Du befindest Dich hier: Geschichten > Geschichten frei bis 16 > Yamica & Moni-chu > Dschungel der Gef?hle > Dschungel der Gef?hle Teil 1 bis 11

Dschungel der Gef?hle Teil 1 bis 11

Kapitel 1: Mit dem Feind in einem Boot

Wütend lief Aya vor den anderen auf und ab. Sie waren gerade von der Mission zurück. Einer Mission, die zwar erfolgreich beendet worden war, aber auf der einiges schief gelaufen war. Der Rotschopf baute sich vor Yôji auf, der wie immer äußerlich gelassen eine Zigarette rauchte, dem sein schlechtes Gewissen jedoch deutlich anzumerken war, wenn man genau hinsah.

Obwohl Aya nicht brüllte, war sein Wut deutlich und brachte Yôji dazu, ein Stück zurückzuweichen.

„Es ist mir scheiß… hörst du… scheißegal, ob die Tussi ein süßes Püppchen ist. Wenn du sie killen sollst, tust du es. Gerade DU darfst dir solche Fehler im Bezug auf Frauen nicht mehr leisten. Ist das klar?“

Yôjis Gesicht wirkte trotzig und einen Moment lang sah es aus, als wolle er Widerworte geben, doch dann nickte er nur stumm.

Aya knurrte, während er die Treppe nach oben stampfte.

„Ite…“ nuschelte Ken leise, dessen Mitleid mit dem Ältesten nicht zu übersehen war. Auch Omi sah nicht glücklich aus. Eigentlich hieß es ja, dass, wenn einer einen Fehler macht, dass alle dafür gerade stehen werden, aber Aya hatte mal wieder volle Kante auf Yôji gehauen. Omi trat etwas dichter an den Größeren heran und sah ihn von unten her an.

Yôji war sichtlich verstimmt, einerseits wusste er selbst, dass er einen… einen schweren Fehler begangen hatte, aber andererseits brauchte er sich so was von Aya nicht anzuhören. Er war wütend und zerknirscht.

„Dämliches Paviangesicht, den sollte man übers Knie legen, bis sein Arsch so rot ist wie seine Haare“, grummelte er.

Omi versuchte zu schlichten. „Lass ihn doch… du weißt wie er ist… lass uns noch was trinken gehen… ich lad dich ein…“ Omi versuchte es mit einem treuherzigen Welpenblick, der bei Ken beinahe ein dreckiges Grinsen hervor gelockt hätte. Schließlich entschied sich der ehemalige Torwart dann aber doch für etwas anderes und rauschte die Treppe hoch, sah sich suchend nach dem, von Yôji so freundlich betitelten ‘Paviangesicht’ um.

Yôji kam bei diesem Blick von Omi wider genauso schnell runter wie er hochgegangen war. „Na dann, Sexy… Auf geht’s…“



~*~*



Oben war Aya gerade im Bad dabei, sich die Überreste des Letzten Auftrags abzuduschen. Bereits durch die Badezimmertür konnte man seine gemurmelten Verwünschungen gegen jemanden hören, der eine ziemlich empfindliche Strafe verdient hätte und in diesem Fall wohl Yôji war.

Ken wartete an die Wand gelehnt darauf, dass Aya endlich fertig wurde, was nach einiger Zeit auch der Fall war. Aya kam frischgeduscht, mit einem giraffengemusterten Handtuch bekleidet und immer noch angesäuert aus dem Bad.

„Hoi… meinst du nicht, dass war grad etwas gar grob?“ Ken stieß sich von der Wand ab und trat hinter Aya.

Aya guckte Ken missmutig an. „Nein!“ sagte er bestimmt. „Das war noch viel zu harmlos.“

„Tse… er weiß selber, dass er nen Fehler gemacht hat. Deswegen brauchst ihn nicht so an zu mosern…“ Ohne Probleme hielt Ken dem Blick aus Amethystaugen stand.

Ayas Blick wurde abschätzig. „Und du bist jetzt hier, um mir Moralpredigten zu halten? Falls ja, dann warte wenigstens, bis ich wieder angezogen bin“, sprach Aya und bewegte sich auf sein Zimmer zu, wobei das Licht die Wassertropfen auf seiner elfenbeinfarbenen Haut wie Perlen funkeln ließ.

Die sonst durch seine Kleidung verborgene Stärke, die trotz seines schmalen Körperbaus vorhanden war, trat nun deutlich zu Tage. Selbst in diesem recht spärlichen Aufzug wirkte Aya noch latent gefährlich und stolz.

Ken aber wusste mal wieder nicht, wann er besser die Klappe halten sollte. „Na ja, sonst tut’s ja keiner und bleib ruhig so wie du bist… stört mich nicht der Anblick eines…“

Nun gut, er verkniff sich die letzten Bemerkungen dann doch lieber, da die definitiv unter die Gürtellinie gegangen wäre.

Aya fuhr herum, wirkte wie ein Raubtier bereit zum Sprung. „Eines was?“ fragte er gefährlich ruhig.

Ken winkte leicht grinsend ab. „Ach vergiss es… interessiert dich ja doch nicht.“ Ken wusste genau, wie man den anderen auf die Palme brachte. Die gemeinsame Arbeit hatte vieles offenbart und Ken nutzte es schamlos aus. Ungeniert drehte er sich um und deutete an zu gehen.

Aya war nicht so dumm, sich jetzt auf eine Handgreiflichkeit einzulassen, bei der er nur entwürdigt werden konnte und zog es deshalb vor, sich erst mal zu bekleiden. Ken konnte er auch später noch zur Rede stellen.



Das Später würde gar nicht so lange auf sich warten lassen, denn besagter Assassin saß gemütlich vor dem Fernseher, futterte Erdnussflips und verkrümelte damit das halbe Sofa.

Aya trabte, nun wieder anständig bekleidet, ins Zimmer. Er schnappte sich einen Roman und setzte sich in den Sessel. Erst dann bemerkte er, ohne jedoch aufzuschauen: „Ich denke, das wirst du später saubermachen müssen.“

„Ich MUSS gar nichts… kannst du ja, wenn es dich stört…“ brabbelte Ken zwischen den Flips hindurch. Irgend etwas schien ihn zu reiten, denn er schien eine Konfrontation mit dem Älteren beinahe zu suchen.

Aya blickte noch immer nicht auf. „Du WIRST es saubermachen, denn du hast es auch verdreckt.“

Ken sah kurz hoch, im nächsten Moment kam ein Flip geflogen und landete in Ayas Schoss.

Aya hob den Flip auf, ohne die Nase aus dem Buch zu nehmen und steckte ihn in den Mund. „Diese kindischen Spielchen werden dir auch nicht helfen.“

Als nächstes tauchte die Tüte neben Aya auf. „Welche Spielchen?“ Auffordernd wedelte Ken mit der Tüte vor Ayas Nase herum, während er die seine in das Buch steckte, um zu erfahren, was daran so interessant war.

Das Buch war ein Fantasyroman und hieß ‘Der Adept des Assassins’, ein ziemlicher Wälzer.

„Du willst unbedingt Ärger, oder?“ fragte Aya scheinbar gelassen.

„Ärger? Seh ich so aus?“ fragte der Dunkelhaarige gespielt verblüfft.

„Du siehst aus wie ein Sack, der unbedingt geknüppelt werden will. Also noch mal für die nicht so schnellen… Ja, du siehst aus, als wolltest du Ärger.“

„Tja, aber im Gegensatz zu dir hab ich noch keinen… Mensch Aya, du zerstörst mit deinem ständigen Gemecker noch die ganze Moral von Weiß… die Sache letzte Woche mit Omi war auch echt nicht in Ordnung… weißt du überhaupt, dass er sich danach zwei volle Stunden bei mir ausgeheult hat?“

„Oha… also jetzt doch die Moralpredigt.“ Aya schlug das Buch zu und legte es zur Seite. Dann sah er Ken gespielt erwartungsvoll an. „Bitte… ich bin ganz Ohr… Bringen wir’s hinter uns.“

Ken schnaubte. „Also doch ein asozialer, gefühlskalter Arsch… dachte nicht, dass es wirklich so ist…“ Er seufzte leise. „Hast du denn mit gar niemandem Mitleid, außer mit dir selber?“

„Ach, wer sagt dir, dass ich Mitleid mit mir habe?“ Aya blickte böse geradeaus. „Keiner von uns hat Mitleid verdient und außerdem versuche ich nur zu verhindern, dass ihr eure Ärsche oder noch mehr verliert. Ihr seid SO unprofessionell.“

„Du wohl am allermeisten…“ Ken schnaubte Aya direkt ins Gesicht.

„Ach ja?“ entgegnete Aya gereizt. „Hab’ ich fast die letzte Mission vergeigt?“ Er wischte sich symbolisch Kens Schnodder vom Gesicht. „Was tobst du hier rum wie ein wütender Stier?“

„DU machst mich wütend. Dein Umgang mit anderen Lebewesen, als wärst du der perfekte Killer, dem nie ein Fehler unterläuft… Darf ich dich daran erinnern, dass es Yôji war, der vor zwei Monaten deinen Arsch aus der brennenden Lagerhalle gerettet hat?! Aber das ist dir ja wohl scheißegal…“

„Markier’ hier nicht rum. Meinetwegen quengle mich weiter zu, aber komm’ zum Punkt und erwarte keine weitere Reaktion auf dein Gezeter“, erwiderte Aya mit eiskalter Ruhe.

Ken richtete sich auf. Hier war Hopfen und Malz verloren. „DU bist’n Arschloch… aber echt…“

Aya zuckte nur die Schultern.

Ken wandte sich wieder seinen Flips zu und ignorierte den Rothaarigen von nun an. Ganz anders aber ein unwillkommener Gast, der draußen vor dem Fenster saß und sie Szene amüsiert beobachtet hatte.

‚Ja ja, Weiß zerfällt… einen nach dem anderen… so dürfte es ein leichtes sein. Aber wer weiß, vielleicht sollte ich Ken-kun mal einen Gefallen tun und dem Eisklotz vor Augen halten, was er verlieren könnte…’ Schuldig hatte sein ekliges Dauergrinsen aufgesetzt und stierte weiter in das Zimmer hinein.

Aya nahm sein Buch und verzog sich ohne ein weiteres Wort in sein Zimmer, ohne den ‘Gast’ zu bemerken.

Der Schatten blieb reglos in einer Ecke stehen, beobachtete Aya nur stumm.



Aya setzte sich oben auf sein Bett und legte das Buch auf den Nachttisch. Hatte Ken recht?… Nein… er hatte nur versucht, die anderen zu schützen und außerdem… wer hatte sie gebeten, sich um ihn zu kümmern? ‚Ich wollte nie, dass ihr mich mögt… ich mag mich ja selbst nicht…’

Schuldigs Grinsen wurde breiter. ‚Ach wie schade mein kleines, rotes Kätzchen… wo du doch so niedlich bist…’

Aya legte sich so wie er war aufs Bett und starrte an die Decke. Warum versuchten die anderen nur so verzweifelt, ihm Nähe aufzuzwingen, wo er nur mit Distanz dieses Leben überhaupt ertragen konnte. Nicht nur die Distanz zu den anderen, die, wie er offen zugeben musste, trotz aller Bemühungen erheblich geschrumpft war, sondern vor allem die Distanz zu sich selbst hielten ihn davon ab, seinem Selbsthass freien Lauf zu lassen.

Langsam bewegte sich Schuldig auf das Bett zu, gab sich absichtlich keine Mühe leise zu sein und setzte sich plump aufs Bettende.

--- Na Kätzchen…?! ---

Aya fuhr hoch und griff nach seinem Katana. „Was willst du, Schwarzratte?“ fragte er zischend.

„Hoo…“ Schuldig lachte leise auf und das Schwert in Ayas Hand schien mit einem mal Tonnen zu wiegen. „Nicht so bissig kleiner Tiger… fahr deine Krallen wieder ein…“

Aya versuchte verzweifelt, das Schwert festzuhalten, doch das Gewicht war zu groß. Klappernd fiel das Katana zu Boden. „KEN… K’so… SCHULDIG IST HIER!“

„Er hört dich nicht… er WILL dich nicht hören… und sonst ist niemand hier… was willst du überhaupt von ihm?“ Schuldigs Hand legte sich auf Ayas Bein und drückte es leicht.

„Bist du irre? Blöde Frage, natürlich bist du irre, du bist Schuldig. Wenn du mich töten willst, dann bring’ es hinter uns.“

Ehe sich Aya versah, kniete Schuldig über ihm und drückte ihn in die Kissen. „Was denn? Dir deinen sehnlichsten Wunsch erfüllen? Wo käme ich den hin, wenn ich so ein Menschenfreund wäre…“ Er grinste abfällig. „Nein, mein Kätzchen, du wirst erst mal lernen müssen dein Leben zu lieben… sonst macht es keinen Spaß, es dir langsam zu nehmen.“

Aya blickte Schuldig mit aller Verachtung, die er aufbringen konnte, ins grinsende Gesicht. „Da wirst du es verdammt schwer haben, du kranker Nougatstecher!“

„Nougatstecher?“ Schuldig begann ehrlich amüsiert zu lachen. „Nicht gerade sehr originell oder?“ Mit einem ‘Plums’ ließ er sich auf Ayas Becken sinken und nagelte ihn so unter sich fest.

„Na los… du stinkender, halbverwester Leichenficker… tu’ was du nicht lassen kannst.“ Aya wirkte äußerlich komplett gefasst, eher wütend-gelangweilt, doch innerlich versuchte er verzweifelt, Schuldig seine Gefühle nicht spüren zu lassen. Seine Angst, seine Wut auf Schuldig, die Welt, sich selbst, seine Trauer zu unterdrücken.

Aber Schuldig verfolgte ganz andere Pläne. Nicht Schwarz steckte hinter seiner Aktion, sondern eine wesentlich stärkere, höhere Macht als es SZ und Kritiker je sein konnten.

Aya blieb ruhig liegen, da sich zu wehren in dieser Situation ohnehin keinen Sinn gehabt hätte. Er ergab sich in sein Schicksal, hoffte, dass es bald vorbei sei, dachte an seine Schwester… und an seine Eltern, die er nun wahrscheinlich bald wiedersehen würde.

Doch was dann geschah, schien selbst für Schuldig recht außergewöhnlich. Ein helles Licht umgab sie beide und dann fand sich Aya mitten in einem tropischen Dschungel wieder.

Sogar Schuldig pfiff anerkennend. „Na toll und was jetzt?“ Er bekam keine Antwort und erhob sich erst mal von Aya. „Wie jetzt…“ maulte er ins Nirgendwo. „So war das aber nicht abgemacht…“

Auch Aya war von dieser Situation völlig überrascht. „Was ist das? Brauchst du Atmosphäre für deine Schandtaten?“ knurrte er Schuldig an. „Das ist lächerlich…“

Der Deutsche hob verwirrt die Schultern. „Ne kommt schon, ich will nicht mit dem Affen von Weiß hier hocken…“ Er keifte ganz offensichtlich gen Himmel, wo er wohl jemanden vermutete.

Aya fuchtelte mit seiner Hand vor Schuldigs Gesicht rum. „He… hallo… Psychopath… komm wenigstens wieder ein bisschen zu dir…“

Schuldig blinzelte Aya aus bernsteinfarbenen Augen an. „Ich hab keine Ahnung was los ist, also frag mich gar nicht erst.“ Damit hatte er Ayas kommende Frage im Keim erstickt und stapfte dann an diesem vorbei.

Aya schwor sich, diese Situation zu nutzen und suchte nach einem Ast oder so, mit dem er Schuldig ins Reich der Träume schicken konnte. Was hatte er schon noch zu verlieren und der Deutsche drehte ihm den Rücken zu.

Munter plappernd watschelte der weiter, bis die erste Schlange vor seiner Nase auftauchte und er einen schrillen Schrei ausstieß, der jedem das Blut in den Adern gefrieren ließ.

Aya hatte gerade einen Ast seiner Wahl gefunden und aufgehoben, doch Schuldigs Schrei brachte ihn aus dem Konzept. Verwundert schaute er nach dem Grund für dieses untypische Verhalten des Telepathen.

Der starrte das lange, dünne Ding an, das ihm frech die gespaltene Zunge entgegen streckte. Schuldig wurde noch weißer im Gesicht und schien kurz vor dem Kollabieren. „Da-da-da-das ist… das ist…“

Aya entschied sich, dass es so keine Genugtuung wäre, den Deutschen zu schlagen, also keulte er erst mal die Schlange vor Schuldigs Gesicht weg, nicht ohne diesen den Luftzug spüren zu lassen.

Schuldig schnaubte, nickte dann aber leicht apathisch und ging weiter. „Schrecklicher Ort, ganz schrecklich… wie können sie mir so was antun?“ Damit wandte er sich zu Aya um, dessen Schritte er hinter sich wahr genommen hatte. „Das ist alles nur DEINE Schuld…“

Aya blickte Schuldig ehrlich erstaunt an. „MEINE SCHULD? Das ist wohl eher deine kranke Phantasie…“

„Ich hab damit nichts zu tun Kätzchen… ich erledige nur Aufträge…“ Sichtbar wütend schob Schuldige dichtes Lianengestrüpp beiseite, um vorwärts zu kommen.

„Pass bloß auf, dass es nicht wieder ‘ne Schlange ist“, sagte Aya mit einem unterdrückten Grinsen. „Noch mal rette ich dich nicht vor deinen Freundinnen.“

Dafür bekam er von Schuldig eine Migräneattacke erster Güte geschenkt.

Diese doch ziemlich heftige und unerwartete Attacke ließ Aya taumeln und rückwärts über eine Wurzel stolpern. Mit lautem Knacken brach er in ein Gebüsch und blieb dort regungslos liegen, die Augen geschlossen.

Verwundert sah sich Schuldig um. „Hey, also so heftig war’s nun auch wieder nicht… bist halt doch’n halbes Mädchen wie Farfie immer so schön sagt…“ Er trat zu dem Rothaarigen und sah ihn belustigt an.

Der gab aber keinen Laut von sich, sondern lag einfach nur blass und rothaarig im grünen Gebüsch… und mit dem Kopf neben dem grauen und nun ebenfalls leicht roten Stein.

„Kätzchen?“ fragte Schuldig vorsichtig, als er weder eine sarkastische Antwort, noch einen wütenden Gedanken von seinem Gegenüber bekam.


Kapitel 2: Wenn Einsamkeit Nähe schafft

Aya schwebte unterdessen irgendwo in den Tiefen seines Unterbewusstseins. Wilde Träume aus seinem „früheren“ Leben mischten sich mit den Erinnerungen an die letzten Jahre.

In der Realität sickerte sein rotes Blut aus seinem ohnehin blutroten Haar und verschwand ungesehen im braunen Erdreich, das es gierig aufsog.

Leicht unsicher trat Schuldig näher an Aya heran, kniete sich schließlich sogar neben ihn. Nur als er sich stark konzentrierte, konnte er ein paar unklare Bilder aus Ayas Geist erkennen. ‚Warum ist er…’ Dann fiel sein Blick auf den blutigen Stein. „Er ist… scheiße… ich hab keinen Bock mich allein durch den Urwald zu schlagen… Aya?! Aya!!“ Er schüttelte den 20-jährigen leicht an der Schulter.

Der rothaarige Jugendliche stöhnte und schien langsam wieder zu Bewusstsein zu kommen, was ihm allerdings keine besondere Freude zu bereiten schien.

Schuldig wartete ab, was weiter geschah, besann sich dann aber doch eines besseren und kramte aus seiner Jackentasche ein sauberes Taschentuch hervor, welches er Aya in die

Hand drückte. ‚Was zum Teufel ist mit mir los?! Kann mir doch egal sein, was mit dem Weiß-Trottel ist…’ Damit erhob er sich und entfernte sich etwas von Aya.

Aya nahm das Taschentuch automatisch an, noch bevor er richtig zu erkennen schien, wer es ihm gereicht hatte. Vorsichtig und immer noch leicht umnebelt richtete er sich auf und drückte das Tuch auf die Wunde an seinem Hinterkopf, die ihm das Gefühl vermittelte, als würde etwas viel zu großes versuchen, von innen seinen Schädel zu sprengen, um in die Freiheit zu kommen. Unsicher sah er Schuldig an und sein Blick machte immer noch nicht klar, ob er den Deutschen geistig eingeordnet hatte.

Der sah ihn nicht minder unsicher an, vor allem da irgendwie nichts so lief wie es eigentlich sollte. „Geht’s Kätzchen?“ fragte er schließlich mit einem recht gekünstelten Grinsen.

Aya nickte und besann sich sofort eines Besseren, als sein Schädel ihm diese Bewegung dröhnend dankte. „Ja“, sagte er gedehnt. „Ich hab’ schon schlimmeres überstanden…“ ‚Aber auch schon wesentlich schöneres erlebt… früher.’

„Tut mir leid…“ Im nächsten Moment biss sich Schuldig mit voller Wucht auf die Unterlippe. ‚Ich glaub ich spinne, ich leide wohl an Tropenfieber…’ Um seine Unsicherheit und seinen Schnitzer einer Entschuldigung zu überspielen, grinste er Aya an. „Na dann beweg deinen kleinen Hintern endlich, damit wir hier nicht noch alt und grau werden…“

Aya wirkte einen Moment lang erstaunt und konnte sich dann ein winziges Grinsen nicht verkneifen, so sehr er es auch versuchte. Innerlich grinste er ohnehin wie ein Honigkuchenpferd.

‚Memo an mich… den Tag zu Hause rot anstreichen. Schuldig sagt mir, es täte ihm leid, mich angegriffen zu haben.’

Dann setzte er sich vorsichtig in Bewegung und folgte Schuldig durch das Gestrüpp.



Sie kamen gut und gerne eine Viertelstunde vorwärts, doch dann verdichtete sich das Dickicht dermaßen, dass Schuldig sich für eine andere Richtung entscheiden musste. Leider wählte er wohl die falsche, denn als er einen Strauch beiseite geschoben hatte, rauschte es plötzlich heftig in seinen Ohren und vor ihm tat sich ein tiefer Abgrund auf, in den ein tosender Wasserfall stürzte. Dessen Geräusche waren durch den Dschungel tatsächlich beinahe völlig verdeckt gewesen und so stand Schuldig nun mit einem ziemlich baffen Gesichtsausdruck am Rand und starrte in die Tiefe.

Aya war dicht hinter ihm geblieben und hatte natürlich nicht sofort gebremst, als Schu stehen blieb, weshalb er ihn bei diesem plötzlichen Stopp noch leicht nach vorn rempelte.

Im nächsten Moment flog der Killer von Schwarz, aber seine Reaktion war schnell genug und so verschwand er vor Ayas Augen und tauchte auf der anderen Seite des Wasserfalls wieder auf. Kurz war das Grinsen verschwunden, kam nun aber zurück und er winkte Aya noch breiter grinsend zu. „Na, wie ist die Luft da drüben, Kätzchen?“

„Endlich wieder rein, weil die eitrige Pestbeule sich verzogen hat“, schrie Aya über das Tosen des stürzenden Wassers zurück.

Schu grinse und wandte sich dann zum Gehen, ließ Aya kurzerhand stehen und versuchte sein Glück im Urwald alleine.

Aya nun beruhigt, dass der Schwarz-Memeber sich nicht einfach wieder in seinen Rücken teleportieren würde, drehte sich ebenfalls um, um sich selbst den Heimweg zu suchen. Auch wenn er sich im Moment noch nicht sicher war, wie das überhaupt funktionieren sollte.



Tatsächlich verging Stund um Stund, ohne dass sich ein sichtbares Ziel vor ihm auftat. Aber nicht nur Aya irrte ziellos umher, auch Schuldig fand nichts, was auch nur annähernd einem Weg gleich kam, sondern verfing sich mehr als einmal in irgend welchen Lianen.

Nach einigen Stunden gab Aya fürs Erste erschöpft auf. Er war müde, verschwitzt und sein Schädel brummte wie ein Hornissennest.

Zur gleichen Zeit keifte Schuldig einen unschuldigen Mammutbaum an, auch wenn der weder einen der japanischen, noch deutschen Ausdrücke kannte oder sonst irgendwie reagierte.

Einzig die Vögel in seinen riesigen Baumkronen nahmen zeternd Reißaus vor dem Wutausbruch des Deutschen.

‚Warum bin ich in diese ganze Scheiße reingerutscht? Der deutsche Freak scheint tatsächlich ausnahmsweise mal nicht schuldig *inneres Grinsen* zu sein. Der hat sich viel zu dämlich aufgeführt. Aber das bedeutet, dass ich es hier mit einem unbekannte Gegner zu tun habe und das ist mächtig besch…euert.’ Aya saß halb sinnierend halb resignierend auf einem Baumstumpf.

Plötzlich fiel von oben etwas auf seine Schulter herab und landete neben ihm im Laub. Gleich darauf wuselte etwas pelziges über seinen Kopf und seine Schulter herunter und setzte sich vor das zuvor herunter gefallene Stück, was sich als irgend eine Art tropische Frucht herausstellte.

Aya stöhnte unterdrückt auf, als er so plötzlich und vor allem sehr schmerzhaft aus seinen Gedanken gerissen wurde. Zornig blickte er zu dem Verursacher der Störung.

Friedlich schmatzend hockte ein Honiggleiter neben ihm auf dem Boden und knabberte an der Frucht herum. Die feinen Nagezähnchen hackten sich in das gelbe Fleisch und im Handumdrehen war nur noch ein Kern übrig. Erst da bemerkte das possierliche Tierchen, dass es beobachtet wurde. Aus schwarzen Knopfaugen glubschte es Aya an.

„Na, du Zwerg. Bei dir versagen die Fluchtinstinkte aber auch reichlich“, murmelte Aya und hielt sich den erneut lädierten Kopf.

Das Flughörnchen, das noch nie in seinem Leben einen Menschen gesehen und diesen auch nicht als Feind einstufte, quietschte und schnuffelte in Ayas Richtung.

Aya sah das putzige, kleine Tierchen an und konnte bei diesem niedlichen Anblick ein Lächeln nicht unterdrücken.



Schuldig hatte in dem Moment leider eine Begegnung der weniger friedlichen Art und versuchte irgend so ein schwarzes Ungeheuer, das ihn verfolgte, abzuschütteln, aber da er sich hier nicht auskannte, war es zu riskant, sich zu teleportieren, zu leicht konnte er direkt in einen Baum rasseln.



Aya saß immer noch lächelnd vor dem Hörnchen und einen Moment lang vergaß er sein neues Leben als Assassin und war wieder der Junge seiner früheren Tage, ohne die Ängste und

Sorgen, die das Leben ihm auferlegt hatte. Er verlor sich völlig im Zauber des Augenblicks.

Schließlich krabbelte das kleine Kerlchen sogar auf Ayas Knie und blinzelte ihn an. Doch dann Krachte irgendetwas im Dickicht und der Honiggleiter verzog sich schimpfend an den Baum hinter Aya, hing nun senkrecht am Baumstamm und guckte, was auf sie zu kommen würde. Aus dem Unterholz brach ein schnaufender und übel zerkratzter Schuldig. Von seinen edlen Designerklamotten war nicht mehr viel übrig und er keuchte entsetzlich. Perplex blieb er stehen, als er Aya vor sich erkannte.

Dieser war durch die Störung ebenfalls wenig erfreut aufgesprungen, was ihm einen weiteren kurzzeitigen Schwindel eingebracht hatte und funkelte Schuldig wütend an, bis er dessen

Aufzug bemerkte. „Ach ne?“ sagte er lässig. „Sind wir doch zurückgekommen?“

„Da… da… da ist…“ Schuldig deutete hinter sich, von wo man schon ein wütendes Schnauben vernehmen konnte.

Aya stutzte und versuchte dann, ein sicheres Versteck, bevorzugt auf einem Baum oder so, zu finden. „Schu, du dämliche Telepathenwurst. Beruhig’ das Viech… beherrsch’ es… was weiß

ich…“ polterte er ungehalten.

„Wie soll ich so was blödes beherrschen können?“ maulte Schuldig zurück und folgte Ayas Beispiel mit Flucht auf den riesigen Baum.

„Wenn’s blöd ist, muss es doch einfacher sein. Mit Farf geht’s ja wohl auch… sag’ ihm ‘Liebes Viech, gutes Viech… du bist ganz friedlich’…“

Schuldig zeigte Aya nen Vogel. „Geh DU doch runter und red mit ihm.“ In dem Moment knallte der schwarze Büffel unten gegen den Stamm, auf dass der ganze Baum ins Schwanken geriet.

Aya klammerte sich fest und wünschte sich, dass sein Schädel die Vibration nicht so bereitwillig aufnähme. „Ist mir scheißegal was du tust, aber versuch’ es zu beruhigen, sonst sind wir gleich wirklich unten“, stöhnte er wütend.

Schuldig lächelte gequält. „Ach, ist doch eigentlich ganz gemütlich hier oben… irgendwie romantisch…“

Aya kämpfte inzwischen mit dem Abendessen, das sich gerne nach unten auf den Büffel verabschieden wollte. „Ja…“, presste er hervor, „… ganz… toll… Noch nie… so viel… Spaß… gehabt.“

Irgendwann kapierte auch Schu, dass es Aya wohl nicht so gut ging und entschied sich es doch auf einen Versuch ankommen zu lassen und siehe da… der Büffel verzog sich.



Aya schaffte es gerade noch taumelnd nach unten und ins nächste Gebüsch, bevor er seinem Essen den sehnlichen Wunsch erfüllte. ‚Wie entwürdigend…’, dachte er, während er die Büsche düngte. ‚Ich kotze vor dem Schwarzbastard!’

--- Na, na, ich guck ja nicht zu… --- trällerte Schuldig in Ayas Gedanken und fixierte dennoch unverwandt den schmalen Rücken vor sich.

--- Schwäche zu zeigen ist trotzdem nicht sehr klug --- donnerte Aya in seinem schmerzenden Kopf. Dann verließ er noch bleicher als sonst das Gebüsch wieder und setzte sich nicht ganz so lässig wie er’s gern gehabt hätte wieder vor Schu auf den Baumstumpf.

„Bleibst du etwa hier sitzen?“ Leicht ungläubig gucke der Ältere auf Aya herab. Dessen Urwaldbekanntschaft traute sich nun ebenfalls wieder aus seinem Astloch und schnatterte Aya fröhlich entgegen.

„Ja… wohin sollen wir auch gehen?“ Ayas Inneres fuhr gerade noch fröhlich Achterbahn und er wartete, bis sich die Organe wieder am richtigen Platz zu befinden schienen.

„Na ja, mir scheint, es wird nicht mehr lange hell bleiben und ich will gar nicht wissen, was für dunkle Gestalten hier nachts rum lungern. Also erheb dich endlich…“ Damit schnappte er sich Ayas Handgelenk, etwas gröber als beabsichtigt, und zog ihn aus seiner sitzenden Position hoch.

Hui… dreifacher Looping fürs Gehirn… Aya kam schwankend hoch und entriss Schu seine Hand. „Schon gut… ich komme ja… mal sehen, was du jetzt findest.“

„Ich? Gar nichts! DU wirst voraus gehen…“ Damit gab Schuldig Aya einen sanften Schups nach vorne und folgte ihm.



Aya bedauerte es sehr, das niedliche Hörnchen zu verlassen und heimlich winkte er ihm noch mal zum Abschied zu. Dann lief er konzentriert, um sich nicht nochmals hinzulegen und die

Umgebung zu beobachten, vor Schu her. Eigentlich wollte er sich nur noch hinlegen und seinen schmerzenden Kopf zur Ruhe betten, egal was dann passierte, doch er wusste, dass Schuldig recht hatte.

Der folgte ihm mit etwas Abstand, immer mal wieder den Blick mustern über die Rückfront des anderen gleiten lassend. Als die Dunkelheit langsam herein zu brechen begann, wurde es Schu

mulmig im Bauch, ließ sich jedoch nichts anmerken.

Aya hatte sich inzwischen wieder ein Stock, jedoch diesmal zur Laufunterstützung, gesucht. „Und was machen wir jetzt?“ fragte er nun. „Hier im Urwald wird’s innerhalb von Minuten stockdunkel…“

„Ich weiß“, zischte Schuldig giftiger als beabsichtig und drängte an Aya vorbei. „Ich halt ja schon die ganze Zeit Ausschau, aber ich find nichts, was nur annähernd wie ein Unterschlupf aussieht!“

„Also, du Held… was hier wie ein Unterschlupf aussieht, ist entweder schon von sich aus gefährlich oder bereits besetzt…“ stieß Aya wütend hervor. „Wir werden einfach hier bleiben müssen… wir hätten lieber versuchen sollen, irgendwie ein Feuer hinzukriegen, aber dafür isses jetzt auch zu spät. Wir werden einfach hoffen müssen, dass wir entweder überleben oder schnell sterben.“ Und damit ließ er sich einfach auf den Boden sinken.

Völlig entgeistert stand Schu vor Aya. „Du gibst so schnell auf? Pffft… hät ich nie von dir gedacht… du enttäuschst mich…“

„Ich wüsste nicht, weshalb ich mich weiter anstrengen sollte“, sagte Aya leise und blickte zu Boden, voller Müdigkeit, die sich nicht nur auf seinen Körper zu erstrecken schien.

Seufzend ließ sich der Orangehaarige neben Aya nieder und versuchte etwas in der Dunkelheit zu erkennen. „Na ja, ansonsten bleibt uns immer noch die dritte Möglichkeit: zu kämpfen.“

„Du hast mir mein Schwert abgenommen… aber meinetwegen… ich tu’s ja doch automatisch…“ Aya sank in sich zusammen „Oyasumi…“ Er schien sich völlig aufgegeben zu haben… ‚Nur noch schlafen… am besten für immer… Warum hast du mich bloß nicht getötet?…’ Und in der Dunkelheit flossen still und heimlich bittere Tränen.

Diese konnten zwar nicht gesehen werden, aber die Gedanken, die den Tränen voraus gegangen waren, konnte Schuldig hören und irgendwie… ja irgendwie tat ihm der Jüngere leid und unbewusst rutschte er etwas näher an Aya heran, nicht auch zu letzt, weil die Temperatur rapide gesunken war.

Aya war völlig in Gedanken versunken und achtete nicht auf den Deutschen. Er ergab sich nur weiterhin dem Wunsch nach Ruhe und Geborgenheit und der Gewissheit, dass er sie in diesem Leben nicht mehr finden sollte. ‚Hier nütze ich meiner Schwester auch nichts… jetzt ist meine Existenz komplett sinnlos…’

Irgendwann wurde es Schuldig zu bunt und er knuffte Aya in die Seite. „Aber sonst geht’s dir noch gut, Kätzchen, oder? So einen Unsinn zu schwafeln…“ Er schnaubte und schüttelte den Kopf, dann legte er diesen nach vorne auf die Verschränkten Arme, die auf den angezogenen Knien ruhten.

Aya blickte erstaunt hoch. „Wenn’s dir nicht passt, brauchst du dich nur aus meinen Gedanken rauszuhalten, du gedanklicher Spanner“, grummelte er. „Nein, du Arsch… es geht mir nicht

gut… ich habe bohrende Kopfschmerzen und sitze hier im dunklen Dschungel mit dir fest. Das ist echt noch die Steigerung der Beschissenheit zu meinem bisherigen Leben“, regt der Rotschopf sich auf.

Ohne eine Wort zu sagen legte Schu dem Anderen eine Hand an den Hinterkopf, worauf das Brummen stärker wurde und sein Kopf sich ganz heiß anfühlte. Doch dann schwächte alles bis auf ein Minimum ab, so dass man es bei Nichtbeachten sogar nicht mehr spürte. „Hörst du jetzt auf herum zu mosern? Ich hab das hier schließlich auch nicht so geplant wie es jetzt ist…“

„Ach ja? Wie hattest du das denn geplant?“ fragte Aya genervt-neugierig.

„Nicht das… na ja… jedenfalls nicht für mich… ich sollte dich hier nur aussetzen… dann sollte ich ne Nachricht an Weiß schicken, worauf sich Ken natürlich gleich auf die Suche machen würde, dann würde er dich irgendwann nach ein paar Tagen völlig entkräftet finden, retten und voilà… fertig wär das Happy End gewesen, aber nein… statt dessen hock ich jetzt hier mit dir und hab keine Ahnung wie uns jemals jemand finden soll, wo doch kein Arsch weiß wo wir sind…“

„Wie hätten die mich denn hier finden sollen? Und außerdem, wie kommst du auf die beknackte Idee, dass die überhaupt suchen würden. Die sind froh, wenn ich weg bin“, maulte Aya zornig.

„Blödmann…“ meinte Schuldig auf good old German und schnaubte resigniert.

„Baka“, gab Aya ‘freundlichst’ zurück. „Retten deine Freunde dir vielleicht wenigstens den deutschen Arsch?“

„Was für Freunde? Außerdem weiß kein Arsch was hier von, ansonsten würden sie mich nur suchen, um zu töten…“ Irgendwann verstummten dann Schuldigs Pöbeleien doch noch und er lauschte angestrengt den Geräuschen der Nacht und versuchte wach zu bleiben, auch wenn der Tagesmarsch ihn schon reichlich geschlaucht hatte.

„Könntest du mir jetzt endlich mal die Situation in allen Einzelheiten schildern?“ fragte Aya leicht gereizt. „Warum machst du diesen Scheiß? Wer hat dir das befohlen?“

„Vergiss es!“ wiegelte Schu ab. „Frag einfach nicht, ich weiß ja noch nicht einmal selber…“

„Du weißt nicht, warum du das hier machst…“ Aya schüttelte leicht den Kopf. „Du bist wirklich wahnsinnig…“

„Ich weiß, also das brauchst du mir wirklich nicht zu sagen…“ Nun war Schuldig wieder hellwach und kratzbürstiger den je.

„Ich sag’ s dir aber, du bist total bekloppt, durchgeknallt, wahnsinnig, irre, verrückt…“

Päng und in der nächsten Sekunde hatte Aya eine flache Hand im Gesicht, die ihn zum Schweigen brachte. „Hör auf mit diesem hysterischen, weibischen Gezeter, das ist ja nicht zum Aushalten!“ knurrte Schuldig.

„Was heißt hier Gezeter? Ich sag dir nur ganz ruhig die Wahrheit. Du bist ein geisteskranker, irrer, dummer, psychopathischer Macker, der auf der völlig falschen Seite steht.“ Aya war durch Schuldigs Schlag völlig unbeeindruckt.

Resigniert verdrehte Schuldig die Augen und schwieg. Wann er schließlich eingeschlafen war, vermochte er ihm Nachhinein nicht mehr sagen. Aber woran er sich dafür um so besser erinnerte, war das Gewicht in seinem Schoss und das seine Finger wie mechanisch im Schlaf über etwas weiches, glattes gestrichen waren. Als er in seinen Schoss runter blinzelte staunte er nicht schlecht, als er rotes Haar erkannte.

Aya war ebenfalls irgendwann eingenickt und weilte nun immer noch friedlich im Reich der Träume, erstaunlicherweise das erste Mal seit langer Zeit ohne Alpträume, die ihn quälten. Er

träumte von seinem Leben wie es gewesen war… die Partys bei seinen Freunden… die Sonntagnachmittage mit seinem Vater… seine Schwester, wenn sie ihn mal wieder geärgert hatte und ihm grinsend die Zunge rausstreckte… seine Mutter, wie sie das Abendessen vorbereitete… und seine Mutter, wie sie ihn im Schoß hielt, als er Masern hatte und fieberte.

Aus irgendeinem Grund ließ der Deutsche den Jungen liegen, genau so wie er war und stellte auch die leichte Streicheleinheit seiner Finger, die über einen leicht bläulichen Fleck an Ayas Wange strichen, nicht ein.

Aya seufzte und rekelte sich friedlich in Schuldigs Schoß. Seine Hände umschlossen ein Bein des Deutschen, als wollte Aya ihn festhalten, sich seiner Anwesenheit bewusst sein. Längst hatte er in seinen Träumen, die nun kurz vor dem Aufwachen blasser wurden, gemerkt, dass es nicht wirklich seine Mama sein konnte, die ihn da hielt. Aber wer war es dann? Wer sollte ihm so viel Zärtlichkeit und Frieden entgegen bringen? Aya schwankte zwischen der Neugierde, es zu erfahren und dem Wunsch, ewig in diesem wundervollen, geborgenen Zustand zwischen Träumen und Wachen verweilen zu können.

Um nichts in der Welt hätte Schuldig Aya jetzt stressen wollen, war er selber doch noch nicht einmal ganz wach. Dennoch blinzelte er verschlafen in die Baumkronen hinauf, wo schon emsig die Paradiesvögel herumschwirrten.

Schließlich siegte jedoch das Verlangen, zu erwachen und langsam schlug Aya die Augen auf und erstarrte, konnte nicht glauben, was er da sah… WEN er dort sah…

Schuldigs Blick war nach wie vor nach oben gerichtet. Den Kopf hatte er an den Baumstamm hinter sich gelehnt und winzige Tautropfen hingen an den Spitzen seiner Haare.

Aya zwang sich zu der Erkenntnis, dass dies eine unhaltbare Situation war und hob seinen Kopf ruckartig von Schuldigs Schoß, auch wenn er in diesem Moment das Gefühl hatte, etwas unschätzbar wertvolles hinter sich zu lassen. Er setzte sich auf und wartete auf die bissigen Kommentare des jungen Deutschen.

Der ließ zwar auf sich warten, folgte dann aber, doch anders als erwartet. „Wie geht’s deinem Kopf?“

Diese Reaktion verblüffte Aya. „Gut…“ sagte er und sah Schuldig aus großen Augen an. „Wieso?“ Immer noch witterte er hinter dem Verhalten des Deutschen eine Falle.

Aber für diese Frage erntete er nur einen leicht verwirrten Blick.

„Wieso interessiert es dich, wie es meinem Kopf geht? Wieso bist du überhaupt so nett zu mir?“

„Ich bin nicht nett. Ich bin nur nicht gemein…“

Das entlockte Aya tatsächlich ein kleines, helles Lachen und ein heiteres Grinsen. „Stimmt… aber das ist schon sehr verdächtig, außerdem weiß ich ja nicht, ob’s da noch ‘ne Steigerung gibt. Vielleicht ist das ja schon das Nonplusultra an Nettigkeit, dass du zu bieten hast.“

Nun verzog Schuldig ehrlich beleidigt den Mund. „Wenn du meinst… na dann mal hoch… fertig mit den Nettigkeiten, auf zur Suche nach einem Weg aus dieser grünen Hölle!“ Damit erhob sich Schuldig schwungvoll und sah Aya abwartend an.

Aya schnappte sich seinen „Wanderstab“ und stellte sich neben Schu. „Dein Plan, dein Auftrag… du suchst den Weg…“

Schuldig hob den Finger und wollte widersprechen, ließ die angehobenen Schultern dann aber mitsamt Finger wieder sinken und dackelte artig los, ohne etwas zu sagen.

Aya war allerdings trotzdem neugierig. Alles was Schu sagte, konnte ihm helfen, sich einen Reim auf diese sehr seltsame Situation zu machen. „Was wolltest du sagen?“ bohrte er nach.

Schuldig hob abwehrend die Hand und latschte weiter.

Aber Schuldig war nicht der Typ, der lange schweigen konnte. Anders als Aya musste er irgendeine menschliche Stimme hören und wenn es seine eigene war. „Also weißt du, Kätzchen… irgendwie ist das hier doch ganz spannend… sie es mal als Training an. Wenn wir in dem Dschungel klar kommen, überleben wir auch den Großstadtdschungel und werden vielleicht irgendwann sogar mal dreißig oder gar vierzig…“

Aya runzelte die Stirn. „Also wenn… dann wohl nur einer von uns, oder?“ bemerkte er missmutig.

Schuldig sah über die Schulter zurück. „Willst mich vorher killen, oder was?“

„Oder du mich… was sollten wir schon anderes tun? Wir sind Feinde, erinnerst du dich?“

„Oh ja… so ganz düster… da war mal was… na ja, aber jetzt sitzen wir irgendwie im selben Boot… okay, im selben Wald, aber was soll’s…“ Schu hatte sich umgedreht, um Aya ansehen zu können und ging nun rückwärts vor diesem her.

„Das solltest du nicht tun, achte lieber darauf, wo du hinläufst.“

„Hä?“ Schuldig sah Aya verwirrt an, da er nicht kapierte, was dieser Satz mit seinem eben gesagten zu tun hatte.

„Du sollst dich umdrehen! Ein angeschlagener Kopf pro zwei Leute reicht. Und außerdem, was passiert, wenn wir raus sind? Dann sind wir wieder Feinde…“ Aya wirkte nicht sehr glücklich.

Schuldig hob seine Augenbrauen, wandte sich aber wieder nach vorne, begann wie nebenbei den Weg etwas frei zu räumen, dass es vor allem für Aya einfacher wurde durch zu kommen.

„Also? Was gedenkst du dann zu tun?“ Aya ließ nicht locker. „Du hast die Möglichkeit mich zu killen und wenn du sie nicht nutzt, bedeutet das wahrscheinlich mächtig Ärger für dich.“

„Ja und? Ich bin im Gegensatz zu euch mein eigener Boss…“ ‚Schön wär’s… aber man darf ja träumen…’

„Ja… sicher!“ lachte Aya trocken. „Träum’ weiter… Selbst wenn niemand anderes dein Boss wäre, Crawford ist es auf jeden Fall.“

„Ach Brady kann doch keiner Fliege was zu leide tun“, grinste Schuldig und gluckste beim Weitergehen munter vor sich her, bei dem Gedanken an Crawford, wenn er dieses Gespräch mitbekommen würde.

„Ähm…“ räusperte Aya sich, „… das habe ich aber anders erlebt. Wenn das so ist, wäre es schön, wenn man ihm das mal mitteilen würde.“

„Na MIR kann er jedenfalls nichts anhaben…“ Dessen war sich Schu nun wirklich sicher und grinste Aya offen an.



Stunden später schlugen sich die beiden Killer immer noch durchs Unterholz, doch bereits weit weniger schnell, denn Schuldigs Kraft in Sachen Pflanzenwände einreißen, hatte sichtlich abgenommen.

„Sollen wir ‘ne Pause machen?“ fragte Aya, dem dies ebenfalls entgegengekommen wäre. ‚Was soll’s?’ Er wusste, dass Schuldig von sich aus wahrscheinlich ablehnen würde, doch eine Pause würde ihnen gut tun. „Also ICH brauch’ ne Pause“, überwand er sich.

„Müde?“ kam es dann auch schon prompt.

„Ja“, log Aya halb.

Schuldig ließ die Liane sinken und tapste zu Aya zurück. Dann deutete er auf einen Baum, dessen große Wurzeln eine kleine Höhle bildeten. „Ist das dem Herrn genehm?“

„Wenn nicht schon jemand darin Quartier bezogen hat… ja.“

„Nein ist nüscht da…“ grinste Schu und ließ Aya dennoch den Vortritt.

„Was soll’s? Es tötet bestimmt schnell“, seufzte Aya theatralisch und kroch in die Höhle.

Schuldig hinter her, mit einem Anblick vor der Nase, der ihn noch breiter grinsen ließ. „Mjam, Kätzchen, süßen Hintern… etwas klein, aber dafür schön knackig…“ feixte er und schob Aya demonstrativ mit der Hand nach vorne.

Aya grummelte und stieß sich beim Wegzucken den Kopf an der Höhlendecke. Unterdrückt jaulte er auf. „Danke, du Arsch… und jetzt nimm’ die Flossen von meinem Selbigen.“

„Hehe… ungern…“ Aber er tat es dann doch und als es endlich etwas höher wurde, so dass sie aufrecht sitzen konnte, setzte sich Schuldig neben Aya und grinste ihn wieder an.

„Was ist?“ fragte Aya genervt. „Hast du dich jetzt doch noch entschlossen, mich zu bespringen?“

„Och… wär ne Überlegung wert, aber…“ Er gähnte verhalten, was ihn beim Sprechen hinderte.

--- … irgendwie bin ich etwas zu müde dazu… ---

‚Na warte, das Spielchen kann man auch zu zweit spielen.’ „Schade!“ funkelte Aya Schuldig herauffordernd an. „Aber dann mach’ mal schnell Heia, damit das kleine Schschubärchen morgen wieder frech durch den Dschungel hüpfen kann.“

Der Kiefer Schuldigs klappte in diesem Moment nach unten und er starrte Aya unsicher an. „Hallo? Wer bist du und was hast du mit dem kratzbürstigen kleinen Kätzchen gemacht?!“

‚Kriegst du jetzt also doch Angst?’ „Ich bin immer noch hier“, sagte Aya mit einem winzigen, hintersinnigen Grinsen. „Du hast doch eine dicke Lippe riskiert und mir an den Po gefasst…“

„Ja, aber ich hab dir keine Gehirnwäsche verpasst“, verteidigte sich Schu.

Aya grinste kurz und wurde dann wieder normal. „Okay… vergessen wir die ganze Angelegenheit… aber du solltest nicht herausfordern, womit du dann nicht umgehen kannst.“

„Ich KANN damit umgehen, du… du hast mich nur überrascht…“ Schuldig maulte noch eine Weile herum, verstummte dann aber und versuchte neue Kraft zu tanken, indem er etwas vor sich hin döste.

Auch Aya überantwortete sich dem Schlaf, in der Hoffnung, dass er möglichst lange ungestört bliebe.


Kapitel 3

Inzwischen stand in einem anderen Teil der Erde ein junger Sportler in der Küche und starrte eine ungenutzte Kaffeetasse an. „Moo… wo zum Teufel steckt der Typ nur?“ futterte Ken und schnaubte leise.

Gähnend kam Yôji in die Küche getrabt, den ersten Teil seines Frühstücks in Form einer Kippe bereits zu sich nehmend. „Ohayo“, nuschelte er. „Wo is’n die Spaßbremse?“

Ken fuhr herum. „Morgen…“ Ein unsicheres Schulterzucken. „Keine Ahnung… er ist wie vom Erdboden verschwunden.“

„Es gibt doch gnädige Götter“, grinste Yôji, doch als er Kens besorgtes Gesicht sah, beruhigte er sich. „Der kommt schon zurück.“ Yôji klopfte dem Jüngeren freundschaftlich auf die Schulter. „Kennst ihn doch…“

„Ja? Bist du dir da SO sicher…?“ Ken war es jedenfalls nicht und das konnte man deutlich heraus hören.

„Wieso sollte er nicht?“ fragte Yôji halb erstaunt, halb überzeugt-gelangweilt.

Ken winkte resigniert ab. „Ich geh ihn suchen…“ Damit schnappte er sich einen Fußball und zischte an Yôji und dem herein kommenden Omi vorbei nach draußen.

Yôji stand verwirrt da. „Wenn er ihn suchen geht, warum um alles in der Welt nimmt er dann ‘nen Fußball mit?“

Das runde Leder war wohl für Ken nur ein Vorwand, um raus zu gehen. Während er durch die Strassen der Stadt jagte, dribbelte er den Ball vor sich her.

Yôji zuckte die Schultern. „Weiß gar nicht, warum er sich so aufregt. Morgen, Omi…“ und schenkte sich einen Kaffe ein.

Omi gähnte und sah Ken immer noch hinter her. Dann erst schien er Yôji überhaupt zu registrieren. „Morgen…“ Sprach’s und schnappte sich die Tasse aus Yôjis Händen, um sich einen großen Schluck des schwarzen Gebräus zu genehmigen.

„Äh… Hallo?“ warf Yôji entgeistert ein. „MEIN Kaffee, MEINE Tasse… wiederhaben will!“

Omi sah ihn aus unschuldigen Babyaugen an und zwinkerte.

Yôji war erst wieder ansprechbar, als er seine Tasse und den inzwischen stark dezimierten Inhalt zurückerobert hatte. Er umklammerte sie demonstrativ und grinste.

Schließlich nahm Omi das vorherige Thema wieder auf. „Ne… was meinst du wo Aya-kun hin verschwunden ist? Er war seit zwei Tagen auch nicht mehr im Krankenhaus bei seiner Schwester.“

„Hast du das überprüft?“ fragte Yôji erstaunt.

Omi nickte. „Ken hat mich gestern Abend drum gebeten…“

„Hmm… okay, wenn er nicht mehr bei ihr war, ist vielleicht doch was los…“ Yôji grübelte. „Wir sollten Ken wohl doch bei der Suche helfen, aber wo? Tokio ist schließlich keine Kleinstadt und wer sagt, dass er noch hier ist… Weiß Kritiker was?“

Omi schüttelte den Kopf. „Niemand weiß auch nur etwas, aber…“ Der Kleine begann herum zu drucksen.

„Was?“

„Ich hab rausgefunden, dass Aya nicht der Einzige ist, der spurlos verschwunden ist…“

„Mensch, Omi… mach’s nicht so spannend. Hau raus, was du weißt…“

„Schuldig ist auch seit zwei Tagen verschwunden…“

Diese Bemerkung brachte Yôji dazu, den Kaffe durch die Nase zu filtern, was in einem Hustenkrampf endete.

Erschrocken klopfte ihm Omi auf den Rücken. „Geht’s noch Yôji-kun?“

Yôji hustete noch, konnte jedoch bereits wieder ein „Dann… müssen… wir… ihn… erst… recht… finden“ rausröcheln.

Omi nickte und flitzte zu seinem Zimmer, um sich etwas richtiges anzuziehen, damit die Suche starten konnte.

Als Omi runterkam, stand Yôji bereits in den Startlöchern. „Auf geht’s… Auch wenn er’s eigentlich nicht verdient hat. Ich will sein dummes Gesicht sehen, wenn WIR IHN retten.“



~*~*



Mittlerweile war aus dem Dösen richtiges Schlafen geworden und Schuldig schnuffelte leise vor sich hin.

Aya kullerte im Schlaf unwillkürlich dichter zu Schuldig und schmiegte sich an. Er schnurrte leise und wohlig.

Wieder war es Schuldig, der zu erst aufwachte. Nicht damit rechnend, Aya so dicht an sich gepresst vor zu finden, starrte er ihn erst mal verwirrt an.

Aya kuschelte sich schlafend an seinen „Ersatzteddy“ und lächelte selig.

Langsam zog Schuldig seine Hand unter Aya hervor, auf die dieser sich gelegt hatte und platzierte sie nach anfänglichem Zögern auf dessen Schulter.

Aya blieb noch ein wenig so liegen, rollte sich dann allerdings wieder von Schuldig weg und erwachte. Er streckte sich, so gut es in diesem Loch ging.

„Morgen Schlafmütze… wir sollte los, wenn wir noch ein bisschen weiter kommen wollen, bevor’s wieder dunkel wird…“ moserte Schu gleich wieder in alter Manier herum, zu mal sein Bäuchlein langsam Hunger meldete.

„Wie du meinst“, lenkte Aya ein. „Dann kriech raus… ich robbe nicht wieder vor dir.“

„Schisshase…“ quittierte Schu und krabbelte wieder hinaus in den Dschungel.

Aya grinste hinter Schuldigs Po. „Vielleicht will ich ja auch nur mal deine vier Buchstaben bewundern…“ meinte er und kroch ihm nach.

Der Deutsche verdrehte nur ungesehen die Augen. --- Kleines, verdorbenes Kätzchen… ---

„Aber du…“ murmelte Aya.

„… bin es von Natur aus… wie wahr…“ Schuldig sah sich suchend um. Irgendetwas Essbares musste der Urwald doch hergeben.

Aya versuchte Früchte, ähnlich der, die „sein“ Hörnchen gemampft hatte, zu finden. ‚Die müssten eigentlich in Ordnung sein.’

Als Schuldig Ayas Bemühen einen Baum zu erklimmen bemerkte, trat er plötzlich hinter ihn. Seine Hände umfassten dessen schmale Taille und ihm nächsten Moment standen sie beide weiter oben auf einem dicken Ast des Baumes, nahe der Früchte.

Aya war doch etwas mulmig bei diesem recht ungewöhnlichen „Aufstieg“ geworden und er klammerte sich verhalten an einen weitern Ast. „Die sind höchstwahrscheinlich essbar und so groß sind unsere Möglichkeiten nicht“, bemerkte er leicht unsicher.

Schuldig zuckte mit den Schultern. „Wenn du meinst…“ --- … ich vertrau dir… frage mich bitte keiner weshalb… ---

Aya hangelte sich vorsichtig zu einer der Früchte und riss sie ab. Eine weitere reichte er Schuldig. „Also dann…“ meinte er noch, dann biss er hinein.

Schuldig tat es ihm nach und sein Magen gab endlich Ruhe. Anschließend beförderte er Aya und sich wieder sicher zu Boden.

Als er wieder auf festem Boden stand, fühlte Aya sich doch bedeutend wohler. „Gut, und jetzt wo die Kinderchen satt sind, können wir ja weiter“, bemerkte er trocken und trabte los.

„Hai, hai…“ Schu stopfte seine Hände in die Hosentaschen und folgte Aya, dem er nun für den Rest des Tages die Führung überließ.



Gegen Abend hielt Aya wiederum Ausschau nach einem Unterschlupf und fand eine Höhle unter einem umgestürzten und inzwischen mit Moos überwachsenen Mammutbaum.

Schnurstracks lief er darauf zu, zuckte dann jedoch kurz zusammen und blieb stehen, um nach etwas an seinem Bein zu schlagen. Dann krabbelte er in die Unterkunft. „Komm schon.“

„Wie der Boss befiehlt…“ grinste Schuldig und rutschte neben Aya und sah ihn Augenzwinkernd an. „Gute Wahl, Kätzchen…“

„Wieso nennst du mich eigentlich Kätzchen?“ fragte Aya erschöpft.

„Ich nenn jeden von euch Vieren so…“

„Na toll… hab’ ich nicht ‘nen eigenen Spitznamen verdient?“ fragte Aya gespielt entrüstet, mit leichter Belustigung in der Stimme. „Sagst du auch jedem von uns, dass er ‘nen netten Po hat?“

„Thehe, ich hatte noch nicht das Vergnügen die anderen Drei genau so zu inspizieren…“ lachte Schuldig. „Okay, bei Zeiten verpass ich dir nen eigenen Nick… so lange bleibst eben mein Kätzchen…“

„Okay… dann…“ murmelte Aya und machte sich zum Schlafen bereit. „Oyasumi.“

„Nacht…“ brummte Schu und starrte Aya eine Weile schweigend an, ehe ein sanftes, keinesfalls falsches Lächeln über seine Lippen huschte.

Diese Nacht war Aya artig und bewegte sich nicht groß, was allerdings auch an den sehr engen Verhältnissen liegen konnte.



Am nächsten Morgen schüttelte er Schuldig sanft an der Schulter wach. „Aufstehen, du willst schließlich so schnell wie möglich hier raus.“

„Was…?“ Verwirrt darüber, dass er nicht vor dem Rotschopf aufgewacht war, fuhr Schuldig hoch. Gähnend krabbelte er wieder ins Freie und reckte erst mal seine Knochen, so dass es knackte.

Aya machte es ihm nach und kratzte sich noch mal ausgiebig das Bein, bevor er weiterwanderte. „Oder willst du heute wieder vorgehen?“ fragte er über die Schulter zurück.

Grinsend winkte der andere ab. „Ne, machst das ganz wunderbar Kätzchen… husch, husch…“ trieb Schu Aya vor sich her.

Aya legte auch bis zum Mittag ein recht ordentliches Tempo vor, doch dann wurde er langsamer… seine Schritte unsicherer.

Der Deutsche kam nach vorne. „Soll ich übernehmen…?“ Er sah Aya forschend ins Gesicht.

Aya nickte nur stumm mit geröteten Wangen. Er schwitzte wie immer, doch diesmal fühlte es sich anders an, schwächte ihn mehr.

Schuldigs Stimme hätte man beinahe als sanft bezeichnen können. „Ne kleine Pause vielleicht? Du… siehst erschöpft aus…“

Aya war zu fertig, um noch den starken Mann zu markieren. „Ja…“ japste er, „… ’ne kurze Pause wäre gut, denke ich…“

Schu blieb stehen, während sich Aya hin setzte. Schließlich verließ er den Rotschopf sogar und fand… oh Wunder… tatsächliche eine kleine Quelle, dessen Wasser wohl bedenkenlos getrunken werden konnte. Da er nichts dabei hatte, worin er es hätte transportieren können, war sein Improvisationsgeist gefordert. Dieser war dann auch wirklich vorhanden und so kam Schuldig nach einer Weile mit einem Blatt, welches er zusammen gerollt hatte und in dem frisches Wasser gluckerte, zurück zu Aya.

Aya nutzte die Verschnaufpause an einen Baum gelehnt und ließ seinen Schweiß aus sämtlichen Poren ab. Das Wasser konnte er wirklich gut gebrauchen. Er fühlte sich irgendwie leicht und schwerelos, kaum noch richtig bei sich.

„Hier…!“ Schu kniete sich vor Aya und hielt ihm das Blatt, welches nun einen brauchbaren Trinkbehälter abgab, vor die Nase. Leichte Besorgnis schlich sich in die eigentlich kalten Augen Schuldigs.

Aya schaute Schuldig mit fieberndem, fertigen Blick an. Dann nahm er ihm das Blatt vorsichtig aus den Händen, wobei er das Zittern seiner eigenen zu unterdrücken versuchte. „Arigatô“, sagte er leise.

„Hn…“ erwiderte Schuldig nur und blieb weiter unten, sah Aya forschend ins Gesicht.

Aya trank das Wasser mit tiefen Schlucken aus. Sein ausgedörrter Körper nahm es gierig auf.

Irgendwann legte sich eine erstaunlich kühle Hand auf Ayas Stirn. „Sag mal… ist dir nicht vielleicht etwas heiß?“ wollte Schuldig wissen und legte sich zum Vergleich die andere Hand an die eigene Stirn.

„Ja, ein wenig vielleicht“, nickte Aya, was natürlich tierisch untertrieben war. Der Mann glühte wie ein Ofen im tiefsten Winter.

‚Nicht gut… er streitet es nicht mal ab… wenn er jetzt krank wird, sind wir am A… am Ende…’ Vorsichtig zog Schuldig Aya hoch. „Na komm schon, gehen wir noch etwas weiter und suchen uns dann ein Lager…“

Aya ließ sich schwankend auf die Beine helfen und schleppte sich weiter, wobei er sich schwer auf seinen Stecken stützte. Nur noch die reine Willenskraft schien ihn vorwärts zu treiben, ja überhaupt aufrecht zu halten.



Als Schuldig sich durch ein ungutes Gefühl im Bauch wieder umdrehte, sah er nur noch, wie Aya langsam zur Seite kippte. Er war gerade noch rechtzeitig bei ihm, um ihn davon ab zu halten, auf den Boden zu knallen. „Aya…!!!“ Seinen Namen kannte Schuldig also doch und im Schreck war ihm einfach nichts anderes über die Lippen gekommen.

Aya stöhnte leise, als Schuldig ihn auffing. „Es geht schon“, presste er hervor, doch es war deutlich, dass dies nicht der Fall war.

„Du spinnst ja wohl… was ist mit dir…? Was…“ Schuldig verstand nicht, warum es dem anderen mit einem mal so schlecht ging. Vorsichtig betete er Ayas Kopf auf seine Knie und strich ihm die verklebten Haarsträhnen aus der Stirn.

„Okay…“brachte Aya schwach hervor, „die Wahrheit?“

„Ja….“

„Mir ist schwindlig und heiß und mein Bein juckt… da hat mich gestern irgendwas erwischt…“

„Wo denn…?“ Schuldig beugte sich über Aya und schob das Jeansbein hoch, um sich die Stelle an zu sehen, die Aya schwach angedeutet hatte.

Dort seitlich an der Wade, ca. 10 cm über dem Knöchel, prangte auch eine Beule, die leicht pulsierte und deren Farbe stetig zwischen rot und gelb wechselte.

„Ui, dich hat was gestochen mein Lieber… ich hoff mal, dass es keine Malaria ist…“ scherzte Schuldig noch halbwegs ernst, aber eigentlich war ihm gar nicht drum zu scherzen, denn das Bein gefiel ihm überhaupt nicht. „Tut es weh…?“ fragte er während er sanft drüber strich.

„Ja“, wimmerte Aya trotz seines verzweifelten Versuchs, tapfer zu bleiben. „Jedes Mal, wenn es pulsiert und BESONDERS wenn du drauftatscht.“ Gegen seinen Willen kamen ihm bei Schuldigs Berührung die Tränen.

„Gomen…“ Sofort wurden diese von Schuldigs Zeigefinger weg gewischt. „Ich… ich besorg dir etwas Wasser zum kühlen…“ Er stand auf, aber dann begann er zu zögern, konnte sich nicht überwinden Aya alleine hier zu lassen.

„Geh ruhig…“ meinte Aya und versuchte ein schwaches Lächeln, was kläglichst misslang. „Wo soll ich schon hin? Weglaufen?“

„Ich beeil mich…“ Und schon flitzte Schuldig davon. Zurück, um frisches Wasser zu holen.

Aya versuchte in der Zwischenzeit etwas Ruhe und eine schmerzfreie Position zu finden, ohne gleich wegzuknacken, denn er wusste nicht, ob er dann so einfach wieder aufwachen konnte.



Schuldig brauchte, obwohl er sich mittels Teleport fortbewegte, was ziemlich riskant war, eine knappe Stunde, ehe er mit zwei vollen Blatttüten Wasser zu Aya zurück kehrte.

Aya war wahrscheinlich zum ersten Mal in seinem Leben froh Schuldig zu sehen. Tatsächlich freute er sich sogar sehr über dessen Rückkehr. Inzwischen hatte er sein Bein so hingelegt,

dass es zumindest nicht mehr erschüttert wurde und still vor sich hinpuckern konnte. Mit sanften, von Fieber glasigen Augen schaute er Schu an und lächelte sanft, ja fast schon entrückt. „Ah… da bist du ja wieder“, sagte er leise und friedlich.

„Hai… sorry, dass es so lange gedauert hat… willst du etwas trinken…?“

„Ja… das wäre gut oder was meinst du?“ Aya war wie ausgetauscht, oberfriedlich und zurückhaltend. Dies war wohl ein sicheres Zeichen dafür, dass es ihm NICHT gut ging.

Schuldig nickte nur und half dem Jungen dann ein paar Schlücke zu trinken. Anschließend nahm er einen Fetzen seines Kittels und riss ihn gänzlich ab. Nachdem er ihn durch getränkt hatte, wickelte er ihn vorsichtig um Ayas Bein.

Das entlockte Aya, der es gerade halbwegs erfolgreich verdrängt hatte, ein Mittelding aus Stöhnen und Wimmern. Diesmal war seine Selbstbeherrschung nicht mehr groß genug und die Tränen begannen ungehindert zu fließen, auch nachdem Schu das Bein losgelassen hatte.

„Hey, hey“, meinte dieser sanft und setzte sich neben Aya. „So schlimm?“ Er strich ihm wie nebenbei beruhigend über den Arm.

Aya war völlig in dem Meer des inneren und äußerlichen Schmerz versunken, nahm Schu kaum noch wahr. Die „Wellen“ schwappten über ihm zusammen, drohten ihn zu ertränken, in die Tiefe zu reißen.

Auch wenn’s weh tun würde, so klinkte sich Schuldig schließlich doch in Ayas Bewusstsein ein, half ihm, den Schmerz auszugrenzen und zurückzudrängen.

Hilfesuchend klammerte sich Aya sowohl geistig als auch körperlich an Schuldig. „Bitte… lass mich nicht allein… das ist zuviel… ich ertrage das nicht mehr lange…“ Erst als Schuldigs Bemühungen fruchteten, wurde auch Aya wider ruhiger, entspannte sich langsam im Arm des Deutschen.

Schuldig blieb einfach bei dem jungen Killer von Weiß, wusste nicht, was er sonst tun konnte. Ab und zu strich er ihm etwas Wasser über die Stirn und hoffte einfach, dass sich das Fieber wieder zurückziehen würde, welches den Kleineren befallen hatte.

Nach Schuldigs „Behandlung“ und einer Verschnaufpause fand Aya wieder halbwegs zu sich, war allerdings noch immer sehr schwach und blieb deshalb unbeweglich in Schuldigs Armen liegen, auch als er die Augen aufschlug. „Warum tust du das? Warum lässt du mich nicht einfach krepieren und suchst weiter deinen Weg?“

Schuldig sah erst noch eine Weile gerade aus, ehe er runter auf Aya blickte. „Ehrlich…? Ich hab keinen Bock alleine hier herum zu ziehen… außerdem… auch wenn es nicht so abgemacht war, ich darf dich nicht sterben lassen, sonst wäre mein Auftraggeber sehr, sehr sauer…“

„Weshalb das?… Was ist ihm so wichtig an mir?…“ fragte Aya erstaunt, aber leise.

„Du bist es wert gerettet zu werden…“ war Schuldigs knappe und unpersönliche Antwort.

Das entlockte Aya nur einen fragenden und prüfenden Blick.

Aber Schuldig erwiderte nichts mehr darauf, sondern strich Aya nur wie nebenbei über den Oberarm.

„Warum erzählst du mir nichts davon?“

„Was würde es dir bringen?“ beantwortete Schuldig Ayas Frage mit einer Gegenfrage.

„Mich nicht mehr wie eine Versuchsratte zu fühlen… und vielleicht zu erahnen, warum du es mit mir aushältst…“

Langsam wurde Schuldig das Thema unangenehm und das spiegelte sich darin wieder, dass er ärgerlich wurde. „Du bist keine Versuchsratte! Viel eher bin ich das Versuchskaninchen und ich hab es satt mich von denen rumscheuchen zu lassen… und wenn ich hier raus komme… wenn WIR hier raus kommen, werd ich NIE wieder so was derartiges tun!“

„Wenn wir hier rauskommen, wird wahrscheinlich einer von uns sterben“, sagte Aya traurig. ‚Und ich weiß nicht, ob mir Überleben lieber ist.’

„Tse… warum sollten wir? Können doch weiter leben wie bisher… hält uns keiner davon ab…“

„Erinnerst du dich, dass wir Feinde sind? „Schwarz“ und „Weiß“?“

Ja natürlich tat er das, aber im Grunde war ihm das so was von scheißegal, denn so lange sie niemand beauftragte Weiß zu erledigen würde er es auch nicht tun.

Schuldigs Ärger kochte weiter, leider sank dadurch der innere Schutzwall, den er für Aya errichtet hatte.

‚K’so!’ Äußerlich versuchte Aya nicht schon wieder in Gejammer auszubrechen. ‚Ich wünschte, es wäre nicht so…’ dachte er noch bevor ihn der Schmerz überwältigte.

Augenblicklich merkte Schuldig, dass er nachgelassen hatte. Behutsam legte er eine Hand an Ayas Kopf und versuchte die Blockade erneut zu errichten.

--- Warum tust du das? --- fragte Aya wohl weißlich, dass Schuldig ihn hörte. --- Warum ergötzt du dich nicht an meiner Schwäche und meinem Leid? --- Er war fest entschlossen, sich dieses Mal nicht gehen zu lassen, egal wie groß die Schmerzen würden.

--- Weil du mir halbtot vor Schmerzen nichts bringst… --- Schuldig spürte den Schmerz ebenfalls, zwar gedämpft, aber dennoch noch recht heftig und er zog die Augenbrauen zusammen.

--- Ich bringe dir ohnehin nichts! --- Innerlich schrie Aya vor Schmerz, doch nach außen drang nur ein unterdrücktes Stöhnen.

Schuldig verstärkte seine Anstrengungen, auch wenn ihm das den Schweiß gehörig auf die Stirn trieb und insgeheim wünschte er sich, die Freunde von Aya mögen sie so schnell wie nur irgend möglich finden.


Kapitel 4

Schließlich ebbte der Schmerz in Aya wieder ab, doch der Assassin wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis Schuldigs Kräfte erneut und dann wahrscheinlich fürs Erste endgültig nachlassen würden. Er war festentschlossen, die Zeit, die ihm blieb, zu nutzen. „Also… solange ich noch bei Verstand bin, warum strengst du dich so an? Okay… mache ich den Anfang und du kannst nachziehen, wenn du willst… ich hab’ keinen Bock darauf, dich hier nach noch mal als Gegner bekämpfen zu müssen. Du bist nicht der Arsch, der du vorgibst zu sein.“

„Ich bin… was ich bin…“ zischte Schuldig gereizt, aber vollends konzentriert.

„Und was bist du?“

Schuldig öffnete die Augen. „Ein… ein Killer von Schwarz…“

„Und darunter… dahinter? Wie immer du es nennen willst…“

„Bin ich… Schuldig…“

„Ist das dein Name oder wie du dich fühlst? Warum bist du bei Schwarz?“

„Mein Name… und ja, auch das, was ich fühle… bei Schwarz? Weil sie gut bezahlen…“

„Das tut Kritiker auch… nur deshalb bin ich „Weiß“! Also ist es nur eine Frage dessen, welche Seite zuerst an einen herantritt…“

„Eben… also lass die kindischen Fragen Fujimiya…“ Längst steckte hinter dem Satz nicht so viel Biss, wie Schuldig es eigentlich beabsichtigt hatte.

„Warum gibst du nichts von dir preis? Steckt da soviel Schmerz?“ Ayas Tonfall war sanft und sein Blick, mit dem er Schuldig bedachte, war nicht nur vom Fieber besänftigt.

Doch der andere wich dem Blick aus amethystfarbenen Augen aus. Suchte sich einen Punkt irgendwo im Blätterdach des Dschungels.

Aya runzelte die Stirn. „Warum guckst du nach oben? Sieh’ mir in die Augen, verdammt, wer weiß wie lange du das noch kannst. Hast du Angst, ich könnte dir dein Geheimnis entreißen?“

Schuldig sah kurz herunter. „Nein, aber willst du, dass ich meine Konzentration verliere…? Es gibt nichts an Geheimnissen, was du mir entreißen könntest…“

„Wieso solltest du die Konzentration verlieren, wenn du mich ansiehst?“

„Hn… hör endlich auf damit, dich so stinkfreundlich zu verhalten Fujimiya…“ Schuldig schnaubte leicht. Es gab nichts zu erzählen, was erzählendwert gewesen wäre, also konnte er auch schweigen.

Aya runzelte die Stirn, ließ Schuldig aber seinen Willen. „Ich bin nicht stinkfreundlich“, artikulierte er noch leise, dann schwieg auch er und versuchte Konzentration für die sicherlich bald wiederkehrenden Schmerzen zu sammeln.

Aber der Deutsche erwies außergewöhnliches Durchhaltevermögen. Aber ewig konnten sie hier auch nicht sitzen bleiben. Zum Wasserholen und um etwas Essbares zu besorgen, musste Schuldig Aya alleine lassen.

Diese Stunden wurden für Aya zum Martyrium. Trotz seiner Meditationsversuche waren die Schmerzen unerträglich, zumal er wusste, dass sich so bald keine Linderung oder erst recht Heilung einstellen würde. Er fragte sich, ob er wohl hier sterben würde und manchmal, wenn die Schmerzen zu groß wurden, wünschte er sich nichts sehnlicher als einen baldigen, gnadenreichen Tod.

Schuldig kehrte so schnell wie möglich zurück und versuchte diesem dann erst zu helfen, ehe er ihm etwas Essbares unter die Nase hielt. „Hier… das schmeckt nicht übel…“

„Was ist das?“ fragte Aya, als er dank Schuldig wieder halbwegs klar denken konnte. „Wieso gibst du mich eigentlich nicht endlich auf? Du könntest schon meilenweit weg, vielleicht sogar hier raus sein…“

Darauf hatte Schuldig nun echt keine Lust zu antworten und stopfte Aya die Frucht in den Mund.

Aya war zwar überrascht, aber die Frucht schmeckte tatsächlich recht gut und war noch dazu erfrischend, also kaute er erst mal.

Zufrieden mümmelte Schuldig auf einer weiterem herum, während er eine Hand prüfend an Ayas Stirn hielt. Die glühte immer noch wie die Sahara in der Mittagssonne. Faktisch hatte sich Ayas Zustand nicht gebessert, er schien sich nur langsam daran zu gewöhnen.

Schuldig bekam sogar das Gefühl, als wäre Aya noch heißer geworden, als er eh schon war. Seufzend setzte er sich wieder neben den jungen Killer, hob einen Arm etwas an, so dass sich Aya wieder hinlegen konnte.

Dankbar ließ Aya sich wieder sinken, wobei er trotz allem unterdrückt stöhnte. „Ich mach’s eh’ nicht mehr lange, fürchte ich…“ sagte er mit einem ironischen, schmerzverzerrten Grinsen, „… dann bist du mich los…“

--- NEIN! --- Ohne es zu wollen oder überhaupt zu merken, hatte Schuldig seinen Gedanken beinahe geschrieen. Alles bloß nicht alleine hier sein. Inzwischen war ihm die Anwesenheit des Weiß-Killers nicht mehr unangenehm. Im Gegenteil… er mochte es irgendwie.

„Wieso? Erstens tue ich das doch im Moment gar nicht und außerdem, warum interessiert DICH das überhaupt?“

„Einfach… deswegen halt… ist doch egal…“

„Nein, das ist nicht egal… vielleicht ist das alles, was mich noch davon abhält, zu sterben“, sagte Aya mit ernstem Gesicht, doch in seinen Gedanken waren sowohl der Witz als auch die Furcht davor, dass es tatsächlich so sein könnte, zu lesen.

Kühlend legte sich Schuldigs Hand an Ayas Wange. „Ich… ich will einfach nicht allein sein… verstehst du…? Es gibt nichts schlimmeres als Einsamkeit…“

„Ich weiß“ seufzte Aya. „Aber manchmal ist sie unser einziger Schutz. Auch vor uns selbst.“

„Einsamkeit macht uns kaputt… ich wüsste nicht vor was sie schützen könnte…“

„Davor, uns selbst und anderen mehr als unbedingt nötig wehzutun.“

„Wie… wie meinst du das?“ Nun sah Schuldig wahrlich verwirrt aus.

„Wenn ich mich zum Beispiel auf die Anderen einlasse und dann etwas Dummes tue oder sterbe oder so, dann tut es ihnen mehr weh, als wenn sie mich nur als das zickige, isolierte, kaltherzige Arschloch kennen und manchmal… ist es sogar besser, wenn das alles ist, was ich mir selbst über mich klar mache… einfach zu funktionieren, verstehst du?“

„Nein… gomen, aber so was versteh ich nicht… und… es tut mir leid…“ Schuldig biss sich auf die Unterlippe.

„Was tut dir leid?“ fragte Aya verwundert.

„Dass du so… so ein Leben führen musst… niemand hat das verdient…“ Vom alten Schwarzkiller war nichts mehr übrig geblieben, außer die Hülle und auch die sah schon reichlich ramponiert aus.

„Jeder hat das Leben verdient, das er sich erwählt hat und dies ist meins… ich komm’ schon damit klar… dein Leben scheint mir weniger schön als meins.“

„Was?“ Beinahe erschrocken sah Schuldig auf Aya herunter.

„Wieso erschreckst du so?“ Aya sah Schuldig aus vom Fieber geweiteten, großen, lilafarbenen Augen an, die sanft das Licht reflektierten und so sehr friedlich und unergründlich tief wirkten.

„Warum… warum soll mein Leben weniger schön sein als deines…?“ Mit leicht zitternden Fingern strich Schuldig Aya verklebte Ponyfransen aus der Stirn.

„Es wirkt so… du willst ja nicht mal darüber reden und was so durchscheint, klingt nicht gut.“ Aya seufzte leise und kuschelte sich unwillkürlich näher an Schuldig, um Geborgenheit zu bekommen und zu geben.

„Mag… sein… wenn wir wirklich nicht hier raus kommen, wie du immer sagst, spielt das ja eh keine Rolle mehr… dann ist das alles vorbei…“

„Ach und weshalb? Wieso sollte dann alles vorbei sein…?“

„Na wenn wir hier abkratzen… dann hab ich endlich meinen Frieden und Schwarz nicht mehr im Nacken…“

„Wieso hast du Schwarz im Nacken? Du bist „Schwarz“! Und außerdem kratzt hier höchstens einer ab und das bin ich…“ erwiderte Aya resigniert.

„Wenn dann wir beide… anderen Falls krieg ich dich raus und wenn ich dich tragen muss… und Schwarz. Ich bin nicht Schwarz, ich arbeite nur für die… na ja… mehr oder weniger freiwillig halt inzwischen…“ Er zuckte leicht mit den Schultern und strich weiter durch die feurig roten Strähnen Ayas.

„Wieso mehr oder weniger freiwillig?“ Aya ließ sich diese beiläufigen Streicheleinheiten bereitwillig gefallen, genoss sie sogar irgendwo.

„Na ja, inzwischen weiß jeder von uns einfach zu viel und Brad akzeptiert ne Kündigung nicht mehr… hat er recht bildlich verdeutlicht, als ich es vor anderthalb Jahren versucht hab…“

„Inwiefern?“ fragte Aya mit skeptischem leicht erschreckten Blick.

„Hmm… wenn ich mich recht erinnere, ne ausgerenkte Schulter, zwei angeknackste Rippen und diverse Blutergüsse…“ zählte Schuldig alles sarkastisch grinsend auf.

„Ein netter Boss, von wegen keiner Fliege was zuleide tun… Wieso hast du ihn nicht davon abgehalten? Ich mein, wenn einer gehen könnte, dann du…“ Aya tippte sich an die Schläfe. „Aber manchmal denke ich, auch wenn sie anderes sagen, Kritiker wird mich auch nicht mehr gehen lassen.“

„Tja, aus dem einfachen Grund, dass Brad all meine Attacken und Ausweichversuche vorhersieht und alles abblocken kann, was ich ihm an den Kopf werfe… thehe… wir sind schon zwei arme Trottel, was Fujimiya…?!“ Schuldig grinste eher etwas verloren, denn wirklich sarkastisch wie es hätte sein sollen.

Aya blickte Schuldig ernst an und sagte leise aber bestimmt: „Das sind wir… oh ja, das sind wir.“

„Hehe… du gefällst mir je länger je mehr… bald wird der gute Siberian Konkurrenz bekommen…“ lachte Schuldig geheimnisvoll.

„Nani?“ Aya guckte verwundert.

Schuldig pfiff unschuldig.

„Na los… sag’… ich bin vielleicht todkrank… also Aufregung ist Gift für mich… und ständig ausgebremst zu werden, regt mich schwer auf…“

„Du scherzt schon wieder, mein Lieber… ne, ich sag lieber nichts, sonst wird der gute Ken-kun noch sauer auf mich…“

„Na ja… er bewirft mich mit Flips, er schlägt mich, er brüllt mich an, er tut alles, um mich rasend zu machen… Das muss Liebe sein!“ grinste Aya sarkastisch verklärt.

„Er ist jung, weiß nicht, wie damit umgehen, tja und wenn halt Aggression die einzigen Emotionen sind, die er von dir bekommen kann, nimmt er halt diese und fordert sie auch…“

Aya guckte verwirrt, dann schlich sich bange Erkenntnis in seine Züge. „Meinst du wirklich?“

„Ja… dachtest du, das sei ein Scherz?“

„Argh…“Aya schluckte. „Vermutest du das nur oder weißt du es?“

„Ich bin mir ziemlich sicher. Seine Gedanken sind herrlich freimütig, wie die eines Kindes…“

„Na toll, er ist verknallt in mich… vielleicht sollte ich wirklich gleich hier und jetzt sterben, dann erspare ich es mir von dem liebestollen Fußballer gekillt zu werden… ich komm’ mir vor wie Kyo aus Fruits Basket… und Ken ist Kagura, das alte Ferkel…“

Schuldig verzog das Gesicht. „Du bist ganz schön hart… du solltest lieber mal mit ihm reden, anstatt dich lustig über ihn zu machen…“

„Na ja… ich mach’ mich nur über das lustig, weil es mir Angst macht… Ich… ich will ihm nicht weh tun…“

„Ist doch schon mal ein Anfang… aber hey… denk jetzt nicht darüber nach, sondern sieh zu, dass du gesund wirst… schlaf noch etwas…“ ordnete der Ältere fürsorglich an.

„Gut… ich werde mich artig fügen“, sagte Aya noch, dann kuschelte er sich fester an Schuldig und schlief ein.



~*~*



Inzwischen drehte ein gewisser Fußballer im weit entfernten Japan beinahe durch, nachdem er drei mal ganz kräftig hatte niesen müssen und Omi gluckste, dass wohl jemand arg feste an ihn denke. Ken schüttelte nur den Kopf. Dafür hatte er nun rein gar keine Zeit. Es galt nach wie vor Aya zu finden und das wohl hoffentlich ohne Schuldig. Ken ballte die Fäuste und rauschte weiter. Omi sah verunsichert zu Yôji hoch. „Er dreht ja gleich durch…“

„Das wäre ja nix neues“, feixte Yôji leise, darauf bedacht, die Aufmerksamkeit Kens nicht auf sich zu lenken. „Aber das mit Aya ist wirklich mysteriös…“

Mit einem mal kehrte Ken zurück und hielt einen weißen Zettel in der Hand. „OMI! Kannst du den überprüfen? Da schreibt jemand wir sollen außerhalb des Landes nach ihnen suchen… und da is ne Landkarte aufskizziert… wo ist das?“ Omi wurde beinahe überrannt mit Kens Wortschwall, nickte dann aber artig und nahm den Papierzettel an sich.

Yôji guckte Omi neugierig über die Schulter, um nix zu verpassen.

„Die Skizze, so wie sie hier drauf ist, passt zu einer Karte… aber der Ort ist in Südamerika, irgendwo mitten im unbesiedelten Urwald…“

Yôji riss die Augen auf und schob die Sonnenbrille runter. „In SÜDAMERIKA?!?“ fragte er entsetzt. „Wie sollte Aya nach Südamerika kommen und wieso?“

„Keine Ahnung… ist sicher nur Verarsche und…“

„Nein! Das ist keine Verarsche…“ Ken stand auf einmal hinter ihnen. „Sehen wir zu, dass wir da rüber kommen…“

„Woher willst du das wissen, dass das keine Verarsche ist? Das ist einmal um die halbe Welt…“

„Ich hab’s im Gefühl“, murrte Ken Yôji an.

„Sag’s doch… du hast es im Urin…“ lachte Yôji. „Dein Gefühl sagte auch, dass Kaze dein bester Freund ist…“ Er räusperte sich. „Im Moment würdest du alles glauben und wenn einer dir ‘ne Disk oder besser ‘ne MO hinlegt, auf der steht, dass Aya in der Milchstrasse gefangen gehalten wird…“ Yôji ging vorsichtshalber schon mal in Deckung und lachte.

Tatsächlich kam gleich darauf ein Turnschuh mit Stollen geflogen, haarscharf an Yôjis Nase vorbei.

„Na gut, wir haben eh’ nix besseres vor und ich hab’ mir ‘nen Urlaub verdient. Die Latinomädchen sollen echt rassig sein“, grinste Yôji.

„Yôji-kun… das ist Urwald… da gibt’s weder Latinos noch Mädchen und schon gar keine Latinomädchen…“ klärte Omi den Älteren auf, machte sich dann aber auch daran das nötigste zusammenzupacken.

Yôji zog eine Flunsch. „Dann will ich da auch nicht hin“, quengelte er.



Anderthalb Stunden später saßen die Drei in einem Flugzeug nach Südamerika und keinem war so recht wohl dabei und doch war da dieses Gefühl, dass es genau das richtige war.

Wobei Yôji sich beharrlich gegen dieses Gefühl sträubte. „Da gibt’s KEINE Mädchen… was soll ich als weltgrößter Liebhaber also da?“ nörgelte er munter weiter.

„Such dir halt ein rassiges Affenmädchen oder ne heiße Schlangenfrau…“ stichelte Omi. Ken starrte nur nachdenklich aus dem Fenster. ‚Aya… wo bist du nur?’

„Will aber keinen weiblichen Son Goku… Egal, noch sind wir in ‘nem Flugzeug. Das muss irgendwo landen, da wird es Menschen geben, bestimmt sind einige davon weiblich… also… Tadaa… ich mach’ das schon“, grinste Yôji.

Omi lächelte nur resigniert und sah dann eine Weile mit leichter Besorgnis im Blick zu Ken.

Für den Rest der Reise hielt auch Yôji die Klappe.



~*~*



Derweilen wuchs bei Schuldig die Sorge um Ayas Zustand, da er immer mehr Mühe hatte diesen wach zu bekommen und es kaum noch schaffte, ihn zu Gesprächen zu animieren.

„Wo bin ich?“ artikulierte dieser gerade wieder mühsam, obwohl Schuldig ihm heute bereits beim letzten Aufwachen die Lage erklärt hatte. Er schien völlig weggetreten.

„Schhht… alles okay…“ Er strich Aya beruhigend über die Stirn. „Keine Sorge… ich lass dich nicht allein… ich bleib bei dir… du schaffst das schon…“ ‚Verdammt… er macht’s nicht mehr lange… kuso… Aya halt durch… nicht aufgeben…’

„Ich… ich… mir ist so kalt… aber ich glaube, das vergeht gleich…“ Aya zitterte trotz seiner Schweißausbrüche, doch auf seinen Zügen lag ein Lächeln.

Schuldig zog ihn dennoch etwas weiter nach oben und legte seine Arme um ihn, um ihn zu wärmen. „Wir haben es sicher bald hinter uns. Ich kann es spüren…“ Er versuchte zurück zu lächeln.

Aya entspannte sich in Schuldigs Armen und flüsterte leise fast unverständliche Worte. „… ’tosa… ’kasa… wartet auf mich… ich… will nicht mehr Alleinsein… nehmt mich… mit…“ Und er streckte ganz leicht die Arme aus.

„Nein… nein… bleib hier, Aya… ich bitte dich… bleib hier…“ Nicht mehr nur Sorge, sondern wirkliche Angst war in der Stimme des Deutschen zu hören.

Aya schlug die Augen weit auf, blickte zu Schuldig. „Wer bist du?… Warum soll ich bleiben?… Ich… bin… allein…“ und bei den letzten Worten rollten Tränen über Ayas Wangen „Ich muss… gehen… ‘kasa… ’tosa… sie rufen mich…“

„NEIN!“ In diesem Moment vernahm Schuldig über sich einen ohrenbetäubenden Lärm, wie er nur von einem Hubschrauber her rühren konnte. Sofort schickte er seine Gedanken in alle Richtungen. Erreichte damit genau diejenigen, die es erreichen musste. Sowohl Omi wie auch Ken im Hubschrauber zuckten zusammen und sahen sich erschrocken an.

Yôji schüttelte verwirrt den Kopf, wurde einen Augenblick lang davon abgehalten, mit der hübschen Pilotin zu flirten. „Habt ihr auch so’n komisches Gefühl?“

Im selben Moment sackte weiter unten ein Körper komplett in sich zusammen und Ayas Atmung setzte mit einem letzten „jiyu“ aus.

„Landen sie sofort!“ schrie Ken die Pilotin an, aber diese musste erst eine Landemöglichkeit finden. Kaum unten sprang Ken auch schon als erster aus dem Hubschrauber und hetzte zurück, zu der Stelle, wo ihn dieses Gefühl der Kälte und der Furcht ereilt hatte. Er erstarrte mitten im Lauf, als er den orangefarbenen Haarschopf über einem roten gebeugt sah.

Yôji hechtete hinter Ken her. Die ganze Sache war ihm mehr als unheimlich. Fast wäre er ihn den Jüngeren geprallt, als dieser wie angewurzelt verharrte. Auch Yôji traute seinen Augen kaum, als er Schuldigs ansichtig wurde.

Der registrierte zwar die Präsenz drei weiterer Menschen, aber er konzentrierte sich weiter darauf, Aya wieder Lebensgeist einzuflössen. Gleichmäßig blies er Luft in dessen Lungen. --- Komm schon! Nicht jetzt! Nicht jetzt, wo sie uns gefunden haben. Nicht aufgeben Aya… komm schon… Aya… AYA… komm schon… RAN! ---

--- Ich hab’ keine Lust mehr auf dieses Leben voller Schmerzen. --- flüsterte es leise aus den hintersten Winkeln von Ayas Unterbewusstsein.

--- Vergiss es! So nicht! Sie sind hier… sind alle hier… deine Freunde… alle… Ken… er ist auch hier… du kannst ihn jetzt nicht verlassen… du kannst uns nicht verlassen… verdammt… wozu haben wir zwei denn jetzt so lange hier ausgeharrt, wenn du jetzt einfach abdanken willst…? ---

--- Zu schwer… zu müde… ich bin zu erschöpft… --- Aya schien noch nicht wieder wirklich unter den Lebenden, allerdings setzte seine Atmung, wenn auch flach und unregelmäßig wieder ein.

Yôji blinkte. Was tat Schuldig da? Er blickte verwirrt zu Omi, da Ken noch immer wie gefesselt schien.

Omi, erst auch noch geschockt, reagierte nun und ging zu dem Deutschen und kniete sich vor ihn und Aya. „Was… ist er…?“

„Nein… nein, er… atmet wieder…“ brachte Schuldig stockend hervor.

„Aber… aber wieso… ich meine…“

„Aya…?!“ Nun hatte sich auch Ken aus seiner Starre gelöst und trat neben die anderen, ließ sich dann dort auf die Knie sinken und streckte vorsichtig eine Hand nach Aya aus. Sanft fuhr er ihm durch die Haare. Längst war die Tatsache, dass Schuldig ‘seinen’ Aya in den Armen hielt zweitrangig. Er sah nur, dass der andere lebte und atmete. Schwach zwar, aber immerhin und anscheinend… ja anscheinend war es ihr eigentlicher Erzfeind gewesen, der ihm das Leben gerettet hatte.

--- Ich… kann… nicht… mehr… warum… sollte… ich… bleiben?… Ihr… seid… ohne… mich… besser… dran. --- Aya wollte sich ziemlich eindeutig von der Welt verabschieden.

--- Ach ja… so nicht mein Freund… --- Schuldig konnte und wollte das nicht akzeptieren, zu mal er Kens bohrenden, so hilflos wirkenden Blick auf sich spürte. --- Du hast es nicht anders gewollt… --- Schuldig setzte all sein Können ein, um Aya zu zeigen, wie es aussehen könnte, wenn er hier und jetzt wirklich starb. Zeigte Bilder einer Beerdigung. Von einem Ken, der an seinem Grab zusammenbrach. Von Omi, der nun, ohne ein wirkliches Vorbild, immer mehr verkam und abrutschte. Yôji, der zwar versuchte Weiß zusammen zu halten, aber dennoch aufgeben musste und… er zeigte ihm das Krankenzimmer seiner Schwester, wie die Ärzte ein weißes Tuch über ihr Gesicht zogen. --- … willst du das? Willst du das wirklich? Verdamm kämpfe… kämpfe doch wie du es immer getan hast… ---

--- Ich… das… das… ist nicht… die Wahrheit… meine Schwester… wird leben… --- Aya kämpfte innerlich mit sich selbst und schließlich, nach wenigen Minuten, die den Umstehenden jedoch wie Stunden vorkamen, schlug er die Augen auf.

Im selben Moment sackte Schuldig zusammen, hielt Aya jedoch weiter fest.


Kapitel 5

Ken standen Tränen in den Augen, als er Aya wie schon zuvor durch den roten Pony fuhr. „Aya… Gott sei Dank… wie konntest du uns nur so erschrecken…?“

Schuldig hob wieder den Kopf. „Alles… alles in Ordnung… wir… wir sollten ihn jetzt so schnell wie möglich nach Hause in ein Krankenhaus bringen…“

Aya blinzelte matt. „Was ist passiert? Und wieso seid ihr alle hier?“

„Keine Ahnung…“ gestand Omi. „Es war nur ein Gefühl… aber das ist ja jetzt auch egal… wir bringen dich erst mal zum Hubschrauber und dann nach Hause…“ Er sah hoch und direkt in Schuldigs Augen, unter dessen es bereits dunkel schimmerte. Omi wandte sich zu Yôji um. Schuldigs Kraft schien nicht mehr ausreichend zu sein, um Aya hoch zu heben, geschweige denn zum Hubschrauber zu tragen. Ein Wunder, wenn er sich überhaupt selbst so weit aufrichten konnte, dass er aufrecht stand.

Yôji hatte die ganze Szene stumm betrachtet, fand erst jetzt seine Sprache wieder. „Ken… heb’ Aya hoch. Lass ihn nicht mehr so lange hier liegen. Wir klären alles weitere im Heli.“ Dann blickte er zu Schuldig, denn auch ihm war dessen Verhalten und sein jetziger Zustand nicht entgangen. „Kommen deine Leute dich holen?“

Ken brauchte keine zweite Aufforderung und zog Aya sanft in seine Arme und hob ihn hoch. Kurz war er erschrocken über dessen Leichtigkeit, aber dann begab er sich sofort auf den Weg zum Heli, während er leise Worte zu Aya flüsterte, die niemand anderes hören konnte.

Schuldig hatte Yôji nur kurz angesehen und wandte seinen Blick dann zur Seite, schüttelte schwach den Kopf. „Die… haben vielleicht noch nicht mal gemerkt, dass ich weg war…“ meinte er leise.

„Gut… dann nehmen wir dich mit“, bestimmte Yôji und hielt Schuldig die Hand hin, damit dieser aufstehen konnte. „Zumal du uns wohl noch ‘ne Erklärung liefern musst.“

„Hai…“ gab Schuldig ergeben von sich, versuchte aufzustehen, war dann doch auf die Hand angewiesen, die ihm Yôji entgegen hielt. Kaum berührten diese beiden sich, gingen Schuldigs Gefühle auf den anderen über, da er die verbindenden Gefühle, die er vorhin für Aya gebraucht hatte, noch nicht wieder blockiert hatte. So bekam nun Yôji die Unsicherheit und Schwäche des Schwarzkillers zu spüren. Äußerlich sah man ihm jedoch nichts an, weshalb Omi von dem Ganzen auch nicht mit bekam, sondern bereits hibbelig auf die zwei Älteren wartete.

Yôji konnte seine Verwunderung nicht unterdrücken und machte erstaunt große Augen. --- Oh Mann… egal… los komm… das erklärst du mir später… --- Er packte Schuldig, bevor dieser sich wehren konnte, resolut untergehakt und schleppte ihn zum Hubschrauber.

Kaum dass der Deutsche den weichen Sitz unter sich spürte, sackte er wieder in sich zusammen. Die vergangenen Tage waren auch an ihm wahrlich nicht spurlos vorbei gegangen. Er vergewisserte sich bloß mit einem letzten Blick, dass es Aya gut ging, ehe er seine Augen schloss.

Ken hatte Aya fürsorglich in seinen Schoss gebettet und eine Decke über ihn gelegt. Behutsam streichelte er dessen Arm unter der Decke, auch wenn er wohl weder Omi noch Yôji etwas vormachen konnte.

Aya ließ alles mit sich machen, war gerade noch in der Lage, das Bewusstsein zu halten. „Könnte mir jetzt bitte jemand erklären wie ihr herkommt?“ quengelte er schwach.

Ken beugte sich über ihn. „Wir wissen es selber nicht genau…“ flüsterte er in sein Ohr. „Jemand hat uns eine Notiz mit einer Karte zu kommen lassen und Omi hat mit dem Synchronisierungsprogramm die markierte Stelle hier gefunden und so… haben wir euch gefunden… ruh dich jetzt aus. Wir können später über alles reden.“

„Will mich nicht ausruhen… mag nicht einschlafen… komme dann bestimmt nicht wieder hoch…“ maulte Aya noch, dann war er auch schon weggesegelt ins Land der Träume.

Ken sah nur hoch und lächelte Yôji und Omi an. Das Lächeln wurde breiter, als er sah, dass Aya nicht der einzige war, der weggetreten war. Omi sah hinüber zu Schuldig und kicherte leise. „Uh oh… der gefährlichste Killer von Schwarz… muss man ja wirklich Angst kriegen bei seinem Anblick…“

Yôji grinste milde, fast war es mehr ein Lächeln. „Hinter der Fassade sind wir halt alle nur verängstigte Kinder…“ seufzte er.

Einige Stunden später standen die drei Mitglieder von Weiß im Krankenhaus vor einem Zimmer und warteten gebannt auf den Arzt, der bei Aya im Zimmer war. Ken hibbelte nervös herum, hoffte nur, dass es der 20-jährige bald überstanden hatte und wieder ganz der Alte wurde. Omi hatte sich auf einen der orangefarbenen Plastikstühle gesetzt und spielte mit einem seiner Schnürsenkel. Schuldig hatte sich, kaum dass sie wieder japanischen Boden unter den Füssen hatten, von ihnen getrennt und war seiner eigenen Wege gegangen.

Nach einiger Zeit kam auch ein junger Arzt auf die Drei zu. „Sind sie die Angehörigen von Fujimiya-san?“

Ken stand augenblicklich bei Fuß und sah den Arzt aus großen, türkisfarbenen Augen an. „Wie geht es Aya?“

„Er hatte eine ziemlich schwere Lymphvergiftung, der Laie nennt es Blutvergiftung, durch einen Moskitostich… noch dazu hatte er Mangelerscheinungen und ist völlig erschöpft, doch jetzt, wo er hier ist, wird es ihm wohl in einigen Tagen wieder gut gehen.“

Ken trat wieder einen Schritt zurück und atmete tief durch. „Gott sei dank…“ Er begann leicht zu beben, bis Omi ihm eine Hand auf den Arm legte und ihn aufmunternd anlächelte, dann sah der Kleine zu dem Arzt. „Dürfen wir zu ihm…?“

„Ich denke, es spricht nichts dagegen, solange sie ihn nicht zu sehr aufregen und ihm seine Ruhe lassen, wenn er sie braucht. Er hat ohnehin nach ihnen gefragt…“ Der Arzt führte die jungen Killer zu einem Zimmer und verabschiedete sich dann.

Ken platzte fast und dann auch als erster hinein ins Zimmer. Sofort war er neben Ayas Bett und sah auf das bleiche Gesicht hinab. Leise flüsterte er, um Aya nicht erschrecken. „Aya?! Bist du wach…?“

Aya schlug die Augen auf und lächelte leicht. „Ich denke schon, dass man mich so bezeichnen könnte“, scherzte er leise.

„Na dann… willkommen daheim…“ grinste Ken schwach. „Man Junge, du hast uns ganz schöne Sorgen gemacht…“ Ken verbarg das, was sich tief in seinem Herzen abspielte, hervorragend und ließ den lediglich besorgen Kumpel raus hängen, was Omi dazu brachte kritisch die Augenbrauen zu heben, aber vorerst die Klappe zu halten.

Aya hatte sich in der Zwischenzeit ohnehin Schuldigs Worte ins Gedächtnis gerufen und war nun dabei, sie auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Doch erst mal würde er Ken nur beobachten, vielleicht gleich noch ein 4-Augengespräch mit ihm führen. Allerdings wusste er selbst nicht, was er dann tun sollte, wie sollte er sich verhalten?

„Hast du die Flips von der Couch gesaugt?“ fragte er.

Leise fing Ken an zu lachen. „Schon lange geschehen…“ Er salutierte leicht.Es fiel ihm nicht ganz leicht sich zusammenzureißen und sich nicht gleich an die Brust des anderen zu werfen. Aber erstens war Aya nicht fit und er könnte ihm damit weh tun und zum Anderen hing er an seinem eigenen Leben und hatte keine Lust es durch den Älteren vorzeitig enden zu lassen.

Aya blieb die Anspannung des ehemaligen Torwarts jedoch nicht verborgen, denn auch wenn er es nicht offen zeigte, so hatte er doch ein recht feines Gespür für die Empfindungen anderer. „Könnte ich kurz allein mit Ken reden?“ fragte er deshalb leise in Yôjis und Omis Richtung.

Omi zuckte zusammen, sah erst Ken, dann Yôji unsicher an, ließ sich dann aber widerstandslos vom Blonden nach draußen schieben. Kaum alleine begann Ken sich sichtlich unwohl zu fühlen und spielte nervös mit dem Zipfel des Leintuchs von Ayas Bett.

Aya war ebenfalls nicht ganz wohl bei der Sache, aber das musste ein für allemal geregelt werden. „Irgendwie wirkst du, als hättest du „die Angst des Torwarts beim Elfmeter“! Du wirst es ohnehin nicht selbst rausbekommen, also mach’ ich das… Kann es sein, dass du nicht nur Freundschaft für mich empfindest?“ Aya bemühte sich um einen neutralen Tonfall, sprach allerdings durch seine eigene Anspannung ziemlich schnell.

Ken schnaubte leise und sah seinen Gegenüber aus riesigen Bambiaugen an. „Anou, ich… ich…“ Er biss sich nervös auf die Unterlippe und kaute darauf herum. „Wie… wie kommst du darauf…?“ fragte er dann beinahe unschuldig und mit kindlicher Naivität.

„Okay… Karten auf den Tisch… Schuldig hat’s mir gesagt, als ich meinte, dass ich vielleicht einfach sterben sollte… ist das wahr? Sag’ doch einfach ja oder nein!“ Ayas Tonfall war fast bittend, auch ihm war die Unruhe deutlich anzusehen.

Der 18-jährige wich einen Schritt zurück, nickte aber. „Uhm… h-hai…“

„Hast du Angst vor mir?“ fragte Aya ungläubig.

Ken zögerte, nickte dann aber schwach.

„Warum? Ich werde dir nichts tun, weshalb sollte ich auch?“ Aya lächelte sanft. „Ganz unabhängig davon, dass ich im Moment dazu gar nicht in der Lage bin.“

„Du… du kannst trotzdem wütend sein…“ versuchte Ken sein Verhalten zu erklären. „Und du kannst mich noch mehr hassen als zuvor…“

„Na, ob da noch ‘ne Steigerung drin ist?“ erwiderte Aya frech. „Mal im Ernst, ich hasse dich doch nicht, du bist einer meiner besten Freunde, einer der wenigen, die ich noch habe.“

Kritisch legte sich Kens Kopf schief, aber er wagte es wieder Aya anzublicken.

„Verstehst du nicht, dass ich nur versuche, Euch zu schützen?“ Ayas Tonfall klang unterschwellig verzweifelt. „Guck’ mich nicht einfach so an… sag was!“

„Wir… wir sind eine Familie… du bist nicht der einzige, der beschützen will… und kann…“

„Aber irgendjemand muss Euch ab und zu den Kopf zurechtrücken. Notfalls gewaltsam“, seufzte Aya.

Mit einem mal begann Ken leise zu lachen. „Du tust es schon wieder… wieder spielst du Papa für uns…“ Die Unsicherheit von zu vor war langsam gewichen und Ken trat wieder an Ayas Bett, setzte sich zu ihm auf die Bettkante.

„Wieso schon wieder?“ fragte Aya erstaunt, konnte sich jedoch selbst ein kleines Grinsen nicht verkneifen.

„Entschuldige, aber wenn du sonst in der Küchenecke stehst und jedem sagst was er noch zu tun hat, erinnert das sehr an einen Familienvater, der seine Schäfchen herumscheucht…“ Einen Moment versank Kens Blick in Ayas amethystfarbenen Augen. „Oh man, du solltest die Eismaske wirklich verschrotten… so siehst du einfach wirklich viel besser aus, als wenn du diese Fresse ziehst, als ob du Zahnschmerzen hättest…“

„Aber dieses Gesicht ist nicht alltagstauglich… Ich komm’ damit nicht anders klar. Ich brauch’ das. Ich hab’ jetzt schon wieder das Gefühl, eigentlich gar nicht das Recht zu haben, zu lachen.“ Ayas Blick wirkte traurig, doch die emotionale Wand war noch nicht wieder vor seine Züge gerutscht.

Ken konnte nicht wiederstehen und legte die Spitzen seiner Finger an Ayas Wange. „Als Killer ist es okay… aber nicht in deiner Familie…“

„Ich bin immer ein Killer. Das ist kein Halbtagsjob, den man einfach hinter sich lässt“, seufzte Aya schwer.

„Versuch es mal“, zwinkerte Ken. „Es geht nämlich… ne und nun lass ich dich etwas ausruhen okay…? Wir kommen morgen früh wieder her…“

„Okay…“, erwiderte Aya, jedoch ohne rechte Zuversicht. „Bis dann.“ Er winkte Ken zum Abschied kurz.

Aber so einfach ließ sich Ken nicht abspeisen. Als Aya die Hand erhob, umfasste er sie sanft und drückte sie kurz an sich. „Ich komm vielleicht nachher noch schnell vorbei und bring dir was mit.“ Er lächelte und verschwand dann aus dem Zimmer. Dann flitzte er an Yôji und Omi vorbei, die ihm perplex hinterher sahen. Keine fünf Minuten kam Ken wieder zurück, nachdem er dem Krankenhauskiosk einen Besuch abgestattet hatte.

Stolz hielt er etwas unförmiges, gelb/braunes unter dem Arm und verschwand wieder im Zimmer. Omi war nun völlig verwirrt. „Was wird denn das, wenn’s fertig ist?“

Yôji zuckte die Schultern „Wer versteht schon die Liebe?“ Dann grinste er und schob die Sonnenbrille wieder höher auf seine Nase.

Im Zimmer war Aya, der jetzt eigentlich nicht mehr mit Besuch gerechnet hatte, mindestens ebenso überrascht.

Ken hielt das ‘Ding’ hinter seinem Rücken versteckt. „Tadaima…“ trällerte er leise und kam näher zum Bett.

Aya guckte ihn immer noch aus großen Veilchenaugen an. „Okairi…“ brachte er schwach hervor.

„Hier…“ Ken grinste und im nächsten Moment hielt Aya etwas Plüschiges mit einem langen Hals im Arm. „Damit du nicht so alleine bist, wenn wir nicht hier sind…“

Aya guckte völlig perplex auf die Giraffe. „Da… danke…“ stotterte er. „Das… wäre doch nicht nötig gewesen.“ ‚Und wie soll ich hier noch bequem liegen mit diesem Ungetüm?’ grinste er innerlich. ‚Na ja, ist ja süß von ihm…’ „Super“, grinste der Rothaarige Ken nun schon überzeugter an. „Ich werde gut auf sie aufpassen.“

„Will ich hoffen“, grinste Ken und verabschiedete sich nun endgültig von seiner, nun nicht mehr heimlichen, Liebe.

~*~*



Inzwischen hatte nicht sehr weit von ihnen entfernt, jemand anderes weniger schönes erlebt. Kaum dass Schuldig das große Haus betreten hatte, wurde er auch schon mit einem kalten Blick empfangen. Nagi sah zu, dass er weg kam. Er brauchte nicht Schuldigs Fähigkeiten, um die Gedanken von Crawford zu kennen.

Und Nagi war trotz seines harten Lebens noch zu lieb und unverdorben, um die TATSÄCHLICHEN Gedanken Brads zu kennen, er kannte nur die jugendfreie Version.Brad war außer sich. Wütend schnappte er sich Schuldig am Kragen und schnauzte ihn an. „Dass du dämlicher Bastard dich irgendwann verpissen würdest, hab’ ich ja schon kommen sehen… aber…“ dabei schlug er Schuldig mit der Handoberseite gepflegt eine ins Gesicht, „… dass deine Loyalität SO zu wünschen lässt… welche Erklärung hast du, Abschaum?“

Schuldig wäre gegen die Wand geknallt, hätte er sich nicht rechtzeitig aufgefangen. Patzig erwiderte er den Blick, hatte den Worten jedoch nichts entgegen zu setzen. Er schnaubte nur und richtete sich wieder auf. Schläge war er ja gewohnt, auch wenn er sie, im Gegensatz zu Farfarello, nicht gerade genoss.

„Ich warte!“ zischte Brad kalt. „Soll ich die Worte aus dir rausprügeln? Das täte ich mit Genuss…“ Brad setzte einen Schwinger in Schuldigs Magengegend.

Schuldig, nach wie vor nicht besonders fit auf den Beinen, keuchte auf und krümmte sich leicht. „Nein… nicht… ich… ich kann nichts dafür… wirklich nicht…“ Er versuchte sich gar nicht erst aufzurichten, sondern blieb unten, um wieder Luft zu bekommen.

„Wie, du kannst nichts dafür?“ Brad ließ seinen Ellenbogen vom dem ihm zugewandten Rücken aus in Schuldigs Nieren krachen. „Jetzt mach’ das Maul auf… wo hast du gesteckt?“

„Aargs… nicht, hör auf…“ Schuldig sammelte seine Kraft, um sich von Crawford weg zu teleportieren, schaffte es aber lediglich bis zur obersten Treppe. Mit verzogenem Gesicht richtete er sich wieder auf und strauchelte los in Richtung seines Zimmers.

Aber im Teleport war Brad, zumal er ausgeruht war, weit geübter als Schuldig. Bevor dieser noch seine Zimmertür erreicht hatte, tauchte Crawford wieder vor dem Deutschen auf.

„Na na na… du versuchst doch nicht etwas wegzulaufen? Das ist aber gar nicht gut… Ich frage dich noch einmal im Guten, ansonsten sehe ich große Schmerzen auf dich zukommen“, grinste der Amerikaner fies.

„Brad… Crawford…“ korrigierte sich Schuldig. „Nicht heute, bitte… lass… lass uns Morgen drüber reden. Ich weiß es ja selber nicht…“

Brad trat mit einem huldvollen Lächeln zur Seite. „Ich weiß selbst nicht, warum ich immer so nett zu dir kleinen Wanze bin. Weshalb lasse ich dir das nur durchgehen, aber gut… bis morgen hast du Aufschub, aber keine Mätzchen, sonst bist du endgültig fällig.“

‚Arschloch…’ Schuldig wollte sich an Crawford vorbei in sein Zimmer schleichen. Vielleicht war es doch keine all zu gute Idee gewesen zurück zu kehren.

Crawford ließ ihn auch vorbei, allerdings nicht, ohne durch einen letzten, gezielten, wortwörtlichen Angriff in den Schambereich des Deutschen seine Absichten deutlich zu machen.

Schuldig zog zischend die Luft ein und wiederholte das vorhin gedachte Wort, halbwegs laut, wenn auch auf deutsch, damit es Crawford nicht verstand.

Dieser ärgerte Schuldig tatsächlich nicht weiter und verschwand die Treppe nach unten. Schließlich schaffte es der junge Deutsche sich auf sein Bett zu hieven, wo er fast augenblicklich einschlief. Er bekam noch nicht mal mehr mit, wie sich jemand in sein Zimmer schlich, ihm die schmutzigen Schuhe auszog und ihn dann zu deckte.

Nagi stand noch eine Weile vor Schuldigs Bett und blickte den Älteren an. Dieser war der Einzige, der Nagi überhaupt noch vor Brad schützen konnte. Der Kleine seufzte und verließ dann leise das Zimmer des Deutschen, fest entschlossen ihm heute Nacht um jeden Preis Ruhe zu verschaffen.


Kapitel 6

Diese hatte der wirklich bitter nötig, aber irgendetwas schien seinen Schlaf zu stören. Es dauerte eine Weile, ehe er realisierte, dass dies kein Traum war.

Sofort saß er senkrecht im Bett. Er bereute zwar die schnelle Bewegung und wimmerte leise auf, doch dann schlug er die Decke zurück, gar nicht darüber nachdenkend, wer sie über ihn gelegt hatte und eilte aus dem Zimmer, den Gedanken und den Geräuschen folgend.

Brad war überhaupt nicht begeistert gewesen, als er zu Schuldigs Zimmer kam und dort Nagi vorfand, der ihn anflehte, den Deutschen wenigstens heute Nacht in Ruhe zu lassen. Aber schnell hatte er sich an die neue Situation angepasst, Nagi war ohnehin ein viel gefügigerer Uke als Schuldig und ließ viel mehr klaglos mit sich machen. Während der Deutsche dazu neigte, sich verbal und körperlich zu wehren, weinte der kleine Japaner höchstens und begann zu flehen, was Crawford seine Macht noch zusätzlich bewusst machte und ihn antörnte. So hatte er auch jetzt gerade seinen Spaß mit dem kleinen Jungen.

Aber wieder war es Schuldig, der ihm den Spaß gehörig verdarb und ihm schon vom Gang vor seinem Zimmer aus solche Kopfschmerzen verpasste, dass jegliche Lust gleich flöten ging. In dieser Hinsicht war Schuldig egal was Brad mit ihm tat, so lange er den Kleinen in Ruhe ließ.

Brad ließ tatsächlich von dem leise wimmernden Nagi ab, welcher daraufhin auf dem Bett zusammenbrach und rannte auf Schuldig zu. „Was willst du, du feiges Arschloch?“ brüllt er.

„Lass den Kleinen gefälligst in Ruhe!“ zischte Schuldig und hielt Brads Blick stand, vermochte ihn noch von sich fern zuhalten, die paar Stunden Schlaf hatten gut getan.

„Weshalb sollte ich? Wer bist du? Seine Mutter? Er ist freiwillig mitgekommen!“

„Nein, aber er ist noch ein Kind, also lass deine Finger von ihm… es gibt doch genügend Stricher und Kohle hast du genug, also hör auf, dich an Wehrlosen zu vergreifen…“ Nun war Schuldig wirklich sauer und ein Schwall neuer Kopfschmerzen prasselte auf Crawford ein. Nagi hingegen schickte er wärmende, beruhigende Gedanken zu. --- Geh Kleiner… geh in dein Zimmer und schließ ab. ---

--- Als wenn das was nützen würde… Brad teleportiert sich doch rein, wenn er will… und das weißt du auch… --- Nagis innere Stimme klang weinerlich, aber auch sehr wütend. --- Es geht so nicht weiter… ich… Ich wollte doch nur, dass er dich in Ruhe lässt… ---

Crawford hingegen versuchte, die Kopfschmerzen zu ignorieren und an Schuldig ranzukommen, um ihn zusammenzuschlagen und aus der Konzentration zu bringen. „Diesmal bist du zu weit gegangen, du tierfickender Kotfresser“, schrie er in rasender Wut.

Die Beleidigungen entlockten dem Deutschen ein abfälliges Grinsen. --- Geh! JETZT! ---

„Brady… woher hast du nur solche Ausdrücke… lernt man die irgendwo in Oxford oder so?“

Nagi verließ trotz seiner Sorgen das Zimmer, um zu tun, was Schuldig ihm gesagt hatte. Doch er wollte zur Stelle sein, wenn der Deutsche Hilfe brauchte, weshalb er ein Ohr an die Wand presste.

„NEIN, die lernt man nicht in HARVARD… Die zeigt einem das Leben, wenn man DIR begegnet.“

„Wie denn das? So was wie mich gibt’s nur einmal…“ Schuldigs Grinsen verschwand, als Nagi das Zimmer verlassen hatte. Alleine mit dem Amerikaner wurde ihm wieder mulmige zu mute. Die Kopfschmerzattacken wurden schwächer, je mehr Schuldigs Konzentration nach ließ.

In der Zwischenzeit saß der kleine Japaner da und fasste einen folgenschweren Entschluss. Er ging zurück zu seiner Zimmertür…

Auch Crawford spürte, dass Schuldigs Attacken schwächer wurden. „Na, du Exkrement? Ist das schon alles? Wirst du müde?“

„Deiner bin ich ja schon so lange müde… ich hab es satt ständig vor dir den Schwanz einziehen zu müssen…“ Er schnaubte, auch wenn ihm bereits schwindlig war. Die körperlichen Attacken von vorher hatten ihre Spuren hinterlassen.

Brad grinste und griff in sein Sakko.

Gleichzeitig verließ Nagi das Zimmer, um zurück zu Schuldig und Crawford zu laufen.

Schuldig erfasste Nagis Vorhaben und stoppte ihn. --- NICHT! Bleib wo du bist! --- Und dadurch wurde er völlig von Crawford abgelenkt.

Crawford zog seine Pistole aus der Innentasche und richtete sie mit einem schleimigen Grinsen auf den Deutschen. „Schade, Süßer. Aber für dich ist hier keine Verwendung mehr vorhanden.“ Sein Finger drückte den Abzug zurück, doch im letzten Moment kam Nagi ins Zimmer gestürzt und schleuderte mit einer telekinetischen Kraftanstrengung die Pistole zurück.

Das Projektil flog noch immer auf Schuldig und den Kleinen zu, doch dieser nahm seine ganze Kraft zusammen und beschleunigte es in einer Kurve zurück auf Brad.

Schuldig zuckte zusammen, verstand gar nicht mehr was überhaupt vor sich ging und seine Beine gaben in dem Moment nach und er ging zu Boden, sah alles nur aus geweiteten Augen, ohne etwas ausrichten zu können.

Die zurückgeworfene Kugel hatte nicht mehr die Kraft, Crawford zu töten, doch sie verletzte ihn trotz allem noch schwer in der Schulter.

Nagi brüllte hysterisch „Ja, du Arsch… DAS hast du nicht kommen sehen…“ und lief auf den zusammengekrümmten Brad zu.

Schuldig schloss die Augen und wünschte sich, dass dieser Alptraum endlich zu Ende wäre. ‚Lass es endlich vorbei sein… ich will nicht mehr… ich… kann nicht mehr…’

In der Zwischenzeit schnappte sich ein verzweifelter Nagi Brads Pistole.

Crawford blickte den Japaner an. „Oh nein… du kleiner Verräter, das tust du nicht…“

Doch Nagi zielte auf Brads Kopf und sagte nur unter Tränen: „Das hier ist noch viel zu gut für dich! Fahr zur Hölle!“ und bevor der Amerikaner noch an Teleport denken konnte, drückte Nagi ab.

Mit schreckgeweiteten Augen besah der Kleine sein Werk, ohne recht zu begreifen. Crawford war tot, er hatte ihn getötet. War es nun vorbei? Was würde SZ mit ihm machen?

Langsam, mit wackeligen Beinen, stand Schuldig schließlich auf und torkelte zu Nagi. Langsam legte er ihm eine Hand auf die Schulter und zog ihn dann weg, raus aus dem Zimmer, zu seinem eigenen. „Wir verschwinden wohl besser…“ meinte er leise und mit bebender Stimme.

„Ich… ich… hab’ ihn… getötet… ich musste… es war… ich hatte… keine Wahl…“ stotterte Nagi. „Wohin sollen wir gehen?“

Schuldig schmiss achtlos irgend welche Klamotten in eine Sporttasche. „Weg von hier… wenn SZ Wind davon bekommt sind wir dran…“

Nagi nahm sich ein Beispiel an Schuldig, lief in sein Zimmer und packte seine Sachen. Dann kam der Kleine mit einem vollgepackten Rucksack zurück und guckte den Deutschen erwartungsvoll an.

Der erhob sich und lächelte schwach. „Ich will mich nur noch von jemandem verschieden… danach sind wir weg von hier, okay?“

„Okay…“ sagte Nagi verwundert.

Schuldig sagte nichts weiter, sondern verfrachtete den Jungen und das Gepäck lediglich in seinen Wagen. Dann fuhr er los in Richtung Krankenhaus.

Nagi blickte Schuldig misstrauisch an. „Wo willst du denn hin?“ fragte er skeptisch. „Wer ist dir so wichtig, dass du unseren Hals für ihn riskierst?“

Beim Krankenhaus angekommen überließ Schuldig Nagi die Entscheidung, ob er mit kommen wollte oder im Auto warten.

„Wohin gehst du denn?“ fragte Nagi verunsichert.

„Ich will nur jemandem Auf Wiedersehen sagen…“

„Wem denn?“ quengelte Nagi.

Schuldig grinste nur leicht. „Das würdest du mir ja doch nicht glauben…“

„Na toll. Was isses, die frischgebackene Mutter deines Kindes?“ Nagi stieg aus und folgte Schuldig. „Ich komm’ mit ins Hospital, aber ich warte auf dem Gang.“

„Okay… er würde wohl eh nen Schreck kriegen, wenn zwei von ‘Schwarz’ bei ihm im Zimmer auftauchen…“

„Er? Zwei von Schwarz? Du sprichst in Rätseln…“ Nagi zuckte verwirrt die Schultern. „Ich versuch’ gar nicht es zu verstehen, okay?“

„Nein…“ lachte Schu und strebte zielsicher das richtige Zimmer an, ohne je gewusst zu haben, wo Aya genau lag. Er klopfte kurz an und betrat dann das Zimmer. Nagi würde eh am Türschild sehen, wer hier lag.

Aya schlief den Schlaf der Erschöpften und war nicht aufgewacht, als Schuldig das Zimmer betrat.

Leise trat er neben das Bett und zog geräuschlos einen Stuhl zu sich heran, um sich zu setzen. Dann betrachtete er den Schlafenden eine Weile schweigend. „Du hast es überstanden… ich bin froh für dich Kleiner… und ich hatte recht… wir werden uns nie mehr bekämpfen müssen…“ flüsterte er leise, während er eine rote Strähne aus Ayas Stirn strich.

Aya drehte den Kopf in Schuldigs Richtung, ohne die Augen zu öffnen oder sonst irgendwie anzuzeigen, ob er wach war.

Dennoch lächelte der Deutsche. „Kleines Kätzchen… wirst mich eh bald vergessen haben… viel Glück… ich hoffe du findest das Deine…“ Wehmut schwang in der Stimme mit.

„Was ist passiert?“ kam es unvermittelt und klar von Aya, während er die Augen aufschlug.

Ganz offenbar hatte er Schuldig damit überrascht, denn dieser wich zurück. „D-du bist wach…?“

„Wer weiß…“ grinste Aya mysteriös. „Aber es scheint so, oder?“ Dann sachlicher, sanfter: „Also, was ist los?“

Schuldig atmete tief durch und wandte Aya das Gesicht zu, in dem man die Spuren von Crawfords Schlag noch sehen konnte. „Ich hab Scheiße gebaut… besser gesagt Nagi und ich… Schwarz wird es nie mehr so geben, wie ihr sie gekannt habt…“

„Aha… okay“, sagte Aya gedehnt. „Und was bedeutet das genau? Ich dachte, aussteigen sei nicht drin…“

Wieder ein tiefes Durchatmen Schuldigs. „Brad ist tot… er war der Boss, ohne ihn hält uns keiner mehr fest… aber wenn SZ erfährt was passiert ist, sind sowohl Nagi wie auch ich dran und ich will das wenn möglich verhindern… wir werden verschwinden…“

Aya hob eine feingeschwungene Augenbraue. „Aha… und wohin gedenkt ihr zu verschwinden? Ich dachte, SZ sei weltweit…“

„Ich hoff, wir werden in Deutschland etwas Ruhe finden, ansonsten werden wir eben immer auf der Flucht sein… als wenn du mal nach Deutschland kommst… erkundige dich nach mir…“

„Warum lauft Ihr nicht über?“ fragte Aya, als wäre das die selbstverständlichste und offensichtlichste Alternative.

Schuldig grinste sein bekanntes, wenn auch leicht verlorenes Grinsen. „Wenn es so einfach wäre…“

„Es ist so einfach… Man tut es einfach…“ zuckte Aya die Schultern.

„Hai… wenn du meinst… ich wüsste nicht wie… wir sind Verräter… auf uns wird ein Kopfgeld ausgelegt… da bin ich mir ziemlich sicher… und wo genau sollen wir denn bitte schön hin?“

„Okay… man wird Euch immer etwas misstrauen, aber wenn Kritiker mitkriegt, dass Brad echt tot ist, habt ihr schon mehr Glaubwürdigkeit. Und Weiß steht ohnehin auf der Abschussliste von SZ.“ Ayas Tonfall war immer noch, als würde er über einen Kurztrip sprechen.

„Du bist witzig, Aya… wusste gar nicht, dass du eine solche Ader besitzt. Ist das wirklich dein Ernst? Nagi und ich… bei Weiß? Unter Kritiker?“

„Warum nicht? Ihr wärt ein Gewinn, den Kritiker nicht ausschlagen kann… Und die könnten Euch schützen…“

„Es ist dir ernst…“ meinte Schuldig schließlich, ohne jegliches Grinsen.

„Es ist mir ernst“, bestätigte Aya mit der üblichen festgefrorenen „Abyssinia-Miene“.

Schuldig pfiff leise durch die Zähne. „Na was Nagi dazu sagen wird…“ --- Nagi! Komm doch mal rein bitte! ---

Leise öffnete sich die Tür und der kleine Telekinet schlich rein. Seine Augäpfel drohten ihm aus dem Kopf und fallen und er stand stocksteif, als er dessen ansichtig wurde, den Schuldig hier besuchen wollte. Er war blass und zitterte leicht. „Er?“ würgte Nagi hervor. „Warum das?“

Aya guckte ebenfalls überrascht, war allerdings durch Schuldigs Erzählung nicht halb so überrascht wie Nagi, der nicht auf das Türschild geguckt hatte, bevor er reinkam.

Schuldig schwafelte munter drauf los, als wäre dass das normalste der Welt. „Er meint, wir könnten zu Weiß, dann müssten wir nicht fliehen, sondern würden unter dem Schutz von Kritiker stehen…“

Nagis Augen wurden noch ein bisschen größer, der Rest von ihm noch ein bisschen bleicher. „Er meint was?“ röchelte Nagi. „Ist das Euer Ernst?“

Schuldig grinste schief. „So war ich hier stehe und Schuldig heiße…“

Nagi setzte sich erst mal auf einen Stuhl und schwieg. Irgendwie war das alles zu viel für ihn.

„Und was sollen wir deiner Meinung nach JETZT tun?“ Schuldig setzte sich zu Aya aufs Bett. Sein Blick fiel auf den leicht verdrehten Infusionsschlauch, den er kurzerhand wieder ordnete, als wär’s das Selbstverständlichste der Welt.

„Hmm… soll ich die anderen anrufen? Dann besprechen wir das erst und dann sagen wir Birman bescheid, die regelt das dann schon…“

„Und wohin sollen wir so lange…? Vielleicht wär ein Urlaub bei mir zu Hause gar nicht so schlecht… finden werdet ihr mich wohl ziemlich einfach… Schuldig ist kein gerade häufiger Name in Deutschland…“

„Oder ihr fahrt mit den anderen zu uns. Du weißt eh’, wo wir wohnen und in Deutschland sucht Euch SZ 100% zuerst. Ich ruf’ die anderen an“, sprach’s und griff zum Hörer.

Schuldig schluckte nur und nickte ergeben. „Sie werden nicht begeistert sein, wenn…“ Er kam nicht dazu den Satz zu ende zu sprechen, als es auch schon an die Tür klopfte und Ken seinen Kopf ins Innere des Zimmer streckte. „Hey Aya, sind wir wa…“ Auch er erstarrte, als er sah, dass der Rotschopf nicht alleine im Zimmer war.

„Komm’ rein… kein Problem… alles okay… ich erklär’s dir… aber keine Gewalt…“ Aya winkte Ken rein. „Wo sind die andren?“

Nagi versteckte sich hinter Schuldigs Rücken und blickte Ken misstrauisch und leicht ängstlich an.

„Uhm… Omi kauft noch was am Kiosk und Yôji is… is bei ihm…“ Ken schloss die Tür wieder hinter sich. Dann kam ihm wieder das Bild des völlig erledigten, schlafendes Schuldigs in den Sinn und die Anspannung fiel von ihm ab. „Na hast dich erholt, Schuldig, oder…“ Schuldig hatte Ken den Blick zu gewendet und nun erkannte auch der Fußballer den Bluterguss.

„Autsch… wohl nicht… Brad war wohl nicht erfreut über dein Verschwinden…“

„Ging so…“ fiepte Nagi hinter Schuldigs Rücken hervor. „Aber jetzt kann er sich ja ein bisschen abregen. Harfespielen soll unheimlich beruhigend sein“, grinste der Kleine.

Ken hob die Augenbrauen, wurde aber gleich darauf nach vorne geschubst, als Omi ins Zimmer stürmte und den Braunhaarigen übersah. „Oh gomen… Ken-kun, hab dich nicht gesehen… oh… hi Schu…“ Omi winkte rein mechanisch, ehe sein Hirn realisierte, wer da vor ihm stand. Schuldig hob nur die Hand und winkte eher zaghaft.

Nagi quiekte und drückte sich wieder hinter Schuldig.

Nun tobte auch Yôji mit großem Hallo ins Zimmer. „… bist ja eh’ schon wach, also keine Schüchtern…“ Sein Blick fiel auf das „halbe Schwarz“ und sein Mund blieb offen stehen. Japsend holte er Luft.

Aya hielt es für angebracht, noch mal eine kleine Erklärung abzugeben. „Also… die beiden haben Crawford beseitigt und jetzt brauchen sie Schutz, also dachte ich, sie laufen zu uns über und IHR kommt wie gerufen.“

„Aha…“ Omis Kiefer wollte sich erst wieder schließen, als Ken ihm einen sanften Schubs nach oben gab.

„Und was sollen wir tun?“ wollte der 18-jährige anschließend wissen.

„Ihr nehmt sie mit nach Hause, damit sie in Sicherheit sind“, sagte Aya beiläufig.

Omis Kiefer klappte wieder unkontrolliert nach unten.

Yôji japste, er schien nahe am Zusammenbruch. „Ich glaub’, ich krieg ‘nen Herzanfall…“

Schuldig fand endlich zu seiner Coolness zurück. „Ne Yôji-kun… dafür bist noch etwas zu jung… du hast doch schon wesentlich Heftigeres überstanden… tja, scheint als würden wir Kollegen werden…“ Er trat gemeinerweise auf den Playboy zu und reichte ihm grinsend die Hand.

Yôji war so geschockt, dass er Schuldigs Hand einfach ergriff und sie geistesabwesend schüttelte.

Nagi sah sich seines Schutzes beraubt und hüpfte fiepend in eine Ecke, wo er sich zusammenkauerte und die Versammelten mit großen Bambiaugen anguckte.

Nun lag es an Omi, den Kleinen zu beäugen. Irgendwie wirkte er so gar nicht mehr furchteinflössend und so kniete sich Omi vor den Kleinen und reichte ihm die Hand. „Ne, wenn du magst, kannst du dann auch meinen Computer benutzen, bis du einen eigenen hast…“ Er lächelte sanft und wartete ruhig ab. Nicht erinnerte ihn mehr an den ehemaligen Schwarzkiller, sondern vor sich sah er nur noch ein verängstigtes Kind, dass seinen Schutz bedurfte.

Nagi wimmerte leise. Der Tag war einfach zu viel für ihn gewesen. „Ich hab’ ihn gekillt…“ fiepte er und es klang mehr erschreckt als bedrohlich. „Ich hatte keine Wahl…“ Der Kleine schniefte. „Hast du ‘nen guten Computer?“ fragte er dann hoffnungsvoller.

„Klar… damit koordiniere ich die meisten Aufträge von Weiß…“ Omi hielt Nagi weiter die offene Hand hin. Schuldig beobachtete die beiden und ein wehmütiger Blick erschien auf seinem Gesicht, die Maske des ewigen Grinsekaters bröckelte zusehends.

Nagi ergriff zaghaft Omis Hand und lächelte.

Aya betrachtete die Szene mit innerer Freude. Dort war das Eis also schon mal gebrochen. Dann betrachtete er Schuldig und wunderte sich über dessen Gesichtsausdruck.

‚Weiß… Weiß… ich bei Weiß?’ Er senkte leicht den Blick. ‚Nagi ist bei ihnen sicher… aber für mich wird es kaum das Richtige sein…’ Er schluckte und besah sich heimlich die Anwesenden des Raumes. ‚Sie sind so unbekümmert, trotz ihrer eigentlichen Identität… sie verleugnen sich nicht… ob ich das jemals könnte…? Ich bezweifle es…’

„Was ist los, Schuldig?“ fragte Aya.

„Huh? Was?“ Schuldig sah verwirrt zu Aya.

„Du siehst so betrübt aus…“

„Ach was…“ Schuldig versuchte seine Maske wieder aufzurichten und grinste Aya an.

„Nee… nee… so leicht kommst du mir nicht davon? Setz’ dich her!“ Aya klopfte auf den Bettrand.

Yôji war inzwischen wieder halbwegs bei Sinnen, ging jedoch, immer noch seine Hand betrachtend, zum Stuhl und setzte sich.

Ken hatte sich die Plüschgiraffe geschnappt und spielte mit deren Ohr, während er neugierig zu Schuldig und Aya sah. Der Deutsche fühlte sich sichtlich unwohl, wohl nicht zu letzt, weil das Zimmer so voll war mit ‘Weiß’. Dennoch setzte er sich artig auf den Bettrand.

„Also erzähl’. Was ist Los?“

„Was… was soll schon los sein…?“

„Du siehst so betrübt aus…“

„Ich… ich bin nur… nur nicht ganz sicher…“

„Sicher wobei?“ Aya guckte erstaunt.

„Ob es eine gute Idee ist, wenn ich bei euch mitmache… für Nagi ist der Fall klar… für ihn seh ich gar keine andere Lösung, aber ich… ich… ich bin…“

„Du bist hier genauso gut oder schlecht aufgehoben wie er… wie wir alle… weshalb bist du dir bei ihm sicher und bei dir nicht?“

„Na ja… Nagi ist noch jung. Was er bis jetzt getan hat ist nichts im Vergleich mit dem, was ich schon verbrochen hab… er… er hat einfach noch mal ne Chance verdient…“

„Du auch… nimm’ es meinetwegen als deine letzte Chance, aber weglaufen nützt gar nichts. Außerdem weißt du genau, dass Nagi mit dir gehen würde, also wenn du es schon nicht für dich tust, tu’ es für ihn.“

Schuldig öffnete den Mund, schloss ihn dann aber wieder, ohne eine Wort gesagt zu haben. --- Glaubst DU das wirklich, Aya? Ich bin mir gar nicht mehr so sicher… ich weiß überhaupt nichts mehr und… ich… ich hab… Angst… oh man, wie erbärmlich… ---

--- Das ist nicht erbärmlich, das ist menschlich und es überzeugt mich erst recht davon, dass es Richtig ist und klappen könnte… Also was ist nun? Soll ich Birman anrufen? ---

--- Tu es… sag ihr, dass Weiß zwei neue Mitglieder hat… Naoe Nagi und Schuldig… Schuldig… das reicht… hoff ich… ---

--- He… das stimmt… wie heißt du eigentlich? ---

Schuldig zuckte zusammen. Diese Frage musste kommen. Irgendwann musste es eh raus, schließlich wäre es wohl etwas seltsam, wenn man von ihm als einziger nicht den Namen kannte. Dennoch kämpfte er mit sich, seit gut acht Jahren hatte ihn keiner mehr benutzt.

--- Na los… wie schlimm kann’s schon sein? Wenn du es schaffst „Orchidee“ oder „Kleinkind“ zu toppen, bist du automatisch drin. --- grinste Aya innerlich.

„Was…?“ Das verstand Schuldig nun nicht wirklich. Dafür reichte sein Japanisch auch nach Jahren noch nicht aus.

--- Also meine Eltern haben mich Orchideendrache genannt, Yôji bedeutet Kleinkind. ---

--- Mein, mein Name… ich weiß nicht, ob er was bedeutet… ---

--- Sag schon! ---


Kapitel 7

Schuldig biss sie kurz auf die Lippen, gab sich dann aber doch einen Ruck, auch wenn man schon sehr gute Ohren haben musste, um ihn zu verstehen. „… Kevin…“

„Gut also dann… ich sehe nicht, wo dein Problem liegt… ich ruf’ Birman an oder willst du lieber Omi?“ Aya blickte zu den beiden Kleinen, die sich prächtig zu verstehen schienen.

Omi war gerade beschäftigt, so dass er Aya gar nicht verstanden hatte. Erst als Ken ihn anstupste, fuhr er hoch. „Ja? Was? Wie? Was ist?“

Aya blickte ernst wie immer, doch innerlich feixte er. „Soll ich Birman anrufen und sie über die neue Situation aufklären oder machst du das… Boss?“ Betont geduldig hatte Aya seine Worte wiederholt, das letzte mit einem leicht spöttischen Unterton ausgesprochen.

„Ma, ma, ich mach ja schon, ich mach ja schon…“ moserte Omi, nahm Nagi an der Hand und zog ihn hinter sich her.

Aya zuckte die Schultern. „Ich hätt’s auch getan. Egal…“

Omi sah Aya baff an. „Du~uuu… bist gemein…“

„Wieso bin ich gemein?“ fragte Aya ehrlich verwundert.

Der Kleine sagte nichts dazu, sondern verließ das Zimmer zusammen mit Nagi. Schuldig sah ihnen hinterher und schluckte leise.

„Was hab’ ich gemacht?“ fragte Aya immer noch baff, während er den beiden nachsah.

„Ihn überrumpelt…“ meinte Ken grinsend. „Okay… dann sollen wir ihn mitnehmen?“ Er deutete auf den verunsichert wirkenden Schuldig.

„Ja… sollt ihr… er kann in meinem Zimmer schlafen…“ Aya schien selbst verwirrt, wie selbstverständlich ihm diese Worte über die Lippen gekommen waren. ‚In meinem Zimmer? Ich hab’ schon ewig niemanden mehr in mein Zimmer gelassen, nie freiwillig… aber jetzt…’ Er seufzte. „Aber fass’ nichts an Schu… okay? Die Sachen da drin sind wichtig…“ Dann fast nur zu sich selbst: „… für mich…“

„Schon klar…“ meinte der Deutsche leise. „Hab auch keine Lust, alles über dich in Bruchteilen von Sekunden zu erfahren, das gibt Kopfschmerzen…“

„Na dann haben wir wohl keine Probleme“, beschloss Aya lässig.

Yôji guckte verwirrt. War Aya komplett verrückt geworden? Jetzt sollte der Deutsche auch noch in sein Zimmer… ‚Sei klug… wenn du nix Kluges zu sagen hast, einfach mal die Fresse halten…’ dachte er sich. ‚Ich guck’s mir erst mal weiter an.’

Ken versuchte die ganze Sache locker anzugehen und schob Schuldig schließlich aus dem Zimmer. „Ne Aya… wir besuchen dich dann heute Abend noch mal…“ sprach’s und schloss die Tür hinter sich. Schuldig fühlte sich nun absolut schutzlos und trabte artig vor Ken und Yôji nach draußen, wo Omi und Nagi bereits warteten.

Nagi guckte Schuldig noch immer groß an, doch seine Augen wirkten weniger verängstigt, mehr aufgeregt, wie ein Kind vor einem neuen Abenteuer.

Yôji grinste und meinte: „Gut, dass wir mit Ayas Auto hier sind. Wir passen genau rein. Die Kleinen nach hinten, Schuldig und ich nach vorn.“ Mit diesen Worten machte er sich auf zum Parkplatz.

‚Nach vorne? Na super…’ Schuldig versuchte sich nichts anmerken zu lassen und stieg artig auf den Beifahrersitz.

Tja, Yôji fuhr wie er halt immer fuhr. Gut dass Aya nicht sah, wie der Blonde mit seinem Auto umging. Yôji verdiente wirklich die Plakette „Testament im Handschuhfach“ und bei diesen waghalsigen Manövern redete er noch auf die anderen ein.

Nagi entschloss sich insgeheim, mit dem Leben abzuschließen und betete leise, während er sich an Ken und Omi krallte, weil er als Kleinster auch noch in der Mitte sitzen musste.

Omi hatte keinerlei Probleme damit. Er hatte Nagi schon als seinen persönlichen Teddy abgestempelt. Endlich würde er nicht mehr der ‘Kleine’ der Gruppe sein.Schuldig vorne, ging es aber auch nicht wesentlich besser. Auch wenn er weder Gas, noch Bremspedale hatte, bremste er dennoch ständig und drückte sich tief in den Sitz.

Yôji nahm gerade wieder mal elegant eine Kurve, ohne zu bremsen. „He Leute, alles klar. Ihr seid so schweigsam…“

Nagi bebte. „Enma, Enma, Enma… rette mich vor diesem Verrückten. BITTE schütze mein Leben, es war gerade auf dem Wege der Besserung“, flehte er leise.

--- KUDOU!! Fahr langsamer!!!! ---

Damit hatte Yôji nun wirklich nicht gerechnet und veriss prompt das Steuer. Haarscharf schrammten sie an einem Laster vorbei. Nagi schrie, selbst Yôji zitterte, doch er schaffte es, den Wagen wieder unter Kontrolle und auf Spur zu bringen. „BIST DU IRRE, DU DEUTSCHER PSYCHO? RAUS AUS MEINEN GEDANKEN! DU HÄTTEST UNS FAST ALLE UMGEBRACHT!“ brüllte Yôji zornig, als sie wieder in Sicherheit waren.

Schuldig schnaubte nur. „Gleichfalls, dass hättest du sicher gleich auch ohne meine Hilfe geschafft…“ giftete er zurück.

„Ich komm’ wunderbar klar, solange man mir nicht direkt ins Hirn brüllt“, zickte Yôji.

„Blödmann…“ maulte Schuldig auf deutsch. „Ist das selbe, als ob ich’s dir ins Ohr schreien würde.“

„Ist es nicht, weil es eben nicht erst den Weg über mein Gehör nimmt. Es ist direkt im Hirn“, erläuterte Yôji knurrend.

„Püh…“ Schuldig verschränkte die Arme vor der Brust, wobei er das Gesicht etwas verzog und schwieg. Omi und Ken sahen sich auf der Rückbank über Nagis Kopf hinweg an und zuckten dann synchron mit den Schultern.

Schließlich hielten sie vor dem Laden und stiegen aus.

Yôji zog den Rollladen hoch. „Na dann hereinspaziert…“ grinste er. „Und Omi, du solltest wirklich Birman anrufen, wenn die herkommt, ohne das zu wissen, oder schlimmer noch… Manx…“

Omi grinste. „Ai, ai Sir…“ und zischte ab, ließ Nagi bei den anderen zurück. Schuldig sah sich zum ersten mal richtig in dem Laden um.

Nagi untersuchte den Laden ebenfalls interessiert, beguckte die Blumen genau. ‚So viele… und so schön.’ Er lächelte leicht.

Yôji beäugte den Kleinen zunächst noch misstrauisch, trat dann aber auf ihn zu und begann, ihm die Blumen zu erklären.

Ken sah zu, dass jene mit hängenden Köpfen Wasser bekamen. Dadurch fühlte sich Schuldig nun reichlich überflüssig und verzog sich in Richtung von Ayas Zimmer. Mit einem leicht mulmigen Gefühl betrat er dieses und schloss hinter sich die Tür.

Das Zimmer war reichlich spärlich eingerichtet, fast klinisch. Lediglich ein paar Bilder und einige kleine Gegenstände, die teilweise recht mitgenommen aussahen, zeigten, dass es zur Zeit bewohnt wurde. Besonders auffällig waren eine kleine silberne Dose und ein bronzener Briefbeschwerer in Form eines Ying-Yang-Zeichens. Auf dem Nachttisch lag der Roman, den Aya gerade gelesen hatte.

Beinahe ehrfurchtsvoll setzte sich Schuldig aufs Bett, legte sich dann langsam hin. Während er die weiße Decke betrachtete, wurden seine Augenlider schwerer und schwerer. Die letzte Nacht war verdammt kurz gewesen, außerdem meldete sich nun sein Körper langsam, dass er malträtiert worden war.

Unten meldete sich ebenfalls ein Teil von Nagis Körper, doch dieser verkündete mit lautem Knurren Hunger. Der kleine Japaner errötete leicht. „Gomen…“ sagte er leise und lächelte.

„Huh? Hast du noch nichts gegessen?“ Omi blinzelte den Jüngeren aus blauen Augen an.

Nagi senkte den Blick und schüttelte den Kopf. „Ich musste Brad ablenken, hatte keine Zeit zum Essen. Darf ich was haben?“ fragte er demütig, aber hoffnungsvoll. „Egal was.“

Omi schien leicht verwirrt. „Ablenken…? Was? Na sicher…“ Er riss den Kühlschrank auf. „Such dir was raus…“

Nagi staunte nicht schlecht. So gut hatte Schwarz nie eingekauft. „Darf ich mir echt was aussuchen? Egal was?“ fragte er erstaunt, mit strahlenden Augen.

„Sicher… unsere Küche sei auch deine ab jetzt. Such wenn du was nicht findest oder frag halt…“

„Super“, quietschte Nagi freudig und griff sich einen Blaubeerjoghurt, ein paar Reisbällchen und den Rest von Yôjis Sushi.

Omi sagte nichts dazu, sondern hatte lediglich ein warmherziges Lächeln übrig. Dann besann er sich auf seine Aufgabe und wählte Birmans Nummer.

Nagi haute derweil kräftig rein und lächelte glücklich. ‚Endlich mal wieder satt.’

„Ja?“ meldete sich die bekannte Frauenstimme am anderen Ende.

„Konichi-wa, hier ist Bombay…“ quietschte Omi in den Hörer.

„Wie steht’s? Ihr werdet in Zukunft weniger Probleme haben… Schwarz gibt’s nicht mehr. Crawford ist tot. Schuldig und Nagi auf der Flucht… Sie sollen ihn erschossen haben…“

„Japp, gute Arbeit, ne… soll ich ne Akte für sie anlegen, so wie für uns?“ überfiel Omi Birman schließlich einfach. „Kriegen die zwei auch Codenamen?“

Birman schnappte am anderen Ende hörbar nach Luft. „Was bitte?“

„Ja, ja… alles was gegen SZ ist, ist doch für uns… aber eilt nicht… Schuldig schläft, glaub ich, und Nagi futtert grad Yôjis Sushi…“

„Sie tun WAS?“ Entsetzen beherrschte Birmans Tonfall.

„Schlafen und essen?“ kam es vorsichtig von Omi. „Also was für Codenamen würden zu den beiden passen? Sag jetzt nicht für Schuldig: Deutsche Kurzhaar…“

„Seid ihr von allen guten Geistern verlassen? Ihr habt sie bei euch?“ Birman überschlug sich fast.

„War Ayas Idee… nachdem ihm Schu wohl das Leben gerettet hat und deswegen Ärger mit seinem Chef hatte, meinte Aya, sie könnten zu Weiß kommen… und wir drei haben nichts dagegen…“

„Erstens ist das nicht eure Entscheidung, sondern Kritikers… Ihr rekrutiert nicht selbst und außerdem, wie kommt ihr darauf, dass ihr ihnen trauen könnt? Sie sind… na ja… waren der Feind.“

„… du sagst es… waren… WA-REN!“

„Das ist verrückt. Gib’ mir einen Grund, weshalb ich meinen Arsch riskieren und das Persha vorschlagen sollte?“ Birman seufzte. Es war klar, dass sie schon halb überzeugt war, aber noch nach Gründen suchte.

„Sie haben Crawford gekillt und wenn wir sie nicht in unsere Obhut nehmen wird SZ sie kalt machen… und es wäre schade um zwei solche… Topleute, ne?“

„Auf deine Verantwortung. Wenn sie Scheiße bauen, seid ihr alle fällig. Nur dass das klar ist.

„Birman…“ Omi versuchte es nun ruhig und ernsthaft. „Wenn du die Zwei sehen würdest, wüsstest du, warum wir nicht gezögert haben…“

„Ja ja… ist gut. Ich vertraue deinem Urteil. Das hab’ ich auch getan, als du den abgewrackten Detektiv und den Fußballer im Team haben wolltest, also gut… Ist sonst noch was?“

„Aya is im Krankenhaus… aber er kommt sicher bald raus…“ Omi seufzte erleichtert. „Danke Birman. Setz zu den abgewrackten Detektiven und dem Fußballer noch nenn verprügelten Deutschen und ein verstörtes Kind…“

„Mach’ ich… und jetzt muss ich mich auf meine Exekution vorbereiten, wenn ich DAS Persha und Manx erzähle… Birman Ende.“

Omi grinste schief. „Oh ja… das glaub ich dir gern…“ Er hängte ebenfalls auf und kehrte zu Nagi zurück in die Küche. Er setzte sich neben ihn auf den Tisch und sah ihn von oben herab an. „Verrätst du mir, warum ihr zwei auf der Flucht wart?“

„Hab’ Brad erschossen“, nuschelte der Kleine zwischen den Reisbällchen hervor, als wäre es nebensächlich.

„Ah ja… okay… wir sind Killer, wir erschießen schon mal jemanden, aber… warum deinen eigenen Boss?“

„Hatte keine Wahl… und genug von seiner Tyrannei…“

„Aha…“ Omi wartete geduldig, auch wenn er keine Lust hatte Nagi jedes Wort einzeln aus der Nase zu ziehen.

„Was?“ Nagi guckte Omi mit großen Augen an, dann seufzte er. „Du willst die ganze Geschichte oder?“

„Hai…“ lächelte Omi. „Schließlich kennst du ja wohl auch meine, wenn ich mich recht erinnere. Schwarz hat schließlich genug Infos über jeden von uns rausgefunden und das wohl nur durch dich.“

Nagi seufzte erneut und senkte den Blick. Leise begann er zu erzählen. „Brad war extrem gewalttätig. Farf hatte damit natürlich keine Probleme, aber Schuldig und ich schon. Und außerdem hatte er ein Auge auf Schuldig geworfen und na ja… er ist der Boss… und wenn Schu entwischen konnte oder ich ihn beschützt habe, war ich halt fällig…“

„DU… hast Schu beschützt?“

Nagi nickte, ohne aufzublicken. „Er war mein einziger Freund“, sagte er leise.

„Ja, aber… er ist doch wesentlich älter als du und stärker, ne…?“

„Na ja… Stärke ist relativ.“ Ein kleines Grinsen stahl sich auf Nagis Züge, als er Omi anblickte. „DU kennst doch meine Stärke. Dein Rücken auf jeden Fall…“

„Autsch… ja… also hast du Schu… so Bodyguardmässig?“

„Nein…“ Nagi schüttelte bestimmt den Kopf. „Ich hab’ nur seine Tür blockiert, wenn Brad reinwollte oder versucht, ihn mit Worten davon abzuhalten, Schu wehzutun…“ Nagis Schultern sanken wieder nach unten, genau wie sein Blick.

Unbewusst rutschte Omi näher zu dem Jüngeren. „Ist doch schön, wenn man seine Freunde beschützen kann…“

„Schon…“ Nagi nickte leicht, „aber manchmal ist der Preis doch recht hoch…“ Er seufzte wieder und es klang, als würden Tränen mitschwingen. „Ich geh’ jetzt besser“, sagte er und stand auf, das Gesicht konsequent von Omi abgewandt.

Aber der ließ sich nicht abspeisen. Er tapste ihm hinterher und zog ihn mit sich. „Ich glaub es ist schon okay, wenn du zu Schu in Ayas Zimmer gehst…“

Nagi atmete erleichtert auf. „Das wäre schön“, sagte er leise und wischte sich heimlich die Tränen aus dem Gesicht.

Omi drückte leicht die schmale Schulter und zeigte Nagi dann den Weg. Leise öffnete er ihm die Tür und schloss sie wieder, nachdem der Junge im Zimmer verschwunden war.

Nagi krabbelte zu Schuldig aufs Bett und kuschelte sich an ihn. „Es wird alles gut“, seufzte er leise, dann schloss er die Augen.

Der Deutsche murmelte nur leise etwas und zuckte kurz zusammen, als Nagi gegen seine Rippen stieß. Dann aber nuschelte er nur noch leise und rollte sich zu Nagi, legte beschützend einen Arm um ihn.

Yôji stand vor dem Kühlschrank und grinste. „Hat der Kleine mein ganzes Sushi und die Reisbällchen verdrückt?“ schüttelte er den Kopf. „Waren die bei Schwarz so schlecht bezahlt, dass sie nicht mal essen konnten?“

Omi zuckte leicht mit den Schultern. „Sie dir die zwei an… Haut und Knochen… machen ja fast Aya Konkurrenz…“

„Dann ist es wohl jetzt an uns, sie aufzupäppeln. Im Gegensatz zu Aya scheinen sie ja essen zu wollen…“ Yôji schnappte sich die Einkaufsliste vom Kühlschrank. „Ich geh’ zum Supermarkt. Das machen wir schon.“

„DU machst das, jawohl!“ grinste Omi und schob Yôji aus der Küche. „Und fahr vorsichtig…!!“

Yôji lachte und verschwand zum Einkaufen.

Und Omi setzte sich an den Computer, um alles für ihre zwei neuen Kollegen zu arrangieren. Ken hatte sich inzwischen wieder heimlich aus dem Staub gemacht, um noch etwas zu trainieren und um dann gleich anschließend ins Krankenhaus zu laufen.



„Oi…“ begrüßte Aya den verschwitzten Sportler freundschaftlich. „Wie steht’s? Kommt ihr klar?“

Ken hob die Hand, schnaufte und… schaffte es nicht zu antworten, sondern schnappte nur wieder nach Luft. Aber er nickte immerhin, auch wenn es aussah, als würde es noch ne Weile dauern, ehe er wieder zu Atem gekommen war.

Aya grinste unterdrückt. „Na… sehr gesprächig bist du ja noch nicht… Jetzt muss ich hier die Konversation führen… und das mir…“ seufzte er gespielt tragisch.

Der Fußballer wedelte mit den Armen, um etwas Zeit bittend. Er schluckte und bemühte sich dann sichtlich. „Hi…!“

„Gut… gut…“ grinste Aya. „Ich denke, wir werden einfach warten, bis du wieder bei Atem bist…“

Eifriges Nicken bestätigte Ayas Aussage. Immerhin schaffte es Ken schon näher zu Ayas Bett zu schwanken.

„Hey, aber nicht auf mich drauffallen“, mahnte Aya sanft.

„Schon… okay…“ japste Ken und strahlte Aya an.

„Fein…“ Aya wartete geduldig bis Ken sich so weit erholt hatte, dass man ihm ein Gespräch zumuten konnte. „Also, wie läuft’s?“

„Gar nicht… die Zwei sind irgendwie völlig durch… schlafen jetzt wohl beide… Nagi hat noch was gegessen, aber Schuldig scheint echt halb tot zu sein…“

Aya runzelte die Stirn. „Er sah auch gar nicht gut aus. Ungefähr so wie wir nach unserem ersten Treffen im Laden.“ Er grinste kurz, wurde dann wieder ernst. „Und Nagi war ja komplett verschüchtert…“

„Hab sie noch nie so gesehen…“ nuschelte Ken. „Tja, aber was tut unser lieber Yôji-kun? Fährt wie der Henker und brüllt Schuldig dann zusammen, dass sogar mir Angst und Bange geworden wäre… ich hoff, die Zwei vertragen sich irgendwann noch…“

„Ich fürchte nicht.“ Aya grinste leise vor sich hin. „In diesem Laden ist kaum genug Platz für Yôji und sein Ego, da stört Schuldigs bestimmt. Die treten sich noch ständig auf die Füße, aber was soll’s?“ Er zuckte die Schultern.

„Zwei Playboys auf der Matte… autsch… oder es gibt irgendwann Keile und wenn Schuldig wieder auf Vordermann ist, hat Yôji keine Chance… ich hoffe, er weiß das auch!“

„Ich denke schon, dass er das weiß… Die werden sich schon arrangieren, also Mädels haben wir wirklich mehr als genug. Ich trete Schuldig auch gerne meine ab, besonders eins.“ Aya seufzte.

Ken schob sich neugierig vor Ayas Gesicht. „Ja? Soll ich dich vor einer beschützen?“

„Ich fürchte, niemand kann mich vor Sakura beschützen. Die Frau ist

besessen.“

„Wen wunderst…“ meinte Ken, während er Aya zwar mit einem Grinsen, aber dennoch sehr tief in die Augen sah.

Aya schluckte. Irgendwie machte Ken ihm doch Angst. Was sollte er jetzt tun? Er wollte dem Jüngeren auch nicht wehtun, ihn nicht einfach wegstoßen oder so…

Ken trat selber den Rückzug an. „Ne sag mal…“ Er sprang wieder vom Bett. „Wie lange willst du noch liegen bleiben?“

„Wenn’s nach wollen geht, bis heute morgen… aber die Ärzte meinen, ich sollte noch bis morgen eigentlich liegen bleiben… Rückfallgefahr… blabla… egal… ich werd’ mich nachher sowieso zumindest kurz aus dem Zimmer schleichen…“

„Ah ja…?“ kam es sogar hellhörig.

„Was?“ fragte Aya scheinheilig zurück.

„Wo wolltest DU den hin?“ Bei dem DU hatte Ken Aya frecherweise die Nase halb platt gedrückt, ließ sie nun aber wieder los.

Aya griff an seine Nase und rückte sie demonstrativ zurecht. „Zu meiner Schwester. Wohin sonst?“

Kens Augenbrauen hoben sich. „Darf ich mit oder soll ich lieber heim?“

„Ich wollte sowieso noch nicht hin… na ja… ich mein’… wieso solltest du eigentlich nicht mitkommen?… Sie freut sich bestimmt über ein bisschen Abwechslung… nicht immer nur ihr doofer Bruder…“

„Ihren doofen Bruder… das sagt’s wohl aus… und hey, vielleicht…“ In dem Moment öffnete sich die Zimmertür und das Abendessen wurde angeliefert. Ken sah eher schnuteziehend zu, was man Aya vorsetzen wollte. Er schluckte nur leer und sah das Tablett dann geschockt an. Kaum war die Schwester draußen, brach es aus ihm heraus. „Iiiiwäääh… das sieht ja eklig aus…“

Aya guckte das Schlachtfeld an breiähnlichem, bunten Zeug auf seinem Teller an. „Na und? Ist Essen und ich hab’s bezahlt, also was soll’s?“ Er schnappte sich den Löffel, denn mit Stäbchen war hier wohl nix zu retten.

Ken sah ihm dabei angeekelt zu. Aya aß schon nicht viel, wenn es gut, sogar sehr gut aussah und das hier… Ken konnte es sich beim besten Willen nicht vorstellen.

Aya blickte in Kens angewidertes Gesicht. „Was denn?“

„Nandemo… iss nur…“ Ken wedelte unschuldig mit der Hand. „Na los…! Einen für Omi und einen für Yôji, einen für Schu und einen für Nagi und dann noch einen für Manx und Birman…“

Aya überwand sich und schob sich einen Löffel in den Mund. „Und was ist mit dir?“ fragte er, während seine Geschmacksnerven sich bemühen, das Zeug einzuordnen.

„Nein! Nein, danke… für mich bitte keinen“, grinste Ken schief. Er nahm seine Bauchtasche von hinter hervor und packte sich einen Getreideriegel aus. „Die reichen mir völlig…“

Aya guckte auf den Riegel. „Der sieht auch nicht sehr schmackhaft aus…“ dann schob er einen zweiten Löffel nach, denn auch wenn seine Zunge es nicht einordnen konnte, es war essbar, es war keine Dschungelfrucht… also war es gut.

Ken drehte den Riegel um und deutete auf die Schokoschicht. „Und ob der lecker is“, knurpste er zufrieden.

Nachdem Aya das Essen runtergekämpft hatte, zog er die Decke zur Seite und stieg aus dem Bett. „Gehen wir…“ sagte er und pflückte den Tropf von Ständer.

„Gehen?“ hustete Ken. „Mate…!!“ Rauschte ab und kam mit einem Rollstuhl wieder, den er stolz Aya präsentierte.

Aya guckte verwundert auf den Stuhl. „So müde, dass ich dich schieben muss? Na gut, schmeiß dich rein, aber halt den Tropf!“

Ken hob es fast den Deckel ab. „Jetzt langt’s…“ Im Nu war Aya hoch gehoben und in den Stuhl gesetzt. Die Decke über seinen Beinen ausgebreitet und der Tropf an eine dafür vorgesehene Halterung gehängt.

„Bist du IRRE?“ fauchte Aya und sprang aus dem Stuhl, leider etwas zu schwungvoll, so dass er ins Straucheln geriet und zu fallen drohte. Wild ruderte er mit den Armen.

Wieder war es Ken, der ihn sicher auffing. „Ne gnäh’s Fräulein, nicht so stürmisch“, grinste er.

„Wenn du das irgendwem erzählst…“ knurrte Aya und richtete sich auf.

Aber Ken hielt ihn fest. „Wem denn? Schu vielleicht?“

„Dem brauchst du so was gar nicht zu erzählen… der holt sich die Storys selbst, wenn er lachenwill.“

„Eben… also vor was hast du Angst?“ Ken hielt den Älteren nach wie vor ihm Arm, war erstaunt über dessen Leichtigkeit.

„Yôji zum Beispiel würde sich totlachen“, seufzte Aya. „Du KÖNNTEST mich jetzt wieder loslassen…“ bemerkte er.

„Dann würdest du zu Boden knallen!“

„Ich würde das hinbekommen, denke ich… Wir können schließlich nicht ewig in dieser Position bleiben.“

„Och, ich hab gute Beinmuskeln… ich kann dich allerdings auch in den Rollstuhl setzen, damit wir endlich deine Schwester besuchen können.“

„Ich werde mich nicht in diesem Ding von dir rumschieben lassen… Das ist unwürdig…“

„Okay… wenn du nicht willst…“ Mit einem Kick war die Zimmertür wieder offen und Ken verließ das Einzelzimmer zusammen mit Aya auf dem Arm. „Welcher Stock?“ fragte er auf dem Weg zum Lift.

Aya stieß einen undefinierbaren, aber eindeutig erschreckten Laut aus und schaffte es gerade noch den Tropf aus der Verankerung am Rolli zu rupfen. „Lass mich runter. Das ist noch viel schlimmer…“

Im Gegenteil zu Ayas Forderung drückte Ken das Fliegengewicht etwas fester an sich und betrat mit ihm den Lift.

Aya grummelte und schwieg. Er machte deutlich, dass ihm diese Situation gar nicht gefiel. Wütend funkelte er Ken an.

Aber der war das bereits gewohnt. „Je länger du wartest bis du mir sagst wo unser Ziel ist, um so länger werd ich dich tragen…“

„Ich sag’ dir gar nix… Ich bin IMMER zu Fuß zu meiner Schwester gekommen und so werde ich es auch in Zukunft halten.“

„Bist du doch auch jetzt… nur sind’s eben meine Füße… spielt doch keine Rolle…“ versuchte Ken den Rothaarigen zu beschwichtigen.

„Nein“, fauchte Aya wütend. „Das ist SO entwürdigend… ich hätte nie gedacht, dass du mir das antust.“

Kens Gesichtszüge entglitten leicht, aber er stellte Aya prompt ab und trat zurück.

„Gut, jetzt wo ich das bisschen Stolz und Ehre, das mir noch geblieben ist, wieder hergestellt habe, können wir aussteigen.“ Die Tür öffnete sich im 3. Stock und Aya trat auf den Gang.

Ken tapste nur schmollend hinterher, wild auf seiner Unterlippe herum kauend.

Vor dem Zimmer seiner Schwester blieb Aya stehen und guckte Ken an. „Jetzt mach’ mal ein netteres Gesicht, sonst kriegt sie ja gleich Angst, wenn du so ‘ne schlechte Stimmung verbreitest.“

Ken schob Aya nur ins Zimmer hinein und sagte kein Wort, ließ den anderen dann einfach nur machen.

Bei seiner Schwester war Aya wie ausgewechselt. Sanft und lieb. Er begrüßte sie und streichelte ihre Wange. „Ich hab’ noch ‘nen Freund dabei, aber er ist gerade ein bisschen beleidigt“, erklärte er weich. „Wir hatten eine kleine Auseinandersetzung. Trotzdem… Ken ist hier, du weißt schon…“ Aya seufzte, setzte sich neben das Bett und hielt die Hand seiner Schwester.Voller verzweifelter Liebe und Sorge betrachtete er ihr Gesicht.

Langsam trat Ken näher ans Bett und guckte über Ayas Schulter. „Sie is süß…“ lächelte er dann ganz automatisch sanft.

Aya seufzte erneut und es klang, als laste das Gewicht der Welt auf seiner Seele. „Ja… und im Moment wirkt sie so ruhig und zart, dabei ist sie eigentlich ganz anders… wenn sie wach ist.“

„Kratzbürstig wie ihr Aniki?“

„Nein…“ Aya überging die Stichelei. „Frech und wild… ein kleines Biest, aber so widerlich niedlich dabei, dass man ihr nicht böse sein kann…“

„Soka…“ Ken schob sich weiter über Ayas Schulter, um das Mädchen genauer an zu sehen. ‚Sie sieht ihm wirklich ähnlich…’ Er lächelte sanft. Dann setzte er sich zur ihr aufs Bett und nahm ihre kleine Hand in seine eigene. „Hi Kleines… ich bin Ken… das Arsch, dass immer deinen großen Bruder nervt und sich fast mit ihm prügelt… hat er dir sicher schon alles verklickert… na ja, aber keine Sorge, ich meine es nicht böse, aber er reizt einen nun mal mit seinem Verhalten…“

Aya lachte kurz leise auf. „Also, erst mal prügelt er sich nicht nur FAST… und außerdem ist es prinzipiell nicht meine Schuld.“ Er streckte Ken die Zunge raus. „Und des weiteren erspare ich ihr normalerweise die Streitgeschichten mit dir.“

„Okay, dann weiß sie’s jetzt…“ Ken schaffte es wieder Aya an zu zwinkern. Von Schmollen keine Spur mehr.

„Ja, einen super Eindruck hinterlässt du hier von meinem jetzigen Leben…“ grinste Aya und es wirkte ehrlicher, als Ken es bis jetzt je von ihm gesehen hatte, doch auch die Trauer hinter dem Lächeln stand deutlich in seinen Augen. Einen Moment lang war da kein Stück kalte Fassade mehr, Ayas Inneres lag blank…

In Kens Augen lag ein warmer Glanz, als er Aya wieder ansah. Er war nie wirklich böse gewesen, weil ihn der Ältere angefahren hatte, aber spätestens jetzt hätte er ihm alles verziehen.

Aya wandte den Blick wieder zu seiner Schwester. Er sah so hilflos und verzweifelt aus und doch versuchte er ihr Trost zu spenden, sie mit seinen Worten und seiner Anwesenheit in die Realität zurückzuholen.

Ken schwieg. Hielt es für besser Aya nicht zu stören, da er sonst ja auch alleine bei seiner Schwester war. Erst als er spüren konnte, dass der andere leicht zitterte, ob der kühlen Luft im Zimmer und weil er nur das dünne Krankenhaushemd trug, regte sich Ken wieder und löste seine Trainerjacke, die er um die Hüfte gewickelt hatte und legte sich über Ayas Schultern, ohne ihn stören zu wollen.

Aya flüsterte seiner Schwester noch ein paar beruhigende Worte ins Ohr, dann erhob er sich. „Okay, Schwesterchen. Ich muss jetzt gehen, ich bin nämlich zu dünn angezogen und friere, aber ich komme ja wieder. Egal ob du das jetzt als Versprechen oder Drohung auffasst.“ Er drehte sich um und sah Ken an, die Jacke noch immer um die Schultern. „Gehen wir?“

Ken nickte und öffnete die Tür für Aya. Langsam ging er hinter ihm her zurück zu dessen Zimmer.

Aya schlüpfte wieder ins Bett und drückte Ken die Jacke in die Hand. „Arigatô.“

Ken zog die Jacke selber an, da es draußen sicherlich schon kühler geworden war. Er lächelte Aya kurz an. „Sieh zu, dass du schnell hier raus kommst… zu Hause wartet ne Menge Arbeit auf dich…“ ‚… und ich auch. Aber das ist dir ja so egal, wie wenn in Deutschland ne Stecknadel zu Boden fällt.’

„Was für Arbeit kann da schon auf mich warten? Aber ich hab’ nicht vor, die Herrschaften hier länger als nötig zu beehren, also man sieht sich. Und Ken… ich gehe davon aus, dass der Besuch bei meiner Schwester unter uns bleibt.“

Mit einer Fingerspitze an seinen Lippen bestätigte Ken, dass er schweigen würde.

„Gut. Dann… grüß die anderen und macht nicht zuviel Chaos, bis ich zurück bin.“

„Hai… kein Problem…“ Ken trat den Rückweg an und ging einige Schritte rückwärts. „Also bis dann… bye…“ Er hob die Hand zum Gruß, schien aber noch irgendwas auf dem Herzen zu haben. Jedenfalls tänzelte er unruhig vor und wieder zurück. Schließlich riskierte er dann doch Kopf und Kragen und kam wieder nach vorne. In Bruchteilen von Sekunden hauchte er Aya einen Kuss auf die Lippen und verschwand dann so schnell, als wäre das niemals geschehen. Auch hatten sich ihre Lippen kaum berührt. Dennoch kribbelten die seinen und Kens Füße trugen in schnell hinaus aus dem Krankenhaus. Doch auch dort stoppte er seinen Lauf nicht. Das Kribbeln hatte sich auf seinen ganzen Körper ausgebreitet und ließ ihn, ohne das Tempo zu vermindern, direkt nach Hause laufen.

Yôji packte gerade seine Einkäufe aus. Neben ein paar gesunden Sachen war vor allem „Nerven und Aufbaunahrung“ dabei, das hieß, Pizza, Eis und anderer Snackkram. Wie immer, wenn Yôji alleine einkaufen ging.

Omi stand entsetzt am Küchentisch und besah sich die Sachen. „Yôji-kun…“ meinte er nur genervt.

„Was denn?“ fragte Yôji scheinheilig. „Wollen wir sie päppeln oder wollen wir sie päppeln? Da muss man schon richtig ran gehen.“ Er grinste frech und voller Selbstbewusstsein.

Der kleinere Junge knickte ein. „Okay Dr. Kudou ich überlass euch die Patienten. Kannst sie auch gleich mal wecken gehen, wenn du die verordnete Pizza in den Ofen geschoben hast…“

„Geht klar“, zwinkerte Yôji. „Was meinst du mögen sie?“

„So wie Nagi heute morgen rein gehauen hat scheint es egal zu sein was, Hauptsache essbar… nimm mal die Hawaii und schmeiß noch etwas Extrakäse drauf…“

„Okay… und Schuldig? Ich denke, ich nehm’ne Schinken für ihn“, entschied Yôji und schob den Kram rein.

„Prosciutto heißt das, guter Mann… das is italienisch…“ moserte Omi grinsend und streckte Yôji die Zunge heraus. „Und nun viel Spaß beim Wecken! Lass dich nicht gleich umbringen!“

Yôji feixte und trabte nach oben. Dort klopfte er an die Tür von Ayas Zimmer. „He, ihr zwei. Happi ist fertig. Aufwachen!“

Erst als sich Nagi in seinen Armen zu regen begann und wieder gegen seine Rippen stieß, wimmerte Schuldig auf und öffnete die Augen. „Uhm… was…?“ Leicht verwirrt versuchte er die momentane Lage einzuordnen.

Nagi setzte sich auf und versuchte, Schuldig nicht noch mehr wehzutun. „Gomen“, sagte er leise.

Yôji klopfte erneut. „Na los, wenn ihr jetzt kommt, könnt ihr noch ein Eis vor der Pizza einschieben.“

„Aa… wir sind ja schon wach…“ murrte Schu mehr oder weniger wirklich wach. Dann sah er Nagi leicht verwirrt an, warum dieser überhaupt in seinen Armen gelegen hatte.

„Was ist?“ fragte Nagi schüchtern und errötete unter Schuldigs eingehenden Blick.

„Was? Ach nichts… ich… ich muss nur nachher mal sehen, ob ich hier irgendwo ne Art Stützverband finde… Brad hat wohl wieder was knacken lassen… waren wohl noch nicht ganz heil, vom letzten mal…“

„Okay… wir können ja Omi fragen“, strahlte Nagi. „Kommst du jetzt mit essen?“

„Ich… ich hab eigentlich gar keinen Hunger… aber wenn du meinst…“ Mehr oder weniger lustlos stapfte Schuldig dem Kleineren hinterher in die Küche.

„Wieso hast du keinen Hunger? Du müsstest Riesenhunger haben…“ wunderte sich Nagi.

Schuldig zuckte lediglich mit den Schultern, denn bekanntlich kam der Appetit ja mit dem Essen und darauf hoffte er. Der Duft der frischen Pizzen stieg ihm schon ihm Wohnzimmer in die Nase und er verdrehte leicht die Augen.

Nagi wartete kaum, bis Yôji die Teile aus dem Ofen geholt hatte. Er riss sie ihm förmlich aus der Hand und verbrannte sich prompt den Mund beim Abbeißen. „K’so.“ fluchte er leise und griff nach der Cola.

Omi gluckste leise und grinste Yôji zufrieden an. Schuldig benahm sich dann doch etwas gesitteter und gab sich schon mit zwei Stücken der großen Pizza zufrieden.

Jetzt endlich, nach einer halben Pizza schien auch Nagi fürs Erste endgültig gesättigt. Er lehnte sich zufrieden zurück. „Puh… das war gut.“

Yôji lächelte ohnehin alle Anwesenden an, denn seine Idee schien gut funktioniert zu haben und das mochte er.


Kapitel 8

Ken platzte just in dem Moment in die Küche. Völlig außer Atem und knallrot ihm Gesicht.

„Was’n mit dir los?“ fragte Yoji entgeistert.

Nagi grinste Ken an.

„Bin… gerannt… ich… lange Strecke…“

„Ach ne?“ feixte Yoji. „So was dachte ich mir schon. Sport ist Mord. Und wo war der Herr? Oder soll ich raten?“

„Huh?“ Verwirrt sah Ken den Älteren an. „Wa-was meinst du?“

Yojis Grinsen wurde breiter. „Na, du bringst dich doch nicht jeden Abend beim Joggen halb um.“

„Doch…“ schnappte Ken nach Luft und richtete sich zu seiner vollen Größe auf.

„Wie du meinst“, lachte Yoji. „Willst du auch was essen?“

„Au ja, was gibt’s? Auch so’n Geschlabber wie…“ Er biss sich prompt auf die Zunge, als er sich glaubte verraten zu haben.

Yoji guckte verwirrt. „Es gibt Fertigpizza. Wir essen niemals Geschlabber.“

Ken atmete auf, sah er doch nicht, dass Omi ihn wissend angrinste und auch für Schuldig war es ein offenes Geheimnis, wo Ken abgeblieben war.

Als Ken sich umdrehte, grinste auch Yoji und zwinkerte den anderen zu.

Nagi guckte allerdings noch immer verwirrt, hielt es aber für besser, später zu fragen.

Schuldig hatte inzwischen begonnen mit den Resten seiner Pizzastücke zu spielen. Der Hunger hatte sich wider Erwarten doch nicht eingestellt.

Nagi zupfte an Schuldigs Ärmel „He, Schu… was ist los? Warum isst du nicht?“ fragte der Kleine besorgt.

Der Deutsche zuckte mit den Schultern. „Kein Hunger… ist mir wohl alles etwas auf den Magen geschlagen…“ Im selben Moment sah Omi erst Ken, dann Yoji alarmiert an.

Yoji guckte verwirrt zurück. Sein Blick sagte alles. ‚Was ist los?’

Omi versuchte zu regeln. „Anou… ne Nagi lass mal. Er wird schon wieder Hunger bekommen, wenn er erst mal nen Tag im Blumenladen gearbeitet hat…“

„Wenn du meinst“, sagte Nagi unglücklich. „Er braucht noch ‘nen Stützverband. Brad hat ihn angeknackt.“ Nagi guckte Omi hoffnungsvoll an.

„Angewas?“ fragte Ken leicht treudoof. Omi aber nickte nur.

„Ich glaub wir haben noch was im Haus.

„Das wäre lieb“, lächelte Nagi.

„Omi, komm’ mal mit. Ich helf’ dir das Zeug suchen.“ Yoji stand auf und zog Omi mit sich, bedeutete den anderen jedoch sitzen zu bleiben. „Wir sind gleich zurück.“

Omi überlegte bereits fieberhaft und tippte sich immer wieder mit dem Finger gegen die Unterlippe. „Stützverband… Stützverband… Stützverband… wo haben wir bloß den letzten Stützverband hingelegt?“

„Omi… wieso hast du vorhin so geguckt? Ich will ‘ne Erklärung.“ Yoji schien leicht nervös.

„Na ja… mag sein, dass ihm wirklich nur die heutige Sache auf den Magen geschlagen hat. Ich hoff es regelt sich bald… du weißt, welches Theater wir mit Aya hatten, bis er uns artig aus der Hand gefressen hat, was wir ihm vorgesetzt haben.“

„Du meinst, wir haben hier den nächsten Aya-Verschnitt?“ fiepste Yoji entsetzt. Auf diesen Schreck musste er sich erst mal hinsetzen und plumpste direkt auf den gesuchten Verband.

„Hui“, quietschte Omi. „DU hast ihn gefunden… hey, was ist?“

„Einer ist schon schlimm genug“, quiekte Yoji.

„Ja, aber Aya isst doch jetzt fast normal…“

„Ja… jetzt! Aber wir haben ihn GERADE aus dem Gröbsten raus und jetzt kommt der… und was ist, wenn Aya jetzt auch rückfällig wird?“ Yoji stöhnte.

„Warum sollte er?“ fragte Omi unschuldig, während er den Verband aufrollte.

„Jetzt hat er Bestätigung“, grummelte Yoji.

„Och, da wird ihn Ken schon davon ablenken“, meinte Omi überzeugt.

„Wenn es denn auf Gegenseitigkeit beruht…“ Yoji guckte immer noch unglücklich. „Glaubst du, dass geht gut?“

Nun vermochte auch Omi nur noch die Schultern zu zucken. „Ich hoff einfach, Aya tut ihm nicht all zu sehr weh, sonst haben wir ein wirkliches Problem…“

„Wenn er nichts von ihm will, tut er ihm weh, da gibt’s kein Vertun!“

„Kommt ja auch immer drauf an, WIE er ihm das weis macht… und du kennst Aya ja, was Gefühle anbelangt…“

„Tja… aber bis jetzt hat er Kens Herz noch nicht gebrochen und das finde ich sehr erstaunlich… Kennen wir ihn wirklich?“

„Nein…“ quietschte Omi und sprang auf, nachdem er den Verband endlich zusammen gerollt hatte. „Rennst du um Schuldig herum, um ihn zu verbinden?“

„Oh ja…“ grinste Yoji leicht fies. „Mit so was kann ich umgehen.“

„Yoji-kun…“ mahnte Omi und schob den Langen zurück in die Küche, wo sich Ken gerade über den Rest der Pizza her machte.

„Okay, Schu…“ bestimmte Yoji. „Stell’ dich da hin und heb die Arme wie Euer komischer Messias.“

„Hä?“ Schuldig sah Yoji verwirrt an. Omi schüttelte nur den Kopf. „Lass es lieber Nagi machen Yoji-kun… wir wollen doch dass die Rippen heile werden und ned durchbrechen…“

Nagi sprang auf und schnappte sich den Verband. Schnell hatte er Schuldig verbunden, darin hatten sie beide ja leider schon genug Übung.

Schuldig zuckte zusammen, aber nicht, weil’s weh tat, sondern weil Nagi ihn kitzelte, wenn er so hauchzart über seine Haut fuhr.

Nagi hatte wirklich sein Bestes gegeben und betrachtete nun stolz sein Werk. „Gut so? Zu fest? Zu locker?“

„Perfekt…“ Ohne lange zu überlegen zog Schuldig den Kleinen in seine Arme und knuddelte ihn vorsichtig zum Dank.

Nagi quietschte freudig. Sachte erwiderte er Schuldigs Umarmung.

Ken grinste nur und Omi lehnte sich leise seufzend an Yoji.

Yoji war durch diese Situation leicht verwirrt. Was sollte er DAVON halten? Egal, Hauptsache, alle waren glücklich und im Moment schien es so, selbst die beiden Neuen wirkten gelöster.

Schließlich erhob sich Ken und verabschiedete sich von den andere. Die Trainerjacke hatte er nicht ausgezogen und würde heute Nacht darin schlafen, denn sie roch so angenehm nach jemand ganz bestimmten.

Yoji dachte nun ebenfalls an Aufbruch. „Will irgendwer mitkommen?“ fragte er. „Moment, verletzt, zu jung, zu jung… egal… also?“

Omi stemmte die Hände in die Hüfte. „Oh man, man könnte meinen du seiest uralt…“ Damit verpasste er Yoji nen Tritt in den Hintern und folgte ihm dann.

Yoji jaulte gespielt gequält auf und grinste. „Bin ich auch, über zwanzig ist man scheintot bis verwesend.“

Schuldig sah ihm entgeistert hinter her. --- Grünschnabel --- trötete er voller Absicht in dessen Kopf hinein, da Kudou, ob er wollte oder nicht, jünger war als er selber.

--- Du bist schon skelettiert, mein Lieber. Sieh’ lieber zu, dass du isst! ---

Schuldig zog eine Fresse und maulte vor sich hin. „So alt bin ich auch wieder nicht… bin ich alt Nagi?“ Er sah den Kleineren hoffnungsvoll an.

Nagi lächelte Schuldig lieb an. „Nein, genau im besten Aniki-Alter.“ Er errötete leicht.

Schuldig lächelte, aber das Lächeln gefror irgendwie auf seinem Gesicht ein, als er nickte.

„Hast du was? Bitte Schu, rede doch mal wirklich mit mir“, bat Nagi mit großen Augen.

„Was soll schon sein?!“ lenkte der Ältere ab. „Ich bin müde… gehen wir zurück aufs Zimmer?“

Nagi nickte. „Okay.“ Brav trabte er die Treppe hoch. Schuldig eher lahm hinter her.

Im Zimmer ließ er sich dann aufgrund des Verbandes eher vorsichtig aufs Bett sinken und streckte sich wieder aus. Ein wohltuendes Seufzen entfloh seiner Brust.

„Ist es schlimm?“ erkundigte sich Nagi besorgt. „Bitte… sag’ mir, was los ist. Du wirkst so unglücklich, fast schlimmer als früher.“ Nagis Augen waren traurig.

„Gib mir einfach nur Zeit… das hier, hat so… so verdammt viel aufgewirbelt… zu viel… zu viele Erinnerungen… ich…“

„Warum redest du nicht mit mir?“ Nagis Augen füllten sich mit Tränen. „Ich… ich hab’ so viel für… egal.“ Der Kleine wandte sich ab und machte Anstalten, aus dem Zimmer zu schleichen.

„Nicht… geh nicht… bleib hier… bitte…“ Schuldig hatte sich wieder aufgerichtet, was ihm sichtlich Mühe bereitete und hielt Nagi eine Hand hin.

Nagi drehte sich um, Tränen liefen ihm über die blassen Wangen, doch er wischte sie weg und kam artig zu Schuldig zurück, ergriff seine Hand.

„Tut mir leid, Kleiner…“ Schuldig schlang beide Arme um den Jungen. „Es ist nur…“ Er haderte mit sich und dem Erzählen von etwas persönlichem.

Nagi guckte ihn mit immer noch glasigen Augen erwartungsvoll an.

„Das, was wir gerade erlebt haben, hat mich an… an meine Kindheit erinnert… nur dass du ich warst und… ich… ich meine Mutter und Brad…“ Er schluckte.

„Dein ‘tosa?“ fragte Nagi leise.

Schuldig nickte. „Ist fast alles genau gleich abgelaufen…“

„Du hast ihn erschossen?“ Nagi drückte sich vorsichtig fester an Schuldig.

Schuldig zuckte eher, ab der Tatsache, dass Nagi ausgesprochen hatte, was er verdrängen wollte, als durch die körperliche Berührung.

„Kann ich verstehen, ist nicht schön…“ Nagi kuschelte sich dichter an Schuldig. „Versteh’ das nicht falsch, aber ist das alles? Ich hab’ das Gefühl, da ist mehr… Was ist überhaupt passiert, als du weg warst?“

„Lange Geschichte…“ Schuldig grinste schon fast wieder.

„Ich denke, wir haben Zeit“, lächelte Nagi und kuschelte sich ins Bett.

Schuldig legte sich neben ihn und begann die ganze Geschichte zu erzählen, zumindest das, was noch logisch nachzuvollziehen war. Mit der Zeit jedoch wurde seine Aussprache lascher und er setzte die Geschichte, mit Bildern untermalt, in Nagis Kopf fort.

„Wenn du müde bist, musst du nicht weitererzählen. Schlaf!“ sagte Nagi sanft.

Aber da er eh schon fast fertig war, berichtete Schuldig auch zu ende, bis zu dem Punkt, als er wieder ‘nach Hause’ gekommen war. Und von dort an kannte Nagi ja bereits alles aus erster Hand.

„Wieso hast du ihm geholfen?“ fragte Nagi neugierig.

„Er war nicht mein Feind… und ich hasse nichts mehr als Einsamkeit…“

„Manchmal wünschte ich, ich hätte deine Fähigkeiten“, lächelte Nagi. „Dann könnte ich jetzt so schön stöbern.“

„Ich…“ Schuldig legte Nagi sanft beide Hände an die Stirn. „Lass uns zusammen träumen…“ Damit schloss er die Augen und verband ihrer beiden Gedankenwelten.

Nagi schlief in Schuldigs Armen ein und ließ sich von ihm mit in die Traumwelt ziehen.



Am Morgen schlief Schuldig noch immer, als Nagi aufwachte. Die Hände des Deutschen waren im Schlaf herunter gerutscht und er hatte sich regelrecht um Nagi herum gelegt, so gut es eben ging.

Nagi strich dem jungen Mann zärtlich eine Strähne aus dem Gesicht. Verträumt lächelte er ihn an. Dann pustete er Schuldig leicht ins Ohr, um ihn zu wecken. Der gab nur ein unartikuliertes Murren von sich.

„Aufwachen, Schlafmütze. Es ist schon so schön draußen.“

Schließlich gab sich Schuldig doch einen Ruck und öffnete die Augen.

Nagi strahlte mit der Sonne um die Wette. „Ohayo… es ist schönes Wetter und Zeit fürs Frühstück.“

„Wuaks… Frühstück… lass mich doch erst mal wach werden…“ kicherte der Deutsche.

„Gut, aber ich muss noch Omi wegen der Schule ausquetschen. Ich wäre gern auf seiner Schule.“

„Warum um alles in der Welt willst du zur Schule? Du lernst dort doch eh nichts mehr neues…“ Schuldig sah den Jungen verwirrt an.

„Doch“, nickte der ernst. „Ich will doch ‘nen Abschluss. Außerdem will ich das gleiche machen, wie andere in meinem Alter.“

„Viel… Spaß…“ Schuldig gähnte nur. Schule war für ihn immer ein Graus gewesen. Zum Teil weil er Außenseiter gewesen war und zum anderen, weil es Prügel gesetzt hatte, wenn seine Noten schlechter als eine 2 waren.

„Den werde ich bestimmt haben. Da kann ich ein ganz normaler Junge sein.“ Nagi schien regelrecht zu schwärmen. „Können wir jetzt runter? Sonst geh’ ich schon mal vor.“

„Geh nur…“ meinte Schuldig und nachdem Nagi das Zimmer verlassen hatte, begann Schuldig erst damit, sich langsam aufzusetzen. „Ach verdammte scheiße… oh man Crawford, wenn du nicht schon tot wärst, würde ich dich jetzt dafür umbringen… also die Tritte da unten wären echt nicht mehr nötig gewesen…“ Langsam ließ er sich noch mal in die Kissen sinken. „Nur noch fünf Minuten…“

Nagi hüpfte fröhlich nach unten und klärte nun auch Omi, wie eben Schuldig, über seine Pläne auf.



In der Zwischenzeit verließ Aya innerlich angesäuert das Krankenhaus. Okay, er war noch leicht wacklig auf den Beinen, aber auf zwei weitere Tage Bettruhe im Hospital hatte er echt keinen Bock. Das konnte er auch zuhause haben.

Ken war gerade beim Morgentraining, als er einen vertrauten Rotschopf etwas weiter vor sich erkannte. Er joggte munter hinter her und schien dann doch überrascht. „A-Aya?!“

„Ja“, kam es recht neutral zurück.

„Wa-was machst du hier?“

„Heimgehen.“

„Aya…!“ kam es empört von Ken.

„Was? Du wolltest doch, dass ich so schnell wie möglich komme. Hier bin ich.“

„Oooch menno… hättest doch was sagen könne. Anrufen oder wenigstens ein Taxi nehmen… du kippst ja gleich um…“

„Ich komme wunderbar klar. Was hätte ich schon sagen sollen?“ Aya schien seinen Morgenspaziergang für selbstverständlich zu halten.

Ken überlegte kurz. „So was wie: Hi Leute, ich darf heim, kommt mich einer abholen?!“

„Warum?“ fragte Aya ehrlich überrascht. „Das wäre doch unnütz.“

„Args… du… du weißt was ich meine… wir wären dich sicher gern holen gekommen…“ Ken joggte munter neben Aya her, bis zurück nach Hause.

Der Weg war doch länger als Aya ihn in Erinnerung gehabt hatte, aber dass er sich übernommen hatte, würde er natürlich niemals zugeben. Also maulte er zuhause ein genervtes „Tadaima“ los, das seine Erschöpfung überdecken sollte und trabte in sein Zimmer.

„Anou… mate da oben sind doch…“ Ken kam nicht dazu, den Satz zu Ende zu sprechen und Aya darauf vorzubereiten, dass da wohl noch jemand sehr erschöpftes schlief.

Aya polterte ins Zimmer, ohne an Schuldig zu denken, bis er diesen zu Gesicht bekam. „K’so. Gomen“, murmelte er.

Aber Schuldig war schon wieder halbwegs weggedämmert und nuschelte nur etwas unverständliches, zog die Decke bis zur Nasenspitze hoch.

Aya atmete erleichtert auf und schmiss seine Klamotten in die Ecke, um dann Schuldig zur Seite zu schupsen und sich in Shorts und T-Shirt in die andere Hälfte des Bettes zu kuscheln.

„Hi… abgehauen…?“ fragte der Deutsche schläfrig, nahm er doch nicht an, dass Aya schon wirklich entlassen wurde.

„Jo“, erwiderte Aya ebenfalls erschöpft.

Schuldig war das zu dem Zeitpunkt noch völlig egal und er kuschelte sich an den warmen Rücken vor sich. „Oyasumi…“ wünschte er, trotz der morgendlichen Zeit.

„Oyasumi“, murmelte Aya zurück und schlummerte fast augenblicklich, schließlich war er den Deutschen so ja inzwischen gewohnt.

Nicht so ganz gewohnt war dieser Anblick für Omi, der ohne Vorwissen über Ayas Rückkehr bei Schuldig ins Zimmer platzte, um ihn zum Frühstück runter zu holen. Augenblicklich machte der Kleine auf dem Absatz kehrt und knallte die Tür hinter sich zu. Daraufhin schrak Schuldig fast schon panisch hoch, schnaubte und starrte die Tür erschrocken an.

Auch Aya fuhr hoch. „Was war das denn?“ schaute er Schuldig verwirrt an.

Der starrte weiter gebannt die Tür an. Bisher kannte er nur einen, der die Tür derart brachial zu schlug, aber er war sich doch sicher, dass derjenige die Radieschen bereits von unten bestaunte.

Aya winkte mit der Hand vor Schuldigs Augen. „Hallo… was ist los?“ fragte er erstaunt über das Verhalten des Deutschen.

„Nichts… nichts…“ kam es schließlich nach einer geschlagenen halben Minute und Schuldig ließ sich schwer atmend wieder ins Kissen sinken. „Es ist nichts…“

„Ja, das sieht man“, sagte Aya voller Sarkasmus und plumpste ebenfalls wieder in die liegende Position.

Nach einer Weile schloss Schuldig die Augen wieder und in dem Bewusstsein, dass jemand bei ihm war, der ihm wohl mal ausnahmsweise nichts antun wollte, schlief er bald darauf wieder ein.

Auch Aya zog die Erschöpfung zurück in die Traumwelt.

Inzwischen versuchte Yoji herauszufinden, warum Omis Gesichtsfarbe zwischen Laken und Tomate wechselte.

Aber Omi schlürfte nur stoisch an seiner Ovo und reagierte kaum auf die ihm gestellten Fragen.

„Mann, Omi… jetzt sag’ was. Haben wir einen Geist? Muss ich einen Exorzisten rufen?“ Yoji grinste unsicher.

„Nein…“

„Was dann?“ stöhnte Yoji entnervt auf. „Verdammt, sag’s mir.“

„Nichts… nichts… gar nichts… alles bestens…“

„Haha… okay… du willst also nicht darüber reden… Was ist mit Schuldig? Hast du ihn geweckt?“

„Nein… oder ja…? Weiß nicht…“

Ken hob inzwischen amüsiert die Augenbraue, während er sein Müsli vertilgte.

„Wie, du weißt nicht? Bist du gaga?“ Yoji war irgendwo zwischen Belustigung und Verzweiflung.

Schließlich rettete Ken Yoji davon auf eine Seite zu kippen. „Wahrscheinlich hat Omi geglaubt nen Geist zu sehen, aber der Geist schläft wohl wirklich oben und anscheinend nicht alleine… kurzum… Aya hat sich heute Morgen selbst entlassen, ist also getürmt und schläft nun wohl friedlich in seinem Bett, jedenfalls hab ich kein Gezeter gehört, also nehme ich an, dass beide noch leben…“

Yoji ließ zwar den Mund vor Erstaunen offen, nickte jedoch brav. „Soka…“ Ken zuckte lediglich mit den Schultern, auch wenn er insgeheim nicht nur im Keim eifersüchtig auf Schuldig war, da dieser etwas hatte, was ihm verwehrt blieb.

Yoji guckte Ken an und grinste ein kleines, fies-freches Grinsen. „Du nimmst das ganz schön locker. Wer weiß, was die tun…“

„Schlafen…“ grummelte der Fußballer und knallte seine Schüssel geräuschvoll in die Spülmaschine.

Yoji lachte leise. „Okay…“ sagte er gedehnt und mit leichtem Spott in der Stimme. „Bestimmt hast du recht. Schlafen…“ und es war deutlich, dass er damit nicht die gleiche Art wie Ken gemeint hatte.

Der knurrte nur noch und rauschte dann stinksauer ab, so das sich Omi fast an seiner Ovo verschluckte und zu husten begann. „Yo… Yoji-kun… das war… nicht nötig…“

„Ich weiß“, räumte dieser ein. „Aber es reizte mich einfach so.“ Er seufzte leise. „Er wird’s schon überleben.“

„Bist du dir sicher?“ fragte Omi unsicher. Ganz so zuversichtlich wie Yoji war er in dieser Hinsicht nicht.

„Wieso?“ fragte Yoji verwundert.

„Na ja… Aya scheint Schuldig 100%ig zu vertrauen… fragt sich nur warum…“

„Du hast doch eine Vermutung. Also… lass mich teilhaben.“

„Aya und Schuldig?“ kam es vorsichtig hinter dem Milchglas hervor.

„… liegen da oben und pennen“, vervollständigte Yoji den Satz. „Omi? Mir schwant, was du denkst… das meinst du nicht ernst oder?“

„Weiß nicht… wenn ja, tun mir zwei andere ganz doll leid…“

Yoji war nun komplett verwirrt. „Omi! Verdammt, hör’ auf mit dem Geschwafel. Tacheles, aber zack…“ maulte er ungeduldig.

„Na wenn Schuldig was mit Aya hat, was ist dann mit Ken und Nagi?!“

„Tja“, zuckte Yoji die Schultern. „Aber hast du das Gefühl, dass Nagi was von Schuldig will? Der klammert sich doch an jeden, der halbwegs nett zu ihm ist.“

„Na an dich klammert er sich jedenfalls nicht…“ kam es spöttisch von Omi.

„Dafür an dich um so mehr“, kam es genauso spöttisch zurück.

Omi wurde erst leicht rot, dann winkte er ab. „Ach was… Einbildung ist auch eine Bildung, Yoji-kun…“

„Ja ja“, grinste dieser und trank seinen Kaffee. „Musst du nicht auch langsam in die Schule?“

„Hai… wo ist eigentlich Nagi? Der hat sich mit seinem Müsli verkrümelt, aber wohin?“

Yoji lachte. „DER ist schon auf dem Weg zur Schule, weil er sich noch anmelden wollte. Soviel Eifer hab’ ich selten gesehen.“

„Wuaaah… dann komm ich ja noch zu spät…“ Omi begann herum zu hibbeln. Warf sein Glas fast schon ins Spülbecken und rauschte dann in sein Zimmer, um das Schulmaterial zu holen. Mit einem gequäkten „Sayonara Yoji-kun“ verschwand er schließlich und knallte wieder mal die Tür hinter sich zu.

Nach einiger Zeit wachte Aya aus seinem Schlaf der Erschöpften auf, gähnte und streckte sich vorsichtig.

Dabei stieß er unweigerlich Schuldig an, der leise aufjaulte und dann seine Hände abwehrend gegen Ayas Brust drückte.

Aya zuckte zurück. „Gomen. Das wollte ich nicht.“

Schuldig richtete sich langsam auf. „Schon okay… nicht deine Schuld… ich hab mich ja so dicht neben dich gelegt…“

„Was hat er bloß gemacht? Na ja… egal… der hat seine Lektion weg.“

Schuldig sah Aya verwirrt durch seine orangefarbenen Ponyfransen an.

Aya guckte ihn ernst an. „Na, er hat dir ja wohl die Rippen gebrochen oder? Tja, und er hat dafür gezahlt. Das ist alles, vergiss es .“ Aya erhob sich vorsichtig.

„Hat er, ja… aber er hat nicht nur dafür bezahlt… das wär ja egal gewesen…“

Aya hob eine Augenbraue und sah Schuldig kritisch an. „Das denke ich zwar nicht, aber wofür hat er denn noch gezahlt?“

„Dafür, dass er sich an Nagi vergriffen hat… dafür und nur dafür… mit allem anderem komm ich klar… nur damit nicht…“

Aya blickte Schuldig nur weiterhin fragend an, wartete darauf, dass dieser von sich aus weiter sprach.

„Was…?!“ kam es aber nur patzig. „Willst du jede Einzelheit hören, die der Mistkerl verbrochen hat? Ich kann’s dir auch zeigen, aber danach hättest du wohl noch den größeren, psychischen Knacks als ich…“

„Na ja… egal… vergriffen ist nur nicht gleich vergriffen… und man sollte die Ängste seiner Kollegen kennen.“ Aya zuckte die Schultern und versuchte ins Bad zu kommen, entschied sich jedoch an der Tür anders und humpelte zurück ins Bett, wo er sich fallen ließ, bereits ein vorsorgliches „Gomen“ ausstoßend, da er momentan nicht auf Schuldig achten konnte.

Der lachte leise, was er gleich wieder bereute. „Oh man… wir sind zwei Krüppel bei Weiß, was für eine geniale Kampfkraft? Wolltest du ins Bad? Ich kann versuchen uns rüber zu teleportieren, ist ja nicht weit.“

„Du warst aber noch nicht da und deshalb riskieren wir’s nicht…“ stöhnte Aya. „Wir sind echte Helden. Aber wenn stört’s? Bleiben wir halt liegen.“

„Wehe du machst ins Bett, Fujimiya…“

„Ich muss nicht pissen, du Idiot. Ich wollte duschen. Was dir übrigens auch gut täte!“

„Wir hätten eh nicht zu zweit in eine Kabine gepasst…“ moserte Schuldig weiter.

„Häh?“ Nun war es an Aya verwirrt zu schauen.

„Na du duschen, ich duschen… eure Kabine ist sicher nicht größer als die, die wir hatten… kannst ja deinen Ken-chan fragen, ob er dir nicht ins Bad hilft…“

Diese Bemerkung entlockte Aya ein wütendes Knurren. „Fresse, Schuldig!“ blaffte er und zog die Decke hoch.

„Oha… Prinzessin ist eben auf Erbse gefallen…“

„Denk’ immer dran, du liegst in meinem Bett, meinetwegen bist du überhaupt hier… also lass endlich deine unpassenden Kommentare.“ Am liebsten hätte Aya vor Wut geheult, doch er verkniff es sich. Diese Blöße würde er sich nicht auch noch geben.

„Was ist los?“ kam es mit einem mal mehr als überraschend sanft von dem Deutschen. „Du weißt, dass ich mir die Antworten jeder Zeit direkt aus deinem Kopf holen könnte, aber das will ich nicht… nicht mehr…“

„Ach ja? Und warum nicht?“ zischte Aya wütend.

„Weil ich das bei Freunden nicht mache…“

„Aha… ich will aber nicht darüber reden.“ Dann geflüstert: „Ich kann nicht…“

„Okay… noch nicht… lass dir Zeit… aber… nicht zu viel… sonst tust du dir und jemand anderen vielleicht ganz fest weh…“

„Inwiefern?“

„Wirst du schon merken…“

„Sag’s mir jetzt… wenn du wirklich mein Freund wärest, würdest du mir helfen…“ seufzte Aya gequält.

„Ist dass den so schwer zu verstehen? Du weißt doch, dass Ken dich liebt. Aber er weiß nicht woran er ist… und es wird ihn mit der Zeit zerfressen und krank machen und was ist dann mit dir?!“

„Das Problem ist, dass ich auch nicht weiß, woran er ist“, stöhnte Aya traurig.

Schuldig biss sich auf die Unterlippe. „Oh man… dann habt ihr zwei ein echtes Problem…“ Langsam ließ er sich wieder in die Kissen sinken.

„Was soll ich denn tun?“ Aya klang mehr als verzweifelt und kraulte dabei gedankenverloren seinen „Plüschfreund“ von Ken.

„Hey, hey… schschhh… nicht doch gleich so aufregen…“ Schuldig legte Aya beruhigend eine Hand auf die Schulter.

„Ich kann nicht mehr. Das ist alles zu viel für mich.“ Ayas Augen füllten sich gegen seinen Willen mit Tränen. „Ich… ich hab das alles nicht gewollt“, schluchzte er und die Tränen fanden ihren Weg nach draußen.

Vorsichtig schob Schuldig seine Arme um Aya und zog ihn mehr als Vorsichtig an seine Brust. „Schon okay… alles okay… raus damit… danach kannst du vielleicht besser über alles nachdenken…“

„Ich will aber nicht darüber nachdenken. Ich will einfach nur meine Ruhe. Ist das denn so schwer?“ Aya wurde von seinen Weinkrämpfen geschüttelt und offensichtlich war es ihm unangenehm.

Langsam und ohne Hast drang Schuldig in Ayas Bewusstsein ein und begann ihm von innen heraus Wärme und Geborgenheit zu schenken.

„Dein Psychokram hilft mir auch nicht weiter“, fauchte Aya. Die Geborgenheit wollte sich nicht so recht einstellen, so sehr der Deutsche auch probierte. „Was hilft mir das, wenn ich IHN wiedersehe? Gar nichts!“

„Soll ich ihn holen…?“

„NEIN!“

„Oh Aya, ich will dir doch nur helfen, so wie du mir und Nagi geholfen hast…“

„Dann sag mir, was ich tun soll…“

„Du weißt nicht, ob du ihn liebst…? Bevor du dich fertig machst, sag ihm das… versuch es meinetwegen… aber tu etwas und leide nicht vor dich hin… das ertrage ich nicht…“ Schuldig vergrub seine Nase in Ayas Nacken.

„Phpf“, entfuhr es Aya. „Weshalb solltest Du das nicht ertragen?“

„Weil ich anscheinend unfähig bin, Freunden zu helfen oder sie zu beschützen… und wieder mal bestätigt bekomme, warum ich mir eigentlich gar keine zu legen wollte.“

Aya drehte sich vorsichtig um und sah Schuldig erstaunt an. „Du überraschst mich“, sagte er ehrlich.

„Ich mich auch“, meinte der Deutsche mit gesenktem Blick.

„Ich wüsste gern, was DU in diesem Moment denkst!“ sagte Aya leise.

„Nur dass ich unfähig bin…“ murmelte Schuldig leise.

„Quatsch! Wieso solltest du unfähig sein?“

„Na weil ich niemandem wirklich eine Hilfe bin… also bin ich doch unfähig… unnütz und wertlos… wertlos…“

„Bist du beknackt? Du bist genauso wertvoll wie wir alle und tief in deinem Herzen bist du wahrscheinlich verletzlicher als die meisten Anderen, was dich eher noch wertvoller macht. Und ich bin sicher, dass du Nagi geholfen hast, mehr als nur einmal…“ Aya umfasste sanft Schuldigs Schultern. „Außerdem bringst du mich dazu, Dinge zu sagen, wie ich sie eigentlich nie wieder sagen wollte.“

Schuldig lächelte schwach. „Der Meister darin, anderen Sachen aus der Nase zu zeihen, die sie lieber für sich behalten wollten…“

„Und manchmal ist das ganz gut“, meinte Aya ernst und sah Schuldig tief in die Augen, als könne auch er Gedanken lesen.

Einen Moment ließ es Schuldig zu, dass Aya in seine Innerstes sah, in dem er eine Art freie Leitung zwischen ihren beiden Gedankenwelten legte.

Das bewirkte natürlich auch, dass die mentale Autobahn in Ayas Hirn frei wurde und dort herrschte ziemliches Verkehrschaos.

Aber Schuldig war sie bei Aya schon fast gewohnt und begann unbewusst sie zu Ordnen.

Aya hingegen war durch den Blick in Schuldigs Gedanken- und Gefühlswelt erstaunt und auch verunsichert. Doch schließlich gab er dem Drang, den Älteren in den Arm zu nehmen und zu schützen, nach, während dieser durch seine Gedanken pflügte und Ayas Unterstes zuoberst kehrte.

„Besser als ich mich selber…“ fiel Schuldig nur noch zum Schluss ein, ehe er in Ayas Armen zusammensackte und reglos liegen blieb.


Kapitel 9

Aya blickte entsetzt auf den Körper in seinem Arm. „Schuldig? He, mach’ keinen Scheiß… wach auf…“ flehte er leise.

Aber von unten kam keine Reaktion mehr, nur die Nasenflügel blähten sich bei jedem Atemzug leicht auf, auch wenn diese noch so flach waren.

Das minderte Ayas Entsetzen nicht gerade. Schockiert beobachtete er Schuldigs Vitalfunktionen, prüfte deren Regelmäßigkeit.

Regelmäßig waren sie zwar, aber reichlich schwach.

„Egal… auch wenn die mich vielleicht auslachen, ab ins Krankenhaus.“ Aya humpelte zur Tür und riss sie auf. „Tasuke!“ brüllte er. „Wer auch immer von Euch noch da ist, bewegt eure Ärsche hoch.“

Unten streckte Ken verwirrt seinen Kopf aus dem Laden in die Wohnung. „Was ist los…? Was brüllst du hier so herum?!“

Yoji drängte hinter Ken her und guckte ebenfalls besorgt und neugierig.

Aya wurde nun ruhiger. „Kommt hoch, verdammt… ich weiß nicht, was mit ihm ist. Vielleicht ist doch ein Organ verletzt oder so…“ Er war eindeutig aufgewühlt und verwirrt.

Ken sah Yoji nur kurz an, dann drehte er sich um und ging zurück in den Laden. „Los Mädels raus hier! Wir schließen! Ja ich weiß, dass noch nicht Mittag ist, aber wir machen morgen wieder auf und ja… RAUS JETZT!“ Schließlich hatte er alle Mädchen aus dem Laden verjagt und folgte dann Yoji die Treppen hoch in Richtung Ayas Zimmer.

Yoji blieb unschlüssig vor Schuldig stehen. Verdammte Scheiße, wo war Omi, wenn man ihn mal brauchte? Vorsichtig tastete er erst mal Schuldigs Bauch nach Verhärtungen oder anderweitigen Veränderungen ab.

Aya stand hinter Yoji und zermarterte sich ebenfalls das Hirn nach Erste Hilfe Maßnahmen bei inneren Blutungen.

Ken streckte nur kurz den Kopf ins Zimmer, schien relativ schnell zu realisieren was los war. „Ins Krankenhaus? Ich hol den Wagen…“

Yoji hob Schuldig hoch und war das erste Mal dankbar für dessen geringes Gewicht. Er brachte den Deutschen so vorsichtig es noch halbwegs schnell möglich war zum Auto.

Aya wäre ja gern mitgekommen, doch ein Schwindelanfall zwang ihn dazu, sich aufs Bett sinken zu lassen, wo er halb bei Sinnen liegen blieb und weinte, ohne es zu merken.

Ken hatte inzwischen Ayas Wagen aus der Garage geholt und die hintere Tür geöffnet, wartete auf der anderen Seite, um Yoji Schuldig abzunehmen, und diesen sachte in den Sitz zu betten und eine Decke über ihn auszubreiten. Dann sah er Yoji verwirrt an. „Wo ist Aya?“

Yoji zuckte die Schultern. „Ich hatte genug mit IHM zu tun!“ sagte er und deutete auf Schuldig. „Also los…“ Yoji entriss Ken den Schlüssel und sprang auf den Fahrersitz.

Ken konnte und wollte Aya nicht alleine zurück lassen. „Wir kommen nach…!!“ rief er noch, ehe er die Tür zuschlug und wieder ins Haus sputete. Immer drei Stufen auf einmal nehmend hechtete er die Treppe hoch in Ayas Zimmer. Verwirrt blieb er im Türrahmen stehen, als er dessen Zustand erkannte. „A-Aya…?“

Aya kämpfte sich weit genug aus der Dunkelheit hoch, um Ken zu antworten. „Es geht schon“, sagte er leise, ohne die Augen zu öffnen.

„Aya…“ kam es nun weicher. „Willst du hier bleiben? Ich fahr dich sonst mit Yojis Wagen ins Krankenhaus…“

„Ich bleib wohl besser erst mal hier.“ Aya versuchte gefasst zu klingen, doch die Schwäche schimmerte immer noch durch.

Ken ging neben ihm in die Knie und legte ihm eine Hand auf den Oberschenkel. „Alles klar…? Willst du dich lieber ganz hinlegen?“

„Ich mach das schon…“ Es war klar, dass Aya trotz dieses Satzes in nächster Zeit erst mal gar nicht viel machen würde. Fahrig wedelte er mit der Hand. „Ich kann das schon, ich brauch nur nen Moment…“

„Aya, bitte…“ versuchte Ken an dessen Vernunft zu appellieren.

„… Was?“ kam es leise zurück.

„… lass mich dir helfen…“ bat Ken leise.

„Ich hab meine Würde ohnehin verloren“, kam es leise und verbittert zurück. „Also was soll’s? Wie du meinst…“

„Noch mal… hier bleiben und dich richtig hinlegen oder mit ins Krankenhaus?“

„Damit die mich gleich da behalten?“ Aya schüttelte leicht den Kopf. „Hinlegen“, entschied er.

Vorsichtig half Ken Aya sich in eine bequemere Position zu bringen. Dann holte er ihm noch ein paar Tabletten aus der Hausapotheke und stellte neben diese noch ein Glas Wasser.

„Soll ich hier bleiben…?“ ‚Idiot… warum fragst du überhaupt? Tu’s doch einfach…’

Aya schien Ken ohnehin nur phasenweise wahrzunehmen. „Ja, bleib ruhig. Ich will nicht allein sein.“

Langsam ging Ken neben dem Bett in die Knie, strich Aya vorsichtig ein paar rote Strähnen aus dem Gesicht. ‚Inzwischen dürfte Yoji schon längst im Krankenhaus angekommen sein…’ Er überlegte kurz, ob er es riskieren sollte, diesen auf seinem Handy anzurufen, erinnerte sich dann aber daran, dass er dieses im Krankenhaus eh nicht an haben durfte.



Yoji war mit seinem üblichen Fahrstil in der Tat schon vor einiger Zeit im Krankenhaus angekommen und hatte solange Terz gemacht, bis die Ärzte den Ernst der Situation erkannt hatten.

Nun lief er auf dem Gang auf und ab, wartete auf die Diagnose und verfluchte das Rauchverbot in Krankenhäusern.

Derweil hatte Ken so weit geschaltet, dass er Omi eine Nachricht auf den Pager geschickt hatte, dass dieser sich sofort Nagi schnappen und mit ihm ins Krankenhaus sollte. Das hatte der natürlich prompt getan und stürmte nun mit dem Jüngeren an der Hand auf Yoji zu. „Yoji-kun…“ japste er, „was ist? Weißt du schon was…?“

„Nein“, seufzte dieser latent gepisst, wegen der langen Wartezeit.



~*~*



Aya kam in der Zwischenzeit wieder zu sich. „Was ist passiert?“ fragte er, als er die Augen aufschlug.

Ken saß nach wie vor neben ihm. „Hi… du… hattest einen kleinen Schwächeanfall… wird schon wieder…“

Aya griff sich mit der linken Hand an den Kopf. „Oh“, sagte er erstaunt. „Wo ist Schuldig? Geht’s ihm gut?“

„Ich… ich weiß es nicht… Yoji hat ihn ins Krankenhaus gebracht. Omi und Nagi sind von der Schule aus hingefahren…“

Aya seufzte resigniert. „So ein Idiot. Na ja, er wird’s schon packen.“

Ken lächelte unsicher. „Hai… wenn du meinst…“ Nachdenklich sah er auf seine Uhr. Bereits anderthalb Stunden waren vergangen, seit Aya Alarm gegeben hatte.



Im Krankenhaus wurde Nagi ebenfalls hibbelig und Yoji begann zu kochen wie ein Vulkan. Er schnappte sich den nächstbesten Arzt und verlangte wutschnaubend eine Erklärung, zumal Nagi nicht glücklicher wurde, je länger es dauerte.

Der Arzt aber verwies auf einen Kollegen, der sich eben eine Maske vom Gesicht zog und auf die Drei zusteuerte. Omi sah ihn schon von weitem mit großen Bambiaugen an und zog Nagi an sich.

Nagi fiepte leise und kuschelte sich in schlechter Erwartung in Omis Arm.

Yoji runzelte die Stirn und machte sich ebenfalls auf alles gefasst.

Der Arzt begann zu erklären, was sie eben gemacht hatten und wie schlecht es um ihren Freund stand. Unter anderem fiel das Wort „Lungenembolie“, was Omi schon reicht, um ihm leicht schlecht werden zu lassen.

„K’so“, fluchte Yoji leise. „Wie sind seine Chancen?“

„Nun…“ meinte der Arzt mich fachmännischer Ruhe, die Omi beinahe würgen ließ, „… er ist noch jung. Allerdings ist die Verletzung schon mehr als zwei Tage alt und ich frag mich ehrlich gesagt, wie er so lange damit rumlaufen konnte. Wenn er es schafft, dann nur mit viel, viel Glück.“

Das war nun deutlich genug, um auch in Nagis geschockten Verstand zu dringen. Der Junge brach weinend zusammen, ließ sich nicht beruhigen.

Yoji hätte selbst am liebsten geheult, aber er blieb gefasst. „Ist er noch immer bewusstlos?“

Der Arzt nickte. „Wir haben ihn zur Regenrationsunterstützung in ein künstliches Koma versetzt…“

‚Na toll’, schäumte Yoji innerlich. ‚Ich geh’ nach Hause und sage Aya „Hey, jetzt ist Schuldig auch im Koma.“ K’SO!’

„Dann gehen wir jetzt wohl besser erst mal, rufen sie uns bitte an, so bald er aufwacht oder sich sein Zustand sonst wie ändert.“

Yoji schnappte sich die Kleinen, was in Nagis Fall auf den Arm nehmen hieß, und ging mit ihnen zum Auto.

Omi tapste mehr oder weniger hinterher. Seinen Roller ließ er stehen und krabbelte zu Nagi auf den Rücksitz. Noch war er viel zu überrumpelt, als dass er irgendwie anders als mechanisch reagieren konnte.

Yoji fuhr schweigend und erstaunlich gesittet zurück, da auch er nicht voll da war.

Aya war inzwischen von Kens Sorge angesteckt. „Warum rufen sie nicht wenigstens an?“ fragte er verzweifelt.

Ken versuchte sich irgendwelche Ausreden auf die Schnelle einfallen zu lassen. „Na ja, es ist bald Mittag, da wird wohl jede Telefonzelle besetzt sein und Handys dürfen sie ja nicht benutzen… oder aber sie sind schon wieder auf dem…“ Unten knallte die Tür. „… dem Heimweg…“ Ken stand auf und verließ das Zimmer. „Omi?! Yoji?! Schu? Nagi? Seit ihr zurück…?“

Yoji setzte Nagi neben Omi ab und trat auf Ken zu. Mit der Hand bedeutete er ihm zu kommen und keine Fragen zu stellen.

Ken sah die beiden Jüngsten nur mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Der Laden bleibt morgen also geschlossen…“ stellte er eine rein rhetorische Frage.

Yoji zog ihn dicht an sich, flüsterte in Kens Ohr. „Er ist in einem künstlichen Koma. VIELLEICHT… und ich meine, mit VIEL Glück, wird er überleben. Wie sollen wir DAS Aya beibringen?“ fragte er unglücklich.

„Was?! Aber…“ Ken schien sichtlich verwirrt. „So schlecht ging’s ihm doch gar nicht… ich meine, er war nur etwas appetitlos und müde und…“

„Tja“, sagte Yoji in Ermangelung einer besseren Antwort und zuckte die Schultern. „DU wirst es Aya sagen“, entschied er leise aber fest.

„Und was bitte schön? Hey Aya, du hast grad nen neuen Freund gefunden, aber wahrscheinlich wird er krepieren, er liegt jetzt schon im Koma?“

„Das ist mir ehrlich gesagt scheißegal. Aber wenn einer es ihm erklären sollte, dann du… Wenn du ihn wirklich liebst, findest du schon die richtigen Worte.“

Ken verzog wütend die Fresse. „Nicht jetzt… ihm geht’s nicht gut und wenn er jetzt so was zu hören kriegt, kippt er uns auch noch um. Gott, man sollte hier jeden in Watte einpacken und wegschließen, damit niemandem etwas passiert…“ Ken klang verzweifelt. Normalerweise wäre er jetzt raus gegangen und hätte seinen Frust an einem Fußball abgelassen, aber hier und jetzt wollte er Aya nicht alleine lassen. Also stapfte er wieder die Treppen hoch und zurück zu Ayas Zimmer. Dabei kam er an Omis Zimmer vorbei, aus dem gedämpftes Schluchzen drang und Omis Stimme, die nicht fiel gefasster klang, aber dennoch bemüht war beruhigend zu klingen. Traurig senkte er den Kopf.

Aya blickte Ken erwartungsvoll an. Sein Blick war eine Mischung aus bösen Vorahnungen und der verzweifelten Hoffnung, dass es anders sein möge.

Ken setzte sich schweigend zu Aya auf die Bettkante und wagte es lange Zeit nicht, diesem in die Augen zu blicken.

Aya entwich eine Mischung aus Seufzen und gequältem Stöhnen. „Was ist?“ fragte er vorsichtig und bebend.

Einmal tief durch geatmet, dann setzte Ken an… brach aber wieder ab. Irgendwie fand er nicht die richten Worte.

Aya wurde unruhiger, verzweifelter. „WAS IST?“ entrang es sich laut und gemartert seiner Kehle.

Ken zuckte kurz zusammen. „Er… er ist im Koma… in einem künstlichen… aber er kann’s schaffen, sagen die Ärzte.“ Es war raus, aber irgendwie fühlte sich Ken noch genau so beschissen wie zuvor.

Aya saß einen Augenblick lang wie versteinert da, dann stand er wie in Trance auf und ging in den Keller.



„AAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA!“ brüllte er seinen Schmerz und seine Wut heraus und schlug wie wild auf die Wand ein, während Tränen sein Gesicht überfluteten.

Schließlich hielten Kens warme Hände ihn davon ab, sich noch weiter weh zu tun. Sanft und dennoch fest hielt er ihn von hinten ihm Arm, ließ sich dann langsam mit ihm zu Boden sinken, ohne ihn los zu lassen.

Aya schluchzte. „Ich bin schuld… das passiert nur meinetwegen… Koma… Ko… ma… Doshite? Doshite?“ Alle Kraft war aus ihm gewichen.

„Schschhht… nicht doch… das ist doch nicht deine Schuld… ganz ruhig… er wurde nur in ein künstliches Koma versetzt… die sind doch nur da, damit die Patienten sich schneller und ohne Schmerzen regenerieren können…“ Ken strich mit einer Hand beruhigen über Ayas Arm, versuchte den schmächtigen, jungen Mann in seinen Armen zu beruhigen.

Doch die beruhigenden Worte schienen Aya nicht zu erreichen. Er weinte ungehemmt und stieß unzusammenhängende Silben hervor. „Koma“ war immer wieder darunter.

Schließlich reichte es Ken und er hob das zitternde Bündel Mensch hoch und trug ihn ohne große Mühe hoch in sein Zimmer.

Omi kam gerade aus dem seinen und sah den beiden verwirrt hinter her, ehe er langsam die Treppe hinunter ging. Allerdings sah er noch immer Aya und Ken hinter her, so dass er geradewegs in Yoji hinein rasselte.

„Hey Sexy! Was’ los?“ Yoji rieb sich die Rippengegend und schaute Omi erstaunt an.

„Ken… Ken-kun hat gerade Aya hoch in sein Zimmer getragen… was war denn?“ Omi hatte rein gar nichts mit bekommen, war zu sehr damit beschäftigt gewesen, Nagi irgendwie zu beruhigen.

„Ken hat Aya über Schuldigs Zustand aufgeklärt und der ist in den Keller gegangen und hat’nen Schrei- und Heulkrampf gekriegt.“ Yoji schien die Fassung der Verzweifelten zu wahren.

„Uhm… armer Aya-kun… Schuldig muss ihm ne Menge bedeuten…“

Yoji sah Omi traurig an. Beide waren sich ihrer Hilflosigkeit bewusst. Yoji schien sehr verzweifelt, während er die Stirn runzelte und sachte die Schultern zuckte. Er seufzte laut.

„Was meinst du Yoji-kun? Würde denen da oben vielleicht ne heiße Schokolade gut tun?!“ Omi wollte irgendetwas tun und sei es noch so unnütz. Alles war besser als hier herum zu sitzen und Däumchen zu drehen.

„Nagi könnte bestimmt eine vertragen, wenn der Kleine wieder wach ist. Ken auch, aber ob Aya momentan in der Lage ist, Schokolade zu trinken? Egal, tun wir’s!“ Auch Yoji war seine Hilflosigkeit zutiefst zuwider.

Omi schnappte sich kurzerhand Yojis Handgelenk und beorderte ihn nebst der Schokolade auch noch gleich zum Küchendienst. „Wenn wir nichts essen und zusammen klappen, bringt das niemandem was“, sprach’s und knallte Yoji einen großen Topf mit Kartoffeln vor die Nase, die es zu schälen galt. Er selber huschte wenig später mit den ersten beiden Tassen Schokolade nach oben und klopfte leise an Ayas Zimmertür. Als er nach einer Weile keine Antwort erhielt, öffnete er die Tür vorsichtig einen Spalt und lugte hinein. „Ken-kun? Aya-kun?“

Aya war inzwischen ruhig geworden, schien allerdings nach wie vor sehr abwesend und teilnahmslos.

Yoji machte sich währenddessen seufzend und fluchend an die Kartoffeln.

Nagi lag in Omis Bett und selbst im Schlaf hatte der Kleine nicht aufgehört zu weinen und hin und wieder „Schuldig oder Schu-kun“ zu murmeln.

Omi hatte die beiden Tassen auf den Nachttisch gestellt und sah Ken fragend an, aber der schüttelte nur traurig den Kopf und behielt Aya weiter in eine Decke gewickelt in seinen Armen und versuchte durch leises Zureden irgendwie Zugang zu dessen Bewusstsein zu bekommen.

Ayas Atem ging durch das leise, stetige Schluchzen unregelmäßig. „Meine Schuld… meine Schuld… meine Schuld… Schuldig…“ wiederholte er gebetsmühlenmäßig. „Nicht nur ein Name, auch das, was man fühlt. Warum Koma? Doshite?“ Das Weinen erschöpfte ihn sehr, würde ihn wahrscheinlich demnächst seines Bewusstseins berauben. Und es brachte den Schmerz in Ayas Körper wieder hervor, so dass er leise wimmerte und stöhnte.

„Nicht doch… dafür kannst du am allerwenigsten… und es ist doch nur vorübergehend… die können ihn da jeder Zeit wieder herausholen…“ versuchte Ken es Aya immer und immer wieder zu erläutern.

Aya blieb jedoch unansprechbar, sackte immer häufiger komplett in die Besinnungslosigkeit ab und auch wenn er wach schien, waren seine Augen weit und leer, als wäre er an einem völlig anderen Ort.

Omi ließ die Beiden schließlich wieder alleine. Ken konnte schon kaum etwas für den 20-jährigen tun, da war er ja noch viel hilfloser. Er nahm eine der Tassen wieder mit und schlich sich zu Nagi in sein Zimmer.

Der Kleine schreckte bei Omis Eintreten hoch. „Schu? Wenn du’s bist Brad, dann hau’ ab.“ Dann rieb er sich die Augen und schaute noch ein zweites Mal hin. „Ach du!“ lächelte er, doch es lag unterdrückte Enttäuschung in der Stimme. „Es war kein Traum oder? Schuldig wird sterben…“ sprach er leise, mit todtraurigem Blick.

Omi zuckte zusammen, doch dann fasste er sich wieder. „Papperlapapp… er wird nicht sterben… wie kommst du nur auf so was…?“

„Ich hab’s doch gehört“, jaulte Nagi leise. „Der Arzt hat’s gesagt… Ich will nicht, dass er stirbt…“ Der Kleine weinte bittere Tränen. „Er darf nicht sterben. Er ist doch wie ein Bruder…“

„Schhh…“ Omi setzte sich zu Nagi aufs Bett und nahm den Jüngeren in den Arm. „Niemand hat gesagt, dass er sterben wird… es geht ihm nur nicht so toll… aber er hat doch was, wofür es sich zu kämpfen lohnt und Schuldig ist doch nicht der Typ, der so schnell aufgibt…“

Nagi schniefte, schien aber zumindest ein wenig Trost in Omis Worten zu finden. „Weißt du“, sagte er entschlossen, fast grimmig, „ich hab’ das alles nicht durchgemacht, damit dieser Sack mich JETZT alleine lässt.“

„Sack…?!“ Omi legte den Kopf schief und sah Nagi blinzelnd an.

Nagi grinste schief. „Na das ist doch das Mindeste, dass er dafür verdient hat, dass er seine Verletzung so verschleppt hat.“

Omi strich Nagi durch die Haare. „Wer weiß… vielleicht hat er’s einfach nicht gemerkt… er scheint Schmerzen gewohnt zu sein. Da ist ihm das gar nicht mal so aufgefallen…“

„Er ist nicht Farf“, sagte Nagi ernst. „Ich bin Schmerzen auch gewohnt, aber SO WAS wäre mir aufgefallen. Ich weiß, wenn ich ernsthaft verletzt bin.“ Er war immer leiser und bedrückter geworden, deutlich war an seinem Blick zu erkennen, dass er an Dinge dachte, die er lieber vergessen hätte.

Omi hielt den Kleinen weiter im Arm. „Willst du heute noch mal ins Krankenhaus fahren?“

„Ja.“ Nagi nickte voller Eifer. „Ich hab’ ihm einiges zu sagen.“ Wieder dieses traurige, aber doch hoffnungsvolle Grinsen.

„Okay…“ Omi grinste ebenfalls und drückte Nagi dann die Tasse mit der nicht mehr ganz so heißen Schokolade in die Hand.

Nagi nahm sie dankbar an und achtete nicht auf die Haut an der Oberfläche als er trank. „Omi?“ fragte er hoffnungsvoll.

„Hmm…?“ Der dunkelblonde Junge hatte über Nagis Kopf hinweg eins seiner alten Poster studiert und überlegte gerade, was er anstelle eines doch recht kitschigen Pokémonposters an die Wand knallen konnte.

„Du hast gesagt, ich könne deinen Computer benutzen“, quietschte der Kleine schüchtern, aber keck. „Ich… wenn ich darf… ich würde gern etwas Lustiges machen… Schu würde das auch wollen… Darf ich mit deinem Computer spielen?“ Große hoffnungsvolle Augen, noch eher die eines Kindes, als die eines werdenden Mannes, blickten Omi an.

„Ja sicher… willst du’s Passwort selber knacken oder soll ich’s sagen…?“

„Hmm.“ Nagi kratzte sich am Kinn und grinste leicht. „Wann hast du es das letzte Mal geändert?“ fragte er scheinheilig.

„Ist schon länger her…“ murmelte Omi gedankenverloren vor sich her. Nagi würde ja eh keine fünf Minuten brauchen. „Ich geh mal gucken, wie weit Yoji-kun inzwischen mit dem Kartoffelnschälen ist…“

„Okay.“ Nagi hüpfte vom Bett und stürmte förmlich zum Computer. „Und übrigens, Omi…“ rief er noch, „… Truth ist kein sehr einfallsreiches Passwort für dich.“



Yoji fühlte sich inzwischen als Sieger des Kampfes mit den Kartoffeln, doch es war ein schwerer Sieg. Sie hatten sich hart gewehrt und er hatte die Schalen doch recht großzügig entfernt.

Omi knickte noch auf der Treppe zusammen. „Hai, hai…“ grummelte er still vor sich hin. Seine Stimmung wurde nicht besser als er sah wie sehr Yoji geschändet hatte. „Yoji-kun…“ kam es auch schon gleich prompt gemeckert. „Die nächsten Kartoffeln kaufst du selber…“

Yoji murrte. „Was sollte ich denn machen?“ fragte er genervt. „Ich hab’ mein Bestes gegeben.“

„Okay, dann werden die sicher auch besser schmecken als sonst…“ Omi klopfte dem Ältesten beruhigend auf die Schulter. „Du wirst es irgendwann auch noch lernen, Alter…“

„Ich brauch’ das nicht zu lernen. Ich will das eigentlich auch gar nicht können“, maulte Yoji mißmutig. „Warum sollte ich auch?“

„Damit du mal ein guter Hausmann wirst…“ Weiter wollte Omi nicht drauf eingehen, sondern machte sich daran, etwas einigermaßen Gesundes zu kochen.

Kurz nach zwölf duftete es dann herrlich aus der Küche und Omi stapfte die Treppen hoch zu seinem Zimmer. Leise trat er ein und guckte dann über Nagis Schulter. „Essen ist fertig… wenn du dich also von hier losreißen kannst…“

„Okay…“ antwortete Nagi. „Ich speichere’ nur noch kurz ab. So fertig. Mann, hab’ ich einen Hunger.“ Und der Jüngere trapste fröhlich Richtung Küche.

„Sag Yoji-kun, er soll dir ne Extraportion drauf knallen…“ rief ihm Omi hinterher, ehe er sich an den etwas schwereren Gang zu Ayas Zimmer machte und dort ins Halbdunkel schlüpfte.

Aya war gerade wieder in einer der ohnmächtigen Phasen und hing völlig erschöpft und von Leid gezeichnet in Kens Arm. Selbst jetzt wimmerte er noch leise.

Omi erschrak nicht nur deswegen, sondern auch wegen Kens Blick, der dem von Aya schon recht ähnlich war. „Ken-kun…“ hauchte der Jüngste leise, worauf ihn der Angesprochene aus trübe schimmernden Augen ansah.

„Omi… ich werd ihn, glaub ich, besser ins Krankenhaus bringen… ich hab Angst…“ Vorsichtig strich er Aya ein paar widerspenstige Strähnen aus dem Gesicht.

„Nicht ins Krankenhaus“, wimmerte Aya leise, der diese letzten Worte von Ken doch anscheinend wahrgenommen hatte. „Ich will da nicht hin. Da komme ich nicht wieder weg.“ Er zitterte in den Armen des jungen Torwarts.

„Schhh… aber Aya… dir geht’s nicht gut… und ich weiß nicht, wie ich dir noch helfen kann… du hast doch Schmerzen. Im Krankenhaus können sie dir bestimmt helfen…“

Aya weinte und schüttelte kurz aber heftig den Kopf. „Nein, nein, nein…“ flehte er wie ein Kind vor dem Arztbesuch. „Ich…“ dann sackte er endgültig in Kens Armen zusammen, sein ganzer Körper erschlaffte.


Kapitel 10

Panisch sah Ken zu Omi, aber der nickte nur nach draußen. Auch wenn sie gegen Ayas Willen handelten, Ken hob den reglosen Körper in seinen Armen hoch und Omi öffnete ihm die Tür. Dann spurtete der Klein nach unten in die Küche und trat hinter Yoji, um ihm ins Ohr zu flüstern. „Ken und ich bringen Aya ins Krankenhaus. Kommst du dann bitte mit Nagi nach, wenn er fertig gegessen hat und sein Zeugs am PC erledigt hat? Er würde gern Schuldig besuchen…“

Yoji nickte und versuchte ein neutrales Gesicht zu machen.

Nagi guckte die Beiden aus großen Augen an. „Was ist?“

„Nix.“ Yoji bemühte sich um einen gleichgültigen Tonfall. „Die Beiden müssen noch kurz weg. Du kannst aber in Ruhe essen, ich bring’ dich dann später zur Klinik. Und jetzt Abmarsch, Omi.“ Yoji winkte leicht unwirsch in Omis Richtung.

Der streckte ihm zum Schein frech die Zunge raus und winkte Nagi dann munter zu, ehe er zu Ken raus ins den Wagen flitzte. Umgehend fuhren sie mit Aya ins Krankenhaus und Omi schnappte sich den erst besten Arzt, der einigermaßen fähig aussah und zerrte ihn zu Ken, der Aya auf dem Arm hatte. „Da… Fujimiya Aya… ist noch in ihrer Behandlung, aber leider gestern abgehauen… wir wissen nicht mehr was tun… bitte helfen sie ihm…“ War Omis Stimme erst noch harsch gewesen, so klang das Satzende nur noch flehend.

Sofort wurde eine Liege geholt und Aya auf selbige verfrachtet. Dann hieß man Omi und Ken hier zu warten und schob Aya davon.

„Oh nein… oh nein…“ Ken schien nahe am Durchdrehen und überrannte Omi beinahe bei seinem ständigen Auf- und Abgelaufe. Omi wurde es schließlich zu bunt und er zitierte Ken auf einen der Plastikstühle, wo er warten sollte. Dann dampfte der Kleine ab, um sich zu informieren. Er fand dann auch eine nette Krankenschwester, der er zu vermitteln versuchte, warum er so dringend wissen musste, was mit Aya war.

Sie lächelte mitfühlend und bedeutete ihm kurz zu warten. Nach einiger Zeit kam sie zurück. „Eigentlich darf ich Ihnen das noch gar nicht sagen, also bitte bewahren Sie Stillschweigen, in Ordnung?“

Omi nickte, guckte kurz über die Schulter zu Ken und trat dann dichter an die Schwester heran.

Sie sprach leise und schnell. „Er ist völlig entkräftet und hat wohl auch einen toxisch-allergischen Rückfall. Außerdem scheint er psychisch sehr labil, er scheint gar nicht leben zu wollen. Sein Außenhandknochen ist gebrochen und er hat eine verschleppte Gehirnerschütterung mit Verdacht auf Schädeltrauma und Einblutungen in die Hirnschale. Genaues können wir noch nicht sagen, er ist erst mal kurzweilig stabilisiert worden und ist gerade im Tomographen.“

Die blauen Augen Bombays weiteten sich. „Was? Aber… wieso… woher? Schädeltrauma…?“ Augenblicklich wurde er wieder ruhig, als er sich an Ken erinnerte. Schließlich nickte er nur stumm. „Vielen dank, Schwester…“ Damit ging er zu Ken zurück und setzte sich neben ihn. „Alles klar… war gut, dass wir ihn her gebracht haben… er sei völlig entkräftet und der Dummkopf hat sich irgendwie die Hand angeknackst…“ Das er Ken damit nicht gerade sonderlich beruhigen konnte war klar, aber mit der blanken Wahrheit hätte er ihn wohl nur geschockt.

Nach einer recht langen Wartezeit tauchten fast gleichzeitig Yoji und Nagi von der einen und ein Arzt von der anderen Seite auf, die allesamt auf Omi und Ken zuhielten.

Die beiden guckten links, die beiden guckten rechts. Dann streckte Omi seine Hand nach Nagi aus und strubbelte ihm durch die Haare, ehe er sich, wie Ken, dem Arzt zuwandte.

Der Arzt machte die typisch stolze distanzierte Medizinermiene. „Ihrem Freund geht es den Umständen entsprecht gut. Ich denke, mit etwas Glück, dürfte er es unbeschadet überleben, aber sicher kann man da nicht sein.“

Nagis Augen weiteten sich zusehends, leise fragte er Omi: „Von wem spricht er jetzt gerade?“

Aber der Blonde zuckte auch nur mit den Schultern und sah den Arzt weiter gespannt an.

„Haben Sie noch weitere Fragen?“ fragte dieser leicht blasiert. „Er hat einen toxi-allergischen Schock, akute Nährstoffunterversorgung und ein Hämatom an der Außenhirnrinde, was ihm kontrollierte flüssige Bewegungen in den letzten Tagen recht schwer gemacht und Schwindel und Erbrechen verursacht haben dürfte. Anscheinend ist er mit dem Hinterkopf auf einen harten Gegenstand geprallt. Des Weiteren ein Trauma im rechten Außenhandknochen und akuter Flüssigkeitsmangel… das dürfte das Wichtigste gewesen sein“, endete der Arzt, ohne Gefühlsregung, seine Aufzählung, als wäre es eine Einkaufsliste.

Ken knirschte mit den Zähnen. „Können wir zu ihm…?“ brachte er schließlich zwischen zusammen gebissenen Zähnen heraus.

„Das dürfte den Aufwand der Sterilisation nicht wert sein“, meinte der Arzt trocken. „Er ist ohnehin ohne Bewusstsein. Und das wird wohl auch noch so bleiben. Und jetzt entschuldigen Sie mich, ich habe noch weitere Patienten.“ Der Arzt ließ die entgeisterten jungen Männer einfach stehen.

Omi hielt Ken gerade noch mal so davon ab an die Decke zu gehen. Dann sah er zu Yoji und Nagi und meinte, sie sollten Schuldig doch schon mal besuchen.

Nagi nickte stumm und machte sich auf den Weg, doch Yoji blieb noch einen Moment lang unschlüssig stehen. „Verdammt, was tun wir jetzt?“ fragte er traurig.

„Abwarten und Tee trinken…“ kam es stoisch von Omi. „Was anderes können wir nicht tun… na ja, wir… damit es Aya besser geht, müsste es wohl erst Schuldig besser gehen…“

Yoji nickte und trabte dann mit hängendem Kopf hinter Nagi her.

Schuldig lag zwar auf der Intensiv, konnte aber ohne weiteres Besuch empfangen, da sein Zustand sich bereits positiv verbessert hatte und man zufrieden über seine Fortschritte war. Zwar beließ man ihn noch an der Beatmungsmaschine, aber sein Gesicht hatte immerhin wieder etwas Farbe bekommen und war nicht mehr leichenblass.

Nagi ergriff Schuldigs Hand und tätschelte sie sanft. „He, Sack“, sagte er liebevoll und leise, „du kannst jetzt nicht einfach sterben. Das wäre obermies. Ich hab’ mir im wahrsten Sinne des Wortes den Arsch für dich aufgerissen, also sieh’ zu, dass du bei mir bleibst.“

Doch das einzige was Nagi antwortete, waren die vielen Apparate, die um das Bett herum aufgestellt waren und regelmäßig vor sich hin piepten.

Etwas anderes hatten auch weder Nagi noch Yoji, der schweigend mit verschränkten Armen neben der Tür stand, erwartet. Nagi ließ sich dadurch jedoch nicht entmutigen, sanft redete er weiter auf Schuldig ein, erzählte ihm schließlich auch von Aya. „… es geht ihm gar nicht gut, und das ist deine Schuld, du Matschbirne. Er hat sich so aufgeregt, dass er jetzt auch wieder hier ist. Also wenn dir was an uns, an irgendeinem deiner Freunde liegt, wenn dir etwas an ihm liegt, dann lass dich nicht hängen.“ Nagi seufzte leise. Dann drückte etwas ganz leicht gegen seine Hand.

--- Nagi?… --- Schuldigs Bewusstsein drang langsam an die Oberfläche, vermochte aber die Barriere des künstlichen Komas nicht zu durchbrechen. Aber er konnte die Stimme des Kleinen hören und versuchte irgendwie zu reagieren. Er wollte nach ihm greifen, aber sein Körper reagierte nicht. Auch seine mentalen Fähigkeiten schienen eingeschränkt zu sein. --- Nagi? Hilf mir… ich will hier raus… Nagi?! Ich… ich hab Angst… --- Schuldig begann mit einem mal Probleme mit dem Atmen zu bekommen, als er versuchte, gegen die Maschine zu atmen.

Was auch immer für eine Art Beatmungsmaschine es war, die Schuldig da nervte, Nagi befreite ihn effektiv von selbiger, um ihm das selbstständige Atmen zu ermöglichen.

Sofort nahm der junge Deutsche einen tiefen Atemzug, auch wenn das nicht ganz schmerzfrei zu gehen schien, denn seine Augenbrauen zogen sich leicht zusammen.

„Nicht so hastig…“ beruhigte Nagi ihn.

Noch hielt Schuldig etwas gefangen, aber er kämpfte bereits und seine Hand drückte nun spürbar kräftiger Nagis.

Nagi suchte den richtigen der Tröpfe, der wohl das künstliche Koma halten sollte und klemmte ihn ab, nicht ohne Sorge, Schuldig damit erst recht zu schaden, doch dessen Wunsch war ihm wichtiger.

Der Griff um Nagis Hand lockerte sich dann plötzlich mit einem mal und die Hand lag reglos in der seinen.

Nagi fiepte. „Schu… Schu… bitte…“ flehte er. „Ich klemm’s wieder ran und ich sorg’ dafür, dass es dran bleibt, egal was du willst, wenn du jetzt nicht sofort wieder reagierst.“

Aber Nagi hatte eigentlich genau den Richtigen erwischt, nur dass Schuldig dadurch geradewegs in einen traumlosen Schlaf gefallen war. Zumindest seine Atmung ging ruhig und regelmäßig. Aber Nagis Gewimmer ließ den Jungen schließlich doch langsam wach werden. Verschlafen begann er zu blinzeln, hatte Mühe, überhaupt etwas außer Schatten zu erkennen.

Nagi war in der Zwischenzeit wirklich schon kurz davor, den Tropf wieder laufen zu lassen, als Yoji ihn im letzten Moment davon abhielt, da er Schuldigs Bewegung wahrgenommen hatte.

„Nagi, lass es“, fiel er den Kleinen sanft in den Arm. „Er wacht auf.“

Sofort war Nagi an Schuldigs Seite.

Schließlich hob sich sogar Schuldigs Hand etwas und er tapste damit ziemlich wirr ins Nichts.

Nagi griff nach der Hand und drückte ein paar Tränen der Erleichterung ab. „Schu…“ flüsterte er.

„Na… Nagi…“ kam es krächzend aus Schuldigs Mund. Dessen Hals fühlte sich an, als ob er Sandpapier geschluckt hätte.

„Ich bin hier“, bestätigte dieser leise. „Sprich nicht soviel, wenn es dir wehtut.“

„Was ist…“ Aha, Flüstern ging also besser. Zum Gedankenaustausch fühlte sich Schuldig einfach noch nicht in der Lage. „… passiert?“

Nagi sprach sanft, aber mit leichtem Tadel. „Du hast dir mit deinen Rippen die Lunge verletzt. Ich hab’ nicht alles mitbekommen, was der Arzt sagte, aber sie haben deine Chancen nicht sehr hoch angesetzt. Deshalb haben sie dich auch zur Regeneration in ein künstliches Koma versetzt.“

„Sehr wirksam…“ Schuldigs Sarkasmus erwachte schon wieder, wie auch der Rest seiner Sinne und nun erkannte er Nagi endlich richtig und auch Yoji in der Ecke, dem er einen kurzen, recht verwirrten Blick zusandte.

„Was ist, du deutsche Knackwurst?“ fragte Yoji leicht unwirsch.

Schuldig zuckte zusammen. ‚Oh nein, war das nur alles ein Traum? Hasst Weiß Schwarz immer noch?’

Nagi drückte Schuldigs Hand. „Ganz ruhig. Was ist los?“

Schuldigs Blick haftete sich auf Yoji, dann aber begannen seine Gedanken schon zu wandern und gleich darauf sah er Nagi unsicher an. „Was ist mit Aya?“

Nagi zögerte kurz, überwand sich dann. „Er ist auch hier. Die Aufregung war etwas viel für ihn.“ Er lächelte unsicher, weil er wusste, dass er Schuldig die Wahrheit nicht würde verbergen können.

„Aufregung? Was für Aufregung…?“ Schuldig tat schon die ersten Anstallten das Bett verlassen zu wollen, in dem er die Decke zurück schlug. Etwas pikiert starrte er auf das ach so modische Krankenhaushemd.

Nagi fiepte. „Nein, du bleibst liegen. Dafür hab’ ich dich nicht geweckt.“ Er machte sich bereit, Schuldig notfalls mit Telekinese im Bett zu halten.

Jetzt mischte sich auch Yoji ein, jedoch ohne sich von der Wand wegzubewegen. „Lass es!“ sagte er ruhig, aber mit einem befehlenden Unterton. „DAS hilft Aya auch nicht.“

„Ich will zu ihm!“, trotze Schuldig und schon versuchte er in Yojis Unterbewusstsein herum zu werkeln, auf das dieser ihm helfen möge.

Doch dort fand er, noch bevor er den „Schalter“ umlegen konnte, erst mal die Wahrheit über seinen eigenen Zustand, den von Aya und wie es dazu gekommen war. Des Weiteren war Yoji überfüllt von Hilflosigkeit und nur krampfhafte aufrecht erhaltener Selbstbeherrschung. Und nur das Gefühl, den anderen Stärke und Trost geben zu müssen, hielte ihn noch vom Durchdrehen ab. Es war nicht sicher, was Schuldig eventuell mit Manipulation anrichten würde.

Aber der Deutsche war mit einem mal so verunsichert und verwirrt, dass er alle Aktionen abbrach und den Blonden nur aus großen Augen ansah. Antwortsuchend sah er zu Nagi. „Was ist passiert?“ fragte er ihn ein weiteres Mal, doch diesmal in einem Ton, der vermerken ließ, dass er bereits etwas mehr wusste, als gut war.

Nagi blickte Schuldig traurig an. „Er ist rumgelaufen, hat getobt… na ja… immerhin mussten wir ihm sagen, dass du im Koma liegst, da ist wohl irgendwas ausgeklinkt.“

„Aber… aber…“ Langsam rutschte Schuldig nun doch wie nebenbei aus dem Bett, pfiff dabei auf den kalten Boden unter seinen nackten Füssen. Lediglich, dass das Krankenhaushemd hinten offen war, nervte ihn tierisch und er sah sich nach irgendetwas um, was seine Blöße verdeckte.

Als Nagi jedoch bemerkte, dass Schuldig immer noch die Absicht hatte zu gehen, rückte er ihn mittels seiner geistigen Kraft langsam und sanft, aber stetig zurück in die liegende Position und hielt ihn fest. „Du wirst hier BLEIBEN, hab’ ich gesagt“, monierte er leise und traurig. „Ich kann dich nicht gehen lassen. Bitte, Schu, sei vernünftig!“

„Aber ich muss ihn sehen? Wenn… wenn er meinetwegen so übel dran ist, muss ich ihm doch zeigen, dass es mir wieder gut geht… oder?“ Damit sah er Yoji erwartungsvoll an.

„Sprechen wir mit den Ärzten“, knurrte dieser resigniert. „Vielleicht kann man die beiden zusammenlegen.“

Nagi nickte, ließ Schuldig jedoch nicht los.

Aber der war schon zufrieden mit diesem Vorschlag und strahlte Yoji gerade zu an. „Danke…“ Dann zog er die Decke wieder über sich und winkte Nagi näher heran. „Kannst du mir mal was Anständiges zum Anziehen besorgen? Shirt und ne Boxershorts reichen schon, aber so fühl ich mich irgendwie… nackt…“

„Mach’ ich, sobald Yoji wieder da ist“, quietschte der Kleine fröhlich.

Yoji trabte inzwischen zum Stationsarzt, um ihm die Lage zu schildern und sich die Anmache wegen Schuldigs eigenmächtiger Wiederbelebung zu holen.

Die folgte zwar kurz, wich dann aber Erstaunen und endete darin, dass ein halbes Duzend Mediziner bei Schuldig im Zimmer standen und der nur noch die Decke über den Kopf zog.

--- Das wirst du mir büßen Yoji… ---

Yoji grinste äußerlich und lachte innerlich. --- Ach, Schu… wo liegt dein Problem? Du bist doch sonst nicht schüchtern. ---

--- Ich hasse Ärzte…!! --- zischte es in Yojis Gedanken, dann verstumme Schuldig und ließ einfach alles über sich ergehen, Hauptsache er wusste recht schnell, wie es um Aya stand.



Nach der recht eingehenden Untersuchung wurde Schuldigs Wunsch auch tatsächlich nachgekommen und auf Ayas Zimmer verlegt, schließlich wollte man ja den „Wunderpatienten“ nicht verärgern und damit vielleicht zur Selbstgefährdung bringen. Allerdings wurde er in den nicht sterilen Teil des Raumes verlegt, so dass er Aya nur durch eine Glasscheibe in der Schleuse, die sie trennte, beobachten konnte.

Aya war noch blasser als sonst, fast hätte man ihn als bereits durchscheinend bezeichnen können und die Armada an medizinischen Apparaten um ihn herum, toppte die Schuldigs noch bei weitem.

Schuldig klebte, kaum dass er im Zimmer war, auch schon an der Glasscheibe wie eine Fliege und hagelte mit Fragen auf die Ärzte ein. „Was ist mit ihm? Wie geht es ihm? Wie lange muss er noch da drin liegen? Was sind das für seltsame Maschinen? Warum hat er eine Kanüle im Hals?“

Seine Fragen wurden ihm beantwortet und so war Schuldig schließlich informartionsmäßig auf dem selben Stand wie die anderen und wusste noch zusätzlich, dass man erst mal versuchen wollte, die Abwehr wieder zu stärken und den Bluterguss abklingen zu lassen, da eine OP zum jetzigen Zeitpunkt zu viele Risiken mit sich gebracht hätte.

„Kann ich denn gar nichts für ihn tun?“ kam schließlich Schuldigs letzte, leise Frage, ohne auch nur im Geringsten an seinen eigenen, auch nicht unbedingt rosigen Zustand zu denken.

„Nein“, klärte ihn ein junger Arzt mitfühlend auf. „Wir können nur hoffen und warten. Aber bitte schonen Sie sich. Ein Rückfall ihrerseits hilft ihrem Freund auch nicht, eher im Gegenteil.“

„Na, aber vielleicht sollte er erst mal wissen, dass ich wieder wach bin und…“ --- Aya… komm schon Junge, sprich mit mir! ---

Aya zeigte keine Reaktion. Erst als Schuldig schon fast aufgab, kam ein leises, tonloses --- Schu? --- aus dem hintersten Winkel.

--- Hai… hey Kleiner, was machst du nur für Sachen… --- Wieder drückte Schuldig seine Nase an der Scheibe platt, das Bett, in dem er eigentlich hätte liegen sollen, schien er gar nicht beachten zu wollen.

--- Bist du… sind wir… tot…? ---

--- Nein! Nein… nur im Krankenhaus… alles in Ordnung. Das wird schon wieder… du musst nur stark sein und durchhalten… ne Kätzchen, dass schaffst du schon… --- Das er gerade sehr beschäftigt war, merkte man auf den ersten Blick nicht und so wirkte Schuldig im ersten Moment auf die Ärzte mehr oder weniger apathisch.

Deshalb versuchte der junge AIP natürlich auch wiederholt, Schuldig zurück ins Bett zu lotsen oder ihn mit beruhigenden Worten zumindest aus seiner „Apathie“ zu lösen.

Schuldig aber wedelte den Arzt nur weg wie eine lästige Fliege. Er stand in der Tat kurz davor die Trennung zu missachten und zu Aya ins Zimmer zu wanken.

--- Ich… ich… habe Angst… ich dachte, du würdest sterben. --- Gerade geistig konnte Schuldig den ganzen Schmerz in Ayas Gedanken hören, da sie nicht durch die Unzulänglichkeiten der menschlichen Stimme verzerrt wurden. Verdammt, und WIE Aya litt.

--- Oh Kätzchen, es tut mir so leid… aber ich würde doch jetzt nie abkratzen… dafür hast du mir viel zu viel geschenkt… ---

Es langte, Schuldig wollte zu Aya ins Zimmer und auch wenn er es nicht absichtlich tat, so teleportierte er sich doch genau neben Ayas Bett und erfasste dessen Hand im nächsten Moment. Vorsichtig fuhr er über den dicken Verband. „Was hast du dummes, dummes Kätzchen nur durchlitten meinetwegen?!“

Die Ärzte guckten natürlich blöd, als Schuldig auf einmal verschwand und neben Ayas Bett auftauchte. Dann jedoch kam einer von ihnen wieder zu Sinnen. „Sind Sie verrückt?“ brüllte er durch die Gegensprechanlage. „Sie kontaminieren das ganze Zimmer. Wenn er sich jetzt noch irgendwelche Bakterien einfängt, wird sein Immunsystem wahrscheinlich kollabieren… dann stirbt er!“

Aya jedoch blieb von der Panik unberührt. --- Ich… ich kann mich nicht bewegen! Bitte stirb nicht… lass es keinen Traum sein. --- Eine einzelne Träne lief seine Wange hinunter zu seinem Ohr.

Vorsichtig strich Schuldig ihm weitere Tränen weg, ignorierte das Gezeter der Ärzte. --- Ich bleibe… aber du musst auch wieder kommen… ich helf dir auch… komm schon Kätzchen… zeig mir deine Krallen…!!! --- Er hielt Ayas Hand in der seinen und wartete gebannt darauf, dass dieser sie auch nur ein klein wenig umfasste.

--- Ich kann nicht… kann meinen Körper nicht kontrollieren --- dachte Aya verzweifelt.

--- Doch du kannst es… --- Schuldig versuchte ihm zu helfen, auch wenn seine eigenen Knie langsam anfingen nach zu geben. --- Denk gar nicht zu viel nach… tu’s einfach… lass die Krallen raus, Tiger, komm schon… --- Schuldigs Gedanken bekamen einen flehenden Unterton.

Die Hand bewegte sich keinen Millimeter, aber mit viel Anstrengung, die Schuldig deutlich mitbekam, gelang es Aya die Augen zu öffnen, wenn auch nur für einen Moment.

„Aya…“ Schuldig klang nun wahrlich verzweifelt. „Wir… wir schaffen das schon irgendwie… wir dürfen… nur nicht stressen…“ Sanft strich er ihm die Ponyfransen aus dem Gesicht. „Ich werd bei dir bleiben… egal… was… passiert…“ In dem Moment sackten seine Knie ein, aber er dachte nicht im Traum daran, Ayas Hand los zu lassen.


Kapitel 11

Währenddessen hatte auf dem Flur ein Junge das Gefühl, dringend gebraucht zu werden. Ohne die Ärzte und die Vorschriften zu beachten, stürmte Nagi zu Aya und Schuldig, was auch Yoji verblüfft betrachtete.

Schuldigs Mundwinkel zogen sich nach oben. „Hi Kleiner…“ brachte er schwach hervor.

„Was tust du hier?“ quiekte der Kleine entsetzt und hievte Schuldig zumindest einen Stuhl unter den Po. „Hast du mich gerufen oder so? Ich hatte so’n komisches Gefühl…“

„Nicht direkt… aber wo du schon mal da bist… leihst du mir mal deine Kräfte…?“ Schuldig sah aus, als würde er Nagi um das normalste der Welt bitten.

„Okay. Wofür?“

Mit einem schwachen Kopfnicken deutete Schuldig auf Aya. „Irgendwas ist in seinem Kopf kaputt, ich kann’s sehen, aber nichts dagegen tun…“

„Und was genau willst du nun von mir?“

„Verbind dich mit mir, dann verfüge ich über deine Fähigkeiten und kann auch was regeln da drin…“

„Immer gern, aber NICHT jetzt. Du bist zu schwach. Du machst jetzt gar nichts, außer dich wieder hinzulegen.“

Beinahe erschrocken sah Schuldig Nagi an. So herrisch kannte er den Kleinen ja gar nicht und er schluckte leer.

Nagi war in der Tat auf 180. Was dachte sich der Kerl eigentlich? Am liebsten hätte er Schuldig angebrüllt und ans Bett fesseln lassen. Doch er riss sich zusammen. „Geh’ wieder ins Bett“, sagte er sanft.

Ein kurzer Blick auf Aya, aber dann spürte Schuldig auch schon wieder Nagis stechenden Blick im Rücken und so erhob er sich dann doch vorsichtig und versuchte zurück zum Bett zu gelangen. Irgendwie war ihm der Weg vorhin wesentlich kürzer erschienen. Erschöpft hielt er sich am Türrahmen fest.

Nagi runzelte besorgt die Stirn. „Geht es? Soll ich dir helfen?“

„Wie denn?“ kam es von Schuldig genuschelt, ehe er sich von der Wand abdrückte und auf das Bett zu wankte. ‚Och du liebes, nettes Bett, sei einfach lieb und hör auf hin und her zu schaukeln, damit ich auch schön auf dich drauf fallen kann…’

Nagi hielt sich nicht mit weiteren Erklärungen auf, sondern levitierte Schuldig einfach wieder ins Bett. „So“, sagte er, während er die Decke über den Deutschen schlug.

In der Zwischenzeit machte die Nachricht von Schuldigs Teleportation die Runde und so versammelte sich flugs aufs Neue eine Traube Menschen vor dem Bett. Das ganze Hospital schien ihn sehen zu wollen.

Also verzog sich dieser unter die Decke und nuschelte nur was von ‘nervigen und blöden Normalsterblichen’.

Yoji hielt inzwischen Ausschau nach den beiden verbliebenen Mitgliedern von Weiß. Wo steckten sie bloß? Er lief suchend durch die Gänge, klapperte dabei besonders alle Süßigkeitenautomaten und sonstigen „kengefälligen“ Plätze ab.

Wie nicht anders erwartet, fand er die zwei Teenies dann im Cafe und während Omi sich mit einem Eistee zufrieden gab, kaute Ken bestimmt schon am dritten Schokoriegel herum, um seine flatterigen Nerven zu beruhigen.

„Na, Ihr?“ fragte Yoji grinsend. „Habt Ihr’s schon gehört? Schuldig hat sich vor den Augen der Ärzte zu Aya rein teleportiert.“

„Er hat WAS?“ Omi gab den Eistee prustend wieder von sich, aber Ken hatte gerade noch rechtzeitig eine Zeitung hoch gehoben, um sich vor der Fontaine zu schützen.

„Das ganze Krankenhaus ist in Aufruhr. Alle wollen ihn begucken. Deshalb hab’ ich mich auch verzogen, bevor sie mich niedergetrampelt haben.“ Yoji setzte sich Schultern zuckend zu Ken und Omi.

Ken schob ihm wortlos einen Riegel zu. Omi grinste nur. „Also wenn ich’s nicht besser wissen würde, würde ich sagen, da is Hasch in den Riegeln…“

Yoji guckte erst Ken, dann Omi an. „Weil er so ruhig ist?“ meinte er mit Fingerzeig auf Ken.

Omi nickte und Ken guckte doof aus der Wäsche. „Was ist?“

Yoji wandte sich wieder dem Fußballer zu. „Sag’ mal, kriegst du überhaupt mit, was wir hier so reden?“ meinte er und wedelte mit der Hand vor Kens Nase.

„Ähm, ja sicher… wieso?“

„Ach nur so“, grinste Yoji und schaute die Beiden erwartungsvoll an. „Und was machen wir JETZT? Warten wir, bis sich der Trubel verzogen hat und gehen dann gucken?“

„Wir können uns auch durchzwängen“, meinte Omi. Ken schenkte ihm dafür nen Schokoriegel. „Ja sicher… und uns mit Fragen löchern lassen… guter Junge…“

Omi knurrte nur noch, als Ken dessen Köpfchen tätschelte. „Ach was soll’s… auf in den Kampf… wir sind immerhin Weiß… Schrecken der Nacht, bla, bla, bla…“

Yoji lachte leise, ob dieser niedlichen Szene und stand auf. Gemeinsam trabten sie zurück zu dem Zimmer, das inzwischen von Schaulustigen wimmelte.

Ken wühlte sich in der Tat einen Weg hindurch zu Schuldigs Bett. „Hey Schuschu, was kostet denn ein Autogramm bei dir…?“

„Halt’s Maul, Hidaka…!“ quäkte es unter der Decke hervor.

Nagi wurde es inzwischen zu bunt. Auch wenn er es dadurch wahrscheinlich noch schlimmer machen würde, zog er nun eine Barriere, die alle außer Weiß und ihnen beiden ausschloss und drängte die Menge aus dem Zimmer. „Es ist genug!“ Seine Stimme klang halb befehlend, halb flehend.

Völlig erschlagen entspannte sich nun auch Schuldig wieder und röchelte leise vor sich her. Ken hatte zwar die meiste Zeit zu Aya hinüber geguckt, sah nun aber besorgt auf den Deutschen herab. „Hey Schu, alles in Ordnung…?“

Nagi schloss die Zimmertür ab und blickte nun ebenfalls zu Schuldig.

Omi hatte sich über Schuldig gebeugt und stellte nun seine Diagnose. „Völlig erledigt, was haben die denn mit ihm gemacht?!“

Nagi zuckte hilflos die Schultern. „Alle haben sie ihn mit Fragen und neugierigen Blicken bedrängt, wie’n Tier im Zoo. DAS ist, was wir immer fürchten. Deshalb versuchen wir, unsere Fähigkeiten geheim zu halten.“

„Und warum hat er nicht…?“ Ken tippte gegen Schuldigs Schulter, aber der jammerte nur leise auf und zog die Decke höher.

Nagi funkelte Ken wütend an. „Lass das! Du tust ihm weh!“ knurrte er. „Was weiß ich? Als ich kam, brach er gerade neben Ayas Bett zusammen.“

Yoji guckte auf die offene Schleuse. „Na da ist wohl nicht mehr viel mit steril.“ Dann schaute er Ken auffordernd an. „Warum nutzt du deine Chance nicht?“

„M-meinst du…?“ Ken guckte vorsichtig durch die Schleuse, ein Schups von Omi beförderte ihn dann hinein. Zögernd trat er zu Aya ans Bett. Allein dessen Anblick tat ihm körperlich weh.

Yoji atmete erleichtert auf. Ken war für’s Erste von Schuldig abgelenkt. Das lief alles so beschissen! Unschlüssig guckte er Omi und Nagi an.

Nagi beachtete ihn jedoch schon nicht mehr, sondern kümmerte sich so gut er konnte um Schuldig.

Aya war unterdessen immer noch nicht Herr seiner Sinne, geschweige denn seines Körpers. Wild bäumte er sich gegen die inneren Barrieren, die ihn gefangen hielten, auf, doch jedes Aufbäumen schien ihn tiefer im Netz der Hilflosigkeit zu verstricken. --- ICH WILL HIER RAUS! --- wimmerte er.

--- Warum kann ich nicht klar denken… mich nicht bewegen? ---

Ken zog sich den Stuhl näher und setzte sich zu Aya ans Bett. Dann nahm er vorsichtig dessen Hand in die seine. „Hey Aya…“ begann er leise. „Hast uns allen ne ganz schöne Scheißangst eingejagt… aber wir sind dir nicht böse…“ Sanft strich er immer wieder über den blassen Handrücken.

--- Ken… Schuldig… verdammt… tasukete… tasukete… --- Wieder begann Aya zu weinen, der einzige Weg seine Anwesenheit überhaupt zu zeigen. --- Mir tut alles weh… verdammt… ich will endlich in eine Richtung… aber hier will ich nicht bleiben… leben oder sterben… im Moment scheint sterben mir leichter… ---

Kens Griff wurde minimal fester und er strich Aya die Tränen weg. „Schhhht… nicht weinen… wir kriegen das schon wieder hin… gib uns nur etwas Zeit… schschschhhhh…“

--- Ich kann aber nicht mehr warten… es ist so dunkel hier und EINSAM… Schuldig sagte schon ‘Einsamkeit ist das schlimmste’. Ich will nicht mehr einsam sein… es tut mir leid… Rettet mich jetzt oder erlöst mich! --- Über Ayas Lippen kam ein leises „Tasukete“ kaum zu verstehen und unter größter Qual hervor gebracht.

Ken schüttelte voller Hilflosigkeit den Kopf, beugte sich dann tief über ihn, um eventuelle weitere Worte verstehen zu können. „Komm schon, Aya… nicht aufgeben… das passt nicht zu dir… halt nur noch etwas durch…“ Eine einzelne Träne löste sich aus Kens Augenwinkel und fiel Aya genau auf die Lippen.

Auch die folgenden Worte waren mehr Lufthauch als Sprache. „Ikiteru mata wa shinu… seikatsu mata wa jiyu… Tasukete!“

„Leben…“ hauchte ihm Ken zur Antwort entgegen. „Du kannst uns nicht verlassen… du kannst MICH nicht verlassen… ich bitte dich…“ Ganz leicht nur berührten sich die Lippen der beiden jungen Männer, aber für Ken steckte all seine Hoffnung darin.

Nebenan bekam Schuldig beinahe jede Einzelheit des Gespräches mit. „Wir können nicht mehr länger warten…“ meinte er dann leise. „Nagi komm her! Hilf mir rüber ins andere Zimmer…“

Nagi umfasste sanft Schuldigs Schultern „Du kannst nicht…“ flehte er.

Aber Schuldig richtete sich dennoch auf. „Nagi… du tust mir weh… ich kann nicht mehr warten. Sonst ist es zu spät für ihn… sein Lebensfunke ist nur noch ein klitzekleines Fünkchen…“

„Verdammt… es reicht mir“, schrie Nagi. „Was nützt es ihm, wenn du dich bei dem Versuch, ihn zu retten, umbringst?“

Schuldig schüttelte nur den Kopf. „Nein, das werd ich nicht… mir fehlt doch nichts, außer ein paar kaputten Rippen, aber Aya… Aya… sein Kopf…“

„Du hast ‘ne Lungenembolie!“

„Ja, aber daran verreck ich nicht…“

„Deine Lebensgefahr ist ebenso groß wie seine. Nur dass du das Glück hast, im Moment bei Bewusstsein zu sein, aber wenn du nicht brav bist, lässt sich das ändern!“ Nagi zitterte, doch seine Stimme war fest. Er war nicht bereit, einfach so nachzugeben.

Schuldig holte das letzte Mittel hervor, um Nagi zu zeigen, wie ernst es ihm war. Omi biss sich nur auf die Unterlippen. „Oh nein, Schu… tu das nicht…“ Aber der konnte schon gar nichts mehr unternehmen, denn die Tränen flossen bereits über Schuldigs fahle Wangen.

Nagi brach bei diesem Anblick verzweifelt zusammen. „Okay“, schluchzte er, „wir tun es.“ Und er half Schuldig aus dem Bett. „Aber wenn das schief geht, stürzt du uns alle ins Unglück!“

Yoji schluckte, fasste sich dann ein Herz und trug Schuldig vorsichtig in Ayas Zimmer. „Ich hoffe, du weißt, was du tust“, murmelte er.

„Hai… verstanden…“ Schuldig nickte und lehnte sich dankbar an Yojis Schulter. Ken sah die vier verwirrt an.

„Was… was habt ihr vor?“

„Ich weiß es nicht“, seufzte Yoji. „Aber was auch immer der Deutsche will, es lässt sich partout nicht davon abbringen. Steh’ mal auf, damit ich Schuldig da absetzen kann.“

Nagi trottete geknickt, fast apathisch, hinter Schuldig her.

Ken ließ sich nicht zweimal bitten und machte Platz. Schuldig hielt sich dann auch mit geballter Willenskraft aufrecht auf dem Stuhl. Dann streckte er eine Hand nach Nagi aus. „Keine Sorge, Kleiner… ich werd mich gar nicht so anstrengen… ich lenk nur deine Kräfte in die richtigen Bahnen, um ihm zu helfen.“ Damit deutete er auf Aya, dessen Hand er bereits in der seinen hielt.

Nagi seufzte und umfasste Schuldigs Schultern, teils um die Kraft fließen zu lassen, teils um ihn aufrecht zu halten und schloss die Augen. Langsam ließ er seine Macht in den Deutschen eingehen, sich ihren Weg suchen.

Schuldig war überrascht, hatte er doch nicht mit so viel Kraft gerechnet, doch dann konzentrierte er sich ebenfalls und ganz langsam begann er die Verletzungen in Ayas Kopf zu reparieren. Dränge Blut zurück, dahin wo es hin gehörte, und bewegte Molekül um Molekül herum, bis die Verletzung sich zum größten Teil verschlossen hatte. In dem Moment, als Aya die Augen dann aufschlug, sackte Schuldig zusammen, wäre wohl vom Stuhl gekippt, wenn ihn Nagi nicht gehalten hätte.

Sofort, als Nagi das Ende der Verbindung anzeigte, packte Yoji den Deutschen so sanft wie möglich wieder und trug ihn zurück ins Bett.

Aya blickte ungläubig durch den Raum. „Was ist passiert?“ fragte er tonlos, durch die Schläuche und Kanülen behindert.

Ken strich ihm durchs leicht feuchte Haar. „Alles okay… Schu hat dich hier raus gelotst…“ Die Erleichterung stand dem ehemaligen Torwart ins Gesicht geschrieben.

Nagi stand inzwischen wieder an Schuldigs Bett, fest entschlossen, ihn um jeden Preis hier zu halten, selbst wenn das bedeutete, dass er ein weiteres Mal mit dem Tod ringen musste. „Du wirst nicht sterben, sonst sterbe ich notfalls bei dem Versuch, dich zurückzuholen!“ redete er beschwörend auf den Deutschen ein. Yoji stand zwischen den Betten in der Schleuse und wusste nicht, wohin er sich wenden sollte.

„Wie…“ fragte Aya leise, „… hat er es überstanden? Er darf nicht sterben, Ken!“ funkelte er den Jüngeren verzweifelt an.

„Wird er nicht… hat er versprochen…“ Ken versuchte Aya irgendwie wieder zu beruhigen, doch in die erste Freude, darüber, dass der geliebte Freund wieder da war, mischte sich nun die Sorge um den Deutschen.

Banges Warten folgte. Würde Schuldig sich wieder erholen? Oder würde Nagi doch seine Fähigkeiten einsetzen müssen?

Minute um Minute versprich, in Schuldigs Gesicht regte sich kein Muskel, kein Nerv. „Da-das war’s jetzt aber nicht, oder?“ wollte Omi mit belegter Stimme wissen.

Nagi konzentrierte sich nur auf die Lebenszeichen des Deutschen, wenn diese aussetzen würden, würde er handeln.

Yoji sah zu dem bewegungslosen Deutschen und dem darüber gebeugten Jungen. Dessen Macht flimmerte förmlich durch den Raum. Yoji schauderte beim Anblick von so viel verzweifelter Macht… und… er betete… das hatte er seit Jahren nicht mehr getan, doch nun schien es ihm das richtige, der beste Weg, Nagi emotional zu stützen.

Aya lag ebenfalls still, wagte kaum zu atmen, nur seine Hände krampften sich in das Laken und auch er hielt stumme Zwiegespräche.

Irgendetwas in dem Raum veränderte sich mit einem mal. Kaum wer wagte es noch zu atmen, alle Nerven bis zum Zerreißen angespannt. Ken war der erste, der etwas realisierte, auch wenn er an Ayas Seite geblieben war. Dennoch war er der erste, der sah, wie die Augenlider Schuldigs zu flattern begannen und dann starrte dieser auf einmal an die Decke und blinzelte ein paar Mal etwas verwirrt.

„Schuldig?“ flüsterte Nagi, noch immer angespannt und wachsam. „Bist du wach?“

Wieder ein blinzeln, dann schreckte Schuldig auf. „Was ist mit Aya?!“

Yoji trat an das Bett des Deutschen. „Es geht ihm recht gut. Er ist wach, macht sich Sorgen um dich.“ Als Nagi merkte, dass seine Macht fürs Erste nicht gebraucht wurde, ließ er sich einfach fallen, die Macht zurückweichen, er sank schwer zu Boden.

Sofort war Omi bei ihm und zog ihn in seine Arme. „Hey, hey, Kleiner, übernimm dich nicht…“

Nagi weinte, doch es schienen Tränen der Erschöpfung und Erleichterung zu sein. Mit der Anspannung war auch seine Willenskraft von ihm gewichen, hatte ihn schutz- und kraftlos zurückgelassen. Glücklich kuschelte er sich in die Geborgenheit von Omis Arm, weinte still, aber lächelnd vor sich hin.

Omi setzte den Kleinen schließlich zu Schuldig aufs Bett.

„Puuu… überstanden… endlich…“ Auch ihm war die Erleichterung anzusehen, denn seine Augen strahlten förmlich. Schuldig sah reichlich mitgenommen aus, aber glücklich und er drängte schon wieder dazu, das Bett zu verlassen, um zu Aya zu gelangen.

„Nein, nein… ich habe dir einmal deinen Willen gelassen, jetzt bleibst du hier“, lachte Nagi sanft.

Bei diesen Worten nickte auch Yoji. „Erkenne einmal die Weisheit deines kleinen Freundes und höre auf ihn“, grinste er unbeholfen.

Aya bekam all das nur halb mit, doch es war genug, um ihn erleichtert aufseufzen zu lassen. „Wir werden leben… alle…“

Schuldig ergab sich seinem Schicksal. Aber dann bekam er Mühe wach zu bleiben, nachdem er sich völlig entspannt in die Kissen hatte sinken lassen. Omi begann einen Countdown. „Bei spätestens vier ist er weg…“ grinste der kleine Blonde.

„Eins!“ grinste Yoji.

„Zwei!“ quietschte Nagi.

„Drei…!“ kam es leise von Ken. Eine Vier musste tatsächlich nicht mehr folgen, denn Schuldigs Kopf sank zur Seite und sein Mund öffnete sich leicht bei jedem Atemzug.

Yoji setzte sich lächelnd auf einen der Plastikstühle und beobachtete die anderen.

Aya blickte Ken erstaunt an, als er sich verschwommen an etwas erinnerte. „Du hast mich geküsst, oder?“ flüsterte er. „Zum zweiten Mal…“

Augenblicklich wurde Ken knallrot. „Ähm… nun ja… hehe… nun weißt du, ich dachte…“ Kens Blick haftete sich so ziemlich an jeden Punkt in dem Zimmer, um nur nicht in Ayas Augen blicken zu müssen. Draußen erkannte Omi, dass was im Gange war und entschied, dass sie sich auch mal wieder im Laden blicken lassen sollten. Also tippte er Yoji sanft an und hievte ihm Nagi in den Arm.

Was Ken nicht gerade ruhiger werden ließ. Schließlich nickte er dann aber doch noch. „Wirst du mich jetzt umbringen?“

„Könntest du mir bitte mal erklären, wie du ständig auf diesen Schwachsinn kommst? Weshalb sollte ich dich umbringen?“ fragte Aya noch immer tonlos. „Hilf’ mir lieber und zieh mir das Teil hier aus der Nase und das da aus dem Hals.“

„Aber…“ Trotz eines unguten Gefühls half Ken Aya dabei, die Schläuche zu entfernen. Abwartend sah er ihn an.

Ayas Stimme war noch immer leise, glich allerdings wieder mehr seiner eigenen und nicht mehr dem Krächzen eines Raben. „Ich warte noch! Antworte!“ befahl er sanft.

„Was willst du hören?“ fragte Ken mit einer auf einmal aufgekommenen Ruhe. „Das ich dich geküsst habe, weil ich dachte, ich könne dich jeden Moment verlieren…?“

„Nein“, lachte Aya leise. „Das verstehe ich recht gut. Ich will wissen, warum du dich vor mir fürchtest!“

Ken biss sich kurz auf die Unterlippe, gab dann aber seinem Herzen einen Ruck. „Na weil… weil… weil ich eigentlich nicht will, dass du böse auf mich bist und es dennoch immer wieder schaffe…“

„Es ist nicht schwer, mich zu verstimmen“, seufzte Aya in Selbsterkenntnis. „Aber bei meinen Freunden… meiner… Familie… bin ich meist nicht nachtragend und du hast nichts getan, was mich verletzt hätte… es gibt also keinen Grund, dir deshalb böse zu sein.“

„Honto…?“ Brennendes Türkis richtete sich auf Aya und sah ihn hoffnungsvoll an.

Aya zuckte leise die Schultern und grinste unsicher. „Hai!“

Ken fühlte sich, als ob er auf glühenden Kohlen stehen musste. Seine Finger verkrampfen sich immer fester im Zipfel seines T-Shirts.

Aya senkte den Blick. „Eher müsste ich mich entschuldigen. Ich habe mich aufgeführt wie ein Idiot. Ich… ich hatte mich nicht mehr unter Kontrolle… ich habe uns allen Schmerz bereitet… uns in Gefahr gebracht…“

Ken sah Aya leicht verwundert an. So was aus dem Mund des ewigen Miesepeters, der die Fehler bei anderen immer besser fand als bei sich selber, war schon eine Sache für sich. Langsam ließ sich Ken auf den Stuhl sinken, der noch immer neben Ayas Bett stand.

Aya hatte in diesem Moment nun wirklich keine Lust auf die Fassade des kühlen, distanzierten Mannes, der seine Gefühle leugnete und keine Schwäche zeigte. Dazu war er sich dieser gerade viel zu bewusst. „Ich danke dir…“ sagte er leise und sanft. „… für deine Freundschaft und für deine Treue, die du mir erwiesen hast.“ Er blickte zu Ken, seine Augen schienen von innerem Glanz erfüllt, nicht mehr stumpf wie vorher. Violette Seen der Unendlichkeit, bereit auf türkisfarbene Bergseen zu treffen, sich in ihnen zu verlieren und diese wiederum hinabzuziehen, zwei Augenpaare in einander versinken zu lassen.

Ein Wort hätte jetzt alles zerstört, also schwieg Ken, auch wenn es absolut nicht seiner Natur entsprach. Er nickte nur leicht und lächelte schwach, um Aya zu verstehen zu geben, dass er verstanden hatte.

Wenn Aya lächelte, so war es ein feines, fast unsichtbares Lächeln, das seinen Mund umspielte, doch seine Augen drückten mehr aus als jede Mimik. Er war zuhause… bei den Menschen, die ihn liebten… nie wieder allein… nicht im Schmerz und nicht im Glück… ‚Womit habe ich es verdient, dass ein so wertvoller, ehrlicher Mensch in Liebe zu mir entbrennt? Warum gerade ich? Ich bin nicht, was er haben sollte…’

Nach einer Weile des Schweigens hielt es Ken dann doch nicht mehr aus, zu mal Aya erschöpft wirkte. Er erhob sich von seinem Stuhl und setzte sich kurz auf die Bettkante. „Ne, Aya… schlaf noch etwas…“ Dabei fuhr er ihm ganz leicht über die Stirn und strich dabei einige verklebte Strähnen aus dessen Augen.

Aya schloss die Augen, erneut wurde er sich der Schwäche seines Körpers, seines Geistes bewusst. ‚Wird es jemals wieder komplett heilen? Werde ich wieder nützlich für Kritiker sein? Und falls nicht…’ Seine Hände krampften sich in die Decke, doch Aya zwang sich zur Ruhe. ‚Jetzt nicht daran denken… Schlaf wird schon helfen…’ „Oyasumi“, murmelte er noch leise, dann gab er sich der Erschöpfung hin.

Ken lächelte sanft und verschwand schnell aus dem Zimmer. Aber er kam schon nach kurzer Zeit wieder mit jemandem zurück. Vorsichtig legte er das gelb-braun gefleckte Plüschtier, dass er im Arm gehabt hatte, auf Ayas Bett und legte dessen Hand auf den Hals der Giraffe. Dann konnte er nicht widerstehen und hauchte Aya einen zärtlichen Kuss auf die Stirn.

Yoji hatte die Kleinen zuhause auch ins Bett geschickt, zumal sie morgen Schule hatten. Er selbst saß nun im Wohnzimmer und las noch, würde aber auch bald zu Bett gehen, da der Tag auch an ihm nicht spurlos vorübergegangen war.

Nagi hatte sich mit Omi in dessen Zimmer verzogen, um noch, trotz Yojis Ermahnungen, ein bisschen am Computer zu spielen, aber vor allem, um noch ein bisschen bei Omi zu sein.

Der saß nun auf seinem Bett an die Wand gelehnt und hatte ein Kissen an sie Brust gedrückt. Müde sah er Nagi bei seiner Tätigkeit zu. „Sag mal, was machst du da eigentlich?“ fragte er schließlich, nach einer Weile des Schweigens.

„Ich spiele ‘Tetris’“, grinste der Kleine, „… und ich bin kurz davor, deinen Rekord zu knacken.“ Eifer glänzte in seinen Augen, ließ ihn weicher, jünger, harmloser, unverdorbener und glücklicher erscheinen. Er war einfach nur 15, sonst nichts. Kein Killer, nur ein Junge zwischen Kindheit und Erwachsensein.

Omi knallte um. „Oyasumi…“ Damit krabbelte er unter die Decke und kuschelte sich ein.

Nagi spielte sein Spiel noch zu Ende, trat dann leise an Omi heran. „Omi-kun?“ fragte er leise.

„Hmm…?“ kam es von unten her hoch genuschelt. „Wilscht du auch schlafen kommen?“

„Darf ich?“ quietschte Nagi hoffnungsvoll. „Ich möchte nicht allein sein.“

Omi blinzelte unter der Decke hervor und hob diese dann an, um Nagi Platz neben sich an zu bieten. „Allein in Ayas Zimmer wär ja auch öde…“

Nagi lachte leise, zog die Jeans und die Socken aus und schlüpfte zu Omi ins Bett. Glücklich kuschelte er sich in die Behaglichkeit. „Du verstehst das vielleicht nicht“, summte er leise, „aber ich bin sehr glücklich.“

„Hmm… doch, doch… bin ich nämlich auch… zwei Feinde weniger, dafür zwei Freunde mehr… ist verdammt viel wert…“ Sanft legte Omi seinen Arm um Nagi, da er nicht wusste, wohin sonst mit dem Arm.

„Ich weiß“, seufzte Nagi gelöst. „Fünf Feinde weniger, ein echter und vier erzwungene, dafür die letzten Vier als Freunde. Ihr… ihr seid… die erste Familie, die ich habe“, fiepte er leise. „Ich habe nur Schu und euch… das hier… ist… mein erstes echtes Zuhause…“

„Okaeri…“

„Arigato.“ Nagi drückte sich in plötzlich wild aufwallender Freude fester an Omi, umschlang dessen Oberkörper mit seinen Armen und knuddelte ihn.

Der Blonde quietschte auf, ließ es aber ohne weiteres über sich ergehen und umarmte den Jüngeren ebenfalls.

Unten tapste in dem Moment ein leicht verträumt wirkender Ken ins Wohnzimmer und ließ sich neben Yoji auf die Couch falle.

Yoji sah von seinem Buch auf und grinste Ken freundschaftlich an. „Na, Casanova. Was ist los? Bist du gelandet oder was?“

Ken schnaufte nur feste durch. „Alles wieder im Lot, denke ich… in zwei, drei Wochen können wir sie wieder mit nach Hause nehmen…“

„Und wieso siehst du aus wie ein Kind an Weihnachten?“

„Weiß nicht… tu ich das?“ Ken lehnte sich müde gegen Yojis Schulter.

Yoji grinste breiter und legte freundschaftlich einen Arm um den Jüngeren. „Ja, tust du… Müde? Ist alles ein bisschen viel gewesen, nicht wahr?“ sagte er sanft.

„Hmm… ich hoff mal, wir kriegen nicht gleich morgen ne Mission an den Kopf… ge… geknallt…“ Kens Kopf sank nach unten und sein Körper, erschlaffte in Yojis Arm. Doch trotz seiner Erschöpfung lag ein feines Lächeln auf Kens Lippen.

„He!“ beschwerte sich Yoji gespielt. „Schläfst du etwa?“

Kens Kopf bewegte sich leicht, jedoch nur um eine angenehmere Position an Yojis Schulter zu finden.

Yoji seufzte leise und hob Ken auf seinen Arm. „Ich erwarte eine Auszeichnung als Kollegenrumschlepper“, lachte er leise. „Man, Junge, du bist aber ein anderes Kaliber als Schuldig oder Nagi… egal…“ Dann trug er Ken in dessen Zimmer, legte ihn hin, zog ihm alles bis auf T-Shirt und Shorts aus und deckte ihn zu. „Oyasumi, armer verliebter Narr. Hoffentlich leidest du nicht unnötig.“ Leise schlich er sich aus dem Zimmer und schloss die Tür.

Nagi dachte inzwischen immer noch nicht daran, Omi loszulassen. Das fühlte sich viel zu gut an, das musste er auskosten, solange es ging.

Und es schien ihn auch nicht zu stören, dass Omis Griff nach gelassen hatte, denn dieser war in der wohligen Wärme glattweg eingeschlafen und zog nun ruhig an Nagis Brust.

Nagi überließ sich nach einigen weiteren Minuten ebenfalls glücklich dem Schlaf.

Auch am nächsten Morgen lagen die beiden noch immer eng umschlungen, wenn auch leicht verkrüppelt im Bett. Die Decke war irgendwann in der Nacht geflogen und lag nun unnütz am Boden. Eines der beiden großen Kissen lag halb auf Omis Gesicht, während das andere quer über Nagi lag.

Nagi schnuffelte und schlug die Augen auf. ‚Es war also doch kein Traum’, dachte er überglücklich und drückte Omi unwillkürlich fester an sich, hauchte ihm einen Kuss auf das rotblond schimmernde Haar.

Omi begann augenblicklich zu brabbeln und kicherte leise, dann aber seufzte er nur und drückte sich schmusend an die Wärmequelle neben sich, da es ohne Decke so früh am Morgen doch recht frisch im Zimmer war.

Nagi fiepste leise. „Oh Omi-kun… daisuki“, flüsterte er leise. „Aber das werde ich dir wohl niemals sagen können.“ Mit einer Mischung aus Freude und Schmerz betrachtete er den 17-Jährigen, der ihm so nahe war und wahrscheinlich doch immer so fern bleiben würde.

In dem Moment begann Omi sich zu regen und sich zu strecken. Blinzelnd öffnete er die Augen und sah dann direkt in Nagis Gesicht. Mit einem Ruck saß er dann und lächelte Nagi an. „Ohayo…“

„Ohayo.“ Nagi bemühte sich, fröhlich zu lächeln, doch die wehmütige Erinnerung an den vergangenen Augenblick hing noch in seinem Blick.