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Der Eremit

Original/ Fantasy [PG] [abgeschlossen]

[shounen ai]

Einteiler

Inhalt:
Tristian wird von seinem Vater in eine fremde Stadt geschickt, um dort ein wichtiges Geschäft zu erledigen. Doch durch Festlichkeiten bekommt er in den Gasthäusern keinen Schlafplatz mehr. Über diese Tatsache verbittert, beschließt er bei einem Einsiedler im Wald um Asyl zu bitte...

 


 

 

Der Eremit

- 1 -

Tristan zügelte sein Pferd und blickte sich missmutig um.

Um ihn herum waren bloß die natürlichen Geräusche des Waldes zu hören. Außerdem war es fast schon dunkel. Er ärgerte sich, erst am späten Morgen von zu Hause losgeritten zu sein, wo die Stadt doch wegen des alljährlichen Mondfestes überfüllt war. Überhaupt, warum hatte sein Vater nicht einen seiner Brüder hergeschickt, um sich mit einem Kunden zu treffen? Warum hatte er ausgerechnet ihn, der mit seinen 17 Jahren der Jüngste unter ihnen war, auserwählt?

Tristan seufzte tief. Wenn dieses Mondfest bloß nicht zur gleichen Zeit wäre. Alle Herbergen und Gaststätten waren voll gewesen. Nirgends hatte er mehr eine Schlafgelegenheit gefunden. Doch einer der Wirte in einer Gaststube hatte ihm den Tipp gegeben, es im Wald zu versuchen. Dort würde ein Mann leben, der von allen nur „Eremit“ genannt wurde. Auch dieser sei erst seit kurzem hier, doch in der Stadt habe er sich nie blicken lassen, hatte ein schon leicht angeheiterter Gast in der Wirtstube, der ihr Gespräch mit angehört hatte, hinzugefügt.

Die Leute in der Stadt schienen nicht viel von dem Eremiten zu halten und begegneten ihm, wie allem Fremden, mit Vorsicht und Misstrauen.

Doch Tristan war dies egal. Er gehörte nicht in diese Gegend und würde sich nur für drei Tage in dieser Stadt aufhalten, um das Geschäft, das sein Vater ihm aufgetragen hatte, abzuschließen. Doch bevor er diesen Kunden nun treffen konnte, brauchte er eine Gelegenheit zum Übernachten. Da war ihm sogar irgendein alter, tattriger Eremit recht - wenn dieser ihm überhaupt Unterschlupf gewähren würde. Er war ja nicht um sonst ein Einzelgänger und lebte ihm Wald.

Mit aller Gewalt musste Tristan sich dazu bringen, seine Gedankengänge zu unterbrechen. Wenn er weiterhin hier herumstehen würde, war die Sonne ganz hinter dem Horizont verschwunden und er würde im Dunkeln stehen.

Also ritt er weiter, immer dem Pfad entlang, der ihn, laut dem Wirt, direkt zur Hütte des Eremiten führen würde.

Nach einiger Zeit, erreichte er dann etwas, das im Dunkeln einer Hütte sehr nahe kam.

Zögerlich blickte er sich um, bevor der von seinem Pferd stieg und es an den kleinen Holzbau heran führte.

Drinnen brannte kein Licht, und überhaupt war es ruhig. Zu ruhig.

Tristan musste den Kopf über sich selber schütteln. Seinen Gedanken nach, schien es ihm, als würde gleich jemand über ihn herfallen. Aber dies würde nicht geschehen. Er würde den Besitzer dieser Hütte lediglich um einen Schlafplatz bitten.

Mit diesem Vorsatz gestärkt, klopfte er an die hölzerne Tür. Doch nichts geschah.

/Vielleicht ist er nicht da.../, ging es Tristan durch den Kopf, doch so schnell wollte er nicht aufgeben. Er klopfte erneut.

Wieder nichts. Missmutig drückte er mit seiner Hand gegen die Türe, und siehe da, mit einem knarrendem Geräusch öffnete sie sich. Unschlüssig stand Tristan davor. Was sollte er tun? Einfach reingehen konnte er schlecht. Nicht, wenn er nicht wusste, wer dieser Eremit genau war. Nicht, dass er sich mit den falschen Leuten anlegte. Aber hier draußen herum ....

„Was willst du?“

Erschrocken wirbelte Tristan herum - und sah sich einer mittelgroßen Gestalt mit kräftigem Körperbau gegenüber. Mehr konnte er nicht feststellen, denn die Gestalt war mit einem Kapuzenmantel bekleidet. Die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, stand sie in angriffsbereiter Position da, so, als wenn sie erwartete, dass Tristan jeden Moment über sie herfallen würde.

Tristan beschlich ein ungutes Gefühl. Vielleicht sollte er es doch besser noch mal in der Stadt versuchen. Doch eine Stimme in seinem Kopf schalt ihn einen Narren. Wenn er schon einmal hier war, konnte er auch fragen.

Entschlossen straffte Tristan seine Schultern und meinte mit fester Stimme: „Ich bin nur ein Handelsmann auf der Suche nach einer Übernachtungsmöglichkeit. In der Stadt hat man mir erzählt, dass ich es hier versuchen soll. Aber...“

Das spöttische Lachen des Eremiten ließ ihn verstummen. „Was ist so witzig?“, fauchte er, nachdem der andere sich wieder beruhigt hatte.

„Nichts, nur, dass ich überrascht bin, dass man dich in der Stadt an mich weiter verwiesen hat. Das ist sonst nicht die Art, dieser arroganten Stadtbewohner. Und außerdem, wie oft kommt es schon vor, dass mir ein 16-jähriger erzählen will, er sei ein Handelsmann?!“

Tristan schnappte empört nach Luft: „Erst mal bin ich nicht 16, sondern 17 Jahre alt! Und außerdem bin ich wirklich ein Handelsmann. Ich will mich in drei Tagen...“

„Deine Geschäfte gehen mich nichts an, Handelsmann!“ wurde er unterbrochen. Wie sein Gegenüber das Wort ‚Handelsmann’ betonte, gefiel Tristan überhaupt nicht, doch so leicht wollte er sich nicht geschlagen geben. Wenn es nichts schlimmeres für ihn gab, dann war es sein angeratzter Stolz.

„Stimmt, meine Geschäfte gehen dich nichts an, Eremit! Ich wiederhole meine Frage noch einmal: Finde ich hier bei dir eine Schlafstätte, oder muss ich mir woanders etwas suchen?“

„Ich bezweifle, dass sie dich woanders um diese Zeit noch hereinlassen werden. Die Sonne ist schon untergegangen. Aber gut, du kannst die Nacht hier verbringen. Ich kann ja schlecht ein Kind vor meiner Tür stehen lassen!“ Mit schnellen Schritten überwand der Eremit den Abstand zu seiner Hütte.

Tristan wollte gerade zu einer bissigen Antwort ansetzten /Kind...?!/ , doch er ließ es. Er konnte froh sein, noch einen Schlafplatz gefunden zu haben. Rasch folgte er der Person vor sich. „Warte...! Mein Pferd...“

„... werde ich gleich versorgen. Lass du dich erst mal am Tisch nieder und leg deine Sachen ab, du bist sicher erschöpft von der weiten Reise!“

/Oh, so freundlich auf einmal?!/ Überrascht tat Tristan wie ihm geheißen. Der Eremit entzündete nur das Feuer im Kamin, welches den Raum erhellte, und trat wieder nach draußen, um Tristans Pferd zu versorgen.

In der Zwischenzeit hatte Tristan genügend Zeit sich umzusehen:

Die Hütte wirkte von innen viel größer, als von draußen. Sie war aufgeräumt und strahlte eine Gemütlichkeit aus, die er nie von einer Holzhütte erwartet hätte. Außer dem Kamin und dem Tisch, befanden sich nur ein großer Schrank und ein breites Bett im Raum. Neben dem Bett stand eine Wasserschale, darüber hing ein Spiegel.

Zögerlich trat Tristan auf den Spiegel zu und überprüfte sein Erscheinungsbild.

Seine glatten, schulterlangen, schwarzen Haare waren in einem lockeren Zopf nach hinten gebunden und einige rausgerutschte Strähnen umrahmten sein kindliches Gesicht und ließen es runder erscheinen. Seine grünen Augen glitzerten vor Aufregung. Tristan trat einige Schritte zurück, um auch seine Kleidung bis zur Hüfte begutachten zu können. Er trug die übliche Reiskleidung seiner Familie: Eine enge Schlaghose und ein weites Hemd. Beides in rot, welches langsam in Orange überging. Zwischen den Stadtbewohnern war er sich wie ein bunter Vogel vorgekommen, doch diese Kleindung gehörte nun mal zu seiner Familie dazu.

Tristan seufze tief. Dann drehte er sich wieder zu dem Tisch herum - vor dem der Eremit stand und ihn beobachtete.

/Wie lange steht er schon da???/ Errötend senkte Tristan den Blick und murmelte sinnlose Entschuldigungen. Das warme Lachen des anderen ließ ihn wieder aufsehen.

„Kein Grund rot zu werden...“

„Wie lange...?“

„Och, noch nicht so lange. Aber nun setz dich. Zu essen kann ich dir nur Brot und Käse anbieten.“

„Danke! Aber willst du dich nicht...“

Wieder das warme Lachen des Eremiten. /Was findet der denn immer so komisch?/ Langsam begann Tristan ärgerlich zu werden. Doch der Eremit beachtete den finsteren Gesichtsausdruck, den Tristan aufgesetzt hatte, nicht und meinte neckend:

„Es ist dir wohl nicht geheuer, wenn du deinem Gegenüber nicht in die Augen blicken kannst, oder? Angst?“

Empört stemmte Tristan seine Hände in die Hüften und fauchte:

„Ich hab keine Angst! Nicht vor dir! Doch es wird dir zu warm werden! Und außerdem ist es unhöflich einem Gast gegenüber sein Gesicht nicht zu zeigen!“

„Lass das mit der Wärme mal meine Sorge sein und was hier in dieser Hütte unhöflich ist, bestimme immer noch ich, denn mir gehört sie schließlich! Und nun setzt dich ihn und iss!“ Der Eremit knallte schwungvoll einen Leib Brot und ein Stück Käse auf den Tisch, bevor er sich zum Bett umwandte und zum Schrank trat.

Tristan ließ sich wortlos am Tisch nieder und begann sein stummes Mahl, während er aus den Augenwinkeln seinen „Gastgeber“ beobachtete.

Dieser schlug die Kapuze zurück und entledigte sich seines Mantels. Überrascht riss Tristan seinen Kopf herum und verschluckte sich prompt an einem Stück Brot. Hustend betrachte er den Anblick, der sich ihm bot:

Der Eremit... kam dem Wort ‚Eremit’ gar nicht nah. Unter einem Eremiten verstand Tristan einen alten, grauhaarigen Mann, doch sein Eremit war ein blutjunger Knabe, der vielleicht etwas über 20 Jahre alt sein mochte. Er hatte strohblondes Haar, welches ihm weich über die Schultern bis unter die Schulternblätter fiel. Auch die himmelblaue Pluderkleidung, die er trug, erweckte einen seltsamen Anschein. Und als er sich lächelnd zu Tristan umdrehte, bemerkte dieser die schönen, strahlenden, himmelblauen Augen. Überrascht ließ er das Stück Brot, das er in seiner Hand gehalten hatte, fallen....

„Was ist denn los?“ Das Grinsen auf dem Gesicht des Eremiten wurde noch breiter.

„Ähm...“ Verwirrt griff Tristan wieder nach dem Stück Brot. „.. nichts... ich bin bloß überrascht!“

„Worüber?“

„Darüber, dass du mich ein Kind nennst und selber kaum älter bist!“, gab Tristan patzig zurück. Der Eremit lachte bloß:

„Acht Jahr sind doch ein Unterschied. Und ob man als Kind gilt, oder nicht, hängt ja nicht nur vom Alter ab...“

„Wenn mein Vater mich meilenweit reisen lässt um ein sehr wichtiges Geschäft abzuschließen, hält er mich wohl nicht für eins!“, verteidigte Tristan sich. Der Eremit verstaute schnell den eben ausgezogenen Mantel im Schrank und ließ sich dann Tristan gegenüber am Tisch nieder.

„Ist ja in Ordnung! Du brauchst dich mir gegenüber nicht zu verteidigen! Ich hab’ ja gar nichts gesagt!“

„Doch, du meintest, dass...“

Doch Tristan wurde von dem Eremiten unterbrochen:

„Bevor du beginnst, lange Reden zu halten, nenn mir deinen Namen, Handelsmann!“ Wieder das leicht spöttische Lächeln.

Tristan grummelte kurz, dann meinte er resignierend: „Tristan! Ich heiße Tristan!“

„Gut.... Tristan! Wie lange gedenkst du meine Gastfreundschaft in Anspruch zu nehmen?“

„Vielleicht drei, oder höchstens vier Tage. Wenn du mich nicht vorher heraus wirfst!“

„Bisher sehe ich dafür keinen Grund. Aber was ja nicht ist, kann ja noch werden!“ Wieder das spöttische Grinsen. Wütend erhob sich Tristan vom Tisch und meinte, ohne auf die Worte des anderen einzugehen, unfreundlich: „Hast du meine Satteltasche beim Pferd gelassen?!“

Sein Gegenüber hob beeindruckt eine Augenbraue.

„Hoppla! Wir sind es wohl gewöhnt, Bedienstete zu haben, oder woher kommt dieser unfreundliche Ton?“ Tristan verschränkte die Arme und ging wieder nicht auf die Worte ein. „War das jetzt ein ja oder nein?“

„Das war ein nein, sie steht an der Tür. Du warst ja vorhin so mit dir beschäftigt, dass du nicht bemerkt hast, wie ich sie reingeschleppt hab’! Eitler Geselle!“

Tristans Gesicht nahm einen bitteren Ausdruck an, doch er sagte nichts, sondern wandte sich wortlos um und schritt zur Tür. Schnell überprüfte er, ob die Ware, die dem Kunden versprochen worden war, noch an seinem Platz war, doch er fand alles dort wo er es hin gesteckt hatte. Der Eremit schien seinen Gedanken erraten zu haben, denn er meinte grinsend: „Keine Sorge! Alles noch da! Bis auf den Dolch, den bekommst du morgen vielleicht wieder, wenn du lieb bist.“

„Du hast drin rumgewühlt???“ Tristans Augen begannen vor Wut zu funkeln, doch der Eremit hob nur beschwichtigend die Hände.

„Ganz ruhig! Ich musste ja schließlich sicher gehen, dass du mich nicht mit irgendwelchen Waffen hier nachts erstichst, oder so! Wer weiß, vielleicht bist du nur hier, um einem armen Mann wie mir auch das letzte Bisschen zu nehmen, wenn nicht sogar das Leben. Heutzutage ist alles möglich!“

Der fröhliche Ton seiner Stimme ließ Tristans Wut erst richtig aufkochen.

„Nein, so nötig hab ich es noch nicht. Und selbst wenn, ein großer Verlust wäre es wohl kaum!“

Schlagartig wurde das Gesicht des anderen ernst. „Jetzt wirst du gemein! Jedes Menschenleben zählt! Selbst wenn es das eines Bettlers oder eines Eremiten ist!“

„Amen!“, schloss Tristan mit angewidertem Gesichtsausdruck. Er hielt nicht viel von dem ganzen Gotteszeugs. Für ihn zählte die Devise: „Fressen oder gefressen werden!“ Aber er hatte jetzt nicht die Lust, darüber diskutieren. Sollte jeder doch an das glauben, was er für richtig hielt.

Tristan hatte dieses unerfreuliche Gespräch innerlich abgeschlossen und meinte seufzend: „Wo werde ich schlafen?“ Die prompte Antwort des anderen ließ ihn erstarren. „Im Stall bei deinem Pferd natürlich. Wo auch sonst? Hier gibt es nur ein Bett!“ Überrascht riss Tristan die Augen auf, doch der Ältere lachte bloß fröhlich. „Das war nur ein Witz. Ich hab genug Decken, damit entweder du, oder ich, auf dem Boden gemütlich liegen können!“

„Ich schlafe auf dem Boden!“

„Oh, so bescheiden auf einmal?“, stichelte der Ältere.

„Wie heißt du eigentlich?“, missachtete Tristan den Einwurf. Er wollte sich auf keinen Fall provozieren lassen.

„Ähm... sag Nathan zu mir, in Ordnung?“

„Ja, ich sage Nathan. Aber wie heißt du richtig?“

„Nathan!“

„Nicht im ernst, oder?“

„Doch! Na ja, okay... nicht wirklich. Eigentlich Jonathan, aber sag Nathan!“

„Keine Panik! Ich werde Nathan sagen. Also, wo sind die Decken. Die Reise war anstrengend und ich bin müde!“

„Wie der Herr befielt!“ Nathan machte einen auf Diener und verbeugte sich untertänigst, dann schritt er zum Schrank und holte zwei große Decken und ein Kissen hervor. Eine Decke legte er auf die blanken Dielen und die andere, so wie das Kissen, packte er säuberlich darauf. Dann meinte er mit unterwürfigem Ton: „Ich hoffe, das Lager genügt Euren Anforderungen!“

Tristan schnaubte abfällig: „Lass dieses Diener-Getue. Ich hab sowas nicht nötig!“

„Ach nein?“

„Nathan! Mach so weiter und ich geh gleich!“

„Da ist die Tür!“ Nathan machte eine ausschweifende Bewegung Richtung Tür.

Tristan senkte deprimiert den Blick. Da hatte er sich ja was eingebrockt. Wie sollte er es bloß mit diesem Typen drei Tage und Nächte unter einem Dach aushalten? /Sicher kam bei ihm Daheim keiner mit ihm zurecht und deshalb lebt er hier allein!/

Nathan hatte wohl nicht wirklich erwartet, dass Tristan gehen würde, denn er gab den Schlafplatz frei und fragte, als wenn nichts gewesen wäre, ob Tristan sich noch vorher waschen wollte. Doch dieser verneinte, und erklärte, dass er das lieber am Morgen machen würde. Nathan nickte wissend und ließ sich dann auf seinem Bett nieder, um Tristan beim Ausziehen zu beobachten.

Immer wieder strich sein Blick zärtlich über die freigelegte Haut von Tristan. Dieser bemerkte die aufreizenden Blicke zwar, aber sie störten ihn nicht. Ein Sachverhalt, der ihn selbst überraschte.

Normalerweise hasste er es angestarrt zu werden, aber dieser Nathan hatte ihn neugierig gemacht. Er wollte hier in den nächsten drei Tagen nicht rausfliegen.

Als Tristan, nur noch mit einer Unterhose bekleidet, unter die Decke kroch, erhob sich Nathan wieder und begann sich selbst auszuziehen. Nachdem auch er im Bett lag, bedachte er Tristan noch einmal mit einem warmen Lächeln, dann murmelte er leise: „Gute Nacht!“ und löschte das Licht. Tristan erwiderte die Worte und schlief dann, im schwachen Licht des immer noch glimmenden Kamins, ein.

Erschrocken setzte Tristan sich auf und sah sich gehetzt um. Was waren das für Geräusche? Sein Blick blieb an Nathan hängen, der sich wild in seinem Bett hin und her warf und mit den Armen um sich schlug. Unsicher, was er tun sollte, erhob sich Tristan und hockte sich vor das Bett des anderen. Vorsichtig streckte er eine Hand aus, um den Blonden zu beruhigen, doch als dieser den Druck, den Tristan auf seinen Arm ausübte, merkte, begann er, sich noch mehr zu winden.

Erschrocken wich Tristan zurück. Was sollte er tun?

Nach einer Weile beschloss er, Nathan zu wecken. Entschlossen trat er wieder ans Bett und hielt den anderen an den Schultern fest, dieser wurde in seinem Griff steif und die schönen Gesichtszüge des Älteren verzogen sich schmerzlich, doch als Tristan begann, leise auf ihn einzureden, beruhigte er sich wieder. Tristan, der das bemerkte, änderte seinen Beschluss ihn zu wecken, und redete so lange auf Nathan ein, bis dieser wieder ruhig atmete und selig schlief.

Zufrieden kroch Tristan wieder unter seine Decke und dämmerte erneut weg. Nathan hatte ihm einen riesigen Schrecken eingejagt, auch wenn Tristan nicht sagen konnte, was genau ihn erschreckt hatte....



Das Öffnen einer Tür riss Tristan abermals aus dem Schlaf. Doch dieses Mal war es in der Hütte hell, denn durch die beiden Fenster rechts und links neben der Tür schien grelles Sonnenlicht. Müde blinzelte er gegen die ungewohnte Helligkeit an, bis er Nathans sanfte Stimme hörte: „Oh, Tris! Hab ich dich geweckt? ’tschuligung. Das war nicht meine Absicht!“ Tristan war mit einem Mal hellwach. „Tris?“ Nathan errötete, was Tristan lächeln ließ. /Er kann also auch verlegen sein?!/

„Ich meinte Tristan! Entschuldigung, wenn ich dir...“

„Nein, schon in Ordnung! So hat mich bloß schon lange keiner mehr genannt. Sag ruhig Tris, wenn du willst. Es ist kürzer!“

Nathan hauchte überraschenderweise nur: „Danke!“ Dann schloss er Tür wieder und betrachtete Tristan unschlüssig. „Willst du schon aufstehen?“

„Schon?“ Tristan sprang auf. „Es ist schon viel zu spät für mich! Eigentlich müsste ich längst in der Stadt sein und das Gasthaus suchen, in dem ich mit meinem Kunden verabredet bin!“

„Deinem Kunden?“, fragte Nathan und versuchte dabei, seine Stimme nicht allzu neugierig klingen zu lassen.

„Ja, mein Kunde. Ich verkaufe ihm was!“

„Was denn?“

„Das geht dich nichts an!“, schnappte Tristan und Nathan nickte ergeben. Doch Tristan meinte freundlicher: „Ich hab nur wiedergeben, was du mir gestern selbst an den Kopf geknallt hast!“

„An den Kopf... Ich hab... Ach, vergiss es! Ich will es gar nicht wissen!“

„Ich würde es dir aber erzählen!“

„Ich will es aber nicht wissen!“

„Echt?“

„Ja!“

„Sicher?“

„Ja doch!“

„Gut, wo ist dann die Schüssel, mit Wasser, wo ich mich waschen kann?“

„Vor dem Kamin!“ Nathan war seine Enttäuschung anzumerken. Trotzdem fragte er nicht weiter, sondern beobachtete Tristan wortlos wie er zu der Wasserschüssel hinüberging und sich wusch. Wieder konnte Tristan deutlich spüren und sehen, wie der andere ihn beobachtete und seinen Blick über seinen Körper wandernd ließ. /Wenn ich nicht schon fast nackt wäre, dann würde er mich mit seinen Blicken ausziehen!/ Dieser Gedanke brachte ihn zwar dazu, ein wenig zu erröten, doch er gefiel ihm irgendwie. Er fand Nathan ja nicht unattraktiv und das schien auf Gegenseitigkeit zu beruhen...

Als Tristan fertig war, erhob er sich mühsam. Nathan hatte sich irgendwann abgewendet und begonnen, das Frühstück zuzubereiten. Wortlos zog sich Tristan wieder seine bunte Reisekleidung an, und ließ sich dann stumm am Tisch nieder.

Der andere sah nur kurz auf und stellte dann ein Brett mit einem Stück Brot und ein wenig Käse vor ihn. Mit entschuldigendem Blick, meinte er: „Tut mir Leid, dass ich dir hier nicht ein Fünf-Gänge-Menü wie in einem Gasthaus biete...“ Doch Tristan unterbrach ihn lächelnd, während er nach dem Brot griff.

„Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Ich bin froh, dass du mich hier überhaupt schlafen lässt, und dass du dein Essen mit mir teilst, rechne ich dir hoch an.“

Nathan zog überrascht eine Augenbraue hoch.

„Wo ist denn dein hochmütiger Ton von gestern geblieben?“

Tristans Gesicht verfinsterte sich.

„Wenn du willst, kram’ ich ihn wieder raus!“, seine Stimme hatte einen bitter-süßen Ton angenommen, doch sein Gegenüber meinte einfach nur: „Nee, lass mal. So bist du mir lieber!“ Dann griff er nach seinem Stück Brot und begann zu essen. Überrascht überlegte Tristan was er darauf erwidern solle, doch ihm fiel nichts gescheites ein, also schwieg er einfach, was Nathan mit einem Lächeln quittierte.

Als ihr Frühstück beendet war, kramte Tristan in seiner Satteltasche. Nathan beobachtete ihn mit einem amüsierten Blick. „Sag, holst du jetzt doch den hochmütigen Ton wieder raus?“

„Ha ha, sehr witzig. Gibst du mir bitte meinen Dolch wieder?”

„Damit du mich rücksichtslos erstichst? Gewiss nicht!“

„Ich werde dich schon nicht erstechen! Wer soll mir dann morgens mein Frühstück machen?!“

„Oh, wie gnädig, dass dies Grund genug ist, mein, deiner Meinung nach, eh geringschätziges, Leben zu verschonen!“ Nathan hörte sich leicht sauer an.

Doch Tristan schenkte ihm nur ein liebreizendes Lächeln. „Los, gib ihn mir wieder. Oder du pennst heute Nacht wieder alleine hier, weil ICH nämlich in irgendeiner Gasse rücksichtslos erstochen werde! Das willst du doch nicht, oder?“

„Och, dann hab ich wenigstens mehr zum Frühstück, wenn ich wieder alleine bin!“ Doch Nathan nahm den Worten seine Schärfe, indem er grinste. Dann wandte er sich zum Kamin um und holte den Dolch, der die ganze Zeit auf dem Sims geruht hatte. Vorsichtig überreichte er ihn ihm und bemerkte dann beeindruckt: „Edles Stück! Wo hast du ihn her?“

Tristan betrachtete nachdenklich den Dolch. Er war zum Teil vergoldet, mit Edelsteinen versetzt und besaß die richtige Größe, um ihn ungesehen in den Stiefel zu stecken. Tristan hatte nicht viel Vertrauen in fremde Städte, sicher trieb sich dort genug Gesindel herum. Verspätete antwortete er auf Nathans Frage: „Den habe ich von meinem Vater. Jeder von uns hat einen!“

„Von euch?“

„Ja, von uns Brüdern. Ich habe noch vier ältere Brüder!“

„Dann müsst ihr ja über reichlich Geld verfügen, wenn ihr euch fünf von diesen Dolchen leisten könnt!“

„Ach, das gehört alles zum Geschäft!“ Tristan zuckte mit den Schultern. Er mochte es nicht gerne, auf ihren Wohlstand angesprochen zu werden. Mit einem Nicken zur Tür fragte er ungeduldig: „Wo ist mein Pferd?“

„Ach ja, du wolltest ja in die Stadt...“, fiel dem Älteren wieder ein. „... dein Pferd ist im Stall, aber warte vor der Hütte, ich hole es dir!“ Damit war Nathan nach draußen getreten und hinter dem Holzbau verschwunden. Tristan überprüfte noch ein mal, ob er alles in seiner kleinen Umhängetasche hatte, was er brauchte, dann trat auch er hinaus.

Die Sonne stand hoch am Himmel, das konnte er sogar durch die dichten, grünen Tannen um ihn herum sehen. Die Luft war warm und es wehte ein milder Wind, der sein luftiges Hemd sanft umspielte und ihm ein frisches Gefühl auf der Haut gab. Alles in allem war das Wetter einfach bestens. Nun musste er nur noch das Gasthaus finden, damit er morgen wusste, wo er hin musste.

Hinter sich vernahm er Hufgetrampel, welches sich auf dem moosigen Boden gedämpft anhörte, und deutlich Nathans Stimme, die beruhigend mit dem Pferd sprach. Tristans Herz begann wild zu pochen und die schöne Stimme des anderen schickte kleine Schauer über seine Haut. Mit einem Kribbeln im Bauch drehte er sich um und beobachtete Nathan beim Näherkommen.

Jetzt, im Tageslicht, wirkten seine blonden Haare noch heller und weicher und man konnte sehen, wie sich der Wind in ihnen verfing um sie leicht wehen zu lassen. Die freundlichen Gesichtszüge des anderen waren entspannt und seine Aufmerksamkeit war nur auf das Tier neben sich gerichtet. Als er bei Tristan ankam, sah er verlegen auf und meinte grinsend: „So ein schönes Pferd habe ich schon lange nicht mehr gesehen!“

Auch Tristan musste grinsen. Ihm war es genauso ergangen, als er Morgenstern zum ersten Mal gesehen hatte. Morgenstern war groß, schlank und machte einen stolzen Eindruck. Sein Fell war nachtschwarz und nur auf der Stirn besaß er einen hellen, weißen Fleck, der ihm auch seinen Namen verpasst hatte. Er sah aus, wie der letzte Stern, der morgens einfach nicht untergehen wollte. Tristan hatte Morgenstern einfach haben gemusst. Und sein Vater hatte ihm diesen Wunsch nicht verwehrt!

„Ja, Morgenstern ist schon was besonderes!“, mit diesen Worten nahm er Nathan die Zügel ab und saß auf. Von oben auf den anderen herab blickend meinte er nur: „Bis nachher!“ dann wendete er sein Pferd und ritt den Pfad entlang, der zurück in die Stadt führte. Hinter sich konnte Tristan erneut Nathans Stimme hören, die leise und verwundert „Morgenstern...“ murmelte, dann war er schon zu weit entfernt. Irgendwie glücklich ritt er Richtung Stadt.



Tristan hatte ohne Probleme das Gasthaus, indem er morgen das Treffen hatte, gefunden und sich umgesehen. Es war kein besonderes Gasthaus, nur ein kleines, einfaches, bäuerliches. Doch es war wegen dem Fest, das heute Abend stattfinden würde, bis zum Überlaufen gefüllt. Überhaupt war es Mittagszeit gewesen, als Tristan durch die hölzerne Tür getreten war, überall waren die Tische besetzt gewesen. Also hatte er seinen Blick bloß einmal schweifen lassen und war dann wieder hinausgetreten. Neben seinem Pferd gehend, hatte er sich einen Weg durch die Menschenmassen, die sich durch die Gassen in Richtung Marktplatz schoben, gebahnt.

Angewidert war er in Richtung Stadtrand gewandert, um von dort aus wieder zurück in den Wald zu reiten. Er hasste große Menschenaufkommen. Wenn sie sich dann noch an ihm vorbeidrängten und ihn zur Seiten stießen, begann er innerlich zu kochen. Doch mit seiner schmächtigen Gestalt war er leicht zu übersehen und wurde selten ernst genommen.

Als er sich wieder auf dem Weg zu Nathan befand, ließ er seine Gedanken wandern.

Schon die ganze Zeit fragte er sich im Stillen, was den gutaussehenden Blonden dazu bewogen hatte, alleine im Wald zu leben.

Ja, auf den ersten Blick schien Nathan nicht gerade ein umgänglicher Typ zu sein, aber er konnte auch friedlich sein. Das hatte Tristan ja heute Morgen bemerkt. Eine Gänsehaut überkam ihn bloß, wenn er an die letzte Nacht zurück dachte. Was das wohl mit Nathan gewesen sein mochte? Hatte er solche Träume öfters? Hatten sie einen Hintergrund oder war es ein einfacher Albtraum gewesen?

Tristan musste sich eingestehen, dass er sich um den großen, frechen Kerl sorgte, auch wenn ihm sein Verstand sagte, dass es dafür überhaupt keinen Grund gäbe. Jeder hatte mal einen schlechten Traum. Tristan seufzte tief. Das Letzte, was er jetzt noch gebrauchen konnte, war, sich hier in dieser Gegend zu verlieben. Eigentlich war an diesem Gedanken ja nichts schlechtes, doch in ein paar Tagen musste er wieder nach Hause und er lebte ja meilenweit entfernt. Irgendwie hatte er Angst, dass, wenn er Nathan näher an sich heran lassen würde, ihm der Abschied zu schwer fallen würde. Na ja, falls Nathan überhaupt Interesse an ihm hatte.

Für Tristan war es nichts neues, dass er sich in einen Mann verliebte. Das war schon öfters vorgekommen, aber selten war mehr als eine Schwärmerei daraus geworden. Für ihn war es normal, dass ihn Männer und Frauen reizten, beide hatten ja auch ihre Vorteile, obwohl er, wenn er es sich so richtig überlegte, Männer doch eher vorzog. Doch für einige Leute war es einfach nur abnormal, sich in das gleiche Geschlecht zu verlieben. Damit musste Tristan leben und es erleichterte ihm die Partnersuche nicht gerade!

Als Tristan bemerkte, was für Gedanken er sich hier machte, wurde er rot. Er malte sich bei einem 8 Jahre älteren Mann Chance aus, den er erst seit gestern kannte und den er in fünf Tagen schon nicht mehr sehen würde. Deprimiert sammelte er sich wieder und konzentrierte sich auf den Pfad vor sich.

Nach wenigen Minuten erreichte er Nathans Hütte und er stieg ab, um Morgenstern eine Weile davor grasen zu lassen - ganz zu schweigen davon, das er nicht wusste, wo der Stall sich befand.

Nachdenklich blickte er sich um. Alles war so wie er es verlassen hatte, nur von Nathan war keine Spur zur sehen. Kurz warf er einen Blick in das Innere der Hütte, doch auch sie war leer. Also ließ sich Tristan nahe von Morgenstern auf dem Rasen nieder und streckte alle Viere von sich. Mit geschlossenen Augen genoss er die Sonne, die seine Haut wärmte. Plötzlich schläfrig geworden, dämmerte er weg.



Leicht strich etwas über Tristans Wange und er wachte auf. Als er langsam die Augen öffnete, stellte er fest, dass es Nathans kühle Finger waren, die ihn geweckt hatten.

Nathan hatte wieder seinen Kapuzenmantel an und sein Gesicht war verdeckt. Tristan setzte sich auf und streckte die Hand nach Nathan aus. Als dieser nicht zurück wich, streifte er die Kapuze von Nathans Kopf. Sofort wurden dessen Haare vom Wind erfasst. In Nathans Augen konnte Tristan deutlich die stumme Frage lesen und er meinte verlegen grinsend: „So ein schönes Gesicht musst du nicht immer hinter einer Kapuze verstecken!“ Er wurde rot. Doch leider musste er verwirrt feststellen, wie Nathans Augen bei seinen Worten traurig wurden. Seufzend stand der Ältere auf und meinte dann leise: „Du bist schon wieder da?“

Tristan tat es ihm gleich und erhob sich ebenfalls. „Ja, in der Stadt war es mir zu voll. Überall wimmelt es von Leuten, die wegen dem Mondfest gekommen sind. Hast du vor heute hinzugehen?“

Nathan schnaubte empört auf und meinte: „Sehe ich so aus, als dass ich mich unter diese arroganten Stadtbewohner mische?“

„Was hast du gegen sie?“

„Sie sind mir einfach unsympathisch! Ich mag sie nicht....“ Er drehte Tristan seinen Rücken zu.

„Haben sie dir etwas getan? Ist das der Grund, warum du hier alleine lebst?“

Ruckartig drehte Nathan sich um und musterte Tristan misstrauisch. „Warum willst du das wissen?“

Tristan zog überrascht eine Augenbraue hoch und meinte dann fragend: „Weil es mich interessiert? Weil ich neugierig bin? Oder denkst du, die Frage ist mir noch nicht in den Sinn gekommen? Es kommt nicht alle Tage vor, dass ein 25 Jähriger Mann mutterseelenallein im Wald haust!“

„Nein, sie haben mir nichts getan...“, antwortete Nathan zögerlich. „Aber warum ich hier lebe geht dich nichts an!“

Tristan zuckte verletzt mit den Schultern. „Ich kann dich nicht dazu zwingen es mir zu erzählen. Und es stimmt, es geht mich nichts an! In vier Tagen bin ich wieder verschwunden und werde dich nie wieder sehen!“

Nathan atmete tief durch und seine Augen wurden noch trauriger. Gerade, als Tristan glaubte, er würde etwas dazu sagen, grinste er verlegen und meinte: „Ich rede nicht gerne darüber... Erzähl du mir aber bitte, um was für Geschäfte du dich hier kümmerst!“

Überrascht meinte Tristan: „Das geht DICH nichts an!“ Doch als er sah, dass Nathans Mund sich zu einem bitteren Lächeln verzog, tat ihm diese Antwort schon wieder leid. Seufzend ließ er sich wieder auf dem Rasen nieder und klopfte bereitwillig neben sich. Nathan kam dieser Aufforderung nach und setzte sich ihm gegenüber.

„Mein Vater schleift Diamanten und Edelsteine aller Art. Wir haben zu Hause ein großes Gehöft und viele Mitarbeiter. Es kommen dann auch Aufträge, wie Anfertigungen von Ketten, Ringen und Armbändern. Ab und an wenden sich auch die reichen Adligen und Stadtbürger an uns, wenn sie etwas haben möchten. Deshalb bin ich hier. Einer unserer besten Kunden hat ein ganzes Säckchen voll Diamanten und Edelsteine angefordert. Und ich soll sie ihm jetzt überbringen und das Geld dafür einkassieren. Das Säckchen ist eine ganze Menge wert!“

Nathan hatte schweigend zugehört und meinte dann, mit seinem üblichen spöttischen Grinsen: „Und so einen wichtigen Auftrag vertraut dein Vater einem Kind an???“

Tristan starrte ihn sauer an. „Ja, macht er! Und nenn mich nicht immer Kind! Ich dachte das haben wir gestern schon geklärt!“

„Geklärt haben wir gar nichts! Du hast lediglich deine Meinung gesagt und ich meine!“

„Ja ja... du weißt auch immer alles besser, oder?!“

„Ja, zumindestens besser als du!“

Empört stand Tristan auf und begab sich wortlos zu seinem Pferd. Nathan hatte schon fast erwartet, dass er aufsitzen und davon reiten würde, doch er blieb einfach neben Morgenstern stehen und streichelte ihn sanft.

Hatte er den Kleinen mit seinen Worten echt so erzürnt? Oder eher verletzt? Hatte er mal wieder sein bisschen angesammelten Stolz angekratzt? Irgendwie taten ihm seine Worte jetzt schon wieder leid. Er schaffte es, den Kleinen innerhalb der wenigen Stunden, die sie sich nun kannten, mehrmals zum beben zu bringen. Er sollte es lieber nicht zu weit treiben. Nicht das Tristan noch ernsthaft sauer werden würde. Dabei sah der Kleine einfach zu süß aus, wenn er sauer war! Nathans Gesicht verfinsterte sich bei dem Gedanken, doch Tristan beachtete ihn einfach nicht. Zögerlich schritt Nathan nun zu ihm herüber und stellte sich neben ihn.

Leise sprach er ihn an: „Tris...“ Doch Tristan versuchte bloß ihn mit einem Seitenblick zu erdolchen und meinte wütend: „Was ist? Gibt es etwas, dass du mir noch zu sagen hast?“

„Nun sei doch nicht sauer!“

„Ich bin nicht sauer!“

„Bist du doch! Oder aber verletzt!“

„Erstens ist das ein gewaltiger Unterschied! Und außerdem bin ich nicht verletzt! Was weißt du schon vom verletzt sein oder werden? Du verkriechst dich hier im Wald und wenn mal einer kommt, dann machst du ihn nieder!“

Nun wurde auch Nathan ärgerlich und packte Tristan an den Schulter. „Ich weiß genug vom verletzt werden! Darüber brauche ich mich nicht von dir, einem reichen Stadtjungen, belehren zu lassen! Und außerdem verkrieche ich mich hier nicht! Ich will einfach nur meine Ruhe haben! Und die hätte ich auch! Wenn du nicht aufgetaucht wärst!!!“

Tristan riss sich gewaltsam von Nathan los und stürmte in die Holzhütte, wo er nach einigen Augenblicken mit seiner Satteltasche wieder heraus kam. Diese befestige er wortlos an Morgenstern und schwang sich dann auf den Sattel. Nathan sah ihm überrascht zu, doch er sagte nichts. Mit einem kalten Blick auf ihn meinte Tristan: „Okay, dann geh ich halt! Wenn du mich nicht hier haben willst, dann sag es doch gleich! Ich bin auch schön blöd! Warum hab ich nicht gleich gemerkt, worauf du mit deinen Sticheleien hinaus willst! Gehabt euch wohl, Eremit!“

Dann wendete er Morgenstern und ritt in irgendeine Richtung. Die erschrockenen Blicke von Nathan im Rücken bemerkte er - mit Genugtuung, wie ihm auffiel.

- 2 -

Erschrocken sah Nathan zu, wie Tristan im Dunkel der Bäume verschwand. Hatte er den Jüngeren wirklich so verletzt? Warum konnte er auch nicht einfach seinen Mund halten? Sein Mundwerk hatte ihm auch schon früher genug Probleme bereitet. /Ja, früher.../ Mit einem bitteren Lächeln zwang er sich, nicht an früher zu denken. Das, was jetzt zählte, war gerade dabei sich von ihm zu entfernen - und zwar in eine Richtung, in der es nicht zur Stadt ging. Sie führte in den Wald hinein.

Nathan hatte ein ungutes Gefühl.

Was, wenn sich der Kleine im Wald verlief? Aber so blöd würde er doch wohl nicht sein!

Oder was, wenn er einem Wolf begegnete? Wölfe fielen normalerweise nicht grundlos Menschen an!

Aber was, wenn er einem Bären begegnete, die verletzten doch schon häufiger Menschen die ihn ihr Revier eindrangen?

Verwirrt stellte er fest, dass er verbissen nach einem Grund suchte, Tristan zu folgen! Er wollte den Jüngeren nicht einfach so gehen lassen. Dafür... Ja, er war ihm einfach zu sympathisch. Er wollte Tristan eigentlich gerne in seiner Nähe haben!

Leise fluchend schlug er wieder die Kapuze hoch und folgte Tristan zu Fuß. In einem unbekannten Wald kam dieser sowieso nicht schnell voran, ob nun mit Pferd oder ohne und Nathan kannte sich aus!



Wütend ließ Tristan Morgenstern durch das Unterholz traben. Ihm war egal, wohin er ritt, er wollte einfach nur weg. Weg von Nathan. Was dachte er sich dabei, ihm solche Dinge an den Kopf zu werfen? Wenn er ihn störte, dann sollte er das einfach sagen! Klipp und klar und nicht so lange warten, bis Tristan von alleine die Flucht ergriff. Und wenn Tristan nicht viel zu stolz gewesen wäre, wäre er auch wieder umgekehrt! Insgeheim musste er sich eingestehen, dass er nicht von Nathan weg wollte! Er hatte sich tatsächlich in den großen Blonden verliebt. Wieder ein Grund mehr, warum dessen Worte ihn so gewaltig schmerzten! Tristan hatte gedacht, dass Nathan ihn auch irgendwie mochte, aber da hatte er sich geirrt. /Es wäre ja auch zu schön gewesen..../

Nachdem er eine ganze Weile stumm vor sich hingeritten war, kam er an einen Fluss, an dem er abstieg und sein Pferd trinken ließ. Verträumt hockte er sich ans Ufer und beobachtete traurig den Strom...



Mit sicheren Schritten folgte Nathan den Spuren, die Morgenstern hinerlassen hatte. Tristan schien wirklich einfach ziellos durch die Gegend zu reiten. Er war aber schon ziemlich weit gekommen. Nathan war froh, dass er seinen Kapuzenmantel an hatte, denn dieser schütze ihn vor Mücken oder Ästen, die seine Arme oder sein Gesicht zerkratzen würden. So kam er einigermaßen schnell vorwärts.

Nach einer Weile kam er an einem Fluss an, der sich durch den Wald schlängelte - und erschrak zu tiefst. Da war Morgenstern, aber wo war Tristan?

In seinen Gedanken formten sich schon die schrecklichsten Situationen. Vielleicht doch ein Bär...?! Doch dann sah er ihn am Flussufer hocken und verträumt vor sich hinstarren. Nathan fiel ein Stein vom Herzen. Er hätte es sich nie verziehen, wenn Tristan hier etwas zugestoßen wäre. Leise trat er näher an den Jüngeren heran, doch dieser schien ihn nicht zu bemerken, so in Gedanken versunken war er.

Nathan überlegte fieberhaft, was er jetzt sagen konnte, doch ihm fiel nichts ein. Also hockte er sich einfach neben ihn und blickte auch stumm auf den Fluss.

An dem Zucken, das durch Tristans Körper ging, konnte er erkennen, dass dieser ihn bemerkt hatte, doch er starrte weiter verbissen vor sich ihn. Erst Nathans sanfte Stimme ließ ihn den Kopf drehen: „Du hast nicht vor zurück zu kommen, oder?“

„Eigentlich nicht...“

Nathan wusste, was Tristan jetzt von ihm erwartete, doch er meinte bloß: „Tja... dann sollte ich dir vielleicht sagen, dass die Stadt in der anderen Richtung liegt!“

Wütend erhob sich Tristan, doch auch Nathan sprang erschrocken auf und hielt ihn am Handgelenk fest. „Och Tris! Das wollte ich jetzt eigentlich gar nicht sagen! Glaub mir! Ich würde mich freuen, wenn du zurück kommst! Immerhin hast du doch noch das Geschäft zu erledigen! Und du störst mich nicht! Ich bin nun mal ein Typ, der gerne dummes Zeug redet!“

Tristan sah ihn unsicher an, wie gerne würde er einfach mit ihm zurück reiten. Aber sein Stolz... /Ach, scheiß auf Stolz! Ich werde ihn in ein paar Tagen sowieso nicht mehr sehen.../

Wortlos schritt er zu Morgenstern und saß auf. Nathan dachte schon, er würde einfach so abhauen, doch Tristan hielt vor ihm an und streckte ihm die Hand hin.

„Du kommst wieder mit zu mir?“ Nathan war die Erleichterung anzumerken. Tristan musste lächeln. „Ja, steig auf! Aber halt dich beim nächsten mal ein bisschen zurück!“

Glücklich nickte Nathan und gemeinsam ritten sie wieder zurück zu Nathans Hütte.



Als sie dort ankamen, war es schon fast dunkel draußen. Von weitem konnte man den Lärm der Stadt hören, wo das Mondfest gefeiert wurde. Tristan hatte ursprünglich überlegt, hinzugehen, aber so wirkliche Lust hatte er nicht - er wollte lieber bei Nathan bleiben. Dieser ließ sich gerade von Morgenstern gleiten und griff dann ungefragt nach den Zügeln, welche Tristan widerstandslos losließ.

Nathan führte Morgenstern in den Stall, trotz der Tatsache, das Tristan noch auf seinem Rücken saß. Dieser staunte nicht schlecht, als er in den geräumigen Schlag geführt wurde, in dem noch ein weiteres Pferd stand. Es war ein schlanker Fuchs.

„Komm, wir müssen ihn trocken reiben!“, forderte Nathan Tristan auf und dieser sprang von Morgensterns Rücken. Nathan nahm ihm den Sattel ab und gemeinsam begannen sie, ihn mit Stroh abzureiben.

„Gestern habe ich es alleine gemacht!“

„Danke!“ Nachdenklich machte Tristan seine Arbeit und folgte dem Älteren dann wortlos in die Hütte. Seine Satteltasche stellte er wieder in die Ecke, dann setzte er sich neben Nathan auf dessen Bett. Der Ältere sah ihn überrascht an, dann fragte er: „Und? Triffst du dich nun morgen mit deinem Kunden?“

Tristan nickte zufrieden: „Ja! Ich hoffe doch mal, dass er kommt!“

„Und was wenn nicht?“

„Dann kann er sich seine Diamanten sonst wo.... ähm... dann reite ich nach Hause.“

„Ah ja...“ Nathan grinste. „Und wo hast du die Diamanten?“

„Das werde ich dir wohl kaum sagen! Dann kann ich sie dir auch gleich schenken!“

„Wenn ich sie heute nacht suchen würde, würdest du davon gar nichts mitbekommen!“ Wieder Nathans spöttisches Grinsen.

Doch Tristan grollte nur tief: „Lass es, Eremit! Sonst wachst du am nächsten Morgen mit einem Dolch in der Brust auf. Falls du überhaupt noch aufwachst!“

„Hört hört! Der Kleiner droht mir!“ Nathan lachte laut, dann lehnte er sich mit dem Rücken gegen die Wand und winkelte die Beine an. Er fragte liebevoll: „Erzählst du mir was von deinem Zuhause?“

Tristan betrachtete ihn mit einem schrägen Blick. /Was will er???/ Dann rutschte er jedoch auch mit dem Rücken an die Wand, sodass er Schulter an Schulter mit Nathan saß und begann zu erzählen. Nathan hörte stumm und gespannt zu. Irgendwann lehnte er seinen Kopf an Tristans Schulter und schloss die Augen. Gerade, als dieser schon dachte, der andere sei eingeschlafen, öffnete er sie wieder und meinte leise: „Es ist schön bei dir Zuhause, oder?“

Tristan nickte bloß, dann fragte er sanft: „Was ist mit deinem Zuhause? Wo kommst du her?“

Doch Nathan stand bloß wortlos auf und meinte dann: „Lass uns schlafen gehen, es ist schon spät!“

Tristan verzog ärgerlich das Gesicht, doch er harkte nicht nach, sondern zog sich stumm aus und kroch in sein Bett. Nathan löschte wie am vorigen Abend das Licht und legte sich dann selber hin...



/Nathan?/ Müde schlug Tristan die Augen auf. Um ihn herum war es immer noch vollkommen dunkel, doch irgendetwas hatte ihn geweckt. Tristan wunderte sich gar nicht, als er zu Nathan rüber blickte und dieser aufrecht im Bett saß. Er schien am ganzen Körper zu zittern. Erschrocken sprang Tristan auf und schlich zu dem Bett seines Freundes hinüber - und musste feststellen, dass er zu schlafen schien. Sein Gesicht war wieder schmerzverzogen und er schien sich selber zu umarmen. Aus seiner Kehle entwichen ab und an Schluchzer. Tristan schluckte schwer. Heute würde er ihn wecken.

Entschlossen setzte er sich auf den Bettrand und packte Nathan bei den Schultern um ihn zu schütteln. Doch dieser schrie bloß laut auf, dann öffnete er die Augen. Im Raum herrschte Schweigen, welches durch Nathans raue Stimme durchbrochen wurde:

„Cedric? Bist du’s?“

Tristan wusste zu erst nicht, was er erwidern sollte, dann meinte er sanft: „Nein, ich bin es, Tris...“ und legte seine Hand auf den Arm des anderen. Dieser starrte nur stur gerade aus und Tristan dachte, er würde noch immer schlafen, doch dann bemerkte er die Tränen, die langsam über Nathans Wangen liefen.

Erschrocken fing er an, leise Worte zu murmeln, um den Älteren zu beruhigen. Doch auch das schien nichts zu nützen. Tristan schluckte ein mal trocken, da er nicht wusste, ob die Idee, die ihm eben gekommen war, etwas bringen würde /außer vielleicht ein blaues Auge.../, doch dann rutschte er näher an den Älteren heran und nahm ihn in die Arme. Nathan brauchte einen Moment, um zu realisieren, was mit ihm geschah, doch dann lehnte er sich überraschenderweise gegen Tristan und erwiderte die Umarmung. Tristan strich beruhigend mit der Hand immer wieder Nathans Rücken auf und ab, und dieser schien ihn gar nicht mehr loslassen zu wollen. Seufzend brachte Tristan ihn dazu, ein Stück zu rücken, dann legte er sich neben ihn und, sich immer noch in den Armen haltend, schliefen beide ein.



Als Tristan dann am nächsten Morgen die Augen aufschlug, fand er sich alleine in Nathans Bett wieder. Die Decke war säuberlich über ihn ausgebreitet worden. Verwirrt erhob er sich und wusch sich an der Wasserschüssel, die wieder an ihrem Platz stand. Nachdem er sich angezogen hatte, wendete er sich der Tür zu, um Nathan zu suchen, doch dieser betrat gerade im Augenblick den Raum und sah ihn überrascht an. Dann wurde er rot und senkte verlegen den Blick. „Ich habe wieder etwas Brot für dich. Es ist gleich Mittag und du hast doch das Treffen mit dem Kunden?!“

„Was? Schon so spät?!“ Tristan griff dankbar nach dem Brotstück und begann erneut in der Satteltasche zu wühlen. Er stopfte alles was er braucht in seine Tasche und verließ dann die Hütte, wo Nathan mit Morgenstern schon auf ihn wartete. Er vernichtete noch schnell den letzten Rest des Brotes, dann legte er seine Hand auf Nathans Arm und lächelte ihn an: „Bis nachher, ja?“

Nathan, der Tristans Blick bisher immer ausgewichen war, lächelte scheu zurück und sah seinem Freund dann beim Aufsteigen zu. Tristan wendete Morgenstern und begab sich auf den Weg zur Stadt. /Wenn er über die letzte Nacht nicht reden will, akzeptiere ich das... ich spreche ihn sicher nicht drauf an..../



„1200 Taler? Ist das nicht ein bisschen viel?“

„Nein, mein Herr. Das ist für ein ganzes Säckchen unserer Ware schon ein billiger Preis. Tiefer darf ich leider nicht gehen!“ Unsicher beobachtete Tristan den Mann ihm gegenüber. Er war klein, rundlich und machte einen reichen Eindruck. Tristan hatte echt Angst, dass ihm der Preis zu teuer war, und er abspringen würde. Das würde sein Vater ihm nie verzeihen. Aber genauso hatte sein alter Herr auch gesagt, er solle mit dem Preis nicht weiter runtergehen als auf 1200 Taler.

Nachdenklich machte Tristan einen Vorschlag: „Ich bin noch ein oder zwei Tage hier in der Stadt. Wenn sie noch eine Nacht darüber schlafen wollen, gerne! Wir können uns auch morgen noch mal hier treffen und sie teilen mir ihre Entscheidung mit...“

Der Kunde überlegte kurz, dann hellte sich sein Gesicht auf und er meinte grinsend: „In Ordnung, Kleiner! Wir treffen uns morgen hier! Und du bist echt noch in der Stadt? Sind nicht alle Herbergen voll?“

„Doch, die Herbergen sind voll, aber ich habe im Wald jemanden gefunden, der mich aufnimmt. Sagen wir dann morgen zur gleichen Zeit wieder hier?“

„Das ist schlecht, abends würde es mir besser passen. Ich bin so gegen 21 Uhr hier und werde es bis dahin noch einmal überdenken!“ Der Alte erhob sich ächzend und streckte Tristan seine riesige Hand hin, um sich zu verabschieden. Tristan erwiderte den Händedruck, wobei er aufpassen musste, nicht schmerzlich das Gesicht zu verziehen. Dann war der Alte fort.

Tristan lehnte sich schweratmend zurück.

Er hatte den Preis doch schon von 1300 Taler auf 1200 gesenkt. Wenn er morgen eine Absage erhalten sollte, was würde er dann tun? Wäre sein Vater einverstanden, wenn er noch weiter runtergehen würde, um die Steine loszuwerden? Oder sollte er sie lieber wieder mit nach Hause nehmen, wo sie dann zu ihrem gerechten Preis verkauft werden würden? Was würde sein Vater tun? Oder sein Bruder Ede? Warum hatte sein Vater auch gerade ihn zu so einem schwierigen Kunden geschickt?

Deprimiert erhob sich auch Tristan und zahlte an der Theke die Zeche für sich und seinen Kunden. Danach begab er sich nach draußen, um zu Nathan zurück zu reiten.



Er hatte wirklich über vier Stunden in der Stadt gebraucht und es war schon kurz vor fünf am Abend, als die Holzhütte seines Freundes in Sichtweite kam. Diesmal waren die Fenster aber beleuchtet, also war Nathan zu Hause. Eigenständig brachte Tristan Morgenstern in den Stall und rieb sie ab, bevor er die warme Hütte betrat. Nathan saß am Tisch. Er hatte nicht wie heute morgen den Kapuzenmantel an, sondern trug wieder seine himmelblaue Pluderkleidung. Sein Haar war mit einem Band nach hinten gebunden, damit es ihm bei seiner Arbeit nicht im Gesicht hing.

/Arbeit?/ Neugierig trat Tristan näher und beobachtete Nathan dabei, wie er aus einem Stück Holz konzentriert eine Figur schnitzte. Seine geschickten Finger hielten dabei das Messer und das Holzstück sicher.

Zum ersten Mal fiel Tristan auf, was für schöne Hände Nathan doch hatte. Seine Finger waren lang und zart, so als wenn sie keine harte Arbeit gewohnt waren.

/Also stammt er schon mal nicht aus einer Bauernfamilie!/, schloss Tristan. Er konnte den Blick kaum noch von den Händen abwenden, die immer wieder sanft über das Holz fuhren um nach rauen Stellen zu suchen. Als Tristans Gehirn nun auch noch anfing, nicht jugendfreie Bilder zu produzieren, wurde er rot. Als wenn Nathan seine Gedanken gelesen hätte, rutschte er mit dem Messer ab und schnitt sich in den Finger. Missbilligend sah er auf das verletzte Stück Haut, das stärker als gedacht zu bluten angefangen hatte, doch er unternahm nichts dagegen.

Tristan zog die Stirn kraus und meinte wütend: „Was machst du denn?“ Dann griff er nach Nathans Finger und führt ihn an seinen Mund, wo er mit seiner Zunge über den Schnitt in der Haut fuhr. Nathan beobachtete ihn verwirrt, zog seinen Finger aber nicht weg.

Als Tristan sich sicher war, dass es aufgehört hatte zu bluten, meinte er verlegen: „Speichel stoppt die Blutung und desinfiziert!“ Errötet ließ er dann Nathans Finger los, der diesen erstaunt betrachtete und dann sein Schnitzzeug wieder zur Hand nahm, um seine Arbeit fortzusetzten. Tristan ließ sich seufzend ihm gegenüber nieder.

„Und? Dein Geschäft erledigt?“ Nathan blickte nicht einmal auf.

„Nein, der Kunde konnte sich nicht entscheiden. Ihm war der Preis zu hoch. Wir treffen uns morgen noch mal! Aber erst am Abend.“

„In Ordnung, dann kannst du morgen ja ausschlafen!“

„Ja, das kann ich dann wohl!“ Nachdenklich sah Tristan aus dem Fenster. Draußen war die Sonne dabei unter zu gehen.

„Hunger auf Abendbrot?“ Nathan hatte seine Schnitzarbeiten beendet und sich erhoben. Tristan nickte geistesabwesend mit dem Kopf und drehte die Holzfigur - einen Adler - in seinen Händen. Sie sah schön aus. Nathan schien Talent für so etwas zu haben.

„Mist!“ Erschrocken sprang Tristan auf. Nathan hob überrascht den Blick. „Ich hab was bei Morgenstern vergessen!“

„Dann hol es, ich mach in der Zwischenzeit Essen!“ Doch Tristan war schon fast aus der Tür heraus - als er mit einem erschrockenen Keuchen zurück taumelte und auf dem Hintern landete. Alarmiert wirbelte Nathan herum und erstarrte. Vor der offenen Tür standen zwei finstere Typen und der vordere hatte einen Dolch in der Hand.

„Was wollt ihr?“ Nathans Stimme war die Verwirrung anzuhören, doch die beiden Kerle lachten nur dreckig: „Nichts von dir, Eremit! Wir wollen was von dem Kleinen hier!“

Der Unbewaffnete trat zu Tristan heran und ergriff ihn am Hemdkragen, woran er ihn hochhob. Tristan, der dadurch kaum Luft bekam, zappelte wild, doch der Hüne lachte nur amüsiert. „Gib dir keine Mühe, gegen mich hast du keine Chance!“ Tristan wollte gerade etwas darauf sagen... oder besser röcheln... als er plötzlich unsanft auf dem Boden landete. Nathan hatte dem Hünen seine Schulter in den Bauch gerammt und stellte sich nun schützend vor den am Boden hockenden, der erleichtert nach seinem Hals gegriffen hatte.

„Hier in meinem Haus wird nicht so mit meinen Gästen umgesprungen!“, knurrte Nathan wütend. Tristan hinter ihm rappelte sich auf und tastete unauffällig nach dem Dolch in seinem Stiefel. Nun auch bewaffnet stellte er sich neben seinen Freund.

„Oha, der Kleine hat ein Spielzeug!“ Der Kumpel des Hünen lachte gehässig und stürzte sich dann auf Tristan. Nathan wollte ihm helfen, doch wurde von dem Hünen festgehalten. Der Jüngere ging durch das Gewicht des Mannes zu Boden und schlug hart mit dem Kopf auf. Fast hätte er den Dolch fallen gelassen, doch seine Finger schlossen sich in einem stahlharten Griff darum. Der Bewaffnete hielt ihm seinen Doch an die Kehle und frage ruhig: „Okay, Kleiner! Wo sind die Klunker? Wir haben den Auftrag hier was abzuholen!“

„Ich hab sie nicht hier! Und selbst wenn, würde ich sie dir bestimmt nicht geben!“, presste Tristan hervor. Nathan, ein Stück weiter, wehrte sich verbissen gegen den Griff des Hünen, doch dieser schlug ein Mal mit der flachen Hand zu und Nathan sank bewusstlos zu Boden.

Nun gesellte sich der Hüne zu seinem Freund. „Will er sie nicht rausrücken?“

„Nein, scheinbar nicht!“

Der Hüne nahm seinem Kumpel, der begann die Hütte zu durchsuchen, den Dolch ab.

Mit einem Ruck wendete er Tristan auf den Rücken und verdrehte ihm seinen Arm schmerzhaft, während er mit dem Knie in das Kreuz des Kleineren drückte. Tristan keuchte erschrocken auf und ließ den Dolch fallen. Verbissen versuchte er sich zu befreien, doch der andere war größer und verstärkte seinen schmerzhaften Griff.

"Willst du echt nichts sagen?"

Tristan schüttelte nur hilflos den Kopf - aus ihm würden sie kein Wort heraus bekommen. Deutlich konnte er das Knurren des Hünen hören, dann begann sein Rücken wie Feuer zu brennen und ihm wurde klar, dass dieser gerade Bekanntschaft mit dem Dolch machte. Der Hüne war ausgiebig damit beschäftig verschiedene Muster auszuprobieren und hielt erst inne, als sein Freund auf ihn zugestürmt kam: "Was machst du denn? Wenn er das Bewusstsein verliert oder gar abkratzt, bekommen wir aus ihm gar nichts heraus!"

Tristan merkte, wie der Druck der Klinge nachließ. Schon jetzt liefen ihm hemmungslos Tränen über die Wangen.

"Hm.... Hast ja Recht!" Unsanft wurde er wieder auf den Rücken gedreht und er spürte deutlich, wie sein warmes Blut an ihm herab lief. Gepeinigt kniff er die Augen zusammen. Was würde wohl jetzt kommen? Der Hüne verpasste ihm einen Schlag ins Gesicht, damit er wieder zur Besinnung kam.

"Kleiner? Dir ist aber schon klar, das es für dich gesünder wäre, wenn du uns endlich unsere Frage beantwortest?!"

"Ich sage nichts, außer das sie nicht hier sind!"

"Wo sind sie dann???" Der Hüne wurde laut.

Tristan schüttelte stur den Kopf und konnte nur noch aufkeuchen, als eine harte Faust in seinen Magen gerammt wurde. Es schien, als wenn alle Luft aus seinen Lungen entweichen würde. "Ich sage nichts!!!"

Wieder traf ein harter Schlag seine Rippen, und Tristan glaubte sie brechen zu hören. Gequält schrie er auf.

"Was machen wir, wenn er uns echt nichts sagt?", mischte sich nun wieder der Freund des Hünen in das Gespräch ein. "Ach, heb dir deine klugen Fragen für den Fall der Fälle auf und such weiter. Sie müssen hier sein! Er wird sie ja wohl kaum gegessen haben!" Der Hüne griff nach Tristans Haaren und zog ihn daran näher zu sich heran. "Jetzt sag’s schon!!"

"Nein!", heulte Tristan auf.

"Ach man...!!!" Mit viel Schwung wurde Tristan auf den Boden geschleudert und schlug hart mit dem Kopf auf. Hustend krümmte er sich am Boden zusammen und wimmerte vor Schmerz. Sein Rücken brannte immer noch und er konnte deutlich fühlen, dass sein Hemd von seinem eigenen Blut durchnässt war. Über ihm ertönte wieder die Stimme seines Peinigers: "Nichts gefunden?" Der andere musste wohl mit dem Kopf geschüttelt haben, denn der Hüne hörte sich nun noch deprimierter an: "Der Boss wird uns umbringen! Und an allem ist nur diese Kröte Schuld!!!" Mit voller Wucht trat er Tristan in die Magenkuhle. Dieses Mal war Tristan sich sicher: Es waren Rippen gebrochen. Und so wie es sich anfühlte, auch alles andere, was in ihm drinnen brechen konnte. Erschrocken riss er die Augen auf und musste feststellen, dass er alles nur noch verschleiert wahrnahm. Verbissen kämpfte er gegen die Schwärze an, die ihn sanft zu umarmen versuchte.

"Man! Die Klunker sind nicht hier! Lass uns verschwinden..." Die Stimme des anderen, worauf der Hüne nur knurrte und einen wütenden Schrei ausstieß.

Wieder explodierte eine Schmerzwelle in Tristans Magen und danach spürte er den Fuß des Hünen deutlich in seinem Rücken. Gequält versuchte er zu atmen. Es ging nicht. Erschrocken schnappt Tristan nach Luft und sah die erlösende Finsternis immer näher kommen. Aus weiter Ferne hörte er die Stimme des anderen: "Hör auf! Du bringst ihn noch um!"

Der Hüne knurrte gereizt: "Na und? Wir können froh sein, wenn der Boss UNS nicht umbringt!!! Er braucht die Steine!"

"Aber er ist noch ein Kind! Das können wir nicht machen!"

"Wir können viel!"

"Lass es! Wir gehen! Wenn die Steine nicht hier sind, können wir sie auch schlecht besorgen. Vielleicht hatte der Boss falsche Informationen oder so..."

"Ach, lass mich doch in Ruhe..."

Dann wurde eine Tür kraftvoll zugeschlagen. Als wenn das, das Kommando gewesen wäre, gab Tristan allen Widerstand auf und flüchtete sich in das rettende Schwarz...


- 3 -

Nathans Kopf dröhnte. Das war das Erste, was ihm auffiel. Am liebsten hätte er gar nicht seine Augen geöffnet, denn er hatte das dumme Gefühl, dass das Licht seinen Augen gar nicht gut tun würde. Doch dann fiel ihm Tristan ein. Tristan, der noch mit den beiden Kerlen gerungen hatte, als er das Bewusstsein verloren hatte.

Mit großem Kraftaufwand öffnete er die Augen und setzte sich auf. Sein Blick schweifte durch den Raum - von den Hünen nichts zu sehen - und blieb an einer leblosen Gestalt hängen. Sein Herz begann schneller zu schlagen. Es war das einzige, was er noch wahrnahm - dies und Tristan, der in einer roten Blutlache am Boden lag und sich nicht rührte.

Mit einem erstickten Schrei überwand er auf allen vieren dem Abstand zu seinem Freund. Als er auf ihn hinabblickte, traten ihm Tränen in den Augen. Hilflos griff er nach Tristans Hals, um den Puls zu fühlen...

„Tristan!!!!“ Plötzlich war seine Schwäche vergessen und ein einziger Gedanke erfüllt seinen Kopf: Er lebt! Doch er sah schrecklich aus. Tristans Hemd war mit seinem Blut vollgesogen, welches wohl von einer Verletzung auf seinem Rücken stammen musste. Seine Lippe war aufgesprungen und ein Bluterguss zierte seine linke Wange.

Ratlos stand Nathan vor dem Körper seines Freundes. Was sollte er jetzt tun? Er musste die Wunden inspizieren, um sie bestmöglich zu behandeln, doch er wollte seinem Freund nicht durch unbeholfene Handgriffe wehtun. Aber da Tristan vorübergehend eh bewusstlos war - wofür Nathan auch dankbar war, denn es erleichterte ihm sein Vorgehen, er könnte Tristans leidenden Blick nicht ertragen - drehte er ihn sanft auf die Seite und zog ihm vorsichtig sein Hemd aus.

Nathan schnappte nach Luft, als er sah in welchem Zustand der schöne Körper seines Freundes war. Auch auf der Brust und in der Magengegend häuften sich die Blutergüsse und bei dem Anblick von Tristans Rücken, musste Nathan mit aller Kraft gegen den Brechreiz ankämpfen! Er war blutüberströmt, was seinen Grund in zahllosen Schnittwunden fand, die vielleicht nicht sonderlich tief waren, ihre Bedrohlichkeit doch durch die Anzahl wieder verstärkten.

Mit einem Keuchen hob Nathan seinen verletzten Freund auf seinen Arm, um ihn zum Bett hinüber zu tragen.

Vorsichtig legte er ihn dort nieder und wendete ihn so, dass er auf dem Bauch lag. Mit schnellen Schritten eilte er, eine Schüssel Wasser und ein paar Tücher zu holen, um die Wunden zu reinigen und Verbände anzulegen. Hoffentlich kam Tristan erst wieder Bewusstsein, wenn Nathan mit seiner Arbeit fertig war.

Doch darüber brauchte er sich keinen Gedanken zu machen. Tristan wachte während der ganzen Verarztung nicht auf, und Nathan machte sich schon ernsthaft Sorgen. Nicht das er innere Verletzung hatte, oder sein Kopf in Mitleidenschaft gezogen worden war.

Mit Tränen in den Augen, deckte er den Jüngeren zu, als er mit seiner Behandlung fertig war. Ein rasendes Gefühl von Wut stieg in ihm auf, wenn er bedachte, was die beiden Hünen seinem Freund angetan hatten und vor allem der Gedanke, dass er ihm nicht hatte helfen können. Nathan ärgerte sich. Warum hatte er auch nicht besser aufgepasst, als der eine Angreifer versucht hatte, ihn auszuschalten? Warum hatte er sich so leicht überwältigen lassen? Okay, er war noch nie ein großer Kämpfer gewesen, aber er hatte sich für nicht wehrlos gehalten. Doch anscheinend hatte er sich geirrt!

Er wollte sich gar nicht ausmalen, was die beiden Fremden seinem Freund nicht noch alles hätten antun können. Es stand außer Frage, dass sie ihn nicht auch hätten umbringen können. Doch daran wollte Nathan am liebstes gar nicht denken. Scheinbar hatte sein Freund großes Glück gehabt und dafür dankte er Gott!

Mit besorgtem Blick, ließ er sich am Bett nieder und hauchte immer wieder kleine Küsschen auf Tristans Handrücken.

Still wachte er über den unruhigen Schlaf seines Freundes...



Tristan war schlecht. Sein Kopf dröhnte. Er hatte Durst. Und sein Rücken brannte wie Feuer. Am liebsten hätte er sich die Decke über den Kopf gezogen, doch er traute sich nicht, sich zu bewegen. Schon das kleinste Anspannen seiner Muskeln schickte Höllenqualen durch seinen Körper. Das Einzige, was er tun konnte, war leise vor sich hin zu wimmern. Doch dann merkte er, wie jemand seine Hand nahm und sanft über seinen Handrücken strich. Tristan versuchte, den Händedruck zu erwidern. Mühsam öffnete er die Augen.

Um ihn herum war alles noch in das dämmrige Licht des Kamins getaucht und draußen schien es noch dunkel zu sein.

Plötzlich erschien ein blasser Blondschopf in seinem Blickfeld. Dessen himmelblaue Augen waren schwarz vor Sorge und er zwang sich zu einem Lächeln, das konnte Tristan deutlich sehen. Dann ertönte die warme Stimme von Nathan: „Tris? Alles klar? Wie geht’s dir?“

Tristan antwortete mit rauer Stimme: „Könnte nicht besser sein!“ Doch das Sprechen bekam ihm nicht gut. Er begann zu husten, worauf seine Lunge mit einem Röcheln reagierte.

Besorgt registrierte Nathan dies, doch dann lächelte er Tristan offen an. „Ich bin so froh, dass du lebst!“

Tristan verzog schmerzhaft das Gesicht. „Ich glaub, ich wäre lieber tot, mein Rücken brennt wie Feuer und alles tut weh!“

Nathans Gesicht wurde finster. „Sag sowas nicht! Ich danke Gott schon die ganze Zeit, dass er dich mir gelassen hat!“ Tristan wollte etwas darauf erwidern, doch er brachte nur ein qualvolles Husten zu Stande. Besorgt befahl ihm Nathan: „Sprich nicht! Das strengt dich zu sehr an. Schlaf bitte noch ein wenig!“

Tristan tat, wie ihm geheißen und schloss die Augen.

Nach wenigen Augenblicken war er eingeschlafen und atmete er wieder ruhig. Nathan küsste erneut seine Hand...



Helles Sonnenlicht blendete Tristan, als er das nächste Mal seine Augen aufschlug. Draußen stand die Sonne schon hoch am Himmel. Aber er fühlte sich wesentlich besser - wenn er nicht so einen Durst hätte. Langsam setzte er sich auf und wollte nach dem Verband, der seinen ganzen Oberkörper umspannte, greifen, doch irgendwer hielt seine Hand fest. Überrascht bemerkte Tristan, dass es Nathan war. Dieser hielt seine Hand fest umklammert und hatte eine Wange an seinen Handrücken geschmiegt. Doch er schien fest zu schlafen. Tristan bedachte ihn mit einem warmen Lächeln, dann versuchte er vorsichtig seine Hand zu lösen, doch Nathan schlug die Augen auf.

Verwirrt blinzelt er Tristan an, dann schien er mit einem Schlag vollkommen wach zu sein. „Tris! Alles okay?“

Tristan grinste in verlegen an. „Ach, Unkraut vergeht nicht. Zumindestens wenn es genug Wasser bekommt!“

Nathan verstand, was Tristan meinte und reichte ihm sofort einen Becher mit Wasser. Gierig leerte der Verwundete ihn. Dann tastete er vorsichtig über den Verband. „Ich werde ihn gleich erneuern!“, versprach Nathan und erhob sich mühsam. Seine Knochen waren ganz steif, weil er die ganze Nacht in der einen Position gehockt hatte. Ratlos stand er vor dem Bett seines Freundes und fragte dann leise: „Weißt du was passiert ist? Der eine hat mir ja das Licht ausgeknipst!“

„Sie wollten wissen wo die Ware für den Kunden ist. Aber ich hab es ihnen nicht gesagt und gefunden haben sie sie auch nicht!“

„Aber...“

„Sie ist im Stall! Das war es, was ich vergessen hatte und holen wollte! Welch ein Glück!“

„Glück? Vielleicht hättest du ihnen einfach sagen sollen, wo das Säckchen ist! Dann hätten wir uns vielleicht den Blutfleck auf meinem Fußboden erspart!“ Nathan klang bitter.

„Blutfleck?! Denkst du, ich gebe so einfach meine Ware her? Danach hätte ich nie mehr zu Hause auftauchen dürfen!“

„Quatsch!!“

„Glaub mir, mein Vater hätte mich umgebracht. Von dem Ruf unseres Betriebes ganz zu schweigen. Der Kunde wartet doch noch.“ Tristan beharrte auf seine Meinung. Niedergeschlagen ließ Nathan sich wieder auf der Bettkante nahe seines Freundes nieder.

„Aber...“

„Glaub mir, ich wusste was ich mache!“ Tristan wurde laut, was ihm aber bald schon wieder leid tat, da Nathans Augen sich mit Tränen füllten, welche ihm dann langsam über die Wangen liefen. Leise hauchte er: „Verdammt! Ich hatte doch bloß Angst, dass du mir hier wegstirbst!!! Als du da auf dem Boden gelegen und dich nicht gerührt hast, dachte ich, du bist tot!“

Tristan sah ihn ungläubig an, bevor er Nathans Gesicht in seine Hände nahm und ihm sanft die Tränen wegküsste. „Ich weiß! Ich wollte dich nicht so erschrecken, glaub mir! Doch hör auf zu weinen!“ Vorsichtig rieb er seine Wange an der seines Freundes, welcher sich langsam wieder beruhigte.

„Was hätte ich bloß gemacht, wenn du tot gewesen wärst?“

Tristan sah ihn spöttisch an, bevor er meinte: „Meine Leiche irgendwo im Wald verschart???“ Eigentlich sollte das ganze ein Scherz gewesen sein, doch Nathan sah ihn entsetzt an. Aber dann meinte er deprimiert nickend: „Stimmt! Was hätte ich auch sonst tun sollen?!“

„Siehste!“ Tristan grinste. „Sag, wie spät ist es? Ich hab doch das Treffen mit meinem Kunden!“

„Da wirst du nicht hingehen! Sicher hat der die beiden Typen überhaupt erst angeheuert!“

„Und wenn nicht? Dann ist das schlecht für den Ruf meines Vaters. Das kann ich nicht riskieren! Ich geh auf jeden Fall ihn!“

„Dann komm ich mit!“, beschloss Nathan trotzig!

Sein Freund sah ihn grinsend an. „In Ordnung, dann komm mit!“

Kurz herrschte Schweigen, dann meinte Tristan leise: „Mir ist kalt!“

„Das kommt, weil du so viel Blut verloren hast! Was guckst du mich jetzt so an? Soll ich dich wärmen, oder wie?“

Tristans Grinsen wurde breiter und er schlug wortlos die Decke beiseite. Nathan starrte ihn unsicher an, doch dann schien er sich einen Ruck zu geben und befreite sich von seinem Hemd. Vorsichtig legte er sich zu seinem Freund unter die Decke, welcher sich auch sofort schnurrend an ihn schmiegte und zufrieden seinen Kopf auf Nathans Brust bettete. „Schon besser!“ Nathan sagte gar nichts, denn er war in Gedanken mit der Frage beschäftig, ob er seine Arme um den Jüngeren legen konnte. Zögerlich entschied er sich dann für ‚Ja!’ und hielt den Kleineren fest.

Irgendwann hörte Nathan, wie Tristan sich räusperte und dann völlig zusammenhangslos fragte: „Wer ist Cedric?“

Am liebsten wäre Nathan aufgesprungen, doch irgendwas hielt ihn zurück - vielleicht war es auch bloß Tristan, der immer noch seine Brust belegte. Lange überlegte er, was er darauf antworten sollte, doch dann meinte er einfach nur: „Er war mein Freund!“

„Dein Freund?“

„Ja, mein Freund!“ Nathans Stimme klang nachdenklich.

„Inwiefern Freund?“, bohrte Tristan gnadenlos nach. Er war schon überrascht, dass er auf seine Frage überhaupt eine Antwort bekommen hatte und wollte Nathans Redseligkeit ausnutzen, um mehr über ihn zu erfahren.

„Was meinst du?“ Der Ältere stellte sich dumm.

„Na, ob du ihn geliebt hast?!“

Verblüffte setzte Nathan sich auf und Tristan musste gezwungenermaßen das gleiche tun. Dann ertönte Nathans unsichere Stimme: „Ja, ich glaub, ich habe ihn geliebt...“ Eigentlich hatte er erwartet, dass Tristan darüber erschrocken sein würde, doch dieser fragte einfach weiter: „Und was ist aus ihm geworden?“

Die Stimme des anderen war nur ein Wimmern: „Ich weiß es nicht!!“ Nathan hatte angefangen zu zittern und Tristan legte beschützend seine Arme um ihn: „Würdest du mir erzählen, was passiert ist?“

Der Ältere schwieg, bis er einmal tief durchatmete und dann begann:

„Man hat uns erwischt. Mein Vater kam einfach so in mein Zimmer und hat uns erwischt! Die Situation war eindeutig und ich konnte nichts machen. Cedric war ein Dienstjunge bei uns in der Werkstatt - wir stellten Spielzeug her - und er war genauso alt wie ich. Befreundet waren wir schon immer, und irgendwann ist uns aufgefallen, dass wir beide mehr wollten. Doch es konnte nicht gut gehen.“ Nathan musste schlucken.

„Als mein Vater ins Zimmer herein kam, hat er vor Wut geschäumt. Er hat Cedric von mir runter gezerrt und mich angebrüllt, ich solle verschwinden. Nie wieder hier zu Hause auftauchen. Aus seinem Leben treten. Ich sei eine Schande für die Familie. Etwas abnormales. Und Cedric hat er mit sich hinaus geschleppt. Ich hab ihn meinen Namen rufen gehört. Und wie er vor Schmerz gewimmert hat. Doch ich konnte ihm nicht helfen. Ich hab meine Sachen gepackt und bin gegangen. Zwar habe ich versucht, nach ein oder zwei Tagen noch einmal zurück zu kehren, doch man hat mich vom Hof gejagt.“ Nathan krallte die Finger ins Bettlaken. „Sie haben sogar die Hunde auf mich losgelassen. Also bin ich ganz aus der Stadt verschwunden. Bin quer durchs Land gereist, um schließlich hier zu landen. Von Cedric hab ich nie wieder etwas gehört. Ich mache mir solche Vorwürfe. Sicher haben sie ihn schrecklich gequält und dass alles nur meinetwegen. Ich bin unnormal!!!!“

Nathan verstummte und das Zittern, das seinen Körper durchlief, wurde immer stärker. Er hatte am Ende schon so schnell gesprochen, dass Tristan Probleme hatte, mitzukommen, doch die letzten Worte seines Freundes hatte er nur zu deutlich verstanden. „Nein! Du bist nicht unnormal!“

„Doch!“, wimmerte Nathan. Tristan schloss ihn fester in die Arme ohne auf seine eigenen Verletzungen zu achten. „Quatsch! Das haben dir deine Eltern nur eingeredet! Dann sag mir doch bitte, was daran unnormal ist...“

Sanft nahm er Nathans Gesicht wieder in seine Hände und küsste ihn zärtlich auf den Mund. Dieser starrte ihn verblüfft an. Doch Tristan fuhr unbeirrt fort: „Wie kann etwas, dass sich so gut anfühlt, falsch sein? Es ist völlig normal! Sonst wäre ich ja auch unnormal! Und noch viele andere. Ich kenne eine Menge Leute, die so sind wie wir. Ich stehe dazu! Und du solltest es auch tun! Es wäre schade um dich, wenn du deine Gefühle unterdrückst und nicht so leben könntest, wie du es willst!“

Nathan war sprachlos. Wenn es tatsächlich so normal war, wie sein Freund behauptete, warum hatten seine Eltern deshalb so einen Aufstand gemacht? Auf eine dementsprechende Frage, meinte Tristan nur: „Weil sie intolerant sind! Sie haben es sicher nicht anders gelernt und können solche Gefühle nicht verstehen! Doch glaub mir, es ist nicht unnormal! Und es macht auch keinen schlechten Menschen aus dir! Oder bin ich etwa ein schlechter Mensch?“ Mit zusammengekniffenen Augen fügte er zischend hinzu: „Pass auf was du jetzt sagst!“

Doch Nathan sagte gar nichts, sondern zog Tristans Gesicht zu sich heran und senkte seine Lippen auf die seines Freundes. Dieser erwiderte den Kuss überrascht und konnte sich nach einer Weile nicht daran hindern, seine Zunge mit ins Spiel zu bringen. Doch Nathan öffnete bereitwillig seine Lippen und ließ sie eintreten.

Keiner der beiden wollte aufhören und so verbrachten sie eine schier endlose Zeit damit, sich küssend im Arm zu halten. Für Nathan war es ein unglaubliches Gefühl, seit langem mal wieder einen Menschen bei sich zu haben, der ihn verstand und der seine Gefühle vor allem erwiderte. Er konnte es nicht abstreiten: Er war glücklich...



„Willst du echt zu dem Treffen gehen?“ Nathan hatte sich vor seinem Freund aufgebaut und seine Arme protestierend verschränkt. Doch Tristan schien so entschlossen wie noch nie und schlüpfte in eine frische Hose und ein neues Hemd - das alte war ja in der Nacht draufgegangen. Nathan hatte seinen Verband wieder erneuert und auch wenn die Wunden immer noch brannten und pochten, fühlte er sich stark genug um den Weg bis zur Stadt und zurück zu schaffen.

„Ja, ich werde gehen! Was du machst, ist mir allerdings egal! Komm mit oder lass es bleiben. Bloß entscheide dich bald, ich will los!“

Grummelnd griff Nathan nach seinem Kapuzenmantel, doch Tristan schüttelte den Kopf: „Wenn du so vermummt dort auftauchst, sperren sie dich doch gleich ein! Und außerdem hab ich schon mal erwähnt, wenn ich mich nicht irre, das du dich nicht immer hinter irgendwelchen Kapuzen verstecken sollst!“

Nathan wurde rot, doch dann meinte er: „Aber mit der himmelblauen Kleidung...“

„... passt du hervorragend zu mir und meiner Roten!“, beendete Tristan den Satz und zog Nathan zu sich herunter, um ihn in einen leidenschaftlichen Kuss zu verwickeln, welcher auch sofort energisch erwidert wurde. Als sich beide atemlos voneinander trennten, hüpfte Tristan aufgeregt auf der Stelle: „Arg! Nun mach hin! Ich muss los!“

Nathan konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen und meinte besitzergreifend: „Mir ist es eigentlich gar nicht recht, dass du dich mit diesem Kunden treffen willst! Was würdest du machen, wenn ich dich gefesselt und geknebelt auf dem Bett festhalten würde?“

Tristan zog spöttisch eine Augenbraue hoch. „Witzig! Was würde ich dann wohl machen?“, echote er.

„Tja...“ Nathan grinste. „Dann würdest du wohl gefesselt und geknebelt auf dem Bett liegen und müsstest dein Schicksal akzeptieren!“

„Quatsch nicht rum! Der Tag an dem du mich festhalten kannst, muss erst noch kommen! Gegen mich hast du keine Chance!“, muckte Tristan auf. Doch Nathan grinste ihn nur spöttisch an und meinte übermütig: „DAS werden wir noch sehen!“ Dann griff er lachend nach Tristans Hand und zog den Kleineren nach draußen. „Ich dachte du willst los!“

„Ha ha! Wer quatscht denn hier die ganze Zeit?“

„Du?!“ Für diese Antwort erntete Nathan eine Rippenstoß, welchen er nur mit einem Lachen quittierte.



Das Treffen mir dem Kunden verlief reibungslos. Zwar war dieser mächtig schlecht gelaunt und bezahlte nur mit einem Murren die gewünschte Geldsumme, doch er schien die Diamanten wirklich zu brauchen. Sobald der Tausch vollzogen war, war der Kunde auch schon wieder verschwunden. Nathan, der mit seiner himmelblauen Kleidung und den langen blonden Haaren nicht gerade wenig Aufsehen erregte, hatte die ganze Zeit stumm neben Tristan gesessen und auf ein schwächelndes Anzeichen seines Freundes gewartet. Doch Tristan schien es einigermaßen gut zu gehen und wenn er Schmerzen hatte, ließ er sich nichts anmerken.

Nathans besorgter Blick wich auch nicht von ihm, als er die Tür der Hütte schloss und sich schnaufend auf dem Bett seines Freundes nieder ließ.

„Jetzt schau nicht so! Mir geht’s gut! Wenn du willst, mach ich dir hier 50 Liegestütze!“

„Ha, die bekommst du ja nicht mal in normalem Zustand hin!“

„Sag mal, du traust mir auch gar nichts zu, oder?“

„Och, nur dass, was man einem Kind zutraut!“

„Kind?! Ich hab dir doch schon tausend mal gesagt...“

„... das ich dich nicht Kind nennen soll! Ja, ich weiß! Aber ich mach es trotzdem!“

Grummelnd zog Tristan sich seine Klamotten aus, ohne auf das Gesagte einzugehen. Gegen Nathans Sturkopf kam sogar er nicht an. Aber na ja... es war ja ein reizender Sturkopf, da konnte er es schon mal verschmerzen, dass er nicht das Sagen hatte. Und außerdem würde er morgen wieder nach Hause reiten. Bei dem Gedanken daran, wurde ihm schon jetzt schlecht. Wie sollte er bloß den Abschied schaffen?

Nathan schien die schlechten Gedanken seines Freundes zu erahnen und setzte sich neben den ’Halbnackten’: „Was geht jetzt schon wieder in deinem hübschen Kopf vor? Mach nicht so ein Gesicht, bitte, ja? Und vor allem, nimm dir eine Decke, wenn du hier schon so unbekleidet rumsitzen musst. Noch ist die Hütte nicht warm. Ich hab den Kamin doch erst eben angemacht!“

„Mecker doch nicht immer mit mir! Alles was du mit seit meiner Ankunft zu sagen hattest, waren irgendwelche Belehrungen und Nörgeleien!“

„Nein, das stimmt doch gar nicht!“

„Siehste, du widersprichst mir schon wieder!“ Tristan schnaubte empört auf, ließ sich aber bereitwillig in die Decke, die Nathan heran zog, einwickeln und gestattete es sogar, dass sein Freund seinen Verband wechselte.

Kopfschüttelnd begann nun auch Nathan sich auszuziehen und kroch dann zu Tristan unter die Decke. Daran, jetzt wieder in getrennten Betten zu schlafen, dachte keiner von beiden.

Irgendwann konnte Nathan spüren, wie Tristan seine Lippen suchte und sanft mit einer Hand über seine Brust strich. Er lächelte gegen die warmen Lippen seines Freundes und schickte seine Hände ebenfalls auf Wanderschaft - wenn auch unendlich zärtlich, um die Wunden nicht noch mehr schmerzen zu lassen.

Als wenn das ein Befehl für den Jüngeren gewesen wäre, verlor er alle Hemmungen und stürzte sich auf Nathan wie ein hungriges Tier. Erst als dieser kurz vor Morgengrauen völlig fertig war und um Gnade bettelte, bettete Tristan seinen Kopf auf der Brust seines Freundes - die sich immer noch schnell hob und senkte - und fiel in einen zufriedenen Schlaf.

Nathan betrachtete ihn glücklich. Er wollte irgendwie nicht einschlafen, denn er wusste, wenn er die Augen wieder öffnete, hieß es Abschied nehmen...



Wortlos und traurig standen sich beide gegenüber. Keiner wusste was er sagen sollte und keiner wagte es dem anderen in die Augen zu sehen.

Beide hingen ihren Gedanken nach.

Nathan beschäftigte sich mit der Bitte, die Tristan, nachdem er die Augen aufgeschlagen hatte, an ihn gerichtete hatte. Er hatte einfach so, ohne einen Zusammenhang gemeint: „Komm mit mir!“ Nathan hatte es zwar gehört und verstanden was sein Freund meinte, aber er wusste nicht was er darauf antworten sollte. Sollte er wirklich einfach mit ihm mitgehen? Alles was er hier hatte, aufgeben? Doch, was hatte er hier schon...?!

Tristans Gedanken waren so ähnlich. Was hielt seinen schönen, großen Freund hier? Gab es etwas, an dem er hing? Tristan wollte ihn auf keinen Fall alleine hier zurück lassen. Und er hatte im Unterbewusstsein auch schon eine Entscheidung getroffen:

Wenn Nathan nicht mit ihm kommen würde, würde er zurückkehren. Er würde seinem Vater das Geld von dem Geschäft nach Hause bringen und dann, mit ein paar zusammengesuchten Sachen, wieder zurück kommen. Denn eins wusste er genau, so schnell würde er Nathan nicht mehr aus seinem Leben verschwinden lassen....

„Okay!“ Nathan fixierte seinen jüngeren Freund.

„Okay?“, fragte dieser verwirrt.

„Ich komme mit dir!“

Tristan wusste erst gar nicht, was er sagen sollte, doch dann lächelte er nur glücklich und zog Nathan zu einem dankbaren Kuss heran. Dieser schloss ihn glücklich in seine Arme und hielt ihn einfach fest.

„Deine Sachen...?!“ Tristan war verwirrt, als Nathan keine Anstalten machte, etwas aus der Hütte zu holen.

„Alles was ich brauche, halte ich in meinen Händen!“, hauchte Nathan und vergrub sein Gesicht in der Halsbeuge des Jüngeren.

Wortlos holten sie ihre Pferde und ritten gemeinsam nach Hause. Denn Nathan fühlte sich bei Tristan mehr zu Hause, als in all den Jahren in seinem Elternhaus...