebten. Und Phan sitzt derweil im tiefen dunklen Gefängnis der Königin des Wassers, weint salzige Tränen und erleuchtet das Meer mit seiner Schönheit. Auch er hofft und wartet.

Nie verliert Shis die Hoffnung ganz, denn er weiß, wenn die Sterne sterben und Mond und Sonne weinen werden, weil sie um ihre Kinder trauern, wenn die Meere austrocknen werden und die Welt in ihren letzten Atemzügen liegt, dann wird auch er seinen Geliebten wieder sehen.