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Affekt

Original/ Reale Welt [PG] [abgeschlossen] 

[shounen ai]

Einteiler

Inhalt:
Als Daniel einen Anruf von einem anderen Mann annimmt, der eigentlich für seinen Freund Manuel gewesen war, scheint ihm plötzlich eine Sache klar zu sein...

 


 

 

Affekt


„Och Bärchen, was soll denn das?!“

„Nenn mich nicht Bärchen!“, wütend erhob sich Daniel vom Sofa und blickte seinen verdutzt und schon fast verzweifelt aussehenden Freund direkt an.

„Ach, gestern Abend hat es dir aber noch gefallen, dass ich dich Bärchen genannt hab!“ Ebenfalls gereizt stand nun auch Manuel auf und erwiderte den sauren Blick seines Freundes. Beide standen sich gegenüber und schwiegen, bis es plötzlich aus Daniel herausplatzte:

„Gestern, gestern... Gestern war ich mir ja auch noch sicher, dass du mich liebst!“

„Aber ich liebe dich doch! Das weißt du!!!“

„Ich dachte, ich wüsste es! Bloß, wenn du mich wirklich so sehr liebst, wie du sagst, dann erzähl mir doch mal bitte, warum hier heute Felix anruft und nach dir fragt?“

„Felix hat angerufen?“, erstaunt sah Manuel Daniel in die Augen. „Was wollte er?“

„Das solltest du eigentlich wissen!“

„Tu ich aber nicht! Also klär mich bitte auf!“

Verbittert schnappt Daniel: „DAS hat sicher Felix schon getan!“

„Was soll das heißen?“ Manuels helle Stimme klang empört.

„Felix wollte sich bei dir für, ich zitiere, `den wunderschönen Nachtmittag mit dir` bedanken und lässt dir ausrichten, dass er so etwas gerne mal wieder mit dir unternehmen würde!“ Auf Daniels Gesicht hatte sich ein schmerzliches Lächeln geschlichen, welches abrupt verblasste, als er Manuel schlucken hörte.

„Also hatte ich recht!“ Er klang selbst erstaunt, obwohl er den Gedanken schon seit dem Anruf gehabt hatte.

„Wie recht?“ Manuel legte den Kopf schief.

„Manu! Nun spiel mir hier nichts vor! Wenn du mir schon so wehtun musst, dann sag mir wenigstens die Wahrheit!“

Manu schien immer noch nicht zu wissen, was sein Freund meinte. „Wahrheit?“

Daniels aufgebrachter Schrei hallte durch die Wohnung. „Arg! Manu! Jetzt gib endlich zu, dass du mit Felix geschlafen hast!!!“

Manus helles Lachen erschreckte Daniel regelrecht.

„Dani! Sag mir, dass das ein Scherz ist! Sag’s bitte!“ Doch Dani sagte gar nichts. Darauf verstummte auch der letzte Rest von Manus Lachen und er wurde todernst.

„Nee, ne?! Sag jetzt bitte, dass du das nicht ernst meinst! Ich und Felix?! Also hör mal...“

Daniel war aus seiner Starre erwacht und plötzliche Wut kochte in ihm hoch: „Jetzt hörst du mir mal zu, mein Lieber! Für mich sieht das ganze nicht nach ’nem Scherz aus. Und wenn doch, dann ist es ein schlechter!“ Daniels Stimme wurde lauter: „Was, bitte schön, soll ich denn davon halten, das irgendein Scheißtyp hier anruft und sich bei dir für einen tollen Nachmittag bedankt, von dem ich nichts weiß? Sag mir das!“ Daniel hatte angefangen wild zu gestikulieren.

„Also, erstens ist Felix kein Scheißtyp...“

„Toll, jetzt nimmst du ihn auch noch in Schutz! Klasse!“, unterbrach Daniel aufgeregt seinen Freund, „und außerdem brauchst du dir nicht einzubilden, dass ich deine überraschte Reaktion vorhin, nicht bemerkt hätte. Sicher hast du gedacht, dass ich von eurem Nachmittag nie etwas erfahren würde. Ist aber auch schön blöd von deinem Lover, hier anzurufen. Das kannst du ihm gerne so ausrichten!“

„Stimmt...“ Manuel war kraftlos zurück aufs Sofa gesunken, „... ich hatte nicht damit gerechnet, dass du was von diesem Nachmittag erfahren würdest!“

Dani klappte der Kiefer herunter.

„Ach ja?!“

„Ja! Weil Felix und ich über ein Problem geredet haben, das keinen außer ihn und seinen Freund etwas angeht!“

„Ah ja, aber dich, oder wie?!“ Dani atmete schwer.

„Ja! Felix hat mich lediglich um Rat gefragt!“

„Ah ja! Lass mich raten: Er bekommt keinen mehr hoch und du solltest ihm das Gegenteil beweisen und hast dich gerne dafür bereit gestellt!!!“

Manuels Hand traf Daniels Wange so hart, dass dieser einen Schritt zurück taumelte. Getroffen hielt er sich die malträtierte Gesichtshälfte und sah Manuel ungläubig an. Dieser hatte deutlich Tränen in den Augen und ein bitteres Lächeln auf den Lippen.

„Ach so! Das ist also deine Meinung von mir?! Für so billig hältst du mich... gut zu wissen, nach ganzen 5 Monaten!“ Seine Stimme war ruhig. Erschreckend ruhig. Mit der selben Ruhe drehte er sich um und schritt, nach seiner Jacke greifend, zur Tür. Mit einem letzten kalten Blick auf Daniel, der immer noch regungslos dastand, zog Manu die Tür ins Schloss. Leise konnte Daniel seine Schritte im Treppenhaus hören. Hell. Klar. Schnell.

Dann herrschte Stille. Tödliche Stille, die nach einer Weile von Danis Schluchzern durchbrochen wurde. Hemmungslos weinend sank Daniel auf dem Boden zusammen.

Seine Wut war verraucht. Viel zu schwer hatte ihn die Erkenntnis getroffen, dass das, was er eben gesagt hatte, vielleicht endgültig war. Manus Abgang hatte auf jeden Fall einen endgültigen Eindruck gemacht.

Was hatte er da eigentlich gesagt? Hatte er seinem Freund tatsächlich unterstellt, mit einem von seinen Freunden geschlafen zu haben?

Ja, dass musste er wohl getan haben, denn ansonsten wäre Manu ja nicht gegangen. Ansonsten würde seine Wange ja auch nicht so furchtbar schmerzen.

Die eiskalte Erkenntnis hatte aber auch den Vorteil, dass sie ihm wieder die Möglichkeit klar zu denken, die ihm die blinde Wut genommen hatte, zurückgab. Er begann die ganze Situation noch ein Mal zu überdenken:

Wäre Manu wirklich gegangen, wenn er mit seiner Vermutung ins Schwarze getroffen hätte? Hätte ihn seine Bemerkung dann so sichtbar verletzt? Und Manu war verletzt gewesen. Daniel war zwar vor Wut blind gewesen, aber nicht so blind, dass er die Tränen, die in Manus Augen geschimmert hatten, nicht gesehen hätte.

Wieder fielen ihm die letzten Worte seines Freundes ein. Hielt er, Daniel, seinen Freund wirklich für billig?

Sicher nicht! Sonst wäre er ja nicht mit ihm zusammen. Und eigentlich war immer von Manus Treue überzeugt gewesen. Doch vor wenigen Minuten noch, war ihm die Situation eindeutig erschienen. In seinen Augen war ihm klar gewesen, das Manuel ihn mit Felix betrogen hatte. Doch welchen Grund hätte Manu dafür haben sollen? Warum ausgerechnet jetzt? Wo bei ihnen alles so gut lief?

Felix war schon lange Manus Kumpel gewesen und beide hatten nie mehr für einander empfunden als Freundschaft. Tiefe, aufrichtige Freundschaft. So hatte es zumindestens für einen Außenstehenden den Anschein gehabt. Und welchen Grund hätte Manu gehabt, ihn anzulügen?

Sie konnten sich doch alles sagen und offen miteinander reden. Das wussten beide, denn so war es schon immer gewesen. Danis schlechtes Gewissen begann sich zu melden und seine Affekthandlung anzukreiden. Gepeinigt schloss er die Augen. Die Stille im Raum brachte ihn fast um.

Erst, als draußen die Sirene eines Krankenwagens ertönte, riss er seine Augen erschrocken auf. Ein Zittern fuhr durch seinen Körper und brachte ein ungutes Gefühl mit sich, welches sich über ihn legte wie ein dunkler Schatten und auch nicht weichen wollte, als er aufgesprungen und zur Tür gehetzt war. Viel zu schrecklich war der Gedanke, dass Manuel etwas in seiner Enttäuschung über seinen Freund zugestoßen sein könnte.

Mit zittrigen Händen zog er die Tür zu und schloss sie ab. Dann rannte er los, hinaus in die klare Nacht, und stoppt erst, als er nach atemringend vor dem Wohnblock, in dem Manus Wohnung lag, ankam. Schweratmend ließ er seinen Blick die Fassade empor wandern und Manuels Fenster suchen. Ein eisiger Schauder erfasste ihn, als er sie dunkel wiederfand. Der Gedanke, dass sein Freund schon schlief, kam gegen den, dass er gar nicht zu Hause angekommen war, nicht an. Sein Herz begann laut zu pochen und dröhnte in seinem Kopf.

Schnell hastete er zu der immer offenen Eingangstür des Wohnblocks und betrat den dunklen kalten Flur.

Daniel machte sich nicht die Mühe, dass Licht einzuschalten, sondern überwand die Treppen bis in den dritten Stock im Dunkeln.

Mit angehaltenem Atem drückte er die beleuchtete Klingel, die in der sauberen, gutlesbaren Schrift von Manu die Aufschrift „Kamp“ trug. Still wartete er. Nichts geschah. Er klingelte erneut. Nichts.

Eine eisige Hand schien nach Daniels Herz zu greifen und ließ ihn seinen Finger nur noch öfter auf den Klingelknopf drücken. Kurz keimte in ihm der Gedanke auf, dass er mit seinen Beschuldigungen doch recht gehabt hatte, und Manu sich jetzt gerade mit Felix irgendwo vergnügte. Doch dieser löste sich sofort wieder in Luft auf, als von drinnen Manuels helle Stimme ertönte: „Was ist???“

Daniel konnte deutlich den gereizten Ton heraus hören, doch war von ihm das beengende Angstgefühl abgefallen. Manu ging es gut, bis vielleicht darauf, dass er von seinem Freund zu tiefst enttäuscht und beleidigt worden war.

Doch auch das schob Daniel zu Seite und meinte mit gefasster Stimme: „Manu? Ich bin’s, Dani! Mach bitte auf, ich muss mit dir reden!“

Drinnen herrschte Stille. Dani schluckte. „Bitte! Manu! Mach diese Tür auf! Oder willst du unser Gespräch von eben so offen stehen lassen?“

Wieder nichts. Verzweifelung machte sich in Daniel breit.

„Okay! Manu! Ich seh’s ja ein, ich hab nen Fehler gemacht! Und was ich gesagt hab...“

Das helle Geräusch, von einem Schlüssel der im Schloss gedreht wurde, ließ ihn verstummen. Dann wurde die Wohnungstür einen Spalt weit geöffnet und ein dünner Streifen Licht fiel in den dunklen Treppenaufgang. Dani wusste genau, dass es von der kleinen Lampe auf der Garderobe stammte...

Doch als Daniel das allzu gut bekannte Gesicht seines Freundes erblickte, wurden alle Lampen der Welt aus seinem Kopf vertrieben. Manuel sah furchtbar aus. Das sonst fröhliche, kindliche Gesicht wirkte nun leichenblass, was die vom Weinen geröteten Augen noch deutlicher hervortreten ließ. Manus Lippen waren fest zu einem hauchdünnen Strich zusammengepresst und waren ebenso blass, wie der Rest seines Gesichtes. Mit ängstlich Augen sah er seinen älteren Freund an.

Und Dani konnte in diesen Augen noch so viel mehr lesen, als Angst. Da waren ebenso Überraschung, Unglauben, Wut und Verletzung, welche sich deutlich in den schönen dunkelblauen Augen von Manuel wiederspiegelte. So wie sein Freund vor ihm stand, wollte Dani ihn einfach nur in den Arm nehmen und trösten. Das er der Auslöser für die Trauer seines Freundes war, brachte ihn fast selbst zum Weinen. Mit leiser Stimme begann Daniel endlich zu sprechen: „Manu! Das von vorhin tut mir leid. Lass uns drüber reden! Darf ich reinkommen? Bitte!“

Wortlos trat Manuel zur Seite und öffnete die Tür nun vollends. Stumm trat Daniel ein und sah seinem Freund dann zu, wie er die Tür schloss. Als Manuel sich wieder zu ihm herum drehte, sprach aus seinen Augen ein stummer Vorwurf. Und Daniel wusste nur allzu gut, das dieser auch berechtigt war. Er hätte in diesem Augenblick alles getan, nur damit Manu ihn nicht mehr so ansah. Er wäre sogar vor ihm auf die Knie gegangen!

Bei diesem Gedanken wurde Daniel leicht rot. Ihm war gar nicht aufgefallen, wie sehr er diesen kleinen Blondschopf vor sich brauchte und wie viel er für ihn tun würde.

Manuels klare Stimme ließ ihn aus seinen Gedanken hochschrecken. „Also, was hast du mir zu sagen?“

Daniel erschrak, ob der Kälte, die diese Worte ausstrahlten.

„Ich... Ich glaube, es tut mir leid!“

Spöttisch hob Manuel eine Augenbraue: „Du glaubst...“

„Ja! Ich glaube! Okay, es tut mir leid, aber erklär mir bitte erst, von welchem Nachmittag Felix geredet hat und vor allem, warum du mir davon nichts erzählt hast!“

Manu setzte sich in Bewegung und betrat das Wohnzimmer, wo er sich ans Fenster stellte. Daniel folgte ihm in stummen Einverständnis.

„Das ist eine gute Frage. Ich habe keine Ahnung, warum ich es dir nicht erzählt hab! Hm... Vielleicht weil es echt Felix’ Problem war, oder einfach weil ich es als unwichtig empfunden habe. Ich weiß es nicht. Aber was ich ganz genau weiß, ist, dass ich nicht mit Felix geschlafen habe. Ich habe mir nichts vorzuwerfen und kann nur hoffen, dass du mir glaubst!“

„Manu! Ich will dir ja glauben, aber warum hast du mir nichts erzählt?“

Manuel schwieg. Scheinbar hatte er alles gesagt, was es zu sagen gab. Er wusste es wohl wirklich nicht. Und Daniels Herz sagte ihm, dass er Manu vertrauen konnte.

„Okay...! Ich glaube dir! Und was ich vorhin zu dir gesagt hab...“

„... hat schrecklich weh getan!“, unterbrach Manuel seinen Freund.

„Es tut mir leid! Es ist mir so rausgerutscht! Ich halte dich nicht für billig, sonst würde ich dich doch wohl kaum so sehr lieben!“

„Du liebst mich?! Und warum zweifelst du dann an meinen Worten? An mir?“

„Ich zweifele nicht an dir! Bloß, es ist ein zerreißendes Gefühl, wenn der Kopf und das Herz verschiedene Dinge sagen und man nicht weiß, wem man glauben soll! Denn ich bin doch kein Narr! Doch auf der anderen Seite bin ich vernarrt in dich! Ob du es glaubst oder nicht!“

Manuel lachte kurz auf. „Hör auf hier rumzuschleimen, ich rutsche gleich aus!“

„Ich meine das ernst! Sonst wäre ich wohl kaum hier!“

Daniel konnte wie in Zeitlupe sehen, wie sich Manus schöne Augen mit Tränen füllten, welche dann langsam und klar über seine Wangen liefen. Sie hinterließen zwei nasse Spuren, die im Flurlicht, welches das einzige war, dass die Wohnung erhellte, glitzerten.

Dieser Anblick war zu viel für den sonst immer starken Daniel und auch seine Augen begannen sich mit Tränen zu füllen. Doch noch bevor sie an die Oberfläche treten konnten, hatte Dani seinen Freund an sich gerissen und sank mit ihm auf den Boden. Warm hielt er ihn im Arm.

Manu wehrte sich nicht und Daniel konnte deutlich spüren, wie der zierliche Körper unter sich bebte. Er begann beruhigende Worte zu murmeln und die salzigen Tränen seines Freundes weg zu küssen. Irgendwann schien sich Manu unter ihm zu beruhigen und Daniel erhob sich etwas um in das tränenverschmierte Gesicht seines Freundes zu blicken. Dessen Augen waren wieder klar und blickten ihn mit einer unglaublichen Wärme an. Dann schlang Manu seine Arme um Daniels Nacken und zog ihn zu sich herunter um seine warmen Lippen auf die seines Freundes zu drücken. Dieser erwiderte den Kuss sofort und gewährte auch Manus Zunge Einlass, als diese gegen seine Lippen stieß.

Atemlos trennten die beiden sich wieder von einander und Daniel, der immer noch auf Manuels Schoß thronte, sah diesen überrascht an. Leise wisperte er: „Heißt das, dass du mir meine harten Worte vergibst?“

„Was soll ich denn machen?“ Es begannen sich erneut Tränen in Manus Augen zu sammeln, doch der Ausbruch, welchen Daniel erwartete, blieb aus. Stattdessen sprach er mit leiser Stimme weiter:

„Du bist nicht der einzige, der in jemandem einen Narren gefressen hat! Ich brauche dich doch auch! Und selbst die härtesten Worte könnten an meiner Liebe zu dir nichts ändern! Was jetzt nicht heißt, dass ich sie vergessen werde! Doch du bist mir viel zu wichtig, als dass ich dich wegen eines einzigen Vorfalls aufgeben würde...“

In Manuels Worten war soviel Gefühl gewesen, dass Daniel nicht wusste, was er sagen sollte. Wortlos schmiegte er seine Wange an die von Manuel und vergrub dann sein Gesicht in der Halsbeuge des anderen. Dieser schlang wieder beide Arme um ihn und hielt ihn ganz fest. Trostsuchend und -spendend zugleich.

Wie die beiden da so lagen, engumschlungen auf dem Fußboden des Wohnzimmers, wurde ihnen klar, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hatten. Der Eine zu vertrauen und der Andere zu vergessen. Ihre grenzenlose Liebe zueinander, ließ sie irgendwann auf dem Wohnzimmerboden im dritten Stock eines Wohnhauses, eng aneinandergeschmiegt einschlafen. Jeder im Arm des anderen...