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Dschungel der Gef?hle Teil 12 bis 19

Teil 12

„Hey, alles okay? Mach dir keine Sorgen mehr Nagi-kun, Schu wird schon wieder gesund und Aya-kun haben wir auch bald wieder auf den Beinen…“ Omi versuchte Nagi Mut zu machen, da er glaubte, dass dessen wehmütiger Blick damit zu tun hatte.

Nagi lächelte noch immer tapfer. „Klar… sag’ mal Omi, hast du eigentlich ‘ne Freundin?“

„Was?“ Omis Nasenspitze färbte sich rötlich, dann schüttelte er kräftig den Kopf.

Nagi kicherte leise. „Entschuldige, ich wollte dich nicht verlegen machen… ist doch nicht wild!“ Innerlich keimte Hoffnung auf.

„Nein, weißt du, das einzige Mädchen, das jemals interessant war… aber das ist vorbei…“ Omi fing lieber gar nicht damit an, denn dadurch hätte er Nagi unweigerlich an die Zeit bei Schwarz erinnert. „Ne~e… hast du auch Hunger? Was hältst du davon, wenn wir für uns vier was feines kochen gehen… ist schon… halb neun, aber Ken-kun und Yoji-kun schlafen bestimmt noch…“

„Und die Schule?“ fragte Nagi verwundert. „Da gehen wir doch hin oder?“ Er kicherte leise. „Feiner Schüler wär’ ich sonst…“

„Hmm… die hat eh um acht angefangen, also würde ich heute mal drauf verzichten…“ Omi krabbelte aus dem Bett und gleich weiter bis zur Tür, wo er sich dann endlich zum aufrechten Gang überwinden konnte.

Nagi lachte noch immer. „Toll, zwei Tage Schule, beide so ziemlich verpasst… So krieg’ ich ja nie ‘nen Abschluss.“ Er hüpfte Omi hinterher. „Also keine Freundin?“ grinste er frech. „Vielleicht ein Freund?“

Omi verneinte, wäre aber beinahe die Treppe runter gestürzt und hielt sich gerade noch mal so am Geländer fest. Dann stapfte er recht geräuschvoll die Stufen hinunter und betrat die Küche, die… gelinde gesagt, aussah wie ein Schweinestall. Also erst mal nichts mit kochen, sondern erst mal das schmutzige Geschirr einweichen und dann in die Spülmaschine damit. Grummelnd machte sich Omi an die Arbeit.

Nagi ging ihm gut gelaunt zur Hand. „Wieso reagierst du so empfindlich auf das Thema?“ fragte er leichthin.

„Uhm… weiß nicht… hab mich noch nie damit auseinander gesetzt…“ Omi quetschte auch noch die letzte Tasse in die Geschirrspülmaschine und knallte den Deckel zu, auf dass das alte Ding anfangen konnte zu tuckern.

„Noch nie?“ Nagi riss erstaunt die Augen auf.

„Nein…“ Omi knallte die Bratpfanne etwas gar geräuschvoll auf die Zerahnherdplatte.

„Du lügst“, stellte Nagi sachlich fest.

„Was…?“ Vor Schreck schlug Omi beinahe das Ei neben, statt in die Pfanne.

„Du lügst“, wiederholte Nagi sanft und langsam. „Dein Verhalten spricht Bände.“

„Wa-warum meinst du?“ Omi sah Nagi nun aus großen Augen an.

„Wenn du dich nicht damit beschäftigt hättest, würdest du es nicht krampfhaft abstreiten. Hast du Angst, ich könnte dir irgendein Geheimnis entreißen. Ich würde den anderen nichts sagen. Warum nur vertraut mir keiner?“

„Das hat nichts damit zu tun.“ Omi schlug fünf weitere Eier in die Bratpfanne.

„Sondern?“ Nagi war nicht bereit, das Thema jetzt fallen zu lassen.

„Ich… ich bin mir einfach noch nicht sicher…“

„Oh Mann…“ Nagi schlug sich lachend gegen die Stirn. „Wie kann man sich da nicht sicher sein?… Na ja, ich muss kurz ins Bad“, plauderte er. „Aber sei gewiss, ICH bin mir sicher, dass du mir mehr bedeutest.“ Schnell verschwand er, bevor Omi die Schamesröte in seinem Gesicht sehen konnte.

„Ich… bedeute… was?!“ Omi stand wie ein geprügelter Hund in die Küche. Gerade rechtzeitig erinnerte er sich noch an das Frühstück, welches er nun in Windeseile fertig machte und dann unten an die Treppe stand. „ESSEN!!!!“

Gähnend kam Yoji die Treppe runtergetrabt und wuschelte Omi durch die Haare. „Ohayo, Sexy!“ grinste er verschlafen und schenkte sich einen Kaffee ein.

„Wo ist Ken?!“ Omi wartete gar nicht erst auf eine Antwort, sondern stampfte nach oben, um die Schlafmütze ebenfalls runter zu holen. Schließlich fehlte nur noch Nagi am Tisch und Ken sah Omi schon fragend an.

Just in diesem Moment kam Nagi frisch gebadet mit nassem Haar in die Küche und grinste. „Ohayo, minna-san.“ Omis Blick jedoch wich er unauffällig aus.

Nach dem Essen verdonnerte Omi Ken zum Vorwaschen des Geschirrs, anschließend wollten sie ins Krankenhaus fahren, um nach ihren beiden Patienten zu sehen. Kaum stand das fest, war Ken auch schon Feuer und Flamme und Omi kam kaum dazu, sich richtig an zu ziehen, als der Fußballer auch schon abfahrbereit unten wartete.

Nagi hatte seine Sachen bereits vorhin aus Omis Zimmer geholt und hielt sich auch jetzt stetig von ihm fern, als befürchte er das Schlimmste. Sein Blick war, wenn er sich unbeobachtet fühlte, traurig und unsicher.

Auch Yoji war das nicht entgangen und da Omi der Letzte war, der seines Wissens mit Nagi gesprochen hatte, trat er, während Nagi und Ken schon ins Krankenzimmer flitzten auf Omi zu. „Was ist mit Nagi los?“ fragte er besorgt. „Er war so unruhig im Auto, obwohl ich extra vorsichtig gefahren bin. Habt ihr Streit?“

„Nein! Nein, ich… ich weiß auch nicht genau… er… er hat mir heute morgen etwas gesagt und seither ist er so komisch, als ob ich böse auf ihn wäre, dabei stimmt das doch gar nicht…“

Yoji runzelte die Stirn, schien eine nähere Erklärung zu erwarten.

„Er meinte, er würde mich mögen… oder mehr als das…“ Omi zuckte die Schultern. „Warum sollte ich deswegen böse auf ihn sein?“

Yoji guckte einen Sekundenbruchteil lang verwirrt, dann lachte er. „Das ist es nicht. Er hat keine Angst, dass du wütend wirst… bei Ken hast du es noch so gut verstanden… er hat Angst, dass du sein Herz brichst.“

„DU meinst…“ Omis Ohren wurden rot.

„Na?“ Yoji zog in sanftem Spott eine Augenbraue hoch. „Was meine ich? Sag es!“

„Er ist in mich verknallt?“

Yoji hielt zwinkernd einen Daumen in die Höhe. „Bingo!“ meinte er nur.

Omis Schultern sackten nach unten. Dann aber drängte es auch ihn ins Krankenzimmer.

Aya war bereits durch die Morgenvisite geweckt worden und diese gehörte nicht gerade zu den guten Erfahrungen. Nachdem man festgestellt hatte, dass sein Hämatom ungewöhnlich schnell abgeklungen war, hatte auch er die gleiche Betrachtung wie Schuldig erleben dürfen.

Der saß inzwischen schon wieder, anstatt in seinem, am Fußende von Ayas Bett. Ein kräftiger Stützverband behinderte ihn zwar reichlich in seiner Bewegungsfreiheit, dafür hatte er allerdings auch keine Schmerzen mehr und plapperte schon wieder recht munter vor sich her und quengelte über das grauenhafte Krankenhausessen.

„Ich sag’ dir nur eins, Schuldig“, grummelte Aya, „wenn du noch mal was verschleppst und direkt neben mir umkippst, wirst du dir wünschen zu sterben, ansonsten erledige ich das persönlich.“

Schuldig setzte ein Gesicht in bester Kleinkindmanier auf. „Mooo, Aya… sei nicht so fies… ich hab’s nicht absichtlich getan… das nächste Mal geh ich raus und kipp da um.“

„Das will ich dir auch raten“, murrte Aya, aber eigentlich war er froh, zu sehen, dass es Schuldig besser ging und auch er sich schon stärker fühlte.

Schuldig hatte nun in Omi und Yoji zwei neue Opfer gefunden, bei denen er versuchte, sie dazu zu bekommen, die Ärzte zu belagern, damit er recht schnell raus kam. Krankenhäuser waren ihm zuwider und das ließ er auch jeden spüren.

Yoji lächelte seufzend. „Ich hol’ hier keinen von Euch beiden vorzeitig raus. Vergesst es, und ich bringe jeden, der abhaut, persönlich zurück. Oh Mann, in der Beziehung seid ihr euch so schrecklich ähnlich. Jetzt hab’ ich wirklich zwei Ayas am Hals.“

„Hehe…“ Schuldig grinste zu Aya, als ob sie zwei verschworene Zwillinge wären, die etwas planten. Omi ahnte nichts Gutes und stupste Yoji in die Rippen. „Ich glaub, die zwei sollten wir besser in den Betten festbinden…“

Yoji blickte zum Himmel. ‚Womit hab’ ich DAS verdient? SO schlecht war ich doch nun auch nicht…’ „Also, meine Süßen…“ grinste er scheinheilig. „Es gibt Möglichkeiten, euch zur Regeneration zu zwingen. Schuldig hat’s bereits selbst kennen gelernt, Aya hat bestimmt auch Spaß daran.“ Er wurde ernst. „Bis jetzt konnte ich die Ärzte davon abhalten, euch wieder ins Reich der Träume sprich ins K-O-M-A… zu schicken, aber wenn ihr Faxen macht…“

Aya schluckte und fauchte Yoji an. „DAS wagst du nicht!“

„Das geht nicht, wenn man nicht todkrank oder schwer verletzt ist…“ moderte auch Schuldig. Omi biss sich auf die Unterlippe, um nicht blöd zu grinsen und Ken drehte den beiden lieber gleich den Rücken zu.

„Ihr seid beides.“ Yoji streckte Schuldig die Zunge raus. „Und ansonsten seid ihr interessante, aber zickige Forschungsobjekte… wenn ihr fein still liegen würdet, könnte man euch SO viel besser untersuchen.“ Seine grünen Augen funkelten Schuldig herausfordernd an.

Der war sich seiner Sache plötzlich gar nicht mehr so sicher und zog die Beine aufs Bett und schob die Füße zu Aya unter die Decke und sah den Hilfe suchend an. Dann blickte er wieder abwartend auf Yoji.

„Also?“ fragte Yoji mit dem Unterton des Triumphes. „Seid ihr artig?“ Er blickte zu Aya. „Fordere es heraus und erfahre, dass ich es tun werde, wenn es nötig ist.“

Aya knurrte nur leise, kroch tiefer unter seine Decke. „Wer gibt dir das Recht dazu?“

Nagi hüpfte in diesem Moment wieder ins Zimmer, beladen mit Pfefferminzbonbons und einer Tüte Äpfel… und prallte fast in Omi… er bremste und errötete. Schnell stellte er die Sachen ab und verschwand mit ein paar gemurmelten Entschuldigungen.

Diesmal ließ Omi ihn aber nicht so leicht davonkommen und spurtete hinter her. Davon bekam Schuldig allerdings nichts mit. „Hey, Momentchen mal, Kudou, ich bin immer noch älter als… oho…“ Das Yoji sich vor ihm aufgebaut hatte, ließ Schuldig tatsächlich verstummen und er blinzelte ihn unsicher an.

Nagi versuchte aufs Klo zu flüchten, doch war er nicht schnell genug für Omi. Vielleicht wollte er unterbewußt gar nicht schnell genug sein.

Yoji grinste Schuldig inzwischen väterlich, leicht herablassend, an. „Vielleicht bist du früher geboren worden, aber mit der Vernunft und Reife hapert’s anscheinend noch…“

Aya japste. So was von Mister Unzuverlässigkeit und Unreife No. 1. ‚Aber er ist auch nicht normal. Es ist, als würde er eine Lücke füllen, als müsste er verantwortungsbewusst sein… Er übernimmt die Elternrolle’, stellte Aya erstaunt fest.

Schuldig war nun endgültig zum Kind mutiert und krabbelte neben Aya unter die Decke. „Yoji ist so gemein zu mir…“ quengelte er und zog die Decke über den Kopf. Ken guckte zwar leicht misstrauisch auf die Aktion, sagte dann aber nichts dazu. Auch nicht, als Schuldig wieder auftauchte und etwas im Arm hielt. „Holla… wer ist denn das…?“ Fragend piekste er der Plüschgiraffe in den Hals, als ob sie antworten könnte.

Die Misshandlung seiner Giraffe wollte Aya nun allerdings nicht seelenruhig mit ansehen. Wütend entriss er sie Schuldig. „DAS ist MEINE Giraffe und an der wird nicht rumgepickst.“

Mehr als nur ein Augenpaar sahen Aya verwirrt an. Eines davon begann dann aber heimlich zu strahlen, während von dem anderen ein Fiepgeräusch erster Güte zu hören war und dass sich dann mit einem gemurmelten „Gomen“ wieder unter die Decke verzog.



Omi hatte Nagi gerade noch knapp vor der Toilette eingeholt und hielt ihn am Handgelenk fest. „Hey, was ist los?“ forderte er zu wissen.

Nagi war knallrot und blickte angestrengt zu Boden. „Es… es tut mir leid… ich sag’s nicht wieder, aber bitte tu’ mir nicht weh… lass mir wenigstens noch meine Träume…“ stammelte er.

Omi starrte Nagi derweilen beinahe fassungslos an. „Weh tun? Warum sollte ich dir weh tun…?“ Sein Griff um Nagis Handgelenk lockerte sich. „Hey“, meinte er dann ganz sanft, „… fang jetzt nicht an zu heulen ja… so was ertrag ich nämlich nich… ich fang immer auch gleich an mit zu heulen…“

Nagi schüttelte den Kopf und bemühte sich tapfer, nicht in Tränen auszubrechen. ‚Selbstbeherrschung… Selbstbeherrschung!’ Er schaute Omi nun doch direkt in die Augen und sagte leise, aber mit einem kleinen, schelmischen Grinsen „Ich weine nicht, solange du mir nicht die Illusion raubst…“



Yoji hatte sich derweil in Schuldigs Teil des Zimmers verzogen und gluckste unterdrückt. Die Szene war einfach zu witzig. ‚Das glaubt mir wieder keiner’, feixte er in sich hinein.

Aya zog die Decke wieder von Schuldigs Kopf. „He, jetzt sei doch nicht gleich eingeschnappt“, lächelte er.

„Tut der doch nicht weh…“ verteidigte sich Schuldig leise, spürte langsam, wie erschöpft er schon wieder war, aber zugeben würde er das noch nicht einmal unter Folter.

„Nee“, grinste Aya, „ist aber auch nicht gut fürs Gewebe und Wunden heilen wieder. An der heilt nix, was erst mal kaputt ist. Deshalb solltest du vorsichtig mit ihr sein und außerdem ist sie ein Geschenk.“

Sofort richtete sich Schuldigs Blick auf Ken, worauf der rot anlief und Schuldig wieder ein winziges Grinsen ins Gesicht trieb. „Och süß… und was…“ Ohne Vorwarnung musste der Deutsche mit einem mal gähnen und schien ein wenig verwirrt deswegen.

„Ich glaube, du gehst jetzt besser zurück in dein Bett und schläfst ‘ne Runde“, entschied Aya. „Wir laufen dir schon nicht weg.“

„Kann doch auch hier…“ nuschelte Schuldig mit einem ‘Bittebitte’-Blick.

Aya seufzte. „Meinetwegen, aber du bist echt in einer regressiven Phase, mein Lieber. Wirst du jemals wieder erwachsen?“

„In einer was…?“ Ken sah verwirrt auf Schuldig runter, der schon zufrieden die Augen geschlossen hatte und noch irgendwas von ‘Bett eh besetzt’ murmelte und wohl Yoji damit meinte.

Aya blickte Ken an. „Er entwickelt sich zurück. Siehst du nicht das infantile Verhalten, das er an den Tag legt? Tja, und jetzt wo er schläft, was machen wir nun?“

„Windeln wechseln…“ grinste Ken. „Ne, aber mal im Ernst… warum… warum tut er das?“

„Was?“ fragte Aya erstaunt. „Sich so verhalten?“

Ken nickte und guckte über Ayas Schulter auf Schuldig hinab. „Ich mein… er hat sich ja schon verändert seit das mit Schwarz aus ist, aber so…“

„Ich denke, er holt das auf, was ihm verwehrt geblieben ist, genau wie Nagi. Hier bei uns hat er das Gefühl, dass er sich endlich mal gehen lassen kann…“ Aya versuchte, seine Meinung deutlich zu machen, aber das war gar nicht so leicht.

Ken nickte nur verständnisvoll, ehe ihm etwas in den Sinn kam. „Wo steckt Nagi eigentlich? Und wo ist Omi?“

„Ähm…“ räusperte sich Aya. „Ich denke, die haben was unter vier Augen zu klären.“



In der Tat waren die beiden unter sich und Omi sah Nagi immer noch forschend ins Gesicht. „Glaubst du wirklich, ich könnte dir weh tun?“

Nagi nickte. „Natürlich könntest du das. Du sagst einfach einen dieser dämlichen Sätze wie: ‘Nagi, es tut mir leid. Ich mag dich wirklich, aber eben nur als Freund’ oder so und schon hast du es geschafft, mir auch noch das letzte bisschen Hoffnung zu nehmen.“

Darauf wusste Omi nun erst mal gar nichts zu sagen, also schwieg er. Aber er merkte schnell, dass das Nagi auch wehtat. Schließlich zog er den Jüngeren einfach in seine Arme und drückte ihn an sich. ‚Wie schnell kann man eigentlich seine Gefühle umpolen… eben erst noch haben wir versucht uns gegenseitig zu töten und nun… ich weiß auch nicht aber…’ Es war angenehm, den anderen im Arm zu halten und Omi genoss dessen Wärme.

„Gomen“, flüsterte Nagi und begann nun doch leise in Omis Armen zu weinen.

Sanft strich ihm Omi durch die Haare. „Ne, Nagi…“ fragte er nach einer Weile leise, „willst du lieber nach Hause oder doch noch zu den anderen…? Wir können sonst auch mit dem Bus nach Hause fahren…“

„Ist mir egal“, murmelte Nagi gegen Omis Schulter. „Das ändert nichts. Wo immer du hin willst, gehe auch ich hin.“

„Ah… ne, ne so fangen wir gar nicht erst an!“ winkte Omi ab. Er hob Nagis Gesicht so an, dass dieser ihn ansehen musste. „Wenn… wenn, dann will ich einen gleichwertigen Partner… wenn ich was demütiges haben wollte, was mir artig hinterher läuft und zu allem ja und amen sagt, dann hätte ich mir schon längstens eins dieser Girlies zulegen können… verstanden?!“

Nagi sah Omi entgeistert an. „W-w-was?“ schluckte er.

Omis Lippen hatten sich zu einem feinen Grinsen verzogen. „Welchen Teil hast du nicht verstanden?“

Nagi ruderte kreisförmig mit dem Zeigefinger. „Das mit gleichwertigem Partner. Da muss ich ‘nen Hörfehler gehabt haben.“

„Nein…“ bestätigte Omi Nagi das Gehörte.

Nagi war noch einen Moment lang wie erstarrt, dann fiel er Omi mit einem kleinen Freudenschrei um den Hals.

Der zuckte leicht zusammen, konnte dann aber nicht widerstehen und fing an zu lachen, während er Nagi mit der einen Hand fest hielt und sich mit der anderen irgendwo abstützte, um nicht umzukippen.

Nagi knuddelte Omi währenddessen halb tot. „Ich… ich bin SO glücklich… so überglücklich…“ quietschte er. „Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll… oh Omi-kun…“

Der lächelte nur und guckte dem Kleinen sanft, beinahe zärtlich, in die Augen.

Dieser grinste freudig zurück. „Wenn ich also gleichberechtigt bin, dann will ich in den Vergnügungspark. Da war ich noch nie.“ Er seufzte. „Ich hab’ soviel verpasst in meinem Leben.“ Das Grinsen kehrte tapfer zurück. „Aber ich bin fest entschlossen, das alles nachzuholen… und zwar mit dir.“



In der Zwischenzeit saß Yoji auf Schuldigs Bett und sann über sich nach. Als er Schuldig im Urwald hochgeholfen hatte und dessen Innerstes gespürt hatte, war irgendetwas umgesprungen. Weshalb hockte er jetzt hier rum und nahm den Geruch des Deutschen so deutlich und angenehm wahr? Und warum machte er sich solche Sorgen um Schuldig, wo er ihn doch kaum kannte und sie noch vor kurzem Todfeinde gewesen waren? Der Funke einer Erkenntnis loderte in Yoji auf, doch er drängte ihn schnell zurück, wollte ihn nicht akzeptieren. ‚Ich bin verdammt noch mal SO WAS von heterosexuell, das ist kaum noch zu toppen. Frauen sind die einzigen, die mich anmachen, also ist DAS VOLLKOMMEN UNMÖGLICH!’

Aber war es das wirklich? Es stimmte, dass er sich durch Frauen angezogen fühlte, aber bei wie vielen war er, nachdem er das körperliche Verlangen gestillt hatte, auch geblieben? Wie viele hatten tatsächlich seine Seele berührt? Yoji seufzte verzweifelt. Ja, zur Liebe gehörte mehr als nur Verlangen, aber ein Mann… nicht irgendeiner… Schuldig!?! Egal, Yoji beschloss, es einfach auf sich zukommen zu lassen.

Das erste, was nun aber auf die Freunde zukam, war ein erneuter Pulk von Ärzten, die zur Visite angetrabt waren. Schuldig stellte sich kurzerhand schlafend und dachte nicht daran auf zu wachen, um aber seine Freunde nicht zu erschrecken, beruhigte er sie gedanklich.

Aya war nicht so gut weggekommen und so wurde zunächst mal er eingehend untersucht. Allerdings nutzte auch einer der Ärzte die Gelegenheit, dem ‘schlafenden’ Schuldig ein Thermometer in den Hintern zu schieben.

--- Wuääääääääh… warum rettet mich den Keiner…? --- winselte Schuldig in den Gedanken seiner Freunde herum und Omi, der eben mit Nagi zu den andere gestoßen war, konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

--- Tja, wer anderen eine Grube gräbt… --- Trotzdem guckte er diskret zur Seite, während Schuldig ein leises Knurren nicht unterdrücken konnte.

Auch Aya hätte wahrscheinlich gelacht, wenn er nicht gerade einen Spachtel und eine Lampe im Rachen gehabt hätte. --- Du hast Grund zu nörgeln. Ansonsten lassen sie dich doch in Ruhe ---grummelte er gedanklich, allerdings leicht belustigt.

Yoji übernahm das Lachen für alle Verhinderten mit, denn Schuldig war einfach zu putzig. --- Mensch, Schu… du wirst das schon überleben --- feixte er.

Nagi hatte entsetzt die Augen aufgerissen, musste jetzt jedoch ebenfalls kichern.

--- Kudou du bist fies… weißt du wie ekelhaft so was im Arsch ist…? ---

Yoji schüttelte lachend den Kopf. --- ICH hab mich immer erfolgreich gewehrt. ---

Schuldig winselte und zog die Pobacken zusammen, auf dass das Ding nicht noch weiter rein rutschte.

Bald darauf war er ja auch schon wieder erlöst, doch Yoji lachte immer noch.

Das wehrlose Opfer der Ärzte hatte sich wieder aufgesetzt und funkelte den anderen böse an und schenkte auch dem Rest vernichtende Gedanken, weil sie ihm nicht geholfen hatten.

Als die Visite sich komplett verzogen hatte, fiepste Nagi: „Was hätte ich tun sollen? Du bist im Krankenhaus, die müssen dich untersuchen.“

Aya erwiderte Schuldigs Blick herablassend. „Jetzt stell’ dich bloß nicht so an, wegen dem einem kleinen Ding im Arsch.“

Yojis Lachen schwoll erneut an. --- Genau, alle auf das Weichei. ---

Das reichte Schuldig. Nun kam er sich wirklich vor wie allein gegen den Rest der Welt. Er schlug die Decke zurück und stand auf. Unsicheren Fußes wankte er aus dem einen Raum, durch den anderen hindurch und dann zur Tür hinaus. Ken deutete nur verwirrt hinter her. „Wo will der denn hin…?!“

--- RAUS! --- schallte es in allen Köpfen.

Yoji guckte nicht wie die anderen nur doof, sondern reagierte als erster wieder und stürmte Schuldig, einem Impuls folgend, hinterher. „Schuldig… bleib’ stehen!“

Der tat aber so, als würde er ihn gar nicht hören und tapste weiter den Gang entlang.

Yoji fluchte und hielt den Deutschen vorsichtig, aber unnachgiebig, an den Schultern fest. „Jetzt reicht’s… zurück ins Zimmer… oder ich trag’ dich.“

„Wag es und du hast Migräne bis zu deinem 80. Geburtstag…“

„Das Risiko geh’ ich ein“, erwiderte Yoji trocken und hob Schuldig, auf dessen Verletzungen achtend, hoch. „Sei artig, Kevinschatz“, grinste er und trabte zurück.

Dafür bekam Yoji nun keine Kopfschmerzen, sondern ein verwirrt dreinblickenden Gesichtsausdruck eines Deutschen, der sich ganz klein zu machen begann.

Yoji lud Schuldig vorsichtig in dessen Bett ab und stopfte die Decke über ihn. „Schön liegen bleiben“, mahnte er.

„Warum sollte ich…?“ kam’s auch schon wieder nörgelnd von unten. Anscheinend hatte sich Schuldig vom Schreck erholt. ‚Daran werd ich mich gewöhnen müssen…’ Er atmete zittrig aus. „Tu das nie wieder…“

„Was?“ fragte Yoji erstaunt grinsend.

„Ich wüsste nicht, wann ich dir gesagt habe, dass du mich so nennen sollst…“

Yoji lachte. „Du magst den Namen nicht oder?“

„Wie kommst du denn darauf…?“ meinte der Deutsche sarkastisch. „Mal abgesehen davon, dass ich ihn seit ca. acht Jahren nicht mehr gebraucht habe, bis jemand auf die glorreiche Idee kam, mich danach zu fragen…“ Er warf einen anklagenden Blick durch die Scheibe zu Aya hinüber.

„Tja, Pech…“ zuckte Yoji die Schultern. „Aber du wirst ihn tragen, so wie wir alle unsere Namen benutzen, egal wie wenig sie uns gefallen… Kevin.“ Das letzte Wort sprach er überdeutlich und lang gezogen aus.

„Worüber palavert ihr zwei denn wieder?“ Ken streckte seine Nase neugierig zu den beiden hinüber. „Aya meinte, Schu hätte ihm grad nen vernichtenden Blick geschenkt…“

„Ach, Schu ist sauer, dass ich ihn Kevin genannt hab’“, grinste Yoji.

Ken guckte auf Schuldig. „Kevin? Och wie süß, wir sind es wohl nicht gewohnt, mit Vornamen angesprochen zu werden…“

Yoji zuckte die Schultern. „Vielleicht lassen wir die beleidigte Leberwurst besser fürs Erste allein. Hauptsache Kevin ist brav und läuft nicht wieder weg.“ Bei den letzten Worten hatte er zwinkernd einen Zeigefinger erhoben.

„Ich bin hier schließlich nicht das Kleinkind…“ blaffte Schuldig zurück.

„Im Moment schon, schade, dass Yoji schon vergeben ist. Du wärst der ideale Träger.“ Damit machte Yoji Anstalten das Zimmer zu verlassen. „Ich bin auf dem Flur, Ken ist bei Aya… also lauf’ nicht rum“, mahnte er noch und öffnete die Tür.

„Ja, ja… verschwinde nur… lasst mich alleine… ich bin’s ja gewohnt… ICH WILL’S GAR NICHT ANDERS…“ Damit riss sich Schuldig die Decke über den Kopf und verschanzte sich völlig in seinem Bett. Den letzten Satz hatte er derart laut ausgesprochen, ja beinahe geschrieen, dass Omi verwundert zu ihm blickte. „Oha… da ist jemand sauer, wütend oder sehr, sehr einsam…“ Anklagend sah er zu Yoji. „Na was hast du denn jetzt schon wieder zu ihm gesagt? DU musst ihn ja echt hassen… tz…“ Vorsichtig tapste der Kleine zu Schuldigs Bett, Nagi immer hinter sich her ziehend. „Hey, Schuldig… alles klar…?“ Er tippte vorsichtig gegen Schuldigs Schulter, aber dieser reagierte auch nach mehrmaligem Wiederholen nicht, so dass Omi schließlich nur ratlos mit den Schultern zuckte.

„Lass ihn, das hat er manchmal“, sagte Nagi leise und drängend. „Kommst du jetzt mit in den Vergnügungspark?“

„H-heute…?“ Omi guckte Nagi leicht irritiert an, erinnerte sich dann aber, dass sie heute ja eh nicht mehr zur Schule mussten. „Uhm… meinetwegen…“ Damit hielt er Nagi die Hand hin. „Lass uns gehen… und Yoji… sei nett, ja…“ mahnte er den Älteren nochmals eingehend, ehe er mit Nagi nach draußen lief.

Yoji stand äußerlich unbewegt, doch innerlich geknickt, in der Ecke und blickt den Kleinen nach. ‚Das hab’ ich doch nicht gewollt… ich…’ Er seufzte und tapste zu Schuldig ans Bett. Vorsichtig tippte er den Deutschen an. „He, es tut mir leid. Was ist bloß los?“

Erst nach einer ganzen Weile regte sich Schuldig wieder. „Wolltest du nicht gehen…?“

„Ich wollte dich aber nicht SO zurücklassen…“

Wieder Stille. Anscheinend schien Schuldig überrascht zu sein. Schließlich fragte er dann aber doch vorsichtig nach. „Wie dann?“

„Weniger traurig, höchstens geknickt, so wie immer halt.“ Yoji lächelte unsicher.

Schuldig guckte vorsichtig unter der Decke hervor und setzte dann sein unverwüstliches, aber inzwischen durchschautes, falsches Grinsen auf. „Ach das bin ich immer… also angepisst… aber traurig… ne, ne…“ Er schüttelte den Kopf und grinste Yoji weiter an.

„Also? Was ist los? Warum bist du so bedrückt?“

„Seh ich aus, als wär ich bedrückt…?“

„Japp.“

Schuldig zog eine Fresse, grinste dann aber wieder. „Unsinn… hau ruhig ab… bin froh, wenn ich wieder alleine bin.“

„Bist du nicht!“ rief Aya aus dem anderen Bett herüber. „Du hasst die Einsamkeit.“

„Was weißt du schon…?!“ keifte Schuldig auch prompt zurück.

„Ich weiß, dass du die Einsamkeit fürchtest.“

„Ich fürchte mich vor gar nichts…“ Schuldig kochte schon wieder und Ken sah schon den Frieden den Bach ab rauschen und versuchte Aya vergeblich davon ab zu halten zu kontern.

„Du musst es ja wissen… Schuschubärchen“, gab Aya scheinbar nach. „Aber dafür hast du im Urwald doch ganz schön an mir geklebt.“

Und man glaube es oder nicht, Schuldig wurde rot. „A-anou… das war was anderes…“

Yoji betrachtete die ganze Szene ungläubig, schaute Ken ab und zu Hilfe suchend an.

„Ach ja?“ bohrte Aya nach. „… und was bitte schön?“

„Da war gar kein anderer Mensch mehr. Nur wildes Getier, dass mich auffressen wollte…“

Aya schüttelte den Kopf. „Wie du meinst“, gab er nun fürs Erste wirklich nach.

Yoji verstand nun gar nix mehr und hielt es für besser, wirklich den Abflug zu machen. „Bis dann, minna-san!“

Ken bezweifelte zwar, dass das eine Gute Idee war, dennoch verabschiedete er sich auch fürs Erste, mit dem Versprechen, abends noch mal rein zu schauen. Dann folgte er dem davon eilenden Yoji. Erstens, weil er eine Mitfahrgelegenheit brauchte und zweitens, weil es ihn doch wunderte, was in dem Älteren vorging. Neugierig guckte er ihn von der Seite her an, was schon bald stoisch und nervend wurde.

„Was ist? Warum glotzt du so?“ knurrte Yoji unwirsch, während er ins Auto stieg.

„Ma, ma… lass deine schlechte Laune nicht an mir aus…“ Ken ließ sich auf den Beifahrersitz gleiten und schnallte sich an. „Du scheinst nachdenklich… wieso?“

„Nichts“, murmelte Yoji und fuhr Ken nach Hause.

Aber so schnell ließ dieser nicht locker und zum großen Würgen Yojis schmiss er zu Hause eine der Kuschelrock CDs in den Player und drehte die Lautstärke voll auf, so dass prompt ein Hit aus dem ‘80 durchs Haus plärrte. Ken sang den Evergreen ‘Stay’ natürlich mit, wenn auch reichlich falsch.

Yoji schloss sich knurrend in seinem Zimmer ein und zog sich das Kissen über den Kopf.

Nach und nach folgten Lieder wie ‘Stay by me’ ‘In the arms of the angels’ und noch viel mehr Schnulzenlieder, die eigentlich zum Heulen bei Liebeskummer geeignet wären. Aber da Ken wohl gerade weniger darunter litt, war anzunehmen, dass er die CD aus einem anderen Grund abspielte.

Okay und damit trieb er Yoji nun wirklich zum Heulen, allerdings mehr aus verzweifelter Wut als aus Trauer.

Umso verwunderter war Ken dann, als er etwas zu Abend gekocht hatte und keine Lust zum alleine essen hatte und Yoji rufen wollte und der erst mal gar nicht reagierte. Die Musik hatte Ken schon seit einer halben Stunde abgestellt, dafür lief nun Sport im Fernsehen. Wieder klopfte er gegen Yojis Tür. „Yoji…?! Mach die Tür auf!!“


Teil 13

„Hau ab!“ rief Yoji durch die geschlossene Tür. „Hör weiter deine Schnulzen.“

„Was? Ich hab Abendessen gekocht! Ich hör keine Musik mehr… komm da raus, ich hab nicht umsonst für zwei gekocht…!!!“

„Doch hast du…“

„JETZT nicht mehr… na komm schon…!!!“ Ken klopfte unten mit dem Fuß gegen die Tür. „Mach endlich, das Essen wird kalt…“

„Ich hab’ gesagt, du sollst abhauen… und ich werde mich nicht weiter mit dir aufhalten“, brüllte Yoji unter dem Kissen hervor.

Ken schnaubte und pustete sich den Pony aus den Augen. „Wie sie wollen, Mr. Kudou…“ Aus seiner Jeanstasche zog er ein Taschenmesser hervor und binnen weniger Augenblicke war das Schloss geknackt und Ken stand bei Yoji im Zimmer.

Yoji lag immer noch auf dem Bett im dunklen Zimmer und hatte den Kopf unter dem Kissen vergraben.

Ken tapste zu ihm und ging neben dem Kopfende in die Hocke. „Hey, Yoji… bist du krank…?“ Die ersten Spuren von Besorgnis keimten in Ken auf.

„Ja… was immer dich dazu bringt, mich in Ruhe zu lassen, ich hab’ genau das“, kam Yojis Stimme dumpf unter dem Kissen hervor.

„Ach Yoji… ich will dich aber nicht in Ruhe lassen, sondern wissen was los ist? Hast du Krach mit einem deiner vergangenen Dates…? Oder hat dich eine abblitzen lassen?“

„Krach mit ‘nem vergangenen Date. Sie hat mir ‘ne Szene gemacht“, log Yoji.

Ken hockte sich hin. „Welche? Eine die hier mal was gekauft hat?“

„Nee… kennst du nicht. Ist doch auch egal, ich komm’ schon allein damit klar, aber deine Musik war nicht gerade hilfreich.“

„Gomen…“ Nun war Ken in der Tat reichlich zerknirscht und guckte Yoji entschuldigend an. „Erzählst du’s mir beim Abendessen…? Es gibt gebratenen Reis mit Ei und Schinken…“

„Du lässt mich nicht in Ruhe, wenn ich nicht mit dir esse oder?“ seufzte Yoji. „Ich komm’ mit, aber nur unter der Bedingung, dass du mich nicht weiter ausfragst.“

„Will dir doch nur helfen…“ nuschelte Ken, während er sich erhob. „Alle sind wieder glücklich, nur du bist absolut down…“

„Lass mich einfach mit dem Liebesquatsch in Ruhe und ich komm’ schon klar.“

„Glaub ich zwar nicht, aber du willst ja nicht mit mir drüber reden…“ Ken trappelte vor Yoji die Treppe runter und begann dann das Essen auf zwei Teller zu verteilen.

Yoji setzte sich an den Tisch und wartete artig auf seinen Teller, schaffte es sogar, Ken anzugrinsen, als dieser ihm das Essen hinstellte. „Ich hoffe, dass es genießbar ist“, grinste er frech.

„Na aber sicher doch… hab extra was gekocht, was du auch magst…“ Ken reichte ihm die Stäbchen und beobachtete ihn nur noch heimlich beim Essen.

Yoji aß anständig, doch ohne sichtlichen Appetit.

Schließlich seufzte Ken leise. „Mach einfach nicht den selben Fehler, den Aya immer gemacht hat und schweig dich über deine Probleme aus. Wenn du nicht mit mir reden willst, dann vielleicht mit Omi. Friss es einfach nicht in dich hinein, so dass es dich kaputt macht.“

„Ich weiß noch nicht mal, ob ich ein Problem hab’… und wenn, werde ich darüber nicht mit Omi sprechen, der ist Teil davon…“ knurrte Yoji gereizt.

Sofort hob Ken beschwichtigend die Hände. „Ma~a… nicht so böse, da kriegt man ja Angst… ich hab’s ja kapiert… der großen Frauenheld, Yoji Kudou, braucht keine Hilfe… ist Herr aller Lagen… alles klar…“

Yoji nickte stumm und mampfte weiter.

Ken fand es dann ja auch wahnsinnig erfrischend, neben dem neuen Griesgram der Gruppe zu sitzen. Wie gut, dass er nachher noch mal ins Krankenhaus musste, vielleicht würden Aya und Schuldig Yoji von seinem Liebeskummer oder was auch immer ablenken.

Nach dem Essen übernahm Yoji den Abwasch. „Fahr’ doch sonst allein, ich warte hier auf die Kinder…“

„Ki… ah Omi und Nagi… na die werden doch hoffentlich bald auftauchen, es wird ja schon dunkel draußen… der Vergnügungspark hat doch sicher schon geschlossen…“

Yoji grinste. „Der hat die ganze Nacht geöffnet, aber ich hoffe, die beiden haben zumindest vor MORGEN wieder in die Schule zu gehen und kommen deshalb bald zurück. Also… hau’ schon ab. Ich mach’ das hier.“

Ken nickte und schwang sich dann draußen auf sein Motorrad, um zu den beiden Patienten zu fahren. Nachdenklich öffnete er die Zimmertür und… erstarrte. „Wo zum…“ Unsicher sah er sich um, als er das Zimmer leer vorfand.

Eine Krankenschwester klärte den verwirrten jungen Mann dann schließlich auf. Die beiden waren auf Grund ihres besseren Zustandes verlegt worden, doch als Ken das neue Zimmer betrat, fand er Aya auch hier nicht vor.

Ken sah sich suchend um und da Schuldig zu schlafen schien, wollte er lieber nicht nachfragen. Unsicher setzte er sich auf Ayas Bett und griff nach der Plüschgiraffe. Ein leiser Seufzer entfloh seinen Lippen. „Mensch, Schu, nun wär ich froh, wenn ich deine Fähigkeiten hätte, um heraus zu finden, wo Aya steckt…“ Aber eine Antwort erhielt Ken natürlich nicht auf sein Gemurmel, also wartete der ehemalige Torwart mehr oder weniger geduldig ab.

Nach einiger Zeit kam Aya leise zurück ins Zimmer. Als er Ken erkannte, hob er die Hand zur Begrüßung. „Oi, wollen wir lieber rausgehen?“ fragte er leise und deutete auf Schuldig.

Ken nickte und guckte Aya dann leicht finster an, da dieser nichts weiter außer seinem Pyjama und Schlappen trug.

Aya ignorierte Kens Blick jedoch und trabte wieder auf den Flur und dann in den Besucherraum.

Ken schnappte sich kurzerhand eine Decke und folgte Aya dann in den Besucherraum. Dort legte er seinem Freund erst mal die Decke um und grinste ihn süß-frech an. „Wollen ja nicht, dass du dir hier noch ne Erkältung einfängst…“

„Tu’ ich schon nicht.“ Aya zog aber trotzdem die Decke fester um sich.

„Und wie fühlt man sich, wenn man nicht mehr so in ner Art Einzelhaft auf der Intensiv liegen muss…? Ist doch nett, wenn man auch mal raus gehen darf, ohne dass einem gleich die Ärzte und Schwestern auf die Pelle rücken, was?“

„Darf ich ja nicht!“ grinste Aya verhalten.

Sofort rutschte Ken mit dem Stuhl näher zu Aya und sah ihn fragend an.

„Was?“

„Du darfst was nicht?“

„In der Gegend rumlaufen.“

„Und warum tust du’s? Oder besser gesagt… warum darfst du nicht?“

„Ist doch egal.“

„Nein… sag schon…“

„Weil ich immer noch eine Vergiftung im Körper und ein angegriffenes Immunsystem habe“, sagte Aya wie selbstverständlich.

Ken knickte nach vorne und mit dem Kopf auf Ayas Knie. „Dann aber hopp ins Bettchen… und hey…“ Er schoss wieder hoch. „Was haben sie Schuldig gegeben, dass der jetzt schon pennt?“

„Keine Ahnung. Ich glaub’, der ist einfach nur fertig. Und deshalb werden wir ihn jetzt nicht stören, sondern hier bleiben.“

„Okay… aber so bald du müde wirst sagst du’s, dann verschwinde ich und du gehst schlafen… tja… Schu ist nicht der einzige, der fertig ist… Yoji knabbert auch an was rum… hat wohl das erste Mal echten Liebeskummer der Arme…“

„Abgesehen von Asuka?“

„Jo, aber das ist doch schon Vergangenheit… muss was ganz besonderes sein. Sie hat ihm angeblich ne Szene gemacht und ihn beschäftigt das sogar…“ Ken genoss das Zusammensein mit Aya sichtlich und die Tatsache, dass sie sich mal nicht fetzten, sondern ganz normal miteinander redeten. Das war für Ken schon viel wert.

Aya lachte kurz trocken auf. „Du nimmst ihm das nicht wirklich ab, oder?“

„Wieso nicht?“ fragte Ken leicht gekränkt, da er sich wirklich Sorgen um den Ältesten, er korrigierte sich, Zweitältesten, machte.

„Yoji hatte noch nie… noch nie… ein ernsthaftes Date. Was auch immer ihn bedrückt, DAS ist es nicht.“

„Und was dann…?“ Ken hatte eine Ecke von Ayas Decke zwischen die Finger bekommen und spielte damit herum.

„Was weiß ich? Vielleicht hat er auch das unerfüllte Liebesfieber.“ Aya zuckte mit den Schultern.

„Du bist hier das schlaue Kerlchen, also beguck ihn dir mal, wenn er wieder kommt, ja?“

„Ich bin doch nicht euer Liebeskummertherapeut!“

„Du hast die meiste Zeit“, konterte Ken.

„Aber ich verbringe sie nicht mit Yoji…“ quengelte Aya zurück, „sondern mit dir.“

Ken schluckte. „Hai…“ und bekam einen unsagbar warmen Blick, ganz und gar allein für Aya und dessen eben gesagten letzten drei Worte.

„Erzähl’ mir, wie die Welt sonst so läuft“, forderte Aya ihn sanft auf.

„Na ja, den Laden haben wir momentan nur morgens offen… für die nächsten drei, vier Wochen, bis ihr zwei aus dem Gröbsten raus seit… Manx hat angerufen und will wissen wie’s dir geht… sie wird dich wohl auch noch besuchen kommen. Vorerst gibt’s keine Aufträge für unser neu zusammen gestelltes Team. Na ja und sie hat verlauten lassen, dass Kritiker eigentlich nur vierer Teams will, also besteht die Möglichkeit, dass sie Schu und Nagi zu sich holen…“ Ken klang wenig begeistert von dieser Wahrscheinlichkeit.

„K’so… Doppel k’so… erstens will ich Manx nicht hier und zweitens will ich nicht, dass die Beiden wieder gehen müssen. Wir sind alles, was sie haben.“ Aya seufzte schwer.

„Ich weiß… sie haben ihre gesamten Vergangenheit hinter sich gelassen und Nagi scheint das erste Mal so richtig aufzublühen mit Omi. Die zwei können sich endlich wie normale Kinder benehmen und nicht wie Killer…“

„Jo… und außerdem sagt mir mein Psychologenauge wider Willen, dass Omi und Nagi etwas anderes verbindet als reine Freundschaft.“

„So wie die heute aneinander geklebt haben ist das sogar meinen ungeübten Augen nicht entgangen… na ja, die zwei haben ja schon immer rum gekabbelt, auch schon, als sie noch Gegner waren.“

Aya nickte. „Wem sagst du das? Sie hätten einander so oft töten können, aber sie haben es nicht getan. Sie haben nie mehr getan als nötig war, um den Schein zu wahren.“

„Tja, dafür ist Schuldigs Wandel umso erstaunlicher. Er schien mir doch auch immer eine treibende Kraft bei Schwarz zu sein… was mag ihn verändert haben?“

„Das wüsste ich auch gern.“

„Du warst doch mit ihm alleine im Dschungel unterwegs… hat er dir da nie was gesagt? Ist er noch ein größere Geheimniskrämer als du?“

„Hai… und wie…“

Ken seufzte und betrachtete dann Ayas Gesicht aufmerksam. Die Farbe war wieder etwas in dessen Wangen zurückgekehrt und er wirkte fast gesünder als vor der ganzen Geschichte. Glücklich stahl sich ein Lächeln auf Kens Lippen.

„Was ist los?“ fragte Aya verdutzt, als er Kens Lächeln sah.

„Nichts… ich bin nur… glücklich…“

Aya sah Ken nur weiterhin verwundert an.

Der grinste daraufhin leicht. „Was ist? Verwundert dich das dermaßen?“

„Wenn ich ehrlich bin… ja.“

„Sag mir, warum ich es nicht sein soll? Okay, wenn’s geht, nicht die volle Härte…“ Er hob leicht die Hände, falls Aya mit einer Tirade darüber kommen wollte, was in Kens Leben nicht sehr glücklich war.

„Vergiss’ es. Aber ich meine, neulich warst du noch nicht sehr glücklich und seitdem hat sich nicht viel geändert… nicht für dich.“

Ken zuckte mit den Schultern. „Du hasst mich nicht und du lässt mich noch in deiner Nähe sein… also bin ich zufrieden…“

„Wenn du so leicht glücklich zu machen bist, hätten wir das schon wesentlich früher und ohne deine kindischen Spielchen haben können.“

„Gomen… ich… ich wusste einfach nicht, wie… ich meine… alles was ich von dir je gesehen hab war Wut und Aggression… und das ist immer noch besser als Nichtbeachtung…“

„Du konntest auch nichts anderes sehen, wenn alles was du tust, ist, mich mit Essen zu bewerfen und zu reizen… und mich zu schlagen.“

Ken biss sich abrupt auf die Unterlippe. „Werd ich nie wieder… versprochen…“

Aya grinste verhalten. „Das wird eine ziemliche Umstellung.“

„Na ja… jetzt… jetzt wo du’s ja eh weißt…“

Aya runzelte die Stirn. „… passiert was?“

„Nichts… ich hab mein Glück zweimal herausgefordert… ich hab Angst, dass es mir kein weiteres Mal beistehen wird…“

Aya war nun ganz eindeutig verwirrt.

Ken half ihm zögernd auf die Sprünge. „Als… als ich dich… geküsst hab…“

„Ach so… ja… das.“

„War riskant… nicht war? Und gemein… du warst jedes Mal nicht in der Lage dich zu wehren…“

„Gab ja auch nicht groß was zu wehren… das war ja kaum mehr als ein Hauch.“

Leichte Röte überzog Kens Wangen. „Na ja, ich wollte dir ja nicht weh tun…“

„Ähm… dann hättest du auch irgendwas am Küssen falsch verstanden…“ lächelte Aya fein.

„Uhm… nein das mein ich nicht… du warst da sooo… na ja… verletzlich eben… ich hatte ja Angst, dich nur zu berühren…“

„Tja… die scheint ja jetzt verflogen zu sein.“

Ken lächelte schief. „Ich hoff’s doch…“ Ein Seufzer entfloh Ken lautlos, aber gleich darauf wurde seine Aufmerksamkeit von was anderem geweckt zu sein. „Oh, sieh mal einer an, da ist jemand wach geworden.“ Er deutete hinter Aya auf Schuldig, der soeben den Kopf aus dem Zimmer gestreckt hatte und sich suchend umsah.

Aya drehte sich zu Schuldig um und winkte als Zeichen, dass er ihn gesehen hatte.

Auf nackten Füssen kam Schuldig zu den beiden ins Besucherzimmer getapst, hinter sich eine Stange herschleifend. Ken sah ihn fragend an. „Oh man, was haben die dir denn verpasst…?“

„Haben behauptet, ich würde zu wenig trinken…“ knurrte der Deutsche und riss den Ständer mit der Infusion hinter sich her in den Besucherraum.

„Willkommen im Club der Krüppel. Wie gesagt, wir sind schon zwei echte Helden.“

„Wieso? Trinkst du auch zu wenig…?“ Vorsichtig ließ sich Schuldig auf einem weiteren Sessel nieder und guckte Aya verwundert an, während er damit anfing, an der Kanüle, die in seine Handvene führte, rum zu fummeln.

„Nein, bei mir sind es ja nur fünfmal täglich widerlich brennende Antibiotika und morgens und abends Nährlösung. Ganz so schlimm dran wie du bin ich nicht… ich hab’ das Teil nicht ständig dabei. Und LASS DAS DRIN… sonst legen sie dir nur ‘ne Neue.“

„Das wagen die nicht…“

„Was wetten?“ feixte Ken.

„Und es ist auch besser für dich“, seufzte Aya. „Mir gefällt’s ja auch nicht, aber selbst wenn es du es nicht so siehst, sorgt Yoji 100% dafür, dass sie alles tun, was nötig ist. Und wenn er das Ding selber legt.“ Über Ayas Gesicht spielte ein kleines, fieses Grinsen.

„Warum sollte Kudou so was… der Kerl is’n Sadist…“ Schuldig ließ den Kopf hängen. „Hauptsache er kann wen quälen und wenn jemand wie ich da ist, dann natürlich immer auf den blöden Schwarzen…“

„Wie du meinst“, sagte Aya geistesabwesend. Er dachte gerade über andere Dinge nach. „Aber was ist, wenn er das Alles tatsächlich nur zu deinem eigenen Besten tut?“

„Hmm…? Glaubst du ja selber nicht…“ Schuldig hatte zwar aufgehört an der Infusion rum zu grabbeln, dafür schien er nun kalte Füße zu kriegen und rieb diese ständig gegeneinander.

„Gehen wir zurück, du bist ja eh’ wach.“ Aya erhob sich. „Und doch… ich glaube genau das. Er versucht, dich zu beschützen.“ Damit trabte er ins Zimmer.

Schuldig hätte am liebsten seine Hände in die Pyjamahosentaschen gesteckt, musste aber gezwungenermaßen den Ständer mit der Infusion noch hinter sich her ziehen. Ken folgte ihm grinsend. Kurz vor ihrem Zimmer dann, sah er schon zwei kleine Gestallten auf sie zu spurten. „Achtung, Jungs, gleich werdet ihr umgerannt…“ Ganz so doll kam es dann doch nicht von Omi und Nagi, aber immerhin hatten sie Yoji kurzerhand stehen lassen, und kamen nun auf die drei zu gerannt.

„Hey Aya…“ japste Omi schon von weitem und strahlte den rothaarigen Jungen an.

Aya bewegte sich erst mal zurück in sein Bett, bevor er sich diesem weiteren Besuchersturm stellte.

„Hallo Schuldig…“ quietschte auch Nagi fröhlich.

Schuldigs eben noch mürrischer Gesichtsausdruck wurde augenblicklich unglaublich sanft und er nahm den Kleineren lieb in seine Arme. „Hey Nagi… alles klar bei dir…?“ Die kalten Füße ignorierte er mal, schließlich strahlte sein kleiner Freund so viel Wärme ab, dass es bis fast nach unten reichte.

„Alles bestens“, murmelte Nagi fröhlich in Schuldigs Pyjama. Er hatte die Zeit mit Omi wirklich genossen, tatsächlich war er noch nie in seinem Leben so gelöst und unbeschwert gewesen. Er fühlte sich fast wie ein normaler Junge.

Leicht fuhr Schuldig durch Nagis Haare und entließ diesen dann wieder zu Omi, machte sich dann schnellstmöglich auf den Weg ins Zimmer, als er einen recht finster drein blickenden Yoji erkannte. ‚Uhoh, was hab ich jetzt wieder verbrochen…?’

Mit Yojis Laune stand es in der Tat nicht zum Besten. Die Kleinen hatten unbedingt noch ins Krankenhaus gewollt, also hatte er nachgegeben, obwohl er Schuldig lieber aus dem Weg gegangen wäre. Das würde doch nur wieder bissige Kommentare geben und alle würden auf ihm rumhacken. Seufzend setzte er sich nach einer kurzen Begrüßung auf einen der Stühle und erduldete sein Schicksal.

Nagi hüpfte zu Omi und drückte sich strahlend an ihn.

Ayas Gesicht verriet gar nichts über seine Gedanken und Gefühle. Neutral sagte er auch den Neuankömmlingen Hallo.

Ken verfrachtete ihn anschließend kurzerhand unter die Decke und sah anschließend zu Schuldig, der sich ein emsiges Gefecht mit den Schläuchen leistete, die an ihm dran hingen. „Gott noch mal, warum zum Teufel… ich reiß die gleich raus und wenn’s das letzte ist, was ich tue…“

Schließlich konnte Yoji das Ganze nicht länger mit ansehen und griff ein. Vorsichtig löste er das Gewirr, doch sein Blick blieb finster.

--- Er hasst mich… --- Schuldig ließ es Yoji gegenüber kommentarlos ergehen, doch dann kam ihm tatsächlich ein leises „Danke“ über die Lippen, während er die Beine langsam wieder hoch und zurück ins Bett zog.

Ayas Miene war unbewegt, doch innerlich lachte er über Schuldigs gequälten Unterton und dessen Unwillen, etwas anderes in Betracht zu ziehen. --- Ja, sicher… er HASST dich… ---

„Nichts zu danken“, murmelte Yoji und setzte sich, als er sah, dass der Deutsche nun allein klarkam, wieder auf den Stuhl und guckte zu Boden.

Nun war es aber Omi, der ihn nicht in Ruhe ließ, da er eben von Ken erfahren hatte, dass der Playboy an offensichtlichem Liebeskummer litt. Er ging neben ihm in die Hocke und sah ihn fragend mit diesem Babyblick an, dem der Ältere normalerweise nicht widerstehen konnte. „Ne Yoji-kun… was ist denn mit dir los…? So kenn ich dich ja gar nicht…“

Aber Yoji war im Moment gar nicht gut auf Omi zu sprechen, denn dieser war größtenteils schuld an seinem Zustand, weil er ihn wegen Schuldig angefahren hatte. „Lass mich, Omi“, knurrte Yoji unwirsch und schaute von dem Jüngeren weg.

--- Hooo… was hat der Kleine dir den getan, Kudou? --- Schuldig hatte die zwei wohl nicht nur zufälligerweise beobachtet.

Omi aber bekam davon nichts mit, sondern erhob sich leicht verschreckt und lehnte sich wieder an die Wand neben Nagi.

In Yoji stieg Panik auf. --- RAUS! Raus aus meinen Gedanken. VERSCHWINDE! ---

Ab so viel Heftigkeit konnte Schuldig nur noch erschrocken zurückweichen und leise wimmernd zog er sich die Decke über den Kopf. Daraufhin mussten auch die anderen merken, dass etwas vorgefallen war und Omi sah auch sofort den wahren Schuldigen an. „Yoji-kun…“

‚K’so!’ wimmerte Yoji innerlich. ‚… immer mach’ ich alles falsch.’ „Ich geh’ besser und warte draußen“, stieß er heftig aus und verließ eiligst das Zimmer.

„Da stimmt doch was hinten und vorne nicht…“ brummelte Ken in seinen nicht vorhandenen Bart. „Ne Schu kannst du nicht in seinen Gedanken… hey Schu, wo willst du hin…?“

Schuldig war tatsächlich drauf und dran das Bett wieder zu verlassen und nahm lediglich den Infusionsbeutel, aber nicht den ganzen Ständer mit.

Nagi riss erstaunt die Augen und den Mund auf.

Auch Aya sah mehr als nur verdutzt aus. „Wo willst du hin?“ fragte er Schuldig ungläubig.

„Verhindern, dass Weiß wieder auf fünf Mann zusammen schrumpft…“ kam es nur noch von Schuldig, ehe er vor den Augen der anderen verschwand.

„Das tut es wahrscheinlich ohnehin… wieder auf vier sogar“, seufzte Aya leise. „Was hat er bloß vor?“ Der junge Mann runzelte die Stirn.

„Wieso auf vier?“ Omi sah den Älteren fragend an.

„Kritiker will nur Viererteams!“ Ayas Stimme drückte tatsächlich Bedauern und Mitleid aus.

„Oh…“ war alles was Omi in diesem Moment raus bekamen. Dann fing er sich aber wieder.

„Und was wäre, wenn wir uns weigern zu viert weiter zu arbeiten?“ wollte Ken wissen, auch wenn er befürchtete, die Antwort schon zu kennen.

„Was ist mit dem letzten aufmüpfigen Team passiert?“ Aya klang resigniert. Sein Tonfall wurde entschlossener. „Aber ich wäre trotzdem dafür, es zu riskieren…“

Alle anwesenden nickten. Der Gedanke daran, dass Nagi und Schuldig mit zwei Fremden zusammen arbeiten sollten, behagte keinem von ihnen.

Zur gleichen Zeit, hatte jemand anderes gar keine Zeit, um sich auch nur Gedanken darüber zu machen. Schuldig hatte sich auf den Gang teleportiert und sah sich sowohl visuell, wie auch geistig nach dem Flüchtenden um.

Der hatte sich nicht weit, sondern nur bis in den Besucherraum verzogen und stand dort, den traurigen Blick auf die nächtliche Skyline von Tokyo gerichtet, am Fenster.

Etwas schwer atmend trat Schuldig hinter ihn, den Beutel mit der Kochsalzlösung in die Hosentasche seines Pyjamas gestopft. „Yoji?“ versuchte er es mal ohne seine Fähigkeiten. „Du machst deinem Team ganz schöne Sorgen…“

„Quatsch“, sagte Yoji verträumt. „Ich bin nur schon mal gegangen, das ist alles.“

„Wohin…?“ Schuldig hätte sich die Antwort holen können, unterließ es jedoch lieber.

„Na… hierher. Damit Ihr Eure Ruhe habt!“

Das verstand Schuldig nun nicht ganz und so schwieg er lieber. Nach kurzem fing er schon wieder an, unruhig von einem Fuß auf den anderen zu trippeln, um die kalten Füße irgendwie warm zu bekommen.

„Was willst du?“ fragte Yoji über die Schulter hinweg. „Geh’ ins Bett.“

„Wissen was mit dir ist, ohne es selber holen zu müssen… das will ich…“ Schuldig starrte geradewegs weiter auf Yojis Rücken, auch wenn, durch das ewige Starren, das Bild langsam zu verschwimmen begann. Verwirrt schüttelte Schuldig den Kopf, um das Gefühl los zu werden.

„Das geht dich ÜBERHAUPT nichts an“, fauchte Yoji.

Schuldig wich einen Schritt zurück und geriet ins straucheln. Recht lautstark rempelte er gegen den Türrahmen und hielt sich krampfhaft daran fest.

Sofort fuhr Yoji herum und ergriff Schuldig, bevor dieser umkippen konnte. Seine Gefühle schossen durcheinander. „He… pass doch auf“, rief er erschrocken.

„Ich…“ Schuldig hielt sich am Arm des anderen fest und hatte sich zur Unterstützung mit dem Fuß an der Türschwelle abgestützt, sich dabei jedoch einen Splitter eingefangen und dieser Schmerz durchflutete, wenn auch nur Sekunden, nicht nur seinen, sondern auch Yojis Körper. Im Gegensatz zu Yoji, der es nur ganz kurz gespürt hatte, hielt es bei ihm an, auch wenn Schuldig noch nicht mal das Gesicht verzog.

Yoji fackelte nicht lange und griff sich mal wieder den Deutschen, um ihn ins Bett zu tragen. „Langsam wird’s zur Gewohnheit.“

„Hai…“ nuschelte Schuldig leise und sagte sonst kein einziges Wort mehr.

Yoji öffnete vorsichtig die Tür, versuchte die körperliche Nähe zum Deutschen zu ignorieren. ‚Denk ‘an was anderes… alles ganz normal…’ Und legte Schuldig im Bett ab, ohne den anderen gegenüber ein Wort zu verlieren. Die staunten natürlich nicht schlecht.

Omi verkniff sich aber gekonnt eine Bemerkung und trat Ken heftig auf den Fuß, so dass der es trotz seines festen Schuhe schmerzlich spürte und den Mund wieder schloss.

Aya hatte auf einmal einen Fleck an seiner Giraffe bemerkt und wienerte auf dieser rum, beobachtete Schuldig und Yoji nur stumm aus dem Augenwinkel und feixte innerlich.

Nagi verschwand hinter dem Bett, um seinen Schuh zu binden, obwohl das eigentlich nicht nötig war und um seine freudige Verwirrung zu verbergen.

Ken hatte Omi inzwischen mit einem geknurrten „Ist’s bequem?!“ von seinem Fuß geschupst und bekam kaum noch mit, was sonst in dem Zimmer passierte. Weder das die zwei sich weder ankeiften noch dass sie sich mental fertig machten, sondern beharrlich schwiegen.

„Gut“, seufzte Yoji nach einer Weile, „ich geh’ dann mal wieder.“

Zwei unsichere Bernsteinaugen folgten ihm, aber kein Wort kam sonst von Schuldig. Omi begann schon innerlich drüber zu sinnieren, was los war, wusste nur, dass es nicht gut war, wenn sie sich so trennten, also versuchte er etwas Ruhe zu schaffen, in dem er und Nagi verschwanden und sicherheitshalber zerrten sie auch Ken mit raus, der zwar wenig begeistert war, sich von Aya zu trennen und diesen sehnsüchtig ansah, sich dann aber doch schleifen ließ.

Doch auch Aya war nicht willig, dem, was jetzt kommen möge, beizuwohnen und so folgte er den anderen auf den Flur.

Yoji hatte die Karawane seiner Freunde ungläubig betrachtet und war nun komplett verunsichert, drehte nervös an einer Locke seines Haares und schob die Sonnenbrille höher vor seine Augen.

Ken sah Aya verwirrt an. „D-du willst jetzt aber nicht schon wieder ausbüxen oder?“

„Nein.“ Aya schüttelte ganz leicht den Kopf, ließ es dann doch lieber. So ganz fit war er noch nicht wieder. „Ich will nur nicht stören. Ich hab’ da genauso viel oder wenig zu suchen wie ihr.“

„Ah ja…“ Ken zog seine Jacke schon mal aus und legte sie um Aya, da der in seiner Eile natürlich nichts mitgenommen hatte. „Und? Zerfleischen die sich jetzt da drin?“

„Glaub’ ich nicht. Die werden sich eher aussprechen… hoffe ich zumindest.“ Aya zog Kens Jacke dankbar an und suchte sich einen Platz zum Hinsetzen, denn er fühlte sich noch nicht wieder ganz sicher auf den Beinen.

Sanft führte Ken Aya zum Besucherraum und nachdem Aya sich gesetzt hatte, nahm er dessen Beine ungefragt hoch und legte sie sich auf den Schoss. Omi schwieg dazu, zog aber seinen jungen Freund dafür auch auf den Schoss.

Zur gleichen Zeit herrschte eisiges Schweigen in dem Zimmer und Schuldig starrte entweder den Boden an oder versuchte irgendwie an seinen Fuß zu gelangen, um den Splitter zu entfernen, was ihm aber durch den Stützverband gänzlich unmöglich war.

Dieses Bemühen blieb Yoji nicht verborgen. „Kann ich dir helfen?“ fragte er leise und unsicher.

„Ich krieg ihn nicht raus…“ gestand Schuldig ebenso leise. „Brauch wohl Hilfe oder muss den Verband abnehmen, damit ich mich runter beugen kann.“

„Kommt nicht in Frage. Zeig her.“ Yoji schaute sich Schuldigs verletzten Fuß genauer an.

„Au…“ Sofort biss sich Schuldig für dieses Schwächebekenntnis auf die Unterlippe, aber der Splitter war nun mal klein, aber nicht minder schmerzhaft und hatte sich tief in sein Fleisch gebohrt.

„Da bräuchte ich ‘ne Pinzette. Warte, ich bin gleich zurück.“ Yoji bat im Schwesternzimmer um eine Pinzette und kehrte zurück, um Schuldig vom Splitter zu befreien.

Der guckte ihn misstrauisch an. „Und du kannst so was auch? Ganz sicher.?“

Yoji lachte. „Das ist ein Splitter und keine OP am offenen Herzen.“ Währenddessen machte er sich bereits an Schuldigs Fuß zu schaffen und ehe dieser es sich versah, war der Splitter entfernt.

Dennoch hatte der Deutsche eine Miene aufgesetzt, wie ein fünfjähriges Kind und bibberte kaum merklich mit der Unterlippe.

„Was ist los? Ist doch schon raus. Siehst du?“ Yoji hielt ihm die Pinzette samt kleinem Störenfried hin.

„Hai… d-danke…“ Schuldig beguckte sich argwöhnisch den lädierten Fuß. „Nun bin ich ein kompletter Krüppel.“

„Das heilt doch schnell und bis dahin hindert es dich an unnötigen Ausflügen.“

„Unnötig?“ kam es leicht frustriert. „Ich bin kein Schwerinvalide, ich hab nur ein paar angeknackste Rippen…“

„Schlimm genug… wenn’s so harmlos wäre, wozu war dann das künstliche Koma?“

Unschuldig zuckte der Junge mit den orangefarbenen Haaren die Schultern.

„Siehst du, wir sind beide keine Ärzte, also vertrauen wir wohl besser erst mal ihrem Urteil.“ Yoji lächelte Schuldig sanft, aber leicht herausfordernd an.

„Pah, einem dieser Scharlatane vertrauen? Ohne mich… ich vertrau eh niemandem… fast niemandem…“

„Ach ja? Und für wen machst du ’ne Ausnahme?“

Daraufhin schwieg Schuldig verbissen, während sein Blick doch so viel widerspiegelte: Angst, Unsicherheit, aber auch Hoffnung auf eine andere Zukunft und darauf, dass er lernen konnte zu vertrauen.

„Also?“ Yoji grinste verhalten. „Doch niemand?“

„Nagi…“ Ein Name war schon mal raus, mit dem Rest ließ er sich Zeit.

„Okay… das ist doch ein Anfang. Ich hoffe, wir kommen irgendwann dazu. Schließlich haben wir einen gefährlichen Job, da ist Vertrauen wichtig.“

--- Ich weiß… ich versuch’s ja… --- Mehr vermochte sich Schuldig in dem Moment auch nicht einzugestehen, sondern sah Yoji nur aus schimmernden Augen an, bis er sich an die Infusion in seiner Hosentasche erinnerte und den etwas zerknautscht wirkenden Beutel daraus hervor zog.

Yoji schlug sich an die Stirn. „Ach ja… K’so… ganz vergessen.“ Er nahm Schuldig die Infusion ab und hängte sie wieder ordentlich auf den Ständer. „Ob die anderen wohl enttäuscht sind, wenn sie wiederkommen und wir beide noch leben? Bestimmt haben sie Wetten abgeschlossen.“ Yoji grinste.

„Wetten?“ Schuldig zischte in dem Moment auf, als die Infusion wieder frei fließen konnte und es schmerzhaft in seiner Hand brannte.

„Na wer von uns gewinnt…“

„Kchhhhht… bei was…?“ Schuldig kniff nun doch die Augen zusammen und sah Yoji erst im Nachhinein aus wässrigen Augen an.

Yoji musterte ihn besorgt. „Beim geistigen Augenauskratzen. Geht es?“ Sein Tonfall war ebenfalls von kaum verhohlener, echter Sorge geprägt.

„Es brennt, verdammt noch mal! Ich will das Zeug raus haben!“

„Ich würde dir ja gern helfen, aber ich weiß nicht, ob’s nicht doch wichtig ist“, murmelte Yoji zerknirscht, unsicher und hilflos.

„Was? Das ist nur irgend ne blöde Lösung. Ich kann ja auch mehr trinken, dann brauch ich das nicht… bitte…“ Schon hatte Yoji Schuldigs Hand mit der Infusionskanüle unter der Nase.

„Wirst du mehr trinken? Versprochen? Sorgst du dafür, dass ich das nicht bereuen muss?“

Schuldig guckte nur treuherzig und nickte, aber er würde wohl eh nie die verlangten zwei Liter Flüssigkeit pro Tag runter bekommen. Hatte er nie und würde er wohl auch nie.

Yoji klemmte die Infusion erst mal nur am Tropf ab. „Versprich’ es mir“, forderte er.

„Ja, ja und wehe du lässt das jetzt los und das schießt wieder los, dann knall ich dir eine…“ drohte Schuldig, aber mit einem feinen Lächeln auf den Lippen, das seinen Worten jeglichen Biss nahm.

„Versuch’s doch“, grinste Yoji dreist zurück, doch dann nahm er vorsichtig Schuldigs Hand und entfernte die Infusion aus der Kanüle.

Schuldig sah ihm dabei aufmerksam zu. „Ja und? Weiter…!“ forderte er Yoji auf alles zu entfernen.

„DAS brauchst du aber noch. Mann, die legen dir sonst nur ‘ne Neue… das ist kein Vergnügen.“ Yojis Tonfall war der eines leicht genervten Vaters.

„Wieso denn das? Ich brauch doch nichts mehr!“ Und Schuldig erinnerte an ein quengelndes Kind. So hockten die zwei nun voreinander. Yoji Schuldigs Hand in der seinen und beide funkelten sich an, wenn auch nicht wirklich böse, sondern eher herausfordernd, bereit für ein hitziges Wortduell.

„Doch, du brauchst das noch. Falls sie dir was Spritzen oder Blutabnehmen oder du einen Rückfall hast und ‘nen Tropf brauchst“, entschied Yoji rigoros.

„Ich werd garantiert nicht zu lassen, dass die mir irgendwas spritzen und Blut lass ich mir schon gar nicht abnehmen. Und nen Rückfall… pfft… wüsste nicht warum…“

Yoji seufzte, war mit seiner Geduld am Ende. „Weil du dich kein bisschen schonst“, schimpfte er und sah Schuldig enttäuscht-traurig an.

„Wieso auch? Ich konnte mich noch nie schonen und hab’s auch so immer irgendwie geschafft.“ Schuldig wollte trotzig gucken, aber der Blick, den er von dem anderen erntete, ließ ihn dieses Vorhaben schnell wieder vergessen und er sah Yoji um Verständnis heischend an.

„Aber irgendwann schaffst du’s nicht mehr.“ Yoji klang besorgt und betrübt.

„Wer sagt das? Dann kann man mich ja gleich erschießen, wenn ich’s nicht mehr bringe…“

„Okay… okay. Lassen wir das Thema, du bist ja eh’ nicht davon abzubringen. Das kenn’ ich schon…“ Yoji hob abwehrend die Hände und seufzte.

Zufrieden stahl sich ein Lächeln auf Schuldigs Lippen, das anders schien als sonst. Sanfter und ruhiger - einfach mal nicht künstlich.

„Jetzt geh’ ich aber vielleicht wirklich besser“, räusperte Yoji sich. „Bevor du mich doch noch dazu bringst, dich auch noch mitzunehmen.“

„Oh ja? Das würdest du tun?“ Hätte Schuldig einen Hundeschwanz gehabt, er hätte gewedelt.

„Nein“, stöhnte Yoji.

„Wieso nicht? Aya durfte ja auch früher heim…“ Ein absolut unwiderstehlicher Hundeblick folgte und eindringliches Bernstein bohrte sich in Smaragdgrün.

Yoji kämpfte mit sich. ‚Verdammt, am liebsten würde ich dich mitnehmen und behalten. Dich selber pflegen.’ Er hoffte, dass der Deutsche nicht gerade seine Gedanken las. „Aya durfte auch nicht…“ knirschte er. „Der ist auch einfach abgehauen… und wieder hier gelandet… mit schlimmren Verletzungen als vorher.“

Schuldigs Blick blieb standhaft. Zwar hatte er die Gedanken nicht gelesen, hoffte aber anscheinend auf irgendetwas in die Richtung und rutschte langsam wieder aus dem Bett, auch wenn seine ganzer Körper noch von einer feinen Gänsehaut überzogen war und die feinen, goldblonden und somit eigentlich unsichtbaren Haarchen, sich aufrichteten.

„Bleib’ liegen verdammt! Hörst du mir denn nie zu?“ Yoji stand am Rande der totalen Verzweiflung.

Ein Babyblick folgte. „Aber… aber ich dachte…“

„Was dachtest du?“ Yoji sprach wieder leise, spürte die Tränen der Verzweiflung bereits aufsteigen. „Ich geh’ wirklich besser.“

Schuldig sank zurück in die Kissen. „Okay… bye und… danke.“

Yoji stapfte langsam zur Tür. „Danke wofür?“ fragte er noch über die Schulter.

--- … Dass du mein Freund bist?… ---

Yoji drehte sich mit großen Augen um. „Ernsthaft?“ fragte er hoffnungsvoll.



Teil 14

Schuldig sah ihn halb unter der Decke hervor an. Kaum konnte man erkennen, dass er nickte, aber er tat es.

„Na dann… mach’ deinen Freunden keinen Kummer und überanstreng’ dich nicht. Ich komm’ morgen wieder.“

„Versprochen…?“ nuschelte Schuldig noch, als er sich schon in die Decke einkuschelte und die Augen schloss.

„Ja… oyasumi.“ Yoji trabte erleichtert, fast glücklich, auf den Flur.

Volle Kante in Omi rein, der zurücktaumelte, bis Ken ihn fest hielt. „Hey Yoji, warum die schnelle Flucht…?“ Misstrauisch wurde er aus vier Augenpaaren angesehen.

„Bin nicht geflohen, wollte gerade gucken, wo Ihr steckt. Schuldig schläft.“

„Nani? Und… und du… du bist… du bist bei ihm geblieben…?“ Omis Bambiaugen guckten Yoji leicht ungläubig an, der Kiefer war herunter geklappt.

„Ja… wieso nicht?“ fragte Yoji verwundert.

Ken schloss Omis Kiefer wieder. „Na ja, wir dachten eher, du würdest ihn dir vorknöpfen und die Leviten lesen. Aber wenn er einschläft wenn du da bist… wow… das Kerlchen muss dir ja echt vertrauen… Respekt. Du wickelst jeden um den Finger…“

Yoji runzelte lachend die Stirn. „Was?“ schnaubte er.

Ken grinste ihn nur an. „Ist gut so… wir brauchen Ruhe im Team, wenn wir Kritiker davon überzeugen wollen, dass sie uns nicht trennen dürfen…“

Yoji nickte. „Was ist mit Aya?“

Eben dieser war gerade im Besucherraum eingenickt. Nagi las immer noch in einem Manga und hatte das nicht mitbekommen, da die Handlung ihn fesselte.

„Werden wir auch schlafen bringen…“ Damit wuselte Ken schnellstens zurück und schob seine Hände unter Ayas Körper, um ihn dann vorsichtig anzuheben und zum Zimmer zu tragen. Abwartend sah er Yoji und Omi an, auf dass einer so nett war, ihm die Tür zu öffnen.

Das tat Yoji auch prompt und schickte Omi dann Nagi zu holen, damit sie heimfahren konnten.

Dieser löste sich nur widerwillig von seiner Lektüre, doch als er hörte, dass Omi die Reihe auch zuhause hatte, kam er mit.

Grinsend zog Omi Nagi an sich und glubschte dann um die Ecke ins Zimmer, wo Ken Aya gerade vorsichtig im Bett ablegte. Seine Jacke ließ er ihm an und deckte ihn dann ordentlich zu.

Nagi kicherte leise.

Schließlich konnte sich Ken doch losreißen und ging mit den anderen nach Hause. Am nächsten Tag war auch noch Zeit und er würde noch lange genug bei seinem Schatz sein können, von dem er noch immer nicht mehr als Freundschaft erwarten konnte.

Doch alles in allem konnten sie zufrieden sein. Die Zwei waren deutlich auf dem Wege der Besserung und sie tauten auf.

Als sie zuhause waren, fragte Nagi leise: „Omi, darf ich heute Nacht wieder bei dir bleiben?“

„Nein, wie kommst du denn darauf? Hast du vielleicht in der Zwischenzeit ein eigenes Zimmer bekommen oder so?“ Spielerisch streckte Omi dem anderen Jungen die Zunge raus und wetzte dann davon ins sein Zimmer, ehe er die Reaktion des anderen gesehen hatte.

Nagi quietschte und lief Omi nach, riss ihn auf dessen Bett.

„Wow…“ Omi fiel grölend um und brachte sich dann doch über den anderen. „Ne, ne, so leicht kommst du nicht nach oben“, feixte er.

„Was?“ Nagi riss die Augen auf.

Omi kicherte nur albern. „Du hast letzte Nacht schon halb auf mir geschlafen… mein armes Kreuz“, jammerte er.

Nagi grinste, doch es wirkte leicht gequält. „Ach so…“

Unsicher lächelte ihn Omi an. „Was ist?“ Langsam richtete er sich auf und guckte den dunkelhaarigen Jungen an.

„Nichts… ist schon gut…“

„Doch lieber ein eigenes Zimmer…?“

„Nein… ich… ich möchte bei dir bleiben… es tut mir leid…“ Nagi schlug den Blick nieder.

Daraufhin schlang Omi spontan seine Arme um den anderen Jungen und zog ihn an sich. „Hey, schon okay… was immer du willst…“

„Ich möchte wirklich bei dir bleiben.“

„Das freut mich… du bist viel angenehmer im Bett, als so ein unbeweglicher Teddy… du rutschst wenigstens zur Seite, wenn ich dich antippe…“

Nagi lachte leise. „Ich hatte nie ‘nen Teddy.“

„Ich werd mal im Kostümverleih nachfragen, ob die was in meiner Größe haben, dann haste einen…“ Omi ließ sich mit Nagi in die Kissen sinken und kraulte ihm sanft durchs Haar.

„Nee, du bist so viel niedlicher.“ Nagi schnurrte leise und kuschelte sich dichter an Omi.

„Niedlich?“ Omi knickte lediglich um und ergab sich dem Schicksal, als niedliches Kerlchen geboren zu sein.

„Was ist? Ich bin doch auch niedlich, oder? Wir sind zwei echte Bishônen!“

„Hai, hai… der Schrecken der Nacht. Am besten wir laufen in Bunnykostümen rum, dann kriegen wir auch jeden Verbrecher…“

„Ein harmloses Äußeres täuscht nur allzu oft über die Gefahr hinweg.“

„Okay, ich gebe auf, ich hab keinen Kommentar mehr, der besser ist…“ Omi drückte Nagi stattdessen an sich und zog die Decke nach oben. Sie beiden konnten ja auch schon schlafen, auch wenn Ken und Yoji noch unten waren.

„Aber morgen gehen wir doch echt in die Schule oder?“ fragte Nagi hoffnungsvoll.

„Hai…“ Damit schloss Omi die Augen und hoffte einfach, dass er rechtzeitig aufwachen würde.

„Wecker?“ Nagi grinste und stellte den Wecker lieber noch mal selbst, was sich als gut heraus stellte.

Unten hatte Ken sich trotz der späten Abendstunde noch einen Kaffee aufgebrüht und reichte Yoji nun auch eine Tasse.

Yoji blickte die Tasse verträumt an. „Und, Ken-kun? Wie stehen die Aktien?“

„Unverändert… ich hoff bei deinen sieht’s etwas besser aus…“

„Ja und nein… aber was macht das schon? Ist okay so…“ lächelte Yoji versonnen.

Ken lies sich gegenüber von Yoji in den Sessel sinken. „Du sprichst für mich in Rätseln…“

„Das macht nichts!“ Yoji trank seelenruhig seinen Kaffee.

Ken setzte eine Schnute auf. „Komm schon,… nur einen kleinen Hinweis, worum’s geht…“

„Warum?“ Yoji grinste Ken an.

„Weil’s mich interessiert… und du schließlich auch alles über mein Liebes- oder besser gesagt, nicht existierende Liebesleben weißt…“

„Ich weiß gar nichts… außer, dass du ihm nachschmachtest, aber anscheinend nicht weiterkommst. Die Götter wissen, warum…“

Wieder eine Schmollfresse von Ken. „Siehste? Ich weiß auch nicht mehr als du… also…“

„Okay… mein Liebesleben läuft genauso beschissen, aber es stört mich nicht, weil ich Freunde hab’. Das ist alles.“

„Dann willst du also wirklich noch was von deiner Verflossenen?“

„Ja… so könnte man es nennen…“ Yoji grinste zweideutig.

Ken knallte um. „Yo~ji…“ kam es mahnend. „Warum ist es dir diesmal ausnahmsweise so verdammt wichtig, es für dich zu behalten, wo du es doch sonst jedem, aber auch wirklich JEDEM, der’s hören will oder auch nicht, unter die Nase bindest…“

„Okay… wirst du die Klappe halten?“

Ken seufzte. „Wenn du dafür endlich die glühenden Kohlen auslöschst, auf denen ich schon seit etwa zwei Tagen stehe…“

„Okay… ich glaub’ ich bin verliebt…“ Und Yoji wurde tatsächlich rot. „Du darfst es niemand erzählen, schwöre!“

Ken hob völlig verblüfft die Hand zum Schwur. „DU? Ver-verliebt? Wow… dass ich DAS noch erleben darf… es muss doch so was wie einen Gott geben…“

Yoji wartete auf den immer noch ausbleibenden Schwur.

„I-ich schwöre…“ Ken tippelte zu Yoji und sah ihn mit glühenden Augen an.

„… in Schuldig…“ nuschelte dieser.

Ken blinzelte, pullte sich dann im Ohr und blinzelte wieder.

Yoji starrte ein Loch in den Boden.

„Ähm… jetzt im ernst?“ Ken schob sich in Yojis Blickfeld.

„Ja!“ knurrte Yoji etwas verschüchtert.

Ken ließ sich vor dem Älteren auf den Boden plumpsen. „Wahnsinn… ich wusste zwar, dass da was zwischen euch läuft, aber eigentlich eher das Gegenteilige… ich meine, du und er… ihr konntet euch doch noch nie… so richtig, mein ich… habt euch immer nur angeschnauzt…“

Yoji wünschte sich wirklich, im Erdboden zu versinken. Seine Wangen glühten. „Tja, kannst du mal sehen… war mit dir und Aya schließlich genauso…“

Das gab dann Anlass, dass Kens Wangen die selbe Farben wie Yojis annahmen, dennoch verlor er seine Wortgewandtheit nicht. „Hey, Yoji… dieser Rotton steht dir… versuch den mal bei Schu, vielleicht funkt’s dann bei ihm auch oder… wie sieht’s mit ihm aus?“

Yojis Augen sprühten Blitze, als er Ken ansah. „Sehr witzig… was weiß ich? Ich denke, er mag mich… und das ist schon genug für mich…“

„Er mag dich…? Klang irgendwie nie so richtig danach… oder meinst du, es war gespielt?“

„Ach… lass mich… was weiß ich…“ Yoji ließ sich resigniert in die Sofakissen sinken.

„Hey… so war’s nicht gemein…“ Ken krabbelte zu ihm und legte seine Ellbögen auf Yojis Knie. „Hast du was, was dafür oder dagegen spricht…?“

„Ja… er hat sich vorhin bei mir bedankt… dafür, dass ich sein Freund bin… reicht das?“

Ken blieb der Mund abermals offen stehen, dann nickte er. „Das ist viel… verdammt viel… hey, find es doch einfach raus… kümmere dich halt ein bisschen um ihn. Der ist doch genau so’n verschüpftes Ding wie Nagi… ist sicher dankbar für jegliche Zuwendung…“

„Was glaubst du eigentlich, hab’ ich vorhin getan und werde ich weiter tun?“ Yoji gelang wieder ein kleines Grinsen.

„Ah… unser Jäger ist schon auf Pirsch… aber hey… das ist dann nichts, was du wie deine Dates einfach abhacken kannst, das wird hoffentlich zum Team gehören…“

„Danke, Ken, für diese Belehrung. Da wär’ ich allein doch nicht drauf gekommen.“ Yojis Stimme troff vor Ironie. „Und wenn wir schon dabei sind… deins wird sich auch nicht einfach davonmachen, wie Yuriko… das gehört bereits zum Team.“

„Hmpf… da wird’s eh nie was geben… ich werd einfach drauf hoffen müssen, dass sich meine Gefühle irgendwann verabschieden…“ Ken zog die Beine an und schlang dann seine Arme drum herum und legte den Kopf auf die Knie.

„Willkommen im Club.“

„Hai…“ Trotz der Tragik des Ganzen grinste Ken leicht verloren.

„Und so saßen sie da, die zwei traurigen Ritter des Ordens der einsamen Liebe und schmachteten ihren Angebeteten nach, die doch auf ewig unerreichbar bleiben würden.“ Yoji seufzte.

„Na du toller Hecht, wirst es doch wohl irgendwie schaffen, sein Herz für dich zu gewinnen…“

„Ja klar… und wie bitte?“ stöhnte Yoji.

„Na du bist hier der Playboy… nicht ich…“

„Hallo… das ist Schuldig… nicht irgendein Püppchen. Der Typ hat alle meine Tricks drauf UND kann in mein Hirn gucken. Ich bin froh, dass er noch nichts gemerkt hat.“

„Vielleicht kann er so was nicht merken… scheint momentan etwas durch’n Wind zu sein… na mal gucken wie er sich entwickelt in den nächsten Tagen. Ich werd ein Auge auf euch zwei haben…“ Damit stand Ken zwinkernd auf und streckte sich erst mal kräftig durch. „Und Morgen früh, wenn Omi und Nagi in der Schule sind werden wir zwei gleich mal ins Krankenhaus tuckern…“

„Du darfst nur ein Auge auf uns haben, wenn du dann auch endlich mal was beim Rotschopf reißt.“ Yoji stand ebenfalls auf

„Was will ich denn reißen? Er weiß es ja… was will ich da noch mehr machen? Ich hab ihn schon zwei mal… na ja, ganz leicht nur, aber immerhin…“

Yoji lachte. „Und was hat er gemacht?“

„Nandemo…“

„Mensch, Ken, das ist Aya, der kommt nicht von selbst. Wenn du da was willst, musst du dich schon etwas mehr ins Zeug legen.“ Yoji lachte und klopfte Ken auf die Schulter. „Na ja… du machst das schon.“

„Hai… bin ja jung… hab ja noch sooooo viel Zeit…“ Ken tätschelte Yojis Hand und tapste dann langsam nach oben, doch er steuerte nicht sein, sondern Ayas Zimmer an und verkroch sich in dessen Bett und schlief bald darauf mit einem echt selten dämlichen Grinsen auf den Lippen ein.

Yoji verzog sich in sein eigenes Bett und schlief dort den Schlaf der Zufriedenen.

Punkt acht hämmerte Ken dann recht laut an Yojis Zimmertür und als dieser ihm verschlafen öffnete, war Ken bereits fertig angezogen und hielt dem Blonden schon ein Glas frisch gepressten Orangensaft hin. „Auf, auf in den Kampf…!“

„Igitt… bist du widerlich fröhlich, widerlich wach, widerlich laut und widerlich motiviert. Was ist nur aus Morgenmuffel-Ken geworden?“ murmelte Yoji verschlafen.

„Der hat schon seine morgendliche Runde mit dem Ball hinter sich und ist nun tief in mir drin am schlafen… na los, hopp, hopp, beweg deinen Hintern ins Bad, dann zieh dich an und wenn Zeit bleibt, kannst du noch was essen, aber ich will um neun im Krankenhaus sein, dann fängt nämlich die Besuchszeit an.“

Yoji stöhnte leise und bewegte sich unter die Dusche. Zwanzig Minuten später betrat er, seinen Pulli noch über den Kopf ziehend, die Küche und suchte sofort den Weg zur Kaffeemaschine.

Die weiße Tasse mit dem Aufdruck ‘Kiss me’ wurde ihm unter die Nase gehalten. Ken hatte an alles gedacht und hatte bereits den Autoschlüssel in der anderen Hand.

„He, ganz ruhig“, wehrte Yoji ab. „Erst mal in Ruhe Kaffee trinken, DANN losfahren.“

„Können wir nicht erst losfahren und dann Kaffe trinken?“

„Verdammt, wir scheren uns sonst auch nie um Besuchszeiten und du wirst es noch fünf weitere Minuten ohne Aya aushalten. Deinetwegen hab’ ich heute nur Katzenwäsche gemacht. Ich seh’ ohnehin scheiße aus, also lass mir wenigstens meinen Kaffee.“

„Och… Schu wird sicher drüber hinwegsehen… für ihn zählt ja wohl eh das Innere…“ Dennoch gab sich Ken danach schweigend und setzte sich noch mal an den Küchentisch und ging den Einkaufszettel durch, den er schon erstellt hatte.

Yoji trank seinen Kaffee und stopfte sich noch ein Hörnchen in den Mund. „Okay… geh’n wir…“ nuschelte er und trabte zum Auto, obwohl er tief in sich drin furchtbare Angst hatte.

Ken wackelte munter hinter her. „Hmmm, ne und dann fragen wir mal, wann wir die Beiden mit nach Hause nehmen können, wenn immer jemand bei ihnen ist. Ich meine, herumliegen können sie auch hier, oder?“

„Hai“, grinste Yoji. „Nur ausbüxen dürfen sie uns nicht wieder. Die sind schwerer zu hüten als ein Sack Flöhe.“ Er verdrängte die Angst auf dem Weg ins Krankenhaus, nur eine leichte, erwartungsvolle Unruhe blieb.

Doch das erste, was der nette Ken tat, war Yoji vor der Zimmertür stehen zu lassen, nachdem er geklopft hatte, um zu dem behandelnden Arzt zu flitzen und sein überaus wichtiges Anliegen vor zu legen.

Das sähe natürlich blöd aus, wenn nun auf Ayas „Herein“ niemand käme, also steckte Yoji vorsichtig den Kopf durch die Tür. „Hey, wie geht’s? Ken ist eben noch mal weg, kommt aber gleich.“ Unsicher grinsend schob er sich ins Zimmer.

Schuldig saß mit verschränkten Armen im Bett - eine neue Infusion prangte neben ihm und er schien mehr als nur verstimmt. Aber selber Schuld, man hatte ihn gewarnt und wenn er sich halt weigerte, den scheußlichen Krankenhaustee zu trinken… Er war kurzum wieder an den Tropf gelegt worden und nun stinksauer, was aber jedem nur ein müdes Lächeln abrang, benahm sich der 24-jährige doch viel eher wie ein 14-jähriger oder ein noch jüngeres Kind.

Yoji grinste halb mitfühlend, halb schadenfroh. „Na? Haben sie dich wieder erwischt?“

Von Schuldig kam ein unartikuliertes Gemurmel, dann aber wieder ein Blick, der die Herzen höher schlagen ließ.

Aya entschied, entgegen ärztlicher Anweisung, spontan zu einem weiteren Spaziergang. Diesmal allerdings nahm er sich die Zeit, sich Schuhe, etc. anzuziehen, über dem T-Shirt trug er immer noch Kens Jacke. Auf dem Flur hielt er auch nach eben diesem Ausschau und hoffte gleichzeitig, dass die Ärzte ihn nicht erwischten.

Yoji schluckte ob Schuldigs herzerweichendem Blick und setzte sich neben das Bett auf einen Stuhl.

„Mach du’s wieder ab?“ kam auch gleich die vorsichtig Frage des Deutschen. „Ich hab echt keine Schuld… der Tee hier ist einfach… scheußlich… da probier…“ Schuldig hielt Yoji den Becher mit dem kalten Tee entgegen.

„Nee“, sagte Yoji bedauernd. „Aber warte mal.“ Er flitzte aus dem Zimmer und kam wenig später mit zwei Packungen Eistee wieder. „Hier“, grinste er. „Wenn du das austrinkst, während ich da bin, mach’ ich’s ab.“

Schuldigs Augen leuchteten, guckten dann aber kritisch. „Versprichst du es?“ Er hielt dem Jüngeren die Hand hin.

„Versprich du, dass du es wirklich austrinkst und ich mach’s gleich ab. Aber wenn du dann nicht artig bist, drück ich’s persönlich wieder rein.“

„Wenn du lang genug hier bleibst… trink ich das aus… Besuchszeit geht bis 22 Uhr…“ Schuldig wollte auf Nummer sicher gehen, dass er genügend Zeit hatte.

„Okay…“ grinste Yoji.

Patsch, hatte er Schuldigs Hand wieder unter der Nase.

Yoji zog vorsichtig die Kanüle raus, immer darauf bedacht, Schuldig nicht wehzutun. Dann drückte er ihm die erste Packung in die Hand. „Jetzt du.“

„Becher…!“ Nachdem Schuldig das Gewünschte hatte und eingeschenkt hatte, sah er schon nicht mehr so begeistert aus. Spätestens als er den zweiten Becher zur Hälfte leer hatte, wurde er grün um die Nasen. Dennoch würgte er den Inhalt runter und hatte somit schon immerhin mehr als einen halben Liter geschafft. Doch irgendwie war sein Magen diese raue Menge nicht gewohnt und sein Gesicht begann die Farbe von grün zu bleich und wieder zurück zu wechseln.

„Hey, du sollst nicht alle drei Liter auf einmal wegkippen“, lächelte Yoji besorgt und sah sich schon mal nach einem „Brechgefäß“ um. „Sonst hab’ ich doch gar keinen Grund, hier zu bleiben.“

Verwirrt sah ihn Schuldig an. „Brauchst du den denn?“ fragte er vorsichtig und zog dabei die Beine etwas an, um Druck auf seinen Bauch auszuüben, was wiederum die Rippen aufschreien ließ, was aber noch angenehmer war, als dieses überfüllte Gefühl.

„Ich weiß nicht… also von mir aus nicht.“

„Würdest du auch ohne bleiben…?“ Oh Schuldig konnte ja so arg verwirrend daherreden und dann oft noch in so verdrehten Sätzen, die hie und da durchscheinen ließen, dass er die japanische Sprache gerade in Stresssituationen doch nicht so gut wie seine Muttersprache beherrschte.

„Ja… dir Gesellschaft zu leisten ist Grund genug“, lächelte Yoji und spürte das dünne Eis, auf das er sich begab, förmlich unter sich knacken und knirschen.

Schuldig schnaubte leise, wusste nicht mehr, was sagen und versuchte zu lesen. Versuchte irgendwelche Gedanken von Balinese zu erhaschen, um ein Thema zu finden, worüber sie sprechen konnten. Aber da war nichts… alles in einem einzigen Chaos, schlimmer als früher bei Aya. Verwirrt sah er Yoji an und begann mit der Ecke seiner Decke zu spielen.

„Was ist los?“ fragte Yoji verwirrt, mit leichter Panik in der Stimme.

„Du… du kannst blocken…“

„Ich kann was bitte?“

„M-mich abblocken… g-gomen, ich wollte wissen, worüber ich mit dir reden kann, aber ich… ich kann nichts erkennen, gar nichts…“ Diese Tatsache schien Schuldig nicht nur zu verwirren, sondern auch zu verängstigen und er rutschte in eine aufrechte Position im Bett.

„Warum fragst du dann nicht einfach? Ich… es wäre mir lieber, wenn du nicht in meinen Gedanken lesen würdest… die sind doch recht… na ja… privat, teilweise.“

„Gomen… es ist… Gewohnheit… auch zum Schutz…“

„Hast du das Gefühl, dass du dich vor MIR schützen musst?“ Yoji klang verletzt. „Ich dachte, wir seien Freunde.“

„Na ja, ich will nicht nur mich vor dir beschützen, ich will auch nichts sagen, was dich verletzt oder böse macht… es ging nun mal immer einfach, wenn ich so durchs Leben gegangen bin… Na ja, mit wenigen Ausnahmen, aber die sind nun aus der Welt geschafft…“

Yoji sah Schuldig verwirrt an. „Was für Ausnahmen?“

„Crawford und… na Crawford eben!“ ‚Achtung, Achtung, Schuldig, du Idiot, du hast dich fast verplappert, also halt deine Zunge im Zaum!’

Yoji guckte Schuldig immer noch traurig mit gesenktem Kopf an. Auch er hatte einen herzzerreißenden Hundeblick drauf. „Du vertraust mir nicht, oder?“ seufzte er leise

„Warum? Doch… doch sicher… wie kommst du darauf…?“ ‚Bin ich blöd oder was? Noch vor nem Monat hätte ich den Typen ohne mit der Wimper zu zucken erschossen und jetzt sag ich ihm, dass ich… oh du heilige Scheiße… ich tu’s wirklich…’ „… doch tu ich…“

„Dann gebrauche deine Kräfte nicht gegen mich. Es ist nicht immer gut, zu sehen, was im Innersten des Gegenüber liegt.“ ‚Ich wünschte, ich könnte es dir sagen, dir zeigen, aber… ich habe so schreckliche Angst. Früher hatte ich nie wirklich Angst vor dir… musstest du mir erst nahe kommen, um mich die Angst zu lehren?’

Schuldig pustete sich eine orange Haarsträhne aus dem Gesicht, da er in der linken Hand den noch nicht ganz leeren Becher hielt und die rechte dank der Kanüle unbrauchbar war. „Ne, Yoji… du könntest mir nicht nen Gefallen tun? Nur so aus gut Will… zahl’s dir auch zurück… so bald ich irgendwie an Geld komme…“

„Na?“ fragte Yoji leicht misstrauisch. „Was kommt nun?“ Er grinste unsicher.

„Ich brauch n Haarband… keine Ahnung wo meins ist… ist irgendwie abhanden gekommen…“ Er sah Yoji unschuldig grinsend an.

„Okay“, murmelte Yoji nur. „Besondere Wünsche?“

Schuldig sah ihn grinsend unter seinem Pony hervor an. „Na was wohl…?“

„Ich renne nicht für dich durch halb Tokyo, um wieder so eins zu finden wie du hattest. Also wenn es das nicht gibt…“ Yoji seufzte. „Na ja… ich werd’ schon was Passendes finden. Sonst noch was, wenn ich schon losgehe?“

„Nein… beeil dich einfach…“ ‚… mir wird sonst schnell langweilig…’

Yoji grinste nochmals seufzend und verschwand dann, um für Schuldig einzukaufen. ‚Ich muss bekloppt sein, dass ich mich zu seinem Laufburschen machen lasse…’ dachte er noch, doch es störte ihn nicht wirklich. Er war froh, dass Schuldig ihn brauchte.

Aya hatte es inzwischen aufgegeben, aktiv nach Ken zu suchen und wartete nun einfach im Besucherraum darauf, dass der Fußballer, der sich für ‘kommt gleich’ reichlich Zeit ließ, vorbeiflitze.

Der platzte dann auch erst ins Zimmer und winkte Schuldig nur kurz, da der, aus Langweile, die Kopfhörer aufgesetzt hatte, dann begann er sich wiederum auf die Suche nach Aya. Die Suche war gelinde gesagt kurz, den Ken steuerte als erstes gleich den Besucherraum an und sah den leuchtenden Haarschopf schon von weitem. Strahlend setzte er sich vor Aya in den Sessel und nahm dann spontan dessen Hände in die seinen.

„Aha“, hob dieser mit leichter Missbilligung die Augenbrauen. „Haben wir uns also doch noch zum Kommen hinreißen lassen? Na… dein Verständnis von ‘gleich’ möchte ich haben… oder vielleicht auch besser nicht.“ Doch als er Ken ansah, der ihn so anstrahlte, wurde Ayas Blick unwillkürlich weicher.

Ken strahlte trotz der Vorwürfe. „Frag mich mal, ob ich gute Neuigkeiten hab!“

Aya guckte erneut mit sanftem Tadel, aber fragte. „Hast du gute Neuigkeiten?“

„Hai, hab ich… frag was für welche?“

Aya verdrehte die Augen und seufzte. „Was für welche?“

„Soll ich sagen?“

„Nein, es macht mir Spaß, solche Spielchen mit dir spielen zu müssen, um dann doch nichts zu erfahren… Natürlich sollst du’s sagen!“

„Ihr… dürft Morgen nach Hause…“ Kens Grinsen schien von einem Ohr zum anderen zu reichen und es war erstaunlich, dass sein Unterkiefer nicht schon abgefallen war.

„Okay.“ Ayas Gesicht verriet keine Regung. Er schien sich schon wieder recht gut erholt zu haben, hatte schon das Image wieder ‘angelegt’.

Kens Grinsen erstarb dann doch nach einer Weile. „DU… kannst auch hier bleiben, wenn dir das lieber ist…“

Aya blickte ihn kühl an. „Jetzt sei doch nicht so zickig“, sagte er ruhig.

Ken glaubte seinen Ohren mal wieder nicht. „Hey, alles okay mit dir…?“ Besorgt guckte er dem anderen in die Augen, um irgendeine Regung zu erkennen. Dabei drückte er sanft dessen Hände, die ganz kalt waren, etwas fester und wärmte sie mit den seinen.

„Alles bestens.“ Ayas Tonfall erinnerte stark an den ‘Du reinigst die Couch’-Tonfall. Er sah Ken in die Augen und einen Moment lang blitzte dort die Zuneigung der letzten Tage auf, doch die Fassade blieb. Ayas mentale Mauer stand wieder.

„Okay… wunderprächtig… dann kannste mal für morgen schon deine Sachen zusammen packen. Wir kommen euch dann abholen…“ Ken versuchte verbissen freundlich zu bleiben und behielt Ayas Hände in den seinen.

Aya nickte stumm. Er zeigte keinerlei Regung, entzog Ken jedoch auch nicht seine Hände. Wieder wirkte es Sekundenbruchteile lang so, als wäre er ein Gefangener seiner selbst, doch auch dieser Eindruck schwand.

Irgendwann wurde es auch Ken unwohl und er suchte eine Ablenkung, fand die dann in dem Zurückkehrenden Yojis und deutete mit dem Kopf auf ihn. „Scheint, als hätte Schu schon einen Laufburschen gefunden…“

„Tja… er sollte das nicht ausnutzen. Das wäre nicht fair“, seufzte Aya.

„Er hat viel zu viel Angst, als dass er das tun würde…“ Ken nickte überheblich.

Aya sah Ken ungläubig an, die Stirn in Falten gelegt. „Was ist denn das für ne Logik?“

„Ah… man interessiert sich doch noch wieder für seine Mitmenschen… mal beiseite… na ja, mir scheint Schu hat reichlich Panik was falsch zu machen. Schließlich ist er neu und will keinen Ärger… außerdem… ich glaub Yoji tut’s nicht unfreiwillig…“

„Ich weiß, dass er’s nicht unfreiwillig tut“, zischte Aya gereizt. „Das sieht doch ‘n Blinder. Er ist genauso weggetreten wie du, vielleicht schlimmer.“ Aya entzog Ken nun doch seine Hände und trat ans Fenster, um hinauszublicken.

Ken biss sich hart auf die Unterlippe, widerstand jedoch dem Drang aufzustehen und wegzulaufen. Er blieb stur sitzen und kämpfte hier mit sich.

Aya blickte auf Tokyo, ohne recht hinzusehen. Das, was er sah, hatte sich ohnehin längst in seinem Gedächtnis verankert. Das Zimmer seiner Schwester ging zur gleichen Seite raus.



Teil 15

Währenddessen hielt Yoji Schuldig triumphierend grinsend zwei Haarbänder unter die Nase. „Hier! Weiß oder gelb?“

Schwere Entscheidung. Zum einen fand Schuldig, dass ihm Gelb besser stand, zum anderen würde weiß besser zu diesem beknackten Pyjama aussehen. Schließlich griff er nach dem weißen, das gelbe konnte er sich aufheben, bis er endlich hier draußen war, was bald war, wie er hoffte.

„Weiß ist gut… steht dir, finde ich ja auch besser als gelb“, grinste Yoji.

Ungläubig guckte Schuldig ihn nun endlich mit freier Sicht an und… wurde rot. „D-danke…“

„Kann ich noch was für dich tun? Und wieso wirst du rot?“

„WAS? I-ich bin nicht rot… vergiss es… nein, nein, ich bin zufrieden… nur noch hier raus und man könnte mich vielleicht sogar als glücklich bezeichnen…“ Doch Schuldigs Gesichtsfarbe blieb die Selbe, also zog er zum Schutz die Decke weiter nach oben.

„Na gut, dann such’ ich mal Ken und frage, wie’s gelaufen ist und wann Ihr raus dürft.“

„Mach das“, kam es wenig begeistert von Schuldig. Doch gerade als er sich umdrehen wollte, klopfte es kräftig an die Zimmertür. Verwirrt sah er zu Yoji, da die Anderen sonst nie anklopften. Viel Zeit blieb ihm dann aber nicht zum Überlegen, wer es sein könnte, denn die Tür wurde kräftig aufgestoßen und in den Raum trat ein fremder Mann mit Anzug, gefolgt von zwei uniformierten Soldaten.

Yoji guckte misstrauisch. „Sie wünschen?“ fragte er latent bedrohlich.

Der Mann im Anzug sah ihn kalt an, wandte sich dann aber an Schuldig. „Wir sind vom Ministerium für auswärtige Kriminelle. Der Fall ‘00801’ wurde noch nicht abgeschlossen. Sie sind vor acht Jahren geflohen, aber nun hat ihre Flucht ein Ende. Schuldig, hiermit nehmen wir sie in Gewahrsam. In drei Tagen werden sie zurück nach Deutschland geflogen!“

„Was, aber…?“ Schuldig hatte nicht ganz alles gerafft, aber er kannte das Gefühl in seiner Brust - Angst.

Yoji erstarrte vor Entsetzen einen Augenblick lang, dann lachte er. „Das ist nicht Ihr Ernst oder?“ Heimlich suchte er schon mal nach seinem Handy, um gegebenenfalls Birman anzurufen.

„Mischen sie sich da nicht ein! Schuldig, wir gehen…!! Ziehen sie sich was an oder wir nehmen sie so mit!“ Die beiden Uniformierten traten bereits hinter dem Anzugmann hervor.

„Er ist noch überhaupt nicht transportfähig“, grummelte Yoji wütend.

„Yoji, ich…“ Schuldig hatte nun eindeutig Angst. Auch wenn der Größere nichts mit der Fallnummer anfangen konnte, Schuldig wusste was sie bedeutete.

„Wir machen das schon. KEEEEN! KOMM HER, SCHNELL!!!“

Ken schreckte im Besucherraum auf. „Bringen sie sich doch um…?“ Er wartete gar nicht erst Ayas Meinung ab, sondern stürzte zurück ins Zimmer. Dort sah er nur, wie ein uniformierter Soldat Yoji festhielt, während ein andere Schuldig nicht gerade zimperlich aus dem Bett zerrte. „Was soll der Scheiß…?!“ Ken war außer sich. „So können sie doch nicht mit ihm…“

Der kleine Mann im Anzug trat vor Ken und sah ihn böse an. „Wir können. Das ist unsere landeseigene Angelegenheit und geht sie nichts an… führen sie ihn ab!“ Schuldig wurde nach vorne gestoßen, so dass er beinahe umfiel, wurde dann aber wieder zurückgerissen und aus dem Zimmer befördert.

„Verdammt, wir müssen telefonieren“, tobte Yoji noch immer in Gewahrsam. „Ken, los. Tu es.“

Auch der zweite Uniformierte und der Kerl im Anzug verließen nun das Zimmer. Ken kramte nach seinem Handy. „Wenn willst du…“ In dem Moment hört man von draußen einen abgewürgten Schmerzensschrei. Erschrocken starrte Ken zu Yoji.

„Verdammt, ruf’ Birman an“, bellte Yoji noch, während er schon auf den Flur hechtete.

Der Schrei war auch Aya nicht entgangen. Er trat, so schnell es ihm möglich war, aus dem Besucherraum.

Schuldig war vor den Männern auf die Knie gegangen. Einer der Kerle hatte ihm von hinten gegen die Rippen gestoßen und dass hatte den Deutschen zusammen brechen lassen.

Yoji tobte vor Wut. „Einen Arzt, wir brauchen einen Arzt. Es ist mir scheißegal, wer sie sind. Sie nehmen ihn so nicht mit.“ Aya sah mit Schrecken, wie Yojis Hand zu der Uhr an seinem Handgelenk glitt.

Doch einer der Soldaten hatte Schuldig schon hoch gerissen und schleifte ihn in Richtung des Ausgangs, während der Andere drohend seine Hand an die Waffe legte.

„Es reicht, Yoji!“ Aya bemühte sich, seine Stimme ruhig zu halten. „So kommen wir nicht weiter. Beruhig’ dich!“

Yoji knurrte, war noch nicht so recht überzeugt nachzugeben.

Ken kam nun ebenfalls aus dem Zimmer gestürmt. „Manx ist auf dem Weg hierher…“ Verwirrt sah er den Männern hinterher. „Ihr lasst sie gehen?“

Aya funkelte Ken an. „Was nützt uns ein Blutbad mitten im Krankenhaus. Das ist nicht unsere Art.“

Yoji war den Soldaten inzwischen so unauffällig wie möglich gefolgt.

Unsicher guckte Ken zu Boden. „Das Blut habt ihr schon hier…“ Damit deutete er auf ein paar Tropfen Blut am Boden, die sich in einer Spur hinter Schuldig und den Männern her zog.

„Was sollen wir denn machen? Was soll ich machen?“

„Geh’ doch! Hilf Yoji. Bewahre ihn vor einer Dummheit.“ Aya knurrte gekränkt.

Schulterzuckend eilte Ken dem blonden Killer hinterher. Kaum dass er ihn erreicht hat, sah er vor sich auch schon, wie Schuldig erneut einknickte und zu Boden ging. Nun erkannte er auch, woher das Blut gekommen war: ein dünner Blutfaden rann aus Schuldigs Mundwinkel und tropfte zu Boden. Erschrocken sah Ken, dass auch Yoji das Blut realisiert hatte.

Das war zuviel für Yoji, sein gesunder Menschenverstand setzte aus, sein Killerinstinkt erwachte. ‚K’so… ich töte sie!’ Mit einem leisen Sirren glitt der Draht aus der Uhr.

In diesem Moment stieg Manx vor den Anwesenden aus dem Wagen und hielt dem Mann im Anzug ein Schreiben unter die Nase. Die Befugnis schien stärker zu sein, als die der Männer und leise auf deutsch fluchend ließ man Schuldig los, der sich unmöglich auf eigenen Beinen halten konnte und zusammensackte.

Yoji ließ den Draht Draht sein und kümmerte sich um Schuldig, bemüht ihn möglichst sanft zu halten, aber Manx auch nicht zu deutlich zu zeigen, was ihn ihm vorging.

Diese hatte gerade mehr damit zu tun, die Männer zu vergraulen, auf ihre eigene, charmante Art und Weise, die Ken beinahe grinsen ließ. Aber da war noch die andere Sorge, die ihn jeglichen Gedanken an Manx Forschheit vergessen ließ. Er trat neben Yoji und Schuldig und guckte diesen besorgt an. „Was ist mit ihm?“

„Ich weiß es nicht.“ Yoji wimmerte fast, trug Schuldig vorsichtig zurück in die Klinik und wollte gerade einen Arzt suchen, doch das hatte Aya schon erledigt. Mit leichtem Widerstreben übergab Yoji Schuldig den Ärzten zur Behandlung.

Ken zerrte Yoji zurück ins Zimmer und zwang ihn regelrecht sich zu setzen. „Nun wart doch erst mal ab… es wird schon nicht all zu schlimm sein. Ich… ich werd auch nachfragen gehen…“ Damit verschwand Ken aus dem Zimmer und übergab Manx regelrecht die Klinke, die nun ins Zimmer trat, nachdem sie Ken zu genickt hatte.

‚K’so… das auch noch… keep cool!’ „Na Manx? Wie läuft’s?“ fragte Yoji betont lässig. „Neue Sandalen? Stehen dir auf jeden Fall gut.“ ‚Und jetzt grinsen!’ Yoji grinste Manx zweideutig wie immer an.

Aber deren Gesicht war ernst und sie knallte Yoji einen dicken Stapel Papier auf den Schoss.

„Was’ das?“ fragte Yoji erstaunt.

„Schuldigs Akte… ist interessant…“

Yoji blätterte durch den Stapel, überflog die Aufzeichnungen.

Manx zählte derweilen die wichtigsten Sachen auf. „… absolut grauenhafte Kindheit… mit 12 den eigenen Vater erschossen, der ihn und seine Mutter misshandelt hat…“ Sie schüttelte den Kopf. „Leider hat man von seinen Fähigkeiten erfahren und ihn in ein spezielles Heim gesteckt… ehrlich gesagt… nach den Informationen die Kritiker raus gefunden hat, werden heut zu Tage die Tiere im Labor besser behandelt, als damals dort die Kinder…“

Yoji schluckte. ‚Verdammt, SO schlimm hatte ich es mir nicht vorgestellt.’ „Tja… unprall… na ja, wir päppeln ihn schon auf.“ Yojis Gesichtszüge verdunkelten sich. „Wenn er die Behandlung… Misshandlung der Soldaten übersteht.“

„DAS ist das beste… das sind die selben Kerle aus diesem Center, wo er damals war… aber er ist mit 16 abgehauen und nach Japan geflohen… tja, es scheint, als wär er recht wertvoll für sie, dass sie ihn wieder zurück haben wollen und das mit allen Mitteln. Der Vorwand, dass es wegen seinem Vater ist, den er erschossen hat, ist nämlich an den Haaren herbei gezogen. Er war damals 12 und somit völlig unantastbar… aber sag das denen mal…“

„Und was machen wir nun?“

„Gar nichts… die haben kein Recht auf ihn, also werden wir unseres geltend machen… wir müssen ihn bloß noch hier einbürgern lassen…“

„Okay… dann ist ja alles paletti“, grinste Yoji.

„Wenn er wieder auf die Beine kommt…“ Ken war lautlos ins Zimmer getreten.

Yoji blinkte Ken an. „Wieso? Was ist?“

Der junge Fußballer wirkte unsicher und druckste herum, wusste er doch über Yojis Gefühle Bescheid. „Sie… sie haben ihn… nun ähm… er ist…“

„Also?“ fragte Yoji äußerlich unbewegt, innerlich völlig fertig. „Sag’ schon!“

„… im OP…“ beendete Ken schließlich schweren Herzens den Satz.

„Oh…“ Yoji schluckte, fing sich mühsam. „… okay… wird schon gut gehen. Na dann, Manx. Ich muss kurz weg. Danke fürs Erste und bis dann.“ Er stand auf und trabte aus dem Zimmer. Auf dem Flur begann er zu rennen, flüchtete sich aufs Herrenklo. Hierher würde Manx ihm wohl nicht folgen.

Ken verabschiedete sich recht hastig von Manx, wäre draußen dann aber fast in Aya gerannt. Erschrocken wich er aus und blieb einen Moment stehen.

„Ist sie weg?“ zischte Aya leise. Langsam sehnte er sich wirklich nach seinem Bett, aber überhaupt nicht nach einem Gespräch mit Manx.

Ken schüttelte den Kopf. „Hast du Yoji gesehen?“

Aya nickte, sagte jedoch „Nein!“.

„Sagst du Nagi und Omi noch Bescheid, wenn die zwei hier antraben…? Ich werd mich nach Yoji umsehen…“

Aya drückte sich an Ken, um ihm etwas zuzuraunen. „Er ist auf der Herrentoilette. Aber sieh’ zu, dass Manx nichts mitbekommt.“ Dann stellte er sich wieder normal hin. „Klar, mach’ ich. Viel Glück bei der Suche.“

„Danke… er wird wohl im Cafe sitzen und Weiber anmachen…“ Damit stürmte der Fußballer los und ließ Aya alleine mit Manx.

Aya seufzte und entschied sich, für sein Bett auch Manx auf sich zu nehmen. Müde krabbelte er rein und guckte Manx an. ‚Ich fange hier bestimmt nicht das Gespräch an.’

Aber die Sekretärin von Persha dachte gar nicht daran, länger als nötig zu bleiben. „Ich werd mich melden, sobald sich was tut und ihr euch auch, wenn ihr was wisst… gute Besserung Aya… und richte sie doch auch… Kevin…? Na jedenfalls an Schuldig aus, wenn er zurück kommt…“ Manx guckte in die Unterlagen, um sich zu vergewissern, dass sie sich den richtigen Vornamen Schuldigs gemerkt hatte.

„Mach’ ich… bis dann.“

Damit war für Manx auch klar, dass sie reichlich unerwünscht war und ließ Aya in Ruhe. Von Siberian und Balinese war eh nichts mehr zu sehen, also machte sie sich auf die Rückfahrt.

Ken hatte zur gleichen Zeit die Herrentoilette betreten und sah sich suchend nach Yoji um.

Dieser bemühte sich, in einer der Kabinen mit hochgezogenen Beinen, nicht zu laut zu seufzen und schniefen, was allerdings nur unzureichend gelang, und Ken so perfekt zu ihm lockte.

Vorsichtig pochte dieser gegen die Tür. „Yoji, machst du bitte auf…?!“

„Nein“, kam es von innen.

„Komm schon… es ist doof, sich mit ner Tür zu unterhalten…“

„Nein. Ich seh’ scheiße aus. Das sollte keiner sehen.“

„Yoji… ich hab dich schon völlig zerschlagen und abgewrackt gesehen…“

„Hmm… okay…“ Yoji machte die Kabinentür auf. So schlimm sah er gar nicht aus, hatte nur ein bisschen geweint.

Ken schloss die Tür wieder und trotz der Enge der Kabine ließ er sich an der Wand herab zu Boden sinken. Schweigend sah er hoch zu Yoji. Jedes Wort wäre ihm nun irgendwie falsch erschienen.

„Ich konnte nicht da bleiben. Ist Manx jetzt gegangen? So toll ist die Toilette hier nicht.“ Yoji versuchte ein tapferes Grinsen.

„Ich denk, Aya wird sie schon vergrault haben… na komm…“ Ken drückte sich wieder nach oben und schloss die Tür auf.

„Gut.“ Yoji erhob sich vom Klo, machte auf dem Weg nach draußen noch mal vom Waschbecken gebrauch, um sein Gesicht zu erfrischen. „Wie schlimm sieht’s wirklich aus?“ fragte er leise, mit leicht zittriger Stimme.

„Was? Meinst du warum die OP?“

„Ja… wie steht es um ihn?“

„Der Riss in der Lunge, der eigentlich schon am Heilen war, ist wieder aufgerissen und die Lunge hat sich mit frischem Blut gefüllt, da er nicht alles ausspucken konnte… es ist keine all zu große Operation, meinte die Schwester, die mir Auskunft gegeben hat… das gibt nur zwei kleine Schnitte von jeweils knapp zwei Zentimeter…“

„Also… wird… er… es… überleben!?!“

Ken nickte und öffnete Yoji die Zimmertür. „Das bestimmt… schließlich ist er kein Weichei, auch wenn sein allgemeiner Zustand zu wünschen übrig lässt…“

Aya guckte die Beiden müde, aber zufrieden an. „Da seid Ihr ja wieder.“

„Hast du uns vermisst?“ Ken versuchte ein müdes Lächeln.

„Ja… war echt langweilig, seit Manx gegangen ist.“ Aya gähnte leise.

Yoji setzte sich auf einen Stuhl und wartete. Nervös spielte er mit seinen Fingern.

Nach schier unendlichen zwei Stunden wurde endlich die Tür des Zimmer geöffnet und ein Pfleger nahm das leere Bett hinaus, nur um gleich darauf ein belegtes hinein zu schieben. Ken reckte seinen Hals, um etwas zu erkennen, jedoch schon die Geräte um das Bett und deren nervigen Geräusche ließen ihn resignieren.

Yoji guckte ebenfalls, zwang sich hinzuschauen, egal was er sehen mochte.

Aya warf lediglich einen kurzen Blick rüber, spürte er die Müdigkeit doch schon bleischwer in allen Knochen.

Der Arzt, der ebenfalls ins Zimmer gekommen war und dem die besorgen Blicke der jungen Leute nicht entgangen war, lächelte aufmunternd. „Alles in Ordnung. Er hat es gut überstanden… sogar erstaunlich gut, nachdem man mir berichtet hat, wie man mit ihm umgegangen ist. Ich hoffe, die Verantwortlichen werden zur Rechenschaft gezogen…“

„Das werden sie sicherlich“, knurrte Yoji leise, aber entschlossen, so dass Aya ihm schon wieder einen kritischen Blick zuwarf.

Dem Arzt entging zum Glück das gefährliche Glitzern in Yojis Augen und so fuhr er unbekümmert fort. „In zwei, drei Tagen dürfte er sich wieder erholt haben und dann hoffen wir, dass er Anfang nächster Woche nach Hause kann. Natürlich vorausgesetzt, er hat jemanden, der sich um ihn kümmern kann.“

„Das machen wir schon!“ beeilte Yoji sich. Sein finsterer Gesichtsausdruck war Fürsorge gewichen.

Aya grinste innerlich. ‚Gut, solange du dich um Schuldig kümmerst, machst du wenigstens keinen Unsinn.’

„Sehr schön…“ lachte der Arzt. „… und Fujimiya-san kann ja morgen schon nach Hause, wie ich gesehen habe.“

Aya sah den Arzt an und nickte kurz.

Ken versuchte, seine Freude über Ayas offizielle Entlassung, nicht all zu offen zu zeigen. Schließlich verabschiedete der Arzt sich wieder und ließ die Vier alleine im Zimmer zurück.

Yoji trat an Schuldigs Bett, betrachtete ihn besorgt und liebevoll. „Gomen… gomen nasai…“ murmelte er leise und traurig. „Ich konnte dich nicht beschützen… aber ich mach’s wieder gut.“

Ken, der sich zu Aya auf die Bettkante gesetzt hatte, hob eine Augenbraue, während er Yoji beobachtete.

Aya bemühte sich ebenfalls, die Augen offen zuhalten. Das war doch interessant. Yoji sah sehr verloren aus, wie er da so stand. Er hätte so gerne Schuldigs Hand ergriffen, doch er traute sich nicht.

Ken wartete und wartete. Dann wartete er noch etwas und dann… wartete er noch eine weitere Minute, bis es ihm zu bunt wurde. „Er ist nicht aus Glas… und er schläft nur…“

„Ja und?“ fragte Yoji gereizt. Er fühlte sich ertappt. Aya grinste heimlich hinter dem Rücken der Anderen.

Ken fing an zu tadeln. „Yoji, stell dich nicht an, als hättest du noch nie mit nem anderen Menschen zu tun geha… siehste… zu spät… er wacht auf…“ Damit deutete er auf Schuldig, der sich langsam in seinem Bett zu regen begann.

„Halt’s Maul, Ken!“ blaffte Yoji, dann wandte er sich wieder Schuldig zu. „Na? Aufgewacht?“ Er lächelte den Deutschen aufmunternd an.

Der zog zu erst mal die Augenbrauen zusammen und hob dann langsam eine Hand nach oben und legte sie an die feinen Schläuche, die in seine Nase führten.

„Bitte, Schuldig… lass sie drin, dann darfst du bald wieder nach Hause“, bat Yoji.

Müde Augen richteten ihren Blick auf Yoji. Er hatte gar nichts machen wollen, wollte nur wissen, was ihm da so ein seltsames Gefühl bescherte.

Yoji blickte Schuldig lieb lächelnd an. „Es wird alles gut. Es tut mir leid, ich werde dich nie wieder im Stich lassen.“

Schuldigs Mund öffnete sich, um etwas zu sagen, aber aus irgendeinem Grund brachte er keinen Ton heraus. Enttäuscht blickte er auf seine Bettdecke und schloss die Augen. Nur unter aller größten Anstrengung schaffte er es Yoji direkt anzusprechen. --- Yo-ji…? ---

„Psst… lass’ es.“ Yoji legte sanft seine Hand an Schuldigs Wange. „Nicht reden, auch nicht telepathisch. Ruh’ dich erst mal aus.“

Dessen benötigte Schuldig kaum einer zweiten Aufforderung. Doch als er tief durchatmen wollte, zuckte er fast panisch zusammen.

„Vorsichtig!“ mahnte Yoji sanft. Er war ebenfalls zusammengezuckt, spürte Schuldigs Schmerz fast körperlich. „Du hattest eine kleine Operation. Aber es wird alles wieder gut!“

Ken guckte kurz über seine Schulter und zwinkerte Aya vielsagend zu, während er den Daumen in die Höhe reckte.

Aya verdrehte die Augen und zuckte leise seufzend die Schultern. „Wurde ja auch Zeit“, gähnte er und kuschelte sich in die Kissen.

Der Versuchung nicht widerstehen könnend, strich ihm Ken kurz durch die Haare und hüpfte dann vom Bett. „So, ich lass ihn dann mal schlafen…“ meinte er zu Yoji und deutete auf Aya. „Du bleibst ja sicher noch hier… ich werd die Kleinen abfangen und aufklären, warum sie heute wohl besser nicht her kommen sollen…“

„Oyasumi“, murmelte Aya leise.

Yoji nickte Ken nur stumm zu.

Der verzog sich nach Hause, um Nagi und Omi in Empfang zu nehmen, wenn diese aus der Schule kamen.

Nagi war so happy. Schule war klasse und keiner hatte gemerkt, dass er nicht normal war. Seine Klasse war nett und in der Pause hatte er bei Omi gegessen. Jetzt hüpfte er immer noch beschwingt um Omi herum und pfiff fröhlich vor sich hin.

Dem war schon ganz schwindlig und er hatte Mühe, die beiden Rucksäcke zu tragen. Schließlich knallte er beide aufs Sofa, direkt neben Ken, der ihn schief angrinste. „Na, schöne Prüfungen geschrieben?“ wollte der Braunhaarige wissen.

„Nein“, quietschte Nagi vergnügt. „Ich war nur an der Karte in Geographie. Schule ist super. Fahren wir heute noch zu den anderen?“

Omi hatte sich der Länge nach aufs Sofa geknallt. „Die kommen morgen doch heim, oder?“

Ken nickte. „Aya kommt morgen heim… ja…“

Nagi machte große Augen. „Und Schu?“

„Muss noch etwas bleiben. Er… hatte nen kleinen Rückfall heute…“

„Was?“ Nagi guckte Ken erschrocken an. „Was für’n Rückfall?“

Nun richtete sich auch Omi wieder langsam auf und sah Ken forschend an, der sich sofort unwohl fühlte. „Na ja, nichts schlimmes, nicht wirklich jedenfalls… er… na ja, der Riss in der Lunge… ist wieder aufgerissen…“

„Nix schlimmes?“ quiekte Nagi. „Das nennst du nix schlimmes?“

Hilflos zuckte Ken mit den Schultern.

Nagi warf sich neben Omi aufs Sofa. „Und wie geht’s ihm jetzt?“

„Na ja, er… schläft, die OP hat ihn wohl doch geschlaucht…“

„Aber… wie konnte das passieren?“

„Lange Geschichte…“ meinte Ken, konnte aber schon Omis Blick auf sich gerichtet spüren, der auszusagen schien, er solle nicht lange drum herum reden, sondern erzählen. Seufzend folgte Ken der stummen Aufforderung und berichtete, was im Krankenhaus vorgefallen war.

Nagis Augen, mit dem ungläubigen, erschreckten Blick, wurden größer und größer, je länger Ken erzählte. Nachdem dieser geendet hatte, saß der Kleine erstmal einige Augenblicke stumm da und blickte zu Boden.

Omi hatte sofort das Verlangen ihn zu trösten und so zog er ihn vorsichtig in seine Arme und strich ihm über den Rücken, während er Ken ebenfalls aus großen Augen ansah.

„Doshite?“ fiepste der Kleine. „Es war doch gerade alles gut. Warum passiert das? Manchmal denke ich, auf uns lastet ein Fluch.“ Nagi seufzte gequält auf.

„Etwas Gutes hat das Ganze wenigstens… Uups…“ Ken hatte wohl gerade gemerkt, dass er angefangen hatte, aus dem Nähkästchen zu plaudern, also biss er sich auf die Zunge und schwieg.

„Was? Was soll daran schon gut sein?“

„Vergiss es…“ Ken erhob sich. „Wirst es wohl früh genug sehen. Aber erst morgen. Heute ist es besser, wenn nur Yoji bei ihm bleibt… Aya ist auch müde und braucht Ruhe…“

„Und wieso darf Yoji bei ihm bleiben?“ fragte Nagi misstrauisch. „Er ist wie ein Bruder für mich… ich sollte auch…“

„Es ist besser so… glaub mir“, versuchte Ken Nagi zu überzeugen. „Yoji war dabei, als es passierte und er passt jetzt auf ihn auf, wie auf seinen Augapfel…“

„Das ist es oder?“ mutmaßte Nagi. „Das was ich noch sehen werde…“

„Huh?“ Nun sah Ken Nagi reichlich verwirrt an. „Okay, das Ganze nun auch für die Dummen hier im Raum, also für mich…“

„Na, er ist der Einzige, der zu ihm darf. Er hütet ihn wie seinen Augapfel. Schuldig lässt ihn das machen, was bedeutet, dass er Yoji vertraut, was mehr als erstaunlich ist. Also… die beiden haben entweder was miteinander oder sie sind SEHR gute Freunde, was fast schon aufs Gleiche hinausläuft.“

„Ähm… Schuldig ist gaga, der weiß momentan gar nichts… also daran liegt’s wohl nicht. Er würde momentan auch ner Gummipuppe vertrauen…“

„Das glaube ich nicht“, sagte Nagi mit einem hintergründigen Lächeln. „Und ich will nicht noch mal hören, dass du ihn gaga nennst.“

Ken hob die Hände. „Okay, okay, ich hab nichts gesagt… du bist von alleine drauf gekommen, klar? Ich will nämlich nicht erhängt werden…“

„Ja… klar…“ grinste Nagi. „Ich glaub’s nicht, wenn das stimmt…“ Er schüttelte den Kopf.

„Diese Logik wird mir irgendwie immer verborgen bleiben…“ Ken zuckte mit den Schultern. „Also… was wollen die Herren zu Abend essen…?“ Ganz offenbar war Themenwechsel angesagt.

„Hmm… egal… Hauptsache lecker, ungesund und viel…“ feixte Nagi.

Omi klatschte sich die Hand an den Kopf. „Oh nein, er übernimmt jetzt schon Yojis Ernährungsweise…“

Nagi grinste und suchte sich in der Küche selbst was zusammen, was in diesem Fall mal wieder Pizza aus dem Tiefkühlfach hieß.



Später am Abend, im städtischen Krankenhaus, wachte jemand aus einem mehr als erholsamen Schlaf auf und sah sich erst mal etwas verwirrt um. Dann erst erinnerte sich Schuldig nach und nach was passiert war. Langsam rollte er den Kopf zur Seite, um zu Ayas Bett zu blicken.

Dabei fiel sein Blick jedoch zuallererst auf Yoji, der halb sitzend, halb auf der Kante des Bettes liegend eingeschlafen war.

‚Was…?’ Verwirrung schlich sich in die trüben Augen des Deutschen und er versuchte einzuordnen, warum Yoji genau da lag, wo er eben lag. Langsam schob Schuldig schließlich eine Hand unter der Decke hervor, um den anderen leicht anzutippen.

Yoji schreckte hoch, blickte Schuldig ebenfalls einen Moment lang verschlafen und verwirrt an. „Oh, du bist wach… wie geht’s dir?“

„Was… was machst du hier…?“ kam leise die Gegenfrage.

„Bin eingeschlafen… gomen… ich fahr wohl besser heim.“ Yoji rappelte sich auf.

„Was…? Nein… nein bleib ruhig…“ Schuldig schloss ob einer Schwindelattacke die Augen, nachdem er versucht hatte, den Kopf etwas zu heben.

„Du solltest wirklich erst mal liegen bleiben.“

„Uhm… schon… schon klar… oh wow… ich fühl mich irgendwie wie bekifft… na ja, zumindest glaub ich, dass man sich so fühlen muss, wenn man bekifft ist…“ Schuldigs Akustik funktionierte jedenfalls schon wieder hervorragend.

„Warst du noch nie bekifft?“ fragte Yoji leicht belustigt.

„N-nein… aber ich fühl mich grad high…“

„Ist wahrscheinlich noch die Narkose. Das vergeht schon. Genieß’ es, solange es dauert“, grinste Yoji.

„Hmm… wenn… wenn du meinst…“ Schuldig versuchte wieder tief durchzuatmen, was diesmal immerhin halbwegs schmerzfrei gelang.

„Und wie fühlst du dich ansonsten? Erinnerst du dich, was passiert ist?“

Schuldig kniff die Augen zusammen. „Da waren Typen in Uniformen…“

„Ja… Manx hat dich rausgehauen. Warum will Deutschland dich unbedingt zurück?“

Kurz schien Schuldig zu überlegen, dann senkte er den Kopf und kuschelte sich fester in die Kissen. „Die wollen mich nicht… die wollen meine Fähigkeiten…“

„Und wofür?“

„Keine Ahnung… ich hab damals nicht nach gefragt, sondern bin abgehauen… wenn ich richtig vermute, für nichts Gutes…“

„Okay… ist ja auch egal. Wenn du artig bist, darfst du Anfang der Woche raus.“

„Raus? Nächste Woche? Ich dachte Morgen…“

Yoji senkte den Kopf. „Es tut mir leid… deine Lunge ist wieder aufgerissen, aber sie sagen, es geht dir sehr gut… es ist alles meine Schuld.“

„Deine…?“ Nun sah Schuldig ehrlich überrascht aus, aber sein Blick wurde allmählich wieder klarer.

„Ich hätte eingreifen können… eingreifen müssen… aber ich hab’s nicht getan. Sie haben dich verschleppt, dich fast umgebracht. Es tut mir leid, ich habe dich im Stich gelassen. Ich bin kein besonders guter Freund, deines Vertrauens nicht wert… das alles war ich noch nie… ich bin egoman… selbstsüchtig und selbstherrlich.“

--- Dann wär’s dir jetzt egal… --- Schuldigs Gedanken waren derart sanft und warm eingepackt, dass es Yoji einen angenehmen Schauer durch den Körper laufen ließ, als der Deutsche direkt in seine Gedanken sprach.

„Auch das geschieht nur aus Selbstsucht. Vielleicht gehe ich wirklich besser.“ Yoji seufzte schwer.

--- … nicht alleine lassen… --- Zu diesen Gedanken folgte ein fast ängstlicher Blick. „Nichts… ist schlimmer als Einsamkeit…“ hauchte der junge Deutsche leise.

Yoji schaute tief in bernsteinfarbene Augen, die nun dunkel im Schatten lagen und ihre Farbe nicht preisgaben. Und doch erinnerte sich Yoji an dieses warme, honiggoldene Bernstein, sah es vor sich. „Nein, ich werde dich nicht allein lassen.“ ‚Niemals!’

„Danke…“ Schuldigs Finger krallten sich leicht in Yojis Pulloverärmel und hielten ihn fest, während seine Augen sich langsam wieder schlossen, sein Atem ruhiger wurde.


Teil 16

Langsam ließ Yoji sich wieder auf den Stuhl sinken, suchte eine bequeme Haltung, ohne Schuldig zu stören oder dessen Hand von seinem Pullover zu lösen. Eigentlich war es einer seiner teuersten Lieblingspullis aus Angora, aber das war Yoji im Moment völlig gleichgültig. Schuldigs Nähe, dieses Zeichen der Verbunden- und Vertrautheit rechtfertigte jede Leierfalte.

Schuldig verschlief beinahe die nächsten 24 Stunden, ohne auch nur einmal mit der Wimper zu zucken. Er merkte weder, dass die Besucher sich abwechselten, noch dass Yoji ging, wenn auch nur kurz und wieder kam. Schließlich befand sein Körper dann, dass genug geschlafen war und der Nebel des Tiefschlafes begann langsam sich zu lichten und bald darauf blinzelte Schuldig vorsichtig, konnte jedoch nichts richtig erkennen.

Eine Hand fuhr sanft über sein Gesicht, jemand beugte sich zu ihm runter und eine Stimme, die er als Yojis erkannte, fragte sanft: „Na, ausgeschlafen? Wie fühlst du dich?“

„Hmm…? Komisch…“ Langsam öffneten sich Schuldigs Augen ganz und er blinzelte ein paar Mal, um eine klare Sicht zu bekommen. Dann schluckte er nur und guckte Yoji zerknittert an. „Du… du bist aber nicht immer hier geblieben oder…?“ Das erste, was Schuldig aufgefallen war, waren die dunklen Ringe unter Yojis Augen und das bescherte ihm irgendwie ein schlechtes Gewissen.

„Nee!“ lachte Yoji. „Ich war zwischendurch Zuhause.“ Dass dieser Aufenthalt sich lediglich aufs Duschen, Umziehen und Kaffeekochen beschränkt hatte, verschwieg der Blonde geflissentlich.

Verschweigen war gut, aber Schuldig war besser und so verzog er sein Gesicht nur leicht und sein Blick haftete sich auf Yojis Pulli und es schien, als würde er die Falten darauf studieren, als er sich leise entschuldigte. „Gomen… war eigentlich wirklich nicht nötig… ich hab geschlafen wie ein Stein…“

Yoji zuckte die Schultern. „Pech… besser so, als dass du aufwachst und allein bist. Okay…“ Sein Grinsen wurde breiter. „… ich seh’ jetzt aus wie der Glöckner von Notre Dame und keine Frau guckt mich mehr an, aber was soll’s?“

„Frauen sind eh doof…“ Die Aussage klang wie die eines Zehnjährigen.

Yoji guckte Schuldig verdutzt an, lachte dann. „Na du musst es ja wissen…“ feixte er.

„Wieso…?“ Schuldigs unschuldiger Blick wirkte nach wie vor ehrlich, aber der Schalk blitzte bereits heimlich darin.

„Na, du bist die erste ernsthafte Konkurrenz in Sachen Designerklamotten für mich“, zwinkerte Yoji.

„Hat das was damit zu tun? Ich mag es nur nicht, in Klamotten rum zu laufen, die jeder trägt…“

Yoji lachte. „Also steigst du keinem einzigen Mädel nach?“

„Ne, sie mir… warum nur? Ich bin doch echt das größte Ekel… ich bezahl nix im Restaurant, ich mach keine Geschenke, Blumen mag ich eh nicht… oh… werd ich wohl bald mögen müssen…“

„Warum gehst du dann überhaupt mit ihnen aus, wenn’s dich doch nur ankotzt? Und ja… Blumen solltest du mögen, das wäre wirklich von Vorteil, sonst teilen die uns doch.“

„Was denn teilen?“

„Eigentlich will Kritiker nicht mehr als vier… also wollen sie Euch woanders einteilen… aber das wollen wir ja alle nicht und deshalb müssen wir wie ein Mann stehen… also wirst du auch Blumen mögen.“

„Okay, ich mag Blumen…“ Schuldig richtete sich langsam im Bett auf, hielt sich aber die Seite.

„Hältst du das für klug?“ fragte Yoji besorgt. „Kannst du nicht mal für fünf Minuten stilliegen?“

„Ich hab 24 Stunden oder mehr gelegen… reicht das nicht…?“ Ein Babyblick traf Yojis.

Yoji drehte leicht verwirrt den Kopf zur Seite. „Du wirst im Bett bleiben! Ich will dich nicht schon wieder tragen müssen.“

„Oh? Bin ich zu schwer…?“ Schuldig wirkte, als wolle er Yoji jeden Moment in die Arme springen, um sich herumtragen zu lassen, nur um nicht mehr in dem öden Bett liegen zu müssen.

„Nein, du erschreckst mich, wenn du ständig zusammenbrichst. Selbst wenn du es wolltest, könnte ich dich nicht ruhigen Gewissens alleine lassen.“ Yoji war durch die lange Wachzeit leicht gereizt, bemühte sich aber um Ruhe und Konzentration.

Schuldig sah leicht pikiert aus. „Na gut… bleib ich halt liegen… willst du dich nicht hinlegen gehen…?“

„Nein.“ In Yojis Stimme klang ein verzweifelter Unterton mit. „Ich kann dich nicht allein lassen… ich will auch nicht.“ Die Erschöpfung des jungen Mannes war deutlich zu sehen.

Schuldig schluckte, dann rutschte er kurzerhand zur Seite. „Dann leg dich hier hin! Ich dreh mich auch auf die andere Seite…“

„Das geht doch nicht“, wehrte Yoji sich noch halbherzig, doch innerlich wünschte er sich nichts mehr als das. Schlafen, und das auch noch neben dem Menschen, den er um jeden Preis glücklich machen wollte. Sehnsüchtig betrachtete er das weiche Bett.

Und Schuldig wurde gemein. --- Na los, leg dich hin! Es ist schön weich… und angenehm warm… du bist doch so müde… und Schlaf wird dir gut tun… ---

Yojis mühsame Abwehr erlahmte und er kuschelte sich ein. „Aber… du… darfst… nicht… abhauen…“ gähnte er noch, dann war er auch schon eingeschlafen.

„Wohin sollte ich denn…?“ Schuldig legte sich, wie versprochen, auf die andere Seite des Bettes und drehte Yoji den Rücken zu.



Aya war in der Zwischenzeit weniger fügsam. Langsam aber sicher brachte er Ken mit seinem Dickkopf um den Verstand. Kaum guckte der Sportler mal nicht hin, lief Aya einfach durch die Gegend, obwohl er doch klingeln oder rufen sollte, wenn er was brauchte. Gerade jetzt fand Ken Aya im Wohnzimmer vor dem Bücherschrank kniend und den zweiten Band seiner „Assassinen-Trilogie“ rauswühlend.

Ken guckte gerade aus der Küche und sah sich suchend um? „Aya…? Aya?! Oh Aya, wo steckst du schon…“ Er hatte ihn gefunden. „WAS tust du DA UNTEN?“

„Ich hab’ mir mein Buch geholt“, erklärte Aya ruhig im Aufstehen, welches sich für den geübten Beobachter jedoch schon vorsichtiger als sonst gestaltete. Er drehte sich zu Ken und hielt ihm ‘Des Königs Meuchelmörder’ unter die Nase. Wie immer schien er sich keiner Schuld bewusst.

Kens Arm und der ausgestreckte Zeigefinger reckte sich nun unter Ayas Nase entlang und deutete aufs Sofa. „Marsch oder ich trag dich eigenhändig da hin!!! Die machen doch alle mir nen Vorwurf, wenn du wieder zusammen klappst…“

Aya trabte einfach an Ken vorbei. „Ich weiß schon, was ich tue und ich geh’ in mein Zimmer.“

Ken knickte ein. „Kleinkind…“

„Ja ja… von dir kratzt mich das sehr.“ Ayas warf eine abwinkende, abfällige Handbewegung über die Schulter und verzog sich nach oben.

Ken ließ sich aufs Sofa sinken. „Toll, wir sind wieder genau gleich weit wie vor ein paar Wochen…“

Mit lautem Türenknallen kündigte Nagi seine Rückkehr an. „Tadaima!“ rief er fröhlich.

„Okairi…“ kam es weniger enthusiastisch zurück.

Nagi kam grinsend ins Wohnzimmer. „Was ist denn hier für ne Grabesstimmung?“

Ken zuckte lediglich mit den Schultern und setzte dann ein gekonnt künstliches Lächeln auf. „Na, Nagi, wie war’s in der Schule?“

„Gut! Ich hatte früher Schluss! Hast du schon gekocht oder Selbstverpflegung?“

Mit einer Hand fuchtelte Ken in Richtung Küche. „Musste nur aufwärmen… mir is der Appetit vergangen.“

Nagis Lächeln schwand. „Was ist los?“

„Nichts… alles beim Alten…“

Nagi runzelte verwirrt die Stirn. „Irgendwas ist aber, du hast sonst immer Hunger.“

Ken knickte abermals ein. „Oh man, du kennst mich jetzt schon viel zu gut…“ Ein kleines Lächeln huschte über seine Lippen.

Auch Nagi lächelte verhalten. „Gute Beobachtungsgabe gehört zum Job! Also was ist los? Ich weiß, das klingt aus meinem Mund doof, aber vielleicht kann ich dir helfen.“

„Ne, denn dazu müsstest du einen Menschen ändern können und das kannst weder du noch ich… noch nicht mal Schu kann das wirklich, ohne jemandem seinen Willen aufzuzwingen…“

„Du willst nicht konkret werden, oder?“

Ken stöhnte leise. „Okay, okay… es ist Aya… er benimmst sich wieder genauso wie ein kalter Fisch, wie vor ein paar Wochen. Ich dachte, er sei aufgetaut, habe gemerkt, dass er sich vor uns nicht so zu geben braucht, aber nein… nein… er… er tut wieder, als wären wir seine Feinde und… und… ach was weiß ich…“

„Hast du was gemacht, was ihn geärgert hat?“

„Nein… nein gar nicht… ich hab nur gesagt, er soll sich wieder hinlegen…“

„Und seitdem ist er so?“

Ken nickte betrübt. „Er hat sich zwar auch sonst nicht im Geringsten um was anderes gekümmert, als sein Buch, das er gerade gelesen hat… oder wollte, oder was auch immer…“

Nagi guckte verwirrt und seufzte. „Wenn ich ehrlich bin… versteh’ ich das alles nicht so ganz. Ich fürchte, ich kann dir doch keine große Hilfe sein.“

„Ich versteh’s selber nicht… na was soll’s… ich wär ja nicht Baka-Hidaka, wenn ich jetzt nicht hoch gehen und ihm was zu Essen rauf bringen würde.“ Damit erhob sich Ken seufzend vom Sofa und trottet in die Küche, um eine Portion für Aya zu wärmen und anschließend nach oben zu bringen.

Nagi seufzte erneut, machte sich ebenfalls Essen warm und verzog sich mit seinen Hausaufgaben in Omis Zimmer.



Aya lag lesend auf dem Bett, war allerdings geduscht und angezogen. Auch das hatte er also einfach alleine getan, ohne Bescheid zu sagen.

Ken entschied sich, dass es besser war, nichts dazu zu sagen. Er hatte angeklopft, aber keine Reaktion bekommen, also war er kurzerhand einfach ins Zimmer getreten. Weiterhin schweigend stellte er das Tablett mit dem Essen auf den Nachttisch.

Aya blickte kurz auf, wer da einfach in sein Zimmer kam, wandte sich dann jedoch wieder dem Buch zu. „Danke… aber nächstes Mal wäre es nett, wenn du auf ein ‘Herein’ warten oder es einfach vor die Tür stellen würdest“, sagte er beiläufig.

Ken zuckte wie unter einem Peitschenhieb zusammen, sagte aber kein Wort. Alles was jetzt raus gekommen wäre, egal was es gewesen wäre, man hätte zu viel darin raushören können. Er sah nur noch zu, dass er aus dem Zimmer kam, knallte die Tür und verkroch sich in sein eigenes Zimmer. Er atmete tief durch, aber das beklemmende Gefühl in seiner Brust ließ sich nicht vertreiben. Sein Hals war wie zugeschnürt und er schloss die Augen.

Zaghaft klopfte es an Kens Tür. „Bitte lass mich rein“, flehte Nagi leise. „Ich will nicht, dass du traurig bist. Was ist denn jetzt schon wieder passiert?“

Ken bat Nagi nicht herein, er traute seiner Stimme nicht, aber er öffnete ihm die Tür. Dann ließ er ihn aber stehen und verkroch sich wieder in der hintersten Bettecke.

Nagi tapste unsicher ins Zimmer und setzte sich auf den Bettrand. „Was hat er gemacht?“

Ken schüttelte leicht den Kopf. „Nandemo…“

„Glaub’ ich nicht.“

„Das ist es aber… er hat… nichts gemacht…“

„Das musst du mir näher erklären!“

„Er… er hat nur danke gesagt und ich soll nächste Mal warten, bis er ‘Herein’ ruft oder das Essen draußen abstellen…“

„Oh!“ machte Nagi leise. „Das ist nicht sehr nett. Aber ist es denn so schlimm?“

Wieder schüttelte Ken den Kopf, doch diesmal klang seine Stimme noch brüchiger. „Nein… nein, aber ich halt’s trotzdem nicht mehr aus…“ Er versuchte durch angestrengtes Atmen zu verhindern, dass seine letzte Selbstbeherrschung fiel.

„Was hältst du nicht mehr aus?“

„Das… hier… Ihn…“ In seiner letzten Verzweiflung sprang Ken auf und begann vor Nagi im Zimmer auf und ab zu gehen.

„Dann lass ihn links liegen, zeig’ ihm, was ihm fehlt, wenn du nicht mehr für ihn da bist.“

„… wenn… ich nicht mehr da bin…“ Ken murmelte diese Worte mehrmals, dann riss er seinen Kleiderschrank auf und warf die große Sporttasche aufs Bett und begann damit wahllos Klamotten rein zu stopfen.

„Bist du verrückt?“ kreischte Nagi lauter als beabsichtigt. „Du kannst doch nicht einfach abhauen!“

„Oh doch… es ist ganz einfach… bin schon fertig…“ Damit schulterte Ken die Tasche und stapfte aus dem Zimmer, um dann geräuschvoll die Treppe runterzupoltern.

In seiner Rage hörte er die schnellen, leisen Schritte hinter sich nicht, doch als Ken bereits ziemlich am Fuße der Treppe war, sah er hinter sich einen Schatten zur Seite auf den Boden springen.

Aya war bei weitem nicht so sicher und elegant aufgekommen, wie er es gewohnt war, doch als Nagis Gezeter ihn alarmiert hatte, war Ken bereits auf der Treppe, also musste er den einzigen schnelleren Weg nehmen und das letzte Stück springen.

Ken sprang erschrocken zurück, dann verwandelte sich der Schreck um in Wut. „Sag mal bist du bescheuert? Willst du Schuldig wieder Gesellschaft leisten?“ Damit ließ er Aya stehen und zog ab in die Garage, wo er seine Tasche auf sein Motorrad schnallte.

Aya kam wütend hinter ihm her und hielt ihn am Arm fest. „Du lässt mir ja keine Wahl!“ knurrte er. „Erklär’ mir diesen Stuss!“ Damit zeigte er auf Kens Tasche.

„Ich verreise… was soll daran Stuss sein?“ Er versuchte seinem Gegenüber fest in die Augen zu blicken, musste den Blick dann jedoch senken. „Lass mich los…!!“ zischte er dann scharf.

„Du verreist nicht! Das wüssten wir. Du kannst nicht einfach abhauen. Kritiker dreht durch!“ Aya verstärkte den Griff um Kens Arm nur noch.

„Itai… Kritiker will uns doch eh auseinander haben, also… ich tu ihnen nur nen Gefallen… also lass mich los, oder ich…“

„Die wollen dich aber nicht ganz verlieren und deshalb handelst du dir und auch Omi mächtig Ärger ein. Außerdem wollen die Schuldig und Nagi umsiedeln, nicht dich! Und was willst du tun, wenn ich nicht loslasse? Mich schlagen, wie immer?“

Etwas Heißes begann in Kens Augen zu brennen. „Nein… nein, ich hab dir gesagt, dass ich das nie mehr tun werde…“

„Also was dann?“

„Atashi… atashi…“ Kens Stimme wurde flehend, fast weinerlich. „Lass mich gehen…!!“

Aya wurde ruhiger, doch sein Griff lockerte sich nicht. „Nein!“ erklärte er ruhig. „Warum sollte ich auch? Weshalb willst du überhaupt so plötzlich weg?“

„Dir ist doch sonst auch alles egal… also lass mich…!!“ Ken versuchte sich nur noch halbherzig zu befreien. ‚Ich kann nicht mehr… lass mich oder halt mich, aber entscheid dich…’

„Okay… wenn du das so siehst.“ Aya klang fast traurig und enttäuscht, als er Ken losließ. „Ich geh’ jetzt besser wieder rein.“ Sein Tonfall war angestrengter als er es wollte. Langsam und möglichst nicht torkelnd bewegte Aya sich zurück. ‚Ich hasse es. Scheiße, warum passiert das jetzt? Nicht umkippen… fuck… wo ist oben?’ Er ließ sich einfach an Ort und Stelle ins Sitzen sinken, umkippen wäre noch entwürdigender.

Ken hatte zwar inzwischen den Helm aufgesetzte, bekam aber trotzdem noch mit, was los war. Er haderte mit sich selber, stieg dann aber auf und fuhr los.

So war es an Nagi, Aya einzusammeln und zurück zur Couch zu bringen, was den Rothaarigen nicht gerade glücklicher machte. Er sank grummelnd in die Kissen und Nagi verzog sich lieber.

Omi sagte gar nichts, als er eine Stunde später heim kam, sondern schlich sich in sein Zimmer und sah seinen Freund reichlich verwirrt an. „Was herrscht denn da unten für dicke Luft? Aya-kun scheint ja verdammt mies drauf zu sein…“

Nagi blickte traurig von seinen Hausaufgaben auf, die er ohnehin ohne rechte Lust bewältigt hatte. „Ken ist seinetwegen abgehauen. Ich hab’s nicht ganz kapiert, nur dass er sich wohl nicht beachtet genug fühlt und deshalb haben sie gestritten und Ken ist abgerauscht.“

„Gestritten oder sich angeschwiegen…?“

„Erst das Letztere, dann das Erste…“ seufzte Nagi.

„Oh… kuso…“ Kein richtiger Fluch… eher resigniert klang es. Müde lehnte sich Omi von Hinten gegen Nagi. „Idioten… alle beide… man sollte ihnen die Köpfe waschen…“

„Tja…“ Nagi schlang seine Arme um Omis Nacken. „Aber ist das unsere Aufgabe?“

„Wir sind doch ihre Freunde…“

„Ja… ihre JÜNGEREN Freunde… und ich hab’ schon versucht mit Ken zu reden und ich glaub’ nicht, dass ich es besser gemacht hab.“

„Dann sind wir machtlos, bloß weil wir jünger sind…?“ Omi klang deprimiert. „Dann müssen halt die Älteren was dagegen tun…“

„Wenn Schu gesund wäre, würde er ihnen schon auf seine eigene, charmante Weise den Kopf zurechtrücken.“ Nagi grinste traurig „Aber so…“

„Bleibt eben nur Yoji-kun… oder Schuldig kann es dennoch versuchen… vielleicht bei Aya-kun… wenn wir ihn besuchen…“

„Okay… und was machen wir jetzt? Ken ist weg.“

„Weg… ? Wie weg…?“

„Ich sagte doch, er ist abgehauen… das gibt mächtig Ärger.“

„Oh shit…“ Omi stöhnte auf. „Ich kipp gleich um…“ Theatralisch torkelte er aufs Bett zu.

Nagi sprang auf und schmiss sich mit Omi auf die Matratze.

„Wooooow…“ Trotz der tragischen Situation begann Omi zu kichern und knuddelte seinen kleinen Koi durch.

Nagi japste quietschend nach Luft und grinste Omi verwuschelt an. „Immerhin sind wir normal!“

„Normal…?“ Omi konnte das Grinsen kaum unterdrücken.

„Was?“ fragte Nagi verwundert.

„Na ja… wir und normal… das ist vielleicht lustig…“

„Wir sind normal… zumindest in dieser Beziehung“, schmollte Nagi.

„Okay, okay…“ Als Entschuldigung dafür bekam Nagi einen recht feuchten Schmatzer auf die Wange.

„Böah eklig…“ Nagi machte ein übertrieben angewidertes Gesicht und wischte sich den Schmatz ab. „Ein Hund küsst romantischer als du“, feixte er.

„Ja…? Hmm… und wie geht’s denn richtig…?“

„Sag’ ich DIR doch nicht!“ Nagi streckte Omi grinsend die Zunge raus.

Traurige Hundeaugen sahen Nagi an. „Bitte…“

„Nein!“ Nagi verschränkte die Arme und stupste die Nase in die Höhe.

„Och menno…“

Nagi drehte sich wieder zu Omi und lachte strahlend. „Na du weißt schon, wie’s geht! Jetzt tu’ mal nicht so unschuldig, Großer! Das zieht bei mir nicht, ich bin kleiner und niedlicher als du!“

„Das sagst DU…“ Omi schmollte.

Nagi lachte einfach nur weiter und wuselte sich in eine bequeme Rückenlage auf Omis Bett.

Omi kuschelte sich, nach wie vor mit einer Schnute, an Nagis Seite. „Wir müssen dennoch mit Aya-kun reden…“ nuschelte er leise.

„Ja… machen wir. Wir lassen ihn nur erst etwas schmoren und abkühlen.“ Nagi legte sanft einen Arm um Omi, kuschelte sich ganz fest an.

„Der ist doch immer kühl…“ Omi begann damit, Nagi über den Arm zu kraulen.

„Wenn du meinst, dann geh’ doch“, grinste Nagi und hauchte Omi einen sanften Kuss an den Hals.

Omi bog den Kopf etwas zurück. „Hach, aber wenn du so anfängst, geht das nicht…“

„Ich weiß“, kicherte Nagi leise und pustete leicht in Omis Ohr.

Daraufhin zuckte Omi lachend zusammen und wälzte sich so herum, dass er halb auf Nagi zu liegen kam. „Nun ist aber fertig…“ meinte er mahnend, aber mit einem Lächeln auf den Lippen, das den Worten jegliche Bedeutung nahm.


Teil 17

Zur gleichen Zeit wurde es Schuldig im Krankenhaus reichlich unbequem und er drehte sich auf die andere Seite. So aber stieß er unweigerlich gegen Yoji.

Yoji wiederum wäre fast aus dem Bett geplumpst und wachte deshalb recht erschreckt, auf halb sieben hängend, auf. „Was?… Ach ja… gomen…“ Er rappelte sich hoch und setzte sich auf den Stuhl. „Genug geschlafen…“

Völlig verpennt und mit absolut zerzausten Haaren guckte Schuldig zu Yoji. „Was denn…?“ gähnte er, nur halbherzig versuchend es zu verdecken.

„Willst du noch ein bisschen schlafen? Dann fahr ich erst mal heim, ich komm’ heute Abend wieder.“

„Uhm… o-okay…“ Schuldig legte sich wieder hin und schloss die Augen, um ja nicht sehen zu müssen, wie man ihn allein ließ.

„Wenn du es nicht willst, dann sag’ es. ICH kann keine Gedanken lesen.“ Yoji sehnte sich wirklich nach seinem eigenen schönen, großen Bettchen, aber er wollte Schuldig nicht gegen dessen Willen allein lassen.

„Schon okay… vielleicht kommt ja noch irgendwann wer anders zu Besuch…“

„Ich komm’ auch wieder.“ Yoji war leicht gekränkt. ‚So leicht bin ich also austauschbar…’ Er bemühte sich trotzdem zu lächeln. „Bis dann.“

Schuldig sagte nichts mehr, zu beklemmend war das Gefühl, das sich hochzog bis in seinen Hals. Er blieb also alleine zurück.



Eine Stunde verging und eine weitere folgte. Schuldigs Blick gegen die weiße Wand wirkte leer und apathisch. Nach einer dritten Stunde begann er einen Entschluss zu fassen. Was Aya konnte, konnte er schon lange, schließlich war er älter als der Rotschopf. Kurz entschlossen löste er die Infusion von seinem Arm, schlug die Decke zurück und ließ sich aus dem Bett gleiten. Im Schrank fand er netterweise einen Trainingsanzug, von dem er noch nicht einmal mehr gewusst hatte, dass er so was unmodisches besaß.



Yoji fuhr derweil schweren Herzens nach Hause und machte sich seine Gedanken. Dass er sich das alles aus dem Kopf schlagen musste, war ja klar gewesen, aber dass Schuldig ihn immer noch so gleichgültig behandelte. ‚Ich bin halt nur ein Mittel zum Zweck.’



Nagi hatte Omi inzwischen noch ein bisschen getriezt, nun aber doch von ihm abgelassen. „Na dann, viel Glück! Du wirst es brauchen! Mach ihn fertig… aber nur ein bisschen.“

Omi tat so, als würde er gegen seinen eigenen Schatten boxen. „Alles klar… lasst den Tiger in den Ring…“ Damit flitzte er die Treppe runter. „Aya…!!“ und warf sich neben besagtem Mitglied von Weiß auf die Couch, um ihn dann so ernst wie nur möglich anzustarren.

Nagi lugte unauffällig um eine Ecke und spielte Mäuschen.

Langsam drehte Aya den Kopf zu Omi und sah diesen genervt an. „Ja? Was?“

Omis Antwort fiel kurz aus. „Will reden. Wegen Ken.“

„Dann rede.“

„Warum?“

„Keine Ahnung!“

„Warum musstest du ihm wieder weh tun?“

„Hab’ ich nicht!“ Aya blickte wieder geradeaus.

„Er ist also so aus Spaß abgehauen?“

„Ich weiß nicht, warum er gegangen ist!“

„Och doch…“ Omi verschränkte die Arme und funkelte Aya an. „Sag mir einfach mal eins und das offen und ehrlich: Hasst du ihn oder liebst du ihn oder ist er dir scheißegal.“

Jetzt drehte Aya den Kopf doch wieder zu Omi und sah diesen verwirrt an. Das war eindeutig ein Treffer des Kleinen gewesen - nicht nur seine Pfeile fanden also ihr Ziel. Mühsam fing Aya sich wieder. „Warum sollte ich dir das sagen?“ fragte er kühl. „Was denkst du denn?“

„Das du Angst hast, dir irgendetwas einzugestehen…“

Aya schnappte wütend nach Luft. „Das ist ja wohl das Letzte!“ Er rappelte sich vom Sofa hoch und stampfte davon, seinen inneren Schwindel körperlicher und seelischer Art versteckend.

„Feigling…“ schrie Omi Aya hinterher. Ihm war völlig egal, ob er den Älteren damit verletzte oder nicht. „Lauf nur auch vor deinen Problemen weg… ihr seit beide genau gleich…“

„Was weißt du schon?“ schnaubte Aya müde. „Misch’ dich nicht in Dinge, von denen du nichts verstehst!“ Er hievte sich die Treppe hoch.

Nagi hatte sich in die Küche verzogen, als Aya aufstand und guckte nun, wo der Rothaarige an ihm vorbei war, wieder vorsichtig hervor.

Omi schäumte vor Wut, was auch nicht verrauchte, als Yoji zur Tür herein kam. „So ein BAKA!!!!“ schrie er Aya hinter her.

„Danke, Omittchi! Ich freu’ mich auch, dich zu sehen!“ Yoji steckte den Kopf ins Wohnzimmer und grinste unsicher.

„Huh? Oh hi, Yoji-kun… wie geht’s? Was macht Schuldig…?“ Omi war etwas irritiert, beruhigte sich aber langsam wieder, auch wenn er innerlich zu brodeln begann, wenn er an den rothaarigen Affen da oben dachte, der seinem Freund so weh getan hatte, denn irgendwie fühlte Omi sich wie ein großer Bruder von Ken, der ihn zu beschützen hatte, auch wenn ihr Verhältnis normalerweise eher umgekehrter Natur war.

„Er schläft und das wollte ich jetzt eigentlich auch tun!“ gähnte Yoji. „Warum regst du dich denn so auf? Ich hab’ dich noch nie so in Rage gesehen.“

„ER…“ Damit deutete er nach oben, um Yoji zu verdeutlichen, dass er Aya damit meinte. „… hat es geschafft, dass Ken abgehauen ist…“

„Oh nein…“ stöhnte Yoji. „Wie das schon wieder? Da lässt man sie ein paar Stunden allein… Das heißt, ich kann jetzt nicht schlafen oder?“

„Versuch es ruhig…“ Omi zuckte mit den Schultern. „Unser Mr. Frost hat sich ja wieder in seinem Zimmer verschanzt… aber es geht ihm nicht so toll… sieht ja ein Blinder… also sei bitte bereit, falls was ist und er mal wieder in den weißen Kasten muss… er ist da sicher schon mit jeder Schwester per du…“

„Okay… also soll ich nicht mal wieder das Ken-Rückhol-Kommando mimen?“

„Der kommt wieder… hoffe ich…“ Omi seufzte, war er sich da doch gar nicht so sicher.

„Na dann… ich muss mich wirklich hinlegen. Oyasumi!“ Yoji trabte nach oben und ließ sich müde auf’ das Bett fallen, ohne sich auszuziehen. ‚Hallo Bett, ich freue mich, dich wieder zu sehen’ und dann schlief er bäuchlings ausgestreckt ein.



Zur gleichen Zeit brauste Ken ziellos durch die Stadt, bis er etwas leuchtendes vor sich erkannte, dass so auffällig war, dass er einfach nachgucken musste, was oder besser gesagt WER es war und der Schock ließ ihn beinahe mit dem Motorrad umfallen. Er schaffte es gerade noch, sich wieder zu fangen, fuhr vor und schnitt seinem Ziel den Weg ab. „Was, um alles in der Welt, machst DU hier DRAUSSEN?!“

Schuldig grinste nur kläglich. „Hey Ken… frische Luft schnappen oder so… war langweilig im Krankenhaus…“

„Sag mal, spinnst du oder…“

„Nein, ich webe… wie kommst du darauf?“

„Sieh dich mal an, du bist blass wie’n Leichentuch…“

„Ja und… ich…“ Weiter kam der junge Deutsche nicht, ehe er zu wanken begann. Er musste sich entscheiden, ob er den weiten Weg rückwärts zur Wand torkeln wollte, oder nur einen Schritt vor zu Ken. Dieser würde ihn bestimmt nicht fallen lassen.

Tat Ken wirklich nicht, aber er erschrak sich fürchterlich, als Schuldig fast schon in seinen Armen zusammenbrach. „Aho…“ wetterte er. Hier bleiben konnte er nicht mit ihm. Er maß ab, was näher war und musste einsehen, dass er innerhalb von zehn Minuten beim Blumenladen sein konnte. Also packte er Schuldig vor sich aufs Motorrad und fuhr langsam zurück.

In der Zwischenzeit klingelte bei Weiß das Telefon und das Krankenhaus meldete, dass Schuldig verschwunden sei, worauf Omi natürlich das ganze Haus zusammen trommelte, sprich egal, ob man schlief oder gerade in Schmollstimmung war.

Und so versammelte sich die Belegschaft auch. Einige waren schneller da, weil sie entweder ohnehin um Omi rumlungerten oder weil sie die Worte „Schuldig“ und „abgehauen“ vernommen hatten, andere bewegten sich langsamer als es ihnen lieb war und mit mühsam erhaltener Würde nach unten.

Yoji hätte Omi fast noch umgerissen, so schnell stürmte er nach unten. „Was ist los? Wo ist er?“ japste der Blonde aufgeregt.

Nagi schaute Omi schweigend mit Mitternachtsaugen an und watete.

Aya war hin- und her gerissen zwischen seinem Groll auf Omi und der Sorge um Schuldig.

Der Junge wirkte wahrlich besorgt. „Vor etwa ner Stunde… länger kann es nicht her sein, da davor eine Krankenschwester bei ihm die Infusion ausgewechselt hat. Aber die hat er sich wohl rausgerissen und… oh scheiße, warum kann nicht einmal was richtig laufen…“ Omi hibbelte bereits wieder herum und bekam das Motorgeräusch eines vorfahrenden Motorrads gar nicht mit.

So blieb es allen außer Aya verborgen. Dieser war jedoch nicht bereit, sich auf eine weitere Begegnung mit Ken einzulassen, deshalb verschaffte er sich Aufmerksamkeit, indem er einmal an jedem zog und sagte cool: „Ken ist zurück!“ Dann ließ er sich auf einen Küchenstuhl sinken.

Yoji stutzte und blickte zu Omi. „Ist noch was? Sonst geb’ ich Ken die Schnellwäsche und dann suchen wir!“

Weiter kam er nicht, denn Ken rief bereits nach ihnen. „Minna… beeilt euch mal und kommt her!!“ Mühsam hielt er Schuldig vor sich einigermaßen aufrecht, der zwar reichlich mitgenommen wirkte, aber dennoch zufrieden schien und seine Augen begannen schwach zu leuchten, als er unter den Heraneilenden einen bestimmten Mann entdeckte, dessen fehlende Präsenz ihn dazu gebracht hatte, das Krankenhaus so unüberlegt zu verlassen.

Yoji stöhnte halb entgeistert, halb erleichtert auf. „Baka! Da bist du ja!“ rief er und nahm Ken den arg lädierten Deutschen ab, hob ihn sofort gewohnheitsmäßig auf den Arm.

Aya hielt sich inzwischen im Hintergrund. Schuldig hatte ja seinen blonden Ritter und Ken wollte er lieber nicht zu nahe kommen.

Dessen Blick hatte kurz Ayas getroffen. Doch nun senkte er die Augenlider wieder und die Brauen zogen sich unter einem inneren Schmerz zusammen.

Da er sich unbeobachtet fühlte, wankte Aya, mehr denn dass er ging, zurück ins Wohnzimmer und ließ sich vorsichtig auf das Sofa sinken. ‚Das kommt nur von der Gehirnerschütterung… das ist gleich wieder weg’, versuchte er sich selbst zu beruhigen und sich seine Schwindelanfälle zu erklären. Doch tief in sich wusste er, dass es nicht NUR das war, denn wenn er Ken ansah, wurden sie schlimmer. Er stöhnte leise. „Ich bin wirklich ein Idiot!“ seufzte er.

Ken hatte sich nicht wieder verzogen, sondern dem nach wie vor erschöpft wirkenden Yoji geholfen Schuldig nach oben zu bringen. Nun war da diese eine Frage, Schuldig zu Yoji ins Zimmer?

Yoji war immer noch nicht endgültig überzeugt, ob es gut war, Schuldig überhaupt hier zu behalten. „Ich will ihn nicht in Gefahr bringen!“ Traurig sah er Ken an, hoffte auf einen Ratschlag.

„Wieso denn in Gefahr?“ Ken sah Yoji leicht bedeppert an und beäugte dann wieder Schuldig in dessen Armen. „Wie ein Baby…“ Damit meinte er den schlafenden Zustand des Deutschen.

„Na… die wollten ihn doch nicht ohne Grund noch bis nächste Woche dabehalten!“

„Lass ihn sich erst mal ausruhen… wenn du ihn jetzt ins Krankenhaus schleppst, is das sicher auch nicht gerade förderlich für seine Genesung…“

„Okay“, lächelte Yoji sanft. Innerlich war er froh, Schuldig behalten zu dürfen. „Mach’ mal bitte die Tür auf!“ Damit hatte sich die Frage wohl erledigt, Yoji war entschlossen, Schuldig bei sich zu behalten.

„Ai, ai Sir…“ Ken tat artig wie ihm geheißen wurde und ließ die Zwei dann allein, auch wenn das hieß, dass er nun runter musste und dort zwangsläufig Aya begegnen würde, da dieser ja noch nicht wieder hoch gekommen war.

Yoji legte Schuldig vorsichtig aufs Bett und ließ sich neben den Deutschen sinken. Widerwillig schloss er die Augen.



Aya lag immer noch im Wohnzimmer auf dem Sofa und hoffte auf Ungestörtheit, bis er sich wieder etwas erholt hatte.

Ken war leise die Treppe runter gekommen. Zwar hatte ihm Ayas Anblick wieder einen schmerzlichen Stich im Herzen verpasst, aber noch mehr schmerzte dessen Zustand. Ken konnte nicht anders und trat neben das Sofa, sah schweigend auf den Älteren herab.

Aya hatte die Augen nicht geöffnet, wollte gar nicht wissen, wer dort stand, solange dieser ihn in Ruhe ließ.

„Gomen…“ kam es schließlich leise von Ken. Dann fuhren zarte Finger vorsichtig über Ayas Stirn, an der Schläfe herab und die Wange herunter.

Da war er wieder, dieser Schwindel. Jetzt konnte Aya die Augen erst recht nicht öffnen, die Verwirrung wäre zu offensichtlich. „Doshite?“ fragte er leise und ruhig. All seine Selbstbeherrschung lag in seiner Stimme.

„Es… tut weh… aber das hier… ist schlimmer… darf ich…?“

„Ich verstehe zwar nicht, was du gemeint hast, aber es ist in Ordnung! Setz’ dich!“

Vorsichtig ließ sich Ken neben Aya nieder.

Aya öffnete die Augen und drehte den Kopf zu Ken. Sein Blick war verwirrt und so unendlich erschöpft, keine Kälte lag mehr in ihm, als er Ken tief in die Augen sah. Es war mehr… ein Hilfeschrei…

Der verstand ihn auch, traute sich aber gerade mal die Decke unter sich hervorzuziehen und über Aya zu legen.

Aya seufzte. „Was ist bloß mit uns los?“

Hilflos zuckte Ken mit den Schultern. „Wenn ich’s wüsste, könnt ich’s ändern… scheiß drauf!“ Damit rutschte er näher zu Aya und zog diesen kurzerhand in seien Arme.

Aus irgendeinem Grund ließ dieser es einfach geschehen, es schien ihm richtig… schien ihm falsch. „Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich versuche nur, mich zu erhalten…“ stöhnte Aya leise.

„Lass mich dir helfen… bitte…“

„Wie willst du mir schon helfen?“

„Weiß ich nicht… dich nur nicht da alleine durch gehen lassen…“

„Das ist genau das Problem. Ich muss alleine da durch. Ich kann nicht… ich muss alleine sein. Du erschütterst meine Selbstbeherrschung!“

„Was…?“ Ken klang nach einer Mischung zwischen Verwunderung und Belustigung.

„Vergiss es!“ zischte Aya, dem dieser Ton gar nicht gefiel. „Ich hab’ schon mal versucht, es dir zu erklären!“ Unwirsch löste er sich von Ken, stand auf… und setze sich gleich wieder. ‚Na toll! Nicht jetzt, du verdammter Körper, lass’ mich doch einmal nicht im Stich!’

Ausnahmsweise blieb Ken diesmal ruhig. Beobachtete Aya nur stumm und aus unendlich traurigen Augen.

Aya kämpfte immer noch seinen innerlichen Kampf mit dem Gleichgewichtssinn, doch fürs Erste würde er sich wohl besser geschlagen geben müssen. Er ließ die Augen geschlossen, den Kopf gesenkt. Im Moment wollte er Ken nicht in die Augen sehen. Irgendwie war er getroffen durch dessen Verhalten, fühlte sich unverstanden und… verletzt.

Ken biss lediglich die Zähne zusammen und nahm sich ein Kissen. Krallte dort seine Finger hinein und vergrub dann das Gesicht in dem dunkelblauen Samtkissen, welches sich mit der Zeit an einigen Stellen dunkler färbte. Was er auch sagen würde, es wäre falsch.

„Warum kannst du mich nicht einfach in Ruhe lassen?“ fragte Aya leise, es klang mehr wie eine Bitte, als wie ein Vorwurf.

Es folgte langes Schweigen, erst dann erhob sich Kens Stimme. Fein, ohne die gewohnte Stärke. „I-ich kann nicht… egal wie oft ich es mir vornehme… irgendetwas zieht mich wieder zurück…“

Auch Ayas Stimme fehlte die übliche Kraft. „Ich kann so was… nicht gebrauchen. Das… geht einfach nicht!“

„Doshite…?“

„Ich hab’ keinen Platz für so was… ich habe andere Dinge zu tun… ich muss mich konzentrieren… Warum, verdammt, verstehst du das nicht?“

Ken konnte darauf nichts erwidern, weil er es nun einmal nicht verstand. Genauso wenig verstand es Omi, der mit Nagi auf der obersten Treppenstufe saß und alles mit angehört hatte. Er hatte Mühe nicht zu seufzen. Traurig darüber, dass seine Freunde es nicht auch schafften, glücklich zu werden, lehnte er sich gegen Nagi.

Nagi schlang seinen Arm um Omi und drückte ihn liebevoll. „Das wird schon!“ sagte er. ‚Hoffe ich zumindest!’ Doch so überzeugt wie er sich gab, war der Kleine bei weitem nicht.

„So geht es auf jeden Fall nicht weiter!“ seufzte Aya derweil. „Was sollen wir jetzt machen? Wenn ich dich nicht um mich haben kann und du nicht von mir ablassen kannst, ist Trennung wohl die einzige Möglichkeit. Aber dann gehe ich wohl besser und du bleibst bei den anderen. Ich will dich nicht von deinen Freunden wegreißen.“

„Ich bin schon gegangen… keine Ahnung, warum ich noch hier bin… ich wollte nur nicht, dass man Schuldig vom Straßenpflaster kratzen muss…“ Damit erhob sich der junge Assassin vom Sofa und wandte sich in Richtung Tür. „Mach’s gut, Ran…“ Damit verschwand er und Omi oben auf der Treppe bekam nur noch das große Heulen, was er nicht mehr unterdrücken und sich so nur noch mit Nagi in sein Zimmer flüchten konnte, um nicht Ayas Wut darüber, dass sie gelauscht hatten, zu spüren.

Nagi bemühte sich redlich, Omi zu trösten, doch auch ihm steckte ein dicker Kloß im Hals, der irgendwie immer größer zu werden schien. Sanft streichelte er Omis Rücken und raunte ihm beruhigende Worte zu, die allerdings nicht mal bei ihm selbst fruchtbaren Boden fanden. ‚Alles ändert sich so schnell. Schwarz zerbricht. Weiß, wie es war, ist auch verloren. Alles ist plötzlich anders!’

Aya ließ sich nur wieder lang aufs Sofa fallen und hing seinen Gedanken nach. Dass er dabei das Kissen mit Kens Tränen zu fassen bekam, geschah unabsichtlich und besserte seine Laune nicht. Das war alles völlig verkehrt gelaufen, aber er würde nicht noch mehr Zeit darauf verschwenden, es zurechtrücken zu wollen und damit alles noch schlimmer zu machen. Was auch immer jetzt passierte, sollte geschehen. Es war ihm egal!

Von all dem Ärger bekam im ganzen Haus nur einer so rein gar nichts mit. Friedlich schlief der junge Deutsche in dem weichen Bett von Yoji und kuschelte sich ins Daunenkissen.

Na ja, wohl eher zwei, denn Yoji segelte ebenfalls noch friedlich durch das Reich der Träume, schlief so gut wie schon lange nicht mehr, zumal er immer noch dachte, dass alles wieder in Ordnung sei. Seine Träume waren zwar leicht verwirrend, aber schön, denn es kam Schuldig darin vor und es schien Yoji auf einmal alles gar nicht mehr so falsch. Vielleicht…

Schuldigs Traum war zwar nicht unangenehm, erinnerte aber eher an einen Abenteuerfilm und so geschah es nach einer halben Stunde, dass seine Hand kurzerhand auf Yojis Brust niedersegelte.

Dieser schlug kurzzeitig die Augen auf, ohne richtig wach zu werden, erblickte die Situation, seufzte glücklich und schlief lächelnd wieder komplett ein.

Daraufhin suchte sich Schuldig ein wärmeres Plätzchen im Bett, was er wiederum auf Yojis Brust fand.

Dies veranlasste Yoji, Schuldig, seinem Traum entsprechend, sanft über die Haare und den Nacken zu streicheln.

Einige Zeit blieb der Kleinere dann auch so liegen, bis er mit einem mal anfing zu blinzeln. Das angenehme Gefühl ließ ihn leise schnurren, bis er erkannte, woher das Gefühl kam und vor allem, wer es ihm bescherte. Erschrocken starrte er in Yojis schlafendes Gesicht.

Dieser war in seinen Träumen gefangen und ließ sich durch Schuldigs Aufwachen nicht stören. Zärtlich fuhr seine Hand weiter über den Nacken des Deutschen.

Überraschung wurde durch Erstaunen abgelöst und das wiederum durch beinahe fasziniertes Beobachten. Schließlich wurde es Schuldig zu langweilig und er begann sachte in Yojis Gesicht zu pusten.

Yoji grummelte leise im Schlaf. „Lass das!“ nuschelte er und schob Schuldig sanft zur Seite.

„Ita…“ --- Nicht so grob, Yoji-kun… ---

--- Raus aus meinen Gedanken und ich war ganz sanft! --- Trotz allem war klar, dass Yoji bei diesen Gedanken immer noch tief und fest schlief. Er lächelte fein und drehte sich auf die Schuldig zugewandte Seite.

--- Oh nein, diesmal nicht --- feixte Schuldig weiter. --- Ich bekomm dich schon wach… --- Und dann begann er Bilder vor Yojis innerem Auge zu projizieren, die einem normalen, anständigen Menschen die Schamesröte ins Gesicht getrieben hätten.

Was allerdings bei Yoji lediglich den Effekt hatte, dass er wohlig schnurrte, breit grinste und sich gemütlicher in die Kissen kuschelte, um zu genießen.

„Idiot…“ murmelte Schuldig in seiner Muttersprache. --- Ne~e, Yoji-kun… ich werd gleich aufstehen… ---

Das zog. Yoji setzte sich schlagartig im Bett auf. „Nichts wirst du!“ maulte er. „Du bleibst hier!“ Missbilligend schaute er dem Deutschen ins grinsende Gesicht.

„Oh… du bist wach…?!“ meine Schuldig mit der Unschuldsmiene eines Teufels.

Über Yojis Kopf schwebte die sprichwörtliche Gewitterwolke. „Als wenn das nicht dein Verdienst wäre…“ grummelte er.

Das unschuldige Grinsen wurde breiter. „Warum… warum ist es dir eigentlich so verdammt wichtig, was mit mir ist?“ stellte er schließlich die alles entscheidende Frage und das sogar ohne albernes Gegrinse, sondern mit dem fragenden Blick eines Kindes.

Yoji wurde knallrot. „Ist es mir gar nicht… ich… ich mach’ mir immer Sorgen um meine Freunde…“ Er grinste Schuldig überlegen an. „… und du bist einfach so verdammt unvernünftig.“

Schuldig legte lediglich den Kopf schief und sah Yoji weiter fragend an. Dabei fielen ihm die orangefarbenen Haare ungehalten ins Gesicht und er strich sie mehrmals erfolglos zurück, bis er gegen den Kratzer an seiner Wange stieß und es danach sein ließ.

„Was?“ Yoji fühlte sich sichtlich unwohl, irgendwie wie beim Verhör.

Schuldig schüttelte bald darauf den Kopf. „Nein, ich werd’s nicht tun… keine Sorge…“

„Häh?“ Yoji war nun endgültig verwirrt, soviel Stress direkt nach dem Aufwachen.

„… weder dich lesen, noch aufstehen… ersteres ist eh recht schwierig bei dir… keine Ahnung… wieso…“ Kurz biss sich Schuldig auf die Unterlippe und entschied sich dann, dass das aufrechte Sitzen ohne Rückenlehne doch etwas gar anstrengend war. „… und zweiteres würde wohl noch mehr weh tun…“

Yoji blinkte den Deutschen einfach weiterhin ziemlich verständnislos an, musste diese Informationen erstmal in seinem langsam erwachenden Geist verarbeiten.

Schuldig legte sich derweil langsam wieder hin und blinzelte den Blonden nun von unten her an. Schließlich durchbrach er die Stille nach einer Weile, weil sie ihm zu unheimlich wurde. „Weißt du eigentlich… wenn uns hier jemand so sehen würde und nicht Bescheid wüsste, könnte er auf falsche Gedanken kommen…“

Yoji blinkte, verarbeitete, errötete und ließ sich ebenfalls wieder in die Kissen fallen. „Wir neigen zu so was. Wir haben auch schon beide Aya im Bett gehabt!“ Er zwinkerte Schuldig zu.

„Hmm… hai und er ist überhaupt nicht so kalt wie er immer tut, sondern schön warm und… hey, der Kerl riecht nach Vanille…“

Yoji lachte leise und zog die Augenbrauen nach oben. „Wenn er DAS hören könnte…“ Dann schwand sein Lächeln. „Körperlich ist er nicht kalt, aber mit Ken wird er trotzdem nicht richtig warm.“

„Hmm…“ Schuldig schloss die Augen und ließ seine Gedanken schweifen. Dann zuckte er unwillkürlich zusammen, was ihm allerdings einen stechenden Schmerz einbrachte und aufwimmern ließ. „Oh nein…“

„Was?“ Yoji hatte sich besorgt aufgerichtet und über Schuldig gebeugt, schaute diesem ins schmerzverzerrte Gesicht.

„Er… er…“ winselte der Deutsche, „… er… hat ihn weggeschickt… will ihn nie wieder sehen und alles ist im… egal…“

Yoji guckte verwirrt, wusste mit diesen Wortfetzen nicht so recht etwas anzufangen. „Wer? Was? Wie?“

„Aya… und Ken…“ Schuldig atmete angestrengt, wusste nicht, was mehr schmerzte, ob die OP-Naht oder die Gedanken Ayas, die er gerade aufgeschnappt hatte.

„Dann lass’ sie… zumindest erst mal…“ Yoji sah wie Schuldig litt, wollte das nicht länger mit ansehen. „Schone dich!“

„Ich… ich kann doch nicht… sie leiden doch beide… es ist ihm nicht wirklich egal… er versucht sich das nur einzureden…“

„Schuldig, verdammt bitte… das nützt doch nichts… wir klären das… aber nicht jetzt, nicht so… BITTE!“ Yoji war außer sich, hätte den Deutschen geschüttelt, wenn er nicht gewusst hätte, dass das noch mehr Schmerz verursachen würde.

Dessen Nasenflügel blähten sich stetig auf, doch die Augen blieben geschlossen. „Schon gut, schon gut… geht schon… alles in Ordnung, keine Panik, keine Panik, das vergeht wieder…“

„Wenn du nicht damit aufhörst, bring’ ich dich zurück ins Krankenhaus.“ Yoji war kalkweiß, die nachlassende Aufregung ließ ihn leicht zittrig zurück. Fast hätte er nach diesem Schreck geheult, doch er riss sich mühsam zusammen.

„Gomen, gomen, gomén-nasai…“ Schuldig spürte die Angst des anderen und es tat ihm leid. Also versuchte er wieder zu lächeln und unbekümmert auszusehen. „Siehst du… alles wieder okay…“

Yoji sank wieder aufs Bett, beruhigte sich erst mal. „Okay, okay… na gut…“ stöhnte er.

Schuldigs Hand griff nach Yojis, um diese zu drücken und den Anschein zu erwecken, dass alles in Ordnung sei.

„Ja ja… ist ja gut!“ brummte dieser leise und rappelte sich wieder aus den Kissen hoch, um Schuldig ins Gesicht zu sehen. „Und jetzt klären wir das noch mal ganz in Ruhe! Was genau ist passiert? Und warum hast du dich da eingemischt?“

Schuldig blinzelte vorsichtig hoch in die grünen Augen, die ihn so intensiv musterten, dass ihm ganz flau im Magen wurde. „Anou… was… was passiert ist? Aya hat Ken abserviert… und ich hab mich nicht eingemischt…“

„Okay…“ analysierte Yoji. „Das ist einmal K’so und einmal ein ‘Und warum hast du’s dann mitgekriegt?“

„Ich wollt nur wissen, was grad so abläuft, aber ich hab nur Omis Geheul, Nagis Selbstbeherrschungskampf und halt die erschreckenden Gedanken von Aya mitbekommen… sie wissen noch nicht mal was davon…“

„Na toll! Kann man hier nicht mal fünf Minuten in Ruhe schlafen, ohne dass gleich alle verrückt spielen? Und nun? Muss ich es jetzt wieder richten?“ Yoji seufzte resigniert.

„Verlangt keiner von dir… bleib einfach hier… ich werd das regeln…“

„Oh nein…“ entschied Yoji kategorisch. „DU regelst hier nur eins, nämlich deine Genesung, sonst nichts.“

„Hmm… die wird schnell vorangehen, wenn du mich weiter so umhegst und pflegst… Krieg ich was Normales zu trinken? Also kein Tee oder sonstiges Gesöff, dass ich nicht zuteilen kann… oder gar durch eine Sonde in mich rein gepumpt wird?!“

„Was hätte der Herr denn gern?“ grinste Yoji.

„Scotch, Cognac, irgendwas mit Geschmack…“ ‚Oder irgendwas anderes, was den Schmerz vernebelt…’

„Das war so klar, dass du harten Alkohol meintest… aber du willst dir hier jetzt nicht wirklich noch einen ansaufen? Nee… also du kannst was anderes haben… vielleicht ‘ne Cola oder so!“

Schuldig nickte ergeben, aber lächelnd. „… oder das…“

„Okay… ich hol’ dir ‘ne Cola, aber du bist in der Zwischenzeit artig. Wenn ich das Gefühl hab’, dass sich dein Zustand verschlechtert, bist du schneller im Krankenhaus als du ‘Stopp’ sagen kannst!“

„O-okay…“ Dieser Ton ließ Schuldig nun tatsächlich etwas schlucken… und gehorchen.

Yoji wandte sich zufrieden um und ging in die Küche, um Schuldig eine Cola zu holen.

Es war langweilig im Bett. Todlangweilig. Aber Schuldig wagte es nicht, auch nur hin und her zu rutschen, sondern wartete artig auf Yojis Rückkehr.

Dieser kam ja auch bald mit einer großen Flasche Cola und einem Glas für Schuldig zurück. „Hier“, sagte er und drückte Schuldig grinsend beides in die Hand. „Einschenken kannst du ja wohl allein, oder?“

Konnte er und trank dann das erste Glas verdammt hastig herunter.

„Was ist denn mit dir los? Sonst kriegst du kaum was runter und jetzt pullst du das so weg.“ Yoji schaute Schuldig verwirrt zu.

„Ich hab seit ner Ewigkeit nichts mehr gehabt, dass soooo gut war…“

Yoji lachte und setzte sich auf die Bettkante.

Schuldig guckte den Größeren über den Glasrand hinweg an. „Was ist…?“ nuschelte er zwischen zwei großen Schlücken.

„Nix… ich warte nur auf deinen nächsten Wunsch, der mir Befehl sein kann“, grinste Yoji frech und streckte Schuldig zwinkernd die Zunge raus.

Der hob irritiert ne Augenbraue hoch. „DU… weißt, was das bei uns bedeutet oder?“ Damit deutete er auf die herausgestreckte Zunge.

Yoji zog die Zunge rein. „Nein!“ meinte er verwundert.

Schuldig plapperte artig den Text auf Deutsch runter. „Zungen rausstrecken tut man nicht, denn das heißt du liebst mich…“ Dann grinste er. „Brauchst ne Übersetzung?“

„Äh ja…“ Yoji guckte immer noch perplex. Er hasste es, wenn andere Leute Dinge sagten, die er nicht verstand.

Nun wurde Schuldig etwas unsicherer. „Na ja… ist ein alter Kinderreim, denn man dem anderen an den Kopf wirft, wenn er einem die Zunge rausstreckt… er… er sagt aus, dass man das nur tut, wenn man in denjenigen verknallt ist, dem man die Zunge rausstreckt…“ Und Schuldigs Nasenspitze wurde rot.

„Hupps!“ machte Yoji und wurde nicht minder rot.

Schuldig zuckte etwas unsicher mit den Schultern, guckte Yoji aber dennoch unentwegt in die Augen.

„Dann lass’ ich das wohl besser“, meinte Yoji mit belegter Stimme. „Ich hab’ keinen Bock auf siebzig Jahre Kopfschmerz…“

„Huh? Wieso denn das?“ Schuldig wäre nicht im Traum auf die Idee gekommen Yoji für so was zu bestrafen, denn irgendwie war dieser Gedanke… interessant.

„Egal“, tat Yoji das Thema mit einer Handbewegung ab. „Also? Was sollen wir nun zu deiner Unterhaltung tun? Willst du ein Buch oder so?“

„Ein Buch? Willst du mich umbringen? Ein japanisches Buch?“

„Wir haben auch englische Bücher. Aya hat sogar ein paar deutsche, glaub’ ich.“ Yoji grinste verhalten.

„Warum?“

„Warum was?“

„Warum um alles in der Welt hat er DEUTSCHE Bücher? Er kann gar kein Deutsch… euer Deutsch beschränkt sich grad mal auf ‘Weiß’… und vielleicht noch ‘Schwarz’… und ähm… Kritiker… Schreient und Krankenhaus…“

„Oh doch. Er kann deutsch!“ feixte Yoji. „Wusstest du das nicht?“

„Ah ja… ich hab noch keinen solchen Gedanken aufgeschnappt…“ Schuldig ging es ganz offensichtlich nach der Überdosis Koffein wieder besser und es viel ihm zusehends schwerer liegen zu bleiben.

„Weil du ihn nicht erwartet hast und deshalb hast du nicht gesucht!“ mutmaßte Yoji frech.

„Ah ja… ja, ja schon okay…“ Schuldigs Finger zuckten bereits nervös über die Decke und schoben sie immer etwas mehr zurück.

„Was ist das?“ grinste Yoji. „Nervöse Zuckungen? Dann kriegst du wohl besser keine Cola mehr!“


Teil 18

Schuldig sah Yoji verschreckt an und klammerte sich an die Colaflasche, die allerdings nicht mehr allzu viel beinhaltete.

Yoji feixte. „Ist ja gut! Niemand nimmt dir das weg… solange du brav bist.“

Ein zustimmendes Nicken folgte. „Okay… dann darf ich die Flasche behalten, wenn ich im Bett bleibe? Was muss ich tun, damit ich was größeres behalten darf…?“

„Kommt drauf an, was es ist…“

„Es ist groß… sehr groß… größer als ich…“

Yojis Wangen färbten sich rötlich. Er hatte so eine Ahnung. „Ähm… ja… und weiter… was willst du denn damit?“

„Na behalten natürlich… so was braucht man, wenn man nicht so ganz hundertprozentig gesund ist…“

„Ach ja? Braucht man das? Und was machst du damit, wenn du wieder gesund bist? Also… zum Wegschmeißen isses dann wohl doch zu schade.“

Wieder eifriges Nicken. „Och, da wird mir dann schon was einfallen,… dass ist so’n Allroundding, weißt du…“

„Okay… öh also ich denke, da reicht es, ein bisschen nett zu sein und es nicht zu sehr zu stressen…“

„Uhm…“ Schuldig grinste breit. „Das werd ich schaffen… krieg ich’s…?“

„Aber nicht kaputt machen, dann… kriegst du’s.“

„Okay…“ Und schon schlangen sich zwei, nun doch inzwischen weniger kräftige Ärmchen um Yojis Taille und Schuldig kuschelte sich an den Bauch des Jüngeren. „Meins…“

Yojis Gesicht glühte dermaßen, wahrscheinlich hätte er sogar im Dunkeln noch geleuchtet. Einen Moment lang war er wie erstarrt, dann legte er seine Hände vorsichtig um Schuldigs Nacken. Ein leiser Seufzer entfloh ihm, sein Kopf, seine Gefühle spielten verrückt.

Dafür wurde Schuldig nun endlich wieder ruhiger und sein hektischer Atem, der nicht zu letzt auch schuld an seinen Schmerzen war, flachte ab und linderte so das Stechen in seiner Lunge.

„Krieg’ ich ‘ne Gegenleistung?“ fragte Yoji vorsichtig.

„Hmm…“ kam es lediglich genuschelt. „Wasch denn…?“

„Ich will so’ n Teil. Ist aber schwer zu kriegen, ist Importware.“

„Hmm, kann alles besorgen… kein Problem… hab noch’n paar Kontakte, die noch nicht wissen dürften, dass Schwarz nicht mehr existiert…“

„Okay, ich hätte gern was aus Deutschland. Aber das würde ganz viel Porto kosten. Aber ich hab’ gesehen, dass es schon hier in Japan ist. Wenn du’s siehst, weißt du was ich meine, es ist echt cool, aber nicht einfach zu bedienen.“ Yoji lachte leise.

„Hai… du schaffst das schon… bist ja ein großer Junge…“ Damit kuschelte sich Schuldig provokativ fester an den weichen Bauch vor sich.

„Also? Ich will’s hören. Sag’ mir, dass ich es haben darf.“

„Nimm was immer du willst…“

„Okay…“ Yoji kraulte Schuldig durchs Haar. „Dann bist du jetzt mein.“ Er lächelte auf den Deutschen herunter, seine Augen strahlten vor Glück.

Und Schuldig schlief unter Yojis Händen ein, auch wenn er versuchte, sich dagegen zu wehren. Doch für einige Zeit vergaß er die Probleme und das Drama, welches sich erst vor kurzem in diesem Gebäude abgespielt hatte.

Yoji legte den Schlafenden sanft zurück aufs Bett und sich dann vorsichtig angeschmiegt daneben. Glücklich atmete er den Geruch ein, der ihn immer noch so sehr verwirrte und der nun aber doch irgendwie ihm gehörte. Er schloss die Augen und gab sich der freudigen Entspannung hin.



Ganz anders sah es im Nebenzimmer aus. Omi lag zwar inzwischen ruhig in seinem Bett, aber dennoch schimmerten nach wie vor Tränen auf seinen Wangen und seine Augen waren gerötet vom vielen Weinen. Einzig Nagis Anwesenheit ließ ihn nicht endgültig durchdrehen und hielten ihn davon ab, runter zu gehen und Aya eine zu scheuern und anzuschreien.

„Koi… bitte…“ Auch Nagi war kurz vor der Verzweiflung, in seinen Augen standen Tränen. Sie wirkten wie eine Sommernacht, die Regen versprach. „Ich weiß nicht, was ich noch sagen soll… noch tun soll. Bitte… es wird schon wieder. Reiß dich zusammen!“ flehte er.

„Geht schon…“ fiepte Omi nur leise. „Wird schon irgendwie werden… nur…“ Und dann kamen wieder die Zweifel… Zweifel an Aya und auch an Ken, ob dieser wirklich nicht mehr zu Weiß zurückkehren wollte.

Nagi sackte in sich zusammen. Da er nichts mehr zu sagen wusste, schwieg er erst mal und versuchte, neue Kraft zu sammeln.

Schließlich hob Omi seinen Kopf und rutschte zu Nagi heran. „Gomén-nasai…“

„Nee, kein Problem… echt!“ log Nagi tapfer.

„Wenn nur wir zusammen sind, wird das schon wieder… und ich werd noch mit Aya-kun reden. Nicht heute und vielleicht auch noch nicht morgen… aber ich werd ihm schon noch seinen roten Kopf waschen, bis er blond ist meinetwegen…“

Nagi guckte Omi an und grinste verhalten, musste sich Aya mit blonden Haaren vorstellen. „Das wäre aber nicht sehr schön! Wahrscheinlich wird’s eher pink bis schweinchenrosa!“

Das entlockte Omi tatsächlich ein kleines Kichern und ließ ihn sich wieder entspannen. „Versuchen wir einfach mal so zu tun, als wäre alles in Ordnung.“

Nagi nickte und kuschelte sich ganz fest an Omi. Nie wieder wollte er ihn verlieren. Er drückte sein Gesicht an Omis Brust und seufzte entspannt.



Das Gesprächsthema hatte sich inzwischen, trotz Protests seines noch roten Kopfes, vom Sofa gehievt und auf den Weg zu seinem Zimmer gemacht. Dort ließ Aya sich wieder auf sein Bett in die Horizontale sinken.

Man beließ ihn dann auch dort, als Omi sich gegen Abend mit Nagi nach unten schlich und feststellte, das Aya wohl in sein Zimmer gekrochen sein musste. Zu zweit machten sie sich daran etwas Essbares zu zaubern und ein hitziges Thema entbrannte darüber, ob Schuldig überhaupt schon wieder feste Nahrung zu sich nehmen dürfte oder ob man es ihm pürieren sollte.

Letztendlich war aber ohnehin klar, dass Schuldig das auch noch so liebevoll pürierte Essen verschmähen würde und so gab es dann für alle dieselbe Konsistenz.

Nagi hatte sichtlich Spaß am Kochen, eine weitere Gelegenheit für ihn, sich normal und akzeptiert zu fühlen.

Omi hingegen verbrühte sich gleich zu Anfang die Finger und jammerte ab da nur noch herum und dirigierte Nagi durch die Küche.

Nagi ließ sich langmütig hin- und herscheuchen, verzichtete aber nach Omis Erfahrung doch auf komplette Normalität und bewegte die heißen Töpfe und Pfannen per Telekinese.

Omi nickte anerkennend, nachdem er von dem Hühnchen probiert hatte. „Perfekt… bloß nicht zu kräftig würzen, sonst haut es Yoji-kun gleich aus den Latschen… und nachwürzen kann schließlich jeder selber…“

Nagi lächelte verhalten. „Super! Dann… bringen wir’s ihnen hoch? Also Schu kann nicht runterkommen, selbst wenn er wahrscheinlich wollte.“

Omi grinste. „Ich hoffe nur, Yoji-kun gewöhnt sich nicht an diesen Service…“

„Wir werden es sehen! Was ist mit Aya? Bei dem kommt Lieferservice nicht so gut an, hatte ich das Gefühl.“ Nagi runzelte unsicher die Stirn.

„Na ja… stellen wir’s vor seine Tür und klopfen kurz…“

„Okay!“ Nagi schnappte sich einen Teller und trabte los. „Ich könnte die Tür auch von weitem aufmachen und es reinschweben lassen, dann kommt er nicht an mich ran“, feixte er leise.

„Tu es und er wird dich danach mit vernichtenden Blicken töten…“ Omi klopfte kurz bei Yojis Zimmer gegen die Tür und trat dann ein. Ein etwas wehmütiges Lächeln legte sich auf seine Lippen, als er die beiden Bewohner des Zimmers zu Gesicht bekam.

Yoji blinzelte Omi schlaftrunken an, hatte Schuldig jedoch nicht losgelassen. „Was ist denn?“ gähnte er leise.

„Abendessen…“ flüsterte der Kleine grinsend. „Damit ihr wieder zu Kräften kommt…“

„Ich bin bei Kräften!“ maulte der Blonde leise und setzte sich Augen reibend auf.

Omi deutete nur wortlos auf Schuldig.

„Ja, er hat’s nötig“, sagte Yoji liebevoll lächelnd.

„Hmm… verstehe… dann füttere ihn mal… scheinst ja schon Muttergefühle für ihn entwickelt zu haben…“

„Die hab’ ich schließlich für Euch alle!“ grinste Yoji den Jüngeren frech an. „Besonders für dich, mein kleiner Zögling! Na ja… stell’s hin. Ich weck’ ihn gleich.“

Omi nickte und tat wie ihm geheißen wurde. Dabei beguckte er sich Schuldigs Gesicht kurz. „Hmm… ohne das dämliche Grinsen sieht er gar nicht mal so schlecht aus, aber irgendwie… ich weiß nicht… und der Kerl soll wirklich älter sein als du…? Hat sich gut gehalten…“

Yoji blähte die Backen. „Und ich nicht oder was?“ quiekte er empört.

Nagi hatte inzwischen bei Aya getan wie ihm geheißen und kam nun ebenfalls ins Zimmer von Yoji.

Omi sah ihn sofort erwartungsvoll an, auch wenn er nicht wirklich mit einer Reaktion von Seiten des Rotschopfs gerechnet hatte.

Nagi zuckte die Schultern. „Wie erwartet… nix.“ Er grinste schelmisch. „Aber ich glaub’ er braucht auch länger als sonst bis zur Tür.“

Yoji allerdings fühlte sich immer noch in seinem Ego gekränkt. „Also Omi… was sollte das heißen?“ hakte er nach.

„Hmm… ach nichts… bist halt größer als er… außerdem ist er krank… wenn er wieder dieses Grinsen auflegt, wird er auch wieder älter wirken…“

Yoji verschränkte die Arme vor der Brust und schmollte sichtlich. „Pah!“

Nagi kicherte leise und verschwand, als ihn Yojis giftiger Blick traf. Reichlich unbeeindruckt zuckte Omi die Schultern und trollte sich dann ebenfalls hinter Nagi her, zumal Schuldig, ob dieses Tumults im Zimmer, aufzuwachen schien.

Nagi war schon wieder auf dem Weg zur Küche, um sich über seinen eigenen Anteil des Essens herzumachen.

Aya hatte es inzwischen bis zur Tür geschafft und das Essen reingeholt, hatte sich jedoch noch nicht zur Nahrungsaufnahme überwinden können.

Währenddessen schaute Yoji den erwachenden Schuldig an, immer noch mit leichter Angst, dass dieser sich nicht mehr an seine Worte vor dem Einschlafen erinnern konnte.

Das Erste, was Schuldig nach dem öffnen der Augen tat, war schnuppern. „Was ist das?“ fragte er träge und zog sich vorsichtig an Yojis Arm hoch, in eine einigermaßen aufrechte Sitzposition.

„Essen… es sieht nach Hühnchen mit Reis aus.“

Schuldig blähte sofort die Backen auf. „Guten Appetit…“ und legte sich wieder hin.

„Das ist für dich!“

„Nein… danke… iss ruhig… ich… hab null Hunger…“

„Wenn du nicht isst, musst du zurück ins Krankenhaus. Soweit waren wir schon mal“, mahnte Yoji besorgt.

„Du… du hast nichts von essen gesagt…“ beklagte sich Schuldig. „Ich sollte nur im Bett bleiben und artig sein…“

„Zum Artigsein gehört auch Essen zwecks Überlebens und Genesung und außerdem gehörst du mir und ich will, dass es dir gut geht und deshalb musst du essen“, grinste Yoji.

Daraufhin wäre Schuldig am liebsten eingeknickt, unterließ es dann aber Aufgrund seiner Verletzung doch lieber und grinste kläglich zurück.

„Na los. Bitte! Du machst mir echt Sorgen, wenn du nicht isst“, seufzte Yoji und setzte sich mit dem Teller auf die Bettkante.

„Gib schon her“, knurrte Schuldig resigniert, wollte dem anderen ja nicht noch mehr Probleme machen, als er sonst schon hatte.

Erleichtert lächelnd reichte Yoji ihm den Teller und schnappte sich seinen eigenen.

Mehr schlecht als recht stopfte Schuldig das Essen in sich hinein. Aber wirkten die ersten paar Bissen noch trotzig, so wurde er nach und nach langsamer und zögernder.

„Was ist denn?“ Yojis Sorge kehrte zurück. „Du machst mir Angst!“

„Huh? Wiescho denn dasch?“ mümmelte Schuldig mit vollem Mund. „Ich hab halt keinen Hunger… hey nicht gleich durchdrehen… nach so langer Zeit wieder was Festes zwischen den Zähnen ist gewöhnungsbedürftig…“

„Okay… ich dreh’ nicht gleich durch. Ich bin halt nur besorgt und zwar zu Recht.“

Schuldig sah Yoji durch die orangefarbenen Ponyfransen entschuldigend an und stopfte sich einen weiteren Bissen in den Mund.

Yoji lächelte den Deutschen an, entspannte sich etwas.

Nach einer Weile stellte Schuldig die Schale halbleer beiseite und guckte Yoji nun beim Futtern zu.

Nachdem dieser seine Mahlzeit beendet hatte, guckte er Schuldig fragend an. „Und nun? Wie könnte ich dich erheitern?“ grinste er.

„Etwas raus hier?“ fragte der Deutsche vorsichtig, aber langsam bekam er Platzangst, immerzu in engen Räumen machte ihn ganz kribbelig.

„Raus? Wie denn? Soll ich dich runter aufs Sofa bringen?“

„Nein, nein… ganz raus… Park oder was weiß ich… frische Luft…“ Schuldig hibbelte mal wieder mehr herum, als für ihn gut war und plumpste regelrecht in Yojis Schoß.

„Okay…“ Yoji reichte Schuldig den toppmodischen Trainingsanzug. „Wir setzen uns ins Auto. Ich fahr dich rum!“

„Fahren?“ Der Ältere klang wenig begeistert und noch weniger begeistert starrte er den Trainingsanzug an. „A-anou…“

„Okay… du kriegst was anderes“, lachte Yoji. „Ich fahr dich wohin, wo sich keiner wundert, wenn ich dich trage. Wie wär’s mit Strand?“

Schuldig nickte artig, dann aber guckte er Yoji verwirrt an. „T-tragen? Ich bin doch keine Tragetasche…“

„Du wirst aber nicht laufen. Das sieht doch keiner. Dann setzen wir uns da nett hin…“

Eine Unterlippe schob sich schmollend vor.

„Was denn? Ich dachte, du hast mich genau deshalb?“ lächelte Yoji sanft.

„Okay…“ Schuldig krabbelte aus dem Bett und trat zu Yojis Kleiderschrank. „Lass mal sehen, worin ich nicht aussehe wie ein Bettler oder was weiß ich…“

„Danke! Das sind Klamotten von Armani und Versace!“

„Ah ja… na so lange du nix von Mooshammer oder Lagerfeld hast, ist alles in Ordnung…“ Eins ums andere Kleidungsstück wurde heraus gezupft, angeguckt und wieder in den Schrank geschmissen.

„Hallo… da war mal Ordnung drin… Du bist so frech!“ Yoji schaute entgeistert.

„Oh… gomén-nasai…“ Mehr schlecht als recht wurden die Klamotten wieder zusammengelegt, ohne das Schuldig etwas fand, was er denn nun anziehen konnte. Hilfe suchend sah er den Größeren an.

„Ist deine Tasche noch in Ayas Zimmer?“

„Hmm… weiß nicht… denk schon… soll ich sie holen gehen?“ Schuldig sah Yoji an, als wäre es sein vollster Ernst, dass jetzt selber in Angriff zu nehmen.

„Es wäre mir lieb, wenn du es könntest, aber leider geht das wohl nicht“, seufzte Yoji. „Ich mach’ schon… wenn ich nicht wiederkomme… es war schön, dich gekannt zu haben.“

Schuldig scharrte kurz mit dem Fuß. „Ah ja… anou… du gehst jetzt ohne…“ Er scharrte weiter.

Yoji guckte verwirrt.

Und Schuldig zog eine Schnute.

„Was? Ohne was?“

--- Küss mich, du Idiot! ---

Das ließ Yoji sich nicht zweimal sagen und obwohl er dabei knallrot anlief, nahm er den Kopf des Deutschen vorsichtig in seine Hände und küsste ihn, jedoch noch recht schüchtern und zurückhaltend. Er wollte auf keinen Fall zu weit gehen und alles kaputtmachen.

Danach blinzelte Schuldig nur zufrieden und ließ den Blonden ziehen. Seufzend ließ er sich wieder aufs Bett sinken und wollte die Arme hinter dem Kopf verschränken, musste diesen Gedanken aufgeben und rollte sich dann seitlich zusammen und hoffte, dass Aya Yoji lebend aus seinem Zimmer entkommen ließ.

Yoji klopfte zaghaft gegen Ayas Tür, öffnete sie und trabte rein. Stillschweigend ließ er die eisigen Blicke und die Standpauke über sich ergehen, schnappte sich Schuldigs Tasche und verschwand wieder. Was konnte man nicht alles aushalten, wenn man verliebt war. Tatsächlich waren Ayas Worte kaum an sein Ohr gedrungen. Grinsend kam er zurück in sein Zimmer und schwenkte die Tasche wie eine gegnerische Fahne.

Schuldig hob lächelnd den Kopf und richtete sich wieder auf. „Du lebst ja noch…“

„Jo, das tue ich. Ich habe gesiegt. Hier mein Teurer, für Euch aus der Höhle des Löwen gerettet.“

„Danke…“ Damit schob Schuldig seine Nase in die Tasche und begann die Klamotten rauszurupfen. Die Kleider flogen allesamt aufs Bett und dann wurde aussortiert.

Yoji sah ihm grinsend dabei zu. „Du hast echt ein cooles System der Auswahl!“

„Hmm…? Findest du?“ Schließlich hatte sich Schuldig seine Sachen zurecht gelegt, doch nun kam das nächste Problem. Wie sich anziehen, wenn man sich nicht bücken konnte? Zu aller erst natürlich trotzdem probieren…

Da war Yoji natürlich wieder zur Stelle. „Das soll’s sein? Dann Fuß her!“ Und schon friemelte er Schuldig in die Hose.

„D-danke…“ Das Ganze war dem Deutschen sichtlich peinlich und er starrte gen Decke.

Yoji war dadurch völlig unbeeindruckt und schließlich war Schuldig fertig angezogen. „Und los!“ Und schon hatte Yoji den Deutschen sanft hochgehoben und war mit ihm unterwegs nach unten.

Vertrauensvoll schlang Schuldig seine Arme um Yojis Hals und versuchte dann seine Gedanken bei sich zu halten und nichts von den anderen aufzuschnappen, was ihm vielleicht wehgetan hätte.

Yoji setzte Schuldig in sein Auto und fuhr mit ihm manierlich zum Strand.

Schuldig reckte seine Nase in den Wind und schloss die Augen, da seine Haare im Fahrtwind wild herumpeitschten.

Am Strand parkte Yoji den Wagen. Es waren ohnehin kaum noch Menschen unterwegs und so gelang es ihm, Schuldig unbeobachtet bis zu einer schönen Stelle zu tragen und in den Sand zu setzen.

„Du… du hättest mich auch laufen lassen können… wär schon gegangen…“ versuchte Schuldig dem überaus besorgten Yoji zu verklickern und sah ihn von unten her an, darauf wartend, dass sich der andere auch hinsetzte.

Yoji ließ sich neben den Deutschen in den weichen, noch warmen Sand fallen und schaute Schuldig verträumt an. „Das ist schon in Ordnung so!“

„Ee…“ Langsam ließ sich Schuldig sinken, bis er in Yojis Schoß lag, so wie Aya oft bei ihm gelegen hatte, als sie im Dschungel gelandet waren.

Yoji kraule Schuldig sanft durch das lange im Sonnenuntergang kupfern schimmernde Haar. In diesem Moment war er einfach nur überglücklich. Er konnte sein Glück kaum fassen.

Schuldig blinzelte, brauchte gar nicht in dessen Gedanken einzudringen, fragte aber dennoch. „Bist du glücklich?“

„Ja, mehr als ich es beschreiben kann.“ Die Worte kamen, bevor Yoji darüber nachgedacht hatte. Wieder färbten sich seine Wangen rötlich.

„Du bist… komisch… wo ist der alte Aufreißer von früher geblieben? Hab ich den etwa vergrault?“ Schuldig griff vorsichtig nach oben und fuhr über die roten Wangen des anderen.

„Der Aufreißer hatte auch nicht mit ‘nem Gefühlschaos zu kämpfen. Es ist… lange her, seit ich mich das letzte Mal so gefühlt habe.“ Yoji senkte den Blick. „… und es endete nicht sehr glücklich“, murmelte er traurig.

Schuldig hätte wohl die Ohren angelegt, wenn er eine Katze gewesen wäre, so aber verzog sich lediglich sein Gesicht etwas. „Meinst du dieses Sache mit einer von Schreient?“

Yoji nickte. „Ich hab’ meine eigene Freundin gekillt. Ich dachte, sie sei tot, sie kommt wieder und ich sorg’ persönlich für ihr Ableben…“

Trotz Schmerzen hob Schuldig seinen Oberkörper an und schlang seine Arme um Yoji.

Yoji seufzte. „Tja… überleg’ dir das mit mir vielleicht noch mal… Ich bin echt ein Unglücksbote.“

Schuldig schüttelte den Kopf. „Iie… keine Überlegung mehr… schon entschieden… schon länger…“

Yoji runzelte lächelnd die Stirn und blickte in Schuldigs wunderschöne Fuchsaugen, die, selbst wenn sie sanft blickten, noch schalkhaft glitzerten.

„Was denn? Glaubst du mir etwa nicht?“ Schuldig sah Yoji fragend an, behielt aber seine unbequeme Haltung bei, auch wenn die Fäden ganz leicht zu spannen begannen.

Yoji legte sich lächelnd neben Schuldig in den Sand, zog den Älteren sanft in seine Arme. „Doch, aber es erstaunt mich ehrlich gesagt.“

„Uhmm…“ murmelte Schuldig leise. „Du warst das Erste, was ich gesehen hab, als ich aufgewacht bin… du kennst doch dieses Kükensyndrom… ab jetzt wirst du mich nicht mehr los…“

„Super!“ lachte Yoji. „Das gefällt mir!“

„Erwarte nicht, dass ich anfange zu piepsen…“ schnurrte Schuldig leise und kuschelte sich an den warmen Körper unter sich. So was war es, was er vermisst hatte. Wärme und einfach nur das Gefühl nicht alleine zu sein. Eine Weile hatte er geglaubt, das bei Crawford gefunden zu haben, aber die Zärtlichkeiten der ersten paar Wochen war schnell Schlägen und Tyrannei gewichen und hatte Schuldig bereits beim Klang der Stimme des Amerikaners zusammenzucken lassen.

Yoji kraulte Schuldig sanft hinter dem Ohr und genoss die Nähe des Deutschen. Er mochte das Gefühl, dass Schuldig sich wohl bei ihm fühlte.

Irgendwann nickte Schuldig ein, doch es dauerte nicht lange und eine feine Gänsehaut überzog seine nicht bedeckten Körperstellen und die feinen Härchen richteten sich auf.

Yoji kuschelte sich dichter an Schuldig und legte sein Hemd um den Deutschen.

Dankbar blinzelte Schuldig nach oben. „Danke…“ Nur ein einzelnes kurzer Wort, vielleicht für den Moment gedacht, aber wohl viel mehr auch alles umfassend, was momentan in ihm drin vorging.

Glücklich seufzte Yoji und schnuffelte Schuldig leicht durch die Haare. Sie rochen so gut, nach Erdbeeren und nach Schuldig selbst.

Irgendwann drohte Schuldig wegzukippen und er zupfte Yoji leicht am Ärmel. Fürs Erste hatte er genug von der frischen Luft.

Also schnappte Yoji sich den Deutschen und fuhr in zurück gen Heimat, sprich Laden.

Omi guckte neugierig hinter einem Blumengesteck hervor, das er zusammen mit Nagi zusammenstellte, um den Jüngeren in seine zukünftige Arbeit einzuweisen. „Und wie war’s?“

Schuldig hob müde die Hand, lächelte aber.

Nagi grinste fröhlich und vergaß kurzzeitig seinen Frust darüber, dass er nicht so recht mit dem Gesteck klar kam. Es wollte einfach nicht halten.

Yoji trug Schuldig in sein Zimmer und deckte ihn fürsorglich zu. Sanft streichelte er dem Älteren über die Stirn.

Der schmunzelte etwas. „Ich komm mir fast vor wie’n Baby… aber irgendwie find ich das… nett…“

„Ich auch“, lächelte Yoji glücklich. „Brauchst du noch irgendwas?“

Schuldig schüttelte den Kopf. „Etwas schlafen und dann vielleicht mal wieder einfach nur fernsehen…?“

„Gut… dann schlaf’ jetzt schön. Kann ich dich hier allein lassen? Wenn du was brauchst, ruf’ einfach unten an, dann komm’ ich hoch.“

„Klar…“ Schuldig zwinkerte Yoji zu. „Ein Kleinkind bin ich schließlich nicht mehr, seit mehr als zehn Jahren…“

„Na dann.“ Yoji drückte Schuldig noch einen Kuss auf die Stirn und verschwand nach unten, wo Nagi langsam wirklich über dem Gesteck verzweifelte.

„Verdammt, warum hält das nicht?“ murmelte er frustriert.

Omi lehnte nur gegenüber halb über dem Tresen und grinste verhalten. „Das wird schon…“ Er griff nur Sekundenbruchteile ins Gesteck und Nagis minutenlanges Gefrimmel war beendet.

Nagi knickt ein. „Ach Mensch… das wird nie was!“

„Doch, doch…“ Omi grinste zu Yoji. „Viel Spaß, dass darfst du unserem Patienten dann auch beibringen, wenn er wieder gesund ist… so und nun machen wir Feierabend… wer hat Hunger? Ich bin heute für Pizza oder sonst was kommen lassen…“

„Sushi!“ entschied Nagi. Yoji grinste und griff zum Telefon.

Omi schob Nagi ins Wohnzimmer und verfrachtete den Kleinen aufs Sofa. Noch während er sich selber aufs Sofa fallen ließ, schaltete er den Fernseher ein.

Nagi kuschelte sich in die Kissen und ließ sich berieseln. Nach kurzer Zeit kam auch Yoji wieder dazu. „Essen kommt inner halben Stunde!“

„Okay… dann hol mal dein Baby runter, ich hol Aya…“ meinte Omi todesmutig und grinste die beiden anderen schief an.

„Nee, mein Baby schläft! Das hol’ ich nicht runter. Aber wenn du dich in Teufels Küche begibst… mein Respekt und viel Glück…“ Yoji hob ermutigend den Daumen.

„Okay, okay…“Omi kicherte und erhob sich dann. Kurz rieb er sein Näschen durch Nagis Haare. „Wünsch mir Glück.“ Und damit verschwand er nach oben in die Höhle des Löwen.

„Aya-kun…?“ fragte er vorsichtig, nachdem er angeklopft hatte.

„Was?“ kam es leicht gereizt zurück.

„Essen kommt bald… bitte komm doch runter, ja?!“ Omi klang ganz danach, als würde er ein ‘Nein’ nicht akzeptieren.

„Doshite?“

„Weil ich noch gerne wissen möchte, wie mein Teamkollege aussieht… bitte tu mir den Gefallen, Aya-kun!“

„Keine Lust!“ maulte Aya zurück. „Unten steht ein Bild von uns. Guck’s dir an.“

„Aya-kun…!“ nörgelte Omi weiter.

Keine Reaktion.

„Aya-kun…“ Omi klopfte erneut gegen die Tür. „Geht’s dir nicht gut…?“

„Nein, es geht mir nicht gut und jetzt hau’ ab.“

„Dame yo Aya-kun…“ Omi öffnete die Tür und guckte Aya traurig an. „Du machst deinen Freunden Sorge… deiner Familie…“

„Komm’ du mir jetzt nicht auch noch mit dieser Familienleier.“ Aya lag lang gestreckt auf dem Bett und starrte intensiv die Decke an.

„Und wenn schon. Was bringt es dir hier alleine im Zimmer rum zu liegen? Grübelst du oder was? Schlafen tust du ja anscheinend nicht…“

„Wenn ich geschlafen habe, hast du mich doch vorhin geweckt.“

„Aya-kun!“ versuchte Omi es sachlich, „… du schläfst so fest, wenn du krank bist, man kann dich rum tragen, schon vergessen?“ Damit erinnerte er Aya an eine längst vergangene Szene, in der Aya mit Grippe vor dem Fernseher eingepennt war und nicht wach zu bekommen war, also hatte man ihn kurzerhand nach oben verfrachtet und der 20-jährige hatte friedlich weiter vor sich hin geratzt.

„Das kommt immer auf die Situation an und außerdem fühle ich mich sehr wohl hier oben. Allein!“

„Nur einmal… dann lassen wir dich auch in Ruhe und du kannst dein einsames Leben hier oben fris…“ In diesem Moment erklang von unten ein Ruf und Manx’ helle Stimme klang durch’s Haus. „Runter kommen, aber schnell! Ich hab was für euch!“

„Na toll!“ grummelte Aya und erhob sich sichtlich unsicher, um nach unten zu schleichen.

Nagi stand bereits dort und Yoji war gerade dabei, Manx zu fragen, ob es denn nötig sei, Schuldig zu holen.

Manx zuckte leicht mit den Schultern. „Wie ist sein momentaner Zustand? Ich meine, ist er belastbar?“

„Seelisch vielleicht, körperlich auf keinen Fall. Aber wenn es was Emotionales ist, kriegt er’s eh’ mit, dann hol ich ihn lieber gleich, bevor er da oben durchdreht.“

„Hol ihn mal…“ Manx stöckelte bereits die Treppe hinunter, wo Omi schon neben Nagi auf dem Sofa saß und sie gebannt anstarrte. Irgendwie schien ihm ihr Gesichtsausdruck seltsam… bedrückt, oder gar… traurig? Er wartete darauf, das Yoji mit Schuldig herunter kam.

Doch zunächst kam Aya und setzte sich schweigend aufs Sofa.

Yoji trabte in sein Zimmer und rüttelte Schuldig sanft. „He, aufwachen. Wir müssen nach unten.“

Binnen Sekunden war Schuldig wach und sah Yoji erschrocken an. „Was ist?“

„Keine Ahnung, aber Manx ist da. Sie hat uns alle runtergepfiffen.“ Yoji griff schon wieder nach Schuldig, um ihn mitzunehmen.

„Lass nur, ich kann schon selber runter kommen…“ Tatsächlich schaffte es Schuldig, auch wenn er etwas Zeit brauchte. Dann kam für ihn schon der nächste Schock, als Manx ihn ungerührt mit Vornamen begrüßte. Er schluckte nur und lehnte sich gegen Yoji.

„Also? Was ist nun?“ fragte dieser.

Manx schob das Videoband in den Rekorder. „Bitte nicht erschrecken, Jungs…“ Das Band lief an und zeigte die Nachrichten, die heute Mittag gelaufen waren. Es wurde von einem Unfall berichtet, bei dem ein Motorradfahrer über eine Klippe gestürzt war. Die Aufnahmen der zerschellten Maschine ließ Omi sich kerzengerade hinsetzen. „So na…“

Yoji starrte auf den Bildschirm. „Da… das ist… Kens…“

„… Motorrad!“ beendete Aya zähneknirschend den Satz.

Nagi schluckte.

Manx nickte. „Sein Ausweis wurde in der Sporttasche gefunden, die man aus dem Meer gefischt hat… tut mir leid, Jungs… Siberian war ein hervorragender Kämpfer…“

„Was?“ piepste Omi. „Ein… ein hervorragender Kämpfer? Spinnst du? Er… er war doch keine Killermaschine, er war unser Freund…“

„War’s das?“ fragte Aya leise.

Nagi guckte immer noch ungläubig auf den Bildschirm.

Yojis Augen wurden gegen seinen Willen feucht und er drückte Schuldig fester an sich.

Der konnte den allgegenwärtigen Schmerz der Anwesenden spüren und legte seine Arme um Yojis Taille, auch wenn er ihm nicht wirklich eine Stütze sein konnte. Schuldig entging auch nicht, dass die Sache Manx nicht so kalt ließ, wie sie es vorgab. Diese nickte nämlich nur und legte Omi eine Hand auf die Schulter. Aber der Junge starrte nur den Bildschirm mit dem Standbild an, das das zerschmetterte Fahrzeug und einige Meter weiter einen mit einer weißen Plastikfolie abgedeckten Körper zeigte.

Aya erhob sich und wankte wieder nach oben, ohne die Anderen eines weiteren Blickes zu würdigen. Prinzipiell schien sein Blick ins Leere zu gehen.

Nagi drückte Omi an sich, um ihm Trost zu spenden, streichelte ihm über die Wange.

„Er kann doch nicht… warum?“ stotterte Omi. „Ich meine… er war doch ein hervorragender Motorradfahrer…“

„Omi… bitte! Psst…“ Nagi kuschelte Omi dichter an sich, sprach ihm beruhigend zu.

Yoji schaute Schuldig besorgt an, wollte nicht, dass dieser mehr als nötig litt.

Der junge Deutsche sah Aya, an Yojis Arm vorbei, hinterher. „So na bakana… er wird sich noch was antun… lasst ihn nicht allein“, bat er leise.

„Was sollen wir denn machen?“ Yoji wirkte erschüttert, schien sich nur noch auf den Schutz Schuldigs zu beschränken, seine ganze Kraft auf den Deutschen zu konzentrieren.

Nagi hatte Schuldig überhaupt nicht wahrgenommen, war zu sehr mit Omi beschäftigt.

Der war inzwischen verstummt und schüttelte nur ungläubig den Kopf. „Nein, das kann nicht sein. Weiß kann nicht zerfallen… nicht so… nicht deswegen…“

Yoji guckte Schuldig fragend an. „Weswegen?“

Schuldig sah hoch zu Yoji. „Omi gibt Aya die Schuld dafür…“ meinte er leise.

Yoji sog scharf die Luft ein. „K’so! Das kann alles nicht sein!“

„I-ich muss mit Aya reden…“ Damit löste sich Schuldig unsicher von Yoji und wankte die Wendeltreppe hoch.

Yoji guckte ihm besorgt und traurig nach, ließ ihn jedoch gehen. Vielleicht war es das Beste so.

Nach ein paar Minuten hatte Schuldig das Zimmer von Aya erreicht und klopfte kurz an, ehe er eintrat. Kaum drinnen sank er erst mal auf die Knie, denn vor Aya hatte er keine Hemmungen Schwäche zu zeigen, aus welchem Grund auch immer.

Aya schaute zu Schuldig, rappelte sich auf, um dem anderen wieder auf die Beine zu helfen. „Was machst du hier?“

„I-ich… dich nicht alleine lassen…“ Er ließ sich mit Aya aufs Bett sinken, die Hand fest gegen die Seite gepresst.

„Im Gegensatz zu dir schätze ich die Einsamkeit.“

„Soll ich wieder gehen?“ Eine unnötige Frage, Schuldig wusste, dass Aya ihn in diesem Zustand nicht wegschicken würde.

„Nein… noch nicht… wenn es dir besser geht…vielleicht.“

Dankbar ließ sich Schuldig in die Kissen sinken, blieb bei Aya und doch auch nicht, denn er überließ ihn seinen eigenen Gedanken.

So brüteten die beiden eine Weile vor sich hin, schwiegen gemeinsam…

Doch Schuldig konnte es nicht lassen und krabbelte heimlich in Ayas Gedanken.

Dort fand er als allererstes Unglauben. Das konnte… das durfte nicht wahr sein… ‚Ich hätte ihn niemals gehen lassen dürfen. Das… Omi hasst mich und er hat recht. Es ist meine Schuld. Egal… eine weitere Sünde auf dem Konto meiner Seele, ein weiteres unschuldiges Leben… Ich bin nur ein Killer, nichts weiter… ich sollte mich nicht Freund nennen… nie mehr…’ Jetzt war Aya erst recht entschlossen, nie wieder jemanden an sich heranzulassen. Nie wieder jemandem Gefühle zu zeigen… und ihn ins Unglück zu stürzen. Er würde seine Fassade höher, fester und kälter bauen als jemals zuvor, sich härter schinden und quälen…

Schuldig öffnete bestürzt die Augen, dann rutschte er dichter an Aya und lehnte seine Stirn gegen dessen Rücken. „Ran no baka…“ hauchte er leise, ehe er der Erschöpfung nachgab und einschlief.

Aya hatte sich bei dieser Berührung verkrampft, versuchte Schuldig an seinem Rücken zu ignorieren. Als er merkte, dass der Deutsche eingeschlafen war, trollte er sich auf die Couch in seinem Zimmer, um weiteren Kontakt zu vermeiden.

Als Schuldig Stunden später wieder aufwachte fand er sich seltsamerweise in einem anderen Zimmer wieder und die abweisenden Gedanken um ihn herum waren weg. Unsicher blinzelt sah er sich um, fand aber vor seiner Nase nur einen Büschel blonder Haare. Ein Lächeln glitt über die blassen Lippen. „Hast es wohl nicht allzu lange ohne mich ausgehalten…“ schmunzelte er und schnuffelte durch Yojis Haare hindurch.

„Ich wollte nur kurz nach dir gucken…“ murmelte Yoji müde. „… und Aya schien froh, dich loszuwerden, so fies es auch klingt.“

„Bis du ihm böse deswegen? Wie geht’s Omi und Nagi?“

„Na ja… den Umständen entsprechend. Und nein, ich bin ihm nicht böse. Ich mache mir nur Sorgen und ich hoffe, eine Konfrontation zwischen ihm und Omi möglichst lange vermeiden zu können.“

„So lange er nicht auf den Beinen ist gibt es keinen Auftrag für Weiß, das weiß ich von Manx, da sie euch nicht zu dritt raus schicken wollen.“

„Aber Aya und Omi gemeinsam rauszuschicken, ist auch nicht gerade die beste Lösung. Schuldig, ehrlich gesagt… ich habe Angst… eine Scheißangst.“

Schuldig legte seine Hände an Yojis Wangen und sah ihm tief in die Augen. „Ich auch, aber das wird schon irgendwann wieder… ich bin nicht mehr allein… das ist schon viel wert.“

Yoji lächelte, doch seine Augen blieben von Trauer erfüllt. „Ich weiß… und ich hoffe, ich kann deiner gerecht werden. Ich will dich nicht enttäuschen, dein Vertrauen beschmutzen…“

„Ich würd’s eh vorher merken“, grinste Schuldig wieder halbwegs munter. „DU kannst mir nichts vormachen, schon vergessen? Also auch nix da von wegen vorgetäuschter Orgasmus…“

Yoji grinste mit einer Mischung aus Belustigung und Entsetzen. „SO war das auch nicht gemeint. Ich hab’ nicht vor, dich bewusst zu enttäuschen, aber wenn ich dich zum Beispiel nicht beschützen kann, ist das auch Vertrauensbruch…“ Er seufzte und gab Schuldig einen zarten Kuss auf die Stirn, direkt übers Nasenbein.


Teil 19

Schuldig sah den Blonden aus großen Augen an. „Ah…“ So hatte er das Ganze noch nie gesehen. Aber so etwas hatte ihm auch noch nie jemand gesagt und es ließ ihn frösteln, aber zugleich wurde ihm auch ganz warm ums Herz.

Yoji drückte seine Wange fest gegen die von Schuldig und versuchte, wenigstens kurzzeitig nicht an die Schrecken der letzten Stunden und die Probleme zu denken, sondern einfach mal einen Moment lang glücklich zu sein.

Was zum Ergebnis führte, dass Schuldig zwar noch seine Arme um Yoji legte, dann aber doch begann wegzuduseln.

Yoji hing halb schwermütig halb glücklich seinen Gedanken nach, doch schließlich überwog die Sorge doch. Aber was sollte er tun? Egal wie angestrengt er nachdachte, er kam zu keinem guten Ergebnis. Es würde wohl doch darauf hinauslaufen, den Dingen einfach ihren Lauf zu lassen.

Der nächste Tag begann wie der letzte geendet hatte: düster und voller trauriger Gesichter. Omi hatte zwar Frühstück gemacht, da er nun einmal an der Reihe war, aber essen mochte er so gut wie nichts. Auch Schuldig, der Yoji dazu überredet hatte, ihn mit runter zu nehmen, war schon nach ein paar Bissen grün um die Nase geworden und hatte sich ins Bad verabschiedet.

Aya hatte sich wie erwartet gar nicht erst nach unten bemüht, sondern sich nach wie vor allein in seinem Zimmer verkrochen. So saß Yoji nun geknickt da, machte sich Sorgen um Schuldig und die anderen und starrte traurig in seine Kaffeetasse, die so friedlich neben der von Ken im Schrank gestanden hatte. Nagi war die Stimmung ebenfalls sowohl auf den Magen wie auch aufs Gemüt geschlagen und er schien, mehr als jemals zuvor, wieder wie zu der Zeit, als er noch bei Schwarz war. Nicht ein winziges Lächeln war über seine Lippen gekommen, sein Blick gab keinerlei Aufschluss über das, was in ihm vorgehen mochte.

Trotz der niederschmetternden Stimmung öffnete Omi den Blumenladen um neun Uhr. Die Mädchen stürmten, nach Tagen des geschlossenen Ladens, bald wieder wie gewohnt herein. Doch ihre Blicke schienen verwirrt, als sie nicht das alt bekannte Quartett zu Gesicht bekamen.

Nagi arbeitete verbissen daran, seine floristischen Fähigkeiten zu verbessern, schien fast wie besessen. Auch Yoji war nicht in der Lage, seine „easy going“-Masche durchzuziehen. Zu deutlich stand noch immer das Bild des Unfalls vor seinem geistigen Auge und die diversen Erinnerungen im Laden, von einer Bestellliste in Kens Handschrift bis hin zu den Palmen, machten es nicht leichter, zu glauben, dass der junge Sportler nie wiederkommen würde und den Verlust doch so deutlich. Die Erwartung, dass er jeden Moment verschwitzt und grinsend vom Training kommen könnte, hielt sich trotz allem töricht in den Gemütern.

„Du elendes Scheißding…“ Fluchend hämmerte Omi auf die Kasse ein, deren Schublade sich mal wieder rettungslos verhakt hatte. Er schlug mehrmals mit der Faust obendrauf und an die Seite, was allerdings nichts weiter brachte als eine erst taube, dann schmerzende Hand. Omi war dem Heulen nah und sah sich nach Hilfe um.

Nagi blickte kurz auf, überschaute die Situation und zwang der Kasse mit einer Handbewegung telekinetisch seinen Willen auf. Ohne ein Wort zu verlieren, wandte er sich wieder den Blumen zu.

Nun stand Omi zwar vor der offenen Kasse, aber geheult hätte er trotzdem immer noch gerne. Allerdings zwangen ihn die Mädchen dazu ein falsches Lächeln aufzusetzen. Nach einer Weile schob dann auch Schuldig seine Nase vorsichtig in den Verkaufsraum: ihm war langweilig. Die Hände in die viel zu langen Ärmel eines Pullis von Yoji zurückgezogen und die Arme schützend um den Oberkörper gelegt, tapste er in den Raum und sah die vielen Mädchen staunend an.

Yoji seufzte. „Was machst du denn hier? Willst du nicht lieber fernsehen oder so?“

Schuldig schüttelte den Kopf und trat neben Yoji hinter den Tresen, nur um gleich von mehr als einem Duzend Mädchenaugen angeglotzt zu werden.

Yoji lächelte die Mädchen betont freundlich doch unnachgiebig an. „Ja, er ist neu. Ja, er ist niedlich. Und NEIN, er wird nicht angefasst, weil es ihm nicht gut geht.“

--- Die sind ja vielleicht anhänglich… --- Das gleiche galt wohl für Schuldig ebenfalls, denn je näher die Teenager kamen, um so mehr schien es, als wolle er Yoji jeden Moment auf den Arm klettern.

--- Ganz ruhig, die beißen nur sehr selten. Wenn es dir nicht passt, verschreck’ sie doch. Gib’ ihnen das Gefühl, dass du doof bist oder so. --- Yoji konnte sich trotz seiner Trauer und Sorge ein kleines Grinsen nicht verkneifen.

Schuldig sah ihn entsetzt an. „Ich bin nicht doof…!“

Yoji musste nun wirklich lachen. Der Deutsche sah zu putzig aus, wie er da vor den Mädchen flüchtete und große, entsetzte Kulleraugen machte. „Das weiß ich doch…“ prustete er. „War doch nur’n Vorschlag.“

„Ich hab meine anderen Methoden… weißt du, wie wir zwei auf einen Schlag Ruhe hätten…?“ Das Grinsen, das Schuldig an den Tag legte, reicht schon mal aus, um einige Mädchen zurück weichen zu lassen, Yoji allerdings würde es wohl mehr als nur klar aussagen, was der Deutsche meinte.

„Ähm…“ Yoji wurde knallrot. „… also weißt du, ich… normalerweise find’ ich’s ganz okay… nur heute ist es etwas störend. Gleich so drastische Maßnahmen…“

„Aber etwas eingebildete Regelschmerzen oder was weiß ich sind okay?“

„Öh… ja… aber tön’ das hier nicht so rum. Du bist schließlich ein ganz normaler junger Mann…“

Schuldig grinste nur kurz, zwei Minuten später hatte sich die Besucherzahl des Blumenladens halbiert.

Yoji feixte. „Und nächstes Mal sortierst du bitte noch die Kundinnen von den Gafferinnen. Die Guten in den Laden… die schlechten nach draußen.“

„Hä? O-okay…“ Schuldig murmelte was von Aschenputtel und beguckte sich dann das Blumentöpfchen mit den blauen Blümchen, die ihre Köpfe hängen ließen, das Omi in Händen hielt. „Die sehen nicht mehr allzu frisch aus… solltest du…“ Er tat eine wegwerfende Handbewegung, worauf Omi ihn entsetzt anstarrte.

„Spinnst du?! Das ist… das ist…“

„… Enzian… ja und?“

„Das sind Kens Blumen“, raunte Yoji dem Deutschen zu. „Trotzdem, Omi! Versuch’ ernsthaft, sie zu päppeln oder schmeiß’ sie weg. Vom Angucken wird es nicht besser. Nichts wird dadurch besser!“

Omi nickte tapfer, dachte aber nicht daran, das Pflänzchen aufzugeben. Beinahe liebevoll gab er ihm Wasser und steckte ihm eine Kapsel mit einem speziellen Düngemittel in die Erde. Dann wurde es im Lager an ein ruhiges Plätzchen gestellt.

Yoji schüttelte seufzend den Kopf und murmelte leise. „Er packt’s nicht. Von wegen Killerkind und so… Profi… Er sollte es besser wegstecken, doch er kommt damit schwerer klar als wir.“

„Bist du dir da so sicher…?“ Schuldig hatte sich auf den Stuhl hinter dem Tresen gesetzt und sah Yoji von unten her an.

„Wenn du was weißt, was ich nicht wissen kann, sag’s mir. ICH bin nämlich kein Telepath.“ Yoji guckte Schuldig entnervt grinsend an.

„Also entweder spuckt schon ein Geist ins Kens Zimmer herum, oder…“ Schuldig guckte zur Decke. Alle Bewohner, bis auf eine Ausnahme, waren hier unten im Laden anwesend.

Yoji sah Schuldig nur voller Unverständnis an.

Der schnaufte hörbar aus. „Aya ist oben in Kens Zimmer. Frag mich nicht, was er da macht. Seine Gedanken sind Chaos pur…“

Yoji stürmte die Treppe nach oben in Kens Zimmer. Auf den ersten Blick sah er nur das übliche Chaos, doch hinter dem Bett erhaschte er kurz einen roten Haarschopf. Vorsichtig näherte er sich und fand Aya mehr liegend als sitzend hinter Kens Bett vor. Der 20-Jährige drehte den Kopf zur Seite, es war deutlich, dass er weinte und ebenso, dass es ihm schrecklich peinlich war. So wie Aya aussah, hatte er nicht erst vor kurzem angefangen zu weinen, sondern war bereits geistig und körperlich völlig fertig durch die Anstrengung, doch die Tränen wollten und wollten nicht versiegen.

Schuldig schob sich hinter Yoji ins Zimmer und erschrak leicht ob Ayas Zustand. Allerdings hielt sein Schockzustand nicht lange an. Er ging vor Aya in die Knie und krabbelte zu ihm. „Aya…“

Auch Omi war nicht entgangen, dass Yoji mit Schuldig abgezischt war. Kurzerhand hatte er Kunden Kunden sein lassen und alle rausgejagt, Nagi an die Hand genommen und war den anderen gefolgt. Nun lugte er vorsichtig um die Türecke und schluckte nur leicht, zog Nagi dichter zu sich.

Aya zog sich einen Zipfel von Kens Bettdecke runter, um seine Schamesröte zu verstecken. „Toll… sind wir jetzt alle hier, um Aya beim Heulen zuzusehen?… Verdammt, warum könnt Ihr mich nicht einfach in Ruhe lassen.“ Es klang mehr verzweifelt als wütend und zwischendurch wurde er immer wieder von Weinkrämpfen geschüttelt.

Schuldig schüttelte den Kopf. „Du willst doch nicht wirklich allein sein, oder?“ Er hatte sich vor ihn hingehockt und versuchte in die amethystfarbenen Augen zu blicken, die dunkler schienen als sonst, beinahe schwarz.

„Nein… ich will nicht allein sein… aber er kommt ja doch nicht zurück… NIE MEHR!!!! Und das ist alles meine Schuld…“ Aya war halb wahnsinnig vor Selbsthass und Trauer.

„Nein, nein, nicht doch… dafür kannst du nichts… dass war nur ein gemeiner Unfall… daran hat keiner Schuld…“ Schuldigs Worte schienen Aya gar nicht richtig zu erreichen.

Aya schluchzte nur, seine Worte kamen leise und abgehackt, da er sich immer wieder bemühen musste, Luft zu holen. „Ich… hab’… ihn… gehen lassen… ich hab’… ihn weggeschickt… ich… hab’… ihm weh getan… so schrecklich… weh-ge-tan… und jetzt kann ich es nie wieder gut… machen…“

„Aber… er hätte das auch nicht gewollt… dass du dir Vorwürfe machst…“ Hilfe suchend sah Schuldig hoch zu Yoji, wobei sein Blick auch auf Omi und Nagi fiel, die im Türrahmen standen.

Yoji blickte hilflos in die Runde, wusste nicht genau, ob er sich nun ebenfalls neben seinen Freund hinknien sollte, oder ob Schuldig nicht vielleicht das Äußerste dessen war, was Aya momentan in seiner unmittelbaren Nähe ertragen konnte.

Nagi beobachtete die Szene äußerlich unberührt mit leichtem Unglauben. Der immer gefasste, coole Anführer von Weiß schien völlig aufgelöst. Nie hätte Nagi gedacht, dies so zu erleben.

Schuldig wagte es schließlich sogar Aya eine Hand aufs Knie zu legen und sachte zu drücken. --- Wir sind bei dir… du musst da nicht alleine durch… nicht dieses Mal… ---

Ayas Blick wurde zorniger, gefährlicher… „LASS MICH BLOSS IN RUHE! Sag’ nie wieder diese Worte. Sag’ nie wieder, dass ich da nicht alleine durch muss! Das hat er mir auch gesagt, bevor ich ihn in den Tod geschickt habe!“ Aya sah aus, als wolle er Schuldig in kleine Stücke zerfetzen. Yoji hielt es nun doch für besser, sich dazuzuknien und wenn es nur war, um den Deutschen vor Aya zu schützen.

Schuldig war in der Tat zurückgewichen und froh, sich in Yojis Armen wieder zu finden. „A-aya…“ stotterte er unsicher.

Aya schien wie ein sterbendes Raubtier, das fest entschlossen war, sich bis zum letzten Atemzug gegen seine Peiniger zur Wehr zur setzen. Der Schmerz ließ ihn wahrhaft wahnsinnig werden, seine Freunde wie Feinde erscheinen. In der Tat knurrte und fauchte er leise, während er sich in eine Stellung brachte, in der er sämtliche Anwesende überblicken konnte. „Verschwindet!“ zischte er leise.