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Hopeless - World changer Teil 1 bis 7

KAPITEL 1


„Mensch Tino, nun wart’ doch mal!“ Hecktisch griff Christian nach dem Arm seines besten Freundes.

„Was ist denn?“ Dieser konnte sich ein Grinsen nur schwer verkneifen, hielt aber brav an.

„Willst du jetzt echt zum Bahnhof?“, fragte Christian unsicher.

„Klar, ich hab gerade Langeweile und zu viel Geld...“ Als Tino das erschrockene Gesicht seines Freundes sah, brach er endgültig in Lachen aus. „Nun guck nicht so! Komm einfach mit, du kannst ja draußen warten!“

„Was denkst du, was ich vor hab?“ Christian hörte sich zu Tode empört an. „Seh’ ich so aus, als wenn ich dir beim Vögeln zugucke? Und dann noch mit irgend ’nem armen Minderjährigen?“

„Ehrliche Antwort?“

„Verkneif’s dir!“ Christian blickte sauer in das Gesicht des anderen. „Kannst du dir nicht wenigstens ’nen ordentlichen Freund suchen? Muss es irgend so ein armer Stricher sein?“

„Genau, arm ist das richtige Wort. Den Typen mangelt es an Kohle und ich hab zu viel. Warum nicht tauschen?“

„Klar, er lässt sich von dir vögeln und du lässt ein paar Scheine rüber wandern.“ Christian hörte sich nicht gerade sehr begeistert an.

„Genau, so wird es laufen. Und besser er gerät an mich, als an einen alten, brutalen Ehemann, der nicht den Arsch in der Hose hat, um seiner Frau zu sagen, dass er auf Männer steht!“ Tino stützte die Hände in die Hüften.

Okay, das musste Christian zugeben: Tino sah besser aus, als irgend so ein alter Knacker. Tino war jung – 18, um genau zu sein –, 1,84 m groß, muskulös, braungebrannt und ein richtiger Sunnyboy. Außerdem war er schwul und noch dazu ziemlich sprunghaft – zum Leidwesen von Christian.

Dieser durfte sich dann regelmäßig die Ohren von irgendwelchen abservierten Liebhabern voll heulen lassen.

Tino hielt es nicht sehr lange bei einer Person aus und neuerdings war er auf den Geschmack gekommen, sich mit einigen der Bahnhofsstricher zu vergnügen. Ein teueres Unterfangen, doch Tino hatte das Geld – seine Eltern waren steinreich.

Christan dagegen konnte über Tinos Beziehungskisten nur den Kopf schütteln. Zwar hatte er im Moment auch keinen Freund, aber das hieß nicht, dass er sich nun mit jeder x-beliebigen Person vergnügen musste.

Und schon gar nicht mit irgendwelchen Strichern. Okay, dafür hatte er auch schon alleine nicht das Geld. Christians Eltern waren normalverdienende Leute und er kam mit dem Taschengeld, das er bekam, einigermaßen gut hin, so dass er nicht zu murren brauchte.

Aber nicht selten hatte er Tino für das Geld, dass seine Familie besaß, beneidet, doch Geld war für Christian nicht alles im Leben. Er kam gut zurecht mit dem, was er hatte und strapazierte nicht so die Geldbörse seiner Eltern wie Tino. Der lebte nämlich streng nach dem Motto ‚Mama macht’s möglich!’ oder aber ‚Sponsert bei Papa!’. Und dies trotz der Tatsache, dass er bei seiner Ausbildung eigentlich Lehrlingsgeld bekam!

Christan war 17 und ging noch zur Schule – genauer gesagt auf ein Gymnasium. Er war 1,79 groß und schlank. Seine schwarzen Haare hingen ihm meist wirr in die grünen Augen und wurden immer mit einer beiläufigen Bewegung zur Seite gewischt, was „ultrasexy“ aussah – dies sagte zumindestens Tino und das mehrmals am Tag.

Insgeheim wunderte Christian sich schon, warum Tino noch nie versucht hatte, ihn rumzukriegen.

Nicht, das er darauf warten würde, aber wenn man den Zustand seines Freundes im Moment betrachtete – die schiere Paarungslust –, war es schon ein Wunder, denn er stürzte sich auf alles was zwei Beine hatte und männlich war.

„Können wir nun weiter?“ Tino trat ungeduldig von einem Bein aufs andere und wartete darauf, dass sein Freund endlich aus dem Knick kam.

Christian vergrub wortlos seine Hände in den Jackentaschen und sie setzten ihren Weg fort. Auch wenn er das triumphierende Grinsen in Tinos Gesicht nicht sah, wusste er, dass es da war. Missmutig kickte er einen Stein, der im Weg lag, auf die Straße.

„Nun mach nicht so ein Gesicht. Du brauchst doch nur ein halbes Stündchen warten! Ich verlange ja nicht von dir...“

„Ja ja ja... ist ja okay. Ich sag doch gar nichts. Beeilen wir uns lieber, mir ist saukalt!“

Und das war es wirklich. Zwar hatten sie schon fast Frühling, doch es herrschten immer noch Temperaturen an der Minus-Grenze.

Nach wenigen Minuten kamen die beiden Jungen endlich am Bahnhof an und traten in die riesige Halle ein.

Drinnen war es auch nicht viel wärmer, was daran liegen musste, dass es eigentlich keine richtige Halle war, sondern eher ein schlecht überdachter Platz.

Hunderte von Menschen drängelten sich wirr über die Bahnsteige und stießen und schuppsten sich gegenseitig.

Es war schon beachtlich, mit welcher Sicherheit Tino sich selbst und seinen Freund durch die Menge lotste und nach einigem Ausweichen kamen sie in einem Teil der Bahnhofshalle an, der ein wenig ruhiger war.

Christian bemerkte sogleich die verschiedenen Gestalten, die sich in den unterschiedlichsten Winkeln herumdrückten. Ein gewaltiger Teil sah noch ziemlich jung aus – zu jung, wenn es nach dem 17-jährigen ging. Er war eindeutig der Meinung, dass solche Kinder hier nichts zu suchen hatten. Und schon gar nicht als Stricher.

Tino hielt zielstrebig auf eine Nische, ein bisschen weiter hinten in der Halle zu und kam irgendwann vor einem der Jungen zum Stehen.

Christian zog zischend die Luft ein, als er erkannte, was für ein „Opfer“ sein Freund sich heute gesucht hatte.

Der Junge war sicher keine 16 Jahre alt und hatte kurze strohblonde Haare. Aus seinem kindlichen Gesicht blickten himmelblaue Augen. Trotz der kühlen Jahreszeit war er aufreizend angezogen.

Seine ausgewaschene Jeans saß am Hintern und an den Oberschenkeln knackig eng und verlief sich unten in weitem Schlag. Sein Oberkörper war mit einem Muskelshirt bekleidet, das hauteng saß.

Doch leider musste Christian feststellen, dass es keine Muskeln gab, die man betonen konnte. Der Junge wirkte ziemlich schmächtig und dünn. Der kühle Wind, der durch die Halle pfiff, machte die Sache auch nicht besser, denn der Kleine schien zu frieren und hatte die Arme um sich selbst geschlungen.

/Wie zum Schutz.../, fiel es Christian auf und in ihm begann sich irgendwie Mitleid für den Jungen zu melden. Schnell schüttelte er diesen Gedanken ab.

Als der Jüngere Tino erkannte, hellten sich seinen Gesichtszüge auf und er stützte die Arme aufreizend in die Hüften.

„Nett dich wieder zu sehen!“ Die helle Stimme passte vollkommen zu dem Bild, dass sich Christian bot und er hatte nur einen Gedanken: Billig.

Er verzog missbilligend das Gesicht.

Tino störte sich gar nicht an der Reaktion seines Freundes sondern zog den Kleinen stürmisch in seine Arme.

„Hättest du wieder ein bisschen Zeit für mich, Maiko?“

„Klar, für dich doch immer!“ Damit presste er seine Lippen auf die von Tino.

Christian wendete sich ab. Ihm gefiel das neue „Hobby“ seines Freundes ganz und gar nicht. Erst Maikos spöttische Stimme ließ ihn wieder rumfahren.

„Sag mal, will dein Freund heute etwa mitmachen?“

Christian musste geguckt haben wie ein Auto, denn Tino ließ Maiko lachend los und wuschelte durch Christians Haare.

„Nein, der wartet nur auf mich...“

„Och, soll das heißen, dass es heute schnell gehen muss?“ Maiko zog einen Schmollmund.

„Nee, er hat ja Zeit zum warten!“

Christian wollte empört protestieren, doch Maiko hatte mit einem spöttischen Blick auf ihn seinen Arm um Tinos Hüfte geschlungen und führte ihn nun aus dem Bahnhof heraus.

Christian folge den beiden schweigend. Anscheinend hatte Maiko irgendeine Absteige in die er sich immer mit seinen Freiern verzog.

Der 17-jährige musterte den jungen Stricher noch ein mal ganz genau. Schlecht sah er ja nun wirklich nicht aus, im Gegenteil sogar, aber er war eindeutig zu jung. Und an seinem Auftreten konnte Christian merken, dass er scheinbar schon länger diesem „Gewerbe“ nachging.

/Was bewegt einen so jungen Menschen dazu, sich zu verkaufen?/

Dieser Gedanke ging ihm immer wieder durch den Kopf, während er missbilligend Tinos Hand betrachtete, die sich vertraut in die hintere Hosentasche von Maikos Jeans geschoben hatte.



Nach einigen Minuten kamen sie dann vor einem billigen Hotel an, welches Tino und Maiko ohne zu zögern betraten. Christian überlegte kurz, folgte ihnen, angesichts der Kälte, aber doch schnell.

Kurz bevor Tino durch eine schäbige Zimmertür im 2. Stock trat, drehte er sich noch mal zu seinem Freund und meinte grinsend:

„Du kannst es dir da drüben gemütlich machen, meint Maiko. Ich bin gleich wieder da!“

Dann schloss sich die Tür knarrend und es herrschte Stille.

Mit einem mulmigen Gefühl im Magen setzte Christian sich in die angewiesene Ecke und wartete...



Es dauerte über eine Stunde bis Tino wieder erschien.

Seine Wangen waren gerötet, aber er schien einigermaßen zufrieden mit sich und Maiko zu sein.

Als er seinen Freund in der zugewiesenen Ecke sah, kam er grinsend auf ihn zu.

„Wow, du hast ja echt gewartet!“

„Was denkst du denn? Ich steh zu meinem Wort!“

„Ja, schon klar. Wollen wir noch irgendwo was trinken gehen?“

„Hm.... da ich das eh wieder bezahlen muss, sollte ich mir die Antwort wohl genau überlegen?! Aber sag mal, wo ist denn dein kleiner Freund?“ Christian hob spöttisch eine Augenbraue.

„Noch im Zimmer. Er hat echt gute Arbeit geleistet!“

„Bitte, erspar mir weitere Ausführungen!“ Irgendwie angeekelt wandte Christian sich ab und meinte dann schon im Gehen:

„Komm, du wolltest doch was trinken gehen!“

Kopfschüttelnd folgte Tino seinem Freund.



„Sag mal, kennst du diesen Stricher schon länger?“ Unruhig klimperte Christian mit den Eiswürfeln in seinem leeren Cola-Glas.

„Ich hab ihn schon zwei, drei Mal getroffen. Wieso fragst du?“ Interessiert sah Tino von seiner Kaffeetasse auf.

„Och, nur so...“

„Interesse?“

„Wah, nein!!!“ Christian wedelte aufgeregt mit den Händen. „Gewiss nicht!“

„Och Chris! Nun hab dich doch nicht so! Das ist ein ganz normaler Job, wie jeder andere auch.“

„Das kann ja vielleicht sein, aber dieser Typ scheint mir dafür zu jung! Weißt du wie alt er genau ist?“

„Etwas über 15, glaub ich... du musst wissen, wir reden nicht allzu viel bei unseren Treffen...“ Ein schmutziges Grinsen schlich sich auf Tinos Gesicht.

Christian warf seinem Freund nur einen empörten Blick zu.

„15??? Das ist wirklich zu jung für solch einen Job! Weißt du warum er das macht?“

„Vielleicht macht es ihm Spaß?“

„Sicher nicht!“

„Woher willst du das wissen?“ Grinsend schlürfte Tino etwas von seinem langsam kalt werdenden Kaffee.

„Weil es sicher keinen Spaß macht, sich von jedem beliebigen vögeln zu lassen! Mir wird schon schlecht, wenn ich nur daran denke!“

„Mensch, nun sei mal nicht so verklemmt!“

„Ich bin nicht verklemmt!“, quietschte Christian auf und hörte sich dabei an wie ein getretener Hund.

„Chrissi! Du musst unbedingt lockerer werden!“ Ein Kopfschütteln des Älteren.

„Klar, Meister! Du bist mein großes Vorbild!“, seufzte Christian.

Zufrieden leerte Tino den letzten Schluck Kaffee und erhob sich dann. Christian war schon aufgestanden um zu bezahlen.



KAPITEL 2


Bibbernd zog Christian seine Jacke enger um sich und stieg die Treppe herunter, die aus dem Schulgebäude führte.

Die gewaltige Masse an Schülern war schon vor einer geraumen Weile aus dem Gebäude gestürmt und hatte den Heimweg angetreten. Einige – wie Christian – zu Fuß, aber mehr mit dem Bus.

Christian hatte sich extra Zeit gelassen. Er hasste dieses verdammte Gestürme und Gedrängel, vor allem da er immer alle Zeit der Welt hatte.

Mit schnellen Schritten nährte er sich nun dem großen, steinernem Schultor, dass den Hof von der Straße abgrenzte. Doch kurz bevor er es erreichte, hörte er, wie sein Name gerufen wurde. Verwunderte drehte er sich um und blinzelte gegen den scharf wehenden Wind, der sein Gesicht peitschte, an.

„Warte doch mal! Ich suche dich schon die ganze Zeit!“ Auch ohne seine Stimme zu hören, hatte Christian seinen Freund erkannt.

„Oh, hallo Tino! Was verschafft mir denn die Ehre?”

„Ha ha... hättest du Lust heute Abend mit mir ins Kino zu gehen?“

„Wow, soll das ’ne Verabredung werden?“ Christian setzte einen verliebten Blick auf – und erntete nur eine Kopfnuss von dem Älteren.

„Was ist nun?“

„Klar hätte ich Lust! Was kommt denn schönes?“

„Keine Ahnung, müssen wir mal sehen... sagen wir, ich hole dich um 18 Uhr ab? Ich will noch mal zu Maiko!“

Christians Gesicht verdunkelte sich augenblicklich. Was fand sein Freund bloß an Sex mit einem 3 Jahre Jüngeren??? Doch er versuchte sich nichts anmerken zu lassen.

„Okay, ist in Ordnung. Soll ich wieder mitkommen zum Bahnhof?“

„Nee, brauchste nicht. Außer du willst selber...“

„NEIN!“, unterbrach Christian die Frage seines Freundes energisch.

„Okay okay.... wer nicht will, der hat schon!“

Grinsend klopfte Tino seinem Freund noch mal auf die Schulter und eilte dann winkend davon.



Christian blieb nachdenklich zurück. Sein Blick folgte dem verschwindenden Tino, bis dieser in eine Seitenstraße verschwand. Erst dann setzte er sich selbst wieder in Bewegung und trat den Heimweg an.

Zu Hause angekommen widmete er sich grummelnd seinen Hausaufgaben und verbrachte dann den Rest des Nachmittags vor dem Fernseher.

Doch seine Gedanken wanderten immer wieder zu Tino und Maiko. Was brachte den 15-jährigen bloß dazu, sich zu verkaufen? Gab es für ihn denn keine anständige Arbeit, um sich Geld zu verdienen? Aber was war schon ‚anständig’?

Christan beschloss das Gegrübel aufzugeben. Ändern konnte er an Maikos Lebensweise ja doch nichts! Und vielleicht wollte der Kleine ja auch gar nicht, dass man ihm half?!



Als es an der Tür klingelte und Tino davor stand, war Christian schon seit einiger Zeit fertig und wartete.

Doch zu seiner großen Überraschung war Tino nicht alleine. Neben ihm stand noch ein anderer Junge, den Christian nicht kannte.

Unverholen ließ er seinen Blick über den Fremden wandern.

Dieser war ein gutes Stück kleiner als er selbst. Christian schätzte ihn auf 1,70 m und sicher so alt wie sich selbst, wenn nicht sogar älter. Seine Haare waren zu Spikes hoch gegelt und die Spitzen blau gefärbt.

Christian musste feststellen, dass diese Frisur zu dem Rest des Typen passte. Seine HipHoperklamotten leuchteten in einer frischen Mischung aus grellem Orange und zurückhaltendem Blau. Sein Gesicht wirkte freundlich und das etwas unsichere Lächeln, mit dem er von Tino zu Christian blickte, ließ ihn noch besser aussehen. Der Fremde hatte ein Augenbrauenpiercing, welches die Aufmerksamkeit auf die Augen lenkte. Diese waren von einem unscheinbaren Grauton, glitzerten aber aufgeregt.

Christian musste wohl im ersten Moment nicht gerade sehr begeistert ausgesehen haben, denn das Lächeln des Fremden verblasste und er begann nervös auf seiner Unterlippe zu kauen.

Endlich ertönte Tinos Stimme: „Voila, da bin ich! Und ich hab noch wen mitgebracht!“

„Das sehe ich...“ In Christians Stimme schwang ein Ton mit, der Tino das Gesicht verziehen ließ.

„Ähm... stört es dich?“

„Nö, wie kommst du darauf?“ Christian war sich der leichten Ironie in seiner Stimme deutlich bewusst, doch er griff einfach nur nach seiner Jeansjacke und zog dann die Tür hinter sich zu. Während er abschloss, erklärte Tino verlegen:

„Also Chris, das ist Malik. Er ist ein Kollege von mir und wollte dich unbedingt mal kennenlernen...!“ Weiter kam Tino nicht, denn Malik hatte ihm einen Ellbogen in die Rippen gerammt. Sein Gesicht war puderrot, wie Christian mit einem amüsierten Blick feststellte. Nervös begann Malik zu erklären:

„Ich... Hör nicht auf den Schwachkopf! Ich wollte ... Also eigentlich wollte ich nur mal wieder etwas unternehmen und da Tino meinte, er würde ins Kino gehen, da hab ich mich einfach so selbst eingeladen. Aber wenn es dich...“

Lachend unterbrach Christian das verlegene Gestammel des anderen:

„Quatsch! Warum sollte es mich stören? Also, wie Tino schon meinte, ich bin Christian, kannst aber Chris sagen!“ Lächelnd streckte er dem anderen seine Hand entgegen. Dieser ergriff sie erleichtert grinsend und erwiderte die Geste.

„Ich bin Malik!“

Der Augenblick, in dem sich ihre Hände berührten, schien ewig zu dauern. Keiner der beiden schien wieder loslassen zu wollen. Erst als Tino grinsend meinte: „Leute? Wollt ihr hier Wurzeln schlagen?“, zogen beide erschrocken ihre Hand zurück.

Malik wendete sich verlegen ab und nuschelte: „Ja, wir sollten wirklich los...“

Tino schlang grinsend einen Arm um Christians Hüfte und meinte leise, so das nur sein Freund ihn hören konnte: „Leckeres Kerlchen, oder?“

Christian wusste genau, dass Tino den ganzen Abend versuchen würde, ihn mit dem anderen zu verkuppeln, deshalb erwiderte er nur spöttisch: „Was erzählt Maiko so?“

Tinos Seufzen war wirklich herzzerreißend. „Sag mal, du willst wohl wirklich alleine alt werden, oder? Da liefere ich dir schon mal einen richtigen Leckerbissen und du zeigst kein Interesse?“

„Ich bespring nun mal nicht gleich den erst besten!“, schoss Christian grinsend zurück. Doch Tino löste sich nur empört von ihm und fauchte: „Was soll das denn heißen?“

Malik, der unten an der Tür, die vom Treppenhaus ins Freie führte, gewartet hatte, blickte nun überrascht zu den beiden Freunden auf.

Doch Christian hatte eigentlich keine Lust, das Verhalten seines Freundes gerade heute Abend auszuwerten. Deshalb gab er versöhnlich zurück: „Ach, das soll gar nichts heißen!“

Mit einem Lächeln und einem Schmatzer auf Tinos Wange drehte er sich zu Malik um und sprang die letzten Treppenstufen hinab.

Tino verzog überrascht das Gesicht und strich sich verwirrt über die Wange. Dann folgte er seinen beiden Freunden kopfschüttelnd.

Gemeinsam traten sie hinaus ins Freie.



„Welchen Film nehmen wir denn nun?“ Unruhig trat Malik von einem Bein aufs andere. Sein Blick wanderte nun schon seit einigen Minuten von Christian zu Tino und wieder zurück.

Die beiden waren in eine Diskussion vertieft.

„Warum willst du denn unbedingt diesen ollen Horrorfilm sehen?“, genervt seufzte Christian auf.

„Weil der gut sein soll! Schön spannend!“, verteidigte sich Tino.

„Ja, und schön schleimig und glitschig! Ich kann mir besseres vorstellen als irgendwelche ekligen Monster, die verblödet in der Gegend rumlaufen und arme Frauen töten, die zur falschen Zeit am falschen Ort sind...“

„Toll, schleimig passt wohl eher zu dem scheiß Film, den du sehen willst!“

„Was ist, bitte schön, an diesem Film schleimig?“, verlangte Christian zu wissen.

„Na, wie willst du diese Liebeskomödie denn sonst bezeichnen???“

„Das hat wenigstens mehr Sinn als so ein Horror-Müll...“

„Du hast doch keine Ahnung!“

„Aber du, oder wie?“ Christian funkelte seinen Freund herausfordernd an. Seine Wangen waren vom diskutieren leicht gerötet und er hatte seinen Blick direkt auf den Älteren geheftet.

Dieser wusste nun nicht, was er sagen sollte und meinte dann rettend:

„Warum lassen wir nicht Malik entscheiden?“

„Hö?“ Überrascht blickte dieser auf. Er sollte...? „Leute, dass ist aber gar nicht fair von euch!“

„Warum nicht?“, gab auch Christian sein Einverständnis für diese Lösung. „Sag einfach ganz ehrlich, welchen Film du sehen willst!“

„Ich...“ Malik blickte nachdenklich zu Boden. „Ich glaube, ich würde auch eher zur Komödie tendieren...“

Tino fluchte enttäuscht, während Christian erleichtert lachte.

„Guuuter Geschmack!“ Grinsend wendete er sich zur Kasse, um die Karten zu holen.

Tino musterte seinen Kollegen mit einem süß-saueren Blick. Dieser schluckte merklich und meinte dann leise: „Sorry...“

„Oller Verräter...“ Tinos Augen wurden zu Schlitzen und seine Worte waren eher ein Zischen. Erschrocken wich Malik einen Schritt zurück.

„Ich....“

Doch er wurde von Christians fröhlichem Plaudern unterbrochen.

„Nun hör auf den armen Malik zur Sau zu machen! Wenn du willst, lade ich dich mal ins Kino ein und dann gucken wir deinen dummen Horrorfilm!“

„Okay, das ist ein Angebot! Ich hol das Popcorn!“ Damit war Tino in der Menge verschwunden.

Ein verlegen dreinblickender Malik und ein immer noch grinsender Christian blieben zurück.

„Ob er ernstlich sauer ist?“ Malik hörte sich ziemlich verunsichert an. Doch Christian beruhigte ihn lachend:

„Quatsch! Der ist nicht sauer! Er ist höchstens in seinem Stolz gekränkt, weil du dich für meinen Film entschieden hast und nicht für seinen. Aber das kann er ab. ... Ach ja, danke dafür!“ Christian zwinkerte Malik dankbar zu, bevor er sich schlängelnd durch die Menge bewegte, um Tino entgegen zu gehen.

Malik blieb verwirrt alleine zurück. Erst nach ein paar Augenblicken folgte er dem anderen...



Seufzend sank Tino tiefer auf seinem Platz. Okay, der Film war ja an sich nicht verkehrt, aber was gingen ihn die Peinlichkeiten eines frischverliebten Heteropärchens an?

Malik und Christian schien der Film auf jeden Fall zu gefallen, denn beide unterhielten sich flüsternd über die Szenen und gaben Kommentare ab.... direkt vor Tinos Nase. Der saß nämlich in der Mitte, links von sich Malik und rechts Christian.

Gerade, als Christian sich wieder zu Malik hinüberbeugen wollte, erhob sich Tino ruckartig. Erschrocken zuckte Christian zurück. Tino sah ihn mit einem sauren Gesichtsausdruck an.

„Was’n?“, wollte Christian kleinlaut wissen.

Doch Tino grummelte bloß und zeigte erst auf den Erschrockenen und dann auf seinen leeren Platz. Genervte meinte er: „Du – darüber!“

Christian erhob sich verblüfft und ließ sich dann neben Malik in den Sitz gleiten. Dieser grinste ihn bloß amüsiert an, was Christian ebenfalls mit einem Grinsen entgegnete.

Tino schüttelte genervt den Kopf und konzentrierte sich nun auf die Leinwand vor sich. Wie lange ging dieser Film denn noch???

Nach einer Weile verstummte das Gemurmel neben ihm und ein unsicherdreinblickender Christian beugte sich zu ihm hinüber.

„Dir gefällt der Film nicht sonderlich, oder?“

„Geht so. Doch wenn du mir sagst, wann die Stelle kommt, wo der Lover der komischen Planschkuh und ihr bester Freund sich die Klamotten vom Leib reißen und übereinander herfallen, wäre ich sicher glücklicher...“

Christian sah seinen Freund spöttisch an. „Oller Lustmolch!“

Ein verlegenes Räuspern ließ die beiden aufschauen. Ein blondes Mädchen, das zwei Plätze weiter saß, blickte die beiden Freunde amüsiert und entgeistert zugleich an.

Tino nuschelte bloß ein verlegenes „Ist doch wahr...“ und rutschte wieder ein Stück tiefer auf seinem Platz.

Christian schenkte dem Mädchen noch ein liebreizendes Lächeln und wandte sich dann wieder tuschelnd an Malik....



„Endlich!“ Glücklich seufzend sah Tino auf den Abspann des Filmes und stürmte hinaus in die Vorhalle des Kinos.

Als Malik und Christian ihn eingeholt hatten, meinte Christian nur tadelnd: „Mensch, so schlimm war der Film nun auch nicht!“ Malik nickte zustimmend. Er – und anscheinend auch Christian – fanden ihn gut.

„Ihr habt beide echt einen komischen Filmgeschmack... Aber da haben sich ja die richtigen gefunden!“ Zufrieden registrierte Tino, wie Malik rot wurde und Christian ihn provozierend angrinste. Als keine weitere Reaktion folgte, meinte er schmunzelnd:

„Was ist? Noch Lust auf ein Bier? Ich lad euch beide in meine Lieblingsbar ein!“

Als zustimmendes Gemurmel ertönte, setzte er sich in Bewegung. Malik und Christian folgten ihm mit einigem Abstand...



„Und du arbeitest wirklich zusammen mit Tino in der Videothek?“ Begeistert dreinblickend nippte Christian an seiner Cola. Malik, der ebenfalls eine Cola vor sich hatte, nickte zustimmend.

„Ich arbeite da aber schon ein bisschen länger als er, immerhin macht er noch seine Ausbildung. Ich bin vor ein paar Wochen fertig geworden, aber der Chef hat mich da behalten. Du warst auch schon öfters dort, nicht wahr? Ich hab dich gesehen!“

„Ja, ab und an hab ich Tino von dort abgeholt oder aber ich wollte mir ’nen Film ausleihen.“

/Wow, dass ich ihm aufgefallen bin?!/

„Wo du gerade Tino erwähnst, wo is’n der hin?“ Malik sah sich suchend um. Sein Blick glitt über die kleine Menge, die in der Mitte des Raums tanzte.

Es war nicht so voll, wie in einer normalen Disco, aber trotzdem gut besucht. Die Besucher waren ausschließlich männlich. Malik, der diese „Bar“ nicht kannte, schien aber zu erkennen, dass es eine Schwulenbar war. Er war vorher noch nie in einer gewesen – und das, obwohl er gleichermaßen auf Jungs wie auf Mädchen stand.

Da das Getümmel nicht groß war, hatte er Tino bald ausgemacht. Dieser war dabei einen noch reichlich jung wirkenden, blonden Typen anzutanzen. Dieser blickte ihn verlegen lächelnd an, ging aber auf die Flirtversuche ein und zeigte bald Eigeninitiative.

„Was muss der immer so junge Kerle anbaggern!?“ Anscheinend hatte auch Christian ihren Freund gefunden und war mit dessen Wahl für den Abend nicht einverstanden.

Malik hob verwundert die Augenbrauen. „Na, eifersüchtig?“

„Quatsch! Nicht auf irgendwelche Kiddis. Und außerdem ist Tino nur mein bester Freund...“

„Ah ja...“ Malik wandte sich wieder seiner Coke zu. „Was machst du so?“

„Hm?“ Christian schien nicht zu verstehen.

„Na, ich meine, was für ’ne Ausbildung machst du? Oder gehst du noch zur Schule?“

„Schule. 11. Klasse auf ’nem Gymnasium. Ich hab also noch ein bisschen.“

„11. Klasse?“

„Ja, ich bin 17! Hat Tino das nicht erwähnt?“

„Hm... doch, ich glaub. Du wirkst aber, wenn ich das mal so sagen darf, älter!“

„Da sag ich doch danke!“ Christian grinste seinen Gegenüber an. „Wie alt bist du?“

„18. Ich hab ’nen Realschulabschluss gemacht, genauso wie Tino. Und dann bin ich in der Videothek gelandet!“

„Ach so... Und sonst? Wo wohnst du?“

„In irgend ’ner kleinen Bruchbude im Zentrum. Ist nichts dolles...“

„Und...“ Christian schien zu überlegen. „... wohnst du alleine dort?“

„Ja, ich wohne alleine. Und falls du wissen wolltest, ob ich ’nen Freund hab, nein, ich habe keinen.“

„Ach so...“

Kurz herrschte Schweigen. Dann meinte Malik verlegen:

„Du?“

Christian musste erst überlegen, was er meinte, denn er war mit seinen Gedanken gerade dabei gewesen, abzudriften. Doch dann meinte er schnell:

„Nein, ich hab auch keinen. Mein letzter Freund hat mich vor ’nem Monat sitzen gelassen.“

„Warum das?“, wollte Malik überrascht wissen.

„Ach, er hatte was besseres in Aussicht!“

„Was besseres als dich? Das glaub ich nicht...“

Verblüfft sah Christian seinem neuen Freund ins Gesicht. Und der wurde rot. Christian grinste verlegen, dann erwiderte er, auf sein Glas starrend:

„Doch, was besseres. Einen Typen mit ’ner Menge Kohle, der ihm in keinsterweise widerspricht oder aufmuckt. Ich glaub, dass hat er sich schon immer gewünscht. Mit mir zu leben ist halt schwierig...“

Kopfschüttelnd wollte Malik wissen: „Inwiefern schwierig?“

„Ach, ich hab so meine Eigenarten.“

„Hat die nicht jeder?“, seufzte der Ältere.

„Okay, die hat wohl wirklich jeder. Einige stehen zum Beispiel auf Kinder..“ Wieder wendete sich der 17-jährige zu Tino um, doch dieser war verschwunden – und der Blonde mit ihm.

„Na, den sehen wir so schnell wohl nicht wieder...“, meinte Malik missmutig. Auch er hatte das Fehlen ihres Kumpels bemerkt.

„Ach, der ist gleich wieder da. Und das um einiges befriedigter...“, gab Christian zynisch zurück, was den anderen nur verdutzt gucken ließ.



Doch Christian sollte recht behalten. Es dauerte gar nicht lange und Tino tauchte wieder bei ihnen an der Bar auf. Er grinste seine Freunde dümmlich an. Malik grinste wissend zurück. Doch bei Christians Worten verblasste das Lächeln der beiden Jungen.

„Na, frisch gefickt?“

Tino klappte die Kinnlade runter, während Malik nur überrascht die Augen aufriss.

„Was geht dich das an?“, schoss Tino giftig zurück.

„Nix. Es war ja auch nur eine einfach Frage.“

„Und meins war eine einfache Antwort!“

„Zwar nicht auf meine Frage, aber na ja...“

„Genau, na ja...“ Tino ließ sich neben Christian auf einen Barhocker sinken. Nachdem er sich einen der Cocktails bestellt hatte, sah er seinen Freund ernst an.

„Sag mal, was ist los mit dir zur Zeit?“

„Was soll sein?“

„Das frag ich ja dich. Egal welchen Typen ich anquatsche, du scheinst etwas dagegen zu haben!“

„Ach...“ Christian zog das Wort unheilverkündend lang. „... das kann vielleicht daran liegen, dass du deine Typen – die meistens viel jünger sind als du – wie deine Unterwäsche wechselst. Mir tun die meisten einfach nur leid!“

„Och, kommt dein Beschützerinstinkt durch?“ Tino wurde langsam sauer. //Was mischt er sich in meine Angelegenheiten ein?//

Christian schüttelte nur ungläubig den Kopf, dann schlug er mit einem Blick auf Malik vor: „Lass uns das ein anderes Mal diskutieren. Heute ist nicht der richtige Moment dafür. Und eigentlich hast du ja auch recht, was geht es mich an? Du bist immerhin nur mein bester Freund!“

„Okay, verschieben wir dieses Thema...“, erwiderte Tino versöhnlich.

Malik, der die gesamte Unterhaltung gespannt mit angehört hatte, war sichtlich erleichtert.

Etwas weniger nervös wechselte er das Thema.


KAPITEL 3


Schon als Christian das Schulgebäude verließ, erkannte er die schmächtige Person, die an das Schultor gelehnt da stand. Bei weiterem Näherkommen bestätigte sich seine Vermutung.

„Falls du Tino suchst, der ist nicht hier!“

Doch Maiko grinste Christian nur anzüglich an.

„Ich wollte nicht zu Tino, sondern zu dir!“

„Und was willst du von mir? Suchst du dir deine Freier jetzt schon außerhalb des Bahnhofs?“

Maiko schien wirklich getroffen zu sein von diesem Satz, denn er verzog schmerzlich das Gesicht.

„Eigentlich wollte ich nur ein bisschen mit dir reden! Tino meinte, dass ich dich hier finden würde.“

„Ich wüsste nicht, was wir zu bereden hätten!“ Christian war sich seiner unfreundlichen Worte bewusst, und eigentlich wollte er dem Kleineren auch nicht so gemein antworten, doch es sprudelte einfach so aus ihm heraus. Christian verstand nicht, wie man mit so jungem Alter schon auf dem Strich landen konnte.

„Hm... Scheinbar hab ich mich geirrt...“ Maiko stieß sich enttäuscht vom Schultor ab um zu gehen.

„Wie geirrt?“, verlangte Christian zu wissen.

„Ich hab dich für netter eingeschätzt. Zumindestens hast du im ersten Augenblick so ’nen Eindruck gemacht. Doch jetzt...“ Es folgte nur ein Kopfschütteln.

Christian atmete tief durch und versuchte es dann noch mal. „Okay, tut mir leid, Kleiner, das ich im ersten Moment ein bisschen barsch war. Aber was soll ich davon halten, dass du mich einfach so aufsuchst. Wir kennen uns nicht, schon vergessen?“

„Deshalb bin ich ja hier. Ich würde dich gerne näher kennen lernen!“

Christian verzog nur das Gesicht. /Ich kann mir schon vorstellen, was er unter „näher kennenlernen“ versteht!/

Maiko schien erraten zu haben, was Christian durch den Kopf ging, denn er meinte schnell:

„Nicht so näher, falls du das jetzt gedacht hast. Und das hast du!“

„Woher willst du das wissen?“ Christian fühlte sich irgendwie ertappt.

„Trau mir ruhig ein bisschen Menschenkenntnis zu.“

„Stimmt, du bist sicher schon auf viele Menschen gestoßen...“ Christian konnte es sich nicht verkneifen. „... im wahrsten Sinne des Wortes.“

„Hm...“ Maiko schnaubte nur abfällig. „... warum opfere ich eigentlich meine Pause für einen Typen wie dich, der nur Vorurteile hat, ohne eigentlich zu wissen, worüber er redet?“

„Das frag ich mich auch...“

„Okay, wer nicht will, der hat schon. Ich kann dich nicht dazu zwingen, mit mir zu reden. Auch wenn das sehr schade ist!“ Enttäuscht wandte sich Maiko erneut zum Gehen.

/Ach Mensch... Warum bin ich auch so unfreundlich zu ihm? Noch vor ein paar Tagen wollte ich ihm zu gerne helfen und jetzt höre ich mir nicht mal an, was er zu sagen hat. Doch was will er von mir? Er wird doch wohl kaum jedem Typen, der ihm nett erscheint, hinterher rennen um mit ihm zu reden. Außer natürlich, er versteht unter reden was anderes und will Geld dafür haben. – Ups, schon wieder! Christian, nun hör auf!/, ermahnte er sich innerlich und blickte zögerlich dem Jüngeren nach.

Dieser war schon gut ein paar Meter gekommen und setzte seinen Weg ohne einen Blick zurück, fort.

Und schon taten Christian seine harten Worte leid und er gab sich einen Ruck. Mit einem „Maiko, wart’ mal!“ setzte er sich in Bewegung und lief dem Anderen nach.

Der Jüngere hatte überrascht angehalten und sah Christian, der endlich bei ihm angekommen war, nun verwirrt an.

„Ja?“, fragte er in einem säuerlichen Ton.

Christian musste schlucken. „Ach, sorry, weil ich eben so’nen Müll geredet hab. Bloß warum willst du mit mir reden?“

„Weil du auf mich...“

„... einen netten Eindruck gemacht hast!“, beendete Christian den Satz. „Ja, so weit waren wir vorhin auch schon. Aber nun mal im Ernst!“

„Das ist mein Ernst!“ Maiko hörte sich regelrecht empört an.

„Komm, du kannst mir nicht erzählen, dass du jedem nach rennst, der einen netten Eindruck auf dich macht!“ Christian zog süffisant eine Augenbraue hoch.

Doch Maiko atmete nur ein Mal tief durch. „Lassen wir es! Ich will mich nicht aufdrängeln. Und natürlich renne ich nicht jedem nach. Ein bisschen Stolz hab ich auch noch, das kannst du mir glauben, auch wenn du es sicher nicht tust...“ Er lacht freudlos. „Ich weiß selbst nicht mehr wirklich, warum ich hier bin. Du hast ja anscheinend kein Interesse an...“ Er verstummte.

„Na? Woran?“ Christians Stimme hörte sich in seinen eigenen Ohren abfällig an.

„... einem Gespräch!“, schloss Maiko unbeirrt, in dem er Christians Tonfall einfach überhörte.

„Okay, wir machen ’nen Deal. Ich lad dich auf ’ne Cola ein und wir reden. Aber dafür musst du meine Fragen auch ehrlich beantworten!“

„So lange es kein Frage-und-Antwort-Spiel wird!“, erhob Maiko Einwand.

„So lange es nur beim Reden bleibt!“, konterte der Ältere.

Doch Maiko meinte nur empört: „Was denkst du denn? Dass ich über dich herfalle? Ich kann Berufs- und Privatleben sehr gut trennen...“ Eine Spur von kindlichem Trotz erschien in seinem Gesicht.

„Gut, nun komm. Langsam wird mir kalt!“ Versöhnlich deutete Christian mit einem Kopfnicken die Straße entlang und setzte sich in Bewegung. Maiko folgte ihm glücklich grinsend.



„Wärme!“ Christian seufzte erleichtert auf, als er durch eine gläserne Tür sein Lieblingscafé betrat.

Hier drinnen war es schön warm und gemütlich. Das leise Gemurmel einiger Gäste und die spärliche Beleuchtung gaben dem Ganzen ein Ambiente, das Christian immer wieder hier her zog. Außerdem jobbte hier einer seiner Klassenkameraden.

Er ließ schon aus Gewohnheit seinen Blick hinüber zur Theke gleiten. Markus, Christians Klassenkamerad, war gerade damit beschäftig ein paar Gläser zu polieren und blickte neugierig auf, als er das Geräusch der sich schließenden Tür hörte.

Als er Christian erkannte, nickte er ihm grinsend zu und packte dann das Geschirrhandtuch, das er bis eben in den Händen gehalten hatte, beiseite.

Christian verkrümelte sich zielstrebig in seine Lieblingsecke des Cafés und ließ sich dort zufrieden auf der weichen Eckbank nieder. Während er sich umständlich seiner Jacke entledigte, musterte er unverhohlen Maiko.

Der Jüngere sah sich mit einem faszinierten Blick um und betrachtete beeindruckt die Einrichtung und die anderen Gäste. Alles wirkte so teuer, aber trotzdem gemütlich und an die heutige Zeit angepasst.

Als er Christians Blick bemerkte, lächelte er verlegen und meinte leise: „Ich war nur noch nicht hier...“ Doch sein Tonfall und seine Augen fügten noch deutlich ein ‚... das kann ich mir nämlich nicht leisten!’ hinzu.

Christian sah dem Jüngeren etwas länger in die Augen, als es nötig gewesen wäre, denn dieser wich verlegen dem Blick aus und meinte dann leise: „Nun guck mich nicht so an!“

„Ich warte darauf, dass du dich setzt!“, log Christian, denn ihm war klar, dass Maiko dieses Thema unangenehm war.

Trotzdem würde er ihn später noch mal drauf ansprechen. Es gab so viele Fragen, die er Maiko stellen wollte. Es interessierte ihn einfach.

Als Christian bemerkte, dass er über Maiko, wie über ein fremdartiges Tier nachdachte, fing er an ein schlechtes Gewissen zu bekommen.

„Woran denkst du?“, verlangte Maiko, der sich in der Zwischenzeit gesetzt hatte, zu wissen.

„An nichts...!“, wich der Gefragte aus. Doch als er Maikos ungläubigen Blick sah, verbesserte er sich: „An nichts wichtiges...“ Noch bevor Maiko darauf etwas erwidern konnte, sprach der Ältere weiter: „Also, dann lass uns mal reden. Das wolltest du doch!“

„Mhm...“ Maiko stützte seinen Kopf auf eine Hand.

Irgendwie wusste er nun, wo er Christian vor sich sitzen und die Möglichkeit mit ihm zu reden hatte, nicht, was er sagen sollte. Darüber hatte er sich noch keinen wirklichen Kopf gemacht, denn erstens hatte er bloß gehofft, Christian wieder zu sehen und zweitens hätte er nie gedacht, dass dieser wirklich mit ihm reden würde. Das Bedürfnis nach einem Gespräch hatte er immer nur als Grund vorgeschoben, das wurde ihm jetzt klar.

Maiko errötete.

Christian schien seine Gedanken erraten zu haben, denn er grinste bloß spöttisch. „Soviel also zu einem Gespräch!“

„Ich...“

„Ja?“

„Was machst du so?“ Maiko wurde noch röter, was Christian dazu brachte, aufzulachen.

„Was soll ich schon machen? Im Moment sitze ich mit einem...“ /...Stricher.../ „... Typen, der unbedingt mit mir reden wollte und nun nicht weiß worüber, in meinem Lieblingscafé und warte auf das versprochene Gespräch.“

„Das meinte ich nicht!“ Maikos sonst so sichere Fassade geriet ins Wanken. „Was machst du sonst so? Ausbildung?“

„Nein, Schule! Und du?“

Maiko öffnete überrascht den Mund, schloss ihn dann aber wieder unsicher, bevor er leise meinte: „Du weißt was ich mache!“

„Ich meinte, ob du zur Schule gehst!“, erklärte Christians schmunzelnd. Doch dieses Schmunzeln erstarb abrupt, als Maiko nur den Kopf schüttelte.

„Was?“, hauchte Christian. „Du bist 15 und gehst nicht zur Schule?“

„Ja, das meinte ich...“

„Warum das?“ Christian starrte ihn ungläubig an.

„Weil ich an keiner angemeldet bin.“

„Bist du schon mal auf ’ne Schule gegangen?“ Christians Interesse war geweckt worden.

„Ja, bis vor einem halben Jahr war ich auf ’ner Realschule in...“ Er brach ab. „.. auf einer Realschule.“, wiederholte er noch ein Mal leise.

„Wo?“

„Das ist doch egal!“

„Ich möchte es aber wissen!“, beharrte Christian.

„Das geht dich aber nichts an!“, verteidigte sich Maiko.

„Ach, wer wollte denn ein Gespräch mit mir?“

„Ja, ein Gespräch und kein Frage-und-Antwort-Spiel!“

„Okay, dann schlag ein Thema vor oder frag du mich was!“

Maiko sah ihn überrascht an, fühlte sich dann aber in die Ecke gedrängt und schwieg.

„Na also!“ Christian grinste triumphierend. Gerade als er zu etwas ansetzten wollte, erreichte Markus den Tisch.

„Hallo Chris! Na, was darf’s sein?“

„Also, ich nehme ’ne Cola...“ Er sah Maiko fragend an. Der flüsterte nur leise: „Für mich bitte auch.“

Als Markus Blick auf Christians Begleiter fiel, zog er die Stirn kraus. Mit einem fragenden Ausdruck im Gesicht sah er seinen Klassenkameraden an und meinte dann plötzlich:

„Chris? Kommst du noch mal mit zur Theke? Du wolltest mir doch noch die Nummer von Marie geben!“

„Ach, wollte ich das?“ Christian sah Markus überrascht an.

Doch der meinte nur mit einem eindeutig missbilligenden Blick auf Maiko: „Ja, wolltest du!“ Seine Stimme ließ keinen Widerspruch zu.

Seufzend erhob sich Christian und folgte Markus die paar Schritte zur Theke.

„Was is’n das für einer?“

„Wer?“ Christian wusste selber, dass die Frage überflüssig war.

Markus verdrehte genervt die Augen. „Na der Kerl, der da bei dir am Tisch sitzt!“

„Was soll mit dem sein?“ Christian sah ihn gespielt verwirrt an.

„Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, das ist irgendein mieser Stricher!“

Christian konnte sich ein Auflachen nicht verkneifen. /Wenn du wüsstest, wie richtig du liegst. Das ist der persönliche Lieblingsstricher meines besten Freundes, der unbedingt ein Gespräch mit mir führen will und bevor du fragst: Ja, ich bin auch schwul!/ Laut sagte er nur:

„Wie kommst du denn auf den Unsinn?“

„Der sieht mir ganz danach aus! Hast du noch nie diese Typen bei uns am Bahnhof gesehen? Der würde genau dort hinpassen!“ Markus sah stirnrunzelnd in Maikos Richtung. Auch Christian blickte nun in die Richtung des Jüngeren und musste feststellen, dass dieser ebenfalls in ihre Richtung sah. Anscheinend konnte er sich vorstellen, dass man über ihn sprach.

„Quark! Das ist ein Freund von mir! Und der ist gewiss kein Stricher!“

„Ach so...“ Markus schien immer noch nicht überzeugt zu sein und sah mit misstrauischem Blick in Maikos Richtung. Dieser erwiderte ihn.

„Nun starr da nicht so hin! Der denkt noch, wir reden über ihn!“ Christian bekam ein ungutes Gefühl.

„Tun wir das denn nicht?“

„Ja, aber das muss er ja nicht wissen!“

„Ich glaube DU solltest wissen, dass sich dein Freund gerade aus dem Staub macht!“

„WAS?“ Überrascht drehte Christian sich zu ihrem Tisch herum und fand ihn leer vor. Als er sich suchend nach dem Jüngeren umsah, musste er feststellen, dass Maiko das Café verlassen hatte und gerade die Straße überquerte.

Er trug wieder nur das dünne Muskelshirt und die hautenge Schlagjeans. /Sieht er denn wirklich so nuttig damit aus?/ Christian verstand nicht, wie sein Freund Markus darauf kam. Vielleicht hatte er Maiko schon mal am Bahnhof gesehen?

„Tja, anscheinend hat er wirklich gemerkt, dass wir über ihn reden!“ Christian konnte deutlich die Schadenfreude hören, die in Markus Stimme mitschwang.

„Toll! Also, die Cola kannst du streichen!“

Damit drehte Christian sich um, um vom Tisch seine Jacke zu holen und Maiko zu folgen.

Als er nach draußen trat, musste er kurz gegen den stürmischen Wind ankämpfen, der ihn fast wegzuwehen drohte.

Suchend sah er die Straße entlang, doch Maiko war nirgends mehr zu sehen. Er schien gerannt zu sein.

Grummelnd nahm Christian die Verfolgung auf.



/Warum renne ich ihm eigentlich nach? Noch vor einer halben Stunde wollte ich ihn loswerden!/ Irgendwie ärgerte Christian sich über sich selbst, denn nun stand er wieder auf dem zugigen Bahnhof und suchte bibbernd nach dem Jüngeren.

Doch andererseits tat Maiko ihm ein bisschen leid und er wollte ihm zu gerne helfen. Auch wenn Maiko ihn hatte sitzen lassen. Okay, Christian wäre sich sicher auch total verarscht vorgekommen, wenn jemand so offensichtlich über ihn geredet hätte.

Während sich nun Engelchen und Teufelchen auf seiner Schulter darüber stritten, ob es einen Sinn machte, dass er hier war, fand Christian Maiko endlich.

Der Jüngere stand wieder in seiner Nische und verhandelte selbstsicher wie eh und je mit einem älteren Mann, der ihn ziemlich zu bedrängen schien.

Maiko schüttelte immer wieder den Kopf, während der Alte auf ihn einredete und immer aufs Neue über seine Wange streichelte. Maiko zog störrisch seinen Kopf weg.

Christian, der dem Ganzen misstrauisch zu gesehen hatte, kam nun mit schnellen Schritten auf die beiden zu. Er begann Gesprächsfetzen zu verstehen.

„... komm schon! Für 45 Euro das volle Programm!“, verlangte der Alte. Anscheinend war er schon öfters hier gewesen.

„Nein!“ Maiko schüttelte wieder die Hand seines Gegenübers ab. „Nicht mehr als Blasen heute!“

„Was ist denn los? Heute nicht in der Stimmung? Das bekommen wir schon hin! Okay, 50 Euro!“

Maiko schüttelte nur noch ein mal schwach den Kopf, schien dann aber doch über dieses Angebot nachzudenken, wenn auch unwillig. Doch anscheinend waren 50 Euro für ihn eine ganze Menge Geld, denn in seine Augen trat eine gewisse Spur von Resignation.

Christian begann nun auf ein Mal nervös zu werden. Sah der Mann denn nicht, das Maiko nicht wollte? Doch so wie es aussah, erwartete man von einem gewöhnlichen Bahnhofsstricher keinen Widerspruch.

Kurzerhand trat er neben die beiden Verhandelnden. Als Maiko ihn erkannte, weiteten sich seine Augen erschreckt. Christian missachtete dies und schlang seinen Arm um Maikos Hüfte um den Jüngeren gebieterisch zu sich heran zu ziehen. „Hey Maiko! Hast du unseren Termin vergessen?“

„Was soll das?“ Der Alte sah Christian wütend an.

„Tja, es scheint so, als wenn Maiko schon ausgebucht ist! Such dir wen anderes!“

„So geht das hier aber nicht! Seit wann werden Termine gemacht? Ich war zuerst hier...“

Christians Augen begannen zu funkeln.

„Zisch ab!“

Der Alte wollte gerade zu etwas ansetzten, als er sich eines besseren besann und leise fluchend um die Ecke verschwand.

Maiko, der noch immer gegen Christians Brust gelehnt stand, genoss noch einen Moment die Wärme in den Armen des anderen, dann machte er sich unsicher von ihm los.

Als er in Christians besorgtes Gesicht hochschaute, erschien wieder dieser kindliche Trotz in seinen Zügen:

„Danke, dass du mir eben einen großartigen Job vermasselt hast!“

Erst war Christian ein klein wenig irritiert, dann meinte er bloß fies grinsend: „Danke, dass du mich in dem Café einfach sitzen lassen hast!“

„Ich... Meine Pause war um!“, suchte Maiko nach einer Ausrede.

„Klar, und dann lässt du mich einfach so sitzen? Warum bist du wirklich gegangen?“

„Denkst du, ich hab nicht gemerkt, dass ihr über mich geredet habt?“

„Na und? Ist das denn ein Grund einfach zu gehen?“

„Ich wollte dir keine Probleme machen und außerdem kam ich mir dort irgendwie fehl am Platz vor...“ Dieses Mal sah es ganz danach aus, als ob Maiko die Wahrheit sagte.

„Mensch, dann hättest du doch was sagen können! Wolltest du nun mit mir reden, oder nicht? Und was Markus angeht, der wollte bloß wissen... was für ein Typ du bist!“

„Und du hast ihm natürlich gesagt, dass ich ein kleiner, dummer Stricher bin!“ Maikos Stimme wurde lauter.

„Quatsch! Das habe ich natürlich nicht! Für wen hältst du mich denn? Ich habe ihm gesagt, dass du ein Freund von mir bist!“

„Ach, ein Freund? Das wusste ich noch gar nicht!“

„Also, was ist? Setzten wir unser Gespräch nun irgendwo fort, wo es wärmer ist oder lassen wir es gleich bleiben?“

Maiko sah verlegen zu Boden. „Willst du denn überhaupt noch mit mir reden?“

„Wäre ich sonst hier?“

„Okay, dann komm mit!“ Maiko ergriff einfach Christians Hand und zog den Älteren mit sich. Dieser erschrak im ersten Moment, ob der Kälte, die Maikos Hand ausstrahlte, doch dann fasste er seinerseits fester zu und ließ sich von dem Jüngeren führen.



Ungläubig sah Christian sich in der kleinen Wohnung um, in die Maiko ihn geführt hatte.

Sie war nicht nur klein, sondern schon winzig und dazu machte sie nicht gerade einen freundlichen Eindruck.

Zwar war alles aufgeräumt und die wenigen Möbelstücke – eine bloße Matratze, die in einer Ecke lag, ein kleiner Tisch mit zwei Stühlen und ein Schränkchen – wirkten gar nicht mal so alt, doch in der ganzen Wohnung war es ziemlich kühl und feucht, was sich deutlich an den Tapeten abzeichnete.

Christian schloss daraus, das die Heizung nicht funktionierte.

„Ja, ich weiß. Nicht gerade das Gelbe vom Ei, aber was soll’s? Zum Schlafen reicht’s!“

„Hier wohnst du?“ Wieder schweifte Christians Blick skeptisch durch den Raum.

„Nun guck nicht so...“ Maiko sah Christian flehend an. „Setzt dich doch!“ Er deutete auf die Matratze.

Sie war sauber und sicher noch nicht lange hier in der Wohnung. Es war eine solche, wie man sie bei Futon-Betten fand und dazu noch in einem warmen Orangeton. Das darauf liegende Federbett war mit schwarzer Bettwäsche bezogen.

Seufzend ließ sich Christian auf die Schlafstätte fallen, die trotz ihrer Umgebung einen gemütlichen Eindruck machte.

Unsicher setzte Maiko sich neben den Älteren.

„Falls dir kalt ist, kannst du die Decke nehmen, die Heizung funktioniert nicht richtig.“ Entschuldigend sah er seinen Gast an.

„Schon okay... Aber wie kannst du hier wohnen?“

„Ach, es geht schon!“

„Na ja, ich weiß ja nicht!“

„Aber ich! Es ist in Ordnung. Ich bin ja nur selten hier.“

„Ja, den Rest der Zeit verbringst du in den Betten anderer Leute!“ Christian bemerkte diese Spitze erst, als es zu spät war. Doch Maiko überraschte ihn, indem er nur leicht das Gesicht verzog und dann meinte: „Tja, da hast du wohl recht. Das brauche ich wohl nicht abzustreiten.“

„Nein, das brauchst du wirklich nicht!“ Christian lachte freudlos auf. „Bloß, warum machst du es denn?“

„Weil ich Geld brauche?“ Maiko schüttelte ungläubig den Kopf.

„Und warum suchst du dir nicht einen richtigen Job?“

„Ha ha ha. Wer stellt denn bitte einen 15-jährigen ein, der nicht mal mehr zur Schule geht?”

„Aber irgendeinen Job wirst du doch wohl finden?“

„Warum kompliziert machen? Es geht doch auch einfach!“

„Ja, in dem du dich von jedem x-beliebigen Kerl vögeln lässt!“ Christian hatte die Stimme erhoben.

„Ich lass mich nicht von jedem x-beliebigen Kerl vögeln! Ich bestimme meine Kunden selbst!“

„Ach, das hat man ja vor hin gemerkt! Wenn der Preis gut ist, machst du doch alles!“ Das er langsam wieder gemein wurde, merkte der Ältere zwar, aber er konnte es sich nicht verkneifen, Maiko seine Meinung zu sagen.

„Mensch, Geld bestimmt nun mal hier draußen alles! Denkst du die Wohnung hier wurde mir geschenkt?

Nein, dafür muss ich jeden Monat blechen und das gehörig! Bloß ich kann mir nichts anderes suchen, weil niemand eine Wohnung an einen Minderjährigen vermietet! Und von irgendetwas muss ich mir ja auch was zu Essen kaufen! Das wird alles teurer heutzutage! Ich hab keine Mummy und keinen Daddy, die mir das Geld in den Arsch schieben!“

Christian war sprachlos! Okay, seine Eltern finanzierten ihm die Wohnung, in die er kürzlich erst gezogen war und sein Taschengeld war auch nicht zu verachten. Aber dass man sich dafür verkaufen sollte? Christian wurde schon bei dem Gedanken an den alten Kerl von vorhin schlecht. Wenn er mit dem auch noch schlafen... Schaudernd versuchte er nicht darüber nachzudenken.

„Na? Hat’s dir die Sprache verschlagen? Nenn du mir eine bessere Möglichkeit, in einer Großstadt wie Hamburg zu überleben!“

„Es gibt immer eine andere Möglichkeit! Aber du musst schon etwas dafür tun! Man, du bist 15! Sich schon so jung zu verkaufen, ist doch nicht normal!“

„Mensch, denkst du ich mach’ das gerne?“ Maiko sah den anderen verzweifelt an. Er schien schon den Tränen nahe zu sein. „Denkst du ich freu mich, wenn mich mal wieder irgendein alter Kerl so richtig rannimmt, das mir der Arsch danach weh tut? Oder wenn irgendeiner meiner Kunden plötzlich meint, er findet es geil, wenn er mich schlagen darf und ich vor Schmerzen unter ihm wimmere? Und denkst du ich weiß nicht, dass es noch eine andere Möglichkeit geben wird? Bloß wie soll ich den bitte schön den Absprung schaffen? Das ist ’ne Nummer zu groß für mich! Ich schaff das nie im Leben!“

„Aber...“ Christian wollte die Ausführungen des Jüngeren unterbrechen, doch dieser ließ ihn nicht zu Wort kommen.

„Was glaubst du, wie stolz ich auf mich bin, dass ich noch nicht heroinsüchtig in irgendeiner Ecke rumliege?“

„Das ist doch was ganz anderes!“

„Nein, ist es nicht! Es ist bloß eine weitere von deinen ‚Möglichkeiten’! Man kann sich das Leben auch schön fixen!“

„Ach, hast es wohl schon ausprobiert?“ Christians Stimme nahm einen giftigen Ton an.

„Ja, hab ich! Und? Ich bin der Meinung, dass ich das nicht brauche und ich mich meinen Problemen lieber mit klarem Kopf stellen will! Ist das denn so verkehrt?“

„Nein, ist es nicht! Es ist richtig, sehr sogar!“

„Na also!“ Maiko verstummte.

Es sah so aus, als wenn ihn dieses Gerede ziemlich viel Anstrengung gekostet hätte. Wahrscheinlich hatte er vorher noch nie versucht, jemandem seinen Standpunkt klar zu machen. Christian konnte sich außerdem bei bestem Willen nicht vorstellen, dass irgendein Freier auch nur danach fragen würde!

Es trat eine Stille zwischen den beiden ein, denn keiner wusste genau, was er sagen sollte.

Nach einer Weile war es dann Maiko, der leise hauchte:

„Manchmal will ich auch einfach nur Eltern haben, die sich um mich kümmern. Ich möchte auch zur Schule gehen oder mich abends mit Freunden fürs Kino verabreden. Ein ganz normales Leben führen. Aber anscheinend ist mir das nicht gegönnt!“

„Quatsch! Jeder kann seine Zukunft selbst bestimmen! Dann lass dir doch helfen!“

„Helfen? Wer soll, oder besser, will mir schon helfen?“

„Ich?“ Christians Stimme zitterte deutlich. Eine Stimme in seinem Kopf schrie ihn förmlich an, dass er diese Worte später noch ein mal bereuen würde, doch er missachtete sie.

Maiko schnaubt verächtlich auf.

„Du? Wir kennen uns gar nicht! Geh erst mal nach Hause und überleg dir, was du eben gesagt hast. Im Moment verspürst du sicher nur ein unendliches Mitleid mit einem armen, kleinen Bahnhofsstricher, der dir eben versucht hat sein Leben nahe zu bringen. Auf solches Mitleid kann ich verzichten!“ Maiko spie die Worte regelrecht aus.

„Okay, kann schon sein, dass ich Mitleid mit dir habe, aber ich würde dir wirklich gerne helfen!“

„Ach ja? Und wie willst du das bitte anstellen?“

„Wenn ich das wüsste...“ Mit einem verzweifelten Seufzen ließ Christian sich nach hinten fallen und streckte sich auf der Matratze aus. Nachdenklich schloss er die Augen.

Für einen kurzen Moment schien die Zeit still zu stehen, denn nichts bewegte sich. Doch dann erhob sich Maiko und ging nervös ein paar Schritte im Raum auf und ab. Christian konnte deutlich hören, was er tat. Die Dielen knarrten unter seinen Füßen.

„Du willst mir echt helfen?“ Maikos Stimme schien aus einer ganz anderen Ecke des Raums zu kommen.

„Ja, verdammt! Das habe ich doch jetzt schon ein paar mal gesagt! Und ich meine es auch so, das kannst du mir glauben!“

„Dann sei einfach für mich da, wenn ich mal wen zum Reden brauche. Das würde mir schon ungemein helfen...“ Maikos Stimme hörte sich regelrecht piepsig und dünn an, dass Christian echt schon dachte, der Jüngere würde weinen. Doch als er sich beunruhigt aufsetzte und zu ihm hinüber sah, musste er feststellen, dass Maiko ihn nur ansah. Und das mit einer Ruhe und einem Ernst in seinem Blick, den Christian nicht erwartet hatte.

„Okay, das wird sich wohl machen lassen...“ Kurzes Schweigen, dann sprach der Ältere weiter: „Was ist mit deinen Eltern?“

„Warum willst du das wissen?“ Maikos Stimme hörte sich an wie ein Fauchen.

„Warum willst du es mir nicht erzählen? Wenn ich für dich da sein soll, dann musst du es mir auch gestatten, Fragen zu stellen. Ich vertraue auch nicht jedem blindlings!“

Das schien auch Maiko einzuleuchten, denn er meinte widerwillig:

„Die sind in Köln.“

„Und was machen die bitte schön in Köln?“

„Wohnen?“

„Du kommst aus Köln?“ Überrascht riss Christian die Augen auf.

„Ja, ich komme aus Köln!“

„Und wie kommst du dann nach Hamburg?“

Maiko hörte sich so an, als würde er mit einem Kind reden. „Mit dem Zug?!“

„Einfach so?“

„Ja, einfach so. Ich hab es zu Hause nicht mehr ausgehalten. Ist schon scheiße, wenn der Vater ein Säufer ist und die Mutter mit jedem Kerl rummacht, den sie kriegen kann. Das war mir einfach zu viel und ich bin abgehauen!“

„Nach Hamburg? Da hast du dir ja echt ne tolle Stadt als Neuanfang ausgesucht. Na ja... Und du hast nicht vor zurück zu gehen?“

„Nie im Leben! Lieber verreck ich da draußen auf dem Bahnhof!“

„Harte Worte!“

„Die so gemeint sind, wie ich sie sage!“

„Okay okay.... So, ich glaub ich muss los!“ Christian erhob sich schwerfällig. „Gehst du heute noch... arbeiten?“ Dieses Wort zu benutzen, kam ihm irgendwie komisch vor.

„Nein, heute lass ich’s. Mir... ist nicht danach...“

„In Ordnung. Du weißt ja wo du mich finden kannst. Warte nach der Schule auf mich, wenn was ist, okay?“

„Klar! Und du sag mir bitte bescheid, wenn du deinen Entschluss, mir helfen zu wollen, bereust!“ Ein spöttisches Lächeln umspielte Maikos Mundwinkel. „Ich könnte es gut verstehen. Warum sich noch mit den Problemen anderer befassen? Sicher hast du selber genug!“

„Falls es soweit kommen sollte, sag ich es dir, keine Sorge!“

Erst zögerte Christian noch, doch dann trat er einen Schritt nach vorne, vergrub seine Finger in Maikos blondem Haar und sah ihm noch mal ernst in die Augen. Zwei endlose Sekunden verstrichen, ehe er seine Hand wieder von dem Jüngeren löste.

Wortlos wandte er sich der Tür zu und verließ den Raum.



Auf dem Weg nach Hause dachte er noch ein Mal über die letzten Stunden nach.

Alles kam ihm irgendwie grotesk und lächerlich vor. Wie kam er auf die Idee, einem Stricher helfen zu wollen, den er erstens nicht kannte und der sich zweitens sicher nicht wirklich helfen lassen wollte.

/Warum mache ich mir eigentlich so einen Kopf wegen dem Kleinen? Sicher hat er Recht und ich bereue meine Worte morgen schon wieder./

Doch gegen seine Gedanken wusste er, das dies nicht stimmte. Er hatte keine Ahnung, woher er es wusste, aber es stand für ihn fest, dass er Maikos Freundschaft unbedingt wollte. Es war ein seltsames Gefühl, doch der Kleine war ihm trotz allem sympathisch. Diese Erkenntnis verwunderte den 17-jährigen noch mehr.

Hatte er Maiko nicht vor ein paar Stunden noch unbedingt los werden wollen? Warum hatte er jetzt seine Meinung geändert? Und, vor allem, warum war es so nahtlos geschehen? An welchem Punkt hatte er beschlossen, dass er dem Jüngeren helfen wollte? Und was versprach er sich davon?

Christian wusste, dass er sich nichts versprach, doch das erschien ihm irgendwie unlogisch. Sonst handelte er nie, wenn es sich für ihn nicht wenigstens ein bisschen lohnte. Warum sollte das auf ein Mal anders sein?

In Christians Innerem herrschte ein wirres Durcheinander, das er noch nicht zu ordnen wusste.

Weiterhin grübelnd legte er den Weg nach Hause zurück.



KAPITEL 4


Es vergingen mehrere Tage, an denen Christian nichts von Maiko hörte. Weder wartete der Jüngere nach der Schule auf ihn, noch konnte Christian sich aufraffen, um ihn am Bahnhof zu suchen.

Christian plagte sich immer noch mit dem Gedanken, warum es ihm so wichtig war, dass Maiko sich meldete. Doch langsam gab er es auf, sich darüber einen Kopf zu machen. Es war einfach ein Gefühl in ihm, dem er nur zu gerne folgte.

Also schlenderte er ein paar Tage nach ihrem Gespräch als die Schule zu Ende war, zum Bahnhof.

Dort herrschte wie immer reges Treiben, doch Christian schenkte dem Gewusel keine Beachtung. Er hielt zielstrebig auf Maikos üblichen Standort zu.

Doch dort war niemand.

Verdutzt sah Christian sich um und ließ seinen Blick über die vielen verschieden Jungen und Mädchen gleiten, die sich in seiner Nähe aufhielten.

Einige musterten ihn mit deutlichem Interesse. Wahrscheinlich sahen sie in ihm einen guten Kunden. Doch Christian versuchte einfach, sie nicht zu beachten und lehnte sich seufzend gegen die kalte Wand um auf seinen neuen Freund zu warten.

Obwohl die Zeit verstrich und Maiko nicht auftauchte, verließ Christian den Bahnhof nicht. Ausdauernd, wenn auch frierend, hielt er die Stellung.

/Was macht der denn so lange? Er wird sich doch wohl nicht einen anderen Ort gesucht haben? Oder vielleicht arbeitet er heute nicht!?/ Seufzend schloss er die Augen und ließ alle Sinneseindrücke, die auf ihn einströmten, auf sich wirken.

Der Lärm in der Bahnhofshalle war mal wieder ohrenbetäubend. Überall schrien und kreischten Leute wild durcheinander. Das ständige An- und Abfahren der großen Züge trug auch nicht gerade zur Ruhe bei.

Bibbernd versuchte Christian seine Hände tiefer in seinen Jackentaschen zu vergraben, denn er fror erbärmlich. Seine Finger waren schon ganz taub und immer wenn er sie ungünstig bewegte, schmerzten sie ein bisschen mehr.

Außerdem fühlten sich seine Oberschenkel eisig an, denn auch der feste Stoff seiner Jeans hielt auf Dauer nicht allzu sehr warm.

Wenn es doch bloß endlich wieder Sommer werden würde! Doch nein, der Winter schien sich dieses Jahr nicht vertreiben zu lassen und gab noch eine Extra-Zugabe seiner „Künste“. Christian war bloß froh, dass es nicht mehr schneite. Obwohl er nicht wusste, ob ihm diese klirrende, trockene Kälte viel lieber war.

Gerade überlegte er ernsthaft, ob er nicht doch wieder nach Hause gehen sollte, als neben ihm eine überraschte Stimme ertönte.

„Oh, hallo Christian!“

Müde öffnete der Angesprochene seine immer noch geschlossenen Augen und sah Maiko erleichtert an.

„Da bist du ja endlich! Ich warte schon ein ganze Weile auf dich!“

„Sorry, hätte ich das gewusst, hätte ich mich ein bisschen mehr beeilt. Aber wenn ich ehrlich sein darf, bin ich ein bisschen überrascht.“

„Hm?“ Christian sah seinen Gegenüber fragend an.

„Na ja, ehrlich gesagt, hätte ich nicht so schnell mehr mit dir gerechnet. Was gibt’s denn Schönes?“ Maiko versuchte so gleichgültig wie möglich zu klingen, doch das kleine Lächeln, das seine Mundwinkel umspielte, zeigte Christian, wie sehr sich der Jüngere über seinen Besuch freute.

Etwas verspätet antwortete Christian auf die eben gestellte Frage: „Ach, eigentlich gibt es nichts! Ich dachte nur, ich schau mal vorbei, was du so machst!“

Maiko schnaubt abfällig. „Was soll ich schon machen? Das Übliche halt...“

„Hast du Zeit? Woll’n wir ’n bisschen zu dir gehen, oder so?“

„Klar, ich bin ja schließlich mein eigener Chef, wenn man es so will.“

Gemeinsam machten sie sich auf den Weg zu Maiko.



„Mensch, hier wird es ja auch immer kälter.“ Fröstelnd rieb Christian die Hände. Beunruhigt registrierte er die schwache Kondenswolke, die er beim Sprechen erzeugt hatte.

Maiko, der nach ihm die Wohnung betreten hatte, schob ihn verlegen ein Stück weiter in das Zimmer hinein und aufs Bett zu.

Christian ließ sich bereitwillig darauf nieder und sah dem Jüngeren dann zu, wie er sich dicht neben ihn setzte.

„Ja, es wird echt immer kälter. Aber der Vermieter hält es nicht für nötig, die Heizungen reparieren zu lassen. Nimm dir die Decke, wenn dir kalt ist.“ Maiko deutete auf die schwarze Federbettdecke, die ordentlich zusammengelegt, hinter Christian lag.

Dieser überlegte kurz, griff dann aber dankbar hinter sich um die Decke zu sich ranzuziehen.

Schnurrend vergrub er sich darin und sah Maiko dann wartend an. Doch dieser blickte nur stumm zurück.

„Erzählst du mir ein bisschen was von deiner Zeit in Köln?“, bat Christian nach kurzem Schweigen.

Maiko zögerte sichtlich, doch dann rutschte er ganz dicht zu seinem Freund ran und meinte betreten grinsend:

„Wenn ich mich bei dir anlehnen kann?! Mir ist nämlich auch ein bisschen frisch...“

„Frisch?!“ Christian lachte freudlos auf, dann zog er den Jüngeren – stürmischer als er eigentlich geplant hatte – zu sich ran und umfing ihn mit seinen Armen und einem Teil der Decke.

Maiko lehnte sich verlegen gegen ihn, fing dann aber an aus seiner „Kindheit“ zu erzählen. Christian hörte ihm aufmerksam zu...



... seit mehreren Minuten herrschte ein gespanntes Schweigen.

Maiko war schon vor einigen Augenblicken verstummt und Christian, der die ganze Zeit nur wortlos gelauscht hatte, wusste nicht, was er sagen sollte. Unwillkürlich verstärkte er den Druck seiner Arme, die immer noch um Maiko lagen, und presste den Jüngeren ein bisschen fester an sich.

Was dieser erzählt hatte, war nicht gerade prickelnd gewesen.

Anscheinend hatte er allen Grund gehabt, seine Heimatstadt zu verlassen, denn bei ihm zu Hause war wohl nichts so gelaufen, wie es üblich war. Maiko stammte aus einer ziemlich zerrütteten Familie und hatte schon immer mit nur sehr wenig leben müssen – und das in Bezug auf Geld und Liebe.

Nach einer kurzen Zeit begann sich Maiko dann in Christians Armen zu regen und drehte sich so hin, dass er vor dem Älteren hockte, aber immer noch dessen Arme um sich hatte.

Traurig sah er in die besorgten Augen von Christian und schmiegte sich dann noch mal an dessen Brust.

Christian tat der Kleine so unsagbar leid und so schloss er die Arme noch fester um ihn.

Dies brachte Maiko zum Aufsehen und nachdem er noch einen kurzen Moment in die beunruhigten Augen über sich geblickt hatte, drückte er seine Lippen auf die des anderen. Christians Lippen waren warm und weich, außerdem lag ein verlockender Geschmack auf ihnen.

Der Ältere war im ersten Moment einfach nur überrascht, doch dann erwiderte er zaghaft den Kuss.

Als Maiko dies spürte, seufzte er lautlos und wurde er ein bisschen mutiger. Vorwitzig schob er seine Zunge in den Mund des anderen. Der ließ ihn gewähren und akzeptierte es auch, als Maikos Zunge in seinem Mund alles zu erkunden begann. Es dauerte gar nicht lange, da leistete Christians ihr Gesellschaft.

Der 17-jährige wollte dem Jüngeren einfach nur Trost spenden, doch als er spürte, wie dessen Kuss immer fordernder wurde, brach er ihn schließlich verunsichert ab und schob Maiko von sich.

Dieser sah ihn erst ziemlich verwirrt an, doch wich dann verlegen seinem Blick aus.

Christian war vollends von seinem Tun eben gerade verwirrt und zog nachdenklich die Stirn kraus. Betroffen versuchte er in sich hinein zu hören, doch alles was er vernahm war... nichts.

Nun vollkommen perplex, schälte er sich aus der warmen Decke und schlang sie fürsorglich um Maiko, bevor er sich erhob.

Der 15-jährige beobachtete ihn mit starrem Blick.

Keiner der beiden wusste, was er sagen sollte.

Maiko starrte nur stumm vor sich hin. Er wusste selbst nicht, was über ihn gekommen war, aber der Moment war ihm einfach für einen Kuss ideal erschienen. Und auch jetzt, nachdem Christian ihn zurück gewiesen hatte, würde er dessen weiche Lippen gerne noch mal auf den seinen spüren. In Maikos Bauch flatterten Tausende von kleinen Schmetterlingen durcheinander. Es war einfach ein atemberaubendes Gefühl, dass er noch nie so stark verspürt hatte.

Doch trotz dieses Kribbelns kam ihm die Stille, die im Raum herrschte, verheerend vor. Er konnte spüren, dass es in Christian arbeitete, denn der Ältere hatte sich einige Meter von ihm entfernt und blickte ebenfalls wortlos zu Boden. Doch er schien den Boden nicht wahrzunehmen, eher wirkte sein Blick weit weg.

Maiko bekam ein wenig Angst. Hatte er etwas falsches getan? War Christian jetzt sauer auf ihn, weil er ihn geküsst hatte? Aber er hatte den Kuss doch erwidert!? Fühlte er denn nicht genauso wie er? Warum hatte er ihn dann nicht gleich von sich gestoßen?

Das kribbelnde Gefühl in Maiko verblasste langsam und eine nagende Unruhe breitete sich in ihm aus.

Doch er war nicht der einzige, der eine Unruhe verspürte.

Christians Gedanken überschlugen sich ebenfalls.

/Was war denn das jetzt gewesen? Warum hat Maiko mich geküsst? Will er etwa doch mehr als eine normale Freundschaft? Und was, wenn es so ist? Was will ich? Ich hab den Kuss doch erwidert! Also, abgeneigt war ich anscheinend nicht gewesen!/ Fassungslos schüttelte er den Kopf. /Ach, das war sicher nur ein Ausrutscher! Maikos Erzählung hat uns beide einfach nur ... ein bisschen verwirrt.../

Verlegen räusperte sich Christian.

„Ich... danke, dass du mir ein bisschen mehr über dich erzählt hast!“ Rettend sah er auf seine Uhr und fügte dann nervös hinzu: „Oh, schon so spät! Ich hab noch was für die Schule zu tun, tut mir echt leid. Ich komm aber bestimmt noch mal vorbei diese Woche, okay?“

Es versetzte Maiko schon einen kleinen Stich, als er Christians offensichtliche Flucht bemerkt, doch er versuchte sich nichts anmerken zu lassen. „Klar, kein Problem. Ich... ich muss auch wieder arbeiten...“

Der Jüngere sah deutlich wie Christian missbilligend das Gesicht verzog, was sein Herz wieder höher schlagen ließ. Er unterdrückte dieses Gefühl aber so gut es ging.

//Ich scheine ihm wohl doch nicht ganz so egal zu sein! Und außerdem hat er doch gar nicht gesagt, dass ich ihm egal bin. Er war sicher nur... überrascht!// Einen kurzen Moment hatte Maiko das Gefühl, dass er sich mit seinen Gedanken in etwas hinein steigerte, doch dieser Moment war eher wie ein Funke. Er flackerte auf und erlosch dann ebenso schnell wieder.

Mit einem warmen Gefühl im Bauch beobachtete er, wie Christian sich unsicher zur Tür begab und dann, mit einem letzten kurzen Lächeln und einem leisen ‚Tschau’ den Raum verließ.

Zurück blieb ein aufgeregter Maiko, der nicht wusste wohin mit seinen Gefühlen. Zittrig atmete er schnell ein und aus. Dieses Gefühl hatte er noch nie so deutlich in sich gespürt, es war, als wenn sein Körper brennen würde!



Benommen stolperte Christian nach Hause. Immer wieder schlich sich in seinen Kopf die Frage, was Maiko in ihm sah. Ob er echt mehr von ihm wollte oder ob der Kuss eben nur ein verzweifelter Versuch gewesen war, ein wenig Trost zu erhaschen.

Er kam jedoch zu keinem wirklichen Ergebnis. Und ein bestimmter Teil von ihm war auch froh darüber, denn die Chance, dass die Antwort ihm nicht gefallen würde, war zu hoch.

/Doch wird sie mir denn wirklich nicht gefallen?/



KAPITEL 5


Als Christian am nächsten Tag wieder in seinem Lieblingscafé saß, hatte er die Gedanken an den letzten Nachmittag endgültig verdrängt.

Verträumt blickte er auf seinen eben bestellten Cappuccino hinunter und begann dann, mit sachten Bewegungen, den Schaum von der Oberfläche zu löffeln. Zufrieden genoss er den cremigen Geschmack auf seiner Zunge.

„Also, dir beim Kaffeetrinken zu zusehen ist echt ein Erlebnis!“

Erschrocken blickte Christian auf und errötete fast augenblicklich. Vor ihm stand Malik und seine Augen glänzten deutlich amüsiert.

Der Ältere sah wieder mal zum Anbeißen aus, wie Christian sofort bemerkte. Seine Klamotten leuchteten strahlend bunt und verliehen ihm ein fröhliches Aussehen. Christian wurde noch röter, als er merkte, WIE gut Malik doch aussah.

Dennoch, als die erste Überraschung verpufft war, meldete sich sofort sein Verstand wieder. Hastig schloss er seinen offenstehenden Mund und meinte dann nur trotzig: „Das ist kein Kaffee sondern Cappuccino!“

„Gut, dann halt Cappuccino!“ Malik grinste vergnügt in sich hinein und ließ sich dann gegenüber von Christian auf den Stuhl sinken.

Dieser wurde stutzig. „Was machst du eigentlich hier?“

„Ich? Ich bin mit Tino unterwegs, da die Videothek heute mal ausnahmsweise zu hat. Und er meinte, dass wir dich hier sicher treffen würden!“

„Ach, meinte er das?“ Christians Stimme hörte sich höhnisch an und er begann wieder gelassen seinen Schaum zu löffeln. „Wo ist der Gute denn?“

„Der ist an der Theke und bestellt uns was!“

Bei dem ‚uns’ zog Christian spöttisch die Augenbraue hoch, was Malik mit Genugtuung registrierte. Trotzdem verkniff er es sich, was dazu zu sagen.

Das war auch gar nicht nötig, denn keine zwei Sekunden später tauchte Tino fröhlich grinsend bei ihnen auf. In der einen Hand eine Tasse Kaffee tragend und in der anderen einen Teller mit einem Stück Kuchen.

Klirrend stellte er die heiße Tasse vor Malik ab und ließ sich dann schnaufend auf einen freien Stuhl sinken. Der Kuchenteller wurde säuberlich vor ihm platziert und sofort mit einem gierigen Blick angestarrt.

Doch noch bevor er zugriff, sah er gespielt überrascht zu seinem langjährigen Freund auf und keuchte verblüfft: „Mensch, du hier? Das hätte ich ja nun wirklich nicht erwartet!“

„Jaaa, was für ein Zufall!“, ging Christian auf das Spiel seines Freundes ein, setzte dann aber noch neckend hinzu: „Versuchst du jetzt neuerdings die Kellner zu entlasten, indem du dir dein Zeug selber holst?“

Tino blinzelte perplex, dann meine er todernst:

„Na was denkst du denn? Die Armen bekommen ja nicht mal ’ne Pause und da doch hier ein Kumpel von dir arbeitet, nehme ich natürlich doppelt Rücksicht!“

Nach einer kurzen Pause um sein Gesagtes wirken zu lassen, erklärte er dann aber kopfschüttelnd:

„Nein, jetzt mal im Ernst. Ich wollte dir und Malik nur mal zwei Minütchen alleine gönnen. Damit ihr mal unter euch seid!“ Tino grinste lieblich.

Malik, der bis eben nur stumm dem Wortwechsel gelauscht hatte und gerade nach seiner Kaffeetasse greifen wollte, zog die Hand überrascht zurück. Ein kleines Keuchen entfuhr ihm.

Doch Christian beachtete die Reaktion des Älteren gar nicht und meinte einfach nur:

„Das ist aber großzügig von dir! Danke!“

„Tja, so bin ich nun mal! Nichts zu danken!“ Selbstverliebt grinste Tino seinen besten Freund noch ein Mal an, wandte sich dann aber voll und ganz seinem Stück Kuchen zu.

Malik hatte sich von den Worten seines Kollegen wieder erholt und fragte, nun an Christian gerichtet:

„Du bist wohl öfters hier?“

„Ja, kann man so sagen. In der letzten Zeit sogar fast jeden Tag.“

Malik seufzte lautlos. „Kann ich verstehen, es ist echt schön hier.“

„Sag ich doch!“ Christian ließ seinen Blick auf dem anderen ruhen, während er selbstvergessen nach seiner Tasse griff und an dem langsam abkühlenden Cappuccino nippte.

Malik sah heute wirklich wieder klasse aus. Wie auch bei ihrem letzten Zusammentreffen hatte er seine Haare zu Spikes gegelt. Doch dem 17-jährigen fiel auf, dass die blaue Farbe langsam aus den Spitzen verblasste.

Für Malik zusammenhangslos fragte er: „Wird es beim nächsten Mal wieder blau?“

Der Ältere schien einen Moment zu überlegen, bevor er registrierte, worauf sein Gegenüber blickte. Lachend meinte er:

„Ich weiß noch nicht so genau. Vielleicht nehme ich auch grün, obwohl meine Schwester davon überzeugt ist, dass Rot bestimmt geil aussieht. Ich mag aber kein Rot, daher werde ich wohl noch mal Blau nehmen, bis ich mir einig bin!“

„Ah ja...“ Christian grinste. Anscheinend hatte sich Malik diese Frage schon sehr oft alleine gestellt – und seiner Schwester.

„Du hast eine Schwester?“

Malik nickte ergeben. „Ja – und sie ist ein Monster!“

„Wie alt ist sie denn?“

„Sechzehn. Sie hält sich aber für Einundzwanzig, während sie sich wie Zwölf benimmt.“

„Hach, wie gut das ich keine Schwester hab!“

„Aber dafür hast du ja mich!“, mischte sich nun auch Tino in das Gespräch ein.

„Da hast du allerdings recht!“, pflichtete Christian ihm schmunzelnd bei und auch Malik konnte nur grinsen.

Langsam weiteten die Drei ihr Gespräch aus und wechselten von einem Thema zum anderen.

Christian kam nicht umhin, Malik immer wieder leicht verliebte Blicke zu zuwerfen, denn der Ältere begeisterte ihn immer mehr. Und dies schon durch einfache Gesten, wie ein Lächeln oder wie er seinen Kaffee trank, ohne den Blick von seinem Gegenüber abzuwenden. Einfach herrlich.

Der 17-jährige musste sich immer wieder gewaltsam daran erinnern den Mund zu schließen, damit er Malik nicht völlig bedeppert anstarrte. Doch falls der Ältere etwas von seinem Benehmen bemerkte, so ließ er sich nichts anmerken. Und auch Christian konnte im Nachhinein nur ungläubig mit dem Kopf schütteln. /Ich werd’ mich doch wohl nicht.../

Doch sein klopfendes Herz versuchte ihn mit allen Mitteln vom Gegenteil zu überzeugen.



KAPITEL 6


Die nächsten drei Tage hatte der 17-jährige voll und ganz mit der Schule zu tun. Er musste für Arbeiten lernen, Hausarbeiten schreiben und Überstunden in der Bibliothek einlegen, da er zu Hause nicht über die benötigten Nachschlagewerke verfügte.

Doch als er dann endlich am Ende der Woche zu einem „freien“ Nachmittag kam, fiel ihm siedend heiß wieder ein, dass er ja Maiko versprochen hatte, vorbei zu kommen. Im ganzen Schulstress war dieses Vorhaben vollkommen untergegangen.

Also machte er sich wieder ein Mal auf die Suche nach seinem neuen Freund.

Als er den Bahnhof erreichte, zog er seine Jacke ein Stück enger um sich. Die Bahnhofsatmosphäre ließ ihn frösteln.

So vorsichtig wie möglich schlängelte er sich durch die Masse von Menschen, konnte es jedoch nicht verhindern, dass irgendjemand ihm einen Ellbogen in die Magenkuhle rammte. Erschrocken keuchte er auf, kämpfte sich aber weiter durch, bis er den hinteren – langsam wohlbekannten – Teil der Halle erreichte.

Schon automatisch fanden seine Füße den Platz von Maikos Standort und schon von Weitem konnte er die Gestalt sehen, die dort an die kalte Wand gelehnt stand.

Unbewusst beschleunigte er seinen Schritt und kam erst kurz vor der Person, die im Schatten stand, zum stehen.

Gerade wollte er ansetzen etwas zu sagen, als ihm etwas auffiel.

Schwarzes Haar, dass seinem Besitzer etwas länger ins Gesicht fiel und schnell mit einer fahrigen Bewegung aus den Augen gewischt wurde, als dieser den „Besuch“ bemerkte.

Christian wusste nicht wen er vor sich hatte, doch eins wusste er genau: Maiko war es nicht!

Überrascht wich er einen Schritt zurück, doch der Fremde tat den gleichen Schritt, womit sich der Abstand zwischen ihnen nicht veränderte.

Anzüglich grinsend meinte der fremde Junge: „Hoppla, wen haben wir denn da? Was kann ich für dich tun?“

Seine Stimme klang weich und samtig und ließ eine Gänsehaut auf Christians Armen entstehen. Der 17-jährige blinzelte verwirrt, da die Stimme nicht wirklich zu seinem Gegenüber zu passen schien und antwortete dann ein wenig verspätet:

„Ich... Also, eigentlich suche ich wen!“

„Und wen denn genau, mein Hübscher?“ Dieses ‚mein Hübscher’ aus dem Mund eines Jüngeren war schon ein seltsamer Klang.

„Ähm... er heißt Maiko und steht normalerweise immer hier. Kennst du ihn?“

Der andere verzog nur abfällig das Gesicht.

„Ja, und ob ich den kenne. Aber den wirst du heute wohl nicht mehr antreffen, er war schon die letzten Tage nicht mehr hier.“

Als der fremde Stricher das fragende Gesicht von Christian sah, meinte er seufzend:

„Bin ich denn hier die Auskunft?! Es scheint, als wenn der Gute nicht ganz auf dem Posten ist und zu Hause das Bett hütet!“

„Er ist krank?“, keuchte Christian überrascht.

„Das sagte ich eben!“ Der Unwille war nun deutlich aus der Stimme des anderen herauszuhören und Christian wandte sich mit einem gemurmelten ‚Danke’ von ihm ab.

Kurzentschlossen schlug er nicht den Weg nach Hause ein, sondern den, der direkt zu Maikos Wohnung führte. Christian konnte nicht sagen warum, aber er fühlte eine gewisse Unruhe in sich...



... Vor dem Wohnblock, in dem Maikos Zimmer sich befanden, kam er zum Stehen. Nachdem er ein Mal nachdenklich die Fassade hinauf geblickt hatte, trat er durch die immer offenstehende Eingangstür, die in einen feuchten, kalten und dazu noch fast vollkommen dunklen Treppenaufgang führte. Wieder fragte Christian sich, wie jemand in so einer Bruchbude leben konnte.

Maiko wohnte direkt unter dem Dach und so musste Christian fünf Stockwerke die Treppen hochsteigen. Den Lichtschalter traute er sich nicht zu betätigen, aus Angst, eine gewischt zu bekommen. Wer weiß, wie alt die Leitungen hier schon waren. Außerdem bezweifelte er, dass auch nur eine der Glühbirnen ging.

Als er endlich vor Maikos Tür ankam, zögerte er noch einen kurzen Moment. Wieder kamen ihm Bilder von einem in seinen Armen liegenden Maiko und das Gefühl von dessen weichen Lippen auf den seinen in den Sinn. Doch er verbannte sie kurzerhand in die ‚Schublade für Ausrutscher’ und drückte auf den kleinen Klingelknopf neben der Tür.

Es dauerte eine ganze Weile, bis sich etwas dahinter zu rühren schien. Dann vernahm Christian das Geräusch eines sich im Schloss drehenden Schlüssels und die Tür wurde einen Spalt weit geöffnet.

Der Maiko, der Christian nun gegenüber stand, sah wirklich total fertig aus.

Er hatte tiefe Augenränder und seine sonst so weichen, samtigen Lippen waren rissig, rot und spröde. Dazu sah seine Nase auch schon ziemlich in Mitleidenschaft gezogen aus und war puderrot. Ansonsten wirkte der 2 Jahre jüngere Junge nur blass.

Als er Christian erkannte, hellte sich sein Gesicht auf und seine müden Augen begannen zu glänzen. Ein Lächeln stahl sich auf seine Lippen.

„Oh, hallo Chris!” Maikos Stimme hörte sich an wie ein heiseres Krächzen.

Christian verzog mitleidig das Gesicht und fragte aufgeregt: „Was hast du denn gemacht???“

Maiko lächelte traurig.

„Ich bin einfach nur krank. Kann das nicht jedem passieren?“ Mit einer einladenden Geste trat er beiseite, um Christian in seine Wohnung zu lassen.

Doch dieser übersah die Aufforderung und meinte besorgt:

„Ja, das vielleicht schon. Aber du siehst wirklich schlimm aus. Das kommt sicher wegen der kalten Wohnung. Im Winter ohne Heizung zu wohnen! Das ist doch Mord! Da kann man doch auch nur krank werden!“

Maiko grinste nur leidlich. „Ja, kann schon gut und gerne sein. Das ist aber noch lange kein Grund vor meiner Tür Wurzeln zu schlagen. Davon wird es auch nicht wärmer!“

„Oh...“ Errötend trat Christian nun endlich ein, sodass Maiko hinter ihm die Tür schließen konnte.

Doch kaum war sie zu, da setzte Christian auch schon zu einem neuen Redschwall an.

„Was machst du eigentlich angezogen? Du gehörst ins Bett! So wie du aussiehst, hast du sicher Fieber! Soll ich dir ’nen Tee machen oder hast du nichts da? Los, ab ins Warme...“

Maiko schüttelte grinsend den Kopf. //Süß, er macht sich Sorgen um mich!// Laut sagte er:

„Ja, Mama! Ich war bis eben im Bett, bloß irgendein Trottel hat mich mit seinem Klingeln daraus vertrieben. Und ja, ich hab Tee da. Ich ernähre mich seit zwei Tagen von nichts anderem!“

Christian wurde noch röter.

„Sorry, aber du siehst wirklich schlimm aus.“ Seufzend ließ er sich auf Maikos zerwühltem Bett nieder. Der Jüngere tat es ihm gleich.

„Ich weiß, ich fühl mich auch nicht gerade gut. Aber langsam geht es wieder. Scheiße ist bloß, dass ich so nicht arbeiten kann...“

„Das ist doch wohl nicht dein Ernst, oder? Ist das dein einziges Problem?“ Christian war von Maikos Worten schockiert.

„Was denkst du, was vier Tage nicht arbeiten für mein Einkommen bedeuten?! Aber egal.. Das kann ich schon verkraften...“

Maiko kroch bibbernd wieder unter seine Decke. Dann sah er seinen Besucher mit großen Augen an.

„Was hast du so die Woche gemacht?“

Christian seufzte herzzerreißend. „Die Schule hatte mich mal wieder voll und ganz eingespannt! Aber zum Glück haben wir ja morgen Samstag.“

„Oh, schon Samstag? Weißt du, wenn man den ganzen Tag lang im Bett liegt, vergeht die Zeit entweder gar nicht oder aber wie im Fluge. Was hältst du davon, wenn wir draußen einen kleinen Spaziergang machen?“ Maiko sah seinen Freund mit Hundeaugen an, doch dieser schüttelte nur den Kopf.

„Nein, dass lassen wir lieber. Du bist krank!“

„Mensch, nun behandle mich nicht so, als wenn ich sterben müsste. Ich hab ’ne einfache Erkältung, mit der kann man auch nach draußen gehen.“

Christian schüttelte noch ein letztes Mal unwillig seinen Kopf, dann erhob er sich und meinte leise:

„Okay, lass uns rausgehen. Kälter als hier ist es dort auch nicht. Aber nur unter der Bedingung, dass wir zu mir gehen und ’nen Tee trinken!“

Maiko sprang erfreut auf.

„Au ja! Deine Heizung geht doch, oder?“

„Natürlich geht sie! Dann zieh dich mal an!“

Abwartend setzte Christian sich wieder auf die Matratze und sah dem Jüngeren zu, wie dieser sich zu seinem Schrank begab und nervös darin herumwühlte.

Nach einigem Gekrame zog er eine helle, verwaschene Jeans und einen dicken, schwarzen Rollkragenpullover heraus und begann sich um zu ziehen.

Christian beobachtete ihn währenddessen ungeniert, was auch dem jüngeren Jungen nicht verborgen blieb. Doch im Gegensatz zu Christian, der bei dem Anblick des halbnackten Jungens keine Hintergedanken hegte, musste Maiko unwillkürlich grinsen.

//Wie er mich ansieht! Ob ihm wohl gefällt was er sieht?// Doch statt diese Frage laut zu stellen, was er bei Christian nie tun würde, denn immerhin war er ja keiner seiner Freier, drehte er sich nur zu ihm um und lächelte ihn – nur mit der Jeans bekleidet – offen an.

Christian wurde ein wenig rot, als er sein eigenes Starren bemerkte und erwiderte das Lächeln zaghaft.

Als Maiko dann endlich fertig war, verließen beide zusammen die Wohnung.



„Sag mal, hast du eigentlich schon mal daran gedacht, dein Stricherdasein zu beenden und dir ’nen ordentlichen Job zu suchen?“ Christians Stimme war ganz ruhig, als er diese Frage stellte.

Beide Jungen waren nach einem dreißigminütigem Spaziergang in Christians Wohnviertel angekommen und hatten sich dankbar ins Warme gerettet. Maiko, der noch nicht in Christians Wohnung gewesen war, hatte sich zuerst nur stumm umgesehen, dann aber mit leiser Stimme gemeint, dass ihm die Wohnung echt gut gefalle.

Christian war in der Zwischenzeit in die Küche geeilt, um Teewasser aufzusetzen. Auf Maikos ehrfürchtige Worte hatte er nur mit einem knappen ‚Danke’ geantwortet und war dann, mit zwei Tassen und einer Kanne Tee wieder zu dem Jüngeren getreten. Gemeinsamt hatten sie sich im Wohnzimmer niedergelassen und eine Weile geschwiegen.

Dort saßen sie nun noch immer, doch Christians Worte hatten das Schweigen unterbrochen.

Maiko begann nun nervös auf seinem Sessel hin und her zu rutschen.

„Darüber haben wir doch schon mal gesprochen, oder?“

„Ja, mehr oder weniger. Und ich will dir ja auch nicht in dein Zeug reinreden, aber wäre es nicht vielleicht besser für dich, wenn du was anständiges machst?“

Maiko zog spöttisch die Augenbrauen hoch. „Und was ist für dich anständig?“

„Ich meine, wie wäre es mal mit Zeitungsaustragen oder einfach in ’nem Kiosk? Oder vielleicht findest du irgendwas ähnliches!“

„Chris! Ich bin dir ja wirklich dankbar, dass du mir helfen willst, aber ich kann mit meinem Job nicht einfach aufhören. So schnell werde ich nichts anderes finden und denk doch mal nach! Ich hab noch nicht mal ’nen Ausweis. Und das heißt, dass ich mindestens die Unterschrift oder das Einverständnis von meinen Eltern bräuchte...“

„... doch die sind in Köln und können es dir nicht geben. Ich weiß, ich weiß!“, unterbrach Christian mürrisch seinen jüngeren Freund. „Aber wenn du es nicht mal versuchst, kann es doch gar nichts werden! Sicher gibt es irgendwo jemanden, der dich auch so einstellt, glaub mir!“

„Na dann finde mal so jemanden!“ Maiko sah aus, als wenn er sich hinter seiner Teetasse verstecken würde. Anscheinend war ihm das Thema unangenehm, doch Christian nahm darauf keine Rücksicht.

„Spaß macht dir dein Job doch ganz gewiss nicht!“

Maiko riss überrascht die Augen auf und öffnete schon den Mund, um etwas zu entgegnen. Doch dann schloss er ihn wieder. Scheinbar wusste er nicht so wirklich, was er sagen sollte.

Gerade, als Christian schon dachte, es würde nichts mehr kommen, meinte der Jüngere leise:

„Es gibt sicher schlechtere Arbeiten!“

„Was? Na, dann bin ich ja mal auf ein Beispiel gespannt!“

„Zum Beispiel Müllmann oder Kloputzfrau. Das finde ich ekliger!“, gab Maiko unsicher zurück.

Christian lachte bloß freudlos. „Ach, das findest du eklig! Aber du lässt dich von fremden Männern betatschen?! Maiko, hat Sex für dich denn nichts mit Liebe zu tun?“

Nun war es an Maiko freudlos aufzulachen. „Liebe? Chris, keine Sau fragt mich da draußen auf dem Bahnhof nach Liebe. Ich kann mit Sex Geld verdienen und es ist ehrliches Geld!“

„Ehrliches Geld?“

„Ja, das ist es. Ich arbeite dafür. Andere Jungs klauen armen Passanten das Portemonnaie...“

„... und du lässt dich von ihnen vögeln!“ Christians Stimme wurde lauter. Eigentlich war ihm deutlich bewusst, dass dieses Gespräch nichts bringen würde, doch er wollte nicht nachgeben.

Irgendwie musste er Maiko doch dazu bewegen können, sich einen anderen Job zu suchen. So konnte der 15-jährige doch nicht weiter leben.

/Chrissie! Sei nicht so naiv! Du wirst nichts an all dem ändern können. Warum sollte Maiko einen Fremden sich in sein Leben einmischen lassen? – Erstens bin ich kein Fremder und außerdem soll er sich von mir doch nur helfen lassen! – Helfen lassen? Du tauchst auf und bringst ihm alles durcheinander! – Nicht ich bin aufgetaucht, sondern er ist zu mir gekommen. Und er wollte meine Hilfe! – Aber Chrissie.... – Schnauze!/

Christian hörte sich den Kampf seines Herzens und seines Verstandes eine Weile an, dann blendete er seine innere Unstimmigkeit aus, denn er hatte bemerkt, dass seine Worte Maiko mehr getroffen hatten, als er geahnt hätte.

Der Jüngere starrte betrübt auf seine Tasse und hatte die Stirn in Falten gelegt.

„Maiko, ich wollte jetzt nicht...“

„Schon okay...“, unterbrach der 15-jährige seinen Freund und sah wieder auf. „Du hast ja recht, ich lass mich von denen vögeln. Aber das ist nun mal das Einzige, was ich kann!“

„Quatsch!“ Christian sprang erregt auf. „Das ist doch Unsinn. Du hast nur noch nichts anderes versucht!“

„Ich glaub, wir lassen das Gespräch! Ich verspreche dir, dass ich irgendwann damit aufhören werde. Doch im Moment ist es das Einfachste für mich!“ Verzweiflung klang in Maikos Stimme mit, denn anscheinend wusste er nun wirklich nicht mehr, was er sagen sollte.

Fast hätte der 17-jährige noch etwas darauf erwidert, doch er verkniff es sich und ließ sich wieder auf seine Couch sinken.

„Okay, reden wir ein anderes Mal darüber... Sag mal, willst du vielleicht heute Nacht hier schlafen? Draußen ist es schon dunkel und wärmer als bei dir ist es hier alle mal!“

Ein sanftes Lächeln schlich sich in Maikos Gesicht.

„Danke für das Angebot, aber ich geh lieber wieder nach Hause!“ //Wenn du in meiner Nähe liegen würdest, hätte ich eh keine Ruhe!//

„Schade...“ Auch Christians Lächeln wurde weich. „Soll ich dich noch nach Hause bringen? Immerhin bist du krank!“

„Quatsch! Brauchst du nicht!“

„Will ich aber!“, beharrte der Ältere.

„Okay, dann lass uns gehen. Sonst ist es schon nach Mitternacht, bevor du wieder zu Hause bist.“ Maiko erhob sich gähnend.

„Na, doch hier schlafen?“, startete Christian einen letzten Versuch. Irgendwie war es ihm nicht recht, dass sein Freund um diese Uhrzeit noch nach Hause wollte und dann auch noch in diese kalte Wohnung. Er schüttelte innerlich den Kopf.

„Och Chris! Ich sagte doch, nein danke! Ich komm sicher mal drauf zurück!“

„In Ordnung, wer nicht will, der hat schon!“

Damit zogen sich beide an und Christian brachte seinen Freund noch bis zu ihm nach Hause. Das Angebot noch mit hinein zu kommen, lehnte er lächelnd ab und erklärte, dass es dafür wirklich schon ein bisschen zu spät wäre. Doch gerade als er sich zum Gehen umwenden wollte, hatte er plötzlich Maikos Arme um seinen Hals und dessen raue Lippen auf den seinen.

Christian musste gegen den Impuls, den Jüngeren erschrocken von sich zu stoßen, ankämpfen und schob ihn dafür bloß sachte von sich – ohne den Kuss auch nur erwidert zu haben.

Maikos Blick wurde von einem Moment auf den anderen traurig, doch Christian wusste nicht was er sagen sollte, um den Jungen vor sich zu trösten. Deshalb beließ er es bei einem leichten Kopfschütteln und strich dem Jüngeren sanft über die Wange. Dann wandte er sich wortlos ab und stürmte die Treppen hinunter, hinaus in die kühle Nacht...



KAPITEL 7


Das Wochenende verging, ohne dass Maiko sich bei Christian meldete. Das Gleiche traf auch für den Beginn der darauf folgenden Woche zu – keine Lebenszeichen von dem 15-jährigen.

Christian hatte schon begonnen sich Vorwürfe zu machen. Sicher hatte sein übereilter Abgang am Freitag den Jüngeren enttäuscht. Anscheinend sah Maiko in ihm doch mehr als nur einen guten Freund.

Doch wollte Christian mehr als nur Freundschaft von Maiko? Diese Frage hatte er sich innerhalb der letzten Tage sicher an die tausend Mal gestellt – und jedes einzelne Mal hatte er sie für sich mit ‚Nein’ beantwortet. Er war sich sicher, dass er für den Jüngeren nichts empfand. Oder zumindestens nicht das, was dieser dem Anschein nach für ihn. Es war ein anderes Gefühl...



Nun war es Donnerstagabend.

Wie jeden Abend diese Woche, saß Christian alleine zu Hause und starrte trübe vor sich hin. Vor wenigen Minuten hatte er den Fernseher ausgeschaltet, da erstens nicht gescheites gelaufen war und zweitens er sich eh nicht wirklich hatte darauf konzentrieren können. Seitdem starrte er den hellen Couchtisch, der vor ihm stand, an.

/Vielleicht sollte ich Tino anrufen?! Er könnte ja noch vorbei kommen, oder ich geh zu ihm. Oder wir holen Malik ab und ziehen noch ein bisschen um die Häuser./ Bei dem Gedanken an den Älteren wurde Christian warm und kleine Schmetterlinge begannen wild in seinem Bauch durcheinander zu flattern. Er musste grinsen. /Ja, Malik ist schon ein echter Leckerbissen! Da muss ich Tino ja richtig dankbar sein, dass er ihn mir vorgestellt hat. Und Malik scheint auch nichts gegen mich zu haben. Hoffentlich sehe ich ihn am Wochenende wieder. Ob es zu auffällig wäre wenn ich.../

Ding-Dong.

Überrascht sah Christian auf. /Wer...?/ Grummelnd, weil er aus seinen Gedanken gerissen worden war, stand er auf und begab sich zur Tür, um dem späten Besucher zu öffnen.

Christian staunte nicht schlecht, denn vor seiner Tür stand... Maiko.

„Maiko?“

Der 15-jährige sah Christian ein wenig verlegen an und lächelte dann schwach.

„Hallo Chris! Stör’ ich gerade?“

„Nein!“ Christians Stimme hörte sich noch immer überrascht an.

„Ich...“ Maiko ließ mit einem dumpfen Knall die Reisetasche, die er bis eben geschultert getragen hatte, zu Boden sinken. „... ich weiß, dass ist jetzt ein bisschen viel verlangt, aber ich bräuchte für heute einen Schlafplatz?!“

„Was?“

Maiko seufzte lautlos. „Ich...“

„Komm doch erst mal rein!“, unterbrach Christian seinen Freund und trat ein Stück beiseite, damit dieser eintreten konnte.

Maiko entledigte sich erst seiner Schuhe, dann folgte er seinem Freund ins Wohnzimmer und ließ sich dort in einen Sessel sinken.

Christian nahm auf der Couch gegenüber Platz.

„Okay, nun erzähl! Warum brauchst du ’nen Schlafplatz? Was ist mit deiner Wohnung?“

„Ich bin rausgeflogen...“

„WAS?“ Erschrocken riss Christian die Augen auf. In seinem Kopf wirbelten die Gedanken durcheinander. /Warum...?/

„Ja, rausgeflogen. Der Block soll in einem Monat abgerissen werden und der Vermieter hat mich heute vor die Tür gesetzt. Die anderen Leute, die dort wohnen, bekommen von der Stadt eine neue Wohnung zugeteilt, nur ich....“ Maiko brach ab, doch Christian deutete ihm durch ein Kopfnicken, dass er weiter reden sollte. „... der Vermieter meinte, dass er keinen Ärger bekommen will, weil er einem Minderjährigen, ohne die Bestätigung seiner Eltern ’ne Wohnung vermietet hat und das wäre ja aufgefallen, sobald die von der Stadt bei ihm angerückt wären.“ Ein tiefes Durchatmen von Maiko. „Deshalb musste ich raus.“

„Und nun brauchst du ’ne Bleibe!“, ergänzte Christian nachdenklich.

„Das ist der Punkt. Ich wäre dir dankbar, wenn du mich für wenigstens eine Nacht hier schlafen lassen würdest!“

„Ich...“ Christian brach ab und überdachte den Gedanken, der ihm eben gekommen war, noch einmal.

/Was mach ich denn jetzt? Ich hätte ihn nun fast gefragt, ob er für ’ne Weile hier einziehen will. Doch will ich das denn? Maiko die ganze Zeit um mich haben? Meine Ellis müssen davon ja nix merken und es wäre ja auch nur für vorrübergehend. Solange, bis er was anderes gefunden hat. Ich kann ihn doch nicht auf der Straße sitzen lassen. – Doch Chrissie, das kannst du! Wer weiß, was er mit deiner Wohnung anstellt, wenn du nicht da bist? Höchstwahrscheinlich bringt er noch seine Freier hier her! – Quatsch, warum sollte er das machen? Er kann doch froh sein, dass ich ihm erlaube hier zu bleiben! – Und du denkst, das ist ein Grund für ihn, deine Gastfreundschaft nicht auszunutzen? Chrissie, du bist wirklich naiv! – Nein, ich vertrau Maiko nur! Keine Ahnung warum, aber es ist so! – Chrissie.../

„Chris?“ Maikos Stimme riss den 17-jährigen jäh aus seinen Überlegungen. Er blinzelte kurz, um in die Wirklichkeit zurück zu finden, dann fragte er schnell, bevor er es sich noch anders überlegte:

„Sag mal, was hältst du davon, wenn du solange hier bleibst, bis du eine andere Wohnung gefunden hast?“

„Ist das dein Ernst?“ Ein misstrauischer Ausdruck schlich sich in Maikos Gesicht.

„Ja, ist es. Aber du musst mir versprechen, dass du dich wirklich nach einer Wohnung umsiehst!“

„Klar mach ich das! Ich fang morgen gleich an!“ Maikos Gesicht war ein einziges großes Lächeln. Glücklich strahlte er seinen Freund an.

„Ähm... du musst aber auf der Couch pennen, ich hab kein Gästezimmer!“ Christian wurde rot.

„Schon okay, ich bin dir dankbar, dass ich überhaupt hier bleiben darf! Da würde ich sogar hier auf dem Fußboden schlafen. Selbst das wäre tausend mal besser, als in irgendeiner Gosse oder unter einer Brücke.“

„In Ordnung. Dann bleibst du erst mal hier!“

/Chrissie, ich hoffe, du hast jetzt keinen Fehler gemacht!/