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Zirkusluft

Original/ Reale Welt [keine Rating-Angabe] [abgeschlossen]

keine Warnungsangabe

Einteiler

Inhalt:
Janis erzählt von einer ziemlich kurzen, aber für ihn trotzdem sehr bedeutsamen Begegnung...

Kommentar:
Okay, dies ist nun wohl vorerst meine letzte gepostete Story. Evtl. schreibe ich mal wieder etwas, wenn mir der Sinn danach steht.
"Zirkusluft" ist nun auch schon über 1 Jahr alt und wenn ich die Story jetzt so lese, merke ich selber, dass der Realitätsfaktor nicht sehr hoch ist... aber was solls... ich mag die Story trotzdem irgendwie. Sie war eine meiner ersten One-Shots...
Eure Meinung (egal ob positiv oder negativ) würde mich echt interessieren!

 


 

 

Zirkusluft

Manchmal benimmt Roy sich wie ein kleines Kind. Dabei ist er schon 19 und somit zwei Jahre älter als ich.
Doch nicht mal sein Alter hatte ihn davon abgehalten, mich in den Zirkus zu schleppen, der seit zwei Tagen in der Stadt war.
Normalerweise war ich kein Zirkusgänger, aber an dem Tag, an dem ich mit Roy dort war, war es irgendwie anders. Dieser Zirkus war nur ein kleiner und es liefen eine ganze Menge junger Leute herum. Und auch meine Vorstellung von leicht verwahrlosten Artisten, denen man ihr Herumreisen ansah, wurde nicht erfüllt. Die Zirkusleute waren alle jung und sahen aus wie du oder ich.
Überhaupt herrschte eine angenehme Stimmung und auch die Tiere, von denen man sonst immer behauptete, dass sie gequält würden, sahen einigermaßen glücklich aus.
Es gab keine eisernen Käfige in denen Wildkatzen unruhig auf und ab tigerten oder große, dunkle Wagen, in denen Elefanten gehalten wurden.
Es liefen ausschließlich Ziegen, Hunde und kleine Hängebauchschweine durch die Gegend. Einige Zirkusbesucher wichen ihnen erschrocken aus, doch ich konnte nicht widerstehen und ließ meine Hand über das struppige Fell eines kleinen Zickleins gleiten.
Es sah mit seinen treuen Augen zu mir auf und beschloss wohl, mir den Rest des Abend nicht mehr von der Pelle zu rücken, denn es lief uns bis ins Zelt nach. Dort wurde es leider von einem der Zirkusleute zurück gehalten und wieder nach draußen getragen.
Ein wenig traurig sah ich ihm nach. Das Zicklein war wirklich zu süß gewesen.
Schnell suchten wir uns Plätze. Verträumt sah ich mich in dem einigermaßen großen Zelt um und ließ meinen Blick über die Menge der Leute gleiten, die sich gesammelt hatten und aufgeregt auf den Beginn der Vorstellung warteten.
Roy knuffte mich "liebevoll" in die Seite und deutete mit seiner Hand auf die andere Ecke des Zeltes. Hatte er etwa jemanden entdeckt, den wir kannten?
Ich ließ meinen Blick zu der angewiesenen Stelle wandern, doch konnte leider kein bekanntes Gesicht ausmachen.
Verwirrt sah ich meinen besten Freund an, doch der verdrehte nur genervt die Augen.
"Mensch, Janis! Ich meine IHN dort..." Roy deutet wieder in die Richtung von eben. "... wäre der nicht was für dich?"
Fassungslos sah ich meinen besten Freund an. Was sollte das jetzt werden? Wollte er mich mit einem der Zirkusdarsteller verkuppeln?
Roy wusste, dass ich auf Jungs stand, und er wusste auch, dass ich solo war. Mein letzter - und gleichzeitig erster - Freund hatte sich vor wenigen Wochen verabschiedet, keine Ahnung warum. Ich war ziemlich fertig deswegen, doch Roy konnte seine Freude über das Verschwinden meines Ex' nicht verbergen. Er hatte ihn nie gemocht.
Immer noch von der Rolle blickte ich einen Moment in Roys Gesicht, doch der grinste mich nur dümmlich an.
Also wendete ich mich der zugewiesenen Person zu, ein Blick konnte ja nicht schaden.
Der Junge war ungefähr in meinem Alter und stand ziemlich gelangweilt in der Gegend herum - wobei sein Blick aber in unsere Richtung gerichtet war.
Ich wurde rot. Hatte er etwa bemerkt, dass Roy auf ihn gezeigt hatte? Doch diesen Gedanken verdrängte ich sofort. Genauso gut konnte es auch sein, dass er einfach in irgendeine Richtung starrte und mich gar nicht wahrnahm.
Ich beschloss meine Musterung fortzusetzen, denn immerhin war ich ja hier im Zirkus um mir die Artisten anzusehen - wenn auch nicht aus dem Grund, aus dem ich es gerade tat.
Roy, der mich aufmerksam beobachtet haben musste, grinste wissend, als er meine rötliche Gesichtsfarbe wahrnahm.
"Na? Dein Fall?"
Ich zuckte teilnahmslos die Schultern, doch mein Herz pochte aufgeregt.
Der Zirkusjunge hatte kurze schwarze Haare, die ihm wirr ins Gesicht hingen. Dieses war - soweit ich es von hier aus beurteilen konnte - mit weichen Gesichtszügen ausgestattet. Seine Augen waren dunkel - schwer zu sagen welche Farbe - und ruhten scheinbar immer noch auf mir.
Er lehnte lässig neben dem Eingang zur Manege und wirkte ein bisschen verträumt. Er war mit einer schwarzen Trainingshose und einem ebenfalls schwarzen Rollkragenpullover bekleidet, bei welchem er die Ärmel bis zu den Ellbogen hochgeschoben hatte.
Er sah wirklich gut aus. Innerlich dankte ich Roy dafür, dass er ihm aufgefallen war. Gerade als ich es ihm sagen wollte, stieß der fremde Junge sich von der Wand ab und verließ das Zelt. Das Licht ging aus und ein älterer Mann betrat die Manege um die Gäste zu begrüßen und die Vorstellung zu eröffnen.
Was danach folgte, sah ich mir mit einer Mischung aus Verzückung und leichter Langeweile an. Zirkusse waren doch alle gleich. Die gleichen Clownnummern, die gleichen Tiernummern, die gleichen Artistennummern. Und doch war dieser Zirkus anders, da alles von Jugendlichen gezeigt wurde.
Gegen Ende der Vorstellung wurde ein langes Seil in einer beachtlichen Höhe quer über die Manege gespannt und der Ansager kündigte einen ihrer jüngsten Artisten an, der ohne Netz und Absicherung einige Seilkünste vorführen würde.
Ich staunte nicht schlecht, als unter tosendem Beifall der Junge von eben die Bühne betrat - und er sah noch besser aus!
Er war nur noch mit einer locker sitzenden schwarzen Trainingshose bekleidet, sein Oberkörper war nackt und glänzte im Scheinwerferlicht. Man hatte ihn mit Glitzer verziert. Die Haare des Fremden waren gegelt worden und standen nun wirr in alle erdenklichen Richtungen ab.
Der Seiltänzer verbeugte sich kurz vor dem Publikum, ehe er sich mit einer traumhaften Leichtigkeit auf das Seil schwang und seine Vorstellung begann.
Ich war gefesselt von den waghalsigen Kunststücken, die er auf dem hohen Seil veranstaltete und konnte meine Bewunderung kaum zurück halten. Nach jedem gelungenen Element klatschte ich mir die Hände wund und konnte das Grinsen nicht aus meinem Gesicht vertreiben.
Doch dieses Grinsen verging mir nach wenigen Augenblicken. Bei einem seiner Handstände rutschte der Junge weg und kämpfte einen Moment verzweifelt um sein Gleichgewicht, doch er verlor es vollkommen und fiel das sicher drei Meter tiefe Stück zu Boden.
Ein erschrockenes Murmeln ging durch die Zuschauerreihen und einige Männer des Zirkus' liefen alarmiert in die Manege um nach ihrem Kollegen zu sehen.
Doch der richtete sich mühsam von alleine auf und schüttelte benommen den Kopf. Als einer der Männer ihm aufhelfen wollten, missachtete er die angebotene Hilfe und rappelte sich unsicher alleine auf. Nach einem entschuldigenden Nicken in Richtung Publikum verließ er niedergeschlagen die Manege.
Ich sah ihm verwirrt nach. Hatte er gerade mich angeguckt? Ich konnte spüren, wie mir heiß wurde und schalt mich selber einen Narren. Warum sollte er ausgerechnet mich angesehen haben und selbst wenn, war es sicher nur Zufall gewesen.
Unruhig zog ich die Stirn kraus. Hoffentlich war ihm nichts passiert.
"War ein schöner Abgang, oder?", lachte Roy neben mir gehässig. Doch das Lachen blieb ihm im Halse stecken, als ich ihn mit meinen Blicken erdolchte.
Sein schadenfrohes Gekicher endete in einem qualvollen Husten, welches von einem betroffenen Blick abgelöst wurde.
"Das ist gar nicht witzig!", fauchte ich aufgebracht. "Er hätte sich sonst was tun können. Hoffentlich ist er okay!" Von meinem eigenen Enthusiasmus überrascht, sah ich zu Boden und richtete meinen Blick bis zum Ende der Vorstellung nicht mehr auf. Roy schwieg betreten.
Nachdem das Zirkuszelt wieder beleuchtet wurde und die Zuschauer sich laut redend und lachend erhoben, standen auch Roy und ich auf.
Ein wenig bedrückt schlenderten wir mit der gewaltigen Masse hinaus ins Freie. Dort war alles taghell erleuchtet und nur im weiteren Umkreis wurde es dunkler. Die Besucher verschwanden nach und nach in der Dunkelheit.
Roy und ich wollten uns auch gerade zum Gehen wenden, als mir der verunglückte Artist ins Auge fiel.
Er stand ein Stückchen weiter weg und sah nachdenklich zu Boden. Er hatte sich wieder seinen Rollkragenpullover übergezogen und die Ärmel erneut bis zu den Ellbogen hochgeschoben. Der weiße Verband, der um eines der Handgelenke gewickelt worden war, leuchtet förmlich im künstlichen Licht der Scheinwerfer.
Ich sah ihn für einen Moment an und Roy schien meinen Blicken zu folgen, denn er flüsterte leise:
"Willst du mal rüber gehen? Er schaut nicht gerade glücklich!"
Verwirrt sah ich meinen besten Freund an.
"Warum sollte ich hingehen? Wir kennen uns doch gar nicht! Und warum sollte ausgerechnet ich seine Laune verbessern?"
Roy zuckte ratlos mit den Schultern und ich sah wieder zu dem Verletzen hinüber.
Der hatte seinen Blick vom Boden gelöst und sah nun eindeutig mich an. Als er merkte, dass mir sein Blick aufgefallen war, drehte er demonstrativ sein Gesicht weg und sah wieder zu Boden.
Ich seufzte leise und schritt dann automatisch in seine Richtung.
Roy blieb in stiller Absprache zurück und verzog sich wieder in Richtung Zelt.
Ich schlenderte gemächlich zu dem anderen hinüber und blieb kurz vor ihm stehen. Als er nicht aufsah, meinte ich leise:
"Na, noch alles dran?"
Langsam hob sich sein Kopf und seine Augen fixierten mich. Verstimmt zog er die Stirn kraus und meinte niedergeschlagen:
"Spar dir deine dummen Kommentare!"
Das hatte gesessen. Wie von einem Schlag getroffen, zuckte ich zusammen und sah ihn unglücklich an.
"Hey! Das war eine ernste Frage gewesen!", verteidigte ich meine gut gewollten Absichten.
Mein Gegenüber musterte mich einen Augenblick prüfend, dann lächelte er entschuldigend.
"Sorry, es hat sich ein bisschen gehässig angehört!"
"So war es aber nicht gemeint!", beteuerte ich ernst.
"Na dann!" Er grinste leicht und sah mich ein wenig verlegen an. "Wie heißt du?"
Ich konnte ein Grinsen nicht zurück halten.
"Janis, und du?"
"Kevin! Was kann ich für dich tun?"
"Für mich tun?" Ich war verwirrt. "Eigentlich nichts. Ich hab dich nur hier stehen sehen und dachte, ich komm mal rüber."
"Aha, und dein Freund?"
Woher kannte er Roy?
"Der ist drüben beim Zelt und wartet auf mich. Aber woher weißt du, dass ich nicht alleine hier bin?" Ich sah ihn fragend an und mein Herz klopfte aufgeregt.
"Ich hab euch vorhin schon gesehen, vor der Vorstellung. Es hat so ausgesehen, als würdet ihr über mich reden...", gab Kevin leise zu.
Ich wurde rot, das konnte ich deutlich fühlen.
"Ja, wir haben auch über dich geredet, aber nicht schlecht, falls du das jetzt denkst!", fügte ich schnell hinzu.
Doch Kevin grinste nur leicht.
"Nein, das denke ich nicht. Echt!"
"Dann ist ja gut..."
Ein betretenes Schweigen entstand zwischen uns, doch keiner wollte einfach so gehen. Mein Herz pochte mir bis zum Hals und ich konnte spüren, wie mein Gesicht noch heißer wurde. Und das trotz der kühlen Abendluft.
Ich grübelte fieberhaft nach Worten um die Stille zu vertreiben und fragte schließlich leise:
"Was war vorhin in der Manege los? Du hast eigentlich ziemlich sicher gewirkt..."
"Was soll schon los gewesen sein...?!" Kevin wich meinem Blick betreten aus.
Ich war verwirrt. "Das frage ich ja dich! Ich dachte, du kannst die Nummer!"
"Ja, ich kann sie ja auch!" Kevin sah kurz auf, senkte dann aber wieder den Blick.
"Und was war dann?"
"Das willst du gar nicht wissen!", wich er unbehaglich aus.
Als ich jedoch antworte, sah er nachdenklich auf.
"Doch, ich möchte es wissen. Sonst würde ich ja wohl kaum fragen. Ich hab mir schon ein wenig Sorgen gemacht, dass du dir was gebrochen haben könntest!" Wieder wurde ich rot. Hatte ich das eben wirklich gesagt?
Musste ich wohl, denn Kevin sah mich überrascht an und begann dann nervös zu stammeln:
"Ich... kann dir unmöglich sagen... was los gewesen war. Du... würdest sicher lachen, oder so..."
"Nein, ich lache nicht!", schwor ich lächelnd.
"Okay, aber wenn du lachst, hau ich dir ein paar rein!"
Ich nickte feierlich und hoffte, dass es nichts Witziges war. Sonst würde Roy mich später nach Hause schleppen dürfen. Kevin sah ziemlich kräftig aus.
Er räusperte sich noch einmal, bevor er leise zugab:
"Du hast mich nervös gemacht..."
Ich sah ihn fassungslos an. Was sollte das denn jetzt heißen? War das ein Vorwurf gewesen? Oder eher eine Mitteilung, dass ich ihm aufgefallen war? Stimmte das überhaupt, oder log er mich an? Wenn er nicht log, wie sollte ich seine Worte dann deuten? War ihm mein Starren und begeistertes Klatschen aufgefallen und ich hatte ihn im negativen Sinne nervös gemacht? Oder eher im positiven?
Ich fasste meine gesamten wirren Gedankengänge in einem intelligenten Wort zusammen: "Hä?"
Ich musste wohl ziemlich verwirrt ausgesehen haben, denn Kevins Blick wurde ein wenig traurig und er schüttelte den Kopf.
"Vergiss es!", bat er leise.
Doch ich wollte es nicht darauf beruhen lassen. Nicht solange die Möglichkeit bestand, dass ich ihn im positiven Sinne nervös gemacht hatte.
"Nein, erklär's mir!"
"Das würde nichts bringen!"
"Und warum nicht?", wollte ich aufgebracht wissen.
"Weil... weil du es nicht verstehen würdest." Er sah betreten zu Boden und wirkte in diesem Moment so verletzlich, dass ich ihn am Liebsten in den Arm genommen hätte.
"Glaub mir, ich werde es verstehen!", versuchte ich ihn ein letztes Mal zu überzeugen und schenkte ihm einen warmen Blick.
Kevin sah mich einen Moment nachdenklich an und ich konnte förmlich sehen, wie er innerlich hin und her gerissen war.
Dann meinte er leise:
"Du bist mir vor der Vorstellung schon aufgefallen und als ich dich dann während meiner Nummer im Publikum sitzen gesehen hab', konnte ich mich nicht mehr konzentrieren. Du hast mich so scheiße nervös gemacht mit deinem wunderschönen Lächeln, dass ich einen Moment nicht aufgepasst habe und auf dem Boden gelandet bin..."
Ich sah ihn fassungslos an. Hatte er das eben wirklich gesagt? Und hatte er dabei echt verzweifelt und unsicher gewirkt? Mein Herz machte einen kleinen Hüpfer und ich konnte spüren, wie es in doppeltem Tempo weiter schlug. Doch ich war nicht in der Lage etwas zu sagen.
Kevin musste mein Schweigen falsch gedeutet haben, denn er verzog traurig das Gesicht, ehe er humorlos meinte:
"Du? Ich glaub, das ist die Stelle, an der du wahlweise lachend zusammenbrechen oder aber schreiend davon laufen darfst!" Ein niedergeschlagenes Lächeln umspielte seine Mundwinkel.
Ich blickte ihn perplex an und konnte nur noch mit dem Kopf schütteln. Er hatte mich falsch verstanden. Aber das konnte auch daran liegen, dass ich gegen seine Erwartungen GAR NICHT reagiert hatte.
Ich zwang mich dazu ihm direkt in die Augen zu sehen.
"Nein, das ist eher die Stelle, an der ich näher zu dir heran trete und dich küsse!" Doch trotz meiner Worte wagte ich es nicht, mich zu rühren. Was, wenn ich alles nur falsch verstanden hatte? Dann würde er jetzt sicher wahlweise in Lachen ausbrechen oder schreiend weglaufen. Ein bitteres Lächeln schlich sich in mein Gesicht.
Kevins Augen weiteten sich überrascht und er hauchte nervös:
"Ich weiß zwar nicht, was für Filme du guckst, aber warum tust du es dann nicht einfach?"
Meine Stimme zitterte genauso wie seine, als ich antwortete:
"Weil ich Angst habe, dass du mich dann bewusstlos schlägst!"
Er lachte warm.
"Was hältst du davon, wenn wir es auf einen Versuch ankommen lassen?"
Ich nickte wie betäubt und trat dann ganz dicht zu ihm heran, um sein Gesicht mit meinen Händen zu umfangen und ihn sanft zu mir heran zu ziehen.
Als sich unsere Lippen trafen, stöhnte ich leise auf. Sein Kuss war zärtlich und unglaublich vorsichtig, so als wenn er Angst hätte, dass ich es mir noch anders überlegen könnte, doch das tat ich nicht.
Im Gegenteil, ich vergrub meine Hände in seinem pechschwarzen Haar und vertiefte unseren Kuss noch. Seine Zunge, die sich ohne zu fragen in meinen Mund gedrängelt hatte, rieb sich sanft an der meinen und ich genoss das Gefühl.
Kevins Hände hatten sich vorsichtig auf meine Hüften gelegt und zogen mich jetzt dichter zu sich heran. Er nahm mich in eine warme Umarmung.
Von ihm ging ein Geruch aus, den ich nicht deuten konnte. Man merkte deutlich, dass er die Tiere immer um sich herum hatte, doch es roch nicht unangenehm. Es war eher ein vertrauter Geruch nach Stroh, Haargel und Schminke.
Ich lehnte mich seufzend gegen ihn und ließ noch ein letztes Mal unsere Zungen ein Duell ausfechten, ehe ich mich von ihm löste.
Mein Gesicht vergrub ich in Kevins Halsbeuge und meine Arme schlangen sich ebenfalls um seine Hüften. Wortlos hielten wir uns einen zögerlichen Augenblick fest, ehe wir es wagten uns in die Augen zu sehen.
Ich musste wohl ziemlich ängstlich ausgesehen haben, denn er lächelte warm und meinte kichernd:
"Na? Nun hab ich dich doch nicht bewusstlos geschlagen?!"
"Da bin ich auch ziemlich froh drüber!", gab ich errötend zu und lehnte mich erneut gegen ihn.
Kevin hielt mich sicher in seinen Armen und fragte nach einer Weile unsicher:
"Und nun?"
"Ich schätze, dass ich nach Hause muss. Roy wird mich eh schon umbringen, weil ich ihn so lange habe warten lassen!"
Kevins Stimme hörte sich deprimiert an, als er antwortete:
"Schade... Sehe ich dich mal wieder?"
Ich nickte begeistert.
"Klar, morgen bin ich wieder da!"
"Na dann!" Kevin zog mich wieder zu sich heran und gab mir einen langen Abschiedskuss.
"Okay, dann bis morgen! Aber nicht, dass du mir dann wieder vom Seil fällst!" Glücklich hauchte ich einen zarten Kuss auf seine Nasenspitze und machte mich dann von ihm los, um nach Roy zu suchen.
Nach wenigen Schritten drehte ich mich noch mal zu Kevin um und winkte ihm zu. Er erwiderte es mit einem warmen Lächeln.
Einige Augenblicke sah ich mich unschlüssig um, da ich nicht wusste, wo ich Roy finden konnte, doch der entschloss sich dann, mich zu finden.
"Da bist du ja endlich! Ich dachte schon, ihr könnt euch gar nicht mehr voneinander trennen!"
Fassungslos sah ich ihn an.
"Du hast uns beobachtete? Du elender Spanner!" Verspielt knuffte ich ihn in die Seite und kicherte ungehalten.
Roys Gesicht hellte sich ob meiner Fröhlichkeit merklich auf und ich glaube, er war froh, mich mal wieder so lachen zu sehen. In der Zeit ohne meinen Exfreund war ich oft deprimiert gewesen.
"Und? Was habt ihr beide nun vor?", fragte Roy nach kurzem Überlegen.
"Weiß nicht!", gestand ich offen. "Ich komme morgen auf jeden Fall wieder her, dann sehen wir weiter!"
Roy nickte begeistert und zog mich dann in Richtung Zuhause.

Wenn ich jetzt an diese Begegnung zurück denke, muss ich lächeln. Die folgenden Tage waren unübertrieben die schönsten meines Lebens, denn ich verbrachte die gesamten Nachmittage und Abende im Zirkus bei Kevin.
Er bekam seine Nummer nun ohne abzustürzen hin und erntete von mir ein Belohnungsküsschen, aus welchem aber schnell ein langer Kuss wurde, der in wildem Geknutsche endete.
Viele der Zirkusleute sahen uns, aber mich störte es nicht. Ich kam jeden Tag der Woche, in der sie bei uns gastierten, und klebte an Kevin wie eine Klette. Und er schleppte mich überall mit hin und zeigte mir alles.
Es war wirklich schön.
Doch leider verging die Woche - wie alles Schöne - zu schnell und der Abschied stand vor der Tür. Es herrschte eine ein wenig gedrückte Stimmung, doch Kevin schaffte es auch, diese zu lockern.
Uns war beiden klar, dass wir nicht zusammenbleiben konnten, da er zum Zirkus gehörte und ich hier in die Stadt. Aber Kevin munterte mich erfolgreich auf und versprach mir, dass wir uns wieder sehen würden.
Ich verließ mich auf seine Worte und versuchte mir meine Traurigkeit nicht anmerken zu lassen.
Kevin spürte sie trotzdem und versuchte, sie mit seinen Küssen zu lindern, was ihm auch gelang.
Lange nachdem auch der letzte Zirkuswagen abgefahren war, stand ich auf dem verlassenen Platz und sah der davon ziehenden Karawane nach.
Ich hatte es im Gefühl, dass Kevin die Wahrheit gesagt hatte.
Und so sollten wir uns nach zwei langen Jahren wieder sehen.
Schon als ich die bunten Plakate des Zirkus' sah, die überall verteilt waren, begann mein Herz höher zu schlagen.
Ich fragte mich, ob Kevin mich wohl vergessen hatte oder ob er mich wieder erkennen würde.
Und gleich am ersten Tag, als eine lange Schlange von Zirkuswagen durch unsere Stadt fuhr, machte ich mich eilig auf, um wie ein Luchs um die parkenden Wagen zu schleichen.
Als Kevin dann aus einem heraus trat und mich bemerkte, schlich sich ein warmes Lächeln auf sein Gesicht und er breitete auffordernd die Arme aus. Es war eine Aufforderung, die ich nur zu gerne annahm...