Du befindest Dich hier: Geschichten > Geschichten frei bis 16 > Ju-chan > Hopeless - World Changer > Hopeless - Wolrd Changer Teil 8 bis 14

Hopeless - Wolrd Changer Teil 8 bis 14

KAPITEL 8


„Maiko wohnt vorübergehend bei mir...“

Mit einem lauten Klirren setzte Tino sein Colaglas auf der Theke ab und hustete qualvoll, denn er hatte sich bei Christians Worten prompt verschluckt. So hatte er seine Frage, ob es etwas Neues bei ihm gebe, eigentlich nicht gemeint.

Es war Freitagabend und Tino war gemeinsam mit Malik und Christian wieder in einer Schwulen-Disco um sich die Zeit zu vertreiben. Er hatte seinen besten Freund ja auch schon die ganze Woche lang nicht gesehen und die Frage war eigentlich obligatorisch gewesen. Doch mit so einer Antwort hätte Tino nicht in seinen kühnsten Träumen gerechnet.

Verdattert sah er seinen besten Freund an und war unfähig etwas Sinnvolles zu sagen.

Auch Malik, der auf der anderen Seite von Christian an der Bar saß, hatte überrascht aufgesehen und fragte nun verunsichert:

„Maiko?“

„Ja... er ist ein... Freund von Tino!“, erklärte der 17-jährige mit einem Blick auf seinen besten Freund, der diesem zu verstehen gab, dass er sich besser auch an diese Version der Wahrheit halten sollte.

„Aber warum wohnt der jetzt plötzlich bei dir? Du hast doch gar nichts mit ihm zu tun gehabt!“ Tino hörte sich total verwirrt an.

„Ich... kannte ihn flüchtig und da er eine Wohnung brauchte, hab ich ihm angeboten bei mir einzuziehen... aber nur so lange, bis er was eigenes gefunden hat!“, fügte Christian schnell hinzu, denn Tino hatte spöttisch eine Augenbraue hochgezogen.

Es sah so aus, als wenn er noch etwas sagen wollte, doch noch bevor er den Mund öffnen konnte, riss er sich zusammen und stand seufzend auf. Mit einem Schluck leerte er sein Colaglas und meinte dann an seine beiden Freunde gerichtet:

„Ich werd mich mal ein bisschen unters Volk mischen!“

Damit war er auch schon in der tanzenden Menge verschwunden und Malik und Christian blieben alleine zurück.

Malik blickte nachdenklich sein Glas an und Christian wurde bei dem Gedanken an das Gesicht, welches sein Freund gemacht hatte als er Maiko erwähnt hatte, ganz warm.

/Ob er eifersüchtig ist? – Das hättest du wohl gerne, Chrissie! – Aber warum ist er denn jetzt so nachdenklich?/ Christian streifte den in seiner Gedankenwelt versunkenen Malik noch mit einem letzten, liebevollen Blick, dann meinte er munter:

„Was’n los mit dir, schlecht drauf?“ Er musste ganz schön gegen die laute Musik anbrüllen.

Malik sah erschrocken auf, lächelte dann aber nur mild.

„Nein, ich bin nicht schlecht drauf. Ich... darf ich dir mal ’ne Frage stellen?“

„Klar, du kannst mich alles fragen!“ /Wetten, jetzt kommt eine Frage wegen Maiko, wetten? – Chrissie!/ Christians Herz begann wild zu klopfen. /Er ist eifersüchtig, er ist eifersüchtig!!!/

„Dieser Maiko... bist du mit dem zusammen?“

/Strike!!!!/ Christian musste sich ein triumphierendes Grinsen verkneifen. /Er ist eifersüchtig, er ist eifersüchtig!!!/ Innerlich führte er einen Freudentanz auf.

Nach außen hin gab er sich so ernst wie möglich. „Nein! Maiko ist nur ein guter Freund. Nichts weiter! Warum fragst du?“ /Chrissie, du bist ja sooo fies, was soll er darauf jetzt auch antworten?!/

„Ich... och, es hat mich nur mal so interessiert.“ Forschend sah Malik in Christians Augen, ob dieser die Ausrede geschluckt hatte, doch Christian grinste nur. //Nein! Er wird mich doch wohl nicht durchschaut haben!!!// Malik wurde rot.

„Na dann!“, beendete Christian das Thema, um seinem völlig verunsicherten Freund aus der Patsche zu helfen.

Neugierig drehte er sich zu der tanzenden Menge um, die ihm Discolicht wie eine wabernde Masse vor sich hin schwappte.

„Suchst du Tino?“, fragte Malik neben ihm. Christian nickte knapp. In seinem Blickfeld erschien Maliks Hand, die in eine entfernte Ecke zeigte.

Dort tanzte Tino... und ein sicher gerade mal 16-jähriger Junge war bei ihm. Christian schüttelte innerlich den Kopf. Warum suchte Tino sich immer solche Küken aus? Er könnte sicherlich die tollsten Typen der Disco haben, aber nein, er nahm solche Kinder. Und sicher dachten diese noch, dass Tino wirklich etwas von ihnen wollte.

Anscheinend musste Christian auch das Gesicht verzogen haben, denn Malik neben ihm meinte versöhnlich:

„Wenn er nun mal Gefallen an solchen jungen Typen hat. Stör dich nicht an ihm!“ Mit einem Lächeln sprang er vom Barhocker und hielt Christian seine Hand hin. „Lust zu tanzen?“

Christian grinste glücklich, ergriff die Hand von Malik und ließ sich von dem Älteren auf die Tanzfläche ziehen.

Dort überließ Christian seinen Körper ganz der Musik und bewegte sich im Rhythmus des Basses. Schon nach nur wenigen Augenblicken waren er und Malik ein Teil der tanzenden Menge und hatten sich vollkommen in sie integrierte.

Der 17-jährige genoss es, endlich mal wieder seine überquellende Energie loswerden zu können und die warmen Blicke von Malik, die immer wieder über seinen Körper glitten, ließen ihm zusätzlich heiß werden.

In diesen Blicken lag so viel Zuneigung und Begehren, dass Christian bei einem langsameren Song einfach auf ihn zutrat und ihn an sich zog.

Im ersten Moment war Malik einfach nur überrascht, doch dann schlang auch er seine Arme um die Hüften des Jüngeren und hielt ihn fest. Gemeinsam bewegten sie sich zu der Musik und das Gefühl, dass ihre Körper an dem des anderen erzeugten, war einfach nur unglaublich. Christian wollte den anderen gar nicht mehr loslassen.

Und auch als das Lied zu Ende war, blieben beide umschlungen und bewegten sich im Takt ihrer eigenen Musik.

Erst als Christian schon den zweiten Ellbogen eines anderen Tanzenden abbekam, lösten sich beide voneinander.

Verlegen grinsend sahen sie sich an und dann ergriff Christian die Hand des Älteren zu zog diesen mit sich zum Rand der Tanzfläche.

Mit einem Daumen zeigte er auf die Besucherklos und meinte dann dicht an Maliks Ohr:

„Ich verschwinde mal für zwei Minuten. Renn mir ja nicht weg!“ Schnell drückte er ihm einen flüchtigen Kuss auf die Lippen und nährte sich dann der Tür zu den Toiletten.

Noch atemlos vom Tanzen wollte er gerade die Türklinke herunterdrücken, als die Tür von innen geöffnet wurde. Christian, der sie gerade selber aufdrücken wollte, musste sich mit einem schnellen Ausfallschritt wieder ins Gleichgewicht bringen, um nicht der Länge nach aufzuschlagen.

Wütend blickte er den ‚Türöffner’ an... und musste feststellen, dass es der Junge war, mit dem Tino vorhin getanzt hatte. Doch sein Gesicht war tränenüberströmt und seine Augen vom weinen gerötet. Leise murmelte er ein „’tschuldigung“ – welches Christian nur an der Lippenbewegung erkennen konnte – und drängelte sich dann an ihm vorbei, um in Richtung Ausgang zu stürmen.

Verwundert sah Christian ihm nach und wollte sich gerade der Tür erneut zuwenden, als eine weitere Person an ihm vorbei rannte. Es war Tino, der laut vor sich hin fluchte. Auch er stürmte in Richtung Ausgang, dem Jungen hinterher.

Sofort war Christians Bedürfnis die Toilette aufzusuchen, vergessen und er rannte seinem besten Freund nach.

Malik, der wenige Meter entfernt alles beobachtet hatte, folgte Christian seufzend...



... Draußen empfing Christian die kühle Nachtluft. Der Discoeingang und der dazugehörige Parkplatz waren fast taghell erleuchtet und überall standen Leute herum, die sich lachend unterhielten.

Christian sah sich einen Moment suchend um, dann erkannte er seinen besten Freund einige Meter von ihm entfernt.

Er war gerade damit beschäftig seine ‚Discobekanntschaft’ am Oberarm festzuhalten und wild auf sie einzureden. Der Jüngere heulte immer noch leise vor sich hin, begann dann aber den anderen anzuschreien. Als Tino ihn nicht loslassen wollte, verpasst er ihm mit der freien Hand eine satte Ohrfeige. Überrascht löste Tino sich nun doch von dem Kleineren und sah ihn perplex an.

Christian nährte sich im Laufschritt seinem Freund. Als er nur noch wenige Meter entfernt war, verstand er auch, was gesagt wurde.

„... ach, verzieh dich doch! Wer braucht dich schon?! Ich finde drinnen wen anderes, der nicht so undankbar ist!“ Tinos Stimme hörte sich vor Wut verzerrt an.

Die weinerliche Stimme des anderen antwortete schwach: „Dann such dir doch wen anders! Aber sag ihm vorher, dass du nur ’nen schnellen Fick willst!“

Tino wollte noch etwas sagen, doch der Jüngere ließ ihn einfach stehen und verließ den erleuchteten Platz. Langsam verschwand er in der Dunkelheit.

Tino fluchte noch einmal laut und wandte sich wieder der Disco zu... und sah sich seinem besten Freund gegenüber.

Christian blickte ihn nur stumm an, was Tino fauchen ließ:

„Was willst du?“

„Was sollte das eben? Was hast du mit dem Kleinen gemacht?“

„Ich hab gar nichts mit ihm gemacht! Woher sollte ich denn wissen, dass er so eine Mimose ist?“

„Ach, jemand der sich nicht einfach nur willenlos von dir ficken lässt, ist also eine Mimose?“, antwortete Christian sauer auf die Verteidigung seines Freundes. Der sah ihn kurz ungläubig an, dann zischte er zurück:

„Ich wüsste nicht, was dich das angeht! Wen ich wo flachlege, ist meine Sache!“

„Ja, aber dass du dich immer an Kindern vergreifen musst! Findest du das fair?“

„Laufen die denn mit ’nem Schild rum, wo drauf steht: Suche festen Freund?“

„Nee, aber sie laufen auch nicht mit einem ‚Fick-mich-Schild’ rum!“

„Ich glaub...“, begann Tino wütend. „... das Gespräch hatten wir schon mal!“

„Ja, und wir hatten gesagt, dass wir es auf einen günstigen Moment verschieben. Und der ist jetzt!“

„Ach, und das entscheidest du? Ich finde ihn aber nicht günstig!“

„Dann hast du Pech! Ich finde ihn genau richtig!“

„Okay, sprich dich aus. Was hast du mir zu sagen?“

Christian atmete noch mal tief durch und meinte dann ernst: „Ich weiß nicht, was bei dir schiefgegangen ist, aber du bist ein richtiges Arschloch geworden! Liegt es daran, dass dich vor drei Ewigkeiten Fabian, dieser Scheißkerl, verlassen hat? Meinst du deswegen, dir beweisen zu müssen, dass es nicht an dir gelegen hat, weil dir ja eh keiner widerstehen kann? Legst du deshalb jeden Abend kleine Kinder flach?“

„Kleine Kinder? Chrissie, nun tu nicht so unschuldig! Du bist selbst nicht viel älter, aber dich als Kind bezeichnen, tust du nicht! Und was ist bitte schön mit Maiko? Der ist auch erst 15! Du kannst mir nicht erzählen, dass du den Typen aus reinem Mitleid bei dir einquartiert hast!“

„Doch!“, wehrte Christian die Anschuldigungen ab. „Der wohnt bei mir, weil er mir leid getan hat!“

„Och Chrissie!“ Der beißende Spott in Tinos Stimme konnte gar nicht überhört werden. „Ist dir schon mal aufgefallen, dass du immer einen elenden Weltverbesserer spielst? Als wenn du was an den Ungerechtigkeiten ändern könntest, die herrschen. Oder als wenn du bestimmen könntest, wann es eine ist! Chrissie! Hör auf damit! Erstens erreichst du nichts damit und außerdem wird mir schlecht davon!“

Christian stöhnte wütend auf. „Und mir wird schlecht, wenn ich dran denke, wie du rücksichtslos jeden Abend irgendwelche Jungs besteigst, die sich mehr davon versprechen als ‚Ein Mal ficken – weiter schicken!’! Tino, hör auf mit dem Quatsch. Such dir einen ordentlichen Freund.“

„Warum sollte ich auf dich hören, Mutter Theresa?“

„Weil ich dein Freund bin und ich finde es schade, wenn du dich nur durchs Leben poppst!“

Auf Tinos Gesicht erschien ein zuckersüßes Lächeln, dann meinte er mit hauchzarter Stimme:

„Weiß du was? Ich muss mir nicht von dir einen Vortrag über mein Verhalten anhören, du bist nicht meine Anstandsdame!“

„Aber...“

„Chrissie...“ Er machte eine Pause, um auch sicher zu gehen, dass sein Gegenüber auch ganz klar seinen Worten lauschen würde. „Fick dich!“

Erschrocken riss Christian seine Augen auf, doch Tino achtete gar nicht weiter auf ihn, sondern eilte mit schnellen Schritten wieder hinein in die Disco.

Christian blieb einen Moment bewegungslos stehen, dann begann er unkontrolliert zu zittern. Mit einem lauten „ACH SCHEISSE!“ kickte er wütend einen Stein beiseite, der vor seinen Füßen lag. Genervt blickte er stur in den Himmel und holte tief Luft, um sich wieder zu beruhigen. Doch es brachte nichts.

Erst als ihn von hinten zwei warme Arme umfingen und er gegen eine breite Brust gezogen wurde, löste sein Blick sich vom Himmel.

Sofort umfing ihn der wohlbekannte Geruch von Malik und trug dazu bei, dass er ruhiger wurde.

Unsicher drehte Christian sich in den Armen seines Freundes und wurde dann sofort wieder an dessen Brust gepresst und sanft hin und her gewiegt.

Erst jetzt bemerkte der 17-jährige, dass ihm Tränen in den Augen standen und er kurz davor war, sie raus zu lassen. Trocken schluchzte er auf.

Malik, der von dem Schluchzen total erschrocken war, drückte ihn noch fester an sich und meinte dann leise:

„Schhhh! Der beruhigt sich schon wieder. Und dann fällt ihm auf, was für einen Scheiß er dir hier an den Kopf geknallt hat.“

„Ich mach mir doch nur Sorgen um ihn! Warum versteht er das nicht? Warum muss er sich gleich angegriffen fühlen?“

„Vielleicht, weil du es ihm ein bisschen schonender hättest beibringen können? Deine Wortwahl war teilweise...“

„.. ein bisschen übertrieben, ich weiß. Aber ich hab schon tausend mal versucht, dieses Gespräch ernst mit ihm zu führen, aber er hat immer abgeblockt! Wahrscheinlich hat er recht, ich sollte mich nicht in seinen Kram einmischen!“

„Quatsch! Du bist sein bester Freund und hast ein Recht darauf, ihm deine Meinung zu sagen.“

„Meinst du echt, er beruhigt sich wieder?“

„Klar wird er das!“ Kurz herrschte Schweigen. „Reingehen willst du bestimmt nicht mehr, oder?“

„Um zu sehen, wie er den Nächsten flachlegt? Nein danke!“

„Denkst du, er hat sich deine Worte nicht ein bisschen zu Herzen genommen?“ Malik hielt Christian ein wenig von sich weg, um ihm ins Gesicht blicken zu können.

„Tino? Wir reden doch hier vom selben Tino, oder? Der lässt sich nichts sagen, dass hast du doch eben selbst gemerkt!“, meinte Christian abfällig.

Doch Malik lachte nur warm. „Was man sagt oder zeigt, ist meistens etwas ganz anderes, als man denkt!“

Mit diesen Worten senkte er seine Lippen auf die des 17-jährigen und küsste ihn hauchzart. Sofort griff Christian nach Maliks Kopf um ihn festzuhalten und ihm keine Flucht zu erlauben. Doch Malik wollte dem Jüngeren gar nicht entfliehen. Dessen Lippen hinterließen ein unglaubliches Prickeln in seinem Körper, dass er auf keinen Fall so schnell wieder verschwinden lassen würde.

Aus dem zaghaften Kuss wurde bald ein stürmischer Zungenkuss und als beide sich wieder trennten, sahen sie sich atemlos an.

„Was meinst du, willst du noch mit zu mir kommen?“ Maliks Stimme hörte sich fast schon heiser an.

Doch der Jüngere nickte nur glücklich, scheinbar war es Malik gelungen, das Problem mit Tino für einen Moment aus Christians Kopf zu verbannen.

Zufrieden mit sich, schlang er seinen Arm um Christians Hüfte und zog ihn zu heran. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg zu Malik. Und dieser schwor sich:

//Ich werde Chris heute Abend keine Gelegenheit geben, sich wegen Tino den hübschen Kopf zu zerbrechen!//



----------------------------------------------



Müde blinzelnd schlug Christian die Augen auf. Er brauchte einen kurzen Moment, um sich zurecht zu finden, dann aber wurde ihm bewusst wo er war. Der 17-jährige wurde feuerrot. Nun fiel ihm auch auf, dass der kuschelige Wärmespender, an den er sich gerade presste, niemand anderes war als Malik. /Mein Freund Malik.../

Bei diesem Gedanken wurde ihm noch wärmer und, als wenn Malik die steigende Hitze gespürt hätte, begann er sich unter ihm zu regen.

Christian genoss das wundervolle Gefühl der nackten Haut an der seinen und ließ die Nacht noch mal Revue passieren.

Malik und er waren zusammen zu dem Älteren gegangen und hatten sich dort noch eine ganze Weile unterhalten. Wie genau sie dann in Maliks Bett gelandet waren, konnte er schon gar nicht mehr sagen. Er wusste nur noch, dass diese Nacht die beste seines bisherigen Lebens gewesen war.

Christian erschrak ein bisschen über sich selbst. Normalerweise war er niemand, der gleich am ersten Abend mit dem anderen ins Bett sprang. Aber bei Malik war das anders gewesen. Christian fühlte sich so, als würde er den Älteren schon eine Ewigkeit kennen und hatte nicht im mindesten gezögert, ihm sein ganzes Vertauen zu schenken.

Das sanfte Gefühl von weichen Fingern, die leicht über seinen Rücken fuhren, holte ihn aus seiner Gedankenwelt zurück und ließ sein Lächeln sich noch vertiefen. Zufrieden seufzte Christian an der Brust des anderen. Dieser lachte nur warm und meinte dann leise:

„Morgen, Süßer! Gut geschlafen?“

Christian grummelte bejahend und fragte dann heiser: „Aber aufstehen müssen wir doch noch nicht, oder? Es ist so schön gemütlich in deinen Armen...“

„Mit dir bleib ich so lange im Bett, wie du willst!“, schnurrte Malik als Antwort und suchte die weichen Lippen seines Freundes. Dieser erwartete sie schon hungrig.


KAPITEL 9


Nervös sah Christian sich am Bahnhof um. Immer wieder glitt sein Blick über die vorbeieilende Menge und die herumstehenden Jungen und Mädchen, doch nirgends war ein Maiko zu sehen.

Unruhig blickte er zum wiederholten Male auf seine Uhr, doch Christian wusste auch so, was sie anzeigen würde. Das letzte Mal, dass er drauf gesehen hatte, lag sicher nur wenige Minuten zurück.

Hatte der Jüngere ihr Treffen vergessen?

Christian und Maiko hatten am Morgen ausgemacht, dass sie sich abends ein Video aus der Videothek ausleihen und es gemeinsam gucken würden. In dem Moment war Christians größtes Problem gewesen, dass er dann seinem (besten) Freund Tino über den Weg gelaufen wäre. Doch er konnte ihm ja nicht ausweichen. Vielleicht half es, dass sie noch mal in Ruhe über den Vorfall in der Disco sprachen?!

Doch nun war Christians größtes Problem ein anderes. Seine Uhr zeigte klar und deutlich 20:15 Uhr an – und damit war Maiko eine gute Stunde über ihrer verabredeten Uhrzeit. Versetzte der Kleinere ihn mit Absicht? /Nicht, dass ihm etwas passiert ist!/

Christian begann unruhig auf seiner Unterlippe zu kauen, dann stieß er sich von der kühlen Wand, an der er bis eben gelehnte hatte, ab und machte sich auf den Weg zu der kleinen Absteige, in die er mit Tino am Tag ihrer ersten Begegnung verschwunden war.

/Vielleicht ist er ja noch dort?! Er hat sicher nur unser Treffen vergessen. Oder aber ein Freier hat ihm ordentlich Geld für ’ne Überstunde angeboten. Da kann der Kleine sicher nicht widerstehen!/

Christian lächelte schwach, doch dieses Lächeln verblasste sofort wieder. Er machte sich viel zu große Sorgen um seinen Freund, als dass er dieses Mal auf seinen Optimismus vertrauen würde.

Nach einer ihm schier endlos vorkommenden Zeit, kam er dann vor dem schäbigen, kleinen Gebäude an. Ohne weiter darüber nachzudenken stürmte er hinein und sah sich dann suchende in der kleinen Empfangshalle um. Mit raschen Schritten ging er auf die Rezeption zu und räusperte sich ungeduldig.

Eine ältere Frau sah genervt von ihrem Rätselheft auf und musterte den 17-jährigen wie einen Eindringling.

Doch der beachtete die offensichtliche Feindseligkeit gar nicht und plapperte auch gleich los:

„Entschuldigen Sie, ich suche nach einem Freund von mir. Er heißt Maiko und hat hier ein Zimmer gebucht.“

Christian wusste zwar nicht genau, ob Maiko das Zimmer hier wirklich noch hatte, und genauso bezweifelte er, dass der Jüngere es unter seinem richtigen Namen gebucht haben würde, doch die Frau schien zu verstehen was er wollte. Anscheinend kannte sie Maiko mittlerweile oder konnte wenigstens eins und eins zusammenzählen und sich ausrechnen, wer gemeint war.

/Anscheinend hilft Kreuzworträtsel doch ein bisschen, um die grauen Zellen in Schuss zu halten!/, dachte Christian ungeduldig.

Die Alte sah ihn einen Moment misstrauisch an, dann warf sie einen flüchtigen Blick auf das alte Buch vor sich, um die Einträge zu überfliegen.

„Hm... zweiter Stock, Zimmer 14. Aber, dass mir keine Beschwerden von den anderen Gästen kommen!“, ihre Stimme hörte sich mehr als nur missbilligend an. Trotzdem widmete sie sich fast augenblicklich wieder ihrem geliebten Rätselheft.

Christian stürmte erleichtert hoch in den zweiten Stock.

/Dann ist Maiko wirklich hier!/

Ein wenig beruhigter suchte er die zugewiesene Tür auf und klopfte leise an. Er wartete nicht, bis jemand ihn herein bat oder die Tür von innen geöffnet wurde, sondern drückte die Klinke sofort hinunter, um durch einen Spalt ins Zimmer zu sehen. Immerhin wollte er Maiko nicht bei etwas stören.

Doch kaum, dass er seinen Blick auch nur hinein geworfen hatte, wurde ihm eiskalt.

Mit zittrigen Händen stieß er die Tür noch ein Stück weiter auf und sah auf das, was sich ihm bot.

Blut....

Das Zimmer bestand nur aus einem großen, mit weißer Bettwäsche bezogenem Doppelbett, dass der Tür genau gegenüber stand, und einem groben Holztisch. Links schien eine weitere Tür in ein kleines Badezimmer zu führen.

Doch das einzige was Christian wahrnahm, war das große Bett. Nur, dass dessen Bettwäsche nicht mehr weiß war, sondern rot. Nicht vollkommen getränkt, aber so sehr befleckt, dass Christian gegen den Brechreiz ankämpfen musste.

Natürlich konnte er auch die kleine Gestalt, die auf dem Bett lag, nicht übersehen. Es war eindeutig Maiko. Der Jüngere hatte sich wie ein Fötus zusammen gerollt und war nur noch zu einem minimalen Teil bekleidet. Sein Körper wies deutlich verschiedene Blessuren auf – Blaue Flecken, Kratzer und Schürfwunden.

Christians Hände zitterten nun so stark, dass es auf seinen ganzen Körper übertragen wurde. Oder vielleicht war es ja auch sein Körper, der zitterte und seine Hände, die mitgerissen wurden.

Einen kurzen Moment verspürte der 17-jährige das dringende Gefühl sich abzuwenden und das Hotel einfach zu verlassen, zu verdrängen, was er gesehen hatte und so zu tun, als wenn nichts wäre. Doch das konnte er nicht tun. Maiko war sein Freund. Sein toter Freund...?

Bisher hatte der Kleinere sich nicht gerührt und Christian bekam mit einem Mal panische Angst.

Doch er ließ nicht zu, dass sich seinen Verstand einfach abschaltete.

Nachdem er ein letztes Mal tief durchgeatmet hatte, trat er ganz in den kleinen Raum ein und schloss leise die Tür hinter sich – fast so, als hätte er Angst Maiko zu wecken.

Dann schritt er auf das Bett zu. Als er davor stand, ließ er seinen Blick über seinen Freund gleiten... und atmete erleichtert auf. Der Jüngere atmete.

Zögerlich streckte er seine Hand nach der scheinbar schlafenden Gestalt aus, hielt jedoch inne bevor er sie auch nur mit den Fingerspitzen berühren konnte.

Sich einen Ruck gebend, führte er die Bewegung dann doch zu Ende und legte seine eiskalte Hand auf Maikos Wange. Noch immer zitterte sie stark.

Es dauerte ein paar Sekunden, doch der Jüngere schien aufzuwachen. Kurz flatterten seine Lider und seine Augen öffneten sich einen Spalt breit.

Doch dann fuhr er erschrocken hoch und schlug die Hand, die ihn berührte, aggressiv beiseite. Wie von einer Tarantel gestochen krabbelte er auf die andere Seite des Bettes, weit weg von der Person, die mit ihm in einem Raum war.

Hätte Christian nicht so schnell reagiert und Maiko am Arm ergriffen, wäre dieser vom Bett gestürzt. Seine Flucht war nämlich ein wenig zu impulsiv gewesen und er hatte das Bettende schneller erreicht, als gedacht.

Doch auch jetzt, wo Christian ihn sozusagen gerettet hatte, wehrte sich der Jüngere und versuchte sich zischend zu befreien.

Christian ließ ihn überrascht los und hauchte nur mit zittriger Stimme: „Maiko! Hört auf! Ich bin’s, Chris!“

Noch einen kurzen Moment flackerten Maikos Augen misstrauisch, dann begannen sie sich mit Tränen zu füllen und er flog dem Älteren geradezu in die Arme.

Der hielt den nun hemmungslos weinenden Jungen fest, passte jedoch auf, dass er ihm nicht noch mehr weh tat.

Es brauchte eine ganze Weile und viele beruhigende, leise gemurmelte Worte, um den kleineren Jungen soweit zu beruhigen, dass er aufhörte zu weinen. Doch das Zittern, dass nun auch Maiko erfasst hatte, war noch nicht verschwunden.

Sachte schob Christian seinen Freund auf Armlänge von sich weg und sah ihm in das tränenüberströmte Gesicht.

„Maiko? Alles klar?“

Sofort begannen sich die schönen blauen Augen abermals mit Tränen zu füllen, doch Christian meinte eilig:

„Schhh! Nicht mehr weinen! Ich bin doch da, dir passiert nichts!“ Zittrig zog Christian seine Jacke aus und legte sie dem halbnackten Jungen um die Schultern. Der kuschelte sich sofort dankbar in den vorgewärmten Stoff ein. Außer seinem mit Blutflecken verzierten T-Shirt hatte der Kleinere nichts mehr an. Sicher fror er schrecklich.

„Maiko? Kannst du aufstehen?“

Keine Reaktion.

„Rede mit mir, bitte!“

„Es...“ Maikos Stimme war ein Krächzen. „... geht schon. Ich glaub, ich komm hoch, wenn du mir hilfst.“

Schon machte der 15-jährige Anstalten sich zu erheben und Christian half ihm so gut er konnte, viel zu groß war seine Angst, dem Jüngeren unnötig weh zu tun.

Als Maiko endlich auf beiden Beinen stand, sah er unsicher an sich herab.

Überall war er mit Blutergüssen übersäht, aber das war nichts im Vergleich zu dem Schmerz, der von seinem Hintern ausging. Wenn der Jüngere an das zurück dachte, was der Freier alles mit ihm angestellt hatte, drehte sich ihm der Magen um.

Auch Christians Blick war über den geschundenen Körper geglitten und er schüttelte resignierend den Kopf.

„Wer war das? Welche Sau hat dich so zugerichtet???“ Seine Stimme wurde laut.

„Chris! Schon gut! Mir geht’s gut, auch wenn mir ein bisschen was weh tut...“

„Nichts ist gut, du siehst aus wie überfahren – und das nicht nur ein Mal.“

„Danke! Wirklich charmant!“ Auf Maikos schmerzverzerrtes Gesicht schlich sich ein kleines Lächeln.

„Du weißt schon wie ich das meine!“

„Eben...“ Maiko blickte noch ein weiteres Mal an sich herunter, dann bat er nachdenklich:

„Hilfst du mir mal, meine Klamotten zusammen zu suchen?“

„Klar!“ Sofort schwirrte Christian quer durch den Raum und sammelte die verstreuten Kleidungstücke ein.

Nachdem er Maiko beim Anziehen geholfen hatte, meinte er bittend:

„Lass uns von hier verschwinden, okay?“

„Nichts lieber als das!“ Maiko ließ sich von Christian einen Arm um die Hüfte legen und ein wenig stützen, dann verließen sie das verwüstete Zimmer.



Maiko hatte sich bei Christian in der Wohnung erst mal ausgiebig geduscht, doch das dreckige Gefühl, dass ihm wie eine zweite Haut anhaftete, war nicht vollkommen verschwunden.

Vorsichtig, denn noch immer taten ihm sämtliche Knochen – der Hintern mit eingeschlossen – weh, hatte er sich in eine bequeme Hose und einen viel zu großen Pullover gehüllt und saß nun in dem gemütlichen Wohnzimmer.

Christian betrat gerade den Raum und stellte eine Kanne Tee und zwei Tassen vor seinem Freund auf den Tisch, bevor er sich ihm gegenüber auf die Couch sinken ließ.

„Willst du mir erzählen, was passiert ist?“

Maiko überlegte kurz, dann begann er jedoch Christian alles zu berichten.

Er erzählte von dem Kunden, der auf den ersten Blick einen vollkommen netten Eindruck gemacht hatte und der dann, nachdem er sich mit Maiko in das Zimmer zurück gezogen hatte und beide zur Sache gekommen waren, völlig ausgetickt war.

Er hatte begonnen Maiko immer gröber anzufassen und das nicht nur, um ihn festzuhalten. Nebenbei hatte er sich an ihm zu schaffen gemacht – mehrere Male hintereinander. Maiko hatte ihn angefleht aufzuhören, doch der andere hatte nur gelacht und ihn noch fester genommen.

Als er dann mal für zwei Minuten von ihm abgelassen hatte, war Maiko aufgesprungen und hatte versucht sich im Bad einzuschließen, doch der andere war bei ihm gewesen, bevor er die Tür auch nur hatte zu machen können. Maiko war vor Schreck, als der andere Mann plötzlich vor ihm gestanden hatte, auf den Fliesen ausgerutscht und der Länge nach auf dem harten Boden aufgeschlagen.

Sein Peiniger hatte ihn dann nur wieder aufs Bett gezerrt und das ganze Spiel noch in eine letzte Runde gehen lassen, danach war er irgendwann verschwunden.

Maiko war mit schmerzendem Körper auf dem Bett zusammengebrochen und irgendwann eingeschlafen. Einige Zeit später war ja dann Christian aufgetaucht...

Maiko schauderte bei der Feststellung, wie genau er sich doch an alles erinnern konnte – vor allem an den Schmerz, der in seinem Körper gelodert hatte. Doch würde man ihn jetzt nach dem Gesicht seines Peinigers fragen, könnte er es nicht beschreiben.

Vielleicht war es ein natürlicher Schutzreflex des Gehirns, dies zu verdrängen. Bloß warum verdrängte es dann nicht die unangenehmeren Szenen? Warum gerade dieses wichtige Detail?

Doch was brachte es Maiko schon, wenn er das Gesicht des anderen kannte? Er konnte ja schlecht zur Polizei gehen. Diese würde ihn entweder zu seinen Eltern zurück bringen oder in irgendein Heim stecken.

Christians Gedankengänge schienen ähnlich gewesen zu sein, denn er meinte leise:

„Anzeige wirst du wohl kaum erstatten können!“

„Ich weiß! Am besten ich vergesse den ganzen Vorfall. Sowas passiert sicher jedem mal.“

„Du willst weiter machen?“ Christian riss überrascht die Augen auf.

„Was denkst du denn? Ich mache vielleicht eine Pause von ein paar Tagen, zumindestens solange, bis mir nicht mehr alles weh tut, aber dann geh ich wieder arbeiten!“

„Maiko, wäre das jetzt nicht die beste Gelegenheit um zu sagen, du hörst auf? Denk doch mal nach! Wer weiß, wann dir sowas wieder passiert?!“

„Wie heißt es so schön: Berufsrisiko!“ Maiko zuckte mit den Schultern als wenn ihn das alles nichts anginge.

/Steckt er das so locker weg? Er ist vorhin vergewaltigt worden und er tut es wie einen Arbeitsunfall ab! Das kann doch nicht normal sein!/

Der Ältere erhob sich und trat zu Maiko, um sich dort zu ihm auf die Sessellehne zu setzten.

„Maiko, ich helfe dir auch einen ordentlichen Job zu finden. Bloß hör auf mit dem Scheiß! Mir zur Liebe!“

„Chris! Ich hab dir doch schon so oft gesagt, das geht nicht so einfach. Es ist das Einzige was ich bisher in meinem Leben getan habe!“

„Und es wird das Einzige sein, was du tun wirst – wenn du nicht bald mal anfängst umzudenken. Logisch zu denken!“

„Chris! Du willst mich nicht verstehen, oder?“

„Ich kann dich nicht verstehen! Was muss denn passieren, damit du aufhörst? Es wird keiner vor deiner Haustür einen Geldkoffer verlieren, der alle deine Probleme löst. Und genauso wenig wird man dir einen Job hinterher werfen! Du musste dich schon selber darum kümmern!“ Christian hörte sich an wie seine eigene Mutter – und dafür hasste er sich schon ein kleines bisschen. Doch er hielt an seiner Meinung fest.

„Ich weiß nicht, was passieren muss... aber ich höre sicher irgendwann auf, das kannst du mir glauben!“

„Und wann?“ Christian sah Maiko tief in die Augen und hoffte, dass der Jüngere erkennen würde, wie wichtig es ihm war.

Doch dieser sah ihn nur einen Moment perplex an, dann hauchte er leise:

„Vielleicht höre ich ja damit auf, wenn ich jemanden gefunden habe, der mir sehr viel bedeutet.“

Mit diesen Worten zog er Christian zu sich ran und küsste ihn stürmisch. Der Ältere drückte Maiko erschrocken von sich und erhob sich ruckartig.

Seine Augen glühten wütend und er fauchte gereizt:

„Warum machst du das immer? Warum kommst du mir immer so nah?“ Seine Stirn war in Falten gelegt.

„Vielleicht, weil du mir etwas bedeutest? Und weil ich denke, dass du mich ebenso magst?“

Christians Gesichtsausdruck wurde weicher. „Maiko, was denkst du, warum ich dich immer von mir stoße? Das mache ich sicher nicht, weil es mir gefällt!“

Maiko sagte nichts darauf, sondern blickte den Älteren nur verdutzt an.

Doch der sprach weiter: „Maiko, ich hab dich echt gerne, aber nicht so gerne, wie du es vielleicht haben möchtest! Du bist für mich eher wie...“

„Wie was?“

„... wie ein kleiner Bruder!“

„Ein Bruder?“ Maiko lachte freudlos. „Aber du bist für mich nicht wie ein Bruder. Chris, ich möchte mehr von dir. Ich möchte mit dir zusammen sein. So richtig. Für dich würde ich mir dann sogar einen richtigen Job suchen!“

Kopfschüttelnd stand der Ältere vor seinem Freund.

„Das ist Erpressung! Warum brauchst du erst eine andere Person, wegen der du aufhörst? Warum machst du es nicht einfach für dich?! Und außerdem...“ Christian stockte kurz. „... hab ich einen Freund.“

„Du hast was?“ Nun hatte sich auch Maiko erhoben, doch es war eher ein erschrockenes Aufspringen gewesen.

„Ich hab einen Freund...“

„Seit wann das?“ Maikos Stimme war nur noch ein erschrockenes Flüstern. Für ihn schien gerade eine Welt zusammen zubrechen.

„Seit ein paar Tagen.“

„Und wann hattest du vor, es mir zu sagen?“

„Dir zu sagen?“ Der Ältere schnappte nach Luft. „Ich bin dir doch keine Rechenschaft schuldig!“

„Aber ich dachte wir sind Freunde und die erzählen sich doch bekanntlich sowas!“

„Ich... ich bin bloß noch nicht dazu gekommen...“

„Klar, und das soll ich dir jetzt glauben?!“

Christian wusste nicht, was er darauf erwidern sollte. /Natürlich sollst du es mir glauben, auch wenn es nicht ganz stimmt und man es nicht wirklich glauben kann.../

Als Maiko keine Antwort erhielt, meinte er bloß leise: „Es ist schon spät, ich würde gerne schlafen gehen!“

„Na...natürlich!“ Mit einem letzten Blick auf seinen jungen Freund, verließ Christian das Wohnzimmer um sein eigenes Schlafzimmer aufzusuchen...



-----------------------------



... Als der 17-jährige sich am nächsten Morgen erhob und sich in die Küche begab um Kaffee zu kochen, saß Maiko schon an der Küchentheke. Christian stockte in seiner Bewegung, meinte dann aber mit fester Stimme:

„Morgen!“

Zu seiner großen Überraschung drehte Maiko sich zu ihm um und lächelte ihn verlegen an.

„Morgen! Du, das mit gestern... es tut mir leid, ich hab mich aufgeführt, wie ein Kleinkind, das sein Spielzeug nicht bekommt!“

/Der Vergleich passt!/, ging es dem Älteren durch den Kopf.

„Schwamm drüber, ich kann dich ja irgendwo verstehen...“

„Okay... machst du mir auch ’nen Kaffee? ... Du wolltest doch gerade welchen machen, oder?“ Damit schien für ihn das Thema erledigt zu sein.

Verdutzt sah Christian ihn an, nickte aber nur ein wenig verunsichert.

/Was soll das denn jetzt? Warum tut er jetzt so, als wenn nichts gewesen wäre? Nach dem Aufstand von gestern hätte ich heute alles erwartet... aber nicht das! – Vielleicht ist er vernünftig geworden, Chrissie!/, hauchte ihm eine leise Stimme in seinem Kopf zu und Christian fand den Gedanken gar nicht mal so schlecht. Es konnte ja gut und gerne sein...


KAPITEL 10


Die Tage vergingen und Christian achtete fast peinlich genau auf Maikos Reaktionen, wenn er von Malik erzählte oder ihm verkündete, dass er seinen Freund treffen würde. Doch der Jüngere erstaunte ihn immer mehr. Er verlor nicht ein Wort über seine Zuneigung zu Christian.

Das konnte diesem ja nur recht sein und auch wenn sein Gefühl ihm sagte, es einfach so hinzunehmen, wehrte sich sein Verstand dagegen.

Er konnte einfach nicht begreifen, warum der Jüngere an dem einen Tag so einen Aufstand machte und am nächsten Morgen so tat, als wenn nichts passiert wäre.

Doch im Laufe der Woche ging Christians Misstrauen unter und er akzeptierte Maikos seltsames Verhalten einfach. Leichter konnte sein Freund es ihm doch nicht machen?!



Christian beobachtete gerade Maiko, der auf der Couch saß und in einem Buch blätterte, als das Telefon klingelte.

Schnell sprang er auf um abzunehmen.

„Ja?“

„Chrissie, bist du’s?“, fragte die Stimme am anderen Ende der Leitung unnötigerweise.

„Was gibt’s denn, Schatz?“, überging Christian die Frage von Malik einfach, denn sein Herz pochte gewaltig und ein Kribbeln fuhr durch seinen ganzen Körper, als er die Stimme seines Freundes vernahm.

Das passierte immer, wenn er Malik auch nur hörte und wurde unkontrollierbar, wenn sie sich gegenüberstanden. Christian hoffte von ganzem Herzen, dass dies auf ewig so bleiben würde.

Malik lachte warm, als er hörte wie sein Freund ihn ‚Schatz’ nannte. Christian konnte regelrecht sehen, wie er darüber den Kopf schüttelte.

Dann meinte Malik ernst:

„Könntest du mich vielleicht abholen? Wir können ja noch zusammen was unternehmen?!“

Fast hätte Christian vor Freude aufgeschrieen und wäre am liebsten gleich losgesprintet, doch dann fiel ihm etwas ein.

Malik war sicher auf Arbeit und wenn er sich nicht irrte, hatte Tino heute Nachmittag Schicht. Das hieß, er würde unweigerlich auf seinen besten Freund treffen. Sie hatten seit dem Abend in der Disco kein Wort mehr miteinander gewechselt und Christian wurde etwas mulmig zu mute, wenn er daran dachte, dem anderen gegenüber zu treten.

/Was soll ich denn sagen? Entschuldigen werde ich mich bestimmt nicht! Zumindestens nicht für alles! Ich hab es so gesagt, wie ich es auch gemeint hab. Und damit muss Tino leben. Doch was, wenn er damit nicht leben will? Wenn er mir die Freundschaft kündigt? Wenn er sagt, dass er mit mir nichts mehr zu tun haben will? Was sage ich dann? Ob ich Malik frage, ob wir uns wo anders treffen? Sicher will er mich bewusst in die Videothek locken! Vielleicht ist es aber auch ga.../

„Chrissie?“ In Maliks Stimme schwang Unsicherheit mit.

„Ich... Du willst, dass ich mit Tino rede, oder?“, fasste Christian seine Gedankengänge in Worte.

„Chrissie, ich... okay, du hast mich durchschaut. Ich möchte, dass ihr euch aussprecht. Ihr könnte euch nicht ewig aus dem Weg gehen! Tino ist schon die ganze Woche so unruhig. Ich wette, er denkt auch über dich nach!“

Nervös wickelte Christian das Kabel des Telefonhörers um seinen Finger und starrte auf das kleine Tischchen, auf dem das Telefon stand.

„Hat er was gesagt?“

„Etwas über dich?“

„Mhm...“

„Nein, das nicht. Aber das heißt ja nicht, dass er dich vergessen hat. Kommst du nun?“

„Ich... na ja, wie du schon sagst, ich kann ihm ja schlecht ewig ausweichen!“

„Genau...“

„Aber... okay, ich komme. Ein Gespräch kann nicht schaden?!“ Christian überlegte kurz, dann piepste er ins Telefon: „Aber danach machen wir beide wirklich noch was zusammen, okay?“

„Natürlich, was denkst du denn?“ Malik war das Grinsen anzuhören.

„Ich weiß ja nicht. Vielleicht war das ja wirklich nur ein Vorwand u...“

„Chrissie! Hör auf dir über so etwas den Kopf zu zerbrechen! Wenn ich sage, ich will dich treffen, dann meine ich das auch so!“

„Okay, ich bin dann gleich bei dir, Schatz!“

„Gut, ich freu mich!“ Malik hauchte ein Küsschen in den Hörer, dann legt er auf.

Einen kurzen Moment starrte Christian nachdenklich vor sich hin, doch als das Besetztzeichen schon zum wiederholten Male tutete, legte er auf.

„War das dein Freund?“ Maiko hatte sich von der Couch erhoben und stand nun unschlüssig, nur wenige Meter von Christian entfernt. Sein Blick war leicht umwölkt, doch der Ausdruck verschwand fast augenblicklich. Hätte Christian nicht bewusst drauf geachtet, wäre es ihm auch nicht aufgefallen.

„Ja, er will, dass wir uns treffen. Ich bin wahrscheinlich erst heute Abend zurück!“

„Kein Problem!“

„Sicher?“ Christian überwand den Abstand zwischen sich und seinem Freund und wuschelte ihm ein Mal durch die Haare.

„Klar, ich werde mal auf dem Bahnhof vorbei schauen. Ich war schon lange nicht mehr dort und es wird Zeit, dass ich mal wieder anfange zu arbeiten!“

„Aber doch nicht heute, oder?“

„Nein, aber vielleicht morgen!“ Maikos Stimme war es anzuhören, dass er sich von Christian nicht reinreden lassen würde.

Und dieser versuchte es auch gar nicht erst, es würde eh nichts bringen.

Deshalb begab er sich seufzend in den Flur, um sich Jacke und Schuhe anzuziehen.

„Ich bin dann weg, okay?“

„Klar... und viel Spaß!“, fügte der Jüngere unsicher hinzu.

/Vielleicht gewöhnt er sich ja wirklich an den Gedanken, dass ich einen Freund habe!/



Unschlüssig stand Christian nun sicher schon seit drei Minuten vor der Videothek. Dann endlich gab er sich einen Ruck und öffnete die Tür, um einzutreten.

Sofort umfing ihn die warme Luft und er sah sich in dem hell erleuchteten Geschäft um.

Malik war gerade dabei, eine Kundin zu bedienen und nickte ihm nur kurz zu. Tino fand Christian nach einigem Suchen hinter dem Tresen. Anscheinend suchte er etwas in den unendlichen Weiten der Schubladen.

Nervös trat Christian auf ihn zu und räusperte sich verlegen, als Tino ihn nicht bemerkte.

„Einen Moment!“, tönte die nur allzu gut bekannte Stimme. Und Christian fiel auf, dass er seinen besten Freund doch schon etwas vermisst hatte. /Du hättest ihn ja besuchen gehen können!/, höhnte eine Stimme in seinem Kopf.

Als Tino dann endlich zu Ende gewühlt hatte, sah er mit einem routinierten Lächeln, das er jedem Kunden schenkte, auf und meinte freundlich: „Was kann ich für Sie tun?“

Doch als er erkennte, WER sein Kund war, verblasste das Lächeln.

„Hallo Tino!“ Christian hörte man die Nervosität deutlich an.

Doch sein Freund setzte nur das Lächeln wieder auf und fragte: „Was für ein Film darf es denn sein?“

„Kein Film, ich möchte mit dir reden!“

Nun ebenfalls nervös sah Tino kurz runter auf den Tresen, dann meinte er unfreundlich:

„Ich hab Schicht. Komm später wieder!“

Empört wollte Christian schon aufschnappen, als er hinter sich Malik hörte.

„Geh ruhig, Tino. Ich komm den Moment schon alleine klar! Ist ja eh nicht viel los!“

„Nein, deine Schicht ist zu Ende!“, versuchte Tino sich in eine Ausrede zu retten.

Malik grinste fies. „Die zwei Minuten halte ich schon noch durch. Außerdem warte ich eh auf Chris!“

Tino warf seinem Kollegen ein saures Lächeln zu, dann meinte er Christian gewandt:

„Okay, komm mit nach hinten! Aber nur kurz!“

Verunsichert folgte Christian seinem Freund.

Dieser trat mit sicheren Schritten in einen hinteren Raum, indem die Angestellten ihre Sachen ablegten und in dem sich ein paar Kisten mit Papierkram stapelten. Auf einem kleinen, hölzernen Tischchen stand eine Kanne Kaffee, deren Geruch den ganzen Raum erfüllte.

Christian wurde noch unwohler. Dieser Geruch erinnerte ihn an das Sekretariat seiner Schule.

„Okay, was gibt’s?“ Tino hatte sich ihm zugewandt und sah ihn direkt an.

Christian schluckte unruhig, dann meinte er hastig:

„Ich glaub, wir müssen reden!“

„Worüber?“, fragte der Ältere gelassen.

„Über den Abend in der Disco!“

Tino lachte kurz auf. „Ich wüsste nicht, was es da zu reden gibt!“

„Ich aber!“

„Okay, dann schieß los!“ So gelassen wie möglich lehnte sich der Ältere an eine Wand und versuchte Christian mit seinen Blicken zu verunsichern.

„Ich... es tut mir leid, dass ich dir an dem Abend zu nahe getreten bin.“ Innerlich verfluchte der Jüngere sich. Nun hatte er sich doch entschuldigt, und das hatte er eigentlich gar nicht vor gehabt! Wie, um die Situation noch für sich zu gewinnen, fügte er hinzu: „Ich hab dir lediglich meine Meinung gesagt. Und DAS ist ja wohl erlaubt!“

„Natürlich. Und ich hab mir deine Meinung angehört!“

„Ja, und danach hast du alles für nichtig erklärt, weil ich mich ja nicht in dein Leben einmischen soll und du dein Verhalten ja sowieso für das Größte hältst!“

„DAS hast du jetzt aber gesagt! Denkst du, ich hab über deine Worte nicht nachgedacht?“ Ein Teil von Tinos Fassade schien zu bröckeln.

„Wenn ich ehrlich sein darf, genau das denke ich!“

„Dann kennst du mich aber schlecht, Kleiner!“

„Ja, dass ist mir auch schon aufgefallen! Ich hab bloß den Moment verpasst, an dem du so...“ /...ein Arschloch.../ „... anders geworden bist! Liegt es an Fabian?“

„Chrissie! Was willst du denn immer mit Fabian? Den Typen hab ich schon seit einiger Zeit aus meinem Leben verabschiedet! Ich bin über ihn hinweg!“

„Und warum verhältst du dich dann wie ein Trottel?“ Verzweiflung schwang in Christians Stimme mit.

„Ich verhalte mich nicht wie ein Trottel! Nur, weil ich mich anders verhalte als DU, heißt es noch lange nicht, dass ich mich falsch verhalte!“

„Aber du bist dabei, dich nur noch durch dein Leben zu poppen. Andere Bekanntschaften, als die jungen Küken, die du abends aufgabelst, hast du doch schon gar nicht mehr! Warum suchst du dir nicht mal jemanden aus, der dir wirklich gefällt?“

„Das mache ich doch jeden Abend!“, stelle Tino sich dumm.

„Nein, ich meine jemanden, der dir nicht nur für einen Abend gefällt! Jemanden, mit dem du länger zusammen bist!“

„Christian, ich muss nicht immer alles so machen, wie du es tun würdest!“, wiederholte Tino ungeduldig.

„Das sage ich ja auch nicht...“, wehrte Christian ab. „Ich meinte lediglich...“

„Doch, dass sagst du. So würdest du es machen. Aber wenn es mir nun mal so gefällt, wie ich lebe?“

„Dann kann ich nichts dagegen machen. Und ich möchte mich auch gar nicht in dein Leben einmischen. Bloß, mir ist es zu blöd, dass wegen so einem Schwachsinn unsere Freundschaft hops geht!“

„Och Chrissie!“ Tinos Gesichtszüge wurden weich als er lachte – und es hörte sich sogar echt an. „Wer sagt denn, dass deswegen unsere Freundschaft aufhört?“

„Ich dachte...“

„Würde es das, wäre unsere Freundschaft nicht mal halb so gut, für wie ich sie eigentlich halte. Auch Freunde müssen nicht immer der gleichen Meinung sein, Chrissie!“

„Ja, aber nach deinem Abgang in der Disco..“

„Was hab ich denn gemacht? Ich bin einfach gegangen, weil mir das Gespräch zu blöd wurde und ich mir nicht den Abend vermiesen wollte!“

„Ja, du bist gegangen – nachdem du liebevoll ‚Fick dich’ gesagt hast!“

Tino wurde rot. //Hab ich wirklich...?//

„Das... tut mir leid. Ich war ein bisschen gereizt!“

„Das hab ich gemerkt! Aber Schwamm drüber. Jeder kann sich mal im Ton vergreifen – auch ich.“

„Okay, dann streichen wir den Abend?“, fragte Tino hoffungsvoll.

„Klar...“

„Aber das heißt nun nicht, dass ich was ändern werde!“, fügte der Ältere hinzu, als er das erleichterte Gesicht seines Freundes sah.

„Das war mir schon klar. So leicht lässt du dich nicht überzeugen. Aber das ist egal! Ich verspreche dir, mich aus deinen Sachen rauszuhalten!“

„Chrissie, als Freund kannst du mir ruhig mal deine Meinung sagen – aber erwarte dann nicht, dass ich aufspringe und mich daran halte.“, belehrte Tino den Jüngeren.

„Okay, ich weiß es jetzt.“, gab Christian nach.

„Dann wäre ja alles geklärt!“ Tino wandte sich lächelnd der Tür zu, hielt aber noch mal an um sich zu Christian umzudrehen. „Ach ja, und zweifele bitte nie wieder unsere Freundschaft an! Ich bin nicht seit zig Jahren mit dir dicke, damit das so eine Lappalie ändert. Dafür hab ich dich viel zu gerne!“

„Klar, was denkst du warum ich mit dir reden wollte?!“ /Von wegen!/, höhnte wieder eine Stimme in seinem Kopf. Malik hatte ihn erst überreden müssen, herzukommen. Und jetzt im Nachhinein ärgerte Christian sich selber, dass er nicht schon früher und – vor allem – alleine zu Tino gekommen war. So schlimm war es ja nicht gewesen.

Tino lächelte ihn noch mal an, dann wandte er sich endgültig der Tür zu und verließ den Raum.

Malik war gerade mit einem Kunden beschäftigt, der anscheinend ein Video aus der ‚Ab 18’-Abteilung haben wollte.

Als Tinos Blick auf ihn fiel, meinte er grinsend zu Christian:

„Ach ja, und ihr seit jetzt zusammen?“

Der Jüngere wurde rot. „Ja, hat er es dir erzählt?“

„Mhm, hat er – bei einem der vielen Versuche, mich auf dich anzusprechen. Malik ist echt in Ordnung. Er hat dich verdient!“

Christian wurde bei Tinos Worten noch röter. /Tino hört sich ja fast so an, als wenn ich etwas Besonderes wäre!/ Verlegen murmelte er ein leises ‚Danke’, was Tino nur grinsen ließ.

Dann kam Malik auch schon auf sie zu. Unsicher von einem zum anderen blickend meinte er:

„Und? Können wir los?“

„Klar!“ Christian schenkte seinem Freund ein strahlendes Lächeln. Dieser holte noch schnell seine Jacke und dann verließen sie gemeinsam die Videothek – unter den zufriedenen Blicken von Tino.



„Und? Alles glatt gegangen?“, erkundigte Malik sich neugierig, als sie einige Meter von der Videothek entfernt waren.

„Ja, wir haben uns ausgesprochen... aber er wird nichts an seinem Verhalten ändern!“, fügte Christian hinzu, nicht wissend, ob er sich über das Resultat ihres Gespräches wirklich freuen sollte.

„Na ja, irgendwann wird er schon noch von alleine dahinter kommen, dass Sex nicht das einzige ist, was zählt. Dann hört er mit dem Unsinn auch von alleine auf. Das kannst du glauben! Wichtig ist erst mal, dass ihr wieder miteinander redet!“ Malik hielt Christian die Glastür seines Lieblingscafés auf. Der 17-jährige hatte gar nicht bemerkt, dass sie diesen Weg eingeschlagen hatten. Aber er sagte nichts dazu.

„Das tun wir. Und dafür bin ich dir dankbar. Hättest du mich nicht überredet hinzugehen, würden wir uns wohl immer noch anschweigen!“

„Ach, überreden würde ich es nicht nennen!“ Malik ließ sich an einem Tisch in der hintersten Ecke nieder. „Sagen wir eher, ich hab dir einen kleinen Schubs gegeben!“

„Okay, dann halt einen Schubs.“ Glücklich sah Christian seinen Freund an. Dieser blickte ebenso froh zurück.

Sie bestellten sich zwei Cappuccino und begannen, sich über ihren Tag zu unterhalten.

Der 17-jährige liebte es, seinem Freund zu zuhören. Maliks Stimme war für ihn wie die Melodie eines schönen Liedes und er konnte sich gar nicht satt an ihr hören. Dazu noch sein schönes Gesicht, dass ihm immer wieder ein Lächeln schenkte. Christian fiel auf, dass sie sich heute noch gar nicht richtig begrüßt hatten. Dass er noch gar nicht Maliks weiche Lippen gespürt hatte. Wie um das Versäumnis wenigstens ein wenig nachzuholen, ergriff er irgendwann Maliks Hand und hielt sie ganz fest umschlossen. In diesem Moment war es ihm egal, dass jemand sah, wie er mit einem anderen Jungen Händchen hielt. Das einzige was zählte, war Maliks weiche Haut, die sich so gut an der seinen anfühlte. Und dessen Daumen, der immer wieder über seinen Handrücken strich. Schon solche kleinen Gesten ließen Christians Herz höher schlagen.

Um so schwerer fiel ihm der Abschied, als Malik erklärte, dass er leider los müsse. Er hatte seiner Schwester – dem Monster, wie er hinzufügte – versprochen, ihr noch etwas in Mathe zu erklären.

Kurz bevor sie sich trennten, fiel Christian etwas ein, was er schon bei ihrem letzten Treffen vergessen hatte. Schnell kramte er in seiner Jackentasche und zog einen glänzenden, silbernern Schlüssel hervor. Als Malik ihn fragend ansah, drückte Christian ihm den Schlüssel einfach in die Hand.

„Ein Schlüssel?!“, stellte der Ältere unnötigerweise fest.

„Ja, der Schlüssel zu meiner Wohnung. Damit du nicht immer klingeln brauchst. Das hat mich schon letzte Woche aufgeregt!“

Unsicher drehte Malik das Stück Metall in seinen Fingern. „Gibst du den jedem so schnell?“, rutschte ihm dann doch die Frage raus, die ihm schon die ganze Zeit durch den Kopf geschwirrt war.

Christian verzog schmerzlich das Gesicht. Dann meinte er unsicher: „Nein... du bist der Erste, dem ich ihn gebe...“

Überrascht sah Malik ihn an und obwohl ihm seine Worte leid taten, fragte er weiter: „Vertraust du mir denn so sehr?“

Christian zog spöttisch eine Augenbraue hoch. „Was soll die saublöde Frage?! Natürlich vertraue ich dir, sonst würdest du jetzt nicht den Schlüssel in deinen Händen halten! Ich gebe schließlich nicht jedem freien Zugang zu meiner Wohnung!“ Er merkte selbst, wie beleidigt sich seine Stimme an hörte.

Maliks Blick wurde weich. „Sorry Chrissie, das war jetzt nicht böse gemeint! Ich... wollte es halt nur wissen...“ Schnell zog er seinen Freund zu sich ran und küsste ihn sanft auf die Lippen.

Falls es jemand der anderen Gäste um sie herum bemerkt haben sollte, so ließ er sich nichts anmerken. Keiner schien den beiden Jungen Beachtung zu schenken.

„Schon okay... ich weiß auch nicht warum ich ihn dir jetzt schon gebe, aber ich möchte irgendwie, dass du ihn hast!“

„Danke, Chrissie!“ Malik zog seinen Freund noch ein letztes Mal zu sich ran, dann verabschiedete er sich, um sich auf den Weg nach Hause zu machen.

Christian blieb noch einen Moment im Café sitzen, ehe er sich auch auf den Heimweg machte.


KAPITEL 11


Obwohl Malik nun schon seit mehr als einer Woche über den Schlüssel zu Christians Wohnung verfügte, hatte er ihn noch nicht benutzt. Er hatte jedes Mal, wenn er seinen Freund besucht oder aber abgeholt hatte, die Klingel benutzt.

Christian hatte über das Verhalten mehr als nur ein Mal den Kopf geschüttelt, doch ihm war es recht so. Wenn Malik meinte, er wolle klingeln, war das okay.



Mit einem letzten Kuss verabschiedete sich Christian von seinem Freund, der ihm den ganzen Nachmittag über zu Hause Gesellschaft geleistete hatte.

Irgendwann war auch Maiko von der „Arbeit“ nach Hause gekommen, doch er hatte sich mit einem stummen Blick auf Malik in eine Ecke des Wohnzimmers verzogen und dort wieder in einem Buch geblättert.

Christian war von diesem Verhalten ein bisschen überrascht gewesen, doch ihm war es egal. Vielleicht hatte Maiko ihn ja wirklich aufgeben.

Doch jetzt, wo Malik zur Tür hinaus trat und ging, kam auch Maiko wieder aus seiner Welt hinter den Büchern zurück und musterte Christian mit einem nachdenklichen Blick. Auf Christians Frage, was es denn gäbe, meinte er etwas verlegen:

„Hättest du vielleicht Lust, mit mir heute Abend in irgendeine Disco zu gehen oder so?“

Perplex starrte Christian seinen Jüngeren Freund an. Dieser wurde nur noch röter, wich jedoch seinem Blick nicht aus.

„Wie kommst du denn auf die Idee???“, fragte Christian misstrauisch, ohne die ihm gestellte Frage auch nur beantwortet zu haben.

Maiko verzog das Gesicht. „Du willst nicht!“, stellte er enttäuscht fest, doch Christian versuchte ihn zu trösten.

„Das hab ich doch gar nicht gesagt! Ich hab nur gefragt, wie du auf den Gedanken kommst!“

„Ich... ich war noch nie so wirklich in einer Disco und schon gar nicht in einer für Schwule. Und irgendwie hab ich mal Lust bekommen mich in einer umzusehen. Und alleine gehen ist scheiße, das macht keinen Spaß!“

„Stimmt, das macht wirklich keinen Spaß! Aber okay, wenn ich mir den Club aussuchen kann, in den wir gehen, dann können wir das gerne machen. Und außerdem ist heute Freitagabend, da wäre es schade, wenn man den zu Hause verbringt und Löcher in die Luft starrt!“

„Ganz deiner Meinung!“ Maiko strahlte. Eigentlich hätte er nicht gedacht, dass Christian ihm den Gefallen tun würde. Aber da hatte er sich wohl getäuscht.

„Hast du denn Klamotten für die Disco?“, fragte der 17-jährige unsicher.

„Klar, dafür finde ich schon was!“, gab Maiko grinsend zurück und verschwand sofort um in seiner Tasche zu kramen und dann mit ein paar Klamotten ins Bad zu verschwinden.

Christian sah ihm kopfschüttelnd nach, dann begann er ebenfalls sich fertig zu machen...



... „Ist ja irre!“ Beeindruckt sah Maiko sich in dem großen Raum um, der von den blinkenden Discoscheinwerfern und tanzenden Leuten beherrscht wurde.

Maiko hatte sich wirklich rausgeputzt. Er hatte für den Abend eine weiße Stoffhose und ein ebenso weißes Oberteil gewählt, dass seine zierliche Figur gut betonte. Seine Haare hatte er sich, mit ein bisschen von Christians Gel, in Form gebracht.

/Wow, im Schwarzlicht wird er sicher mächtig gut aussehen!/, ging es Christian durch den Kopf, als er seinen Freund beobachtete, wie er sich neugierig umsah. Scheinbar schienen ihm die vielen Leute und die laute Musik zu gefallen.

Christian musste grinsen. Für ihn war diese Disco schon wie eine zweite Heimat, so oft war er schon hier gewesen. Aber auch ihn faszinierte es jedes mal aufs Neue, wie sich Leute im Licht der Scheinwerfer veränderten. Oder wie sie sich rhythmisch zu dem Beat der Technomusik bewegten. Plötzlich verspürte Christian riesige Lust selbst zu diesen Leuten zu gehören.

/Vielleicht ist es gar keine schlechte Idee gewesen, hier her zu kommen! Warum auch den Freitagabend zu Hause rumhängen?!/

Mit dem Ellbogen stieß er Maiko sanft an und deute auf die Bar, wo er gleich zwei Cocktails bestellte.

Der Jüngere sah ihm unsicher zu, doch dann hellte sich sein Gesicht auf und er ließ sich auf einem der großen Hocker nieder. Als sein Cocktail vor ihm hingestellt wurde, griff er eilig danach, um an dem Glas zu nippen. Es schmeckte wirklich klasse.

Auch Christian hatte nach seinem Getränk gegriffen und leere es kontinuierlich.

Nach wenigen Augenblicken begann er sich mit Maiko über dessen Discoerfahrung zu unterhalten – was sich bei der lauten Musik als ein wenig schwierig herausstellte. Doch Maiko beantwortete ihm seine Fragen geduldig, auch wenn er mehrmals nachfragen musste, was der andere gesagt hatte, da es in der Musik unter gegangen war.

Als Maiko dann vor einem leeren Cocktailglas saß, fragte er Christian verlegen, ob er sich noch eins bestellen könnte. Christian lachte nur und bestellte dann neu – auch für sich eins mit. Dem folgte nach einer Weile noch ein drittes und dann ein viertes Glas.

Irgendwann sprang Maiko auf und zog Christian mit sich in die Menge tanzender Leute. Scheinbar hatte der Alkohol ihn ziemlich aufgekratzt, denn er hopste gerade zu über die Tanzfläche.

Christian beobachtete ihn lächelnd und bewegte sich selbst zu dem Rhythmus der Musik.

Es war wirklich ein atemberaubendes Gefühl, mit der Menge zu schwimmen und zu spüren, wie sich der eigene Herzschlag dem der Musik anpasste. Christians ganzer Körper schien zu vibrieren und das Licht verzerrte seine Bewegungen zu einer Abfolge aneinander gereihter Bilder, die er erst viel später wahrnahm, als dass er sie wirklich gemacht hatte.

Christian konnte nichts dagegen machen, dass auch sein Tanzen immer freizügiger wurde und er musste sich eingestehen, dass er die bewundernden Blicke, die ihm von dem ein oder anderen Typen zugeworfen wurden, genoss. Eins wusste er genau: Dieser Abend würde sicher sehr lang werden!

Nach einer Weile fiel ihm auf, dass er Maiko aus den Augen verloren hatte.

Tanzend machte er sich auf die Suche nach seinem jüngeren Freund. Und erst jetzt kam ihm in den Kopf, dass der Kleinere ja noch fünfzehn war. Eigentlich hätte er noch gar nicht reingedurft. Aber die Türsteher, die ihre Arbeit eh nicht allzu gründlich nahmen, kannten ihn und hatten Maiko deshalb sicher nicht kontrolliert.

Es dauerte eine ganze Weile, bis er Maiko fand.

Der Jüngere hatte sich auf die ganz andere Seite des großen Raumes vorgetanzt und als Christian ihm mit seinen Blicken folgte, musste er feststellen, dass seine Sicht ein bisschen zu schwimmen begann. Kurz dachte er an den Alkohol, den er von den paar Gläsern Cocktail vorhin, schon intus hatte, doch der Gedanke verfolg ebenso schnell wieder, wie er gekommen war.

Viel zu gut war seine Laune und das dringende Bedürfnis, sich nach der Musik zu bewegen und mit ihr zu verschmelzen. Tanzend brachte er sich näher an Maiko heran.

Als der Jüngere ihn erkannte, zeigte er ihm mit einer Geste, dass er schon ziemlich fertig war und deutete dann auf die Bar.

Christian hatte nichts dagegen einzuwenden und folgte dem anderen. An ihrem Ziel angelangt ließen beide sich wieder dort nieder und Christian bestellte noch zwei Cocktails.

Beide setzten das Gespräch, dass sie vor einiger Zeit begonnen hatten, fast nahtlos fort und die Zeit schien wie im Fluge zu vergehen. Beide lachten zusammen, denn die Stimmung war sowohl vom Alkohol als auch von der dröhnenden Musik, die einem durch und durch ging, locker und gelöst.

Nach einer etwas längeren Pause deutete Maiko mit einem Nicken zur Tanzfläche an, dass er gerne noch ein wenig tanzen würde.

Christian, der an seinem keine-Ahnung-wie-vielsten Cocktail nippte – Maiko hatte nach ein paar Gläsern aufgehört –, kippte diesen schnell hinunter und erhob sich dann wackelig.

Leicht schwankend ließ er sich von Maiko auf die beleuchtete und von den schillerndsten Gestalten belebte Tanzfläche ziehen, um dort dann in einen bunten Wirbel aus Farbe und den lauten Bässen der Musik ein zu tauchen...


KAPITEL 12

Christian wurde von einem Geräusch und einer Bewegung neben sich wach.

„Malik?“, murmelte er verschlafen und tastete unsicher nach seinem Freund.

„Ja, der ist auch da!“, ertönte fast augenblicklich die Stimme seines Schatzes – jedoch nicht neben ihm.

Erschrocken riss Christian die Augen auf und fand Malik in der Tür stehend vor. Sein Blick war mehr als nur fragend und in seinem Gesicht spiegelte sich eine große Enttäuschung wieder – gemischt mit einer gehörigen Portion Wut.

Christian brauchte gar nicht neben sich zu blicken, er wusste auch so, wer die andere Person neben ihm war – doch er wusste nicht mehr, wie sie dort hingekommen war.

/Wie bin ich überhaupt nach Hause gekommen?/ Stöhnend hielt er sich den Kopf, denn das Gegrübel brachte ihn noch mehr zum Dröhnen.

Nun begann sich auch Maiko neben ihm zu bewegen und setzte sich verpennt auf. Als er jedoch Malik in der Tür entdeckte, sah er unsicher zu Christian.

Der hatte das Gesicht in seinen Händen vergraben und versuchte verzweifelt sich an die letzte Nacht zu erinnern, doch er musste feststellen, dass seine Erinnerungen lückenhaft waren und er irgendwann gar nichts mehr wusste.

Doch auch ohne diese Erinnerungen konnte er sich denken, was passiert war. Was würde Maiko sonst neben ihm machen?! /Wie viel habe ich denn gestern getrunken?/

Der 15-jährige hatte sich an das Kopfende des Bettes zurück gezogen und sah unsicher von einem zum anderen. Wie, um sich zu verstecken, zog er die Bettdecke bis unter sein Kinn.

Doch auch er zuckte zusammen als Maliks kühle Stimme die entstandene Stille zerriss:

„Chris, was soll das Ganze?“

Ängstlich sah der Angesprochene auf und hatte schon einen mehr oder weniger intelligenten Satz auf der Zunge wie ‚Es ist nicht so, wie du denkst!’. Doch das verkniff er sich, vor allem da es ja so war. So wie die Sache bisher aussah, hatte er tatsächlich mit Maiko geschlafen! Das Dumme war nur, dass er sich nicht mehr daran erinnerte. Es war einfach... weg.

Unglücklich begann er herumzustammeln, antworte dann aber wahrheitsgemäß:

„Ich... ich weiß es nicht mehr!“

Malik sah von seinem Freund zu Maiko und sein Blick wurde eindeutig feindselig. Wütend zischte er:

„Ich aber! Du hattest anscheinend ein nettes Schäferstündchen mit deinem kleinen Freund da! Darf man fragen wie lange das schon so geht? Wie lange mache ich mich vor dir schon zum Depp?“

„Ich... Malik! Das war... ich muss tierisch voll gewesen sein, ich erinnere mich noch nicht mal daran! Das kommt nie wieder vor!“

„Stimmt, das kommt wirklich nie wieder vor!“ Malik lächelte bitter. „Weil ich dich nämlich aus meinem Leben streiche! Ich dachte, ich bedeute dir was?! Aber anscheinend bin ich durch jeden x-beliebigen ersetzbar!“ Enttäuscht deutete er auf Maiko, ehe er Christians Wohnungsschlüssel, den er die ganze Zeit verkrampft in seinen Händen gehalten hatte, auf den Boden warf und den Raum verließ.

Bewegungsunfähig sah Christian seinem Freund – /...Exfreund.../, verbesserte ihn eine höhnische Stimme in seinem Kopf – nach und er spürte, wie ihm die Tränen kamen.

/Was war das denn jetzt gerade gewesen? Warum war Malik plötzlich da? Und wie ist er eigentlich reingekommen? ... Ach ja, der Schlüssel... Und was mache ich? Ich müsste ihm eigentlich nachlaufen! Aber nein, ich sitze hier rum... Ich weiß doch aber nicht was ich ihm sagen soll! Wenn ich mich doch wenigstens noch an das erinnern würde, was passiert ist. Aber es ist alles weg – genauso wie Malik./ Christians Starre bröckelte dahin und ein Zittern erfasste seinen Körper.

/Das hab ich doch nicht gewollt! Ich hab Malik doch so schrecklich gerne. Ich würde ihn gegen nichts auf der Welt eintauschen!/ Eigentlich hätte Christian ihm hinterher rennen und genau dies sagen sollen. Doch sicher hätte der Ältere ihm nicht geglaubt.

Der 17-jährige fühlte sich in diesem Moment so hilflos, wie noch niemals zuvor in seinem Leben. Gepeinigt schluchzte er auf.

Als er merkte, wie ihm warme Tränen über die Wangen liefen, sprang er erschrocken auf und stürzte ins Badezimmer. Mit einem lauten Knall warf er die Tür hinter sich zu und drehte den Schlüssel zwei mal im Schloss herum.

Nun hemmungslos weinend sank er zu Boden und ging in seinen schrecklichen Schuldgefühlen unter.

/Was hab ich getan? Das hab ich doch alles nicht gewollt. Nie im Leben hätte ich das gewollt. Wäre ich doch bloß nicht auf Maikos Idee mit der Disco eingegangen. Oder hätte ich doch wenigstens darauf bestanden, dass Malik mitkommen darf! Wenn doch dieser scheiß Alk nicht gewesen wäre! Warum musste ich mir auch so den Kopf voll hauen?! Das mache ich doch sonst auch nicht. Warum habe ich nicht aufgehört zu trinken, als ich gemerkt hab, wie mir schon schummrig wurde? Ich bin so ein Schwachkopf. Ich hätte besser aufpassen müssen. Aber nein, ich lasse mich voll laufen und steige dann mit einem Typen in die Kiste, für den ich nicht mehr als brüderliche Gefühle hege.../ Doch im Moment war das einzige Gefühl, das Christian für den Jüngeren verspürte Groll.

/Warum hat er nichts dagegen gemacht? Warum hat er das zugelassen? Er wusste doch, dass ich einen Freund habe. Und er war nicht so voll wie ich.../

Christians Tränen waren versiegt und er hatte sich umständlich wieder aufgerichtete. Vollkommen nackt trat er ans Waschbecken und wusch sich mit kaltem Wasser das Gesicht. Seine Augen waren gerötet, was er nach einem Blick in den Spiegel feststellte. Immer noch grübelnd putzte er sich seine Zähne und kämmte seine Haare.

Auf dem Wäschecontainer fand er noch seine Sachen, die er am Tag zuvor nach der Schule ausgezogen hatte, aus einer Schublade entnahm er Unterwäsche. Schnell schlüpfte er in die Boxershorts, Blue Jeans und das einfache schwarze T-Shirt, dann schloss er die Tür wieder auf und trat hinaus in den Flur – er hatte Maiko ein paar Fragen zu stellen.



Der Jüngere saß, nun auch schon vollkommen angezogen, auf der Couch und starrte trübe vor sich hin. Seine Stirn war in Falten gelegt und sein Gesicht hatte einen ängstlichen Ausdruck angenommen.

Als er Christian den Raum betreten hörte, sah er scheu auf. Doch das Gesicht des Älteren war ausdruckslos.

Mit tonloser Stimme befahl er: „Erzähl’s mir!“

„Was?“, fragte Maiko verunsichert.

„Alles!“

„Du weißt gar nichts mehr?“, Maikos Stimme war ein heiseres Flüstern.

„Nein, nichts. Also erzähl’s mir!“

Leise berichtete Maiko von ihrem Ausflug in die Disco und wie sie geredet hatten. Das Christian ordentlich gebechert hatte, erwähnte er auch. Er erzählte wie sie immer mal wieder auf die Tanzfläche verschwunden waren und zwischendurch an der Bar gesessen hatten. Sie waren geblieben, bis es schon lange nach 4 Uhr gewesen war. Als sich nachher die meisten auf den Heimweg gemacht hatten, waren auch sie gegangen. „... und irgendwie sind wir dann wohl bei dir im Bett gelandet.“, schloss Maiko leise.

„Du weißt noch alles?“, harkte Christian ungeduldig nach.

„Ja...“, gab Maiko unsicher zu.

Christians Hände begannen zu zittern, denn eine Frage war schon die ganze Zeit über in seinem Kopf herumgeschwirrt. Heiser stellte er sie laut, denn Maiko hatte sie nicht von sich aus beantwortet:

„Wer hat angefangen?“

Es war deutlich zu sehen, wie Maikos Gesicht an Farbe verlor. Unsicher öffnete und schloss er seinen Mund mehrere Male, bevor er krächzte: „Ich weiß nicht...“

„Ich dachte, du erinnerst dich an alles!“, fauchte Christian, denn Maikos Verhalten ließ ihn schon erahnen, wer angefangen hatte. Doch Christian wollte es aus dem Mund der Jüngeren bestätigt haben.

„Ja, tue ich auch... eigentlich...“, gab dieser geschlagen zu.

„Lass mich raten: Du hast angefangen, oder?“

Maiko nickte betrübt.

„Warum?“, hauchte er Ältere fassungslos.

Maiko sprang energisch auf. „Chris! Du weißt, wie gerne ich dich habe!“

„Ach, und weil du mich ja auch sooo gerne magst, verführst du mich?!“

In Maikos Gesicht trat ein Ausdruck von Trotz und er fauchte zurück:

„Warum verführen? Du hättest es ja auch abbrechen können. Ich hab dich zu nichts gezwungen!“

„Maiko, ich war voll! Ich hätte mich nicht mal mehr an meinen eigenen Namen erinnert!“, verteidigte sich der Ältere.

Doch Maiko zerschlug dieses Argument kleinlaut: „Alkohol ist keine Entschuldigung. Du hättest ja nicht so viel trinken müssen!“

„Nun komm mir nicht so!“ Christians Stimme wurde lauter. Das unschuldige Getue des anderen ging ihm mehr als gegen den Strich. „Du hast genau gewusst, dass ich einen Freund habe und für dich nichts empfinde. Aber nein, du musst es ausnutzen, dass ich mich ein mal nicht wehren konnte!“

„Wehren? Das hört sich ja so an, als wenn ich dir irgendwas antun wollte!“, fuhrt nun auch Maiko auf.

„Maiko, mein Freund hat sich gerade von mir verabschiedet. Das nenne ich schon was ‚antun’! Ich liebe diesen Typen und es tut mir in der Seele weh, dass er mich heute morgen mit dir im Bett gefunden hat.“

„Hätte er uns nicht gefunden, hättest du es ihm ja nicht erzählen müssen?!“

„Ich hätte es aber gemacht. Ich hätte mit so einer Lüge nicht Leben können und auch auf die Verantwortung hin, dass er mich verlassen hätte. Ich hätte es ihm gesagt. Maiko, wenn ich jemanden liebe, dann tue ich alles damit es diesem jemanden gut geht. Und ich hätte ihn nicht belogen!“

„Ich will doch auch nur, dass es dir gut geht!“, beharrte Maiko. „Chris, ich mochte noch nie jemanden so gerne wie dich. Ich würde sogar sagen, dass ich dich liebe!“

Christian schnaubte verächtlich. „Liebe? Du weißt doch gar nicht, was das ist! Wenn du mich wirklich so lieben würdest, hättest du mir das nie angetan! Dann hättest du schön die Finger von mir gelassen. Weißt du wie beschissen es mir nun geht?“

„Chris, du hast mich doch noch. Vergiss diesen Typen. Er hat dich ja nicht mal danach gefragt, was passiert ist.“

„Weil es eindeutig war!“, verteidigte Christian Malik.

„Nein, war es nicht. Er hätte trotzdem nachfragen sollen. Aber er ist einfach gegangen. Und du denkst, dass er dich wirklich liebt? Sicher bist du für ihn nur irgendein Freund! Wetten der hat gleich wieder ’nen Neuen?“

„Nein, hat er nicht!“

„Weil du ihm hinterher rennst, oder?“ Maikos Stimme wurde leiser und sein Blick traurig.

Doch Christian antwortete bestimmt: „Ja, weil ich ihm hinterher renne! Ich will keinen Anderen. Ich will ihn.“

„Er hat dich nicht verdient!“

„Aber du, oder wie? Wann kapierst du endlich, dass ich nichts von dir will!“, Christian hörte sich regelrecht verzweifelt an.

„Chris!“

„Nichts Chris! Ich hätte nicht gedacht, dass du so hinterhältig bist!“

„Bin ich gar nicht! Ist nicht jeder mal eigennützig?“, verlangte Maiko kleinlaut zu wissen.

„Aber nicht dann, wenn es um die Person geht, die man liebt!“

„Aber...“

„Nichts aber!“ Christians Blick wurde bedrohlich.

„Was wirst du jetzt machen?“, fragte Maiko leise.

„Das weiß ich noch nicht. Ich weiß aber, was du jetzt machst!“

Maiko warf ihm einen fragenden Blick zu.

„Du wirst jetzt deine Sachen packen und verschwinden!“

„WAS?“ Ungläubig riss Maiko die Augen auf. //Das kann er doch nicht tun!//

„Du hast mich schon verstanden! Geh! Verzieh dich! Ich halte es nicht aus, wenn du mir unter die Augen trittst! Wenn ich nur dran denke, dass wir beide...“ Er schauderte.

„Das kannst du nicht machen! Ich dachte, wir sind Freunde!“

„Ja...“, meinte Christian verächtlich. „DAS hab ich auch gedacht. Bloß, Freunde nutzen den anderen nicht einfach so aus.“

„Ich hab dich nicht ausgenutzt!“, meinte Maiko empört.

„Doch hast du! Weil du meintest, du müsstest mich haben, hast du mich einfach genommen!“

Maiko keuchte panisch: „Chris!“

„Fünft Minuten!“

„Was?“, fragte Maiko verständnislos.

„Ich gebe dir fünft Minuten, dann bist du weg!“

„Aber...“

„Nun mach schon!“, brüllte Christian.

Zackig erhob sich der Jüngere und begann hektisch seine wenigen Sachen zusammen zu suchen.

Christian sah ihm dabei zu, doch sein Blick war einfach nur wütend. Auch, als er Maiko schluchzen hörte, wurde er nicht weicher. Dabei wusste er genau, dass er den Jüngeren vielleicht ein bisschen zu hart bestrafte, immerhin saß dieser jetzt auf der Straße.

/Er hatte ja genug Zeit um sich ’ne Wohnung zu suchen!/, verteidigte er sich vor seinem schlechten Gewissen.

Er konnte es bloß nicht mehr ertragen, wenn der Jüngere ihn ansah. Zu einem gewissen Teil war er froh, dass er sich nicht mehr an die Nacht erinnerte. Würde er es tun, so könnte er Maiko überhaupt nicht mehr ansehen. Sein schlechtes Gewissen Malik gegenüber war einfach zu groß.

Und Christian musste sich eingestehen, dass er tierische Angst hatte. Angst davor, Malik gegenüber zu treten. Angst davor, etwas Falsches zu ihm zu sagen. Angst davor, dass er ihn wirklich nie wieder sehen wollte. Angst davor, dann wieder alleine da zu stehen. Irgendwie konnte Christian sich ein Leben ohne seinen Freund nicht mehr vorstellen.

Maiko, der plötzlich vor ihm stand, riss ihn aus seinen Gedanken. Auffordernd streckte Christian ihm die Hand hin und meinte tonlos: „Schlüssel!“ Zögerlich händigte der Jüngere ihm den Schlüssel aus, dann fragte er mit angehaltenem Atem:

„Willst du wirklich, dass ich gehe?“

„Maiko, wenn du mich echt so sehr liebst, wie du sagst, dann geh. Lass mich in Ruhe. Ich hab jetzt wohl genug eigene Probleme, da kann ich nicht auch noch drauf achten, wie nahe du mir kommst. Und ich hab dir so oft gesagt, dass ich nichts von dir will!“

„Warum hast du mich dann hier einziehen lassen?“

„Weil ich dachte, wir sind Freunde! Einfache, normale Freunde! Aber Freunde tun sich nicht gegenseitig weh!“

„Ach, aber daran, dass du mir auch weh tust, hast du nicht gedacht, oder?“, schnappte Maiko wütend.

„Du hättest jederzeit gehen können! Ich hab dich nicht aufgehalten. Oder wir hätten noch ein mal drüber reden sollen, bloß ich bezweifele, dass das etwas geändert hätte. Maiko, ich liebe nun mal nicht dich, sondern Malik! Dafür kann ich nichts und er auch nicht!“

„Aber ich kann etwas dafür, dass ich dich liebe?“

„Maiko, du liebst mich nicht. Dann hättest du das nie getan!“

„Wir drehen uns im Kreis, falls du das noch nicht gemerkt haben solltest, da waren wir schon!“

Doch Christian beendet das Gespräch ruckartig. „Und weiter werden wir auch nicht kommen, denn dort ist die Tür.“

„Chris, nein! Bitte! Es tut mir doch leid!“

„Vergiss es! Sprich mich mal wieder an, wenn Gras über die Sache gewachsen ist. Vielleicht können wir dann Freunde sein, ganz normale Freunde!“

„Aber Chris...!“

In der Stimme des Älteren lag eine eisige Kälte. „Geh!“

„Nein!“

„Verschwinde!“, Christians Stimme wurde wieder lauter.

Maiko sah ihn noch ein letztes Mal ängstlich an, dann nahm er seine Tasche und verschwand in den Flur. Wenige Augenblicke später hörte Christian das Zufallen der Wohnungstür.

Dann war es ruhig. Das einzige, was Christian nun noch vernahm, war das Rauschen seines eigenen Blutes in den Ohren. Es war, als wenn die unglaubliche Stille ihn erdrücken wollte...

Doch nur ein einziger Gedanke füllte seinen Kopf aus. /Was sage ich zu Malik???/



Christian hatte sich dann doch für die einfache Wahrheit entschieden. Er hatte sich vorgenommen seinem (Ex)Freund es genau so zu erzählen, wie es passiert war. Dann konnte er nur noch hoffen, dass er es ihm glauben würde.

Aber ob er ihm diesen Ausrutscher dann auch gleich verzieh, das war eine andere Sache. Doch er würde ja sehen, was passierte. /Wenn er mich wirklich nie wieder sehen will, könnte ich es auch verstehen. Immerhin habe ich ihn maßlos enttäuscht – und dafür gibt es keine Entschuldigung!/

Schwerenherzens drückte Christian den Klingelknopf von Maliks Wohnung, den er schon die ganze Zeit über angestarrt hatte. Es dauerte eine ganze Weile, dann öffnete sich die Tür und Malik stand vor ihm. Doch Christian hatte gar nicht die Gelegenheit etwas zu sagen, denn sofort wurde ihm die Tür vor der Nase zugeschlagen.

Perplex starrte er die hölzerne Mauer an, die ihn von seinem Freund trennte, dann drückte er erneut den Klingelknopf.

Nichts geschah.

„Malik, mach bitte auf!“ Er hatte nicht sehr laut gesprochen, doch er wusste, dass sein Freund ihn gehört hatte. Trotzdem tat sich auf der anderen Seite der Tür nichts.

„Malik, bitte!“

„Hau ab!“ Maliks Stimme hörte sich nicht wütend an und auch nicht verheult, aber trotzdem bodenlos enttäuscht.

„Nein, ich möchte mit dir reden!“

„Ich aber nicht mit dir!“, widersprach Malik.

„Ich bleib solange vor deiner Tür stehen, bis du mit mir redest!“ Doch die Tür wurde nicht geöffnet.

Geduldig ließ Christian sich nach einigen Minuten an der Wand runterrutschen und starrte trübe vor sich hin. Er hatte seine Worte durchaus ernst gemeint, er würde so lange hier ausharren, bis Malik mit ihm reden würde.

Doch der ließ sich ziemlich viel Zeit. Erst als drei Stunden verstrichen waren, öffnete sich die Tür einen Spalt und ein ziemlich unsicher aussehender Malik steckte seinen Kopf hinaus. Anscheinend wollte er nur sicher gehen, dass Christian wirklich verschwunden war.

Doch der sprang erschrocken auf und sah seinem Freund in die Augen.

„Du bist ja noch da?!“, stellte Malik überrascht fest und ein etwas weicherer Ausdruck trat in seine Augen.

„Ich meinte doch, dass ich so lange bleibe, bis du endlich mit mir redest! Und ich werde auch weiterhin hier bleiben, wenn du die Tür wieder zumachst!“

„Ich...“ Malik sah ihn unsicher an. „Okay, erklär’s mir!“

„Hier?“ Christian sah sich nervös um. Doch Malik trat einen Schritt beiseite und ließ ihn wortlos in seine Wohnung.

Als er die Tür geschlossen hatte, lehnte er sich unruhig gegen sie und sah den anderen direkt an.

„Wo soll ich anfangen?“, fragte dieser leise.

„Da wo es begonnen hat!“

Und Christian fing an seinem Freund alles zu erzählen. Aber wirklich alles.

Er begann bei seinem ersten Treffen mit Maiko und erzählte dann, wie dieser ihn nach der Schule erwartet hatte und wie Christian ihm helfen wollte. Wie sie Freunde geworden waren und wie er ihn hatte bei sich einziehen lassen. Dann berichtete er von dem Zusammentreffen mit dem ungemütlichen Freier und wie Maiko ihm gesagt hatte, dass er in ihn verliebt war. Sein langer Monolog endete mit dem gemeinsamen Ausflug in die Discothek und dem, was Maiko ihm erzählt hatte, um seine Gedächtnislücken zu füllen.

Als er geendet hatte, wurde erst eine ganze Weile gar nicht gesprochen. Dann meinte Malik spöttisch:

„Und du willst jetzt alle Schuld auf den Alkohol und deinen kleinen Freund schieben und denkst, damit wärst du aus dem Schneider?“

„Das...“, meinte Christian ernst, „... hab ich nicht gesagt! Ich sehe ein, dass ich das Ganze sicher hätte irgendwie vermeiden können. Doch was ich sagen wollte war, dass ich es nie gemacht hätte, wenn ich nüchtern gewesen wäre. Dafür sehe ich nämlich keinen Grund. Ich hab dich so furchtbar gerne, dass ich keinen anderen Freund brauche. Den Einzigen, den ich will, bist du!“

„Amen! Ist das jetzt die Szene, wo wir uns in die Arme fallen müssen und alles vergeben und vergessen ist?“, höhnte Malik, obwohl ihm gar nicht danach war.

Er hatte der Rede seines Freundes aufmerksam gelauscht und war eigentlich davon überzeugt, dass dieser es wirklich nicht mit Absicht gemacht hatte. Und wenn das Ganze schon länger gegangen wäre, hätte er ihm wohl kaum den Schlüssel zu seiner Wohnung gegeben. Doch Malik wollte einfach nicht so tun, als wenn nichts gewesen wäre. Der Gedanke, dass Christian mit einem anderen Typen geschlafen hatte, ging ihm durch und durch. Er wusste nicht, ob er das so einfach wegstecken konnte.

Am liebsten hätte er seinen Freund jetzt einfach in den Arm genommen... doch es ging nicht.

Mit brüchiger Stimme meinte er zu Christian:

„Chrissie, geh bitte...“

Der Angesprochene sah ihn erschrocken an und die Tränen, die sich in seinen Augenwinkeln sammelten, waren deutlich zu sehen. Doch er schenkte Malik noch einen letzten, entschuldigenden Blick, dann ging er wortlos.

Erst als die Tür hinter ihm geschlossen wurde und er sich einige Meter von Maliks Wohnung entfernt hatte, schluchzte er verzweifelt auf.

Anscheinend konnte Malik ihm nicht verzeihen. Doch Christian hatte sich geschworen, seinen Freund nicht weiter zu bedrängen. Dafür hatte er ihn viel zu gerne. Und an Maliks Ruhe, mit der er ihm zugehört hatte, hatte Christian erkennen können, dass er nicht einfach nur sauer auf ihn war. Hinter Maliks Stirn hatte es gearbeitete und sein Entschluss, ihn wegzuschicken, hatte er wohl sorgfältig überdacht. Da er, Christian, sowieso an allem Schuld war, wollte er es seinem Freund nicht noch schwerer machen, indem er ihm jetzt wie ein anhänglicher Hund hinterher lief.

Ziellos wanderte der 17-jährige einige Zeit durch die Stadt, ehe er sich vollkommen erschöpft auf den Weg nach Hause machte.

Dort angekommen verbrachte er den Rest des Tages auf seinem Bett, die Decke anstarrend.


KAPITEL 13

Wie Christian die folgende Woche überstand, wusste er selber nicht genau.

Er lebte einfach schweigend vor sich hin.

In der Schule schenkte er seine ganze Aufmerksamkeit dem Fenster, dass ihm viel interessanter erschien, als das ewige Geschwafel des Lehrers, und wenn er wieder zu Hause war, starrte er meist nur vor sich hin.

Er hätte nicht gedacht, dass er SO sehr an Malik hängen würde. Schon so oft war er kurz davor gewesen seinen Freund einfach anzurufen und ihn zu fragen, ob er ihm nicht noch eine zweite Chance geben könnte. Doch jedes Mal hatte er sich selbst davon abgehalten. Er hatte sich doch geschworen, Malik nicht unter Druck zu setzen und vielleicht meldete er sich ja von alleine bei ihm.

Doch im Laufe der Woche hatte er diese Hoffnung schon aufgegeben.

Auch Tino, der ihn zwei Mal besuchen kam und ihn mehrmals anrief, konnte ihn nicht aufmuntern. Christian hatte auch keine Ahnung, woher Tino von der Sache mit Maiko wusste, denn er hatte es ihm nicht erzählt. Dann blieb ja nur noch Malik übrig. Hatte der seinem Kollegen die Sache anvertraut? Doch auch das Gegrübel über diese Frage gab er schließlich auf...



Umso erstaunter war er jedoch, als es eines Nachmittags an seiner Tür klingelte.

Christian war gerade dabei ein sehr großes Loch in die Luft zu starren, als er dabei unterbrochen wurde.

Einen Moment spielte er wirklich mit dem Gedanken, die Tür nicht zu öffnen – egal wer es war, er wollte ihn nicht sehen – doch dann erhob er sich trotzdem. Missmutig schlurfte er zur Tür und öffnete sie, nur, um einen Moment später erschrocken zurück zu weichen. /Malik!/

Sein Herz begann einen regelrechten Stepptanz zu vollführen und sein ganzer Körper fing an zu kribbeln.

Der 17-jährige hatte wirklich große Probleme sich zurück zu halten, am liebsten wäre er seinem ehemaligen Freund um den Hals gefallen und hätte ihn nie wieder losgelassen. Es war, als wenn sein Körper in der einen Woche ohne Malik bis auf die Knochen ausgehungert wäre. Erst jetzt, wo sein Exfreund vor ihm stand, wurde ihm wieder schmerzlich bewusst, was er doch durch seine dumme Aktion verloren hatte.

Malik stand schweratmend vor seiner Tür und sah ihn unsicher an.

/Ist er gerannt?/ Sofort begann Christian kalt zu werden. /Ist etwas passiert?/

Doch Malik schob sich einfach ohne zu fragen an ihm vorbei in den Flur und wartete wortlos darauf, dass Christian die Tür schloss.

Danach zog er sich aus und betrat das Wohnzimmer. Christian folgte ihm scheu. Verdutzt beobachtete er den anderen, wie er sich im Wohnzimmer umsah, als wäre er schon seit Ewigkeiten nicht mehr hier gewesen.

Als Malik bemerkte, dass sein Exfreund hinter ihm stand, drehte er sich zu ihm um und sah ihn einfach nur an.

Für Christian war dieser Moment der schwierigste seit langem.

Es war ein seltsames Gefühl, den Menschen, der sein Herz eingenommen hatte, nur wenige Meter von sich entfernt zu wissen und ihn doch nicht berühren zu können. Ihn nur anzusehen, ohne etwas tun zu dürfen.

Christian wagte es nicht, Malik näher zu kommen, aus Angst, ihn noch mehr zu verletzen. Und wie gerne hätte er ihn doch umarmt oder einfach nur seine Hand auf Maliks Schulter gelegt.

Genauso gerne hätte er etwas zu ihm gesagt, aber er konnte es nicht.

Die ganze Woche waren ihm so viele verschiedene Dinge durch den Kopf gegangen, die er Malik nur zu gerne gesagt hätte. Doch nun, wo dieser vor ihm stand – und vielleicht darauf wartete, dass er etwas sagte – wusste er nicht was. Das war absurd. Jedes Wort kam ihm so vor, als wenn es die Nähe, die jetzt zwischen ihnen herrschte, zerstören würde. Christian ertappte sich sogar bei dem Gedanken, dass, wenn er etwas falsches zu Malik sagen würde, dieser wieder verschwinden würde.

Doch Christian schalt sich selber einen Narren. /Was will er hier?/ Unsicher sah er seinem Freund in die Augen. Und kaum, dass sie Blickkontakt hergestellt hatten, schien Malik aus seiner Starre zu erwachen.

„Es geht nicht!“

Drei Worte und Christian fühlte wie ihm der Klang von Maliks Stimme durch und durch ging. Wie hatte er sie doch vermisst?!

Erst danach wurde ihm der Sinn der Worte bewusst.

/Es geht nicht?/ Erschrocken zog er die Luft ein. /Was geht nicht? Dass er mir verzeihen kann? Dass er mir weiter in die Augen sehen kann? Dass er meine Nähe ertragen kann?/

Malik, der Christians erschrockene Reaktion bemerkt hatte, schüttelte nur den Kopf. Ruhig erklärte er:

„Chrissie! Es geht einfach nicht. Ich hab es die ganze Woche versucht!“

„Was denn?“, verlangte der Jüngere gequält zu wissen.

„Dich aus meinem Kopf zu kriegen...“, hauchte Malik leise.

Christian verstand die Worte erst nicht richtig. Aber als dann der Sinn langsam zu ihm durchsickerte, fühlte er wie ihm schwindlig wurde.

Es war, als wenn sein Körper in Flammen stehen würde, denn das waren die Worte, die er am wenigsten erwartet hatte. Seine Augen begannen sich mit Tränen zu füllen und er schluchzte lautlos auf.

Als Malik sah, was seine Worte angerichtete hatten, holte er überrascht Luft.

Eigentlich hatte er erwartet, dass sein Freund sich freute. Aber halt, das stimmte nicht. Eigentlich hatte er gar nichts erwartet. Er hatte nicht sehr viel Zeit gehabt, etwas zu erwarten, denn eigentlich war der Besuch hier gar nicht geplant gewesen.

Es war einfach über ihn gekommen, als er auf dem Weg von seiner Schicht nach Hause gewesen war. Er hatte einfach umgedreht und war, wie von der Tarantel gestochen, zu Christians Wohnung gerannt.

Und nun stand er hier und sah dabei zu, wie seinem Freund klare Tränen über die geröteten Wangen liefen und er verzweifelt versuchte Haltung zu bewahren.

Mit einem weiteren Kopfschütteln überwandt er den Abstand zwischen sich und Christian und nahm den Weinenden in den Arm.

Als der merkte, wie Malik die Arme um ihn schlang, glaubte er erst einen Moment die Berührung würde ihn verbrennen. Doch dann drückte er sich so fest gegen seinen Freund, dass dieser fast umgekippt wäre. Er konnte das Gleichgewicht aber halten und fing an beruhigend auf den Jüngeren einzureden:

„Chrissie! Pschhh! Nicht weinen. Ich bin doch da...“

Doch seine Worte bewirkten das Gegenteil! Christians Weinen wurde stärker und Malik kam sich total hilflos vor. Deshalb ließ er seinen Freund los und wischte ihm beruhigend lächelnd die Tränen weg. Er wollte gerade etwas sagen, als Christian ihm zuvor kam:

„Warum?“

„Warum was?“, fragte er verdutzt.

„Warum willst du mich zurück haben? Warum gerade mich? Ich hab dich doch so enttäuscht!“

Malik schüttelte nur zum wiederholten Male den Kopf und zog seinen Freund mit sich zur Couch um sich zu setzen. Ernst sah er ihn an.

„Weil ich die ganze Woche lang versucht hab, dich nicht zurück zu wollen. Ich hab so oft an dich denken müssen und mir ist aufgefallen, dass der Gedanke, nicht mehr mit dir zusammen zu sein, für mich schlimmer wäre als der, dass dir ein Ausrutscher passiert ist!“

Christian schüttelte ungläubig den Kopf.

„Du willst mir einfach so verzeihen?“

„Wenn du mir garantieren kannst, dass sowas nicht noch mal vorkommt?!“

„Ich garantiere es dir!“, versprach Christian. Dann fügte er leise hinzu: „Die Woche ohne dich war der blanke Horror!“

„Schön zu hören!“, lächelte Malik. Dann legte er seine Hand sanft auf die Wange seines Freundes, welcher sich verschmust dagegen kuschelte.

„Ich hab dich so vermisst!“

„Ich dich doch auch!“, erwiderte Malik weich lächelnd.

Dann küsste er seinen Freund hauchzart. Erst als er spürte, wie Christian seinen Kuss erwiderte, wurde er mutiger. Sanft ließ er seine Zunge über die weichen Lippen des anderen gleiten, welche sich ihm auch augenblicklich öffneten.

Als Malik in die warme Höhle seines Freundes eintauchte und dort auf dessen Zunge traf, machte sich in ihm ein Glücksgefühl breit, das nur Christian bei ihm hervor rufen konnte und das er die ganze Woche über vermisst hatte.

Christian ging es nicht anders. Als er seine Zunge sanft an der von Malik rieb, dachte er, er würde verrückt werden. Sein ganzer Körper kribbelte und er merkte, wie sein Verstand dabei war sich zu verabschieden. Das einzige, was in seinem Kopf noch arbeitete, war der Teil, der für die Sinneswahrnehmungen zuständig war. Es war, als wenn er alle Berührungen von Malik um ein vielfaches stärker wahrnahm, als sie eigentlich waren. Und Maliks Geruch! Wie konnte ein Typ auch nur so gut riechen?

Als Christian spürte, wie sich Maliks kühle Finger einen Weg unter sein T-Shirt bahnten, war es um ihn geschehen.

Leise stöhnte er auf und streckte sich den geschickten Händen entgegen.

Malik lächelte zufrieden und kam dann der stummen Bitte seines Freundes nach.


KAPITEL 14

(Epilog)



„Ich geh schon!“, rief Malik seinem Freund zu, um die Wohnungstür zu öffnen, an der es soeben geklingelt hatte.

Christian saß im Wohnzimmer und nickte dem Älteren kurz zu, dann wendete er sich wieder seiner Tasse Tee zu. Heiß dampfte das Getränk in seinen Händen.

Christian war einfach nur glücklich. Er und Malik waren nun schon seit mehreren Wochen zusammen und auch zwischen ihrem Streit lagen nun schon über vier Wochen. Christian konnte sich gar nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn Malik nicht an diesem einem Nachmittag plötzlich vor seiner Wohnungstür gestanden hätte. Oder was gewesen wäre, wenn er ihm nicht verziehen hätte.

Und Christian wollte auch gar nicht darüber nachdenken. Er hatte seinen Schatz wieder und wusste ganz genau, dass so etwas wie mit Maiko nie wieder vorkommen würde. Dafür hatte er den Älteren viel zu gerne.

Maiko. Wo der war, wusste Christian nicht. Und auch wenn er zu gerne gesagt hätte, dass es ihm egal war, wäre es nicht die Wahrheit.

Christian hatte schon ziemlich häufig über den Jüngeren nachgedacht und in seine Gedanken hatten sich regelmäßig Sorgen, wenn nicht sogar ein paar Schuldgefühle gemischt. Immerhin hatte er einen 15-jährigen auf die Straße gesetzt. Doch Christian bereute sein Handeln noch nicht wirklich.

Maiko hatte sich, in seinen Augen, ihm gegenüber ziemlich hinterhältig verhalten. Er hatte seinen Zustand ausgenutzt und ihn verführt, obwohl er wusste, dass Christian in festen Händen war. Und an dieser Tatsache konnten auch Schuldgefühle wegen des Rausschmisses nichts ändern.

Er hatte auch mit Malik schon einige Male über den Jüngeren gesprochen und sein Freund war bei diesen Gesprächen sogar immer relativ sachlich geblieben. An einem Tag hatte er sogar gemeint, dass er ihn zu einem gewissen Teil verstehen könnte. Christian waren fast die Augen rausgefallen.

Malik war schon etwas besonderes. Er hatte Christian in den ganzen Wochen, seit der Sache mit Maiko, nicht ein Mal diesen Ausrutscher vorgehalten – doch auch Christian wusste, dass es irgendwann so kommen würde. Auch ein Malik konnte nicht immer ruhig bleiben. Und in einem Streit würde er diesen Zwischenfall sicher mal als Argument nutzen, dessen war der 17-jährige sich sicher. Doch darüber würde er sich den Kopf zerbrechen, wenn es soweit war. Und noch hatte er Zeit...



Malik warf seinem auf der Couch sitzenden Freund noch einen letzten Blick zu, dann eilte er zur Tür um zu öffnen.

Doch kaum das er dies getan hatte, wünschte er sich, er hätte es gelassen.

Wäre er bei sich zu Hause gewesen, so hätte er die Tür auf jeden Fall wieder geschlossen, ohne auch nur ein Wort mit dem Besucher gewechselt zu haben, aber er war ja nun mal nicht bei sich sondern bei Christian. Und dessen Besuch konnte er wohl kaum wegschicken.

Also atmete er ein Mal tief durch – erst jetzt fiel ihm auf, dass er den Atem angehalten hatte – und meinte etwas schroff:

„Du?“

Auch Maiko guckte nicht schlecht. //Oh, sind die beiden doch wieder zusammen?// Mit Malik hatte er jetzt eigentlich nicht gerechnet. Und warum musste dieser ihm auch gerade die Tür aufmachen? Wo war Christian?

Maiko war danach, sich einfach umzudrehen und zu gehen, doch er tat es nicht. Mit fester Stimme antwortete er etwas verspätet:

„Ja, ich!“ Fast wäre ihm ein ‚Was dagegen?’ rausgerutscht, doch die Frage erwies sich wohl als unnötig. Der Blick mit dem Malik ihn maß, war eindeutig feindselig. Also beschränkte er sich auf ein einfaches: „Ist Christian da?“

Widerwillig nickte Malik und trat mit einem „Warte!“ ins Wohnzimmer ein.



Neugierig sah Christian auf, als sein Freund wieder zu ihm zurück kam, doch der 18-jährige zog ein Gesicht, als wenn draußen der Tod persönlich vor der Tür gestanden hatte.

Plötzlich nervös, erhob sich Christian und sah den Älteren fragend an. Dieser meinte bloß erklärend:

„Für dich – Maiko....“

Sofort begannen Christians Hände zu zittern und seine Gedanken sich zu überschlagen.

/Maiko? Was will er? Ob’s ihm gut geht?/ Christian war verwirrt. Hätte er nicht eigentlich wütend auf den Jüngeren sein müssen und seinen Freund bitten sollen ihn wegzuschicken? Das war aber nicht der Fall. Christian spürte einen kleinen Funken der Freude in sich lodern. Doch sein Verstand wehrte sich dagegen. /Du wirst ihn jetzt einfach fragen was er will und dann versuchen ihn so schnell wie möglich abzuwimmeln!/, befahl er sich innerlich.

Dann trat er zur Tür.

Als er Maiko vor sich stehen sah, wusste er nicht so wirklich was er sagen sollte, deshalb fragte er tonlos:

„Was willst du?“

Seine Stimme musste wohl ziemlich kalt geklungen haben, denn Maiko zuckte zusammen, ehe er verwirrt stammelte:

„Ich... ich wollte mich noch mal bei dir entschuldigen.“

„Ach ja?“, Christian zog spöttisch eine Augenbraue hoch.

„Ja!“, meinte Maiko ernst. „Du hast gesagt, ich soll noch mal wieder kommen wenn Gras über die Sache gewachsen ist!“

„Hab ich das gesagt?“

„Ja...“, doch Maiko klang plötzlich unsicher.

„War das alles was du mir sagen wolltest?“, harkte Christian nach, als von dem Jüngeren nichts mehr kam.

Doch der meinte bloß ernst: „Ich wollte dich fragen, ob du mir noch ’ne zweite Chance gibst?!“

„Ich...“, Christian setzte gerade zu einer Antwort an, als er fühlte, wie sich von hinten zwei starke Arme um ihn schlangen, dann ertönte Maliks Stimme: „Lass ihn erst mal rein. Es muss ja nicht die halbe Stadt mitbekommen, was ihr zu bereden habt!“

Christian war einfach nur baff – mit diesem Vorschlag hätte er nun nicht gerechnet.

Trotzdem trat er artig beiseite und ließ den Jüngeren eintreten. Der schien sich gar nicht wohl in seiner Haut zu fühlen, doch er kam der Aufforderung nach und folgte den beiden Älteren dann ins Wohnzimmer.

Dort ließen sie sich alle nieder – Maiko auf „seinem“ Sessel und Christian und Malik auf der Couch.

Malik ließ es sich nicht nehmen und schlang seinen Arm besitzergreifend um seinen Freund. Mit einem misstrauischen Blick meinte er:

„Es geht mich zwar eigentlich nichts an, worüber ihr zu reden habt, doch ich bleibe hier!“

Für einen Moment sah es so aus als wenn Maiko darauf etwas erwidern wollte, doch dann nickte er nur stumm.

„Also...“, unterbrach Christian das Schweigen. „...du willst eine zweite Chance?“

Wieder ein Nicken des Jüngeren.

„Was genau für eine Chance willst du denn?“

Erst sah Maiko den Älteren etwas verständnislos an, doch dann erklärte er leise:

„Ich möchte, dass wir mit unserer Freundschaft noch einmal von vorne anfangen.“

„Und du meinst das geht so einfach?“, schnappte Christian etwas sauer, doch Maiko schwieg. Alles in Christian schrie danach einfach ‚ja’ zu sagen und auf den Neuanfang einzugehen, doch er konnte es nicht. Das Misstrauen, dass er dem kleineren Jungen gegenüber hegte, war immer noch da. Woher sollte er wissen, dass dieser ihn nicht wieder verführte – nicht, dass er es dazu kommen lassen würde, aber man konnte ja nie wissen.

Auf eine dementsprechende Frage antwortete Maiko nur scheu:

„Das würde ich nicht tun!“

„Das habe ich schon mal gedacht!“

„Chris!“ Maikos Stimme war ganz ruhig. „Denkst du, ich lerne aus meinen Fehlern nicht? Ich habe längst eingesehen, dass es falsch von mir gewesen ist!“

„Ach, was für eine Einsicht!“, höhnte der 17-jährige, doch Maiko beachtete ihn gar nicht und sprach weiter:

„Und außerdem hab ich einen Freund.“

Christian konnte nicht verhindern, dass ihm der Kiefer runter klappte. Maiko und einen Freund?

„Nun guck nicht so!“, der Jüngere wurde rot.

„Mach ich aber!“, erwiderte Christian trotzig. „Wie heißt er?“

„Alan. Und ich möchte ihn auch nicht verlieren. Deshalb brauchst du keine Angst haben. Ich werde dich nie wieder anrühren!“

„Was ist mit deinem Job als Stricher?“

Maiko riss erstaunt die Augen auf und warf einen hektischen Blick zu Malik, doch der 18-jährige reagierte überhaupt nicht überrascht auf diese Frage. Anscheinend hatte Christian seinem Freund alles über Maiko erzählt.

„Ich... ich werde damit aufhören. Das war die Bedingung, die Alan an mich gestellt hatte. Sonst hätte er mich gar nicht an sich rangelassen.“

„Und wie willst du das mit dem Aufhören nun anfangen?“, fragte Christian neugierig. Ihm war gar nicht aufgefallen, dass er seinen Umgangston wieder auf ein normales Niveau geändert hatte und nun nicht mehr spöttisch oder höhnisch auf die Fragen und Antworten des Anderen reagierte.

„Ich weiß es noch nicht genau. Aber erst werde ich mir wohl einen anderen Job suchen und dann eine Wohnung. Ich wohne vorrübergehend bei Alan.“ Maiko machte eine Pause. „Ich... Chris, ich möchte dich bitten, mir zu helfen...“

Chris hob spöttisch eine Augenbraue und fragte mit leicht erhobener Stimme:

„Ach, daher weht der Wind. Du brauchst wen, der dir unter die Arme greift, deshalb kommst du wieder bei mir an?!“

Doch Maiko riss erschrocken die Augen auf. „Nein, wo denkst du hin! Auch wenn du mir nicht hilfst, würde ich gerne dein Freund sein – dein ganz normaler Freund. Das kannst du mir glauben!“

„Ich...“ Christian wusste nicht was er erwidern sollte. Unsicher warf er einen Blick zu Malik, doch der sah nur ausdruckslos gerade aus und überließ ihm die wichtige Entscheidung.

Christian versuchte noch ein letztes Mal auf sein Herz zu hören und meinte dann versöhnlich:

„Okay... lass uns noch mal von Vorne anfangen. Und ich werde dir auch helfen so gut ich kann!“, fügte er hinzu.

„Echt?“ In Maikos Gesicht spiegelte sich große Überraschung wider. Anscheinend hatte er nicht mit einer positiven Antwort gerechnet. Doch ihm war seine Erleichterung anzusehen.

Christian war sich mit einem Mal sicher, dass er das Richtige getan hatte. Maiko hatte eine zweite Chance verdient, dass wusste er nun. Und selbst wenn der Kleinere es nicht ehrlich meinen und irgendwann wieder anfangen würde, Christan hinterher zu hecheln, so würde Christian nicht darauf anspringen. Er hatte Malik und wollte diesen auch um keinen Preis der Welt wieder hergeben. /Aber Maiko meint es ernst!/, da war er sich sicher.

„Ja, echt!“

„Oh Chris! Danke! Ich werde die Chance nicht vergeuden, dass kannst du mir glauben!“

Christian nickte ernst und sah dann wieder seinen Freund an, um heraus zu bekommen, was dieser über seine Entscheidung dachte. Doch in Maliks Gesicht konnte er nichts lesen. Es war vollkommen ausdruckslos.

Plötzlich erhob sich Maiko.

„Ich... tut mir leid, aber ich muss los. Alan wartet unten auf mich. Er wollte unbedingt mitkommen – sozusagen als moralische Unterstützung!“ Maiko lächelte verlegen und wurde rot.

Doch Christian nickte bloß und lächelte scheu zurück. Dann brachte er seinen neuen alten Freund zur Tür.



Als Christian danach wieder das Wohnzimmer betrat, fand er Malik immer noch auf der Couch sitzend vor. Unsicher trat er vor ihn, um ihm in die Augen zu sehen und zu erfahren, ob sein Freund mit dieser Entscheidung, die er eben getroffen hatte, einverstanden war.

„Malik?“

Doch der Angesprochene streckte nur seine Arme nach seinem Freund aus und zog diesen zu sich auf den Schoß. Dann küsste er ihn ein Mal kurz auf die Lippen.

„Bist du mir böse?“, fragte Christian unnötigerweise, was Malik lächeln ließ.

„Warum sollte ich. Es war deine Entscheidung und du hast sie getroffen!“

„Aber nicht so, wie du es erwartet hast, oder?“ Unsicherheit schwang deutlich in der Stimme des 17-jährigen mit.

„Doch...“, wieder ein Lächeln, „... du hast genau so gehandelt, wie ich es erwartet hab. So oft, wie wir über diesen Maiko geredet haben, war mir klar, dass du dich für ihn entscheiden würdest!“

„Für ihn?“ Christian bekam Angst. „Ich hab mich doch nicht für ihn entschieden! Das hört sich ja so an, als wenn ich mich damit gegen DICH entschieden hätte! Aber das ist ja nicht so, oder?“ Seine Augen waren panisch geweitet. Malik gab seinem erschrockenen Freund grinsend erneut einen kleinen Kuss.

„Quatsch, Chrissie! Damit meinte ich nur, dass du ihm die zweite Chance gegeben hast! Und das war auch in Ordnung so, echt. Ich glaub, er hat sie verdient! Er meinte es ernst!“

„Du bist also nicht böse?“, hauchte Christian überrascht und erleichtert zugleich.

„Nein, warum sollte ich?! Ich hab dich doch immer noch sicher, oder?“

„Natürlich! Und so schnell wirst du mich auch nicht mehr los!“ Grinsend presste Christian seine Lippen auf die seines Freundes, wo sie auch schon hungrig erwartet wurden...