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Oft kommt alles ganz anders als man denkt

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Einteiler

Inhalt:
Oft kommt alles ganz anders als man denkt. Aber, dass dies ausgerechnet mir passieren sollte, ahnte ich nicht, als ich an einem stinknormalen Julimorgen aus dem Bett stieg...

 


 

Oft kommt alles ganz anders als man denkt

Teil 1

Oft kommt alles ganz anders als man denkt. Aber, dass dies ausgerechnet mir passieren sollte, ahnte ich nicht, als ich an einem stinknormalen Julimorgen aus dem Bett stieg.

Kaum, dass ich mich angezogen hatte und das Hause verließ, drohte mich die glühende Hitze draußen zu zerschmettern.
Ich wusste, dass meine Freunde sich heute alle am See tummeln würden, doch darauf hatte ich keine Lust. Viel lieber hockte ich in unserem kleinen Garten herum und überließ meine anfangs gute Laune der Langeweile.
Ich sitze oft einfach nur herum und starre Löcher in die Luft. Kleine Löcher, große Löcher, runde Löcher, ungleichmäßige Löcher. Doch auch diese Vielzahl an Löchern wird einem irgendwann zu wider und so erhob ich mich grummelig und schlenderte durch die Straßen.

Meine Eltern und ich wohnen in einem kleinen Häuschen am Stadtrand. Wir nennen einen winzigen Flecken Rasen unser Eigen und meine Mutter verbringt ihre gesamte Freizeit damit, diesen Rasen zu verunstalten, indem sie überall ihr Gestrüpp hinpflanzt.
Ich sage ja nicht, dass mir die Rosen, Lilien und Luzernen nicht gefallen, aber wenn man schon nur ein bisschen Rasen hat, sollte von dem aber wenigstens noch was zu sehen sein. Na ja, sehen wir das ganze mal von der positiven Seiten: So kann mich keiner nötigen diesen Rasen zu mähen.

Okay, ich schlenderte also durch die Straßen und beobachtete die anderen Leute dabei, wie sie sich sonnten, oder aber in ihrem Garten ackerten und fragte mich, was ich nun tun sollte.
Doch zum See?
Ich entschied mich dagegen. Der See war sicher so rammelvoll, dass man kaum ein Stückchen Wasser zum Schwimmen hätte und darauf konnte ich dankend verzichten.

Ich wog gerade ab, ob ich mal im "Stadtpark" vorbeischauen, oder doch lieber wieder nach Hause gehen sollte, als mir ein besonderes Haus zeigte, wie weit ich schon in die Stadt vorgedrungen war.
Dieses Haus jagte mir im ersten Moment einen Schrecken ein, so wie wohl jedem Stadtbewohner.
Es lag auf einem kleinen Hügel, als wenn es von dort aus die ganze Stadt im Auge behalten wollte. Viel von dem Haus an sich sah man nicht, denn große, dicke Hecken versperrten einem die Sicht. Aber was man sah, ließ einen eine Gänsehaut bekommen.

Ein großes, verwinkeltes Anwesen, dessen dunkle Mauersteine jedes Licht zu absorbieren schienen.
Ich ging näher an das Haus heran und hielt erst inne, als ich vor dem großen, eisernen Tor stand. Ich konnte nicht wiederstehen und legte sanft meine Hand auf das rostige Eisen... und zog sie schnell wieder zurück. Das Tor schwang leise nach innen auf und es kam mir regelrecht wie eine Einladung vor.

Ich überlegte, ob ich dieses Haus mal näher in Augenschein nehmen sollte, doch die Angst davor, auf einen seiner Bewohner zu treffen, hielt mich erst zurück.
Die Gerüchte, dass die Besitzer des Hauses nicht ganz normal waren, kamen sicher nicht von irgendwo. Und besser ich ließ erst Vorsicht walten.

Man erzählte sich in der Stadt, dass die Besitzerin des Hauses, eine ältere Frau, wohl mit einer Hexe zu vergleichen wäre.
Okay, vielleicht nicht Hexe in dem Sinne, dass sie einem Märchen entsprungen war, sondern eher deshalb, weil man sich die kuriosesten Dinge über die Aktivitäten dieser Frau erzählte. Oder wohin sollten sonst eine Zeit lang alle Katzen der Stadt verschwunden sein?
In Ordnungen, an die Sache mit den Katzen glaubte ich auch nicht so ganz, was sollte sie auch mit KATZEN wollen? Aber trotzdem traute ich mich nicht weiter.

Meine Gedanken überschlugen sich und ich rang immer noch mit mir. Vielleicht konnte ich mal einen Blick auf den "unheimlichen Jungen" werfen, von denen George und Bill - meine besten Freunde - immer erzählten.
Sie hatten ihn angeblich schon öfters gesehen, wenn sie hier mit dem Fahrrad vorbei fuhren und jedes Mal sollte er oben an einem der Fenster gestanden haben. Dabei hatte er wohl einen starren Blick drauf und generell sollte er ziemlich gruselig aussehen.

Ich hatte diesen Jungen noch nicht gesehen. Wann auch? Er lief ja nicht in der Stadt herum.
Ärgerlich schob ich meine Vorsicht beiseite und ließ genug Platz für die Neugier, sodass ich schließlich doch auf den Hof trat.
Er war riesig und überall wuchsen kleine Tannen, Koniferen und andere Nadelbäume.
Anscheinend stand die "Hexe" auf sowas.

Unsicher wanderte ich eine Weile ziellos auf dem Anwesen herum und tastete mich so immer weiter zu dem Haus heran.
Von Dichtem wirkte es gar nicht mal so unheimlich. Klar, immer noch duster, aber nicht mehr so "todbringend" wie von weitem. Die sauberen Fenster spiegelten das grelle Sonnenlicht und von irgendwo her glaubte ich Musik zu hören.
Pure Einbildung, wenn man mich jetzt fragt. Aber sobald man auf einem Grundstück samt Haus steht, dem etwas gruseliges nachgesagt wird, hört und sieht man die krummsten Dinge.
Ich war gerade damit beschäftigt, die große, hölzerne Eingangstür zu mustern, als ich den größten Schrecken meines Lebens bekam:

Hinter mir war ein wütendes Grollen zu hören. Alarmiert schoss ich herum und blinzelte gegen das grelle Sonnenlicht an. Doch das hätte ich lieber nicht tun sollen, vor mir stand die Ausgeburt der Hölle.
Ängstlich wich ich einen Schritt zurück. Die Gestalt einer Frau, soviel konnte ich sagen, machte diesen nach vorne, sodass der Abstand zwischen uns nicht größer wurde.

Ihr Anblick verschlug mir den Atem. Ihre Haut war dunkel, genauso wie ihre Kleidung und schien keine wirkliche Farbe zu haben. Ihre Haare standen in alle Richtungen ab, so dass sie mich an "Medusa" erinnerte, nur halt ohne die Schlangen. Doch dieses Fehlen glich das große Monster eines Raubtieres wieder aus, das neben ihr stand.
Wieder war das Grollen zu hören und mein Herz begann schneller zu schlagen. Ich erwartete jeden Augenblick, dass einer der beiden mich ansprang und meinem eh kurzen Leben frühzeitig ein Ende setzten, als plötzlich....
.... eine Wolke vor die Sonne trat und alles klarer wurde.

Ich blinzelte verwirrt.
Das Bild vor mir hatte sich vollkommen verändert, sodass ich kurz den Gedanken abwog, in einer anderen Zeit, an einem anderen Ort zu sein. Vor mir stand zwar immer noch die Besitzerin des Hauses, doch sie war keine Medusa mehr.
Ihre Haut war auch nicht dunkel, sondern weiß und ihre Haare standen nicht in alle Richtungen ab. Oder nicht so ab, dass es unnatürlich gewesen wäre. Sie waren blond und in einer ziemlich chaotischen Frisur zurecht gemacht.
Die "Hexe" trug eine alte Jeans und eine grüne Schürze, die mit Dreck beschmiert war und sie sah mich fragend an. Genauso fragend blickte auch das Monster an ihrer Seite, dass sich als ein Hund herausstellte - wenn auch ein riesen Vieh von Hund. Er grollte noch einmal tief und musterte mich dann weiter misstrauisch.

Doch ehe ich auch nur was sagen konnte, trat die "Hexe" auf mich zu und meinte lächelnd:
"Hoppla! Du bist sicher ein Freund von Zeno! Er ist drinnen, du kannst ruhig hoch gehen zu ihm."
"Ich ... nein..." Ich wich einen Schritt zurück.
"Was denn? Du brauchst doch nicht schüchtern zu sein. Er wird sich sicher freuen, wenn einer seiner Freunde zu Besuch kommt."

Damit schob sie mich unaufhaltsam Richtung Tür und ich war außer Stande, mich gegen ihre Entschlossenheit zu wehren.
Und so betrat ich das große, düstere Haus und erwartete mit einem Herzklopfen, was nun kommen würde...
Drinnen war alles anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Verwirrt stand ich in der großen Eingangshalle und blickte mich um.
Die Halle war riesig und durch ein höher gelegenes Fenster fiel helles Tagelichts herein, sodass der gesamte Raum freundlich erleuchtet war. Was das Haus von außen versprach - nämlich Horror pur -, hielt es aber von Innen nicht.
Alles war mit hellem Holz bekleidet und eine lange, alte Treppe führte nach oben.

Die Hexe - die ja nun eigentlich keine mehr war - stellte sich an den Fuß der Treppe und sah forschend nach oben. Doch noch ehe ich das Missverständnis aufklären konnte, ertönte ihre klare Stimme:
"Zeeeeeno, hier ist Besuch für dich! Komm runter!"
Ein unverständliches Murmeln war von oben zu hören, dann kam jemand die Treppe hinunter gepoltert.
Ich verharrte an meinem Platz, unfähig mich zu rühren und wusste nicht, ob ich mich freuen sollte, den "unheimlichen Jungen" mal zu Gesicht zu bekommen.

Als er dann vor mir stand, konnte ich ein Zittern nicht unterdrücken.
Seine Haut war schneeweiß und sein Haar pechschwarz. Es war fast Bodenlang und fiel, wie ein weiter Vorhang, über seine Schultern. Seine roten Augen musterten mich und sein Blick sagte mir, dass er mich gleich fressen würde.
Nein, Quark! Natürlich war das nicht so. Der "unheimliche Junge" war ein normaler Mensch, noch dazu in meinem Alter, wenn nicht ein bisschen älter. Das einzige "Unnormale" an ihm war vielleicht seine Schönheit, die mir gleich im ersten Moment auffiel und nicht ganz zu einem Jungen passte.

Seine Haut war wirklich ziemlich hell, aber das mochte daran liegen, dass er sich vielleicht nicht viel im Freien aufhielt. Seine Haare waren pechschwarz und zu einem kurzen Zopf in den Nacken gebunden. Seine Augen hatten einen seltsamen, grün-braunen Farbton und sahen mich fragend an.
Doch nach einem kurzen, musternden Blick verzog sich sein Mund zu einem spöttischen Lächeln und eine seiner Augenbrauen hob sich leicht.

Er sah seine Mutter an, die verwirrt von einem zum anderen blickte und schließlich wissen wollte:
"Ist es nicht in Ordnung, dass ich deinen Freund reingelassen habe?"
Er bemühte sich schnell zu antworten:
"Doch, doch, Ma! Kein Problem." Er lächelte beruhigend.
"Na dann!" Sie strahlte zurück. "Ich bin im Garten, falls ihr was braucht!"

Doch kaum, dass sie die Halle verlassen hatte und ich alleine mit dem "unheimlichen Jungen" war, erlosch sein Lächeln und er sah mich abwertend an.
"Ach, du bist also mein Freund?"
"Ich... ich... also..."
"Komm zum Punkt!" Er stützte seine Hände in die Hüften und wechselte genervt von einem Bein aufs andere.
"Das ist ein Missverständnis!"

"Ach nee, das hab ich mir auch schon gedacht! Zumindest wüsste ich nicht, dass du mein Freund bist! Wer bist du überhaupt?"
"Ich heiße Robin und wohne am Stadtrand."
"Und was willst du von mir?" Zeno musterte mich immer noch misstrauisch.
"Eigentlich gar nichts... ich war nur neugierig und bin eine Runde ums Haus gelaufen...", gab ich verlegen zu.
Zeno stöhnte nur genervt auf und sah mich dann offen feindselig an.
"Ach! Hat dich das Gerücht von der Hexe hergelockt?"

Ich wusste nicht was ich sagen sollte. Er wusste, was man über ihn und seine Mutter erzählte?
Auf eine dementsprechende Frage nickte er nur deprimiert und seufzte leise.
"Okay, nun dürftest du dich ja davon überzeugt haben, dass die Hexe keine Hexe ist und auch ich kein Ungeheuer bin. Da ist die Tür!"
Zeno hob leicht die Hand und deutete auf die Haustür. Ich folgte seiner Geste mit meinem Blick und sah ihm danach wieder ins Gesicht.
"Stör ich?"

Diese Frage wollte ich eigentlich nicht stellen, aber nun war sie raus. Irgendwie hatte mein Gehirn auf "pure Neugier" umgeschaltet und ich verspürte das dringende Bedürfnis, mehr über diesen Zeno zu erfahren.
Doch der schnauzte nur unfreundlich:
"Ja!"

"Wobei denn?", hörte ich mich kleinlaut fragen und biss mir innerlich auf die Zunge.
"Such dir was aus! Fakt ist, dass du störst!"
War der so unfreundlich oder tat er lediglich so? Ich konnte spüren, wie ich sauer wurde und maulte angriffslustig zurück:
"Bist du immer so nett zu Leuten, die sich aus Versehen hier her verirrt haben?"
"Nein, normalerweise esse ich sie zum Frühstück!"
Zeno warf mir noch einen letzten wütenden Blick zu und trabte dann wieder die Treppe hinauf, um aus meinem Sichtfeld zu verschwinden.

Unschlüssig stand ich nun alleine in der gewaltigen Eingangshalle und blickte dem eben verschwundenen Jungen nach.
Warum war er so unfreundlich? Was hatte ich ihm denn getan?
Zögerlich stieg ich nun ebenfalls die Treppe hinauf und gelangte dadurch in einen kleinen Flur, der mehrere Türen hatte.
Eine davon stand offen und ich trat heran, um in den Raum hinein zu sehen.
Er war groß und hell, das Sonnelicht fiel durch ein riesiges Fenster ein, welches fast von der Decke bis zum Boden reichte und ein riesiges Fensterbrett besaß. Und auf diesem Fensterbrett saß Zeno.

Er hatte seinen Kopf an die Fensterscheibe gelehnt und die Beine angezogen. Auf seinem Schoß lag ein aufgeschlagenes Buch, doch Zeno las nicht darin. Versonnen sah er nach draußen.
Ich räusperte mich verlegen und betrat dann das Zimmer.
Zeno sah erschrocken auf und als er mich erkannte, verdunkelte sich sein Gesicht.
"Bist du immer noch da?"

"Nein, das täuscht!", schnappte ich bissig zurück und wandelte neugierig durch den Raum. Direkt neben dem Fenster stand ein aufgeräumter Schreibtisch und in einer Ecke ein gewaltiges Bett. Es hätten sicher locker zwei Leute darin Platz gefunden.
Die Wände waren mit Schränken und Regalen zugestellt und viele dieser Regale mit Büchern gefüllt.
Leicht lächelnd ließ ich einen Finger über die Buchrücken gleiten und fragte mich, ob Zeno diese Bücher wohl schon alle gelesen hatte. Es waren so unglaublich viele...
Gepeinigt stöhne ich auf, als unbarmherzig nach meinem Handgelenk gegriffen wurde und Zeno meine Hand von den Büchern wegriss.

"Fass sie nicht an!" Es war ein Fauchen.
Überrascht sah ich auf seine Hand, die noch immer mein Gelenk umklammert hielt und dieses schmerzhaft drückte. Seine Fingerknöchel waren schon weiß und mein Handgelenk rot, sodass ich leicht meine freie Hand auf seine legte und ihm offen ins Gesicht sah. Eine unheimliche Ruhe hatte mich ergriffen.
"Warum bist du so abweisend?", verlangte ich leise zu wissen.
Für einen Moment verengten sich seine Augen zu Schlitzen und der Druck im mein Gelenk wurde unerträglich, doch dann ließ er langsam locker.

"Warum bist du hier?", stellte er mir als Gegenfrage und nahm behutsam meine Hand, um sich das Handgelenk zu besehen. Es war rot und an einigen Stellen schimmerte es leicht blau. Das würde ein schöner Bluterguss werden.
Als er meinen Blick sah, meinte er leise:
"Tut mir leid, ich wollte nicht so doll zudrücken!"
Auf mein Gesicht schlich sich ein Lächeln.
"Schon okay. Ich hätte die Bücher nicht anfassen sollen."
Er nickte zustimmend und wiederholte dann seine Frage.
"Warum bist du hier?"

"Das habe ich doch schon gesagt...", erklärte ich. "Ich war neugierig und bin dann halt aufs Grundstück."
"Und warum bist du jetzt immer noch hier?"
Seine Hand hielt meine noch sanft umschlossen.
"Weil ich mich nun frage, was für ein Typ du bist!"
Nachdenklich blickte er unsere Hände an und ließ meine dann zögerlich los.
"Was soll ich schon für ein Typ sein? Ich bin der "unheimliche Junge", das dürftest du aber wissen!"
Ich war verwirrt.

"Du weißt, was sie über euch reden und machst nichts dagegen?"
Fragend blickte er mir ins Gesicht.
"Was soll ich schon dagegen machen? Und vor allem, was heißt hier "sie"? Gehörst du nicht auch dazu?"
"Ich... hab nie daran geglaubt!", meinte ich trotzig, worauf er nur lächelte.
"Ach, nun hör schon auf. Du glaubst genauso daran, wie der Rest der Stadt und nun spinn hier nicht rum. Steh wenigstens dazu!"

"Okay...", gab ich lächelnd zu. "Ich hab auch daran geglaubt. Zufrieden?"
"Joa!" Zeno grinste und ich musste feststellen, dass er mir von Minute zu Minute besser gefiel.
Verlegen, ob dieser Feststellung, lächelte ich zurück.
Zeno schüttelte überrascht den Kopf und ließ sich dann wieder auf seiner Fensterbank nieder. Sein Blick wanderte von mir zu seinem Schreibtischstuhl und dann wieder zurück zu mir.
"Setzt dich doch!"

Ich hob spöttisch eine Augenbraue, setzte mich aber wie angeboten hin.
"So freundlich auf einmal?"
"Sagen wir es so: Ich warte auf den nächsten Grund dich rauszuschmeißen!" Wieder ein Lächeln von ihm und ich musste es einfach erwidern.
"O Gott, dann muss ich ja aufpassen, was ich sage!"

"Ja, das musst du wohl. Denn wer weiß, vielleicht lüge ich dich ja nur an und bin wirklich der "unheimliche Junge" und esse dich doch morgen zum Frühstück..." Er sah mich eindringlich an und seine Augen schienen bis auf den Grund meiner Seele zu sehen. Ich holte hörbar Luft, denn wieder fiel mir seine unnatürliche Schönheit auf.
"Angst?", fragte er lässig und grinste spöttisch.
Ich atmete hörbar aus und hauchte leise: "Nicht wirklich..."

"Schade!" Zeno lachte warm und nach einem kurzem Moment der Verwirrung, fiel ich in sein Lachen mit ein.
Nachdem wir uns beide wieder beruhigt hatten, sah ich ihn fragend an.
"Warum sieht man dich so selten?"
Er schien zu überlegen und antwortete mir dann ganz ernst:
"Weil ich nicht wüsste, was ich draußen sollte?!"
"Wie wär's mit Freunde suchen und ein bisschen Spaß haben?" Ich traute meinen Ohren nicht. Wie konnte man nur den ganzen Tag im Haus zubringen und sich dabei noch wohl fühlen?

"Freunde? Du meinst die ganzen Trottel, die in der Stadt umher laufen und dumme Gerüchte über uns erzählen?"
Ich verzog leicht getroffen das Gesicht, denn immerhin war ich auch einer dieser "Trottel".
"Danke!"
"Na, ist doch wahr!" Zeno setzte sich ein wenig auf. "Keiner macht sich die Mühe um mal hinter unsere Hecke zu gucken, alle glauben nur das, was sie erzählt bekommen. Auf solche Leute kann ich als Freunde verzichten!"
"Aber denk doch mal nach...", ich war zum Diskutieren aufgelegt. "Wenn du mehr draußen wärst, würden sich die Gerüchte um dich von alleine auflösen und sie würden merken, dass du ein ganz normaler Typ bist!"

"Okay, das stimmt vielleicht, aber ich mag die Art nicht, wie sie Leute nach dem abstempeln, was sie über sie hören!"
Ich schüttelte ungläubig den Kopf. Auf der einen Seite konnte ich Zeno ja verstehen, ich finde unser Verhalten auch nicht immer korrekt, aber trotzdem wollte ich ihn nicht alles verallgemeinern lassen.
"Handelst du nicht gerade genauso? Du kennst uns doch auch nicht, redest aber schlecht über uns!"
"Du..." Er funkelte mich böse an, was mich zu einem unsicheren Lächeln veranlasste.
"Na? Grund gefunden um mich rauszuwerfen?"
Doch Zeno schüttelte nur schmunzelnd den Kopf.

"Nein, im Gegenteil. Dich behalte ich noch ein Weilchen hier!"
"Doch Frühstück?" Spöttisch zog ich eine Augenbraue hoch und fragte mich, warum sich dieser Junge vor den anderen Leuten versteckte. Er könnte sicher eine Menge Freunde haben!
"Klar, wenn du es mir ans Bett bringst!" Er grinste.
"Aber gerne doch!" Ich stand unsicher auf. "Nun aber mal im Ernst. Hast du nicht Lust mal mit mir zu kommen und ein paar von meinen Freunden kennen zu lernen?"

"Nein danke, ich verzichte!" Er schüttelte den Kopf.
"Bloß, man braucht doch Freunde!"
"O Gott, hör auf mich voll zu nölen!!!" Zeno stand ebenfalls auf.
Stumm standen wir uns gegenüber und ich fragte mich wirklich, was er gerade über mich dachte. Wieder mal bedauerte ich die Tatsache, keine Gedanken lesen zu können. Würde er mich jetzt wirklich am Liebsten fressen?
Zwischen uns entstand eine Spannung und ich trat zögerlich einen Schritt zurück. Plötzlich wusste ich nicht mehr, was ich von Zeno halten sollte.
"Ich glaub, ich geh besser!"

Auf Zenos Gesicht trat ein resignierender Ausdruck und er meinte leise:
"Tu, was du nicht lassen kannst!" Er ließ sich wieder auf seine Fensterbank fallen und blickte starr nach draußen.
Ich sah ihn noch einen Moment nachdenklich an, verließ dann aber wortlos den Raum und schließlich das Haus.
Auf dem Nachhauseweg überdachte ich meine Begegnung noch einmal und kam zu dem Schluss, dass Zeno Freunde wirklich gut tun würden!

Zu Hause angekommen, rief ich George und Bill an, um ihnen von Zeno zu berichten. Sie waren mehr als aufgeregt und wollten mir meine Erzählung nicht glauben.
Scheinbar passte es nicht in ihr Weltbild, dass der "unheimliche Junge" einfach nur ein normaler Jugendlicher war.
Irgendwann beendeten wir dann unsere Diskussion, ohne auch nur auf ein einigermaßen befriedigendes Ergebnis gekommen zu sein.


Teil 2

Am frühen Nachmittag des nächsten Tages saß ich wieder so planlos wie schon tags zuvor im Garten herum und war damit beschäftigt meine Gedanken von Zeno abzubringen.

Er ging mir einfach nicht mehr aus dem Schädel und leider musste ich feststellen, dass ich das dringende Bedürfnis verspürte, den gutaussehenden Jungen wieder zu sehen.

Nach einer endlosen Zeit des mit mir Ringens – die vielleicht fünfzehn Minuten betrug – stand ich seufzend auf und machte mich auf den Weg zu Zeno. Ob er sich über mein Auftauchen freuen würde, oder nicht, schob ich absichtlich beiseite.

Ich überwand gerade die kleine Ansteige, die zu dem unheimlichen Haus hinaufführte, als ich schon von weitem George und Bill erkannte. Die beiden standen sich gegenüber und schienen wild zu diskutieren.

Als ich zu ihnen stieß und wissen wollte, was los sei, sahen sie mich entgeistert an.

„Alter, hast du sie nicht mehr alle?“

„Hö?“ Ich verstand gar nichts mehr.

Bill beschloss mich aufzuklären.

„Wie kannst du uns erzählen, der Typ dort drinnen sei wie wir? Ich weiß zwar, dass George ein bisschen seltsam ist, aber nicht sooo krank wie dieser... wie hieß er noch...“

„...Zeno...“, half ich ihm automatisch weiter. Es brauchte einen Moment bis seine Worte in mein Gehirn durchgesickert waren und ich ihre Bedeutung verstand.

„Ihr wart bei ihm?“, aufgeregt sah ich von einem zum anderen, doch George lachte nur freudlos auf.

„Ja, das waren wir wohl!“

„Was hat er gesagt?“

„Nichts, er hat nur seinen scheiß Hund auf uns gehetzt.“

„Oh!“ Mehr brachte ich nicht heraus. Ich wusste zwar, dass Zeno nicht gut auf uns Stadtbewohner zu sprechen war, aber dass er SO weit gehen würde, hätte ich nicht gedacht. Na ja, wer weiß wie George und Bill sich ihm gegen über verhalten hatten. Sie waren dafür bekannt, sich oft selten dämlich zu benehmen.

Dementsprechend zuckte ich nur ratlos mit den Schultern und setzte dann wortlos meinen Weg fort. Bill griff erschrocken nach meinem Handgelenk.

„Wo willst du hin??? Lust darauf, dich gratis einmal zerfleischen zu lassen?“

„Ja, du musst wissen, darauf steh ich!“, gab ich zurück und sah ihn lasziv an. Überrascht ließ er mein Handgelenk los und sah mich perplex an.

„Nein, natürlich hab ich keinen Bock mich von seinem Hund fressen zu lassen, aber ich würde doch schon gerne wissen, ob er nichts besseres zu tun hat, als meine Freunde einzuschüchtern.“

George quietschte empört auf.

„Einschüchtern? Wieso einschüchtern? Das hört sich ja so an, als wenn wir Angst behabt hätten!“

„Na nicht?“ Ich musste grinsen.

„NEIN!“, kam es zweistimmig.

„Gut, dann hattet ihr halt keine Angst. Und ich hab nun auch keine und geh mal gucken.“

Bill schüttelte den Kopf. „Tu, was du nicht lassen kannst! Falls du heute Abend noch lebst, kannst du dich ja mal melden!“

„Klar...“, erwiderte ich schwach und überwand dann die letzten Meter bis zur Haustür.

Leicht verstimmt drückte ich den Klingelknopf und warte auf eine Reaktion. Sie blieb aus. Das Haus lag wie verlassen.

Erneut klingelte ich und es dauerte eine ganze Weile, bis sich etwas tat.

Ich staunte nicht schlecht, als die Tür sich wie von Geisterhand öffnete und ich nur noch einen Schatten in eine der Türen verschwinden sah. Doch noch ehe ich mich wirklich wundern konnte, rief eine bekannte Stimme.

„Komm rein. Und mach die Tür zu, es zieht! Ich hab hier in der Küche das Fenster auf.“

Völlig verwirrt tat ich wie mir geheißen und folgte dann der Stimme.

Was ich vorfand, ließ mich ungläubig den Kopf schütteln.

Zeno stand vor einem Herd und rührte konzentriert in einem Topf. In ihm befand sich eine rote, zähe Masse, die nicht näher zu definieren war.

Aber am chaotischsten war wohl die weiße Schürze, die er sich umgebunden hatte und die ebenfalls rote Flecken aufwies.

Ich musste grinsen und fragte unschuldig:

„Was wird das, wenn’s fertig ist?“

Er warf mir einen kurzen Seitenblick zu und meinte dann tonlos:

„Als ich meinem Hund deine Freunde zum Fressen angeboten habe, habe ich selbst Hunger auf frisches Fleisch und Blut bekommen. Nicht schlecht, dass man sowas einfrieren kann.“

Angewidert verzog ich das Gesicht und sah missmutig auf den Topf mit der roten Flüssigkeit.

„Na ja, wenn’s dir denn schmeckt.“

„Jupp, tut’s! Solltest du auch mal probieren!“

„Klar, bei Gelegenheit!“

Zeno sah mich noch mal an.

„Du glaubst mir den Scheiß doch nicht etwa?“

Ich blickte ihn gespielt unwissend an und fragte ahnungslos:

„Wieso? Immerhin bist du doch der „unheimliche Junge“ und wer weiß, was du hier so treibst!“

Zeno schüttelte den Kopf.

„Was ich ‚treibe’ dürfte dich nichts angehen.“ Seine Augenbrauen zogen sich ein wenig zusammen. „Und das hier wird natürlich Tomatensoße. Die Nudeln müssen erst noch kochen. Ich hab echt Hunger bekommen, als deine Freunde weg waren.“

„Weg waren...“ Ich schnaubte verächtlich. „Das hört sich gut an. Sie sind wohl kaum freiwillig gegangen.“

Zeno sah wieder zu mir und schmunzelte leicht.

„Stimmt, sie ‚wurden’ gegangen. Aber na ja, ich mag nicht jeden. Guck mal da drüben im Schrank, da liegt ’ne Packung mit Nudeln, gibst du mir die mal bitte?“

Automatisch kam ich seiner Bitte nach und kramte die Nudeln hervor, um sie an ihn weiter zu reichen.

„Und ich? Magst du mich?“ Das hatte ich eigentlich nicht fragen wollen, aber nun war es wohl zu spät.

Zeno blickte mich perplex an und erst als ich ihm die Nudeln in die Hand drückte, erwachte er wieder aus seiner Starre. Ich war rot angelaufen und musste wohl ziemlich verlegen gewirkt haben. Zeno lachte nämlich.

„Das überlege ich mir noch! Willst du mit essen?“

„Nee, danke. Ich hab schon!“

„Ach, nun hab dich nicht so!“ Er kippte demonstrativ viele Nudeln in einen Topf mit Wasser. „Ich vergifte dich schon nicht!“

„Wer weiß, wer weiß!“ Ich wiegte meinen Kopf hin und her.

„Und was soll mein Hund dann bitte fressen? Keine Sorge, ich will dich nur ein bisschen mästen, damit er auch satt wird.“

Ich musste grinsen. Zeno gefiel mir wirklich von Minute zu Minute besser.

„Na, dann esse ich natürlich mit. Ich will ja später nicht dafür verantwortlich sein, dass dein Hundevieh verhungert ist!“

„Wie gütig von dir!“ Zeno schüttelte lächelnd den Kopf und verließ den Herd, um aus einem Schrank Geschirr zu holen und es auf den Küchentisch zu stellen.

Nachdem der Tisch gedeckt war, wies er mich an, mich zu setzten, was ich natürlich ohne zu Murren tat.

Ich musste leider zugeben, dass Zeno eine gewaltige Wirkung auf mich hatte.

Ich stütze meinen Ellbogen auf den Tisch und mein Kinn auf meine Hand. Zeno schenkte mir jedoch keine Aufmerksamkeit.

Er rührte in beiden Töpfen und leckte dann prüfend den Löffel ab. Seine Zunge glitt federleicht über den alten Holzkochlöffel und meine Augen weiteten sich beeindruckt. Warum sah er auch nur so... verführerisch aus.

Ich senkte beschämt meinen Blick und sah erst wieder auf, als ein dampfender Topf mit einem Knall vor mir landete.

Doch Zeno war schon wieder weg und goss die Nudeln ab, um sie in eine große Schale zu füllen.

Diese wurde dann ebenfalls auf den Tisch gestellt und ich beobachtete Zeno dabei, wie er sich mir gegenüber nieder ließ und mir auffordernd die Schüssel hin schob.

„Bedien dich!“

Ich zögerte einen Moment, füllte mir dann aber artig auf.

Mir kam es so vor, als wenn ich für Zeno im Moment alles machen würde. Doch ich konnte nicht sagen, ob mich diese Erkenntnis beängstigen sollte, oder nicht. Ich wusste bloß, dass Zeno wirklich „unheimlich“ war. Wenn auch nur unheimlich gutaussehend, unheimlich interessant und unheimlich in seiner Wirkung auf mich.

Als ich aus meinem Gegrübel wieder erwachte, hatte Zeno sich auch schon aufgefüllt und schaufelte fröhlich sein Gekochtes in sich hinein.

Rote Tomatensoße hatte sich auf seinen Lippen und rings um den Mund verteilt. Er fuhr sich leicht mit der Zunge über die weichen Lippen und versuchte somit, die leckere Flüssigkeit zu beseitigen.

Alles bekam er jedoch nicht weg und als er merkte, wie ich ihn hypnotisiert anstarrte, fuhr er mit seinem Finger seine Lippen nach. Verträumt blickte er seinen nun rötlichen Finger an und richtete seinen Blick dann wieder auf mich. Genüsslich steckte er seinen Finger in den Mund und befreite ihn dann saugend von der Soße.

Ich konnte spüren, wie mir heiß wurde und diese Hitze sich auch in meiner Lendengegend ausbreitete.

Zenos Stimme hörte man das triumphierende Grinsen deutlich an.

„Keinen Hunger?“

Ich sparte mir eine Antwort und griff nach der Gabel um die Nudeln in mich hinein zu schaufeln. Für einen Moment war ich beschäftigt, doch diese Ablenkung hielt nicht lange.

Das schmatzende Geräusch, mit dem Zeno die langen Nudeln in seinen Mund zog, ließ mich aufblicken.

Doch als ich sah, wie das letzte Ende zwischen seinen weichen verführerischen Lippen verschwand, ließ ich meine Gabel scheppernd auf den Tisch fallen.

Zeno sah mich überrascht an, aber ein leichter Triumph war in seinem Blick zu sehen.

Ich fragte leise und total fasziniert:

„Warum machst du das?“

Zeno fischte nach einer neuen Nudel und fragte mit der unschuldigsten Stimme, die ich je gehört hatte:

„Was denn?“

Ich war verwirrt. Wollte der Typ mich verarschen? Doch ich beschloss auf sein Spiel einzugehen. Was er konnte, konnte ich... vielleicht auch. Kurz stolperte ich darüber, dass ich versuchte einen Jungen durch verführerische Gesten zu beeindrucken. Doch Zeno war kein einfacher Junge. Er war irgendwie besonders.

Ich schüttelte sanft den Kopf und meinte dann lasziv:

„Essen wie ein Schwein!“

Leicht zittrig langte ich über den Tisch und wischte ihm ein bisschen Soße aus dem Mundwinkel. Nachdenklich betrachtete ich dann meinen Finger und führte ihn zu meinen Lippen, um ihn ebenfalls abzulecken.

Doch nahm ich ihn nicht in den Mund, sondern ließ meinen Zunge offensichtlich an ihm entlang gleiten und ihn umspielen.

Als ich merke, wie Zenos Blick gebannt an meinem Tun hing, musste ich ein Grinsen unterdrücken. Also konnte ich es auch...

Zeno griff, ein wenig aus der Bahn gebracht, nach seiner Gabel und setzte dann sein Essen ein bisschen manierlicher fort.

Nachdem er keine Anstalten machte, mich wieder zu verunsichern, nahm auch ich wieder meine Gabel auf und aß weiter.

Nachdem wir unser Essen schweigend beendet hatten, stand Zeno auf um den Tisch abzuräumen und mit dem Abwasch zu beginnen. Als er sah, wie ich ratlos im Raum herumstand, warf er mir ein Geschirrhandtuch zu und ich half ihm beim Abtrocknen.

Zeno hat schöne Hände. Das ist mir dort zum ersten Mal aufgefallen.

Er hatte wohl ein bisschen zu viel Spülmittel ins Waschbecken gegeben, denn ein gewaltiger Haufen Schaum entstand, als er das Wasser einließ. Zeno bedachte ihn mit einem kritischen Blick und begann dann die weiße Ansammlung von Bläschen mit seinen Händen beiseite zu schieben.

Er ging ganz vorsichtig vor und seine nassen Hände glänzen im Sonnenlicht, welches durch das Fenster einfiel. Schöne, schlanke Finger, die sanft mit dem Schaum hantierten.

Verträumt sah ich ihnen dabei zu und wünschte mir leise, dass diese Finger mich ebenfalls berühren würden.

Und als wenn Zeno meinen Wunsch gehört hätte, drehte er sich zu mir um und stupste mir ein wenig Schaum auf die Nasenspitze. Seine Stimme war unendlich sanft, als er mich ansprach:

„Hey, träum nicht!“

Ich blinzelte verwirrt und konnte spüren, wie ich rot wurde. Warum schaffte es dieser Junge immer wieder mich durcheinander zu bringen? Was war an ihm so besonders?

Automatisch begann ich das saubere Geschirr abzutrocknen und zwang mich, mit meinem Blick nicht wieder an Zenos Fingern hängen zu bleiben.

Es gelang mir und nachdem wir fertig waren, stand Zeno mir ein wenig unschlüssig gegenüber.

„Kommst du noch mit hoch?“, fragte er leise, als ich mich nicht rührte.

Ich nickte bloß sanft und folgte ihm dann wortlos in sein Zimmer.

Dort angekommen verkrochen sich der „unheimliche Junge“ wieder auf seine Fensterbank und ich trat, nach kurzem Überlegen, zu ihm.

Stumm ließ ich mich vor ihm auf die Knie sinken und sah ihn nun von unten an. Zeno blickte zurück.

Damit die Stille nicht den ganzen Raum erfüllte, sagte ich einfach das, was mir als erstes einfiel – auch wenn es nichts Intelligentes war.

„Du kannst gut kochen!“

Zeno schmunzelte nur.

„Nein, gut kann ich es auf keinen Fall. Ich bekomm schon ein bisschen was zusammen gemischt, aber ob das auch schmeckt, ist eine andere Frage.“

„Also, ich fand’s gut!“

„Danke!“, hauchte mein Gegenüber. Dann schien ihm etwas einzufallen und er sah mich fragend an. „Was wolltest du eigentlich?“

Wieder wurde ich rot, denn so wirklich wusste ich das auch nicht. Ich beschloss meine Freunde vorzuschieben.

„Ich habe George und Bill getroffen und sie haben mir von eurer ‚Begegnung’ erzählt. Warum hast du sie nicht reingelassen?“

Zeno schüttelte den Kopf.

„Weil ich keinen Lust hatte, mich wie ein fremdes Tier bestaunen zu lassen. Darauf wäre es doch im Endeffekt hinaus gelaufen.“

„Nein, sie wollten dich nur kennen lernen.“

Zeno hob spöttisch eine Augenbraue.

„Das glaubst du doch wohl selber nicht?!“

Und er hatte Recht. Mir war nur zu klar, dass meinen Freunde lediglich den „unheimlichen Jungen“ sehen wollten, um vielleicht ein paar neue Gerüchte über ihn in Umlauf zu bringen. Doch das hatten sie wohl auch so geschafft. Sicher wusste schon bald die gesamte Stadt, dass der „unheimliche Junge“ seinen Monsterhund auf zwei arme, wehrlose Kinder gehetzt hatte.

Wie ich das Leben in einer Kleinstadt doch hasste. Hier kannte jeder jeden und das war oft gar nicht mehr witzig. Geheimnisse gab es hier nicht.

„Na, hat es dir die Sprache verschlagen?“, wollte Zeno wissen, doch ich meinte nur abwehrend:

„Nein, das bestimmt nicht. Aber du hast Recht, sie waren sicher nur hier, um etwas Neues über dich zu erfahren – und es dann in der gesamten Stadt weiter zu tratschen.“

„Sag ich doch!“ Zeno seufzte deprimiert auf und lehnte sein Gesicht an die Fensterscheibe.

Ich beobachtete ihn eine Weile und wunderte mich über die Feinheit seines Gesichtes.

Die kleine, wohlgeformte Nase, die leicht geröteten Wangen, die weichen, geschwungenen Lippen und vor allem die faszinierenden Augen. Sie hatten eine außergewöhnliche Farbe und waren von tiefschwarzen Wimpern umrahmt.

Zeno war eine Schönheit.

„Nimm’s nicht so schwer. Irgendwann werden auch sie raffen, dass du ein ganz normaler Kerl bist!“

„’Sie’?“, fragte er mit einem freudlosen Lachen, wobei er immer noch aus dem Fenster blickte.

„Ja, ich weiß ja nun, dass du ganz normal bist!“

Meine Worte ließen ihn mich anblicken und er zog die Stirn kraus.

„Bin ich das denn? Ganz normal?“

Verwirrt rappelte ich mich etwas auf und rückte näher zu ihm heran. Was meinte er? Unsere Körper waren nur wenige Zentimeter von einander entfernt und ich konnte deutlich die Hitze spüren, die von ihm ausging. Es war ein angenehmes Gefühl.

„Du bist ganz normal!“

Zeno beugte sich dichter zu mir heran, sodass seine Lippen fast meine Wange berührten, als er mir leise ins Ohr hauchte:

„Woher willst du das wissen?“

Mein Herz begann, ob dieser Nähe, wild zu pochen und ich musste mich davon abhalten, noch näher zu ihm heran zu rücken. Sonst wäre ich sicher auf seinen Schoß gekrochen.

„Was sollte an dir denn nicht normal sein?“, fragte ich mit einem Zittern in der Stimme zurück.

„Wer weiß...“ Zeno lachte nur warm und streifte dabei mit seinen Lippen meine Wange.

War es eine absichtliche Berührung gewesen, oder Zufall? Doch es war egal. Ich wollte mehr von diesen zarten Berührungen. Doch leider war ich mir sicher, dass Zeno mir nicht mehr geben würde. Und fragen konnte ich wohl schlecht.

Mit einem leichten Zittern wich ich zurück und sah ihn verstört an.

Zenos klare Augen blickten zurück... und gaben mir die Gelegenheit in ihnen zu versinken. Ich ließ mich vollkommen in ihre braun-grüne Welt ziehen und schaffte es erst nach einer langen Weile mich ihrer Faszination zu entreißen.

Wir mussten uns eine ganze Weile schweigend in die Augen gesehen haben, denn draußen begann es langsam zu dämmern.

Der Raum war nun von Schatten erfüllt und auch Zenos Gesicht bekam eine unheimliche Ausstrahlung.

Seufzend erhob ich mich und sah ihn entschuldigend an.

„Ich glaube, ich muss mich verabschieden.“

Zeno nickte, machte aber keine Anstalten sich zu erheben. Sicher ging er davon aus, dass ich die Tür auch alleine finden würde.

Also erhob ich mich und war schon fast zur Tür heraus, als seine leise Stimme mich innehalten ließ.

„Kommst du wieder?“

Ein warmes Lächeln schlich sich auf meine Lippen. Sicher hatte Zeno keine Ahnung, was für einen Gefühlssturm diese einfache Frage bei mir auslöste?!

Ich sah ihn an und antwortete dann ebenso leise:

„Wenn du willst...“

Zeno nickte sanft und ich verließ lächelnd den Raum.

Die Treppe schien ich hinunter zu schweben und auch den langen Weg nach Hause überwandt ich schwerelos.

Daheim kippte ich müde in mein Bett und empfand es den restlichen Abend nicht für nötig, mich zu erheben.


Teil 3

Als ich am nächsten Morgen die Augen aufschlug, empfand ich ein pures Gefühl von Freude.

Ich wusste, dass meine Eltern an diesem Tag nicht da sein würden – sicher waren sie schon unterwegs zu meinen Großeltern.

Durchs Fenster schienen die ersten Sonnenstrahlen hinein und erhellten mein Zimmer. Und ich spürte eine gewisse Vorfreude auf das Treffen mit Zeno. Auch wenn wir nicht viel redeten, war es schön bei ihm zu sein.

Ich mochte den „unheimlichen Jungen“ und mir war es egal, was der Rest der Stadt über ihn erzählte, denn ich wusste es besser. Diese Tatsache ließ mich auch ein kleines bisschen Stolz empfinden.

Von meinen ganzen Gefühlseindrücken total überwältigt, rekelte ich mich quietschend in meinem Bett und seufzte dann erleichtert auf. Der Tag heute konnte einfach nur schön werden.

Doch bevor ich in irgendwelche Träumereien verfallen konnte, hörte ich wie unten das Telefon klingelte.

Kurz wog ich den Gedanken ab, ran zu gehen. Doch da ich mich dafür erheben, das Bett verlassen, die Treppe hinunter laufen und den Hörer abheben musste, ließ ich es bleiben.

Stumm zählte ich die Klingelzeichen.

Fünf, Sechs, Sieben, Acht, Neun, Zehn, Elf... Dann war es verstummt.

Ich schloss ein letztes Mal die Augen, um mich dann endlich zu erheben. Einen so schönen Tag durfte man nicht verschlafen.

Ich wuselte in die Küche, um nach etwas Essbaren zu suchen und wurde schließlich im Brotkasten fündig. Mein Finger strich über die Krusten der verschiedenen Brotsorten und ich entschied mich schließlich für den letzten Kanten Mischbrot.

Mit einem Klirren ließ ich den Deckel wieder auf den Brotkasten fallen und zuckte erschrocken zusammen, als das Telefon erneut begann zu klingeln.

Ich stieß ein unwilliges Knurren aus und bedachte das nervtötende Gerät mit einem feindseligen Blick. Es dauerte eine ganze Weile, bis der Anrufer aufgab und das schrille Klingeln endlich verstummte.

Ich hatte mich die ganze Zeit über nicht geregt und erst als wieder Stille herrschte, begann ich den Brotkanten zu vernichten und stieg wieder die Treppe zu meinem Zimmer hinauf.

Ich begab mich ins Badezimmer und hüpfte munter unter die Dusche.

Im gesamten Haus war es so schwül und warm, dass ich das kühle, klare Wasser auf meiner Haut genoss und schnurrend die Augen schloss.

Plötzlich musste ich an Zeno denken. Was er wohl gerade tat? Ob er schon wach war? Oder ob er noch im Land der Träume wandelte? Von wem, oder was träumte er wohl?

Zittrig, ob der sich langsam in meinem Körper ausbreitenden Kälte, drehte ich den Wasserhahn ab und stieg wieder aus der Dusche hinaus.

Schnell angelte ich nach meinem großen, blauen Badehandtuch und wickelte mich darin ein. Dann verließ ich das Badezimmer.

Ich liebte das Gefühl, alleine im Haus zu sein, denn so musste ich keine Angst haben, dass plötzlich einer meiner Eltern vor mir stand, während ich wahlweise halb oder sogar ganz nackt im Haus herum sprang. Ich mochte es nicht, wenn sie mich unbekleidet sahen.

Doch da ich an diesem Tag ja alleine zu Hause war, machte es mir nichts aus. Gerade wollte ich mein Zimmer betreten, als unten wieder das Telefon läutete.

Ich verharrte still und lauschte dem schrillen Klingeln. Als es nach einigen Sekunden immer noch nicht verstummt war, schlich ich langsam die Treppe hinunter und wanderte zu dem Telefon.

Kurz davor blieb ich stehen und streckte meine Hand nach dem Hörer aus.

Meine immer noch klammen Finger berührten den Kunststoff und ich hielt den Atem an.

Doch ich nahm nicht ab. Dafür lauschte ich dem Klingeln noch eine Weile.

Es verstummte endlich und eine betäubende Stille breitet sich abermals im Haus aus. Ich atmete hörbar ein und fasste das Handtuch, das immer noch um meinen Körper geschlungen war, ein bisschen fester.

Dann stürmte ich in mein Zimmer und zog mich an.

Als ich hinaus in die Mittagshitze trat, keuchte ich gepeinigt auf. Die Sonne schien meine Haut zu versengen und die Schwüle der Luft erdrückte mich schier. Trotzdem widerstand ich dem Drang, mich ins Haus zurück zu ziehen, und schloss die Tür hinter mir.

Ich machte mich auf den Weg zu Zeno.

Nachdenklich setzte ich einen Fuß vor den anderen und wunderte mich, wie automatisch ich doch den Weg zu dem düstern Haus fand.

Einen kurzem Moment stand ich an dem großen Eingangstor und sah auf das friedliche Grundstück. Die Baumspitzen wiegten sanft im Wind und überall war das Summen von Insekten zu hören.

Doch nicht nur das, näher am Haus war auch ein undeutliches Gemurmel zu vernehmen.

Neugierig was Zeno wohl tat, trat ich näher... und erstarrte, als ich vor der Haustür ankam.

Das Szenario, was sich mir bot, ließ mich die Luft anhalten.

Dort war Zeno, doch er war nicht alleine. George und Bill waren bei ihm. Beide hatten ihn eingekreist – so gut es halt mit zwei Mann ging – und Zeno kniete benommen auf dem Boden.

Seine Stirn war in Falten gelegt und ein feines, rotes Blutrinnsal sickerte aus seinem Mundwinkel hervor. Es hob sich deutlich von der weißen Haut ab.

Ich war wie gelähmt und sah fassungslos zu, wie Bill Zeno einen Tritt verpasste, der ihn direkt in die Magenkuhle traf. Wenn es nicht unmöglich wäre, würde ich behaupten die Rippen bis hier brechen gehört zu haben.

Zeno keuchte gepeinigt auf und wollte sich wieder hochrappeln, als George ihn von hinten fest hielt und Bill noch zwei weitere, schnelle Tritte in seine Magenkuhle landete.

Zeno wehrte sich verbissen und stieß ein Knurren wie ein Tier aus, doch gegen den Jungen in seinem Rücken konnte er sich nicht durchsetzen.

Bill und George redeten immer wieder auf ihn ein, doch Zeno schüttelte nur den Kopf. Als seine Augen dabei umherirrten und nach Hilfe suchten, blieben sie an mir hängen.

Überrascht weiteten sich die wunderschönen Augen und zu der Überraschung kam auch noch Unglaube. Es war wie ein stummer Vorwurf, weil ich ihm nicht half.

Und dieser Blick gab mir dann endlich die Kraft, mich zu rühren. Mit schnellen Schritten lief ich auf Zeno und meine beiden Freunde zu und sah noch, wie Bill Zeno einen letzten Tritt in den Magen gab. Der hätte ihn zu Boden gehen gelassen, wenn George ihn nicht aufrecht gehalten hätte.

Was trieben die beiden Trottel da? Warum ließen sie Zeno nicht in Ruhe? Was hatte er ihnen denn getan?

Ich stieß einen Schrei aus, der die beiden Überlegenen zusammen zucken und sich umdrehen ließ. George ließ überrascht Zeno los, der keuchend zu Boden fiel und sich wimmernd seinen Bauch hielt.

„Robin!“, kam es von meinen beiden „Freunden“ gleichzeitig, doch ich stieß Bill nur grob beiseite, um neben Zeno auf die Knie zugehen.

Vorsichtig zog ich den anderen Jungen zu mir heran und sah ihm in das schmerzverzerrte Gesicht. Deutlich schimmerten Tränen in seinen Augenwinkeln und brachten auch meine Augen zum Brennen. Was hatte Zeno ihnen denn getan, dass sie ihn so bestraften?

Als Zeno meinen mitleidigen Blick bemerkte, trat ein trotziger Ausdruck in sein Gesicht und er versuchte sich hoch zu rappeln. Vorsichtig half ich ihm dabei.

Von hinten legte Bill eine Hand auf meine Schulter, doch ich schüttelte sie ab.

Dann hörte ich Georges Stimme:

„Bist du okay, Robin?“

Wütend sah ich meinen Freund an und fauchte aggressiv:

„Ob ich okay bin? Scheiße, was treibt ihr hier? Was habt ihr mit Zeno gemacht???“

„Wir dachten, er hält dich hier fest!“

„WAS?“ Ungläubig riss ich die Augen auf. Was redeten die beiden da für einen Schwachsinn?

„Na, nachdem du dich gestern nicht mehr gemeldet hast, hab ich heute morgen drei mal versucht bei dir anzurufen, doch es ist keiner rangegangen. Und da ist mir das von gestern Nachmittag eingefallen.“

Ich sah Bill perplex an.

„Das von gestern Nachmittag?“

„Ich meinte doch, dass du dich melden sollst, wenn du seinen Besuch überlebt hast, doch es kam nichts. Und da haben wir gedacht, dass er seinen Hund auf dich gehetzt hat oder dass er dich hier festhält!“

Ich sah ungläubig von einem zum anderen. Wie blöd konnte man denn sein? Was dachten sie denn, was Zeno ist? Ein Monster? Ein Menschenfresser? Ein Irrer, der fremde Leute in seinem Keller zum Spaß festhielt, oder an seinen Hund verfütterte?

Ja, sicher dachten sie genau DAS von Zeno, doch ich wusste, dass mein Zeno sowas nie tun würde.

Wut stieg in mir hoch. Sanft ließ ich Zeno, der immer noch in meinem Arm lag und schwer atmete, zu Boden gleiten und stand sauer auf.

Mein Gesicht musste wohl wutverzerrt gewesen sein, denn Bill wich erschrocken zurück.

„Was denkt ihr euch eigentlich???“ Meine Stimme hallte über den gesamten Hof und war sicher noch in der ganzen Stadt zu hören. Doch das war mir egal. Sollten sie doch alle wissen, was sie mit ihrem dummen Gerüchten angerichtet hatten.

„Wie blöd seid ihr eigentlich?“ Ich verpasste Bill einen unsanften Stoß vor die Brust, sodass er fast nach hinten fiel.

„Was soll das?“, fragte er verwirrt.

„Was das soll? Ich will wissen, wie ihr auf diesen Scheiß kommt? Ich hab euch gesagt, das Zeno in Ordnung ist! Doch was macht ihr? Ihr schlagt ihn zusammen!“

„Wir haben uns Sorgen gemacht!“, wollte George sie rechtfertigen, doch selbst dieses Argument zählte für mich nicht.

„Sorgen? Nur weil ich nicht ans Telefon gegangen bin? Muss ich mich jetzt neuerdings bei euch abmelden, wenn ich nicht zu Hause bin?“

„Nein, aber nach gestern...“

„... habt ihr euer Gehirn ganz ausgeschaltet, oder was?“, unterbrach ich Bill und gab ihm noch einen Stoß. George kam von hinten und hielt grob mein Handgelenk fest.

„Warum tickst du jetzt so aus? Dann war es halt ein Missverständnis!“

„Missverständnis? So so... Und was ist mit Zeno? Der hat sich aus Spaß einfach mal so verprügeln lassen, war ja nur ein Missverständnis. Ich hätte jetzt große Lust, euch ebenfalls den Arsch...“

„Robin!“ Zeno hatte sich wackelig erhoben und schüttelte sanft den Kopf. „Lass gut sein! Hilf mir lieber, ins Haus zu kommen. Ein bisschen Eis wäre jetzt nicht schlecht!“

Ich stieß ein wütendes Knurren aus und eilte dann zu Zeno, um ihn zu stützen. Meinen beiden „Freunden“ schenkte ich keinen Blick mehr und ließ sie einfach stehen. Lauter als nötig knallte ich ihnen die Tür vor der Nase zu.

Drinnen im Haus war es angenehm kühl und das, obwohl die Sonne durch das Fenster hinein fiel.

Neben mir holte Zeno röchelnd Luft.

Ich schenkte ihm einen traurigen Blick, den er mit einem zittrigen Lächeln quittierte.

„Eis ist in der Küche...“, begann er und wollte mich in diese Richtung ziehen, doch ich hielt ihn sanft zurück.

„Lass mich dich hoch in dein Zimmer bringen. Das Eis finde ich dann schon alleine.“

Zeno folgte meinem Vorschlag ohne zu Murren und gemeinsam schleppten wir uns Schritt für Schritt nach oben.

Zeno fiel erschöpft auf sein Bett und schloss gepeinigt die Augen. Der Schmerz war ihm anzusehen.

„Geht’s?“

Zeno lächelte tapfer und erklärte mir dann, ohne auf meine Frage zu antworten, wo das Eis sich befand.

Ich kochte innerlich immer noch und sprintete die Treppe hinunter. Kurz vor ihrem Ende geriet ich ins Stolpern und legte die letzten Stufen auf dem Hintern rutschend zurück.

Zeno musste den Lärm gehört haben, denn seine besorgte Stimme durchschnitt die Stille.

„Robin? Alles okay dort unten?“

„Ja, alles klar!“ Mir den Hintern reibend, hopste ich in die Küche und kramte im Gefrierschrank herum, bis ich die beschriebenen Eiswürfel fand. Ich wickelte sie in ein Geschirrhandtuch und lief dann wieder zu Zeno nach oben.

Der hatte sich ganz aufs Bett gezogen und starrte verträumt die Decke an. Ich ließ mich lautlos neben ihm nieder und sah ihm nervös ins Gesicht.

„Es tut mir leid!“

Zeno reagierte für einen Moment nicht, doch dann drehte sich sein Kopf zu mir. Seine schönen Augen suchten Blickkontakt und Zeno runzelte die Stirn.

„Wofür entschuldigst du dich?“

„Für meine Freunde. Hätte ich gewusst, dass sie so idiotisch sind, wäre ich heute morgen ans Telefon gegangen. Das hätte dir sicher eine Menge erspart!“ Ich senkte beschämt den Kopf. War es nicht irgendwie meine Schuld? Wäre ich ans Telefon gegangen, oder hätte mich wie „besprochen“ gemeldet, wäre das nicht passiert!

Doch Zeno schüttelte nur den Kopf.

„Ach, die haben doch nur nach ’nem Grund gesucht, um mich fertig zu machen. Dich trifft keine Schuld, echt! Du kannst ja auch nichts dafür, dass die beiden so wenig Gehirn besitzen.“

Trotzdem nagte das schlechte Gewissen an mir. Sanft legte ich meine Hand auf Zenos flachen Bauch und ließ zärtlich meine Fingerspitzen über den Stoff des T-Shirts gleiten.

„Mir tut’s trotzdem leid. Tut es doll weh?“

Zeno nickte, meinte aber im gleichen Atemzug:

„Nein... Hast du die Eiswürfel?“

Ohne zu fragen zog ich Zenos T-Shirt hoch und betrachtete die weiße, weiche Haut, die zum Vorschein kam. Dann ließ ich das Handtuch mit den Eiswürfeln auf die leicht blau schimmernde Stelle gleiten.

Zeno keuchte überrascht auf und beugte den Rücken durch.

„Scheiße, ist das kalt!“

Ich konnte regelrecht sehen, wie sich eine Gänsehaut auf seinen Armen ausbreitete.

Mein Blick richtete sich auf Zenos Gesicht und mir fiel das getrocknete Blut auf, dass in einem seiner Mundwinkel klebte. Er war eingerissen.

Seufzend holte ich einen einzelnen Eiswürfel aus dem Handtuch und drückte ihn dann leicht auf die malträtierte Stelle. Das kühle Schmelzwasser brachte das Blut dazu, sich zu lösen und ich hoffte, dass auch der Schmerz ein bisschen gelindert werden würde. Alles nur meine Schuld!

Zeno musste meine Gedanken erraten haben, denn er sah mich traurig an.

„Nun mach nicht so ein Gesicht. So mag ich dich nicht und wer weiß, vielleicht hetzte ich dann auch auf dich meinen Hund!“

„Hör auf! Darüber macht man keine Witze! So entstehen nämlich auch Gerüchte und du hast ja gesehen, wohin das führen kann!“, verlangte ich aufgebracht. Zeno ein Mal am Boden zu sehen, hatte mir gereicht.

„Ach, beim nächsten Mal bin ich auf den Angriff vorbereitet und dann mach’ ich sie platt!“, spukte Zeno große Töne und ich sah ihn eindringlich an.

„Idiot! Hör auf, vor mir den großen Macker zu spielen! Gegen zwei hast nicht mal du ’ne Chance und mir reicht es fürs erste, dich so zu sehen. Vor allem wenn es auch noch meine Schuld ist!“

„Ich sagte doch, es ist nicht deine Schuld!“ Zeno setzte sich leicht auf, sackte aber keuchend zurück. „Mist...“

„Bleib liegen. Du hast dir sicher die ein oder andere Rippe geprellt, wenn nicht sogar gebrochen.“

„Ja ja, ist ja schon gut...“ Zeno verzog das Gesicht.

Ich versuchte es nicht zu beachten und hob das Handtuch mit den Eiswürfeln an, um die Haut darunter zu begutachten. Ja, es würde ein Bluterguss werden!

Zenos T-Shirt rutschte wieder herunter und ich sah es mit einem bösen Blick an. Dann griff ich kurz entschlossen danach und zog es dem Verletzten über den Kopf. Der guckte nicht schlecht, als ich ihn auszog.

Ich konnte spüren, wie ich rot wurde, sagte aber nichts dazu. Es diente ja schließlich alles nur der ersten Hilfe – auch wenn ich mir einen Blick auf Zenos makellose Brust nicht verkneifen konnte.

Seine Brustwarzen hatten sich wegen der Kälte aufgerichtet und boten einen reizvollen Anblick. Ich rückte das Handtuch ein wenig hin und her und streifte dabei wie zufällig einen der beiden Nippel.

Zeno, der die letzte Augenblicke geschwiegen hatte, sah mich überrascht an und in seinem Blick lag etwas, das ich nicht deuten konnte.

Eilig zog ich meine Hand zurück, doch Zeno griff nach ihr und legte sie wieder auf seine Brust.

Nun war ich es, der ihn perplex ansah. Was hatte das zu bedeuten? Wollte er, dass ich meine Finger ein wenig wandern ließ?

Obwohl mein Verstand bei diesem Gedanken ein lautes ‚Nein!’ brüllte, kam ich der stummen Bitte nach.

Meine Finger fuhren sanft zwischen den beiden Brustwarzen auf und ab, bis ich sie dann um eine kreisen ließ und den Nippel sanft rieb.

Zenos Augen hatten sich auf mein Gesicht gerichtete und blickten mich unverwandt an. Suchte er nach einer Reaktion von mir?

Ich unterbrach mein Streicheln jedoch nicht.

Erst, als Zeno genüsslich aufseufzte, ließ ich von ihm ab. Verstört sah er mich an. Konnte ich Furcht in seinem Blick erkennen?

Wortlos schob ich die Eiswürfel von seinem Bauch und kletterte dann so aufs Bett, dass ich auf seinen Oberschenkeln saß, wohlbedacht ihm nicht weh zu tun.

Zeno sah mich ungläubig an, doch als ich mich hinab beugte und sanft seine Brust zu küssen begann, entgleisten seine Gesichtszüge vollkommen.

Doch er stieß mich nicht von sich. Im Gegenteil, er vergrub seine Hände in meinem kurzen Haar und verfolgte damit jede Bewegung meines Kopfes.

Als ich meine Zunge über seine Brustwarzen gleiten ließ und leckend die Gegend erkundete, stöhnte er leise auf.

Ich konnte deutlich spüren, wie seine Erregung wuchs.

Ich ließ von ihm ab und sah ihn forschend an.

„Alles klar bei dir?“

Zeno zog spöttisch eine Augenbraue hoch, bevor er mich zu sich heran zog und mich sanft küsste.

Das Gefühl seiner weichen Lippen auf den meinen war einfach zu gut und so wehrte ich mich auch nicht dagegen, als er sich mit seiner Zunge Zugang zu meinem Mund verschaffte. Unsere Kuss wurde immer stürmischer und schließlich konnte ich spüren, wie Zeno mir sanft auf die Lippe biss und verspielt an ihr zog.

Ich musste kichern und sah ihn grinsend an. Zeno war einfach zu süß.

Sanft hauchte ich ihm genau das ins Ohr, worauf er rot wurde. Wieder suchte er meine Lippen.

Ich stützte mich mit meinen beiden Händen neben seinem Kopf ab und tauschte einen sanften Kuss mit ihm aus.

Kurz fragte ich mich, was ich hier eigentlich tat. Zeno war ein Junge und noch dazu der „unheimliche Junge“. Doch selbst dieses Argumente zählte für mich schon lange nicht mehr. Ich wusste, dass Zeno „unheimlich“ war, aber auf eine andere Art und Weise. Er war unheimlich lecker.

Zärtlich ließ ich eine meiner Hände über seine Seite gleiten und tastete mich dann bis auf seine Brust vor. Flüchtig streifte ich seine Brustwarzen und strich hauchzart über die weiße Haut nahe dem Schlüsselbein – alles, ohne den Kuss zu unterbrechen.

Zeno streckte sich meiner Hand entgegen und ich tat ihm den Gefallen und setzte meine Wanderung fort.

Als Gegenleistung begann auch er meinen Rücken auf und ab zu streichen, doch mein T-Shirt ließ keinen Hautkontakt zu. Brummelig zerrte er an dem Stück Stoff und ich löste mich von ihm um es mir auszuziehen. Als er danach kleine Kreise auf meinem Rücken zog, fragte ich mich, wie ich bisher ohne diese Zärtlichkeiten hatte leben können. Sie waren einfach zu schön.

Langsam und unendlich zärtlich verwöhnten wir uns eine ganze Weile streichelnd. Doch als ich merkte, wie sehr ich den Jungen unter mir erregt hatte, fing ich an, an dem Reißverschluss seiner Hose zu fummeln.

Zeno griff überrascht nach meiner Hand und sah mich prüfend an. Doch ich hauchte ihm nur wortlos einen Kuss auf die Lippen, ehe ich seine Hose öffnete.

Langsam streifte ich sie – samt Boxershorts – von seinen Beinen und ließ meinen Finger vorsichtig an seiner Erregung entlang gleiten. Zeno stöhnte leise auf und begann sich unter mir zu winden. Ich beugte mich zu ihm herunter und legte meine erhitzte Wange an seine. Sanft schmiegte er sich an mich.

Vorsichtig griff ich nach seiner pulsierenden Männlichkeit und umschloss sie ganz mit meiner Hand. Ich begann meine Hand auf und ab zu bewegen, darauf bedacht, Zeno langsam zum Höhepunkt zu bringen. Bei mir hatte das immer geklappt.

Zeno begann unter mir zu erzittern und umschlang wimmernd meinen Nacken mit seinen Armen, um mich zu sich herunter zu ziehen.

Er hielt mich in einer engen Umarmung, während ich ihn weiter verwöhnte. Ich konnte spüren, wie er kleine, zielose Küsschen in meiner Halsbeuge verteilte und schließlich, nach einer schier endlosen Zeit, keuchend kam.

Ich betrachtete meine Hand, an der seine weißliche Flüssigkeit klebte, nachdenklich und leckte sie dann langsam ab. Zenos Blick folgte den gleichmäßigen Bewegungen meiner Zunge und er schloss gepeinigt die Augen. Seine eh schon geröteten Wangen wurden noch eine Spur dunkler.

Ich lachte warm und umarmte ihn dann zärtlich.

„Alles okay mit dir?“

Ich konnte spüren wie er nickte und mich ebenfalls wieder umarmte.

„Warum hast du das gemacht?“ Seine Stimme zitterte.

Ich schenkte ihm einen warmen Blick und hauchte dann ganz nah an seinem Ohr:

„Weil ich dich sehr, sehr gerne habe!“

Zeno erzitterte in meiner Umarmung, ob dieses Geständnisses und er schüttelte ungläubig den Kopf.

Ich seufzte leise auf.

„Wenn du es nicht magst, dann mache ich es nie wieder, versprochen!“ Ich platzierte ein kleines Küsschen auf seinen Lippen.

Zenos Augen weiteten sich überrascht. Dann schüttelte er heftig den Kopf.

„Nein, ich mag es. Nur...“

„Nur?“, echote ich, um ihn zum Weitersprechen zu bringen.

„... nur, warum hast du ausgerechnet mich gerne?“

Ich lachte wieder warm. Diese Frage hatte ich mir innerhalb der letzten zweit Tage doch auch schon zig mal gestellt. Aber zu einer wirklichen Antwort war ich nicht gekommen. Also überlegte ich einen Augenblick.

Schließlich murmelte ich leise:

„Ich... weiß auch nicht so recht. Vielleicht, weil du unheimlich bist – unheimlich süß und unheimlich anziehend. Aber ist das nicht egal? Ich mag dich nun mal! Daran kann keiner was ändern!“

„Nicht mal deine Freunde?“

Ich lachte leise.

„Nein, schon gar nicht die.“

Kurz herrschte Schweigen. Dann schmiegte Zeno wieder seine Wange an meine und hauchte leise:

„Ich mag dich auch gerne, Robin!“

Mir fiel wieder unser Gespräch vom Vortag ein und ich kicherte:

„Du magst mich? Also schmeißt du mich nicht raus?“

Zeno sah mich verwirrt an und schüttelte, dann zum wiederholten Male, wild den Kopf.

„Nein, dich schmeiße ich nicht raus. Dich behalte ich noch ein Weilchen!“

Glücklich, ob dieses Versprechens, kuschelte ich mich wieder an ihn.



Wenn ich heute an dieses Versprechen denke, schleicht sich ein Lächeln auf meine Lippen. Er hat es bisher gehalten und ich hoffe, dass das besagte „Weilchen“ noch ewig andauert!