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Sechs Wochen meines Lebens ...

Original/ Reale Welt [NC-14] [abgeschlossen] 

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Einteiler

Inhalt:
Sebastian leidet unter starken Migräneanfällen und muss daher eine sechswöchige Kur machen. Nach drei Tagen bekommt er einen neuen Zimmernachbarn...

 


 

Sechs Wochen meines Lebens ...

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„... Sonntag, 3. November

Ich bin nun schon seit drei Tagen hier in der Reha und beginne langsam mich wohl zu fühlen.

Auch wenn man sich das schlecht vorstellen kann, es ist gar nicht so übel hier. Das Zimmer ist schön groß, hell und freundlich. Die Schwestern sind einigermaßen okay, und die wenigen Pfleger zum anbeißen. Na ja, zumindest ein oder zwei....

Mein Zimmernachbar war auch voll in Ordnung, doch heute morgen ist er wieder in Richtung Heimat aufgebrochen und nun hocke ich hier alleine in dem Zwei-Bett-Zimmer und kritzel vor mich hin.

Wenn man aber Andreas (das ist einer der schnuckeligen Pfleger) Glauben schenken darf, bekomme ich noch heute einen neuen „Leidensgenossen“.

Da bin ich ja mal gespannt...“

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Gähnend erhob sich Sebastian von dem kleinen Tischchen, das am Fenster seines Zimmers stand. Mit geübten Handgriffen sammelte er schnell das Notizbuch und seine Stifte zusammen und verstaute sie in dem Nachtschränkchen, bevor er sich müde auf sein Bett schmiss.

Seufzend breitete er die Arme aus und blickte die Decke an.

Für heute Nachmittag standen erst mal keine weiteren Therapien mehr an, wenn er sich nicht verlesen hatte. Also durfte er sich langweilen.

Mit einer fahrigen Bewegung löste er das Band, das seine langen, pechschwarzen Haare auf dem Rücken zu einem Zopf zusammen hielt. Achtlos wurde es auf den Nachtschrank geworfen.

Sebastian war ein 17-jähriger Gymnasiast, der wegen häufigen Migräne-Anfällen hier war und sich erholen sollte. Er war ungefähr 1,70 m groß und muskulös gebaut. Warme braune Augen blickten aus, dem mit weichen Gesichtszügen ausgestatteten Gesicht hervor und betrachteten ihre Umwelt mit einer Faszination, die Sebastian meist selbst erschreckte. Er war unheimlich neugierig und für sein Alter häufig auch ziemlich kindisch. Aber ihn störte es nicht weiter und seine Freunde zu Hause auch nicht.

Grummelnd schloss Sebastian die Augen. /Wie ich Langeweile hasse!!!/

Eine Melodie, die ihm gerade eingefallen war, summend, erhob er sich wieder ruckartig von seinem Bett und stürzte sich auf seinem Schrank. Dort angekommen öffnete er ihn und zerrte seine Tasche heraus.

/Da ich wohl oder übel länger hier bleibe, ist es wohl besser, mal ein bisschen was einzuräumen.../

Sebastian folgte seinen Gedanken und kramte aus der großen NIKE-Tasche alles brauchbare hervor:

Klamotten, Bücher, einen Discman, CDs (eigentlich fast nur Techno), ein paar Zeitschriften, seinen Kulturbeutel, Brieftasche, Handy, ein Foto von ein paar Kumpels....

Stimmen vor der Tür ließen ihn mitten in einem bunten Chaos inne halten. Atemlos lauschte er, wie die Stimmen immer näher kamen und dann vor der Tür anhielten.

Eine der Stimmen erkannte er. /Andi... ähm... Andreas.../ Er wurde rot, da er sich schon in so kurzer Zeit angewöhnt hätte, den Pfleger so zu nennen - wenn auch nur geistig.

Andreas redete mit gleichmäßiger Stimme auf eine weitere Person ein, die immer nur mit ‚Ja’ antwortete, und nach einigen Sekunden in schallendes Gelächter ausbrach.

Dieses Lachen ging Sebastian durch und durch und sein Körper überzog sich mit einer Gänsehaut.

Dann wurde die Tür geöffnet und beide Personen traten ein. Sebastian konnte deutlich das Geräusch eines Rollstuhls vernehmen. /Rollstuhl???/

Doch bevor er aus seinem „Versteck“ hinter dem Bett hervorkriechen konnte, hörte er auch schon Andis verdutzte Stimme:

„Basti? Bist du im Bad???“

Glucksend reckte sich der Gerufene und antwortete, nun sichtbar:

„Nee, ich bin hier! Bin gerade dabei meine Tasche umzupflügen...“ Umständlich erhob er sich und stieg über seinen ganzen, auf dem Boden verstreuten, Kram hinüber, während Andi erklärte: „Hast wohl Langeweile, wie? Ich bring dir hier eine Beschäftigung... Das ist Nico, er wird ab heute dein Zimmernachbar sein.“

Bastis und Nicos Blicke trafen sich, beide verharrten regungslos.

Nico war ein wenig kleiner als Basti und besaß einen schlanken, feingliedrigen Körper, welcher in strahlend weißen Klamotten steckte. Die Hose besaß Schlag und der Rollkragenpullover saß hauteng. Auf Nicos Gesicht ruhte ein fröhliches Lächeln, welches die blauen Augen zum leuchten brachte. Die Gesichtszüge waren noch ein wenig kindlich und eine seiner Augenbrauen war gepierct. Sein Haar war von einem weißen Cappy verdeckt, doch einige Strähnen lugten darunter hervor. Basti stutzte, sie waren neongrün.

Alles in allem hätte man meinen können, Nico käme gerade von einem nächtlichen Streifzug durch die Discos zurück, und nicht aus einem Krankenhaus. Das einzige, was diesen Anblick ein bisschen bizarr erscheinen ließ, war der Rollstuhl, in dem Nico saß.

/Wie kann er so fröhlich aussehen, wenn er an so ein Ding gebunden ist???/

„Ähm...“ Das Räuspern von Andi durchbrach die eingetretene Stille. Erst jetzt fiel Basti auf, wie extrem er den anderen angestarrt haben musste. Errötend senkte er den Blick „... Ich hab noch was zu tun, also sei ihm bitte beim auspacken behilflich, ja?“, verabschiedete sich Andi, nachdem er noch mal unsicher von einem zum anderen geblickt hatte. Dann verließ er schnell den Raum.



Immer noch wortlos standen sich die beiden Jugendlichen gegenüber. Nico war es dann, der sich abwendete und mit einem freundlichen Lächeln meinte: „Lass mal, du musst mir nicht helfen, das bekomm ich schon irgendwie alleine hin. Lass dich von diesem metallischen Monster nicht täuschen....“ Trotz seiner Worte ein wenig unsicher, griff er nach seiner Tasche und rollte auf seinen Schrank zu.

Basti beobachtete den anderen stumm und suchte nach einem Anzeichen, dass dieser wohl doch Hilfe benötigen würde. Doch Nico wurschtelte, wenn auch langsam, vor sich hin.

Mit einem Seufzen wendete sich Basti wieder seinem Chaos zu und begann die Bücher, CDs und den Discman auf das Regal über dem Bett zu sortieren. Ab und an warf er einen Blick auf den anderen, doch dieser schien ihn nicht zu beachten.

Als Basti mit seinen Sachen fertig war, und die nun fast leere Tasche wieder in den Schrank gestopft hatte, setzte er sich leise auf sein Bett und musterte den anderen.

Dieser hatte sein Cappy abgenommen und seine Haare /Die sind ja wirklich grün!!!/ hingen ihm ein wenig in die Augen. Ab und an wischte er sie mit einer beiläufigen Bewegung beiseite.

Irgendwann schien er dann zu bemerken, dass er beobachtet wurde und drehte sich mit dem Rollstuhl zu Basti um.

Ein fragender Ausdruck schlich sich in sein Gesicht und er meinte gelassen: „Ist was?“

Basti erwiderte den Blick offen und antwortet: „Nö! Ich warte drauf, dass du fertig wirst!“

„Warum das?“

„Weil ich mich mit dir unterhalten möchte?“

„Hö? Und wer sagt, dass ich mit dir reden möchte?“

Basti war wegen dieser milden Abfuhr ein wenig verunsichert, aber er ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.

„Immerhin hast du bisher auch nicht gesagt, dass du NICHT mit mir reden möchtest.“

„Stimmt...“ Nico wendete wieder seinen Rollstuhl und verstaute die letzten Sachen im Schrank. Bei seiner Tasche, die er ins oberste Fach stopfen wollte, bekam er aber Schwierigkeiten.

Leichtfüßig erhob sich Basti und griff ungefragt über den anderen hinweg, um sich die Tasche zu nehmen und sie in das oberste Fach zu stecken.

Nico ließ sich wortlos helfen. Dann hauchte er leise:

„Danke!“

„Bitte!“ Basti konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen und blieb mitten im Raum stehen um zu sehen, was der andere nun tun würde.

Der drehte den Rollstuhl so, dass er neben dem Bett stand und begann sich vorsichtig hoch zu hieven.

Unsicher, ob er ihm nicht lieber helfen sollte, machte Basti einen Schritt auf Nico zu, doch dieser schaffte es auch alleine, aufs Bett zu kommen, auch wenn er danach ziemlich aus der Puste war.

„Sag beim nächsten Mal bescheid, ich helf dir!“, bot Basti leise an, doch Nico zeigte nur ein Lächeln.

„Danke für das Angebot, aber ich schaff das schon alleine. Und in ein paar Wochen bin ich dieses Monster eh los!“

„Ach ja?“ Basti zog sich einen Hocker dichter zu Nicos Bett heran und betrachtete ihn dann fragend.

„Jaaaa, deshalb bin ich ja hier. Um den Rollstuhl los zu werden. Wenn man den Ärzten glauben kann, dürfte ich nach dieser Kur wieder vollkommen hergestellt sein. Wird auch Zeit, ich beginne nämlich allmählich diesen Rollstuhl zu hassen.“

„Wie lange hast du ihn schon?“

„Seit... öhm... drei Wochen oder so. Ich war zwischen Krankenhaus und Kur noch eine Woche zu Hause.“

„Aaaach so...“

„Jupp!“ Nico rutsche ein wenig tiefer auf seinem Bett und schloss, nun vollkommen liegend, die Augen.

Eine sanfte Berührung an seinem Bein ließ sie ihn aber wieder öffnen. Verstört sah er den anderen an. Dieser stand direkt vor ihm und fragte fast bedächtig:

„Spürst du was, wenn ich dich am Bein berühre?“

Nico musste kichern und quietschte in hohem Ton: „Wah! Geh mir vom Bein!“ Verspielt schlug er nach Bastis Hand, doch dieser zog sie schnell zurück.

Er wusste diesen Ausbruch nicht zu deuten, das konnte Nico ihm deutlich von den Augen ablesen. Deshalb seufzte dieser ergeben, und meinte dann: „Ja, natürlich merke ich es, wenn du mich am Bein betatschst!“

„Ich hab dich nicht beta...“

„Schon okay!“, beruhigte Nico den erschrockenen Basti. „Vor drei Wochen, da hab ich meine Beine nicht mehr gespürt. Mann, das war echt ein scheiß Gefühl, das kannst du mir glauben, aber nach der Operation ging es wieder. Auch wenn das Gefühl nur langsam wiederkam. Ich kann sogar ohne Rollstuhl gehen, bloß dann muss ich gestützt werden...“

„Und hier sollst du also wieder lernen alleine zu gehen?“ Bastis Interesse war geweckt worden.

„Ja, soll ich... und das werde ich auch.“

„Ähm...“

„Ja?“ Nico hob grinsend eine Augenbraue. Er konnte sich schon denken, was für eine Frage nun kam.

„Darf man dich fragen, wieso du kein Gefühl mehr in deinen Beinen gehabt hast? Hattest du einen Unfall?“

Nico schloss kurz die Augen und schien zu überlegen, doch dann meinte er kichernd:

„Na ja... Ein „Unfall“ war es schon irgendwie. Oder sagen wir besser, Gott hat mich zu recht bestraft...“

„Inwiefern?“ Basti wirkte verwirrt.

„Ach, das ist eine blöde Geschichte...“

„Okay, dann lassen wir’s. Wenn du’s mir nicht erzählen willst, ist das okay...“

„Quatsch! Ich will es dir erzählen, aber irgendwie ist es peinlich....“

„Wieso?“

„Warst du schon mal so voll, dass du gedacht hast, du könntest fliegen?“

„Nee, sooo voll bin ich noch nie gewesen. Und ich war schon oft besoffen...“

„Siehste... Ich war so voll, und da stand zufällig ne Brücke rum und ich dann halt... hops...“

„WAS?“

„Ja ja ja, ich weiß, peinlich....“ Nico wurde rot.

„Nein, peinlich ist das nicht. Na ja okay, vielleicht ein bisschen, aber du bist echt gesprungen???“

„Ja, sonst wäre ich nicht hier. Aber die Brücke war nicht hoch. Zum Glück auch, sonst wäre ich jetzt vielleicht...“ Nico machte das Zeichen für Kopf-Ab.

„Oh man!“ Basti, der immer noch stand, ließ sich ungefragt auf Nicos Bettrand nieder. Dieser rutschte Platz machend zur Seite und kicherte dann:

„Nun guck nicht so! Ich fand Superman früher schon krass und fliegen wollte ich auch immer können. Aber na ja... hat nicht ganz geklappt...“

„Du hast echt ’n Ding an der Waffel!“

Nicos Kichern verstummte. „Warum?

„Wie kannst du darüber solche Scherze machen? Du hättest tot sein können!“

„Bin ich aber nicht! Und was bringt mir das Rumgeheule jetzt? Ich hab schon genug rumgeheult. Ich bin hier, damit es besser wird, und das wird es auch werden. Und ein bisschen Humor und ein paar positive Gedanken können dabei nicht schaden, oder siehst du das anders?“

Basti wirkte verwirrt. Stumm starrte er die Bettdecke an.

Nico verdrehte, ob Bastis mieser Laune, die Augen. Dann wechselte er das Thema.


„Wie heißt du eigentlich wirklich? Bastian oder Sebastian?“

„Sebastian!“ Der Gefragte hob wieder den Blick. „Du kannst aber Basti sagen...“

„Okay, werde ich tun. Dass ich Nico heiße, hat der Pfleger ja schon erwähnt...“

„Mhm... der Pfleger heißt Andreas. Wie alt bist du?“

„16! Und du bist 17, oder?“

„Woher...?“

„Andreas!“ Nico musste kichern.

„Arg! Der Typ redet zu viel! Was hat er denn noch über mich gesagt?“

„Och, nur das du ein bisschen seltsam bist, sonst nichts!“

„Seltsam? Wie darf ich denn das verstehen???“ Basti plusterte sich auf.

„Er meinte, du bist wohl ziemlich aufgedreht!“

„Ach...“ Basti grummelte kurz und wurde rot. „... das muss an den Tabletten liegen, die sie mir hier geben!“

„Süüüüß!“ Nicos Augen begannen zu glänzen. „Grummel noch mal so niedlich!!! Bitte! Für mich!“

Basti klappte der Kiefer runter. „Bin ich denn dein Teddybär, der auf Befehl brummt?“

„Nee, aber was nicht ist kann ja noch werden!“ Das Zuzwinkern, das folgte, verwirrte Basti noch mehr. Leise erhob er sich.

/Warum fängt dieser Typ jetzt an mit mir zu flirten? Sieht man mir etwa an, dass ich auf Kerle stehe???/

Wortlos schlenderte er wieder zu seinem eigenen Bett herüber, welches dem von Nico gegenüber stand.

/Ob er wohl auch...?/

Nico stützte sich überrascht auf die Ellbogen. //Hab ich was falsches gesagt?//

„Basti?“

„Nico?“, äffte der Gerufene den Tonfall nach.

„Ist was? Hab ich was falsches gesagt?“

„Nee... wie kommst du drauf?“

„Nur so... war ein Gefühl...“

„Ach, weibliche Intuition, oder wie?“, stichelte Basti.

„Ha ha ha... sehr witzig. Soweit ich weiß, bin ich ein Kerl, zumindestens war ich es noch, als ich zum letzten mal nachgesehen hab! Aber ich kann es für dich gerne noch mal machen!”

Deutlich konnte Basti spüren, wie er rot wurde und er stammelte leise: „Nein nein, ich glaubs dir auch so...“

Nico musste kichern. „Brauchst doch nicht rot...“

Ein Klopfen unterbrach ihn. Basti schickte ein stummes Danke an Gott. Leise öffnete sich die Tür und Andreas trat ein.

„Na ihr zwei? Kommt ihr klar?“

„Klar Andi! Warum auch nicht?“ Basti hatte seine Sprache wieder gefunden.

„Andi???“, kam es von Nico und Andreas aus einem Mund.

Wieder flammte Bastis Gesicht in einer rötlichen Farbe auf. „Sorry, ich meinte Andreas...“

„Schon okay, sag ruhig Andi. So nennen mich die meisten...“ Er musste lachen. „Ich wollte eigentlich nur sagen, dass es gleich Essen gibt und, Nico? Wenn du dich duschen möchtest, sag bitte einem Pfleger bescheid. Ich weiß nicht, ob es für deinen Rollstuhl so gut ist, wenn er nass wird und ohne bewegst du dich bitte noch keinen Meter alleine...“

„Schon klar...“ Nun war es an Nico, rot zu werden.

Mit einem Winken verschwand Andreas wieder aus der Tür und erneut standen sich Basti und Nico ein wenig verlegen gegenüber.

„Okay, wollen wir dann essen?“

Nico nickte nur stumm, hob sich dann wieder geübt in seinen Rollstuhl und bewegte sich in Richtung Tür. Davor angekommen meinte er leise:

„Würdest du vielleicht die Tür aufmachen?“

„Klaro!“ Sebastian, der noch schnell nach seinem Haarband gegriffen hatte, sprang gut gelaunt zur Tür und öffnete sie.

Mit einem „Voila!“ und einer Handbewegung, gewährte er dem Jüngeren den Vortritt und folgte ihm dann den Gang entlang.

Der Gang war mit Teppich ausgelegt und die gelblichen Wände wirkten freundlich. Einzig, die irre Länge des Flures, konnte ein wenig einschüchtern.

Aber Basti war ja schon seit drei Tagen hier und fand den Essensaal ohne Problem - wo es ja auch nur einen Gang gab?!

Im Essenraum angekommen, suchten sich beide einen Tisch und Basti räumte wie selbstverständlich einen Stuhl weg, damit Nico an den Tisch heran rollen konnte. Dieser nahm die Hilfe mit einem dankbaren Blick an und gemeinsam warteten sie zwischen all den anderen Jugendlichen auf ihr Essen...



„Puh! Ich bin satt!“

Mit Schwung warf sich Basti auf sein Bett, welches fröhlich unter ihm federte.

Das Essen war gut verlaufen, auch wenn sie ziemlich lange darauf hatten warten müssen. Nach wenigen Minuten hatte Nico dann das vorherrschende Schweigen gebrochen und sie hatten sich locker über Gott und die Welt unterhalten.

Nun, wieder hier im Zimmer, stand der Jüngere in seinem Rollstuhl ein wenig ratlos herum.

„Was’n los?“, wollte Basti wissen, doch der Jüngere sah ihn bloß an. Dann meinte er: „Und jetzt? Was machen wir jetzt?“

„Och, Musik hören, TV gucken, lesen, ich hab ’n Schachspiel mit, oder wir quatschen einfach bloß!“

Langsam rollte Nico zu Bastis Bett.

„Sag mal, meine Ellis meinten, ich müsste hier auch zur Schule gehen... Stimmt das?“

„Joa, das ist aber, glaub ich, individuell entscheidbar. Ich geh aber auch hier zur Schule. Zwar morgen zum ersten Mal, weil ich am Freitag nur Untersuchungen und so was hatte, aber ich bin schon gespannt....“

Nico zog spöttisch eine Augenbraue hoch.

„Sag bloß, du freust dich auf Schule. Das ist doch sowas von ätzend...“

„Nö, es kann auch Spaß machen. Auf was für einer biste denn?“

„Gymnasium. Ich schlag mich da aber nur mit Mühe und Not durch. Dementsprechend sehen auch meine Noten aus. Vor allem Mathe kotzt mich an...“ Nico verzog abwertend das Gesicht.

„Och, ich geh auch auf ein Gymnasium, aber ich hab keine Probleme. Mein Zensurendurchschnitt liegt bei 1,8.“ Deutlich schwang Stolz in Bastis Stimme mit.

Ein verächtliches Schnauben war von Nico zu hören:

„Bist du etwa so’n Streber?“

„Nee, das nicht, aber wenn mir Schule nun mal leicht fällt, muss ich ja nicht absichtlich schlechte Zensuren schreiben. Oder wie stellst du dir das vor?“

„Hm... dachte bloß..“

„Nee, ich kann mir auch was besseres vorstellen, als Lernen, doch meine Alten würden ganz schön Terror machen, wenn ich plötzlich schlechter werden würde. Die mucken ja schon wegen einer drei auf.“

„Tja, da unterscheiden sich deine von meinen. Meine machen bei ’ner drei Luftsprünge vor Freude. Passiert nicht oft, dass ich eine nach Hause bringe...“

„Echt so schlecht?“ Basti war ein bisschen erschrocken. /Und dann ist er auf ’nem Gymnasium?/

„Na ja... in einigen Fächern schon, halt Mathe, Chemie, Französisch, Physik... in Sport und Kunst steh ich eins, in Musik und Bio zwei. Der Rest liegt irgendwo bei drei und vier. Also nicht gerade das Gelbe vom Ei...“

„Ach, Schule ist nicht das wichtigste. Einige können halt andere Sachen besser als Schule... Ich bin dafür nicht talentiert. Ich kann nicht schreiben, nicht zeichnen, kein Instrument spielen..“

„Ich spiel Klavier und Gitarre. Zeichnen geht auch einigermaßen...“

„Siehste...“ Basti streckte sich gähnend auf seinem Bett aus, Nicos Blick konnte er förmlich spüren. Mit einer fahrigen Bewegung zog er wieder sein Band aus den Haaren, welche dann weit gefächert über das Kopfkissen fielen. Nico stieß einen anerkennenden Pfiff aus.

„Wow, Haare wie ein Mädchen.“

„Ts... ich hoffe doch mal, das war positiv gemeint?!“

Nico schien erst jetzt aufzufallen, dass sein Gesagtes, auch missverstanden werden konnte.

„Jaaa, natürlich! Sorry, ich wollte dich nicht beleidigen. Ich mag lange Haare. Echt! Ich liebe es in solchen Haaren rumzufummeln.“ Nico wurde rot.

Ein warmes Lächeln erschien auf Bastis Gesicht. Es herrschte ein angenehmes Schweigen und das Gesagte schwebte noch spürbar im Raum.

Nach einigen Minuten, in denen beide ihren Gedanken nachgehangen hatten, meinte Basti munter: „Los, wir sollten uns zum Schlafengehen fertig machen. Um 22 Uhr müssen wir im Bett liegen... und es ist schon...“, ein Blick zur grünen Uhr, die über dem Fernseher neben der Tür hing, „... 21 Uhr 5. Willst du zuerst ins Bad?“

„Ja, gerne... Aber dann muss ich wohl oder übel einen Pfleger ranholen... Weißt ja, Duschen nicht alleine...“ Wieder ein leicht roter Schimmer auf Nicos Wangen. Beharrlich wich er Bastis Blick aus.

„Wenn du willst, guck ich mal ob ich Andreas finde und ob er Zeit hat, den kennst du wenigstens schon...“

„Hm... dann lernt er mich auch bis ins kleinste Detail kennen...“

Kichernd erhob sich Basti vom Bett und schlängelte sich an Nicos Rollstuhl vorbei, um nach Andreas Ausschau zu halten.

Dieser war auch schnell gefunden. Er stand im Schwesternzimmer und flirtete mit einer der jungen Schwestern. Räuspernd unterbrach Basti das Geschmachte der beiden und trug Andi seine Bitte vor. Dieser grinste nur wissend und folgte dann dem Jüngeren ins Zimmer, wo er mit Nico im Bad verschwand. Basti konnte hören, wie nach einer Weile des Diskutierens das Wasser aufgedreht wurde...



„Nacht, Basti!“ gähnend zog Nico die warme Decke über sich.

Das Zimmer lag vollkommen im Dunkeln und leise ertönte von der anderen Seite des Raumes die Antwort:

„Gute Nacht, Nico!“

Während Nicos Atem nach einigen Minuten schon gleichmäßig ging, hing Basti noch etwas seinen Gedanken nach.

Es hatte eine Weile gedauert, bis Nico und Andreas wieder aus dem Bad gekommen waren, doch Nico hatte einigermaßen zufrieden gewirkt. Anscheinend war das Duschen mit Hilfe doch nicht so peinlich gewesen, wie er es sich gedacht hatte. Er hatte wieder in seinem Rollstuhl gesessen, aber nur mit schwarzen Boxer-Shorts bekleidet, den Oberkörper frei. In seinen Haaren hatte noch Wasser geglitzert und die neongrünen Zottel hatten ihm strähnig ins Gesicht gehangen. Um die Schultern hatte er sich ein Handtuch gehängt, mit dem er sich die Haare abgerubbelt hatte, als Basti im Bad verschwunden war.

Dieser Anblick, Nico nach dem Duschen, hatte sich in Bastis Gehirn gebrannt. Der Jüngere sah wirklich teuflisch gut aus.

Seufzend lauschte Basti den gleichmäßigen Atemzügen von Nico. Dieser schien überhaupt nicht zu ahnen, was für ein Chaos er in Bastis Gefühlswelt brachte. /Vielleicht ist das auch besser so.../

Mit einem letzten Seufzer schlief er endlich ein....


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„... Montag, 4. November

Und das nennen sie Unterricht? Toller Unterricht!

Ist das öde. Dieser Gedanke geht mir jetzt schon zum x-ten Mal durch den Kopf und ich habe schon begonnen ihn auf ein leeres Stück Papier zu schreiben - so an die 50 Mal. Mein Sitznachbar, er scheint wegen irgendwelchen Rückenproblemen hier zu sein, hält mich sicher schon für verrückt. Deshalb hab ich jetzt halt mein Wunderbüchlein hervor geholt und kritzele vor mich hin.

Der Morgen hat gut begonnen. Als ich aufgewacht bin, war Nico schon wach und auf dem Weg ins Bad.

Nachdem wir uns fertig gemacht haben, waren wir gemeinsam beim Frühstück und dann haben wir uns vor den Hörsälen der Station getrennt. Er ist in den für die 10. Klasse gegangen, ich in den für die 11. Ob er wohl in seiner Klasse zurecht kommt?

Sicher, warum auch nicht.

Bestimmt ist es bei ihm genauso öde wie bei mir. Der Lehrer (wenn es überhaupt einer ist) labert und labert....

Na ja... laut meiner Uhr dürfte aber gleich Schluss sein, besser ich hör auf zu kritzeln...“

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Mit seinem geschulterten Rucksack öffnete Basti die Tür zu seinem und Nicos Zimmer.

Dieser war schon da, hockte grummelnd vor einem Blatt Papier und kaute nachdenklich auf seinem Bleistift herum.

Als er Basti eintreten hörte, seufzte er herzzerreißend.

Der Ältere lachte laut auf und meinte dann neckend:

„Netter Wink mit dem Zaunpfahl. Da hättest du auch gleich ‚Hilf mir’ sagen können.... Was machst du denn da schönes?“

„Schönes? Soll das’n Witz sein? Ich glaubs nicht! Da bin ich zum ersten mal in diesem komischen Schulteil und was ist? Irgend so ein scheiß Typ von Hobby-Lehrer meint, er muss uns gleich Hausaufgaben aufgeben... und als wenn das schon nicht genug ist, ist es auch noch Mathe... Mein Lieblingsfach! Toll!“

„Ooooch... Soll ich ’ne Dose Mitleid aufmachen?“ Basti stützte sich glucksend auf Nicos Schultern ab und blickte über sie auf das Blatt Papier.

Tief atmete er den Geruch des Jüngeren ein - irgendwas Frisches, nach Kaugummi und Haargel und noch irgendwas ... Leckerem...

Basti wurde rot, zum Glück konnte Nico das nicht sehen, denn dieser hatte seinen Blick immer noch aufs Blatt geheftet und meinte verzweifelt:

„Hilfst du mir bei dem Zeug? Ich dachte du bist so ein Wunderschüler...“

„Das hab ich nie gesagt! Und wenn du mich nur für sowas hältst, damit ich dir helfe...“

„So war das nicht gemeint... Aber ich muss damit fertig werden. Ich einer halben Stunde muss ich zur ersten Therapie und ich sitze morgen noch hier, wenn mir keiner hilft... Bitte!!!“

„Ja ja ja, schon okay.... Ich versuch dir zu erklären, wie es geht, aber die Aufgaben musst du schon selber machen...“

„Ay ay, Sir!“ Nico salutierte, glücklich kichernd.

Seufzend ließ sich Basti neben dem Jüngeren nieder und begann ihm die Aufgaben zu erklären...



... Missmutig sah Basti sich in dem verlassenen Zimmer um. Nico war wohl noch bei der Therapie.

Seine hatte nicht so lange gedauert, worüber er auch ziemlich froh war. Gerade wollte Basti sich an dem Tisch vor dem Fenster niederlassen und sein Notizbuch aufschlagen, als die Tür sich öffnete und er das Geräusch von Nicos Rollstuhl hören konnte. Schnell verbarg er das Notizbuch in der Nachttischschublade und drehte sich dann zu seinem Freund um.

Dieser wurde von Andreas in den Raum geschoben und sah ziemlich fertig aus. /Aber irgendwie glücklich.../

„Na!“ Mit einem Lächeln begrüßte er den Jüngeren und hockte sich vertraut vor den Rollstuhl.

„Wie war’s?“

„Anstrengend!“, gab Nico glücklich zurück. „Aber es geht...“

Nun mischte sich auch Andreas in das kurze Gespräch ein: „Könntest du vielleicht ein Auge auf ihn haben. Die Übungen waren ziemlich hart und es kann sein, dass er sich ein bisschen verschätzt, mit dem was er tut, okay?“

„Klar, ich pass schon auf!“

Nico wollte protestieren: „Quatsch! Ich kann das schon alles alleine. So kaputt bin ich nun auch nicht!“

„Ja ja ja... quak hier mal weiter rum. Wir sprechen uns, wenn du nicht aus dem Rollstuhl kommst, weil du keine Kraft mehr hast!“ Andi konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

Schmollend rollte Nico zu seinem Bett hinüber.

Andi zwinkerte dem ebenfalls grinsenden Basti noch ein mal zu und verließ dann den Raum.

Als die Tür sich geschlossen hatte, drehte sich Nico wieder zu dem Älteren um:

„Ich brauch deine Hilfe nicht! Echt!“ Seine Augen funkelten.

„Ja, glaub ich dir ja! Und falls du sie doch brauchst, sag’s ruhig. Es ist nichts schlimmes dran, sich helfen zu lassen. Echt!“

Ein widerwilliges Grummeln: „Mhm... ich werds mir merken.“

„Gut!“



Der Abend verging ziemlich schnell und Nico kam nicht darum herum, sich von Basti helfen zu lassen. Dieser musste ihn zum Essensaal schieben, da er alleine ewig gebraucht hätte. Seine Arme fühlten sich an wie Blei. Genauso, nach dem Duschen, zu welchem wieder Andreas heranbeordert worden war, als es hieß ins Bett zu gehen.

Nico hatte ewig versucht sich aus dem Rollstuhl zu hieven und ins Bett zu kriechen, doch immer wieder war er in den Stuhl zurück gesackt.

Basti, der das ganze mit einem Zittern beobachtet hatte /Was macht er denn da?/, war schließlich aufgestanden und hatte ihn schweigend aus dem Rollstuhl gehoben und aufs Bett gelegt.

Er hatte deutlich gemerkt, wie unangenehm es Nico gewesen war, so hilflos zu sein, aber er hatte ihn einfach nur wortlos zugedeckt und ihm eine gute Nacht gewünscht.

Erst, als das Licht ausgeschaltet war und der Raum im Dunkeln lag, kam ein leises ‚Danke’ und ein gemurmeltes ‚Gute Nacht!’ Danach herrschte Stille....



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„... Freitag, 8. November.

Nun hab ich endlich mal wieder Zeit, ein bisschen in meinem Büchlein rumzuschreiben. Obwohl ich eigentlich noch gar nicht weiß, was genau ich mit diesem Geschreibsel will. Na ja... es beruhigt mich irgendwie...

Nico ist mit Andreas im Bad zum Duschen. Er war wieder ziemlich erschöpft von seiner Therapie, das hat man gesehen, auch wenn er es nicht zugeben würde.

Nun haben wir beide die erste Woche rum. Jeden Tag dasselbe, vormittags dieser seltsame Unterricht und am Nachmittag verschiedene Therapien.

Meine scheinen gut anzuschlagen. Bisher hatte ich noch keine Probleme mit Kopfschmerzen. Vielleicht wird es ja besser.

Und Nicos? Eigentlich macht er einen zufriedenen Eindruck. Daraus, und aus seinen überschwänglichen Berichten, schließe ich mal, dass alles gut verläuft und er Fortschritte macht. Das freut mich.

Ich kann mir zwar nur schlecht vorstellen, wie es ist, an einen Rollstuhl gebunden zu sein, aber es muss schrecklich sein. Ich bin froh, dass es mir nicht so geht! Aber wer weiß, vielleicht kann ich mit ihm ja schon in ein paar Wochen zusammen spazieren gehen oder so. Ich würde mich freuen, denn er tut mir schrecklich leid.

Wenn Nico in meiner Nähe ist, fühle ich mich irgendwie wohl. Zuerst hatte ich ja irgendwie Angst, dass meine Freunde mir hier fehlen werden, aber bisher bin ich irgendwie froh, sie für ne Weile los zu sein. (Wenn sie das lesen würden, würden sie mich umbringen...)

Es ist ziemlich stressig mit ihnen und ihren ganzen Beziehungskisten. Maya ist in Martin verliebt, poppt aber mit Steffen, obwohl ihr eigentlicher Freund Frank ist. Und Frank weiß nicht, ob er Maya nicht lieber fallen lassen sollte, um mit Bine zusammen zu sein. Ich wünschte mir, er würde es tun, dann hätten wir alle ein paar Probleme weniger... Na ja... egal... ich hab jetzt keine Lust, darüber einen Aufsatz zu schreiben, das würde es nämlich unweigerlich werden.

Noch mal zurück zu Nico. Ich glaub, ich hab mich in ihn verliebt. Aber ich werde mich hüten, irgendwas zu ihm zu sagen. Wer weiß, wie er auf dieses Geständnis reagieren würde? Und lieber, er weiß es nicht und sieht mich als einfachen Freund, als wenn er gar nicht mit mir redet. Es ist nämlich seeehr unwahrscheinlich, dass er meine Gefühle erwidern würde. Ach, worüber mache ich mir hier eigentlich ’nen Kopf?

Mensch, was treiben die beiden denn dort im Bad? Die kommen ja gar nicht mehr raus... Besser ich hör auf zu schreiben, bevor Nico mich dabei erwischt und noch wissen will, was ich da schreibe. Der würde sicher ziemlich blöd gucken, wenn ich sagen würde: ‚Ich schreibe Tagebuch!’ Na ja... lassen wir das....

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„... Samstag, 9. November.

Endlich ist Nico weg. Zur Therapie. Der Typ macht mich heute echt fertig!

Alle fünf Minuten fragt er mich, ob er mir irgendwie helfen kann. Dabei hab ich ihm schon zig mal gesagt, er soll mich einfach in Ruhe lassen. Mein Schädel dröhnt. Mir tut alles weh und die scheiß Tabletten, die Andi mir gebracht hat, bringen auch nichts. Ich hab bis eben auf dem Bett gelegen und versucht zu schlafen, doch das hat nicht geklappt. Das Mittagessen davor hab ich weg gelassen, das wäre mir wieder hochgekommen. Das weiß ich aus Erfahrung. Anscheinend hab ich mich gestern zu früh gefreut. Die Therapien scheinen auch nicht wirklich zu helfen. Und nun schreib ich hier irgendwelchen Scheiß, der meinem Kopf nur noch mehr weh tut. Die Zeilen verschwimmen und....“

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Erschöpft kehrte Nico von seiner Therapie zurück. Es war schon 19 Uhr abends und Hunger hatte er keinen. Er war einfach nur fertig.

Als er die Tür zum Zimmer öffnete (was mehr schlecht als recht ging), fand er einen vollkommen dunklen Raum vor.

/Ob Basti wohl schläft???/

So leise wie möglich rollte er auf sein Bett zu und hob sich mühsam hinein. Er war darauf bedacht, keinen Lärm zu machen, denn die gleichmäßigen Atemzüge, die im Raum wiederhallten, signalisierten ihm, dass Basti schlief.

/Und das soll auch so bleiben.../

Achtlos ließ er alle seine Klamotten, außer seine Boxershorts, auf den Boden fallen und kuschelte sich in seine Decke ein. Langsam driftete er in einen sachten Schlaf...



... und wurde durch eine zufallende Tür wieder aus ihm gerissen.

Überrascht riss er die Augen auf und versucht in der herrschenden Dunkelheit etwas zu sehen.

Ein heller Lichtstreifen, der unter der Badezimmertür hervordrang, zeigte ihm, das wer im Bad war. /Basti!/

Sich wieder beruhigend, schloss er die Augen.

Doch dann hörte er das qualvolle Husten und Würgen seines Freundes. Erschrocken setzte er sich auf und knipste seine Nachttischlampe an.

Ein kalter Schauer durchfuhr seinen Körper, als er an seinen Freund im Bad dachte. Er war ratlos. Mit zittrigen Fingern tastete er nach der Klingel, die im Telefon mit eingebaut war und einen Pfleger herbei rief.

Als er diese betätigt hatte, rutschte er vorsichtig in seinen Rollstuhl und sah sich ratlos im Zimmer um. Irgendwie hatte er Angst, zu Basti ins Bad zu rollen, denn er konnte ihm nicht helfen. Mit diesem Rollstuhl kam er nicht an ihn heran und wieder ein mal verfluchtete er dieses metallische Monster.

Endlich wurde die Tür zu ihrem Zimmer geöffnet und ein müde wirkender Andi blickte herein.

„Andreas! Es ist Basti! Er ist im Bad! Hilf ihm bitte...“ Nicos Gestammel musste sich wirklich verzweifelt angehört haben, denn Andreas stürmte förmlich ins Bad.

Nico sah nur zu, wie die Tür sich schloss, dann lauschte er angestrengt.

Von drinnen war nur Bastis Husten und Würgen zu hören, dann ein Wasserhahn, der aufgedreht wurde. Andis klare Stimme schien beruhigend auf den anderen einzureden. Dieser wurde immer leiser und wimmerte nur noch ab und an.

Nicos Sicht begann zu verschwimmen. Schniefend wischte er sich die Tränen aus den Augen und versuchte, das Zittern zu unterdrücken, dass ihn schon seit dem Erwachen heimsuchte.

Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor, bis sich die Badtür öffnete und Basti, gestützt von Andi heraustrat und auf sein Bett zutaumelte. Er wirkte ziemlich müde und blass.

Wortlos fiel er in sein Bett und schien augenblicklich einzuschlafen. Andreas deckte ihn noch zu und wendete sich dann an Nico, der immer noch alles beobachtete.

„Gut, dass du mich gerufen hast. Aber geh nun bitte wieder schlafen, er schläft auch.“

Stumm rollte Nico auf sein Bett zu und hob sich wieder hinein. Immer noch ganz zittrig, schaltete er das Licht aus und schloss die Augen. Er konnte hören, wie Andi den Raum verließ, dann schlief auch er wieder ein....



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Als Nico am nächsten Morgen die Augen aufschlug, wanderte sein erster Blick zu Bastis Bett. Dieses war leer. Erschrocken sah er sich im Zimmer um, doch dann öffnete sich die Badtür und ein müder Sebastian trat heraus.

„Basti?“ Nicos Stimme musste sich ziemlich piepsig angehört haben, denn Basti schenkte ihm ein beruhigendes Lächeln.

„Schon okay. Mit mir ist alles in Ordnung.“

„Sicher?“

„Nun fang nicht wieder an zu nerven. Mir geht’s gut. Mein Kopf brummt nur noch ein bisschen und ich bin müde, aber ansonsten ist alles wieder okay...“

„Gut... Du hast mich heute Nacht echt erschreckt...“

„Ich weiß, tut mir auch schrecklich leid. Danke, dass du Andi gerufen hast.“

„Schon in Ordnung, was hätte ich auch sonst tun sollen?“ Nico blickte schüchtern zu seinem Freund hinüber.

Dessen Lächeln wurde noch eine Spur wärmer und er meinte sanft:

„Hey, nun guck mich nicht so an. Mir geht’s gut, echt! Sowas hab ich öfters... Was denkst du, warum ich hier bin?!“

Nico nickte nur zögerlich, dann sah er zur Uhr:

„Oh, erst 7:30 Uhr. Da schlaf ich doch sonst noch wie ein Murmeltier.... Du musst wissen, vor 12 Uhr bekommt mich normalerweise keiner aus dem Bett am Sonntag.“

„Dann penn doch noch ’ne Runde. Ich steh auf. Ich kann nicht lange schlafen.“

„Du siehst aber totmüde aus, glaub mir!“

„Das glaub ich dir gerne. Aber das geht wieder weg. Ich fühl mich munter.“

„Dann steh ich auch auf!“ Nicos Vorschlag hörte sich so schön kindlich-trotzig an, dass Basti unweigerlich Lachen musste.

„Also, wegen mir...“

„Nee nee, schon okay... lass uns lieber Schach spielen oder so… Du meintest doch mal, dass du ein Spiel mit hast, oder?”

„Ja...“ Basti überlegte.

„Oh, dein Kopf. Das hab ich jetzt total vergessen. Das bringt sicher noch mehr Kopfschmerzen.“

Doch Basti winkte ab. „Nee, das ist schon in Ordnung. Mir geht’s wieder gut!“

„Okay, dann zieh ich mich mal an...“



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„... Sonntag, 10. November.

Es wird immer schwerer.

Heute habe ich mit Nico Schach gespielt und konnte mich kaum auf das Brett vor mir konzentrieren. Und das lag nicht an den leichten Kopfschmerzen, die ich da immer noch hatte. Es lag an Nico. Ich MUSSTE ihn einfach anstarren. Er hat mich ein paar Mal dabei erwischt, wie ich ihn verträumt angesehen hab. Sicher weiß er bald, dass ich auf ihn stehe...

Ich muss vorsichtiger sein. Bloß es ist wirklich schwer, einen so süßen Kerl wie ihn nicht anzustarren.

Wie seine schönen blauen Augen so ruhelos über das Spielbrett gewandert sind und nach einer Möglichkeit gesucht haben, mich zu schlagen. Herrlich. Und wie er sich immer wieder die schönen grünen Haare aus dem Gesicht gestrichen hat, weil sie ihm mal wieder in die Augen gefallen sind. Oder wie besorgt er gewirkt hat, als er sich ab und zu nach meinen Kopfschmerzen erkundigt hat.

Mann, ich danke Gott echt dafür, dass ich mit ihm in ein Zimmer gekommen bin. So doll erwischt hat es mich schon lange nicht mehr. Schade ist nur, dass er wohl kaum auf Jungs steht... na ja... damit muss ich wohl leben. Ich hab scheinbar eh ’ne Schwäche für Heteros. Egal, Hauptsache ich kann mit ihm zusammen sein. Reden, lachen oder einfach nur schweigen. Darauf kommt es mir an. Das reicht mir schon...

So, er müsste gleich aus dem Bad kommen...“



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„... Samstag, 16. November

Langsam komm ich mir selber blöd vor. Ich schreibe nur noch, wenn er nicht im Raum ist, sondern im Bad oder aber bei einer seiner Therapien. Ich komm mir immer mehr wie ein verliebtes Mädchen vor, dass ein Tagebuch über ihren Schwarm führt. Lächerlich...

Egal...

Nico ist heute irgendwie so still gewesen. Gestern, als er von der Therapie kam, auch. Wenn ich es so recht bedenke, dann ist er schon die ganze Woche so. Er hat kaum mit mir gesprochen, nur das Nötigste.

Ich bekomm langsam echt Angst, dass er was ahnt. Oder aber bei seiner Therapie läuft es nicht gut. Ich hab keine Ahnung! Und meinen Fragen, weicht er immer aus... Seltsamer Kerl...“

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Basti hatte gerade sein Notizbuch in den Nachtschrank gepackt, als die Tür sich öffnete und Nico von Andreas herein geschoben wurde.

Dieser redete heftig auf den Jüngeren ein.

„Mann, Nico! Jetzt mach dir doch darüber keinen Kopf. Das wird schon. Nur weil du mal nicht ganz so gut voran kommst, geht die Welt doch nicht unter. Bleib ruhig!“

„Wie soll ich ruhig bleiben? Ich beweg mich nicht von der Stelle. Stillstand. Keine Fortschritte und das nun schon seit ein paar Tagen.“

„Verlang dir doch nicht zu viel ab! Zumindestens nicht auf ein mal. Gönn deinem Körper eine Pause!!!“ Andreas war schon richtig verzweifelt.

Beide verstummten abrupt, als sie Sebastian sahen, der mitten im Raum stand und sie verwirrt beobachtete. Mit einem wütenden Schnauben wand sich Nico von Andi ab und rollte ans Fenster, ohne Basti auch nur zu beachten.

Dessen Herz begann schneller zu schlagen. Und er warf einen hilflosen Blick zu Andreas. Der verzog nur schmerzlich das Gesicht und zuckte ratlos mit den Schultern. Dann verschwand er mit einem Seufzen aus dem Raum.

Langsam ging Sebastian auf seinen jüngeren Freund zu. Dieser hatte sich wohl in den Kopf gesetzt, ihn nicht zu beachten.

„Nico?“

Keine Reaktion.

„Hey! Red mit mir!“

Nichts.

Wütend drehte er den Rollstuhl zu sich um, auch wenn Nico sich dagegen versuchte zu wehren.

„Lass den Scheiß! Mir ist nicht nach reden!!!“

„Mir aber!“ Bastis Stimme nahm einen bestimmenden Ton an. „Was ist los?“

„Nichts ist los! Das ist es ja! Ich kann wieder nach Hause fahren! Diese scheiß Therapien bringen nichts mehr!!!“

„Wer sagt das? Die Ärzte?“

„Nein, ich! Ich merk es doch! Es wird einfach nicht besser. Ich kann mich anstrengen so viel ich will! Es bringt einfach nichts mehr!“

„Quatsch! Gib dir doch Zeit!“

„Das sagt Andreas auch! Aber ich hab keine Zeit! Das Leben rauscht an mir vorbei und ich sitz im Rollstuhl und glotze ihm hinterher!“

Seufzend ließ sich Basti vor seinem Freund auf die Knie sinken und legte seine Hände auf dessen Oberschenkel.

„Mensch, Nico! Es geht nun mal nicht alles auf ein mal. Guck mich an. Was bringen meine Therapien schon? Ich bekomme trotzdem Migräneanfälle und kann nichts dagegen tun, als Tabletten zu schlucken und kotzend überm Klo zu hängen. Geb ich auf? Nein!“

„Du... du... ich bin aber nicht du!“ Nico hörte sich an, als würde er gleich anfangen zu weinen.

„Och Kleiner! Es geht nun mal nicht alles so, wie man will! Man muss im Leben viel zurückstecken und allem Zeit geben. Mann, das ist nun mal das Leben. Wir sind hier nicht bei ’Wünsch dir was’! Man muss für seine Erfolge arbeiten. Bloß, denk’mal nach! Wenn du jetzt aufgibst, was bringt es dir dann? Dann wirst du ewig in diesem scheiß Rollstuhl sitzen! Und wenn du weiter machst, wird es irgendwann besser werden. Und lieber kleine Fortschritte als gar keine...“

„Mensch Basti! Du hast gut reden! Ich bin nicht so stark!“

„Doch, bist du! So einen Eindruck hast du auf jeden Fall auf mich gemacht! Ich hab dich schon bewundert, als du hier her gekommen bist. Ich hab mich gefragt, warum du so fröhlich sein kannst, wenn du an so einen scheiß Rollstuhl gebunden bist. Doch du hast mir gezeigt, dass man daraus das beste machen kann! Nun gib nicht auf! Tu’s für mich!“

„Was bringt es dir denn?“ Nico schien verwirrt.

„Denkst du nicht, ich würde gerne mal mit dir ’ne Runde im Park spazieren gehen? Einfach dort hin, wohin uns unsere Füße tragen? Und glaub mir, das werden wir auch machen! Man, du hast alle Zeit der Welt!“

„Ich will aber nicht so lange warten müssen...“ Nicos Stimme war kaum zu hören.

„Noch ein Grund, nicht aufzugeben. Je mehr du kämpfst, um so schneller wird es was.“

„Ich fühl mich einfach so hilflos... Ich kämpfe alleine gegen meinen Körper...“ Nico musste schlucken und schloss die brennenden Augen.

Als er Bastis kühle Hand sanft auf seiner Wange spürte, öffnete er sie wieder. Auf Bastis Gesicht lag ein warmes Lächeln.

„Du bist aber nicht alleine! Und glaub mir, du schaffst das! Ich weiß es...“

„Und woher willst du das wissen?“ Nicos Stimme hörte sich brüchig an.

„Du bist nicht der einzige, der was im Gefühl hat. Ich besitze auch sowas wie ’ne weibliche Intuition!“

Nico musste kichern und eine klare Träne löste sich aus einem Auge und rollte langsam seine Wange hinab - wo sie auf Bastis Hand traf. Diese wischte sie ganz sanft mit dem Zeigefinger weg.

Einen kurzen Moment betrachtete Basti versonnen die klare Flüssigkeit auf seinem Finger, dann leckte er sie ab.

Fasziniert beobachtete Nico dieses Schauspiel und er konnte deutlich spüren, wie sein Herz schneller zu schlagen begann. //Wieso hat er das gemacht???//

Die Luft zwischen den beiden Jungen schien förmlich elektrisch aufgeladen zu sein und beide sahen einander wortlos in die Augen. Blau traf auf braun.

Basti war dann der erste, der den Blick senkte und sich seufzend erhob.

„Das schaffst du! Gib bloß nicht auf!“ Mit diesen Worten schritt er zu seinem Bett hinüber und ließ sich dort nieder.

Nico sah ihm noch kurz nach - verwundert und fasziniert. Dann rollte er aber wortlos zu seinem Bett und hob sich hinein. Genauso nachdenklich schlang er dann auch seine Decke um sich und schwieg.

Irgendwann schlief er ein...



Als er nach einer Weile wieder aufwachte, stutzte er.

Basti hatte sich einen Hocker an sein Bett ran gezogen und betrachtete ihn versonnen.

Als der Ältere bemerkte, dass Nico die Augen aufgeschlagen hatte, lächelte er verlegen.

Nico erwiderte das Lächeln.

„Na Kleiner, wieder wach?“ In der Stimme des Älteren war eine deutliche Heiserkeit zu hören und er räusperte sich errötend.

„Ja, Großer... Tut mir leid, dass ich vorhin so mit dir rumdiskutiert hab!“

„Quatsch! Es ist doch in Ordnung. Ich will dir bloß irgendwie helfen, denn ich kann mir vorstellen, dass es schwer für dich ist!“

„Ich muss mich einfach nur ein bisschen zusammenreißen... Wie spät ist es?“

„Es ist 20:37 Uhr!“

„Lust, auf ’ne Runde Schach?“ Nico setzte sich auf und sah seinen Freund bittend an.

Dieser lachte warm und wuschelte dem Jüngeren liebevoll durch die grünen, zerzausten Haare.

„Klar, mit dir doch immer!“ Den Hocker wieder an den Tisch schiebend, wartete er, bis Nico sich aus dem Bett erhoben hatte und ihm gegenüber Platz nahm.

Dann vertieften beide sich in ein stummes Schachspiel. Aber es war angenehm, auch gemeinsam schweigen zu können...



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„... Montag, 18. November

Nico scheint es wieder besser zu gehen. Nach unserem Gespräch scheint er sich wieder etwas gefangen zu haben. Bin ich froh. Allein der Gedanke, dass er sich aufgeben könnte, bringt mein Herz zum rasen. Nico muss unbedingt wieder laufen können. Ansonsten dreh ich ab.

Ein so lebensfroher Mensch kann nicht an einen Rollstuhl gebunden werden. Das wäre glatte Verschwendung!

Und Nico ist lebensfroh und freundlich und einfühlsam und wunderschön... O Gott, wenn er wüsste, was für ’ne Wirkung er auf mich hat, er würde sich sicher tot lachen.

Aber er weiß es ja zum Glück nicht.

Und ich? Meine Therapie schein anzuschlagen. Bis auf diesen einen Anfall, hab ich keine Probleme.

Wie ich wohl auf Nico wirke? Ich hoffe doch mal, dass er in mir einen Freund sieht. Einen guten Freund. Mehr will ich nicht....“

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„... Dienstag, 19. November

Der Tag heute war öde wie immer. Schule ist langweilig. Nichts spannendes. Danach die Therapie. Langsam werden auch die Übungen langweilig. Ich weiß nicht, was dieser Entspannungskram nun wirklich bringen soll, aber okay... die Ärzte meinen, es soll mir helfen, also mache ich es mit.

Nico ist auch zu seiner Therapie. Noch ist er nicht zurück. Es wird jeden Abend später bei ihm.

Aber immerhin scheint er echt wieder Fortschritte zu machen. Zumindest hatte er mir gestern Abend erzählt, dass er schon einige Schritte ohne Hilfe gehen konnte. Am liebsten wäre ich ihm für diese Neuigkeit um den Hals gefallen, doch ich hab es lieber gelassen.

Sicher lag sein Misserfolg letzte Woche daran, dass er sich schon fast aufgegeben hatte. Und nun fängt er wieder an zu kämpfen und es geht... Bin ich froh. Er schafft das noch, ich glaub an ihn...“

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Gelangweilt verstaute Basti sein Büchlein und fischte einen seiner Romane von dem buchenfarbenen Regal über seinem Bett und schlug ihn auf.

Die erste Seite bekam er noch mit, dann wanderten seine Gedanken aber wieder in die verschiedensten Richtungen, so dass er das Buch resignierend weg legte.

Als Nico in den Raum kam, hockte Basti geistesabwesend auf seinem Bett und starrte die gegenüberliegende Wand an.

Nico überlegte kurz, was er tun sollte, dann rollte er zu Bastis Bett hinüber und meinte sanft:

„Na Basti? Von wem träumen wir denn? Ist sie wenigstens hübsch?“

Perplex blinzelte der Ältere einige Male, bevor er leise meinte:

„Ja, sie /...er.../ ist wunderschön...“

„Dann bin ich ja beruhigt! Einen schlechten Geschmack hätte ich dir nun wirklich nicht zugetraut!“

„Danke...“ Basti musste kichern. „Und? Wie war deine Therapie?“

„Klasse. Ich komm weiter.... Danke, dass du mir Mut gemacht hast!“

„Wofür sind Freunde denn sonst da?“

Schweigen.

„Du?“ Nicos Stimme hörte sich fast kindlich an.

„Ja?“, echote Basti.

„Halt mich nicht für verrückt, aber darf ich deine Haare kämmen?“

„Hö? Du willst was? Bin ich denn ein Mädchen oder was?“

„Nö, aber du hast Haare wie ein Mädchen... Darf ich nun oder nicht?“

„Hm...“ Basti grummelte leise... „Ich weiß ja nicht...!“

„Aber ich fummel doch sooo gerne in Haaren rum!“

„Okay, ich hol ’ne Bürste. Aber nur dieses eine Mal! Als Belohnung, weil es mit deiner Therapie solche Fortschritte macht!“

„Daaanke!“ Zufrieden sah Nico seinem Freund nach, wie er im Bad verschwand und hob sich dann auf dessen Bett. Das mit dem vom Rollstuhl ins Bett und wieder zurück kommen, ging schon wesentlich leichter, als am Anfang der Kur. Das Gefühl in Nicos Beinen war fast vollkommen zurück gekehrt, aber trotzdem trugen sie ihn nicht wirklich so wie er wollte... Doch er hatte sich nach Samstag geschworen, nicht aufzugeben. Und wenn es nur wegen Basti war. //Er glaubt an mich! Und ich will ihn nicht enttäuschen...//

Dieser kam gerade aus dem Bad zurück und überreichte seinem Freund feierlich eine neongrüne Bürste.

„Passt gut zu deinen Haaren, oder?“, kicherte er und krabbelte vor den Jüngeren aufs Bett, sodass sie sich fast berührten.

Nach einigen Sekunden begann Nico dann die Bürste durch Bastis Haar wandern zu lassen und Strähne für Strähne zu kämmen.

Sebastians Haare waren fast hüftlang und vollkommen glatt und schwarz. Sie waren seidig und glänzend und Nico hatte überhaupt keine Probleme, sie mit der Bürste durchzubekommen.

Basti genoss das Gefühl, von Nicos sicheren Händen, die Strähne für Strähne nahmen und dann kämmten. Er musste sich fast gewaltsam daran hindern, zu schnurren.

Nach einiger Zeit verstummten die Bewegungen und Basti musste mit klopfendem Herzen feststellen, dass Nico seine Arme von hinten um ihn geschlungen hatte und sein Gesicht in den frisch gekämmten Haaren vergrub.

Basti ließ es perplex geschehen und genoss die Wärme des anderen an seinem Rücken.

Nicos nuschelnde Stimme konnte er nur undeutlich vernehmen:

„Du hast so schöne Haare... Einfach herrlich...“

Verwirrt löste Basti die Arme seines Freundes von sich und drehte sich zu ihm um, sodass er vor ihm auf dem Bett kniete.

Sein verwirrter Blick erhoffte sich in Nicos Augen eine Antwort auf die Flut von stummen Fragen in seinem Inneren, doch er fand keine Reaktion. Einfach nur wunderschöne blaue Augen, die ihm klar entgegen blickten und nicht auswichen.

Mit einem Seufzen stand Basti dann umständlich von seinem Bett auf und meinte munter:

„Was ist? Wollen wir zum Essen gehen?“

Nico nickte stumm und ein wenig verwirrt, doch dann glitt er wieder in seinen Rollstuhl und folgte Basti, der ihm die Tür aufhielt, hinaus in den Gang.

Gemeinsam gingen sie zum Abendessen.



Später saßen die zwei dann im Zimmer und redeten über dies und das.

Beide waren schon geduscht und nachtfertig.

Nico hatte wie immer Boxershorts an - diesmal rote - und war ansonsten unbekleidet. Basti ebenso, nur dass seine Boxershorts schwarz waren.

Zufrieden unterhielten sie sich erst übers Essen, dann über die anderen Jungendlichen und begannen dann von ihren Freunden zu erzählen. Irgendwann, es muss schon nach 22 Uhr gewesen sein, beschloss Nico gähnend, dass es für ihn Zeit zum schlafen sei. Seine Therapie war wohl wieder anstrengend gewesen. „Doch für die Fortschritte lohnt es sich alle mal!“, meinte er dann aber stolz.

Basti hatte nur gelächelt und war dann ebenfalls ins Bett gekrabbelt.

Bald herrschte in dem dunklen Zimmer nur gleichmäßiges Atmen...



... Ein Poltern ließ Sebastian aus dem Schlaf hochschrecken. Verwirrt versuchte er in der Dunkelheit was auszumachen, doch er konnte nur ein leises Wimmern hören.

Eine eiskalte Hand schien nach seinem Herzen zu greifen und er wisperte leise:

„Nico?“

Als Antwort kam nur ein leises „Shit!“ und ein Schnauben.

Hektisch knipste Basti die Nachttischlampe an und blickte zu dem Bett seines Freundes hinüber. Es war leer.

/Nico?/

Seinen Freund fand einige Meter weiter - auf dem Boden liegend.

Keuchend sprang Basti aus dem Bett und lief zu dem Jüngeren hinüber. Dieser fluchte immer noch leise und ungehalten.

„Nico? Spinnst du???“ Zittrig ließ sich Basti neben dem Jüngeren auf die Knie sinken.

„Ach Mist!!!!“ Nicos Stimme zitterte und hörte sich brüchig an.

„Hast du dir weh getan?“

„Nein, verdammt! Hab ich nicht!!! Ich lieg hier bloß zum Spaß!“ Nicos Stimme troff vor Ironie.

„Ha ha, sehr witzig!“ Unsicher fasste Basti seinen, auf dem Bauch liegenden, Freund, der immer wieder versuchte hoch zu kommen, an der Schulter und drehte ihn sanft auf den Rücken.

„Man Nico? Was machst du denn?“

„Das hab ich doch...“

„Verdammt, ich mein es ernst!!! Hör auf mich hier zu verarschen!“ Basti musste sich bemühen, nicht zu schreien.

„Och menno!“ Nico, der sich nun, da er auf dem Rücken lag, aufsetzten konnte, warf Basti einen giftigen Blick zu. „Ich wollte bloß mal aufs Klo!“

„Jetzt? Ganz alleine?“

„’tschuldigung, dass ich mir nicht aussuchen kann, wann ich mal aufs Klo muss! Und bei der Therapie ging es doch auch! Da konnte ich doch auch alleine gehen!“

„Du spinnst wohl! Du hättest dir sonst was tun können!“ Wütend erhob sich der Ältere und packte seinen Freund unter den Beinen und oberhalb der Hüft an, um ihn zu seinem Bett zurück zu tragen. Nico zappelte wie ein Fisch auf dem Trockenen und wehrte sich.

„Jetzt halt still!!! Oder ich lass dich noch mal auf den Boden knallen!“

„Ich kann alleine...“

„Ja, dass hat man ja gesehen. Wie blöd bist du eigentlich?“

„Was? Ich bin nicht blöd!“

„Doch, bist du! Und leichtsinnig! Du hättest dir sonst was brechen können!“ Unsanft ließ er den Jüngeren auf dessen Bett plumpsen.

Der zog sich mit düsterem Blick, so gut es ging, an das Kopfende zurück und lehnte sich dort schweratmend an die Wand.

„Wenn du mal wieder solche Experimente machen willst, dann bitte tagsüber und wenn wer dabei ist!“

„Ich bin auf eure Hilfe nicht angewiesen! Ich schaffe das auch alleine! Ich kann doch wohl alleine aufs Klo gehen.“

„Das hatten wir schon! In deinem Zustand kannst du es nicht!“ Basti bebte und sein Herz drohte zu zerspringen. Er war kurz davor, sich auf seinen jüngeren Freund zu stürzen.

„Was geht dich das eigentlich an? Es ist doch meine Sache, wenn ich mir was breche!“

„Nein, ist es nicht!!!“

Nico sah ihn verdutzt an.

„Man, falls es dir noch nicht aufgefallen ist, du bedeutest mir ’ne ganze Menge! Du bist mein Freund! Denkst du, da will ich sehen, wie du dich noch mehr kaputt machst? Dann wäre doch alles bisher umsonst gewesen!“

Tränen traten in die Augen von Nico und seine leise Stimme meinte:

„Ich halt es nicht mehr aus! Ich will endlich wieder dort hin gehen können, wohin ich will. Und das alleine, ohne Hilfe. Und ich dachte, jetzt, wo es bei den Untersuchungen geht, wird es auch hier gehen! Aber es ging nicht.

Meine scheiß Beine haben drei Meter geschafft, dann sind sie weg geknickt. Einfach so, als wenn sie nicht da wären. Ich bin einfach umgefallen, wie ein nasser Sack! Ich hab mir doch so große Mühe gegeben. Warum hat es denn nicht hingehauen?“

Warme Tränen begannen Nico über die Wangen zu rinnen und Basti musste schlucken.

Ohne weiter darüber nachzudenken, kroch er zu seinem weinenden Freund aufs Bett und zog ihn in seine Arme. Nico ließ es widerstandslos mit sich geschehen.

Basti wiegte ihn sanft hin und her.

„Pscht... nicht weinen. Sonst fang ich auch noch an! Nico! Du bist aber auch ein Trottelchen! Hast du mir denn gar nicht zugehört? Es kommt nun mal nicht alles auf ein Mal. Lass dir doch Zeit. Auch wenn es dir schwer fällt! Werd doch nicht ungeduldig! Und versuche schon gar nichts mit Gewalt! Das bringt nichts! Bitte! Tu sowas nie wieder, ja? Mir ... ist fast das Herz stehen geblieben, als ich dich da auf dem Boden gesehen hab. Zum Glück ist dir nichts passiert! Ich weiß nicht, was ich dann gemacht hätte!“

Nicos Tränen waren noch nicht ganz versiegt, doch er schob den Älteren sanft von sich um ihm in die Augen zu sehen.

Wieder war es, als wenn die Luft zwischen ihnen dicker wurde und das Atmen fiel beiden schwerer.

„Ich...“ Basti rieb sanft seine Wange an der seines Freundes, dieser erwiderte die Geste liebevoll. „Wein nicht. Ich bin doch bei dir... Wir schaffen das schon. Ich helf dir, wirklich!“

Doch Nico schob ihn bloß wieder ein Stück von sich weg und schüttelte ungläubig den Kopf.

„Doch...“ Basti wollte zu Protest ansetzten, doch Nico legte einfach eine Hand auf seine Wange und brachte ihn damit zum Schweigen. Dann meinte er verwirrt und immer noch unter Tränen:

„Ach Basti, du Idiot! Nun hör endlich auf solchen Müll zu reden und küss mich einfach!“

Im ersten Moment, war Sebastian bewegungsunfähig, doch dann umschloss er die Wangen des anderen mit seinen Händen und zog ihn zu einem zärtliche Kuss heran.

Für Nico, der zum ersten Mal einen Jungen küsste, war es ein atemberaubendes Gefühl und Bastis Sanftheit machte ihn schier wahnsinnig.

Er griff in den Nacken des Älteren, um diesen dichter zu sich ranzuziehen und seinen Kuss zu vertiefen. Als Nico dann noch mit der Zunge gegen Bastis Lippen drückte, um um Einlass zu betteln, welcher ihm auch gewährt wurde, schien in ihm ein Feuerwerk zu explodieren und er keuchte erschrocken auf.

Beide fochten mit ihren Zungen ein liebevolles Duell aus, rieben sie zärtlich aneinander.

Irgendwann löste sich Basti von dem Jüngeren um ihm sanft die letzten Tränenspuren von den Wangen zu küssen und mit der Zunge die salzige Flüssigkeit aufzunehmen.

Dann starrten beide sich einfach nur fassungslos an.

Nico schluchzte noch einmal trocken auf und vergrub dann sein Gesicht in der warmen Halsbeuge von Sebastian, welcher seine Arme um den anderen Körper schlang und ihn liebevoll hin und her wiegte.

Schweigend hielten sie sich in den Armen....



„Ich mach nur das Licht aus...“ Mit sicheren Schritten lief Basti zu seinem Bett hinüber, um die dort stehende Lampe auszuschalten und dann wieder zu seinem Freund unter die Decke zu schlüpfen.

Dieser schmiegte sich sachte an ihn und kuschelte sich an seine Brust. Glücklich umfing Basti ihn mit seinen Armen und versuchte ihm die Wärme zu geben, die er anscheinend suchte.

Gemeinsam schliefen sie spät in der Nacht ein....


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Basti war der Erste, der die Augen aufschlug. Unsicher starrte er auf den Jungen, der in seinen Armen lag.

Er wusste nicht, ob er sich freuen oder doch lieber weinen sollte.

Was würde Nico dazu sagen, dass er neben einem anderen Jungen aufwachte?

Basti wollte sich nicht in irgendwelche Hoffnungen versteifen um dann enttäuscht zu werden. /Was ist, wenn der Kuss gestern Abend nur eine Reflexhandlung gewesen war? Wenn er jemanden gebraucht hat, der ihn tröstet? Wenn er es jetzt bereut?/

Nicht, dass Sebastian ein Pessimist wäre, aber was war schon ein Pessimist? /Nur ein erfahrener Optimist! Und damit hab ich schon Erfahrung!/

Gerade wollte er sich vorsichtig aus dem Bett des Jüngeren erheben, als der die Augen aufschlug.

Nicos Blick wanderte erst unsicher über die Decke und blieb dann ängstlich an Bastis Augen hängen.

Dieser wollte was sagen, doch dann brachte er keinen Ton heraus.

Nico setzte sich umständlich auf, um dann mit seiner eiskalten Hand, nach der von Basti zu tasten. Als er sie gefunden hatte, verschränkte er seine Finger mit ihr und sein Blick wich nicht aus Bastis Gesicht, nach einer Reaktion suchend.

Dieser sah unsicher in die blauen Augen seines Freundes, dann auf seine Hand, die immer noch von Nicos umschlungen wurde, und dann wieder hoch in das Gesicht des Jüngeren.

Sein Herz begann ihm bis zum Hals zu schlagen und zittrig hob er die, mit seinen verschränkten Finger von Nico, hoch an seinen Mund und verteilte kleine Küsschen auf ihnen.

Diese Reaktion schien Nico den nötigen Mut zu geben und er zog den Älteren glücklich zu sich heran um seine Lippen auf dessen zu legen. Aus einem scheuen, zärtlichen Kuss, wurde bald ein leidenschaftlicher Zungenkuss.

Beide mussten sich fast gewaltsam zum Aufhören zwingen. Verlegen grinsend erhob sich dann Sebastian und meinte glücklich: „Lass uns aufstehen, ja?“

Nico nickte zufrieden und glitt dann ebenfalls in seinen Rollstuhl...



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„... Mittwoch, 20. November

Stunde. Wie immer langweilig. Nichts, was mich interessiert. Wenn ich wieder zu Hause bin, muss ich wohl oder übel den ganzen Stoff nachholen. Ich kann mich einfach nicht konzentrieren. Lauter kleine Nicos spielen mit meinen Gedanken Pingpong und scheinen sich darüber ziemlich zu amüsieren.

Wenn ich an die letzte Nacht zurück denke, läuft mir ein kalter Schauer über den Rücken. Alles wirkt so grotesk, so unwirklich.

Was ist eigentlich genau geschehen? Ich weiß es nicht. Das einzige, was ich vor Augen hab, ist Nico, wie er hilflos am Boden liegt. O Gott, ich wäre fast gestorben bei diesem Anblick! Und dann, wie er meinte, ich solle ihn einfach küssen. Und ich Idiot mache das auch noch. Was, wenn es nur ein Scherz gewesen wäre? Na ja okay... zum Scherzen waren wir beide wohl kaum aufgelegt...

Ich kann’s immer noch nicht glauben!!! Nico hat mich geküsst! Und ich ihn! Und wir uns gegenseitig! Und.... Arg!!! Ich könnte jetzt hier auf dem Tisch tanzen, doch dann würden sie mich sicher in die Klapse stecken.

Ich glaube, dem Pauker da vorne ist es eh schon aufgefallen, dass ich vor mich hin kritzel und nicht seinem Unterricht folge. Scheiß drauf... mir ist einfach alles egal! Ich kann es kaum erwarten, wieder bei Nico zu sein.

Nee ne, scheiße... BIN ICH VERLIEBT!!!!!“

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Mit schnellen Schritten eilte Basti über den fast leeren Flur - Richtung Zimmer. Als er endlich davor angekommen war, stürmte er in den Raum, als wenn er um sein Leben rennen würde.

Und da saß er: Nico - und er schien auf ihn zu warten.

Bastis Herz machte einen Sprung, bei dem Anblick seines jüngeren Freundes.

Nico trug wieder seine weißen Klamotten und die grünen Haare hingen ihm lässig in die Augen. Mit einer langsamen Bewegung schob er sie beiseite und schenkte Sebastian ein scheues Lächeln.

Dieser konnte nur breit grinsen und meinte dann:

„Na! Schon da?“ Er schmiss seinen Rucksack auf sein Bett und hockte sich dann vor dem Rollstuhl seines Freundes hin.

Dieser vergrub die Hände in dem schwarzen Haar und zog Sebastian zu sich, um ihn hungrig zu küssen. Basti erwiderte den Kuss zufrieden.

Als sie sich nach einer Weile wieder trennten, ließ Sebastian sich seufzend auf sein Bett sinken.

„Deine Therapie fängt gleich an, oder?“

„Ja, leider... ich könnte ewig bei dir bleiben!“ Nico wurde ob seiner Worte rot.

Basti nickte wissend, meinte dann aber: „Klar, geht mir doch genauso! Bloß denk daran, Übung macht den Meister und wir wollten doch noch zusammen im Park spazieren gehen, oder hast du das vergessen?“

„Quark! Wie könnte ich das vergessen?“

„Na siehste! Also los, mach dich fertig! Wenn du willst bring ich dich hin. Ich muss nämlich auch runter zur Therapie!“

„Klasse!!!“ Nico rollte zum Schrank, um ungelenk in bequemere Sachen zu schlüpfen, dann wandte er sich der Tür zu, wo Basti schon auf ihn wartete.

Gemeinsam durchquerten sie die Flure und trennten sich vor den verschiedenen Untersuchungsräumen....



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„... Freitag, 22. November

Nico ist einfach klasse! Ich hätte nie gedacht, hier in der Reha einen Freund zu finden - und schon gar keinen SOLCHEN Freund.

Doch Nico kann man einfach nicht widerstehen. Er ist zuckersüß und sieht zum Anbeißen aus. Außerdem finde ich es immer so niedlich, wenn er zu mir kommt, um ein Küsschen zu erhaschen.

Ansonsten verhalten wir uns wie immer. Wir reden miteinander wie immer und wir spielen ab und an Schach.

Kurz haben wir auch darüber geredet, dass Nico vorher noch nie mit einem Jungen zusammen war. Das war gestern Abend, als er in seinem und ich in meinem Bett lag. Der Raum war dunkel und ich schon am Einschlafen. Doch Nicos leise Stimme hatte mich sofort wieder hellwach gemacht.

„Ich mache sowas normalerweise nicht mit Jungs!“, hatte er verlegen gemurmelt und ich wäre am liebsten aufgesprungen und hätte ihn durch geknuddelt. Dieser einfache Satz hat mich schon zum Schmelzen gebracht.

Ich hab ihm dann kurz erklärt, dass ich generell Jungs mochte. Darauf hat er erst mal nichts gesagt. Ich dachte schon, er wäre eingeschlafen, doch nach einer Weile hat er mich scheu gefragt, was mir denn an ihm gefallen würde.

Und ich - so verliebt wie ich bin - hab natürlich angefangen ganze Listen aufzuzählen.

Irgendwann hat er dann einen Lachanfallbekommen und ich hab aufgehört. Dabei war ich noch nicht mal bis zur Hälfte gekommen. Na ja... auf jeden Fall haben wir uns so geeinigt, dass wir beide uns schrecklich gerne mochten und es nur darauf ankam.

Danach kam dann das obligatorische Gute-Nacht-Wünschen und ich bin mit pochendem Herzen eingeschlafen....

Tja... so was nenn ich doch einen gelungenen Abschluss eines Tages.

Und nun?

Nun sitze ich wieder im Unterricht und werde soeben von dem Pauker vorne mit Blicken erdolcht. Wie gut, dass diese bekanntlich nicht töten können. Besser ich hör auf zu schreiben, sonst kassiert er das Büchlein hier noch ein und ich bin mächtig am Arsch.

Ist schon etwas peinlich, wenn jemand das Tagebuch eines 17-jährigen (!!!) liest, in dem dieser pausenlos von einem anderen Jungen schwärmt....

Na ja... was soll ich aber hier sonst den ganzen Vormittag machen. Ich kann Nico einfach nicht aus meinem Kopf vertreiben...

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Basti seufzte ein mal tief und beschleunigte seine Schritte noch etwas mehr.

Der olle Pauker hatte ihn nach dem „Unterricht“ noch zu sich gerufen und sich ausführlich über die „Missachtung seines Unterrichts“ beschwert. Basti soll „es doch in Zukunft bitte unterlassen, sich mit anderen - scheinbar wichtigeren - Dingen zu befassen und aktiv am Unterrichtsgeschehen mitwirken“. /Halloooo? Von welchem Planeten stammt dieser Lehrer denn bitte?/

Auf jeden Fall war Basti nun ziemlich spät dran und Nico würde sicher schon im Zimmer sein.

Als Sebastian dann vor der Zimmertür ankam, atmete noch ein mal tief durch und betrat so gelassen wie möglich den Raum...

... und schluckte!

Er musste zwei mal hingucken, um das zu begreifen, was er da sah:

Nico. Schön wie immer. Auf seinem Bett sitzend. Mit seinen Armen ein Mädchen umschlingend. Und anscheinend tierisch damit beschäftigt seine Zunge in ihren Rachen zu stecken. Die Blonde genoss diese Behandlung sichtlich, was man an ihren flinken Fingern erkennen konnte, die ruhelos über Nicos Seiten wanderten.

Basti schob das Brett, das soeben seinen Kopf ganz unerwartet getroffen hatte, beiseite und schloss - etwas lauter als nötig - die Tür.

Mit sicherem Schritt trat er zu seinem Bett und ließ sich darauf nieder, bevor er mit zuckersüßer Stimme meinte: „Hallo Nico!“

Dieser wollte aufsehen, doch Blondie - Basti beschloss mal ganz einfach für sich, sie so zu nennen - zog ihn wieder zu sich runter, darauf aus, sich nicht stören zu lassen.

Gut, dachte sich Basti und kramte fahrig nach seinem Discman, bei welchem er den Lautstärkeregler bis zum Anschlag aufdrehte, und versank dann in den schnellen Techno-Beats.

Oder besser, er versuchte darin zu versinken. Immer wieder wanderte sein Blick auf seinen Freund und Blondie, die immer noch dabei waren, sich ausgiebig zu bearbeiten. Scheinbar wollten sie sich echt nicht stören lassen.

Wenn Basti bei diesem Anblick nicht sauschlecht geworden wäre, hätte er das ganze auch einfach so hingenommen.

Aber leider war Basti sauschlecht geworden und dieses beengende Gefühl, das auf seiner Brust lag und ihn zu erdrücken versuchte, half ihm auch nicht weiter.

Deprimiert schloss er die Augen und versuchte sich etwas schönes vorzustellen.

Vielleicht einen superschicken Sportwagen... der Blondie überfuhr. Nee... doch lieber einen wundervollen weißen Strand mit blauem Meer.... in dem ein Blondie ertrank. Auch nicht.... wie wäre es mit einem anderen klasse Kerl, der ihm über diesen Schock hinweghelfen würde?

An sich war dieser Gedanke nicht schlecht, doch leider verwandelte sich der ultraheiße Adonis immer mehr in Nico, der dann fröhlich grinsend ein Blondie hinter seinem Rücken hervorzauberte und seine Zunge wieder in dessen Rachen rammte.... /Möge sie daran ersticken.../

Von seinen eigenen Gedanken überrascht, riss sich Basti die Köpfhörer runter und setzte sich auf.

Blondie hatte Nico aus seinen Fängen entlassen und hockte nun triumphierend grinsend auf Nicos Bett, während dieser gemütlich auf seinen Freund zugerollt kam und verlegen meinte:

„Hey Basti! Ich möchte dir wen vorstellen.“ Mit einem Fingerzeig auf Blondie meinte er: „Basti, dass ist meine Freundin Marie! Marie, das ist mein Zimmergenosse Sebastian!“

Wie lässig Nico diese Worte doch über die Lippen kamen. Sebastian kam nicht umhin, ihn dafür zu bewundern.

Kurz blickte er dem Jüngeren in die Augen - und hoffte, dass dieser den stummen Vorwurf bemerkt hatte - dann erhob er sich und trat auf Blondie - Marie heißt sie!!! - zu, um ihr die Hand zu reichen.

Das Mädchen ergriff sie kichernd und konnte dann ihre Augen nicht von Nico lassen.

Sebastian entschuldigte sich gekünstelt grinsend und meinte, er müsse nun zu seiner Untersuchung, bevor er sich abwendete und wortlos den Raum verließ.

Ihm war schlecht.


Zum ungefähr hundertsten Mal, rührte Basti nun schon seinen Kaffee um. Dieser war schon kalt, doch er hatte eh nicht vor ihn zu trinken. Er brauchte nur etwas, um sich abzulenken.

Die Cafeteria, in der er saß - eigentlich der Essensaal - war fast vollkommen leer. Nur hier und da unterhielten sich einige Jugendliche mit Freunden oder Verwandten.

Sebastian hatte es in ihrem Zimmer einfach nicht mehr ausgehalten und verfluchte sich selbst dafür, dass er einfach so abgehauen war.

Er hatte doch eigentlich keinen Grund gehabt!

Na ja, okay... Nico hätte ihm vielleicht erzählen können, dass er eigentlich eine Freundin hatte und dass diese ihn besuchen würde, doch wie es das Leben so wollte, hatte sein Freund es nicht für nötig gehalten, ihn über diese Kleinigkeit aufzuklären.

Missmutig seufzend ließ er den Löffel auf den Rand des Untertellers sinken.

Was sollte er nun tun? Wie sollte er sich Nico gegenüber verhalten? Wie würde dieser sich ihm gegenüber verhalten?

Fragen über Fragen, doch eins wusste Basti genau: Er würde Nico keine Szene machen. War er denn irgend so ein Blondie, dass sich betrogen fühlte?

Nein, das war er nicht (zumindest nicht wirklich) und er würde Nico schon zeigen, dass ihn, Basti, sein Privatleben nichts anging.

Was hatte Basti sich auch erhofft? Einen richtigen (festen) Freund zu finden, der seine Gefühle genauso stark erwiderte?

Ja, sowas in der Art musste Sebastian gehofft haben, denn ansonsten wäre er jetzt wohl kaum so niedergeschlagen. Er schalt sich selber einen Narren. Normalerweise war er doch gar nicht so ein Träumer...

Endlich zu einem Entschluss gekommen - er würde gar nichts tun - stand er auf und schlenderte wieder in Richtung Zimmer.

Als er den Raum wieder betrat, saßen Blondie und Nico sich am Tisch gegenüber und unterhielten sich.

Die einzelnen Gesprächsfetzen, die zu ihm hinüber drangen, missachtete er einfach.

Wortlos ließ er sich auf seinem Bett nieder und zog ein angefangenes Buch hervor, um die Seiten zu überfliegen (oder besser, sich dahinter zu verstecken). Auch mit Mühe konnte er das Zusammenzucken nicht unterdrücken, dass ihn immer erfasste, wenn Blondie in hohen Tönen anfing zu kichern oder zu lachen.

/Wow, mir ist nie aufgefallen, WIE witzig Nico doch sein muss!/

Die Zeit schien zu kriechen, doch irgendwann erhob sich Blondie endlich und begab sich - nachdem sie sich überschwänglich und mit viel Zungenarbeit von Nico verabschiedet hatte - zur Tür.

Nico wartete noch, bis sie aus dem Raum raus war, dann wagte er einen vorsichtigen Blick auf Basti.

Dieser starrte ihn einfach nur ausdruckslos an und unterbrach den Blickkontakt nach einigen Momenten, um wieder in sein Buch zu starren.

Deutlich konnte er Nico schlucken hören und dann das Geräusch von dessen Rollstuhl.

Direkt vor Bastis Bett hielt der Jüngere an und meinte leise: „Du redest jetzt sicher nicht mehr mit mir, oder?“

Basti blickte langsam und mit dem Blick einer Sphinx auf und meinte dann so gelassen wie möglich: „Nö, warum sollte ich nicht mehr mit dir reden? Nur weil ich eben auf Umwegen deine Freundin kennen gelernt hab? Ach, wo denkst du hin. Du musst aber verstehen, dass du mir deine Zunge nicht mehr dahin stecken zu brauchst, wo du sie eben schon bei dem Blondchen hattest!“

Eigentlich hatte Basti nicht vorgehabt, irgendwas Verletzendes zu sagen - er hatte sich vorgenommen, gar nichts zu sagen - aber nun war es raus und Nico glotzte ihn an wie ein Auto.

Dann begann er zu stammeln: „Aber... Basti! Was... Jetzt wirst du aber gemein! Ich... was hätte ich denn tun sollen?“

„Nichts! Und das ist dir ja auch geglückt! Und wenn du mich jetzt bitte weiterlesen lassen würdest, ich bin gerade an einer sehr spannenden Stelle angekommen...“ Sebastian senkte den Blick wieder aufs Buch.

„Hey! Lass uns drüber reden, okay?“ Doch Nicos Vorschlag prallte wie an einer Mauer ab, denn Basti hatte sich wieder hinter den Buchseiten verkrochen, ohne auch nur einen von den dort stehenden Buchstaben wahr zu nehmen.

Wütend riss Nico ihm den Roman aus der Hand und ließ ihn achtlos zu Boden fallen. „Jetzt hör auf dich hinter diesem scheiß Buch zu verstecken!“

„Das ist kein scheiß Buch, es ist eines der besten, die ich je gelesen habe!“

„Basti! Ich meine es ernst!!!“

„Ich auch!“

„In Ordnung, anscheinend willst du nicht mit mir reden...“

„Blitzmerker....“

Ohne einen weiteren Kommentar wendete Nico den Rollstuhl und verzog sich wieder auf seine Seite des Zimmers.

Es herrschte Schweigen, das nur ab und zu von dem nervösen Seitenumblättern von Basti durchbrochen wurde. Nico saß einfach nur da und starrte die Wand an.

Plötzlich fluchte er laut und rollte wieder zu Basti hinüber. Dieser sah nur kurz desinteressiert auf und konzentrierte sich - soweit es möglich war - abermals auf den Text vor ihn. Er hatte das Buch wieder aufgehoben, wenn auch eher, um etwas in der Hand zu haben, als wirklich darin zu lesen...

„Basti! Bitte rede mit mir!“

„Warum?“

„Weil ich diese Sache jetzt klären will!“

„Was gibt es denn da zu klären? Sie ist deine Freundin und ich bin nur ein guter Freund, den du während deines Reha-Aufenthaltes kennengelernt hast und mit dem du, in einem schwachen Moment, ausprobiert hast, wie es mit einem Jungen ist. Was willst du da mit mir klären?“

„Basti! So ist das nun aber nicht, ja?“

„Wie dann?“ Sebastian warf das Buch neben sich, doch es hatte zu viel Schwung und rutsche vom Bett, wo es mit einem dumpfen Geräusch auf dem Boden aufschlug.

„Okay, Marie ist meine Freundin! Aber... du bist auch mein Freund!“

„Wow! Hier haben wir wohl einen Verfechter von Bigamie!“ Spöttisch zog Basti eine Augenbraue hoch. Nico verzog nur schmerzlich das Gesicht.

„Ich glaub, du willst mich nicht verstehen!“

„Und ich glaub, du weißt nicht mal, was du mir hier eigentlich erklären willst! Denn bisher hast du mir gar nichts erklärt!“

„Stimmt, da könntest du recht haben! Ich weiß nicht, was ich dir erklären will. Oder zumindestens, wie ich es dir erklären will. Denn ich verstehe es selbst nicht!!!“

„Aha!“ Basti wirkte nach außen hin total ruhig und gelassen. Er dankte Gott dafür, dass Nico nicht das Chaos in seinem Inneren sehen konnte.

„Okay, lass es mich so erklären:

Marie ist meine Freundin - und dass schon seit fünf Monaten. Ich war mit ihr immer vollkommen zufrieden und hab auf Wolke 7 geschwebt. Dann bin ich hier in die Reha gekommen und hab dich getroffen. Du hast mich von Anfang an fasziniert und irgendwann hab ich dann gemerkt: Scheiße, du hast dich in nen Kerl verliebt. Und als du mich dann geküsst hast, dachte ich, ich sterbe.

Mein gesamtes Weltbild hat sich auf den Kopf gestellt und ich hab gemerkt: Halt, Wolke 7 ist nicht die Endstation, es geht noch weiter nach oben! Mit dir bin ich dann auf irgend einer zweistelligen Wolke geschwebt und hab gedacht, nix und niemand kann mich da runter holen.

Und da steht Marie plötzlich völlig unerwartet vor meiner Tür und mir fällt ein, dass ich ja eigentlich Höhenangst hab und Wolke 7 doch nicht so schlecht war....

Und nun? Nun sehne ich mich wieder nach einer höheren Wolke und dir! Was soll ich bitte schön jetzt machen?“

Basti sah seinen Freund einfach nur fassungslos an. Hatte dieser ihm jetzt gerade wirklich einen Vortrag über Wolken und Höhenangst gehalten?

Nico muss seine Gedanken erraten haben, denn er errötete und meinte verzweifelt: „Man, ich weiß, dass ich Scheiße labere! Aber es geht im Moment nicht anders! Ich fühle mich, wie drei Mal durch den Fleischwolf gedreht!“

„Dann hast du ja vielleicht ’ne Ahnung, wie ich mich gefühlt hab, als ich dich mit diesem Blondie auf dem Bett gesehen hab!“ Basti hatte seine Sprache endlich wieder gefunden.

„Du hättest mir wenigstens was von deiner Freundin erzählen können!“

„Woher sollte ich denn wissen, dass sie plötzlich vor der Tür steht?“

„Ach so... Wäre ja auch zu schön gewesen...“ Basti seufzte resignierend auf.

„Was?“ Nico schien den Gedankengängen seines Freundes nicht folgen zu können.

„Okay, lass mich dir eine kleine Frage stellen: Hast du schon ein Mal daran gedacht, was sein wird, wenn die sechs Wochen hier um sind?“

Nico musste schlucken und seine Stimme hörte sich selbst in seinen eigenen Ohren piepsig an: „Nein...“

„Hab ich mir schon gedacht... Ich auch nicht so wirklich, denn was bringen meine Gedanken denn schon... aber dass du wohl kaum mehr von mir willst, als hier in der Reha jemanden zu haben, mit dem du dich amüsieren kannst, hab ich mir schon gedacht...“

„Nun wirst du aber gemein!“

„Nein, werde ich nicht... Darauf läuft es nämlich hinaus! Denk doch mal nach, Nico.

Was wird denn sein, wenn die Kur zu Ende ist?

Du wirst nach Hause fahren, ich werde nach Hause fahren. Wir wohnen kilometerweit entfernt von einander. Okay, vielleicht wirst du mir deine Handynummer geben und wir werden noch ein paar Mal telefonieren, aber mehr wird nicht sein. Der Kontakt wird einschlafen. Du wirst mich vergessen und ich dich... Und das ist dann das Ende vom Ganzen...“

Nico schluchzte empört auf. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals und er spürte, dass das, was Basti eben gesagt hatte, wohl oder übel eintreten würde. Doch er wollte es nicht wahrhaben.

Basti hatte tief in ihm einen Punkt berührt, von dem er vorher nicht einmal gewusst hatte, dass er da war. Diese Tage mit Basti hatten sich so wundervoll, so natürlich, angefühlt, dass er ihn nicht einfach so aufgeben wollte.

Ein Teil seines Herzen versuchte ihn dazu zu bewegen, um das Zusammensein mit dem Älteren zu kämpfen, während aber ein Teil seines Gehirns verkündete, dass er es wohl kaum schaffen würde...

Nico fühlte sich auf einmal so hilflos, dass er nicht mal mehr die Tränen zurück halten konnte, die in seinen Augenwinkeln brannten....

Als Basti sah, dass Nico ob seiner Rede angefangen hatte zu weinen, tat es ihm schon wieder leid. Doch es wahr nun mal die Wahrheit.

Das Leben war nicht so schön, wie es nach Außen hin immer schien. Das Leben war hart und beschissen.

Doch Basti wusste auch, dass er um Nico kämpfen würde, wenn dieser es wollte. Wenn Nico wirklich mit allen Mitteln versuchen würde, den Kontakt aufrecht zu erhalten, würde Basti sein Bestes geben, um dies ebenfalls zu tun. Dies war ihm schon mal klar, auch wenn vieles andere ihn im Moment, wie eine dicke milchige Brühe umgab.

Seufzend rutschte er an den Bettrand und zog den Jüngeren in seine Arme. Dieser kuschelte seinen Kopf an die Brust des Älteren und begann nun wirklich hemmungslos zu weinen. Basti konnte nicht mehr tun, als ihn warm an sich zu pressen und beruhigende Worte zu murmeln.

Langsam wurde Nico ruhiger und genoss spürbar den dumpfen Herzschlag des Älteren, der in monotonem Rhythmus vor sich hin klopfte.

Noch immer hielten die starken Arme von Basti ihn umfangen und boten ihm einen Schutz, den er, seiner Meinung nach, nicht verdient hatte.

Hätte er von Anfang an reinen Tisch gemacht und Basti von seiner Freundin erzählt, hätten sie sich das ganze Gestreite erspart. Sie hätten in Ruhe darüber reden können. Doch so hatten sie dieses unerfreuliche Gespräch führen müssen.

Doch Nico war froh, dass Sebastian ihn anscheinend auch nicht so leicht aufgeben wollte. Diese Erkenntnis breitete sich wie ein warmes Gefühl in ihm aus und er seufzte erleichtert an Bastis Brust.

Dieser begann nun mit seinen Fingern in den grünen Haaren rumzufummeln und einzelte kurze Strähnen um seinen Finger zu wickeln und sie wieder loszulassen.

Beide hingen ihren Gedanken nach, doch dann meinte Nico mit zittriger Stimme:

„Was werden wir jetzt tun?“

„Gute Frage...“ Basti lachte freudlos auf. „Mein Vorschlag wäre, die letzten Wochen so gut zu genießen, wie es geht und dann, wenn es drauf ankommt und wir uns wirklich trennen müssen, weiter zu sehen und zu entscheiden was wir machen. Bis dahin fällt es uns vielleicht ein wenig leichter, eine Entscheidung in Bezug auf Fernbeziehung oder anderes zu treffen... Obwohl ich meine wohl schon kenne....“

„Ich glaub, ich kenn meine auch schon... aber okay, damit bin ich einverstanden. Lass uns das beste draus machen und dann, wenn es drauf ankommt, entscheiden wir...“

„In Ordnung...“

Schweigen...

„Basti?“

„Ja, Nico?“

„Würdest du mich küssen? Auch wenn du gesagt hast, dass du meine Zunge nicht mehr dort haben willst, wo Marie sie schon hatte?“ Nicos Stimme war nur ein hohes Piepsen.

Dann merkte er, wie Bastis warmes Lachen an seiner Wange vibrierte und wie der Ältere ganz sanft sein Gesicht anhob um ihn zärtlich zu küssen.

Glücklich erwiderte er die Geste und genoss das atemberaubende Gefühl, das dieser einfache Kuss mit sich brachte. Es war einfach unbeschreiblich....


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„... Samstag, 23. November

Wieder mal bin ich alleine - Nico hat ’ne Untersuchung - und wieder mal kritzel ich vor mich hin. Dieses Geschreibe ist echt ein guter Zeitvertreib und wer weiß, vielleicht wird es das einzige sein, was mir von meiner Zeit mit Nico bleibt.

Das Gespräch gestern ist eigentlich besser verlaufen, als ich gedacht hätte.

Es ist ja nicht so, dass mir der Gedanke von „der Zeit danach“ nicht schon gekommen wäre. Aber ich hatte irgendwie Angst, darüber mit Nico zu sprechen. Irgendwie wollte ich erst wissen, ob er es ernst mit mir meint, wenn man das so sagen kann.

Eigentlich müsste ich dieser komischen Planschkuh (Marie) ja dankbar sein, denn sie hat uns eine bilderbuchreife Einleitung für das Gespräch geliefert - aber es war trotzdem hart.

Mir wäre wirklich fast das Kotzen gekommen, als ich die beiden da so eng umschlungen gesehen hab.

Aber ich hätte mir ja denken können, dass er eine Freundin hat - wäre ja auch ein Wunder, wenn ein solcher Kerl nicht schon wen hätte. Prinzipiell gesehen, hätte ich ihn auch schon längst mal danach fragen sollen, aber ich glaube, ich hatte echt Angst vor der Antwort. (Mir fällt auf, dass ich vor ziemlich viel Angst hab. Wieder was positives an diesem Geschreibsel - es hilft ein wenig zur Selbsterkenntnis, und die ist ja bekanntlich der erste Weg zur Besserung...)

Hm... Und Nico? Scheinbar hatte er sich echt noch keine Gedanken über das, was nach der Kur kommt, gemacht. Irgendwie passt es zu ihm, nur im Jetzt zu leben. Ich schätze mal, dass ist wieder etwas, was ihn so unwiderstehlich macht.

Na ja, egal....

Ich werde mich ihm gegenüber so verhalten wie immer. So haben wir es ja abgemacht. Warum schon mit Problemen beschäftigen, die erst in ein paar Wochen wirklich wichtig werden? Ändern können wir an der Tatsache, dass wir uns „Trennen müssen“ ja eh nichts...

Also Abwarten und Tee trinken....

Ich werde die Wochen jetzt mit ihm erst mal richtig genießen.

So stark war das Kribbeln in meinem Bauch schon lange nicht mehr. Und wie lange ist es jetzt schon her, dass mein Ex-Freund sich von mir verabschiedet hat?

Ich glaube, zu la...“

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Erschrocken schloss Basti sein Notizbuch, denn Nico hatte soeben den Raum betreten und kam neugierig zu ihm rüber.

„Was hast du da?“

„Nichts...“ Basti wurde rot und schlenderte so lässig wie möglich zu seinem Nachtschrank, um das Büchlein dort verschwinden zu lassen.

Nico musste aus seiner Reaktion geschlossen haben, dass er über dieses Thema nicht reden wollte und schien das zu akzeptieren. Zwar warf er dem verschwundenen Buch noch einen letzten neugierigen Blick hinterher, dann begab er sich aber zu seinem Bett um dort Platz zu nehmen.

„Mann, mir tut echt alles weh.... Diese dummen Laufübungen sind wirklich Knochenarbeit...“

„Kann ich mir vorstellen... Was ist, soll ich dich vielleicht ein bisschen massieren?“, bot Basti seinem Freund an.

Dieser warf ihm einen schrägen Blick zu und meinte misstrauisch:

„Kannst du das denn?“

Basti grinste spöttisch.

„Sagen wir’s so: Noch mehr können dir deine Knochen ja wohl kaum weh tun, also kann ich nicht viel kaputt machen... Lass es mich versuchen, ja?“

„Okay, aber wenn’s weh tut, dann schrei ich?!“, warnte Nico den Älteren lachend vor.

Dieser kam mit federnden Schritten auf ihn zu und ließ sich, nachdem sich Nico auf den Bauch gedreht hatte, rittlings auf ihm nieder.

„Bin ich zu schwer?“

„Nö, geht!“

„Aber falls ich dir weh tu, dann sag’s bitte wirklich. Ich hör sofort auf!“

„Klaro!“

Mit tastenden Händen begann Sebastian seinem Freund den Rücken zu massieren. Erst war der Druck, den er ausübte, kaum zu spüren, doch mit der Weile gewann er an Sicherheit und festigte seine Handgriffe. Nico stöhnte ungehalten auf, was Basti erröten ließ. Leise fragte er:

„Soll ich aufhören?“

Doch Nico knurrte nur: „Untersteh dich! Mach bitte weiter! Das tut echt gut! Vielleicht ein bisschen tiefer?“

Basti kam der Bitte nach und arbeitete sich nach unten vor. Das zufriedene Seufzen von Nico, war wie Musik in seinen Ohren und er genoss es fast so sehr wie der Jüngere.

Dieser schien nach einer Weile in einen Dämmerzustand abzudriften. Scheinbar hatten ihn die Laufübungen doch ziemlich mitgenommen.

Als Basti dies bemerkte, lächelte er zufrieden und legte sich, nachdem er noch ein Weilchen weiter über den Körper seines Freundes gestrichen hatte, glücklich neben ihn.

Nico tastete mit der Hand nach ihm und legte dann einen Arm um Bastis Taille. In dieser Position lagen die beiden da und schlummerten selig vor sich hin...



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„... Montag, 25. November

Okay, kein Nico da. Dass er beim letzten Mal so reingeplatzt ist, war mir irgendwie unangenehm.

Irgendwie ist es mir ja ein bisschen peinlich, Tagebuch zu führen, aber was soll ich machen...? Bisher hat es mir nur Vorteile gebracht, warum sollte ich damit aufhören? Mir macht es Spaß und es wird ja auch keiner erfahren. Also, warum mache ich mir darüber einen Kopf?

Nico ist, wie immer, bei seiner Therapie, ich hab heute Abend erst eine.

Meine scheinen wirklich anzuschlagen. Ich hab keine Probleme mehr mit den Kopfschmerzen, sonst kamen sie ja echt mindestens ein mal die Woche und hier - bis auf ein mal - nichts. Das ist schon etwas erleichternd.

Nico macht wohl auch große Fortschritte. Er meinte, er könnte nun schon einige Meter ohne Hilfe gehen, doch im Zimmer sollte er immer noch den Rollstuhl benutzen, da er seine Beine nicht überlasten darf. Ich wünsche ihm ja, dass es besser wird, denn immerhin haben wir noch einen Spaziergang zu tätigen.

Ach, das schafft er schon. Nico kann doch alles schaffen, wenn er will.

Der Typ hat so eine positive Aura um sich, dass dies sicher kein Problem darstellen wird. Und wenn er tatsächlich wieder so abrutscht und aufgeben will, bin ich ja auch noch da. Ich werde ihn auf jeden Fall unterstützen wo ich nur kann...“

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„... Dienstag, 26. November

Wow! Einfach nur klasse!!!

Heute war ich mit bei einer von Nicos Therapien - und ich war echt positiv überrascht. Der Kleine macht sich echt gut. (Eigentlich war ich schon erstaunt darüber, dass man mich hatte zugucken lassen. Aber anscheinend hat Nico so lange gebettelt, bis der Arzt ‚ja’ gesagt hat)

Wie er die verschiedenen Übungen gemacht hat - Respekt. Ich glaube, ich hätte nicht die Kraft, dies durch zustehen. Da bin ich mit meinen Migräneanfällen ja noch glimpflich davon gekommen.

Aber am besten waren immer noch die stolzen Blicke, die er mir in den Pausen zugeworfen hat.

Ob er wohl gemerkt hat, dass ich ihn bewundere und stolz auf ihn bin? Ich hoffe es ja irgendwie. Und wenn nicht, auch nicht so wild. Irgendwann werde ich es ihm auch noch mal sagen. (Wer weiß, vielleicht stehe ich dann vor ihm und will ein Autogramm?) Nico ist echt eine der stärksten Personen, die ich kenne....

Im Moment ist er gerade mit Andi im Bad - duschen. Langsam könnten die beiden da drin aber auch fertig werden. Die brauchen immer ewig!!!!

Ah, ich glaub jetzt sind sie fertig - das Wasser wurde ausgedreht. (Wenn Nico wüsste, dass ich ihn belausche, wenn er duscht, würde er mich sicher umbringen...)

Gut, das soll mal reichen für heute. Das, was sich gerade in meinem Kopf abspielt, ist eh schwer in Worte zu fassen...“

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„... Donnerstag, 28. November

Wieder mal Langeweile im Unterricht. Das Geschwafel des Lehrers interessiert keinen (wenn ich keinen sage, meine ich auch keinen - die beiden hinter mit spielen „Vier-Gewinnt“, der Typ links neben mir ist am Pennen und das Mädchen rechts liest nebenbei irgendein Buch...), also mache ich wieder mal was anderes.

Hm... Gestern hat Nico schon wieder mitbekommen, wie ich in meinem Wunderbüchlein rum gekritzelt hab. Mal gucken, wenn er beim nächsten Mal reinkommt, erzähle ich es ihm vielleicht. Er wird sich zwar vor Lachen am Boden wälzen, aber na ja... ich bin halt ’ne besondere Art von Junge (oder wer führt schon Tagebuch????).

Nico macht Fortschritte. Mir fällt auf, dass ich das in jedem Eintrag schreibe. Na ja, vielleicht weil es mir irgendwie wichtiger ist, als von meinen Untersuchungen zu schreiben.

Ich, mit meiner Migräne, bin ja nicht halb so schlimm dran wie Nico - der kann nicht laufen.

Aber langsam wird es.

Er erzählt jeden Abend stolz von seinen Fortschritten und wer weiß, vielleicht drücken sie ihm ja schon Ende nächste Woche Krücken oder so in die Hand und er ist diesen ollen Rollstuhl los. Freuen würde es mich ja! Und wie!

So, gleich ist hier in dieser Hobby-Schule Schluss und ich kann wieder aufs Zimmer. Ich muss dann wieder zur Therapie...“

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Lautlos seufzte Basti auf. Ihm war so unbeschreiblich langweilig und dazu musste er gegen den Drang zu Schlafen ankämpfen.

Es war Freitag und er saß wie jeden Vormittag in dieser Vorlesung, die sie Unterricht nannten. Im Stillen ärgerte er sich, warum hatte er sein Notizbuch auch im Zimmer gelassen?

Er hatte heute morgen nicht dran gedacht, es einzupacken, er war viel zu sehr mit Nico beschäftigt gewesen.

Warum musste dieser ihn auch immer ablenken? Basti konnte nicht sagen, ob diese Wirkung auf ihn von Nico beabsichtigt war oder ob es einfach natürlich war, dass Basti sich von ihm angezogen fühlte, wie die Motte vom Licht. Eigentlich war es ihm auch egal, Nico war einfach nur süß...

Als der Lehrer sie dann endlich auf ihr Zimmer entließ, war Sebastian erleichtert. Mit raschem Schritte machte er sich auf den Weg zu ihrem Zimmer. Nico würde sicher noch nicht da sein.

Doch als Basti durch die Tür trat, musste er erstaunt feststellen, dass der Jüngere doch schon da war. Er saß wie immer in seinem Rollstuhl. Aber nicht auf seiner Seite des Zimmers, sondern auf der von Basti.

Dieser trat neugierig auf den Jüngeren zu und wollte gerade fragen, warum Nico bei ihm am Bett saß, da fiel ihm etwas ins Auge:

Ein kleines, schwarzes Büchlein, das den silbernen Aufdruck „Notizen“ trug.

Basti blinzelte und starrte dann fassungslos ein zweites Mal hin. /Warum...?/

Nico, der Basti nun endlich bemerkt hatte, zuckte merklich zusammen. Seine schlanken weißen Finger krallten sich fester um das schwarze Buch in seinen Händen und mit weitaufgerissenen Augen sah er zu Basti auf.

Dieser erwiderte den Blick kurz, dann trat er zu seinem Freund hinüber und riss ihm ruckartig das Buch aus den Händen.

Nico keuchte auf:

„Basti!“

„Ja, so heiße ich...“, gab der Angesprochene wütend zurück.

Warum hatte Nico das Buch in der Hand gehabt? Basti war sich sicher, dass er es in die Schublade gelegt hatte. Und das würde ja heißen, das Nico seine Sachen... Nein, den Gedanken schob Basti beiseite.

„Basti...“ Nicos Stimme zitterte.

Sebastian zog die Stirn kraus und meinte dann giftig: „So weit waren wir schon!!! Wo hast du das her?“

„Aus... ich... ach scheiße...“

„Ja, das trifft es genau! Warum bist du bei mir an der Schublade gewesen?“

„Ich... ich war einfach nur neugierig... es tut mir leid...“

„Ach, du warst neugierig?“ Ein deutlicher Vorwurf schwang in Bastis Stimme mit. Deprimiert ließ er sich auf sein Bett sinken und drehte das kleine Büchlein in seinen Händen.

„Basti... es tut mir wirklich leid! Ich wollte dir nicht zu nahe treten, echt!“

„Warum hast du nicht einfach gefragt, was ich mache? Du hast mich doch schon ab und an beim Schreiben erwischt...“

„Erwischt? Das hört sich so an, als wenn du es vor mir geheim halten wolltest!“ Nico hörte sich empört an.

„Wollte ich ja auch!“, gab Basti kleinlaut zurück. Ihm gefiel die Wendung des Gesprächs überhaupt nicht, er sollte sauer sein, nicht Nico!“

„Warum?“

„Mann, weil ich dachte, du würdest lachen! Alle Welt lacht doch, wenn ein 17-jähriger Junge Tagebuch schreibt!!!“

„Ich bin aber nicht alle Welt!“

„Ja... aber...“ Basti war verwirrt, doch er wollte sich nicht so einfach geschlagen geben. „... das ist trotzdem noch lange kein Grund, in meinen Sachen rumzuwühlen!“

„Das hab ich doch gar nicht!“

„Ach, dann ist dir das Buch einfach so zugeflogen?“

„Nein, ich gebe ja zu, dass ich es aus der Schublade hab, aber ich hab nicht in deinen Sachen rumgewühlt...“

„Ach nein?“

„Nein... zumindestens nicht wirklich...“

„Toll!“ Basti seufzte geschlagen auf.

Er war nicht wütend auf Nico, nein, gewiss nicht. Bloß irgendwie ein bisschen enttäuscht. Und er konnte noch nicht mal sagen, warum er enttäuscht war. Er wusste, dass Nico sonst nicht in seinen Sachen wühlen würde. Und da Nico nicht über das Tagebuch gelacht hatte, hatte er sich vor ihm wohl auch nicht zum Depp gemacht... Basti hatte sich ja eh vorgenommen, Nico sein kleines Geheimnis anzuvertrauen, und nun wusste er es halt... wenn auch wieder mal über einen kleinen Umweg.

Nico, der das Schweigen seines Freundes als ein negatives Zeichen gedeutet haben musste, rollte unsicher auf die andere Seite des Bettes, wo sein Freund saß und begann zu stammeln:

„Ich... also...“ Doch Bastis ruhiger Blick brachte ihn zum Schweigen. Dann Bastis klare Stimme:

„Wie viel hast du gelesen?“

Nico brauchte einen Moment, um zu realisieren, dass die Frage ihm gegolten hatte.

„Ich weiß nicht... hier ein bisschen und dort ein bisschen...“

„Und?“

„Was und?“ Nico war verwirrt. Worauf wollte Basti hinaus?

„Na, was sagst du dazu? Total peinlich, oder? Ein Junge, der wie ein Mädchen schwärmt...“

„Ich... nein! Es ist nicht peinlich!“ Nico sah ihn ernst an.

„Nee, was ist es denn?“ wollte Basti giftig wissen.

„Es ist süß!“

Sebastian keuchte überrascht: „Süß?“

„Ja, verdammt! Ich hab noch nie gesehen, dass sich jemand um mich so ’nen Kopf macht. Und du musst zugeben, dass ich in so gut wie jedem Eintrag vorkomme...“

„Joa, das ist wohl so...“

„Siehste! Und du brauchst keine Angst zu haben, dass ich dich jetzt auslache, oder so! Warum denn? Jeder hat andere Methoden um mit seinen Gedanken und Problemen fertig zu werden. Und wenn das deine ist, dann ist es okay!“

Darauf wusste Basti nichts zu sagen....

„Und es tut mir trotzdem leid, dass ich es gelesen habe. Ich konnte einfach nicht widerstehen. Ich sehe auch ein, dass es falsch war. Denn wenn da etwas drin stehen sollte, das du mir zu sagen hast, dann hättest du das sicher schon getan!

Bloß tu’ mir einen Gefallen, wenn du wieder mal schreibst, lass dich von mir nicht stören. Ich werde dir weder über die Schulter gucken, noch fragen, was du geschrieben hast. Es ist deine Sache. Bloß, ich hatte irgendwie ein seltsames Gefühl, weil du das Buch versteckt hast, sobald ich in deine Nähe kam...“

„Ja, ich werd’s mir merken...“

Nico legte zutraulich eine Hand auf den Oberschenkel seines Freundes und streichelte dort sanft auf und ab. Irgendwann fing Basti die unruhige Hand seines Freundes ein und führte sie an seinen Mund, um ein Küsschen raufzuhauchen. Danach erhob er sich geschmeidig....

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„Geh mit mir duschen!“

Fassungslos starrte Basti seinen jüngeren Freund an. Was hatte dieser eben gesagt?

„Ähm... WAS?“

Nico blickte verlegen zu Boden und wurde rot wie eine Tomate. Dann nuschelte er leise:

„Ich hab gefragt, ob du vielleicht mitkommst, duschen... alleine kann ich es nicht, Andreas hat heute frei und ich will keinen anderen fragen...“

„Und da soll ich...?“ Nun war auch Basti mehr als rot.

„Okay, lass es... es war eine dumme Idee. Sorry...“

„Nein!“ Überrascht sahen beide sich an. Basti musste überlegen, ob er das nun wirklich gesagt hatte, doch Nico hatte es ja anscheinend auch gehört. Und warum auch nicht?

„Nein?“

„Ich komm mit, wenn du es willst... Ich weiß aber nicht, ob ich dich gehalten kriege... und ich will dir nicht weh tun!“

„Ach, dass bekommst du schon hin. Andreas kann es ja auch. Und... nicht, dass du denkst, ich hätte irgendwelche Hintergedanken, oder so! Die hab ich nicht!“ Nico lief wieder rot an.

„Klar... warum solltest du auch Hintergedanken haben?“ Aus Bastis Stimme ließ sich nicht genau heraushören, ob das jetzt ironisch gemeint war oder nicht....

Also überhörte Nico den Kommentar und begann sich vorsichtig in seinem Rollstuhl aufzurichten. Mit einem erschrockenen Keuchen reagierte Basti auf die Versuche seines Freundes, war aber sofort neben ihm und sah ihn abwartend an. Er brauchte Anweisungen.

Das schien dann auch Nico zu bemerken und meinte leise: „Könntest du vielleicht deinen Arm um meine Hüfte...“ Sofort merkte er, wie Basti ihn sanft anpackte und stützte.

Gemeinsam setzten sie ihren Weg in Richtung Bad fort und Nico meisterte ihn mit Bravour.

Dort angekommen, ließ Basti seinen Freund auf dem flauschigen Hocker dort Platz nehmen und sah ihm noch mal tief in die Augen.

„Okay, willst du immer noch, dass ich dir beim Duschen helfe? Ich hab nämlich echt Angst, dass du mir zusammenbrichst, weil ich dich nicht halten kann....“

„Quatsch! Ich kann doch schon fast alleine gehen! Und stehen sowieso. Also musst du mich nur ein bisschen stützen. Wenn es dir nichts ausmacht, dass wir beide nackt sind...“ Nicos Stimme war in ein heiseres Flüstern übergegangen... Doch Basti lachte nur auf.

„Das ist mein geringstes Problem, glaub mir!“, dann begann er, immer noch grinsend, an dem T-Shirt von Nico rumzufummeln, um es ihm über den Kopf zu ziehen. Nico half mit sich zu entkleiden und beobachtete dann seinen Freund, wie er sich ebenfalls von seinen Sachen befreite.

Als die beiden sich dann so, wie Gott sie erschaffen hatte, gegenüberstanden, konnten sie es sich nicht verkneifen, einen musternden Blick über den Körper des anderen wandern zu lassen.

Nicos Gesicht nahm dabei einen eher ungesund wirkenden Ton an, doch Basti streckte ihm bloß lächelnd die Arme entgegen, worauf sich der Jüngere unsicher erhob.

Gemeinsam traten sie auf den für die Dusche vorgesehenen Bereich, denn es war keine Duschwanne vorhanden, sondern nur ein Abfluss für das Wasser direkt im Boden. So gab es keine Stufen oder Absätze, die einen Rollstuhlfahrer behindern könnten.

Basti warf einen fragenden Blick in die Augen seines Freundes, dann drehte er das Wasser auf... welches im ersten Moment saukalt war.

Erschrocken quietschte Nico auf und krallte sich stärker bei Basti fest. Dieser zog ihn nun lachend dichter zu sich ran, so dass sie sich berührten. Erst schien Nico dieses Gefühl zu verunsichern, doch dann ließ er sich vollends gegen Basti sinken und vertraute blind darauf, dass dieser ihn halten würde. Und dies tat Basti auch.

Zufrieden genossen beide den nun warmen Wasserstrahl, der von oben auf sie herab prasselte. Nico hatte seine Wange an die Brust des Älteren geschmiegt und die Augen geschlossen. Das Gefühl von Bastis bloßer Haut auf seiner, war einfach unbeschreiblich.

Klar, er war seiner Freundin schon ziemlich oft so nah gekommen, aber Basti war einfach anders. Irgendwie besser. Es kam Nico so vor, als wenn Bastis Körper für ihn geschaffen war und sich genau an seinen anpasste. Bei diesem Gedanken spürte er, wie ihm heiß wurde und er errötete.

Bastis warmes Lachen riss ihn wieder aus seinen Gedanken:

„Sag mal, was für perversen Gedanken hängst du da eigentlich nach?“

Zuerst wusste Nico nicht genau, was Basti meinte, doch dann registrierte auch er, dass er, ob der Nähe zu seinem Freund, erregt war.

„Shit...“, leise fluchend wollte er sich von Basti lösen, doch dieser ließ ihn nicht weg. Er meinte nur sanft:

„Hey, das ist doch kein Grund wegzulaufen, mal davon abgesehen, dass du nicht weit kommen würdest. Keine Sorge, ich begrabbel dich schon nicht.“

Nicos Gesicht flammte wieder auf. Hatte er das eben echt erwartet?

„Tut mir leid...“, meinte er verlegen.

„Was denn?“ Basti musste wieder lachen. Warum benahm sich Nico ihm gegenüber so unschuldig? Unberührt war er sicher schon nicht mehr. Und nur weil Basti ein Junge war...? Obwohl, für ihn war der Gedanke, einen nackten Jungen neben sich zu haben, nichts besonderes. Aber für Nico schon.

Nico war nun vollends verwirrt und drückte wieder seine Wange gegen Bastis Brust. Dieser hatte immer noch seine Arme um Nicos Taille geschlungen und traute sich nicht, ihn loszulassen, viel zu groß war seine Angst, dass der Kleinere ihm hier abklappte. Er musste vorsichtig sein.

Eigentlich war das, was er jetzt gerade tat, unverantwortlich. Nico konnte sich sonst was tun! Und wenn das die Pfleger und Ärzte mitbekamen... Das würde Ärger geben...

Das kribbelnde Gefühl von kleinen Küsschen, die Nico scheu auf Bastis Brust verteilte, riss diesen aus seinen Überlegungen.

Nico berührte jede Stelle Haut, die er erreichen konnte zärtlich mit seinen Lippen und sah dann neugierig zu Basti hoch. Sein Freund sah ihn ebenfalls an - und das ziemlich verblüfft. Nico musste kichern.

„Was ist?“, fragte er unschuldig und ließ seine Zunge über Bastis Schlüsselbein wandern. Resultat des ganzen: Bastis Erregung presste sich nun gegen die von Nico.

Grummelnd gebot Sebastian dem Jüngeren Einhalt. Dieser sah erschrocken auf. Hatte er was falsch gemacht? Doch Basti meinte nur zärtlich:

„Lass das lieber! Ich weiß nicht, wie lange ich mich beherrschen kann und ich will dich nicht fallen lassen!“

„Och, ... wir beide, gemeinsam, auf dem Boden...“ Nico kicherte und erntete dafür nur einen schlechtgezielten Kuss auf den Mund und einen tiefen Blick in seine Augen.

„Menno! Nun guck mich nicht so an! Was denkst du, wie schwer es ist, mit dir hier zu stehen und meine Gedanken dazu zubringen, nicht Karussell zu fahren!“

„Gleichfalls!“ Nun musste Basti kichern.

„Hm... greifst du mal hinter dich? Da steht irgendwo ne Flasche mit Duschgel, würdest du mich vielleicht...“

„Klaro!“ Basti ließ ihn gar nicht aussprechen und angelte glücklich grinsend mit einer Hand nach der Flasche. Dann, bevor er sie öffnete, erkundigte er sich noch bei Nico, ob dieser auch wirklich alleine stehen konnte, was er bejahte.

Vorsichtig löste Basti sich nun von dem Jüngeren und begann das Duschgel, das er zuvor auf seinen Handflächen ein wenig erwärmt hatte, auf dem schönen Körper des anderen zu verteilen.

Dieser schien diese Behandlung zu genießen, denn er seufzte ab und an zustimmend auf. Basti musste grinsen.

Jaaa, Nico war schon ’ne Nummer für sich - und es kostete ihn mächtig viel Überwindung, nicht einfach über diesen Leckerbissen herzufallen.

Als er mit dem Einseifen fertig war, drehte er den Wasserhahn ein bisschen wärmer und sofort überzog sich Nicos Körper mit einer Gänsehaut und er schnurrte beharrlich.

Nachdem Basti die Seife wieder sanft von der Haut seines Freundes abgewaschen hatte - wobei er sich eingestehen musste, dass er es genoss, den Jüngeren zu berühren - zog er ihn erneut an sich. Deutlich konnte er spüren, wie Nico gegen ihn sackte und seine Beine zitterten.

Scheinbar war die Zeit des alleine Stehens, doch ein bisschen zu viel für ihn gewesen.

Ihm einen Kuss auf die Lippen hauchend, drehte Basti das Wasser ab und griff nach seinem riesigen Badehandtuch und schlang es um den Jüngeren. Dieser kuschelte sich in den flauschigen Stoff.

Ohne zu fragen zog Basti Nico die Beine weg und hob ihn sicher auf seinen Arm. Es war schon erstaunlich, wie leicht Nico war.

Dieser quietschte empört auf, ließ sich dann aber wortlos von Basti ins Zimmer tragen und auf dem Bett ablegen.

Basti begann sofort den Körper seines Freundes gründlich abzurubbeln. Er musste wohl wie eine menschliche Katzenmutter ausgesehen haben, die ihr Junges putzt.

Nico lag erschöpft da und genoss die Zuwendung. Als Basti mit ihm fertig war, zog er ihn zu sich runter um einen süßen Kuss zu erhaschen. Basti konnte es sich nicht verkneifen, seine Zunge in die warme Höhle des Jüngeren zu schieben, doch dieser hieß sie nur zu gerne willkommen.

„Wenn jetzt einer reinkommen würde, der würde vor Schreck sterben, glaub ich...“ Basti musste lachen, als beide wieder von einander abgelassen hatten.

Nico nickte nur zustimmend und breitete sich dann vollkommen auf seinem Bett aus.

„Ich fühle mich jetzt so richtig gut!“

„Dann bin ich ja zufrieden!“ Sebastian öffnete Nicos Schrank und warf ihm eine von seinen Boxershorts zu, dann schnappte er sich das Handtuch, um noch mal im Bad zu verschwinden.

Als er den Raum wieder betrat - angezogen natürlich -, hatte Nico schon die Boxershorts an und lag gleichmäßig atmend auf seinem Bett und schlief.

Seufzend deckte Basti ihn zu und nahm sein Notizbuch hervor...



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„... Sonntag, 1. Dezember

Nico schläft.

Ich hätte nie gedacht, dass ich mich so gut beherrschen kann?! Da steht mir ein ultraheißer Typ vollkommen nackt gegenüber und beginnt mich mit Küssen zu bedecken und ich gehe nicht darauf ein... Normalerweise wäre ich über ihn hergefallen. Aber vielleicht lag es daran, dass ich tierische Angst hatte, Nico fallen zu lassen. Wenn er sich weh getan hätte, hätte ich mir das nie verziehen. Aber es ist ja alles gut gegangen.

Nico war echt stark. Das Rumgestehe muss ziemlich anstrengend für ihn gewesen sein, ich kann es auch verstehen, dass er jetzt schläft. Soll er. Hauptsache, er fühlt sich jetzt etwas besser.

Ich bin auf jeden Fall vollkommen zufrieden. Alleine, dass ich ihm helfen konnte, lässt mich die Tatsache, dass ich in der Stimmung gewesen wäre, ihn auf der Stelle zu vernaschen, vergessen.

Vielleicht bin ich sogar etwas froh, dass nicht mehr in der Dusche passiert ist... Aber ich hab keine Ahnung warum... Und Lust, mir darüber ’nen Kopf zu machen, hab ich auch jetzt nicht. Ich glaub, ich geh lieber schlafen...“

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„... Samstag, 7. Dezember

Endlich Wochenende! Das heißt, endlich mal wieder ein Vormittag, ohne diesen komischen Schulkram.

Nico sitzt auf seinem Bett und blättert in irgendeiner Sportzeitschrift (glaub ich) und ich schreibe wieder ein bisschen. Nico meinte ja, dass er nicht nachfragen würde, und bisher hatte er dieses „Versprechen“ auch gehalten.

Die Woche war gut verlaufen. Nico macht Fortschritte. Am Dienstag hatte man ihm Krücken gegeben - er ist also nicht mehr auf den Rollstuhl angewiesen.

Es war schön gewesen, sein glückliches Gesicht zu sehen, als er selbstständig mit den Krücken durch den Raum gelaufen ist.

Zwar steht das olle Monster (Rollstuhl) noch bei uns im Zimmer, aber das ist okay. Der Arzt meinte, wenn er sich mal zu erschöpft fühlen sollte, solle er den Rollstuhl nehmen. Er solle sich nicht überanstrengen. Nico hatte nur monoton genickt - doch mir ist das Funkeln in seinen Augen aufgefallen. Sicher hat er etwas wie „Leck mich!“ gedacht. Ich bin eigentlich hundertprozentig sicher, dass er den Rollstuhl nicht mehr anrühren wird. Aber ich kann ihn verstehen.

Seit dem läuft Nico halt mit Krücken rum. Ich kann es mir aber nicht abgewöhnen, ihn besorgt mit meinen Blicken zu verfolgen, wenn er durch den Raum läuft. Irgendwie hab ich Angst, dass er doch umkippt, weil ihm die Beine wegknicken. (Die eine Nacht hat mich wirklich geprägt!)

Aber er hat mir versprochen, vorsichtig zu sein (wer’s glaubt?!) und sich nicht zu überanstrengen... Na, ich bin ja gespannt. Doch wenn er weiter solche Fortschritte macht, steht unserem Parkspaziergang nichts mehr im Weg. Darauf besteh ich. Nun muss nur noch das Wetter mitspielen.

Oh, es hat geklopft...“

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„Basti? Würdest du aufmachen?“ Nico sah nicht mal von seiner Zeitschrift auf.

Seufzend erhob sich Basti und schlenderte zur Tür. Doch bevor er sie erreichen konnte, wurde sie auch schon aufgerissen und ein brauner Wuschelkopf blickte ihn an. Von draußen ertönte leises Gemurmel.

„Ähm... ist Nico da?“, fragte der Fremde. Basti trat ruhig einen Schritt zur Seite und zeigte mit dem Daumen in Nicos Richtung.

Dieser hatte aber schon aufgeblickt, denn er hatte wohl die Stimme erkannt.

Mit einem lauten „Freddy!!!“ schlug er die Zeitschrift zu und rutsche freudig an den Bettrand um aufzustehen. Unsicher wollte er schon auf seinen Freund zustürmen, doch Basti hielt ihn zurück, indem er ihm mit einem ernsten Blick die Krücken in die Hand drückte. Nico seufzte genervt auf, griff aber dankbar nach seiner „Gehhilfe“. Nun wieder sicherer, humpelte er auf seinen Freund zu.

Freddy trat ein - und hinter ihm noch drei weitere Jungs.

Als Nico vor Freddy stand, zog dieser ihn unerwartet in seine Arme und drückte ihn leicht. Nico wusste nur zu gut, dass alle Augenpaare auf sie gerichtet waren - vor allem das von Basti konnte er deutlich spüren.

Als Freddy ihn dann wieder losließ und meinte: „Dir scheint es ja schon wieder viel besser zu gehen!!! Glück auch!!!“, grinste Nico glücklich seine Freunde an und drehte sich dann zu Basti um.

Dieser hatte es sich nicht verkneifen können, eine Augenbraue zu heben, doch sein Gesicht verriet nichts über die Beziehung zwischen ihm und Nico.

„Basti, das ist mein bester Freund Frederic. Und die Anhängsel dort sind Carsten, Alan und Tobias!“, stellte Nico seine Freunde vor. „Leute, das ist mein Zimmergenosse Sebastian.“

Alle nickten Basti nur kurz zu, dann umringten sie Nico und bombardierten ihn mit Fragen.

Sebastian ließ sich glücklich grinsend auf sein Bett sinken und beobachtete die fröhliche Konversation. Nico schien sich riesig über den Besuch seiner Freunde zu freuen.

Irgendwann, es waren schon ein paar Minuten vergangen, quietschte Nico plötzlich erfreut auf: „Bella!!!!“

Neugierig hob Basti seinen Blick. Doch sein Freund stand schon und sah ihn auffordernd an: „Würdest du mit runter kommen? Bitte!“

„Wenn du mir sagst, wieso, komme ich gerne mit!“, erwiderte Basti ruhig.

„Bella ist unten! Zusammen mit Xander!“

„Bella? Xander?“ Basti hob eine Augenbraue.

„Xander ist ein Freund von mir und Bella ist meine Rottweilerhündin!“

„Du hast ’nen Hund???“

„Oh...“ Nico wurde rot. „... hab ich dir nichts davon erzählt?“

Basti musste angesichts von Nicos Verlegenheit lachen: „Nein, hast du nicht!“

„Tja, ich bin nun mal ein Schusselchen!“ Nico erwiderte das Lachen mit einem liebevollen Grinsen. „Kommst du nun mit?“

„Klar, ich soll doch auf dich aufpassen!“

„Klasse!“

Zusammen verließen die fünf Jungen den Raum...

„Bella!“ Glücklich versuchte Nico schneller zu gehen, als seine Hündin schwanzwedelnd auf ihr Herrchen zukam. Sie schien ihn sehr vermisst zu haben... Immer noch auf seine Krücken gestützt, beugte er sich so gut es ging zu ihr runter und krauelte sie ausgiebig hinter den Ohren. Winselnd ließ sich Bella diese Behandlung gefallen.

„Sagt mal, tickt ihr nicht mehr ganz richtig, mich hier draußen ’ne halbe Stunde stehen zu lassen??? Noch ’ne Minute länger und ich wäre angefroren!!!“

Ein wütender Junge kam auf die fünf zu und starrte Freddy händereibend an. Doch der grinste ihn nur an und meinte lässig: „Sorry, ich hätte dich bloß fast vergessen!“ Für diese Bemerkung erntete er eine Kopfnuss von Xander.

Xander erkundigte sich neugierig nach Nicos Zustand. Dann, nachdem sie beschlossen hatten, den Hund draußen anzubinden - wer klaute schon eine Rottweilerhündin? -, machten sich die Jungen wieder auf den Weg nach oben. Nico hatte seine Krücken an Freddy weitergegeben und sie gegen Basti eingetauscht. Dieser stützte ihn nun sicher und erleichterte ihm das Gehen ungemein.

Wieder im Zimmer angekommen, ließen sie sich alle auf und um Nicos Bett nieder und begannen sich zu unterhalten. Nach einer Weile gab auch Basti seinen Senf dazu und wurde gerne in die lebhafte Unterhaltung einbezogen....



„Okay, wir werden dann wohl los!“, gähnend streckte sich Tobias und alle erhoben sich. Nachdem sie sich voneinander verabschiedet hatten, verließen sie nacheinander den Raum. Nur Freddy wurde von einem plötzlich etwas nervös wirkendem Nico zurückgehalten:

„Könnte ich dich bitte noch mal alleine sprechen?“

Ein wenig verwirrt, aber bereitwillig nickend, schickte Freddy die anderen vor, sie würden unten auf ihn warten.

„Okay, was gibt’s?“, verlangte Freddy zu wissen, nachdem die Tür geschlossen war.

„Ich... ich muss es dir einfach erzählen...“ Nico hörte sich schon fast verzweifelt an. „Ich.... ich hab was mit Basti!“

Basti, der sich gerade auf seinem Bett niedergelassen hatte, sprang erschrocken auf.

„WAS?“, kam es gleichzeitig von Basti und Freddy.

„Warum erzählst du ihm das?“, zischte Basti unfreundlich von der Seite und kam langsam auf seinen Freund zu.

Der zog merklich den Kopf ein und meinte leise:

„Mann, er ist mein bester Freund! Ich hätte es ihm eh irgendwann erzählt!!!“

„Du hättest mich doch vorher fragen können! Denn schließlich geht es mich auch was an, wer weiß, dass ich auf Jungs stehe!“ Basti war immer noch fassungslos.

„Mann, Freddy ist wie mein zweites Ich. Okay, ich hätte dich vielleicht fragen können, aber ich dachte, es stört dich nicht...“

„Ach, es soll mich also nicht stören?“

„Warum tickst du jetzt so aus?“

„Leute...?“

„Ich tick doch nicht aus!“

„Doch, tust du!“

„Leute!!!“ Freddy wurde lauter.

Erschrocken sahen beide ihn an.

„Hätte mal wer die Güte, mich aufzuklären?“

„Also, die Blümchen und die Bienchen...“, begann Nico verlegen.

„Ha ha ha…. Ich meine es ernst!”

„Ich hab mich in Basti verliebt!“

„Ah ja...“, mehr sagte Freddy nicht, sondern ließ sich auf Nicos Bett sinken.

Nico stand immer noch mit seinen Krücken mitten im Raum. Seine Beine zitterten schon wegen der Anstrengung, doch er wagte es nicht, sich neben Freddy zu setzen.

Er hatte sich nicht mit dem Gedanken beschäftigt, dass Freddy etwas gegen gleichgeschlechtliche Liebe haben könnte?! Er war davon ausgegangen, dass Freddy ihn immer verstehen würde. Doch nun begann ihm doch etwas mulmig zu werden.

Bastis Arm, der sich vertraut um seine Hüfte legte, um ihn zu stützen, holte ihn wieder in die Realität zurück - und zeigte ihm gleichzeitig, dass sein Freund nicht böse auf ihn war. Sanft lehnte er sich gegen ihn.

„Und was ist mit Marie?“ Freddy hatte sich anscheinend wieder gefangen.

„Ich weiß nicht...“ Nico wusste nicht, was er darauf erwidern sollte. Das war ja sein großes Problem.

„Dir ist aber bewusst, dass du den Typen da in einer Woche nicht mehr sehen wirst? Dann hast du Marie wieder um dich! Willst du sie echt wegen dem hier fallen lassen?“ Mit dem Daumen deutete er abwertend auf Basti.

„Hey...“ Basti wollte sich wehren, doch Nico unterbrach ihn:

„Ich hab eigentlich nicht vor, den Kontakt zu Basti abzubrechen, nur weil wir nicht im selben Ort wohnen!“

„Aber... du und ’ne Fernbeziehung? Davon abgesehen, dass sie mit ’nem Jungen ist! Nico, überlegs dir noch mal!“

„Da gibt es nichts zu überlegen, und ich dachte eigentlich, dass du mich verstehst!“

„Ich... okay, ganz ruhig. Gib mir zwei Minuten!“

Freddy atmete tief durch und meinte dann gleich:

„Ach, warum zwei Minuten? Man, Nico! Ich... wusste nicht, dass du auf Jungs stehst!“

„Tu ich ja auch nicht!“

„Aha, und Sebastian ist dann also ein Mädchen?!“

„Nein... aber... ich steh nicht auf Jungs, ich steh auf Basti!“

„Ich brauche dir jetzt nicht zu sagen, dass du dir widersprichst!“ Freddy zog die Stirn kraus.

„Och Freddy! Jetzt stell dich nicht so doof an! Du weißt was ich meine!“

„Ja, okay, ich weiß was du meinst! Aber... warum erzählst du mir das?“

„Die Frage war jetzt nicht ernst gemeint, oder?“

„Nein, war sie nicht...“, gab Freddy sich geschlagen.

„Ich wollte nur, dass du es weißt. Ich hab keine Geheimnisse vor dir! Und außerdem kann es sein, dass ich mal ein bisschen Unterstützung brauche, wenn ich wieder zu Hause bin. Basti und ich wissen nämlich noch nicht, was wir am Ende der Kur machen... Spätestens dann hätte ich es dir sowieso erzählt...“

„Mensch, Nico. Du bist mit schon einer. Da lässt man dich mal fünf Wochen aus den Augen und du machst dich an ’nen Kerl ran! Aber okay... mit meiner Unterstützung kannst du rechnen - immer. Bloß, erzähl den anderen erst mal nichts davon. Und schon gar nicht Marie! Wenn die es weiß, dann weiß es die ganze Stadt!“ Freddy schüttelte den Kopf.

„Das hatte ich auch nicht vor!“, gab Nico zu.

Freddy richtete seinen Blick nun auf Basti, der ihn die ganze Zeit angestarrt hatte.

„Was ist?“, fragte Basti unsicher.

„Du stehst echt auf Jungs?“

„Ja, und?“ Basti war bereit sich zu verteidigen.

„Nichts und. Ich wollte es bloß noch mal von dir hören!“ Freddy zuckte mit den Schultern und erhob sich dann. „Okay, ich werd dann mal los. Sonst sterben die da draußen noch an ’nem Kältetod!“

„Okay, mach’s gut!“

„Du auch! Und werd bald die Krücken los! Ohne dich machen die Partys nur halb soviel Spaß!“

„Klar! Nun habt ihr keinen mehr, der auf den Tischen tanzt und von Brücken springt, wenn er voll ist!“

„Genau, das meinte ich ja!“ Freddy klopfte Nico noch mal lächelnd auf die Schulter, dann verließ er den Raum - kopfschüttelnd und irgendwas von wegen „in nen Kerl verliebt“ murmelnd...



„Du tanzt auf Tischen?“ Basti hörte man das Grinsen deutlich an.

„Na, du etwa nicht?“, gab Nico spöttisch zurück.

„Och... zumindestens nicht, dass ich es noch wüsste!“

Nico schlang lachend seine Arme um Bastis Nacken und zog den Älteren zu sich runter um ihn zu küssen.

Basti erwiderte den Kuss zufrieden...



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„... Samstag, 7. Dezember (2. Eintrag)

Okay, die „Ausgangspositionen“ sind wieder eingenommen. Nico liegt auf dem Bett und ließ in der Zeitschrift und ich schreibe.

Es war ja echt ’ne Überraschung, dass Nicos Freunde aufgetaucht sind.

Aber ich glaube noch größer war die Überraschung, als Nico diesem Freddy plötzlich von uns erzählt hat.

Mein Herz hat einen Schlag ausgesetzt, das kann man mir glauben!

Ich dachte, nun ist alles zu Ende, aber mein Schatzi erzählt es dem Typen einfach so locker. Der hat doch ’n Ding an der Waffel (ich meine jetzt Nico)!? Hauptsache er tratscht es weiter?! Ohne mich zu fragen, vor allem?! Na ja, dieser Freddy hat ja einigermaßen gut reagiert - und mir hat es auch einige Dinge gezeigt.

Scheinbar hat Nico seine Entscheidung - in Bezug auf Trennung nach der Kur - auch schon getroffen. Zumindestens hat es sich so angehört, als wenn er den Kontakt zu mir aufrecht erhalten will.

Am liebsten würde ich ihn ja danach fragen, aber wir hatten ja abgemacht, uns bis zum Ende der Kur noch Bedenkzeit zu lassen. Und daran halte ich mich auch.

Doch wenn Nico die gleiche Entscheidung getroffen hätte wie ich, wäre ich sicher glücklicher... Abwarten...

Gut, ich werde dann mal aufhören und duschen gehen... vielleicht kommt Nico ja wieder mit...“

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„... Montag, 9. Dezember

Gestern Abend hat Nico mich ganz schön zum Nachdenken gebracht. Und das mit der einfachen Frage: „Warum kommt dich niemand besuchen?“

Meine Antwort war: „Weil meine Ellis es nicht wollen!“

Da hat er ganz schön gestaunt. Ich auch, wenn ich ehrlich bin. Ich hatte mir vorher darüber noch keine Gedanken gemacht. Ich hab es so hingenommen.

Meine Eltern meinten, ich fahre auf Kur um mich zu erholen und da würden Verwandte und Freunde nur stören. Ich sollte von dem heimischen Umfeld ein bisschen Abstand bekommen.

Eigentlich stimme ich ihnen ja zu, aber das heißt nicht, dass ich GAR KEINEN Besuch haben will.

Na ja, ich glaube, ihnen das zu erklären, hätte zu lange gedauert. Meine Eltern sind ... schrecklich. Nämlich schrecklich streng, altmodisch und uneinsichtig. Was sie sagen ist Gesetz! (Hallooo? Ich bin 17!!! Dass die das nicht raffen...)

Auf jeden Fall, ist mir da erst mal klar geworden, dass ich hier sicher an Einsamkeit gestorben wäre, hätte ich nicht Nico ins Zimmer bekommen.

Irgendwie ist es schon seltsam Cedric (meinen besten Freund) so lange nicht mehr zu sehen. Aber na ja.... vielleicht tut mir der Abstand von diesem Schussel auch mal gut. Er kann nerven. Und stressig sein. Und aufdringlich. Und pflegebedürftig. Und ... okay, ich hör besser auf...

Den Rest der Clique vermisse ich, wie ich schon mal erwähnt habe, nicht. Die schmeißen im Moment mit Hormonen um sich, dass man nur in Deckung gehen kann.

Dabei geht es den ganzen Tag nur darum, wer mit wem und mit wem nicht. Das ist echt ein Endlosthema....

Um noch mal zum Ausgangsthema zurück zu kommen: Ich hab ’ne ganze Weile mit Nico über dieses „Besuchsverbot“ geredet und er wollte es nicht einsehen. Er ist der Meinung, dass Freunde nie schaden können (Da kennt er meine Freunde nicht... hehehe).

Irgendwann haben wir es dann aufgegeben, uns darüber den Kopf zu zerbrechen. Es war in der Zwischenzeit auch schon reichlich spät geworden.

Also haben wir uns schlafen gelegt.

Ich hab aber trotzdem noch drüber nachgedacht... na ja, egal...“

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„... Mittwoch, 11. Dezember

O Gott! Schon Mittwoch! Die letzte Woche vergeht immer schneller. Bald ist die Kurzeit vorbei. Ich will gar nicht daran denken. Dann wird sich ja zeigen, wie sehr Nico an mir hängt (oder ich an ihm).

Ich will jetzt irgendwie „jede freie Minute“ mit ihm verbringen...

Wo er bloß bleibt? Seine Therapie müsste doch schon längst vorbei sein.... Na ja... er wird schon....

Ah, er ist da...!“

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Basti sprang von seinem Stuhl auf und warf sich Nico förmlich an den Hals. Dieser erwiderte die enge Umarmung zögerlich. Irgendwie konnte er ahnen, worüber sein Freund eben nachgedacht haben musste....

„Alles klar mit dir?“ Nico schob Basti sanft von sich.

„Klar!“, antwortete dieser und beobachtete Nico dabei, wie er auf sein Bett zu ging um sich zu setzten.

Basti pilgerte ihm scheu hinterher, um dann seinen Mund zu erobern. Nico erwiderte den Kuss leidenschaftlich. In einer kurzen Unterbrechung meinte er grinsend:

„Mensch, bist du heute anhänglich!!!“

Basti hatte nur mit einem Kuss reagiert - wie auch sonst?!

Sanft glitten Nicos kühle Finger unter Bastis T-Shirt und schoben es scheu hoch, um die warme Haut darunter zu spüren. Der Ältere reagierte auf diese Annährung schnurrend - was Nico wiederum ein Grinsen entlockte und ihn ermutigte.

Bestimmt zog er Basti sein T-Shirt über den Kopf und ließ dann seine Finger auf der Brust des anderen wandern.

Langsam erkundete er die warme Haut und begann sich von Bastis Schlüsselbein weiter hinunter zu küssen. Am Bauchnabel machte er halt und liebkoste ihn zärtlich. Basti vergrub seine Finger in Nicos leuchtend grünem Haar und sah zufrieden auf ihn runter.

Als Nico ihn von unten herauf verführerisch ansah, zog Basti ihn wieder hoch zu sich und versenkte seine Zunge erneut in der warmen Höhle des anderen. Ihre Küsse wechselten von scheu über zärtlich bis zu leidenschaftlich und Nico schob seine Hände an Bastis Hosenbund, um nach dem Reisverschluss zu tasten, welchen er auch fand und ihn zu öffnen vers....

„Jungs???“

Erschrocken fuhren beide auseinander.

Andreas sah sie ungläubig an.

„Was treibt ihr hier??“ Nico und Basti wurden bei dieser Frage noch röter, als sie eh schon waren. Erst jetzt merkte Andreas, wie zweideutig seine Bemerkung gewesen war. Schnell schloss er die Tür und lehnte sich mit dem Rücken gegen sie.

„Okay, ich will ’ne Erklärung!“

„Wir...“, wollte Basti beginnen, doch Nico unterbrach ihn barsch:

„Das geht dich nichts an!“

„Hey, nun werd mal nicht unfreundlich. Ich denke sehr wohl, dass es mich was angeht!“

„Ach...“ Nico zog spöttisch eine Augenbraue hoch. „.. und wie kommst du zu dem glorreichen Gedanken?“

„Ich... ich... man, was soll das? Okay... Auch wenn es mich eigentlich nichts angeht, ich würde trotzdem gerne eine Erklärung hören! Warum leckt ihr euch hier ab?“

Nicos Stimme nahm einen Ton an, als wenn er mit einem kleinen Kind reden würde.

„Weil Verliebte das nun mal tun?“

„Aber...“

„Was dagegen?“, fauchte er nun aggressiv.

Basti zuckte unwillkürlich zusammen. Was war denn auf ein Mal mit Nico los?

Beschwichtigend setzte er sich neben den Jüngeren und legte einen Arm um dessen Hüfte um ihn an sich zu ziehen. „Bleib mal ganz ruhig...“

„Der Meinung bin ich aber auch...“ Andreas stütze empört eine Hand in seine Hüfte. „... ich hab doch gar nichts gesagt. Und keine Angst, ich werde eurem „Glück“, wenn ich es mal so bezeichnen darf, auch nicht im Weg stehen. Trotzdem gebe ich euch den Rat, euch hier nicht so offensichtlich zu bearbeiten! Ich weiß ja nicht wie ein weniger toleranter Pfleger oder Arzt reagiert...“

„Aber...“ Basti ergriff das Wort. „... du behältst es für dich, oder?“

Andreas hob abwehrend die Arme. „Keine Sorge. Was für einen Grund hätte ich, dass hier auf der Station rumzutratschen?“

„Gut...“ Sebastian erhob sich und sah Andreas auffordernd an. Dieser brauchte einen Moment, bis er den stummen Rauswurf registrierte, dann schüttelte er wortlos den Kopf und verließ den Raum.



Sebastian setzte sich seufzend neben Nico aufs Bett und griff nach seinem T-Shirt um es anzuziehen.

Der Jüngere machte immer noch einen säuerlichen Eindruck. Anscheinend verfluchte er Andreas dafür, dass er im falschen Moment reingekommen war.

„Nun mach nicht so ein Gesicht!“, kicherte Sebastian, der über den Stimmungsumbruch seines Freundes nur lachen konnte.

Dieser erwiderte genervt: „Und warum ist der überhaupt hier reingekommen???“

„Ich schätze mal, das hat er vor Schreck vergessen!“

Nun musste auch Nico grinsen. Andreas musste wirklich nicht schlecht geguckt haben, als er durch die Tür gekommen war.

„Hoffentlich erzählt er es wirklich keinem...“ Basti zog die Stirn kraus.

„Und wenn schon? In ein paar Tagen sind wir hier eh raus! Und in ein anderes Zimmer werden sie mich oder dich schon nicht stecken, nur wegen dieser Kleinigkeit. Kann denen doch egal sein, mit wem ich mich hier ablecke!“, schnaubte Nico empört.

Basti schüttelte nur ungläubig den Kopf und nahm den Jüngeren wieder in den Arm. Dieser schmuste sich schnurrend an die Brust des Älteren, welcher ihm zärtlich durchs Haar wuschelte....



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„... Donnerstag, 12. Dezember

Es hat geschneit!

Heute Nacht ist der erste Schnee gefallen. Das Reha-Gelände sieht aus wie mit Puderzucker bestreut. Es leuchtet überall strahlend weiß und glitzert. Einfach wunderschön.

Sonntag muss ich wieder nach Hause. Nico hat ja noch ein paar Tage mehr, bis Mittwoch.

Ich werde gleich mal Andreas fragen gehen, ob wir vielleicht morgen raus können.

Sicher wird er mir einen Vortrag halten, wie gefährlich es doch für Nico sein kann, wenn er mit den Krücken durch den Schnee läuft und wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass er ausrutscht und ... bla bla bla...

Ich werde ihn auf jeden Fall überzeugen. Vorher weiche ich nicht von seiner Seite. Und wenn ich am Schichtende mit ihm nach Hause fahren muss!

Okay, auf in den Kampf...“

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„Ist das geil!!!“, begeistert blickte Nico sich im Rehaeigenen Park um. Der Schnee um ihn herum funkelte im Sonnenlicht.

Sebastian hatte Andreas gestern Abend so lange ein Ohr abgekaut, bis dieser ‚Ja’ gesagt hatte. Erst hatte er mächtig rumgemurrt, doch Basti hatte ordentlich auf die Tränendrüse gedrückt und ihm erzählt, wie wichtig es für ihn war, dass er mit Nico noch ein mal raus in den Park konnte.

Und das war es ihm ja auch wirklich! Nico, umgeben von blendendem Schnee, der im Sonnenlicht glitzerte, war ein atemberaubender Anblick. Noch dazu schien der Jüngere glücklich darüber zu sein, endlich wieder draußen rumlaufen zu können - wenn auch mit Krücken - und nicht zu rollen.

Zufrieden schlenderte Sebastian neben seinem Freund her und lauschte dem fröhlichen Geplapper. Nico erzählte von mehr oder weniger siegreich bestrittenen Schneeballschlachten gegen seine Freunde und was er sich noch alles vorgenommen hatte, wenn er wieder „vollkommen hergestellt“ war, wie er es nannte.

Sebastian schwieg die größte Zeit, er genoss einfach nur die Nähe zu Nico, welche ihm in ein paar Tagen sicher schrecklich fehlen würde.

Irgendwie konnte er es gar nicht glauben, dass er Nico in drei Tagen nicht mehr um sich haben würde. Dieser Gedanke erfüllte ihn mit einer Furcht, die Basti nicht genauer zu deuten wusste. Gewaltsam schob er die unerfreulichen Gedanken beiseite.

Stumm schlenderte er vor sich hin und versuchte angestrengt an etwas anderes zu denken. Kein Wunder, dass ihm erst nach ein paar Metern auffiel, dass Nico nicht mehr neben ihm war.

Der Jüngere hatte angehalten und sah ihn ebenso nachdenklich an, wie Basti nach einem Blick zurück, bemerkte.

Zögerlich ging er wieder zurück zu Nico und stellte sich direkt vor ihn, sodass er ihm tief in die Augen gucken konnte.

„Woran denkst du?“, wollte er leise wissen.

„Daran, dass du schon die ganze Zeit über so traurig aussiehst. Ich weiß woran du denkst und ich...“ Bastis warmer Finger, der sich auf Nicos kalte Lippen legte, ließ den Jüngeren verstummen.

„Noch haben wir zwei Tage, lass uns am Sonntag darüber nachdenken, okay?“ bat Basti und Nico konnte deutlich das Unbehagen in seiner Stimme heraushören. Ja, er hatte richtig gelegen. Basti hatte über die Zeit nach Sonntag nachgedacht.

Kurz sah der Jüngere sich im Park um, dann presste er sich an Basti Körper. Der Ältere nahm ihn vorsichtig in die Arme und hielt ihn sanft fest.

Die Zeit verstrich und keiner konnten sich aufraffen, um sich von dem anderen zu lösen und ihren Spaziergang fortzusetzen. Erst als von weiter weg Kinderlachen zu hören war und sie nicht mehr alleine waren, ließen sich voneinander ab.

Basti verschränkte fröstelnd die Arme vor der Brust. Mit Nico im Arm war ihm wesentlich wärmer gewesen.

Dieser starrte trüb auf den mit Sand gestreuten Weg.

„Komm, lass uns weiter gehen...“, forderte der Ältere ihn sanft auf und stumm kam Nico diesem Wunsch nach, doch er wirkte nachdenklich.

Basti, der dies bemerkte, meinte sanft: „Och menno, nun guck nicht so traurig!“

Nico seufzte auf. „Aber wenn mir nun mal danach ist???“

„Es gibt doch keinen Grund dafür!“

„Ach nein? Und was ist mit Sonntag?“

„Anscheinend willst du dir schon wieder über ungelegte Eier Gedanken machen!“

„Ungelegte Eier? Diese Eier sind wohl eher gerade dabei gelegt zu werden! Basti, es sind nur noch zwei Tage!“

„Ja und? Dann lass uns diese zwei Tage genießen! Und wenn es nach mir geht, muss es ja nicht bei den zwei Tagen bleiben!“ Basti hatte wieder angehalten und sah seinen Gegenüber nun direkt an.

Dieser blieb auch stehen und meinte leise:

„Es wird auch nicht bei den zwei Tagen bleiben!“ Er hörte sich fast trotzig an, was Basti zu einem warmen Lächeln veranlasste. Vorsichtig suchte er die Lippen des Jüngeren und gab ihm einen sanften Kuss.

„Keine Sorge, dich lass ich nicht so schnell gehen, glaub mir!“

Nico drückte sich erneut warm an ihn und nuschelte etwas in Bastis Jacke, was dieser nicht verstand. Doch anstatt nachzufragen, schloss er die Arme um den Jüngeren um ihn abermals einfach nur festzuhalten. Und daran konnten ihn auch nicht die anderen Jugendlichen hindern, die den Weg entlang geschlendert kamen und sie verblüfft beobachteten.

Als wieder leichter Schneefall einsetzte, meinte Basti leise: „Lass uns rein gehen, du erfrierst mir hier sonst noch!“

Nico kicherte bloß leise. „Sag doch gleich, dass du frierst! Also mir ist hier in deinen Armen schön warm!“ Doch dann löste er sich von seinem Freund um gemeinsam mit ihm langsam zurück in die Reha zu schlendern...

Abends lagen beide in ihren Betten. Die Dunkelheit um sie herum verhinderte, dass sie einander sahen. Nur die Atemzüge des anderen wiesen darauf ihn, dass sie nicht alleine waren.

Eigentlich dachte Basti, dass Nico schon längst eingeschlafen war, doch dann hörte er ein Flüstern aus der anderen Seite des Zimmers:

„Was würdest du machen, wenn ich dir sagen würde, dass ich dich nach Sonntag nie wieder sehen möchte...?“

Basti erstarrte in seinem Bett. Sein Herz setzte einen Schlag aus, nur um dann mit doppelter Geschwindigkeit weiter zu schlagen. Das Pochen dröhnte in seinem Kopf. Er war gerade noch dabei, über eine Antwort nachzudenken, als sie auch schon über seine Lippen kam:

„Sterben...“

Kurz herrschte Schweigen, dann meinte Nico mit einem Zittern in der Stimme:

„Basti, ich meine es ernst!“

„Ich auch!“ erwiderte dieser sofort und ihm wurde klar, dass dies der Wahrheit entsprach...



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„... Sonntag, 15. Dezember

Nico schläft noch - was um 5:30 Uhr ja auch nicht verwunderlich ist.

Ich bin schon seit einer geraumen Weile wach und konnte einfach nicht mehr einschlafen. Ich bin viel zu aufgeregt.

Gestern haben wir beide die meiste Zeit auf Nicos Bett verbracht und uns einfach im Arm gehalten. Es hat gut getan - und trotzdem habe ich Angst vor heute.

Ich weiß nicht, was morgen sein wird. Das ganze hört sich sicher ziemlich dramatisch an, aber es ist ein unbeschreibbares Gefühl von Unruhe in mir, dass mir schon das Atmen erschwert.

Ich weiß nicht, was das Richtige ist. Was sollen Nico und ich machen?

Lohnt es sich, für ein Zusammenbleiben zu kämpfen?

Wenn man das Ganze nüchtern betrachtet, ist es doch aussichtslos:

Wir wohnen weit von einander entfernt. Das heißt, wir würden uns nur selten sehen. Wer weiß, vielleicht würden wir nach einer Weile sogar das Interesse aneinander verlieren. Und dann wäre alles umsonst gewesen.

Nico und ich sind jung und auch wenn ich total verliebt bin, weiß ich, dass Nico nicht der Mann fürs Leben sein wird. Auch wenn ich im Moment noch genau dieses Gefühl hab. Das wäre einfach zu unrealistisch und wenn ich mich an diesen Gedanken klammern würde, würde ich mich selbst belügen.

Doch andererseits, ist nicht die gemeinsame, schöne Zeit, die wir noch haben könnten, den Aufstand wert?

Ich weiß es nicht....

Nicos Frage am Freitag Abend hat mich total überrascht - aber sie zeigt mir genauso, dass er sich auch über eine negativ ausfallende Entscheidung Gedanken macht.

Und meine Antwort darauf?

Sie war mir einfach so über die Lippen gekommen. Und wenn ich jetzt darüber nachdenke, kommt sie mir ein bisschen dick aufgetragen vor. Bloß, andererseits muss ich mir eingestehen, dass sie auch zu einem bestimmten Teil der Wahrheit entspricht. Ein bestimmter Teil würde einfach so sterben, wenn Nico mich fallen lassen würde.

Aber ich könnte es ihm auch nicht verübeln, auch wenn ich enttäuscht wäre ohne Ende.

Immerhin habe ich mir auch schon Gedanken gemacht, ob es sich lohnt zusammen zu bleiben und im Moment sprechen genauso viele Argumente dagegen, wie dafür. Es wäre nur zu leicht, die nach außen einfachere Entscheidung zu wählen - doch ich würde innerlich daran zusammenbrechen. Das weiß ich schon jetzt.

Mit Nico habe ich jemanden getroffen, der mich einfach fasziniert und begeistert. Nicht, dass das meine anderen (Ex-)Freunde nicht getan hätten, aber bei Nico ist es irgendwie anders - unbeschreiblich anders...

Nico kam, sah und siegte.

Er hat sich einfach in mein Herz geschlichen ohne dafür viel tun zu müssen. Das ist auch einer der Gründe, warum ich ihn nicht aufgeben will....

Ich werde abwarten, was der Tag heute bringt. Meine Entscheidung wird auf jeden Fall positiv ausfallen - doch ich werde auch Nicos akzeptieren, egal wie er sich entscheidet.

... Ich habe jetzt eben noch mal mein Geschreibsel überflogen. Was für kranke Gedanken einem doch kommen, wenn man am frühen Morgen schon so durcheinander und aufgewühlt ist... Aber Schreiben befreit mich einfach ein bisschen. Es ist eine andere Möglichkeit um über die Situation nachzudenken.

Ich bin bloß froh, dass niemand außer mir diese Zeilen je lesen wird. Wer weiß, vielleicht werde ich in ein paar Jahren ja über dieses Wunderbüchlein lachen... und vielleicht sitzt dann Nico neben mir und kringelt sich dann auch wegen meinem konfusen Gegrübel... oder ich sitze alleine...

Hm... nun habe ich mir die Finger wund geschrieben - und mein Dornröschen schläft immer noch. Ob ich es einfach mal wachküssen soll?“

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Schweigend saßen Sebastian und Nico sich gegenüber.

Eben war Andreas im Zimmer gewesen und hatte Basti gesagt, er solle sich fertig machen, da er in wenigen Minuten nach Hause gebracht wurde.

Seitdem er die Tür wieder hinter sich geschlossen hatte, herrschte im Raum eine Furcht einflößende Stille.

Keiner der beiden Jungen wusste, was er nun sagen sollte.

Schließlich war es Nico, der sich erhob und etwas aus seiner Schreibtischschublade holte. Wortlos überreichte er dem verblüfften Basti einen ordentlich zusammengefalteten Zettel.

Sebastian drehte ihn erst mehrere Male in seinen Händen, dann öffnete er ihn.

Auf dem Stückchen Papier stand in deutlicher Schrift Nicos Name, Anschrift, dazu Handy- und Festnetznummer, sowie eine E-Mailadresse.

Nicos Entscheidung war also gefallen. Er würde den Kontakt zu Basti aufrecht erhalten so gut es ging.

Basti erhob sich leise und kramte aus seiner Tasche sein Notizbuch hervor, um daraus eine leere Seite zu lösen und mit dem beiliegendem Kugelschreiber schnell seine Anschrift aufzuschreiben. Als er fertig war faltete er den Zettel ebenso wie Nico und drückte ihm dem Jüngeren in die Hand.

„Verlier ihn nicht, okay?“

Ein Nicken von Nico, dann dessen leise Stimme:

„Lachst du mich aus, wenn ich dir sage, dass ich Angst habe?“

„Nein, warum sollte ich lachen?! Bloß, wovor hast du Angst?“

„Davor, dass du mir nicht deine richtige Adresse gegeben hast, vielleicht?! Und davor, dass wir uns nie wieder sehen?!“

„Och Süßer! Nun mach dir nicht so einen Kopf! Ich bin nicht der Typ, der irgendwelchen Leuten falsche Adressen gibt! Und außerdem hab ich selber Angst... Bloß, da müssen wir wohl durch...“

„Scheinbar...“

„Bekomm ich noch einen Abschiedskuss?“ Bastis Stimme hörte sich genauso dünn an, wie die seines Freundes.

Dieser beugte sich zu ihm und gab Basti einen Abschiedkuss, den dieser nie vergessen sollte. Es war, als wenn alle Gefühle, die Nico für Basti hegte, in diesem Kuss vereint wären - und Sebastian konnte deutlich die Angst spüren, die sein Freund in sich trug. Dieser traute sich kaum, Basti loszulassen.

Sebastian drückte Nico noch ein mal an sich, dann meinte zuversichtlich:

„Wir sehen uns, okay?“

„Klar!“ Nicos Stimme hörte man es deutlich an, dass er gegen die Tränen ankämpfte.

Mit einem letzten kurzen Kuss auf Nicos Lippen drehte Basti sich um, nahm seine Tasche und verließ das Zimmer.

Als er die Tür hinter sich geschlossen hatte, hörte er wie der Jüngere verzweifelt aufschluchzte und in Tränen ausbracht.

Fast hätte er die Tür wieder geöffnet um Nico zu trösten, doch er zwang sich selber dazu von der Tür wegzutreten und nach Andreas zu suchen, der ihm den Weg zum Auto, das ihn nach Hause brachte, zeigen würde....



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„... Sonntag, 15. Dezember (2. Eintrag)

Nun sitze ich also wieder zu Hause. In meinem Zimmer. Alleine.

Es ist still. Meine Eltern haben mich begrüßt, doch ich hab mich bei ihnen mit der Ausrede, ich sei müde, entschuldigt. Sie haben es natürlich verstanden.

Der Zettel mit Nicos Anschrift liegt gut verwahrt in meinem Nachtschrank. Ich kann sie schon auswendig, so oft habe ich sie nun schon gelesen.

Ich vermisse Nico. Und das schon nach nur wenigen Stunden.

Der Gedanke, dass ich ihn vielleicht nie wieder sehen sollte, erschreckt mich doch schon etwas, aber so geht es wohl öfters im Leben.

Doch wer weiß?! Vielleicht ist unsere Zuneigung für einander ja doch so stark, dass unsere Beziehung nicht an der Entfernung zerbricht?! Ich persönlich werde auf jeden Fall alles tun, um sie aufrecht zu erhalten, das schwöre ich bei meinem Leben....“